Episode 91: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach
So. Jetzt hast du es geschafft Plor, ich bin auch beim Surrealismus gelandet. Falls man den Film dort einsortieren kann.
“Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach” erzählt in 39 Szenen kleine Ausschnitte aus dem Leben, die sehr kondensiert und überspitzt daher kommen, ihren Bezug zur Realität aber nie gänzlich verlieren. Es geht ihm darum, wie wir unser Leben leben, sagt Roy Anderson und meint damit offenbar die Ambiguität alltäglicher banaler Situationen, die eben manchmal zwischen Absurdität, Fröhlichkeit, Traurigkeit und hin und wieder auch Grausamkeit gleichzeitig stattfinden.
So weiß man auch nicht immer eindeutig, ob man lachen, weinen oder manchmal kotzen will, wenn man die Bilder Roy Andersons sieht. Klingt als würde ich eine Kunstausstellung beschreiben, aber das ist es auch. Alle 39 Bilder könnten als Standbild an die Wand gehängt werden und es wäre eine gelungene Ausstellung.
Ach, wenn wir grad dabei sind, welches der Bilder dieser Ausstellung würdest du dir kaufen, wenn du könntest, Plor? Du müsstest es dir ja nicht hinhängen, denn wer hat schon gern deprimierte Scherzartikelverkäufer an der Wand hängen…?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 91: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach Publishing Date: 2022-09-28T14:14:17+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/09/28/episode-91-eine-taube-sitzt-auf-einem-zweig-und-denkt-ueber-das-leben-nach/
Johannes Franke: Fast jedes Frame hat eine Pointe.
Florian Bayer: Das sind triste wie ein Jetten, das sind Witze, deren Pointe aber immer total deprimierend ist.
Johannes Franke: Ja, absolut. Wie kommst du damit klar, den Film über, Plur?
Florian Bayer: Auf geht's! Und herzlich willkommen zum Muss-Man-Sehen-Podcast mit dem bezaubernden Johannes Frank.
Johannes Franke: Oh, das hast du lange nicht gesagt. Der bezaubernden... Oh, Plur. Und ich hab immer noch kein ordentliches Wort für dich. Der wunderbare, der sitzende, der Mütze-tragende...
Florian Bayer: Also, wenn du noch kreativer wirst, dann müssen wir das Podcasten aufgeben und wieder ins Filmgeschäft einsteigen.
Johannes Franke: Oh, da machst du Versprechungen, die... Wir haben seit Ewigkeiten keinen Film zusammengedreht, Plur. Das sollten wir mal wieder machen. Okay, herzlich willkommen hier zum Podcast, wo wir keinen Film machen, sondern einen Film besprechen. Und zwar jede Woche einen.
Florian Bayer: Und diese Woche einen Film, den Johannes mir aufgegeben hat. Und der tendenziell aber eher in die Kategorie fällt, gebe ich Johannes auf, ne?
Johannes Franke: Eigentlich ja. Allerdings war ich schon seit Jahren ein bisschen intrigued, diesen Film zu sehen. Und hab ihn noch nicht gesehen. Das heißt, wir haben beide... Oder hattest du ihn schon mal gesehen? Ich hatte ihn nicht gesehen. Ja, wir haben beide also sozusagen keine Vorbildung, was den Film betrifft, sondern sind beide unbefleckt reingegangen? Ich hab die beiden Vorläufer gesehen. Oh, ah fuck. Die hab ich nicht gesehen.
Florian Bayer: Und werf die auch immer durcheinander. Das sind zwei Filme, die man sehr leicht verwechseln kann. Ja, wahrscheinlich mit dem Ritten auch. Und jetzt kann ich ihn mit diesem noch mehr zusammenwerfen. Das ist Roy Anderson, um den Namen mal in den Raum zu werfen. Mit seinem neuesten Film... Ach, Johannes, sag du bitte den Titel.
Johannes Franke: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Auf Englisch? A pigeon sits on a branch contemplating life? Oder existence? Bitte auf Schwedisch.
Florian Bayer: Oh Gott, oh Gott. Hast du den gerade da? Ich ihn nicht. Ich kann's vorlesen, aber ich kann nicht versprechen, dass es nicht rassistisch klingt, was ich gleich sage. Moment, lass mich das mal ganz kurz... Verzeihung an alle schwedischen ZuhörerInnen.
Johannes Franke: Das versucht diese Melodie, Sprachmethodie ein bisschen einzuflechten. Nicht schlecht. Ich finde, Schwedisch ist eine total schöne Sprache. Unglaublich schön. Ich liebe es. Aber du gingst fast ein bisschen ins Finisher mit der Melodie.
Florian Bayer: Ja, möglich. Ein schwedischer Film und ein, naja, das ist nicht zu viel gesagt, ein experimenteller Film.
Johannes Franke: Ja, obwohl er schon gar keine Experimente mehr macht, weil er macht das ja schon sein Leben lang so.
Florian Bayer: Im Grunde weiß er ja genau, was er da tut. Darauf müssen wir auf jeden Fall zu sprechen kommen, was denn Roy Anderson, den ich tatsächlich... Ich hab die beiden Filme gesehen, so verteilt und auch den zweiten definitiv mit weniger Aufmerksamkeit, weil ich so das Konzept dachte, ah, jetzt kommt wieder sowas. Und ich dachte, das ist ein 25-jähriger Nachwuchsregisseur. Was, wirklich? Ja, der halt mal so, der so seine ersten, also nicht seine, der auf einem hohen Niveau experimentelle Filme raushaut und das neu macht und war dann doch sehr überrascht, dass ich, als ich dann gelesen habe, dass dieser Mensch seit 200 Jahren Regie führt. Mindestens. Mit einer großen Pause und sehr vielen Werbefilmen. Ich hab übrigens auch ein paar Werbefilme von ihm gesehen.
Johannes Franke: Ah, sehr schön. Ich hab ein bisschen reingeschaut, aber nicht ausführlich.
Florian Bayer: Aber der ist schon wirklich lange unterwegs und hatte in Schweden auch einen großen Hit vor sehr langer Zeit.
Johannes Franke: Eher seinen ersten Film, oder?
Florian Bayer: Sein erster Film, der offensichtlich auch eher ein konventioneller Liebesfilm war. Ja, genau. Und hatte dann so ein bisschen herum experimentiert, hatte Misserfolge und hat dann gesagt, ach, leck mich doch und hat sehr lange vor allem Werbung und Kurzfilme gedreht, um sich dann im Jahr 2000 eben zurückzumelden mit Songs from the Second Floor und sieben Jahre später zu folgen mit Das jüngste Gewitter. Und jetzt, nochmal sieben Jahre später zu folgen, mit eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Und er hat sich offensichtlich viel Zeit genommen für die Veröffentlichung seiner Filme.
Johannes Franke: Wenn Floor jetzt sagt, dann meint er nicht wirklich jetzt, weil wir sind im Jahr 2022, nur um das richtig zu stellen.
Florian Bayer: Und es gibt auch einen Nachfolger.
Johannes Franke: Es gibt noch einen Nachfolger. Es gibt den Film. Ist das der vierte der Trilogie?
Florian Bayer: Ich hab ihn nicht gesehen, deswegen kann ich nicht viel dazu sagen. Also die drei fasst er ja tatsächlich als Trilogie zusammen. Es gibt den nächsten Film über die Unendlichkeit und die Beschreibung ist auf Wikipedia. Ich lese vor, die Geschichten im Film sind lose von den Märschen aus Tausend und einer Nacht inspiriert.
Johannes Franke: Oh, okay. Weil er hat ja rumgewitzelt, nachdem er den dritten rausgebracht hat, dass er einen vierten der Trilogie rausbringen würde. Und das fand ich schon sehr lustig. Aber das hat er ja dann anscheinend nicht gemacht. Wenn das so im Tausend und einer Nacht ist, dann wirklich ein ganz anderer Richtung.
Florian Bayer: Ja, wobei, kommt drauf an, wie er es inszeniert hat. Also ich glaube, man kann sehr viele Geschichten so inszenieren und dann fällt alles so ein bisschen in eine ähnliche Ecke. Aber du hast bestimmt auch einen kleinen Text vorbereitet. Ach, fuck, wir haben schon die ganze Zeit geredet und ich habe noch nicht mal meinen Text vorgelesen. Also, kurze Einführung von Johannes und dann legen wir los mit dem Film. Okay.
Johannes Franke: So, jetzt hast du es geschafft, Plur. Ich bin auch beim Surrealismus gelandet. Falls man den Film dort einsortieren kann, reden wir noch. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, erzählt in 39 Szenen kleine Ausschnitte aus dem Leben, die sehr kondensiert und überspitzt daherkommen, ihren Bezug zur Realität aber nie gänzlich verlieren. Es geht ihm darum, wie wir unser Leben leben, orakelte Roy Anderson und meinte damit offenbar die Ambiguität alltäglicher banaler Situationen, die eben manchmal zwischen Absurdität, Fröhlichkeit, Traurigkeit und manchmal Grausamkeit gleichzeitig stattfinden. So weiß man auch nicht immer eindeutig, ob man lachen, weinen oder manchmal kotzen will, wenn man die Bilder Roy Andersons sieht. Klingt, als würde ich eine Kunstausstellung beschreiben und die ist es auch. Alle 39 Bilder könnten als Standbilder an die Wand gehängt werden und es wäre eine gelungene Ausstellung. Ach, wenn wir gerade dabei sind. Welches der Bilder, diese Ausstellung, würdest du dir kaufen, wenn du könntest, Plur? Bedenke, dass du eigentlich ja nicht wirklich was hinhängen musst, vor allem nicht irgendwie ins Wohnzimmer, wo es fröhlich sein muss, sondern vielleicht ins Badezimmer, wo man traurig vor sich hinweint. Ja, was fröhlich ist, ist ja eher nicht dabei, ne?
Florian Bayer: Eher nicht. Also, was sind schöne Bilder? Wenn es darum geht, sie aufzuhängen, dann geht es natürlich vor allem um die Schönheit der Szenerie. Ich fand die Bilder von dem Kapitän, der vor dem Restaurant steht und verzweifelt versucht, irgendwie sozialen Kontakt zu knüpfen, in dem er ja ins Nichts telefoniert und immer mal wieder sagt, wir haben uns verpasst, aber vielleicht kommen sie ja noch, ich werde wieder da sein. Und dann irgendwann abtritt, das waren sehr schöne Bilder, vor allem auch mit diesem Hintergrund, und Leute, die in dem Restaurant sitzen und lachen und Spaß haben und teilweise grotesk verzerrt lachen, während er da ganz einsam steht.
Johannes Franke: Ich finde es total spannend, weil ich genau das Gleiche gesagt hätte. Ich hätte auch dieses Bild gerne gehabt. Alles andere ist zwar auch schön und wirklich cool, aber das hat noch mehr, also ich glaube, das geht noch mehr in die Richtung meines filmischen Verständnisses, was Lichtsetzung und so weiter betrifft, dass man so ein kleines bisschen ein wärmeres hinten hat und ein kälteres vorne. Also das Restaurant ist ein bisschen wärmer und vorne ist ein bisschen kälter. Und dieser Kontrast gefällt mir in dem Fall, jetzt nur bildnerisch gesprochen.
Florian Bayer: Wobei warm ist ja so generell für den Film ein schwieriges Wort, weil der Film ist sehr trist von den Bildern. Absolut. Alles ist grau, die Akteure sind teilweise sehr krass, plass geschminkt. Das sind richtig Clowns. Wie Geister auch ein bisschen. Ja, ich hätte die ganze Zeit gedacht, wir sind in einem Zombiefilm gelandet. Und es wirkt auch alles, als ob so eine Staubschicht drüber gezogen wäre. Als ob irgendjemand vorher einmal nochmal so eine Maschine angeworfen hätte, die alles in tiefen Staub taucht. Und dann hält die Kamera in jeder einzelne von diesen Vignetten die gesamte Totale und zeigt einfach, was passiert, ohne dass es Bewegung gibt von der Kamera. Und es gibt keine Unschärfen. Der Raum ist, alles ist scharf.
Johannes Franke: Es ist so krass, Plur. Lass uns mal gleich beim Thema Kamera bleiben, wenn wir das schon sind. Digital war ja auch damals, als er die Firma gegründet hat 2000, noch nicht so weit, dass man das hätte nutzen können. Dann hat er immer physisch auf Film gedreht. Und musste vom Kameramann für diesen Film erst überredet werden, das auch digital zu drehen. Und ich glaube, er hat ihn damit bekommen, dass er gesagt hat, wir können dann das mit der Schärfe noch weiter ausdehnen. Wir können dann noch mehr schaffen. Wir können mehr Raum schaffen.
Florian Bayer: Dass wirklich ganz bis ganz nach hinten alles scharf ist. Istvan Borbas und Gergeli Palos, um zumindest einmal die Namen der Kameramänner falsch auszusprechen.
Johannes Franke: Ja, also das ist wirklich bemerkenswert, wie er das gemacht hat. Das ist wirklich, der muss sehr viel Licht gehabt haben, damit das wirklich bis ganz nach hinten scharf alles ist. Und er schafft damit eine seltsame, surreale Welt, weil wir als Zuschauer, mit unserem Auge ja eigentlich immer selektiv wahrnehmen. Und deswegen das Kino ja auch überhaupt sich auf diese Schärfe, Unschärfe so sehr eingelassen hat. Dass wir immer Unschärfen haben mit Dingen, die zwar irgendwie en passant passieren, die aber nicht wichtig sind. Und Anderson ist halt alles wichtig. Der macht ein großes Bild auf, das steht und steht und steht. Und man soll wie in einem Wimmelbild, obwohl es jetzt nicht wahnsinnig viele Elemente sind, aber er meint, man soll als Zuschauer selbst entscheiden, was man sich anschaut. Und man soll selbst finden. Er findet, wenn man ein Close-Up einbaut, dann gibt man dem Zuschauer zu viel vor, wie er das Ding anschauen soll.
Florian Bayer: Aber wie schon gesagt, er macht das zum Beispiel nicht wie andere Experimentarische, über den wir auch schon geredet haben. Wir haben unseren liebten Franzosen, Tati. Ach, Tati. Wir hatten über herrliche Zeiten gesprochen, genau. Der das Konzept ja wirklich so umsetzt, dass er einen riesigen Raum zeigt und es passiert sehr viel und alles gleichzeitig. Ja. Während Anderson deutlich strukturierter vorgeht. Also es gibt keinen von der Kamera gesetzten Fokus, aber es gibt klare Personenanordnung. Ja. Man hat auch das Gefühl, es ist wirklich viel Zeit darin geflossen, die Menschen aufzustellen und zu arrangieren. Du hast den Gemäldevergleich gebracht, den werden wir noch öfter bringen. Es sind wirklich Arrangements und es sind auch oft Szenen, in denen sich die Menschen dann relativ wenig bewegen von ihren Plätzen, die ihnen zugewiesen wurden. Und dann haben wir halt mal eine Person, mal zwei Personen. Wir haben auch mal eine Szene mit fünf Personen, wo dann auch wirklich viele Personen nochmal reinkommen. Also vor allem die große Kneipenszene, die also sehr zentral steht und eigentlich auch mit die längste Vignette ist. Ja, die ja auch wiederkehrt. Genau, die ja auch nochmal erzählt wird. Und dann agieren die Menschen eben in diesem Diorama. Ich hatte auch ganz oft so ein Diorama-Gefühl.
Johannes Franke: Ja, stimmt, ja.
Florian Bayer: Und das hat auch dazu geführt, dass es so eine grundsätzliche Distanz gibt, die man hat zu dem gesamten Geschehen. Man hat das Gefühl, da wirken, das sind Puppen, Figuren, die im Raum aufgestellt sind und die ein bisschen verloren sind auch im Raum. Also Einsamkeit ist ein riesiges Ding in diesem Film, nicht nur auf der Bildebene, sondern auch thematisch. Und dann spürt man so richtig die Verlorenheit dieser Personen. Und man selbst blickt aber auch immer mit so einem Gottblick drauf. Man ist schon außerhalb von dieser Szene und man kommt sich teilweise fast schon vor wie so ein Wissenschaftler, wie so ein sadistischer Wissenschaftler, der als Komplize von Andersson halt dabei zusieht, wie diese sozialen Strukturen jetzt mal so richtig krass observiert werden.
Johannes Franke: Und dann hat er sich natürlich auch Situationen ausgesucht, die teilweise schwer zu ertragen sind, die wirklich hart sind. Richtig heftige Situationen, ja. Und er hat irgendwie es geschafft, allen Schauspielern, allen Akteuren immer wieder die Slow-Mo-Charakteristik aufzustülpen. Ihn wirklich immer wieder einzuschaffen. Bewegt euch schön langsam. Ihr habt alle Zeit der Welt. Auch wenn ihr was sagt, ihr könnt das alles auf Strecke verteilen. Er scheint ja sehr perfektionistisch zu sein. Er hat ja 80 Takes teilweise. Ja. Und meinte, von den 80 Takes sind 10 gute dabei und von den 10 guten sind 3 sehr gute dabei. Ja. Und das ist schon eine krasse Aussage. Ja. Und ich weiß nicht genau, inwiefern sich das auf die Schauspieler bezieht. Er sagt auch einmal, dass es sehr schwer ist, gute Schauspieler zu finden, weil sie Jahrzehnte gebraucht hat, um die richtigen Schauspieler zu finden.
Florian Bayer: Mit denen er jetzt offensichtlich sehr gerne auch öfter zusammenarbeitet.
Johannes Franke: Und deswegen, ja, kann sein, dass das auch den Schauspielern übergeholfen wird. Dass es nicht nur die Sets sind, die ja sehr minutiös geplant sind und die alle im Studio entstanden sind. Ja. Also fast alle, wenn du dir das Ding anguckst.
Florian Bayer: Es ist krass, diese, diese, diese, und er versteckt es auch nicht, ne? Gerade diese Straßenziehen versprühen diesen, ja, traditionellen Studio-Look, so wie man es halt kennt von Filmen, die fast 100 Jahre alt sind, wo man das, wo die Regisseure das nicht verbergen konnten. Er hebt das wieder hervor. Er zeigt, er spielt damit ganz bewusst. Also wir wissen, dass das ein Studio ist. Das versucht gar nicht, was anderes zu sein als eine Kulisse.
Johannes Franke: Ja. Und das ist auch toll, weil er damit das, also gerade mit dem Licht sehr stark arbeitet. Das ist auch seine große Begründung. Er will gerne die Kontrolle übers Licht haben. Die zweite Begründung ist natürlich auch Kontrolle über das Set, was genau ist drin im Bild und was nicht. Und man sieht das ja. Er hat ja auch klare Vorbilder, ne? Ja. Wenn man sich Hopper anschaut und so, also man muss ja nur, er sagt das ja auch ganz, ganz viel. Er sagt das ja ganz viel. Er hat, wenn er gefragt wird nach Vorbildern, keinen einzigen Filmemacher dabei. Also er erzählt immer nur von Darstellern, von bildenden Künstlern. Ja. Und von Romanen.
Florian Bayer: Gerade in diesem Film ja vor allem Der Jäger im Schnee von Peter Prügel. Auf das er sich immer bezogen hat, irgendwie so in Gesprächen gesagt hat. Der Titel bezieht sich darauf. Die Bildsprache bezieht sich darauf. Und ja, es ist ganz stark bildende Kunst in Filmform gepresst. Was auch krass ist. Du sagst, der Perfektionismus, wenn er die SchauspielerInnen anordnet und von ihnen bestimmte Bewegungsabläufe verlangt, die genau sitzen müssen. Es ist krass, weil die einzelnen Figuren ja scheinbar keine große Rolle spielen. Wir haben zwar zwei Protagonisten, Anführungszeichen Protagonisten, aber ansonsten sind ja alle Nebenfiguren. Und zwar wirklich radikal, dass sie überhaupt keine Rolle spielen für irgendeine Handlung. Es gibt auch einfach keine Handlung. Es gibt einfach diese Vignetten, die ganz streng aufeinander folgen. Und man hat das Gefühl, die Figuren sind so ein bisschen egal. Also es gibt schon eine Handlung.
Johannes Franke: Es gibt eine Handlung, die sich zusammenfassen ließe mit zwei Vertreter für Scherzartikel versuchen, ihr Geld einzutreiben.
Florian Bayer: Ja, und das genau, das liest man auf den DVD-Hüllen, das liest man in den Programmzeitschriften, das liest man auf Wikipedia. Und dann sieht man diesen Film und denkt, ja, wenn man das im Hinterkopf hat, dann sieht man eine Handlung. Und soweit ich mich erinnern kann, bei Das jüngste Gewitter und Songs from the Second Floor stand die Beschreibung anders. Und da sehe ich keine Handlung. Ich müsste diese beiden Filme nochmal gucken und mir vorstellen, zu wem könnte man so eine Handlung schreiben. Weil auch da gibt es, dass Figuren in den Vignetten wiederkehren. Wir haben so ein paar Running Gags und haben wir hier ja auch. Das heißt, es gibt so ein paar Sachen, die ein bisschen Struktur geben. Aber letzten Endes fühlt es sich an wie eine Aneinanderreihung von Vignetten. Und ich glaube, ohne diese Vorgabe, dieser Film handelt von den beiden Handelsvertretern, definitiv die Figuren, die am öftesten vorkommen. Ohne diese Vorgabe würde man da auch vor allem nur Vignetten sehen und hätte weniger Struktur. Weil die beiden haben ja keine wirkliche Handlung. Es gibt ja keine Entwicklung von ihnen. Es gibt ja nur diesen Trott, durch den sie sich bewegen.
Johannes Franke: Es gibt eine kleine Entwicklung hin und wieder zurück zum Streit.
Florian Bayer: Genau. Sie streiten sich, er entschuldigt sich. Der eine sitzt depressiv in seinem Zimmer. Aber man hat das Gefühl, dass es schon tausendmal passiert.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Also es klingt nach sehr viel Handlung gerade. Ich gebe es zu, aber das ist es gar nicht. Überhaupt nicht. Aber immerhin kann man die beiden unterscheiden. Die beiden haben einen Charakter, der klar zu erkennen ist im Laufe des Films. Wir haben einmal Jonathan, der so ein bisschen von Sam als Heulsuse bezeichnet wird. Die sind so dick und doof halt. Ja, vielleicht. Aber ich würde vor allem sagen, wir haben Jonathan, der wirklich ein großes Problem mit Depressionen hat. Der einfach eine depressive Erkrankung hat. Ja, ja. Und wir haben Sam, dem es nicht so wirklich gelingt, darauf einzugehen. Und dann sind die beiden ausgerechnet Vertreter für Scherzartikel und sagen auch noch, wir wollen Freude in das Leben der Menschen bringen. Mit einem depressiven Tonfall.
Johannes Franke: Es ist unglaublich. Wie kommst du denn damit klar? Diese Art und Weise. Weil das scheint ja ein Staple von Anderson zu sein. Dass der sich, dass der fast schon wie ein Witz die Szenen aufbaut. Ja. Also es ist ja, er hat ja quasi eine Pointe immer. Fast jedes Frame hat eine Pointe. Das sind Triste wie ein Jetten, das sind Witze. Deren Pointe aber immer total deprimierend ist. Ja, absolut. Wie kommst du damit klar, den Film über Plur? Wie ist das, wie hast du damit leben können? Was schon, weiß nicht, es strikt ein bisschen, finde ich. Es ist ein bisschen fies, aber ich kenne das Konzept, ja. Ja.
Florian Bayer: Also wenn man Songs from the Second Floor geguckt hat und das jüngste Gewitter und dann zusätzlich noch nach dem Film noch ein paar Werbeclips aus den 70ern anguckt, dann hat man das Gefühl, dieser Mann macht eigentlich seit 40 Jahren, 50 Jahren den gleichen Film. Ja. Oder besser gesagt die gleichen Filme, die zwei Minuten dauern. Ja, genau. Und irgendwann jetzt in jüngster Zeit ist er mal auf die Idee gekommen, die einfach zusammenzuschneiden und als anderthalb Stunden Blöcke zu veröffentlichen. Ich habe kein Problem mit Traurigkeit in Filmen und ich habe kein Problem mit bitterem Humor und diesem Tragikomischen. Ich fand, es hat einfach ganz oft funktioniert, dieses Wechselbad, dass man sich niedergeschlagen fühlt. Das macht der Film wirklich, das schafft der Film. Aber auch, dass man immer mal wieder schmunzeln muss und dass man auch immer mal wieder auflachen muss. Vor allem, weil es sehr gezielt, sehr pointiert diese wirklich bizarren Momente gibt. Die gibt es nicht oft in dem Film. Es ist nicht so ein krasses, bizarres Kaleidoskop, wie es, keine Ahnung, ein Louis Bonoel machen würde. So ein richtig klassischer Surrealist, das ist es nicht. Sondern es bleibt meistens auf dieser, auch wenn die Art, wie die Menschen agieren, unrealistisch, es bleibt es auf dieser realistischen Ebene. Wir erleben Alltagshandlungen. Und dann gibt es so zwei, drei Störfeuer, wo wirklich, wirklich absurde, bizarre Bilder gezeigt werden, die man auch als Traum oder so interpretieren kann. Oder als Gedanken, als Visualisierung der Gedanken von einem der Protagonisten. Und dann eben diese eine Geschichte mit dem Prinz Karl XII., der in den Krieg reitet. König, oder? Charles, der... Karl XII., genau, der König. Der große schwedische König, der offensichtlich ein sehr bewegtes Leben hatte, von dem ich nichts weiß.
Johannes Franke: Naja, der war dafür bekannt, dass er... Also er ist mit 15 in die Regentschaft gekommen. Das heißt, er war ein sehr, sehr junger König. Und das spiegelt sich ja auch in dem Film wieder. Man sieht ja einen Jungspund, der da kommt und steht und sitzt und Mineralwasser will. Und der war sehr bekannt dafür, dass er sehr, sehr gut strategisch, militärisch strategisch war. Und der hat wahnsinnig viele Kriege gewonnen, obwohl er wahnsinnig unterlegen war. Ja. Bis er dann halt auf diesen einen Krieg mit Russland sich eingelassen hat, wo er geschlagen wurde. Und auf dem Weg dorthin ist er in dem Film.
Florian Bayer: Ja, und dann hat er es auch überreizt. Also er hat ganz viele Kriege geführt, war so, auch sich so in dieser Rolle als Kriegerkönig so... Genau. Hat sich da sehr wohl gefühlt und dann hat er halt gedacht, und noch einen, und noch einen. Ach, und die Russen, die kriegen wir auch noch.
Johannes Franke: Genau. Man wollte auch nach Moskau. Ja.
Florian Bayer: Wie so viele den Fehler gemacht haben. Und das ist ja so, also das ist eine große, absurde, surreale Szene, wenn der da plötzlich reinkommt. Wirklich wie so Zeitreisende, die Soldaten kommen rein und sie sagen auch, wir rekrutieren und hey, wir bräuchten noch jemanden für den König. Und der König macht sich dann übrigens auch in einer der wenigen Szenen, in der es so was wie körperliche Nähe zwischen Figuren gibt. Ja. Macht er sich an den jungen Barmann ran und streichelt seine Hand. So awkward, aber irgendwie süß. Irgendwie auch, ja genau, irgendwie so wie der gesamte Film. Ja. Das ist die eine große, surreale Szene und dann haben wir diese zwei Vignetten, die eine, wo die Frau telefoniert, während der Affe mit Elektroschocks gefoltert wird.
Johannes Franke: Hm. Also da war ich wirklich, da war ich, dann hat er mich echt überfordert im Moment. Ja. Also es ist eine gute Szene und gut montiert. Er wird sehr effizient montiert, weil er mich wirklich hart erwischt hat. Genauso wie die andere Szene, die du wahrscheinlich nennen würdest.
Florian Bayer: Die direkt darauf folgt, wo man sieht, wie Kolonialherren eine riesige Metalltrommel aufgebaut haben mit Trompeten, die rausschauen. Und da werden dann offensichtlich sowas wie afrikanische Ureinwohner reingebracht, so sehr stilisiert, auch so sehr Klischee, Prototypisch, Stereotype Darstellungen von denen. Die werden da reingepackt und man hört auch Kinder heulen und man hört auch, dass sie jammern und weinen und dann wird das Ding zugemacht und dann zünden sie sowas an und die Trommel dreht sich.
Johannes Franke: Es ist so, also natürlich absurd und die Situation ist, soweit ich weiß, ist die angelehnt an tatsächliche Ereignisse. Ich weiß nicht ganz genau, was er genommen hat für sich, aber er scheint viel auch, wenn er solche Sachen macht, anzulehnen an etwas, was tatsächlich passiert ist und das dann irgendwie zu abstrahieren.
Florian Bayer: Und davor der Titel Homo Sapiens. Ja, genau. Es gibt nur sehr wenige Zwischentitel in dem Film und die scheinen auch so ein bisschen random, dass er die Idee hatte, okay, jetzt muss ich mal nochmal einen Zwischentitel bringen, zehn Minuten vorm Schluss.
Johannes Franke: Ja, aber der ist wirklich, der trifft auch halt voll ins Herz dann, weil das ist schon echt hart.
Florian Bayer: Und das sind die drei bizarren Szenen und die beiden, also sowohl der Affe als auch die Trommel, würde ich so komplett auch als Traum oder Gedanken von Jonathan interpretieren, weil kurz darauf ist dann diese Szene, wo Jonathan im Hotelzimmer sitzt und Sam reinkommt. Und Jonathan sagt einfach nur sowas wie, ich habe an was Schreckliches gedacht und ich war auch noch dabei. Da hat man so das Gefühl, man hat kurz in den Kopf von diesem Mann hineingeguckt, der halt wirklich depressiv ist.
Johannes Franke: Und er wird an der Welt verzweifelt, sagen wir es so. Ja.
Florian Bayer: Und ansonsten sind es eben doch Alltagshandlungen, die zwar merkwürdig ausgeführt sind, aber Menschen leben ihren Alltag. Und Anderson selbst hat ja auch gesagt, er verfilmt eigentlich Trivialitäten, er würde seinen Stil als Trivialismus bezeichnen. Und das ist es, was wir sehen. Wir sehen Menschen, die sich unterhalten in sehr langsamem Tempo, aber sie unterhalten sich über Geschäfte. Sie unterhalten sich über Essen und sie sitzen in einer Kneipe und trinken ein und Kinder sitzen auf dem Balkon und machen Seifenblasen. Also wirklich, das sind teilweise Bilder, die gar keine Handlung haben, die wirklich nur einfach Alltagsgeschehen sind.
Johannes Franke: Er ist im besten Sinne Street-Photographer, habe ich das Gefühl, bloß eben geplanter Maßen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also als Straßenfotograf hast du natürlich keinen Einfluss auf das, was passiert, sondern du stellst dich hin und guckst, was kommt. Und dann machst du Fotos davon und im besten Fall hast du einen guten Schnappschuss. Aber er macht das halt alles geplant. Er guckt genau, was er wie setzt. Er setzt sich wahrscheinlich als Recherche einfach in die Stadt und guckt die Leute an. Also so kommt es mir vor.
Florian Bayer: Und er stellt sich einfach vor, was passiert, wenn man das alles noch ein bisschen langsamer macht und wenn man die Ticks und das Exzentrische noch ein bisschen mehr hervorhebt und das wiederholen lässt. Wiederholungen spielen ja auch eine ganz große Rolle in diesem Film.
Johannes Franke: Ganz große Rolle. Und nicht jede funktioniert für mich, aber das, was mich am meisten packt und was mich am meisten beeindruckt, dass das funktioniert, weil es sehr simpel ist, ist dieser eine Satz, den immer wieder Leute am Telefon sagen, sowas sinngemäß von, es freut mich, dass es dir gut geht oder so.
Florian Bayer: Schön zu hören, dass es dir gut geht oder so in der Richtung. Ja, genau. Und teilweise in wirklich, also die sagen das immer mit einem absolut traurigen Tonfall.
Johannes Franke: Ja, und dann wiederholen sie es nochmal. Und dann wiederholen sie es nochmal. Weil der das nicht verstanden hat am Telefon oder sowas.
Florian Bayer: Und es wird ja auch von Selbstmordkandidaten gesagt. Wir haben diese eine Szene, wo der alte Mann im Büro steht vor diesem riesigen Vogelgemälde. Wahnsinn. Und dann hat die Waffe in der Hand und telefoniert und das ist so. Das letzte Telefonat vorm Selbstmord. Und das letzte Telefonat vorm Selbstmord endet mit dem Satz, der immer wiederholt wird. Freut mich zu hören, dass es euch gut geht. Ja, das trifft, das trifft wirklich.
Johannes Franke: Ich bin ganz beeindruckt, dass er durch diese Langsamkeit es schafft, mich da reinzuziehen und mir diese Szenen immer wieder gibt, ohne dass ich mich angegriffen fühle. Manchmal, es gibt ja so Filme, die durch ihre Langsamkeit einen zur Verzweiflung bringen und dann sagen, ja, man will dann rütteln am Filmemacher und sagen, mach schneller, erzähl mir was. Aber das macht der Film nicht. Der Film schafft es genau, mich an der richtigen Stelle zu packen und mich da durchzuziehen.
Florian Bayer: Er sieht halt, also auch wenn es so ein experimenteller Aufbau ist, dass wir irgendwie diesem Experiment beiwohnen, er sieht die Traurigkeit der Menschen und er hat kein Problem damit, die zu zeigen. Eine der besten Vignetten meiner Meinung nach ist die, auch sehr zentral einfach, weil der Titel referiert wird, wenn wir diese Bühne sehen und eine Schülergruppe, offensichtlich Kinder mit Behinderung, vor allem Trisomie 21, führen Sachen auf und dann wird dieses Mädchen auf die Bühne geholt und der Lehrer oder Betreuer oder was auch immer fragt sie, was sie machen will, ob sie singen will, ob sie tanzen will und sie sagt dann, ich will ein Gedicht vortragen und er pusht sie immer so ein bisschen, man merkt, sie fühlt sich total unwohl und dann fragt er sie halt so aus, worum geht es in dem Gedicht und sie trägt kein Gedicht vor, sondern sie erzählt einfach vom Inhalt, es geht um eine Taube und die hat kein Geld und die hat nachgedacht und die war traurig, weil sie kein Geld hatte und dann ist sie halt nach Hause geflogen. Steht auch ganz zentral, wirklich so fast genau in der Mitte des Films. Eine unglaublich traurige Szene und eine Szene, in der man aber den vielleicht leicht zu übersehenden Humanismus von Roy Andersson auch spürt. Weil der Film ist so oft so bitter und so zynisch, dass man das vergessen könnte, dass er doch einen Blick hat für die Traurigkeit der Menschen und auch Mitleid damit hat, weil die Situation wirklich unangenehm ist. Ich habe Traurigkeit gespürt.
Johannes Franke: Ja, ich glaube, dass mich der Film deswegen auch bekommt, weil er nicht nur traurig ist, weil ich immer das mitspüre, was ich später von ihm gelesen habe, und durch überhaupt Interviews von ihm mitbekommen habe. Das ist ein total fröhlicher, netter Onkel quasi. Du musst fröhlich sein, um einen solchen Film zu drehen, glaube ich. Und es ist so krass, weil man von ihm natürlich was anderes, man würde von ihm so herzenswarme Kinderfilme erwarten oder sowas, wenn man die Leute nebeneinander stellt und sagt, was macht der für einen Film? Dann würdest du sagen, okay, das ist derjenige, der Pippi Langstrumpf verfilmt. So in der Richtung, aber nein, der macht sowas. Und ich finde, man spürt immer mit, dass er irgendwie doch Hoffnung, das hat er auch gesagt, er will eigentlich Fröhlichkeit und Hoffnung mit transportieren. Es ist ein bisschen verquer, aber irgendwie schafft er es trotzdem. Irgendwas atmet damit. Wo siehst du denn die Hoffnung? Hast du sowas Konkretes? Also jetzt in der Szene, wo du gerade gesagt hast, dieser Lehrer ist für mich, der hat so viel Geduld damit und sagt, versucht immer mal so ein bisschen ja und unterstützt so ein bisschen. Und sie steht halt natürlich verloren und unangenehm berührt da. Aber ich finde, er hat ein gutes Gespür dafür. Mir ist die Situation gar nicht so schlimm traurig, weil ich das Gefühl habe, dass da wenigstens Leute da sind, die sich dann doch menschlich umeinander kümmern. Ja. Und auch dieser Typ, wenn die miteinander diese Schatzartikel verkaufen, die streiten sich zwar, aber dann kommt der ja auch wieder und entschuldigt sich und auf eine sehr süße Art und Weise versucht das im Rahmen seiner Möglichkeiten irgendwie wieder hinzukriegen. und das ist das bisschen Hoffnung, was ich glaube ich brauche in dem Film, um nicht ganz abzusinken.
Florian Bayer: Und wirklich auch eine ehrliche Entschuldigung. Ja. Man geht zu dem Hotelzimmer, redet durch den Türschlitz mehrmals und dann öffnet irgendwann Jonathan halt doch die Tür zumindest so einen Spalt und sagt, du warst dumm und er sagt, ja, ich weiß, ich werde mich bessern. Das, ja, das hat auf jeden Fall, das trägt so ein Stück triviale Menschlichkeit. Ja. Zumindest die Menschen, wenn die Menschen in der Lage sind, sich zu entschuldigen und sich zu versöhnen, dann ist die Welt vielleicht doch nicht komplett im Arsch.
Johannes Franke: Und weißt du, was mir dabei auffällt, wenn wir gerade darüber reden? Ich glaube, dass jeder dieser Figuren, die da reden, immer irgendeine Form von entschuldigenden Unterton haben. Da kommt nämlich auch dann der Typ noch rein, der immer in dieses Bild reinkommt, wenn die da sind, wo die beiden wohnen, der dann immer reinkommt und sagt, könnt ihr das nicht irgendwie tagsüber machen? Hier versuchen Leute zu schlafen, die müssen morgen arbeiten. Und der macht das nicht, der sagt das nicht böse, nicht laut und nicht unempathisch, sondern der sagt das so ein bisschen so, Leute, nicht schon wieder, wir müssen doch alle zusammen irgendwie klarkommen. So in der Richtung. Und ich finde, dass das fast überall so mitschwingt. So diese Traurigkeit, aber auch Verständnis für die Leute.
Florian Bayer: Dadurch, dass der Film sich so viel Zeit nimmt für seine Szenen und teilweise fast schon quälend langsam ist, hat er die Zeit auch. Ich finde diese Szene sehr schön, wenn der Kapitän in der Kneipe, wo Sam und Jonathan sind, die sind sehr oft in der gleichen Kneipe, zu uns spricht. Es gibt mehrmals so Momente, wo Leute zur Kamera sprechen. Und er erzählt so eine ganz alberne Geschichte, wo er irgendwann jeden Satz mit natürlich beendet oder einleitet, wie er zum Vortrag eingeladen wurde. Und dann war da ein Zettel an der Tür, dass der Vortrag nicht stattfindet. Und dann muss er wieder fahren. Es ist so eine simple Szene, aber wir werden wirklich gezwungen, uns auf ihn einzulassen. Wir werden, uns wird diese Aufmerksamkeit wirklich aufgezwungen. Und die ist halt notwendig, gerade wenn es um skurrilere Menschen geht, um schrulligere Menschen, die man vielleicht nicht so gerne ernst nehmen möchte oder wo man schneller genervt ist. Ja, also ich stimme dir total zu. Da hat der Film so dieses Stück Menschlichkeit, weil er sich eben die Zeit nimmt, auf diese Menschen einzugehen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und uns da auch so ein bisschen hin mitnimmt.
Johannes Franke: Ja. Das finde ich ganz toll. Was mich ein kleines bisschen stört, wenn ich den Bogen mal machen kann, ist, dass er auf diesem Gag, dass die depressiven Leute die Scherzartikel verkaufen, doch ein bisschen zu oft eingeht. Sehr viel, ja. Also den Gag haben wir das erste Mal schon verstanden, weil er sich ja Zeit nimmt dafür. Der ist auch sehr lustig beim ersten Mal. Beim zweiten Mal ist er auch immer noch lustig. Vielleicht hat er sogar noch was hinzugefügt beim zweiten und vielleicht sogar noch beim dritten Mal. Aber ab dann fügt er dem Gag nichts Neues hinzu. Ja. Macht ihn aber nochmal.
Florian Bayer: Ich würde behaupten, ich finde ihn von Anfang an nicht lustig, weil es wirklich so ein Klischee ist, der traurige Clown. Aber die Repetition verzeihe ich ihm einfach, weil der Film eben komplett von diesen Redundanzen und von dieser Repetition lebt. Ja. Das ist sein Motto, dass sich Sachen wiederholen, dass Bilder wieder gezeigt werden, dass Figuren wieder kurz auftauchen.
Johannes Franke: Aber ich möchte behaupten, dass fast jede Repetition in diesem Film etwas Neues hinzufügt. Obwohl es sich eine Wiederholung anfühlt, hast du durch das neue Setting oder durch irgendetwas, was sich verändert hat oder jemand anders sagt den gleichen Satz, hast du etwas hinzugefügt. Und das passiert leider bei diesem Gag nicht.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ich glaube, da ist er einfach handwerklich, hat er da geschlampt oder sich einfach zu sehr in den Gedanken verliebt, das immer wieder zu bringen.
Florian Bayer: Ich glaube, es stört mich auch nicht so, weil es nicht so wichtig ist. Ich finde Jonathan und Sam für die Grundhandlung einfach nicht so wichtig, weil dafür zerfällt alles zu viel in Vignetten. Wenn wir uns die 39 Dinge angucken, die der Film macht, in wie vielen kommen die beiden vor? Ich weiß nicht. Weniger als die Hälfte. Ja, ja, ja. Deutlich weniger als die Hälfte. Ja. Und in denen, in denen sie vorkommen, spielen sie teilweise keine Rolle. Diese ganze, die längste Vignette, die zweimal vorkommt mit dem König, der in den Krieg reitet und dann nachher verletzt, halbtot zurückkommt. Da sind sie anwesend, aber da sitzen sie am Rand und sagen, glaube ich, gar nichts.
Johannes Franke: Nee, die sind am Anfang reingekommen, haben ihr einen Gag gebracht und dann stehen die da an der Seite. Und dann sind sie Statisten. Genau.
Florian Bayer: Also ich würde behaupten, die sind nicht viel weniger Statisten als der einsame Kapitän, der immer mal wieder am Restaurant telefoniert oder die Frau, die ich mir gerade ausdenke, weil ich jetzt durch die Handlung scrollen und nichts sonst wiederkehrendes finde. Und übrigens Menschlichkeit, ich fand die Momente immer schön, in denen so ein bisschen Körperlichkeit gezeigt wird. Es gibt diese eine Szene, also die Menschen fassen sich in dem Film ja fast nie an. Ja, ja, außer bei dem König fällt mir jetzt halt wieder ein. Ja, und dann gibt es diese eine Szene, nachdem der König halbtot war und dann dieses Lied angestimmt wird, große Schwedische Lied, dann sehen wir einfach nur ein Paar am Strand liegen, daneben ein großer schwarzer Hund und er streichelt sie und es ist so klassisch vom Kuscheln ins Sexuelle so ein bisschen auch. Er streichelt sie unterm Hemd und dann geht er höher und streichelt ihre Brüste und die liegen einfach da so voll entspannt. Das ist keine erotische Szene, aber ich habe es als sehr warme und angenehme Szene wahrgenommen. Und dasselbe trifft auch auf diese Szene am Fenster zu, wo wir diesen halbnackten Mann am Fenster haben, der eine Zigarette raucht. Das ist unsere Handlung übrigens, das sind unsere Vignetten. Wenn ich das erzähle, dann passiert da auch nichts anderes. Wir haben einfach drei Minuten, ein Paar liegt am Strand und er streichelt ihre Brüste und der Hund liegt nebendran und guckt ein bisschen verloren und im Hintergrund sehen wir Göteborg wahrscheinlich und das war's. Das ist die Vignette, die dauert drei Minuten. Und genau so halbnackter Mann sitzt am Fenster und raucht eine und dann kommt irgendwann von hinten eine Frau, die leicht angezogen ist in so eine Art Nachthemd und umarmt ihn von hinten. Das sind auch zwei Minuten. Das sind unsere Vignetten. Aber diese Momente, die brauche ich dann auch und die finde ich schön, wenn es wirklich sowas wie Körperlichkeit gibt, die einfach echt wirkt und warm wirkt.
Johannes Franke: Auch den Strand hat er im Studio nachgebaut. Es ist so krass. Und der Strand sieht gut aus. Ja, total. Aber es ist viel mit Madpainting am Hintergrund irgendwas gemalt, was ich auch nicht so wahrnehme, sondern irgendwie das Gefühl habe, ja das ist halt ein Himmel, aber nein, der ist irgendwo hingemalt. Also die Sanddünen sind dann aufgeschüttet worden bei ihm im Studio. Der hat so ein Studiogebäude für sich irgendwann mal 2000 eben oder so gekauft und da hat er einen Raum, der ist 20 Meter lang und wie breit, weiß ich nicht genau, aber dort hat er alles nach und nach aufgebaut. Ja. Und das dauert ewig. Ja, mehrere Monate hat er gedreht, ne? Ja. Stockholm liegt das Studio übrigens. Der hat eigentlich drei Jahre gebraucht, ne? Also das heißt für jedes Set, das wird einmal aufgebaut nach und nach, musst dir überlegen, was du haben willst und dann kommen ganz viele Leute und schütten da Sand hin, bauen da irgendwelche Kulissen hin und so weiter und machen dann irgendwie, versuchen dann noch durch so, so, so durch Tricks irgendwie Tiefe zu erzeugen, die nicht da ist. Also wenn du zum Beispiel in einen Innenhof schaust, der im Studio hergestellt wurde, dann siehst du, hast das Gefühl, das muss länger als 20 Meter sein.
Florian Bayer: Andersen hat wohl sehr oft auch in Interviews erzählt, dass diese lange Entstehungszeit für seine Filme, auf die er natürlich angesprochen wird, wenn es sieben Jahre dauert, dass es wirklich für ihn schwierig ist, zum einen seine künstlerische Vision umzusetzen, die ihm sehr wichtig ist und zum anderen das irgendwie finanziell realisierbar zu halten. Und wenn man so speziell dreht, dann ist das schwierig und der hat wirklich, der hat eine Vision im Kopf und der ackert dafür und dann dreht er die Werbefilme, die übrigens genauso aussehen, was ich wirklich schreck finde, dass Werbung, wie man Werbung für Bier machen kann und wie der Auftraggeber sagt, ja, senden wir so. What? Das ist krass. Ich habe diese Clips gesehen und dachte zuerst, das wäre eine Parodie, aber die sind wirklich im Fernsehen gelaufen, der hat wirklich Werbefilme gedreht, die genau so sind, totale Menschen im Raum, alle wirkten so ein bisschen verloren und dann wird gesagt, trink, keine Ahnung, das und das Bier.
Johannes Franke: Ja, aber es ist so zum Klassiker geworden, also es sind wirklich Werbungen dabei, die ich tatsächlich auch kannte, die ja Werbung, die Werbung gibt es ja auch, es gibt ja Preise dafür in Cannes und so weiter. Du kannst, die sogenannte Cannes-Rolle ist voll von Werbung, die Preise gewonnen hat und dann kannst du dir ganz viele Werbeclips anschauen, die so immer eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten lang sind, höchstens dann in der langen Version, die Preise gewonnen haben und da war viel von ihm dabei. Der hat einfach wahnsinnig viele Preise für Werbung gewonnen.
Florian Bayer: Ja, gerade die großen Regielegenden der 70er Jahre, als das Fernsehen groß geworden ist, also so die Regisseure, die wir abfeiern, so Leute wie Jean-Luc Godard oder Ridley Scott oder so, die haben viel Werbung gedreht zwischendurch. Man vergisst das gerne, aber die haben einfach auch Geld verdient damit, dass sie so Werbeclips gemacht haben und die wurden dann auch abgefeiert, wie du schon gesagt hast. Es gibt dann die Filmfestivals und dann wird die Werbung gefeiert. Das ist ganz spannend, wir könnten vielleicht mal so eine Sonderepisode machen, Werbung von großen Filmeschaffenden. Wow. Was haben Leute wie Jean-Luc Godard in der Werbung gemacht? Wie sehen die Werbeclips von Roy Andersen aus und wie erkennen wir ihren eigenen filmischen Stil in dieser Werbung?
Johannes Franke: Das ist ja geil. Okay, Flo, das wird aufgeschrieben.
Florian Bayer: Das war halt auch eine Piotenierzeit, so in den 70er, 80ern war Werbung noch ein bisschen experimenteller. Ich habe so das Gefühl, so Ende der 80er, als das Privatfernsehen mehr und mehr auch wirklich ein relevanter Faktor in der Fernsehlandschaft wurde und dieses, naja, das klingt jetzt so marxistisch, aber das marktwirtschaftlich eine immer größere Rolle gespielt hat, wurde die Werbung zahmer und weniger experimentell und dann bis hin eben zu diesen generischen Waschmittel-Werbespots, die man kennt, die austauschbar sind. Man klappt es auch mit dem Nachbarn. Genau. War das Waschmittel? Ja, ne? Das war Persil.
Johannes Franke: Nee, das war für Calgon oder sowas.
Florian Bayer: Ah, ja, das waren Spülmaschinen.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Diese Gläser sind nicht sauber.
Johannes Franke: Und der Nachbar wird dich nicht nehmen, wenn du keine sauberen Gläser hast. Oh, fuck, Alter. Nichts geht über Bärenmarken. Blo, jetzt müssen wir die ganzen Marken anschreiben und von denen Geld einsammeln, dafür, dass
Florian Bayer: wir Werbung für die machen. Ey, ich bin ja wirklich krass privatfernsehen sozialisiert, so Anfang der 90er. Das heißt, es gibt wahrscheinlich tausend Ohrwürmer, die ich ganz schnell herstellen kann.
Johannes Franke: Merci, dass es dich gibt.
Florian Bayer: Oh Gott.
Johannes Franke: Ja, gut. Vielleicht sollten wir in den Film zurückgehen. Also ich finde es jedenfalls beeindruckend, dass er das ganz, ganz unabhängig, er hat mal gesagt, es gibt wahrscheinlich nur einen einzigen Regisseur auf der Welt, der genauso unabhängig ist wie er und das ist George Lucas.
Florian Bayer: George Lucas einfach alles machen darf inzwischen. Das klingt aber auch wie voll der Trollkommentar. Ja, natürlich.
Johannes Franke: Aber ich verstehe den Gedanken dahinter, der vielleicht auch irgendwie ein bisschen stimmt, weil George Lucas einfach alles machen kann inzwischen, weil er so groß ist und er einfach alles machen kann, weil er sein eigenes Studio hat und da einfach eine Vision hat, das alles auch dort machen zu können. Seine Art von Filme zu machen ist einfach, das ist komplett aufeinander zugeschnitten. Sein Leben und seine Kunst.
Florian Bayer: Er macht einfach sein Ding und er zieht es konsequent durch. Ich weiß nicht, ob ich noch einen vierten Film nach dem Prinzip aushalten würde, weil ich habe das Gefühl, ich habe jetzt so alle Vignetten gesehen. Jetzt ist einmal alles durch, was es so an bizarrem und tragikomischen aus dem Kopf von Roy Anderson gibt. Da habe ich noch zwei vor mir, das ist ja gut. Aber ich fand es tatsächlich trotzdem schön, das nochmal zu sehen. Also es war auf jeden Fall so eine Wiederholung der Wiederholung, aber es war trotzdem schön. Ich finde, das ist was, worauf man sich einlassen kann. Man muss sich darauf einlassen wollen, aber dann gibt es einem irgendwie was, was auch immer.
Johannes Franke: Wenn ihr so ein bisschen Interesse an der Bildsprache habt, ich finde, erinnert mich sehr an Gregory Crewson, das ist ein Fotograf, wenn ihr den mal googeln wollt, wenn es euch das irgendwas gibt, nur mal reinzuwerfen. Oder natürlich Edward Hopper. Oder wenn wir bei den Filmemachern sind, dann ist es Wes Anderson, der ja auch sehr stark auf seine Bilder auch stolz ist. Ja. Der das wirklich minutiös plant alles.
Florian Bayer: Wobei Wes Anderson deutlich mehr Pop ist. Definitiv. Viel mehr Farben, viel mehr Fröhlichkeit, viel mehr Skurriles und Schräges. Ja, ja. Also es ist schon, also wenn man, man muss aufpassen, wenn man denkt, ich mag Wes Anderson, dann könnte mir Roy Anderson doch auch gefallen.
Johannes Franke: Na, das ist, nein, nein, nein. Aber so diese Art und Weise an Bilder ranzugehen, an das Herstellen der Bilder, zu sagen, ich plane alles ganz genau, will genau, dass dort das kleine bisschen Blaue da drüben fehlt noch, da muss ich noch eine blaue Vase herstellen. Solche Sachen, ne?
Florian Bayer: Ich glaube, wenn man den Humor und die Skurrilitäten mag, dann ist auf jeden Fall Wes Anderson eine gute Referenz. Also das wäre so der eine Andockpunkt. Ah ja, vielleicht auch, ja. Der andere Andockpunkt wäre für mich, wenn man das Deprimierende, Verlorene mag, dann wäre es wahrscheinlich so ein bisschen Belatar, der mir einfallen würde. Ah ja, okay. Aber ansonsten würde ich sagen, es ist wirklich ein eigener Stil und man findet Sachen, die ähnlich sind in der Filmgeschichte. Aber eher in der bildenden Kunst. Aber eher in der bildenden Kunst und auch nichts, wo man sagen könnte, das sind klare Vorbilder. Roy Anderson hat da schon wirklich nochmal so einen eigenen Stil und so einen eigenen Blick auf die Welt und auf das Medium Film. Und allein dafür lohnt es sich schon. Jacques Tati kann man auf jeden Fall auch nennen. Das stimmt schon, ja. Auch gerade so dieser sanfte Humor. Roy Anderson ist auch keiner, der lauten, spitzen, schreienden Humor bringt, sondern eher selbst bei den bizarren und zynischen Sachen zu einer sanften Note reinkommt.
Johannes Franke: Am lustigsten fand ich tatsächlich in diesem Film, glaube ich, wo der Käpt'n das erste Mal auftaucht und der Fahrgast gestorben ist. Und die Verkäuferin, die gerade dem Typen, der gerade gestorben ist, noch was verkauft hat, sagt, ja, was machen wir denn jetzt damit? Und der Käpt'n sagt, naja, wir können es nicht nochmal verkaufen. Das geht nicht. Zweimal verkaufen geht nicht. Also muss es irgendjemanden nehmen. Und dann stehen ein Haufen Leute drumherum. Und der eine sagt, ja, das Bier würde ich wohl nehmen.
Florian Bayer: Stimmt. Der Anfang. Der Film fängt einfach mal mit so drei Todesvignetten an. Ja, genau. Und das wirkt wirklich random, weil das wird nicht mehr angesprochen. Das hat nichts mehr mit dem Rest zu tun. Wir haben einfach am Anfang drei Geschichten vom Tod. Und das ist schon sehr verstörend. Also der Einstieg ist verstörender als der Rest des Films. Das stimmt, ja. Weil dann haben wir erstmal so Vignetten, die zumindest das Leben zeigen. Aber am Anfang erstmal, ich gebe euch dreimal tot. Dann schauen wir weiter. Genau. Ich fand am lustigsten der Moment, in dem sie sich streiten und sich gegenseitig anplöken und dann fällt halt der Koffer runter oder beziehungsweise wird geworfen und dann fallen die ganzen Lachsäcke raus. Und sie gehen so streiten auseinander und wir haben diese Lachsäcke da liegen, die sich alle kaputt lachen. Okay. Und das zweite war einfach diese Vignette von dem Typen, war es ein Bäcker oder ein Metzger? Ich glaube, es war ein Bäcker, der vor seiner Bäckerei steht mit einer Zigarre im Mund. Ach nee, von einer Käserei. Ja. Und zu uns redet und sagt, heute fühle ich mich freundlich. Ja. Du denkst nur so, nein, ich glaube nicht. Das ist super. Übrigens direkt vor der Vignette mit dem Affen, der durch Elektroden gequält wird. Fuck, Alter, das ist so hart. Freut mich zu hören, dass es euch gut geht. Auch in dieser Szene.
Johannes Franke: Mhm. Also, ich finde, manchmal ist Anderson ein bisschen platt in seinen Bildern. Manchmal hat man das Gefühl, der Witz, den er da gerade macht, ist wirklich sehr platt. Karlauer Ästhetik manchmal. Aber irgendwie durch diese traurig, durchgezogene Traurigkeit wird es halt zur Kunst erhoben. Was manchmal mehr gelingt, manchmal weniger. Aber insgesamt muss ich sagen, der Film ist absolut sehenswert. Absolut sehenswert, muss man sagen.
Florian Bayer: Wollen wir auf unsere Top 3 gehen und dann ganz kurz zur letzten Vignette kommen am Schluss? Das ist, glaube ich, so ein schöner Rundeabschluss mit der letzten Vignette. Okay, sehr gerne. Ähm, aber Jingle. Jingle.
Johannes Franke: Unsere Top 3. So, was haben wir denn für eine Top 3? Ich habe eine Top 3 gemacht. Ja, eine Top 3, die mir voll entgegenkommt wieder. Oh, fuck. Okay. Top 3 White Shots. Also die, die, so, so totale. Long Shots.
Florian Bayer: Long Shots? Habe ich was anderes gesucht als du? Oh mein Gott, du wolltest totalen. Ich dachte, du willst lange gehaltene Zähnen haben. Oh, interessant. Wir haben, also wir, im Moment, ich, genau, wir gucken jetzt beide in WhatsApp. Wer, wer bei der Kommunikation versagt hat, wir werden das gleich wissen. Also, Top 3 totale Einstellungen, die lange gehalten werden. Ja, totale Einstellungen. Lass mich einmal kurz gucken. Okay, ich habe eine Halbtotale dabei, eine, ah, ich habe bewegende Kamera dabei. Da muss ich vielleicht nochmal ein bisschen umsortieren. Okay, wir machen eine kurze Pause. Nein, nein, müssen wir nicht machen. Ich muss anfangen. Also, das kann ich bringen. Ich kann gleich meinen Platz 3 bringen. Dann sortiere ich das hier nach oben. Viktoria kann ich da nicht mit reinbringen. Das geht nicht, nein. Das ist keine totale, aber toller Film. One-Shot. Echter One-Shot. Nicht so ein Fake-Gedöns, was Hitchcock gemacht hat, sondern wirklich One-Shot. Platz 3. Ja. Gary von Gus Van Sand, der berühmt ist für seine sehr langsam erzählten Filme. Gary gehört nicht zu seinen bekanntesten Filmen. Aber irgendwas sagt mir das. Ein amerikanischer Regisseur, der, glaube ich, in den, nee, er ist in Amerika geboren. Er hat nichts Niederländisches an sich, auch wenn der Name so klingt. Berühmte Filme von ihm sind, der hat die letzten Tage von Kurt Cobain verfilmt. Tatsächlich auch unter dem Titel Last Days. Er hat mit Elephant den ersten Film gemacht, der sich mit Highschool-Massacern auseinandergesetzt hat, 2003. Also nicht den ersten, aber den ersten, der positiv rezipiert wurde. Das waren so seine eigenen Sachen. Er war aber auch Regisseur von Good Will Hunting. Ja, okay. Wofür, ein relativ bekannter Film, wofür Matt Damon und Ben Affleck ja den Drehbuch-Oscar gewonnen haben. Er hat das 1 zu 1 Remake von Psycho getreten, 1998, das nicht so gut angekommen ist, noch wirklich nicht so gut war. Und er hat unter anderem die Lebensgeschichte von Harvey Milk, einem berühmten Bürgerrechtler, der sich in der Queer-Bewegung in Amerika in den 70ern großen Namen gemacht hat. Das hat er unter anderem auch verfilmt. Er ist Hit-and-Miss-Regisseur für mich. Manche Filme sind richtig gut, manche Filme sind gellend langweilig. Gary gehört für mich tendenziell eher in letztere Kategorie. Es geht um zwei Leute, gespielt von Casey Affleck und Matt Damon, die sich in der Wüste verlaufen. Sonst nichts, 100 Minuten. Und das wird immer langsamer. Es ist so, die Zeit dehnt sich immer mehr und das kulminiert in so einer Totalen, wo man nur sieht Wüstensand, Horizont und ganz entfernt diese zwei Personen, die sie von links nach rechts gehen. Durch das Bild. Und sie werden immer langsamer und es gibt diesen Moment, wo sie in der Mitte stehen, so wirklich direkt in der Mitte des Bildes und plötzlich sieht es aus, als würden sie sich nicht mehr bewegen. Weil sie so langsam geworden sind und das ist toll hergeleitet. Es wird wirklich immer langsamer und du hast irgendwann den Moment, wo du hinguckst und die Augen zusammenkneifst und denkst, bewegen sie sich noch oder ist jetzt die Regieanweisung, dass sie stehen bleiben sollen? Und es wird gehalten. Es wird sehr lange gehalten. Krasse Szene. Film fand ich nicht so sehenswert. War mir zu viel prätentiös gespielt mit dem Konzept, ich mach was Langsames. Okay. Aber diese Szene ist großartig. Wow.
Johannes Franke: Na gut. Ich hab ja nochmal geguckt. White Shot. Also im Englischen, im Deutschen würde man sagen Totale. Und die Definition ist wohl, dass das viel als Establisher benutzt wird. Establisher ist in diesem Fall also die Etablierung der Szene, einer Szene. Wenn du jetzt bei einem Krimi zum Beispiel umschwenkst auf das Polizeipräsidium, dann hast du eine Totale von dem Haus, wo das Polizeipräsidium drin ist. Und die Definition sagt weiter, dass ein Establisher bis zu 20 Sekunden lang sein kann. Da hab ich erst mal eine halbe Stunde gelacht. Wes Anderson macht das auch nicht. Also der hat auch seine Establisher, die wirklich lange, lange gehalten werden. Das bei Roy Anderson auch ebenso. Und naja, ich glaube bei Totalen, man unterschätzt das oft, was für eine Kraft eine Totale haben kann. Und das durch Fernsehen und so weiter, wo so kleine Bildschirme sind, hast du ein bisschen das Problem, dass die Totalen ihre Kraft nicht mehr haben. Wenn du so einen kleinen Fernseher hast und jetzt durch die größeren, immer größer werdenden Flat-Screens.
Florian Bayer: Es hat sich deutlich verbessert, auch dass wir auch 16 zu 9 Fernseher haben. Wir in den 90ern und 80ern, wir hatten ja nur 4 zu 3 Fernseher mit Röhren.
Johannes Franke: Ja, so riesige Klötzer hinten dran. Und was ich für mein Kinderzimmer irgendwann, also Kinderzimmer, was ist ein Jugendzimmer? Ich weiß es nicht mehr genau. Hatte ich jeweils einen eigenen Fernseher? Nein, nur meine Freunde. Meine Güte. Aber das sind so kleine Dinger gewesen, so kleine Koffer-artigen, dann kannst du natürlich überhaupt nichts mehr sehen. Und die Totale geht völlig unter. Und dann wurde nach und nach die Totale eingekürzt und war so, unter ferner Liefen ging noch hier so eine Totale einmal rein, damit wir ungefähr das Gefühl haben, wo wir sind.
Florian Bayer: Am witzigsten finde ich das Konzept der Totale als Establishing-Shot, wie es in den 90ern zuhauf in der Serienlandschaft vor allem Soaps und Sitcoms angewendet wurde, wo du so einen Außen-Shot hast, der so 10 Sekunden, 5 Sekunden dauert maximal. Ja, maximal. Und dann siehst du die Leute im Studio und es gibt überhaupt keine Verbindung. Ja. Und du weißt, die müssen diesen Shot machen, damit du denkst, damit sie dir zumindest suggerieren können, du bist jetzt in New York oder du bist jetzt in L.A., aber es funktioniert überhaupt nicht. Es ist komplett losgelöst, weil du bist direkt ins Studio reingeworfen, wenn du die dann siehst.
Johannes Franke: So geil, CSI Miami, wenn du oben über die Stadteimer rüberfliehst für einen kurzen Moment, um zu suggerieren, ich bin in Miami irgendwo und nicht in einem Studio in New York oder sowas.
Florian Bayer: Und das ist gerade im 90er-Fernsehen, es ist krass auffällig, wo mit wenigem Budget gearbeitet wurde und es dann halt auch wirklich so diese nach Stock aussehenden, unfassbar langweiligen Establishing-Shots gab, die einfach nur dazu da waren, um uns zu informieren. Und übrigens, du befindest dich in dieser Stadt, komm gar nicht erst so auf die Idee zu denken, du wärst in einem Studio.
Johannes Franke: Ja, sehr durchschaubar und deswegen sind für mich jetzt gerade durch diesen Film auch nochmal die Totalen so gewachsen und ich denke immer wieder, eigentlich muss man viel mehr in Totalen erzählen und deswegen bin ich auch sehr froh, dass mir ein paar Sachen eingefallen sind. Und ich möchte als erstes auf Wes Anderson eingehen, der meinen Platz 3 bekommen hat, noch nicht mal genau diese eine Szene, aber eine möchte ich jetzt einmal beschreiben, aber Wes Anderson nutzt Totalen so wahnsinnig oft und so wahnsinnig gut, um Dinge zu erzählen. Es gibt diese eine bei French Dispatch, wo er einfach nur einmal in die Straße reinfilmt und ganz viel, da wird Off-Text drüber gelegt und dann sehen wir, wie ein Laden öffnet, wie eine Katze durchgeht, wie hinten im Hintergrund ein Typ auf seinem Balkon geht und so weiter. Und es ist alltägliches Leben und es ist so gut komponiert und so schön gemacht und so vom Timing und alles wird erzählt in diesem einen Shot und ich liebe es.
Florian Bayer: French Dispatch, wir reden über diesen Film in einer früheren Episode, ist schon etwas länger her. Hört auf jeden Fall rein, es ist ganz spannend, zumal Johannes und ich unterschiedliche Haltungen zu Wes Anderson haben. Und ich froh bin, dass du ihn nicht gänzlich zerrissen hast. Mein Platz zwei und dann, Moment, ich hatte eigentlich da den Player stehen, aber den kann ich jetzt nicht mehr bringen, weil das keine Totale ist, weil die Kamera sich zu viel bewegt. Du willst keine bewegte Kamera haben, ne? Ich hab das Totale übersehen. Ich dachte einfach, du willst lange haltene Shots haben. Dann nehme ich eben den Eröffnungsshot, der auch das 30-Sekunden-Prinzip bricht, in dem er, ich würde behaupten, so sieben Minuten dauert. Oh. Satan Tango von Belatar, der voll ist mit langen Zehen. Muss er auch sein, weil der Film ist auch lange. Und zwar dauert dieser Film 439 Minuten.
Johannes Franke: Da kann ich ja froh sein, dass du nicht Andy Warhols Empire State Building drin hast.
Florian Bayer: Und es geht halt um ein Dorf irgendwo in Ungarn und um Krisen, die es dort gibt und um Betrug und um Verrat und Menschen, die irgendwie am Rande leben. Eingeführt wird dieser Film mit einer Szene, in der Kühe aus dem Stall rausgehen und Ochsen. Okay. Auf einem ziemlich heruntergekommen, dreckig aussehenden Bauernhof. Und wir sehen einfach nur im tristen Schwarz-Weiß, wie diese Kühe sich halt aus dem Stall rausbewegen. Und es passiert nicht mehr, aber es ist so eine starke Szene. Wenn man diese Szene gesehen hat, diese sieben Minuten durchgehalten hat, weiß man, worauf man sich einlassen muss bei diesem Film. Und wenn man nach diesen sieben Minuten nicht abgeschaltet hat, ist eine gute Chance, dass man die nächsten 30 Minuten auch durchhält. Okay, dann hast du schon mal 37 Minuten und dann muss man sich durchkämpfen. Das ist ein wirklich schwerer Film. Es ist ein Film, der sich auch wie Arbeit anfühlt, während man ihn guckt, aber wie lohnenswerte Arbeit. Und es ist einfach krass und es lohnt sich, auch wenn es wirklich eine Herausforderung ist. Ich habe diesen Film nie am Stück geguckt. Ja gut, okay. Ich habe diesen Film auch nur einmal geguckt, um mir auch so eine Plakette in mein Filmheft kleben zu können. Ja, okay. Du hast Belatars' Satan Tango geschafft. 1994, sehr sehenswerter Film, unglaublich anstrengender Film.
Johannes Franke: Empfiehlst du diesen Film nur, damit du sagen kannst, warum soll es anderen besser gehen als mir? Genau. Ich habe gelitten, ihr sollt auch leiden. Ich habe dir am Anfang der Episode nicht ein einziges Mal Tee angeboten. Möchtest du Tee, Plur?
Florian Bayer: Ja, bitte.
Johannes Franke: Das tut mir so leid.
Florian Bayer: Ich wusste doch, dass irgendetwas fehlt. Gieß mal ein und erzähle parallel von deinem Platz 2, wenn du das hinkriegst.
Johannes Franke: Ja, das kriege ich auf jeden Fall hin. Platz 2 ist bei mir Haneke. Und zwar Liebe. Und darüber haben wir schon mal gesprochen. Irgendwo hatte ich das schon mal erinnert, Top 3. Die Taube? Ja, die Taube. Oh, Wahnsinn. Es ist so ein Wahnsinn. Der hat die Kamera einmal aufgestellt und nur in den recht großen Flur von diesem alten Mann, der seine alte Frau pflegt, reingefilmt. Und es ist in diesen Flur hinein eine Taube geflogen. Und er versucht jetzt einfach nur mit einer Decke diese Taube wieder einzufangen und rauszubringen. Also natürlich eingebettet in den Rest des Films, der sehr viel schneller geschnitten ist als diese eine Szene, die gar nicht keinen Schnitt hat, sondern einfach nur diese totale zeigt. Deswegen hält man das auch gut aus und deswegen empfaltet auch diese Szene so eine Kraft, so eine wahnsinnige Kraft. Und das ist auch etwas, was mir viel mehr in Erinnerung geblieben ist als der Rest des Films, der auch sehr gut war. Aber irgendwie hat das so ein zentrales Motiv.
Florian Bayer: Michael Haneke ist auch ein Meister der wirklich guten, totalen und der langgehaltenen Szenen. Ich musste gerade an Caché denken, wo es darum geht, dass jemand Videobänder zugeschickt kriegt. Und auf diesen Videobändern ist dann einfach sein Haus zu sehen. Und da sehen wir auch sehr lange Szenen, wo einfach nur dieses Haus, dieser Hauseingang gezeigt wird und es passiert nichts. Und es entsteht eine total bedrückende und belastende Atmosphäre. Ja, Haneke ist cool auf jeden Fall. Und das kann Haneke definitiv. Wahrscheinlich findest du in vielen von seinen Filmen solche Momente, solche starken Momente. Mein Platz 1, oder? Dein Platz 1. Mein Platz 1 ist, ich glaube, du wirst es als Halbtotale bezeichnen, weil man nicht die Füße sieht. Oh nein, Floor. Und zwar aber eine großartige Halbtotale, die sehr lange gehalten wird, von André Tarkowski. Und André Tarkowski hat tolle Totalen gemacht. Es gibt in Opfer zum Beispiel, einer seiner letzten Filme, gibt es diese Szene von einem brennenden Haus, die sehr lange gehalten wird. Okay. In Cercalo, über den wir auch schon mal geredet haben, haben wir einige großartige Totalen, wo auch eben so Häuser gezeigt werden, die in der Landschaft stehen und Menschen, die sich unterhalten. Und man kriegt nur so einen Klims davon mit, was passiert. Stalker hat einige tolle Momente, wo man sehr viel Raum sieht und auch Personen, die die Lose allein verlassen da stehen. Aber ich habe mich für eine fantastische Halbtotale aus dem Film Nostalgia entschieden.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Auch einer seiner späteren Filme aus den 80ern. Und zwar geht es in dem Film um einen Schriftsteller, der durch Italien reist. Aus dem Jahr 1983 ist der Film, um das kurz zu ergänzen. Er reist durch Italien und er lernt dabei so einen lokalen Außenseiter kennen, der auch so ein bisschen verrückt ist. Und der erzählt immer wieder diese Gestichte davon, dass wenn man was unglaublich Schwieriges schafft, nämlich einen Pool, einen Swimmingpool mit einer Kerze zu überschreiten, ohne dass sie ausgeht, dann rettet das die Welt. Okay. Und dann haben wir irgendwann diese Szene, wie in dem Pool ist kein Wasser drin, der Schriftsteller sich da eine Kerze anzündet und dann durch diesen Pool geht in einer Halbtotale und dabei auch mehrmals scheitert. Und das versucht und ganz vorsichtig und langsam geht, damit diese Kerze nicht ausgeht. Das ist so ein bisschen der Höhepunkt des Films, weil er sich wirklich viel Mühe gibt. Diese Szene dauert gefühlt eine halbe Stunde. Wir sehen einfach nur ohne Musik, ohne große Geräusche diesen Mann, wie er versucht, den Pool zu durchschreiten. Wow. Es ist eine krasse Szene. Es ist natürlich, könnte man sagen, Tarkowski-Pretensiosität. Es ist ganz klar auch so dieses, hier zeige ich euch das Prinzip Langsamkeit. Achtet darauf. Ja. Lasst euch davon gefangen nehmen. Aber es ist sehr krass. Nostalgia. 1983.
Johannes Franke: Hm. Dann möchte ich jetzt auf meinen Platz 1 auch so einen kleinen Stellvertreterplatz setzen durch Melancholia. Lars von Trier. Dieses eine Bild, wo sie in Zeitlupe ihr Kind schützend in der Gegend rumläuft.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Einfach, also sie macht in der ganzen Einstellung nicht viel Weg, weil einfach die Zeitlupe so massiv langsam ist. Eine der besten Zeitlupen der Filmgeschichte. Es ist der Hammer. Es ist ja wirklich der absolute Wahnsinn. Und die Ausleuchtung, die sie gefunden haben, das Licht überhaupt in dem ganzen Film hat, eine surreale Note. Es wirkt so plastisch, ne? Ja.
Florian Bayer: Also plastisch auch im Sinne von wie ein plastisches Kunstwerk, weil die Bewegung so ganz minimal ist. Das ist so krass.
Johannes Franke: Und ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich die beste Totale der Filmgeschichte, würde ich nicht sagen. Aber dieses Konzept, was Lars von Trier da angesetzt hat, was vorher so nicht existierte, finde ich einfach beeindruckend. Ja. Und spannend. Vielleicht auch ein bisschen prätentiös. Auf jeden Fall. Lars von Trier ist immer ein bisschen prätentiös. Aber trotzdem nichtsdestotrotz wirklich sehr, sehr gut. Okay. Oh. Schöne Listen heute. Ja.
Florian Bayer: Schön, schön, schön. Es ist schon wieder Donnerstag. Es ist schon wieder Donnerstag? Ich war mir ganz sicher, dass heute Freitag ist. Rock'n'Roll. Letzte Szene. Was? Die letzte Vignette. Die Menschen, die an der Bushaltestelle stehen.
Johannes Franke: Stimmt. Ja. Ja, er war sich nicht mehr sicher, welcher Tag war. Und das ist so, das setzt dem Ganzen so das i-Tüpfelchen auf an Banalität. Ja, Banalität, das trifft's auf jeden Fall. Ja, total krass. So dieses alltägliche, okay, ja, ich dachte, das wäre Donnerstag. Und es ist so langsam erzählt und einer so von der Seite noch irgendeinen Kommentar. Und das ist alles so egal eigentlich.
Florian Bayer: Und es ist nicht schön, dass es dann auch ein bisschen Rock'n'Roll für uns gibt. In der schwedischen, lakonischen Variante. Die Musik, die dann am Schluss noch kommt, also wenn es so vorbei ist quasi. Ich erinnere mich nicht mehr so richtig. So dieses übergleitenden Abspann. Also da habe ich mich wohl gefühlt. Ja. Auf einmal habe ich mich aufgehoben gefühlt.
Johannes Franke: Ja, ich glaube, das ist das, was Roy Anderson wirklich irgendwie schafft, auch damit eine positive Note reinzubringen. Ja. Also dass man irgendwie trotzdem, ja, beschwingt ist vielleicht zu viel gesagt, aber ein bisschen.
Florian Bayer: Man fühlt sich nicht mehr ganz so deprimiert. Ja, genau.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Bei der Urführung von Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Das war bei den internationalen Filmfestspielen von Venedig. Ja. Nach der Pressevorführung, die Venedig einen Beifall erhalten hatte, saßen die Leute beim Essen. Und Istvan Bobasch, der Kameramann, saß da und irgendwann hat sich jemand zu ihm gesetzt und hat angefangen, von diesem Film zu schwärmen. Und offensichtlich hat sich gar nicht mehr eingekriegt und hat gesagt, oh, das ist, ich muss alles von diesem Andersen sehen. Fantastisch, was für ein toller Film und total glücklich. Ja. Und Bobasch war total irritiert und ist dann zum Produzenten vom Film gegangen und hat gefragt, wer war das denn? Und der hat gemeint, hast du den nicht erkannt? Das war Tim Roth, der berühmte amerikanische Schauspieler, der übrigens auch Mitglied der Jury ist. Oh. Oh mein Gott. Ja. Krass. Und der Film hat dann ja auch den Goldenen Löwen gewonnen. Ja.
Johannes Franke: Wahnsinn.
Florian Bayer: Ja, ist krass.
Johannes Franke: Also, wenn ihr wirklich mal was sehen wollt, was man sonst nicht zu sehen bekommt, was irgendwo zwischen Bildender Kunst, Filmkunst und Karlauer ist. Ja. Dann guckt euch diesen Film an oder guckt euch die anderen Sachen von Anderson an.
Florian Bayer: Eine total faszinierende Aneinanderreihung von Vignetten. Ich würde jetzt gerne sagen, guckt lieber Songs of the Second Floor. Echt?
Johannes Franke: Wieso?
Florian Bayer: Oder guckt lieber, Moment, wo Ente folgt, oder guckt lieber Das jüngste Gewitter. Aber ich kann es nicht sagen. Die drei Filme sind sich so ähnlich. Und ich wüsste auch nicht mehr genau, also bei dem Film weiß ich es jetzt, weil das halt frisch ist, weil ich das erst vor ein paar Tagen gesehen habe. Aber ich wüsste nicht mehr bei den anderen beiden, welche Vignette in welchem Film stattfindet. Und ich glaube aber, zumindest habe ich das auch jetzt nochmal gelesen, in diesem Film hat er das am konsequentesten geschafft, seine visuelle Vision umzusetzen, weil eben die Technik soweit war. Das heißt, die besten Bilder, oder zumindest die Bilder, die am ehesten dem entsprechen, was der Künstler sich gedacht hat, mit den krassesten Schärfen, die findet man wahrscheinlich in diesem Film. Guckt mindestens einen davon. Meine Güte.
Johannes Franke: Haben wir unsere Lieblingsszenen aufgezählt? Die lustigste haben wir. Aber ich weiß nicht, ich komme über die Szene mit der sterbenden Frau auch kaum hinweg, die ist so krass, die einfach die Handtasche in der Hand hält und glaubt, dass sie sie mit ins Jenseits nehmen kann. Das ist so, das ist natürlich überspitzt und so, aber das hätte absolut passieren können so.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und natürlich ist es absurd, wie am Ende das Bett aus dem Bild rutscht irgendwie und die da alle an der Tasche zerren.
Florian Bayer: Ja, und dann kommt noch die Pflegerin rein und guckt so, was ist hier los, was macht ihr da?
Johannes Franke: Aber es ist so, irgendwie ist es zwischen aus dem Leben gezogen und dann doch zu absurd.
Florian Bayer: Aber ich mag die, ich mag alle Zähne, in denen diese Maske von dem Gefatter einsam vorkommt. Oh Gott. Er setzt die auch einmal auf und erschreckt eine Verkäuferin, die dann zufällig reinkommt. Ich habe das Gefühl, ich habe tatsächlich alle Zähne, die ich wirklich spannend fand, zumindest einmal erwähnt.
Johannes Franke: Ja. Okay. Ich mag den König fast am liebsten noch mit, also die Frau und auch, und wie gesagt, dieser Sea-Captain am Anfang, der dann das schon gekaufte Essen loswerden muss.
Florian Bayer: Ich mag alle Trivialitäten. Ich finde es toll, wenn wir diese Kneipen-Vignette haben, wo ein alter Mann allein am Tisch sitzt, während der Kellner abräumt, der Mann sagt irgendwann, ich war immer geizig und deswegen bin ich jetzt unglücklich. Das ist irgendwie so gekommen. Das ist alles. Eine Minute vielleicht. Ja, es gibt sehr viele kleine Szenen und bestimmt findet jeder so zumindest sein Kleinod, wo er sagt, ah, das ist interessant, was da passiert.
Johannes Franke: Ja, schön. Vielen Dank, Floor, für dieses doch kompakte Gespräch. Wir sind nämlich nur bei einer Stunde noch was. Ja. Also es ist gar nicht wie sonst immer anderthalb Stunden, drei Stunden, fünf Stunden.
Florian Bayer: Kann ja auch mal sein. Vielen Dank, dass du den Film vorgeschlagen hast und ich freue mich sehr jetzt damit, die Trilogie von Anderson abgeschlossen zu haben. Okay.
Johannes Franke: Ich freue mich sehr, dass ich damit angefangen habe, ich werde die anderen beiden Filme wohl auch noch sehen und bin gespannt, was du mir als nächstes aufdrückst.
Florian Bayer: Wenn ihr das wissen wollt, dann bleibt noch kurz dran. Meine Empfehlung für Johannes für nächste Woche, beziehungsweise meine Hausaufgabe. Ja, Empfehlung ist ja, klingt zu sehr freiwillig. Kommt nach dem Outro. Und ansonsten euch eine schöne Woche. Bleibt gesund. Bis dahin. Ciao. Läuft wieder, sagt der Johannes. Also, es tut mir so leid. Es gibt wieder Filmgeschichte. Dieses Mal reisen wir zurück in die 50er und es gibt nicht nur Filmgeschichte. French New Wave? Nee, ich will dich auch noch mal in den weiteren, tieferen Osten schicken. Oh. In den Südosten. Okay. Japan. Ah, tja, ja. Und Filmgeschichte und Japan und natürlich, dann müssen wir den Kanon-Regisseur überhaupt nehmen, der aber wirklich gut ist. Akira Kurosawa.
Johannes Franke: Ah, Kurosawa. Okay. Aber ist das wieder etwas, was wir kulturell nicht verstehen?
Florian Bayer: Nein, ich glaube, Kurosawa ist sehr gut zu verstehen, weil er sehr viel von westlicher Kunst inspiriert. Ich glaube, das wird ein spannendes Gespräch, weil wir auch gucken können, wie West und Ost, wie hier bei Kurosawa, finde ich, ein tolles harmonisches Zusammenspiel von westlichen und östlichen Einflüssen statt. Okay, jetzt bin ich mal gespannt. Umso toller, weil er dann auch noch mal die westlichen inspiriert hat, die dann noch mal von ihm was genommen haben. Es ist einfach wunderschön so, hey, ja, die Welt ist ein großes Salad Bowl und alles kommt zusammen und irgendwie inspiriert sich gegenseitig. Ich würde gerne, ich habe echt lange überlegt, weil er hat viele Filme gemacht, es gibt viele Filme von ihm, die ich mag und aber ich glaube, das Schloss im Spinnwebwald ist spannend, auch weil es sich um eine Shakespeare-Verfilmung handelt.
Johannes Franke: Aha, eine japanische Shakespeare-Verfilmung. Mit Samurai.
Florian Bayer: Mit Samurai. Aber relativ werksgetreu, soweit ich das in Erinnerung habe. Okay. Aber darüber werden wir dann reden, wir werden uns bestimmt viel mit Kurosawa auseinandersetzen, weil es wirklich ein spannender Regisseur ist und auch mit diesem Film, du kannst bestimmt noch so zwei, drei Sachen zu Shakespeare sagen, weil du bist ja unser Shakespeare-Kenner.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott.
Florian Bayer: Macbeth übrigens, Macbeth. Ah ja, Macbeth, okay. Weil du ja die Tragödien von Shakespeare so machst. Ja, das ist ein bisschen das Problem. None|Fuck. Also, wenn ihr was über Filmgeschichte im Allgemeinen und vor allem japanische Filmgeschichte lernen wollt, schaltet nächste Woche ein, wenn es wieder heißt. Muss man sehen.
Johannes Franke: Oh Gott, aus, aus, aus, aus.
Florian Bayer: Der schlechteste Jingle, den wir hier gemacht haben.
