Episode 147: A King in New York – Charles Chaplins USA-Trauma
Endlich wieder Charlie Chaplin… oder Charles Chaplin, wie Johannes nicht müde wird zu betonen. Dieser Charles ist nämlich spätestens in den 1940ern alt und weise und auch irgendwie Auteur geworden. Und das schlägt sich auch in einem seiner letzten Filme, „A King in New York“ aus dem Jahr 1957, nieder.
Diese Tragikomödie ist aus gleich mehrerer Hinsicht spannend. Chaplin verarbeitet hier nämlich seine nicht so prallen Erfahrungen mit den USA während der McCarthey-Ära, das ganze aus dem selbstgewählten Asyl in Europa heraus. Und so mischen sich Begeisterung für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit Verbitterung, mit satirischem Biss und mit dem für Chaplin typischen Sendungsbewusstsein. Nicht nur das, Chaplin besetzt hier seinen Sohn in einer prominenten Rolle, lässt sich von jungen Frauen verführen, das Gesicht liften und versucht sich in Shakespeare-Rezitation und Whiskey-Werbung. Ob hier Komik oder Tragik dominieren, gilt es herauszufinden, ebenso, wie weit Chaplin mit seiner Konsumkritik, Amerikakritik und Auseinandersetzung mit dem Kommunismus geht.
In unseren Bestenlisten widmen wir uns den besten (oder auch nervigsten) altklugen Kindern im Kino und Fernsehen.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 147: A King in New York – Charles Chaplins USA-Trauma Publishing Date: 2023-10-25T06:56:41+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/10/25/episode-147-a-king-in-new-york-charles-chaplins-usa-trauma/
Florian Bayer: Also Charlie Chaplin als Geheimagent auf der Suche nach einem König, der sich in New York versteckt haben soll, kommt in Kontakt mit Zombies. Sehr gut zusammengefasst, Plur. Und sein Sohn hat Regie geführt. So war das, ne? Ja, ja, ja, ja. Okay, gut. Ich bin vorbereitet. Perfekt.
Johannes Franke: Herzlich willkommen ihr da draußen zu einer neuen Ausgabe des...
Florian Bayer: Muss man sehen Podcast. Mir gegenüber wie immer der bezaubernde Johannes Franke. Und mir gegenüber der ganz wunderbare, so viel Honig ums Maul, Plur. Und wie ihr sicherlich wisst, weil ihr ja schon hunderte unserer Episoden gehört habt, in echt jetzt, wir haben 140, 147 Episoden, hört rein. Unglaublich. Wie ihr sicher wisst, ist es so, dass wir uns jede Woche Filme vorschlagen gegenseitig. Einer wird vom anderen überrascht mit einem Film, der seinen filmischen Horizont erweitern soll. Und ihr seid natürlich auch angehalten in der Woche davor, den Film zu schauen, weil wir reden hier volle Spoiler-Kanne über diesen Film dann. Und Johannes hat mir diese Woche einen Film aufgegeben, nämlich...
Johannes Franke: King in New York. Und zwar von Charles Chaplin aus dem Jahre... Von Charlie? Nein, Charles. Du weißt, ich mache so eine Zäsur irgendwo in seinem Leben, die ich nicht mal richtig definieren kann, wo ich von Charlie auf Charles Chaplin umschwenke. Ich habe das Gefühl, dass es so ein bisschen dieses Gefühl von Auteur dazu bringt. Weißt du, so dieses... Früher waren es einfach nur Slapstick-Komödien und jetzt sind es so erwachsene Auteur-Filme.
Florian Bayer: Und ich habe dich total unterbrochen, als du ansetzen wolltest, in welchem Jahr das war nämlich. Das ist offensichtlich ein Auteur-Jahr, weil das ziemlich zum Ende seiner Karriere ist.
Johannes Franke: 1957. Danach hat er nur noch einen weiteren Film gemacht, in dem er aber selber gar nicht mehr die Hauptrolle gespielt hat. Countess of Hong Kong, den ich selbst noch nicht gesehen habe, der aber tatsächlich nicht so richtig gut sein soll.
Florian Bayer: Okay, das Krasse ist ja, Johannes ist ein ziemlicher Chaplin-Kenner und Chaplin-Liebhaber. Und ich kenne mich mit Chaplin nicht gut aus. Und zwar so wenig, dass hätte Johannes mir gesagt, Chaplin hat übrigens Ende der 50er Jahre immer noch Zeug gedreht. Hätte ich gesagt, what? Willst du mich verarschen? Weil Chaplins Karriere endet für mich... Okay, seit neuestem, seit Johannes mir Monsieur Verdoux gegeben hat, endet sie in den späten 40er Jahren. Aber vorher hat sie geendet 1917 oder sowas. Naja, mit seinem ersten Tonfilm. Ja, okay. Also eigentlich tatsächlich war der, war mein Stand immer... Der große Diktator, oder? Der große Diktator war sein großes Berg.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und danach ist irgendwie noch Zeug passiert, aber ich habe mich auch einfach nie damit auseinandergesetzt. Das heißt, ich wusste gar nicht, was für ein bewegendes Leben der noch nach dem großen Diktator hatte, als er immerhin schon einige Jahre auch auf dem Buckel hatte. Also er ist ja 1889 geboren. Ja, nicht weit von Hitler entfernt. Nicht weit von Hitler entfernt. Was ja auch unter anderem ein Grund, warum er dann den großen Diktator gedreht hat. Das heißt, er war, als King in New York gedreht wurde, war er fast 70.
Johannes Franke: Ja. Und er sollte dann nochmal zehn Jahre warten, bis er den letzten wirklich gedreht hat, wo er Marlon Brando inszeniert hat. Und dann nochmal zehn Jahre, um dann seinem Lebensende entgegenzugehen.
Florian Bayer: Der Mann ist so alt geworden, dass er New Hollywood noch mitgekriegt hat. Und sogar das Ende von New Hollywood. Er ist in dem Jahr gestorben, in dem Star Wars rausgekommen ist. Es ist mind-blowing.
Johannes Franke: Man denkt sich immer, was? Charlie Chaplin? Der hat das noch mitbekommen? Ja, der ist 77 gestorben und war einfach alt. Und hat aber auch immer gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, nicht zu arbeiten. Was auch einer der Gründe ist, warum es diesen Film überhaupt gibt. Weil seine normalen Tätigkeiten in Amerika konnte er zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr fortsetzen. Und wir werden in dieser Episode rausfinden, warum.
Florian Bayer: Ja, ich glaube, man kommt in dieser Episode gar nicht drum herum, darüber zu reden, was mit Charles Chaplin und den USA und Hollywood in den 40er Jahren war. Weil dieser Film auch einfach eine direkte Folge von seiner Auseinandersetzung mit Amerika und der amerikanischen Filmindustrie ist.
Johannes Franke: Ja, was man im Film auch auf jeden Fall ansieht. Das heißt, ich würde euch wirklich empfehlen, diesen Film vorher zu sehen. Ob er sehenswert ist in unserem Sinne, werden wir in dieser Episode noch rausfinden. Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung. Aber ihr solltet ihn vielleicht wirklich gesehen haben, um dann im Nachgang mit uns so ein bisschen darüber zu sinnieren, warum der Film so ist, wie er ist und welche Themen er anspricht und warum er ausgerechnet diese Themen anspricht.
Florian Bayer: Ich glaube, es macht in diesem Fall auch wirklich total Sinn, erstmal so in die Entstehung einzusteigen und zu gucken, wo stand Charles Chaplin. Ich bin absolut bereit, diesen Namen zu übernehmen. Auch wenn ich dich gerne damit ein bisschen piekse, dass ich Charlie sage. Wo stand er 1957, als er diesen Film gemacht hat.
Johannes Franke: Und da müssen wir ja noch weiter ausholen. Aber bevor wir das tun, vielleicht möchtest du deinen Einstieg machen in die McCarthy-Ära, die uns nämlich dahin führt, welche Situation unser armer Charles Chaplin war. Und ich gieße dir dabei Tee ein. Wie wär's? Oh, das klingt total gut. Vielen Dank, Johannes.
Florian Bayer: Die 40er Jahre, liebe ZuhörerInnen, waren kein angenehmes Pflaster für Leute in Hollywood. Und das war noch vor McCarthy, das sollten wir vielleicht dazu sagen. Es wird gerne alles, was irgendwie so in den 40ern bis Mitte der 50er passiert ist, in die McCarthy-Ära zusammengefasst. Aber das Ganze hat lange angefangen, bevor McCarthy Senator war und bevor McCarthy als so der Namensgeber wurde für diese Verfolgung von vermeintlichen Kommunisten. Und der Beginn davon liegt eigentlich noch viel früher. Und zwar in den 30er Jahren, als eben dieses Komitee für unamerikanische Umtriebe gegründet wurde. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Johannes Franke: H-U-A-C. Komitee für unamerikanische Ereignisse oder wie war das? Activities. Activities, genau.
Florian Bayer: Aktivitäten. Meine Güte. 1934 war das gegründet worden. Und damals tatsächlich gar nicht so sehr im Hinblick auf die Kommunisten, sondern es war tendenziell eher ein antinationalsozialistisches Institut, weil der Nationalsozialismus war in Deutschland gerade groß geworden. Hitler war an die Macht gekommen vor kurzem. Und das schien zumindest diesem Komitee in seinen Anfangsjahren die größte Bedrohung von außen zu sein. Und dann hat man sich noch mit größeren und kleineren vermeintlichen Bedrohungen und echten Bedrohungen von innen auseinandergesetzt. Der Ku Klux Klan unter anderem war zumindest mal eine Zeit lang im Blickfeld von dem Ding. Eben auch wegen seiner Verbindung zum Neonazismus, zum Nationalsozialismus.
Johannes Franke: Also ich muss mal sagen, das was mir sofort in den Kopf kommt, ist, dass, also wenn es diese deutsche Variante davon gäbe, ein Amt für undeutsche Aktivitäten, würden mir sofort die Nazis einfallen. Natürlich. Und das dann zu installieren in Amerika als Gegenentwurf.
Florian Bayer: Ich glaube, was man zumindest einmal verstehen und wenigstens anerkennen muss, ist, dass es in den USA in den 30ern wirklich sowas gab wie auch berechtigte Paranoia. Weil in den USA war der Isolationismus in der Zeit extrem stark. Eigentlich wollten die Amerikaner sich aus der Politik raushalten. Und das hing unter anderem damit zusammen, dass sie im Ersten Weltkrieg, wo sie sich ja auch raushalten wollten, festgestellt haben, dass wenn sie sich einmischen, dass sie dann ziemlich auf die Schnauze kriegen. Zumindest in dem Sinne, dass ihr Ansehen ziemlich sinkt und dass sie ziemlich viele Feinde gewinnen. Also die, vor allem Wilson, die haben sich ja wirklich bemüht, irgendwie so ein Friedenskonzept aufzustellen und sagen, okay, wir machen jetzt hier mal eine Nachkriegsordnung, bei der alle glücklich sind. Und alle waren unglücklich mit den USA. Die Franzosen waren unglücklich, weil sie gesagt haben, ey, ihr habt den Deutschen zu wenig abverlangt. Die Deutschen waren sowieso unglücklich mit den USA, weil sie gesagt haben, ey, ihr habt uns keinen Frieden gebracht, sondern ihr unterdrückt uns. Die Briten waren unzufrieden mit den USA, weil einfach klar war, die Briten waren plötzlich keine Weltmacht mehr, sondern die USA war die neue Weltmacht. Und es ist nicht verwunderlich, dass man dann auch irgendwie viele Feinde von außen sieht. Und es hat dann ja auch direkt dazu geführt, dass die USA Ende der 30er Jahre auch wieder in diesem Isolationismus waren, als Chaplin den großen Diktator gedreht hat, haben viele gesagt, das kannst du nicht machen. Eigentlich wollen wir nicht in den Krieg. Wir haben keinen Bock gegen die Nazis zu kämpfen.
Johannes Franke: Ja. Und Chaplin war aber ein großer Befürworter für den Eintritt dann irgendwann. Also am Anfang auch noch nicht so. Aber ihm ist einfach aufgegangen, dass der Krieg dann einfach beendet werden muss. Und er hat richtig Liberty Bonds verkauft. Also es gab so einen Fonds, wo man als Bürger einzahlen konnte und damit die Truppen finanzieren konnte.
Florian Bayer: Es ist wie immer die gute alte Frage, was bedeutet für uns Pazifismus? Und wie weit sind wir bereit, in unseren Pazifismus zu gehen? Ja. Und ich appelliere daran, sich die Beantwortung dieser Frage nicht leicht zu machen. Und das gilt in beide Richtungen. Wir können uns nicht auf die faule Haut setzen und sagen, werfen wir Bomben ab für den Frieden, wenn wir da den Diktator ausgeräumt haben und zusätzlich zwei Millionen Menschen sterben. Mein Gott, dann haben wir wenigstens Frieden geschafft. Ich glaube, das funktioniert nicht. Aber es funktioniert auch nicht zu sagen, hey, wir müssen die ganze Zeit Appeasement-Politik betreiben und schlichten und es wird sich schon lösen und lasst uns an den Frieden appellieren. Sprich, ich hau gerade beiden in die Fresse, sowohl den Montags-Friedens-Demo-Gängern als auch den Falken, die sagen, lasst uns aufräumen. Und angesichts aktueller Konflikte, wie zum Beispiel dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine oder dem jetzt wieder extrem brennenden Konflikt im Nahen Osten, muss man sich diese Frage halt stellen. Und mit dieser Frage, glaube ich, differenziert auseinandersetzen in beide Richtungen. Hast du gerade die Tür gehört?
Johannes Franke: Da ist gerade unser letzter Zuhörer rausgegangen.
Florian Bayer: Wir haben über die verschiedenen Episoden allen mal in die Fresse gehauen und jetzt gleichzeitig beiden. Aber wir sind ja Gott sei Dank in der Geschichte und wir sind in den 40er Jahren, wo, glaube ich, alle dankbar dafür sind, dass die USA damals in den Krieg eingegriffen haben. Oder gibt es da irgendeine zweite Meinung jenseits von irgendwelchen Neonazis, die man einnehmen kann? Wir sind froh, dass die Amerikaner Krieg gegen die Deutschen geführt haben.
Johannes Franke: Ja, absolut. Natürlich. Das ist immer schwierig. Geschichte ist ja eine Geschichte der Gewinner oft.
Florian Bayer: Und ich finde, das ist ein Spruch, der so gerne im Diskurs gebracht wird. Ich glaube, der ist grundfalsch. Geschichte ist nicht die Geschichte von Siegern. So viele Betrachtungsweisen der Geschichte des 20. Jahrhunderts von uns zeigen ziemlich eindeutig, dass Geschichte nicht die Geschichte der Sieger ist. Wie wir heute auf den Vietnamkrieg gucken, wie wir auf den Korea-Konflikt gucken, wie wir auf den Kalten Krieg schauen, Geschichte wird nicht von Siegern geschrieben. Ich glaube, das ist einer der größten Irrtümer der populärwissenschaftlichen Geschichtswissenschaft. Okay. Ich glaube, das stimmt einfach nicht.
Johannes Franke: Ist das eine neuere Sache vielleicht? Also sind wir durch unsere Vernetzung, durchs Internet und so weiter und Bildung und Informationsfreiheit quasi oder Verbreitung in der Lage, dass das nicht mehr so sein muss? Aber es war vielleicht mal so?
Florian Bayer: Ist vielleicht möglich, aber wenn wir uns anschauen, zum Beispiel Weltsch... Oh ja, mein Geschichtsstudium zahlt sich endlich mal aus. Wenn wir uns anschauen, was HistorikerInnen zur Zeit der Weimarer Republik über den Ersten Weltkrieg geschrieben haben, dann war das nicht die Geschichte des Siegers, sondern war das die Geschichte des armen Deutschlands, das überrannt wurde und in den Krieg gezwungen wurde. Ja. Und das war unmittelbar in dieser Zeit. Und wenn wir uns anschauen, was für Schriften nach 1945 zum Krieg erschienen sind, und ich rede jetzt gar nicht so von den Revisionistischen, die es ja auch gab und die es lange Zeit bis in die 70er Jahre hinein gab, sondern auch ganz normale Bücher über den Holocaust und so weiter, da wurde die Geschichte auch nicht von denen geschrieben, die Deutschland angeklagt haben oder die deutsche Bevölkerung als mitschuldig, sondern wurde die Geschichte von denen geschrieben, die gesagt haben, entweder, naja, wir wurden verführt oder wir wurden unterdrückt und auch ganz viel von denen, die gesagt haben, naja, es war ja eigentlich gar nicht so schlimm. Zumindest in Deutschland. Deutschland. Und Deutschland war der Besiegte in dem Moment. Ja. Wobei, bei mir klingelt kurz was, wenn ich das höre, weil das gehört man natürlich sehr oft, dieses Geschichte wird von Siegern geschrieben, ist ja so ein sehr beliebt, ich will es jetzt nicht Floskel nennen. Danke, Flo. Ja, ja, ja. Ich will jetzt auch noch in die Fresse. Ich darf nicht, Leute, ich darf nicht meinen einzigen Gesprächspartner hier verlieren. Also, die wenigen, die noch da sind, bleibt bitte drin, Johannes, bitte bleib hier. Und wir springen wieder in die 40er Jahre, der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Und überraschenderweise ist das nicht das Ende dieses Hauses für unamerikanische Umtriebe, sondern jetzt kommt das ganze Ding erst so richtig in Fahrt und wird auch mehr und mehr von den Republikanern bedient. Und ein großer Name ist J. Edgar Hoover dabei. Und der nächste große Name wird dann irgendwann auch Joseph McCarthy sein. Und die kümmern sich um die Kommunisten. Welche Kommunisten haben wir? Und dann gucken sie natürlich auf die Migranten. Das heißt Thomas Mann, Berthold Precht, Hans Eisler. Das sind Leute, die davor sprechen müssen, letztlich vor diesem Haus. Und gefragt werden, ob sie Kommunisten sind, ob sie Kommunisten kennen, ob sie mit Kommunisten zusammenarbeiten. Und dann natürlich auch ganz viele echte Kommunisten. Wir haben vor ein paar Episoden über Dalton Trumbo geredet und über seinen Film Johnny Gattes Gun. Und Dalton Trumbo war einer der Hollywood Ten. Das waren so die berühmtesten, die alle in der kommunistischen Partei waren oder irgendwie in deren Organen gewirkt haben, die damals vorgeladen wurden und im Gefängnis gelandet sind. Und das ist wahrscheinlich so der berühmteste und auch das traurigste Kapitel von diesem H.U.S.C. Die aber weit in die 40er Jahre hinein auch noch gearbeitet haben und unter anderem dann auch Leute wegen anderer Gründe in den Blick genommen haben. Das war eben nicht nur Kommunismus, sondern es war auch, glaube ich, so ein allgemeiner libertärer Lifestyle, der dem Komitee irgendwann sauer aufgestoßen ist. Und ich glaube, das war es auch ganz viel bei Chaplin. Also zumindest das, was ich rauslesen konnte, war ja sein Lebenswandel, um es mal vorsichtig auszudrücken in dieser Zeit.
Johannes Franke: Ja, um es ganz vorsichtig auszudrücken. Er hat noch mit über 50 oder Anfang 50 oder sowas eine 18-Jährige geheiratet, Ona O'Neill, die dann aber bis zum Ende seines Lebens bei ihm ging. Er war dann wirklich mit ihr verheiratet. Es war nicht einfach nur so ein... Aber es war zwei Monate, nachdem sie 18 geworden ist. Das heißt, es muss schon einiges vorher passiert sein. Ja.
Florian Bayer: Es gab schon schwierige Geschichten um Chaplin, muss man sagen. Und er wurde auch vor diesem Komitee vorgeladen und er musste dazu aussagen. Und du kannst mir ja ein bisschen helfen. Wie gesagt, ich kenne mich nicht so gut aus mit Chaplin. Aber Chaplin war ein politisch sehr kritischer Mensch. Der hat sich in vielen Filmen politisch geäußert, auch in seinem 1947er-Film Monsieur Verdoux, wo er dann ja auch sehr stark gegen den Kapitalismus geschossen hat. Aber der war kein Kommunist, oder?
Johannes Franke: Der hat immer widersprochen. Er hat immer gesagt, ich bin kein Kommunist, ich bin Individualist und liberal und so. Ich will, dass alle Leute leben können, wie sie wollen und jeder seine Individualität ausleben kann. Und das funktioniert in einem kapitalistischen System vielleicht nicht ganz so gut. Aber das war nicht sein Main-Talking-Point. Er hat sich, glaube ich, mit Kommunisten auseinandergesetzt ein bisschen. Wie das auch bei Donald Trump so war. Der hat sich damit auseinandergesetzt. Er muss kein Kommunist sein, um Marx zu lesen. Genau. Und das werden wir in diesem Film wahnsinnig viel sehen, dass Chaplin eben seine Antwort in filmischer Form liefert.
Florian Bayer: Und er musste vor diesem Komitee vorsprechen und Edgar Hoover wollte ihn auch rauswerfen. Also er wollte ihm die Aufenthaltsgenehmigung entziehen. Chaplin ist ja eigentlich kein Amerikaner, auch wenn er ewig in Amerika war zu diesem Zeitpunkt. Ja, ja. Er hat seine ganze Karriere eigentlich in Amerika gemacht.
Johannes Franke: Ja, voll. Er ist als Kind in London geboren, in einer sehr, sehr, sehr armen Familie. Und naja, sein Vater war Säufer, den hat er gar nicht richtig kennengelernt. Der ist irgendwann gestorben und seine Mutter ist mehrere Male in einem, wie man damals noch gesagt hat, Irrenhaus gelandet. Und die waren auch ganz oft im Armenhaus. Und er hat dann irgendwie es geschafft, sich an eine wandernde Schauspieltruppe anzugliedern mit seinem Bruder zusammen, Sidney. Und die sind dann irgendwann nach Amerika auch und haben dort sozusagen gastiert. Und da hat er dann Anschluss an die Filmbranche gefunden. Das heißt, er verdankt eigentlich Amerika seine ganze Karriere. Ja. Also seine ganze Filmkarriere.
Florian Bayer: Aber er war dann auch relativ schnell, war er so, nicht der Außenseiter in Hollywood, aber einer der wenigen, die ihr eigenes Ding gemacht haben. Er hat seine eigene Filmgesellschaft gekauft. Ja, ja, ja.
Johannes Franke: Aber das war hier Artist United, aber das war viel später erst. Der hat aber sehr, sehr schnell, sind bei seinen ersten beiden Firmen, bei denen er war, hat er noch sozusagen weisungsgebunden gearbeitet. Aber dann hat er sehr schnell gesagt, ich will aber meine eigenen Sachen machen. Und egal, was du da sozusagen sagst, lieber Chef, ich habe eine Idee und die will ich umsetzen. Und er hat sich da durchgesetzt. Er hat das schon auch mit viel Energie betrieben. Und hat dann schnell eben auf eigene Kosten und auch eigenes Geld zusammengesammelt, um die Sachen zu machen.
Florian Bayer: Was damals wirklich ein Kuriosum war. Also wir kennen heute hier Autorenfilmer und Autorenfilmerinnen, die sehr geschätzt werden. Und das war in dem frühen Hollywood-Studiosystem war das absolut ungewöhnlich. Die Leute waren eigentlich bei den Studios angestellt. Ja. Egal, ob SchauspielerInnen oder Regie oder sonst was, die waren da angestellt und die haben das gemacht, was das Studio ihnen gegeben hat.
Johannes Franke: Ja, und vor allem waren sie festangestellt. Nicht für irgendein Projekt, so, das ist jetzt der Film und den machen wir und danach bist du wieder auf dem freien Markt. Sondern die Leute waren festangestellt. Und Chaplin hat streckenweise überhaupt nicht gearbeitet, obwohl er Geld bekommen hat vom Studio. Weil sie am Anfang noch nicht wussten, wie sie ihn einsetzen sollen, weil sie noch nicht so richtig überzeugt waren von ihm und so weiter. Und dann gab es da immer Leute, die eben viel zu tun hatten und Leute, die wenig zu tun hatten, aber sie haben immer Geld bekommen. Das heißt, sie haben aber auch kein Risiko tragen müssen. Aber das wollte Chaplin dann doch nehmen, weil er einfach überzeugt von seinen Ideen war.
Florian Bayer: Ja, und dann 1947 war halt also zum einen dieser Monsieur Verdoux und dann zum anderen diesen Aufsatz, den er geschrieben hat, wo er gesagt hat, okay, jetzt ist Krieg. Ich erkläre Hollywood und seinen Bewohner den Krieg. Das habe ich gar nicht mitbekommen, was ist das denn? In einer englischen Sonntagszeitung hat er den veröffentlicht, Dezember 1947. Und das war, ja, das war halt so, er stand damals einfach auf dem Kriegsfuß mit Hollywood und den USA im Allgemeinen. Und 1952 ist er eigentlich nur für die Promotion von seinem neuesten Film Limelight nach London gereist oder nach England. Und das war der Moment, das war halt auch, wir sind jetzt Peak-McCafe-ism. Dieser Senator McCarthy, der damals, hat damals unglaublich viel Wahlkampf gemacht, ein republikanischer Senator, dafür, dass er mit den Kommunisten aufräumt. Und vor allem, dass es Kommunisten überall gibt. Das war wirklich so auch Peak-Paranoia. Die sind in der Regierung, die sitzen überall und wir finden die und wir räumen mit denen auf. Der hatte irgendwie eine Liste von... Nee, er hatte sie ja nicht.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Es gab eine angebliche Liste. Angebliche Liste mit 200 noch was Kommunisten in der Regierung. Red Scare ist das richtige Stichwort, glaube ich.
Florian Bayer: Genau, ja. Und das Witzige daran ist, es war tatsächlich vor allem Wahlkampfgetöse für die Republikaner gegen die Demokraten. Und die Republikaner selbst, das ist wie heute, es gibt natürlich so rechte und linke Flügel in der Partei, die wussten selbst nicht so genau, wie sie damit umgehen sollen. Und denen war das auch so ein bisschen unheimlich, ne? Also der war dann teilweise auch ein bisschen zu krass drauf. Weißt du, du hast so einen paranoiden Irren da stehen, der sagt, baut ne Mauer um Mexiko.
Johannes Franke: Entschuldigung. Also falsche Zeit. So ein Beispiel aus der Luft gegriffen, ne? Und musst du dazu sagen, dass McCarthy auch noch Säufer war. Der war auch echt viel betrunken. Und dann noch umso beängstigender.
Florian Bayer: Und das ist halt ganz witzig, weil er war de facto eigentlich nie so ein mächtiger Mann in der Partei. Die ganze Ära wird nach ihm benannt, bevor er überhaupt in Erscheinung getreten ist, wird schon die Ära nach ihm benannt. Also retrospektiv. Aber er war nicht der große Typ, der da oben stand und das alles gelenkt hätte. Da waren tatsächlich Nixon zum Beispiel oder der schon genannte Hoover deutlich mächtiger und deutlich gefährlicher für die KünstlerInnen. Aber er war halt jemand, der gut poltern konnte und er hat dann auch sein eigenes Komitee gekriegt, das tatsächlich in Konkurrenz stand zu dem HUAC, das es auch noch gab. Und die haben dann miteinander konkurriert. Und wie gewinnt man diesen Konkurrenzkampf, indem man die geileren Storys hat? Und das heißt, die haben sich gegenseitig zu übertrumpfen in der Jagd nach Kommunisten. Und haben gesagt, und hier haben wir noch einen gefunden, hier unter der Decke und da ist auch noch einer. Guckt euch den mal an. Guckt mal unter dem Bett. Was total absurd war und es gab dann auch diesen Moment irgendwann, Gott sei Dank Mitte der 50er Jahre, wo die Leute nur noch angefangen haben, den Kopf über ihn zu schütteln. Weil er wirklich halt, weil er wirklich einfach, weißt du, du bist an ihm vorbeigestolpert und hast genießt und dann hat er gesagt, ah, das war ein kommunistischer Nieser.
Johannes Franke: Es ist ja auch trotzdem schwierig gewesen für die USA, das irgendwann mal aufzuarbeiten. Also es ist immer noch schwierig für die USA, das aufzuarbeiten. Weil das wirklich so viel Unrecht passiert in der Zeit ist, dass man schwer als Volk irgendwie in der Lage ist zu sagen, ja, wir haben da richtig Scheiße gebaut.
Florian Bayer: Ja, und genau, wir lachen jetzt auch ein bisschen drüber, diese Paranoia, aber machen wir uns nichts vor, darunter haben Menschen richtig gelitten. Absolut. Wir haben zum einen, also das Krasseste sind die Leute, die wirklich ins Gefängnis gegangen sind von diesem HUAC. Das haben wir auch nochmal, es war dieses Kommunismus war nicht verboten, die kommunistische Partei war nicht verboten. Das heißt, die mussten irgendwas finden, um die Leute anzuklagen und dann war es halt diese Missachtung des Kongresses, dieses Contempt, wovor alle Angst hatten und was so als wirklich so ein sehr abstrakter Begriff im Raum stand. Wenn du uns nicht die Antworten gibst, die wir suchen, dann achtest du uns. Wenn du nicht bereit bist, auszupacken, dann achtest du uns. Und im Film werden wir später nochmal drauf zu sprechen kommen, wie dieses Contempt so als abstraktes, gruseliges Ding im Raum schwebt und keiner weiß genau, was es bedeutet, weil es alles sein kann. Ja, ja, klar. Wieder, du niest falsch und es ist unhöflich.
Johannes Franke: Ja, oder du gibst keine Namen raus, verpfaffst keine Freunde oder du sitzt halt schweigend dort. Das ist schon Contempt of Congress. Und es hat nun auch nicht geholfen, dass Chaplin tatsächlich in seinen Filmen sehr stark soziale Ader nach vorne gedrückt hat. Also das Ende von Der große Diktator, die Rede, das hat nicht unbedingt geholfen. Dass er sich für Russland ausgesprochen hat, Krieg, hat nicht geholfen. Also er hat auch gesagt, wir sollen Russland helfen, hat sich dafür stark eingesetzt. Das hat alles nicht geholfen und da gab es irgendwie so 2000 Seiten Bericht über ihn bei der CIA.
Florian Bayer: Aber er hat es trotzdem durch die 40er dann geschafft, ohne eben wegen dieses Contempts verurteilt zu werden. Also er hat ausgesagt und er wurde gefragt und offensichtlich hatten sie nicht genug in der Hand gegen ihn und haben dann auch, vielleicht war es, er war wahrscheinlich auch nicht so sehr im Fokus wie die wirklichen Anhänger der kommunistischen Partei, wie die wirklichen Parteimitglieder. Dafür war es dann vielleicht doch ein bisschen wenig und er hat halt auch einen sehr großen Status in den USA. Das muss man dazu sagen, ja.
Johannes Franke: Aber er hat dann in den 40ern auch gelitten so ein bisschen, auch in den Augen eben der Öffentlichkeit, weil eben auch ein paar Skandale passiert sind und so. Er hat ja nun auch mehrere Ehen geführt, die auch nicht immer gut abgelaufen sind und dann irgendwelche Frauen, die irgendwelche Sachen gesagt haben, die angeblich passiert sind.
Florian Bayer: Es gab ein angebliches Kind, ne? Ja, genau. Irgendeine Frau hat gesagt, ich bin schwanger von Charlie und dann gab es sogar einen Bluttest, der beweisen sollte und der auch bewiesen, also vermeintlich bewiesen hat, dass er nicht der Vater ist, aber keine Ahnung, wie die Technik damals war. Vor Gericht hat es nicht gereicht, er musste dann auch bezahlen.
Johannes Franke: Ja, er hat irgendwie auch in seiner Autobiografie ein bisschen erzählt, wie die vor seinem Haus da rumgelungert hat und immer wieder versucht hat, an ihn ranzukommen und so. Das muss wirklich schrecklich gewesen sein. Also zumindest aus dieser Erzählung seiner Autobiografie, wo man sich natürlich jetzt nicht besonders selbstkritisch darstellt. Er hat Vorsicht mit Autobiografien. Genau.
Florian Bayer: Aber er gehörte jetzt nicht zu denen, die irgendwie so ein Cancelling erlebt haben. Das waren halt auch noch sehr viele, die einfach deren Filme einfach nicht mehr veröffentlicht wurden, die einfach keine Anstellung mehr gefunden haben in Hollywood.
Johannes Franke: Ja, da gab es andere, die sind auf schwarzen Listen gelandet und auch einen dieser Schauspieler, der auf schwarzen Listen gelandet ist, hat er in diesem Film dann angestellt.
Florian Bayer: Ja, und er war halt alt, er hat nicht mehr viel gedreht, er hat Monsieur Verdoux gedreht und Limelight 52 und dann haben sie gesagt, jetzt kommst du nicht mehr rein. Und dann war ja, okay, dann bleibe ich in Europa.
Johannes Franke: Also ich meine, sie haben natürlich die Möglichkeit gegeben, wenn du wiederkommst, musst du dich halt ordentlich Fragen stellen. Ja, fuck you. Er hatte auch, als er den Film, über den wir jetzt vielleicht dann auch nochmal reden werden, Irgendwann, im Laufe dieser Episode, als er den gedreht hat in London, war er auch die ganze Zeit echt nervös und ein bisschen, also hatte Verfolgungswahn fast ein bisschen, weil er wirklich gedacht hat, ich muss das Ding so schnell wie möglich drehen, bevor mich hier irgendwie dann doch die USA noch überwältigen und mitnehmen. Also es war wirklich eine Sorge von ihm, dass er dann noch verhaftet wird und ausgeliefert wird.
Florian Bayer: Es gibt eine wirklich tolle Dokumentation von dem Charlie Chaplin Archiv, die heißt Chaplin Today. Und also das ist eine ganze Reihe, es gibt zehn Episoden davon von verschiedenen Regisseuren und Regisseurinnen. Und der hier ist von Jerome de Missholz und heißt Chaplin Today, A King in New York und behandelt eben genau diese Zeit, wie dieser Film entstanden ist, was davor war, wie die Dreharbeiten waren, unter anderem mit Jim Jarmusch, der relativ viel dazu erzählt. Und dann auch mit einigen Interviewfetzen mit Michael Chaplin, was ganz spannend ist. Michael Chaplin, der Sohn von Charlie Chaplin, der in diesem Film eine wichtige Rolle einnehmen wird.
Johannes Franke: Der auch ein bisschen durch den Wind aussieht, muss man sagen. Also ich finde, er sieht ein bisschen arg durch den Wind aus und er hat auch gesagt, dass Charlie Chaplin, Charles Chaplin, jetzt nicht unbedingt der beste Vater war. Es ist ein kleines, man glaubt es ihm sofort, wenn man ihn sieht.
Florian Bayer: Und er sagt noch, und es ist echt traurig, er sagt, er war ein toller Comedian, ein großer Künstler, aber er war nicht der beste Vater und irgendwo muss man Abstriche machen.
Johannes Franke: Ja, und er lacht dabei so ein bisschen nervös. Es sieht so aus wie, oh nein, du musst das noch ein bisschen aufarbeiten. Es scheint noch nicht durchgesickert zu sein.
Florian Bayer: Und gleichzeitig klingt es aber auch so ein bisschen so, als ob das die beste Zeit war, die er mit Charles Chaplin hatte, weil er da auf Augenhöhe mit ihm arbeiten konnte und vielleicht Chaplin sogar zum ersten Mal was mit seinem Sohn anfangen konnte.
Johannes Franke: Ja, die haben wirklich, er hat wirklich sehr, sehr freudig von dieser Zeit erzählt. Ich habe auch noch andere, nicht nur in dieser Dokumentation, sondern auch noch andere Quellen. Und da zählt wirklich immer, dass Charles Chaplin mit seinem Sohn so intensiv für diesen Film gearbeitet hat, auf eine gute Art und Weise und er ihm auch vorgespielt hat und lustig und alles irgendwie cool. Und dass er seine beste Zeit seines Lebens hatte irgendwie, also der Sohn Michael Chaplin.
Florian Bayer: Naja, auf jeden Fall. Also in dieser Dokumentation erfahren wir dann halt, dass Chaplin doch zwei Jahre am Drehbuch geschrieben hat dafür, dass es sehr langsam entstanden ist und dass es für ihn auch hart war, das Ganze ohne seit einer alten amerikanischen Crew drehen zu können, dass er halt plötzlich die ganzen Leute nicht mehr hatte, mit denen er in Amerika gearbeitet hat.
Johannes Franke: Und um eine Verbindung nochmal stark zu machen, er kommt nach London, um seinen Film zu promoten, Limelight, und kriegt halt auf der Fähre nach England, Fähre, sagt man Fähre, für so eine große Strecke? Nein, Kreuzfahrtschiff. Ein großes Schiff. Jedenfalls bekommt er das Telegramm, dass er nicht wieder zurückkommen darf. Dann muss er noch diesen Termin da machen. Man sieht es in den Aufnahmen auch so ein bisschen, dass er teilweise ein sehr angetackertes Lächeln hat, weil es ihm einfach, glaube ich, echt zu Herzen geht und er noch schon überlegt, was er machen kann. Und dann haben die ein 52. ein Haus in der Schweiz gefunden, wo sie sich niederlassen konnten. Er hat seine Frau dann noch nach Amerika geschickt, damit sie dann das ganze Geld abholt, was sie eigentlich haben in Amerika und dass sie das irgendwie sichert. Es muss auch abenteuerlich gewesen sein, zumindest nach seinen Beschreibungen in seiner Autobiografie. Und er hat sofort angefangen, an diesem Buch zu arbeiten. Also das ist wirklich eine direkte Antwort, auch wenn von 52 bis 57 wirklich ein paar Jahre liegen. Aber seine Anfang, seine Arbeit an diesem Skript ist eine direkte Antwort darauf. Und er hat erst überlegt, ob er den Tramp nochmal hochholt. Und so hat er überlegt, ob man einen alten Tramp, vielleicht ob das interessant sein könnte. Da haben sie gesagt, um Gottes Willen, mach das nicht. Hat er auch überlegt, ob er Monsieur Verdoux nochmal, den Film haben wir ja gesprochen, ob er den nochmal hochholt. Da haben wir auch, vor allem seine Frau hat gesagt, ne, vielleicht lieber nicht, lass mal.
Florian Bayer: Dazu muss man sagen, Monsieur Verdoux ist auch echt nicht gut angekommen in den USA.
Johannes Franke: Naja, aber es ist ein Late-Burner, würde ich sagen. Also er ist wirklich ein sehr, sehr guter Film. Guckt ihn euch an.
Florian Bayer: Ein total faszinierender Film. Ja, es gibt, also guckt ihn euch an, bevor ihr die Episode von uns hört, wie wir drüber reden. Sehr interessant, was Chaplin da macht, weil es auch, und wenn der euch gefällt, dann könnt ihr euch, so viel sei gesagt, könnt ihr euch auf jeden Fall auch King in New York anschauen. Weil ich finde, da ähneln sich die Filme des späten Chaplin sehr.
Johannes Franke: Das stimmt. Naja, und dann hat er irgendwie gesagt, er will arbeiten. Er hätte nicht arbeiten müssen, er hat genug Geld, das ist alles da, es ist alles in Ordnung. Die wohnen da in dieser riesigen Villa. Er könnte sich einfach einen schönen Ruhestand machen. Er ist ja auch schon sehr alt, aber er hat gesagt, to work is to live and I wanna live. Das war sein Zitat. Und ich verstehe es voll. Und dann hat er gesagt, ich bearbeite da jetzt irgendwie dran. Und dann hat er wirklich zwei Jahre an diesem Skript gearbeitet und ich hab so ein bisschen beim Gucken das Gefühl, dass es eigentlich vielleicht so sechs Monate dran gearbeitet oder dreiviertel Jahr. Aber er hat wirklich zwei Jahre dran gearbeitet, hat ganz viel eigenes Geld reingebracht und hat dann irgendwie in London ein Studio aufgetan, was wirklich schwierig war, glaube ich, für ihn, weil er so viel Eigenes in Amerika hatte, wo er drauf zurückgreifen konnte. Er hatte ein eigenes Studio, er hatte die Leute festangestellt, die wirklich alles von ihm wussten, die wirklich mit einem Augenzwinkern wussten, was Chaplin vorhat. Und dann einfach noch im letzten Moment die Freiheitsstatue nachgebaut haben, damit er das am Set hat. Weißt du? Und solche Sachen ist er eigentlich gewohnt gewesen. Und er musste nur mit den Fingerschnippen und alles hat funktioniert. Oder er konnte sich eben ein halbes Jahr Zeit lassen und sagen, okay, ich muss nochmal drüber nachdenken, wie ich das jetzt mache. Und dann kommen wir alle wieder zusammen und machen weiter. Zum Beispiel bei der große Diktator. Es gab zwischendurch lange Pausen. Und reshoots und alles mögliche. Und das war bei dem Film einfach nicht mehr möglich. Und er hat alles selber finanziert und das Studio hat einfach jede Minute Geld gekostet. Die haben zwölf Wochen gedreht, also recht kurz.
Florian Bayer: Unglaublich schnell gedreht. Auch nicht ohne Konflikte, der Dreh, vor allem mit dem Kameramann. George Perinal muss ja ganz schön aneinander geraten sein. Weil es ist wahrscheinlich auch wirklich zum Clash of the Cultures Chaplin, der halt vor allem eigentlich so aus dieser Stummfilmzeit kommt. Der sehr genaue Vorstellungen hat, wie das im Film aussieht. Und das heißt, die Performance des Künstlers steht im Mittelpunkt. Und George Perinal, der offensichtlich denkt, okay, wir müssen ordentlich beleuchten, wir müssen schöne Bilder finden, schöne Kameraperspektiven. Und Chaplin, der sagt, turn on all the lights, I have to give a performance. Und keinen Bock auf diese Spielereien hat. Vor allem ist es eine Komödie und keine Tragödie.
Johannes Franke: Macht mir richtig schön hell hier alles. Und ich muss sagen, ich stimme nicht mit ihm überein. Nee, ne? Das ist so traurig, aber das stimmt einfach nicht.
Florian Bayer: Aber das ist auch unsere Perspektive, was alles zur Kunst des Filmmachens dazugehört. Chaplin hat einfach nicht so eine universelle Perspektive darauf, sondern die aus Sicht des Performers. Das glaube ich auch nicht.
Johannes Franke: Wenn du dir die anderen Filme vorher anguckst, Monsieur Verdou ist viel besser. Von Kamera und Licht.
Florian Bayer: Und The Kid, schon The Kid ist viel, viel besser. Also mir sind ehrlich gesagt Chaplin-Filme noch nie so durch besonders innovative Kamera- und Beleuchtungsarbeit aufgefallen. Raus.
Johannes Franke: Ich will dich hier nie wieder sehen.
Florian Bayer: Jetzt ist es passiert.
Johannes Franke: Das gibt's ja wohl nicht. Guck dir doch mal The Kid an. Das gibt's ja wohl nicht. Ein Meisterwerk auf allen Ebenen. Auch der Kamera.
Florian Bayer: The Kid ist ein absolutes Meisterwerk. Ohne jeden Zweifel. Der beste Chaplin-Film, der hier entstanden ist. Und er hat wunderschöne Bilder. Aber sind es Bilder, wo man das Gefühl hat, dass die besonders durchdacht sind und dass besonders viel Fokus drauf gelenkt wurde, schöne Ausschnitte zu finden?
Johannes Franke: Ja. Natürlich auch komödiantisch, weil wenn man so eine Kamera hat, dann will man vielleicht durch einen Schwenk etwas revealen, was dann lustig ist. Oder Kameraperspektiven, die den Gag unterstützen und so. Aber das ist viel durchdachter als in diesem Film. Echt viel durchdachter. Ich hab hier bei diesem Film oft das Gefühl von so einem Sitcom-Set. Rush. Ja.
Florian Bayer: Das muss für The Kid nochmal geben, weil jetzt bin ich wirklich neugierig. Weil ich hab Chaplin wirklich nicht als den Meister der spannenden Bilder und Montagen abgespeichert. Aber du hast Monsieur Verdoux gesehen. Auch da ist es viel besser. Auch da. Auch da. Das sind gute Bilder und die sind effektiv, effizient in der Story, in dem, was sie vermitteln sollen. Aber es ist kein Orson Welles. Ah, es ist kein Orson Welles.
Johannes Franke: Okay, das gebe ich dir vielleicht. Aber Monsieur Verdoux hat ein paar Kamerafahrten, wo die Kamera rausgeht, um das Bild größer zu machen, um was zu zeigen. Ah, ja, okay. Nein, nein, nein, nein, nein.
Florian Bayer: Das ist natürlich, der macht absolut hochprofessionelle, solide Bilder. Oh nein. Aber es ist doch, nein, Chaplin hat einfach andere Talente. Und die Stärke seiner Filme liegt ja nicht darin, dass du das Gefühl hast, dass bei den Bildern besonders viel gespielt und getrickst und experimentiert wird. Sondern eben eher tatsächlich in dem, was die Personen machen, die sich in diesem Setting bewegen. Er ist vielleicht pragmatischer. Ja, genau. Das stimmt. Pragmatischer, was die Bilder betreffen und dafür eben pedantischer, was die Bewegung der Menschen betrifft. Ja, das stimmt. Trotzdem, Monsieur Verdoux ist viel besser ausgeleuchtet. Und ich glaube, das kann ich dir sogar geben, dass das vielleicht sogar Peak von dieser Art des Filmemachens ist, was hier gezeigt wird. Mir sind sie gar nicht so negativ aufgefallen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gesagt hätte, Monsieur Verdoux, die Bilder sind halt auch, es funktioniert so, wie es gemacht ist. Und ja, ich würde auch sagen, Monsieur Verdoux hat die besseren Bilder. Aber es war jetzt, es war einfach okay. Es stand einfach, es hat einfach den Zweck erfüllt, den es erfüllen sollte. Und ich kann mir vorstellen, dass jeder Kameramann, der das machen muss, total genervt davon ist. Weil der will halt nicht einfach nur große, ausgeleuchtete Räume drehen, damit Chaplin sein Programm durchziehen kann und das mit seinen Kompagnons. Aber es ist absolut ausreichend für das, was der Film machen will. Okay.
Johannes Franke: Ja, mir ist es ein bisschen aufgefallen. Ich habe oft gedacht, ah, wonky, es stimmt nicht ganz. Und man kommt nicht so, wird nicht in den Film hineingezogen, so sehr durch die Bilder, wie man könnte. Chaplin hat gesagt, ich lese jetzt ein Zitat vor, als er angefangen hat zu drehen. I felt like an old horse in a different stable. Everybody was so English and slightly different. I felt I was the only Bulgarian. The atmosphere was quite different to American studios, at least to my own studio in Hollywood. There the environment was like a family and there I was treated like a spoiled child. There I was reassured by everybody. The property man, the carpenters, the electricians, the cameramen. Also das Problem ist, in Hollywood war er gepampert und hier ist es alles nur auf, ich habe mich engagiert und ihr macht jetzt hier dieses Studio für mich, aber der nächste will auch rein. Und es kostet jede Minute, katsching, katsching, katsching, es kostet Geld. Und die Leute sind einfach nicht so mit ihm warm geworden, wie er das über Jahre mit seinen Leuten in Hollywood hatte.
Florian Bayer: Wahrscheinlich war es halt auch einfach so, das Team, das ihn kannte, ist mit seinem exzentrischen Verhalten und vielleicht auch mit seinem autoritären Verhalten besser klargekommen, weil die da reingespielt waren.
Johannes Franke: Und seinem perfektionistischen Verhalten, wenn man das ein bisschen positiver formulieren kann. Und ich glaube, das perfektionistische Verhalten ist das, was Chaplin einfach kannte. Und das nicht ausleben zu können, bedeutet tatsächlich leider einfach den schlechteren Film. Ich finde, das sieht man hier.
Florian Bayer: Steigen wir mal ein in den Film. Er hat es geschafft. Er hat den Film fertig gedreht, trotz aller Schwierigkeiten, obwohl er aus den USA verstoßen war, obwohl er Konflikte mit seinem Kameramann hatte, hat er es geschafft, den Film A King in New York zu drehen, der damit beginnt, dass eine Revolution ziemlich unbequem sein kann für einen König. Das ist ein Understatement des Jahres.
Johannes Franke: One of the minor inconveniences is a revolution. Das zieht sich ein bisschen durch den Film. Ich habe das Gefühl, dass Chaplin die ganze Zeit den King spielt, der irgendwie so denkt, ja gut, das ist halt jetzt so, was soll's, dann machen wir das jetzt so auf die Art.
Florian Bayer: King Shadoff muss nach New York fliehen, zusammen mit seinem Botschafter, der eigentlich eher sein Diener ist.
Johannes Franke: Ja, also der hält sich auch sehr wie sein Diener, der verbeugt sich immer wieder auf eine bestimmte Art und Weise. Das ist natürlich vor dem König, aber es wirkt schon sehr wie so der Diener.
Florian Bayer: Uns soll klar sein, dass er als positive Figur erzählt wird. Er kommt nämlich mit dem Plan der friedlichen Atomenergienutzung in die USA und deswegen wurde auch die Revolution gegen ihn gemacht. Nicht, weil er ein Unterdrücker war oder jemand, der korrupt war und sich die ganzen Reichtümer gesichert hat, sondern weil er friedliche Atomenergie nutzen wollte. Und er hofft jetzt mit dieser Idee in den USA anzukommen und er freut sich auch wirklich auf die USA und auf New York und los geht's! Oh, wir sind pleite. Es ist schon ein sehr naiver König, muss ich mal sagen. Es ist auch, ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie er mehr gemacht hat, außer das Land zu repräsentieren. Ich kann ihn mir nicht als Realpolitiker vorstellen.
Johannes Franke: Überhaupt nicht. Und man merkt es ja auch, er hat seinen Außenminister und er hat seinen ganzen Stab, der ihn ja dann auch irgendwie abgesetzt hat, der auch ihn dann ausraubt. Das The Lute, den er mitgebracht hat, also das Zeug aus dem Land, wo er gerade verbannt wurde, was er gerade noch so mitnehmen konnte, beziehungsweise nicht er, sondern sein Minister da, das klaut ihm der Minister auch gleich noch. Also er ist pleite.
Florian Bayer: Und du hast gesagt, dass dir die Immersion fehlt, dadurch, wie der Film gedreht ist. Das ist kein immersiver Film, ohne jeden Zweifel. Ich finde, es passt aber ganz gut. Vielleicht ist das dann auch tatsächlich eine Stärke von der Schwäche der Bilder, dass du die ganze Zeit so eine gewisse Distanz drauf hast und damit startet es eigentlich wie wirklich fast schon eine bizarre Satire. Ich wusste nicht, dass Chaplin so bizarr sein kann, was seinen Humor betrifft.
Johannes Franke: Das habe ich auch nicht gewusst, bevor ich diesen Film als Kind gesehen habe, weil der Film schon wirklich anders ist als die ganzen Slapstick-Filme aus den Zwanzigern. Ich finde auch, dass er hier tatsächlich eine neue Seite zeigt.
Florian Bayer: Ja, wir haben dann ja diese ersten Eindrücke von USA zum Beispiel, indem sie das Kino besuchen und wo wir diesen Trailer-Zusammenschnitt haben. Und wo sie wirklich immer nochmal einen draufsetzen und wirklich, wirklich bizarre, absurde Dinger zeigen.
Johannes Franke: Ich finde, man sieht hier, gerade hier, dass Chaplin ewig Kind geblieben ist. Das ist so immature, wie er sich da irgendwie lustig macht.
Florian Bayer: Ja, aber es ist so, es ist wirklich, es hat eine wirklich schräge Note, finde ich. Es ist, ja, es ist auf jeden Fall albern. Ja. Es ist ja auch, entspricht ja auch nicht der Realität, es ist sogar für eine Karikatur albern. Ja. Aber es ist gleichzeitig, hat so was Düsteres an sich, weil es wirklich dieses, dieses Bild von den, die USA ist eigentlich ein Staat auf Speed. Speed. Ein Staat, der ADHS hat und die ganze Zeit Kokain und Speed zu sich nimmt. Das sind die ersten Minuten, wie uns die USA präsentiert werden. Und dann haben wir diesen, diesen naiven König, der eigentlich Frieden will, der eigentlich ein friedliches Leben will und der dann konfrontiert ist mit diesen, mit dieser USA und sie ist nicht so, wie er sie sich vorgestellt hat, sondern sie ist laut, sie ist wild. Sie ist total chaotisch und wir haben ihn am Anfang da so durchstolpern. Ja. Und ich finde es wirklich cool, weil es wirklich, weil es wirklich grotesk ist.
Johannes Franke: Und bei diesem Film, bei dieser Anfangssequenz, wo er durch eins nach dem anderen stolpert, wo er tatsächlich sehr viel Satire auf Popkultur der Zeit bringt und diese ganzen Entwicklungen der Schnelligkeit und die ganzen Reporter, die alle was von ihm wollen und dann die Einwanderungspolitik, dass sie eben die Fingerabdrücke nehmen, was auch ein Zitat aus seinem Leben ist. Das ist auch etwas, was er nie vergessen hat, dass er seine Fingerabdrücke da am Abgeben musste mal und das vor der versammelten Presse war keine schöne Sache. Er verarbeitet einfach viel davon dort. Und da bin ich mir so ein bisschen unsicher, ob ich einfach nur einen König sehe, der die Welt nicht mehr versteht oder ob ich einen Charles Chaplin sehe, der die Welt nicht mehr versteht.
Florian Bayer: Definitiv ein Charles Chaplin. And still, es ist nicht einfach nur ätzende Gehässigkeit. Es ist nicht nur Old Man Yelling at Clouds, sondern... Das stimmt. Es trägt in sich auch immer eine gewisse Bewunderung und sogar auch eine gewisse Liebe für dieses Chaos, für diese Hektik.
Johannes Franke: Ja, das stimmt, absolut. Das ist auch was, was er immer wieder in Interviews durchscheinen lässt, auch wenn diese konkrete Frage nie gekommen ist. Aber alleine, dass er immer wieder gesagt hat, ich kann Amerika nicht dauerhaft böse sein oder sowas auf das, was passiert ist. Schon gar nicht den Leuten oder sowas, sondern vielleicht noch der Politik. Aber eigentlich auch das nicht, weil Amerika viel zu sehr, ich dem einfach viel zu sehr mein ganzes Leben verdanke. Und das auch toll war. Und er sagt ja auch im Film als König am Anfang, wie begeistert er von der Idee ist, in New York zu sein.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also es ist schon, man spürt es schon immer durch, wie du sagst, dass er das nicht einfach nur verachtet.
Florian Bayer: Und ich habe sogar das Gefühl, in dieser Naivität, in der er den König darstellt, ist vielleicht auch so ein bisschen, es ist fast so eine Wunschfantasie von Chaplin, dass er sich denkt, ach vielleicht, wie wäre es gelaufen, wenn ich das so gemacht hätte und nicht anders. Weil der König, auch wenn er die ganze Zeit gestresst ist davon oder oft gestresst ist davon, der reitet die Welle ja auch einfach mit. Weil dieser König macht jeden Scheiß mit. Aber der muss auch erstmal dazu gebracht werden. Ja, er muss dazu gebracht werden, aber es braucht jetzt auch nicht so viel. Und es ist von Werbung für Whisky über Schönheitschirurgie Käse. Er macht einfach alles mit. Er macht jeden Scheiß mit. Und es ist, glaube ich, auch so ein bisschen Chaplin. Denkt sich, ah, ja, vielleicht hätte das auch geklappt. Einfach reite die Welle und lass dich einfach darauf ein. Lass dich überrumpeln von diesem merkwürdigen Moloch USA, New York, den kein Mensch so richtig versteht. Und dann kannst du auch ein bisschen Spaß darin haben. Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen. Aber wohin? Oh mein Gott, Johannes. Ja? Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein! Shit! Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify oder Apple oder sowas.
Florian Bayer: iTunes, Beam, whatever, was ihr auch benutzt. Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen. Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau. Und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de. Genau. Schickt uns Filmvorschläge und so weiter. Boah, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch. Springen wir doch mal rein, wer die Hauptverantwortliche ist, dass er diesen ganzen Scheiß mitmacht. Wir haben hier nämlich Anne Key.
Johannes Franke: Ja. Die Verführung in Person. Ja, Anne Key gespielt von Dawn Adams, die wir aus Singing in the Rain kennen.
Florian Bayer: Ich kenne sie nicht aus Singing in the Rain. Offensichtlich hat sie da auch eine kleine Rolle gespielt.
Johannes Franke: Du bist ja doof, wir haben die besprochen. Ein großartiger Film. Wie findest du sie denn? Ich finde sie großartig. Sie macht das sehr gut. Ich finde sie ist eine super Schauspielerin und ich finde, dass ihr Wechsel in dieses Advertisement ganz großartig ist, wie sie das spielt.
Florian Bayer: Ich finde die fantastisch, die Figur. Ich habe sie überhaupt nicht verstanden. Was für eine Motivation hat sie? Was will sie? Ist sie hinter dem Geld her? Ist sie hinter dem König her? Ist sie hinter Fame her? Was will sie?
Johannes Franke: Ich glaube, sie will Spaß. Ich glaube, sie will wirklich einfach Spaß. Das Problem des Films und ein kleines bisschen ist, dass wir tatsächlich nicht so richtig verstehen, was dahinter steckt bei ihr. Wo die Motivation herkommt. Vor allem, weil sie auch sehr unmotiviert plötzlich auftaucht in dem Bad daneben und man nicht so richtig versteht. Und ich glaube, Chaplin hatte mehr ein Gefühl für die Figur, als dass er wirklich eine Psychologie für die Figur hatte.
Florian Bayer: Es war halt tatsächlich am Schluss, wenn er sich von ihr verabschiedet, dachte ich, ach so, sie soll ein guter Mensch sein. Es war die ganze Zeit unklar. Und natürlich, sie flirtet immer mit ihm. Er ist angetan von ihr. Sie ist auch offensichtlich angetan von ihm. Also sie ist nicht einfach nur durchstrieben und nutzt dieses Flirten, um ihn für ihre Geschäfte zu gewinnen. Zumindest hatte ich das Gefühl, da ist ein bisschen Anziehung auch da. Aber sie ist halt die ganze Zeit, denkt man so, hey, trau ihr nicht, trau ihr nicht, trau ihr nicht. Weil sie verarscht ihn ja auch in ihrer ersten Begegnung. Natürlich volle Kanne. Und sie verarscht ihn auch. Sie überredet ihn die ganze Zeit zu Zeug, das er eigentlich nicht will. Aber er stolpert halt so durch, weil er dann irgendwann diese Welle reitet. Und ja, keine Ahnung, was sie will. Aber ich würde ihr nicht trauen. Er sollte sie ja wahrscheinlich auch rausschmeißen. Aber irgendwie ist es auch ganz witzig, sie dabei zu haben. Das ist eine coole Rolle. Keine Ahnung, was ihre Motivation ist.
Johannes Franke: Lassen Sie mal die erste Szene gehen, weil ich das Gefühl habe, dass die Szene, wo er sie hört, nebenan, wie sie da singt. Das ist so die erste Szene, wo ich denke, ah, fuck, vielleicht geht das auch in eine Richtung, die ich nicht so gut finde. Weil er dann als fast 70-jähriger Mann durch ein Schlüsselloch eine nackte Frau beobachtet. Und ich dann denke, ah, sie streitet sie mit seinem Diener da, wer als erstes durch das Schlüsselloch gucken darf. Ja, ja, ja. Und dann finde ich aber den Blick wiederum durch das Schlüsselloch auf sie, wie sie da sich schon so werbemäßig zur Kamera dreht und fast schon in die Kamera guckt. What the fuck, ja. Das bringt schon, wie immer sagt man im Englischen, set the tone for the movie. Weil sie wirklich so dieses Werbemädchen quasi gibt. Aber sehr bewusst. Und nicht nur so, wir brauchen das jetzt und wir stellen dich da hin, sondern sie entscheidet, wann sie welchen Move fährt.
Florian Bayer: Ja, das finde ich wieder gut. Es gehört halt mit zu diesem bizarren, grundsätzlich von dem Film. Du sagst es, sie macht es für die Kamera. Diese Badewanenszenen, das wirkt eigentlich total staged, ne? Voll, lecker. Du hast das Gefühl, wir haben hier so ein Hollywood-Klischee eigentlich, so typisch dieses, die Frau, die Hilfe braucht. Es gibt dann ja auch diese Help-Szene tatsächlich und die lüstern Männer und Male Gaze und du hast diesen ganzen Shit dabei. Aber es wirkt so überdehnt, dass du, ich will nicht sagen, Chaplin ist ein Feminist, das ist er nicht. Aber du hast das Gefühl, dass du hier einen satirischen Blick auf diesen Male Gaze hast.
Johannes Franke: Ja, aber ich muss sagen, so ganz unschuldig wirkt er dann doch nicht. Vielleicht, also vielleicht ist es eine Satire, aber keine sehr beißende und eine, wo Chaplin ganz bewusst ist, dass er vielleicht da doch in etwas hinein, in ein Horn tutet, das nicht das Beste ist.
Florian Bayer: Definitiv, der Film spürt natürlich nicht nur mit ihrer Erotik, sondern er instilliert sie auch erotisch. Also der Film hat diesen Male Gaze. Absolut. Es ist halt so trüber. Es ist so trüber. Sie ist auch gar nicht, normalerweise hast du das dann ja so in der Mitte des Films vielleicht. Also die Figur ist gar nicht etabliert, die Figur wird durch diese Szene etabliert. Wir haben überhaupt keinen Bezug zu ihr. Überhaupt nicht. Außer, dass sie halt wirklich gut in der Badewanne aussieht. Diese Badewanne steht ihr sehr gut. Ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Ja, aber wie er dann auch mit ihr flirtet und wie er dann so drauf zugeht und versucht das zu, für mich macht das dann schon ein kleines bisschen Unwohlsein beim Gucken, muss ich sagen. Weil er doch ein bisschen dolle, also später dann auch wie er am Bankett mit ihr sitzt und wirklich sehr nah an sie rankriecht, um mit ihr zu flirten und so. Als 70-jähriger Mann und sie ist Mitte 20, ne?
Florian Bayer: Es ist halt auch so trüber, wie er mit ihr flirtet. Dieser König hat eine sehr merkwürdige Art zu flirten. Und er hat sowieso eine sehr merkwürdige Art von Charme. Ja. Die vielleicht auch, also, es ist Chaplin. Glaubt Chaplin, dass das charmant ist? Ja, ich glaube ja. Autsch. Ich hatte nämlich sehr viel Spaß daran, dass das komplett drüber und komplett bizarr ist und so. Guck mal, wie absurd das Bild von Charme ist und das ist Satire. Das ist Satire, oder? Bitte? Das ist Satire, oder?
Johannes Franke: Ich befürchte, es ist eher Chaplin. Es ist eher Chaplin. Es tut mir sehr leid, Plur.
Florian Bayer: Aber das ist ja egal. Ich liebe Chaplin.
Johannes Franke: Ich finde ganz toll, was er gemacht hat. Ich finde ganz viele Sachen toll, aber er hat eine Seite, wo ich denke, da hat er nicht so richtig gut, weiß ich nicht, er ist sein Alter, er hat sich nicht, also ich meine, will man sich seinem Alter entsprechend verhalten, weiß ich nicht, da hat man vielleicht auch keine Lust drauf, aber es ist schon creepy. Ja.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich, es funktioniert halt total gut. Es funktioniert total gut als Satire. Auf dieses creepige Verhalten. Auf dieses creepige Verhalten, nee, nicht mal das, was creepisch daran ist, sondern vielmehr das, was komplett, was albern und lost daran ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass der krass übergriffig werden könnte, weil der einfach so komplett kaputt neben der Spur ist. Weil diese Figur einfach so eine absurde Vorstellung davon hat, wie Scham funktioniert und wie Blurten funktioniert. Dass es einfach komplett jenseits von Gut und Böse ist.
Johannes Franke: Ja. Ich weiß nicht, ob uns vielleicht erhellen könnte, wie er mit seiner Frau umgeht, von der er sich trennt. Da wird er ja fucking sympathisch gezeichnet, ne? Ja, ja. Und das ist so ein bisschen das, wo mir der Film zeigt, auch vorher schon, wie der König überhaupt etabliert wird, als eigentlich so ein guter Monarch.
Florian Bayer: Dem Film ist ganz wichtig zu zeigen, wie gut er ist, ne? Er kommt da mit einem großen Friedensprogramm für eine tolle Atomeinerkennutzung und keiner hört das.
Johannes Franke: Ganz toll. Ich glaube, dass es Chaplin versucht, moralisch überlegene Figuren zu zeichnen. Es hat ein bisschen mit Monsieur Verdoux angefangen. Was witzig ist da, weil Monsieur Verdoux einen notorischen Schwindler und Mörder spielt. Aber er hat bestimmte moralische Prinzipien, die er in diese Figuren einbackt. Und das tut er bei dem König auch. Und irgendwie ist das ein kleines bisschen seltsam. Es macht das Ganze ein bisschen schwierig, finde ich.
Florian Bayer: Na, der Chaplin der späteren Jahre ist ja extrem preachy. Wir haben ja den, also ich meine, es fängt eigentlich an mit dem großen Diktatoren. Und ich glaube, da hat er Spaß daran gefunden, zu sagen, oh Moment, ich kann ja aus einer Rolle raustreten, kann einmal in die Kamera gucken und kann einmal kurz noch für fünf Minuten in meinem Film mein politisches Weltbild offenbaren. Das macht ein Monsieur Verdoux noch mal ein bisschen. Monsieur Verdoux wirkt es wirklich verstörend, weil es während dieses Gerichtsprozesses ist. Da finde ich es noch gut, muss ich sagen. Da finde ich es tatsächlich noch sehr gut gemacht auch. Ich fand es da auch schon, also so rausreißend, es war so offensichtlich, dass wir jetzt komplett aus dem, beim großen Diktator hat das sehr gut funktioniert, weil es was Besonderes war. Dass wir aus dem Film rausgerissen werden und Chaplin hören, der nochmal sagt, warum er diesen Film gedreht hat oder was er mit diesem Film sagen wollte. Wenn Monsieur Verdoux was fasst, wie so eine Fortsetzung, ah, das hat ja gut funktioniert, ich versuche das nochmal. Ja. In diesem Film gibt er ja dem König Schadorf nicht so einen Moment, wo der groß ans Publikum redet. Nee, das nicht. Das nicht, ja.
Johannes Franke: Aber ich habe das Gefühl, dass er diese moralische Komponente ihm irgendwie in die Hand gibt und alles wirklich, alles versucht, dass dieser König... Er will ihn sympathisch dastehen lassen. Sympathisch ist, ja. Und irgendwie aber auch so fehlerfrei, was ich dem ja nicht abnehmen kann. Vor allem nicht, weil er ein König ist. Verdammt nochmal, Monarchen sind einfach nicht von, schon per se, von der Definition her, funktioniert das nicht.
Florian Bayer: Aber fehlerfrei ist er ja nicht. Du hast selbst gesagt, er verhält sich eigentlich wie ein kleines Kind. Das ist ja die ganze Zeit, er stolpert durch diesen Film, lässt sich zu dummen Sachen überreden, ey, das... Also, wenn er fehlerfrei wäre, würde er nicht diese Gesichtsoperation machen. Und wenn er fehlerfrei wäre, dann würde er nicht so hilflos dastehen, wenn die Kinder ihn mit Spuckrochen beschließen, während er von einem Kind eine kommunistische Rede gehalten kriegt. Und wenn er fehlerfrei wäre, würde er auch nicht diese Werbung machen, ne? Er macht dann ja diese Whisky-Werbung und muss würgen dabei und es...
Johannes Franke: Aber irgendwo muss das Geld herkommen, Plur. Ja. Also, selbst ein fehlerfreier Mensch braucht Geld.
Florian Bayer: Er kriegt verdammt viel Geld mit dieser Werbung, ne? Es ist echt viel, ja. Wir befinden uns ja auch in einer Zeit, wenn wir Inflation mitrechnen, sie machen ihn wirklich reich mit dieser Werbung. Absolut, ja.
Johannes Franke: Also, dass er überhaupt irgendwie auf die Idee gekommen ist, einen Scheck von 20.000 Dollar einfach so zu zerreißen. Hallo? Das ist schon krass, weil 20.000 Dollar, weiß nicht genau, wie viel das heute wäre, aber exorbitant mehr. Ja. Das ist schon wirklich viel.
Florian Bayer: Aber er stellt dann ja fest, als er feststellt, dass sie nur noch 912 Dollar haben, get some sticking Pflaster.
Johannes Franke: Ich finde das wirklich sehr, sehr lustig, muss ich sagen, wie er das so aufbaut und wie er noch so lange wie möglich versucht, an seiner Moral festzuhalten und zu sagen, nein, das machen wir nicht. Und dann in dem Moment wirklich so ein harter Cut und Switch. Komm, wir kleben das wieder zusammen und sagt der Frau, Dankeschön, wir nehmen das Geld gerne.
Florian Bayer: Ja. Und dann haben wir ja die wirklich vermeintliche moralische Instanz in dem Film, wenn nämlich Rupert auftritt. Gespielt von Chaplins Sohn Michael. Ja. Michael Chaplin. Wie findest du ihn? Ich finde ihn toll. Ja. Und ich habe, auch wieder, genau dasselbe Problem bei N.K. Ich sehe ihn in der ersten Szene und ich weiß nicht, dass es Michael Chaplin ist. Ja. Und er hält dann diese Rede und ich denke, geil, Chaplin macht sich hier gerade voll über die Kommunisten lustig. Wie die Kommunisten, wie so kleine Kinder, die einfach nur diese Floskeln raushauen und so voll eintrainiert und da ist nichts. Der hat sich nicht damit auseinandergesetzt, kann er ja auch nicht, er ist ein Kind und er haut einfach nur diese Floskeln raus. Chaplin macht sich voll drüber lustig. Und dann kommen wir zum letzten Drittel und dieser Rupert taucht nochmal auf und sagt so, ey, meine Eltern wurden verhaftet, kannst du mir helfen? Und ach so, das soll keine Parodie sein?
Johannes Franke: Doch, doch, doch, doch. Das ist trotzdem, er macht sich trotzdem darüber lustig, ich bin mir ganz, ganz sicher. Ja, er macht sich drüber lustig. Zu offen und zu klar, dass dieser Typ auch überhaupt nicht, also Rupert geht nicht ein einziges Mal auf ein Wort von Charles Chaplin ein. Es ist wirklich sehr, sehr witzig gemacht, weil er einfach die ganze Zeit seine Rede
Florian Bayer: durchzieht. Absolut, das ist voll witzig. Ne, aber was mich dann total irritiert hat, weil ich dachte, das wäre einfach eine lustige Szene, die sie dazwischen haben und als sich das letzte Drittel dann entscheidet, das Verhältnis vom König und diesem Jungen zu diesem klugscheißer Jungen, diesem kommunistisch-anarchistischen klugscheißer Jungen zum emotionalen Zentrum des Films zu machen, da hätte er genauso gut die Beziehung zum Schönheitschirurgen zum emotionalen Zentrum machen können oder das Kino. Ja, aber Kinder funktionieren doch viel besser.
Johannes Franke: Ja, Kinder sind immer gut. Ich finde das in Ordnung, das ist, also natürlich stimmt es, man hätte jede andere Figur nehmen können, die irgendwie zufälligerweise in der Gegend rumgestanden hätte, aber in dem Falle, ich finde die Entscheidung okay.
Florian Bayer: Auf jeden Fall ist das die geilste Szene des gesamten Films, wie dieser Rupert ihn vollquatscht, er nebenbei von den Kindern bespuckt wird mit diesen Spuckrohren und dann haben wir noch so ein paar typische Slapstick-Einlagen mit Suppe und Porte dazwischen und dieser Rupert, und es ist einfach grandios, wie er so einen Satz nach dem anderen raus hat, Chaplin, also der König, irgendwie versucht Reaktionen zu machen, Worte zu finden und von dem Rupert trotzdem im Grunde und Boden gequatscht hat, aber immer mal wieder sowas kommentieren kann dazu, so Freedom of Speech. Einer hat sie gerade, ich nicht. Ich nicht. Und es ist eine super Szene und es ist saurwitzig und es ist halt auch ein wirklich witziger Kommentar auf diesen kommunistischen Idealismus zu der damaligen Zeit.
Johannes Franke: Ja, ich kann mir auch super vorstellen, wie Michael Chaplin die ganze Zeit vorgespielt bekommen hat von Charlie Chaplin, wie er das machen soll und Michael einfach so viel Spaß damit hatte. Michael hat gesagt, er hat nicht ein einziges Wort verstanden von dem, was er da gesagt hat. Chaplin hat ihm, also Charles hat ihm einfach gesagt, welche Emotionen er haten soll, für welche Stellen und was so ein bisschen mitschwingen soll, aber inhaltlich hat er einfach überhaupt nichts erklärt auch. Einfach nur, hier ist dein Text, mach mal, du kriegst das hin.
Florian Bayer: Und so sagt er das natürlich auf, aber genau das ist ja, was dieses Witzige macht, dass er halt einfach auswendig gelernte Flöskeln, offensichtlich von seinen Eltern, wie wir dann erfahren, raushaut und runterhaut und es ist halt auch so eine geile, es ist nicht einfach nur eine naiv-kindliche Weltsicht, sondern es ist auch so eine aggressive, kämpferische Weltsicht. Ja, ja, ja. Jeder einzelne Satz klingt danach, als würde er jetzt gleich einen Molotow-Cocktail züchten und irgendein Gebäude anzünden wollen.
Johannes Franke: Ich find's super, ich find auch, dass es sich sehr gut dann einfügt in den späteren Verlauf, wie er dann im Hotelzimmer ist und dann sagt, ah, der König ist mein Onkel, weil er irgendeine Ausrede braucht und dann da irgendwie die Leute, die Interesse vielleicht haben könnten an den Atomplänen, dann irgendwelchen Mist erzählt und so. Ich find's super. Er quatscht sie alle voll.
Florian Bayer: Es ist auch so wirklich, du hast dieses Kind und es kommt irgendwie in Kontakt mit Erwachsenen und es fängt an zu quatschen und jeder Satz ist der Hammer.
Johannes Franke: Es ist wirklich toll geschrieben, finde ich. Es ist saur witzig. Ja. Fandest du die Schönheitschirurgie witzig? Fand ich die Schönheitschirurgie? Ja, ich fand tatsächlich die Szene, wo er dann da sitzt und nicht lachen darf. Ich hab natürlich einfach mich erinnert, wie ich als Kind da gesessen habe und den Film zum ersten Mal gesehen habe und da waren ein paar Highlights dabei. Das war das, was du gerade gesagt hattest, wie Rupert ihn einfach vollquatscht. Und das habe ich als Kind so geliebt. Dann habe ich immer als Kind geliebt, wie diese Szene ist, wie er nicht lachen darf, weil sonst das alles wieder aus dem Gesicht rausfällt. Die machen eine Chaplin-Nummer, oder? Also eine Charlie-Chaplin-Nummer.
Florian Bayer: Das, was er sich anguckt, ist so eine typische Woodville, das, was er früher auf der Bühne
Johannes Franke: gemacht hat. Das, was er früher auf der Bühne gemacht hat. Absolut. Das ist seine Profession. Er hat quasi die beiden nochmal inszeniert als dick und doof oder als er selbst mit seinem Bruder Sidney früher auf der Bühne oder was auch immer. Das ist eine sehr typische Nummer. Und ich finde die tatsächlich witzig. Ich weiß, die ist sehr plump, sehr straightforward, aber ich liebe sie.
Florian Bayer: Das ist halt, ja, das ist halt einfach so eine typische Slapstick-Nummer. Witzig ist, nee. Nee, ich finde dieses Ganze, also, okay. Dieser ganze Plot, der dann halt irgendwie mitten in der Hälfte wird, dann plötzlich halt die Schönheitschirurgie erzählt und er lässt sich operieren und so weiter. Es ist einfach so drüber, dass ich denke, okay, das nehme ich jetzt einfach mal. Aber es ist schon ein bisschen weird, ne? Das ist ein bisschen weird reingepflanzt. Vollkommen weird, weil es auch wirklich so, es ist einfach mal eine fundamentale Änderung. Er lässt sich sein Gesicht operieren und natürlich gibt es witzige One-Liner. Es ist großartig, wie der Schönheitschirurgie und seine Assistenten dann immer sagen, naja, du siehst zehn Jahre jünger aus, ganz toll und so weiter. Vor allem, also wirklich, also das muss ich wirklich nach vorne stellen.
Johannes Franke: Das kannst du nicht in einem Nebensatz machen. Er lässt sich operieren, sieht völlig schrecklich aus. Sie guckt ihn an und sagt, ah, wunderschön, ich finde es schön, sie sehen 20 Jahre jünger aus. Und als sie sich am Ende wieder zurück operieren lässt und fragt, und was finden sie? Und sie sagt, genau, ohne hinzugucken, genau den gleichen Satz.
Florian Bayer: Ah, ich finde es toll, sie sehen zehn Jahre jünger aus. Es ist sauerwitzig. Das ist wirklich sehr gut. Es ist auch wirklich tolles Timing, wie dann die Leute alle auf ihn reagieren, nämlich erschrocken hier. Und das ist witzig, aber sonst ist es einfach so, hä, was, warum haben wir jetzt die, Chaplin, okay, du musstest da noch ein bisschen Zeug reinpacken, aber müssen wir jetzt wirklich 15 Minuten diesen Schönheitschirurgie-Plot haben, der dann ja auch einfach aufgelöst wird, indem er bei dieser Wirtwill-Veranstaltung lachen muss.
Johannes Franke: Es ist einfach auch an der Stelle ein Varieté-Film, ne? Ja. Das ist sowieso, finde ich, das große Problem des Films, dass der sehr stark sich aufteilt in verschiedene Nummern oder Teile, die teilweise nicht viel miteinander zu tun haben. Du hast drei Filme vor dir. Das eine ist der McCarthy-Film, der sich eben gegen diese Hetze und dieses, man sagt ja auch McCarthy-ism, dieses Problem gegenstellt. Dann hast du den Film über die Werbebranche, wo die Gesichtsoperation mit reinfällt. Und dann hast du den Film über den Menschen, der nicht mehr versteht, wie die Welt funktioniert.
Florian Bayer: Und irritierend wird es tatsächlich, dass er versucht, im letzten Drittel, wenn dieses McCarthy-ism kommt als Thema, das nicht nur zum emotionalen Zentrum, sondern auch so zum Hauptelement des Films zu machen. Wo du natürlich das Gefühl hast, okay, du hast jetzt schon dieses Fish out of Water und diese Parodie auf die Werbebranche hinter dir. Und jetzt versucht Chaplin auf einmal, diesem Film einen emotionalen Fokus zu geben. Und dazu nutzt er die witzige Figur vom Rupert und versucht, die jetzt erstmal, versucht er eine emotionale Tiefe zu geben. Und es ist tatsächlich merkwürdig einfach, weil das schafft es einfach nicht, bei mir emotional anzudocken, weil die Figur zu drüber war davor. Die Figur war drüber total witzig. Aber jetzt sollen wir feststellen, okay, es beginnt eine Beziehung von ihm mit dem König. Und wir sollen mit ihm mitleiden, weil seine Eltern gefangen genommen wurden. Und damit hatte ich wirklich Schwierigkeiten mit diesem letzten Drittel dann, mit diesem emotionalen Andocken, das der Film versucht.
Johannes Franke: Okay, ich nicht so sehr, aber vielleicht habe ich ihn auch zu oft gesehen, als dass es irgendwie befremdlich noch sein könnte. Weil es ist ja vor allem, weil du ja eigentlich einen anderen Film geguckt hast und dann plötzlich kommt dieser Film dazu. Ja, aber für mich war das vollkommen in Ordnung und ich mochte das auch. Und ich glaube, das liegt auch vor allem daran, dass Michael Chaplin tatsächlich in den Szenen im Hotelzimmer für mich sehr gut funktioniert. Und ich da plötzlich eine Beziehung auch als Zuschauer mit ihm aufbauen kann. Wenn er sagt, das ist mein Onkel und irgendwie da alleine da sitzt und Karten spielt und einfach wie ein verlorener Junge wirkt, der irgendwie durch Zufall Glück hat, dass ihn jemand aufgesammelt hat, sonst wäre er irgendwo erfroren. Ich glaube, ich hatte durch die vorherigen Geschehnisse die ganze Zeit das Gefühl,
Florian Bayer: das muss ich doch wieder auflösen, das muss ich doch wieder auflösen. Weil davor hat der Film eigentlich Beziehungen nie wirklich lange gehalten, weil er zu was anderem zum nächsten Ereignis bringen muss. Und dann hat mich das wirklich emotional kalt gelassen. Aber ich muss auch sagen, bis zu dem Punkt, wo dann klar wird, dass die Eltern freikommen, weil der Junge geplaudert hat und der Junge dann vor dem König steht und anfängt zu weinen. Das hat funktioniert, aber dann war es natürlich ein bisschen spät, dass da eine emotionale Tiefe ist und dann war es auch sehr effektgetrieben. Okay, es ist ein Kind, das weint, weil was Schreckliches passiert ist und weil es sowieso schreckliche Sachen durchgemacht hat.
Johannes Franke: Aber schon als gesagt wird, dass die Eltern frei sind, ohne dass das Kind schon da ist, wir kriegen die Info kurz bevor das Kind anfängt zu weinen, bin ich schon emotional ergriffen, weil ich genau weiß, dass das gegen alles geht, wofür das Kind steht in dem Film auch.
Florian Bayer: Ja, aber dafür war das zu überzeichnet. Wofür dieses Kind steht, es so gehört einfach zu diesem Bizarren. Deswegen habe ich auch so Probleme zu akzeptieren, dass dieses Kind die zentrale emotionale Figur im dritten Akt sein soll, weil das einfach davor eine, das Kind war die ganze Zeit eine Karikatur und jetzt soll es ein echter Mensch sein, mit dem ich mitleiden muss. Ja, aber es ist doch ein Kind.
Johannes Franke: Natürlich ist die, also eine gewisse Form von Karikatur kann ich einem Kind, auch ohne, dass ich die emotionale Bindung verliere, noch abnehmen. Bei den Erwachsenen ist das was anderes, aber Kinder plappern ja sowieso immer nach. Da funktioniert das, oder?
Florian Bayer: Aber nicht so. Das ist, und zumal das Kind, es soll ja auch, also ich dachte am Anfang, das soll wirklich eine Parodie einfach darauf sein, dass Chaplin sagt, guckt euch mal die Kommunisten an, das sind kleine Kinder. Ich wusste einfach nicht, dass diese Figur so eine zentrale Rolle einnimmt und auch noch von seinem Sohn gespielt wird. Ich dachte, das ist Charlie Chaplin, der sagt, sind die nicht witzig, die Kommunisten, die Kinder, die da stehen und rumbrüllen.
Johannes Franke: Ja, aber das widerspricht sich ja nicht. Also er hat ihm halt beides gegeben und ich komme mit beidem klar.
Florian Bayer: Am Schluss sagt er halt, das ist ein Kind, ein echtes Kind, das das wirklich glaubt, das wirklich darunter leidet, dass es seine Überzeugung verraten hat und das ein wirklich schweres Leben hat durch diese Überzeugung, über die ich mich die ganze Zeit lustig gemacht habe davor. Und?
Johannes Franke: Ambiguitätstoleranz, du? Oh ja.
Florian Bayer: Du schlagst ihm hier um die Presse. Es ist ja trotzdem witzig, also diese Interaktion von Shadov mit Rupert ist sauwitzig. Wenn ihr ihn fragt, Rupert, wie heißt du mit Nachnamen? Und er sagt, Maccabee, Scott, no wonder you're a non-conformist. Das ist witzig. Und wenn der Junge dann im Hotelzimmer sitzt und die reinkommen und ihn fragen, wer er ist und er dann anfängt zu plappern wieder, ist es witzig, auf jeden Fall. Aber die emotionale Verbindung fehlt halt so ein bisschen. Ja.
Johannes Franke: Ich finde es irgendwie spannend und witzig. Also Chaplin war ja klar, dass er den Film nicht in Amerika starten lassen kann. Also er hat ihn für Europa gemacht. Ja. Er war völlig überzeugt davon, dass Amerika sagen würde, das kommt uns nicht ins Haus, hallo? Hat Amerika ja auch gesagt. Hat Amerika auch gesagt.
Florian Bayer: Wie lange hat es gedauert?
Johannes Franke: 16 Jahre oder sowas? Ja, genau. Es war wirklich... Und 10 Minuten geschnitten. Er hat ihn einfach mal ins Haus geschissen, weißt du? Ja.
Florian Bayer: Absolut hat er. 15 Jahre hat es gedauert. Um 10 Minuten gekürzt war die Veröffentlichung.
Johannes Franke: Und Chaplins Witz ist ja, wie kann ein Monarch ein Kommunist sein? Was ist da los? Und Amerika hat den Witz nicht verstanden. Für die war das kein Witz. Für die war das so... Überkommunismus macht man auch keine Witze. Genau, da macht man keine Witze drüber. Das ist krass. Ich finde es wirklich krass, wie schlecht Amerika mit sowas umgehen konnte. Und teilweise immer noch kann. Das ist wirklich schwierig. Ja. Aber du kommst sozusagen über die dramaturgischen kleinen Fehlerchen hinweg?
Florian Bayer: Oder über so viele schöne, lustige Sachen auch? Absolut. Also, was total... Jetzt sind wir schon fast beim Fazit. Soweit will ich gar nicht vorgreifen. Aber wie du sagst, was total gut funktioniert, ist halt... Irgendwann gibt es diesen Moment, wo du verstehst, okay, Chaplins setzt sich hier offensichtlich mit seiner Geschichte, mit Amerika auseinander. Oder mit seinen Erfahrungen in den letzten 10 Jahren in Amerika. Ja. Und er macht das auf satirische Weise. Und ich weiß das sehr zu schätzen, dass er teilweise wirklich komplett übers Ziel hinausschießt und wirklich bizarre Bilder entwirft und absurde Situationen. Und dass er dabei sich nicht einfach nur auf so einen Slapstick verlässt. Natürlich ist der Slapstick mit drin. Aber der Slapstick ist halt immer noch mal so eine Nummer drüber. Also, es ist ein bisschen mehr, als man Slapstick aus anderen Chaplin-Filmen oder aus so diesen typischen Sachen kennt. Und dadurch hat eben der Humor auch immer so was... Ja, so was Düsteres irgendwie über sich. Und das weiß ich sehr zu schätzen. Und das hilft mir auch dieses... Ich brauche die emotionale Bindung gar nicht so. Am Schluss freue ich mich tatsächlich, wenn ich sie habe zu dem Kind. Wenn es einmal in seinen Armen weint. Ja. Dann denke ich auch wieder, okay, Chaplin, jetzt bist du wieder ein bisschen preachy. Ja, natürlich. Aber ansonsten brauche ich gar nicht groß die emotionale Bindung mit dem Kind und kann auch einfach Spaß daran haben, wie Chaplin halt mit einem Feuerwehrschlauch in diesen Kongress fährt.
Johannes Franke: Oh, das ist so ein Wunschdenken von ihm. Weißt du, so ein Bild, was er einfach im Kopf hat und sich denkt, boah, ich muss den aber einmal so richtig schön... Ich muss die alle nass machen.
Florian Bayer: Ist so konstruiert. Selbst in diesem Film-Setup ist es vollkommen unglaubwürdig, dass er mit diesem Schlauch, den er aus dem Fahrstuhl hat, den er aus einem anderen Gebäude hat, dass er da ankommt und die sagen, okay, wir müssen jetzt den Schlauch anschließen. Es ist komplett konstruiert, nur um die Leute nass machen zu können. Aber ich liebe es. Das ist großartig. Es hat keinen Bezug mehr zur Realität. Nicht mal zur Slapstick-Realität. Basta, würde diese Szenen sehen und würde sagen, nein, das kaufe ich dir nicht ab.
Johannes Franke: Aber es ist so schön. Ich liebe es. Und ich feiere Chaplin auch dafür, dass er einfach sagt, mir ist vollkommen wurscht, ob das jetzt konstruiert ist oder nicht. Ich mache das jetzt einmal, weil ich einfach... Das ist halt was Kathartisches. Ja, auf jeden Fall. Ich finde es ganz krass, dass er mit fast 70 noch in der Lage ist, bestimmte Stunts zu machen, die er in dem Film macht. Wie zum Beispiel in die Badewanne fallen und einmal irgendwo da lang stolpern und dorthin fallen und sich ins Bein beißen lassen von irgendwelchen Frauen. Es ist schon krass.
Florian Bayer: Er wirkt zu keinem Moment wie ein 70-Jähriger. Zu keinem Moment. Nicht mal wie ein 60-Jähriger. Ja, genau. Und ich glaube, wir erfahren nichts über das Alter von diesem König, aber ich glaube, er soll nicht älter als 60 sein, eher jünger, oder?
Johannes Franke: Keine Ahnung, er lässt es ja auch offen. Ich glaube, er macht sich da keine Gedanken drüber. Das ist nicht so wesentlich.
Florian Bayer: Selbst also mal unabhängig davon, dass er mit dieser jungen TV-Frau flirtet, ist ja auch seine Ehefrau, die zu Besuch kommt, ist ja auch Anfang 30. Ja, ja, ja, genau.
Johannes Franke: Das ist aber auch wirklich der Moment,
Florian Bayer: wo es mir ein bisschen zu creepy wird. Und er platziert extra diesen Jome neben sich, der wirklich alt ist, wenn er noch ein Stück jünger wirkt. Und es muss auch alles gemacht werden, dass die Beziehung zwischen ihm und seinen Diener so ist, dass er der Junge ist, der Junge Spritzige, während der Diener der Alte Vernünftige ist. Das ist wirklich seltsam.
Johannes Franke: Aber sag mal, hat Chaplin mit dieser Journalistin so ein bisschen Reality-TV vorher gesagt? Weil es ist eine Live-Übertragung. Versteckte Kamera. Versteckte Kamera. Es wird, ich glaube, es wird auch das Wort Reality mit reingebracht.
Florian Bayer: Ja, die Sache hat einen Haken. Ja. Niemals würdest du im Reality-TV ein Shakespeare-Zitat hören. Das ist stimmt. Niemals. Shakespeare höchstens in der Form von Slutgo, der sagt Shakespeare, was ist denn das? Ach ja, dieses Deppengeschwätz.
Johannes Franke: Ach, ist aber einer der Momente, wo ich als Kind als erstes mit sowas in Kontakt gekommen bin und ich war hin und weg. Ich habe seine Rezitation geliebt. Wann hast du zum ersten Mal was von Shakespeare gehört?
Florian Bayer: Als ich als Kind den 57er-Film von Charlie Chaplin... What? Ja, ja, ja. Das ist Welcome to my life. Finde ich fantastisch. Ohne jede Ironie.
Johannes Franke: Großartig. Und ich glaube, es war einer der Momente, wo ich das erste Mal gesagt habe, okay, vielleicht muss ich diese Rede auswendig lernen.
Florian Bayer: Meine erste Begegnung mit Shakespeare, ein Looney-Tunes-Cartoon hatten wir als Videokassette. Bugs Bunny, das verrückte Abenteuer oder so hieß das. Okay. Mit so drei oder vier Looney-Tunes-Kurzdingern. Ja. Die, ich weiß gar nicht, auf jeden Fall waren die so synchronisiert, total witzig. Es war noch englischer O-Ton und dann hat ein deutscher Sprecher drüber gesprochen und als Erzähler, aber gleichzeitig auch die Stimmen so ein bisschen imitiert. Auf jeden Fall gibt es da eine Episode offene Bühne im Theater oder so, wo verschiedene Leute auf die Bühne kommen und irgendwelche witzigen Sachen passieren. Und da haben wir dann einen, lass mich nichts Falsches sagen, einen arroganten Hahn, glaube ich, der versucht, der versucht, die berühmte Hamlet-Szene zu zitieren. Sein oder nicht sein. Genau. Das ist hier die Frage und der die ganze Zeit dabei mit Tomaten beworfen wird. Oh nein. Und kurz darauf gibt es auch noch die Balkon-Szene von Romeo und Julia, wo sich die ganze Zeit jemand einen Nilpferd im Publikum laut lacht und die Darstellenden sind genervt davon. Das war meine erste Begegnung mit Shakespeare. Bizarres Bild im Kopf davon. Ich gucke nachher mal, ob ich das nochmal finde, aber findest du bestimmt irgendwie Looney-Tunes-Klassiker. Toll.
Johannes Franke: Okay. Was ich auch als Kind gelernt habe aus dem Film, ist immer einen Zettel und einen Stift für Orthogramme dabei haben. Ganz wichtig. Du kommst nicht auf einen König zu, sagst, ich möchte gerne ein Autogramm und hast keinen Stift dabei. Das geht ja mal gar nicht. Auf jeden Fall. Ganz wichtige Lektion fürs Leben. Ich find's toll, wie Chaplin einfach seine ganz personal Experience mit Fans verarbeitet.
Florian Bayer: Natürlich. Total. Absolut. Es ist einfach sowieso diese ganzen Szenen, wo er rumläuft und keine Ruhe hat, weil die Fans kommen. Es ist einfach Charles Chaplin. Genau.
Johannes Franke: Absolut. Ich find's auch ganz wunderbar, wie er, nachdem er das Angebot bekommen hat, für 10.000 Dollar einmal Yum Yum zu sagen, sein Frühstück fortsetzt und dann wird sich innehält, nachher mal da reingebissen hat und sagt, Yum Yum. That's worth 10.000 Dollar. Und er guckt da wie in die Kamera. Er guckt wirklich wie in die Kamera, schüttelt innerlich den Kopf und sagt, das sind 10.000 Dollar für Yum Yum.
Florian Bayer: Mein Gott, wo sind wir gelandet? Es sind wirklich viele witzige Momente. Auch dieser Werbetrieb in dem Whisky, der erste Wohl. Ja, natürlich. Wo es ihm die ganze Zeit nicht passt, wo es immer zu witzig ist, zu lustig und würdelos und die die ganze Zeit während, während sie Tränen improvisieren, am Skript dockt dann, bis sie irgendwie das haben, was sie haben wollen. Ja, und am Ende ist es trotzdem eine Lachnummer. Aber eine große Lachnummer. Alle wollen ihn deswegen. Es macht alles keinen Sinn. Es ist total absurd, aber gerade dadurch auch ein wirklich schöner Abgesang auf Amerika. Ich finde auch, es ist dieses Lied, was sie dann so dazwischen mal total toll platzieren. Now that it's ended, the romance is over. Nach seiner Gesichtschirurgie, wo du das Gefühl hast, das ist der Moment, wo es ein albernes Liebeslied, das da gespielt wird, dann in dieser Kneipe, in dieser Bar. Aber wo du das Gefühl hast, hier ist einmal Chaplin so. Jetzt das Gefühl bringe ich jetzt Amerika entgegen. Das ist so. Ich war verliebt in dich, aber ich glaube, irgendwie die Liebe ist vorbei und ich habe zu viel von deinen dunklen Seiten gesehen.
Johannes Franke: Ich weiß nicht genau, ob das der Stelle ist, aber mir ist oft aufgefallen, dass er im Hintergrund so Musik hat laufen lassen mit einem Gesang, mit einem männlichen Gesang und das ist er. Ja. Tatsächlich er, also ich habe ihn einfach erkannt. Ich habe ihn nicht nochmal recherchiert, aber das muss er sein. Ich habe seine Stimme auf jeden Fall erkannt aus anderen Filmen, die er früher gemacht hat, wo er auch gesungen hat. Das ist einfach seine Singstimme.
Florian Bayer: Okay. Nee, das Lied ist von einer Frau gesungen. Ich glaube, das ist wirklich in dieser Bar eine Frau am Piano, bevor diese Kombinienz auftreten. Und es passt einfach total gut, weil es halt auch wirklich so ein Abgesang ist und jetzt ist die Liebe vorbei und das war's. Und schön platziert einfach zwischen all diesem Chaos und diesen bizarren Geschehnissen.
Johannes Franke: Ja, man muss dazu sagen, dass Chaplin, nachdem der Film fertig war, erst einmal gesagt hat, it's good, it's my best picture, it's entertaining, don't you think? Und naja, dann später hat er dann festgestellt, naja, perhaps I didn't quite understand it. It started out to be very good and then it got complicated and a little heavy handed. Also er selbst war am Ende auch nicht ganz glücklich mit dem Ergebnis. Ich glaube, es liegt auch daran, dass er einfach wirklich nicht die Zeit und das Geld hatte, was er eigentlich, womit er gewohnt war zu arbeiten. Es tut mir richtig leid. Ich gucke mir den Film an und freue mich über so viele Sachen und liebe so viele Ideen, sehe aber auch einfach, wo das Geld und die Zeit gefehlt hat.
Florian Bayer: Ich glaube, er ist dadurch so ein sehr spezieller Film geworden, dem auf jeden Fall seine Entstehung komplett drauf lastet. Die wird er einfach nicht los, auch weil Chaplin einfach die ganze Zeit das Ding benutzt, um mit Amerika abzurechnen. Ja. mit der Filmindustrie und mit McCaffee und so weiter. Aber das macht diesen Film in Chaplins Filmografie zu einem Unikat. Auf jeden Fall. Und ja, natürlich, Monsieur Vadu ist auch irgendwie ein Unikat in Chaplins Filmografie und The Kid auch. Ich fand aber, er sticht nochmal besonders heraus, weil es tatsächlich, und das, nachdem er zehn Jahre davor einen Film über einen Serienkiller gedreht hat, weil es der düsterste Film von Chaplin ist. Ich würde wirklich stark machen, das ist das düsterste, was ich bis jetzt von Chaplin gesehen habe. Einfach, weil du die ganze Zeit darauf wartest, dass bei diesem fröhlichen Chaos, das da passiert, plötzlich diese tiefe Musik einsetzt und man feststellt, shit, das ist eine kulturelle Apokalypse, in der wir uns befinden. Passiert natürlich nicht, macht Chaplin nicht. Aber zumindest im Subtext höre ich die die ganze Zeit mit. Und ich würde behaupten, dadurch fand ich den auf eine gewisse Art und Weise tiefer als Monsieur Vadu. Okay, spannend.
Johannes Franke: Oje, darüber muss ich nachdenken. Diese Verbindung habe ich nie so richtig hergestellt und auch die Vergleiche nicht hergestellt. Ist dir klar, dass der Film auch komplett von Chaplin gescored wurde? Also er hat auch selber die Musik geschrieben. Cool. Komplett. Und man hört es volle Kanne, weil ich finde, dass er einfach sehr viel recycelt hat von dem, was er vorher so gemacht hat an Scores. Ich erkenne es einfach sofort wieder. Ja. Eine ganz bestimmte Art und Weise. Tü, tü, tü, tü. So eine Oboe und dann, weißt du, so ein ganz bestimmtes Chaplin-Ding, was er immer wieder gemacht hat. Ja,
Florian Bayer: es ist einfach zu hören. Die Film wirkt, die Musik wirkt, also wenn du es jetzt so sagst, teilweise tatsächlich anachronistisch, wie so eine stumpfe Musik, die da irgendwie reingepflanscht wurde.
Johannes Franke: Ja, absolut. Und ich weiß nicht genau, ob es ein Kommentar ist oder ob es tatsächlich einfach, naja, es ist halt seine Musik, wie er Musik schreibt. Wollen wir mal Richtung Top 3 springen? Uh, wollen wir denn zu Top 3? Unsere Top 3. Die
Florian Bayer: war nicht ganz so leicht. Genau, um das mal so ganz transparent zu machen, in letzter Minute. Oh, wir brauchen auch einen Top 3. Oh, was nehmen wir? Was nehmen wir? Was nehmen wir? Und dann ging es hin und her und es waren mehrere Sachen, die reingeflogen sind, zum Beispiel Filmemacher Revenge war ein Thema, New York, New York war eine andere Überlegung.
Johannes Franke: Ja, aber sowas hatten wir auch schon, New York oder zumindest Amerika is a good place oder sowas hattest du mal vorgeschlagen. Und dann kamst du mit altkluge Kinder um die Ecke. Da sind wir am Schluss gelandet. Ja, tja, ich fand es nicht ganz so leicht, muss ich sagen, obwohl du zwischendurch gesagt hast, hi hi hi hi, die Filmgeschichte ist voller altkluger Kinder und ich denke, ja Arschloch, ich habe nichts gemeint.
Florian Bayer: Es gibt sehr viele Filme mit altklugen Kindern und sehr viele schlechte Filme mit altklugen Kindern, weil die einfach nur intelligent und sympathisch wirken sollen und nicht altklug. Aber ich finde, ein Kind kann auch altklug sein und intelligent und sympathisch.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: okay. Also gerade auf der Leinwand habe ich auch mehr
Johannes Franke: in meiner Liste.
Florian Bayer: Ich habe glaube ich nur sympathische Kinder.
Johannes Franke: Mich stört es auch nicht, wenn Kinder altklug sind. Das kommt halt auf die Präsentation drauf an. Es gibt ja auch Filme, die sich genau da draufsetzen und sagen, hi hi, guck mal dieses nervige Kind. Ja, genau. Aber das sind ja dann nicht die guten Filme. Nee, genau. Das sehe ich absolut auch so. Okay.
Florian Bayer: Na dann, wer ist denn dran? Wer muss denn als erstes?
Johannes Franke: Ich muss als erstes. Ah ja, okay.
Florian Bayer: Mein Platz drei ist To Kill a Mockingbird, Wer die Nachtigall stört aus dem Jahr 1962. Es geht eigentlich um Rassismus in den amerikanischen Südstaaten und es geht um ein junges Mädchen, dessen Vater, gespielt von Gregory Peck, Anwalt ist und einen Schwarzen verteidigt und es wird sehr viel der Rassismus thematisiert, mit dem sie dadurch konfrontiert sind und diese junge Scout erlebt das halt und versucht das irgendwie zu verarbeiten und ist einfach so ein richtig cooler Tomboy, sagt man glaube ich dazu. Also so 1962, für 1962 Verhältnisse so sehr burschikos mit Latzhose und spielt draußen und macht sich dreckig und die alten Damen kommen vorbei und sagen, ach Kind, du solltest doch ein Röckchen tragen, kannst doch nicht so im Schmutz spielen, du bist doch kein Junge und so weiter. Tolle Figur, toller Film.
Johannes Franke: Bei mir auf Platz 3 ist Wer sonst? Lisa Simpson. Lisa Simpson ist die überhaupt die große Die altkluge Figur und ich habe in deinem Gesicht gesehen, dass du sie in der Liste hast. Platz 1. Natürlich. Okay.
Florian Bayer: Platz 1 Lisa Simpson.
Johannes Franke: Ich habe sie leider nur auf Platz 3 und jetzt habe ich gespannt sein, was da besser ist als Lisa Simpson.
Florian Bayer: Mein Platz 2, wir haben vor kurzem drüber geredet, Sassi in der Metro, ein Film von Louis Malle. Nouvelle Vague trifft Slapstick, Kinderwahrnehmung trifft wirklich düstere Geschichten, Verfilmung von einem 1959er Roman. Wir haben sehr viel drüber geredet,
Johannes Franke: ihr müsst euch unbedingt diese Episode anhören. Ihr müsst den Film gucken vorher. Ja, den Film gucken und die Episode dazu, ich habe so viel Spaß gehabt,
Florian Bayer: das ist wirklich toll. Groteske Komödie aus dem Jahr 1960 mit Katharine Demongo, die Sassi spielt. Wunderbar und selbst wenn ihr sonst einen Riesenbogen um französische Filme aus der Zeit macht, das ist keine prätentiöse Kunstkacke, sondern wirklich ein witziger Trägerfilm.
Johannes Franke: Ja, absolut. Unbedingt gucken. Und Sassi ist einfach fantastisch. Ja, krass. Ich habe die nicht in der Liste. Verdammt, ich möchte meine Liste nochmal ändern. Bei mir auf Platz 2 ist Lemony Snicket und das fällt auch noch nicht unter die Kategorie nervige Kinder, weil ich die alle tatsächlich einfach sympathische Kinder finde. Die haben ihre Eltern verloren in einem Feuer und jetzt muss irgendwie rausgefunden werden, was passiert ist. Und welchen Lemony Snicket? Der mit Jim Carrey? Jim Carrey tatsächlich. Ich fand die Serie für Netflix nicht so, also ich fand, man kam gut rein und dann konnte man dem auch folgen, aber ich fand sie nicht so gut wie den Film tatsächlich und die Hörbücher und die Originalbücher sind eigentlich auch ungeschlagen. Also die sind einfach großartig.
Florian Bayer: Ich kenne die Vorlage nicht. Ich fand den Jim Carrey Film irgendwie witzig, aber der hat sich sehr unfertig angefühlt, was er glaube ich war. Ich weiß gar nicht, das war nicht das gesamte Buch verfilmt, oder?
Johannes Franke: Achso, nee, nee, nee. Weil die Bücher sind ja auch viel zu viel. Also das ist quasi eine Episode davon.
Florian Bayer: Und ich habe die Netflix-Serie ein bisschen geguckt. Ich fand Neil Patrick Harris tatsächlich gut darin, obwohl ich gar keinen Fan von dem bin. Aber ich fand, der hat funktioniert als Graf Olaf.
Johannes Franke: Ja, ja, durchaus. Durchaus.
Florian Bayer: Und ja, aber einfach nicht so meine Welt. Mein Platz 1, Lisa Simpson. Tja.
Johannes Franke: Ja. Möchtest du noch was dazu sagen? Hat sie irgendetwas bei dir hinterlassen, was auf ewig sich in deinen Charakter gegraben hat? Nein. Ich bin sauer auf dich. Du hast sie mir weggenommen. Oh nein, es tut mir so leid. Ja, vor allem auf Platz 3, ne? Das muss wehtun, Oh, das muss wehtun.
Florian Bayer: Ich habe als Kind Simpsons geguckt und ich habe mich immer eher mit Lisa als mit Bart identifiziert.
Johannes Franke: Oh. Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe mich mit Groundskeeper Willie ... Nein, habe ich nicht. Egal. Okay. Also, auf Platz 1 ist bei mir jeder fucking Wes Anderson Film. Viele altkluge Kinder kann man in einen Film
Florian Bayer: passen, packen.
Johannes Franke: Wes Anderson, ja. Es ist einfach wirklich so, dass jeder Film, egal, also du weißt, wenn ein Film vorkommt, ein Kind vorkommt, dann ist es ein fucking Genius-Kind und es redet nie wie in Kinder reden, sondern immer wie nicht mal Erwachsene reden. Also, ganz krass. Und natürlich muss ich mich jetzt für einen Film davon entscheiden und ich würde jetzt Asteroid City einfach mal nach vorne stellen, weil A, ist das eine der neuesten Experiences für mich und B, ist es tatsächlich einfach, das ist so ein Camp quasi für Genies, für Kinder, die da irgendwie eingeladen wurden, um da ihr Genietum zu feiern, weiß ich nicht genau. Ich kann es gerade nicht genau rauskramen, warum die überhaupt dort sind, aber es ist ganz großartig. Ich liebe diesen Film und ich wollte ihn dir geben, aber ich habe gedacht, wir haben so viele Wes Anderson-Filme gesehen und du kannst sie schon nicht mehr gucken. Noch eine Episode, wo ich sage, oh, Wes Anderson macht immer dasselbe. Ja, also insofern, damit warte ich noch ein bisschen. Hast du die neuen Kurzfilm-Adaptionen, Roald Dahl-Verfilmungen auf Netflix gesehen von Wes Anderson? Nein. Warum? Weil Roald Dahl ein Antisemit war. Fuck! Boah, was tun wir? Nein! Shit! Oh Gott, das ist hart. Nein!
Florian Bayer: Nee, ich habe sie einfach nicht gesehen, weil ich nichts davon mitgekriegt habe.
Johannes Franke: Ich bin nicht mehr zu gebrauchen für den Rest der Episoden. Oh Gott. Das wäre alles kaputt gemacht. Alles. Scheiße. Oh. Wenn ich jetzt zurückdenke, kann ich den Antisemitismus sogar in den Filmungen sehen, ein bisschen. Scheiße. Okay, okay. Nein, guckt euch die auf Netflix an. Sie sind high concept, sie sind sehr Wes-Enderig, aber sie haben sehr viele schöne Ideen und ich liebe es, dass Wes Anderson dieses Theaterkonzept mit in den Film hinüber gerettet hat und dass man eine ganz neue Version von einem filmischen Denken bei ihm sieht, die ich vorher
Florian Bayer: nie gesehen habe. There's a trait in the Jewish character that does provoke animosity. I mean, there is always a reason why anti-anything crops up anywhere. Even a stinker like Hitler didn't just pick on them for no reason. Oh mein Gott, das hat Roald Dahl gesagt.
Johannes Franke: Fuck. Und Roald Dahl hat bis 60er, oder hat wann er 57 oder so ist er? Das hat er 1982 gesagt. 82? Scheiße. Oh Gott, Floor. Ich bin nicht mehr zu gebrauchen. Wir müssen diese Episode abbrechen. Das war unsere
Florian Bayer: Top 3. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du gerade den Jingle gespielt hast, um uns aus der Top 3 rauszuführen und weg von diesen Wir haben heute viel zu viele sensibliere Themen angefasst.
Johannes Franke: Fuck, fuck, fuck. Okay, ich habe ich wieder.
Florian Bayer: Aber ich glaube, wir können was, wir können jetzt, damit wir Chaplin nicht ganz aus den Augen verlieren, der glaube ich nie verdächtig war, Antisemit zu sein. Ja, Gott sei Dank. Aber verdächtig war, Jude zu sein.
Johannes Franke: Ja, und irgendwann gesagt hatte, ach verdammt, schade, dass ich es nicht bin. In dieser Situation wäre ich es dann doch gerne, um irgendwie die Fahne hochhalten zu können. Kommen wir zu unserem Fazit,
Florian Bayer: zu unserem Urteil.
Johannes Franke: Ich habe diesen Jingle gerade eingespielt und Plur rollt wieder mit den Augen. Tue ich. Tue ich. Okay. Wir haben ein Fazit. Plur, möchtest du das sagen, damit ich das letzte Wort habe, damit ich den Film nochmal hochholen kann?
Florian Bayer: Ich habe das Gefühl, ich rezipiere diesen Film
Johannes Franke: positiver als du. Stimmt eigentlich. Ich mache mein Zitat als erstes, Plur. Also der Film hat ein paar Probleme. Ich finde, dass er tatsächlich einfach sehr creepy ist zwischendurch und dass man leider das Gefühl bekommt, dass es eher Chaplin ist, der creepy ist, als dass es einfach nur der König ist, der creepy ist. Das macht Schwierigkeiten. Die habe ich als Kind nicht gesehen, die Schwierigkeiten. Überhaupt nicht. Ich erinnere mich ein kleines bisschen mit Grauen daran, dass ich über die Szene, wie er an dem Schlüsselloch hängt, um die Frau zu beobachten, sehr gelacht habe und es gar nicht erwarten konnte, selbst durch Schlüssellocher zu gucken. Und es tut mir leid, dass ich das als Kind so, aber das ist, ja, man wächst so auf. Und das macht mir Schwierigkeiten und es macht mir auch Schwierigkeiten tatsächlich, obwohl ich Chaplin ganz viel verzeihen will, weil ich ihn einfach liebe für so viele Sachen. Aber der Film, es sind drei Filme und die werden so durcheinander geworfen und du hast immer gesagt, dass es am Ende dann diese McCarthy-Problematik gibt, aber nein, die gibt es ja schon am Anfang und es wird auch in der Mitte immer wieder nach vorne geholt und man wird so durcheinander geworfen mit den verschiedenen Themen, dass ich doch Schwierigkeiten habe, den Film immer wieder zu folgen. Aber ich liebe so, so, so viele Ideen daran, über die ich immer wieder lachen kann, die ich einfach ganz toll finde. Und ich finde es so interessant, von Chaplin einen Film zu sehen, der so persönlich ist. The Kid ist auch total persönlich, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Und der wirklich so fast, wie du sagst, ein bisschen düsterer und ein bisschen eine Abrechnung ist und er trotzdem immer wieder gesagt hat, das ist kein politischer Film, ich will einfach nur die Leute zum Lachen bringen, was ich ihm keine Sekunde abnehme, weil er einfach total politisch ist, der Film. Aber das ist ein wahnsinnig interessanter Einblick in seine Psyche, finde ich.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Interessanter Einblick in seine Psyche und mit allen Problemen, die dieser Film mit sich trägt. Er stolpert, er haspelt sich. Dieser Film ist alles andere als perfekt. Ich habe Limelight noch nicht gesehen. Der Vergleich fehlt mir. Fuck, den musst du gucken. Ich habe Monsieur Verdoux halt nur gesehen und so viele Werke gibt es dann. Ich würde bisher sagen,
Johannes Franke: Das ist das einzige Thema, wo ich die ganze Zeit über dich fluchen muss. Warum guckst du das nicht? Er hat nur 80 Filme gemacht.
Florian Bayer: Das ist doch kein Problem, die alle zu gucken. Bis jetzt würde ich sagen, der beste Film in seinem Spätwerk hat mir deutlich besser gefallen als Monsieur Verdoux. Einfach, weil er einen gewissen Mut zum Chaos und zum Imperfekten hat. Ich glaube, Chaplin hat, also das ist total mies zu sagen, weil er mit einfach ein menschliches Schicksal verbunden ist, aber Chaplin hat es gut getan, aus seiner gemütlichen US-Kiste rauszukommen und da in Europa nochmal bei Null anfangen zu müssen. Und man merkt das dem Film an. Du hast vollkommen recht, so was Bildsprache betrifft und was so das Rushing betrifft über gewisse Szenen. Das gibt dem Film eine sehr interessante Note und eine sehr interessante Würze. Und vielleicht war Chaplin auch gerade so, ich nehme jetzt mal noch, also der große Diktator ist der bessere Film, ohne jeden Zweifel, aber große Diktator und Monsieur Verdoux sind beide so Filme, wo man so einen sehr starken Perfektionismus merkt, der vielleicht auch dem Spaß so ein bisschen im Weg steht und dieser Perfektionismus ist hier nicht. Ich war so froh über diesen Perfektionismus
Johannes Franke: und dass er den hier nicht anwenden kann, finde ich so traurig. Mann, Mann, Mann. Ja, okay, ich verstehe deinen Punkt, ich verstehe deinen Gedanken dahinter, zu sagen, lass doch mal los, Chaplin. Mach doch einfach nur Spaß und guck nicht, dass jedes kleine Bisschen perfekt sein muss. Aber ich liebe ihn einfach auch für seinen Perfektionismus.
Florian Bayer: Dieser Film hat halt einfach, der Film ist einfach so lost. Der hat manchmal wirklich was Kafkaeskes. Ja. Ich finde, dieser Film ist so albern und lustig und dann hat er die ganze Zeit diese Stumpfe Musik und so, wie du sagst. Er ist die ganze Zeit politisch und man ist die ganze Zeit da. Genauso würde ich sagen, er ist die ganze Zeit düster, selbst wenn er witzig ist und selbst wenn er witzig und naiv sein will, er hat trotzdem die ganze Zeit diese düstere Ebene und diese politische Ebene und das macht ihn sehr spannend. Bei allen Defiziten, die er ohne jeden Zweifel hat. Interessanter Film. Also ich würde sagen, gehört auf die Liste. Sollte man gucken. Okay.
Johannes Franke: Ja, und wenn ihr den Film doch noch nicht gesehen habt, dann schaut den Film noch, nachdem wir euch da jetzt reingequatscht haben. Und wenn ihr euch den nicht ans Bein binden wollt, dann googelt wenigstens die Szene, wie die Trailer im Kino laufen für die anderen Filme, die da in diesem Kino laufen sollen. Es ist so großartig.
Florian Bayer: Und die Szene, in der Michael Chaplin zum ersten Mal auftritt und diese als Rupert dieses politische Zeug raushaut.
Johannes Franke: Ja. Also wirklich Highlights. Absolute Highlights. Auch überhaupt der Filmgeschichte. Es lohnt sich.
Florian Bayer: Johannes, vielen Dank, dass du mir den gegeben hast. Ich freue mich drauf, wenn du mir Limelight gibst, damit ich das Spätwerk von Chaplin abschließen kann. Da müssen wir aber noch ein bisschen warten,
Johannes Franke: weil es ist schon, wir können nicht die ganze Zeit mit Chaplin reinhauen. Da muss auch noch mehr Wes Anderson reinhauen.
Florian Bayer: Gib mir mehr Chaplin und weniger Anderson. Bitte. Aber es hat mich wirklich, ich habe mich wirklich gefreut über den Filmen. Toll,
Johannes Franke: war ein Erlebnis. Schön. Das freut mich sehr. Okay. Danke, dass du ihn geschaut hast und ich freue mich sehr auf das, was auch immer jetzt kommen sollte. Bleibt noch dran, um rauszufinden, was Plur mir für die nächste Woche aufgibt beziehungsweise uns allen. Ihr guckt da immer alle schön mit. Bis dahin. Bis dahin. Ciao. So, jetzt bin ich sehr gespannt. Was möchtest du mir für nächste Woche geben, Plur?
Florian Bayer: Wenn wir jetzt schon so in deiner Nostalgie gebadet haben, können wir auch gleich darauf noch so ein bisschen in meiner Nostalgie und ich glaube, der Nostalgie von sehr vielen Menschen unserer Generation baden. Du willst noch mal Magnolia gucken? Stand by Me würde ich dir gerne geben. Stand by Me. Stephen King. Du möchtest mir ein Musikstück geben. Aus dem Jahre 1986, du weißt, du musst da nächste Woche auf Ukulele Stand by Me spielen. Und genau,
Johannes Franke: ein toller Film. Ich mag ja Stephen King jetzt nicht so unbedingt. Warum möchtest du mir Horrorfilme geben? Kein Horrorfilm. Kein Horrorfilm?
Florian Bayer: Du kennst den nicht? Nein. Ah, großartig. Du musst den unbedingt sehen. Wahrscheinlich die beste Stephen King-Verfilmung da draußen. Kein Horror. Schaut ihn euch an, Leute. Wir hören uns nächste Woche. Bis dann. Bis dann.
