Episode 150: The Banshees of Ineshirin – Was ist wirklich wichtig im Leben?
The Banshees of Ineshirin (2023) ist der fünfte Langfilm von Martin McDonagh, für den er auf sein gut bekanntes Team aus „Brügge sehen … und sterben?“ aus dem Jahr 2008 zurückgreift. Vor dem Hintergrund einer endenden Freundschaft stellt er die große Sinnfrage, beschäftigt sich mit Monotonie und Tod und findet dabei auch den ein oder anderen lustigen Moment… Achja, der irische Bürgerkrieg spielt vielleicht auch eine kleine Rolle.
In den zugehörigen Top 3 reden wir über die besten Filme, die sich um das Ende von Freundschaften drehen.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 150: The Banshees of Ineshirin – Was ist wirklich wichtig im Leben? Publishing Date: 2023-11-15T08:09:25+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/11/15/episode-150-the-banshees-of-ineshirin-was-ist-wirklich-wichtig-im-leben/
Johannes Franke: Was ist denn wichtiger? Also, Plur, für dich, was würdest du sagen, was ist wichtiger? Etwas zurücklassen oder jeden Tag den Moment genießen? Ganz ehrlich, wenn wir jetzt ganz tief philosophisch werden, würde ich sagen, Plur, Johannes, was würdest du machen, wenn ich jetzt einfach sage, I don't like you no more.
Florian Bayer: Ich glaube, ich würde nicht so reagieren wie Perrick. Ich glaube, weil das einfach nicht meine Art ist, aber ich kann mich total gut in seine Verzweiflung reinversetzen.
Johannes Franke: Krass, ne? Wir reden heute über den Film Banshees of Inner Sheeran, den du, Plur, mir vorgeschlagen hast.
Florian Bayer: Gezwungenermaßen. Hintergrund ist, wir haben schon ein paar Mal über diesen Film geredet, aber immer nur so angedeutet. Johannes hat den vor mir gesehen und hat gesagt, ich habe jetzt übrigens Banshees of Inner Sheeran gesehen und da meinte ich, oh ja, stimmt, da habe ich einen Trailer gesehen, das sah voll gut aus, voll interessant, bin ich total neugierig drauf, auch weil ich den Regisseur Martin McDonnell mag. Und da meinte Johannes, ich war nicht so angetan. Na, das habe ich nicht gesagt. Aber du warst so, nee, du hast gesagt, du weißt nicht genau, wie du den Film fandst, oder?
Johannes Franke: Genau, ich bin mir nicht sicher, ob das ein Film für diese Liste ist, habe ich gesagt, weil ich auch so, der Trailer hat etwas versprochen, was der Film für mich nicht eingelöst hat.
Florian Bayer: Und dann bin ich ein paar Wochen später, vor kurzem, zu Johannes und habe gemeint, ah, ich habe jetzt übrigens Banshees of Inner Sheeran gesehen und der war so großartig. Und dann meinte Johannes nochmal, ah! Und ich glaube, du hast es offensichtlich anders wahrgenommen als ich, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, jedes Mal, wenn ich diesen Film irgendwie auch nur ansatzweise erwähne, bist du so, das war die größte filmische Enttäuschung, die ich in den letzten Jahren hatte.
Johannes Franke: Es ist fast, fast, fast schon, ja. Es ist tatsächlich so, dass ich so, so, so hohe Erwartungen hatte, als ich den Trailer gesehen habe, weil ich meine, nur mal kurz den Trailer, der erzählt nur, dass dieser Typ, Colm, vor seinem besten Freund steht, Patrick, und sagt, I don't like you no more. Und ich werde mir jetzt jedes Mal einen Finger abschneiden, wenn du versuchst, mit mir zu reden. Und mehr verrät der Trailer nicht. Und mehr verrät der Trailer nicht. Und ich war so geflasht und habe gedacht, what the fuck, es geht um das Simpelste dieser Welt, es geht um Freundschaft und dann mit so einer absurden, krassen Prämisse, was ist los, was soll das? Das muss irgendetwas dahinter stecken, was absurd darüber hinaus geht, über dieses Ding.
Florian Bayer: Und dieser Trailer ist total misleading, weil er erweckt den Eindruck, als wäre das ein Film, in dem ein großes Mysterium steht, nämlich, warum ist die Freundschaft beendet? Und man kann sich denken, okay, dann ist es vielleicht eine Banalität oder so, aber das kommt ganz am Schluss raus und alle sind total irritiert, dass diese Banalität dazu führt. Und der Trailer ist insofern misleading, dass wir sehr früh am Anfang des Films erfahren, warum die Freundschaft beendet wird und es besteht kein Zweifel, es gibt kein Rätsel darum, sondern es wird eben gezeigt, wie diese beiden Menschen mit dem Ende der Freundschaft umgehen. Und das ist, glaube ich, der Punkt, wo wir dann auseinander gehen, weil wir sehr unterschiedlich darauf reagiert haben, dass der Film anders ist als der Trailer.
Johannes Franke: Einmal ganz kurz, ganz große Spoilerwarnung. Es ist so, dass wir sehr, sehr viel darüber reden werden, was hier im Film passiert. Wir werden jede einzelne Minute auseinandernehmen unter Umständen, weil dieser Film das einfach muss. Egal. Auf jeden Fall, wir werden keine Geheimnisse zurückhalten. Das heißt, ihr solltet den Film vorher sehen, bevor ihr euch diese Episode anhört. Oder es muss euch nichts ausmachen, dass ihr wisst, was passiert. Ich glaube, es ist nicht der Film, wo es am schlimmsten ist, wenn man schon vorher weiß, worum es geht.
Florian Bayer: Nee, es ist kein Film, der Spoiler, also es ist ein neuer Film, deswegen grundsätzlich mag Spoiler auch nicht. Ich will einen Film sehen, ohne gespoilert zu sein. Aber es ist jetzt kein Film, der davon lebt, dass man ihn ungespoilert sieht. Man kann diesen Film auch sehen, wenn man weiß, was drin passiert. Es gibt keine große Wendung am Ende. Oh, ich kann Geister sehen oder sowas. Welcher Film war das? Aber es ist eben ein junger Film und deswegen machen wir jetzt einmal die Spoilerwarnung. Ihr seid bereit, wenn ihr den Film noch nicht gesehen habt, stellt euch darauf ein, dass ihr den Film anders sehen werdet. Einfach, weil ihr sehr viel jetzt über den Film erfahren werdet. Genau. Benji ist auf Inner Sheeran von Martin McDonough. Ein Richter, der gar nicht so viel gedreht hat, aber dessen Filme ich bis auf einen wirklich sehr schätze. Bis auf einen? Bis auf einen. Welcher ist dieser eine? Seven Psychos. Den fand ich eher so, meh, bürschnittlich. Aber vor allem eben den ersten Film, den er zusammen mit derselben Besetzung gedreht hat wie Benji's. Und zwar... Brücke sehen und sterben. Brücke sehen und sterben. Der wirklich auch vom Ton her sehr ähnlich ist. Auch ein Film, der so eine gewisse Coolness versprüht. Anfang der 2000er Jahre. So ein bisschen in dem Tarantino-Fahrwasser geschwommen ist, den ich auch immer so ein bisschen als Tarantino-Rip-Off gelesen habe. Der aber es schafft, Themen von Tarantino und Stilistiken von Tarantino zu nehmen, um einen sehr melancholischen, sehr gesetzten, ja fast schon tragischen Film zu erzählen. Ja. Und dann natürlich sein großer amerikanischer Hit, Free Billboards Outside Ebbing, Missouri, der ja auch Oscar prämiert ist. Die sind auf jeden Fall sehenswert. Und deswegen neben dem interessanten, wirklich spannenden, neugierweckenden Trailer war das so der zweite wesentliche Grund, warum ich diesen Film unbedingt sehen wollte.
Johannes Franke: Ja, ich glaube, um das mal aufzuarbeiten, warum ich anders reagiert habe als du. Zumindest kann ich ausarbeiten, warum ich so reagiert habe, wie ich reagiert habe. Ich habe gedacht, es ist irgendwas out of this world. Also nicht Aliens oder sowas. Aber ich meine, es ist wirklich etwas, wow, okay, da geht es um, da gibt es tausend Meta-Ebenen und es gibt auch Meta-Ebenen. Aber das ist nicht auf die Art, wie ich gedacht habe, dass es Meta-Ebenen geben würde in diesem Film. Und es ist so ein krasses Geheimnis, wie du vorhin gesagt hattest. Und dann läuft der Film aber auf so einer ganz runtergefahrenen, ehrlichen, einfachen Ebene ab, die ich überhaupt nicht erwartet habe, wo ich mich einfach nicht einlassen konnte. Wo ich die ganze Zeit gedacht habe, okay, da kommt doch irgendwas, da kommt doch so um die Ecke, irgendwas kommt dann noch um die Ecke. Und dann war das aber so geradeaus erzählt. Einfach so, wir haben jetzt gesagt, der Typ hat keine Lust mehr auf dich, weil ihm wichtiger ist, Kunst zu machen, als zu labern. Und diesen Track fährt er dann runter, der Film. Und das war's. Und ich war die ganze Zeit so, fuck, ich muss jetzt noch rausfinden, was das alles bedeuten soll. Vielleicht finde ich dann den Film richtig gut. Und dann habe ich aber herausgefunden, dass es irgendwie noch drunter liegend um den irischen Krieg geht. Und dann habe ich gedacht, das ist nicht das, was ich wollte, was drunter liegt. Was ist denn das?
Florian Bayer: Es ist auch offensichtlich, jetzt wird ganz klar, es ist nicht der Fehler des Films, sondern es ist dein Fehler. Überhaupt nicht, nicht im geringsten der Fehler des Films. Ich glaube auch, es gibt eine zweite Ebene und das ist nicht der irische Krieg. Dazu kommen wir auf jeden Fall auch noch zum Irland-Konflikt, ob das eine Parabel auf den Irland-Konflikt ist. Die blödeste Interpretation für diesen Film überhaupt. Ich absolut ablehne. Und als ich letzte Woche den Film vorgeschlagen habe, habe ich noch gesagt, ich sehe sie einfach nicht. Und jetzt sage ich, nein, ich sehe sie nicht, weil sie blöde ist. Und ich will deswegen, also wenn du was vorbereitet hast, gerne, aber ich will nicht über den Irland-Konflikt reden, weil ich finde, das hat in diesem Film nichts verloren, außer dass es eben am Rande stattfindet.
Johannes Franke: Ich finde, er hat volle Kanne was in der Diskussion zu tun, aber ich stehe nämlich ganz überein, dass es überhaupt nicht das Wesentliche dieses Films ist.
Florian Bayer: Es ist ein intimer Film, der eben zwei große Themen hat und die wunderbar für mich zusammenführt. Und zwar zum einen das, was offensichtlich ist auf der obersten Ebene. Wie geht man damit um, wenn eine Freundschaft plötzlich endet? Aber das Zweite, was ich jetzt beim zweiten Schauen noch viel mehr gesehen habe und das viel wesentlichere Thema ist, vor allem, wie geht man mit dem Tod um? Wie geht man mit der Erkenntnis um, dass man sterben wird? Und was man in diesen Film reinliest, also welche, was man präsenter sieht, ich glaube, hängt natürlich ganz stark davon ab, ob man den Film aus der Perspektive von Column sieht, der eben damit konfrontiert ist, dass er irgendwann sterben wird und deswegen sich so verhält. Oder ob man den Film aus der Perspektive von Perix sieht, der einen guten Freund verliert und nicht versteht, warum und versucht, diesen Verzweifel zurückzugewinnen. Oder der Sicht der Schwester.
Johannes Franke: Die dann einfach nur ruft, you all are fucking boring.
Florian Bayer: Es wird sehr viel geflucht in diesem Film, sehr viel mit dem Facken. Und Shawan ist insofern auch eine extrem spannende Figur in dem Film, weil die natürlich voll auf der Seite von Column ist eigentlich. Und Column konfrontiert sie irgendwann mal und sagt zu ihr, sag mir nicht, dass du das nicht verstehst, dir geht es genauso. Und Shawan im Gegensatz zu Column zieht aber die richtigen Schlüsse. Und Shawan ist die, die es dann ja auch wirklich rausschafft aus dieser Einöde. Und warum ich jetzt, um das noch abzuschließen, dieses zweite Thema, wie geht man damit um, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist, sich zum einen stärker, weil ich beim zweiten Gucken deutlich mehr Column verstanden habe in seinem Verhalten. Und zum anderen, weil ich mich jetzt auch einfach nochmal ein bisschen mehr damit auseinandergesetzt habe, was allein schon im Titel vorkommt. Also darüber müssen wir, glaube ich, reden, diese mythologische Meta-Ebene, die Benjis, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Ich wusste nicht, dass es sowas gibt wie Benjis.
Johannes Franke: Okay, da gehen wir also rein. Ich möchte einmal noch klären, damit wir befreit in dieses Gespräch gehen können. Ich habe ihn natürlich ein zweites Mal geschaut, diesmal nicht mit der falschen Erwartung, sondern eben mit der Erwartung, die ich dann schon vom ersten Sehen hatte und habe den Film so genossen. Und ich habe mich so geil gefreut. Uh, wir wollen streiten. Es tut mir wahnsinnig leid, aber dieses Gespräch wird nicht viel Streit bedeuten. Nein, überhaupt nicht. Ich liebe diesen Film. Okay. Für seine Einfachheit und für seine Themen, die so menschlich, tiefstmenschlich sind und überhaupt nicht dieses Effekt hascherische haben, was Hollywood so oft hat. Und es ist toll. Ach, Floor. Okay, danke dir für diesen wundervollen Vorschlag, den du übernommen hast von mir.
Florian Bayer: Oh mein Gott, jetzt wurde ich nicht nur gezwungen, diesen Film vorzuschlagen. Jetzt kann ich nicht mal, wenigstens so als Ausgleich, mit dir ordentlich darüber streiten. Nein, sagen, du hast den Film nicht verstanden. Wie kannst du diesen Film nicht mögen? Das ist mir wahnsinnig leid. Okay, wir werden beide begeistert sein von diesem Film.
Johannes Franke: Ja. Hast du schon mal was von einer Banshee gehört? Nie vorher. Ich finde die Figur total toll. Ich finde es total spannend, diese Mythologie da mit rein zu flanschen und sie da einfach rumlaufen zu lassen. Wenn sie das erste Mal auftaucht, habe ich das Gefühl, sie ist so wie so ein Vampir, der reingebeten werden muss ins Haus.
Florian Bayer: Mrs. Comrick ist unser Banshee in diesem Film. Aber es gibt vielleicht auch noch mehr Banshees. Ja. Das große Stück, das Colum schreiben will, seine Symphonie, weswegen er die Befreundschaft mit Peric beendet, heißt er Banshees auf Inner Sheeran. Ein Banshee. Eine Banshee ist meistens eine Frau, aber vor allem eben ein Geist, der irgendwie aus dem Wald kommt oder von den Hügeln von irgendwoher, sowohl in Schottland als auch in Irland, ein mythologisches Meme. Und zwar sagen diese Geisterfrauen den Tod voraus. Sterbende Menschen sehen sie am Fenster.
Johannes Franke: Beziehungsweise Angehörige von sterbenden Menschen vor allem. Angehörige von sterbenden sehen sie. Das war das, was ich vor allem mitbekommen habe, dass die einfach sagt, es werden Menschen in deiner Umgebung sterben und dann werden die denken, ach du Scheiße jetzt, wer ist dran, wer ist dran, man weiß es nicht.
Florian Bayer: Eine ganz alte Geschichte dazu, die habe ich gehört, fand ich super witzig, ist die von James, James the First, der im 15. Jahrhundert irgendwie offensichtlich eine Banshee vor seiner Burg sieht und sagt, dieser Duke von Ethel, der kommt vorbei und der wird dich töten. Und James the First sagt, naja, Quatsch, Blödsinn. Und wie es das Schicksal so will, kommen die dann ein oder zwei Tage später und erstechen ihn. Es gibt so einen witzigen Funfact bei dieser Geschichte, deswegen ist sie bei mir so hängen geblieben. Und zwar war James der erste begeisterter Tennisspieler und hat dann irgendwann um die Kanäle herum Mauern bauen lassen, damit seine Tennisbälle nicht da ständig reinfliegen und rausgefischt werden müssen. Und diese Mauer hindert ihn wohl an der Flucht, wenn er auf der Flucht ist, wo er seinen Mördern und deswegen stirbt er, weil er diese Mauer gebaut hat, damit seine Tennisbälle nicht verloren gehen. Die Irish Times hat 1893 einen Text geschrieben mit dem Titel, Where has the Banshees gone? Weil so quasi man hört nichts mehr davon. Das war doch mal so ein großer Mythos, von dem ständig erzählt wurde, woraufhin sie zahllose Briefe gekriegt haben von Menschen, die gesagt haben, no, they are not gone. Und wo dann Leute erzählt haben von irgendwelchen Banshee-Begegnungen, die sie hatten, wie du schon gesagt hast, weil ein Angehöriger gestorben ist. Oder sie saßen im Zimmer bei ihrem Onkel, der krank war und es hieß, ich war wieder auf dem Weg der Besserung und dann hat er zum Fenster geguckt und hat gesagt, ah, da ist sie ja, hallo, willst du mir meinen Tod voraussagen? Und einen Tag später war er tot. Scheiße. Also in der irischen und keltischen und schottischen Mythologie offensichtlich tief verwurzelt diese Banshees und wir haben sie hier sehr irdisch verkörpert durch diese alte Mrs. McComrick, die offensichtlich sowas wie eine Seherin ist auf der Insel, die ja auch von Leuten hinzugezogen wird, um ihnen die Zukunft vorauszusagen. Also Chuan zumindest hat sie zu Besuch. Aber ich habe das Gefühl, diese Banshees sind in dem ganzen Film auch noch mehr und das ist eben das, was Columns sieht. Sie sind eigentlich ständig präsent. Du bist ständig in dieser Einöde, in der sie leben, auf dieser kleinen Insel, die wirklich komplett abgeschnitten ist und eigentlich der einzige Bezug zum Festland ist, dass sie halt die Schüsse hören vom Bürgerkrieg, der am Rande stattfindet. Du bist ständig damit konfrontiert, das Leben ist endlich und das, was hier passiert, ist pure Monotonie und du wirst in dieser Monotonie sterben, so wie du gelebt hast und es wird nichts passieren.
Johannes Franke: Die Insel ist erfunden übrigens, also es gibt in den Schören nicht, aber das Tolle ist, dass diese Insel zusammengesetztes Wort ist, Inesherin und im Grunde Insel Irlands heißt. Ja. Also im Grunde das Land darstellen könnte, im Grunde einfach nur ein Passportoto für das ganze Land.
Florian Bayer: Ja, ein Mikrokosmos des größeren Kosmos. 1923 spielt der Film übrigens, also er ist vor dem Hintergrund des nordirischen Krieges, aber die Insel ist komplett entpolitisiert, soweit, dass Leute sagen, ey, wir verstehen nicht, was in dem Konflikt los ist. Es gibt diesen Dorfpolizisten, Pedder, so die sehr unsympathische Figur, der irgendwann sagt, er muss aufs Festland, weil er bei Exekutionen dabei sein soll und dann sagt er ja, weil die da von denen getötet werden oder was umgekehrt, ach egal, keine Ahnung, irgendwer wird von irgendwem hingerichtet. Ja. Und es gibt auch überhaupt keine Diskussionen auf dieser Insel über Religion, über politische Staatsangehörigkeit oder so. Keiner versteht, was da auf dem Festland vor sich geht. Ja.
Johannes Franke: Der guckt auch einmal rüber alleine, Parik, steht da, guckt rüber und sagt, good luck to you, worüber auch immer ihr da streitet. Ja. Der versteht es echt nicht.
Florian Bayer: Und es ist halt präsent, ne? Wir haben öfter Personen, die an der Küste entlang gehen und es ertönen Kanonenschüsse vom Festland und es gibt dann auch manchmal so ein bisschen ängstliche Blicke rüber. Aber dieser Konflikt ist da und alle wissen, dass dieser Konflikt da ist. Aber gefühlt ist dieser Konflikt allen egal, weil sie halt auf der Insel auch nicht wirklich davon betroffen sind, weil keiner auf dieser Insel groß drunter leidet. Abgesehen davon, dass sie halt sagen, oh ich wünschte es wäre jetzt endlich mal vorbei. Und dann vor diesem Konflikt haben wir unseren kleinen Konflikt. Und der dreht sich darum, dass Parik eines Tages zu seinem besten Freund geht und wie immer sich mit ihm im Pub treffen will. Und dieser beste Freund, Colm, sitzt an dem Tag einfach nur da in seiner Wohnung und raucht in seinem Haus. Anfang 20. Jahrhundert, Ehrische Insel, die haben nicht viel, die haben einfache, wirklich einfache Häuser. Die alle extra gebaut wurden für diesen Dreh. Und die aber unglaublich authentisch aussehen. Ich habe keine Ahnung, wie Häuser damals da aussahen, aber ich versprühe in so Authentizität, dass man friert, wenn man die Leute da drin sitzen sieht. Es ist unglaublich, oder? Weil man weiß, dass der Wind zieht durch und dann ist es kalt drin und ungemütlich und es gibt kaum Licht und es fühlt sich so echt an.
Johannes Franke: Die haben so viel, viel da reingesteckt, dass das wirklich stimmt alles. Auch die Klamotten. Es gab eine Frau, die hat die ganzen Sweater, die ganzen Pullover gestrickt per Hand für die. Ja. Und das mit den kleinen Kragen, der süße, ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, der kleine süße Kragen an dem roten Pullover von Parik. Das ist so toll. Es ist so ein süßes, kleines Detail und die haben sich das alles, die haben sich was dabei gedacht, das zu machen so. Möchtest du Tee, Plur? Ja, das möchtest du Tee. Ich bin schneller. Jetzt greift er zur Kanne, bevor ich das tun kann. In letzter Zeit bin ich ein bisschen nachlässig mit dem Tee, es tut mir sehr leid. Finde ich auch. Du warst echt mal ein besserer Gastgeber.
Florian Bayer: Ja. Ich weiß nicht, ob ich dich noch mag.
Johannes Franke: Das werden wir rausfinden im Laufe dieser Episode.
Florian Bayer: Na, auf jeden Fall, Colm sitzt einfach nur da und raucht und dann geht halt Parik allein ins Pub, weil er das immer so macht. Also, weil er sonst immer mit Colm geht, aber dann geht er jetzt halt mal allein. Und Colm taucht dann später doch in den Pub auf, will sich aber nicht in den Parik setzen. Und Parik ist total irritiert und Colm sagt zu ihm, ich mag dich nicht mehr. Du bist nicht mehr mein Freund, ich hab keinen Bock mehr auf dich. Und das ist das, wo dann die Erwartungen komplett gebrochen werden, weil jetzt erwartet man, es gibt ein großes Mysterium. Irgendwas komisches ist passiert. Und da läuft es auch ganz kurz, zumindest so ein paar Minuten hin. Ja. Weil Parik dann nachfragt, hab ich irgendwas gemacht? Und Colm sagt, nee, nee, du hast nichts gemacht. Und dann wird das aber ganz knallhart gebrochen, weil Colm einfach sagt, woran es liegt. Er hat keinen Bock, sich die wirklich langweiligen Gespräche von Parik noch anzuhören. Parik, der offensichtlich stundenlang über die Kacke von seinem Esel philosophieren kann.
Johannes Franke: Den ganzen Tag darüber geredet, was in dieser Kacke von dem Esel drin ist.
Florian Bayer: Stattdessen hat Colm festgestellt, das Leben ist endlich und er will noch was schaffen, was was bleibt, woran sich die Menschheit erinnert. Die Menschheit wird sich nicht an irgendjemanden erinnern, der nett war, sondern an jemanden, der was geschaffen hat. Und er will Musik machen, er will Musik schreiben. Und diese ständigen Besuche im Pub, dieses ständige Bier trinken und reden über Nichtigkeiten mit Parik hält ihn davon ab, kreativ zu sein. Und da ist er jetzt konsequent und sagt, nee, ich will jetzt mein Leben sinnvoll verbringen, ich will jetzt Musik machen, ich will jetzt Kunst machen und du stehst mir da voll im Weg, also bitte lass mich in Ruhe. Ich will gar nicht böse sein zu dir, das sagt er dann am nächsten Tag. Ich war ein bisschen harsch zu dir, das ist sorry. Es war gar nicht so gemeint, lass mich einfach in Ruhe. Und Parik will das nicht einsehen, sondern sagt, ey, es kann doch nicht sein, dass von dem einen auf den anderen Tag plötzlich du mich nicht mehr magst und ich werde nicht kampflos aufgeben.
Johannes Franke: Er vermutet dahinter irgendwas anderes und versucht irgendwie, have you been Rowling? Rowling. Rowling ist so ein wichtiges Wort.
Florian Bayer: Wir alle fragen, have you been Rowling? Have we been? Übrigens, by the way, wo du das gerade so sagst, so in diesem wunderschönen irischen Akzent, hattest du die Untertitel an? Natürlich. Und wärst du ohne einen Untertitel verloren gewesen? Natürlich. Danke. Ich auch. Also dieser Film ist natürlich, man guckt diesen Film im Original. Erich klingt wundervoll.
Johannes Franke: Es ist so eine schöne Sprache.
Florian Bayer: Es klingt so geil. Man versteht kein Wort.
Johannes Franke: Nichts zu verstehen. Aber es ist so toll, es hört sich wirklich toll an. Und ich finde, dass gerade bei diesem Film, es ist eigentlich bei allen Filmen so, dass man die eigentliche Intention des Schauspielers immer, egal ob man die Sprache versteht oder nicht, im Original hören sollte, um dann die Untertitel damit zu verknüpfen. Ich weiß, manchmal geht das nicht so gut und manchmal muss man einfach die deutsche Variante hören und manchmal gibt es ja auch sehr gute Varianten in Deutsch. Aber hier, das irische ist einfach großartig. Du kannst es nicht verpassen.
Florian Bayer: Es ist vielleicht auch, also genau, ihr müsst es im Original hören, ihr müsst euch die Untertitel anmachen. Also, ihr gesagt, ich bin auch verloren dabei. Es klingt einfach toll und es ist auch dann schön, wenn man in den Untertiteln die Wörter liest und feststellt, was das für englische Wörter sind, die da gesprochen werden. Ja, stimmt. Genau. Und diese irische Sprache macht, obwohl das so oft ungemütig ist, macht aber auch so eine ganz eigene Atmosphäre, so eine irische Atmosphäre in diesem Film. Und wenn er in dem Pub sitzt und kriegt dieses einfache Bier eingeschenkt in sein Glas. Ich habe mir wirklich am Tag darauf, habe ich mir zwei Guinness gekauft, weil ich so Bock auf Guinness hatte, einfach durch dieses Bild vom Typen, der im Pub sitzt und dieses Glas vor sich stehen hat, mit dem Bier, das keinen Schaum hat. Ich habe an dieser Stelle aufgeschrieben, voll die Bierwerbung. Ja, total. Man kriegt total Lust auf Guinness, oder? Absolut. Und dieser Film hat öfter diese Momente, wo es eigentlich, es ist dreckig und es ist kalt, sie sind Anfang des 20. Jahrhunderts, keiner hat Geld, aber sie sitzen da und essen ihren Porridge und du kriegst voll Lust, den zu essen.
Johannes Franke: Ja, es ist so eine romantische Variante davon, es ist irgendwie romantisiert, obwohl man mit denen schon auch irgendwie Mitleid hat, weil ganz viele Sachen der Moderne einfach fehlen und du denkst, ja, jetzt eine Heizung wäre geil. Es ist ein unbequemes Leben, was sie da führen. Ja, aber trotzdem finde ich es einigermaßen zeitlos vom Gefühl her, von dem, wie sie die Story inszenieren. Natürlich hast du ein Period Piece vor dir, aber eigentlich fühlt es sich trotzdem relativ zeitlos an.
Florian Bayer: Weil die Zeit auch nicht so, also abgesehen von eben diesen Kriegsgeräuschen im Hintergrund manchmal und den zwei, drei Momenten, wo wir erfahren, welches Jahr es ist, spielt die Zeit auch keine große Rolle. Das könnte auch im 19. Jahrhundertspielen. Das könnte auch Mitte des 20. Jahrhunderts sein. Ich wette, mit dir, 1950 sahen es an der irischen Küste teilweise immer noch genauso aus.
Johannes Franke: Es gab Kommentare bei IMDb von Leuten, die aus Irland kommen, die sagten, sie haben eine halbe Stunde gebraucht, um herauszufinden, dass es ein Period Piece ist. Sie hätten durchaus abgenommen den Leuten, dass es immer noch Leute gibt, die auf einer Insel in Irland so leben. Ja. Also es gab auch Leute, die widersprochen haben, aber es klang sehr interessant, dass das tatsächlich einfach etwas ist, was so drin zu stecken scheint auch, dass die Kultur tatsächlich auch irgendwie einfach, dass der Film diese Kultur so atmet, obwohl der Regisseur gesagt hat, mir kommt keine irische, traditionelle Musik in den Score rein. Gott sei Dank.
Florian Bayer: Ja. Es ist halt auch, es erzeugt einfach so eine Intimität. Der Film hat grundsätzlich was unglaublich Intimes und unglaublich Nahes, so an den Personen dran und weil er sich wirklich Zeit lässt, das ist ein langsam erzählter Film. Ja, voll. Weil er sich wirklich Zeit lässt, einfach in die Gesichter der Menschen zu gucken, wie sie reagieren, wie sie reden, wie sie auch wirklich Alltag trivial leben, nichts machen. Es ist halt dieser, auf dieser Insel steht alles gefühlt still. Es gibt nichts. Es gibt diesen täglichen Besuch im Pub. Ja. Es scheint auch überhaupt kein Wirtschaften stattzufinden. Hast du jemanden mal im Pub Geld irgendwo hinwerfen sehen oder so?
Johannes Franke: Das schon. Ich glaube, es gibt eine Stelle, aber da wird kein Wert drauf gelegt.
Florian Bayer: Du hast das Gefühl, es steht einfach alles und die haben halt so ihren Alltag und es ist keine Dynamik drin. Das ist das, was ich jetzt nochmal stärker wahrgenommen habe, weil das auch Colm natürlich so verständlich macht. Der zieht das und der sagt, ey, ich bin aber ein bisschen anders. Ich will ein bisschen mehr vom Leben als das hier. Wollen wir die Geschichte noch kurz zu Ende erzählen, damit wir dann einzeln reingehen können? Perrick kämpft, was keine gute Idee ist. Colm sagt, lass mich in Ruhe. Perrick sagt, nee, ich will jetzt wissen, was mit dir los ist. Du musst irgendwie. Und er versucht, er macht mehrere Anläufe. Er pullt ihn an. Er versucht, mit ihm zu reden. Er versucht, du hast Freundehilfe zu holen. Und es kippt zum ersten Mal, wenn er den Priester involviert, der dann bei der Beichte Colm fragt, er sagt mal, das ist doch, das ist nicht richtig, was du da machst. Und Colm ist stinkig. Und dieser Streit zwischen dem Priester und Colm ist großartig, weil der Priester fragt Colm, dann hattest du vielleicht unzüchtige Gedanken gegenüber Perrick. Quatsch. Haben sie manchmal unzüchtige Gedanken über Männer und der Priester reagiert so pisst, dass du direkt merkst, das ist ein eindeutiges Ja.
Johannes Franke: Es ist so geil, weil er wirklich, er spielt das auch verdammt gut. So dieses, es kippt sofort die Stimmung. Nein, niemals.
Florian Bayer: Oh, ist krass. Genau, und das führt dazu, dass Colm seine Drohung von davor wahr macht, dass er sagt, ey, wenn du mir jetzt nicht aufhörst, mich zu nerven, dann schneide ich mir jedes Mal, wenn du mich nervst, einen Finger ab. Schneide ich mir jedes Mal, wenn du mich nervst, einen Finger ab. Und das macht er dann. Er schneidet seinen Finger ab, was ein ziemlich krasses Signal ist, weil er macht ja die Musik und er komponiert nicht nur, sondern er spielt auch die Musik im Pub. Und das ist ziemlich schwierig, wenn du ein Instrument wie ein Seiteninstrument spielst und dafür einen Finger brauchst, dafür alle fünf Finger brauchst. Und er schneidet sich den Finger tatsächlich ab. Aber der Konflikt geht weiter. Es gibt so einen Moment, wo Perrick dann wirklich versucht, erst mal so stillzuhalten. Es hält aber nicht so ganz. Und irgendwann, wenn er betrunken ist, konfrontiert er Colm nochmal, was dazu führt, dass Colm sich alle Finger abschneidet. Alle vier Finger wie gedroht. Und der Streit zwischen den beiden eskaliert dann, weil der Esel Jenny, das Lieblingstier von Perrick, seine beste Freundin, ich hatte kurz überlegt, ob ich als Liste nehme, Gott, jetzt ist auch noch dieses Tier gestorben oder so als Top-3-Liste, weil das ist ja auch Das stimmt. Er ist wirklich einer der traurigsten Tiertote im Film. Der frisst einen von den Fingern und der stickt daran. Und dann ist Perrick sagt, okay, du hast meinen Esel getötet, jetzt ist Krieg und beschließt das Haus von Colm anzuzünden. Genau.
Johannes Franke: Und auch nicht darauf Rücksicht zu nehmen, ob er jetzt drin sitzt oder nicht, aber er soll bitte den Hund draußen lassen.
Florian Bayer: Ja, den Hund, der das einzige Gute an ihm, laut Perrick. Neben dieser Geschichte von den beiden haben wir zusätzlich noch die Geschichte von ein paar anderen Personen und zwar zum einen Shawan, die Schwester von Perrick, die mit ihm zusammenlebt und die aber eigentlich raus will von dieser Insel und die es auch im Laufe der Handlung schafft, am Festland eine Anstellung zu finden und einfach runterzukommen von der Insel. Und dann von dem anscheinend Dritten im Bunde von dieser Beziehung von Colm und Perrick, Dominic, der so ein bisschen der Dorfdepp ist, den Rufer, den Dorfdepp zu sein, der sehr unter seinem Vater leidet, der ihn misshandelt. Der Polizist. Der Polizist Pedder. Und Dominic kommt eine Zeit lang bei Perrick unter, weil er die Misshandlung von seinem Vater nicht mehr erträgt, was wiederum zu einem Konflikt zwischen Perrick und Pedder führt, der auch eskaliert und die Konflikte, die spielen dann auch nachher zusammen. Mit diesem Moment, wo das Haus von Colm brennt und Pedder unterwegs ist, um Perrick wahrscheinlich wirklich zu töten. Wir wissen das nicht, weil es kommt nicht so weit, weil Dominic wird dann tot im See gefunden. Und in diesem ganzen Szenario läuft eben immer diese Miss Comriek rum, dieser Banshee, Genau so, Flor. Ich habe, wie ich könnte, als wäre sie vor mir. Wie immer die schöne Frage am Ende. Ist es ein positives Ende? Ist es ein negatives Ende? Was, gibt es Hoffnung? Gibt es Hoffnung für die Beziehung zwischen Perrick und Colm? Gibt es Hoffnung für deren beiden Leben? Das ist jetzt der Clickbait-Moment.
Johannes Franke: Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, welche Meinung wir dazu haben. Ja, ich würde es wirklich ans Ende setzen, weil das müssen wir jetzt einfach, da müssen wir uns hinrobben, so ein bisschen.
Florian Bayer: Robben wir uns hin, was ja auch wirklich auf dieser Insel, auf der wir uns befinden, in Asherin, wirklich ein Robben ist, weil es ist alles ein Stück langsamer, als wir
Johannes Franke: es kennen. Fangen wir an mit, was ist der Unterschied zwischen Aimless Chatten und Normal Good Chatten?
Florian Bayer: Das ist dieselbe Frage, was ist der Unterschied zwischen Darl und Nice? Ja. Und damit kämpft Perrick ja auch die ganze Zeit, dass er irgendwann das Gefühl hat, oh shit, ich dachte eigentlich, ich bin der nette Typ.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich bin der fröhliche, und das sagen ja auch alle, ich bin der nette, fröhliche Typ.
Johannes Franke: Und das sehen wir in den ersten Frames. Er läuft da durch das Dorf durch, mit so einem Lächeln auf den Lippen, dass man sagt, okay, das ist der coole, nette Typ, dem wir jetzt folgen. Vielleicht ist er auch der Dorftepp, weil er ein bisschen zu sehr lächelt.
Florian Bayer: Und das kommt dann halt irgendwann plötzlich. Ich stelle mir fest, okay, das Nette wird auch irgendwie als Darl. Als dumm und uninspiriert und langweilig wahrgenommen. Und ja, die Antwort ist alles andere als trivial auf diese blöde Frage. Was ist der Unterschied zwischen albernem, sinnlosen Geschwätz und einem guten, netten Smalltalk? Ja. Die Frage kannst du nicht beantworten. Die ist einfach persönlich von Person zu Person abhängig. Ja, absolut.
Johannes Franke: Genauso wie die Frage, die dahinter steckt, die ja kaum für sich eben einfach beantwortet, indem er sagt, ich will die Kunst machen. Und was vielleicht auch die Frage des Filmemachers ist, der zwischen Saufen und Kunst hin und her gerissen ist. So sind sie, die Iren. Und Colm halt sagt, Kunst ist mir wichtiger als Saufen, obwohl er auch jeden Tag im Pub ist, um dort dann Musik zu machen und zu saufen.
Florian Bayer: Da hat sich nichts geändert. Das ist ja das Krasse an Colm. Und Chawain enttarnt ihn ja voll, wenn sie sagen, Alter, du hast gerade von Mozart gesprochen. Du bist im komplett falschen Jahrhundert. Du hast keine Ahnung, wovon du quatschst.
Johannes Franke: Und das ist toll. Das finde ich nämlich super, weil der Film damit keine Seite aufmacht. Ja. Er gibt beiden Flaws. Ja. Und dieses Kunstding ist vielleicht auch nur eine Ausrede.
Florian Bayer: Glaube ich auch. Ich habe tatsächlich, ich finde, Colm bietet sich so extrem halt auch an Mitleid mit ihm zu haben. Wenn wir ihn mal am Anfang in diesem Haus sitzen sehen. Ja. Und er raucht und er scheint ja wirklich zu grübeln. Ja. Und es ist so ein bisschen witzig, wenn Chawain und Perrick dann drüber reden beim Abendessen. Is he depressed? Und das irgendwie benutzen. Man merkt, die haben keine Ahnung von moderner Psychologie. Das haben die irgendwann mal aufgeschnappt, weil das gerade so ein Wort ist, das oft benutzt wird. Aber die wissen nicht, was dahinter steht. Aber genau danach sieht es aus. Voll. Und der Priester fragt ihn ja auch, was ist mit deiner Verzweiflung? Hattest du nochmal so Verzweiflungsmomente? Offensichtlich deckt Colm mindestens in einer tiefen Lebenskrise. Und er fragt sich, was ist der Sinn von meinem Leben? Ja. Und natürlich ist das traurig, wenn er da sitzt und dann denkt, okay, ich sitze hier, ich gehe ins Pub, ich unterhalte mich mit meinen Freunden, ich mache nichts. Und diese Sinnkrise, ich glaube, jeder kommt mal in so kleine Sinnkrisen. Ja, klar. Oder auch größere. Aber die ist ja wirklich sehr existenziell und lässt ihn ja auch zu drastischen Schritten greifen. Er tut mir wirklich leid, wenn ich ihn so sehe, auch wirklich mit diesem verzweifelten Blick, weil er merkt, wie sein altes Leben noch an ihm zerrt. Ja. Und er will das ja auch nicht ganz loswerden.
Johannes Franke: Er hat auch Mitleid die ganze Zeit mit Paris. Ja. Weil er natürlich eine Geschichte mit ihm hat und das auch ihm wehtut, das wegzureißen. Und deswegen ist er auch immer wieder nett zu ihm zwischendurch, wenn er verprügelt wird von Polizisten und solche Sachen. Ja. Acts of Kindness werden ja trotzdem. Total. Aber es tut ihm halt auch wahnsinnig weh, nichts zu hinterlassen. Und das Ding ist, er hat natürlich einen Trugschluss. Wenn er von Mozart redet, es ist nicht Mozart gewesen, der beschlossen hat, dass er jetzt berühmt wird. Ja. Andere Leute haben das beschlossen, weil sie die Musik toll fanden. Aber er kann nicht entscheiden, ich mache etwas jetzt, was die nächsten 200 Jahre Bedeutung hat. Ja. Das ist nicht sein, das liegt nicht in seiner Hand.
Florian Bayer: So funktioniert das nicht, ja. Das ist der Moment, wo Colm halt auch wirklich einfach sehr schlicht ist in seinem Denken, weil er davon ausgeht, er muss sich jetzt entscheiden. Entweder macht er dieses alte Leben, das er hatte, weiter oder er kommt in sein neues Leben mit der Kunst und mit den Musikstudenten, aber er kann nicht beides gleichzeitig machen. Und er sieht das so, zum einen sieht er das so total schwarz-weiß, ich muss jetzt alle Brücken abreißen zu Parik. Ja. Und gleichzeitig merkt man, wie er komplett da überhaupt nicht rauskommt aus diesem Alten. Er sitzt, du sagst es, er sitzt jeden Abend im Pub und träumt und er unterhält sich mit genau denselben Idioten, nur nicht mit seinem besten Freund. Weil der Barkeeper, der Polizist, die sind ja auch alle da und der redet auch die ganze Zeit mit denen und das sind ja auch keine intelligenteren Gespräche. Es ist nicht so, dass Parik irgendwie sich groß unterscheiden würde von seinen Gesprächsthemen, von den anderen.
Johannes Franke: Nee, wirklich nicht. Natürlich hat er sich mehr mit diesen Musikstudenten da umgeben und hat viel mehr mit denen geprobt und so. Ja. Aber er hätte genauso gut sagen können, du Parik, wir machen jetzt einen Tag der Woche oder zwei oder die Hälfte der Woche, sitze ich jetzt mit den Studenten da zusammen, tut mir leid, aber ich komme dann halt wieder. Ja. Und dann können wir uns immer noch über die Scheiße deines Edels unterhalten.
Florian Bayer: Es gibt tausend andere Arten, wie er damit umgehen könnte. Selbst so ein freundliches, ich brauche mal ein bisschen Zeit für mich, lass mal ein bisschen lockerer, lass mir mal ein bisschen mehr Zeit für mich, das hätte ja schon gereicht. Was ist aus dem guten alten Freundschaft ausfäden lassen geworden? Vielleicht nächste Woche. Bisschen Ghosting. Ja, das tut doch nicht weh. Das ist ganz interessant, weil es ist, wie dieser Film das Ende einer Freundschaft inszeniert, ist ja nicht, wie die normalerweise Freundschaften enden. Freundschaften enden ja tatsächlich eher so, dass man sich auseinanderlebt, dass man vielleicht das Beide, das Feststellen, das vielleicht auch mit so ein bisschen Ghosting, wie du es sagst. Ja. Und von beiden Seiten vielleicht auch.
Johannes Franke: Das klingt schon so aktiv. Es gibt so viele Freundschaften, die gar nicht aktiv bedacht werden. Das, ich will ich nicht mehr oder keine Lust mehr oder so. Es gibt Freundschaften, wo man nach zwei Jahren da sitzt und denkt, hm, komisch, warum habe ich den eigentlich nicht mehr gesehen? Ja. Das war's.
Florian Bayer: Es ist halt auch, weil Freundschaften ja auch anders entstehen als, Freundschaften entstehen ja auch so. Es gibt ja selten diesen Moment, wo du sagst, ey, willst du mein Freund sein? Ja, genau. Das passiert ja nicht. Das ist eigentlich so ein Liebesbeziehungsding. Die Freundschaft, die sie hatten, hat viel mehr von einer Liebesbeziehung, weil, also auch wie sie beendet wird, ne?
Johannes Franke: Ja, wie sie beendet wird. Wie sie angefangen hat, wissen wir nicht. Es wird wahrscheinlich im Spielkasten gewesen sein, weil die sind ja alle geboren und die werden da alle sterben. Ja. Also, ich denke, das ist einfach by default eine Freundschaft, die einfach da hingehört. Aber Perrick ist schon ein gutes Stück jünger als Colm, ne?
Florian Bayer: Das stimmt, ja. Das ist eigentlich auch ganz interessant. Das ist eine Freundschaft zwischen einem, wie alt soll Colm sein? 60? Ja, irgendwie sowas. Und Perrick ist eher so Mitte 30, Ende 30, 40?
Johannes Franke: Ja, 40, würde ich sagen.
Florian Bayer: Ja, es stimmt. Es trennt sich ein paar Jahre. Und auch interessant, weil dann haben wir noch Dominik, der nochmal ein gutes Stück, der nochmal 20 Jahre jünger ist als Perrick, der wahrscheinlich sogar noch mehr, der nicht mal volljährig ist oder gerade so volljährig.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, hm. Irgendwie so dazwischen. Über den müssen wir auch ganz viel reden. Ja. Aber lass uns mal bei Colm bleiben. Der hat halt dieses dringende Bedürfnis, irgendwas zu hinterlassen. Was ist denn wichtiger? Also, Plor, für dich, was würdest du sagen, was ist wichtiger? Etwas zurücklassen oder jeden Tag den Moment genießen?
Florian Bayer: Ganz ehrlich, wenn wir jetzt ganz tief philosophisch werden, würde ich sagen, es spielt eigentlich keine Rolle. Also, die Konfrontation mit dem Tod ist das eine. Dein Leben ist endlich. Irgendwann ist diese ganze Schose vorbei. Wenn du noch eine Ebene weitergehst, bist du konfrontiert mit dem Tod von allem. Irgendwann ist diese ganze Schose vorbei. Was bringt es einem Mozart, wenn er was hinterlässt, was jetzt immer noch gehört wird? Wenn in, keine Ahnung, 5000 Jahren, lass es 5 Millionen Jahre sein, wird Mozart auch nicht mehr erinnert werden. Ist Mozart auch weg? Ja. Und wenn es 5 Milliarden Jahre sind, irgendwann ist diese ganze Schose vorbei. Das Universum ist endlich. Irgendwann ist alles weg. Das heißt, sowohl den Moment genießen, als auch dieses was hinterlassen, ist irgendwie so ein Proxy-Sinn. Du erschaffst dir einen Sinn, weil du nicht damit klarkommst, dass es eigentlich total sinnlos ist. Und das ist auch total wichtig. Deswegen haben wir Menschen ja auch Gott erschaffen. Oder das Paradies, die Unendlichkeit, whatever. Wir brauchen das irgendwie, sonst verzweifelst du. Das ist dieses typische Existenzialismus-Ding. Du stellst fest, dass alles sinnlos ist. Jetzt hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du verzweifelst komplett und sagst, das ist so wie Schopenhauer und es macht alles gar keinen Sinn. Eigentlich könntest du in der nächsten Brücke springen. Das kann es ja nicht sein. Oder du sagst, okay, ich akzeptiere das. Und ja, dann ist es eigentlich egal. Mach das Beste draus. Und zwar, das Beste ist das, was dir am besten tut. Wenn du dich total wohlfühlst mit dem Gedanken, hey, ich hinterlasse hier was für die Zukunft, ist das geil. Wenn du sagst, ey, ich fühle mich am besten im reinsten Hedonismus. Ich will einfach nur saufen und kiffen, bis ich tot bin. Das ist auch geil. Und wahrscheinlich ist es dann doch auch irgendwas dazwischen, weil kein Mensch lebt ja so radikale, niemand lebt so radikale Lebensentwürfe. Nur habe ich dich gefragt. Was ist denn bei dir? Wahrscheinlich hätte ich, also ich weiß es nicht genau, was dazwischen. Wahrscheinlich, weil es egal ist, es ist irgendwas dazwischen. Natürlich habe ich meine hedonistischen Seiten und finde es gut, einfach den Moment zu genießen und auch alberne Gespräche zu führen. Ich meine, ich habe jetzt halt auch Familie. Das ist so was, was irgendwie so sinnfüllend ist. Und dann geht es darum, dass man denkt, okay, ich will mein Kind so erziehen, dass es für einen Menschen wird, der irgendwie gut lebt und der was mitnimmt. Natürlich finde ich es wichtig, Sachen zu schaffen. Ich meine, ich nehme einen Podcast auf in der Woche, den ich sehr gut abgesichert habe auf mehreren Ebenen bei verschiedenen Servern, dass er auch ja nicht verloren geht und der einmal noch im Internet Archive gespeichert ist. Und bei mir auf drei Festplatten. Dass er auch wirklich nicht verloren geht. Also natürlich spielt das offensichtlich auch eine Rolle. Ja. Aber ich glaube, man kann das einfach nicht so absolut sagen. Und das ist ja auch der Fehler von Com, dass er das so absolut sagen will, obwohl er es auch nicht lebt.
Johannes Franke: Ich finde, dieses Bedürfnis, was zu hinterlassen, hat drei Aspekte. Das eine ist, was mir jetzt gerade einfällt, weil du Familie gesagt hast, wenn Com ein Kind gehabt hätte, dann hätte er all seine Energie da reinstecken können. Dann hätte er sagen können, ich habe etwas, was ich hinterlasse, dem gebe ich. Ich glaube, das ist einer der wesentlichen Punkte, die der Film nicht richtig anspricht, die aber voll Platz gehabt hätten in der ganzen Geschichte. Familie. Aber das wollte der Regisseur nicht mit reinnehmen, finde ich auch vollkommen legit Entscheidung. Aber das wäre etwas gewesen, was man hätte mit reinbringen können, wenn er ein Kind gehabt hätte. Das andere ist, was verspricht man sich davon, wenn man Sachen hinterlässt? Ich glaube, es gibt da zwei verschiedene Richtungen. Das eine ist, ich will, dass etwas, was ich getan habe, noch zukünftigen Generationen hilft oder etwas sagt oder etwas bringt. Oder die andere Seite, ich will fucking berühmt sein, ich will fucking Ego gestreichelt haben und auch wissen, dass auch noch in 3000 Jahren mein Ego gestreichelt wird. Das war jetzt sehr wertneutral formuliert. Und ich habe nicht mal das Bedürfnis, ein Kind zu haben, was irgendwas von meiner Legacy nach vorne bringt, weil mir ist es echt sehr, sehr wurscht. Ich will das, was jetzt passiert in dieser Welt, in der ich lebe, da will ich was bewirken. Aber ob das in Zukunft noch was macht oder nicht, das sollen die machen. Das ist nicht mein Ding. Da habe ich nichts mehr zu tun. Davon habe ich auch nichts in meinem Leben. Ob da noch in 20, 30, 400, 500 Jahren irgendjemand was von mir in die Hand nimmt und sagt, oh, wir cool oder nicht. Also ich bin da vielleicht genau auf der anderen Seite. Und deswegen bin ich vielleicht auch eher bei dem, obwohl ich kaum total nachvollziehen kann, bei dem, was Patrick sagt. Dass er sagt, what happened to niceness? Yeah. You used to be nice. Have you ever been nice? I don't know anymore. Das ist krass.
Florian Bayer: Bei Perrick tut es mir halt auch wirklich leid, weil er wirklich, wirklich glücklich damit, auch wirklich stolz darauf war, dass er der Nette ist. Ganz witzig immer so, er ist der Nette, aber nicht, wenn er getrunken hat. Wenn er getrunken hat, ist er manchmal nicht nett. Und diese Verzweiflung dann mit seinem, damit konfrontiert zu werden, dass das, wie er sein Leben lebt, was total okay war für ihn, wie er total gut gelebt hat, dass das plötzlich so radikal in Frage gestellt ist. Ja. Und er hilft ja auch mit, er stellt es dann ja auch in Frage, ne? Ja. Kolms Worte sind echt hart zu ihm und sind auch echt gemein. Aber sie fallen bei Perrick auch auf fruchtbaren Boden, der sich plötzlich in Frage stellt. Und dann da sitzt mit Siobhan und wirklich ganz verzweifelt fragt, sag mal, bin ich der Dorfte? Bin ich der Dumme hier? Das kann doch nicht sein. Okay, Dominik ist der Dumme, ganz klar. Aber wer kommt dann? Bin ich auf Platz zwei? Und wirklich Angst hat das. Das ist wirklich traurig. Und dann sitzt er im Pub und fragt die anderen da, ey, und was ist denn, bin ich der Dumme? Und sie so, nein, nein, du bist der Nette. Das klingt, als ob ich der Dumme wäre. Ja. Das ist wirklich hart, weil er wird damit, sein ganzes Wesen wird komplett in Frage gestellt. Natürlich ist Kolm daran schuld. Kolm ist daran schuld, dass sein Lebensentwurf wirklich so runtergemacht wird. Dann auch in dem Moment. Ja.
Johannes Franke: Das tut mir eben wahnsinnig leid. Ja, total. Aber ich weiß gar nicht, ob ich wirklich eine Seite habe oder sowas. Ich kann Kolm verstehen. Ich finde, dass er das viel besser hätte hinkriegen können. Aber ich kann auch verstehen, dass Männer in dieser Zeit nicht so gut darin waren, das ordentlich zu kommunizieren.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist ja wirklich, er sagt ja wirklich geradeaus, er hat keine Lust mehr, ich will was Besseres mit meinem Leben und kann nicht empathisch irgendwie mit ihm darüber reden.
Florian Bayer: Ja. Aber Perrick ist halt auch so, er kann damit nicht wirklich umgehen. Und das liegt auch an Perricks nettem Wesen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Er versucht es ja wirklich auch auf die nette Art und er versucht da irgendwie ranzukommen und das irgendwie zu begreifen. Aber er ist auch ein bisschen blöd, wenn es darum geht, Signale zu verstehen. Ja, ja.
Johannes Franke: Und wenn sein Freund ihm droht, ich schneide mir jetzt einen Finger ab und er hört trotzdem nicht auf damit. Na gut, er versucht es ja erstmal und dann ist er besoffen, weißt du, und dann bricht es raus. Ich kann auch verstehen, dass er es rausbricht, dass er da irgendwie nicht, ne.
Florian Bayer: Da ist halt auch diese Verzweiflung, nachdem er von Pedder verprügelt wurde und dann sieht er Pedder und Colm in der Kneipe da sitzen und reden und Colm hasst Pedder. Keine Frage, der haut ihm ja auch später eine, gibt ihm ja später auch eine mit. Ja. Aber da sieht es kurz für Perrick so aus, als würden die beiden sich lustig, nett unterhalten. Ja. Und er hasst Pedder vollkommen zu Recht, weil Pedder ist wirklich ein Arsch. Ja. Und das ist der Moment, wo er dann ausrastet. Ja, da ist was anderes. Aber dass er den Priester einspannt, dass er zu dem Priester geht und sagt, kannst du nochmal mit Colm reden? Kannst du nicht vielleicht die Beichte dafür nutzen? Ja.
Johannes Franke: Ja. Ja, ja. Ich habe übrigens die ganze Zeit mitlaufen, was mir das Internet alles so eingebläut hat, dass das alles mit irischer Krieg und der Polizist ist in Großbritannien und Bullshit. Was für ein dummer Bullshit. Das ist alles in meinem Kopf, läuft die ganze Zeit mit und ich würde es gar nicht so sehr als Bullshit bezeichnen. Ich würde bloß sagen, es macht den Film schwächer als Stärker.
Florian Bayer: Ja, total. Die Stärke dieses Films liegt auch darin, dass es so ein intimes Porträt von Menschen ist. Dass es darum geht, wie Menschen sich verhalten, wie Menschen mit dem nahenden Tod umgehen, mit dem Ende von Freundschaften und so weiter. Ja. Und wenn du da den Krieg reinbringst und sagst, das steht ja eigentlich für dieses Land, dann machst du das flacher, als es davor war.
Johannes Franke: Ja, weil es einfach die Wahrheit liegt in den menschlichen Interaktionen und nicht in einem intellektualisierten Überbau.
Florian Bayer: Und es wäre auch komisch vom Storytelling-Standpunkt, das Ganze als Parabel auf was zu haben, was gleichzeitig im Hintergrund stattfindet. Das wäre auch storytelling-technisch nicht wirklich geschickt.
Johannes Franke: Also der Regisseur, muss man dazu sagen, hat das durchaus ins Spiel gebracht. Der hat das in den Interviews durchaus so. Aber er hat das auf eine Art und Weise ins Spiel gebracht, dass er gesagt hat, ja, das läuft halt so mit. Genau. So. Das ist so sein, das läuft irgendwie mit und man kann das so sehen. Aber ich glaube, das war ihm auch nicht so wahnsinnig wichtig, dass es nur alles genau darauf abgestimmt ist.
Florian Bayer: Es ist kein politischer Film, es ist ein persönlicher Film. Und wenn Martin McDonough das gemacht hat, dann, das ist mir scheißegal. Ich finde wirklich, es ist wirklich so ein Fall, wo ich sage, das ist zu viel rein interpretiert und das tut dem Film nicht gut. Du willst den Film nicht als politische Parabel lesen, einfach weil das menschliche Intime, das ist stark und das ist auch tief genug, das braucht nicht noch mehr Tiefe, indem man Politik rein interpretiert. Diese zwei einfachen Dinge, wie gehst du damit um, wenn du mit der Endlichkeit des Seins konfrontiert wirst und das zweite, wie gehst du damit um, wenn du mit der Endlichkeit von Freundschaft konfrontiert wirst. Das ist mehr als genug Zeug, das braucht nicht noch, wie verhalten sich die Nordiren und die Iren. Und ich habe auch übrigens nichts dazu recherchiert. Ich bin nicht gut, was der Konflikt betrifft.
Johannes Franke: Hör mal kurz weg. Also es geht ja im Grunde darum, dass 1921 die Iren ihre Unabhängigkeit bekommen haben von Großbritannien und dass dann der Bürgerkrieg losgegangen ist über die Frage, was nun eigentlich damit passieren soll und auf welche Art und Weise. Ich habe nicht viel dazu recherchiert, deswegen weiß ich auch nicht so wahnsinnig viel dazu. Aber man kann es natürlich als Parabel lesen, dass Freunde, die als sie noch gemeinsam gegen England gekämpft haben, plötzlich zu Feinden geworden sind, weil sie unterschiedliche Ansichten dazu hatten, wie es weitergehen soll. Und dann lässt sich natürlich Chévin als diejenige, als Stellvertreter für die ganzen Leute, die sie verloren haben in diesem Bürgerkrieg, die geflüchtet sind. Und es sind ja viele Leute geflüchtet aus, nicht nur die Intellektuellen, sondern einfach Leute, die ihr Leben woanders leben wollten, statt in diesem Krieg zu hängen und Angst hatten um ihr Leben und ihre Familie leben. Und dann kann man den Polizisten als Großbritannien werten und das alles darauf abstellen und so. Und Dominik hat bestimmt auch irgendeine Bedeutung.
Florian Bayer: Der Sohn von Großbritannien.
Johannes Franke: Hm? Der Sohn von Großbritannien. Großbritannien? Nee, das ist eigentlich das gebeutelte Volk, das von Großbritannien immer wieder auf den Deckel bekommt. Selbst nach der Unabhängigkeit. Es hat Großbritannien ja immer noch Irland sehr stark unter Druck gesetzt und wenn ihr nicht das macht, dann machen wir das nicht oder solche Sachen.
Florian Bayer: Das ist so eine schreckliche Interpretation, finde ich. Das ist auch so eine Holztafel-Interpretation. Das ist so Gymnasiasten.
Johannes Franke: Das war so eine Verachtung Gymnasiasten gesagt.
Florian Bayer: Klassenstufen 9. Schreibe eine Interpretation, inwiefern Banshees of Ines Sheeran als Parabel auf den Erischen Bürgerkrieg gelesen werden könnte. Benutze dazu folgende Schablone. Pedder gleicht England. Dominik gleicht das Volk. Hast du ein Trauma, das du verarbeiten möchtest, Blu? Ja, wahrscheinlich. Ja, soll jeder machen, wie er glücklich wird damit. Nee, ich finde es einfach, die Personen sind so spannend. Warum müssen wir die als Staaten lesen? Warum müssen wir Dominik als das Volk oder so lesen und Pedder als England, wenn Dominik einfach als Sohn, der von seinem Vater misshandelt wird und der irgendwie versucht, Anknüpfungen zu finden, der eine ganz tiefe Beziehung zu Perrick hat und diese Enttäuschung als Perrick ihm dann erzählt, dass er den Musiker verarscht hat und ihm gesagt hat, dass sein Vater verletzt wurde. Da kriegt diese einfache Figur des Dorfdeppen so viel Tiefe. Auch, dass er dieses Simpen für Siobhan, was voll niedlich ist und so hilflos und verzweifelt und einfach so chancenlos.
Johannes Franke: Ja, ich muss mal sagen, dass diese Stelle im Film eine der tragischsten und am besten gespielten Stellen ist. Wie er sich da hinarbeitet, dass er irgendwann den Satz sagen kann, there goes that dream. Das ist so herzzerbrechend. Ja. Es ist wirklich krass. Er spielt das wirklich sehr, sehr gut.
Florian Bayer: Unglaublich gut. Der Darsteller von Dominik. Jetzt muss ich nochmal ganz kurz auf den Namen schauen. Ich hab gerade auch gesucht. Barry Cohen, der unter anderem in Dunkirk mitgespielt hat und The Green Knight, der mit mir bisher noch nie aufgefallen ist. Und der in diesem Film mit mordsfantastisch spielt. Unglaubliche Leistung, muss man wirklich sagen. Und auch Gary Lydden, der den Pedder spielt, finde ich auch stark. Das Problem ist bei dieser Rolle des Pedder, das ist die unsympathischste Rolle und die ist so die eindimensionalste Rolle, weil das einfach der Fiesling ist. Aber auch dieser Pedder kriegt zumindest den Moment, wo er trauern darf, dass sein Sohn gestorben ist, wo man ihm ernsthafte Trauer ansieht. Ja. Und Verzweiflung.
Johannes Franke: Ja, es ist sowieso sehr ambivalent überall in allen Geschichten, die dieser Film erzählt. Jede Figur hat eine Ambivalenz und hat eine Doppelbödigkeit. Es ist nicht nur derjenige, der seinen Sohn schlägt, sondern eben auch der trauernde Vater.
Florian Bayer: Ich finde, weil du den traurigsten Moment reingeworfen hast, ich finde tatsächlich den traurigsten Moment, wenn Chuan mit Pedder aneinandergeregt, die sich streiten und dann Pedder sagt, okay, no one likes you. Und dann haben wir danach die Szene, wie Chuan weinend im Bett liegt. Weil sie damit konfrontiert ist, dass sie die komplette Außenseiterin auf dieser Insel ist und dass es hier so hart gesagt wurde. Ja. Das tut auch verdammt weh. Also das finde ich ist auch echt ein trauriger Moment. Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen. Aber wohin? Oh mein Gott, Johannes. Ja? Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein. Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify oder Apple oder sowas. iTunes, Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Florian Bayer: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen. Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau. Und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-musmann-sehen.de oder florian-at-musmann-sehen.de. Genau. Schickt uns Filmvorschläge und so weiter. Boah, das...
Johannes Franke: Oh, wir sind schnell durchgekommen.
Florian Bayer: Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Johannes Franke: Der ganze Film hat so zutiefst menschliche, einfache Themen und Probleme zu behandeln. Also meilenweit von Marvel und Co. entfernt. Ich finde das so beeindruckend. Das ist fast schon mutig, wie sehr sich der Film reduziert auf diese Themen. Ich finde es krass. Also weil man ja immer das Bedürfnis hat, irgendwie dann noch aufzutrumpfen und dann noch Effekte mit reinzuhauen und dann noch irgendwie Aufmerksamkeit des Zuschauers zu kriegen. Hier blinkt was, da blinkt was, da explodiert was. Also nicht nur literally, nicht nur im Marvel-Sinne, sondern eben, dass man auch irgendwie einen Film macht, wo man vielleicht einen One-Shot imitiert und durch ein Theater durchgeht mit einer Kamera und dann sagt, hier, guck mal, wir haben diesen Effekt als Verkaufsargument für diesen Film. Der hat das einfach nicht.
Florian Bayer: Und um das dazu zu sagen, die Bilder in diesem Film sind wirklich, wirklich, wirklich gut. Und McDonnell ist ja bekannt dafür, dass er immer mit denselben Leuten zusammenarbeitet. Und Ben Davis, der Kameramann, gehört unter anderem zu denen, mit denen er zweimal zusammengearbeitet hat, nämlich bei Seven Psycles und Free Billboards. Und ich würde sagen, es ist von Ben Davis seine beste Leistung bisher. Der Typ hat, du hast Marvel gesagt jetzt mehrmals, Ben Davis ist Marvel-Kameramann. Der hat Guardians of the Galaxy, Captain Marvel und Avengers Age of Ultron und noch einige andere Marvel-Filme hat er, war er an der Kamera. Und er zaubert hier wirklich reduzierte Bilder, auch sehr viele, die sich so, die dann doch diese Zeitlichkeit drin haben, dadurch, dass wir wenig Licht haben. Wir haben diese Dunkelheit, wir haben diese natürlichen Lichtquellen, ein paar Kerzen, ein paar Öllampen, das ist alles, ist viel im Dunkel, viel im Schatten. Und das kontrastiert mit vielen Totalen, die über diese Insel gehen und die auch die Schönheit dieser Insel zeigen. Also wir haben diese Landschaftsaufnahmen, eine wirklich schöne Insel und dann diese sehr intimen Bilder in engen Räumen, Menschen, die in der Kälte sitzen, die kaum Licht haben und dadurch entsteht eine krasse Nähe zu diesen Personen.
Johannes Franke: Voll. Ja, der Kameramann hat auch tatsächlich sein Konzept noch überlegt. Zum einen habe ich darüber reden hören, wie er das mit dem Licht gemacht hat und dass es ihn fast schon überrumpelt hat, weil er eigentlich was anderes vorhatte. Er wollte halt ein klassischer Licht setzen für die Lampen im Pub und hat dann irgendwie aufgebaut und mittendrin im Aufbauen so ein riesiges Floodlight von oben, das außerhalb des Bildes von oben nochmal grundsätzlich Licht kommt, weil die Practicals, die da drin sind, die Lampen, die tatsächlich da sind, die geben nicht genug Licht. Das geht nicht. Für eine Kamera reicht das nicht. Und dann wollte er jedem Einzelnen irgendwie Licht geben und mittendrin hat er gesagt, nee, der muss im Schatten verschwinden, das geht ja gar nicht. Der kann ja gar nicht so ein eigenes, das ist viel zu gutes Licht dann sonst. Das funktioniert einfach nicht.
Florian Bayer: Aber sie haben es digital gedreht, ne? Also digital kannst du relativ viel machen, auch mit diesen wenigen Lichtquellen. Das ist ja das, was Robert Eggers bei The Witch gemacht hat. Ja, ja, ja. Du hast wirklich nur so eine einzelne Lichtquelle und du holst halt das Beste raus, was geht.
Johannes Franke: Aber dann musst du wieder mit Linsen arbeiten, die sehr weit aufgehen und das ist auch eine Einschränkung auf der anderen Seite. Das heißt, die haben hier schon ein kleines bisschen klassischer gedreht als jetzt The Witch mit Offenblende und wirklich nur Kerzenlicht und so. So weit gingen sie nicht. Aber das Feeling ist auch da, ne? Das Feeling ist natürlich da.
Florian Bayer: Du hast dieses Gefühl von, es ist dunkel und wenn es nicht dunkel ist, ist es vernebelt und wenn es nicht vernebelt ist, dann regnet es.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und das sind die drei Zustände, die du hier hast und deal with it.
Johannes Franke: Ja, dann hat er auch mit den Linsen entsprechend gearbeitet, ne? Dass er am Anfang des Films noch das relativ compressed hat, also dass man längere Linsen nimmt, das heißt 70, 100 Millimeter oder vielleicht ein bisschen weniger, sodass die Leute mit der Umgebung, in der sie sind, mehr verschmelzen, dass man mehr das Gefühl hat, dass sie zusammenkommen. Das ist eine rein optische Geschichte. Wer sich damit nicht auskennt, tut mir leid, dass ich gerade ein bisschen sehr nerdy werde. Aber er hat mit der Zeit sozusagen Linsen genommen, die ein bisschen kürzer sind, also dann weitwinkliger werden und damit den Effekt einfach erzielt, dass Dinge weiter voneinander wegwirken.
Florian Bayer: Du hast am Anfang einfach so ein Gefühl von Enge, von Menschen, die sehr dicht aufeinander gedrückt sind und dann später, wenn die Linse wechselt, dann erhöht sich einfach die Distanz zwischen Menschen und Objekten und eben auch zwischen Menschen im Vordergrund und Menschen im Hintergrund. Es ist ganz toll gemacht, finde ich. Und wir haben viel Nähe und Distanz sind natürlich auch Themen, die auch immer in den Bildern wiedergespügt werden. Wir haben sehr viele Momente, wo Menschen zusammenstehen und man das Gefühl hat, wo sehr genau darauf geachtet wurde, wie nah haben wir die jetzt aneinander stehen. Egal ob in der Schlussszene oder in der Anfangsszene, wenn sie zusammensitzen mit einem Bier, wenn sie irgendwann mal zusammen am Strand stehen oder wenn eine Person an den Klippen steht und eine andere aus dem Hintergrund kommt. Es gibt sehr viele Momente, wo du wirklich spürst, wie darüber nachgedacht wurde, wie nah platzieren wir diese Personen aneinander, wie nah dürfen sie aneinander gehen und welche Linsen benutzen wir, um eben diese Nähe und Distanz darzustellen. Also der Film hat eine sehr, hat sehr viel, sehr viel Perfektion in seinem bildlichen Aufbau, in seinem Arrangement, in seiner Bildsprache. Voll, ja. Und es klingt jetzt alles unglaublich arthouse und natürlich ist dieser Film traurig und natürlich ist dieser Film langsamer erzählt, aber es hat auch diesen komödiantischen Kern. Der Film ist nicht nur Tarkowski, der Film hat auch seine witzigen Momente.
Johannes Franke: Absolut, man muss schon sagen, dass der Regisseur sehr darke Comedies gemacht hat. Das ist schon so, dass er eigentlich ein klares Fable für Comedy hat.
Florian Bayer: Eben genauso für schwarzen und auch für trockenen Humor, den wir hier auch haben. Natürlich diese Dialoge zwischen den Leuten, diese Streitgespräche. Okay, keine Ahnung, was habe ich meine? Genau, Dominik, der beim Abendessen mit offenem Mund isst und Chawain sagt, jetzt mach endlich den Mund zu beim Essen und er fragt, where are we in France? Der hat ein paar gute Comebacks, muss man sagen. Der ist auch cleverer als man denkt. Definitiv. Er kennt nämlich, was war das, irgendwas kennt er aus Frankreich, was Peric nicht kennt. Stimmt, stimmt, was war das für ein Wort? Fuck. Chawain benutzt irgendeinen französischen Begriff und Peric weiß nicht, was es ist. Ah, Touché. Touché, Dominik benutzt es. Er streitet sich mit Chawain und sie sagt irgendwas zu ihm, ein guter Konter und er sagt Touché. Und Peric kann nur sagen, Touch was? What? Das ist gut. Also Dominik ist tatsächlich cleverer, als man denkt und Peric wahrscheinlich teilweise dümmer, als er sich selbst, beziehungsweise er wird dann ja damit konfrontiert, dass er nicht immer die hellste Leuchte auf der Tortoise hat.
Johannes Franke: Ja, oder nicht genug Awareness für verschiedene Situationen hat. Auch wenn wir gerade bei Dominik sind, fällt mir dabei auf, es gibt ja diese eine Situation, wo er fragt, was denn los sei mit Corlem. Und Peric sagt, he doesn't want to be friends anymore und Dominik fragt, what is he, 12? Ja, total treffend, oder? Ja, total treffend. Und ich denke, das erste Mal im Film, weil das relativ früh passiert, okay, da ist mehr da, als man so erzählt bekommt erst mal.
Florian Bayer: Ja. Das ist toll. Und diese Dialoge, nicht nur bei Dominik, sondern auch Chawain, die halt einfach ganz offensichtlich die cleverste in dem ganzen Dorf ist, haben wir sehr oft einfach clevere Streitgespräche, wenn sie versucht, diese beiden alten Typen, die in einem merkwürdigen Streit sind, irgendwie zur Vernunft zu kriegen und dann abwechselnd Peric und Colm anschreit. Es gibt sehr viele, sehr witzige Dialoge, oft trockener Humor, oft auch so darker Humor, aber eben auch wirklich witzige Stellen. Jenny ist einfach witzig. Der Esel ist toll.
Johannes Franke: Der Esel ist toll. Sie bestehen immer drauf, dass der Esel draußen bleibt und ich kann ihn nicht rausschenken, wenn ich deprimiert bin, das geht nicht.
Florian Bayer: Und dann auch dieses Eskalieren im Film, wenn sich dann Colm wirklich die Finger einzeln abschneidet und die dann wirft, das wird halt auch witzig inszeniert. Das ist halt dann, wo es wirklich dark wird, wo sie da stehen und diesen Finger haben und sie sagt, was machst du jetzt mit dem Finger, ich kann ihn nicht hier haben. Und er sagt, ich mach ihn in eine Kiste, vielleicht will er ihn wiederhaben und ich sollte ihm den Finger wiederbringen. Und sie so, bist du verrückt? Er hat sich gerade den Finger abgehakt, weil er Ruhe vor dir haben will und du willst ihm den Finger zurückbringen.
Johannes Franke: I can't keep a man's finger. Das ist toll. Ja, es ist wirklich, die Absurdität wird einfach, da wird sich draufgesetzt und dann
Florian Bayer: wird da alles rausgeholt, was drin ist. Und dann auch, wenn Colm zur Beichte geht und sagt, ich bin für den Tod eines Esels verantwortlich und der Priester antwortet nur, glaubst du wirklich, Gott kümmert sich um so einen scheiß kleinen Esel?
Johannes Franke: Willst du wirklich das beichten? Und er sagt, ja, ich befürchte, das ist das Problem, da hat alles, der ganze Scheiß angefangen, dass Gott sich nicht mehr für den Esel interessiert hat.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Was ich einen guten Satz finde, muss ich sagen.
Florian Bayer: Also es gibt schon, und es gibt auch so ein paar Katharsis-Momente. Also wenn Colm Pedder einen auf die Fresse gibt, weil der einfach ein Arsch ist, das tut total gut. Ja. Und es ist auch witzig, wenn Colm da sitzt, dann ohne seine Finger und immer noch so in der Luft fidelt, um weiter an der Musik teilzunehmen. Das ist einfach grotesk.
Johannes Franke: Das ist grotesk, ja, wenn er da im Pub sitzt mit seinen Musikschülern da und dann noch... Mit den Stummeln. Ja. Fuck, was für ein Bild. Wenn wir dabei gerade sind, es ist wirklich eine krasse Szene und sehr, sehr gut gespielt von Gleason, wie er das erste Mal ankündigt, dass er sich einen Finger abschneiden wird für jedes Mal, wenn er kommt. Das ist eine der krassesten Schauspielleistungen, finde ich, in dem Film, weil er das so eindrücklich und so gut rüberbringt. He is that serious.
Florian Bayer: Wahnsinn. Niemand zweifelt daran, außer Perrick, der ein bisschen dumm ist im Moment. Aber sonst sehen alle, shit, der meint das ernst, der wird sich diesen Finger abschneiden. Das ist so krass. Ja. Ohnehin Schauspielleistung. Wir haben schon den Schauspieler von Dominic gelobt, aber natürlich Colin Farrell und Brandon Cleason, die wieder zusammenspielen nach in Brügge. Fantastisch.
Johannes Franke: Fantastisch. Fantastisch, ganz tolle Schauspieler. Das ist auch das, was den Film wirklich über alles, selbst wenn man mal stolpert, die tragen dich da drüber, über jeden kleinen Stolperstein. Ich habe jetzt, mir fällt kein Stolperstein ein, aber wenn welche da sind oder wenn man das Gefühl hat, ach, irgendwie interessiert mich das Thema nicht so sehr, aber du willst diesen Menschen zuschauen. Du willst einfach die Schauspieler dabei anschauen, wie sie das verhandeln. Die sind einfach toll.
Florian Bayer: Und kurz noch, Carrie Conten, um sie auch noch zu erwähnen, die Schwan spielt. Ja, ganz toll. Die jüngste Ophelia-Darstellerin in einem Royal Shakespeare Company Theaterstück. Oh, okay. 2000, als sie gerade 18 war, hat sie Ophelia offensichtlich gebührt und auch eher eine Bühnendarstellerin und dann ist sie aber auch im Marvel-Universum mittlerweile aufgetaucht und von Martin McDonnell adoptiert, wie so viele seiner Leute, die er halt irgendwann so angesammelt hat. Und sie spielt die Schwan, toll, als die, die wirklich so ein bisschen mehr über das Leben nachdenkt, die Bücher liest. Sie hat ein Buch und die, die eigentlich runter will von dieser Insel und die eben genau wie alle anderen Figuren auch damit konfrontiert ist, was sie ist, was sie macht, wie sie ihr Leben lebt und wie sie ihr Leben eigentlich leben möchte. Und wie gesagt, ich glaube, es fällt, egal welche Figur man betrachtet, es fällt dann eben immer wieder darauf zurück, was möchte ich von meinem Leben? Ja.
Johannes Franke: Kurz bevor wir da wieder reingehen, Brandon Gleeson kann wirklich Viertel spielen und er hat dieses Stück wirklich selbst komponiert. Ach, schön. Ich finde es total geil. Toll, ja. Oh mein Gott. Und die Rollen wurden ja auch für sie geschrieben, tatsächlich, für die Schauspieler. Ja. Und dieses Viertel ist ja wirklich genau deswegen drin, weil der das kann. Es hätte sonst irgendwas anderes gegeben, bestimmt irgendwas anderes Künstlerisches, aber diese Viertel ist da deswegen drin.
Florian Bayer: Und hier sind wir gerade bei Schauspielleistungen. Jetzt muss ich doch noch eine Sache sagen, weil mir die wirklich aufgefallen ist, stören so ein meiner Issue. Ja. Und ich glaube, es ist nicht der Schauspieler schuld, sondern es ist eher die Regie schuld, wenn, es ist wirklich so eine Bagatelle, aber es ist mir wirklich aufgefallen. Wenn Colin Farrell, also Perrick, zum ersten Mal Colm holen will, geht er dann ja wieder weg, geht er ja ins Pub und kommt dann wieder zurück und Colm ist dann unterwegs zum Pub. Und dann geht Perrick in das Haus von Colm. Und er geht durch dieses Haus, als würde er zum ersten Mal da durchgehen. Er guckt sich diese Masken an und hält die Maske an den Kopf. Und ich dachte in diesem Moment wirklich so, oh, das ist jetzt aber eher Studententheater. Versuch mal was mit dem Raum zu machen, spiel mal mit dem Raum. Und er spielt aber mit dem Raum, als wäre er zum ersten Mal da und würde sich da umsehen und es macht keinen Sinn. Stimmt. Es ist mir wirklich aufgestoßen. Es ist so eine Bagatelle und es ist auch nur diese eine Szene, aber das ist komisch. Warum lässt McDonnell das Pharrell so spielen?
Johannes Franke: Weil wir als Zuschauer den Raum entdecken sollen und wir brauchen jemanden, mit dem wir den Raum entdecken können. Ja, das ist nicht gut. Natürlich ist das nicht gut. Aber das stimmt. Aber mir ist das nicht aufgefallen. Ich hatte das nicht, dass mir das irgendwie währenddessen so, ich fand das mit der Maske ganz nett irgendwie.
Florian Bayer: Also verhält sich kein Mensch. Wenn du zu mir nach Hause kommst und dann durch meine Wohnung gehst und ich bin gerade nicht da, dann gehst du doch nicht so durch meine Wohnung und greifst irgendeine Maske.
Johannes Franke: Nee, da stehe ich am Eingang die ganze Zeit und warte, warte, warte, warte, bis du irgendwann endlich kommst und alles aus dem Weg räumst, damit ich in dein Wohnzimmer komme.
Florian Bayer: Ja. Also vielleicht, weil es so heraussticht aus der sonst hervorragenden Schauspielleistung, hervorragenden Richtiges. Richtig negativ aufgestoßen. Ja. Dieser kleine Bullshit. Carter Burwell ist für die Musik verantwortlich. Ja. Und er durfte keine uirische Musik verwenden. Gott sei Dank. Ja. Toller. Ich finde es toll. Er hat ganz viel mit den Cones zusammengearbeitet und für die Twilight-Filme Musik gemacht. Was? Sämtliche Twilight-Filme und dann so ziemlich alles von den Cone. Sehr gut eingesetzt, die Musik. In diesen Totalen, wo die Kamera über die Insel fließt. Wir haben auch so ein deutsches Volkslied drin. Ja. Du kannst mir bestimmt nicht den Titel sagen. Ich weiß es auch nicht. Es ist auf jeden Fall sehr irritierend, wenn plötzlich deutscher Gesang zu hören ist. Ja, genau, genau. Und klassische Musik, die diese Melancholie sehr gut trägt über diese Schönheit der Insel,
Johannes Franke: die dann doch so einsam ist. Ich finde die Szene ganz großartig, wie er sich das erste Mal den Finger abgeschnitten hat und Colm, also Parik kommt zu Colm und Colm fragt sich was. Dass du jetzt hier nochmal vorbeikommst, ich habe gerade den Finger abgeschnitten und Parik sagt Have I gone facking mantle? No, I haven't gone facking mantle. Not only have I not gone facking mantle, but I have ten fingers to prove I'm not facking mantle. How many fingers have you got to prove that you're not facking mantle? Und Colm sagt nine fingers. Und das so in einer Ruhe, die ich so großartig finde. Ja. Nachdem Parik sich richtig aufgeregt hat. Und dann sagt Parik nur noch, nine fingers is the epitome of mantle. Ich finde das ganz toll. Er hat ja auch irgendwie recht.
Florian Bayer: Ja, natürlich. Und Colm versteht auch, dass er recht hat. Ja. Aber Colm sagt damit ja auch irgendwie, guck mal, wie weit du mich getrieben hast jetzt in meiner Verzweiflung. Ja, it's fucking mantle, aber du bist schuld daran. Genau. Was für eine geile Situation und so gut gespielt auch. Lass uns nochmal kurz zum Schluss kommen. Gibt es Hoffnung? Was passiert da am Schluss mit ihrer Beziehung? Dominik ist gestorben. Hat Dominik sich umgebracht? Sollen wir das vielleicht noch kurz klären? Hat Dominik Selbstmord begangen oder ist es ein Fall?
Johannes Franke: Es ist auf jeden Fall Selbstmord. Es sind so viele Sachen passiert, wo er einfach, er hat jedes Vertrauen in jeden Menschen auf dieser Insel verloren. Er wird die ganze Zeit verprügelt und Schlimmeres wahrscheinlich auch.
Florian Bayer: Ja, definitiv Schlimmeres. Wir erfahren es ziemlich eindeutig von Parik, dass er sexuell missbraucht wird von seinem Vater.
Johannes Franke: Und der Einzige, mit dem er sich wirklich gut verstanden hat, stellt sich als unglaublich niederträchtig heraus. Also in seinem Gefühl und später dann ja schon wirklich auch.
Florian Bayer: Ich glaube für Dominik ist auch voll ätzend, dass Parik die ganze Zeit Colm hinterherläuft, der nichts mehr von ihm zu tun haben will. Und Dominik fragt sich natürlich irgendwann, und was ist mit mir?
Johannes Franke: Ey, wir sind doch auch Freunde. Ich bin da, was willst du? Natürlich, wir können doch hier, und es gibt wirklich Situationen, wo ich denke, alter Parik, musst du ihm nicht die ganze Zeit aufs Brot schmieren, dass du den Ersatz nicht spielen kannst. Ja. Das ist wirklich arg.
Florian Bayer: Ja, der arme Dominik. Das tut mir echt sehr leid. Also das ist natürlich, aber das folgerichtige Ende, die Banshee hat vorher gesagt, es wird einen Toten geben. Natürlich rechnen alle damit, dass Colm oder Parik sich gegenseitig umbringen, oder beide. Aber es ist der Esel, der als erstes stirbt. Und dann Dominik. Dann Dominik. Und ja, und dann am Schluss stehen Parik und Colm am Strand. Und Colm sagt nochmal, danke, dass du dich um meinen Hund gekümmert hast. Und Parik klingt aber eigentlich nicht mehr so versöhnlich. Überhaupt nicht. Parik hat wirklich, und das ist natürlich auch, weil, ich meine, also der Esel, das mit dem Esel ist wirklich tragisch und es ist wirklich tragisch inszeniert.
Johannes Franke: Und ich finde ganz toll, dass Colm so reagiert, wie er reagiert, nämlich, ach du Scheiße, das tut mir sehr leid. Das war nicht das, was ich damit machen wollte. Und es tut mir leid, dass, ach, seine Blicke in der Kirche, er sieht so reumütig aus. Ja, total. Das ist ganz krass. Und ich finde es so eine gute Entscheidung, dass da nicht draufgedrückt wird, sondern dass er dann wirklich sagt, okay, das wollte ich nicht. Ja. Das ist zu krass. Dass es aber nichts bringt am Ende, weil irgendwie Sachen dann einfach nicht mehr vergebbar sind, verstehe ich auch voll. Ich verstehe Parik an dieser Stelle wirklich total gut. Auf jeden Fall, absolut. Und versucht Colm, sich wieder ihm anzunähern in diesem Moment? Ja, ein bisschen. Ne? Ja, ja. Ja, ja. Versucht es wieder so. Er sagt ja auch, sind wir jetzt irgendwie quitt? Und Parik sagt natürlich, wenn du im Haus geblieben wärst, dann wären wir quitt. Und was schon echt auch harter Tobak ist.
Florian Bayer: Wobei Parik zündet das Haus an und guckt dann nochmal nach und sieht dann Colm da drin sitzen.
Johannes Franke: Er beschließt dann noch rauszugehen danach. Das heißt, wir rechnen als Zuschauer erstmal damit, dass er wirklich mit dem Haus verbrannt ist. Colm sieht in dem Moment ja auch aus, als würde er sterben wollen. Er sitzt da ganz alleine in dem Haus, rührt sich überhaupt nicht. Es ist auch nicht so ganz klar, was seine Motivation war, da rauszugehen, außer der Überlebensdrang, den man als Mensch einfach hat.
Florian Bayer: Ja, es ist schon schwer zu verstehen, was seine Motivation war, die Finger abzuschneiden. Wenn er sagt, ich möchte mit meiner Musik irgendwie eine Form von Unsterblichkeit erlangen. Das ist ja absurd. Er macht genau das, was das Einzige, was ihn noch mehr daran hindert, als sein Freund mit seinen dummen Gesprächen ist, wenn er seine Finger verliert.
Johannes Franke: Ja, was einfach zeigt, das ist nicht das, was es an der Oberfläche wirklich ist. Also er sagt, das ist die Musik, aber eigentlich, ich glaube auch, dass dieses Durchziehen, das mit den Fingern zu machen, das gibt ihm das, was er eigentlich sucht. Nämlich dieses Statement zu machen und was durchzuziehen in seinem Leben mal. Nämlich durchzuziehen, dass er was anderes macht, als die ganze Zeit auf dieser Insel zu sitzen und vor sich hin zu vegetieren. Das gibt ihm das Gefühl, lebendig zu sein und etwas zu tun, was bleibt.
Florian Bayer: Weil in 200 Jahren werden die noch darüber reden, dass dieser Typ, erinnert ihr euch an Colm, der Verrückte, der sich die Finger abgeschnitten hat? Genau. Von Reinhard Gräbe, eines der schönsten Lieder von Reinhard Gräbe, Faust, auf seinem ersten Live-Album, das man leider nicht mehr bei Spotify findet. Da singt er die Textzeile, für jede verlorene Stunde hacke ich mir einen Finger ab, für jede verlorene Woche eine Hand ab. Das ist einfach auch ein starkes Bild. Wie kannst du Verzweiflung stärker ausdrücken, als mit dieser Form der Selbstverstümmelung? Oh Mann, weird.
Johannes Franke: Alles sehr, sehr weird und irgendwie muss man sehr viel ins Gefühl reingehen, um das alles zu verstehen. Du kannst es nicht intellektualisieren nur, du musst es schon einfach fühlen, was die beiden meinen. Und die Schauspieler machen das so gut, dass man das wirklich auch merkt, dass man beiden mitfühlen kann.
Florian Bayer: Und eben, es ist wirklich stark von dem Film, dass er beiden wirklich unterschiedliche Themen gibt. Er gibt der Figur des Colm nicht das Thema Freundschaft, sondern das Thema eben Konfrontation mit dem Ende des Lebens. Oder dem Ende, das irgendwann kommen wird, während er Perrick das Thema Freundschaft, einen Verlust von Freundschaft gibt. Das ist ganz spannend, weil natürlich hat der Colm auch irgendwie ein Thema so verknüpft damit geben können, dass er, keine Ahnung, ein Freund hat sich verändert oder so. Wie geht man damit um? Aber es sind wirklich zwei Themen, die gleichberechtigt präsent sind. Man kann sich mit beiden identifizieren, man kann mit beiden sympathisieren, man kann beide total schrecklich finden in ihrem Verhalten. Und das gibt dem Film halt eine unglaubliche Tiefe. Wir haben ein passendes Thema für unsere Top 3.
Johannes Franke: Wir haben unsere Top 3.
Florian Bayer: Ein Thema aus dem Film, Freundschaften, die enden.
Johannes Franke: Freundschaften, die enden, ich finde es wahnsinnig schwierig. Dieses Thema war für mich so der Endgegner, was unsere Top 3s jemals betrifft. Etwas, was ich auch beim Gucken gedacht habe, warum gibt es das nicht so oft? Warum gibt es das nicht häufiger? Warum gibt es nicht so viele Filme, die einfach nur von Freundschaften handeln? Ganz normalen Freundschaften und dann auch noch etwas wie einem Ende einer Freundschaft. Das ist ein absolutes Nischenthema geworden anscheinend. Das ist total traurig, ja. Also es ist halt natürlich, also mit Romantik ziehst du einfach mehr offensichtlich. Ja. Warum muss das sein? Weiß ich nicht. Ja, aber wir haben das Thema Ende von Freundschaften. Ich habe so wenig gefunden, dass ich Sachen reingetan habe aus Verzweiflung.
Florian Bayer: Oh, okay. Dann, du musst anfangen. Dann komm mit deiner Verzweiflung.
Johannes Franke: Aus Verzweiflung habe ich Stand by Mimi reingenommen, weil der Film ja eigentlich von Freundschaft handelt, aber am Ende natürlich auch vom Ende der Freundschaften, der das unweigerlich irgendwann kommt. Bei manchen wegen des Todes und bei manchen, weil es einfach sich auseinanderlebt. Das ist eine Freundschaft, die für einen bestimmten Bereich, einen bestimmten Zeitraum gedacht ist und danach, naja, man wechselt die Schule, man wächst auf woanders weiter, man hat andere Themen, mit denen man sich beschäftigt und dann schleicht sich das halt raus. Dann ist es mehr dieses Ghosting statt dieses Yeah-Ende.
Florian Bayer: Ich finde, das ist absolut keine Verzweiflung, keine Verzweiflungswahl, weil es bei mir auf Platz 1 ist. Was? Oh mein Gott, es tut mir so leid. Stand by Mimi natürlich behandelt, Stand by Mimi eigentlich die Freundschaft und thematisiert nur am Ende das Ende der Freundschaft. Aber gleichzeitig schwebt das die ganze Zeit so drüber, weil wir merken, die sind irgendwie so an einem Wendepunkt ihres Lebens und die werden sich früher oder später auseinander leben. Irgendwie schwebt das die ganze Zeit so über dem Film. Wir haben vor ein paar Episoden drüber gesprochen. Ich freue mich trotzdem, dass du den genommen hast, auch wenn du ihn als Verzweiflungskandidaten bezeichnest. Mein Platz 3, Francis H. von Noah Baumbach, der ein ganz, ganz großartiger Regisseur ist. Drehbuch Krita Gerwig, die ja viel mit Noah Baumbach zusammenarbeitet und diesen Traumduo. Und Francis H. ist so einer ihrer Indie-Filme, der auch schon mal drei Millionen gekostet hat, obwohl er sich gar nicht so anfühlt. Und da geht es darum, dass eine ziemlich chaotische Frau, die ihr Leben nicht so wirklich im Griff hat, von ihrer besten Freundin, mit der sie auch zusammengelebt hat, so nach und nach distanziert wird. Das ist nur ein Thema in dem Film von mehreren, aber eines, das sehr, sehr, sehr hängen bleibt, weil es zeigt die Perspektive von jemandem, der spürt, wie die Freundschaft langsam aufhört und es irgendwie versucht, damit klarzukommen, es aber halt nicht so richtig schafft. Toller Film. Okay. Schön.
Johannes Franke: Auf Platz zwei bei mir, The Prestige. Aus dem Jahr 2016. Oh ja. Das ist wirklich so ein, die haben am Anfang sind die Freunde, die beiden Zauberer und sind in derselben Show, glaube ich sogar. Und dann gibt es irgendein Sighting Incident. Ich weiß nicht genau, was da war. Irgendein Tod? Sie stirbt. Die Frau von dem einen stirbt. Ach ja, ja, ja, genau. Die Frau von dem einen stirbt. Und dann werden sie zu erbitterten Feinden und versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Florian Bayer: Ja. Jules und Jim ist mein Platz zwei von François Truffaut. Einer der schönen Nouvelle-Vague-Filme, der gar nicht so experimentell ist, sondern wirklich einfach nur zeigt, wie aus einer Freundschaft eine Dreierbeziehung wird. Und dann das Romantik-Thema auch sehr stark drin hat. Und dann, wie diese Freundschaft eben auch an dieser Dreierbeziehung zerbricht. Wundervoller Film. Meisterwerk des französischen Kinos.
Johannes Franke: Ich habe auf meinem Platz eins zwei Filme, die ins gleiche Horn stoßen mit dem Ende der Freundschaft. Was auch nicht wirklich so ein Ende der Freundschaft ist, sondern einfach ein, naja, jetzt können wir uns nicht mehr sehen. Elliot, das Schmunzelmonster. Und ein Teil mit E.T. dann eben. Okay, scheiße, jetzt hast du mich. Oh, Pua. Flo ist völlig aufgelöst. Oh mein Gott. Elliot, das Schmunzelmonster.
Florian Bayer: Ja, ich finde es aber wirklich hart, wenn animierte Tiere oder animierte Wesen von Kindern verlassen werden und dann nochmal traurig gucken.
Johannes Franke: Oh Gott.
Florian Bayer: Das ist echt hart. Ja. Oh ja, Disney und so. Kapp und Kappa hätte man auch reinnehmen können. Warum habe ich nicht daran gedacht? Der Fuchs und der Hund, die sich anfreunden und dann auseinander leben. Also einmal am Disney. Stand by me hast du mir ja schon weggenommen. Das tut mir leid. Jeder Disney-Film, in dem Freundschaft vorkommt, die endet oder in dem Menschen ihre Tiere loswerden oder so. Gott, traurig.
Johannes Franke: Meine Güte. Okay, gehen wir lieber zurück in den Film. Zu was Positiverem. Ja, toll. Das war unsere Top 3. Wie stark findest du das Ende oder ist das gut, dass die am Ende sagen, ja wir gehen jetzt hier auseinander, aber es ist nicht gelöst oder ist es gelöst und ich habe es noch nicht gesehen oder sind die beiden jetzt ewig Feinde oder gibt es jetzt nur so nebeneinander herleben.
Florian Bayer: Ich finde es gut, weil es authentisch ist zum einen. Es gibt einfach keine einfache Lösung und es ist folgerichtig. Dieser Krieg ist offensichtlich erstmal vorbei, aber es ist eine andere Phase und Film hat einfach nicht die Zeit jetzt noch die andere Phase zu erzählen, sonst würde er zehn Stunden dauern und das ist dann einfach konsequent und wir verlassen sie an dieser Stelle und wir wissen, es ist nicht vorbei, aber mein Gott, irgendwann werden sie sowieso alle sterben.
Johannes Franke: Oh, Bro, was ist das? Oh Gott. Die ganze Tragik der ganzen Welt nochmal in einen Satz. Ihr seht nicht, wie fett ich grinsen, als ich diesen Satz sage. Ich finde, dass das Ende sich allein deswegen lohnt, weil Parik nochmal sagen darf, anytime, als ihm der Typ als Colm sagt, danke, dass du auf den Hund aufgepasst hast. Und er sagt es auf eine so gut zusammenfassende Art, man weiß ganz genau, was in ihm vorgeht, was so viele widersprüchliche Sachen in ihm vorgehen. Zum einen, dass dieser Krieg einfach jetzt gerade erst angefangen hat, egal ob er heiß oder kalt geführt wird jetzt, aber dass er, dass dieses verbindende Element des Hundes immer sein wird und dass er sich immer um den Hund kümmern wird, egal ob der von Colm ist oder ob es von irgendjemand anderem ist. Er liebt einfach diesen Hund und auch halb versöhnlich, aber eigentlich nicht. Es ist so wahnsinnig widersprüchlich und ich finde es so gut gesprochen von ihm, vom Schauspieler. Das ist so krass. Ganz toller Satz. Und dann sehen wir noch das Bild, wie die Banshee in der Mitte sitzt und rechts und links die beiden auseinander dividiert werden. Starkes Bild. Sehr, sehr starkes Bild.
Florian Bayer: Diese Schlussszene am Strand ist unfassbar gut, wie sie aufeinandertreffen. Der eine steht da, der andere kommt dazu. Diese spürbare Distanz zwischen ihnen. Auch dieser spürbar Wechsel, Wandel in der Haltung von Parik, der irgendwie davor ganz lange diesen verzweifelten Kampf um seinen Freund geführt hat. Und in diesem Kampf ja auch so sehr naiv war zumindest. Ja. Der jetzt irgendwie irgendwas anderes, irgendwas begriffen zu haben scheint und irgendwie auch nochmal neu über Sachen nachdenkt. Wie du sagst, die Banshee, die dann da ist, diese Präsenz des Todes oder auch diese Präsenz des Vergänglichen, das ist einfach eine super Szene.
Johannes Franke: Ja. Das ist ein kleines bisschen für mich ein Hinweis, dass es einfach nicht vorbei ist. Dass der auch heiß weitergeht, der Krieg. Also, dass die beiden, dass da wirklich nochmal Blut fließen wird. Also, keine Ahnung. Und ich finde das Ende total stark. Also, es ist nicht so, dass ich sage, ich will aber lieber ein Happy Hand oder sowas. Nee, überhaupt nicht. Ich finde es total folgerichtig und die Stärke des Films liegt auch in diesem Ende mit.
Florian Bayer: Ja. Ich glaube wirklich, es ist eine andere Phase und keine Ahnung, wie diese Phase aussieht. Und ich habe dieses Gefühl, dass es nach wie vor so bleibt, dass Parik der Akteur ist und Calm einfach nur reagiert. Ja. Aber dass das irgendwie anders ist. Und vielleicht auch bösartiger. Vielleicht auch düsterer als es davor war. Ich bin froh, dass Siobhan da weggekommen ist. Ja, ja. Natürlich. Ich freue mich für Siobhan.
Johannes Franke: Ja. Mann, Mann, Mann. Es ist wirklich eine krasse Entwicklung, die Parik dadurch macht, wie er immer bitterer wird und immer bösartiger in einer Aktion.
Florian Bayer: Das ist halt auch wirklich traurig. Parik macht einen Wandel durch und Parik ist nicht mehr derselbe. Und eigentlich mögen wir Parik, so wie er war. Ja. Parik war ein wirklich guter Mensch. He used to be nice. Und Parik hat aber halt auch alles verloren. Er hat seinen letzten Freund verloren mit Dominik. Ja. Er hat seinen Esel verloren. Seine Schwester ist weggezogen. Ja.
Johannes Franke: Das Urteil. Du hast den Film gemocht. Ich habe den Film gemocht. Ja, ich habe den Film tatsächlich gemocht. Das habe ich nicht gedacht, als ich den Film das letzte Mal gesehen habe, dass ich den auf diese Art und Weise nochmal wieder entdecke. Ich habe natürlich gemerkt, dass da viel Stärke drin steckt, aber ich war so enttäuscht, weil ich nicht bekommen habe, was ich wollte. Und das war so dieser Ego-Trip, den ich dann irgendwie hatte. Aber naja. Ja. Ein wirklich starker Film.
Florian Bayer: Vielen Dank, Deplor, dass du ihn vorgeschlagen hast. Ja, gerne. Ich überlege gerade. Ich würde sogar behaupten, wenn ich einmal so die Liste durchgehe, einer der besten Filme des Jahres 2022. Das ist noch das letzte Jahr, während wir diese Episode aufnehmen. Wir sind ganz neu, ganz stark am Zeitgeist gerade. Ich versuche gerade zu finden, was für Filme noch 2022 rausgekommen sind, die dafür auch noch in Frage kämen. Aber jetzt bin ich nur bei ganz vielen Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Und Nope war gut. Ein guter Film 2022. Die Fabelmanns kam 2022 raus. Und The Whale, den ich noch nicht gesehen habe, der mich aber auch nicht so wirklich interessiert, weil ich das Gefühl habe, dass das so Emotion-Porn ist. War vielleicht so genau der Gegenentwurf zu diesem Film vielleicht auch. Ja, wahrscheinlich der beste Film aus dem Jahr 2022 bisher bei mir.
Johannes Franke: Das werden wir noch rausfinden, denn demnächst werde ich dir noch einen geben. Nächste Woche? Also noch ein 2022er Film? Ja, wenn wir schon dabei sind, können wir uns doch da gleich rein suhlen und dann kannst du sagen, ob der 2022er Film Banshee, oder?
Florian Bayer: Oh, wenn ihr wissen wollt, welchen Film Johannes da für mich hat, dann bleibt noch kurz dran. Ich bin total neugierig, weil ich habe offensichtlich 2022 gar nicht so viel gesehen, wenn ich jetzt durchscrolle. Haha. Genau, bleibt dran, dann erfahrt ihr, welchen Film Johannes mir aufgeben wird. Und ansonsten euch vielen Dank fürs Zuhören und bis nächste Woche. Bis nächste Woche, bleib gesund, bis dann.
Johannes Franke: So, Johannes, 2022, was gab es da denn noch? Es gab einen großartigen Film von Sam Mendes. Sam Mendes, American Beauty Sam Mendes. Ja, genau, dieser Sam Mendes, Empire of Light. Den habe ich in Hof am Festival gesehen und es war der Hammer. Und ich musste mir den ganzen Zeit verklemmen und jetzt ist er endlich raus. Ist schon ne Weile raus, ich glaube, ich habe aber einfach verpasst, dass er wieder draußen ist. Geil, der ist komplett an mir vorbeigegangen. Empire of Light, absolut sehenswert. Olivia Colman. Cool. Ich bin wirklich gespannt.
Florian Bayer: Super. Also nächste Woche Empire of Light von Sam Mendes aus dem Jahr 2022. Wir hören uns. Wir hören uns. Bis dann. Ciao. Ciao.
