Episode 89: Letztes Jahr in Marienbad – Auf der Suche nach dem Sinn im Surrealismus
Letztes Jahr in Marienbad aus dem Jahre 1961 von Alain Resnais ist schwer in kurze Worte zu fassen.
Worum, geht es in diesem Film?
Auf dem Papier ist die Story sehr simpel. Ein Mann versucht in einem mondänen Hotel eine Frau davon zu überzeugen, dass sie sich letztes Jahr kennengelernt und geliebt haben. Ob er ihr in der Erinnerung auf die Sprünge helfen kann, bleibt offen. 1,5 Stunden lang.
Wenn man die Frage “Worum geht es in diesem Film?” jedoch ernsthaft beantworten möchte, gerät man unweigerlich ins straucheln. Die Dialoge und Monologe des Films scheinen nicht den wesentlichen Teil der Handlung zu tragen. Vielleicht nichtmal die handelnden Figuren. Es ist eher die Art der Inszenierung, der Erzählung, wenn man sie so nennen will.
Soweit mein Gestrauchel. Plor, worum geht es in diesem Film?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 89: Letztes Jahr in Marienbad – Auf der Suche nach dem Sinn im Surrealismus Publishing Date: 2022-09-16T10:03:47+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/09/16/episode-89-letztes-jahr-in-marienbad-auf-der-suche-nach-dem-sinn-im-surrealismus/
Johannes Franke: Meine Damen und Herren, wenn Sie eingeschaltet haben, weil Sie wissen wollen, worum es in letztes Jahr im Marienbad geht, wenn Sie eine hinreichende Erklärung haben wollen für das, was Sie gerade gesehen haben, sind Sie hier genau richtig. Wir werden alles minutiös auseinandernehmen und Sie werden am Ende die Wahrheit in den Händen halten.
Florian Bayer: Was für ein Intro. Ich kann das nur unterstreichen. Wir helfen euch, diesen Film zu verstehen. Absolut. Diese Episode vom Muss-Man-Sehen Podcast ist weniger als Filmempfehlung oder Diskussion über einen Film zu verstehen, als vielmehr als Gebrauchsanleitung für diesen Film aus dem Jahr 1961.
Johannes Franke: Und ich finde, unser Anspruch ist sogar noch zu niedrig. Auf jeden Fall. Also wir haben eigentlich so viel zu bieten, wir werden noch die ganze Welt erklären.
Florian Bayer: Wir haben es gelöst. Wie im Jahre 1901 ein Mathematiker das NIM-Spiel gelöst hat, haben wir es geschafft, letztes Jahr im Marienbad zu lösen. Fertig, durchgespielt.
Johannes Franke: Ah, fuck. Jetzt haben wir das alles aufgenommen, Plur. Und jetzt ist es weg. Es hat nicht richtig aufgenommen. Was machen wir denn jetzt? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was wir alles erzählt haben.
Florian Bayer: Nee, ich habe das jetzt gerade in den Papierkorb verschoben und auch gleich geleert, wie ich das halt üblicherweise mache mit Dokumenten, die ich nicht mehr brauche.
Johannes Franke: Dann müssen wir wohl doch irgendwie im Leeren stochern und versuchen irgendwie noch unsere Resterinnerungen zusammen zu puzzeln und zu gucken, ob wir den Film nochmal verstehen.
Florian Bayer: Versuchen wir es. Kurz harte Fakten, weil wir werden so viel über den Film reden müssen, dass wir jetzt ganz kurz die Fakten von unserem Podcast einmal zusammenfassen. Podcast, muss man sehen. Zwei Dudes. Empfehlen sich gegenseitig Filme. Jede Woche einen Film dran. Nehmen manchmal auch Publikumswünsche an. Diese Woche Publikumswunsch von einer Zuhörerin. Es handelt sich um letztes Jahr im Marienbad aus dem Jahr 1961. Johannes, bitte Intro-Text.
Johannes Franke: Letztes Jahr in Marienbad aus dem Jahre 1961 von Alain René ist schwer in kurze Worte zu fassen. Worum geht es in diesem Film? Auf dem Papier ist die Story sehr simpel. Ein Mann versucht in einem mondänen Hotel eine Frau davon zu überzeugen, dass sie sich letztes Jahr kennengelernt und geliebt haben. Ob er ihr in der Erinnerung auf die Sprünge helfen kann, bleibt irgendwie offen. Anderthalb Stunden lang. Wenn man die Frage, worum geht es in diesem Film, jedoch ernsthaft beantworten möchte, gerät man unweigerlich ins Straucheln. Die Dialoge und Monologe des Films scheinen nicht den wesentlichen Teil der Handlung zu tragen. Vielleicht nicht mal die handelnden Figuren. Es ist vielleicht eher die Art der Inszenierung, der Erzählung, wenn man sie so nennen will. Soweit mein Gestrauchel. Plur, worum geht es in diesem Film?
Florian Bayer: Ich bin so dankbar, dass ich diesen Film jetzt zum dritten Mal sehen durfte. Oh ja, stimmt. Ich habe ihn zum ersten Mal gesehen. Ich habe also, du hast ja einiges voraus. Das großspurige Intro, das du gemacht hast, trifft zumindest so weit zu, dass ich für mich jetzt persönlich eine konsistente Interpretation gefunden habe, die auch nicht komplett originell ist und auch nicht komplett neu ist. Wie ich allerdings erst, nachdem ich den Film nochmal gesehen habe, feststellen musste in der Recherche. Es gibt diesen Interpretationsansatz. Ich glaube aber, ich habe ihn zumindest nicht so allgemeingültig befunden, wie ich ihn habe. Aber ich möchte das kurz hinten anstellen, bevor ich jetzt schon anfange zu sagen, okay, für mich ist die Aussage von diesem Film das und das. Ich würde lieber erst mal so versuchen, in die Materie reinzugehen.
Johannes Franke: Ich würde auch tatsächlich, weil ich weiß gar nicht, wie groß mein Bedürfnis überhaupt ist, dem Film einen Sinn zu entringen oder ein Thema zu entringen, auf das es runtersublimiert werden kann. Lass uns erst mal überhaupt über den Film reden, wie man den wahrnimmt und was Kamera und Sound und so weiter betrifft und Regie und wie die Story sich überhaupt entfaltet. Damit dürften wir auch relativ schnell durch sein, weil nicht so wahnsinnig viel passiert und man natürlich ein paar Sachen erzählen kann. Aber dann können wir uns immer noch der Interpretation widmen. Also wenn ihr zur Interpretation skippen wollt, dann gibt es bestimmt irgendwo einen Button, den Plower einfügen wird. Skip to Content.
Florian Bayer: Ja, wir haben ganz viel Content zu entschlüsseln. Also wir sind ja, wir befinden uns ja eigentlich in meiner liebsten Filmzeit. Das dachte ich mir nämlich auch. Wir befinden uns im Europa der frühen 60er Jahre und wir befinden uns in einer Zeit, in der unglaublich viel passiert ist auf filmischer Ebene. Und wir begegnen einem, einer alten bekannten Filmbewegung wieder, nämlich der Nouvelle Vague, über die wir schon in Außer Atem gesprochen haben.
Johannes Franke: Ja, in der du unbedingt, also wo ich wirklich gemerkt habe, dass das für dich so eine Zeit ist, die irgendwie so eine Aufbruchsstimmung und so ein Gefühl von, wir wollen was anderes drin steckt. Und wo ich manchmal davor sitze und denke, ja, ihr wollt was anderes, aber unterhaltsamer ist es nicht geworden.
Florian Bayer: Und spannend ist, ich habe diesen Film tatsächlich nie so bei der Nouvelle Vague eingeordnet, was auch partiell zutrifft. Also für mich war das nie so ein großer Nouvelle Vague-Film, weil Alain René wird gerne zur Nouvelle Vague dazu gepackt, aber er war tendenziell eher ein bisschen Außenseiter. In dieser sehr speziellen Filmbewegung hat er zu einer bestimmten Außenseitergruppe gehört, einfach dadurch, dass er mit der großen Filmzeitschrift, Cahiers du Cinéma, wo die Großen versammelt waren, Chabrol, Truffaut und Godard, mit der hatte der nichts zu tun, der hatte einfach nicht dafür gearbeitet, der kam aus einer anderen Ecke. Und zwar wird diese Ecke retrospektiv betrachtet gerne als die Left Bank der Nouvelle Vague bezeichnet. Die Left Bank? Im Gegensatz zur Right Bank, allerdings weniger als politische Einordnung, vielmehr als einfach ein Versuch, da ein bisschen Ordnung reinzubringen, weil die Nouvelle Vague war ja tatsächlich eine Bewegung, die sehr universell war in den frühen 60ern und sehr viele Regisseure und Regisseurinnen haben sehr unterschiedliche Sachen damit gemacht. Und da muss man Schubladen aufmachen, die rechts und links heißen? Was ist das denn für eine komische Idee? Ja, gute Frage, muss man offensichtlich. Tatsächlich hat sich diese Left Bank sehr stark mit der politischen Linken identifiziert. Aber das Hauptunterscheidungsmerkmal ist, dass die Right Banker sehr stark inspiriert waren vom amerikanischen Kino und auch vom amerikanischen Mainstream-Kino der damaligen Zeit, also vor allem von Filmnoir, so Thriller-Stoffe und ähnliches, amerikanische Inszenierungsgewohnheiten, während die Left Bank viel weniger im Filmmetier drin war, als in anderen Künsten. Die waren sehr stark inspiriert von Literatur, bildender Kunst, Theater, alles Dinge, denen wir auch nochmal begegnen werden in diesem Film und die sich meiner Meinung nach auch in diesem Film widerspiegeln, dass es diese Begeisterung gab. Und Alain René war tatsächlich ein Theaterfreund und der Schauspielunterricht genommen hat, der Pädagogik studiert hat und währenddessen in verschiedenen Theatergruppen gespielt hat in den 40er Jahren und dann Ende der 40er Jahre angefangen hat, Kurzfilme zu drehen und Mitte, Ende der 50er Jahre dann bekannt wurde, zum einen mit einer Dokumentation über die Shoah und zum zweiten mit Hiroshima Mon Amour.
Johannes Franke: Und der ja aber erscheinbar auch recht ähnlich schwer konsumierbar, Fragezeichen.
Florian Bayer: Schwer konsumierbar, was eben sich sehr stark in den Filmen von Alain René widerspiegelt, ist die Begeisterung für Literatur. Sowohl Hiroshima Mon Amour als auch letztes Jahr in Marienbad basieren ja auf dem Drehbuch von berühmten AutorInnen. Hiroshima Mon Amour, da war es Marguerite Dürat und letztes Jahr in Marienbad ist es Alain Rob Krier. Ich hoffe, ich spreche die Namen einigermaßen richtig aus. Du hast größere Chancen als ich. Alain Rob Krier wird es, glaube ich, ausgesprochen, die wiederum einer anderen Bewegung zugehörig werden, den ich ganz kurz erwähnen möchte. Ich weiß, ich möchte nicht so viel Theorie da drauf packen, aber zumindest einmal die Schlagworte genannt haben. Und zwar die sogenannte...
Johannes Franke: Wenn ihr zwischendurch ein Problem damit habt, Plore zu folgen, weil sehr viel Theorie und so weiter, macht euch einfach Steamboat Willie gleichzeitig an von Disney aus den 30ern oder sowas. Dann lasst das laufen nebenher und gleichzeitig Plore, vielleicht wird das alles im Unterbewusstsein irgendwo ankommen und sich speichern. Jetzt habe ich es. Der Nouveau-Roman. Wir sind in der Literatur.
Florian Bayer: Ach so, der... Wir sind von Filmen zur Literatur geswitcht. Und zwar Mitte der 50er Jahre ist das aufgekommen. Und das ist, wie so oft in der Kulturgeschichte, ist ein Begriff, der eher aus dem Feuilleton kommt. Also der Versuch von Kritiker in einer Bewegung oder irgendwie eine Bewegung zu sehen und gewissen Romanen oder Filmen, die sie ähnlich finden, irgendeinen Genre aufzudrücken. Wir finden eine neue Schublade. In dem Fall ist es der Nouveau-Roman und es geht um Bücher, die sich von der klassischen Romantradition unterscheiden, indem sie eben nicht auf eine klare Narration setzen, auf eine klare Handlung oder auf einen klaren Helden, sondern viel mehr Zeit auflösen, Handlung zerbröseln und das experimentell erzählen. Und sowohl die Drehbuchautorin von Hiroshima Mon Amour, Marguerite Dürat, als auch der Drehbuchautor von letztes Jahr in Marienbad, Alain Robb-Crié, gehören zu dieser Bewegung. Und oft wird mittlerweile gesagt, dass letztes Jahr in Marienbad und Hiroshima Mon Amour von Alain René so ein bisschen filmische Versuche sind, das, was beim Nouveau-Roman passiert ist, eben diese Aufbröselung von Zeit im Film umzusetzen.
Johannes Franke: Hat er das nicht auch selber gesagt irgendwie? Weil ich bin da auch drüber gestolpert in der Recherche und habe das sehr stark mit ihm selbst verbunden auch, dass er da so ein bisschen...
Florian Bayer: Ihm war das Literarische unglaublich wichtig. Er hat wohl zu Marguerite Dürat gesagt, die so gefragt hat, wie er sich das vorstellt, weil damals haben die Autorinnen und Regisseurinnen sehr eng zusammengearbeitet, Dürat war auch selbst Regisseurin, was er sich vorstellt und was sie machen soll. Und er hat gesagt, nein, nein, du schreibst mir kein Drehbuch, du schreibst mir Literatur. Ich möchte, dass du mir einen Roman schreibst. Denk überhaupt nicht an die Kamera, ich möchte hier Literatur sehen. Und wenn man sich anschaut, wie letztes Jahr in Marienbad aufgebaut ist, hat er wahrscheinlich was ähnliches auch zu Robb-Crié gesagt. Weil es, dass diese epische Herkunft, also episch im Sinne von Roman, spürt man in diesem Film. Es wird nämlich sehr viel erzählt und sehr viel wie im modernen Roman erzählt. Man könnte sich das Drehbuch eigentlich als Roman vorstellen.
Johannes Franke: Definitiv. Wir haben ja zusammen einen Film gemacht, Ewe. Und der ist ja entstanden aus deiner Kurzgeschichte. Und da haben wir so ein bisschen kennengelernt, wie das ist, wenn man versucht, etwas, was vorher als Erzählung existiert und nicht als Drehbuch, umwandeln zu wollen. Und wir sind auch mit einer Aufstimme gegangen. Ja, das macht es viel leichter. Das macht es viel leichter. Und das macht es aber auch eben sehr erzählerisch, wie so ein Roman eben bloß in Filmform. Und den Eindruck hatte ich hier halt eben auch. Und wenn wir schon bei Ewe sind, auch bei, ich habe sofort an Chris Markers Dingens gedacht hier, an La Jetée.
Florian Bayer: Vollkommen zu Recht. Chris Marker gehört auch zur Left Bank. Denn Chris Marker gehörte auch zu der Gruppe von Leuten, die da halt irgendwie eingeordnet werden, die versucht haben, Filme anders zu erzählen und sich unter anderem eben auch an diesem Nouveau-Roman orientiert haben. Und auch zu den Filmleuten, die eben nicht nur Film als Medium, als isoliertes Medium begriffen haben, sondern versucht haben, andere Kunstformen damit einfließen zu lassen. Fotografie, Epik und auch bildende Künste bei René sehen wir auch ganz stark zum Beispiel die bildende Künste Plastik. Weil diese Statuen so eine große, zentrale Rolle spielen und in verschiedensten Perspektiven gezeigt werden, an verschiedene Orte verpflanzt werden.
Johannes Franke: Die Figuren, die ganzen Menschen werden inszeniert als Statuen zwischendurch. Und ich glaube, er macht auch, das können wir später nochmal besprechen, eine ganze riesige Statue aus dem Film.
Florian Bayer: Ja, er liebt eigentlich diese unbewegten Räume. Er arrangiert seine Figuren sehr gerne in diesen Hotelhallen und Räumen wie Statuen und hat dann ja auch wirklich diese Freeze-Moments, wo nichts sich bewegt, nur so ein bisschen zittern von den einzelnen SchauspielerInnen. Aber eigentlich ist klar, die stehen still, damit die Kamera sie abtasten kann und untersuchen kann. Wie nähern wir uns dem? Es ist wirklich schwierig. Also vielleicht mal so für alle, die den Film nicht gesehen haben. Es ist eine Wucht. Es ist wirklich schwierig. Dieser Film besteht daraus, dass die Kamera sich sehr viel durch Gänge bewegt, durch große Hallen, durch große Räume, immer mal wieder die Figuren streift, begleitet von dem Offerzähler. Hauptsächlich redet der Mann. Es gibt auch Text von der Frau, aber relativ wenig. Und ganz am Schluss gibt es dann noch sogar Text von dem dritten Mann. Und manchmal trifft es dann auch. Also manchmal sehen wir tatsächlich die beiden Reden, aber dann fliegt die Kamera wieder weg. Wir haben ganz oft so Bildtonscheren. Das, was gesprochenes Wort ist, nicht mit dem zusammengeht, wie sich die Lippen von den Figuren bewegen. Und eigentlich ist es eine einzige Fahrt durch diese Hotelanlage, durch den Park davor und durch die einzelnen Zimmer, während eben dieser Text abgespult wird. Mal als Offstimme, mal als Dialog, irgendwie immer so im Raum.
Johannes Franke: Und auch immer mal wieder in Spulen wiederholt. Also du hast das Gefühl, hat der das nicht gerade schon mal gesagt? Also gerade am Anfang, der wiederholt ja Phrasen immer wieder, bis er dann zu diesem Theaterstück kommt. Aber das ist schon sehr repetitiv und du hast manchmal das Gefühl, dass es ihm nicht ganz so wichtig ist, was gesagt wird. Aber das können wir dann ja auch nochmal besprechen.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich wichtig, ist gar nicht so sehr der Inhalt, sondern auch eben diese Repetition, die gehört zum Konzept. Ich kenne mich nicht so gut aus mit dem Nouveau-Roman. Ich kann ein paar Namen nennen, die gerne da eingeordnet werden. Und einer davon ist Samuel Beckett, den ich wirklich sehr mag. Man kennt ihn vor allem von seinen Theaterstücken, wie Warten auf Godot oder Endspiel. Man vergisst dabei gerne, dass Beckett auch ein wirklich großer Romancier war. Der hat nicht nur tolle Theaterstücke geschrieben, sondern auch ein paar wirklich spannende Romane. Und einer davon heißt What und der handelt davon, dass ein Mensch Gast ist in einem Haus und da Arbeiten macht und sich versucht, so in die Hausgemeinschaft einzufinden. Das Spannende an dem Buch ist auch weniger die Handlung, die relativ simpel ist, weil er nicht viel mehr macht, außer rumzusitzen und rumzulaufen. Spannend ist, wie die Gedankengänge dieser Figur gezeigt werden. Und zwar finden die eben auch in diesen Repetitionen statt. Und er spult so Möglichkeiten durch. Es gibt dann fast so Permutationen im Text. Und er sagt dann, was wäre, wenn der geklingelt hat, aber der das nicht gehört hat, aber trotzdem nach unten gegangen ist, um zu gucken. Aber was ist, wenn er es doch gehört hat, aber nicht runtergehen wollte? Und es sind wirklich so fünf, sechs Seiten, wo er einfach nur diesem Gedanken folgt und verschiedene Permutationen von Realität, was es möglich durchspielt. Und das macht er sehr exzessiv in dem Buch und das ist großartig. Man muss es mögen.
Johannes Franke: Ja, oder eben nicht. Ja, aber kann man zusammenfassen, dass diese Form, also jetzt ob Nouveau-Roman oder ob man den Film, die Filmvariante davon nimmt, die er jetzt irgendwie versucht hat, mit absurden Mitteln spielt, um eine Abstraktion herzustellen, einer Grundidee, wie zum Beispiel, wie entstehen Gedankengänge, wie entsteht Erinnerung? Ist das ein allgemeines Thema dieser Richtung? Oder was würdest du sagen?
Florian Bayer: Also René würde wahrscheinlich sagen, und dem würde wahrscheinlich auch Krier zustimmen, dass es um Reflexion geht. Dass es darum geht zu erkennen, wie bewegen sich Gedanken? Und wie findet Reflexion statt? Und diese Reflexion so ungefiltert wie möglich auf die Leinwand zu bringen, wenn jemand in seiner Melancholie gefangen ist, wie der Protagonist ja anscheinend ganz oft. Weil er sehr viel fabuliert von den leeren Gängen, von den Menschen, die wie erstarrt wirken. Dass er sich so ein bisschen verloren fühlt. Das ist ja so eine grundmoderne Melancholie, die da irgendwie mitgetragen wird. Und die kann ja auch sehr, sehr repetitiv sein für den, der sie empfindet. Ja, ja, definitiv. Und jeder, der mal traurig war, kennt das, dass sich Gedanken dann auch schrecklich in so Spulen wiederholen im Kopf und man da irgendwie nicht so ganz rauskommt. Also es ist auf jeden Fall ein Ansatz, um zu verstehen, warum das so ist. Und auch zu sagen, es ist nicht einfach nur prätentiöses Kunstgewichse. Das soll nicht einfach nur lyrisch und schön klingen. Sondern das ist eine Form, Gedanken irgendwie auf den Grund zu kommen.
Johannes Franke: Weil das ist natürlich etwas, was diesem Film oft hinterhergeworfen wird. So, du bist doch bloß Kunstwichse und du holst dir einen runter auf deine tollen Ideen und so. Aber dass da drin mehr steckt, fällt mir relativ schnell auf. Auch wenn man gerne am Anfang denkt, ah ja, okay, da versucht jemand erst mal das Tempo zu drosseln und zu sagen, so, ihr müsst euch jetzt darauf einlassen, ob ihr wollt oder nicht. Ihr habt das Kinoticket bezahlt, dass ich dir jetzt erzähle, was ich unter Kunst verstehe. So, aber man kommt da schnell drüber weg. Man versteht schnell, da steckt irgendwie wirklich ein wirkliches Interesse eines Künstlers drin, etwas auf den Grund zu kommen.
Florian Bayer: Ja. Das Fiese ist ja, wenn man dann anfängt zu sagen, okay, ich betrachte den Film jetzt als Rätsel. Was wollen wir diese endlosen Kamerafahrten? Was wollen wir diese merkwürdigen Szenenwechsel, diese Auflösung von Zeit überhaupt sagen? Dann fängt man an, Dinge anzuschauen, die in dem Film stattfinden. Ja. Und das macht es nicht leichter. Nein. Weil dann gibt es so viele Momente, die mit unglaublich viel Bedeutung aufgeladen scheinen. Zum Beispiel eben dieses Nimm-Spiel, zu dem wir gleich kommen. Mhm. Oder die Beobachtung der Statuen. Mhm. Oder das Theaterspiel. Und das ist unglaublich schwer, die zusammenzubringen. Ja. Was, also vielleicht finde ich eine Interpretation für das Nimm-Spiel, aber wie passt das jetzt zu der Interpretation, die ich für diese Statuen finde?
Johannes Franke: Genau, das ist das Problem. Ich habe ja danach ganz viel diskutiert, meiner Freundin, so was wie, wo, welche Möglichkeiten. Und man findet immer einen Moment, mindestens einen Moment im Film, der wirklich alles wieder aushebelt und sagt, nee, das würde dann den ganzen Film ganz anders, das funktioniert nicht. Dann würde dieser Moment anders erzählt oder so. Ja. Insofern glaube ich, am Ende ist es eher ein Cluster. Du hast eher so ein Gedankencluster und Möglichkeiten. Da eine Idee, da eine Idee, da eine Idee. Es ist wie so ein, wie macht man das im, wenn man zu 20 um einen Tisch drumrum sitzt und einer kriegt den Stift in die Hand und muss am Whiteboard was malen. Und dann versuchst du alles,
Florian Bayer: was in dem Raum passiert, irgendwie auf ein Bild zu pressen. Genau. Und das ist natürlich schon so sehr konvolut.
Johannes Franke: Aber zumindest hast du irgendwas. Ja, ja. Und das Grundthema in dem Raum ist wohl das gleiche gewesen. Aber irgendwie. Also es ist jetzt ein bisschen fies, aber ja, in die Richtung geht es von meinem Kopf ein bisschen.
Florian Bayer: Wir können uns ja mal versuchen, so ein bisschen atomisiert an die einzelnen Dinger ranzuwagen. Okay. Ich fand das Nimm-Spiel tatsächlich sehr präsent.
Johannes Franke: Wollen wir die einzelnen Stadien des Films einmal kurz klären, dass wir wissen, was nach und nach. Es gibt Stadien des Films? Da bin ich sehr gespannt. Ne, also keine nicht intellektualisiert, sondern einfach was passiert. Ich habe mir das aufgeschrieben.
Florian Bayer: Ich habe auch sehr viel zur Struktur geschrieben, aber es ist halt natürlich auch so entfesselte Struktur. Ja, natürlich. Weil es löst sich auf. Gegenwart, Vergangenheit.
Johannes Franke: Aber ich meine es gar nicht so intellektualisiert. Also gar nicht zu sagen, wir haben eine Struktur im Sinne von Dreieakt oder sonst irgendwas, sondern wirklich nur zu sagen, okay, was ist der Ablauf? Wir haben am Anfang pure Kamerafahrten über Stuck und über Möbel und über leere Gänge und über ganz erstmal überhaupt gar keinen Mensch zu sehen. Sehr viele Off-Erzähler dabei. Sehr, sehr viele Off-Erzähler dabei. Und dann fängt der Film an, wie über den Stock eben auch über Menschen zu fahren, die sich auch nicht bewegen, die auch kein Leben zeigen so richtig. Man fährt über Staffage im Grunde.
Florian Bayer: Und dann kommt auch zum ersten Mal die Frauenstimme rein, die dann einfach nur sagt, wir müssen noch ein wenig warten. Wir haben noch, es ist noch ein bisschen Zeit. Und dann langsam verstehen wir, was wir da sehen,
Johannes Franke: was die Menschen da machen. Ziehen uns zum Theaterstück, was wir sehen. Und die Leute, die wir da wie Stuck betrachtet haben, gucken dem Theaterstück zu. Und dann denken wir, ah ja, das sind Zuschauer, deswegen sind die so leblos und gucken einfach nur zu und starren. Und dann applaudieren die auch, verhalten sich aber weiterhin irgendwie mehr wie Staffage, finde ich.
Florian Bayer: Da haben wir so den ersten merkwürdigen Übergang von Ton zu Ton im Bild. Weil wir hören diesen Ton von der Bühne deutlich, bevor wir ihn sehen. Und wir können ihn überhaupt nicht einsortieren. Und dann wird es plötzlich zu der Stimme mit fast so ein bisschen Nachzug, wird es zu den Stimmen von den Akteuren auf der Bühne. Und dann fällt auch schon der Vorhang. Du hast das Gefühl, okay, das war jetzt ein 10-minütiger Kurz, von dem ich komplett entkoppelt habe.
Johannes Franke: Ja, natürlich bringt einen das erstmal runter. Egal, wo man vorher war, ob man vorher riesigen Shopping-Stress hatte oder sowas, der Film gibt einem sehr viel Zeit, erstmal runterzukommen und da reinzukommen. Und dann die Orgel. Oh, Musik. Die wird sehr präsent sein. Sehr lange. So, und dann haben wir das einmal so, es wird dann so ein bisschen dir gegen vorgestellt. Und dann fängt schon der Typ an, der Frau, die so nach und nach sich rauskristallisiert als eine der wichtigeren Menschen, die gezeigt werden, zu erzählen, dass er sie irgendwie letztes Jahr kennengelernt hat und mit ihr irgendwie eine Affäre hatte.
Florian Bayer: Und sie ist sehr unangenehm berührt von seinem Erzählen. Sie will, dass er eher ruhig ist und will eigentlich in Ruhe gelassen werden. Also es hat so ein sehr aufdringliches Moment von ihm, auch wenn es nicht in seiner Stimme liegt.
Johannes Franke: Ja, wobei wir nicht so richtig verstehen, warum. Also das Spiel ist halt sehr zurückhaltend und sehr unklar. Die Haltungen zueinander bleiben trotzdem immer so ein bisschen nebulös, sagen wir so. Und dann haben wir auch schon das erste Mal unser Nimm-Spiel, als Kartenspiel-Variante. Genau, ein Typ, der sich auch noch immer mal wieder zeigen wird.
Florian Bayer: Ich habe ihn den Langen genannt.
Johannes Franke: Sagen wir M. Ja.
Florian Bayer: Im Drehbuch wird er als M bezeichnet. Alain René und Rob Grier wollen offensichtlich, dass wir die Frau A nennen, den Mann X und den Spieler M. Ja. Sascha Pitueff, um das noch einmal kurz zu sagen, der meiner Meinung nach so die beste Schauspielleistung des Films macht. Den finde ich wirklich spannend von seinen Blicken und von seiner Art, wie er auftaucht. Also ich finde alle drei sehr spannend und sehr interessant in ihrem Spiel. Ich glaube, A und X, unser Paar, um das es hauptsächlich geht, hat immer so ein bisschen diesen Eye-Candy-Faktor. Die sind ein bisschen zu schön, um so richtig spannend zu sein.
Johannes Franke: Mehr findest du? Weiß ich nicht genau. Ich glaube nicht, dass der Schauspielerunterschied das macht, was du da jetzt meinst.
Florian Bayer: Es ist die Optik vielleicht. Es ist die Optik. M trägt sowas Düsteres mit sich. Ja, soll er ja auch. Wir werfen mal immer, ich werfe mal immer ein paar Interpretationsmöglichkeiten in den Raum. Es gibt Interpretationen, die sagen, das ist der Tod. Genau. Das habe ich auch gerade dran gedacht. Und dann spielen sie dieses Nimm-Spiel.
Johannes Franke: Ja. Wo ich sofort gedacht habe, äh, googeln, wie geht das? Wie geht das, verdammt? Und hast du dich so lange damit beschäftigt, dass du es jetzt gewinnen würdest? Ich habe mir ein beschissenes, 14-minütiges Video angeschaut, wo mir versucht, jemand zu erklären. Und dann hat er aber nur die Filmszenen nochmal hingelegt und nochmal gesagt, so, und jetzt macht er das. Und wenn du zu diesem Endgame kommst, mit zwei Reihen in gleicher Zahl Karten, dann hast du gewonnen. Und ich so, ja, aber wie komme ich denn da hin?
Florian Bayer: Es gibt zwei Varianten von dem Spiel. Das eine ist, ähm, also grundsätzlich werden in dem Spiel Reihen von Gegenständen hingelegt. Und abwechselnd können die Spieler ziehen, so viel, wie sie wollen aus einer Reihe, aber eben nur aus einer Reihe, bis hin zu allen aus dieser Reihe. Und es gibt dann die Variante, wer das letzte Stöckchen zieht, hat gewonnen oder wer das letzte Stöckchen zieht, hat verloren. Und je nachdem ändert sich auch ein bisschen die Strategie. Charles Leonard Buton, ein Amerikaner, hat das 1901 gelöst. Und die Lösung ist dann doch relativ kompliziert, komplexer, als man meinen würde.
Johannes Franke: Ja, das ist mathematisch irgendwie.
Florian Bayer: Man muss die Anzahl der Hölzchen in Dualzahlen umrechnen. Und da muss man die sortieren und Spalten bilden. Oh Gott. Und da muss man die Anzahl der Spalten zählen und gucken, ob die gerade sind oder ungerade. Nach diesem dualen System, wo es dann ja viel mehr Stellen gibt als im Zehner-System. Weil wenn du vier Hölzchen hast, ist das ja schon eine vierstellige Zahl im dualen System. Und dann hast du halt vier und null, null, null. Ja, egal. Auf jeden Fall muss man dann gucken, dass man dem Gegenspieler eine geradzahlige Spaltensumme gibt. Und dann gewinnt man. Und der Podcast eignet sich überhaupt nicht, das zu erklären. Wirklich nicht. Man muss es visuell vor sich haben. Und es ist aber komplexer, als man meinte. Die Strategie gibt es. Man kann es gewinnen immer. Aber man muss es trainieren. Man braucht eine halbe Stunde dafür.
Johannes Franke: Ja gut, bei einer halben Stunde.
Florian Bayer: Vielleicht eine Stunde. Okay. Es ist so ein bisschen wie, es ist ähnlich wie zu trainieren, wie man Rubikwürfel löst. Man muss einfach ein bisschen mathematisches Gespür haben. Und dann muss man sich das einmal vergegenwärtigen, wie die Zahlen im dualen System aussehen und wie man die zurechtlegen kann.
Johannes Franke: Und ich weiß genau, was du jetzt denkst, liebe Zuhörer, liebe ZuhörerInnen. Wenn beide dieses System perfekt beherrschen, was passiert denn dann? Dann passiert, dass, wenn das letzte Stöckchen verliert, der, der anfängt, derjenige ist, der verliert.
Florian Bayer: Genau. Was im Film auch tatsächlich gesagt wird, also zumindest angedeutet wird, aber trotzdem verliert der A dann gegen den M. Also ein Staple in diesem Film, dem das immer wieder auftaucht, ist, dass M verschiedene Leute, vor allem eben auch X, herausfordert, dieses Stöckchenspiel mit ihm zu spielen. Dieses Nimm-Spiel in verschiedenen Variationen, mal mit Karten, mal mit Stöckchen, mal mit Dominosteinen. Und dieser M gewinnt das Spiel immer.
Johannes Franke: Ja. Es wird übrigens auch über die Zeit jetzt, seit es diesen Film gibt, als Marienbad-Spiel bezeichnet.
Florian Bayer: Durch diesen Film wurde es noch mal populärer. Und dann haben wir eben zum ersten Mal, dass A gegen M verliert. Und wir haben dieses Lachen, was auch einfach so im Raum steht plötzlich. Und voll gruselig ist immer, wenn diese Geräusche plötzlich eintreten. Mein Kind hat mir kurz über die Schulter geguckt, als ich den Film geschaut habe. Und dann sagst du, der sieht voll gruselig aus. Oh Mann. Was ich nachvollziehen kann, der Film hat vermittelt, so ein ungutes Gefühl, durch diese permanente Bewegung, durch diese lang verlassenen Gänge, die starren Menschen. Durch die Schattenbildung, durch die Hitchcock-Anlehnungen.
Johannes Franke: Ich habe den Pappaufsteller nicht gesehen.
Florian Bayer: Ich habe ihn auch nicht gesehen,
Johannes Franke: aber ich habe die ganze Zeit gedacht, ey, alter Hitchcock. Ja. Habe ich echt die ganze Zeit gedacht. Und dann habe ich nachgelesen und diesen Pappaufsteller, welcher Pappaufsteller. Ich habe ihn übersehen. Ja. Aber gut, ja.
Florian Bayer: Es gibt, nächste Interpretation reingeworfen, es gibt Interpretationen, die sagen, das ist ein sehr freies Remake vom Hitchcock-Film Der unsichtbare Dritte, der ein paar Jahre zuvor erschienen war.
Johannes Franke: Ja, aber nur, weil der Regisseur hat ja erzählt, was seine Inspirationen sind. Und da war halt dieser Film dabei. Ja. Also ich erkenne wenig Hitchcock in diesem Film übrigens. Ich nur von der Bildsprache, die ganz, ganz stark drinsteckt. Die Schatten, die Kamera, ja, ja, vielleicht. Doch sehr viel. Und auch wie, wie nicht nur Schatten, sondern wo, von welcher Richtung zur Kamera hin Licht gesetzt wird. Ich finde das sehr, sehr spannend. Sehr gut gemacht. Dabei heißt es doch,
Florian Bayer: die Left Bank, Daniel Mell-Waag wurde weniger vom amerikanischen Kino inspiriert, neben mehr von Literatur und Kunst und Theater.
Johannes Franke: Tja, tja, tja. Aber vielleicht ist es auch der gemeinsame Vielfache der Noir-Filme. Ja. Weil Hitchcock ja nun an den Noir-Filmen hängt und dann sind wir weiter wieder bei der gleichen.
Florian Bayer: Ohne jeden Zweifel. Dieses Spiel mit Licht und Schatten, gerade wie Kamera funktioniert im Verhältnis zu Licht und Schatten, was Kamera mit Licht und Schatten machen kann, ist auf jeden Fall, wenn nicht inspiriert, ist auf jeden Fall eine starke Ähnlichkeit da.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und wenn es vor allem darin besteht, dass sich jemand Gedanken darüber gemacht hat, wie kann ich hier mit coolem Schatten arbeiten, wie kann ich hier eine unheimliche Lichtatmosphäre erzeugen.
Johannes Franke: Wenn wir bei der Inspiration sind, dann müssen wir natürlich auch in die Stummfilme reingehen, weil das war ja auch ein großer Punkt für den Regisseur zu sagen, ich will eigentlich die Schminke und die ganze Ausstattung Opulence und die Kleidung und so, soll alles so Stummfilm-Idee transportieren. Der wollte sogar von Kodak einen ganz alten Filmstock haben, der irgendwie noch so einen Glow hat, so eine Helo um Lichtquellen macht, was man heute mit Filtern machen würde, was ich sehr gerne mache auch. Was so ein bisschen mich mit diesem Regisseur auch verbindet, so innerlich, so dass man das Gefühl hat, okay, ja, cool, das ist so ein Gedanke, den teilt man dann. Es würde dem Film auch stehen. Das Problem ist, Kodak hatte diesen Filmstock nicht mehr.
Florian Bayer: Ja, und hast du das Gefühl, dass es ansonsten geklappt hat,
Johannes Franke: diese Stummfilm-Vibes zu erzeugen? Ja, absolut, total. Also auf seine eigene Art und Weise. Er hat es nicht nur einfach billig kopiert, wie jetzt The Artist oder sowas heute sagen würde, wir haben einen Stummfilm gemacht mit Schwarz-Weiß und so, der auch sehr gut ist. Wir haben ihn besprochen, aber nicht auf diese Art und Weise sieht er aus wie ein 20er-Jahre-Stummfilm, sondern er hat eine ganz eigene Bildsprache gefunden trotzdem.
Florian Bayer: Diese Stummfilm-Vibes hatte ich beim Sehen nicht so sonderlich viel, was vor allem daran liegt, dass der Film eben für einen Stummfilm oder für das Gefühl eines Stummfilms viel zu geschwätzig ist. Ja, ja, das sowieso. Du hast halt dieses permanente Geräusch und auch, weil Ton einfach, natürlich, wir befinden uns Anfang der 60er-Jahre und nicht in den 30ern, Ton spielt eine unglaubliche Rolle in diesem Film. Ja. Ton ist so wichtig für das Treiben der Handlung, kann ich nicht sagen, aber für das Treiben der Atmosphäre und für das Treiben der Motive, die ausgebreitet werden.
Johannes Franke: Aber es ging ihm ja vor allem um die visuelle Inspiration, nicht so sehr, um tatsächlich einen Stummfilm zu machen, der irgendwie dann doch redet.
Florian Bayer: Und, naja, ich glaube halt, also der Ton nimmt einen sehr großen Platz ein, dass eben dieses Gefühl, ich sehe hier was, was inspiriert ist vom Stummfilm, für mich so ein bisschen runterfällt. Auch wenn ich sehe, die Bilder sind da
Johannes Franke: und der Versuch ist da. Aber guckt ihr mal, allein die Frau, wie sie oft da hingestellt wird, mit einer Pose, wo sie dann den Arm nimmt und dann eine bestimmte Pose einnimmt und so. Das ist alles total 20er, 30er.
Florian Bayer: Ja. Volle Kanne. Das ist auch so neckig, würde man sagen. Es gibt diese eine Pose, auf die auch im Text referiert wird. Er sagt, du hattest diese spezielle Haltung und die nimmt sie sehr oft ein. Manchmal wirkt es wirklich so, als wäre sie wie so eine Puppe, der diese Pose auferlegt wurde. Also, dass dieser Pose auch nichts Natürliches mehr inne wohnt. Nicht mal mehr der Versuch, natürlich zu wirken, sondern sehr bewusst eben wie eine Plastik gestaltet ist, der jetzt jemand den Arm so modelliert hat.
Johannes Franke: Absolut. Und sie ist ja nicht die Einzige, auf die das zutrifft. Es ist ja die ganze Statisterie in dem Ding. Wird wie Mannekes hingestellt. Die haben irgendwie alle was angezogen bekommen und dann stehen die da rum. Ja. Und manchmal dürfen sie vielleicht auch Sätze wechseln, die man vielleicht dann wieder nicht hört, sondern irgendwie Lippen bewegt, aber irgendwas anderes ist zu hören. Es hat mich,
Florian Bayer: eine spannende Frage, was für eine Version du gesehen hast, es hat mich tatsächlich etwas gestört, dass einige Szenen nicht untertitelt waren. Auch wenn ich davon ausgegangen bin, also mir haben öfter mal die englischen Subs gefehlt. Ach so. Weil gerade am Anfang gibt es diese Momente, wo Leute in den Salon gehen, nach dem Stück und dann unterhalten sie sich und es gab keine Untertitel.
Johannes Franke: Ja, ich weiß nicht ganz genau, ob mir Untertitel gefehlt haben, aber ich habe es im Original, also französisches Original mit englischen, deutschen Untertiteln und ich weiß es nicht mehr. Ich glaube deutsche Untertitel,
Florian Bayer: ich habe die DVD. Ah, vielleicht waren die ein bisschen ausführlicher. Ich bin davon ausgegangen, einfach okay, die reden gerade über Trivialitäten und das ist nicht wichtig für die Geschichte, aber gestört hat es mich doch so ein bisschen, dass es immer mal wieder diese Momente gab, wo ich eben diese Trivialitäten verpasst habe. auch, weil ich mir wie so ein Schatzjäger auf der Suche nach der Lösung des Rätsels vorgekommen bin. Und das hat mir die Lösung, das war vielleicht die Lösung verborgen.
Johannes Franke: Ja, ja, Plur, die Lösung war genau in diesem Dialog bei Minute sieben, Sekunde sechzehn, wo dieser Typ mit dieser Frau dasteht und diese anstoßen und dann sagt er ihr, worum es im Film geht. Ja. Also, pass auf,
Florian Bayer: was jetzt in den nächsten 80 Minuten passieren wird. Genau. Wo waren wir? Kartenspiel, genau. Und dann haben wir so Bilder, also die Frau, die allein durchs Gebäude geht, sie tanzen, die Männer schießen auf Zielscheiben mit Pistolen.
Johannes Franke: Was so ein bisschen das nächste Thema für mich aufmacht, dieses Films, Social Boredom durch Reich sein. Das ist so krass, dass dieses Schießen auf solche Pappaufsteller ist ja so ein Sport von Menschen, die ihr Geld nicht mehr zählen können. Oder? Naja, in den USA ist das, glaube ich,
Florian Bayer: so ein Volkssport, ne? Also, wenn du in Texas bist,
Johannes Franke: in den 60ern auch schon, ich weiß nicht.
Florian Bayer: Das kann ich dir nicht sagen. Aber ja, du hast recht, natürlich, es ist so diese Jagdgesellschaft quasi, die halt jetzt, jetzt sind sie da drin, dann im Hotel, dann haben sie da halt noch zusätzlich so eine Schießhalle. Genau. So eine Schützenhalle, die wird auch später nochmal referiert und es wird darauf hingewiesen, dass ihr Mann, also A's Mann, M, nämlich dieser Spieler, dass der zum Schießen war, als die die vermeintliche Affäre hatten. Ja, Social Boredom, es ist cool, dass du das sagst. Ich habe heute noch so ein bisschen als Vorbereitung, ich wollte mich nicht so sehr beeinflussen lassen und bin es jetzt vielleicht doch, den Katz-Podcast gehört. Übrigens, höherempfehlung, Konkurrenz höherempfehlungen, Katz, der kritische Film-Podcast, die sind wirklich gut. Okay. Machen gute Filmgespräche und die haben das vor einem Jahr, vor anderthalb Jahren aufgenommen. Auf jeden Fall haben sie sich die Frage gestellt, ob der Lockdown, den wir durch Corona hinter uns haben, den es ja nicht so wirklich gab, aber gehen wir mal davon aus, es gab einen Lockdown, dass man das wiedererkennt in dem Film, dass das auch so das Gefühl, dieses Verlorenseins, man fühlt sich gelangweilt, man sieht immer dieselben Räume, und man versucht irgendeine Beschäftigung zu finden. Genau, kein Zeitgefühl mehr. Man versucht irgendeine Beschäftigung zu finden und dann ist es halt auf Pappaufsteller schießen. Ja. Weil was soll man sonst machen mit seiner Zeit? Eine Affäre mit irgendeiner Frau anfangen, die man noch nie gesehen hat? Ja. Ja, ja. Komische Kartenspiele machen, die man vorher trainiert hat, damit man immer gewinnt.
Johannes Franke: Ja. Was ich mich frage ist, sollen die Figuren für uns erkennbare charakterliche Eigenschaften haben oder sollen sie Pappaufsteller bleiben? Sollen sie Prototypen sein? Weil er schwankt immer so hin und her dazwischen. Der Bösewicht, der nicht der Bösewicht ist, sondern einfach der eventuell Ehemann, also M, der sieht halt, der guckt halt so düster oft, guckt oft einfach nur in die Szenerie und man denkt so, ja gut, das ist halt bei einem normalen klassischen Krimi, wer ist der, der jetzt hinter dem Fenster steht und böse reinguckt und plottet?
Florian Bayer: Was wissen wir denn konkretes über unsere Figuren? Wir wissen, dass A mit X verheiratet ist. Das wird im Film ziemlich konkret gesagt, oder? Oder fängt es da schon an, problematisch zu werden? Da wird es schon problematisch. Es gibt ja dieses Gespräch, das sie irgendwann in der Lobby haben, wo X im Hintergrund dann kommt und wie du schon sagst, wie so der Bösewicht sie anguckt. Ist das M, oder? Nee, X ist der Lange, der Spieler, der ihr Ehemann. Was?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ah, nee, M, Entschuldigung, du hast recht. Okay. Alles zurückgenommen, M. Genau, wo A und X sich in der Lobby unterhalten und M kommt von hinten, beobachtet sie kurz. Genau. Und verschwindet dann wieder. Ja. Und dann fragt X, wer ist das? Dein Ehemann? Vielleicht. Nee, genau. Vielleicht. So. Und dann erzählt er aber auch, dass dieser im Nebenzimmer war und später erzählt er nochmal, dass der dann zum Schießen war. Also er referiert sehr oft auf einen Mann von ihr. Ja. Und sie liegen nachher zusammen auf dem Bett. Also A und M liegen nachher zusammen auf dem Bett und er fragt, wo bist du meine verlorene Liebe? Also es wird schon sehr, sehr diese Beziehungsding aufgemacht, oder?
Johannes Franke: Es wird schon aufgemacht. Man kann das so annehmen. Man muss nicht wahnsinnig viel reindeuten, um das hinzukriegen. Aber der Film, wie so fast alles, was der Film erzählt, macht er es in Fragezeichen. Er bettet alles in Fragezeichen.
Florian Bayer: Aber wenn es schon daran scheitert, allein diese Figurenkonstellation zu entschlüsseln, dann ist es vielleicht wirklich so abstrakt, dass wir nichts haben. Haben wir noch andere Charaktermerkmale? Nee, eigentlich nicht.
Johannes Franke: Ich glaube, sie sind irgendwie Pappaufsteller. Aber die Frage ist ein kleines bisschen, warum? Und je nachdem, was ich denke, was der Film erzählen will, gibt es natürlich andere Erklärungen dafür, warum es Pappaufsteller sind. Das Problem bei den Pappaufstellern ist ein bisschen, dass mich dann natürlich auch überhaupt nicht interessiert, ob die jetzt zusammen waren oder nicht letztes Jahr. Was interessiert mich das? Ich will ja, also I'm not emotionally invested. Also was interessiert mich das, was die da gemacht haben?
Florian Bayer: Sie kriegen keine Vorgeschichte? Nein, überhaupt nicht. Gibt es überhaupt nicht? Und auch das, was letztes Jahr passiert ist oder nicht passiert ist, bleibt die ganze Zeit im Wagen. Der Ort wechselt dabei auch immer mal wieder. Es könnte Marienbad gewesen sein, es könnte aber auch Frederiksbad gewesen sein.
Johannes Franke: Vielleicht war es wo ganz anders. Und das ist so krass, weil er das ja behauptet. Er sagt ja, wir waren da, wir haben uns getroffen. Ja. In Marienbad oder in irgendwo oder in irgendwo. Und man denkt dann schon, ja, wenn du nicht mal weißt, wo das war, woher willst du denn wissen, dass es überhaupt passiert ist?
Florian Bayer: Wir kriegen so ein bisschen Charaktermerkmale in ihren Dialogen mit. Und das sind auch sehr allgemeine, aber es sind zumindest Spezifika, die dabei helfen, die Figuren überhaupt zu unterscheiden, dass sie nicht austauschbar sind. Also zum Beispiel eben, dass er sehr insistierend ist und dass ihm diese Romanze sehr wichtig ist. Ja. Dass sie wiederum sehr abwehrend ist. Also in diesem Film wird sehr oft von ihrer Seite aus Nein gesagt. Wir haben zumindest so ein gewisses gesellschaftliche, so einen gewissen gesellschaftlichen Rahmen, in dem sie sich bewegt haben, weil er erzählt dann eben auch zum Beispiel, also gehen wir mal davon aus, dass ein bisschen was stimmt von dem, was er erzählt.
Johannes Franke: Und das macht es schon schwierig. Ja, ja. Erinnere dich an, was der Regisseur gesagt hat? Was hat der Regisseur gesagt? Für mich sind die beiden tatsächlich ein Jahr früher im Marienbad begegnet. Genau.
Florian Bayer: Die Frau versucht, diese Vergangenheit zu untersuchen.
Johannes Franke: Und der Autor hat gesagt, ich glaube eher, dass die beiden in Marienbad sich nicht getroffen haben. Der Mann suggeriert der Frau diesen gemeinsamen Moment in der Vergangenheit.
Florian Bayer: Rob Crier und René haben, also Rob Crier hat behauptet, ey, das war super. Das war total toll, mit dem zusammenzuarbeiten, weil wir haben eigentlich genau dasselbe von Anfang an im Kopf und wir hatten genau dieselben Vorstellungen und das war großartig. Das war zumindest so früher seine Aussage. Und die hat sich dann nach und nach so abgefedert und irgendwann wurde klar, in dem Film wurde doch einiges geändert und mit einigem war Rob Crier überhaupt nicht so glücklich und überhaupt nicht zufrieden. Und der hat dann irgendwann so ein bisschen auch, habe ich das Gefühl, resigniert und gesagt, okay, das ist halt doch ein Film. Ja, vor allem meinte er, der Film an sich als Endprodukt ist ja trotzdem sehr schön gewesen. Ja, aber es ist nicht mein Hirngespinst. Und dazu passt natürlich perfekt diese komplett auseinandergehende Interpretation, dass René sagt, na klar waren die zusammen. Und Crier sagt, so ein Blödsinn, der bildet sich das alles ein und nervt sie damit.
Johannes Franke: Was aber spannend ist, weil ich das eher andersrum gedacht hätte, weil der Drehbuchautor hatte ja diese Vergewaltigungsszene sehr detailliert drin. Der Regisseur hat sie mehr oder weniger rausgeworfen. Ja. Nur noch so angedeutet. Also ich würde, wenn ich überzeugt wäre, dass die beiden sich nicht getroffen haben, dann würde für mich diese Vergewaltigungsszene nicht mehr so viel Sinn ergeben oder hätte nicht mehr so viel Kraft.
Florian Bayer: Naja, sie ändert das Narrativ, um ihn herauszufordern. Weißt du? Ja, okay, ja. Also wenn wir mal dabei bleiben, dass er eine Geschichte erzählt und sie sagt, das ist Bullshit, was du hier erzählst, stimmt nicht. Ja. Dann passt es natürlich, dass sie irgendwann das Motiv hat zu sagen, okay, dann erzähl, wenn du schon diese Geschichte erzählst, dann erzähl ich mal mit. Pass auf. Und dann sagt er, nein, nein, nein, du machst meine Geschichte kaputt.
Johannes Franke: So war es nicht. Ja, stimmt. Und er sagt, es war keine Gewalt dabei. Ja. Also kann man schon so konsistent irgendwie deuten. Ja, okay, okay. Das möchte ich dir geben. Das stimmt. Auf jeden Fall finde ich es spannend, dass nicht einmal diejenigen, die daran beteiligt waren, einer Meinung sind und alles sehr offen lassen. Und dass man dann im Grunde nur noch so ein Assoziationsspiel vor sich hat.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Eins gibt das andere und man hat irgendwie, wenn man was gefunden hat, wo es plötzlich Sinn ergibt, kann man das nicht mehr auf den Rest des Films anwenden, weil da Aussicht Widersprüche ergeben. Also ist es eher einfach ein Gehirn in Filmform.
Florian Bayer: Ich finde es witzig, dass dieser absolut naheliegenden Interpretation, das frei assoziiert wird und es keinen kohärenten Rahmen gibt, im Film selbst widersprochen wird. Der Film hat diese tolle, selbstreflektive Ebene. Am stärksten finde ich das wirklich in dem meiner Meinung nach lustigsten Moment des Films. Ja. Es wird sehr viel über diese Statuen geredet. Also es gibt diese Statuen, die da am Eingang stehen oder mal im Park, die unterschiedlich platziert werden. Achtung, nächste Interpretationsebene, die ich reinwürfe. Manche haben gesagt, das ist der Orpheus-Mythos hier. Ja, ja, genau. Orpheus-Neuritical in der Unterwelt.
Johannes Franke: Das müssen wir vielleicht mal besprechen, weil das finde ich auch ganz interessant.
Florian Bayer: Auf jeden Fall gibt es diese Statuen und sie reden die ganze Zeit darüber, was sie da machen und was das sein könnte. Und sie fabulieren und verlieren sich so in diesen Interpretationen und es wäre ja das möglich, hält sie ihn zurück, hält er sie zurück. Ja. Und dann kommt der Lange, also unser M, und sagt, Leute, ich weiß, was da drauf ist. Das ist, Moment, lass mich kurz suchen. Es ist Charles III. und seine Frau. Die da einen Spaziergang machen. Hey, ich hab's hier. Und das ist so ein Moment, wo ich wirklich schmunzeln musste, weil ich das Gefühl hatte, die Figur macht sich gerade über den Film her und sagt so, ey Leute, ihr sagt, ihr denkt die ganze Zeit, hier kann man frei assoziieren und noch ein bisschen Orpheus-Mythos reinmachen, ein bisschen Hölle, ein bisschen Fegefeuer, ein bisschen von allem. Nee, nee, ich weiß, was es ist. Man muss halt den finden, der es weiß und dann sagt er einem, wie es aussieht. Ja. Hier, König, Kaiserpaar.
Johannes Franke: Ja, das ist halt dann das Trollmoment des Regisseurs, hab ich so das Gefühl.
Florian Bayer: Nächste Interpretationsebene, die ich noch reinwerfe, es gibt die Interpretation, dass der Film über eine Filmfigur ist, die sich ihrem Status bewusst wird, dass sie sich im Film befindet. Und dass wir diese Repetition, die wir erleben, dass das ein immer wieder Wiederspulen des Filmes ist und dieser X schafft es dann schließlich mit A aus dem Film zu fliehen und zurückbleibt dieser M, der sich dann wiederum in dieser Filmspule befindet. Also ein kompletter Metafilm. Meine Güte. Ein Film übers Filmemachen. Fast so schlimm wie es war alles nur ein Traum.
Johannes Franke: Ja, ein Film übers Filmemachen habe ich auch gedacht zwischendurch, weil die Verbindung zwischen den Figuren gar nicht so stark ist wie die Verbindung für mich zwischen dem Autoren des Films und dem Zuschauer. Ich habe immer das Gefühl, aus irgendwelchen komischen Gründen, die ich dir nicht genau begründen kann, dass die ganze Zeit, während diese Aufstimme läuft, der Autor mit mir redet. Mit mir, dem Zuschauer. Das heißt, der Autor ist der Protagonist? Der Autor ist X? Ja, irgendwie schon, genau. Und dass das die vorrangige Achse ist, auf dem sich der Film bewegt. Nicht zwischen den Figuren, sondern zwischen dem Autor und mir.
Florian Bayer: Ist das Bild dann komplett egal? Also, das ist hart gefragt, aber könnte man dann sagen, eigentlich ist der Text das Relevante und das, was hier passiert, ist auf visueller Ebene einfach nur was, was nebenbei abgespult wird, aber eigentlich musst du dich nur auf den Text konzentrieren?
Johannes Franke: Vielleicht hast du dann zwei Filme.
Florian Bayer: Oder du hast einen Widerstreit zwischen Text und Film. Und das wiederum ist ein Thema. Dass wir hier einen Urtext haben, eben den Text von Rob Grier, der irgendwie eine Liebesgeschichte verarbeiten wollte. Und dann haben wir das Bildmaterial von Alain René, beziehungsweise von, um mal den Kameramann einmal zu würdigen, unfassbar gut sind. Meine Güte, ganz kurz, die Bilder sind fantastisch. Stachar Vierni, der auch schon die Rotschlima Mon Amour fotografiert hat. Dann haben wir einen Widerstreit zwischen dem Text von Grier und den Bildern von Vierni, die zusammen mit Alain René entwickelt wurden. Wah, was für Bilder.
Johannes Franke: Unfassbar. Aber man muss ja auch sagen, und das ist es halt auch, dass die Bilder vor allem illustrieren, was gesagt wird. Oder eben dann mal nur ein Gefühl illustrieren, was der Kameramann gerade hat, während er den Text hört oder so. Oder dem komplett widersprechen, was gesagt wird. Oder so. Aber irgendwie ist sozusagen, sind das die beiden Ebenen, die so parallel laufen und mal sich treffen und mal divergieren und mal so, weißt du?
Florian Bayer: Und das wäre ja so eine Art Tanz und gleichzeitig Widerstreit zwischen Text und Film. Zwischen Text und Bild, zwischen Roman und Film. Sind wir gerade die mit dem Kunstgewichse? Nein, ich glaube, wir bewegen uns noch im Rahmen. Okay.
Johannes Franke: Ja, aber folgende Aufgabe. Wir finden jetzt eine Interpretation, es gibt ja anscheinend wirklich 20.000, die alle genauso, also die gleichwertig nicht funktionieren und funktionieren. Ja. Warum finden wir nicht jetzt eine, die auf den ersten Blick erstmal völlig abwegig ist, die aber genauso gut funktionieren könnte, wie alle anderen auch? Es geht um Ronald McDonald oder sowas, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Ich würde dir erstmal gerne meine anbieten. Ach so, du, ach so. Ich habe ja, ich habe startet diese Episode, weil ja Gott sei Dank konnte ich den zum dritten Mal jetzt gucken, weil jetzt habe ich für mich eine konsistente Interpretation. Jetzt bin ich mal gespannt. Und wie gesagt, es ist eine Interpretation, die nicht unüblich ist in der Filmgeschichte. Ich glaube, man kann es wirklich nochmal versuchen, diesen Film feministisch zu lesen. Dann haben wir einen Film über Vergewaltigung, über Gaslighting, über toxische Männlichkeit, die sich vor allem in diesem Spiel ausdrückt und über Verdrängung. Unsere Protagonistin, und das sage ich sehr bewusst, ist nämlich, also die Frau ist eigentlich die Protagonistin dieses Films. Wir wissen nicht, wie viel von dem, was X sagt, in ihrem Kopf stattfindet und wie viel tatsächlich von ihm gesagt wird.
Johannes Franke: Ich glaube,
Florian Bayer: es findet beides statt. Also er redet mit ihr und sie denkt aber auch, was er reden könnte. Es findet beides statt. Und er hat sie letztes Jahr in einem Hotel vergewaltigt. Und sie versucht, das irgendwie zu verdrängen. Und er wiederum leitet aus dieser Vergewaltigung eine Romanze ab. Das heißt, er sagt, das war keine Vergewaltigung. Das war eine Affäre. Das war Content. Und es war schön. Und eigentlich musst du jetzt mit mir kommen. Was sie total fertig macht. Kommen wir zu dem Punkt Gaslighting. Er insistiert so, weil er seine Version der Geschichte in sie reinbrennen will. Das ist die ganze Zeit eine Manipulation von ihr. Ja, versucht das. Und sie kämpft dagegen. Sie wehrt sich dagegen. Deswegen haben wir auch oft diese Schockmomente. Also wir haben zum Beispiel diesen Moment, wenn sie an der Bar stehen und sie stößt dann an diese Frau und das Glas fällt runter und wir hören das Lachen. Und dann hat sie so einen Schockmoment, wo wir wirklich diese Cuts haben, die wie so Flashbacks wirken. Wir haben so Flashback-Szenen. Dann sagt sie so oft, lass mich allein. Sie sagt so oft, nein. Sie sagt so oft, ich will in Ruhe gelassen werden. Das ist ja das Klassische, nicht Kulturelle, sondern so ein soziales Diskursthema unserer Zeit, dass man das endlich mal verstehen sollte, wie Content funktioniert und wann man, und das eben nicht ein netter, harmloser Flirt ist, wenn du eine Frau an der Straße belästigst, weil du glaubst, dass sie für dich gemacht ist. Es gibt so viele Sachen, die er sagt, die eben diesem Motiv entsprechen. Er sagt, diesen Nacht habe ich deiner Angst geliebt. Wir haben diesen Schrei, wenn er reinkommt, er sagt, dieses Sachen, dieses, nein, die Tür war geschlossen, sagt er. Er denkt drüber nach, was passiert ist und dann denkt er, die Tür war offen, nein, die Tür war geschlossen, ich erinnere mich. Er ist da eingebrochen, er hat sie vergewaltigt. Wir haben seinen Blick, der so ein Blick eines Vergewaltigers ist, wenn er in ihrem Raum steht, wenn er sich daran erinnert, wie er in ihrem Raum stand. Sie natürlich als weiße Unschuld gekleidet in diese Federn und dann ganz stark, kulminierend in diesem Moment, wo er sagt, nein, es war freiwillig und wir diesen krassen Moment haben, wo die Kamera rausfährt und er besteht darauf, nein, es war wirklich ehrlich, du wolltest das auch, es war ein paar de force, es war nicht mit Gewalt und diese Verzweiflung hin, wenn er damit konfrontiert wird, dass er eben doch langsam anfängt zu begreifen, dass diese Vergewaltigung stattgefunden hat. Konsistent, weil ich die anderen Sachen auch reinkriege. Sie ist tatsächlich mit dem M verheiratet und die Art, wie er damit umgeht, wenn er überhaupt was davon weiß, ist irgendwie so eine Mischung aus Eifersucht und Spiel- und Besitzgedanke. Also, er ist kein Vergewaltiger, aber er ist nicht viel besser als der Vergewaltiger, weil er irgendwie, er fühlt sich vielleicht in seiner Männlichkeit bedroht, deswegen spielt er mit dem Vergewaltiger immer dieses Spiel und versucht den immer wieder den Tisch zu ziehen, um zu zeigen, dass er doch der Coolere ist. Es gibt einfach dieses klassische, dieses klassische toxische Männlichkeit-Ding, es ist vollkommen egal, wie sie sich fühlt. Er interessiert sich ja auch nie für sie. Er sitzt halt da und spielt seine Spielrunden. Und es wird so zum Kampf zwischen zwei Männern, und der eine Mann, der eigentlich darauf eingehen sollte, wie es seiner Frau geht, nachdem sie vergewaltigt wurde, interessiert sich eigentlich nur dafür, dass seine Ehre verletzt wurde und er muss die wiederherstellen. Und das ist eben das deprimierende Ende, weil man könnte ja das Ende interpretieren, die Romanze geht auch, sie verschwinden ja wirklich. Ja, ja, genau. Dieses Mitgehen von ihr ist Aufgabe und das ist eigentlich ein Selbstmord. Es gibt ja auch diese Interpretation, dass sie am Schluss in den Tod gehen. Ja. Und deswegen sagt unser M auch, also der andere männliche Protagonist, am Schluss, ich hab dich für immer verloren. Er hat sie wirklich verloren, sie hat sich umgebracht, sie ist, das war zu viel. Das ist meine Interpretation, die ich für mich jetzt nach dem dritten Zuschauen zurechtgelegt habe und sage, die ist für mich konsistent genug, mit der kann ich leben. Ja.
Johannes Franke: Wenn man, als Regisseur sowas tatsächlich im Kopf hat.
Florian Bayer: Nein, das hat er nicht im Kopf. Das hat nicht alle Renner im Kopf.
Johannes Franke: Das ist meine Interpretation. Das ist halt das Ding so ein bisschen. Aber es ist ja auch, wie du immer sagst, ich bin noch nicht sicher, ob ich dem 100% zustimme, aber dass der Film ja, sobald er draußen ist, den Zuschauern gehört. Ja.
Florian Bayer: Hermioneutik ist so langweilig. Film ist doch kein Rätsel, wo wir wissen wollen, dann brauchen wir wirklich Anleitungen von RegisseurInnen, die sagen, so, das habe ich mir gedacht.
Johannes Franke: Ja. Ja, und die haben sich ja auch ganz gut zurückgehalten insgesamt. Die haben ja keine großen Interpretationsanleitungen versucht rauszuhauen, sondern haben halt ihre kleinen Kommentare gegeben, aber keine großen Anleitungen rausgehauen.
Florian Bayer: Ich finde halt, die Geschichte einer Vergewaltigung ist immer so, wenn man eine Interpretation hat, dann kann man alles da reinpacken. Ich finde, es gibt so viele Momente, wo das schlüssig ist, auch so dieses Erstarren der Gesellschaft vor diesem Trecken und dieses Weggucken und wie sie sich auch fühlt und wie sie sich von Blicken bedrängt fühlt. Sie ist bloßgestellt. Das ist halt krass so, dass dieser Blick auf eine Vergewaltigung, dass es eine Bloßstellung der Frau ist. Und sie fühlt sich unwohl, sie will nicht gehört werden, weil sie eben weiß, was das bedeutet. Die Vergewaltigung bedeutet eben nicht nur seine gesellschaftliche Ächtung, sondern auch ihre gesellschaftliche Ächtung. Gerade in dem historischen Kontext, in dem wir uns befinden, aber auch darüber hinaus. Ganz interessant übrigens, dass die Schauspielerin von A, Delfin Seyrich, eine später, in den 70ern, eine Ikone des Feminismus wurde und sehr viel für die Frauenrechtsbewegung in Frankreich gemacht hat. Sie hat sich unter anderem in einem Gruppenbekenntnis, das es auch in Deutschland gab, dazu bekannt, eine illegale Abtreibung gemacht zu haben. Es gab ja im Stern dieses Ding, die haben abgetrieben, das Manifest 343 war das französische Pendant dazu und da hat sie sich dann daran beteiligt. Und die war sehr aktivistisch unterwegs als Feministin in der Filmlandschaft. Ja.
Johannes Franke: Also ich habe von dieser Interpretationsform durchaus auch gelesen, nicht in der Ausführlichkeit, wie du das jetzt zusammengebracht hast, aber den grundsätzlichen Ansatz, weil es auch nicht so wahnsinnig abwegig ist, wenn da so ein Satz kommt wie nein, nein, es war keine Gewalt. Natürlich fängt man dann an, darüber nachzudenken, ist das alles ihr Film in ihrem Kopf, der Versuch der Verarbeitung einer Vergewaltigung. Und das ist natürlich eine wahnsinnig traurige Version, aber so akkurat auch leider in der Art und Weise, wie der Film erzählt wird, wie der Film Sprünge erzählt, wie man das Gefühl hat, dass die Zeitebenen durcheinander geraten, dass du mitten im Satz plötzlich an einem anderen Ort bist und das Gespräch läuft weiter und du das Gefühl hast, die Sätze kommen wieder und wieder und wieder und wieder an dem Ort und dem Ort und das kreist in deinem Kopf und du kommst dann nicht mehr raus und der Verzweiflte versucht, das einzusortieren, in Schubladen zu packen und zu sagen, okay, es ist gut, es ist passiert, ich muss mit meinem Leben vorankommen wieder, ich muss wieder reinfinden, aber das einfach nicht zu schaffen und dass dann natürlich
Florian Bayer: das Ende umso schlimmer ist. Ich finde es ganz spannend, diese Interpretation, das noch als Schluss zum Mal ist ja meine Interpretation, es gibt so viele andere Möglichkeiten. Ich finde es ganz spannend, die auch zu lesen eben gegen die Intention des Regisseurs, weil ich kann mir gut vorstellen, dass sowohl Rob Griez als auch Alain René davor hatten, auch schon so eine Romantikgeschichte von einer Affäre zu erzählen und dabei diese Untertöne einbauen, Stichwort Rape Culture. Die Frau sagt nein, meint aber eigentlich ja und dass wir das heute nochmal anders lesen können und auch nochmal lesen können, wie männliche Fantasien damals auf die Leinwand gebracht wurden, romantische, sexuelle Fantasien und wie da eben tatsächlich auch dieser Selbstbetrug stattgefunden hat von männlicher Seite und dass der eben auch in diesem Film präsent ist und da reingepackt wurde. Also der Film hat diesen Zweifel drin, was ihn wirklich stark macht, aber der Film hat eben auch diese Note, dass er versucht, dass er eigentlich eine Liebesgeschichte erzählen will und dann erzählt er eine Vergewaltigung und er wird sich dessen stärker bewusster als andere Filme in der damaligen Zeit. Ja, nichtsdestotrotz ist er das. Ja.
Johannes Franke: Und aber es ist spannend, spannend, wie auch sowas recht unbewusst dann eingebacken wird, auch in Filmgeschichte und man das dann mit Abstand völlig anders sehen kann und man dann wahrscheinlich, wenn man sowas als junger Regisseur gemacht hat und dann am Ende seines Lebens auf seine Filme guckt und vielleicht noch lange, lange offen war in seinem Leben und auch noch versteht, was jetzt gerade aktuell los ist, seine eigenen Filme anschaut und sich denkt, oh wow, was hatten wir damals für Ansichten und wie haben wir das damals zusammengebracht?
Florian Bayer: Ja. Und gerade deswegen, also das finde ich, ist auch immer der spannende Weg, Kunstwerke von früher neu zu lesen und neu zu deuten. Wie gesagt, ich bin kein Freund der Hermeneutik mehr. Mir wurde mal gesagt, ich bin total versaut durch mein Studium in Potsdam, weil ich da alle, als ich damals studiert habe, was ja auch schon lange her ist, auf diesem poststrukturellen Trip waren, dass man alles frei interpretieren kann und dass eben das Kunstwerk nicht mehr dem Künstler gehört und der Künstlerin und dass man nicht versucht, da den Sinn von dieser Person rauszuziehen, sondern seinen eigenen und dass man neue Wege findet und neu interpretiert und damit das Kunstwerk lebendig ist. Finde ich aber auch wirklich ein angenehmer Ansatz, weil was sollen wir jetzt interpretieren, was die Leute damals gedacht haben? Wir können sowieso nur so halb treffen und es bringt überhaupt nichts für den Diskurs. Toll, dann weißt du eben, was Alain René sich vorgestellt hat, als er den Film gedreht hat. Aber was gibt das für eine neue Dynamik rein, außer eben dieses Wissen darum, was er gedacht hat? Ja. Und wenn ein Kunstwerk lebendig ist, dann wird es halt jedes Mal wieder auf die Bühne gebracht und dann wird es jedes Mal neu interpretiert.
Johannes Franke: Was ja viele Künstler in einem bestimmten Zeitraum auch gesagt haben, ich hänge das da ins Museum vielleicht, aber ich werde mich, werde den Teufel tun, mich daneben zu stellen und dem Zuschauer zu sagen, also ich habe mir Folgendes gedacht. Ja. Da oben, dieses Blau. Das soll der gefälligst selber machen, der Zuschauer und der soll sein eigenes Leben da reingeben und was rausziehen. Und dann ist das halt vielleicht was völlig anderes, als der nächste, der fünf Minuten später da steht.
Florian Bayer: Und das Tolle ist ja, das kann man mit allem machen, ne? Ja, ja. Egal wie konkret der Film oder das Kunstwerk ist in seiner Erzählung, man kann alles irgendwie nochmal neu deuten und nochmal unbewusste, verborgene Ideen und Motive erkennen. Ja. Ja, schön.
Johannes Franke: Generation Remix, ne? Das sind die Leute, die verhindert haben, dass YouTube seinen Filter machen muss, dass man nichts remixen darf und so. Ja. Wir Schauspieler kriegen weniger Geld, weil ihr verhindert, verhindert habt, dass das alles bezahlt werden muss.
Florian Bayer: Alles für die Kunst.
Johannes Franke: Ja, Zitatrecht und so. Du hast gesagt, du findest die Orpheus-Interpretation auch ganz spannend. Ja, zumindest den kleinen Ansatz, wenn man, also nur wer es nicht weiß, Orpheus und Eurydike, sie stirbt, er will sie retten, rennt hinterher, versucht sie aus der Hölle oder Vorhölle oder dem Tod da rauszuholen, hat aber die Auflage, nicht zurückzuschauen, während er sie da rauszieht und sie nicht anzugucken. Sie ist hinter ihm, genau. Sie ist hinter ihm. Und naja, im letzten Moment kann er nicht mehr widerstehen und guckt dann doch. So. Und? Und sie sieht furchtbar aus. und zerfällt und löst sich auf und das weg. Und das war's. Ja, und so dieses, man darf nicht zurückschauen. Man darf, man soll nicht in der Vergangenheit so sehr kramen und immer wieder versuchen, noch die kleinsten Dinge rauszuholen und da irgendwie hängen, sondern eher nach vorne gehen. Ist das auf ihn bezogen? Also er hängt in der Vergangenheit? Ja, er hängt da voll in der Vergangenheit drin und versucht da drin rumzupulen, statt auf sie zuzugehen und zu sagen, na, wie wär's, bist du noch? Und sie sagt, nee. Und er sagt, gut, dann schön Tag noch. Weißt du, er hätte eine viel schönere Zeit, wenn er sich einfach umdrehen würde zur nächsten Frau und fragen würde, na, wie wär's?
Florian Bayer: Erinnerst du dich letztes Jahr? Haben wir uns nicht da gesehen? Das ist tatsächlich ein Anmachspruch, oder? Ja. Also ich hab ihn nie benutzt, aber es gibt tatsächlich den Anmachspruch, äh, kennen wir uns nicht? Ja. Völlig dämlich, aber ja gut. Ja, eigentlich ist dieser Film eine 90-minütige Verfilmung des Anmachspruchs Erkennen wir uns nicht? Das ist meine Interpretation ab sofort.
Johannes Franke: Okay. Ja, dann hab ich doch das, was ich wollte. Pick-up-Artist-Movie. Das ist ein Pick-up-Artist-Movie. Er ist halt mal gescheitert jetzt. Und so ist das halt. Obwohl, er ist ja nicht gescheitert. Er hat sich ja am Ende davon überzeugt, mit aus dem Hotel rauszugehen.
Florian Bayer: Sieh, es klappt. Es ist ein erfolgreicher Pick-up-Artist.
Johannes Franke: Oh mein Gott. Okay, gut. Darum geht's im Film. Wir haben ihn entschlüsselt. Wir haben es versprochen, liebe ZuhörerInnen. Wir haben jetzt den Film komplett entschlüsselt. Und es ist ein Pick-up-Artist-Film.
Florian Bayer: Es gibt, also vielleicht um noch ein paar Interpretationen in den Raum zu werfen. Er findet nur in ihrer Fantasie statt. Sie findet nur in seiner Fantasie statt. Es ist M's Fantasie. Es ist M's Fantasie. M ist der Tod. Und um sie zu holen, sie befinden sich in einer Art Vorhölle, in einer Art Fantasie, in einer Art Traum, in einer Art Zwischenreich, in einer Art Fegefeuer.
Johannes Franke: Ja, ich muss an Sartre denken. Es ist ja auch eine geschlossene Gesellschaft.
Florian Bayer: Am Schluss gehen sie in die Hölle, am Schluss gehen sie ins Paradies. Genau. Sie flieht mit ihm, sie flieht mit ihm nicht. Er stellt sich das nur vor. Die Reihe an Interpretationen für diesen gesamten Film ist lang. Und es ist witzig, dass wir gesagt haben, hey, wir stürzen uns jetzt auf den Inhalt. Und nach ungefähr 30 Minuten haben wir uns doch in den Interpretationen verloren. Verdammt. Ich glaube, das passiert bei diesem Film einfach, weil man kommt nicht drum herum. Man sieht halt ständig Dinge, die geschehen und hat das Gefühl, man will diese Dinge entschlüsseln. Was bedeutet das? Was bedeuten die Figuren? Was bedeuten die Statuen?
Johannes Franke: Du hast am Anfang letztes Mal, als ich ihn dir vorgeschlagen habe, gesagt, du hattest immer deine Probleme mit diesem Film. Große Probleme. Woran,
Florian Bayer: wo liegen diese Probleme? Es hat sich jetzt ein bisschen relativiert. Ich habe meinen Frieden mit dem Film gemacht. Naja, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, war es wirklich einfach so, was soll das? Und zwar habe ich den bewusst geguckt mit dem Hintergrund. Ich wusste ungefähr, dass der eine filmhistorische Bedeutung hat. Ich gucke jetzt kanonisch. Ich will den Klassiker auch noch gucken. Diesen Klassiker, der fehlt mir noch. Und dann war mir der zu abgehoben. Und tatsächlich war das einer von den Filmen, wo ich geguckt habe und gedacht habe, boah, das ist ganz schön prätentiöses Kunstgewichse. Und es ist auch, es ist so aufdringlich dabei. Die ganze Zeit dieses Orgel, Getröne. Die ganze Zeit diese Kamerafahrten und diese Wiederholungen. Und ich fand es wirklich, ich fand es halt nicht nur prätentiös, sondern auch aufdringlich. Dieser Film, der nervt mich, der will mich nerven. Und war überhaupt nicht glücklich damit. Und dann habe ich ein zweites Mal geguckt, irgendwie so, keine Ahnung, ein paar Jahre später, als junger Erwachsener. Und dann dachte ich, ach so, das ist ja voll die billige Handlung. Das ist voll blöd. Wenn man einmal hinter diese prätentiöse Schicht geguckt hat, stellt man fest, dass das eine total plumpe Handlung ist. eben über ein Paar, das eine Affäre hatte. Und er will, dass sie sich erinnert. Sie will nichts mehr damit zu tun haben. Es gibt den dritten Mann. Und am Schluss kommen sie, gehen sie halt zusammen weg. Gott, das ist eine plumpe Liebesgeschichte. Das ist das, was auch im deutschen Heimatfilm in den 50ern erzählt wurde, hätten sie auch anders erzählen können. Und jetzt kam mein drittes Gucken. Und wie gesagt, ich habe nochmal gesehen, ja, da gibt es doch viel zu finden. Ich habe ihn diesmal auch ein bisschen mehr nochmal aus einer ästhetischen Perspektive geguckt und nochmal gesehen, wie viel es ästhetisch aus dem Film rauszuholen gibt. Ja. Das ist wirklich ein schöner Film. Ja. Und mir sind so die kleinen, die kleinen Besonderheiten ein bisschen mehr aufgefallen. So diese, diese Schere zwischen Bild und Ton, dieses Spiel mit der Zeit und mit Verzerrung und so. Und deswegen würde ich das revidieren. Ich hatte sehr viele Probleme mit dem Film, weil es für mich eben vom prätentiösen Kunstgewichse zum billige Love Story unter prätentiösem Kunstgewichse begraben, jetzt zu einem doch sehr viel, vielfältigen, reichhaltigen Film geworden ist. Was ist denn deine Antwort? Du hast ihn ja ganz, ganz jungfräulich jetzt gesehen, ne?
Johannes Franke: Ja, ja. Und deswegen ist auch das schwierig mit den Interpretationen. Man kann ja schlecht währenddessen, weil man auch den Rest noch nicht kennt und ich weiß, wo bin ich denn jetzt eigentlich? Man muss erst mal Eindrücke sammeln, bevor man anfängt zu interpretieren. Und viel des Films kam erst durch die Interpretation ins Gefühl für den Film. Weil währenddessen sitzt man da und denkt sich, okay, ich bin völlig verloren. Wo ist hier was? Wer gegen wen und warum? Und man geht einfach nur ins Gefühl über. Ja. Man sitzt dann, man gibt auf und sagt, okay, ich fühle jetzt einfach nur noch diesen Film. Ich versuche ihn nicht zu verstehen, sondern ich fühle ihn. Und dann finde ich, macht der Film eine gute Arbeit darin, dich genau in die richtigen Gefühle zu bringen. Dir zu sagen, das ist unangenehm, das ist auf eine Art und Weise irgendwie sozial schwierig. Da ist die Schere zwischen seiner Euphorie und ihrer Angst. Ne, solche Sachen. Da geht es gar nicht mehr darum, den Text zu verstehen, sondern es geht darum, mitzufühlen. Und auf der Ebene hat der Film sehr viel bewegt in mir. Ja. Und das finde ich sehr spannend. Dass überhaupt, dass ein Film sowas macht, dass ein Film überhaupt in der Lage ist, so völlig losgelöst von dem, was er auf der Textebene verbringt, mir irgendwie so ein, mich sinnvoll von Gefühl zu bringen, finde ich sehr spannend. Aber verstanden habe ich natürlich währenddessen nicht. Und dann kommen wir auch gleich zu unserer Top 3, würde ich sagen. Daran führt kein Weg vorbei. Tschinger. Unsere Top 3. Filme, die wir einfach nicht verstanden haben. Ja. Wo wir, weiß ich nicht, was für eine Liste du hast, aber vielleicht auch einfach aufgegeben haben, obwohl wir ihn irgendwann hätten verstehen können. Weiß ich nicht genau.
Florian Bayer: Tatsächlich alle drei Filme, die ich drin habe, Filme, um die ich mich sehr bemüht habe, weil ich sie gut finde. Okay. Ich habe keinen Witz gemacht. Also man ist es letztendlich, irgendwie so eine Trollliste zu machen. Ja, genau.
Johannes Franke: Habe ich auch gedacht, ja.
Florian Bayer: Das sind drei Filme, um die ich mich bemüht habe. Und die ich auch, wenn ich sie nicht ganz verstanden habe, trotzdem misschätze. Jetzt bin ich mal gespannt. Ich muss anfangen. Du musst anfangen. Keine Honorable Mentions. Okay. Und ich glaube, ich nehme dir diesmal auch keine Platzierung weg. Okay.
Johannes Franke: Das sind alles asiatische Filme.
Florian Bayer: Tatsächlich ist es mein erster Film, mein asiatischer Film. Eine Überraschung. Und zwar vom großen Regisseur Takashi Mika, der in den letzten 30 Jahren ungefähr zwei Milliarden Filme in Japan gedreht hat. Jedes Jahr so zehn oder so. Visitor Q aus dem Jahr 2001. Eine Familie, die irgendwie so verdrängte Geheimnisse hat. Nicht ganz klar, was da los ist, aber irgendwie ist so, es brodelt unter der Oberfläche. Und dann kommt ein geheimnisvoller Besucher. Und dann brechen diese Geheimnisse aus. Und es gibt sehr viel Muttermilch zu trinken. Es ist ein wirklich komischer Film. Und ich glaube, bei diesem Film war es auch, also es gibt definitiv auch die kulturelle Barriere beim Gucken dieses Films. Aber es ist auch einfach Takashi Mika so was sehr experimentell Abstraktes in seinen Inszenierungen. Obwohl sehr viel Handlung konkret ist. Es ist nicht so unkonkret wie letztes Jahr in Marienbad. Aber es bleibt die ganze Zeit so eine Ungewissheit. Und dann weiß man auch wirklich einfach nicht, was will dieser Film? Ich muss die Frage jetzt mal so hart stellen, auch wenn ich sie hasse. Was wollen die alle von mir? Und was geschieht da? Aber du fandest ihn trotzdem gut? Interessant. Okay. Ich fand ihn so interessant, dass ich sagen würde, ja, den Film sollte man gesehen haben, aber what the fuck?
Johannes Franke: Ja, das Spannende ist, was ich auch erwartet habe, was sich vielleicht jetzt auch bestätigt, zumindest schon mal in diesem Platz, dass ich natürlich all die Mainstream-Sachen, die eigentlich alle gesehen haben und gesagt haben, wie Lost Highway, den ich jetzt nicht drin habe, wo viele Leute einfach rausgehen und sagen, naja, da muss man viel Gedankenkraft anwenden, um dann noch irgendwie das alles zu sortieren. Ja, du guckst jetzt bei Lost Highway so ein bisschen unverständlich.
Florian Bayer: Ich weiß nicht genau, worauf du hinaus willst, aber ich höre zu weiter.
Johannes Franke: Du bist halt so tief drin, dass du diese ganzen obskuren Filme kennst, die einfach wirklich niemand versteht und auch deswegen kein sehr großes Publikum gefunden haben und deswegen natürlich auch eigentlich die interessanteren Filme sind, weil, na gut. Würde ich nicht unbedingt sagen.
Florian Bayer: Also, ich glaube, du hast einen Heimvorteil, was das betrifft ist. Das kann sein. Es ist auf jeden Fall, Filme, die man nicht versteht, sind eigentlich meine Lieblingschancen. Ja, ja, genau. Wenn man dich fragt, was für Filme magst du am liebsten, würde ich wahrscheinlich ganz oft sagen, Filme, die man nicht versteht. Ja, okay. Aber komm, einfach raus raus.
Johannes Franke: Eraser Head. Ja, na bitte, auf jeden Fall. Also, aber den kennt schon wieder der größte Teil unserer Zuhörerschaft.
Florian Bayer: Ja, aber das ist ja das Tolle an David Lynch, dass er es schafft, Surrealismus so zu erzählen, dass er trotzdem ein großes Publikum
Johannes Franke: für sich begeistern kann. Das stimmt, was ganz beeindruckend ist. Vor allem, weil, ich weiß, er hat ja sein erster Film war, oder? Also, das ist schon beeindruckend.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Und ganz großartiger Film. Und nur, weil er populärer ist, als dieser Visitor Q, den ich gerade genannt habe. Das ist ja kein Qualitätsmerkmal. Ja. Also, bloß nicht. Naja, Ja, ja, ja. Okay, das wäre mein Platz 3. Dann bleibt Platz 2. Was wäre mein Platz 2? Das ist ein bekannter Film. Und zwar mein liebster Film von Pasolini, der ja wirklich einige sehr komische, kaputte Filme gemacht hat. Theorema aus dem Jahr 1968. Tatsächlich 68. Visitor Q wird oft nachgesagt, dass er an Theorema orientiert ist. Es geht um, von Theorema inspiriert ist, es geht um eine Familie, so eine klassische, relativ reiche Familie, in der er großbürgerlich in einer Villa lebt. Und die erhalten Besuch von einem jungen Mann, der irgendwie eine Mischung ist, aus Jesus und Porno King. None|What? Er hält sehr oft seinen Schritt in die Kamera. Und dann wird sehr viel philosophiert, es wird sehr viel Rimbaud gelesen und alle haben Sex miteinander. Und dann verschwindet er wieder und dann werden sie alle anders. Und das ist relativ, das habe ich jetzt sehr linear erzählt, aber der Film erzählt das nicht so linear, sondern es passieren merkwürdige Dinge. Aber also es ist schon, man kann die Handlung linear zusammenfassen, genau wie bei Marienbad, wo man sagen kann, es ist ein Mann und eine Frau, die sich unterhalten, ob sie sich denn letztes Jahr gesehen haben oder nicht. Aber es passiert so viel Merkwürdiges drumherum und er ist so komisch inszeniert, dass er immer so was Abgehobenes hat. Und man weiß nicht so genau, ob der Film jetzt Porno sein will oder Gottesdienst. Das hat offensichtlich auch die Kirche gecheckt, die unfassbar gegen diesen Film gerantet haben. Der hat ganz schön böse Hass abgekriegt von rechts, von Konservativen und von der Kirche. Und ein sehr abstrakter Film, sehr philosophischer Film, wahrscheinlich der, ich würde behaupten, das ist der philosophischste, akademischste Film, den ich kenne. Wow, okay. Auf jeden Fall unsehenswert. Einer der größten Filme, die ich je gesehen habe. Ich habe keine Ahnung, was da passiert. Großartig.
Johannes Franke: Es gibt so viele Filme, bei denen ich genau weiß, ich werde nicht wissen, worum es geht, die auf meiner Liste sind. Also es gibt von diesem Finnen, wie heißt der? Ja, der finnische Surrealismus.
Florian Bayer: Das jüngste Gewitter und die Taube,
Johannes Franke: die den Mund auf den Kopf kackt. Ich glaube, den müssen wir zusammen gucken.
Florian Bayer: Den müssen wir gucken. Lass uns den gucken.
Johannes Franke: Ja. Den finde ich super. Dann machen wir den irgendwie über nächstes Mal oder sowas. Ich finde den, den wollte ich unbedingt
Florian Bayer: immer mal gucken. Sehr gerne. Ich habe von dem zwei gesehen und ich kriege aber die Namen nicht zusammen. Eins ist das jüngste Gewitter, glaube ich. Und die waren beide so sehr ähnlich, so episodisch, so ein bisschen wie Bonoel und ja, vor allem wie Bonoel ein bisschen.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ja,
Johannes Franke: das Problem ist halt, entweder ich finde die Filme, ich weiß schon, dass die Filme irgendwie verständlich und für mich zugänglich sind, dann gucke ich sie oder ich schiebe sie wahnsinnig lange vor mir her, weil ich genau weiß, okay, die sind irgendwie interessant, aber ich werde sie nicht verstehen und vielleicht werde ich auch keine gute Zeit haben. Vielleicht mache ich das nächste Woche. Nächste Woche, nächste Woche. Das ist so ein bisschen, deswegen habe ich nicht so viele gefunden, die mir irgendwie, die ich jetzt in die Liste packen könnte. Mein Platz zwei ist in dem Fall dann etwas, was du mir gezeigt hast, nämlich Serkalo. Aha, ja, ja. Serkalo ist auch einer, den man, also der Spiegel von Tarkowski. Tarkowski ist wahrscheinlich einer, der auch mit jedem Film, den er gemacht hat, in diese Liste könnte. Ja, auf jeden Fall.
Florian Bayer: Und der Spiegel ist tatsächlich sein abstraktester und nicht sein schwierigster Film, aber sein surrealster, fragmentiertester Film. Ja.
Johannes Franke: Aber das hat schon noch irgendwie viele Dinge, wo man andocken kann. Wir haben ja besprochen, ihr könnt euch das anhören. Es ist sehr interessant. Ich bin auch so ein bisschen, das ist einer der Filme, der mir in der Besprechung ans Herz gewachsen ist erst. Beim Gucken selbst ist es so ein bisschen schwierig und es sind tolle Bilder und so und man hat irgendwie immer, man kommt auch von einem Gefühl ins nächste, dass man irgendwie gut findet, aber es ist schwer, den dann wirklich gut zu finden, zu sagen, ja, das ist ein super guter Film. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und gerne wieder wie Thor Ragnarok als nächstes. Keine Ahnung, so ein Film ist das nicht. Deswegen ist, ja, also nichts verstanden, aber irgendwie sehenswert. Ja.
Florian Bayer: Platz 1? Mein Platz 1 ist, ich bin wieder bei der Nouvelle Vague, ein Spätwerk von einem Nouvelle Vague-Regisseur, von einem meiner liebsten Nouvelle Vague-Regisseur sogar. Louis Mal hat 1975 einen Film gemacht, der hieß Black Moon. Gehört er zu seinen weniger bekannten Filmen. Ja. Sagt ihr, den Titel habe ich schon mal gehört. Ich glaube, ich habe von dem Film mal erzählt. Bestimmt. Ich habe irgendwann eine Beschreibung von dem Film gelesen, dachte ich, ich muss den gucken und es war wirklich so eine Odyssee, das ist sehr lange her, damals gab es das noch nicht so wirklich mit Online-Filmen runterladen und so einfach. Es war eine Odyssee, den Film zu finden und da war ich sehr glücklich und sehr verwirrt, nachdem ich ihn dann gesehen habe. Es geht um eine Welt, in der einen Krieg zwischen Männern und Frauen stattfindet. Oh. Und es wird sehr viel geballert auf der Straße und durch dieses Gemetzel wandelt eine junge Frau etwas hilflos und flieht da irgendwie vor den Attacken der Männer und landet dann in einem alten Haus, in dem ein Einhorn lebt und eine alte Frau und es gibt wieder sehr viel Muttermilch. Was? Flo,
Johannes Franke: hast du noch ein Problem, über das wir reden sollten? Vielleicht. Wie ist deine Verbindung zu deiner Mutter? Erzähl mal.
Florian Bayer: Während ich diese Liste durchgehe, denke ich mir vielleicht. Ich wurde nicht gestillt als Kind. Oh. Hat wohl nicht so gut geklappt und deswegen habe ich Flasche gekriegt von Geburt an praktisch.
Johannes Franke: Boah, ich möchte es nicht sagen,
Florian Bayer: aber das erklärt einiges. Ja, denke ich auch. Black Moon ist ein wirklich interessanter Film, der, ja, Alice im Wunderland Momente hat, aber vor allem einfach, es ist nicht so ganz klar, worauf er hinaus will und dadurch ist er total überraschend und es passiert auch gar nicht so viel, weil sie sind eigentlich nur in diesem Haus dann und, aber ja, es ist faszinierend. Auf jeden Fall
Johannes Franke: Sehempfehlung. Okay. Mein Platz 1 kennst du auch und auch den hast du mir gezeigt und auch den haben wir besprochen. Möchtest du raten?
Florian Bayer: Was habe ich dir denn noch gezeigt, worauf du gar nicht klargekommen bist?
Johannes Franke: Wo ich auch in der Rezeption, im Gespräch dann mit dir irgendwie dazu gekommen bin. Persona? Nein.
Florian Bayer: Weil Persona war ja nicht so, also Persona hat diesen Experimentalfilm anfangen, aber ansonsten geht es ja, was hatten wir denn noch, was so surreal war. Achso, Jodorowsky, nee, oder?
Johannes Franke: Der war furchtbar. Den packe ich nicht in die Liste, den habe ich nicht verstanden, aber zu Recht nicht.
Florian Bayer: Moment, also Jodorowsky nicht, Housou auch nicht, weil der war ja irgendwie halt eine Geistergeschichte. Ich lasse dich mal raten, wir können es jetzt so nur draus machen. Rambo? Was? Ja, Rambo habe ich nicht verstanden. Stalker auch nicht, der kam von Markus und du hast nicht zweimal Tarkowski in deiner Liste. Dann bin ich überfragt. 2046? Nein.
Johannes Franke: Der war ja eigentlich auch gleich klar. Der war gerade wenig genug. Inland Empire? Nee. Um Gottes Willen, der kommt nicht in die Liste, der ist schrecklich gewesen.
Florian Bayer: Du wirst einen guten Film der Liste haben. Das ist der schlimmste Film überhaupt. Was hatten wir da noch? Also ich meine, ein Thinking of Ending Things, ja, aber den hast du dann noch verstanden, weil du dich mit dem Buch beschäftigt hast und gesagt hast, ah, da gibt es doch die Lösung, da ist sie. Ja, aber das heißt das doch lange nicht,
Johannes Franke: dass man den wirklich verstanden hat. Der Film, ich habe dann irgendwas gefunden für mich, wie du jetzt für diesen Film was gefunden hast, aber das heißt ja nicht, dass man den Film wirklich verstanden hat. Das ist ja nur die Rettung meines Hirns in diese Möglichkeit, damit es nicht die ganze Zeit denkt, um Gottes Willen, ich habe etwas nicht verstanden, ich muss mich in die nächste Schlucht runterstürzen. Gott sei Dank, es gibt eine Interpretation und eine Schlüssige. Die kann ich nehmen, mit der kann ich leben. Genau. Und was aber überhaupt noch nichts heißt und vor allem während des Guckens man die ganze Zeit denkt, was, what the fuck passiert da? Wie sieht diese Frau nun eigentlich aus? Ist sie jetzt die Frau oder die Frau? Hat sie, wie alt sind die Eltern? Was machen die Eltern und was macht er da? Und ist die Situation nicht schon mal passiert, aber sah ein bisschen anders aus?
Florian Bayer: Das ist ein toller Platz eins. Man könnte nämlich ganz viele Brücken schlagen von letztes Jahr in Marienbad zu diesem Film, weil es da auch um diesen Widerstreit zwischen einem Mann und einer Frau gibt und um die Frage, wie ist seine Wahrnehmung, wie ist ihre Wahrnehmung? Wie liegen die im Widerstreit miteinander? Durchaus ähnliche Motive.
Johannes Franke: Ja und ich glaube das erste Mal, dass letztes Jahr in Marienbad aufgetaucht ist bei der Besprechung dieses Films war. Wir haben I'm Thinking of Ending Things besprochen und da hast du den einmal erwähnt. Das ist gut möglich. Und seitdem schwukte diese halt in meinem Kopf herum. Stimmt. Und da habe ich gesagt,
Florian Bayer: dass das ein Film ist, auf den ich nicht klarkomme. Genau. Ja, ich erinnere mich.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Da war ich noch bei Blick Nummer zwei. Jetzt bin ich bei Blick Nummer drei. Ich bin ein anderer Mensch. Ich bin mal gespannt,
Johannes Franke: wie dein Blick Nummer vier aussieht. Du kommst, eines Tages würdest du herkommen und sagen, ein letzter Scheiß ist dieser Film, ein Scheißdreck, nur Gewichse. Das war unsere Top
Florian Bayer: drei.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Springen wir zurück zu ihm. Ein letzter Scheiß, ein Scheißdreck, ein Gewichse. nicht aus diesem Grund, aber aus anderem Grund vermeintlich wurde der Film ja von, hatte der Film es ja gar nicht so leicht. Ja, vor allem nicht beim Publikum, die echt geboot haben und rausgegangen sind. Ja, und schon im Vorhinein, also es gab offensichtlich, es gab Testvorführungen quasi, die überhaupt nicht gut gegangen sind. Und dann haben René und Rob Greer diese Privatvorführungen gemacht und dann haben sie ein erlesenes Publikum eingeladen. Und dann haben sie nämlich einfach Samuel Beckett und Jean-Paul Sartre und Marguerite Durada und haben sie einfach ihre Peergroup eingeladen. Und hey, wir finden doch alle geil. Und haben damit Druck ausgeübt, damit der Film veröffentlicht wird. Ja. Und dann gab es aber das Ding, dass Alain René zu den prominentesten Gegnern des Algerienkriegs gehört hat. Ja. Und dann haben die von Cannes gesagt, deinen Film wollen wir nicht. Ja. Es ist nicht 100% klar, ob es daran lag, aber sehr wahrscheinlich lag es daran. Aber sehr wahrscheinlich.
Johannes Franke: Ja. Und das ist aber auch echt kein geiler Move. Vor allem, der hat ja danach ganz viele Preise noch in Nizza und so weiter bekommen. In Venedig. Ah ja.
Florian Bayer: Aber kennst du die Backstory von Venedig? Die ist nämlich genauso politisch aufgeladen. Oh, okay. Ein Jahr davor wurde ein italienischer Film über den Algerienkrieg gedreht. Und der wurde in Cannes auch nicht zugelassen. Wahrscheinlich auch aus politischem Druck. Oh. Und dann haben die in Venedig gesagt, ey, dann krallen wir uns jetzt diesen Film. Das ist unsere Art, uns am Filmfestspiel von Cannes zu rächen. Und wir geben diesem Film einfach den Goldenen Löwen.
Johannes Franke: Uh-huh.
Florian Bayer: Und dann haben wir es den Franzosen so richtig gezeigt. Seht ihr? Das gibt es ja nicht. Okay. Aber dann hat er ja seine Anerkennung auch in Frankreich gekriegt. Er wurde zum besten französischen Film des Vorjahres gewählt 1962.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und er wurde sogar für die 34. Academy Awards wurde er von dem französischen Komitee als Vorschlag eingereicht für den besten fremdsprachigen Film. Wurde zwar nicht gewählt. Aber immerhin. Das ist schon eine Auszeichnung. Aber Rob Crier war nominiert für das beste Originaldrehbuch im Folgejahr. Geil. Also, ja. Und gut, was danach kommt dazu, muss man, glaube ich, gar nicht viel sagen. Der Film ist filmhistorisch so kanonisiert, wie ein Film nur kanonisiert sein kann. Ja. Wenn du dir anguckst, wenn du nach dem Film suchst, findest du, dass der bei sehr vielen Erstsemester, Seminaren, Filmwissenschaft auf der Filmliste steht. Ja.
Johannes Franke: Also es gibt, ich habe ein Interview mit einer Professorin gelesen. Mhm. Die sagte, sie ist davon abgegangen, das im ersten Semester zu zeigen.
Florian Bayer: Zu viel?
Johannes Franke: Ja, genau. Sie meinte, vielleicht erst mal mit Breathless anfangen und dann so langsam. Weil die sitzen halt wirklich auch, auch im zweiten oder dritten Semester sitzen sie noch davor und denken, what the fuck did I just see? Aber dann kann man wenigstens schon, man hat so ein bisschen Gefühl dafür, was kann ein Film noch, außer Thor Ragnarok? Ja, also.
Florian Bayer: Und Alain René hat nach Hiroshima Bonamour und der quasi, seine Durchbruchsfilme waren ja eine beachtliche Filmkarriere hingelegt. Der hat fast 50 Filme gedreht und ich glaube sogar über 50 Filme insgesamt in der Zeit, in der er gedreht hat. Ist 2014, ist er gestorben. Und er hat bis zum Schluss Filme gedreht. Ja, ich glaube wir...
Johannes Franke: Super, toll.
Florian Bayer: Und große Anerkennung gekriegt, gilt als einer der wichtigsten französischen Regisseure, wird meistens mittlerweile in einem Atemzug genannt mit Truffaut und Godard als so einer der wesentlichen Avantgardisten des französischen Kinos des 20. Jahrhunderts.
Johannes Franke: Volker Schlöndorf war da auch bei den Regieassistenten.
Florian Bayer: Der war da involviert und die haben ja auch, wir haben auch eine Episode über den neuen deutschen Filmen, da haben wir ja schon drüber geredet, dass die sehr stark inspiriert waren von den Filmen der Nouvelle Vague. Ob sie da rangekommen sind, werden wir jetzt nicht
Johannes Franke: abschließend beurteilen.
Florian Bayer: Ja, reden wir über die Qualitäten ganz kurz vielleicht so eingeordnet, so auf so einer, sagen wir mal eine Top-Tierlist der großen Klassiker, von denen, die wir jetzt gerade geguckt haben. So, sagen wir mal außer Atem. Lieber außer Atem oder lieber letztes Jahr im Marienbad? Letztes Jahr im Marienbad. Definitiv. Lieber Persona
Johannes Franke: oder lieber letztes Jahr im Marienbad? Immer noch Marienbad. Aber Persona ist schon über Breathless. Und lieber Serkalo oder Stalka oder letztes Jahr im Marienbad? Stalka nicht unbedingt, aber Serkalo schon eher.
Florian Bayer: Okay.
Johannes Franke: Also, die beiden geben sich so ein bisschen die Klinke in die Hand, würde ich sagen. Und lieber The Room oder letztes Jahr im Marienbad? Natürlich The Room. Also, was glaubst du denn? You're tearing me apart, Lisa. Ja. Okay, damit wäre das geklärt.
Florian Bayer: Wunderbar. Schön. Wir haben alles, würde ich fast behaupten.
Johannes Franke: Ich würde auch sagen, wir haben alles geklärt an dem Film. Es bleiben keine Fragen offen. Ja, ihr wisst jetzt, wie ihr ihn zu interpretieren habt. Ja, damit könnt ihr aus dem ersten Semester jetzt zur Professorin oder zum Professor gehen und sagen, wir wissen jetzt, worum es geht und wir haben es alles entschlüsselt. Und der Grabstein von unserem Regisseur muss geändert werden. Ja. In We did it, motherfucker.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, wie ich mich für dieses hochkünstlerische Highlight bei Johannes nächste Woche revanchieren werde, bleib dran. Bedanken wirst, ja. Ja, bedanken. Ich muss noch mal in mich gehen und überlegen, was diesem Film würdig ist, aber ich werde bestimmt was finden.
Johannes Franke: Ja, weil ich muss sagen, unsere Liste, die wir insgeheim im Kopf führen, führe ich gerade, weil ich es, also ich habe mindestens 100.000 Punkte für bedient dafür, dass ich dir einen Film, den du verdammt hast, wieder resurrected habe. Auf jeden Fall, ja. Also, da gebührt mir viel Ehre für, würde ich sagen. Du wirst ewig Teil der Redemption-Arc dieses Filmes für mich sein. Sehr gut, danke. Und danke für diese Empfehlung an unsere ZuhörerInnen. Ja, vielen Dank. Wir werden noch viele andere Filme von anderen ZuhörerInnen hoffentlich bekommen. Das ist jetzt ganz ohne Druck oder so, aber er schreibt uns. Schreibt uns Filmideen.
Florian Bayer: Bitte.
Johannes Franke: Flo hat nämlich keine Ideen mehr. Wir sehen uns nächste Woche. Wir hören uns nächste Woche. Sehr schön. Bis dann. Ciao. Ciao.
Florian Bayer: Johannes? Ja. Ich werde dir eine E-Mail schreiben mit dem Film. Okay, schreib mir eine E-Mail. Und du musst jetzt einmal dir kurz die Ohren zuhalten, weil ich will dich überraschen mit diesem Film. Dass du so wenig wie möglich drüber weißt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Halt dir mal kurz bitte die Ohren zu. Okay. Kann ich die Lippen lesen?
Johannes Franke: Also, ich werde Johannes Manos die Hands of Fate geben. Eine Ahnung, was das ist. Er weiß nicht, dass das einer der schlechtesten Filme aller Zeiten ist. Und ich will ihm den Film so geben, dass er wirklich denkt, es wäre von mir wieder ein avogatistischer Film oder so. Ich weiß nicht, was gerade passiert. Kannst du dir die Ohren aufmachen? Flor, kannst du? Gib mir ein Zeichen. Gib mir irgendein Zeichen, wenn ich ihn wieder aufmachen kann. Ah, okay. Okay, okay. Wir hören uns nächstes Mal. Psst. Okay. Du weißt schon, dass ich das dann schneiden werde und dass ich das so oder so hören werde. Wir nehmen das früh genug auf. Okay. Gut, bis dann. Ciao. None|Ciao.
