Episode 161: Gozu – Takashi Miikes bizarres Yakuza-Horror-Theater
Also Leute, eigentlich wissen wir doch alle, worum es in diesem Podcast geht. Keine Horizonterweiterung, kein Ausgraben und Präsentieren vergessener Juwelen, kein kollaboratives Kanonisieren… Nein, eigentlich wollen wir doch nichts anderes, als den jeweils anderen mit unserem merkwürdigen Filmgeschmack zu ärgern.
Umso ärgerlicher, dass Johannes sich heute so gar nicht ärgern lässt, und das, obwohl Plor einen seiner bizarrsten Lieblingsfilme mitgebracht hat: Gozu von Takashi Miike aus dem Jahr 2003. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als die groteske Mischung aus Yakuza-Thriller, Mysterydrama à la David Lynch, Bodyhorror und surrealem Drogentrip zusammen abzufeiern. Gozu ist Trash, ist Kunst, ist Satire, ist freudianische Psychoanalyse, ist apokalyptischer Alptraum und alberner Goofball. Werden wir überhaupt verstehen, worum es überhaupt geht? Können wir euch irgendwas für den Genuss dieses Werkes mitgeben? Oder sind wir dieses Mal wirklich komplett verloren?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 161: Gozu – Takashi Miikes bizarres Yakuza-Horror-Theater Publishing Date: 2024-01-31T09:12:00+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2024/01/31/episode-161-gozu-takashi-miikes-bizarres-yakuza-horror-theater/
Johannes Franke: Ich werde ungefähr 60 bis 65 Prozent dieses Podcasts mit dir übereinstimmen. Nein, das kannst du nicht. Und in den restlichen 35 Prozent werde ich dich umbringen. Ist das okay für dich?
Florian Bayer: Du musst diesen Film absolut hassen. Du darfst diesen Film nicht mögen. Du darfst kein gutes Haar an diesem Film lassen. Dieser Film ist auserlesen, damit du dich darüber ärgerst.
Johannes Franke: Oh Gott, Flo. Auf geht's, auf geht's. Nein, nein, nein, ich habe gerade so ein seltsames Geräusch gemacht und du hast gesagt, wie oft werde ich dieses Geräusch von dir hören? Das war so ein... Wir laufen schon.
Florian Bayer: Herzlich willkommen zum Muss-man-sehen-Podcast.
Johannes Franke: Flo freut sich wie ein Schneekönig auf diese Folge.
Florian Bayer: Es ist unglaublich. Wo wir uns gegenseitig Filme zuwerfen und es gibt zwei Kategorien von Filmen, die ich Johannes zuwerfe. Ich war diese Woche dran. Und zwar entweder Filme, bei denen ich wirklich hoffe, dass er sie liebt. Ja. Oder Filme, bei denen ich tierisch Spaß daran habe, in der Hoffnung, dass sie ihn so richtig ärgern. Vor zwei Wochen habe ich Johannes einen Film gegeben, in der Hoffnung, dass er ihn liebt. Das war das siebte Siegel von Ingmar Bergmann. Und ich dachte wirklich, das könnte was für ihn sein. Traditionelles, europäisches Erzählkino mit mythologischem Hintergrund, mit ein bisschen Humor. Und du hast es voll vergeigt. Du hast es voll vergeigt. Und Johannes hat gesagt, das macht ja alles gar keinen Sinn. Das ist ja voll komisch. Hört euch diese Episode an und gebt mir bitte recht. Schreibt mir, dass ich recht habe. Old Man Yelling at Postmodern Cinema. Und dann habe ich gesagt, fuck you, ich gebe dir Postmoderne. Und habe gesagt, heute gibt es Takashi Mieke.
Johannes Franke: Das Ding ist, mit einer Takashi Mieke kann ich nicht viel anfangen. Du hast immer nur begeistert von Takashi Mieke erzählt. Und ich habe dann immer gedacht, du hast zwar auch so deine Ausraster in schwierige Richtungen, aber das wird schon okay sein, wenn du da so begeistert von bist. Ob das so ist in diesem Fall, wir reden über Gozu von Takashi Mieke,
Florian Bayer: werden wir jetzt in diesem Gespräch feststellen. Gozu aus dem Jahr 2003, um ganz kurz was dazu zu sagen, einer von den vielleicht weniger bekannten Filmen von Mieke, aber tatsächlich eigentlich mein liebster Takashi Mieke Film, habe ich jetzt auch nochmal gedacht beim Gucken, weil das ganze Ding so ein Best-of-Mieke ist. Also alles, was seine Filme auszeichnet, er hat ja eine riesige Bandbreite an Filmen. Manche Filme haben Wüstenhumor, manche Filme sind einfach nur bizarr und surreal, manche Filme strotzen nur so von Gewalt und absurden, kontroversen Szenen und so weiter und in Gozu ist irgendwie alles drin.
Johannes Franke: Okay, um mal in Prozenten zu reden. Plur, das wird dich vielleicht überraschen, ich werde ungefähr 60 bis 65 Prozent dieses Podcasts mit dir übereinstimmen. Nein, das kannst du nicht. In den restlichen 35 Prozent werde ich dich umbringen. Ist das okay für dich?
Florian Bayer: Du musst diesen Film absolut hassen. Du darfst diesen Film nicht mögen, du darfst kein gutes Haar an diesem Film lassen. Dieser Film ist auserlesen, damit du dich darüber ärgerst.
Johannes Franke: Und damit du nicht bekommst, was du haben willst, finde ich sogar mehr als 65 Prozent dieses Films... Alter, mach mich nicht fertig.
Florian Bayer: Echt ganz gut. Nein! Ich bin nicht fertig, Mann. Tja, Flo. Takashi Mieke.
Johannes Franke: Du hast noch nichts von Takashi Mieke gesehen. Nein, ich habe noch nichts von Takashi Mieke gesehen. Und nach diesem Film will ich auch nicht unbedingt seine Filmografie gucken. Aber das ist auch sehr schwer, weil er über 100 Filme gemacht hat.
Florian Bayer: Er gehört zu den wenigen Regisseurern da draußen, die 100 Filme gemacht haben. Das schafft man einfach nicht. Es sei denn, man dreht eben drei oder vier Filme pro Jahr. Was dieser Mann, wie auch immer, auf die Reihe gekriegt hat seit den frühen 90ern. Aber das hat er mit Charlie Chaplin gemeinsam.
Johannes Franke: Nur, dass Charlie Chaplins Filme so 17 Minuten, 20 Minuten waren.
Florian Bayer: Aber ähnlich wie Charlie Chaplin ist er auch so ein bisschen so ein einsamer Wolf. So ein bisschen so ein Außenseiter im japanischen Filmbusiness. Ja, Chaplin war kein Außenseiter. Naja, aber Chaplin war zumindest jemand, der sich auch so kreative Freiheit erkämpft hat. Der sein Ding durchziehen wollte. Und das ist was, was Takashi Mieke mit dem Teil Takashi Mieke wollte immer sein Ding machen. Und dazu gehört halt auch sehr viel Low Budget und sehr viel gegen den Strich. Und deswegen hat er sich eigentlich immer dagegen gesträubt, mit großen Studios zusammenzuarbeiten. Und hat eigentlich auch immer das geliefert, was nicht erwartet wurde. Vielleicht zu meiner persönlichen Einordnung. Ich habe vielleicht 10 Prozent von Takashi Miekes Filmen gesehen. Ich habe irgendwas zwischen 10 und 20 gesehen. Damit hast du auch schon sehr viel gesehen. Ja, von 100. Es relativiert sich halt doch sehr, wenn man sich anguckt, was der alles gemacht hat. Ich muss sagen, ich halte immer so ein bisschen Abstand von den traditionellen Yakuza-Action-Thrillern, die er gemacht hat. Vor allem in den 90ern und frühen 2000ern. Weil ich von dem Genre auch nicht so ein großer Fan bin. Also ich bin einfach nicht so ein großer Mafia-Yakuza-Film-Fan. Und ich weiß, er hat halt auch sehr viel Zeug gemacht, was einfach nicht so mein Ding ist. Und Takashi Mieke hat sich einfach in tausend Genres ausgetobt. Und ich mag von ihm einfach das am meisten, was so in Richtung Bizarres und Horror geht. Kriegen wir es hin, über diese Episode die richtige Aussprache von Yakuza zu kriegen? Wir können es versuchen. Was ist denn dein Take?
Johannes Franke: Yakuza. Ich habe einen Podcast angehört und ich habe mir eine Aussprache nochmal von Google geben lassen. Alle sind sich einig, Yakuza.
Florian Bayer: Okay, Yakuza. Ich versuche es. Und Japanisch ist ja genau deswegen so schwierig, weil diese Betonungen komplett anders sind, als wir sie im Europäischen gewohnt sind. Ich habe während der Corona-Pandemie, als ich so zu Hause saß und nichts zu tun hatte, wie viele andere irgendwas gemacht und habe dann gedacht, naja, ich fange mal an, es in Japanisch zu lernen. Oh, wirklich? Und habe mir... Warum weiß ich das nicht? Weil es ist kein großes Detail meiner Vita. Ich weiß, dass du versucht malen zu lernen, zeichnen zu lernen. Das ist besser gelungen. Na, ich habe auf jeden Fall dann angefangen, die Zeichen zu lernen und dabei auch ein bisschen die Aussprache geübt. Und als ich dann festgestellt habe, oh, ich bin jetzt so ungefähr bei drei Viertel vom ersten Alphabet, das klappt auch ganz gut. Ja. Es gibt aber noch zwei weitere Alphabete. War das der Moment, wo ich gesagt habe, oh, oder ich kann malen lernen. Okay, verstehe.
Johannes Franke: Ja, furchtbar. Das muss mal eine krass schwierige Sprache sein. Also Hut ab vor jedem, der das irgendwie lernt. Und die Amerikanerin, die eine Russin war, die in diesem Film vorkommt, hat es ja auch nicht hingekriegt. Und sie sind auf sehr kreative Weise damit umgegangen.
Florian Bayer: Aber dazu kommen wir später noch. Wenn wir zu der entsprechenden Szene kommen. Spoiler. Also Takashi Mieke. So ein bisschen, bevor du Takashi Mieke nochmal genauer erklärst. Möchtest du Tee? Sehr gerne, bitte. So ein bisschen Außenseiter, kommt eigentlich aus, tatsächlich eher aus dem Arbeitermilieu und ist dann über ein Studium für Funk und Film zuerst mal beim Fernsehen gelandet und hat eigentlich den Shit gemacht, den keiner machen wollte, weil er sich immer so ein bisschen gerieben hat mit dem traditionellen japanischen Kino. Und das ist auch so ein Staple von ihm. Es gibt einen gewissen Stolz im japanischen Kino. Das japanische Kino hat sich immer versucht vom Westen abzuheben. Da spielt Nationalismus auch eine kleine Rolle. Und es gibt so eine spezielle Art der japanischen Inszenierung, die es auch westlichen Zuschauern wie uns schwer macht, mit japanischen Filmen umzugehen. Und das ist das, was Rob Daniel und Dave Wood wirklich sehr treffend Philosophical and Introspective Calm of Traditional Japanese Filmmaking genannt haben. Es gibt einfach diese Ruhe und diese Introspektion und japanische Filme fühlen sich dadurch oft sehr langsam und sehr zäh an für das westliche Publikum. Würdest du das auf diesen Film anwenden? Nein. Okay, gut. Ich habe gerade versucht, das abzugleichen, was du erzählst und was dieser Film gemacht hat in meinem Kopf. Und etwas, worauf das japanische Kino auch sehr stolz ist. Und das japanische Kino hat immer seine eigenen Sachen gemacht. Und in den 70ern hat der Staat auch sehr reingewirkt mit Geldern und mit Gesetzen, dass das japanische Kino gegen das westliche Kino bestehen kann. So die große Zeit der Godzilla-Filme und so. Die Japaner haben einfach immer ihr eigenes Ding gemacht. Und Takashi Mieke gehört aber zu den wenigen japanischen Regisseuren, die ganz eindeutig vom westlichen Kino inspiriert sind. Und er macht daraus auch überhaupt keinen Hehl. Er nennt unter anderem David Cronenberg, was man an sehr vielen seiner Filme sieht, als eine große Inspiration.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Quentin Tarantino hat er auch hin und wieder genannt, sieht man auch an diesem Film nicht so stark, in anderen Filmen sieht man es noch stärker.
Johannes Franke: Ich habe es volle keine aufgeschrieben.
Florian Bayer: Tarantino, Tarantino, Tarantino und Cronenberg auch und Lynch. Und das ist zum Beispiel eine Sache, die ihn einfach abhebt von seinen Kollegen, von den Kollegen aus seinem Land. Dass er deutlich mehr mit westlichen Filmtrops spielt. Und er hat angefangen, sehr viele von diesen Yakuza-Filmen zu machen in den 90ern, als die eigentlich eine olle Kamelle waren. In den 90ern wurden keine Yakuza-Filme mehr produziert. Und unter anderem auch, weil die Yakuza so auf dem absteigenden Ast war in den 90ern. Da kamen die ersten Gesetze raus, die Yakuza. Yakuza. Yakuza. Oh Gott. Ich versuche es. Ich werde mich bemühen. Die, die auf jeden Fall mehr kriminalisiert haben. Vorher war das ja mehr so gesellschaftlich integriert. Aber in den 90ern gab es mehr und mehr Ablehnung, sowohl von gesellschaftlicher als auch von staatlicher Seite gegenüber der Yakuza. Es tut mir leid. Ich werde es nicht hinkriegen. Wir kriegen es nicht hin. Ich bin auch, ich glaube auch, dass ich es nicht hinkriegen werde. Und dadurch haben die so ein bisschen diesen Mythos des Unantastbaren verloren. Und es wurden dann auch einfach nicht mehr so viele Yakuza-Filme gedreht. Takeshi Kitano war so einer der letzten, der auch in den 90ern nochmal ganz eigene Filme gemacht hat. Von dem gebe ich dir auch demnächst mal irgendwas. Okay. Aber Takashi Mika hat dann Filme rausgehauen. Und zwar oft auch so für den Direct-to-Videomarkt oder Direct-to-DVD damals. Und einen Film nach dem anderen produziert. Meistens so Actionfilme, die ich alle nicht gesehen habe. Zu denen kann ich nicht viel sagen. Aber er wurde dann einem westlichen Publikum bekannt durch den Horrorfilm Audition aus dem Jahr 1999. Der wahrscheinlich auch sein bekanntester Film sein dürfte.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Oder Visitor Q soll auch irgendwie sehr bekannt sein. Ja, Visitor Q ist aber aus anderen Gründen bekannt. Und nicht beim großen Publikum. Audition ist damals so ein bisschen auf dieser Ringu-Welle geritten. The Ring. Ah, ja, ja. Und damals gab es ja ganz viele japanische Geisterfilme dann und japanische Horrorfilme. Und irgendwie ist Audition dabei auch in die westliche Öffentlichkeit gespült worden, obwohl er komplett anders ist als die. Also auch sehr bizarr und sehr surreal. Ein großartiger Film. Und dann wurde er Anfang der 2000er, wurde er wirklich auch so vom westlichen Arthouse-Publikum, vom westlichen Feuilleton so ein bisschen hochgehoben und rumgereicht. Und dann haben sich die Leute angefangen mit seinen Filmen zu beschäftigen. In die Zeit fällt dann unter anderem auch Visitor Q, der wahrscheinlich so sein, vielleicht sein bizarrster Film ist. Okay. Und einige große Filme aus der Zeit sind dann unter anderem auch Dead All Life, der eigentlich ein sehr klassischer Yakuza-Thriller ist, aber dann komplett Durchtritt am Ende. Okay. Und wo auch immer. Und ich werde jetzt nur die Filme nennen, die ich gesehen habe. Aus der Zeit kommen auch die meisten Filme, die ich gesehen habe. Ichi the Killer, der vor allem bei jungen, jugendlichen Zuschauern einen gewissen Ruf sich erarbeitet hat, weil er unfassbar brutal ist. Oh, okay. Das ist mit Sicherheit der brutalste Film, den Kashi Mieke gemacht hat, indem er die Geschichte von einem Killer mit sadomasochistischen Fantasien erzählt. Gewalt und dann sehr explizite Gewaltmomente hat. Der Film ist eigentlich vollgeladen mit Gewalt. Als der Film aufgeführt wurde im westlichen Kinokan oder so beim Festival, haben sie als Gimmick Kottstüten verteilt im Publikum. Nimm die mal lieber. Okay. Ist ein totales Gimmick, aber passt zu diesem Film. Okay. Happiness of the Katakuris, ein Musical über eine Art, was hat er gesagt, Sound, das ist Takashi Miekes Sound of Music. Es spielt in einem japanischen, in den japanischen Bergen auf dem Land und eine Familie hat ein Hotel und dann sterben die Gäste und dann gibt es ein paar Musicalnummern und am Schluss kommen sie als Zombies zurück. Toller Film. Aber dann auch sowas wie Zebraman, ein Superheldenfilm, der eher an Kinder gerichtet ist. Er hat eine Kinderserie gemacht, oder? Viel für Kinder gedreht.
Johannes Franke: Was ich total absurd finde. Wenn ich mir den Film angucke, denke ich mir, der Mann kann auf gar keinen Fall auf Kinder losgelassen werden.
Florian Bayer: Iso aus dem Jahr 2004 und ich hätte wetten können, dass wir den mal zusammen geguckt haben. Das war nämlich einer von den WG-Filmen, den ich der WG gezeigt habe und alle saßen da und haben mich total irritiert angeguckt. Ich glaube, Maya war dabei, deswegen hätte ich schwören können, dass du da auch dabei warst. Fuck, okay. Ein Samurai, der verflucht wird, durch die Jahrhunderte zu ziehen und der zieht dann durch die Jahrhunderte und tötet dabei Menschen.
Johannes Franke: Irgendwie kommt mir das doch ein bisschen bekannt vor. Aber vielleicht auch nur aus der Beschreibung von Maya, die verzweifelt versucht hat, wieder sane zu werden, indem sie mir erzählt, was für schreckliche Sachen sie erlebt hat.
Florian Bayer: Eigentlich nur so ein bisschen so ein Film wie Starker, nur dass die halt unterwegs die ganze Zeit Leute umbringen. Und Kasuki Tomokawa, den habe ich über diesen Film kennengelernt, ein großartiger japanischer Folkmusiker, sitzt dann immer am Rand und spielt mit seiner Gitarre und singt seine wirklich fantastischen Songs. Wenn ihr großartigen japanischen Folk hören wollt, Kasuki Tomokawa. Komplett falsch ausgesprochen von mir jetzt. Du musstest in die Shownotes bringen einfach. Großartig. Okay. Und dann aber jüngst hat er auch Filme gemacht, die ein bisschen mehr Budget hatten. Er hat 2010 Thirteen Assassins gedreht, der einfach für seine Verhältnisse ein extrem traditioneller Kurosawa-Film ist. Also ein bisschen wie Akira Kurosawa, so ein Samurai-Film. Ja. Und 2019 First Love, der sein Tarantino-eskester-Film ist und auch sehr westlich von der Art. Und in den 2010ern hat er dann auch teilweise eher größere Budget-Filme gemacht. Harakiri, ein Remake von einem alten japanischen Film.
Johannes Franke: Sind die höheren Budgets auch in der Qualität sichtbar oder ist es eher wie bei vielen Regisseuren, die viel mit niedrigem Budget gedreht haben, dass die mit hohem Budget eigentlich gar nicht richtig umgehen könnten?
Florian Bayer: Ich finde es sind deutlich spürbar und ich finde bei Takashi Mieke ist es auch so, wenn man merkt, also wenn es ein Low-Budget-Film ist, obwohl die Technik echt rough ist, und das ist auch in diesem Film der Fall, in Usu, obwohl die Technik echt rough ist, merkt man, dass er ein Gespür hat für Bilder, die eigentlich mehr sind als dieses Low-Budget. Ja. Und auch wenn man oft das Gefühl hat, dass er seine Filme wirklich nach diesem Serientäter-Prinzip dreht, dass er halt wirklich eins nach dem anderen raushaut, haben die dafür, dass die so rough runtergedreht sind mit viel Improvisation und allem, doch eine erstaunliche Qualität, was Bilder betrifft, was Szenenaufbau betrifft. Okay. Kann man unterschiedlicher Meinung drüber sein?
Johannes Franke: Ja, das werden wir auch in diesem Film einmal ein bisschen näher beleuchten müssen, weil das ist natürlich interessant. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass er mit einer Kartoffel gedreht hat. Ja, glaube ich. Aber aus dieser Kartoffel tatsächlich eine Menge rausgeholt hat. Wie du sagst, dass er irgendwie doch ein Gespür für Bilder hat. Es sind jetzt nicht die krassesten, innovativsten Bilder, aber es sind Bilder, die man einer Kartoffel nicht zumuten würde normalerweise. Gusu war ein Low-Budget-Film.
Florian Bayer: Anfang der 2000er, Takashi Mika hat damals immer wieder zwischen größeren Budgets und kleineren oder mittelgroßen Budgets und ganz kleinen Budgets gearbeitet. Und anders geht es ja nicht, wenn du so viele Filme drehst. Dann hast du einen Big-Budget-Film für deine Verhältnisse im Jahr und dann halt noch zwei, drei, die du schnell runterdrehst. Und ich glaube, Gusu hat eher zu denen gehört, die er schnell runtergedreht hat. War auch geplant, nicht als Kinoveröffentlichung geplant, sondern direkt auf DVD.
Johannes Franke: Das große Glück war, dass sie dann bei Cannes so durchaus genug Aufmerksamkeit bekommen haben und Lob bekommen haben, dass sie dann wirklich einen Kino-Release bekamen.
Florian Bayer: Ja, Takashi Mika wurde damals geliebt vom westlichen Feuilleton. Das war es auch einfach. Gusu ist auch, glaube ich, so ein bisschen auf der Welle mitgeschwommen, dass damals westliche Kritiker ihn entdeckt haben und gesagt haben, wow, das ist ein krasser Export aus Japan, der muss bekannter werden. Und dann wurde erstmal alles von ihm abgefeiert und vielleicht auch teilweise überfeiert. Wie gesagt, ich habe auch Filme von ihm gesehen, die ich nicht so doll fand. Also ich fand zum Beispiel Dead or Alive jetzt, das war halt schon so ein typischer Yakuza-Action-Film. Sowas hat er halt auch gemacht. Und wenn man das mag, ist das wahrscheinlich ziemlich geil und es ist trotzdem auch viel Bizarres und Albernes immer drin, selbst wenn er sowas Traditionelles dreht. Aber er ist nicht immer auf der Höhe. Also es gibt auch Filme von ihm, die eher so trashig wirken, eher so ein bisschen runter geschludert wirken. Eher so trashig.
Johannes Franke: Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Der hat total viel Trash gemacht, wenn ich das richtig sehe. Also naja, auch dieser Film hat sehr viele trashige Elemente, muss man sagen. Aber wir werden gleich rausfinden, warum man damit gut klarkommt.
Florian Bayer: Und ich möchte von dir gleich eine Inhaltszusammenfassung haben. Ich habe nicht so viel mit diesem Film auseinandergesetzt. Du musst mir eine Inhaltszusammenfassung geben.
Johannes Franke: Okay, wenn ich die Inhaltszusammenfassung machen muss, dann musst du die ganzen Details erzählen von den idiotischen Sachen, die passieren.
Florian Bayer: Mach ich total gerne, aber weißt du, so dieser Zwei-Minüter, dass das Publikum weiß, wie was passiert in diesem Film vom Anfang bis Ende, über den wir reden. Ich möchte von dir eine Zusammenfassung, dass jeder weiß, worum geht es in dem Film. Sollte ich diesen Film gucken, so rein nach dem Inhalt. Und das Wort Milch darf nicht fallen.
Johannes Franke: Ist das jetzt Tabu für Wortgeschrittene. Okay, also Folgendes passiert. Leute sterben. Tschüss. Nein, vorragend. Nein, nein, nein, Moment, Moment. Also, Folgendes. Ein Mitglied der Yakuza wird völlig plemplem, Banane, Nutz und Irre und bringt einen kleinen Hund um, weil er glaubt, dass er der große Yakuza-Killer ist. Was ich großartig finde. Und unterwegs mit seinem Bruder, er nennt ihn zumindest Bruder, sie nennen sie einander Brüder oder der eine zumindest den anderen immer. Aber das ist eher das Yakuza-Familien-Ding, ne? Ja. Sie sind Freunde. Das habe ich allerdings nicht so richtig mitbekommen. Oder mehr. Für mich waren es eher tatsächlich Brüder, bis die awkward Sachen passiert sind und ich dann nochmal nachgedacht habe, ob das wirklich sein soll. Jedenfalls kommen sie einem Auto entgegen, das er dann auch einmal so richtig scharf ins Visier nimmt und sagt, das ist ein Yakuza-Killer-Auto. Da müssen wir jetzt mit Waffengewalt ran. Und naja, die große Organisation, der Pate sagt dann, der wird untragbar für uns, wir sollten den umbringen, den sollten wir loswerden. Und der beste Freund anscheinend wird dann beauftragt, das zu machen. Und der geht durch eine Tortur. Er bringt ihn mehr oder weniger unfreiwillig um. Ob er ihn wirklich umbringen wollte oder nicht, können wir gleich noch klären. Und dann hält er irgendwo auf einen Parkplatz, geht in ein Restaurant und als er wieder rauskommt, ist er weg. Die Leiche ist verschwunden. Die Leiche ist weg. Und dann versucht er irgendwie rauszufinden, was mit der Leiche passiert ist. Es passieren sehr merkwürdige Dinge. Weißes Wasser aus einer Frau spielt eine große Rolle.
Florian Bayer: Das war auch wirklich tabu jetzt gerade. So spielt man tabu, wenn man Milch nicht erklärt. Weißes Wasser, das aus einer Frau fließt.
Johannes Franke: Press Feeding.
Florian Bayer: Richtig.
Johannes Franke: 100 Punkte. Spielt eine große Rolle. Die wird an die ganze Stadt verkauft. Und es ist nicht das Merkwürdigste, was passiert. Dieser Freund verwandelt sich in eine Frau und wird dann von der Frau nochmal in komplett erwachsener Gestalt geboren. Ja, es klingt ekelhaft und ja, es ist ekelhaft. Und dann kommt es zu einem abrupten Ende, in dem sie einfach glücklich bis an ihr Lebensende zusammenleben. Zu dritt. Und die Frau, der Wiedergeborene und der Typ, der ihn eigentlich umbringen sollte.
Florian Bayer: Das Tolle ist ja, Takashi, Mieke für immer haben meistens solche absurden Happy Ends. Es passieren total schräge Sachen. Köpfe explodieren. Menschen hassen sich, zerstückeln sich. Und am Schluss gibt es immer diese Szene, wo sie sich irgendwie in den Armen liegen. Und du denkst so, ach ist das schön. Alles ist gut. Ja, Johannes hat natürlich alles übersprungen. Aber das sind die wesentlichen Sachen, die erzählen. Das sind die wesentlichen Sachen. Es geht wirklich um dieses Paar Osaki und Minami. Und Minami soll Osaki töten, weil ihm das von seinem Yakuza-Boss aufgegeben wurde. Und aber bei der Fahrt nach Nagoya ins Land, also sie sind aus Tokio und sie fahren aufs Land, für diesen Mord, passiert dann eben dieser Unfall. Osaki stirbt und die Leiche verschwindet. Und Minami versucht herauszufinden, wo die Leiche ist, weil er soll die Leiche seinem Chef auch geben. Und kommt dann in Kontakt mit der Shiroyama-Bande, mit einem Mann, der, naja, der weiße Schminke trägt, aber behauptet, eine Hautkrankheit, eine Pigmentstörung zu haben und deswegen weiß zu sein. Aber wir sehen in der Szene, in der er das erzählt, sehen wir, wie er sich die Farbe abkratzt. Und kommt in diesem Hotel unter, in dem, naja, in dem eine Frau Milch zusammen mit ihrem Bruder Milch abgießt aus ihrer Brust. Und sie ist, wie alt ist sie? 50? Noch älter? Ja. Und sie sagt, sie kann auch mit Geistern reden. Das kommt dann auch zu einer ziemlich schrägen Seance. Es passieren sehr viele merkwürdige Sachen in diesem Film. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Es ist wirklich, wirklich viel, was da an Merkwürdigen passiert. Und das Merkwürdigste ist dann wirklich dieses Finale, in dem Osaki wieder auftaucht, aber in Frauengestalt. Und Minami glaubt ihm ihr zuerst nicht, lässt sich dann überzeugen, fährt zurück zu seinem Paten, um ihm zu sagen, was da passiert ist. Der Pate glaubt natürlich auch nicht. Osaki in weiblicher Gestalt wirft sich an den Paten ran. Und sie haben Sex und... Es kommt nicht wirklich dazu. Es kommt nicht wirklich dazu, weil der eifersüchtige Minami, du lässt meinen Bruder in Ruhe, den Paten umbringt. Und dann fährt Minami mit Osaki in Frauengestalt zu sich nach Hause und es kommt zu einer Sexszene. Minami, der noch Jungfrau ist, wie wir früher erfahren, hat seinen ersten Sex mit seinem besten Freund oder seinem Bruder. In Frauengestalt. In Frauengestalt. Und während des Aktes bleibt er in der Vagina hängen. Wir verstehen zuerst nicht, was das ist. Es wirkt zuerst wirklich wie ein alberner Gag, dass er nicht rauskommt. Und dann stellen wir aber fest, das liegt daran, dass da irgendwas drin ist. Und er schafft es dann, sich loszuzehren. Und dann wird der erwachsene Osaki aus dieser Frau wiedergeboren. In einer wirklich, wirklich bizarren Szene, in der wir sehen, wie der Kopf des erwachsenen Menschen da rauskommt und sich da weiter so rausquetscht.
Johannes Franke: Wir sehen tatsächlich keine Geschlechtsteile, aber weil alles im Schatten liegt. Also es ist gut gefilmt, sodass es auch einigermaßen, naja, ansehbar ist, ohne dass man, weiß ich nicht, welche Alterseinschränkungen hat dieser Film. Wahrscheinlich 18.
Florian Bayer: Ich würde ihn ab 18 freigeben, weil halt auch diese Verbindung von Sex und Gewalt so drin ist. Und es werden dann ja auch so... Aber es ist sozusagen nicht pornografisch im eigentlichen Sinne, oder? Naja, pornografisch ist immer so eine Sache. Ich finde es halt schon was sehr Pornografisches, wenn der Pate, der offensichtlich nur eine Erektion haben kann, wenn er sich was in die Prostata schiebt, wenn er diesen Löffel... Nicht in die Prostata. An die Prostata. Erstmal möglichst kurz davor, weil wenn du drin bist... Ja, okay. In den Anus, um die Prostata zu stimulieren. Ja. Und der dann auf diese Weise aber auch stirbt, weil er sehr ungünstig fällt auf diesen Löffel. Dann hat das schon was Pornografisches und schon was, wo ich sagen würde, ja, das muss vielleicht ein 15-Jähriger, 16-Jähriger nicht unbedingt gucken. Ja, ja, ja, definitiv nicht. Das stimmt. Okay, Johannes, nachdem du den Inhalt schon so gut zusammengefasst hast... Und du dich genötigt gefühlt hast, es noch mal zu tun. Entschuldigung. Musst du mir jetzt noch mal eine wichtige Frage beantworten. Eine Frage, der du immer auf der Spur bist und du kannst sie auch meistens beantworten. Was will uns dieser Film sagen?
Johannes Franke: Ja, ich habe jedes Mal eine Antwort auf diese Frage. Ich weiß immer ganz genau, was auch der Filmemacher für Absichten hat und habe hier meinen Endgegner vor mir, der mir auf gar keinen... Also ich bin definitiv lost. Und ich glaube, und damit bin ich wieder zufriedenzustellen, dass es der Filmemacher nicht gerade darauf anlegt, das erklärbar zu erzählen und vielleicht auch selber keine großen Erklärungen im Kopf hat. Zumindest was große Teile betrifft. Vielleicht hat er irgendwie hier noch eine buddhistische Botschaft mit drin, hier noch irgendwie so eine kleine Einspielung an irgendeine kulturelle Referenz, die wir nicht verstehen. Aber im Großen und Ganzen mischt er Dinge, glaube ich, wie zum Beispiel, dass diese russische Frau da einfach die Sachen, die die Amerikanerin spielen soll, die einfach von den Cue-Cards abliest. Und der Protagonist hilft dir dabei, sie zu lesen. Wenn man irgendwie Wert darauf legen würde, dass es ein Film ist, der konsistent erklärbar ist am Ende, dann würde man sowas nicht machen. Insofern ist es ihm egal, also ist es mir auch egal und das hilft dem Film total.
Florian Bayer: Wir haben ja schon Quentin Tarantino erwähnt und David Cronenberg. David Lynch ist eigentlich grundsätzlich nicht unbedingt eine Inspiration für Takashi Mika, aber ich habe das Gefühl, hier hat er seinen David-Lynch-Film gemacht, hier hat er sich sehr stark von David Lynch inspirieren lassen. Auch sowas, was das Sound-Design betrifft, die Musik im Film ist, wenn überhaupt vorhanden, sind es nur so industrial Störgeräusche, so sehr drönend, sehr disharmonisch. Kreischende Geigen. Und das hat alles schon so eine sehr lyncheske Atmosphäre und es gibt auch sehr oft diese awkward silence, wenn jemand nicht genau weiß, was er tun soll, wo jemand im Raum steht, komplett verloren ist und Räume verschieben sich und verändern sich gefühlt, Personen verändern sich, das ist alles schon sehr krass, David Lynch.
Johannes Franke: Ja, ich finde, das ist einer der großen Stärken des Films. Viele Momente der awkward silence, die wirklich gut sind und ich denke nur an die Szene, wo man wirklich gar keine awkward silence erwartet, wo er mit dem Auto kommt und diesen Typen, der vorgibt, eine Pigmentstörung zu haben, das erste Mal sieht und ich weiß nicht, wie schnell das passiert, aber irgendwo im Gespräch gibt es eine 15 Sekunden oder so Pause, wo er ihn einfach nur anschaut und überlegt, wie er das jetzt einsortieren soll. Also von unserer Perspektive aus versucht er jetzt einzusetzen, was da eigentlich gerade passiert. Vielleicht hat er auch einfach nur ein Reboot, vielleicht hat er Windows Betriebssystem. Aber ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall finde ich das sehr mutig, in der Stelle einfach mal zu sagen, wir lassen mal sacken, wir warten mal ab.
Florian Bayer: Nosechi heißt dieser Typ mit dem Make-up und der Film dreht sich natürlich ganz viel um die Beziehung von Minami mit den Menschen, denen er begegnet. Also natürlich auch mit Osaki, mit seinem Bruder, aber auch mit diesen ganzen Fremden. Und die Beziehung von Nosechi und Minami ist wie viele der Beziehungen von Minami davon geprägt, dass er überrumpelt wird und dass es immer so diesen Verführungsaspekt gibt. Wir haben eine Situation, wo sie im Hotel sind, also weil die Suche nach der Leiche länger dauert, kommen sie im Hotel unter und dann will Nosechi, also der mit dem Make-up oder der Pigment-Störung, bei Minami im Zimmer schlafen. Minami sagt, ach nee, ich bin müde und nee, lass mal. Und es ist so offensichtlich, dass es hier so einen Verführungsmoment gibt.
Johannes Franke: Obwohl er dann auch noch sich genötigt fühlt, zu sagen, keine Sorge, ich mach kein Funny Business, ich versuch nichts.
Florian Bayer: Ja, aber es ist ganz klar und Minami ist eigentlich ständig in dieser Rolle, dass Menschen ihn sexuell oder romantisch bedrängen. Osaki macht das ganz, also es gibt diesen einen Rückblick, bevor die ganze Scheiße losgeht, wo Minami von seiner Beschneidung zurückkommt und sie sitzen im Auto, Osaki hat ihn offensichtlich abgeholt, weil sie sind ja Brüder und Osaki will unbedingt den beschnittenen Penis sehen. Und komplementiert sehr stark sein, sehr großes Gemächt. Ja, nicht nur er. Nicht nur er. Also Minami hat offensichtlich einen erstaunlichen Penis. Ja, ja, ja, ein Wunder der Natur. Auf jeden Fall gibt es da diesen Moment, wo Minami sexuell bedrängt wird und den gibt es dann ja auch mit der Herbergswirtin, die die Milch abfüllt, die zu Minami geht, als er im Bad sitzt und sagt, kann ich dir den Rücken einreiben? Und Minami sagt, nee, nee, lass mich in Ruhe. Und dann setzt sie sich zu ihm und sagt, dass sie so viel abgewiesen wird und fragt ihn, ob er vielleicht ein bisschen Milch gerne hätte. Oh Gott. Und fängt dann an, sich ihre Brust zu drücken und da auch Milch rauszudrücken. Ja. Visitor Q von Takashi Mika, da kommt das auch sehr viel drin vor, dieses Milchthema. Okay. Er scheint ein Milchthema zu haben, dieser Mensch. Ich weiß nicht, ob das ein Fetisch von ihm ist. Ich weiß auch nicht, was er damit erzählen will. Also offensichtlich hat er dafür irgendwie Interesse, dieses Mutterthema zum einen sexualisiert, weil wie sie das in dem Moment macht, ist das ja hochsexuell aufgeraden. Ja, ja, ja, ja. Dass sie will, dass er Milch trinkt, dass sie ihn irgendwie wie so ein Baby behandeln kann und gleichzeitig daran eine Befriedigung findet. Und dann wird es gleichzeitig zum Business, weil es wird halt gezeigt, wie sie das Zeug abfüllt mit ihrem Bruder zusammen. Da kommt noch dieses Inzestiöse mit rein. Wie sie mit ihrem Bruder zusammenlebt, hat sowas sehr krass Inzestiöses. Ja.
Johannes Franke: Der Typ ist auch, also der hat einen Schwamm im Kopf. Da ist nicht viel. Der kann nicht mehr viel sagen, kann sich nicht mehr viel wehren auch gegen die Schwester. Es ist schon so ein Igor.
Florian Bayer: Ohne diesen Typen hätte es den Film nicht gegeben. Echt? Harumi Sona.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der ist es, der, der den Gastwirt spielt. Das ist ein richtig alter und richtig bekannter. Also nicht bei uns. Aber grundsätzlich. Ein japanischer Schauspieler, der verdammt viel Zeug gemacht hat. Und der hat offensichtlich, ich kenne den nur aus diesem Film, aber offensichtlich hat er in sehr vielen Yakuza-Filmen mitgespielt und er hat immer die Person gespielt, die irgendwann sterben muss. Okay. Ist das so sein Rollenfach, ja? Ja, er war immer irgendwie, er war immer irgendwie die sterbende Nebenrolle und er wollte eigentlich mal einen typischen Yakuza-Film, in dem er nicht ins Gras beißt und hat sich deswegen bereit dazu erklärt, das Ding zu finanzieren. Wow. Also sein Geld war es, dass es letztendlich Takashi Miki überhaupt möglich gemacht hat, diesen Film zu drehen.
Johannes Franke: Oh Mann, kennst du solche Leute? Ich habe einen Haufen Geschichten in der Schublade. Gerne.
Florian Bayer: Und wenn ich jetzt bei IMDb gucke, komme ich auf 120 Filmen, die er mitgespielt hat. Wow. Seit den 70ern, 60ern. Moment, ich gucke mal gerade, wie weit ich zurückgehen muss. 60er, ja. Seit den 50ern. Ende der 50er hat er angefangen, Filme zu drehen. Krass. Genau, aber in diesem Film hat er einen Schwamm im Kopf. Und jetzt muss ich ganz kurz zu meinen Notizen gehen, was da alles passiert, weil die machen halt so komische Sachen die ganze Zeit während des Films. Es gibt ja diese Seance, die sie dann machen, ne?
Johannes Franke: Oh Gott, wir müssen da unbedingt drauf eingehen. Ich möchte einmal kurz ein Business Opportunity loswerden. Milch, die Milchpreise sind im Keller. Das wissen wir alle. Die müssen Käse daraus machen. Die müssen doch eigentlich Käse machen.
Florian Bayer: Oh, das ist so eklig, ne? Also, es ist tatsächlich nicht ganz so eklig, weil die Milch sieht nicht aus wie Muttermilch, ne? Ja. Also, Muttermilch sieht anders aus. Sie ist nicht so milchig, die ist etwas wässriger.
Johannes Franke: Bloß, es ist was ganz Natürliches. Ich weiß gar nicht, wieso du dich ekelst. Was ist denn los?
Florian Bayer: Du findest es, du fandst das auch ziemlich eklig, oder? Natürlich, total ekelhaft. Das sind echt, wir haben diese Szene, wo er sie überrascht, wo er in ihr Arbeitszimmer stolpert, wo sie die Flaschen abfüllen. Davor hat man ein Kind gesehen, dass das draußen auf der Straße trinkt. Und sie haben Tonnen an diesen Flaschen da stehen. Und sie füllen einfach ab. Also, es ist total unrealistisch. Es ist völlig unmöglich, dass sie so viel Milch los wird. Mehr als jede Kuh gemolken werden kann.
Johannes Franke: Und wie sie das macht, sieht auch völlig unrealistisch aus. Ja. Das liegt vielleicht an der Prothese, die sie da dran gepfropft haben und aus der dann die Milch kommen soll. Und sie dann vielleicht nicht so viel drauf drum drücken darf, weil das Ding sonst kaputt geht.
Florian Bayer: Sie hatten sehr viel Spaß mit dieser Prothese. Hast du ein bisschen Making-of-Aufnahmen gesehen? Nee. Es gibt ein paar Making-of-Aufnahmen, wo sie dann an dieser Prothese rumspüren und rumdrücken und Spaß haben. Nein, nein. Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Genau, diese Wirtin, die sagt, naja, mein Bruder Kazoo, der mit dem Schwamm im Kopf, ist ein Spiritist und kann Geisterrufen. Und du suchst doch irgendwie einen Toten. Und dann sagt sie, ich kann dir helfen dabei. Los, Kazoo, mach dich mal nackig. Und das ist übrigens, ich schreibe ja immer gerne auf, wann Sachen passieren. Das ist genau die Halbzeit des Films. Diese Geisterbeschwörung, wo sie ihren Bruder schlägt, wir hören Babygeschrei und man fragt sich, wo kommt das plötzlich her? Ja. Und irgendwann jagt sie ihn halt raus, weil er das nicht richtig macht. Und dann sitzt nur... Er sagt, er kann das nicht. Ja.
Johannes Franke: Er sagt ja, ich kann überhaupt nicht mit Geistern reden, was soll das? Und sie sagt, nein, du machst das jetzt. Alles für unseren Besuch. Wir wollen unseren Besuch zufriedenstellen, also machen wir das jetzt. Sie sind... Da hat sie das vorgeschlagen. Der Weg hat nicht drauf gekommen. Und ich finde das, also ganz am Anfang, als die Seance anfängt, habe ich gedacht, okay, mal eine andere Variante von Seance. Finde ich interessant, finde ich gut. Weil sie da so in der Gegend rumläuft und dann mit ihren Händen da irgendwelche Sachen veranstaltet und irgendwas sagt und dann anfängt, auf ihn einzuschlagen. Und ich denke, okay, das ist jetzt vielleicht... Braucht man das Initial, um dann loszugehen, das ist in diesem Universum, ist das einfach so. Finde ich eine interessante Darstellung von Seance. Und dann geht das Ganze so abwärts, dass ich denke, what the fuck? Sie schlägt einfach nur auf ihn ein und sagt, du musst das jetzt, du musst jetzt mit Geistern in Kontakt treten. Und er sagt die ganze Zeit, ich kann das nicht, was soll das? Und eigentlich finde ich das tatsächlich ein Beispiel dafür, auf welcher Messerschneider Takashi Mieke ist. Und eben 65 Prozent der Zeit auf der richtigen Seite landet, gerade so. Und eben den Rest der Zeit für mich eben auf der Seite landet, die ich nicht gerne ertrage möchte. Und deswegen ist er halt schwierig für mich. Aber ich finde, er hat so ein Einfallsreichtum in diesem Film bewiesen, dass ich das einfach nur würdigen kann.
Florian Bayer: Dieser Film steckt ja, und das sollte vielleicht nochmal gesagt werden, bei all dem Absurden steckt voller Humor. Der ist sauwitzig. Wenn der Pudel am Anfang umgebracht wird, der ja kurzer Killerhumpf, Hund Osaki, dann wird der umgebracht in einer absurden Slapstick-Nummer, wo er ihn in der Leine über seinem Kopf schwingt und dann gegen die Scheibe knallt. Und es ist natürlich total düster und böse, weil der Typ durchdreht und ein abends kleines Hündchen umbringt. Aber gleichzeitig passiert das in so einer krassen Comic-Manier, durch dieses Schwingen, dass du lachen kannst nur.
Johannes Franke: Ja, absolut. Und man fängt ja schon an zu lachen, wenn er sagt, der Hund da draußen ist ein Yakuza-Killer. Und dann kommen die raus und gucken sich den Hund an und das ist so ein kleines Chihuahua-Ding oder was das ist. Es ist wirklich sehr, sehr witzig. Aber das ist so düster natürlich zwischendurch und so brutal und so viel Gore-Momente, die ich dann halt nicht mehr ertrage.
Florian Bayer: Ja, es ist halt auch dieser ständige Wechsel und du weißt, also es gibt halt auch einfach diese Momente, wo du nicht genau weißt, ob er dich schockieren will, ob er dich ekeln will oder ob er dich wirklich zum Lachen bringen will. Und ich glaube, Takashi Miike weiß es selbst auch nicht, auch diese Milch-Szenen, weil natürlich haben die einen gewissen Schock-Value. Und du hast das Gefühl, viel wird auch für den Schock-Value gemacht und wenn man die filmische Vita von Takashi Miike kennt, weiß man, das ist auch einfach jemand, der gerne Gore einsetzt, der auf brutale Szenen in seinen Filmen steht. Aber gleichzeitig ist es halt alles so überzeichnet und so albern. Es ist halt ein Comic, auch streckenweise. Und wie Menschen hier sterben, ist halt auch immer drüber und immer merkwürdig. Und auch dieses, selbst wie Minami seinen Freund Osaki umbringt, was ja eigentlich eine Tragik-Szene ist, dass er ihn nun freiwillig umbringt, wir wissen gar nicht genau wann, aber es gibt diesen einen Moment, wo er nochmal scharf bremst und Osaki nochmal, der ohnmächtig ist gerade oder schläft, nochmal so nach vorne knallt, wo man dann auch lacht und dann stellen wir fest, oh fuck, er ist tot. Und es ist einfach so absurd, es ist so albern. Und dann auch dieses, warum ist er jetzt plötzlich tot? Also was ist da passiert, dass das gereicht hat, um ihn zu töten? Ist er vielleicht doch nur ohnmächtig und Minami kann einfach nicht vernünftig...
Johannes Franke: Ja, aber er hat die Augen offen, also der Reflex ist weg.
Florian Bayer: Ja, das stimmt. Aber es ist einfach merkwürdig. Und er wird ja auch später, wenn er im Auto zerquetscht wird, auf dem Schrottplatz landet, witzige Momente, die schräg sind.
Johannes Franke: Und das Interessante ist für mich beim Zuschauen, dass er irgendwie so ein bisschen darauf scheißt, das Ganze dramaturgisch fortzuführen. Er hat so eine Idee und die wird dann wieder fallen gelassen. Ich habe ganz oft das Gefühl, in etwas reingeworfen zu werden, in eine Idee, wie es weitergehen könnte und dann fällt das irgendwo hinten runter. Das ging dann nur um diese Idee. Man hat so das Gefühl, das ist eine Kindergeschichte. Also so ein Junge oder ein Mädchen, die dann da sitzen und sagen, ah ja, und dann fährt er da hin und dann, oh, und dann trifft er diese Frau. Und dann spielt die Frau überhaupt gar keine Rolle später mehr, weil das nur so eine kleine Idee war. Und dann sagt das Kind, ja, und dann fährt er da an diese Straße lang und da ist dann einfach ein Fluss. Und dann kommt er nicht weiter. Und weißt du, dann kommt eine Idee zur nächsten und irgendwie fragt man sich aber, ja, du hast so viele Ansätze für verschiedene Wege, wo du lang gehen kannst. Ich bin maximal verwirrt, aber irgendwie stört mich das nicht so sehr.
Florian Bayer: Es ist so ein bisschen dieses Storytelling, was ja auch einem jeder sagen würde, der die Drehbuchschreiben lehrt, erzähle keine und dann Geschichten. Wenn du einen Satz anfängst mit und dann hast du was falsch gemacht. Du musst Sätze anfangen müssen mit deswegen, weil, daher, daraufhin. Irgendwie, dass es einen logischen Fortgang gibt, dass das Ganze wie eine Kette funktioniert. Willkommen zum Masterclass.
Johannes Franke: Flor erzählt, was er von den großen Meistern des filmischen Erzählens gelernt hat.
Florian Bayer: Und hier ist es wirklich komplett und dann. Es passieren ständig Dinge, die einfach aufeinander folgen und es ist komplett unberechenbar. Ja, voll. Du weißt einfach nicht, was als nächstes passiert. Und egal, womit du rechnest, es passiert was anderes. Du kannst gar nicht mit dem rechnen, was da passiert.
Johannes Franke: Und als der aus dem Restaurant rausgeht zum Beispiel, denke ich, okay, das Restaurant spielt keine Rolle mehr. Ich habe jetzt so oft irgendwie Sachen kommen sehen und wieder gehen sehen, ohne dass sie wieder eine Rolle gespielt haben. Das Restaurant wird gar keine Rolle mehr spielen. Aber dann tatsächlich ist es doch nochmal wichtig, kommt er nochmal wieder und versucht da irgendwie noch mehr Informationen rauszufinden. Dieser eine Typ ist die ganze Zeit tot eigentlich seit drei Jahren.
Florian Bayer: Ja, Nozeki hat Angst vor den beiden. Aber er erzählt ihm dann ja, da gibt es diesen Moment, wo Nozeki da sitzt und wirklich Angst hat. Und ein rührender Moment zwischen dem coolen Yakuza Minami und Nozeki, wo er sagt, nein, es ist doch alles gut, du musst keine Angst haben. Und die tröstet so richtig liebevoll. Und dann erzählt Nozeki diese Geschichte. Ich habe diese beiden in den Restaurants. Die waren Bullis in der Highschool und haben mich deswegen geärgert. Und deswegen, aber nicht nur deswegen hatte ich Angst, sondern auch, weil der Besitzer des Cafés, der hatte einen Autounfall, der ist schon seit drei Jahren tot. Und das war ein Geist da und ich weiß nicht, was da passiert ist. Und es ist wirklich eigentlich ein rührender und gleichzeitig auch ein bisschen unheimlicher Moment. Aber dann öffnet sich halt im Hintergrund die Klotür und wir haben diesen kackenden Kazoo, der dann nochmal schreien. Dann halten sie sich die Nase zu und reden weiter. Was passiert ständig sowas?
Johannes Franke: Und das Ding ist, sie gucken aus dem Fenster raus, als ob dieser Raum dort wäre, aber der kann ja gar nicht dort sein, weil da ist ja eigentlich ein Fenster. Also Raum wird da komplett aufgelöst.
Florian Bayer: Ja, total. Und genau dieses Restaurant, auch dieses Telefonat, da sitzt ja dieser Typ im Restaurant und telefoniert über das Wetter und diskutiert mit jemandem, ob es denn gestern heiß war. Und ein wirklich intensives Streitgespräch darüber, ob es heiß war. Und das wird später wieder aufgegriffen. Er redet später nochmal mit jemand anderem und sagt, kannst du, glaub mir wirklich, der wusste nicht, dass es gestern heiß war. Aber es war doch gestern heiß, du hast doch ein T-Shirt getragen. Wie bescheuert. Und es ist wirklich ein großer Monolog, Dialogfetzen, der da in dem Film einfach platziert ist, wo es nur darum geht, ob es heiß war gestern oder vorgestern.
Johannes Franke: Okay, ich finde also solche Einschübe in diesem Fall tatsächlich irgendwie interessant und gut. Und mich führt dieser Film tatsächlich von einer Sache zur nächsten, ohne dass ich das unbedingt brauche, dass alles Sinn ergibt. Vielleicht schafft der Film mir das einfach von Anfang an zu verkaufen und zu sagen, du guckst dir jetzt einen Film an, der nicht immer Sinn ergibt und wo du nicht danach suchen musst, dass du dadurch geführt wirst. Er tut gar nicht erst so, als ob er ein klassischer Film wäre. Ich glaube, weil ich ja immer darüber so schimpfe bei anderen Filmen. Ich habe ja oft mit dir das Gestreitgespräch, dass ich sage, ich will aber das Sachen Sinn ergeben. Und in diesem Fall habe ich den Eindruck, dass mir der Filmemacher es sofort schafft, mich darauf einzustellen und zu sagen, komm mit auf die Reise oder lass es bleiben. Und da ich Lust habe, mit ihm mitzugehen, sage ich dann, ich lasse einfach alles fahren und schaue einfach, wo es hinkommt.
Florian Bayer: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen. Aber wohin? Oh mein Gott, Johannes. Ja? Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein! Shit! Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind.
Florian Bayer: Also auf Spotify oder Apple oder sowas. Beam, whatever, was ihr auch benutzt. Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen. Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau. Und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de. Genau. Schickt uns Filmvorschläge und so weiter. Boah, das... Oh, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch. Versuchen wir mal ein bisschen Sinn im Absurden und Surrealen und Unsinnigen zu finden.
Johannes Franke: Ah, ich weiß nicht. Müssen wir das? Naaah. Natürlich gibt es, wie bei das siebte Siegel, es gibt einen Haufen Zeug, wo man sagen könnte, ah, das hat diesen Hintergrund, das hat diesen Hintergrund. Ja, ich sehe da vielleicht ein bisschen Buddhismus, aber was soll das? Wozu sollte ich das hier sehen?
Florian Bayer: Kommen wir kurz zum Buddhistischen. Das ist ja tatsächlich spannend. Das ist ja im Titel drin, ne? Ja. Es gibt diese Wächter der Unterwelt von Diyu und zwar Mesu und Gozu. Mesu ist der Pferdekopf und Gozu ist der Kuhkopf. Und dem Kuhkopf begegnen wir ja auch in einer Traumsequenz wieder, die aber so eine klassische Oh-is-it-Traumsequenz ist, weil Minami bekommt einen Zettel überreicht von dem Kuhkopf, den er dann auch tatsächlich in der Realität danach hat. Auf jeden Fall waren das die Wächter der Unterwelt und diese Unterwelt ist so ein bisschen wie Dantes göttliche Komödie, so ein bisschen wie dieser Weg in die Unterwelt und zwar ist es so ein Irrgarten mit verschiedenen Ebenen, verschiedenen Räumen, wo auch Sünder sind, die für ihre Sünden büßen müssen und bestraft werden. Und beherrscht wird das ganze Ding von Niyama, der so eine Art Richter ist in dieser Unterwelt und gleichzeitig so eine Art Gott. Von Gozu gibt es verschiedene Geschichten, unter anderem, dass er nicht nur die Unterwelt bewacht, sondern dass er auch in unserer Welt weilt und zwar, wenn es Leute gibt, die es geschafft haben, aus der Unterwelt zu fliehen oder sich der Hölle zu entziehen. Und dass es seine Aufgabe ist, die Menschen, die noch da sind, die aber eigentlich nicht da sein sollten, zurückzuholen, in die Unterwelt zurückzuschicken. Und natürlich ist Gozu so extrem nah dran am Minotaurus und zwar nicht nur, weil es eben auch so ein Hybrid ist aus Stier und Mensch, sondern auch, weil er auch in einer Art Irrgarten lebt und weil er auch so was ist wie ein, weil er auch so mit Opfern, Opfergaben umgeht. Weil der Minotaurus hat ja, die mussten ja den Minotaurus irgendwie Opfer da bringen, die ins Labyrinth gebracht wurden. Genau. Und diesem Gozu, dem begegnen wir einmal kurz in dem Film, eben in dieser Traumsequenz. Aber natürlich bietet der Film schon so ein bisschen an, dass wir hier irgendwie einem, jemandem begegnen, der sich auf den Weg in die Unterwelt macht. Dadurch, dass Minami Tokio verlässt und auf dieses Land rausfährt, diese Stadt, in der er dann ist, dieses Nagoya, dieser kleine Ort, hat ja sowas komplett Bizarres und Verwobenes. Offensichtlich wandeln Tote darum und das wirkt fast sowas wie eine Art Vorhölle, in der er sich bewegt. Jetzt ist natürlich die Frage, was macht er in dieser Vorhölle und naheliegend ist, dass er da irgendwie eigentlich seinen Bruder retten will, dass er eigentlich Osaki retten will. Der irgendwie den Verstand verloren hat, der nicht mehr er selbst ist, zu dem Minami sich aber extrem hingezogen fühlt. Es wird in einem Dialog kurz angedeutet, dass Osaki Minami irgendwann mal das Leben gerettet hat und deswegen sein bester Freund ist. Ist Osaki eine Art Euridike? Dreh dich nicht um. Vielleicht? Ja? Es gibt ja offensichtlich irgendeinen romantischen Bezug zwischen Minami und Osaki und das, was man immer wieder findet in Interpretationen zu diesem Film ist, dass es ganz stark um diese Unterdrückung von Homosexualität in diesen Männerbünden gibt. Dass diese Männerbünde, wo Männer auf engstem Raum sehr eng miteinander leben, sich aufeinander verlassen, wo sich die Yakuza nicht sonderlich unterscheidet vom Militär oder von anderen kriminellen Organisationen und dass gleichzeitig Homosexualität als was Weibliches angesehen wird, als was Schlechtes, als was Feminines und Homosexualität dementsprechend unterdrückt wird und bekämpft wird. Und dass in diesem Film das halt erzählt wird, wie diese Homosexualität doch rauskommt in der Beziehung von Osaki und Minami. Ja, die Möglichkeit, eigentlich so eine witzige Fantasie, Sex mit seinem besten Freund in Frauen gestaltet.
Johannes Franke: Ja, also ich finde es interessant am Ende, weil es natürlich die ganze Zeit diese unterschwellige Sexualität hat, dass er seinen Bruder bzw. seinen besten Freund oder Kollegen sexuell begehrt irgendwie und das auf Gegenseitigkeit beruht, offenbar. Und dass das nur verwirklichbar ist, wenn sie als Frau wiederkommt und es vielleicht ein Social Commentary ist. Das ist das, was mir am Ende am ehesten, am realistischsten, am deutlichsten hängen bleibt. Dieser ganze buddhistische Kram mit den ganzen Figuren und so weiter, klar kann man alles recherchieren und so, aber und es deutet sich ja auch an, aber das finde ich noch der Realität am nächsten, das ist die Erkenntnis, die mir mit meiner Lebensrealität am meisten zu tun hat. Und das finde ich spannend, also als Kommentar einfach zu sehen, das Ganze.
Florian Bayer: Das ist ja vor allem auch spannend, weil es ja so in Wohlgefallen aufgelöst wird. Am Schluss, nachdem dann Osaki wiedergeboren wurde, sind sie plötzlich zu dritt, wer auch immer die Frau jetzt ist. Und dann sind sie dieses Dreiergespann. Und so wie die über die Straße pendeln, das ist so ein bisschen so ein Julien-Shim-Ding. Man kann sich direkt vorstellen, dass sie auch einen Dreier haben danach. Ja, natürlich, klar. Die sind so total glücklich und es ist wirklich schöne Romantik. Und Minami ist ja schrecklich eifersüchtig, als Osaki dann in Frauengestalt mit... ...dem Clan-Chef schnellst. Ja, ja, ja. Und Minami offensichtlich die ganze Zeit so ein total treuer Mensch, der absolut zu dem Clan steht, der die ganze Zeit versucht, das Richtige zu machen, rastet er einfach aus, bricht bei dem Clan-Chef ein... ...und bringt ihn um. ...und bringt ihn um. Und das, finde ich, ist auch was, was im Laufe dieses Filmes erzählt wird, dass Minami durch diese Vorhölle geht, um sich selbst behaupten zu können. Der findet sein Rückgrat irgendwie.
Johannes Franke: Ja, und das wird natürlich sehr stark unterstützt davon, dass er die ganze Zeit powerless ist, ne? So wie der in der Gegend rumläufend immer wieder von da nach dort geschubst wird und so. Der hat nichts von dem, bis zu einem bestimmten Punkt hat er nichts selbst angestoßen.
Florian Bayer: Ja, und er ist sehr bewusst so als Kontrast gezeichnet, ne? Der coole Yakuza mit Sonnenbrille und Hemd, der sich aber von allen rumschubsen lässt. Er wird ja wirklich, er wird von seinem Chef rumgeschubst, der ihn hin und her schickt. Ja. Er wird von Osaki rumgeschubst, der ihm sagt, was er machen soll. Und dann wird von den Leuten vom Gasthaus rumgeschubst. Es geht in diesem Ort weiter. Er ist eigentlich der, vor dem alle Angst und Respekt haben müssen. Er ist ein fucking Yakuza. Er ist jemand, der Menschen umbringt. Und dann lässt er sich aber von den Leuten wie Dreck behandeln. Und er lässt sich ein Getränk bringen. Er will einen Kaffee eigentlich nur und kriegt dann dieses komische Zeug dahingestellt. Ich weiß nicht, was es ist. Ich weiß es auch nicht mehr genau. Ja, irgendein japanisches Dessert oder so, ne? Ja, genau. Und er will es eigentlich gar nicht haben, aber er nimmt es dann trotzdem, weil sie sagen, geht aufs Haus und muss sich aber gleich übergeben. Er wird von dieser Frau extrem belästigt, extrem übergriffig und er kann sich nur zusammenkriechen, fast so in Embryonal halt.
Johannes Franke: Ja, er ist so wie so ein Kind, das keine andere Möglichkeit sieht, keinen Ausweg, keine Möglichkeit sich zu wehren hat. Ja. Hätte er eigentlich als erwachsener Mann. Nicht nur als erwachsener Mann, sondern vor allem eben auch als Yakuza-Gangster.
Florian Bayer: Er ist jemand, vor dem eigentlich alle Angst und Respekt haben müssen. Und dann gibt es diese ganz merkwürdige Szene, wo er, während er auf der Suche ist, will er, sagt dieser Chiroyama-Chef, ich helfe dir, aber nur unter einer Bedingung, du musst ein Rätsel lösen. Und dann stellt er ihm so ein total alberes Rätsel. Es ist so ein billiges, schlechtes Rätsel, hör mal. Wir als Rollenspieler, wir haben alle schon mal so ein Rätsel lösen müssen. Und ich als der, der sehr gerne Spielleiter ist bei BSA und so weiter, habe viel zu oft solche Rätsel gestellt.
Johannes Franke: Wir haben es so, ich habe echt die ganze Zeit gedacht, warum kaut der so lange auf diese Antwort rum? Das ist doch sofort klar, was gemeint ist. Und dann dachte ich natürlich, soll er irgendwie das Orakel sein? Und dann denke ich mir wieder, ist doch egal. Ist vollkommen egal, was er ist. Macht gerade Spaß und gut ist.
Florian Bayer: Ja, aber es ist halt auch, es ist auch wieder so perfekt passend auf ihn. Er hat wirklich eine wichtige Aufgabe. Er muss diese Leiche finden und dann wird er aufgehalten von diesem dummen Rätsel, von der Frage nach der Zeit, die dann noch die Lösung ist, dass um die Zeit gestohlen wird. Und er sitzt da verzweifelt wie so ein kleiner Schuljunge und knabbert über diesem Rätsel. Es zeigt halt, wie schwach er ist. Und das ändert sich so ein bisschen dann im Laufe dieses Films. Einfach dadurch, dass er durch diese Hölle geht. Zum einen, wie er mit Nosechi anwendet, dass er ihm irgendwie, also dieses gute Zureden mit Nosechi. Ich liebe diese Szene, wenn dieser Nosechi da sitzt und sagt, ich habe Angst. Und dann sitzt Minami neben ihm und sagt, du musst jetzt keine Angst mehr haben, das ist doch lange her und so. Und beruhig dich mal ein bisschen. Und es hat so was richtig Zärtliches. Und wie er dann sich halt wirklich auf den Weg macht und mit diesem geilen Bild auf Suche geht, ist dir aufgefallen, dass das Bild sich ständig ändert? Er hat diese Zeichnung von Osaki, die am Anfang nur so eine Strichzeichnung ist. Und dann kommen ein bisschen Farben dazu.
Johannes Franke: Ich finde es sowieso absurd, wie der dieses Papier mit dieser Zeichnung irgendwelchen Leuten vor den Nase hält und sagt, hast du diesen Mann gesehen? Und man kann nichts, also er hat keine Special Features. Er sieht aus wie jeder andere Mensch, weil es einfach nur eine Strichzeichnung ist. Und alle so, oh ja, den habe ich gesehen. Oder nee, den habe ich nicht gesehen. Und keiner sagt mal, hallo, kannst du mal sagen, ob der einen Bart hat, ob der irgendwie ein bisschen detailliert hat. Aber ich finde es wahnsinnig witzig. Es gehört nicht zu den Filmen, wo ich denke, nee, das musst du anders machen, sondern ich denke, die ganze Zeit passt wunderbar rein.
Florian Bayer: Und dann findet er auf dieser Suche, während dieser Suche findet er das Rückgrat, dass es ihm dann nachher hilft, sich dem Clan-Boss zu stellen und den umzubringen, dem er absolut loyal war. Und das ist ja wirklich was Krasses in der Yakuza ist ja wirklich so das. Das sind die Unantastbaren. An die gehst du nicht ran, an diese alten Clan-Chefs. Das ist dein Daddy.
Johannes Franke: Aber überlegen wir mal, wie er es geschafft hat, dass der dann tot ist. Der ist ja zu 90 Prozent selbst schuld. Ja, das stimmt. Mit seinem Löffel im Hintern. Ja. Also was der für Voraussetzungen vorher geschaffen hat, damit er dann auch wirklich umgebracht werden konnte. Der Typ hat sich ja von oben runter abgeseilt und wollte da heldenhaft ins Fenster hineinschwingen. Keine Chance. Der hängt da hilflos davor und muss gerettet werden. Vom Boss, der ihn reinlässt. Um dann irgendwie sich da rein zu quatschen, dass er ihn dann noch umbringt. Aber vor allem dadurch Hilfe bekommt, dass er sich auf seinen eigenen Löffel draufsetzt, der sich dann in seine Prostata schiebt und ihn qualvoll sterben lässt. Und er hilft dann halt noch mit Strom nach, was sehr trashig aussieht mit diesen Blitzen, die sie da reingebaut haben. Aber naja. Und dann ist sie auch noch beeindruckt, beziehungsweise er, sein Bruder, in Frauengestalt. Und irgendwie geht es dann aufs Happy End zu, wenn dann nicht nochmal diese blöde Geburt wäre.
Florian Bayer: Aber das ist ja das Happy End. Das ist ja auch wichtig fürs Happy End. Minami ist dann ja auch immer noch so ein bisschen zögerlich beim Sex mit Osaki, wo man gar nicht genau weiß, was ihn zögern lässt. Ja, weil er so ein großes Gemächt hat. Er hat Angst, sie aufzuspießen. Oh Gott. Wirklich? Ja. Das ist das, natürlich. Und warum wird Osaki dann wiedergeboren? Du darfst nicht warum fragen, Flor. Was machst du denn hier? Du gibst mir so einen Film und stellst dann solche Fragen. Ist es sein Sperma? Erzeugt er seinen Bruder? Ja, natürlich. Auf jeden Fall. Okay. Dann gut, nur um das klarzustellen, weil was anderes wäre ja auch absurd. Genau.
Johannes Franke: Das ist schon wichtig. Sie muss ja, um jemanden zu gebären, muss sie ja befruchtet werden.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das ist schon wichtig.
Florian Bayer: Um mal im Logischen zu bleiben. Absolut. Sollten wir bleiben. Aber ich sehe das schon so als, wir haben hier eigentlich eine göttliche Komödie. Wir haben hier einen Weg durch die Unterwelt.
Johannes Franke: Wir haben eine göttliche Komödie.
Florian Bayer: Eine göttliche Komödie, im wahrsten Sinne des Wortes. Ja. Einen Weg durch die Unterwelt, in diesem Fall eben dieser Ort, in dem er sich befindet, Nagoya. Ja. Und auf diesem Weg durch die Unterwelt, auch mit dem Wächter Gozu konfrontiert, findet er quasi sich selbst und endlich die Fähigkeit aufzustehen und für das einzustehen, was er will. Und das heißt, er will Osaki ficken. Er will seinen Boss umbringen.
Johannes Franke: Das sind wichtige Dinge. Das sind im Grunde die Motivationen, die ja auch alle Geschichten aus dem alten Griechenland haben, oder? Es geht doch auch nur um Sex.
Florian Bayer: Ja, ich finde, die griechische Mythologie ist deswegen so langweilig, weil es immer nur darum geht, dass Zeus irgendeine Frau in irgendeiner Tiergestalt pimpern will und dann irgendein Sohn gezeugt wird oder eine Tochter, die dann später irgendwo einen Krieg anfängt und stirbt. Also haben wir im Grunde eine alte griechische Tragödie vor uns? Ja, wir haben keine Tragödie, sondern eine Komödie. Aber wir haben auf jeden Fall, ja. Okay. Wahrscheinlich eher altbuddhistisch, aber wir kennen uns zu wenig mit Buddhismus aus. Alice im Wunderland wird auch oft eingeworfen bei der Interpretation. Das stimmt, ja. Was natürlich logisch ist, weil Alice im Wunderland auf jede bizarre Welt, die beiden sind, ja gepasst. Insofern, ja, es ist jetzt einfach naheliegend, aber ich meine, ja, nimm irgendein absurdes Szenario und dann hast du dieses, wir sind nicht mehr in Kansas, was Alice im Wunderland ist. Das ist nicht Alice im Wunderland. Sondern das Zauberer von Ost, aber was auch so ist.
Johannes Franke: Ja, aber das Schöne ist, dass er ja im Film jetzt auch die ganze Zeit gesagt bekommt, du kommst nicht von hier, oder?
Florian Bayer: Ja, es wird ständig gesagt. Natürlich, weil er in dieser Unterwelt eigentlich nichts verloren hat. Ja, der ist aus Tokio. Er ist ein Yakuza. Was hat er da zu suchen? Warum legt er sich da mit dieser Frau und mit diesem Ochsen an? Ja.
Johannes Franke: Haben wir hinreichend über dieses seltsame Gasthaus geredet? Ich glaube schon. Wir könnten uns vielleicht auf unsere Top 3 hinarbeiten. Denn in dieser Top 3 haben wir... Unsere Top 3... Seltsame Herbergen für die Nacht?
Florian Bayer: Ja, finde ich absolut logisch. Passt gut dazu. Okay, okay. Das Problem ist, wir haben... In diesem Film passieren so viele Sachen, zu denen wir schon Top-Listen haben. Weil jetzt nochmal eine Top 3 mit surrealen Filmen... Ja, nein. Haben wir schon tausendmal durch, ne? Ja.
Johannes Franke: Okay, wer muss denn anfangen? Du musst anfangen. Scheiße. Ich hätte auf meinem Platz 3 Fawlty Towers. Ja. Don't mention the war. Genau, don't mention the war. Fawlty Towers, eine der großartigen Serien von John Cleese, was ein paar Seasons gelaufen ist. Ein paar Staffeln wahnsinnig witzig und absurd. Und der versucht die ganze Zeit irgendwie den großen Hotelchef raushängen zu lassen, ist aber der größte Depp aller Zeiten. Also insofern sehr passend für John Cleese. Ja, fantastisch gespielt von ihm. Ja.
Florian Bayer: Schön, ja. Mein Platz 3. The Lobster von Georgios Lantimos aus dem Jahr 2015, wo Singles in ein Hotel gebracht werden und in diesem Hotel innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden müssen. Und wenn ihnen das nicht gelingt, werden sie in ein Tier verwandelt. In einen Lobster? Unter anderem. Genau, der titelgebende Lobster. Ich glaube, einer von den Protagonisten wünscht sich, in einen Lobster verwandelt zu werden. Er hat dann sehr gute Argumente dafür, warum Lobster eigentlich ganz gut ist. Und der Film spielt in diesem Hotel. Ist ziemlich bizarr, surreal, typisch Lantimos, sehr langsam erzählt und mit Corinne Farrell. Und ja, das Hotel ist total schräg, die Umgebung ist total schräg, der Film ist total schräg, absolut sehenswert. Mein Platz 2. Rocky Horror Picture Show. Yay!
Johannes Franke: Hab ich dir einen Platz weg gemacht? Let's do the time war again. Nee, aber hätte ich nehmen können. Du hast es nicht in der Liste? Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass wir beide einfach auf Platz 1 haben und gut ist. Na gut. Okay, ja, ich muss nicht viel dazu sagen, oder? Rocky Horror Picture Show kennt so ziemlich jeder. Die standen da in diesem Haus, versuchen über Nacht da unterzukommen und da sind die seltsamsten Gestalten unterwegs. Es ist großartig.
Florian Bayer: Ja, fantastisch einfach. Den müssen wir irgendwann mal gucken, den musst du vorschlagen. Du bist der Musical-Experte von uns beiden. Na gut. Du musst Rocky Horror Picture Show vorschlagen. Dann mach ich das wohl mal bald. Mein Platz 2 jetzt, I'm turning Japanese. Ich hab zwei japanische Filme. Okay, okay. Platz 2, Happiness of the Katakuris, ein weiterer Takashi Mieke. Ich hab's vorhin schon ein bisschen angeteasert, der Film spielt in einem Gasthaus, das von einer Familie geführt wird, das irgendwo in den Bergen auf dem Land in Japan liegt und da passieren merkwürdige Dinge und es gibt viele tolle Musical-Nummern, es gibt viel Tod, es gibt viel Leid, es gibt viel Glück, es ist alles dabei, was man braucht, um einen wunderschönen Abend zu verbringen. Wahrscheinlich der beste japanische Heimatfilm, der je gedreht wurde. Aus dem Jahr 2002.
Johannes Franke: Okay. Ich hätte auf meinem Platz 1 eine Folge Doctor Who. Oh, ja, du mit deinem Doctor Who vorhin. Ich muss, ich, also irgendwie. Egal welches Thema ich dir vorschlage, was von Doctor Who findet sich immer. Es findet sich immer was. Und zwar hätte ich die Folge The God Complex. Da sind sie in einem Hotel gefangen, die TARDIS ist weg, sie kommen nicht mehr raus. Vorne die Tür ist auch zu in dem Hotel und ein paar, eine Handvoll anderer Gäste ist auch da, die alle schon eine ganze Weile dort sind, wenn die da ankommen und Horror erlebt haben. Für jeden der Gäste, die dort sind, ist ein Zimmer reserviert und hinter der Tür zum Zimmer erwartet ihnen die größte Angst ihres Lebens. Ui. Und dann versuchen sie natürlich möglichst nicht in dieses Zimmer zu gehen. Aber es gibt eine Stimme, die allen einflüstert, geh zu deinem Zimmer, stelle dich. Und einer nach dem anderen verfällt dieser Stimme, geht da rein und wird dann von einem großen Monster, das nicht hinter der Tür lauert, sondern da wartet die größte Angst. Aber dann kommt noch so eine Art Minotaurus und verschleppt dann diesen Menschen. Und aus der Situation müssen sie rauskommen.
Florian Bayer: Doctor Who Episoden klingen auf dem Papier immer so gut. Es ist großartig. Und dann gucke ich sie und denke, oh. Ja, Flore, du hast keine Ahnung, was gut ist. Als du mir damals die Van Gogh Episode aufgegeben hast, die klang super auf dem Papier. Die ist großartig.
Johannes Franke: Dann habe ich die geguckt und dachte, nein, es ist die beste Episode aller Zeiten. Meine Güte. Und wenn das die beste Doctor Who Episode ist, kann mich keine andere mehr kriegen.
Florian Bayer: Ach man, Flore. Mein Platz 1. Hausu aus dem Jahr 1907. Ich habe mir fast gedacht, dass das noch in deiner Liste kommt. Von Nobuhiko Obayashi haben wir in diesem Podcast, in der Anfangszeit unseres Podcasts besprochen. Ja, ganz am Anfang, ja. Eine ziemlich verrückte Mischung aus Teenie-Comedy-Bizarrerie mit Horrorelementen, Geistergeschichte, wo ein paar Schulmädchen im Haus von der Tante von einem der Mädchen sind und dann geisterhafte Erscheinungen erleben.
Johannes Franke: Ich glaube, der Fakt, dass es Schulmädchen waren, die dort die Hauptrolle spielen, in einem sehr japanisch-typischen Schulmädchen-Outfit-Ding, wo man die ganze Zeit denkt, die werden da so hart sexualisiert auch noch, hat mich am meisten verstört in dem Film.
Florian Bayer: Wir haben da relativ lange drüber diskutiert und ich habe ja versucht, stark zu machen, dass es gar nicht so krass ist mit der Sexualisierung. Dass es im letzten Drittel ein bisschen ist und davor eigentlich gar nicht, sondern dass es davor einfach nur bunt, kitschig und unschuldig, naiv und wunderschön ist.
Johannes Franke: Na ja.
Florian Bayer: Ich glaube, du warst dem Film nicht komplett abgeneigt. Nein, das stimmt. Ich hatte auch gute Sachen daran. Das stimmt. Ich sollte dir öfter schräge japanische Filme geben und weniger europäische Arthouse-Filme. Ich glaube, damit treffe ich eher deinen Nerv. Ja, zumindest zu 65 Prozent wie bei diesem Film. Ja, jetzt sag doch mal, was die 35 Prozent sind, die dich nerven.
Johannes Franke: Naja, der ganze Gore. Ich will das nicht sehen, wie jemand geboren wird. Nicht in den Beteilen, nicht in der Art und Weise, nicht mit dem ganzen Glibber, der da noch mit rangeflatscht wurde. Und auch diese ganzen Milchsachen, dieses, alles was daran ekelhaft ist, wollte ich einfach nicht gucken. Das war alles.
Florian Bayer: Aber Milch und Geburt ist doch nicht Gore. Gore ist Gewalt. Das ist was sehr Natürliches, hast du selbst gesagt. Die Geburt ist was Wunderschönes. Du fandest die Milch ekelhaft. Ja, die Milch ist ekelhaft, aber nicht Gore, die ist nicht gewalt.
Johannes Franke: Aber ich fand, ja, ich weiß nicht. Also ich fand es wirklich einfach sehr unangenehm in diesen Situationen. Und ich will mir das einfach nicht angucken müssen. Ich fand die Ideen, den Ideenreichtum wirklich sehr, sehr cool, sehr, sehr interessant. Und mich hat überhaupt nicht gestört, dass alles keinen Sinn ergeben hat. Ich wollte dem gerne zugucken, wie der da in der Vorhörle rumtapert.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber echt, die Gewalt ist so ein Dauner für dich. Ja, genau. So Gewalt und Innereien. Aber die Innereien in der Tonne. Ja.
Florian Bayer: Die haben seine Organe aufgehoben.
Johannes Franke: Ja. Aha, was? Also das sind so Sachen, wo ich einfach sage, nee, nee, das muss nicht sein. Und wenn irgendwelche Fingernägel auf dem Boden langkratzen.
Florian Bayer: Ah, fuck, ja, das war eine eklige Szene.
Johannes Franke: Ah, das tut weh. Das macht man nicht. Daran will ich mich nicht erinnern. Das will ich nicht sehen. Und genau das sind die Sachen. Ansonsten, you're in for a treat, wenn du das verstehen kannst, wenn du damit klarkommen kannst, wenn du das gerne guckst, es ist einfach schön. Lass einfach alles an Erwartungen fahren, was irgendwie einen konsistenten Film ausmacht.
Florian Bayer: Du, der diesen Film betritt, lass alle Erwartungen fahren. Ja, genau. Okay, also kann ich verstehen, das ist ja auch, deswegen habe ich dir auch nicht E.T. the Killer gegeben. Danke. Weil den hättest du wirklich nicht ertragen, der wäre dir echt zu unangenehm gewesen. Schade, ich dachte tatsächlich, dass die Gewalt, also natürlich gibt es in diesem Film die Gorn-Splitter-Effekte.
Johannes Franke: Ja, aber du hast mir schon Wizard of Gorn gegeben und da schon gehofft, dass ich damit klarkomme, weil das nicht realistisch ist. Und ich komme nicht damit klar, weil es mir viel zu nah geht. Ich komme damit nicht klar.
Florian Bayer: Krass, auch in so einem Film, auch in so einem bizarren Setting, wo alles irgendwie so überdreht ist. Will ich nicht, will ich nicht. Und das macht wirklich viel aus bei dir, ne? Also das ist vielleicht auch ganz gut als Warnung für alle da draußen, wenn euch Gewalt und so Splatter und sowas unangenehm ist, ist dieser Film einfach auch nichts für euch. Ja, definitiv. Selbst wenn da ganz viel Tolles drumherum passiert, kann das runterziehen offensichtlich.
Johannes Franke: Ja. Aber vor allem, weil es sich auch auf das letzte Drittel konzentriert. Und das letzte Drittel ist ja nun wahnsinnig wesentlich für deine Retrospektive auf dem Film im Nachhinein. Und wenn du dann überlegst, was war denn in dem Film, erinnerst du dich vor allem an den letzten Drittel?
Florian Bayer: Ja, natürlich.
Johannes Franke: Das ist nicht, das vergisst man nicht.
Florian Bayer: Und das ist wirklich hart. Wenn ein Mann aus einer Frau geboren wird, im Making-Off sieht man übrigens, wie sie das gemacht haben. Sie haben das ganz toll gemacht. Mir wäre es nicht aufgefallen. Die Beine sind falsch, oder? Die Beine sind falsch. Mir ist es nicht aufgefallen im Film. Mir ist es aufgefallen. Und dann haben sie ihn natürlich von unten aus dem Boden rausgekommen. Und dann gibt es diese witzige Szene im Making-Off, wo er halt so rauskommt. Und irgendjemand, ich glaube es ist Takachi Mieke, selbst sagt, wir brauchen mehr Cliver. Und er grinst so und wird dann mit irgendwelchem schleimigen Zeug eingerieben. Damit wir natürlich das realistische Geburts, er müsste viel mehr Blut an sich haben.
Johannes Franke: Ja, viel mehr. Ja, aber nee, das ist alles nicht. Das sind die unangenehmen Sachen, die ich nicht mag an dem Film, die ich auch nicht hätte haben müssen. Die auch nichts mehr mit der Fantasie zu tun haben, die mich den Film über sehr anspricht. Ja. Und die Absurdität. Ich finde, er findet in so vielen schönen Szenen die absurdeste Möglichkeit, da rauszugehen. Dass ich wirklich Hut ab davor. Aber die ganzen Splatter-Sachen und Gewalt und so, das ist nicht meins.
Florian Bayer: Ich versuche es dir noch einmal zu erklären, was mich daran fasziniert. Okay. Und ich glaube, ich habe es schon ein paar Mal versucht und ich glaube, ich werde auch wieder scheitern. Weil es ist natürlich, das muss man erst mal verteidigen, wenn man sagt, ja, ich stehe auf sowas. Ich gucke sowas gerne. Ich finde sowas gut. Weil natürlich kommt dann die Frage, warum zur Hölle? Ich glaube, so physische Extreme im Film haben die Möglichkeit, zum einen was Kathartiges auszulösen. Also tatsächlich, wenn du Angst hast vor Schmerz und ich bin jetzt wirklich jemand, der Angst vor Schmerz hat. Ich mag keinen körperlichen Schmerz. Ich versuche mir aus dem Weg zu gehen. Ich habe Angst vor jedem Zahnarztbesuch. Dann hat das sowas Kathartiges, wenn du es in Filmform siehst. Das ist eine. Und das Zweite, was glaube ich viel wesentlicher ist, ist, dass physische Extreme natürlich auch dazu dienen, Ausnahmesituationen, Extremsituationen darzustellen und abzubilden. Und wenn extreme Dinge in der Welt passieren, willst du das auch irgendwie extrem darstellen, um die Essenz davon einzufangen. Um so ein Beispiel ganz tief aus der Historie zu nehmen, nehmen wir halt die expressionistische Kunst oder meinetwegen auch die Kunst von Picasso. Was damals über Gernica geschimpft wurde, weil es so äh ist und weil es so schrecklich ist und so brutal. Damit wird ja was ausgedrückt mit diesem Extrem. Oder auch sowas wie Bosch, der Garten der Lüste, das ist ja auch so total überladen und Gewalt und Sex und alles ist drin. Aber damit werden halt auch krasse Themen ausgedrückt. Angst vorm Tod, Angst, keine Ahnung, sexuelle Unsicherheiten, verborgene sexuelle Wünsche, verborgene romantische Wünsche und so weiter. Das sind ja starke, große Themen. Das berührt ja wirklich so die Essenz des Menschlichen. Und wenn das mit starken Bildern flankiert wird, dann wird eben auch die Größe von diesen Themen deutlicher, als wenn sie nur in so einem Weichzeichner gezeigt werden.
Johannes Franke: Ja, ich gebe dir vollkommen recht. Wenn man das ertragen kann, wenn man das schafft, damit klar zu kommen und daraus dieses Kathartische zu ziehen, dann ist das vollkommen okay. Ich finde, es hat auch seine Daseinsberechtigung absolut. Gerade wenn das mit so viel Fantasie gepaart wird, wie bei Takashi Miike in diesem Fall. Es gab mal eine interessante Untersuchung, dass Leute, die so Ballerspiele spielen, so extreme, aber eben nicht nur einfach nur First-Shooter, wie heißt das Ding? First-Person-Shooter. First-Person-Shooter-Dinge, sondern schon ein bisschen mit ein bisschen mehr Nachdenken. Aber diese Horrorspiele, Videospiele, die kennt man ja. Diese Leute, die sind untersucht worden auf so Weltuntergangsszenarien hin, auf realistische. Was passieren würde, wenn? Die sind wahnsinnig viel besser vorbereitet auf solche Szenarien als alle anderen. Man muss nur genug Zombiefilme geguckt haben, dann würde man jede Apokalypse überstehen. Und das ist nicht nur im praktischen Sinne, im Sinne von, ich weiß, was ich tun muss, ich weiß, wie ich Feuer mache oder was auch immer, sondern psychisch. Die sind einfach dadurch, dass sie es tausendmal durchgespielt haben, im Kopf in der Lage, damit umzugehen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und das finde ich sehr interessant. Und das unterstreicht das, was du gerade gesagt hast, ne, mit diesem, man guckt sich das an und es gibt einen Stellvertreter, der das für dich erlebt, ohne dass du es selbst erleben musst.
Florian Bayer: Es findet ja gerade bei Horrorfilmen, und ich warte eigentlich drauf, dass das bei dir auch irgendwann passiert, weil ich werfe dir ja öfter mal Horrorfilme zu, seitdem wir das machen. Ja. Es findet ja so eine Gewöhnung statt. Und die negative Kehrseite ist halt, viele würden das auch Abstumpfung nennen. Und dann wird ja auch sehr gerne argumentiert gegen Killerspiele oder gegen Horrorfilme, dass Empathie verloren geht, dass man abstumpft, dass man einfach eine gewisse Ignoranz gegenüber von Gewalt entwickelt und dann vielleicht auch jemandem, der verletzt auf der Straße liegt, nicht mehr hilft, weil man abgestumpft ist. Aber ich glaube, dass es keinerlei Untersuchungen gibt, die das wirklich unterstützen. Nein, überhaupt nicht. Das ist voll das konservative Argument. Ich glaube, das ist ein totaler Strommann. Ich glaube, man kann, ich glaube, ich kann das unterscheiden. Und ich glaube, die meisten, die sowas rezipieren, können das unterscheiden. Ja, ja. Und was aber natürlich auch heißt, vielleicht sind sie dann gar nicht so gut psychisch darauf vorbereitet, wie der Extremfall aussieht, weil ich kann noch so viele abgetrennte Gliedmaßen sehen in einem Film. Ich wette mit dir, ich würde mir sofort in die Hose machen, wenn ich sehe, wie jemand der Arm abgehackt wird auf der Straße. Ja, ja, klar. Und würde heulen und mich in die Ecke verkriechen. Ich glaube nicht, dass meine Filme mich darauf vorbereiten, sowas in echt zu sehen.
Johannes Franke: Ja, weiß nicht. Ich weiß auch nicht, was die Untersuchung genau gemacht hat. Ich habe nur das mal gelesen und habe mich darüber sehr gefreut, weil ich gedacht habe, okay, man setzt dem mal was entgegen, was du sagst, diesen Strommann von Abstumpfungen und so.
Florian Bayer: Ich finde, es gibt auf jeden Fall auch, ganz unabhängig davon, es gibt irgendwie so ein ästhetisches Phänomen der Gewalt in der Kunst, das faszinierend ist, das man auch vielleicht gar nicht rechtfertigen muss. Das ist halt einfach, es werden, die Kunst stellt Dinge dar, ganz banal. Die Kunst ist eine Darstellung von Phänomenen, Gewalt ist ein Phänomen, also wird Gewalt auch in der Kunst dargestellt. Alles, was irgendwie im künstlerischen Rahmen passiert, will rezipiert werden. Und deswegen will man auch, also es gibt gar kein, es muss gar kein Ziel geben, sondern man will einfach die Gewalt sehen, weil die Gewalt im Rahmen der Kunst stattfindet und die Gewalt einfach ein Phänomen im Rahmen der Kunst ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und vielleicht brauche ich es gar, vielleicht kann ich es auch, ich kann es wahrscheinlich gar nicht so genau erklären, aber es gibt irgendwie was Faszinierendes, auch einfach im Film Gewalt zu sehen und Splatter und so weiter.
Johannes Franke: Ich glaube, es hat jeder so seine eigene Variante von Gewalt, mit der er gut klarkommt. Jeder hat da andere Möglichkeiten damit umzugehen, mit verschiedenen Arten auch der Gewaltdarstellung umzugehen. Es gibt ja genug Filme wie Kevin Alleyne zu Hause, wo Gewalt sehr slapstickartig harmlos dargestellt wird. Der Typ wäre von dem Bügeleisen, was ihm da auf Gesicht fällt, wäre eher gestorben unter Umständen. Aber das wird natürlich nicht dargestellt. In dieser Welt gibt es diese Konsequenzen nicht.
Florian Bayer: Also ich reagiere ja auch auf Gewalt in Filmen. Und zum Beispiel ein Film, über den wir vor kurzem gesprochen haben, Banshees of Inner Sheeran. Ah ja. Da fand ich die Gewalt deutlich schwerer zu ertragen als bei diesem Film.
Johannes Franke: Definitiv, weil die sehr realistisch ist und so nah an der dran ist. Sie macht keine Comic-Übertreibung in der Form wie in diesem Film hier. Und ich glaube, das ist die Distanz, die man als Filmemacher sehr bewusst einstellen muss, wie so ein Stellrad. Wie stelle ich das ein, wie viel Realismus und wie viele abstrakte Einstellungen habe ich?
Florian Bayer: Ja, es ist halt immer so ein bisschen die Frage, was hat einen bestimmten Impact auf dich? Also ich finde es grundsätzlich in Filmen extrem schwierig zu ertragen, wenn Charaktere hilflos sind oder ohnmächtig sind. Das finde ich mir total schwer wahrzunehmen. Bei dem Film lustigerweise, die Gewalt war nicht darauf bezogen, sondern die Macht von den Protagonisten war eher außerhalb des Gorts und Splatters, der dann nachher passiert. Stimmt. Und ich glaube deswegen, es gibt Filme für mich, wo viele, glaube ich, sagen wir noch, ist doch nix, ist doch entspannt, für mich deutlich schwerer zu ertragen sind. Und dann wiederum gibt es so Filme, die voll sind mit Splatter und Gor und alle möglichen Organe fliegen durch die Gegend. Wo ich sage, ja, passiert ja nichts Schlimmes, es ist ja nur ein bisschen Blut. Oh Gott, oh Gott.
Johannes Franke: Ja, okay, so sind wir alle unterschiedlich. Deswegen kann man schwer eine Sehempfehlung oder eine Nicht-Sehempfehlung aussprechen. Das müsst ihr selber entscheiden, müsst ihr selber für euch einschätzen.
Florian Bayer: Falls ihr ihn nicht gesehen habt, seid ihr jetzt vielleicht soweit vorbereitet, dass ihr denkt, oh ja, ich habe voll Bock, den zu gucken. Weil wir haben viel drüber geredet, wir haben jetzt auch sehr viel schon von dem erzählt, was passiert. Und trotzdem ist es ein Erlebnis. Selbst wenn man weiß, dass da schräge Sachen passieren werden, es ist ein totales Erlebnis.
Johannes Franke: Und vielleicht ist man sogar noch ein bisschen besser vorbereitet auf manche Sachen. Ich zum Beispiel habe viele Sachen während des Guckens am Anfang nicht verstanden. Ob die jetzt Brüder sind oder nicht, was der Auftrag ist, wo es hingehen soll und so. Also das findet man teilweise noch im Film raus und teilweise aber auch erst in der Recherche. Also es gibt wirklich Sachen, die man nicht so sofort versteht. Vor allem, weil man das im Original guckt mit Untertiteln und dann auch immer mal wieder was verpassen kann. Ja, aber genau, ganz wichtig, guckt es im Original mit Untertiteln. Es gibt eine schreckliche deutsche Synchronfassung. Echt gibt es? Ganz schreckliche. Habe ich nicht gefunden. Ich habe über Archive, hier Internet Archive geguckt. Und das ist nur eine Sehempfehlung, der ist gut, die Version.
Florian Bayer: Grundsätzlich, Archive.org ist gut, wenn es um obskure Filme geht. Und meistens natürlich für ältere Filme, aber auch für neuere. Wo es auch merkwürdig ist, dass niemand da mal sagt, ja, mach das da weg. Ja, genau. Aber Archive.org, das sind nämlich Leute, die sich wirklich Mühe geben, Filme zu archivieren. Ansonsten, ich meine, der Film heißt ja auch, also der Untertitel neben Gozu ist ja großes Yakuza-Horror-Kino. Und vielleicht ist es genau das auch. Es ist letzten Endes eine Geisterbahnfahrt. Wer Bock auf Geisterbahn hat, im sehr speziellen Sinne. Ja. Tut's. Johannes, danke.
Johannes Franke: Flo, ich danke dir für diesen Film. Ich bin natürlich mit den 35 Prozent gar nicht einverstanden. Und ich frage mich immer wieder, warum du mir sowas gibst. Aber bei den anderen 65 Prozent, ich bin froh, dass ich sie sehen habe. Weil wirklich eine ganz andere Art und Weise eine Geschichte zu erzählen und einfach eine Geisterbahn. Das ist genau das Richtige, Geisterbahn durchzugehen.
Florian Bayer: Aber ich wollte dich ja eigentlich fertig machen, weil du das Sitz des Siegel nicht mochtest. Wenn ihr wissen wollt, wo Johannes mich nächste Woche fertig machen wird, bleibt dran. Ich bin auch schon sehr gespannt. Ja, mal gucken. Und ansonsten, vielen Dank euch fürs Zuhören. Bleibt uns gewogen oder wie sagt man das immer? Bleibt gesund, das wäre vielleicht das Bessere. Habt eine fantastische Woche und wir sehen uns nächste Woche mit dem Film, der jetzt nach dem Jingle angeteasert wird. Bis dann. Ciao. Ciao.
Johannes Franke: So, Flo, da gibt's noch was. Ja, bitte. Hausaufgaben für dich. Ich will dir natürlich nichts antun. Du hast versucht, mir was anzutun. Es hat nicht geklappt. Ich versuch's gar nicht erst. Ich geb dir was, von dem ich ziemlich sicher bin, dass du's magst und dass du's vielleicht auch gesehen hast schon. Was ein bisschen schade wäre. Aber Night on Earth ist einfach ein sehr, sehr guter Film. Ach, hab ich schon gesehen. Aber trotzdem. Schön, es ist ewig lange her. Hab ich auch nur einmal gesehen, glaube ich. Okay. Night on Earth von Jim Jarmusch aus dem Jahre 1991. Fünf kleine Vignetten, die zu einem Film zusammenkommen mit der Musik von Tom Waits. Ja, und mit ganz vielen großen DarstellerInnen. Ja, ja, ja, Juanana Weider ist dabei. Armin Müller-Stahl. Armin Müller-Stahl, ja. Roberto Benigni. Ja, genau. Also, es sind wirklich tolle, spannende Leute dabei. Und ja, wir müssen uns den, glaube ich, einfach mal anschauen. Der war sowieso schon immer auf der Liste, dass wir den irgendwann mal gucken müssen. Und jetzt ist es einfach soweit. Ja, geil.
Florian Bayer: Meine Hausaufgabe und auch eurer Hausaufgabe, weil unsere Episoden machen, glaube ich, am meisten Spaß, wenn man den Film gesehen hat. Ja. Insofern, schaut euch den Film an. Wehe nicht. Und wir hören uns nächste Woche. Wir hören uns nächste Woche. Bis dann. Ciao.
