Episode 88: Everything Everywhere All at Once
Everything, everywhere all at once… Alles, überall, und alles gleichzeitig… Nie zuvor in der Filmgeschichte war ein Titel passender als bei dem jüngsten Film der Daniels aus dem Jahr 2022.
Also worum geht es? Um alles natürlich. Genauer, um Multiversen, von denen es eine unendliche Anzahl gibt. In einem davon ist die in die USA emigrierte Chinesin Evelyn Besitzerin eines Waschsalons, die gleich einen ganzen Haufen an Problemen zu bewältigen hat: Die Ehe mit ihrem Mann geht allmählich vor die Hunde, ihre Tochter hat sich von ihr entfremdet und ihr launischer Vater der erst seit kurzem zu ihnen gezogen ist, macht ihr das Leben schwer. Und dann wird sie auch noch von den Steuerbehörden drangsaliert.
Als es nicht mehr chaotischer werden könnte, ergreift ein Pendant aus einem anderen Universum Besitz von ihrem Mann. Er erzählt Evelyn, dass sie die letzte Chance ist, die Vernichtung der Welt durch die wahnsinnige Schurkin Jobu Tupaki zu verhindern. Evelyn wird als Chosen One mit der Fähigkeit ausgestattet, in ihre anderen multiversalen Identitäten zu reisen und deren Fähigkeiten zu nutzen, um gegen das Böse zu kämpfen.
Aber wir haben es hier nicht mit Marvel zu tun… und so kommt alles anders, als man bei dieser Prämisse meinen könnte. Vor allem wilder, bizarrer, größenwahnsinniger, philosophischer und verspielter. Wir kämpfen mit Kulleraugen gegen fanatische Sektenanhänger, durchreisen so manche Meta-Ebene, erstarren vor einem eschatologischen Bagel und erleben den großen Konflikt zwischen Nihilismus und Vitalismus. Das alles bunt, laut, überdreht, hysterisch, pathetisch und voller Liebe.
Letzten Endes vor allem ein schöner Film… über die Schönheit des Seins… und in seinem Kern vor allem ein bewegendes Familiendrama. Aber eben auch ein Film mit Hot Dog Händen, Puppenspielenden Waschbären (Racoontouille) und Realität alternierenden Butt-Plugs.
Johannes, war dir das zu viel?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 88: Everything Everywhere All at Once Publishing Date: 2022-09-07T17:09:54+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/09/07/episode-88-everything-everywhere-all-at-once/
Johannes Franke: waren bisher nur richtig schlimmen Trash-Filmen vorbehalten. Und die machen das jetzt in einer Qualität, die es zur Kunst erhebt, die wirklich richtig gut inszeniert ist. Flo, nimm dir, nimm dir. Es ist genug für alle da. Zucker, Zucker, Zucker. Herzlich willkommen zu einer neuen Episode vom Muss-Man-Sehen-Podcast. Der Muss-Man-Sehen-Cast, wo wir uns gegenseitig Filme anempfehlen, von denen wir hoffen, dass sie den Horizont des anderen erweitern.
Florian Bayer: Und von denen wir glauben, dass sie gesehen werden sollten. Oder wo wir zumindest wollen, dass der andere von uns beiden den Film sieht. Und natürlich auch ihr.
Johannes Franke: Genau, vielleicht ein bisschen wollen wir auch, dass ihr die Filme seht, weil wir sie vielleicht gut finden. Ob der andere ihn jeweils gut findet, ist immer so dahingestellt.
Florian Bayer: Wir haben so eine Hit-or-Miss-Sache am Laufen. Manchmal streiten wir uns, manchmal liegen wir uns in den Armen, manchmal bauchpinseln wir uns, manchmal ist es irgendwas dazwischen. Ja, und wir prügeln uns auch. Wir prügeln uns auch manchmal, das gehört auch dazu. Also, sprich, es gibt eigentlich jede Woche eine Hausaufgabe. Für den anderen einen Film. Und diese Woche war ich dran, Johannes eine Hausaufgabe aufzugeben. Ja. Und ich habe mal groß ausgeholt. Und hab den, den Critic Darling des Jahres 2022, den neuesten Film von den Daniels ausgepackt. Der, also jeder, der irgendwie die Filmlandschaft verfolgt hat im letzten halben Jahr, wird den Hype darum mitgekriegt haben. Everything, Everywhere, All at Once. Quasi der Gegenentwurf zu den Multiverse-Filmen, die man aus dem Mainstream kannte in den letzten Jahren. Also Spider-Man und Doctor Strange. Ja. Ein Film, der das Thema aufgreift, das offensichtlich gerade sehr, sehr populär ist im Kino und es etwas anders inszeniert als die großen Marvel-Filme. Aber groß macht er das Ganze auch.
Johannes Franke: Ja, auf welche Art und Weise werden wir gleich sehen. Ich würde sagen, bevor ich hier anfange auszuholen, kannst du gerne mal deinen Text absondern, den du dazu geschrieben hast, um uns einzuführen. Möchtest du Tee? Sehr gerne. Kluntje hast du schon drin, oder? Kluntje hab ich. Okay, Moment. Dann lies mal vor, ich mach da mit dem.
Florian Bayer: Everything, Everywhere, All at Once. Alles, überall und alles gleichzeitig. Nie zuvor in der Filmgeschichte war ein Titel passender als bei dem jüngsten Film der Daniels aus dem Jahr 2022. Also, worum geht es? Um alles natürlich. Genauer um Multiversen, von denen es eine unendliche Anzahl gibt. In einem davon ist die in die USA emigrierte Chinesin Evelyn, Besitzerin eines Waschsalons, und hat gleich einen ganzen Haufen an Problemen zu bewältigen. Die Ehe mit ihrem Mann geht allmählich vor die Hunde. Ihre Tochter hat sich von ihr entfremdet, und ihr launiger Vater, der erst seit kurzem zu ihnen gezogen ist, macht ihr das Leben schwer. Und dann wird sie auch noch von den Steuerbehörden drangsaliert. Als es nicht mehr chaotischer werden könnte, ergreift ein Pendant aus einem anderen Universum Besitz von ihrem Mann. Er erzählt Evelyn, dass sie die letzte Chance ist, die Vernichtung der Welt durch die wahnsinnige Schurkin Jobo Tupaki zu verhindern. Evelyn wird als Chosen One mit der Fähigkeit ausgestattet, in ihre anderen multiversalen Identitäten zu reisen und deren Fähigkeiten zu nutzen, um gegen das Böse zu kämpfen. Aber wir haben es hier nicht mit Marvel zu tun. Und so kommt alles anders, als man bei dieser Prämisse meinen könnte. Vor allem wilder, bizarrer, größenwahnsinniger, philosophischer und verspielter. Wir kämpfen mit Kulleraugen gegen fanatische Sektenanhänger, durchreisen so manche Meta-Ebene, erstarren vor einem eschatologischen Bagel und erleben den großen Konflikt zwischen Nihilismus und Vitalismus. Das alles bunt, laut, überdreht, hysterisch, pathetisch und voller Liebe. Letzten Endes vor allem ein schöner Film, über die Schönheit des Seins und in seinem Kern vor allem ein bewegendes Familiendrama. Aber eben auch ein Film mit Hotdog-Händen, Raccoon-Tui und realitätalternierenden Budplugs. Johannes, war dir das zu viel?
Johannes Franke: War mir das zu viel? Herder, mit mehr, mehr, gib mir mehr, gib mir mehr. Irgendwann will ich nicht mehr, dass es aufhört. Ich will, dass der Film zwölf Jahre dauert und dieses Tempo bitte beibehält.
Florian Bayer: Darin steckt jetzt keine Ironie und kein Sarkasmus. Überhaupt nicht, ich finde es so großartig. Es ist ein absolut überladener Film, oder? Es ist wirklich, es ist so krass.
Johannes Franke: Ich komme gerade so mit, was der Film will. Und ich habe wahrscheinlich die Hälfte davon verpasst, aber es ist so großartig.
Florian Bayer: Es ist ja auch wirklich, also was man wirklich sagen muss, dieser Film ist überladen. Absolut. Wenn man Filme, die hektisch sind, die überladen sind, die grotesk sind und die zwischen den Emotionen hin und her springen nicht ab kann, dann ist dieser Film wirklich das Falsche für einen. Also man muss es einmal so als Warnung sagen, weil man muss damit klarkommen, dass innerhalb von Sekunden zwischen melodramatisch, zwischen absurd, zwischen actionreich, Traurig und albern, Infantil, komplett infantil, gewechselt wird. Und teilweise findet das auch noch gleichzeitig statt. Wir haben 10, die höchst dramatisch sind, wirklich die Emotionen kitzeln und gleichzeitig trotzdem total albernen Humor mitbringen.
Johannes Franke: Es ist so, es ist so krass. Allein, dass sie das wirklich durchziehen mit den Hotdog-Fingern, dass das immer wieder auftaucht und auch in dramatischen und höchst dramatischen und traurigen Szenen diese Dinger einfach Hotdog-Finger haben und man sich echt denkt, soll ich jetzt weinen oder muss ich jetzt einfach lachen? Es ist einfach nicht mehr möglich zu entscheiden.
Florian Bayer: Sie erzählen in einer Welt, in der die Evolution dazu geführt hat, dass die Menschen wirklich diese Wabbelfinger haben, aus denen auch Ketchup und Senf kommt. Und das wird ganz toll erzählt mit einer Kubrick-Story. Die Origin-Story ist großartig. Wir haben diese Kubrick-Affen, ihr wisst, aus 2001, und dann sehen wir einen von den Affen, wie er mit seinen Händen einen anderen Affen erschlägt. Und da ist es natürlich sinnvoll, so Wabbelfinger zu haben, um ordentlich erschlagen zu können. Das hat die Evolution geschafft, deswegen haben die Menschen noch Hotdog-Finger. Und in dieser Pizzerrie wird eine wirklich ergreifende Liebesgeschichte erzählt zwischen unserer Protagonistin, Evelyn und Daytree, die in der anderen Realität die böse Frau von der Steuerbehörde ist.
Johannes Franke: Und man fiebert mit. Man sitzt da und denkt, Leute, kommt zusammen, liebt euch. Gott, ist das schön. Und dann können sie mit ihren Füßen dafür mehr. Und dann gibt es die Szene, wo die eine weint. Und dann kommt so ein Fuß von unten ins Bild und wüscht ihm die Träne. Und dann denkt sich, um Gottes Willen, ich zerbreche gleich vor Lachen. Aber gleichzeitig ist man so bewegt.
Florian Bayer: Ja. Es ist ja jetzt der zweite große Langfilm von den Daniels nach Swiss Army Man. Bei Swiss Army Man haben sie das ähnlich gemacht. Und ich bin gepackt davon, wie die das schaffen, in einem Setting, was so einen absurden Humor hat, was wirklich total grotesk ist. Also Monty Python-Style eigentlich. Bewegende Geschichten zu erzählen, bei denen man mitfiebert und emotional wirklich ergriffen ist. Und man denkt sich ganz oft, what the fuck?
Johannes Franke: Aber ich glaube, ich muss gleich heulen. Es ist so, dass ich glaube, dass wir an einem Punkt angelangt sind, in dem wir uns, wenn wir die Evolution von den 50ern zu heute sehen, trauen, Dinge zusammenzuwerfen, die einfach nie gemacht wurden vorher. Weil das immer tabu war. Du hast in den 50ern, hättest du das nie machen können. Du hättest nie so einen Film mit einem Buttplug machen können, der auch irgendwie verpixelt in zwei Arschen steckt. Das ist einfach nicht möglich. Das ist jetzt dein Beispiel. Naja, aber wer hätte das vorher machen können? Ja, das stimmt. Also das gibt's nicht.
Florian Bayer: Aber da spielt ja auch die Sexualmoral ganz, ganz stark mit rein.
Johannes Franke: Natürlich, absolut. Aber auch eben andere, so eine Casual, also so eine einfach Scheißegal-Haltung den Dingen gegenüber, die bisher so als Regel galten. Ja. Und es ist so toll, diesen Tabubruch, in Anführungsstrichen, der ja eigentlich, Tabubruch ist fast zu viel gesagt, aber so Regelbruch, was so Filme machen betrifft und was so erzählerische Mittel betrifft, dass viele von den Sachen, die in diesem Film drin sind, waren bisher nur richtig schlimmen Trash-Filmen vorbehalten. Ja. Und die machen das jetzt in einer Qualität, die es zur Kunst erhebt, die wirklich richtig gut inszeniert ist. Deswegen ist es auch notwendig, dass sie die Budplugs mit tatsächlich dramatischen Szenen verbinden. Sonst wäre das nicht möglich.
Florian Bayer: Ja. Und es funktioniert, ne? Es ist eine fantastische Action-Szene. Also Aufhänger von diesen Budplugs ist, du musst eine absurde Handlung machen, um diesen Switch in eine andere Dimension anreißen zu können. Ja. Und du musst in diese anderen Dimensionen reißen, um dieses Wissen mitzunehmen und gut kämpfen zu können. Wir haben hier auch sehr viele Martial-Arts-Szenen, um das gleich vorweg zu sagen. Ja. Und dann gibt's eben diese zwei Bösewichter, die diesen Switch machen müssen und dann suchen sie irgendwas und dann gibt's wirklich eine hochspannende Szene, wo sie die Budplugs sehen und es ist klar, die brauchen sie jetzt. Wenn sie sich die Budplugs reinschieben, dann haben sie eine, so eine aberwitzige Handlung gemacht, dass sie diesen Switch vollziehen können und dann versuchen sie das natürlich zu schaffen und Evelyn versucht sie aufzuhalten dabei. Und dann gibt's wirklich eine in Zeitlupe erzählte Szene, wie sie zu diesen Budplugs springen, um die irgendwie in ihren Hintern reinzukriegen, damit sie neue Kampffähigkeiten erlangen. Es ist so absurd
Johannes Franke: und es ist ein Humor, der einfach nicht, der ist wirklich trashig. Es ist so. Und trotzdem ist das so gut inszeniert, dass man einfach das nur feiern kann. Ja. Egal, ob man, ob man sonst nur, nur Kirchenlieder hört und sich irgendwie, weiß ich nicht genau, keine Ahnung, ich weiß nicht, wie meine Mutter zum Beispiel auf den Film reagieren würde, aber es sind so viele gute Sachen auch für sie dabei. Ich weiß es einfach nicht.
Florian Bayer: Es ist ja tatsächlich eine Sache, die heutzutage auch dem Mainstream-Film vorgeworfen wird, dass der grundsätzliche Genregedanke sich so weit aufgelöst hat, dass Filme versuchen, alles zu erzählen und alles an Emotionen zu wecken. Marvel ist wirklich das beste Beispiel dafür und wir haben hier durchaus Geschwister im Geiste vom Marvel-Kino, weil Filme wie Thor Ragnarok haben wir hier besprochen. Ja. Das ist auch ein Film, der versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Stimmt. Action, Humor, Drama, großes Shakespeare-Drama und damit auch ziemlich erfolgreich ist, ja auch an den Kinokassen und auch bei der Kritik. Es gibt tatsächlich schon länger diese Bewegung, Mainstream-Filme, Blockbuster versuchen irgendwie alles unter einen Hut zu bringen und oft ist es so, dass das was verloren geht. Das zum Beispiel, Thor ist ein super Film, ich mag den Thor Ragnarok, ist ein toller Film, haben wir drüber geredet, aber es ist jetzt kein Film, der mich emotional groß packt. Das stimmt. Ja. Das bleibt auf der Strecke. Oft bleibt das Emotionale auf der Strecke. Und dieser Film schafft es so, es ist so schwer zu beschreiben,
Johannes Franke: dass er es schafft. Er hat das richtige Thema gewählt. Er hat einfach das richtige Thema gewählt und kann emotional sein, während Thor Ragnarok kein Thema hat, was einen einfach da reinzieht.
Florian Bayer: Zum Thema kommen wir gleich zu dem emotionalen Thema, was wirklich im Kern dieses Films verborgen liegt. Er benutzt natürlich auch manipulative Mittel, die wir aus dem großen Blockbuster-Kino kennen. Klar. Und die Daniels machen das wirklich geschickt. Sie setzen sehr viel auf Pathos. Wir haben viele Szenen, in denen große Musik im Hintergrund wabert, in denen Nahaufnahmen gemacht werden, in denen Tränen gezeigt werden, in denen mit schnellen Schnitten eine gewisse emotionale Atmosphäre aufgebaut wird. Aber es funktioniert, weil man ihm die Emotionen abkauft. Ja. Der Film, ich finde den Film in seinem Kern wirklich emotional bewegend. Absolut. Und das ist, um es nochmal zu sagen, die Geschichte zwischen Mutter und Tochter. Das steht ganz stark im Zentrum dieses Films, dass die Tochter sich von der Mutter entfremdet hat. Ja. Und das Spoiler-Warnung, also um das gleich zu sagen,
Johannes Franke: wir machen nur Spoiler, nur Spoiler, nur Spoiler. Es tut mir sehr leid.
Florian Bayer: Der Bösewicht Jobo Tupacis stellt sich heraus, dass das Joy, die Tochter von Evelyn, aus einer anderen Dimension ist. Und wir denken sehr lange, dass diese Joy aus der anderen Dimension die Erde zerstören will, aber eigentlich will diese Joy sich selbst zerstören. Und diese Joy will sich selbst zerstören, weil sie das Gefühl hat, dass das Leben sinnlos geworden ist. Also wir haben hier irgendwie eine Form von existenzieller Krise von einer jugendlichen, jungen Erwachsenen. Und das spiegelt natürlich die Geschichte, die wir in der Hauptdimension haben, dass Joy sich von ihrer Mutter distanziert hat. Unter anderem, weil ihre Mutter total arschig ist zu ihrer Freundin. Ja. Bis zu dem Punkt, wo sie es nicht schafft, ihrem Großvater, ihrem Vater zu sagen einfach, dass das seine Enkelin lesbisch ist und es nicht schafft, die Freundin vernünftig vorzustellen. Und sie versucht irgendwie diese Entfremdung aufzulösen. Das ist eigentlich ein Familientrama. Es geht darum, dass sie wieder zu sich finden.
Johannes Franke: Und das Krasse ist, dass der Film natürlich alles tut dafür, das zu verschleiern bis zum Schluss. Ja. Also es ist ja nicht, ganz lange nicht erkennbar, dass der Film überhaupt irgendeinen emotionalen Anker setzt. Das macht er aber. Während des Films setzt er so viele Anker, die ich gar nicht richtig bemerke, die aber trotzdem bei mir gesetzt sind, die dann dazu führen, dass ich das Ende abkaufe. Sonst würde mich das Ende zu sehr überraschen und es würde mich zu sehr nerven, dass die mir jetzt versuchen, noch eine emotionale Szene unterzubringen. Ja. Aber es klappt. Es gibt nur zwei Kritikpunkte im Timing, die ich habe. A, ein bisschen zu viel gekampft. Ja. Und B, das letzte emotionale Drittel ist vielleicht ein bisschen, auch ein bisschen zu lang.
Florian Bayer: Ein bisschen zu lang. Der Film ist insgesamt sehr lange. Ja. Es gibt auch tatsächlich, obwohl unten gerade weil sehr viel passiert, gibt es auch Momente, wo man das Gefühl hat, jetzt zieht es sich in die Länge. Also gerade wenn diese, es gibt sehr viele Szenen mit Video-Eclip-Ästhetik, die vor allem an so Musikvideos aus den frühen 2000ern vielleicht erinnern. Die haben Musikvideos gemacht früher. Die haben Musikvideos gemacht. Die Daniels haben viele Musikvideos gemacht. Die haben sich auf der Highschool, die haben beide Film studiert, haben sie auf dem College, haben sie sich kennengelernt. Und die haben dann unter anderem für Tenacious D, Jack Black.
Johannes Franke: Was ja auch schon so ein Humor vorgibt, Tenacious D. Also die waren ja auch, ich glaube, das ist nicht überraschend, dass man dann solche Filme macht, wenn man sowas gemacht hat vorher.
Florian Bayer: Wobei, wenn wir dazu kommen, wo liegen ihre Einflüsse? Also es gibt sie natürlich. Wir haben natürlich die Einflüsse. Die liegen aber vor allem im Literarischen, habe ich das Gefühl. Oh, das ist spannend. Was würdest du sagen? Was ist das Literarische?
Johannes Franke: Ich kann es nicht genau konkretisieren. Ich habe es bei der Recherche ein bisschen gelesen, dass sie viel in Interviews fallen lassen haben, an Büchern, die sie gelesen haben und philosophische Sachen, Texte. Dieser Film ist ja auch hochphilosophisch irgendwie. Auch wenn er seine Philosophie auch viel in Albernheiten untergehen lässt, aber die ist trotzdem da. Insofern glaube ich, dass die einfach überraschend belesen und einfach so viel jonglieren im Kopf an Ideen und Überlegungen, wie ich das selten sehe heute in so Blockbuster-Sachen.
Florian Bayer: Also was ich auf jeden Fall bei Ihnen sehe, ist so eine Inspiration von dem, was man gemeinhin als postmoderne Filmkunst bezeichnen würde. Eigentlich die Filmkunst unserer Zeit, vielleicht sogar schon mittlerweile ein bisschen überholt, so YouTube. Dieses, was von außen oft randomisiert erscheint. Was YouTube vor allem in der Anfangszeit vorgeworfen wurde, dass es so ganz viel Random-Content gibt, der eigentlich keinen Sinn hat, der einfach nur eine Aneinanderreihung von Albernheiten ist, um damit ein Publikum immer neu zu schocken, immer neu zu catchen. Auch so Clickbait-Videos, wo gesagt wird, jetzt seht ihr was total Absurdes, Groteskes. Ich habe das Gefühl, das spielt so ein bisschen mit rein. Das ist auch die Generation, die sind Anfang 30, Mitte 30. Das ist ihre Generation. Was da mit reinfällt, ist auch Filme und Serien, die in der Zeit entstanden sind. Sowas wie South Park und Rick and Morty, oder Adventure Time, wo sehr viel gleichzeitig passiert, sehr viel ausgeholt wird und in kleine Szenarien, South Park in der Vorstadt, alles gepackt wird, was es an Themen gibt, satirisch, politisch, gesellschaftskritisch. Wenn wir tiefer in die Filmgeschichte zurückgehen, vielleicht so ein bisschen die Pink Movies aus Japan, so das Trash- und Midnight-Cinema-Pendant aus Fernost. Filme, die Tabus gebrochen haben und die sehr viel mit Erotik, Gewalt und bizarrem Humor gespielt haben und eben für diese Mitternachtsvorstellungen reserviert waren. Natürlich fällt da dann auch sowas rein, wie das Kino von Tarantino, was eben so dieses postmoderne Spiel macht, mit Metaebenen, mit Referenzen, Selbstreferentialität. Vielleicht könnte man sowas wie Composite-Films von einem Paul Thomas Anderson, Magnolia, oder von einem Robert-Altman-Shortcut so mit reinfliegen. Es sind auf jeden Fall viele Einflüsse, die man findet. Und dennoch haben sie wirklich ihren eigenen Stil gefunden.
Johannes Franke: Absolut, absolut. Ich finde es großartig. Und die sind da so anarcho drauf, habe ich das Gefühl, dass die wirklich auch in die Lage geraten sind, das überhaupt machen zu dürfen. Finde ich so grandios und so toll. Ich weiß nicht, mit welchen Leuten, die in Kontakt gekommen sind, dass sie das dürfen. Aber die müssen einfach von Anfang an gute Ergebnisse geliefert haben. Also auch mit den Musikvideos von Tenacious D und so weiter. Das ist so ein Ding, wo man einfach einmal in die richtige Kerbe schlagen muss und einmal die richtigen Leute treffen muss, die einen voranbringen.
Florian Bayer: Die haben halt so einen kleinen Überraschungshit geliefert, zumindest bei der Kritik. Das war kein großer erfolgreicher Film mit Swiss Army Man aus dem Jahr 2016. Mit Daniel Radcliffe. Daniel Radcliffe als Zombie. Der mittels, ja, sie haben absurde Themen, der mittels Flatulenzen als einen Raketenantrieb hat und Paul Dano als gestrandeter auf einer einsamen Insel, der die Flatulenzen dieses Zombies nutzt, um von der Insel fliehen zu können und sich damit ein extrem schnelles Boot zu bauen. Also ein Zombieboot. Und dieser Film hat auch eine total alberne Prämisse und total absurde Szenen, hat aber auch dieses Feel-Good-Movie-Ding drin, diesen Pathos und diese Kernaussage, das Leben ist schön und genieße das Leben, lebe im Hier und Jetzt. Und das hat dieser Film natürlich auch an ganz vielen Stellen. Also wenn man gehässig wäre, könnte man sagen, sehr kitschig. Er hat eine sehr banale Aussage. Es geht darum, sei mit deinem Leben zufrieden, lebe im Hier und Jetzt, versuche nicht dem hinterherzuweinen, was du hättest werden können. Aber ist das die einzige Aussage? Nein, nein, nein. Ich bin bei der Oberfläche. Finde das, was das Leben schön macht. Du hast einen liebenden Ehemann, du hast eine tolle Familie, du findest zu deiner Tochter wieder. Irgendwie kriegt ihr das alles wieder hin und selbst mit der Steuerbehörde, wo es so total schwierig ist, schafft ihr es zumindest in Babyschritten, langsam nach vorne zu kommen. Ihr kriegt das schon geregelt. Seid ihr dessen bewusst. Aber das, was es kitschig macht,
Johannes Franke: ist ja die Botschaft, das funktioniert alles mit Liebe.
Florian Bayer: Ja, genau. Liebe, Love is the key. Love is the key. Aber der Film erzählt auch das Ganze, das ist schon total spannend, diesen migrantischen Hintergrund, den er hat. Evelyn ist aus Fernost eingereist und sie ist eigentlich so eine klassische Migrantin erster Generation und dann haben wir ihre Tochter zweiter Generation. Diese Überforderung von der ersten Generation mit diesen ganzen Einflüssen der westlichen Kultur. Ja, Sprachbarriere. Die Sprachbarriere und dieses sich durchbeißen müssen. Sie hat halt diesen Waschsalon und sie muss da wirklich täglich ums Überleben kämpfen. und dann ihre Tochter, die sich irgendwie, ich sag mal, den hässlichen Begriff assimiliert hat und die ihr eigenes Leben lebt und die dadurch entfremdet ist von ihrer Mutter und mit der Welt von ihrer Mutter nicht mehr klarkommt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Während die Mutter nicht damit klarkommt, dass sie ihre Tochter so verliert, während ihr Vater wiederum, der ja jetzt erst neu eingereist ist und kein Wort Englisch spricht, gar nicht klarkommt mit dieser Welt,
Johannes Franke: in der sie gelandet sind. Lass uns die Sprachen mal nochmal thematisieren, weil zum einen finde ich es ganz großartig, dass sie das wirklich im Original Sprachding und dann Untertitel haben. Die Evelyn spricht mit ihrem Vater kantonesisch, mit Waymond, ihrem Mann, glaube ich, mit Mandarin. Ja. Dann, daran sieht man schon die Unterschiede in der Kultur. Mit ihrem Mann wechselt sie immer mal wieder zum Englischen. Genau. Dann die Mutter mit der Tochter, die Tochter versucht immer Englisch mit ihr zu sprechen, spricht ein bisschen schlechtes Chinesisch noch dazu. Das heißt, das ist alles ein, und Mandarin auch so ein bisschen, aber das ist alles so ein Mischmasch aus Sprachen, die ich natürlich als Zuhörer gar nicht auseinanderhalten kann im westlichen Kulturraum. Aber was sich alles mitspüren lässt. Keiner kann mit dem, die haben alle Missverständnisse miteinander oder können irgendwie nicht so richtig ausdrücken, was sie sagen wollen und haben Schwierigkeiten miteinander.
Florian Bayer: Ja, Kommunikationsschwierigkeiten sind die ganze Zeit präsent in dieser Familie. Der Mann sieht irgendwie, die Ehe ist gescheitert und hat dann dieses Scheidungspapier, was er dir die ganze Zeit vorhalten will. Und es klappt einfach nicht, weil sie so aneinander vorbeikommunizieren. Weil sie auch zu sehr mit dem Kopf in diesen Steuerdingen steckt und das Gefühl hat, sie muss das ganz alleine machen, weil sich außer ihr niemand drum kümmert. Was ja auch zum Teil stimmt. Ja. Zumindest hat man den Eindruck am Anfang. Genau. Wird nachher, wird das aufgelöst, die Rolle ihres Mannes. Waymond ist sowieso sehr spannend, weil er wird am Anfang wirklich als sehr schwache Figur präsentiert, mit der wir wenig mitfühlen. Und dann kriegt seine Figur peu a peu eine immer stärkere Rolle in dem Film.
Johannes Franke: Ja. Das ist wirklich spannend. Das ist einer der wichtigsten Punkte für mich im ganzen Film.
Florian Bayer: Und dann diese, was wirklich traurig ist, diese Entfremdung von ihrer Tochter.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Die irgendwie noch ein Draht sieht zu ihrer Mutter und auch irgendwie versucht, da irgendwie den Draht zu finden, den sie verloren hat. Während die Mutter das gar nicht so richtig mitkriegt. Ja. Evelyn ist da ja auch unfassbar ignorant ihrer Tochter gegenüber.
Johannes Franke: Absolut. Ja, ja.
Florian Bayer: Und dann sehen wir auch, dass Joy, dass es Joy wirklich dreckig geht mit der ganzen Situation. Mhm. Und, aber dass Evelyn das einfach nicht schafft zu kitten, weil sie zu sehr in ihren eigenen Gedanken ist. Ja. Und dann gibt es ja wirklich diese traurige Szene, als Joy ihre Freundin vorstellen will, dem Großvater.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann das versucht auf kantonesisch zu machen und dann stockt, weil ihr das Wort nicht einfällt und dann auch zu sich sagt, fuck, wie war nochmal der Begriff?
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und dann tritt halt Evelyn so vor und tritt rein und gute Freundin, damit ist alles gesagt.
Johannes Franke: Ja. Die Etablierung überhaupt von der ganzen Situation ist für mich so ein Fest, weil am Anfang, du siehst sie über den Steuersachen sitzen und dann geht sie da in diese Lingerie rein und man sieht, sie ist so Chef in der ganzen Geschichte. Und sie ist so, kennt jeden Winkel, jeden Gast, jede Maschine und jeder Tritt, den sie irgendwo hingestellt hat, um irgendwo ranzukommen. Es ist alles genau abgestimmt. Und diese Choreografie, die sie da aufgemacht haben, um das zu zeigen, ich fand die so wahnsinnig beeindruckend. Ja. Es ist wirklich krass, in einem Tempo, alles durchgezogen und in einer Präzision. Und die Schauspielerin spielt das so wahnsinnig gut. Michelle Yeoh. Die wir kennen aus Tiger & Dragon, hatten wir hier auch schon besprochen.
Florian Bayer: Ja, eine große Schauspielerin, die im Hongkong-Cinema unzählige Kampffilme gemacht hat. Ich kenne wenig davon, ich kenne mich mit Hongkong-Action-Marshal-Arts nicht aus. Aber sie ist ein großer Martial-Arts-Artist und es gibt dann ja auch die, wir sind noch nicht bei den Multiversen, aber es gibt dann ja dieses eine Universum, wo sie eine Schauspielerin ist, wo sie auch von ihr tatsächliche Szenen, von ihrem roten Teppichauftritten genommen haben, um diese Welt zu zeigen. Und man merkt, dass sie jemand ist, der sich bewegen kann und das trotz fortgeschrittenen Alters. Die Frau ist mittlerweile auch 60.
Johannes Franke: Die ist 60, ist das unglaublich.
Florian Bayer: Und sie legt hier teilweise so krasse Martial-Arts-Campfe auf das Paket. Und die hat es immer noch drauf. Das ist krass, oder?
Johannes Franke: Die hat es immer noch drauf. Und ich bin so, so glücklich darüber, dass es diese Geschichte für eine 60-jährige Schauspielerin gibt und nicht wieder irgendeine, weiß ich nicht, Anfang 20-jährige, blonde, blauäugige Amerikanerin, die irgendwie, weiß ich nicht, irgendeine Superheldin wird, wird, sondern das so in einem spannenden Milieu und in so einer guten, psychologisch spannenden Situation ist, das ist so erfrischend. Also nichts gegen Marvel, aber es ist so toll. Es gab wohl Überlegungen, Jackie Chan als Hauptcharakter?
Florian Bayer: Ja, ja, genau, aber dann haben sie sich entschieden, eine Frau draus zu machen. Gott sei Dank, ja, sie haben es umgeschrieben auf eine Frau. Und dann hatten sie relativ schnell Michelle, Jo im Kopf. Wen gibt es denn sonst? Also ich meine, wer außer sie könnte das spielen? Nee, sie macht das einfach fantastisch. Ja, hervorragend. Und es gewinnt dadurch auch einfach, weil die Familiengeschichte dadurch stärker, also stelle ich mir zumindest so vor, nochmal stärker in den Fokus gerückt wird, diese Mutter-Tochter-Beziehung, die wirklich ein ganz wesentliches Herz des Filmes ist. Und auch diese Ehefrau-Ehemann-Beziehung, die sich im Laufe des Films mehr und mehr auch zu einem zweiten Herzstück herausbildet. Ja, ja. Und dann sind wir einfach mittendrin in einer Familiengeschichte. Aber bevor wir dazu kommen, kommen wir zu den Multiversen. Weil bevor wir in der emotionalen Familiengeschichte sind, haben wir in diesem traditionellen Drei-Akter die Everything-Handlung. Der Film ist wirklich ein Drei-Akt unterteilt. Es gibt den Akt Everything, es gibt den Akt Everywhere und es gibt den Akt All at Once. Und es wirkt doch ein bisschen beliebig, wie die gesetzt wurden. Aber es gibt immer diese Zwischentafeln einmal. Und ich habe das Gefühl, die haben beim Schnitt dann irgendwann gedacht, okay, machen wir das Everything da an den Anfang, klar. Machen wir das Everywhere. Da hin. Ja, ja, genau. Und All at Once dann, oh, wir müssen doch irgendwie am Schluss, die letzten zehn Minuten, passt schon. Genau. Und dann kommt eben dieser Moment, wo plötzlich Wayment von Alpha Wayment übernommen wird. Und ihr sagt, du kannst durch Multiversen reisen, du musst das jetzt tun, du musst die Situation retten. Und es war davor schon chaotisch. Diese Choreografie, dieses durch den Waschsalon. Wahnsinn. Es ist alles chaotisch und laut.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann packen sie da nochmal was drauf.
Johannes Franke: Und Jamie Lee Curtis. Dürfen wir aber sagen, wie großartig Jamie Lee Curtis ist? Daytree, die Steuerprüferin. Es ist so krass. Diese Frau ist der Hammer.
Florian Bayer: Ja. Ich liebe sie. Sie ist so cool in diesem Film. Und sie ist der erste, der erste Endgegner. Weil sie ist die erste, die mit diesem schwarzen Bagel auf dem Kopf, mit diesem Symbol, ihre Minions befehlt, Evelyn und Wayment anzugreifen. Und dann haben wir auch unsere erste Martial-Arts-Szene. Aber das ist eine total irre Martial-Arts-Szene, wo großartig mit Requisiten gespielt wird, mit einer Handtasche geschlagen wird. Aber das ist ja auch nur der Auftakt für diese irre Reise, die sie dann antritt. Und frag mich nach einer Struktur von diesem Film. Es passiert einfach so viel gleichzeitig.
Johannes Franke: Ich glaube, die haben eine sehr gute Struktur eigentlich schon. Sonst würde nämlich das, was sie an chaotischem Zeug innerhalb der Erzählung haben, total auseinanderfliegen. Ich glaube, dass die Struktur an sich auf dem Papier sehr, sehr gut gemacht ist und sehr gut geplant ist. Sonst würde es auseinanderfallen, der Film.
Florian Bayer: Wahrscheinlich. Wir reisen dann auf jeden Fall mit Evelyn durch diese Universen. Und der Plot ist so grundsätzlich, dass sie einen Blick in diese Universen wirft und dann Fähigkeiten mitnimmt. Es gibt so zwei, drei wichtige und dann ganz viel absurde und kleine Universen, die nachher in so einer großen Collage wirklich so ein Frame per Segment gezeigt werden. Evelyn als Kung-Fu-Star. Das ist natürlich, in diesem Universum muss sie reisen, um kämpfen zu lernen. Und in diesem Universum ist sie eine große Schauspielerin. Und dann sehen wir, wie gesagt, die Bilder von Michelle-Johs Karriere. Und sie ist das, weil sie ihren Mann nie geheiratet hat. Und sie ist dann bei der Vorführung von einem Film. Und da trifft dieser Mann, den sie nie geheiratet, trifft wieder auf sie. Und sie redet mit ihm über verpasste Chancen. Und das Ganze inszeniert als wirklich wunderschöne Reminiscenz an das Kino von Wong Kar-Wai. Hast du es erkannt? Du hast ja in der Mut vor Love nicht gesehen.
Johannes Franke: Ich habe es nicht erkannt. Ich habe nur danach gelesen, ah, okay, ja. Aber so richtig erkannt habe ich es nicht.
Florian Bayer: Ja, es ist in der Mut vor Love vor allem. Aber ich finde so, auch Wong Kar-Wai hat ja so einen sehr eigenen Stil. Und auch wenn man 2046 gesehen hat, es gibt so diese totalen und diese sehr ruhigen Bilder, die sehr arrangiert sind. Wenn man mehrere Filme von ihm kennt, erkennt man das auf jeden Fall. Es ist einfach nur ein Spiel natürlich. Eine schöne Reminiscenz. Und dann kann sie Kung Fu. Und dann reißt sie halt in dieses ... Es klingt immer so bescheuert, wenn man sagt, sie reißt in eine Dimension, wo sie in einem Restaurant arbeitet, als Meisterköchin. Und in einem Teppanyaki-Restaurant und wunderbar mit Messern umgehen kann, um gut mit Messern kämpfen zu können. Aber wir kriegen dann natürlich auch noch die Geschichte aus diesem Restaurant mit. Und zwar hat sie da einen Konkurrenten, der von einem Waschbär fremd gesteuert wird. Wir haben Ratatouille vor uns, beziehungsweise Raccoon-Touille. Das ist so großartig. Und die Geschichte wird dann eben parallel erzählt. Jedes Mal, wenn sie in ein Universum reist, wird dieses Universum noch mal so ein bisschen als Episode mitgenommen. Und dann zwischendurch werden Handlungsfelden aus diesem Universum in der Hauptgeschichte gezeigt. Diese Geschichte, wo sie in Kung-Fu-Star ist, dann haben wir einen sehr langen Dialog mit ihrem Fast-Mann. Und wo es darum geht, bereut sie, dass sie ihn nicht geheiratet hat. Und wie steht sie jetzt zu ihm? Es gibt das Universum, in dem sie ein Schild dreht, um Werbung zu machen für ein Restaurant. Ich weiß gar nicht, was es ist. Aber durch dieses Schilddrehen hat sie natürlich die Fähigkeiten, ganz schnell Sachen drehen zu können. Es ist so geil.
Johannes Franke: Ich finde diese Idee so wahnsinnig geil. Die Option aufzumachen, dass du im Grunde ja immer wieder Optionen in deinem Leben aufmachst, wohin du gehen könntest und was dich interessiert und was du machen könntest. Und das ist so eine fiese Beleidigung ihrer Personen in ihrem Universum, dass sie zu ihr kommen und sagen, du hast das größte Potenzial, weil du nichts davon gemacht hast. Du bist die langweiligste Evelyn.
Florian Bayer: Mit dem schlechtesten Leben. Es gibt hier unzählige Universen. Aber du, du hast echt das beschissenste Leben von allem.
Johannes Franke: Du hast nichts gemacht von dem, was an Optionen war. Und genau weil du nichts davon gemacht hast, gibt es so viele Optionen von dir, so viele Varianten von dir im Universum, dass du im Grunde alles lernen kannst. Du bist unsere Auserwählte.
Florian Bayer: Du bist so beschissen, dass du unsere Auserwählte bist.
Johannes Franke: Das ist geil. Ich mag diese Anti-These. Das ist super.
Florian Bayer: Sie ist auch ziemlich pisst, als sie das erklärt hat. Ja, genau. Zuerst sagt sie so, ich kann nicht die Auserwählte sein. Guckt mich mal an. Ja, genau deswegen. Und dann ist sie ziemlich sauer. Okay, ich zähle einfach mal weiter auf. Also das sind so die wesentlichen Universen. Dann gibt es das Wurstfinger-Universum, wo sie eben eine Beziehung hat mit der Daytree. Und es sind wirklich ergreifende Szenen. Und sie sind kurz vor der Trennung, aber sie schaffen es. Gott sei Dank, sie lieben sich wieder. Sie kommen wieder zusammen und sie geben sich gegenseitig Trost. Und dann lutschen sie einander an ihren Fingern. An ihren Wurstfingern. Oh Gott, Hilfe. Es gibt das Universum, in dem das Leben nie entstanden ist. Ach, ist auch geil. Und auch eine ebenso alberne wie bewegende Szene, wenn Evelyn und Joy zusammen da liegen als Steine. Und Joy sagt, guck mal, es ist so friedlich. Das Leben ist nie entstanden.
Johannes Franke: Und es ist alles nur als schriftlicher Dialog. Es ist so großartig. Es ist so schön. Und es ist so eine Oase innerhalb dieses Chaos, den wir im Film haben.
Florian Bayer: Aber auch dieses Universum wird dann eingebettet in die Episoden. Und wir haben diesen bewegenden Moment, wo Joy versucht zu fliehen, weil sie sich selbst auflösen will. Und Evelyn sagt, nein, ich halte dich auf. Und dir hinterher rollt. Dann haben wir einfach diese Steine. Der eine Stein flieht vor dem anderen in den Hügel runter, der andere Stein hinterher. Und wir sitzen da. Mit den Googly Eyes. Und wir sitzen da und sagen, schafft es bitte.
Johannes Franke: Fangen Sie.
Florian Bayer: Wir haben Evelyn als Haus. Wir haben Evelyn als Hund. Wir haben Evelyn als Katze, als Traube, als Baum, als Dämon. Wir haben Evelyn als weißen Tennisspieler, als Illuminaten-YouTube-Video. Was heißt, die ganzen Frames angeschaut? Als Anime ein paar. Wir haben einen Zoom-Call von Evelyn mit den Daniels. Nein. Und Evelyn vor einem Greenscreen. Ziemlich offensichtlich was, was irgendwie noch übrig war aus den Produktionsnotizen oder so. Nein, wie geil. Wir haben eine wirklich tolle Szene, wo Evelyn Gefangene ist und Joy die Wächterin des Gefängnisses und sie angreift. Am Anfang kriegen wir nur so zwei, drei, vier Universums präsentiert. Und dann gibt es irgendwann diese wirklich krasse Szene, in der sie durch die Universen rast. Und dann halt, da muss man Pause drücken, um was zu erwischen und ein Bild zu sehen. Das ist der absolute Wahnsinn.
Johannes Franke: Und das Krasse ist, dass sie ja wirklich dann für einen langen Zeitraum nur Sekunde, Sekunde, Sekunde, nächste, nächste, nächstes Universum, und die müssen alles ordentlich gedreht haben, weil die müssen damit rechnen, dass Leute wie du da sitzen und auf Stop drücken und sich Frame für Frame das nächste und das nächste anschauen. Und das müssen ja echt extrem viele kurze Ausschnitte sein, die sie gedreht haben müssen, alle. Sie wiederholen mehrere Ausschnitte. Und es gibt ein paar, die wirklich nur so ganz simpel sind aus dem Film und so, um das aufzufüllen.
Florian Bayer: Aber trotzdem ist es irre. Wie gesagt, es gibt diese, irgendein Grafikdesigner, Grafikdesigner, irgendeine Grafikdesignerin hat eine Menge Spaß, Michelle Yeoh auf ein Hundegesicht, mit einem Hundegesicht zu merchen und mit einem Katzengesicht.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und irgendein, wie gesagt, diesen Tennisspieler, ich glaube, das ist so ein Tennisspieler-Ausweis, man weiß auch nicht genau, oder so ein Gesuchtplakat, irgendein Plakat mit einem weißen Tennisspieler, der dann so ein bisschen Ähnlichkeit zu ihr hat. Okay. Und wie gesagt, dann gibt es einen Baum, wo ihr Gesicht drin ist. Und eine Traube, wo ihr Gesicht drin ist. Es ist wirklich wahnsinnig. Und wir sind in der ersten Hälfte, im ersten Drittel, dieser Oberschurke, der dann kommt, also diese, wo wir dann erst erfahren, dass es ihre Tochter ist, Jobu Tupaki, die dann mit des Gedankenkraft Köpfe sprengt und Konfettis fliegen rum.
Johannes Franke: Und die Kostüme sich ständig wechseln. Alter, diese Ideen. Es ist unglaublich. Es ist eine Explosion von Ideen, die da auf einmal passiert, dass du auch gar nicht mitkommst, ne?
Florian Bayer: Visuell, du kommst gar nicht mit, was eigentlich gerade passiert. Es wird dann ja auch, es wird dann ja nochmal eine andere Dimension erzählt, ein anderes Universum, was fast genau ist wie das Universum, wo sie festhängen in diesem Steuergebäude und gegen, nicht nur gegen Jobu kämpfen, sondern auch gegen den Vater, weil der sie auch aufhalten will und weil der das Gefühl hat, dass Michael Jo, Evelyn ihr helfen könnte. Und dann wird parallel erzählt, eine Dimension, wo sie zurück sind aus der Steuerbehörde und irgendwie nochmal versuchen, die Sachen zu ordnen, die dann immer wesentlicher wird, diese andere Dimension. Und du musst wirklich versuchen, den Überblick zu behalten, wo sie gerade sind, auch wenn das visuell eigentlich immer ziemlich eindeutig ist. Und dann passiert ja alles auf einmal, dann kommen die ja und kämpfen alle gegeneinander. Und das ist ja auch der Moment, wo dann Evelyns Geist, so wie der Geist der Zuschauer, einfach zu viel hat. Und sie stirbt, nachdem Alpha Wayman, also der Vater von seiner Tochter, umgebracht wurde. Und dann reist sie durch diese Universen und macht Sprung nach Sprung und versteht schließlich, was ihre Tochter eigentlich will, was Joy eigentlich will. Weil Joy will gar nicht das Universum vernichten.
Johannes Franke: Ja, wir denken, dass die Hälfte des Films, dass sie das Universum zerstören will und kriegt dann langsam das Konzept dieses Bagels mit, den sie da, was auch eine geile Erfindung ist. Und versteht dann irgendwann, dass es ja gar nicht darum geht, sondern dass es um den Nihilismus der Tochter geht. Und das finde ich einen starken Törn.
Florian Bayer: Sich vernichten. Also wir haben hier auch eine Geschichte über Depressionen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Über Suizidgedanken, die sie hat, die ihre Mutter einfach nicht wahrgenommen hat. Ja. Das ist krass. Und ganz kurz, um auf die tolle Symbolik einzugehen. Sie will sich selbst vernichten mit diesem Bagel. Und der invertierte Bagel sind diese Googly Eyes. Mhm, genau. Wir haben so einen Running Gag, dass Waymond, der Mann von Evelyn, immer überall Googly Eyes klebt, so Kugelaugen. Und sie findet das voll nervig. Ja. Und diese Kugelaugen symbolisieren natürlich seine Lebensfreude, auch seine naive Lebensfreude. Er sagt dann in diesem Dialog mit Evelyn in der Kung-Fu-Dimension irgendwann. Oh, das habe ich rausgeschrieben. Oh, dann kannst du es gleich vorlesen. Er sagt ihr, dass, ich paraphrasiere es erst mal, dass man meinen könnte, er wäre naiv und viel zu gutherzig, aber es ist eine Strategie. Und er sieht das Gute im Universum, weil er es muss, weil das seine Überlebensstrategie ist.
Johannes Franke: Wenn ich wähle, den guten Seite von Dingen zu sehen, bin ich nicht naiv. Es ist strategisch und notwendig. It is how I've learned to survive through everything. Und irgendwann nimmt er sich für sich in Anspruch, dass er auch ein Kämpfer ist.
Florian Bayer: Ja. Und gerade mit dieser freundlichen Art. Und das wird ja auch adaptiert. Das ist ja der Moment, wo die Beziehung zwischen ihr und Waymond kippt für uns Publikum. Wir verstehen jetzt, welche Rolle dieser Waymond in der Geschichte spielt. Ja.
Johannes Franke: Und das ist einer der ersten Momente in meinem Erleben von Filmen, dass eine Figur, die erst naiv erzählt wird und so und freundlich und einfach nur, dass die nicht nur einfach als Loser dargestellt wird, sondern dass dann der Turn kommt zu sagen, das ist eine Überlebensstrategie. Das ist kein einfach nur, ich bin zu doof dafür oder Naivität als doof hinzustellen. Was ein ganz klassisches Klischee ist im Hollywood-Film. Absolut. Volle Kanne. Und da habe ich mich als Person, als Charakterzug, das erste Mal repräsentiert gefühlt. Ah, das ist cool. Und das war der Moment, wo der Film mir auch emotional alles anfangen konnte zu verkaufen. Weil ich gedacht habe, okay, der hat da wirklich gerade ein Ding aufgemacht, was nie aufgemacht wird sonst.
Florian Bayer: Ja, es ist so verpönt, nicht nur im Hollywood-Kino, auch in traditionellen Händengeschichten. Es gibt dieses Trope von dem, es ist sehr oft ein Mann. Ja. Weil das natürlich auch so was mit diesem, eigentlich ist es toxisch-maskulin, dieses Klischee, dass ein Mann dann so weibig ist. Ja, ja, genau. So feminisiert wird dadurch, dass er emotional ist. Ja. Und dieser Typ Mann wird als emotional, als naiv, als viel zu liebenswert und dann letzten Endes oft auch als feige dargestellt. Und diese Männerfigur taugt meistens nur dazu, um Gegengewicht zu haben zu dem traditionellen Helden, der weiß, wenn es nötig ist zu kämpfen, kämpft man.
Johannes Franke: Ja. Oder in der einigermaßen modernen Variante als Gegenperson für die Frau, die als starke Figur dargestellt werden soll. Was die Figur, was lazy ist als Filmemacher zu sagen, wir geben uns nicht Mühe, die Frau wirklich stark sein zu lassen im Film, sondern geben ihr einen Partner, der besonders schwach ist. Was total Schwachsinn ist, total dämlich ist. Und in diesem Fall das erste Mal, dass mir das wirklich, ich weiß nicht, ich habe mich nicht erinnert an irgendwas, wo es mal auch so erzählt wurde. In diesem Fall endlich mal erklärt wird, was diese Figur, was dieser Charakterzug in so manchen Männern, wie eben auch bei mir im Leben. Ich oft gedacht habe, nee, ich muss Dinge mit Freundlichkeit angehen und das als Waffe benutzen. Ja. Und es funktioniert. Ja.
Florian Bayer: Ja, es steckt dahinter ja auch nicht nur dieses Strategische, das wird dann später noch mal deutlich, es steckt dahinter ja auch wirklich die Weltsicht. Hey, es ist nicht schlecht, freundlich zu sein. Nein, genau. Es ist nicht, es ist, ja, Hollywood erzählt uns die ganze Zeit, dass es uncool ist, so der freundlich, nette, naive zu sein. Da kommt schon das Wort, was es irgendwie, was einen negativen Beigeschmack hat. Aber es ist nicht schlecht, auch ein bisschen Vertrauen in die Menschheit zu haben und in die Menschen zu haben und Vertrauen in das Gute von Menschen zu haben.
Johannes Franke: Und es ist, wenn wir uns dann den Kampf später anschauen, wenn sie dann verstanden hat, was er meint und das anwenden will, es ist auch die nachhaltigere Variante. Ja. Wenn du den Menschen, die dich angreifen, die irgendwie was versuchen gegen dich glücklich machst, dann sind die erstmal eine Weile zufrieden mit dem, was sie haben. Wenn du dagegen schlägst, dann schlagen sie wieder zurück, aber wenn du sie glücklich machst für einen Moment, dann sind die erstmal, okay, cool, ja, ich habe ja keinen Grund mehr anzugreifen,
Florian Bayer: weil ich bin ja glücklich. Es ist so geil, dass sie dieses Menschenbild wortwörtlich in einer Kampfszene umsetzen. Es ist so geil. Sie versteht nämlich dann seine Nettigkeit und sie guckt ihn an und sagt, ich habe zum ersten Mal jetzt verstanden, wie du das Leben bewältigst und ich werde jetzt mit deiner Strategie kämpfen. Dann klebt sie sich so ein Kullerauge auf den Kopf und dann kämpft sie gegen die Bösewichte. Und dann macht sie den klassischen Move eines Actionhelden, dass man den Kopf von jemandem greift und in den Hals rumdreht, um ihm das Genick zu brechen. Aber sie macht das, um sein Rückenleiden zu beheben. Und dann haben wir den... Den SM-Typen? Den SM-Typen mit den speziellen sexuellen Wünschen, dem Fass holt sie halt den Hintern und er genießt das. Und wir haben... Was macht sie noch? Ganz viel. Auch bei ihrem Vater schafft sie es auch. Ja. Sie kämpft mit den Waffen der Freundlichkeiten, der Hilfsbereitschaft. Sie kämpft gegen die Leute und gleichzeitig heilt sie sie, hilft ihnen, macht ihr Leben angenehmer.
Johannes Franke: Genau, macht sie glücklich. Und im Grunde ist ja auch jeder Bösewicht nur aus Not Bösewicht. Und diese Not wird gelindert.
Florian Bayer: Sie sprüht den einen Typen mit dem Parfum seiner Frau ein, wenn er das so toll findet. Und dann sieht man auch diesen Blick von ihm, wie er wirklich lächelt und zufrieden ist. Und sie gewinnt diesen Kampf, indem sie diese Nettigkeit aufnimmt. Diese vermeintliche Naivität, diese Freundlichkeit, dieses Gutmenschentum, wie auch immer du es nennen willst. Dieses einfach mal Gutes tun und nicht das Schlechte sehen in den Menschen, sondern das Gute in den Menschen sehen und ihnen helfen.
Johannes Franke: Ja, und ich glaube, da sind ganz viele Diskussionspunkte mit Menschen. Es gibt ja nun wirklich viele Ansichten für diese Welt. Und ich glaube, dass ich kenne ein paar Leute, mit denen wir jetzt sehr lange diskutieren könnten, ob das sinnvoll ist oder nicht.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Wenn man es akademisch machen will, kann man es ein bisschen runterbrechen auf eben diesen Kampf nihilismus gegen Vitalismus oder Existenzialismus. Der ganz stark dann in dem Kampf zwischen Evelyn und Joy herauskommt. Joy sagt, sie hat alle Universen gesehen. Sie hat alles gesehen. Sie erkennt, es ist alles komplett sinnlos. Und da haben wir eben diese ganz traditionelle Philosophie des Nihilismus. Oder des Pessimismus könnte man auch sagen. Es gibt verschiedene Begriffe dafür. Nihilismus ist so ein Kampfbegriff, der auf ganz viel draufgestückt wurde. Tatsächlich ein Begriff, der von den Gegnern bestimmter philosophischer Stoßrichtungen benutzt wurde, um die auch zu diskreditieren. Okay. Eine Zeit lang, so Anfang 19. Jahrhundert, waren alle Atheisten, waren auch Nihilisten. Oh, okay. Aber die, die es ernst genommen haben, ich würde ja immer Schopenhauer als einer der wesentlichen Eckpfeiler nehmen, auch wenn er sich nie als Nihilist bezeichnet hätte. Die haben gesagt, das Leben ist eigentlich eine Qual. Das Leben ist ein Jammertal. Und das ist alles so schrecklich und chaotisch und viel zu viel. Und wir müssen irgendwie innere Ruhe finden, indem wir alles negieren. Und damit lösen wir irgendwie das auf. Und Selbstmord funktioniert auch nicht. Nee. Selbstmord ist, wir müssen, weil Selbstmord wäre viel zu viel Handlung. Wir müssen einfach, wir müssen irgendwie ins Nichts übergehen. Wir müssen dieses ganze Ding hinter uns lassen. Jetzt ausgerechnet der Erste, der da gegen diese Philosophie agiert hat und der damals dann auch mit seinem quasi Lehrmeister Schopenhauer ganz stark gebrochen hat, war Nietzsche, der gesagt hat, Nein, wir müssen das Leben genießen. Wir müssen Götter werden. Und dann noch stärker haben es, also Nietzsche war so ein bisschen ein Mitbegründer des Vitalismus. Die Existenzialisten haben das später ganz stark gesagt. So auch Satre, die gesagt haben, ja, wir sehen eine gewisse Sinnlosigkeit im Leben. Aber wir müssen erkennen, dass diese Sinnlosigkeit zu sehen, macht das Leben nicht schlechter. Sondern wir können, wenn wir sehen, dass wir vor einem Nichts stehen, können wir vielmehr auch nochmal das Leben genießen. Dann gibt es verschiedene Ausrichtungen, die absurde Philosophie. Wir müssen uns Sisyphos als glückliche Menschen vorstellen. Und so weiter. Man muss es gar nicht auf diesem ganzen akademischen Level betrachten. Es geht ja um ganz banale, grundsätzliche Haltung. Wenn du siehst, wie viel passiert auf der Welt, dann kannst du sagen, das ist alles zu viel und es ist alles so sinnlos und wir werden sowieso alle sterben und die Welt geht vor die Hunde. Oder du kannst halt sagen, jetzt erst recht, jetzt will ich versuchen, was Gutes draus zu machen. Jetzt will ich versuchen, das, was da ist, was schön ist, weil es gibt sehr viel, was schön ist, will ich genießen. Und das, was nicht so cool ist, will ich besser machen. Und das ist vielleicht so eine grundsätzliche Frage, für die man keine Philosophie studieren muss, weil sich die Frage jeden mehrmals im Leben stellt. Sieht man so eine gewisse Sinnlosigkeit und denkt, ach, es ist alles für einen Arsch. Nothing matters, sagt Joy gönnlich irgendwann. Oder sagt man, nee, jetzt erst recht oder gerade deswegen.
Johannes Franke: Ich kann verstehen, dass man diesen Kampf nicht mehr will. Also es ist ja durchaus ein Kampf, wenn du das Gefühl hast, je mehr du Energie reingebst, umso schlimmer wird es eigentlich. Also machst du lieber gar nichts. Ich verstehe den Gedanken, ich verstehe den Gedanken, weil es viel Aufwand ist, dagegen anzugehen und mit Freundlichkeit immer mehr. Das kostet einfach Energie. Aber je nachdem, mit welcher Haltung man reingeht, kostet es halt mehr Energie oder vielleicht auch weniger.
Florian Bayer: Das ist halt auch schwierig zu beurteilen, weil es fühlt sich natürlich immer so von einem hohen Ross aus an, wenn man dieses Aufgeben so klein redet. Weil es passieren verdammt viele schreckliche Dinge auf der Welt und es gibt Menschen, die verdammt viele schreckliche Dinge erlebt haben. Und wer sind wir, ihnen zu sagen, dass sie trotzdem das Leben genießen sollen oder trotzdem nett sein sollen. Ja, natürlich. Das Ding ist halt, es gibt diesen oben drüber, diesen gesamten Diskurs irgendwie, der ständig wieder aufploppt, wie sinnvoll ist das Leben, wie sinnlos ist das Leben. Darüber streiten die Philosophen. Ja. Und jeder persönlich hat in sich auch immer mal wieder diesen Zwiegkampf. Was macht Sinn? Was will ich mit meinem Erleben erreichen?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Natürlich hat Evelyn halt auch, also wenn sie zufrieden mit dem sein soll, was sie hat, dann kann man auch sagen, okay, dann ist sie sehr einer marktwirtschaftlichen Logik gefolgt und jetzt hat halt ihr einfaches Leben mit diesem Waschsalon, der gerade genug Geld abwirft, dass sie sich und ihre Familie ernähren kann.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ist es das wirklich? Weil das ist ja auch ein bisschen eine Aussage von dem Film. Hey, du bist glücklich mit dem, was du hast.
Johannes Franke: Ja, weiß ich nicht, ob das der Film ist. Der Film sagt ja auch, hat ja auf der anderen Seite die Botschaft, es gibt wahnsinnig viele Möglichkeiten, wie du dein Leben gestalten kannst. Du musst dich halt mal entscheiden, was zu tun. Ja. Das sagt der Film auch, weil also sie offensichtlich ja sehr beleidigt wird von diesem, vom Alpha Wayment, der da kommt und sagt, du bist die langweiligste aller Versionen. Also sagt der Film ja auch als Botschaft, entscheide dich mal, mach mal was.
Florian Bayer: Und gleichzeitig gibt die Figur, die offensichtlich das beste Leben hat vermeintlich, die Schauspielerin, die Kung-Fu-Star ist, da steckt ja auch eine ganz tiefe Reue dahinter, dass sie ihren Mann, dass sie nicht mit ihm gegangen ist, als er gesagt hat, komm, lass uns abhauen, lass uns nach Amerika gehen. Sondern sie hat auf ihren Vater gehört, der gesagt hat, nee, der bringt doch nur Ärger, mit dem kommst du nicht weit, das ist doch ein Versager. Und in dem Gespräch zwischen ihr und Wayment dann in diesem Universum, war ja klar, dass sie da ganz viel Bedauern hat, dass das nicht geklappt hat. Und er sagt auch, er hat Bedauern, aber er hat es geschafft, sich irgendwie davon zu lösen. Ja, ja, ja. Oh, ich habe ein Universum vergessen, was auch so toll ist, wo ihre Sinne geschärft werden, wo sie offensichtlich einen Unfall hatte als Kind und dann eine blinde Sängerin ist. Ja, ja, genau. In diesem Universum ist sie ganz krass unter der Fuchtel ihres Vaters, der so ein bisschen als die Eltern eines Stars hinter der Bühne steht und jeden ihrer Schritte offensichtlich beobachtet. Ja. Und dann ist es eben doch auch die Liebe zu ihrem Mann, der in jedem Universum für sie da ist, obwohl sie ihn in dem einen Universum sogar einmal dann ersticht, die ihr klar macht, was diese Familie für sie bedeutet. Dann gibt es ja diese wirklich ergreifende Szene, wo Joy sich in den Bagel stürzen will und Evelyn hält sie auf und dann kommt Wayment von hinten und greift sie und dann kommt der Vater, der Großvater, der die ganze Zeit so ein Arsch war, kommt auch noch herangespürzt und dann hängen sie so als Familie vor diesem Bagel, um da nicht reinzufallen.
Johannes Franke: Ja. Das ist schon wieder so bewegt. Das ist so ein Generationenfilm. Ja, ja, es ist wirklich toll. Man fragt sich, aber das ist so tatsächlich, dass du alle paar Minuten denkst, ach, ist es vielleicht doch ein Film über Generationen? Ach nee, Moment. Ist es vielleicht doch ein Film nur über Depressionen? Moment. Nein, es ist nicht vielleicht doch ein Film über, weiß weiß ich, es gibt so wahnsinnig viele Felder, die der Film aufmachen.
Florian Bayer: Diese Themen sind da drin und wir haben die Politik noch nicht mal gestreift. Du kannst diesen Film natürlich auch politisch lesen, eben durch dieses Migrationsthema. Absolut. Durch dieses Generationenthema.
Johannes Franke: Der amerikanische Traum in der asiatischen Community in Amerika. Ein riesiges Thema, was da drin steckt.
Florian Bayer: Ja, die auch drangsaliert werden von den Behörden, die es wirklich sowieso schon schwer haben, wo jedes sprachliche Missverständnis auf die Goldwaage gelegt wird.
Johannes Franke: Ein sehr voller Film. Und es ist nicht so, dass man, also ich zumindest als Zuschauer das Gefühl habe, die hätten 90 Prozent weglassen müssen, sondern ich glaube, dass sie es geschafft haben, jedem einzelnen Thema seine Berechtigung im Film zu geben und jetzt sei es noch jeder kleinste Pixel, der irgendwie noch störend hinzukommt, weil er das Bild einfach, auch wenn es ein Hieronymus Bosch ist, es ist einfach der Hammer. Es ist großartig. Ja. Du kannst alles davon genießen und du kannst ihn natürlich 20 Mal sehen in dem Film und jedes Mal wahrscheinlich was Neues sehen, aber es ist großartig.
Florian Bayer: Alternative Titel. Kurz kleinen Fun Facts einzuwerfen. Ja. In Taiwan hieß dieser Film, ich übersetze jetzt, also in englischer Übersetzung würde es heißen So Many Fucking Universes, wobei dieses Fucking offensichtlich zwei Bedeutungen hat und auch so Your Mother's Universes heißen könnte. Ja. Mit der Tech-Line Even More Marvel Than Marvel. Ja, geil. Das habe ich nicht gewusst. Geil. Auf Mandarin In an Instant The Entire Universe. Auch ein schöner, passender Film. Und mein Lieblingstitel aus dem Ausland, der Hongkonger Titel war Weird Woman Fucks Around and Saves The Universe.
Johannes Franke: Das ist super. Weil die Zusammenfassung, die auf IMDb stand, während der Film noch keine Details rausgeben wollte und deswegen sehr minimalistisch war, stand da nur, Frau versucht, ihre Steuererklärung zu machen. None|Perfekt.
Florian Bayer: Es gibt ja dieses Meme so, findet einen langweiligen Titel für einen eurer Lieblingsfilme.
Johannes Franke: Geil. Oh, das ist cool.
Florian Bayer: Oh Mann. Ja, jetzt haben wir uns so viel gebauchpinselt. Es freut mich natürlich total, dass der Film
Johannes Franke: dir gefallen hat. Absolut. Es ist so großartig. Einer der besten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Das ist schön.
Florian Bayer: Und es war wirklich nicht zu viel, weil ich kann bei jedem, der sagt, das ist mir echt zu viel, das nachvollziehen. Weil es passiert einfach so viel gleichzeitig. Wir haben in diesem zweiten und dritten Parten, diesem Everywhere und All at Once, haben wir diese Episoden, die parallel dann erzählt werden, wo sie mit dem, wo sie dem Kochkonkurrenten hilft, seinen Raccoon zurückzukriegen, seinen Waschbär wiederzufinden. Und dann setzt sie sich auf seine Schulter und wird zur Puppenspielerin. Und das wird halt parallel als halt mit den Steinen, die wegrollen, mit dem Bagel, wo sie davorstehen und mit der Explosion. Und ich kann jeden verstehen, der sagt, wow, es ist einfach zu viel.
Johannes Franke: Ja, ich finde auch, das Sounddesign ist echt viel, muss man sagen. Das Sounddesign macht wirklich viele Geräusche für Dinge, die im Leben keine Geräusche machen. Aber es ist wirklich sehr gutes Sounddesign und deswegen kann ich damit voll mitgehen. Sonlook ist für die Musik verantwortlich.
Florian Bayer: Ah ja,
Johannes Franke: und die haben drei Jahre gebraucht, um das Ding zu machen.
Florian Bayer: Ja. Das ist unglaublich. Der Sound steckt halt auch voller Referenzen. Es gibt offensichtlich irgendwann zwischendrin, gibt es mal so eine Mario Smash Bros, so ein Videospiel-Sound.
Johannes Franke: Genau, ja, ja, ja. Ja. Es ist der Hammer. Schon wie das anfängt auch, was für Details, nur um das einmal noch reinzuwerfen. Die haben sich über Bilder Gedanken gemacht. Das ist unglaublich. Das sieht so gut aus. Und dann haben gleich am Anfang steht der Mann von ihr vor dem Schreibtisch. Wir sehen ihn gar nicht wirklich, weil sie da sitzt und wir sehen ihre Verzweiflung, aber es steht hinter ihr ein kleiner Spiegel. Ja. In diesem Spiegel ist das Gesicht von ihm zu sehen, wie er da steht. Und der muss ganz genau auf der Marke gestanden haben und ganz, er darf sich nicht bewegt haben, weil dieser Spiegel relativ klein ist und er sein ganzes Gesicht zeigt. Wenn er auch nur einen Zentimeter weiter links gestanden hätte, wäre es nicht mehr richtig gewesen. Und ich glaube, dass dieses Detail, diese Detailverliebtheit in jedem Bild drin steckt. Ja. Die müssen wirklich unglaublich viel geplant haben.
Florian Bayer: Es sind viele Bilder und viele Schnitte.
Johannes Franke: Wahnsinn.
Florian Bayer: Ich sage dir immer gerne, weil ich auch die Filme mag, die mit so groß, in denen nichts passiert und große Panoramaaufnahmen zehn Minuten gehalten werden. Das ist das extreme Gegenteil. Ja. Dieser Film, also bis hin eben zu dem Punkt, wo sie wirklich die Frames abrasen lassen und die Bilder gezeigt werden. Ja. Dieser Film ist ein einziges Schnittfest und trotzdem, wie du sagst, haben sie sich wirklich Zeit genommen, coole Bilder zu finden und zu rangieren. Oh, Lord.
Johannes Franke: Wahnsinn. Wirklich unglaublich. Ich bin begeistert.
Florian Bayer: Ich glaube, wir sind an dem Punkt, wo wir kurz von unserem Skript abweichen können. Ich habe nämlich keine Wir haben ein Skript, Flo? Ja. Top drei. Heute keine Top drei.
Johannes Franke: Oh nein.
Florian Bayer: Rest in Peace Top drei. Ich wollte stattdessen noch, Johannes, habe ich eigentlich als Hausaufgabe gegeben, guck dir auch noch Interesting Ball an, den Kurzfilm, den die Daniels gemacht haben, bevor sie im selben Jahr, in dem sie Suicide Army Man gedreht haben. Ah. Weil dieser Kurzfilm zeigt schon, wo es lang geht. Und in vielerlei Hinsicht kann man, glaube ich, Everything, Everywhere, All at Once auch als Langfilmverfilmung dieses Kurzfilms sehen.
Johannes Franke: Oh, okay. Das Ding ist, ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht und habe ihn nicht gesehen. Das heißt, wir werden jetzt zehn Minuten Pause machen. Ihr könnt also auf Toilette gehen oder so und dann werden wir diesen Film gucken derweil und wenn ihr wiederkommt, sind wir vielleicht fertig und dann ...
Florian Bayer: Wir machen keine zehn Minuten Pause. Für euch wird es sich anfühlen wie ein paar Sekunden und danach werdet ihr, ich werde nichts sagen, danach werdet ihr ungefiltert Johannes' Eindrücke von diesem Kurzfilm sehen. Oh, okay. Also es geht weiter mit Interesting Ball aus dem Jahr 2016 nach dem Klapp. So, da sind wir wieder. Für euch ist nur eine Sekunde vergangen. Für Johannes emotional aufwühlende 13 Minuten. Wir haben nämlich jetzt gerade Interesting Ball geguckt und ich übergebe gleich das Wort an ihn. What the fuck did I just see?
Johannes Franke: Die beiden sind anal fixiert.
Florian Bayer: Ja, definitiv. Das kann man mitnehmen, wenn man diesen Film plus Swiss Army Man plus Everything Everywhere All at Once nebeneinander hält. Ja.
Johannes Franke: Ich ... Der Film ist natürlich auf völlig anderem Niveau gedreht, digital. Also man muss sagen, dass sie natürlich ... Das ist ... Ein Studentenabschlussfilm oder so. Nicht mal ein Abschlussfilm. Ja. Es ist halt so, ne? So. Und das Thema ist natürlich auch wieder sehr trashig zusammenge ... Also, ne? Viele denken, wo ich denke, ah, um Gottes Willen, was passiert da gerade? Aber du hast recht, auf hohem Niveau mit viel Geld und noch besserer erzählerischer Fähigkeit,
Florian Bayer: ja, ist es das im Grunde. Das ist halt ... Interesting Ball ist halt mehr random, weil es nicht so eine wirklich Gesamtgeschichte gibt, sondern es sind verschiedene Episoden, die erzählt werden und jede dieser Episoden ist komplett bizarr. Also, wie gesagt, in 13 Minuten zusammengewürfelt haben wir eine Frau, die eine Affäre mit einem roten Ball hat, der deswegen von ihrem Mann erschossen wird. Wir haben einen älteren Mann, der anscheinend ein Planned Date hat mit einer jungen Frau, die was anderes erwartet hat und sie ist ziemlich abgeturnt davon und er versucht, ihr aber klarzumachen, dass wenn alles möglich ist, dass sie dann auch ... dass es dann auch irgendwie eine Art Welt gibt, in der sie zusammen sind. Ja. Wir haben die beiden Daniels, höchstpersönlich, die ... Einer von ihnen möchte ... Daniel Kwan möchte Daniel ... Wir haben ihren Namen noch gar nicht gesagt. Ja. Daniel Scheinert verarschen. Daniel Scheinert schläft gerade und Daniel Kwan stellt sich über ihn, zieht seine Hose runter und kloppt auf seinen Hintern, woraufhin Daniel Scheinert so erschrickt, dass er zutritt und mit seinem Fuß im Hintern seines Kompagnons landet, um danach langsam aufgesogen zu werden. Und komplett in ihm verschwindet, in seinem Hintern. None|Ja. Wir haben eine Frau, die einen Scherzanruf bekommt, und zwar ein Kind fragt nach einem Mike Crotch, der klassische Scherzanruf Mike Crotch. Allerdings war sie tatsächlich verheiratet mit einem Mann namens Michael Crotch und der ist vor kurzem gestorben, was das Kind sehr irritiert, als sie das sagt. Woraufhin das Kind den klassischen Kühlschrankwitz macht, ist your refrigerator running. Und jetzt rennt der Kühlschrank weg. Der Kühlschrank geht wirklich los. Und wir haben eine Gruppe Pros am Strand, die ihrem Freund helfen wollen, seine Freundin zurückzugewinnen, indem sie sich in einen Mac verwandeln, der aus Pros besteht. Oh Gott. Aber der Wiedergewinnungsversuch scheitert, weil sie die Frau einfach erdrücken und dann vor der Polizei fliehen müssen. Und dann werden diese Episoden in immer schnellerer Schnittfolge nebeneinander gehalten und werden offensichtlich einmal geframed am Anfang mit dem Ball, der halt immer mal wieder rumspringt in diesen absurden Szenen. Und dann aber schließlich mit dieser Date-Szene, wo der Typ eben der Frau erzählt, es kann alles passieren und alles ist möglich. Und das ist offensichtlich so ein Rahmen, in dem das Ganze stattfindet. Und dann gehen sie nochmal ins Universum.
Johannes Franke: Ja, oder schweben sie. Genau. Also diese Multiversen werden schon ein bisschen angedeutet.
Florian Bayer: Der Pathos ist auch wieder dabei. Ohne dass es einen emotionalen Handlungsfaden gäbe, arbeiten sie ganz stark mit diesen Pathos-Szene. Deswegen finde ich es ganz spannend, den zu sehen. Ich habe am Anfang gesagt, das ist auch ein bisschen manipulativ, was die machen bei Everything Everywhere All at Once. Hier merkt man das noch stärker, weil es eben kein, es gibt jetzt nichts, was dich wirklich emotional catchen würde. Ja, zum Beispiel die Frau, die dann ihren Kühlschrank rennen lässt, ist schön, weil sie damit abschließt mit dem Tod ihres Mannes. Aber es gibt nicht so ein richtiges emotionales Thema und trotzdem benutzen sie wieder diese emotionalisierenden Stilmittel. Schnellerer Schnitt mit Pathos, große Musik. Und ich bin auch bewegt von diesem Film.
Johannes Franke: Ja, ja. Ach, also ich, lustiger, kleiner Fingerübung, habe ich so das Gefühl. Wir probieren mal so ein paar Sachen aus. Aber der bewegt mich natürlich bei weitem nicht, das ist ja wie der, die große Variante.
Florian Bayer: Es ist die, ich finde, es ist so die kleine Schwester, die, in der sie einfach auch präsentieren können, was sie können inszenatorisch. Und jetzt haben sie auch nochmal eine richtige Handlung dabei. Ja. Ein emotionales Center. Genau. Das ganz wichtig ist. Ja. Und darum schaffen sie es eben auch, all diese bizarren Dinge, die sie in dem Kurzfilm machen, Ja. auf ein Ziel zu lenken. Und das ist halt das Starke, dass das Ziel auch wirklich funktioniert. Und damit kommen wir eigentlich zum Ende des Films schon, ne? All at once. Ja. Und irgendwie schafft Evelyn es, gegen die Bösen zu kämpfen, mit der Strategie ihres Mannes. Und in einer anderen Dimension schafft es ihr Mann, die Steuerprüferin dazu zu kriegen, doch nochmal alles zu überdenken. Einfach indem er nett mit ihr redet.
Johannes Franke: Ja. Und sie an Dinge erinnert, die ihr mal irgendwie passiert sind, wo sie gesagt hätte, da hätte ich vielleicht auch Zeit gebraucht oder Hilfe gebraucht. Und auch mit ihrem Mann, den sie da hatte.
Florian Bayer: Und trotz mehrmaliger Abwehr gelingt es tatsächlich Evelyn auch wieder zu ihrer Tochter einen Kontakt, einen vorsichtig Kontakt zu knüpfen. Also sie hält sie auf in diesem einen Universum.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dem anderen macht sie das ein bisschen ungeschickt, was ich schön finde, dass das thematisiert wird. Indem sie sagt, das ist übrigens ihre Freundin. Ja. Und dem Großvater die vorstellt, aber die Tochter findet das gar nicht so geil, dass sie glaubt, jetzt so einfach mit einem Moment so alles zu überrumpeln und alles wieder gut zu machen. Aber sie finden dann irgendwie wieder zusammen.
Johannes Franke: Ja. Und da finde ich es ein bisschen schwierig zu verstehen, warum die jetzt plötzlich doch wirklich wieder einander in den Armen liegen. Ja. Sie hält ihr eine lange Rede von wegen, ich könnte jetzt auch überall sein und auf den Bahamas und keine Ahnung, könnte auch tolle Sachen machen, aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als jetzt in der Situation mit dir zu sein, weil ich dich liebe. Und das so als Monolog für, okay, die Tochter kommt zurück und hält ihr jetzt, und liegt ihr in den Armen und so, bin ich mir nicht so sicher, ob das der Monolog ist, den es gebraucht hätte.
Florian Bayer: Ich glaube, das Wesentliche ist daran, vor allem, dass wir am Schluss sehen, dass es eben auch nur kleine Schritte sind. Also natürlich verkauft uns der Film dieser großen emotionalen Szene, dass sie mit einem Blick und mit der Liebe und der Beziehung zu ihrem Mann und zu ihrer Tochter damit alles gelöst ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber wir haben ja noch diesen quasi Epilog All at Once, wo sie dann nochmal zum Büro von der Steuerberaterin gehen und sie sagt, ja, sie haben erste Schritte gemacht, ich sehe hier Verbesserung, aber wir müssen noch mehr machen. Es gibt noch einige Probleme, und wir müssen die lösen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Dadurch, finde ich, wird dieser Kitsch, es ist wirklich Kitsch, den sie davor gemacht haben, wird wieder so ein bisschen aufgelöst. Ja, hier hat ein Schritt stattgefunden, aber ihr seid noch lange nicht da, wo ihr eigentlich hinwollt.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, das stimmt.
Florian Bayer: Deswegen finde ich diesen Epilog ziemlich stark und auch ziemlich notwendig, weil sonst könnte man sich tatsächlich durch letzten Endes Love Conquers All Kitsch manipuliert fühlen. Ja. Aber so wird gesagt, okay, ihr habt erste Schritte gemacht, jetzt guckt mal, wie es weitergeht. Ja, das stimmt. Versucht das hinzukriegen.
Johannes Franke: Ja, ist nicht schlecht. Das ist das, was viele Filme am Ende nicht hinkriegen, dann nochmal die Kurve zu kriegen und das Ganze nochmal in Realismus zu stellen und zu sagen, okay, das ist der Kontext. Wir haben jetzt einen kitschigen Moment erlebt, aber folgendermaßen ist die Einbettung. Ja, um auch wirklich wieder realistisch zu werden und nicht sich gänzlich zu verlieren in dem, was man dem Zuschauer dann geben will, im Sinne von, ja, ja, Liebe macht das schon. Am Ende ist es doch noch Arbeit.
Florian Bayer: Arbeit.
Johannes Franke: Wie dieser Film. Wollen wir Faziten? Wollen wir Faziten? Ja, wir waren jetzt fast schon beim Fazit. Wir haben ja jetzt schon fast alles nochmal aufgerollt. Ich finde, dieser Film ist einfach der absolute Wahnsinn. Der hat so viel zu bieten und so viele Ideen und so viele Überlegungen und so viel Liebe für Details und Bild und Bildsprache und Geräusche und die Flashback-Farben sind schön und die, also alles so Sachen, wo man auf allen Leveln Entscheidungen treffen muss als Regisseur, die alle wirklich gute Entscheidungen getroffen haben, auf ganz vielen Ebenen, sei es Kostüm oder Musik oder Sounddesign oder Bildsprache oder eben vorhin das Drehbuch muss sehr, sehr gut gewesen sein. Ja.
Florian Bayer: Nachdem ich Swiss Army Man gesehen habe, dachte ich, oh bitte, bitte, bitte lass mich mehr sehen von diesen Regisseuren. Und als dann dieser Film angekündigt wurde, war ich so glücklich. Und als ich dann den Titel gelesen habe und so ein bisschen einen Vorgeschmack davon hatte, worauf es hinauslaufen könnte, dachte ich, genau sowas sollen die machen. Und nach diesem Film bin ich wieder total glücklich und denke nur, oh bitte, bitte, bitte, ich will mehr sehen von diesen Regisseuren. Genau das, sie sollen sich nicht verraten, sie sollen so weitermachen, die, ich glaube, von denen können wir noch sehr viel Großes erwarten. Ja. In diesem speziellen Rahmen. Bestimmt nicht ein Film für jeden. Es ist, man muss mit einigen Sachen klarkommen, mit dieser Kreuzung aus bizarrem Humor und Pathos und Action. Man muss damit klarkommen, dass ein Film viel zu viel will und dass der Film einem die Emotionen um die Ohren haut. Ja. Aber ich, also ich bin auch hin und weg.
Johannes Franke: Ja, ich finde es großartig. Und ich kann ihm auch jede Überforderung verzeihen, die er hat mit mir, weil ich einfach so viel zu sehen habe und so zufrieden bin mit allem, was irgendwie bei mir ankommt. Und wenn es nur 50 Prozent oder sogar noch weniger sind von dem, was drinsteckt, dann gucke ich ihn halt nochmal und nochmal. Budget 25 Millionen Dollar, Box Office 100 Millionen Dollar. Das ist der Wahnsinn. Das ist der erfolgreichste Film von A24. Krass, ne? Also finanziell.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist der Wahnsinn.
Florian Bayer: Ja. Ja, große Kritikerbegeisterung. Ich glaube, wir können uns darauf einstellen, dass wir von den Daniels in Zukunft noch mehr sehen werden. Ja. Ja. Und ich glaube, wir können uns darauf auch freuen.
Johannes Franke: Ich glaube auch. Schön. Vielen Dank, Plur, für diesen wundervollen Film. Danke, dass du ihn geguckt hast. Ja, sehr, sehr gerne. Schön, dass es dir gefallen hat. Ganz, ganz toll. Und euch, vielen Dank, dass ihr uns zugehört habt und dass ihr auch manchmal schreibt. Wir kriegen ja auch, die letzte Folge ist ja auch aufgrund einer, mit Jerry Lewis aufgrund einer Zuschrift entstanden. Und mal sehen, was da noch kommt. Wir freuen uns immer, wenn ihr uns schreiben wollt. Tut das. Wie heißt die Adresse? Florian, at muss man sehen.de oder Johannes, at muss man sehen.de. Sehr gut. Und euch noch eine schöne Woche. Wenn ihr wissen wollt, was ich Plur aufgebe fürs nächste Mal. Bleibt noch kurz dran.
Florian Bayer: Und dann können wir ins Outro jingeln. In Outro rein jingeln. Schöne Woche euch. Bis dann. Bleibt gesund. Ciao. Dann hast du schon was für nächste Woche. Plur, es läuft, es läuft, es läuft. Los, schnell, beeil dich, beeil dich. Wir müssen erst mal noch verdauen, was wir hier gerade alles hinter uns gebracht haben. Und uns bereit machen für den nächsten Wahnsinn.
Johannes Franke: Ja, nachdem wir jetzt eigentlich alles auf einmal besprochen haben. Ja. Also alles überall auf einmal. Und gleichzeitig. Ja, genau. Sollten wir vielleicht etwas nehmen, was ein bisschen weniger viel auf einmal ist. Minimalismus. Ja, weiß nicht. Also das Problem ist, der folgende Film, den ich dir jetzt aufgeben würde. Ich habe ihn nicht gesehen. Es ist wieder einmal eine Empfehlung von der Zuhörerschaft. Und ich bin ein bisschen skeptisch. Das klingt wie ein Film, den du mir aufgeben würdest, Plur. Und zwar letztes Jahr im Marienbad. Kenn ich. Du machst ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der...
Florian Bayer: Voll spannend. Habe ich zweimal gesehen. Und interessant. Ich will gar nicht so viel dazu sagen, aber ein Film, mit dem ich meine Probleme habe. Oh. Oh. Aber ein spannender Film. Also auf jeden Fall natürlich Großfilmgeschichte und unglaublich wichtiger Film für die Entwicklung des Kinos, bla bla bla. Aber ich bin sehr gespannt.
Johannes Franke: Okay, das ist deine Aufgabe. Du wirst recherchieren... Nein, du wirst aus deinem Kopf spontan ausspucken, warum dieser Film wichtig ist. Und ich werde ihn gucken und dir erzählen, warum er unwichtig ist oder sowas. Keine Ahnung.
Florian Bayer: Wunderbar. Wir haben wieder einen tollen Wunsch aus der Zuhörerschaft, worüber wir uns immer freuen. Und ich freue mich besonders, wenn das ein Film ist, den tatsächlich ich eher vorgeschlagen hätte als Johannes.
Johannes Franke: Ja, normalerweise ist es andersrum. Insofern nochmal an euch. Schickt uns gerne Wünsche. An florian.atmusmansehen.de oder an johannes.atmusmansehen.de. In der 88. Folge habe ich jetzt endlich, oder 87. Egal, in welcher wir sind, habe ich endlich unsere Mailadressen auswendig gelernt.
Florian Bayer: Und wenn ihr wissen wollt, wie Johannes auf das Marienbad reagiert, dann... Müsst ihr auf jeden Fall nächste Woche einschalten. Wir hören uns. Und schaut euch den Film an. Bis dann. Ciao. Ciao.
