Episode 191: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – Die Romantik von toxischen Beziehungen
Es ist zwei Uhr in der Nacht. Der mittelalte Geschichtsprofessor George und seine Frau Martha sind gerade von einer Party nach Hause gekommen und sie machen das, was sie am besten können: Sich triezen, über Nichtigkeiten streiten und sich gegenseitig zerfleischen. Doch heute Nacht steht noch mehr auf dem Programm. Marthas Vater, ein hohes Tier auf dem Campus, hat sie gebeten, nett zu dem jungen Mathe- oder Biologieprofessor Nick und seiner Frau Honey zu sein. Und so hat Martha, zum Missfallen von George, beide kurzerhand zu einer Afterparty eingeladen.
Das Eintreffen der Gäste hindert Martha und George aber nicht daran, ihr Programm zu ändern: Wir erinnern uns: Triezen, streiten, sich gegenseitig zerfleischen. So geht es munter weiter auf dem Feld der elaborierten psychologischen Kriegsführung, und die Gäste werden ohne Rücksicht auf Verluste in den Konflikt hineingezogen. Und wie es sich für einen runden Abend gehört, werden auch Spiele gespielt: Humiliate the Host, get the guest, hump the hostess und last but not least Bringing up Baby, das finale Spiel, das in einer bizarren Totenmesse für einen imaginären Sohn endet. Aber auch die jungen Gäste haben ihre verborgenen Abgründe, die im formidablen Spiel und Krieg zwischen George und Martha peu à peu ans Licht gezerrt werden.
Und damit kommen wir auch schon zur zentralen Frage dieser Nacht. Wer in dieser höllischen Menage a quatre ist die schrecklichste Person? Gibt es Hoffnung für eine der beiden Ehen? Achja… und hast du Angst vor Virginia Woolf?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 191: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – Die Romantik von toxischen Beziehungen Publishing Date: 2024-08-28T11:00:49+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2024/08/28/episode-191-wer-hat-angst-vor-virginia-woolf-die-romantik-von-toxischen-beziehungen/
Johannes Franke: Check, check, check, check, check, steck dir ein, steck dir ein.
Florian Bayer: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Johannes Franke: Virginia Woolf,
Florian Bayer: Virginia Woolf, who's afraid of Virginia Woolf?
Johannes Franke: Du bleibst, sitz!
Florian Bayer: Es gibt eine... amerikanische Band, die möchte ich an dieser Stelle wirklich jedem Zuhörenden herzlich ans Herz legen. Und zwar The Mountain Goats von und mit John Daniel, der sowohl Frontman als auch Mastermind ist. Und er hat unter diesem Namen ein Songwriter, typischer Amerikaner Songwriter Musik, ein Album rausgebracht namens Tallahassee. Das kenne ich,
Johannes Franke: das ist sehr gut.
Florian Bayer: Das ist ein fantastisches Album und zwar geht es in dem Ganzen, das ist ein Konzeptalbum und es geht um ein Paar, das sich gegenseitig... Das Leben zur Hölle macht, während sie sich langsam zu Todes auf in 2002 veröffentlicht. Und im Zentrum dieses Albums steht meiner Meinung nach eines der schönsten Liebeslieder, das je geschrieben wurde. Das heißt No Children und fasst ihre Beziehung perfekt zusammen, ihre Ehe. Und einige besondere Textzeilen daraus sind unter anderem I hope our few remaining friends give up on trying to save us. I hope we hang on past the last exit. I hope it's already too late. Our friends say it's darkest before the sunrise. We're pretty sure they are all wrong. I hope it stays dark forever. I hope the worst isn't over. And I hope you blink before I do. Und es endet dann wirklich mit der tollen Zeile. I'm drowning, there's no sign of land. You're coming down with me, hand in unlovable hand.
Johannes Franke: Und ich habe die Melodie volle Kanne im Kopf die ganze Zeit. bin vielleicht ein bisschen froh, dass du es nicht gesungen hast,
Florian Bayer: aber es ist so ein schöner Song und dieser Song steckt voller Romantik in einer extrem toxischen und kaputten Beziehung. Es ist krass. Und ich habe einen unglaublichen Softspot für diese Art von Romantik, obwohl es überhaupt nicht das ist, was ich in Beziehungen suche, aber ich finde es als Außenstehender zu beurteilen total faszinierend und schön.
Johannes Franke: Wir müssen nicht auf die Couch legen. Warum du dafür einen Softspot hast.
Florian Bayer: Tatsächlich vor allem als Beobachter und ich glaube tatsächlich aus einem ästhetischen Gesichtspunkt. Und ich hoffe, wir schaffen es heute in einer von einer sehr, sehr, sehr, sehr kaputten in zwei sehr, sehr, sehr, sehr kaputten Beziehungen die Romantik, die da drin steckt, ein bisschen hervorzukitzeln.
Johannes Franke: Vielleicht finden wir auch noch unsere Beziehung. Wie auf unsere Beziehung auch so toxisch ist. Wir geben uns ständig Filme, die wir hassen.
Florian Bayer: Und damit herzlich willkommen, liebes Publikum, zu einer neuen Folge vom Muss-Man-Sehen-Podcast, wo wir uns gegenseitig Filme zuwerfen.
Johannes Franke: Und zwar egal, ob wir glauben, dass der andere sie mag oder nicht mag, sondern wir sind der Meinung, der wird den Horizont des anderen erweitern und dann muss er da halt durch.
Florian Bayer: Rein nach dem Motto, Alter, den musst du sehen. Tja. Diese Woche war ich an der Reihe und diese Woche habe ich Johannes Who's Afraid of Virginia Woolf aus dem Jahr 1966 auf. von Latz geknallt.
Johannes Franke: Von Latz geknallt ist genau das richtige Wort.
Florian Bayer: Eine Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Edward Albee aus dem Jahr 1962 und in den 60ern wohl eines der größten, bekanntesten und kontroversesten Theaterstücke in Amerika, wenn nicht sogar weltweit. Und nur vier Jahre nachdem es geschrieben wurde, dann verfilmt von Mike Nichols, den wir auch schon mal zu Gast hatten hier im Podcast, nämlich als wir über die Reifeprüfung gesprochen haben, den er 1967 gedreht hat. Eine der Ikonen des New Hollywood. Und Wer hat Angst vor Virginia Woolf steht ja auch so ein bisschen an der Grenze vom traditionellen Hollywood zum New Hollywood. Was man in sehr vielen Punkten sieht, auf die wir bestimmt im Laufe dieser Episode eingehen werden.
Johannes Franke: Er steht so ziemlich genau auf dieser Grenze, was ein sehr spannendes Spannungsfeld aufmacht. Weil er, finde ich, sehr stark, also man hat das Gefühl, dass dieser Regisseur mit Brute Force Durch diese Wand durch will, die ihm Hollywood eigentlich da vor die Nase gesetzt hat. Das ist schon crazy. Ja. Der Film hat richtig viel
Florian Bayer: Kraft. Ja, das hat er ohne jeden Zweifel. Nicht zuletzt auch natürlich dank seiner skandalträchtigen HauptdarstellerInnen. Ja. Nämlich Liz Taylor und Richard Burton, die damals das Skandalpaar schlechthin in Hollywood waren. Ja. In ihrer ersten wilden Ehe. Sie hatten sich bei Cleopatra, das ein paar Jahre vorher gedreht wurde, am Set kennengelernt. Mhm. Und hatten offensichtlich eine Kussszene, die so lange gedauert hat, dass... Jemand gesagt hat, kann ich jetzt einen Schnitt setzen oder soll ich euch alleine lassen? Während sie beide verheiratet waren. Was gut ein Grund war, dass sie zu dem Gossip-Ehepaar der 60er Jahre wurden.
Johannes Franke: Also nicht miteinander verheiratet waren, sondern mit anderen Menschen verheiratet waren.
Florian Bayer: Und sie hatten dann eine sehr lange Geschichte mit der Klatschpresse. Sie waren das Skandalpärchen. Wir kennen das heute, sie waren vielleicht das erste große Skandalpärchen Hollywood. wird in der Öffentlichkeit ausgewälzt, ihr Alkoholkonsum, ihre Liebe zueinander, ihr Hass zueinander. Und sie waren ja nicht nur einmal verheiratet, sondern dann später auch ein zweites Mal.
Johannes Franke: Also Liz Taylor war siebenmal verheiratet oder sowas. Und Burton war der Einzige, den sie zweimal geheiratet hat.
Florian Bayer: Es wird auf jeden Fall viel zu besprechen geben, aber wir starten trotzdem einfach mal damit, worum es in dem Film Who's Afraid of Virginia Woolf geht.
Johannes Franke: Erzähl mal was.
Florian Bayer: Es ist zwei Uhr Nacht. Der mittelalte Geschichtsprofessor George und seine Frau Martha sind gerade von einer Party nach Hause gekommen und sie machen das, was sie am besten können. sich trietzen, über Nichtigkeiten streiten und sich gegenseitig zerfleischen. Doch heute Nacht steht noch mehr auf dem Programm. Marphas Vater, ein hohes Tier auf dem Campus, hat sie gebeten, nett zu dem jungen Mathe-oder Biologie-Professor Nick und seiner Frau Honey zu sein. Und so hat Marpha kurzerhand, zum Missfallen von George, beide zu einer Afterparty eingeladen. Das Eintreffen der Gäste hindert Marpha und George aber nicht daran, ihr Programm weiter durchzuziehen. Wir erinnern uns, trietzen, streiten, sich gegenseitig zerfleischen. So geht es munter weiter auf dem Feld der elaborierten psychologischen Kriegsführung. Und die Gäste werden ohne Rücksicht auf Verluste in den Konflikt mit hineingezogen. Und wie es sich für einen runden, gemütlichen Abend zu viert gehört, werden auch Spiele gespielt. Humiliate the host, get the guest, hump the hostess und last but not least, bringing up baby. Das finale Spiel, das in einer bizarren Totenmesse für einen imaginären Sohn endet. Aber auch die jungen Gäste haben ihre verborgenen Abgründe, die im formidablen Spiel... und Krieg zwischen George und Martha peu à peu ans Licht gezerrt werden. Und damit kommen wir auch schon zur zentralen Frage dieser Nacht. Johannes, wer in dieser höllischen Ménage à quatre ist die schrecklichste Person? Gibt es Hoffnung für eine der beiden Ehen? Und viel wichtiger, hast du Angst vor Virginia Woolf?
Johannes Franke: Ja, ich habe total Angst vor Virginia Woolf. Nach diesem Film hat man halt keine Angst vor Virginia Woolf.
Florian Bayer: Und die arme Frau kann gar nichts dafür, dass sie hier halt muss für diesen Titel.
Johannes Franke: Das ist ja eigentlich ein Film gewesen von Disney, Who's Afraid of the Big Bad Wolf.
Florian Bayer: Genau, und es war auch tatsächlich in den Stücken wurde der Song, also dieses Who's Afraid of Virginia Woolf, öfter mal abgeändert, weil es tatsächlich Sorge gab, dass Disney die verklagen könnte. Denn, surprise, surprise, Disney war damals schon ziemlich klagefreudig und die fanden es gar nicht witzig, dass das eines ihrer tollen Zeichentrickstücke aus den Silly Symphony so... verunstaltet wurde mit dem Namen einer modernen Autorin, die Selbstmord begangen hat.
Johannes Franke: Aber ich finde, Pappkultur darf sich gegenseitig referenzieren. Also das ist wirklich das Geringste. Also wenn du ein komplettes Werk nimmst und daraus selbst Kapital schlägst, ist eine andere Sache.
Florian Bayer: Es wurde ja auch tatsächlich bei den Nachkommen, beziehungsweise bei ihrem Ehemann, wurde nachgefragt und zwar von Edward Albee, ob er denn den Namen benutzen dürfe, ob das okay wäre, weil es war noch nicht so lange her, dass Virginia Woolf Selbstmord... begangen hat.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Also wir reden gleich über den Titel, weil meiner Meinung nach ist der Titel, ist es wirklich ein Spiel vor allem. Virginia Woolf hat wenig mit dem Film zu tun. Ich glaube, man kann da sehr viel reininterpretieren, aber ich glaube, es geht letzten Endes vor allem um das Spiel. Edward Olby hat diesen Spruch irgendwo gesehen, auf einer Toilette getritzelt, fand das voll witzig, diese Kombi aus akademischer Referenz, Witz und auch so ein Stück Vulgarität und dann noch popkulturelle Referenz und hat das deswegen genommen und hat aber nachgefragt, blended Wolf und hat gesagt, sag mal, ist es okay? okay, wenn ich den Titel für mein neues Stück nehme. Und Leonard Wolff hat gesagt, ja, ist okay, mach das, Edward Albee.
Johannes Franke: Da ruft er diesen Typen an, aber Disney nicht, ja? Naja, bei Disney hätte er auch gleich gewusst, was die Antwort ist.
Florian Bayer: Genau. Und er hat es natürlich auch ein bisschen leicht in dem Fall, weil er hat bei jemandem aus dieser künstlerischen, modernen Ecke angerufen und Edward Albee war, als er das Stück geschrieben hat, schon so ein Star des, nicht Off-Broadways, des modernen Theaters in Amerika. Der hatte so die ersten wirklichen surrealen und bizarren Stücke für die amerikanische Bühne geschrieben. Irgendwie, es gibt ein Stück von ihm, wo jemand Sex mit einer Ziege hat und seine Frau für diese Ziege verlassen will und es gibt sehr viele Diskussionen darüber, warum die Ziege so toll ist und warum er in diese Ziege so toll verliebt ist. Edward Albee war damals schon ein skandalträchtiger Autor und vor allem auch jemand, der so als Teil dieser Bohème in New York sehr angesehen war. Er hat zu denen gehört, die damals, in der damaligen Zeit, 50er, 60er Jahre offen zu seiner Homosexualität gestanden haben. Das haben ganz wenige Menschen gemacht.
Johannes Franke: Es war eine schwierige Zeit dafür.
Florian Bayer: Edward Albee war da ziemlich rabiat und hat nicht versucht, das zu verstecken und hat das einfach gelebt. Und war immer tierisch genervt, wenn er gefragt wurde, ob dieses Stück, er hat Angst vor Virginia Woolf, eigentlich... eine Anspielung wäre auf homosexuelle Paare, die keine Kinder kriegen können. Seine Reaktion war immer, Leute, ich habe mehr als genug homosexuelle Charaktere in meine Stücke geschrieben.
Johannes Franke: Da habe ich nicht ein einziges Mal ein ganz normales heterosexuelles Pärchen.
Florian Bayer: Und wenn ich Homosexualität thematisiere, dann nehme ich doch bestimmt nicht so ein mittelaltes Akademikerpaar. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, was soll das?
Johannes Franke: Er war ziemlich beleidigt. Das Ding, dieses Theaterstück war sofort ein riesiger Erfolg. Die Leute haben die Türen eingerannt Das ist überall rauf und runter gelaufen Richtig krass
Florian Bayer: Und total krass, weil es war auch so das erste Stück am Broadway Dass dieses Zum einen dieses Intellektuelle drin hatte Und vor allem richtig krass Auf die Kacke gehauen hat Also in diesem Stück wird verdammt viel geflucht Wird verdammt viel gekämpft Es geht extrem vulgär zu
Johannes Franke: Sex und Gewalt spielen eine große Rolle Es hat ein unglaubliches Tempo Du musst ihn eigentlich fünfmal sehen um irgendwie jeden Satz einmal wirklich gehört zu haben. Es ist wirklich crazy. Und ich kann mir vorstellen, dass die Theatervorstellungen um einiges lustiger waren als der Film.
Florian Bayer: Das ist auf jeden Fall denkbar, weil man sieht es auch im Film noch, dass in den Dialogen, es steckt unglaublich viel Wortwitz.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der Film ist voll. mit akademischen und popkulturellen Anspielungen auch ganz viele Sachen, die man nicht mehr versteht, also die ich nicht mehr verstehe, wo ich dann im Nachhinein nachschlagen kann und sagen kann, ah, darauf referiert er. Und das muss man auch teilweise machen, wenn man so das Gefühl hat, okay, ich verstehe das nicht, aber es scheint irgendwie eine Signifikanz zu haben.
Johannes Franke: Ich habe irgendwann aufgegeben. Wirklich, ich habe irgendwann aufgehört aufzuschreiben und dann gedacht, ja, ach, wenn ich jetzt anfangen würde, das komplett auseinanderzunehmen, dann sitzen wir ja fünf Stunden hier.
Florian Bayer: Und in den 60ern haben sie gesagt, Anfang der 60er ist ein tolles Stück, es ist ein extrem kontroverses Stück, es ist ein wildes Stück, das werdet ihr niemals in Hollywood durchkriegen. Wie soll daraus ein Film werden? Guckt euch doch mal die MPAA.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: die wird sagen, no way.
Johannes Franke: No way. Und dann bröckelte es sowieso schon, ne? Also Hays Code, ich geb mal das Stichwort rein. Möchte so ganz kurz erklären, was der Hays Code ist, während ich dir Tee ein... Gieße.
Florian Bayer: Jedes Mal, wenn wir einen Film aus den fucking Sixties besprechen oder aus den Fifties, reden wir über diesen blöden Haste.
Johannes Franke: Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Um es ganz kurz zu machen, die Studios haben sich selbst verpflichtet, anständige Unterhaltung zu bieten. Und zu anständiger Unterhaltung gehört, es gibt keinen Sex, es gibt keine zu langen Küsse, es gibt, der Held macht nichts amoralisches.
Johannes Franke: No gays.
Florian Bayer: Wer was amoralisches macht, gehört bestraft. Natürlich keine Homosexuelle. Und auch so Sachen wie, ein Paar wird, auch wenn es verheiratet ist, nicht zusammen im Bett gezeigt. Das macht ihr nicht. Mann und Frau liegen nicht zusammen im Bett. Und in Wer hat Angst vor Virginia Woolf haben wir in den ersten zehn Minuten einen Mann, der auf dem Bett liegt und eine Frau, die auf ihm rumhüpft, als ob sie kurz davor wäre, mit ihm Geschlechtsverkehr zu haben. Ja, was allerdings auch war in den 60ern. Der Haze Code hat sich langsam aufgelöst. Wir haben es schon gesagt. Ja, Hollywood steht an und wir haben so einen Moment, wo das Ganze bröckelt und wie das ist mit so einem Staudamm, wenn die ersten Steine gefallen sind, dann kommt das Wasser irgendwann durchgesprudelt und dann. Es ist zu spät.
Johannes Franke: Man hat so das Gefühl, dass der Regisseur hier wirklich einen riesigen Frust abladen möchte gegen den Hate-Stock. Ja, durchaus. Wirklich, weil er so viel, also nicht nur der Regisseur, es steckt ja im Text drin, aber der Regisseur setzt sich auch volle Kanne drauf. Es ist jetzt nicht so, dass der sich denkt, das muss ich ein bisschen entschärfen oder sowas. Der setzt sich voll drauf.
Florian Bayer: Ja, genau, er übernimmt das und es gab tatsächlich Diskussionen über bestimmte Textstücke, wie viel Fuck. beziehungsweise wie viel Screw, was schon Fuck genug ist, wie viel XT ist, darf da rein? Wie weit dürfen wir gehen, wenn wir so was sagen wie Humpt the Hostess, was so viel ist wie Fuck the Hostess?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und die MPAA hat das Studio gewarnt und hat gesagt, Leute, ihr werdet Probleme kriegen. Und die haben das aber durchgezogen. Und das war zusammen mit einem Film, den wir auch besprochen haben, nämlich Blow Up von Michelangelo Antonioni, war das mit ein Grund, dass dann... angefangen wurde, an diesem Rating-System zu drehen. Dass dieses A-Rating ins Spiel kam. Jack Valenti, der damals Chef der MPAA war, hat unter anderem durch diesen Film geguckt, wie können wir darauf reagieren. Die Filmlandschaft ändert sich offensichtlich. Wir müssen irgendwas tun. Wir müssen irgendwie mit der Zeit gehen.
Johannes Franke: Und dann sind sie damit um die Ecke gekommen, dass dieser Film schon das Warning bekommen hat. Genau. Die haben das wirklich draufgeschrieben aufs Plakat. Es dürfen keine Kinder unter so und so viel und nicht ohne Begleitung, glaube ich.
Florian Bayer: Ja, Parental Adversary in seiner Urform. Und man hat gemerkt, der Film hat irgendwie, der hat die Gemüter erhitzt, bevor er fertig war. Und als er rauskam, haben sich die Gemüter teilweise auf seltsame Art beruhigt. Es gab die Catholic Legion of Motion Pictures, die genau das ist, was man sich unter dem Namen vorstellt. Und die haben gesagt, Wir haben gehört, dieses Stück von Edward Albee soll verfilmt werden. Wir machen Ärger. Ihr werdet richtig Ärger kriegen, wenn ihr das macht. Wir werden das nicht einfach so dulden. Und dann kam das Ding raus. Und dann haben sie gesagt, nee, sie wurden gefragt. Und was macht ihr jetzt? Und dann haben sie drauf geguckt und haben gesagt, ja, der Film ist okay. Der hat seine Probleme, aber Erwachsene können den gucken und wir haben so ein bisschen Vorbehalte, aber lass das mal laufen. Und ich glaube, es liegt auch daran, dass einfach tatsächlich die Qualität dann überzeugt hat, dass die tatsächlich... Willst du damit sagen,
Johannes Franke: dass Monty Pythons Life of Brian nicht genug Qualität hatte, um die Kirche zu überzeugen?
Florian Bayer: Naja, der Film war, der große Unterschied ist natürlich auch, dass es wenig gegen die Religion geschossen wurde, während Monty Python pimpungslos gegen die Religion schießt. Hier gibt es immerhin eine katholische Totenmesse. Es hat diesen katholischen Rahmen. Und was, glaube ich, auch eine Rolle gespielt hat, und das ist wieder, wir sind an der Grenze, der Film wurde in Schwarz-Weiß getreten, an der Seite der Farbfilm, was ein großes Ding war. Und durch dieses Schwarz-Weiß, durch dieses... Kammerspielartige, was so ein bisschen aufgelockert ist, durch dieses Dialoglastige, trägt der Film, glaube ich, so ein bisschen traditionelles Hollywood in sich.
Johannes Franke: Ja, verstehe, was du meinst. Über das Schwarzwald müssen wir auf jeden Fall noch reden. Es sind sehr interessante Entscheidungen. Weil, wie du sagst, Farbe ist total innen gewesen zu der Zeit. Und alles wurde in Farbe gedreht. Der Produzent von diesem Film hat gesagt, ihr müsst in Farbe gedrehen. Natürlich. Und der Regisseur hat gesagt, es wird nicht passieren. Und dann haben die lange gestritten und irgendwann sagt der Produzent, tja, Was machen wir denn, wenn die Dreharbeiten dann anfangen? Es kommt ja unweigerlich auf uns zu und wir sind immer noch nicht der gleichen Meinung. Und der Regisseur sagt, ja dann bring ich dich um. Also genau das hat er gesagt. Natürlich scherzhaft, aber das zeigt so ein bisschen die Haltung des Regisseurs schon. Und dieser Regisseur hat sich diese Haltung noch nicht verdient.
Florian Bayer: Mike Nichols mit seinem... Debütfilm. Das ist sein erster fucking Film. Das ist sein erster Film und er ist auch eigentlich dazu gekommen, weil Elizabeth Taylor gesagt hat, ich möchte mit Mike Nichols arbeiten. Wir hatten mit Mike Nichols echt eine geile Party in Europa.
Johannes Franke: Ja genau. Die haben ja Cleopatra zusammengedreht mit Burton zusammen, der hier unseren George spielt und Liz Taylor und unser Regisseur, die waren einfach Freunde zu der Zeit.
Florian Bayer: Die waren Kumpels, die haben zusammen abgegangen, die hatten offensichtlich wild gefeiert. Mike Nichols war damals schon ein großer Comedy-Star. Ich habe keine Comedy-Auftritte von Mike Nichols gesehen. Ich habe keine Ahnung. Ich kenne ihn nur als Regisseur. Ich glaube, das ist auch so eine amerikanische Sozialisierung. Der war ein riesiger Comedy-Star. Der war viel auf der Bühne. Er hat selbst immer gesagt, er ist kein guter Schauspieler. Aber er muss wohl die Bühnen total gerockt haben mit seiner Partnerin.
Johannes Franke: Und er hat auch gespielt tatsächlich. Er hat ja auch tatsächlich später noch Virginia Woolf, also hier Who's Afraid of Virginia Woolf, gespielt. Und durfte hier George spielen.
Florian Bayer: Ja. Und genau, es war, Elizabeth Taylor hat ihn an Bord genommen. Und da müssen wir noch ein Stück zurückspringen, weil das ist Elizabeth. Fehler an Bord genommen wurde, war auch nicht Selbstverständnis. Edward Albee wollte nämlich zuerst ursprünglich
Johannes Franke: Betty Davis.
Florian Bayer: Betty Davis!
Johannes Franke: Die im Film zitiert wird.
Florian Bayer: Die im Film zitiert wird. Die sich selbst hätte zitieren müssen, weil das ist natürlich auch ein Überbleibsel aus dem Stück. Betty Davis und James Mason hat sich Edward Albee vorgestellt.
Johannes Franke: What a dump! Und das Original ist überhaupt nicht so exaltiert gesprochen. Nein? Sie sagte nicht What a dump, sondern sie sagt es viel zurückgenommener, viel einfacher. Das Schöne ist... Betty Davis macht ja auch Comedy-Touren. Ja. Macht er oder wie auch immer. Macht er Comedy-Touren und hat dann ihre eigene Show mit diesem Zitat eröffnet. Und zwar nicht in der Version, wie sie es original gemacht hat, sondern in der Version, wie es hier in diesem Film zitiert wird.
Florian Bayer: Vanessa Buf-Taylor.
Johannes Franke: Weil alle seit diesem Film glauben, dass das Zitat so exaltiert gesprochen ist.
Florian Bayer: Unglaublich.
Johannes Franke: Sie hat also die Imitation imitiert.
Florian Bayer: Und ein Grund für Liz Taylor und Richard Burton, um das einmal zu sagen, lag daran, dass Warner gesagt hat, naja, die sind ein Skandalpaar und wenn wir die haben und wenn die dieses sich selbst zerfleischende Ehepaar spielt, dann bringt das einfach Publicity. Dann verkauft sich dieser Film. Und das war tatsächlich erstmal eine weirde Entscheidung, weil Elizabeth Taylor war viel zu jung für diese Rolle.
Johannes Franke: Viel zu jung? 33? Die sollte 52 sein in dem Film. 33 Jahre alt.
Florian Bayer: Und die war auch zu schön für diese Rolle.
Johannes Franke: Viel zu schön. Da kommt das nächste Argument fürs Schwarz-Weiß rein. Ja. Weil, man muss auch sagen, dass George, also Burton, war auch jünger, als er sein sollte. Und die haben die vom Make-up-Air einfach so hingehunzt. Und Liz hat, wie viel, 30 Pfund hat sie zugenommen?
Florian Bayer: Sie hat enorm zugenommen für diese Rolle und sie hat sich einfach mal hässlich dafür gemacht. Und sie haben die Kamera sie hässlich machen lassen. Sie haben einen Kameramann gefeuert. Unter anderem, weil er... Weil sie zu gut aussah. Es ging auch mit diesen Diskussionen über Farbe und Schwarz-Weiß zusammen. Der Kameramann war offensichtlich der Farbfilm-Fan.
Johannes Franke: Das, das, das, das. Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Okay, wir haben es vorhin gesagt. Der Produzent wollte unbedingt, dass das Ganze in Farbe gedreht wird. Und dann gab es eben diesen Streit. Und dann haben sie sich irgendwie geeinigt. Und ich glaube, nicht sehr einvernehmlich geeinigt. Und dann hat unser Regisseur mit unserem Kameramann zusammen überlegt, wie denn das zu drehen sei. Und der Kameramann... kam irgendwann aus heiterem Himmel um die Ecke mit der Idee, guck mal, ich weiß ganz genau, wie wir deine Vision von diesem Schwarz-Weiß-Look hinkriegen. Wir drehen das in Farbe und machen es dann in Schwarz-Weiß im Nachhinein.
Florian Bayer: Fuck you!
Johannes Franke: Oh mein Gott, wie durchschaubar ist das denn? Super krass. Und dann hat er ihn einfach feuern müssen. Es hat ihm so leid, aber er musste einfach in dem Moment sagen, sorry, das geht nicht, du bist gefeuert.
Florian Bayer: Und hat dann einen anderen Kameramann angeheuert und zwar... Haskell Wexler,
Johannes Franke: der fantastische Bilder gemacht hat.
Florian Bayer: Der unglaublich schöne Bilder gemacht hat. Dafür, dass es ein Kammerspiel ist. Es ist ein Bühnenstück. Und das merkt man auch noch in so einem Theaterstück. Man merkt auch sehr, wo dieser eine Cut ist in der Mitte, wo sie gesagt haben, okay, wir können das nicht nur in dem Haus machen. Wir müssen jetzt noch einmal rausgehen. Weil das Originalstück spielt nur in dem Haus. Das relativ, obwohl es ein bildungsbürgerliches Haus ist, von gut situierten Menschen, trotzdem unglaublich... klaustrophobisch ist.
Johannes Franke: Ja, und zugemüllt.
Florian Bayer: Und zugemüllt, ja. Warum, das erfahren wir dann so nach und nach im Laufe der Handlung. Wir sehen, wie sich Martha und George ihrer Wohnung gegenüber verhalten. Und genau, dann hatten sie ihren Schwarz-Weiß- Kameramann, dann hatten sie Elizabeth Taylor und Richard Burton. Die Elizabeth Taylor, die sich die einfach mal 20 Jahre älter aussehen sollte. Auch dank Schwarz-Weiß und die extrem zugelegt hat.
Johannes Franke: Und das Zitat ist, sie hatte viel zu schöne Augen. In der Farbe wären die Augen so gut durchgekommen, dass du ihr das Make-up nicht mehr geglaubt hättest.
Florian Bayer: Es ist wirklich krass und das ist halt, also heute ist das ja auch noch, sorgt immer wieder für Off-Scene. Leonardo DiCaprio war so dieses typische Beispiel oder Brad Pitt auch. Leute, die als sexy gelten, als schön und Liz Taylor galt damals als schönste Frau der Welt, die sich bewusst hässlich machen für einen Film und versuchen da rauszugehen. Und kaufst du dir die 50-jährige Frau ab, die mit 50-jährige Frau? Ganz banal.
Johannes Franke: Seltsamerweise ja, seltsamerweise eben nicht.
Florian Bayer: Du kaufst ihm das Alter nicht ab. Richard Burton ist 1925 geboren, das heißt, er war knapp über 40, als er das gespielt hat. Und seine Rolle ist ja auch angelegt, dass er ein bisschen jünger ist als sie.
Johannes Franke: Das stimmt, ja. Sie sollte 52 sein oder 53. Nee, 52 und er soll ein bisschen jünger sein. Also gar nicht so weit weg von seinem eigenen Spielalter. Aber irgendwie sah ich dann die beiden männlichen Figuren nebeneinander und hab gedacht, nee, komm, so groß ist der Unterschied auch wieder nicht. Ja,
Florian Bayer: naja, ja. Genau, wir haben hier, wie ich schon gesagt habe, eine Ménage à quatre. Wir haben zum einen Martha und George und dann schließlich die ankommenden Gäste. Und das sind auch wirklich die einzigen DarstellerInnen in diesem Film, nämlich gespielt von George Siegel und Sandy Dennis, Nick und Honey. Und damit können wir überleiten zu der anderen Frage, die ich hatte. Wer ist denn der Schrecklichste von diesen Vieren?
Johannes Franke: Oh, wer ist der Schrecklichste von denen? Ich glaube, George ist es am Ende.
Florian Bayer: Ich finde, es ist echt schwer zu beantworten. Ich würde tendiere so ein bisschen dazu zu sagen Nick. Und vielleicht auch gibt es diese... die am wenigsten rauskommt. Aber Honey hat auch ihre extrem düstere Seiten.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Die aber ein bisschen, das ist genau ähnlich wie bei Martha. Honey und Martha haben so ihre düsteren Seiten, die man aber durch das Glas betrachtet, auf unserer Perspektive sehr viel rechtfertigen kann. Zum Beispiel, dass Honey sehr wahrscheinlich abgetrieben hat, ohne es zu sagen. Ist natürlich so durch unsere heutige Perspektive, wie war es in den 60ern, wie sieht so ein Patriarchat aus in der Zeit? Kann man das... deutlich eher rechtfertigen und Marthas Verhalten auch in ganz vielen Dingen. Und dann stehen George und Nick als die Bösewichter da, aber natürlich sind Martha und Honey sind ja auch schreckliche Menschen.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Also es sind nur schreckliche Menschen in diesem Film. So unterhaltsam waren schreckliche Menschen selten, muss ich sagen. Und man spürt so sehr durch, was ich vorhin gesagt habe, dass das Theaterstück so viel lustiger sein könnte, was dieser Film in einem Tempo drüber bügelt. Und sagt, nein, nein, wir bleiben jetzt hier nicht stehen. Das war ein toller Gag, aber wir gehen jetzt einfach weiter. Und der wird auch nicht als Gag gespielt, sondern der wird richtig hart abgeschossen, sodass das viel mehr trifft, als dass es zum Lachen anregt.
Florian Bayer: Das Theaterstück ist halt ein Dreieck da und wenn das ausgespielt wird mit dem gesamten Text, dann bist du bei vier Stunden. Und die meisten Aufführungen sind schon eher ein bisschen gekürzt.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Oder du bist sogar über vier Stunden. Und das machst du bei einem Film. Der Film ist relativ lange. Dafür, dass es ein Kammerspiel ist, dauert er schon erstaunlich lange. Mit seinen 120 Minuten sind es sogar mehr als 130 Minuten.
Johannes Franke: Kommt mir nicht so vor.
Florian Bayer: Genau. Und ich glaube, das liegt auch an dem Tempo. Ich sehe total deinen Punkt, dass der Humor sehr schnell, dass sehr viel über den Humor drüber gebügt wird. Ich habe trotzdem, fliegt vielleicht auch daran, dass ich ihn nicht zum ersten Mal gesehen habe, viel Humor wahrgenommen. Und ich habe auch das Gefühl, ich habe beim... mehrmaligen Gucken. Du hast ihn zum ersten Mal gesehen. Ja,
Johannes Franke: zum allerersten Mal gesehen. Und ich hab wirklich den Eindruck gehabt, okay, ich verpasse hier mindestens 50% des Dialoges. Ja,
Florian Bayer: voll.
Johannes Franke: Und ich verpasse die Hälfte der Gags. Also man merkt einfach, dass die da drin stecken, aber ich hab keine Zeit und keine Gelegenheit, darüber zu lachen. Ja. Weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, rauszufinden, wie funktioniert die Geschichte, wie funktionieren die Figuren miteinander und so. Und da kann ich mich nicht darauf konzentrieren, ob das jetzt ein guter Gag ist oder nicht. Vor allem, weil er mir nicht den so präsentiert, dass ich Raum dafür habe.
Florian Bayer: Ja, es gibt halt so einen Grundhumor, der über dem ganzen Szenario liegt, nämlich diese Awkwardness zwischen dem Verhalten von George und Martha, die ja offensichtlich ihr Spiel haben, das sie eintrainiert haben und die das gnadenlos durchziehen und auch so richtig auf... richtig auf die Kacke hauen, auch wenn Gäste da sind. Und dann Nick und Honey, die ihr Spiel haben. Und das heißt halt vor allem, präsentier dich als glückliches Paar.
Johannes Franke: Ja, genau. Zeig,
Florian Bayer: wie du als Honey, zeig, wie supportive du bist zu deinem Mann, wie erfolgreich er ist. Du als Nick versuchst zu gucken, wie du anbandeln kannst, wie du gut socialen kannst. Und diese Awkwardness zieht sich natürlich durch den ganzen Film. Ja. Und vor allem auch dadurch, dass sie sich... Auflöst natürlich, weil Nick und Honey werden halt auch irgendwann an die Wand gedrängt und können irgendwann diese Fassade, die sie aufrechthalten, nicht mehr mitmachen.
Johannes Franke: Also vor allem mit dem Alkohol, den du interessierst.
Florian Bayer: Alter, saufen die in diesem Film.
Johannes Franke: Das ist unglaublich.
Florian Bayer: Und Honey kommt, es ist zwei Uhr nachts, wenn die anfangen. Das heißt, die haben um abends um acht oder so haben sie angefangen zu saufen. Und wir sehen, wie viel Marfa da wegkippt. Und dann kommt Honey an und Honey ist schon sturztrunken. Die kriegt schon gar nichts mehr mit. Und dann saufen die die ganze Zeit weiter. Ohne Ende. Und was dann wiederum total beeindruckend ist, wie sowohl George als auch Martha, obwohl sie so voll trunken sind, dieses extrem elaborierte Psychospielchen durchspielen. Und sie sind ja Nick und Honey haushoch überlegen.
Johannes Franke: Aber sowas von haushoch. Ich meine, die haben 20 Jahre mehr Erfahrung als die beiden.
Florian Bayer: Und sie spielen das und sie bewahren sich ihre Cleverness. Sie führen diesen Kampf der… der teilweise echt dreckig und hässlich und vulgär ist.
Johannes Franke: Sehr bitter.
Florian Bayer: Aber der auch von so viel Intelligenz sprüht. Sie sind beide, man muss extrem klug sein, um so bösartig sein zu können. Man muss die Schwächen des anderen kennen, erkennen. Also, dass sie ihre eigenen Schwächen jeweils kennen, geschenkt. Dass Martha weiß, worauf George anspringt und dass er weiß, worauf sie anspringt, geschenkt. Aber dass sie auch innerhalb von dieser kurzen Zeit Nick und Honey komplett durchleuchten. Und vor allem George dann anfängt, das gegen die zu benutzen. Und Martha ja auch ab einem gewissen Punkt. Es ist schon ziemlich krass und es spricht halt für ihre Überlegenheit. Das sind auch so ein bisschen Übermenschen, die beiden.
Johannes Franke: Ja, wenn du so einsam an der Spitze bist, vielleicht ist es dann einfach so langweilig. Da muss man sowas spielen.
Florian Bayer: Da muss man sowas machen.
Johannes Franke: Ich glaube, dass es dramaturgisch wahnsinnig spannend ist. Also ich würde gerne mal an George andocken. Ich finde es interessant, wie er am Anfang doch sehr viel... der Verlierer in Anführungsstrichen dieses Bickering ist, wobei Bickering wahrscheinlich das harmloseste Wort ist, was mir dazu einfällt. Aber so diese Streitereien. Und er ist irgendwie immer der Verlierer oder derjenige, der sich unterbuttern lässt oder der einfach mal einfach erstmal easy sagen könnte als Zuschauer, die Frau, der arme Mann und so. Und das dreht sich natürlich mit der Zeit. Und das finde ich sehr gut und clever gemacht vom Film. Indem er das auch zeigt anhand des Beispiels von Nick. Ja. Weil Nick im Grunde die Zuschauerhaltung in dem Moment einnimmt und ein bisschen anfängt, Mitleid mit George zu haben. Obwohl George ihn auch anfängt zu greifen und ihm immer wieder komische Sachen an den Kopf zu werfen und seltsame Gespräche führt. Aber Nick sieht, wie George immer wieder verliert gegen Martha. Und dann sitzen die draußen auf der Schaukel und George hat das ganze Mitleid von Nick. bekommen und kann ihn jetzt so richtig auszutschen und Infos von ihm rausholen. Und da merken wir so richtig hart, was in George drin steckt.
Florian Bayer: Was ich von Anfang an krass finde bei George ist, also zum einen hat er ja diese passive Aggressivität die ganze Zeit drin. Also klar, Martha kommt am Anfang wie diese Furie rüber, die ihn übelst beleidigt. Und er sagt immer nur so, ja Darling, alles was du willst. Alles gut, solange du es sagst, ist okay. Und wir merken so den ersten Schwung von Boshaftigkeit und von sehr gezielter Boshaftigkeit, wenn er dann diese zwei, drei Worte findet, die sie dazu bringen, so richtig laut dieses Screw You zu schreien, genau in dem Moment, in dem die Gäste kommen. Dass er es schafft, dass er das perfekte Timing drauf hat, um sie dazu zu bringen, dass sie ausrastet, wenn er den Gästen die Tür öffnet, damit einmal so das Schlachtfeld eröffnet ist und die Gäste wissen, oh Gott, diese Martha ist ja schrecklich, dieser arme George. Das ist ja sehr gezielt von ihm. Und spannend finde ich aber auch vor allem, wie... Und Martha sucht bei George was Bestimmtes. Sie weiß, dass George diese Bösartigkeit hat. Sie will, zeig mir deine dunkle Seite. Ich liebe deine dunkle Seite, die will ich sehen. Und sie provoziert ihn ja auch, um das herauszukitzeln, weil das offensichtlich auch das ist, was sie unglaublich an ihm liebt. Und genauso auch... erfahren wir relativ früh, dass George diese Boshaftigkeit an Martha ja auch unglaublich liebt. Es wird mehrmals gesagt, genau deswegen hat er sie geheiratet.
Johannes Franke: Das ist auch der Grund, warum die große, große Frage, die immer wieder wiederkommt, nämlich warum zur Hölle sind die beiden noch zusammen, das ist dadurch völlig klar. Die haben einander. Wenn die auseinander gehen, die finden nie wieder jemanden, den sie auf diese Art und Weise lieben können.
Florian Bayer: Und ich glaube, du meinst es nicht, aber es ist keine Notlösung. Sie lieben sich zu. Und es gibt diesen einen Monolog von Martha, als sie wirklich schon sehr zermatert ist,
Johannes Franke: wo sie sagt, George,
Florian Bayer: das ist der Einzige, der mich glücklich machen kann. Ich will gar nicht glücklich sein, dafür hasse ich ihn. Und das ist so ein Moment, wo wir sehen, wie fatal, wie krass diese Liebe ist, die sie füreinander haben, die sich ganz viel auch in Hass widerspiegelt. Aber ich würde nochmal sagen, es hat was total Romantisches.
Johannes Franke: Ja, ja, sie sagt das ja auch so eindrucksvoll. Sie sagt, glaube ich... George ist der Einzige, der meine Spiele erkennt und einsteigen kann. Innerhalb von kürzester Zeit auch versteht, wenn ich die Richtung wechsle und das Spiel wechsle und er sofort, ah ja, okay, dann geht es jetzt so lang und dort lang und jetzt machen wir also diese Variante. Das ist auch eine perfide Art von Romantik, aber ich weiß nicht, ob du jemanden kennst oder ob du sowas mal hattest. Ich habe die Romantik nicht mehr so stark im Kopf, weil ich das zu sehr kenne.
Florian Bayer: Also ich würde behaupten, ich hatte mal sowas, womit ich überhaupt nicht klar gekommen bin. Deswegen war das auch nicht sehr langlebig. Und es war, man ist es nicht so schön, wenn man drin steckt. Deswegen sage ich auch, es ist so. Aber das war auch, das haut nicht hin, weil es war, das hier ist ja so wirklich eine eingespielte lange Beziehung. Und das war es bei mir definitiv nicht, sondern es war sowas, wo es klar ist, okay, wenn das noch 20 Jahre gut gehen würde, dann würde es wahrscheinlich, aber das würde niemals 20 Jahre gut gehen, weil ich zu harmoniebedürftig bin. Es ist halt... die Romantik steckt vor allem glaube ich auch im, wenn man das Spiel von außen betrachtet, wenn man nicht drin steckt. Das ist eine Romantisierung von, eigentlich ist es eine Romantisierung von einer toxischen Beziehung und es hat wahrscheinlich wenig mit der Realität zu tun. Aber dann ist es vielleicht auch so ein Suspension of Disbelief und ich lass mich darauf ein und sag einmal, nein ich will das nicht, aber das ist cool, ich guck dem total gerne zu. Wir können ja mal, also es ist so, es zeigt sich immer so ganz schön an den Geschichten und an den Folgen dieser Geschichte. Wir haben diese eine große Geschichte von Martha, ziemlich früh, Wenn sie von dem Boxkampf erzählt, und zwar, dass ihr Vater sich mit George prügeln wollte und George wollte nicht. Und Martha zieht sich in aller Ruhe von hinten die Box an und gibt ihm diesen Sackerpunch, den George umwirft. Und während sie das erzählt, haben wir diesen Moment, wo George in aller Ruhe vorbereitet, ihr den Schreck ihres Lebens zu verpassen. Er kommt nämlich da mit diesem Gewehr und aus diesem Gewehr springt ein Schirm und Paul, you are dead.
Johannes Franke: Macht das aber nicht nur für sie, oder? Er macht das ja für die Gäste auch. Ja.
Florian Bayer: Total. Aber er erschrickt sie auch in diesem Moment.
Johannes Franke: Also es gibt es dann natürlich nicht zu.
Florian Bayer: Und wir sehen, glaube ich, in diesem Moment so diesen Unterschied in ihrem Kampfstil. Die sind nämlich zwei sehr unterschiedliche Kämpfer. Martha ist die, die die ganze Zeit so Schläge versetzt. Und George ist sehr viel in der Deckung und wartet auf den richtigen Moment, dass einmal sich die Gelegenheit ergibt und haut dann aber richtig zu. Weil die brutalsten und schmerzhaftesten Sachen, die in diesem Film gesagt werden, kommen. immer von George.
Johannes Franke: Das stimmt, ja.
Florian Bayer: Und ich meine, er macht, als würde er sie umbringen. Und so wie sie redet, es ist auch nicht abwegig. Und alle in diesem Moment glauben, shit, der meint es ernst, jetzt haben wir gleich eine Leiche an der Backe.
Johannes Franke: Wie viel glaubst du, gerade an dieser Szene lässt sich's gut festmachen, wie viel glaubst du, ist bei ihm tatsächlich Wunsch da drin? Egal wie sehr er sie liebt, egal wie sehr er am Ende sagt, ja, das ist irgendwie die, wir brauchen einander oder was auch immer. In dem Moment Ist doch trotzdem das irgendwie Ausdruck dessen, was er manchmal am liebsten machen würde, oder?
Florian Bayer: Ja, ich glaube... Für ihn ist ein Sieg, wenn er es schafft, sie zu demütigen. Ich glaube, das ist der Punkt. Martha ist eine unglaublich starke Frau. Die ist präsent, die kann den ganzen Raum einnehmen. Wir können uns auch vorstellen, dass wenn sie nicht betrunken und nicht wütend ist, dass sie unglaublich charismatisch ist. Dass sie es schafft, mit ihren Witzen und mit ihren Erzählungen den ganzen Raum einzunehmen, ohne dass das bösartig ist. Und es ist eine Herausforderung, Martha klein zu kriegen. Ich glaube nicht, dass er sie umbringen will, er will sie klein kriegen. Und dazu muss er aber so weit gehen. unglaublich schwer ist, sie klein zu kriegen und er muss sehr viel dafür machen. Ich glaube,
Johannes Franke: er will sie gar nicht klein kriegen am Ende. Ich glaube, er will das Spiel so weit mitspielen, dass sie gerade so auf den Füßen bleibt, damit sie weiterspielen können.
Florian Bayer: Er will das Spiel gewinnen? Vielleicht geht es auch wirklich darum, er will diesen K.O. Schlag, weil ich finde am Schluss, also um das ganz kurz vorwegzunehmen,
Johannes Franke: wenn wir über das Ende reden,
Florian Bayer: das ist ein K.O. Schlag.
Johannes Franke: Das ist ein K.O. Schlag, ja.
Florian Bayer: Und das ist auch ein K.O. Schlag ohne Rücksicht auf sich selbst, weil ich glaube, dass... George auch an diesem imaginären Sohn hängt. Dass der seinen Sohn tötet, ist für ihn auch ein herber Verlust.
Johannes Franke: Ja, natürlich.
Florian Bayer: Aber er macht es trotzdem, weil er diesen einen K.O.-Schlag erreichen will. Und er macht auch in dem Café, wenn wir Get the Guest spielen, dann macht er halt auch einmal einen richtig bösen K.O.-Schlag und der Bauch war weg.
Johannes Franke: Aber da geht es ja nicht um Martha, da geht es ja um Honey.
Florian Bayer: Aber das ist seine Art zu kämpfen. Er hat die ganze Zeit dieses Passive und dieses Zurückhalten.
Johannes Franke: Und dieses Beobachtende und rausfinden, ah, wo sind denn die Weichteile?
Florian Bayer: Und dann kommt es halt in den Momenten raus. Wir haben sehr früh von George, dass er zu Martha sagt, nicht das Kind. Meint er das ernst oder gehört das mit zum Spiel, dass er damit droht?
Johannes Franke: Das ist eine große Frage und ich glaube, die lässt sich nicht so richtig beantworten, weil die Frage viel größer ist, als nur macht er das öfter oder nicht. Weil es ja irgendwie drinsteckt, irgendwie auch gesagt wird, dass sie... das Kind immer eigentlich für sich haben. Und dass das nie nach außen hingetragen wird. Und dass das ein Tabu ist, irgendjemandem außen wirklich davon zu erzählen, von dem Kind, was nicht existiert. Und ich frage mich, warum zur Hölle sagt er es ausgerechnet an diesem Abend? Weil die werden ja öfter Besuch haben. Und warum steigt sie prompt drauf ein und macht es?
Florian Bayer: Das frage ich mich auch. Ich habe das Gefühl, als er erfährt, dass Martha Honey von dem Kind erzählt hat, ist er richtig wütend. Und er fragt auch so, she told you about him? Und man merkt, oh krass, er ist sauer, dass sie da ein Tabu verletzt hat. Das heißt, ich glaube das total, dass sie das Kind eigentlich nicht bringt. Dass das wirklich irgendwie ihr intimer Rahmen ist, den sie auch benutzen für ihre Kämpfe. Und dass sie sich streiten, wer das Kind verhätschelt hat und wem das Kind nicht reden will und so weiter. Aber dass das ihr Ding ist. Und genau, die Frage, die du stellst, die kann ich mir nicht beantworten. Warum sagt er so vehement, sehr früh, bevor sie überhaupt was sagt zu dem Kind, du bringst das Kind heute Abend nicht. Und eine mögliche Erklärung ist für mich, sie bringen das Kind manchmal. Und es kommt aber immer aufs Setup an. Und dieses Wissen, dass da ein jüngeres Paar kommt. Vielleicht ist es das, weil Nick und Honey sind natürlich auch so ein... Gegenentwurf zumindest in der Erscheinung von George und Martha, weil sie sind glücklich verheiratet, sie wollen Kinder haben,
Johannes Franke: glauben wir zumindest.
Florian Bayer: Und sie haben die Zukunft vor sich und Nick wird im besten Fall genau die Karriere kriegen, die George nicht gekriegt hat, weil er ein Versager ist. Und Honey wird zehn Kinder kriegen, die Martha nicht kriegen konnte, weil sie unfruchtbar ist. Oder George? Wir wissen es nicht genau. Aber sie werden genau das erreichen, was die nicht erreichen konnten und vielleicht ist es... Und vielleicht ahnt er das schon so ein bisschen, weil er erinnert sich doch vielleicht mehr an sie auf der Party, als er zugibt. Und will dann nicht, dass ihre Defizite in einem Spiel so rausgeposaunt werden.
Johannes Franke: Also er sieht zu viel Gefahr, dass sie unterliegen unter Umständen?
Florian Bayer: Ja, vielleicht. Weil er sagt auch, also es gibt zwei Sachen, wo er sehr vehement Martha versucht zu bremsen. Und zwar nicht im Spiel, sondern gegen das Spiel. Und zwar ist das einmal, wenn sie vom Sohn redet.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und zum zweiten, wenn sie darüber redet, dass er ein Versager ist und die Karriere nicht geklappt hat. Das sind so zwei Sachen.
Johannes Franke: Obwohl ich mir vorstellen kann, dass diese Karriere, dass das nicht geklappt hat, das wird diese Frau doch jeden Abend auf Tatort bringen, oder? Ich weiß nicht,
Florian Bayer: weil eigentlich müsste man meinen, ja. Aber wenn Martha erzählt, Dad approved him and I fell for him und ich fand ihn toll und Dad fand ihn toll und so weiter. Und dann haben wir nach und nach festgestellt, was für ein Versager er ist und dann fängt sie an immer weiter zu reden. Sagt George zuerst, sie soll aufhören. Und dann ist das ja der Moment, wo George anfängt mit diesem Who's Afraid of Virginia Woolf, mit diesem Gesang. Und das ist ja, das ist nicht dieser Florettkampf, den er vorher gemacht hat, sondern das ist einfach nur wegschreien. Und deswegen habe ich das Gefühl, das ist vielleicht auch nicht so ein großes Tabu wie der Sohn, aber das ist auch ein Tabu.
Johannes Franke: Also hat sich mir nicht so richtig erzählt. Ich hatte das Gefühl, dass er da besonders stark tatsächlich verletzt ist.
Florian Bayer: Ja, das auch.
Johannes Franke: Aber das bedeutet für mich nicht, dass das nicht auch öfter zur Sprache kommt. Obwohl natürlich so eine Verletzung über die Jahre, wenn das ständig zur Sprache kommen würde, dann könnte er damit besser umgehen, sicherlich. Aber ich finde es da an der Stelle erzählerisch, dramaturgisch tatsächlich ein kleines bisschen eine Schwäche, weil ich das nicht so richtig greifen kann an der Stelle und nicht so weiß, wo die da wirklich stehen miteinander.
Florian Bayer: Ich finde es öfter schwierig in diesem Stück, was? Was meinen sie? Tot ernst? Was ist für sie nur ein lustiges Spiel? Was ist für sie ein grausames Spiel, aber sie können einfach nicht aufhören zu spielen? Die Grenzen verschwimmen da auch.
Johannes Franke: Ich habe irgendwann aufgeschrieben, Mixed Signals the Film. Ja,
Florian Bayer: absolut. Ich bin total bei dir. Was ich tatsächlich nicht als Schwäche wahrnehme, sondern als einen großen Facettenreichtum. Auch, dass es permanent diese Wechsel gibt, in denen sie zeigen sich extrem stark und wollen die Oberhand haben. Und zeigen sich dann aber total schwach und fertig. Keine Ahnung, wenn zum Beispiel dieser Monolog von Martha ist, auf den wir schon hingewiesen haben, dass sie ohne George nicht kann und er ist der Einzige, der sie erträgt. Aber auch zum Beispiel, wenn George diese Geschichte erzählt von dem Jungen, der zufällig Bergen bestellt hat. Ich habe echt lange geguckt, ob es irgendwas gibt, aber es ist einfach nur Bergen, es ist einfach nur ein Versprecher. Es hat keine tiefere Bedeutung. Er wollte Bergen bestellen, hat Bergen gesagt und alle fanden das lustig.
Johannes Franke: Und alle fanden es lustig,
Florian Bayer: genau. Und dann hat er seinen Vater umgebracht und seine Mutter und egal.
Johannes Franke: Dann aus Versehen.
Florian Bayer: Aus Versehen.
Johannes Franke: Aber vielleicht. Ich weiß es nicht genau.
Florian Bayer: Aber dann haben wir so dieses, dann haben wir es ja auch, dass er sich extrem schwach macht und plötzlich so ganz ruhig redet, sensibel. Und ich glaube, es ist nicht nur ein Act für die beiden Gäste, sondern es ist auch, sie machen,
Johannes Franke: also sie sind vielleicht gut genug,
Florian Bayer: dass sie das können. Sie können sich das erlauben, sich nackt zu machen, aber sie wissen, sie haben trotzdem die Oberhand.
Johannes Franke: Ja, das denke ich nämlich auch. Ich glaube, dass sie beiden so gut sind, dass sie sich auch gehen lassen können zwischendurch, weil sie wissen, sie kriegen das wieder hin. Sie kriegen überall immer wieder die Kurve. gekratzt. Sie können und müssen sich auch zwischendurch einmal wirklich öffnen und wirklich verletzbar machen, damit sie irgendwie ein Stückchen Menschlichkeit behalten.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wenn sie komplett unmenschlich werden, dann funktioniert auch die Beziehung nicht mehr.
Florian Bayer: Ja. Und sie haben diese Menschlichkeit. Das Geile ist, ich finde, diese Menschlichkeit von ihnen kommt am besten zum Tragen, wenn sie mal zusammenarbeiten. Das kommt relativ selten vor, aber... George und Martha gegen Nick, wenn sie ihn zu ihrem Houseboy erklären.
Johannes Franke: Das ist so krass.
Florian Bayer: Und plötzlich ein Team sind. Das ist so krass. Das ist eigentlich der Moment, wo sie auch am Beängstigenden sind, aber auch am Harmonischsten.
Johannes Franke: Du hast den ganzen Film über jetzt schon, weil das ist wirklich sehr spät im Film, hast du so eine krasse, so Streit um Streit um Streit und immer wieder Situationen, wo du merkst, okay, also jetzt bricht es wirklich völlig auseinander. Sie hat ihren Monolog auf diesem Parkinglot, wo sie sagt, and it snapped. Und wir hatten keine Verbindung mehr und das funktionierte nicht. Und so ein guter, also hat sie wirklich sehr, sehr gut gemacht. Und danach denke ich die ganze Zeit, ja, jetzt, aber jetzt ist vorbei. Vor allem, weil er auch dann schon, glaube ich, auf die Idee gekommen ist, diesen Sohn sterben zu lassen.
Florian Bayer: Es ist nachdem er gesagt hat, ah, jetzt habe ich die Idee, was ich machen könnte mit dem Sohn. Genau.
Johannes Franke: Und da denkt man schon, okay, die kommen einfach nie wieder zusammen. Und kurz darauf... Singen die einfach beschwingt zusammen dieses Lied und machen Nick völlig fertig.
Florian Bayer: Und sie sind so ein Dreamteam.
Johannes Franke: Ist so krass.
Florian Bayer: Wenn die beiden gegen den Rest der Welt, die würden alle schlagen.
Johannes Franke: Und spätestens da weißt du, das ist echte Liebe zwischen den beiden.
Florian Bayer: Total. Springen wir nochmal ganz kurz zu den Spielen. Also es werden dann ja diese Spiele genannt und George thematisiert das. George sagt, okay, wir haben hier offensichtlich ein paar Spiele am Laufen. Und zwar war das erste Humiliate. The Host. Da war Martha ziemlich erfolgreich. Das würde ich behaupten. Und Hab The Hostess müssen wir noch kurz auf die lange Bank spielen, weil zuerst steht The Guests an. Und damit kommen wir zu Nick und Honey. Und deren harmonischer Beziehung und deren toller Ehe, die aus welchem Grund entstanden ist?
Johannes Franke: Also, Nick stellt es implizit so hin, als ob sie eine Schwangerschaft vorgetäuscht hätte, die sie dann nach nachdem sie geheiratet haben, gesagt hat, huch, doch nicht.
Florian Bayer: Eine Scheinschwangerschaft.
Johannes Franke: Eine Scheinschwangerschaft, die es ja an sich auch als psychologisches Dingens gibt. Aber er stellt das hin als so implizit, als sie hat das absichtlich gemacht, damit sie heiraten. Ja. Zumindest das ist mein Gedanke als Zuschauer. Ich denke das und haue mir sofort auf die Finger und denke mir, scheiße, du kennst doch die Perspektive von der Frau nicht. Jetzt habe ich mich schon vorverurteilt. Und dann kriegen wir die Perspektive später von der Frau.
Florian Bayer: Wir kriegen die später von der Frau. Aber bevor wir die Perspektive von der Frau kriegen, nutzt George das einfach, um einmal diese Geschichte noch mal zu erzählen. Sie wurde dicker und dicker und dann haben sie geheiratet und plötzlich, puff, war der Bauch weg. Es ist gar nicht so viel, aber Honey ist wirklich so, ich will das nicht hören, ich will das nicht hören. Und...
Johannes Franke: Und sie ist schon so plastert, sie ist schon so voll Alkohol, dass sie sehr, sehr spät erst die Parallele wirklich herstellen kann zu ihrem eigenen Leben. Und das ist so ein wirklich, das ist ein harter Moment, weil sie zwischendurch schon sagt, am Anfang sagt sie noch, oh ja, die Geschichte kommt mir bekannt vor, erzähl, erzähl, erzähl. Und dann mit der Zeit sagt sie, oh nein, ich glaube, ich will die Geschichte doch nicht hören, hör auf, hör auf, hör auf. Und dann richtig fertig ist mit den Nerven.
Florian Bayer: Und dann ist ja auch wirklich die Frage an Nick, you told them? Sie ist voll fertig, dass Nick das denen erzählt hat, weil sie merkt, dass das... offensichtlich Monster sind, bei denen sie da zu Gast sind. Sandy, Honey gespielt von Sandy Dennis. Sandy Dennis hat den Oscar gewonnen als beste Nebendarstellerin.
Johannes Franke: Sehr gut gemacht auch, muss ich sagen.
Florian Bayer: Ich finde die Rolle total faszinierend, weil Honey zum einen reingezogen wird als das naive Dummschen. Hier ist die, die die ganze Zeit verpeilt ist. So hast du zumindest sehr lange das Gefühl. Genau. Und dann kriegst du mit, okay, sie ist wirklich dicht. Sie ist die Betrugendste den ganzen Abend. Sie ist auch die Erste, die kotzen muss. Und Honey ist aber, glaube ich, wenn sie nüchtern ist, deutlich cleverer als Nick. Und ist, glaube ich, Nick deutlich überlegen. Ja, zuzunehmen. Und Honey hadert mit ihrem Schicksal und hadert mit ihrer Rolle, die sie einnehmen muss. Wir erfahren dann, Honey hat wahrscheinlich abgetrieben.
Johannes Franke: Ja. Hanni hat Angst vor einer Schwangerschaft.
Florian Bayer: Sie will keine Kinder kriegen eigentlich. Sie hat eigentlich gar keinen Bock auf dieses Leben.
Johannes Franke: Zwischendurch sagt sie wieder, ich will Kinder. Also sie schickt auch Mixed Signals, muss man sagen, was das betrifft. Ja,
Florian Bayer: ich habe so das Gefühl, Hanni hat so sehr eingeprügelt gekriegt, vielleicht sogar wirklich eingeprügelt gekriegt, wie ein ideales Leben aussieht. Das 60er Jahre heteronormative Ehe-Dasein, die treue Hausfrau, die... fünf Kinder auf die Welt bringt, während ihr Mann Karriere macht. Und ich glaube, wir sehen wenig von Hanni. Also wir sehen wenig von Hanni, außer halt dieser Betrunkene, die nichts mitkriegt. Ich glaube, Hanni will mehr. Und Hanni hat auch irgendwo drin in sich das Zeug zu mehr. Und ich glaube, dieser Abend hat so Potenzial, um das so ein bisschen mehr herauszukitzeln auch aus ihr.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall. Gerade in den Momenten, wo sie nicht mehr nachdenken kann, sondern nur noch reagieren kann, kommen ja Sachen raus, die sie vielleicht sonst nicht sagen würden. Wo wir verstehen, wie sie eigentlich tickt oder was ihre eigentlichen unterliegenden Wünsche sind.
Florian Bayer: Und um dann auch wieder nochmal stark zu machen, dass vielleicht doch Nick der Schrecklichste in dieser Viererrunde ist. Wir erfahren irgendwann so beiläufig, dass Honey reich ist. Und Nick ist ein ziemlicher Golddicker, glaube ich. Der stellt das natürlich so dar, dass er sie geheiratet hat, weil sie schwanger schien. Aber ich glaube, Nick hat sie auch geheiratet, weil er gesehen hat, dass das verdammt gut für seine Karriere ist. Und dass das verdammt viel Geld verspricht.
Johannes Franke: Und der Vater existiert nicht mehr, der ist schon tot. Also es gibt auch keine... Leute, die dann noch dazwischen stehen können. Ganz im Gegenteil zu George und Martha. Da hat ja der Vater noch viel zu sagen gehabt in der Erziehung.
Florian Bayer: Ja, und hat er offensichtlich immer noch, weil der Vater ist schuld daran, dass die beiden überhaupt zu Besuch sind.
Johannes Franke: Aber diese Parallele finde ich interessant. Zu sagen, wir finden das erst spät raus, aber eigentlich haben beide Männer nach oben hin geheiratet. Ja. Versuchen irgendwie... Frauen als Trittleiter zu benutzen. Ja,
Florian Bayer: und beide Männer, also George ist offensichtlich darin gescheitert, zumindest aus der Perspektive seiner Frau, aber wahrscheinlich auch aus der Perspektive ihres Vaters und Nick hat das Potenzial des Scheiterns nicht so in sich und ich glaube, ich finde Nick so schrecklich unsympathisch, weil er die ganze Zeit dieses absolut Gelackte mit sich trägt und das hat aber sowas Abgründiges. Ich glaube, Nick würde auch über Leichen gehen für seine Karriere mit einem Lächeln.
Johannes Franke: Ich glaube, Nick wird absichtlich ein kleines bisschen nebulös auch gelassen. Und dadurch gewinnt er so ein bisschen an Komplexität, zumindest Scheinkomplexität. Und ein bisschen Schein... Also da kann halt viel schlummern und da kann halt viel Düsteres sein. Aber so viel Düsteres, es ist halt vor allem dann bei der Schaukel. Weil da ist er aber auch voll, voll, voll, voll, voll, also richtig besoffen. Kann schon auch kaum mehr was sagen. Aber das, was er sagt, ist auch wirklich düster teilweise. Das stimmt schon.
Florian Bayer: Lässt sich Nick von Martha vögeln? Wir sehen es nicht. Was denkst du?
Johannes Franke: Na, sie beschwert sich ja, dass er das nicht hinkriegt. Ja,
Florian Bayer: aber glaubst du, er hat mitgemacht bis zu dem Punkt, wo es physisch nicht ging? Oder glaubst du, er hat sie abgewiesen?
Johannes Franke: Ich glaube, dass er das gemacht hat, ja.
Florian Bayer: Das ist halt auch so was, ne? Also Nick, Martha und George spielen das nicht vor. Also George sagt ja auch irgendwann, er hasst diese Heuchelei. Das ist ja ein Grund, warum er dieses Get-a-Gast gespielt hat. Aber Nick und Honey... Heucheln das natürlich vor, dass sie die perfekte Beziehung haben, wo sowas niemals stattfinden würde. Und der erste Moment, wo Nick auf eine charismatische, dominante Frau trifft, lässt er sich so schnell darauf ein, auf dieses Humpty Hostess. Also es ist ja eher Humpty Guest. Wenn ich mir vorstelle, wie Martha und Nick da oben zu Gange sind, dann geht von Nick relativ wenig Initiative aus. Und Martha hat das dann voll im Griff.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall.
Florian Bayer: Bis zu dem Punkt, wo sie dann runterguckt und sagt, das sollte eigentlich anders aussehen gerade. können wir hier nicht weiterarbeiten.
Johannes Franke: Damit kann ich nicht arbeiten. Aber, also du willst darauf hinaus, dass dieses Offene damit umgehen, was Martha und George haben, die sich das ja auch jederzeit sagen würden, übrigens, ich hab da mit Nick achtlärig geklappt, aber ich wollte, während die anderen beiden, also du findest das schlimmer, wenn man's so tut, als wär's nicht da, als wenn man es offen... Ja, da geh ich voll mit. Aber es ist nur ein Aspekt, ne? Also, vielleicht ist er auf diesem Gebiet schlimmer, aber... Aber es gibt ja nur mehr Facetten und Gebiete und Layer, die Schlechtigkeit ausmachen.
Florian Bayer: Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Und natürlich finde ich es auf der Seite problematisch und besonders ekelhaft. Aber es gibt ja nur wirklich genug schlimme Sachen, die George und Martha machen. Wie die mit den Leuten umgehen, das machen die anderen beiden auf keinen Fall. Also vielleicht später, nach dieser Erfahrung, werden sie vielleicht einfach das übernehmen irgendwann, weil sie so frustriert vom Leben sind, weil sie sich auch nicht voneinander trennen konnten vielleicht. Das ist sowieso interessant. Wie wird es mit dem Weitem weitergehen? Werden die so wie die anderen oder nicht?
Florian Bayer: Das ist dann ja auch tatsächlich das Schlimme der Bösartigkeit. Das ist dann ja auch der Punkt, wo Marfa interveniert auch mal und zu George sagt, das war zu viel. Und zwar bei diesem Get-a-Guest-Spiel. Und George sagt... dann, ich dachte, du würdest das lieben. I thought you'd like it, sweetheart. It's your taste. Blood, carnage and all. Und dann sagt Martha, ja, du kannst mich die ganze Zeit in Stücke zerreißen. Ich kann dich in Stücke zerreißen. You can stand it. Aber das war vielleicht ein bisschen zu viel für die, weil die schaffen das nicht. Und plötzlich ist George wieder der Schrecklichste, weil George und Martha, weil das die aufeinander losgehen, die wissen, was der andere jeweils ertragen kann und wie weit sie gehen können. Aber Nick und Honey sind doch so unschuldig.
Johannes Franke: Ja. Aber da bin ich so ein bisschen, sitze ich auch davor und denke mir, Alter, ihr macht hier so viel Scheiße und es ist so übel. Und dann bekommst du plötzlich Skrupel, weil du denkst, ja, die kriegen es nicht ganz hin. Das ist dann eher so, dass ich denke, ja, sie versucht genau auf dem Grat zu wandern, dass sie uns nicht zu früh wegbrechen, damit wir weitermachen können. Und das ist ja noch schlimmer.
Florian Bayer: Mach uns nicht unser Spielzeug kaputt.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Wie so eine Katze, die die Maus noch ein bisschen touchen will, bevor sie ihr endgültig das genickt.
Johannes Franke: wegbricht. Ja, genau. Ja,
Florian Bayer: vielleicht auch so ein bisschen, weil es ist so schwer. Wer will hier eigentlich wen, wie weit fertig machen? Ich meine, das ist ja auch, kurz danach erklären sie sich ja den totalen Krieg. Sie sagen tatsächlich Total War. Und sie drohen sich gegenseitig und das ist ja auch der Moment, wo sie ihn alleine nach Hause gehen lässt. Was wollen sie eigentlich in dieser Nacht? Wollen sie was erreichen?
Johannes Franke: Gute Frage.
Florian Bayer: Ist das improvisiertes Spiel und es führt irgendwo hin, aber sie wissen nicht, wohin?
Johannes Franke: Also, sie haben jahrelange Übungen darin, ne? Ich weiß aber auch nicht, inwiefern... Sie müssen ja einen Ruf haben in der Stadt dafür. Und dann hat keiner in der Party den beiden Neuen mal gesagt, lasst euch mal nicht auf die beiden ein. Was für Arschlöcher sind das denn, die da in der Uni arbeiten und sagen, oh, ich sehe die beiden da gerade reden. Ich stelle mich mal nicht dazu und kläre da ein bisschen was oder schütze ihn oder so.
Florian Bayer: Sie ist die Tochter vom Präsidenten. Ja,
Johannes Franke: trotzdem. Naja.
Florian Bayer: Ich glaube, jeder versucht jeden aus dem Weg zu gehen. Aber ich glaube, niemand traut sich schlecht, über sie zu reden, wenn sie nicht da sind.
Johannes Franke: Ich glaube, der Key der ganzen Geschichte ist, dass was sie, ich glaube, am Anfang, ich weiß nicht mehr genau, wo sie es sagen. Oder vielleicht sagen sie es nur im Theaterstück und ich weiß es nicht mehr ganz genau. Jedenfalls nennen sie das Ganze Exercise. Es ist ja nicht so, dass es irgendwie nur Spiel oder nur... sich gegenseitig fertig machen ist, sondern sie trainieren ihre Fähigkeiten. Ja. Und ich glaube, das ist der Abend einfach auch. Vor allem, weil man sich denkt, die kommen spät nachts nach Hause, sehen schon total fertig aus auf dem Weg nach Hause mit wundervollen Bildern. Ich muss es nochmal betonen, die Bilder sind wirklich wundervoll gemacht. Ganz toll. Tolles Schwarz-Weiß. Und dann kommen die nach Hause und sie fängt an mit diesem, wie hieß denn eigentlich dieser Film, wo dieses Zitat vorkommt. Und darüber versuchen sie zu den Ersten, sie versuchen dieses Bickering aufzubauen und es funktioniert noch nicht so richtig. Sie ist noch viel am Durchpreschen und versucht ihn da irgendwie zu drängeln. Ich habe so das Gefühl, er hat noch nicht so richtig Lust darauf und er holt so einen Kreuzfahrtsätel raus. Das erste Mal, dass ich denke, hä? Die sind... mitten in der Nacht nach Hause gekommen und er kommt jetzt auf die Idee, Kreuzworträtsel zu lösen?
Florian Bayer: Er legt sich dann ja auch aufs Bett. Also sie scheinen, bevor überhaupt die Gäste angekündigt sind, wissen sie beide nicht so, wohin mit sich.
Johannes Franke: Ja, ja. Total komisch, ne?
Florian Bayer: Ist das ein Vorspiel? Ist er vielleicht sauer, weil es keinen Sex gibt? Ist es das? Wo? Weil sie fängt an zu streiten.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und vielleicht ist es einfach so ein Vorspielding und er legt sich schon mal aufs Bett und dann sagt sie plötzlich und gleich kommt ein Gäste und er so Alter, echt jetzt? Ich dachte, wir haben in fünf Minuten Sex. Das ist doch unser Programm. Ja,
Johannes Franke: das kann sein. Echt jetzt. Interessanter Gedanke. Ja, naja, aber sie ziehen das ja dann durch mit dem Exercise mit den Neuankömmlingen. Ich kann mir vorstellen, dass sie das mit jedem machen, der neu ist an der Uni oder der irgendwie in ihr Umfeld kommt. Ja,
Florian Bayer: aber es eskaliert so. Also das ist kein normaler Abend für sie, oder? Spätestens das Bring-up-Baby? Ja. Das ist eine Eskalation, die nicht geplant ist.
Johannes Franke: Denke ich auch, genau.
Florian Bayer: Und auch George. plant das nicht. George, sie erklären sich gegenseitig den totalen Krieg und George muss dann auch erstmal was finden und dann erst, wenn Honey sagt, aha, hat's geklingelt, hat er plötzlich diese Idee, oh, das ist es. Und die absolute Bösartigkeit, das ist ja auch eine Atombombe, ne?
Johannes Franke: Ich finde, wir reden da jetzt relativ, relativ geordnet darüber, was die wollen und wo das hingeht und so, aber in meiner Erinnerung im Film, ohne die Recherche und ohne das damit auseinandersetzen und überlegen und so, Macht der Film das nicht sehr klar strukturiert, legt er das einem nicht dahin. Man muss da schon viel überlegen und mitdenken und rausfinden, was haben die denn nun miteinander und was ist denn das? Und ist der Streit echt oder nicht? Das ist wahnsinnig schwierig, finde ich.
Florian Bayer: Es bleibt auch nur nebulös, selbst wenn man den Text vor sich hat. Ich habe das Stück gelesen, bevor ich den Film gesehen habe. Und ich habe das Stück auch inszeniert gesehen, in einer deutschen Inszenierung, bevor ich den Film gesehen habe. ich halte es tatsächlich für eines der besten Dramen im 20. Jahrhundert.
Johannes Franke: Das kann sein, ja.
Florian Bayer: Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, war ich so irgendwie war bei All B ein bisschen mehr drin. Da ist ein bisschen Substanz verloren gegangen. Und je öfter ich den Film gesehen habe, umso mehr habe ich den Film dann als das akzeptiert, was er ist. Aber als ich den das erste Mal gesehen habe, war das für mich so, oh, das ist ein Downgrade. Es war nicht so, wie viele gesagt haben, dass es nochmal das Stück perfekt umgesetzt und Und das Film, was gemacht werden muss, für mich war das ein totales Downgrade. Und es hat sich aber gedreht. Mittlerweile kann ich das Stück nicht mehr lesen und über das Stück nachdenken, ohne an die Performance von Elizabeth Taylor voranzudenken. Aber auch die anderen Figuren. Und das Stück ist länger, aber ist auch so unsortiert. Du hast das Gefühl, es hangelt sich so an Geschichten und an diesen kleinen anekdotischen Streitereien entlang. Und es werden auch Eskalationsstufen gezündet, aber die werden auch wieder zurückgezogen und es gibt dann wieder die Harmonie und es gibt dann wieder die Romantik und es ist so ein ständiger Abtausch, was für eine krasse Dynamik sorgt, aber auch tatsächlich dafür sorgt, dass es anstrengend ist und ich finde zumindest, sich wirklich überrollt, weil du die ganze Zeit bombardiert bist und ich frage es, wo sind sie gerade? Sind sie beim humoristischen sich gegenseitig necken? Sind sie beim richtig harten Kampf? Ist es nur ein Spiel, was sie gerade machen oder ist es ernst? Ist sie jetzt wirklich verzweifelt oder spielt sie das nur?
Johannes Franke: Ich glaube, es hängt ganz, ganz, ganz hart an der Inszenierung, wie du das inszenierst, das Stück. Also auf der Bühne und eben jetzt auch im Film. Wie gesagt, im Film sind viele Gags einfach glatt gebügelt, einfach drüber gebügelt, weil wir müssen weiter, wir müssen weiter, wir machen Tempo, Tempo, Tempo. Und du kannst das auf der Bühne, kannst du das auch völlig anders inszenieren. Du kannst machen, dass alle zwei Sekunden ein Lacher drin ist.
Florian Bayer: Ja, wahrscheinlich. Natürlich, klar. Also es ist ja eigentlich, deswegen mag ich den Text auch so tatsächlich. Zuerst gelesen, bevor ich es gesehen habe. Und ich lese Dramen auch eigentlich ganz gerne. Und der Text ist echt gut. Und der Text ist aber auch sehr, sehr interpretationsoffen. Du kannst das wütend spielen, du kannst das lustig spielen, du kannst das traurig spielen.
Johannes Franke: Ich bin nicht sicher, ob es die beste Möglichkeit ist, Theaterstücke auch zu lesen. Theaterstücke sind nicht geschrieben, wie Shakespeare zum Beispiel, sind nicht geschrieben, um gelesen zu werden. Die sind geschrieben, um gespielt zu werden.
Florian Bayer: Aber sie lassen sich ganz gut lesen.
Johannes Franke: Ja, aber ich denke dann immer, es ist wie ein Drehbuch zu lesen. Warum liest man ein Drehbuch? Es muss doch so viel dazukommen.
Florian Bayer: Kopfkino.
Johannes Franke: vollständig ist. Da muss doch ein Schauspieler wochenlang daran geknabbert haben, um zu wissen, wie dieser Satz gesagt werden muss.
Florian Bayer: Kopfkino, Kopfkino.
Johannes Franke: Ja, aber das muss gelernt sein. Ich finde, das muss gelernt sein. Ich arbeite ja mit Leuten zusammen, denen ich Texte schreibe, teilweise Drehbücher vor allem. Und die meisten haben keine Erfahrung darin, Drehbücher zu lesen. Und dann ist das wahnsinnig schwer, denen zu erklären, wie das am Ende wirken wird. welche Möglichkeiten da drinstecken, wie der Schauspieler das spielen kann. Der geschriebene Text macht bei weitem nicht das, was ein Film machen kann, wenn du nicht die Fantasie oder die Erfahrung dafür hast, zu wissen, was in dem Drehbuch dann drinsteckt.
Florian Bayer: Und doch ist ein Film ja auch immer eine Interpretation von einem Text. Das ist ja Text plus. Dass das zum Beispiel lustig ist, steckt auch im Text drin, aber genauso steckt auch drin, dass es unglaublich zynisch ist. Ich glaube, das Theaterstück habe ich... Ich war mit einem Freund im Theater, wenn ich mich richtig erinnere. Ja. Und dann haben wir drüber geredet und er hat gemeint, und ich hab gesagt, das war echt gut und krass und ich mag das total. Und er meinte, das ist so zynisch. Und ich dachte so, nee, ich hab das überhaupt nicht als zynisch wahrgenommen. Ich find das gar nicht so zynisch. Ich find das vielmehr diese Romantik und so. Du hast zum einen diese Übersetzung aus dem Text durch die SchauspielerInnen und zum zweiten aber natürlich auch durch das Publikum die Interpretation von dem, was auf der Bühne passiert. Und da gibt's so viele richtige Wege. Es gibt mehr richtige als falsche Wege. Und ob das Stück jetzt lustig ist oder tragisch oder wütend, das hängt halt wirklich von der Interpretation ab. Und ich weiß auch nicht, ob die lustige, extrem lustige Interpretation die beste unbedingt wäre.
Johannes Franke: Nee, ich glaube nicht.
Florian Bayer: Und der Film, jetzt muss ich kurz überlegen, was der Film macht. Also hat der Film einen geraden Weg, wenn dann am ehesten vielleicht die tragische Note am stärksten betont?
Johannes Franke: Ja, das denke ich schon. Er hat selber, glaube ich, gesagt, im Theater hat man viel mehr Raum und Möglichkeit. für alle einen Moment des Lachens und des Freiseins zu entwickeln. Während der Film diese Möglichkeit nicht hat, aber dafür die Möglichkeit hat, das alles hinzulegen und weiterzugehen. Und deswegen hat er sich eher dafür entschieden, das schneller zu machen und dann nicht auf Gag zu gehen.
Florian Bayer: Und wenn er bremst, dann eher für die emotionalen Momente.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: das ist auch das, was so am ehesten aus Good Old Hollywood mitgenommen ist, nämlich diese... diese Tragik in so elegischen Schwarzwald-Elementen untermalt mit stimmungsvoller Musik. Also da fühle ich mich teilweise wirklich an ganz klassische Dramen aus den 50ern erinnert. Auch weil es schwarz-weiß ist. Der Film könnte auch, also wäre der Film nicht so vulgär, könnte er zehn Jahre früher inszeniert worden sein.
Johannes Franke: Das stimmt. Wollen wir nochmal, wenn wir jetzt da schon bei den großen tragischen Szenen sind, wollen wir aufs Ende mal eingehen, auch was das bedeutet, was George dann eigentlich will. Und wo er sich dahin manövriert hat und wo sich die beiden dahin manövriert haben am Ende.
Florian Bayer: Warum macht man das überhaupt, sich einen fiktiven Sohn vorzustellen und über diesen Sohn zu reden, als ob er echt wäre? Nicht spaßig, sondern anscheinend so, dass man eine komplette Lebensgeschichte hat, die man sehr ernst nimmt und dass man das Kind wirklich liebt.
Johannes Franke: Das ist nach und nach entstanden, würde ich denken. Also wenn man sich vorstellt, dass die mit 20 geheiratet haben und jetzt sind die 50 oder Mitte 40 eher. Dann hat man viel Zeit, dieses Kind zu entwickeln. Und am Anfang ist das so ein, wir streiten uns und ich bringe jetzt einfach mal aus Scherz, um die Situation ein kleines bisschen zu entschärfen, einen Sohn mit einen, den es gar nicht gibt. Dann lachen wir alle herzlich drüber und gehen in die nächste Situation und das nächste Mal bringt der Nächste den wieder hoch. Und man denkt sich, ah okay, darüber können wir viele Konflikte bearbeiten und etwas auslagern. So auf den Sohn auslagern, so Probleme.
Florian Bayer: Und dann irgendwann... Hat ja unglaublich viel Gewicht zu tragen, dieser imaginäre. The one light in all this hopeless darkness, our sun.
Johannes Franke: Ja, krass, ne? Aber ich kann mir vorstellen, wenn man das dann irgendwann voll durchzieht, es gibt so Pärchen, die, das muss noch nicht mal so was Großes sein, aber viele Pärchen haben das ja, so einen internen Joke, der immer größer wird, der immer stärker wird. Der muss nicht sowas Tragisches sein oder sowas Absurdes wie ein Sohn, der dann überhaupt nicht existiert und über den man dann echt, echt hart weint. Ihre Trauer ist ja auch echt richtig, die haut richtig rein.
Florian Bayer: Es ist richtig hart und er weiß auch,
Johannes Franke: dass es richtig böse ist, was er gerade macht.
Florian Bayer: Kennst du die alternative Option für das Ende? Nee. Der Sohn hängt im Kleiderschrank. Der Sohn hat sich erhängt. Ah,
Johannes Franke: ja. Ich habe sowas gehört, aber ich dachte, das wäre trotzdem noch die fiktive Version. Aber das soll tatsächlich eine sein, wo es wirklich einen Sohn gab, der sich erhängt hat.
Florian Bayer: Anscheinend, ja. Es ist auf jeden Fall Quatsch.
Johannes Franke: Gott sei Dank ist es nicht schwächer.
Florian Bayer: Ja, ja, schwächer.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Dieses... Also plötzlich kriegt das alles so viel Gewicht, auch weil er dann diese lateinische Totenmesse liest.
Johannes Franke: Das ist so krass. Alle haben ihm gesagt, du kannst keine Overlapping Dialogs machen, das geht nicht. Du kannst tontechnisch nicht die beiden Tonspuren übereinander legen, ohne dass beides verliert. Und es ist auch schwierig, aber er macht das sehr gut.
Florian Bayer: Also wir haben sehr viel Overlapping Dialog in diesem Film. Und am Schluss gerade dieses, was dann ja auch sehr abgehackt ist, sie erzählt vom Sohn, er erzählt vom Sohn. Und dann sind ja auch die Sachen, die Ideen gegen... gehen auch gegeneinander, zum Beispiel, dass sie sagt, es war eine einfache Geburt und er sagt, es war eine schwere Geburt. Und dann versuchen sie die Geschichte so zu modeln, dass sie beide auf der einen Linie sind, aber trotzdem ihr Narrativ durchkriegen. Und dann wird es immer knapper und immer mehr so Staccato und dann diese Totenmesse, die er liest. Und sie erzählt vom Sohn, ich habe da jedes Mal eine Gänsehaut. Ich finde das so krass und so stark. Also das ist so eine kraftvolle Szene und so eine tragische Szene. Und weil sie beide... Ihrem emotionalen Tunnelsinn, für Sie ist das ein riesiger Verlust. Ich glaube, für ihn ist es auch ein riesiger Verlust. Ja. Und da bewahrt sich halt irgendwie so die Coolness dabei, wenn er das liest. Aber es ist einfach krass, weil hier quasi gerade auch ein Mord passiert, einer imaginären Person, die, wie du sagst, wahrscheinlich seit 20 Jahren existiert und die nicht so einfach ausgelöscht werden kann.
Johannes Franke: Sehr viel Bedeutung hat. Der hat den 16. Geburtstag, war es nicht so? Vielleicht ist das tatsächlich dann ein Hinweis darauf, wie lange dieser Sohn existiert.
Florian Bayer: Ja. Stimmt, 16 macht Sinn. Sie haben offensichtlich sich sehr viel überlegt und haben auch anscheinend so unterschiedliche Geschichten, aber versuchen die zusammenzubringen. Also sie bleiben da in ihren Regeln, dass sie sagen, wenn er sagt, es war eine schwere Geburt, und sie sagt, es war eine leichte Geburt, nachdem das schwer war, war es dann aber leicht, merkt man, sie wollen sich an die Regeln halten. Es ist einfach krass. Es ist auch der Moment, wo dieses Spiel auch in sich zusammenstürzt. Und kurz darauf sagt dann auch Georgia zu den beiden Gästen, home to bed. Children. So, jetzt ist das Spiel wirklich vorbei.
Johannes Franke: Ja. Und es ist wirklich krass, weil er sagt, so, aus dem Haus, wir haben unser letztes Spiel gespielt, tschüss, wir brauchen euch nicht mehr. So richtig rauskehren aus der Tür.
Florian Bayer: Ja. Und, naja, und es ist, also sie sagt, du kannst es nicht tun und er sagt, naja, du hast die Regeln verletzt. Ja. Du hast die in der Welt, du wusstest, dass das Konsequenzen hat. Ich find's echt, es ist so ein harter Moment, auch weil sie danach so einfach erschöpft sind.
Johannes Franke: Das ist krass,
Florian Bayer: diese emotionale, diese komplette Erschöpfung.
Johannes Franke: Ich frage mich, wie oft die das schon durchgemacht haben in der einen oder anderen Form. Jetzt nicht mit dem Sohn oder so, vielleicht so stark nie, aber wie oft die völlig erschöpft irgendwo sitzen oder liegen und einfach nicht mehr können.
Florian Bayer: Das ist auch eine spannende Frage. War dieser Abend durch diese radikale Eskalation, war es was anderes? War das das erste Mal, dass das passiert ist? Oder war es doch wie... Viele andere Abende davor, okay, diesmal ist ein Sohn gestorben, vielleicht ist vor ein paar Abenden eine Tochter gestorben oder was auch immer. Oder ist es was anderes? Hat hier ein Umschwung in ihrer Beziehung stattgefunden?
Johannes Franke: Ich nehme an, es ist ein Umschwung. Ich möchte das vor allem deswegen denken, weil ich gerne einer besonderen Situation beiwohnen möchte. Nicht das Gefühl haben möchte, okay, ich sehe hier was Alltägliches.
Florian Bayer: Ja, total nachvollziehbar. Aber ich will eigentlich den Gedanken festhalten, dass es... Nicht so weit ein Umschwung ist, dass sich ihre Beziehung jetzt ändern wird. Das fände ich schade, weil ich tatsächlich diese Art dieser Beziehung, dieses kaputte, das ist einfach zu kraftvoll.
Johannes Franke: Du willst, dass sie nicht heilen.
Florian Bayer: Nein, sie sind geheilt, sie haben doch sich. Das ist ein sehr optimistisches Ende. Ich will nicht, dass sie sich ändern. Und deswegen will ich nicht, also ich verstehe, ja natürlich sollten, es ist irgendwas Besonderes passiert. Es ist was anderes passiert. Der Sohn ist gestorben, das ist schon krass. Aber ich will nicht diesem Narrativ folgen, was ja manche aufgebaut haben, ja und dann geht die Sonne auf und wir sehen, da ist Hoffnung, weil sich ihre Beziehung jetzt ändern wird und jetzt, wo der Sohn weg ist, können sie vielleicht der Wahrheit mehr ins Auge blicken. Alles Quatsch, das will ich gar nicht. Ich will, dass sie weiter dieses Spiel treiben, weil das definiert ihre Liebe. Wenn die beiden, nachdem ihr Sohn getötet wurde, plötzlich zum Eheberater gehen, Therapie zusammen machen, dann ist ihre Beziehung im Arsch. Das geht nicht. Die Beziehung lebt davon, dass dieser Krieg stattfindet. Das können sie nicht aufgeben.
Johannes Franke: Aber was ist? Wenn sie dann zur Paratherapie gehen, die Beziehung kaputt geht und sie beide in einer neuen Beziehung glücklichere Menschen werden?
Florian Bayer: Die beiden kriegen keine neue Beziehung.
Johannes Franke: Ja, aber nur, weil du sie in diesem Status jetzt gesehen hast. Aber was ist, wenn sie wirklich therapeutisch wirklich Hilfe bekommen? Vielleicht nicht in den 60ern. Aber weiß ich nicht.
Florian Bayer: Aber die haben einander verdient. Und das meine ich nicht nur negativ, sondern es hat was Schönes. Ich will nicht, dass sie glücklich werden mit neuen Partnern. Ich will, dass sie weiter kaputte Menschen sind. Aber das sagst du nur,
Johannes Franke: weil es ein Film ist Du willst nicht,
Florian Bayer: dass Ernest Hemingway Zu den anonymen Alkoholikern geht Das willst du nicht Dieser Mann muss ein Alkoholiker sein, der sich tot säuft Ich weiß, das ist hart
Johannes Franke: Du willst nicht, dass Rilke zum Psychologen geht Damit er weiterhin schöne Gedichte schreibt
Florian Bayer: Genau. Oh,
Johannes Franke: fuck. Das hat ihm der Psychologe wirklich gesagt übrigens. Rilkes Psychologe hat gesagt, was ist besser, dass du gesund wirst oder dass die Welt wunderschöne Gedichte hat. Und er meinte, die Gedichte sind wichtiger.
Florian Bayer: Wir reden ja Gott sei Dank von fiktiven Personen in diesem Film.
Johannes Franke: Ja, wenn wir von unseren Freunden reden würden, Floor,
Florian Bayer: dann würde ich das nicht sagen. Okay, gut. Danke. Du willst nicht, dass Darth Vader in Teil 1 feststellt, oh, vielleicht sollten wir doch Demokratie einführen und den Todesstern, das Projekt. beenden wir jetzt, das ist sowieso viel zu kostenintensiv. Das willst du nicht, weil du willst diese Welt erhalten.
Johannes Franke: Du hast das Spiel geändert, in dem du Ernest Hemingway eingepflegt hast.
Florian Bayer: Entschuldigung, ja, das hätte ich nicht tun sollen.
Johannes Franke: Der arme Mensch. Ein Recht auf glücklich sein, ohne dass wir was davon haben.
Florian Bayer: Also ich stärke, ihre Beziehung liegt doch darin, dass sie seit wahrscheinlich 20 Jahren so abläuft, dass es keine Änderung gibt. Ja.
Johannes Franke: Also im dramaturgischen Rahmen, im Rahmen dieser Fantasiewelt ist das natürlich so.
Florian Bayer: Was hältst du denn von der Idee, dass die George und Martha heißen, wegen George und Martha Washington und dass das Ganze eine Metapher auf Amerika ist?
Johannes Franke: Ja, ja, ja, habe ich schon, habe ich irgendwo gelesen und habe gedacht, ja, okay, kann man so sehen, aber ich weiß nicht, macht das irgendwie schwächer für mich.
Florian Bayer: Ja, glaube ich auch. Genau wie die Interpretation, dass es um ein homosexuelles Paar geht. Das ist einfach cool. Das geht ja ums... Das ist ja gerade so spannend, weil es so ein prototypisch heteronormatives Ehepaar in den 60er Jahren ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Die eben das nicht sind, sondern die gegen die Konventionen aufbegehren und dann konfrontiert sind mit diesen Konventionen und die die Konventionen fertig machen, weil sie einfach, ich hab's schon gesagt, Übermenschen sind. Ich find, George und Martha sind so clever und sind so stark. Sind so haushoch überlegen. Das ist auch ein bisschen eine Freude zu sehen, wie sie ihre Gäste killen.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Aber es tut wahnsinnig weh und es ist wahnsinnig schwer, da mitzukommen. Ich würde einmal ganz kurz noch über die Dreharbeiten reden wollen. Ja, bitte. Es gibt so ein paar kleine Anekdötchen. Zum Beispiel, dass die beiden Hauptdarsteller einen Vertrag hatten, der sagte, die kommen nicht vor 10 ans Set. Könnt ihr vergessen. Dann sind die in die Maske, das dauerte zwei, drei Stunden manchmal. Dann war schon Mittagessen. Dann sind sie zum Mittagessen oft irgendwo mit Freunden, mit Alkohol sehr ausgiebig essen gegangen. Und dann sind die teilweise um fünf am Set gewesen, nachmittags, und um sechs war Drehschluss. Die haben das so einfach zu einem privaten Fest gemacht, das Ding. und haben echt teilweise die Drehtage so über den Haufen geworfen, weil die einfach das so, Lachs, jojo, ach, wir kommen dann, ach, sorry, dass wir so spät sind, lass uns loslegen.
Florian Bayer: Sie konnten sich den ganzen Shit erlauben, weil sie Stars waren, ne? Einfach,
Johannes Franke: weil sie Stars waren, ist so krass.
Florian Bayer: Elizabeth Taylor hat eine Million gekriegt für diese Rolle.
Johannes Franke: Eine Million und 100.000. Vorher für Cleopatra hat sie eine Million bekommen. Die erste Frau in der Geschichte, die als Schauspielerin Frauen, Mhm. Diese Summe Geld bekommen haben.
Florian Bayer: Sie hat mehr gekriegt als Burton. Burton hat 750.000 gekriegt für diesen Film. Und Elizabeth Taylor hat davor mit Cleopatra, da war sie nämlich an den Einnahmen beteiligt, hat sie irgendwie insgesamt 7 Millionen oder so gemacht. Ah, krass, Alter. Und wir reden hier von 7 Millionen aus dem Jahr 1963. Packt euren Inflationsrechner aus und guckt, wie reichen die waren.
Johannes Franke: Krass. Und dadurch, dass es der Debütfilm war, hat er natürlich ganz viele Leute gehabt, die ihm gesagt haben, wie es geht. Ganz viele Leute gesagt haben, ja, du musst das so machen, Zum Beispiel gab es den Rat, dass er sich das natürlich irgendwie erarbeiten muss, dass er Respekt bekommt. Dass die Leute sagen, okay, der meint es ernst und der weiß, was er tut. Also muss er am ersten Tag jemanden feuern. Den Rat hat er bekommen. Und am ersten Tag kam, ich glaube, ein Regieassistent. Und hatte irgendwo zwischendurch gesagt, ja, it's just another movie. Und er so, you're fired.
Florian Bayer: Wie schrecklich ist das hart. Hollywood ist echt.
Johannes Franke: Böser. Ach man, sind auch mehr Leute gefeuert worden. Aber eine Person ist nicht gefeuert worden, nämlich es gab eine Szene, wo sie so viel weinen und so viel, so wirklich eine hart, schwere, emotionale Szene hatte. Also so zwei Drittel des Films eigentlich. Aber der Take wurde abgebrochen, weil plötzlich aus dem Hintergrund jemand eingeschlafen ist. Und dann hat ein hat der Regisseur gesagt, cut, wir müssen das nochmal machen und sie, Liz Taylor, sofort aus der Rolle raus und als Erste, was sie sagt, und zwar sehr laut und sehr bestimmend, please don't fire him. Und es ist so süß.
Florian Bayer: Ja, total süß. Vor allem, weil sie so berüchtigt war. Ja. Und sie hatte den Ruf, eine Diva zu sein. Sie war offensichtlich ziemlich auf Opiaten, während Richard Burton hat gesoffen ohne Ende. Sie hat Tabletten geschluckt ohne Ende. Und es muss wohl teilweise auch ein Albtraum gewesen sein, mit denen zusammenzuarbeiten. Aber natürlich ist es auch so ein Ding, wo Mythos und Realität so sehr verschwimmen.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Weil
Florian Bayer: Hollywood und vor allem die Yellow Press in Hollywood hatten damals sehr viel Freude daran. Ja. Alles in die Öffentlichkeit zu zerren, was irgendwie in deren Privatleben passiert ist.
Johannes Franke: Einfach zu erfinden auch, was ja heute auch viel gemacht wird. Genau. Und das größer zu machen, wie es war und so. Eine Sache finde ich noch sehr spannend und sehr interessant. Dadurch, dass er Debütregisseur war, hat ihm die Produktion Warner übrigens jemanden an die Seite gestellt. Einen Editor, einen Advisor für das Set aus dem Schnitt, der dann später gemacht werden sollte. Damit er dann schon sagen kann am Set, ja, du musst jetzt das, das und das drehen, damit ich später im Schnitt das zusammenbauen kann. Weil er einfach keine Erfahrung von Einstellungsgrößen und so weiter hatte. Dieser Typ war da, hat immer wieder große Gespräche mit ihm gehabt. Ja, und dann musst du das drehen und das drehen und das drehen. Und nach ein paar Tagen, also er hat dann immer gesagt, ja, mach ich, okay, gut, guter Gedanke und hat das versucht irgendwie umzusetzen. Ein paar Tage später im Dreh, so dritter, vierter Tag oder sowas, hat er gesagt, ich reise ab und ist gegangen. Und hat gekündigt. Und es kam raus, dass er gesagt hat, der hört nicht auf mich, der macht überhaupt nicht, was ich sage. Was soll ich hier? Und dann hat er später reflektiert, ja, also ich habe volle Kanne versucht umzusetzen, was er gesagt hat, aber ich musste auch der Szene dienen. Das heißt, das, was er im Kopf hatte, in seiner Vorbereitung als Regisseur, und daran erkennt man den guten Regisseur in diesem Fall, dass er... das alles versucht hat umzusetzen, aber auf seine Art und Weise und der Szene mehr zu dienen, als dem Typen zu dienen, der im Nacken liegt. Und das ist schon beeindruckend. Als Debütregisseur das wirklich zu machen und zu sagen, nein, nein, ich habe meine eigene Vision und ich höre zwar auf dich, aber auf meine Art und Weise und wie es dem Film dient.
Florian Bayer: Mike Nichols hat gar nicht so viele von meinen Lieblingsfilmen gedreht, aber ich finde Mike Nichols ist ein großartiger Regisseur.
Johannes Franke: Ich fand die Reifeprüfung furchtbar.
Florian Bayer: Ich weiß, du fandst die Reifeprüfung furchtbar. 2004 hautnah. Ein ganz toller Film, Closer, auf jeden Fall absolut sehenswert mit Jude Law, Julia Roberts, Natalie Portman, Clive Owen, auch ein Theaterstück. Und auch wieder so eher ein Kammerspiel und auch wieder Mike Nichols schafft es irgendwie, dieses Enge so ein bisschen zu erweitern und ein bisschen mehr draus zu machen, einen Film draus zu machen. Catch-22, ein ziemlich witziger, böser, satirischer Kriegsfilm aus Anfang der 70er Jahre, auch ein toller Film. Und dann hat er auch viel so Hollywood-Filme gemacht, die aber, ich finde, die haben bei ihm immer so eine gewisse inszenatorische Klasse. Zum Beispiel Birdcage. Ja. 1996 hat er das Birdcage-Remake gemacht, was meiner Meinung nach zu den besten Hollywood-Remakes der Filmgeschichte gehört.
Johannes Franke: Ja, also ich glaube, ich habe damals auch das Remake gesehen und ich fand es toll.
Florian Bayer: Und das ist genau mit Robin Williams und Gene Hackman.
Johannes Franke: Vielleicht müssen wir den mal gucken.
Florian Bayer: Es ist ein, ich finde, ich glaube, ich finde ihn besser als das französische Original.
Johannes Franke: Okay. Vielleicht machen wir mal ein Double Feature.
Florian Bayer: Oh, das wäre toll, ja, auf jeden Fall. Genau, aber ich finde, Mike Nichols ist ein sehr starker Regisseur. Und bei allem, was du an der Reifeprüfung hast, die Inszenierung ist doch teilweise sehr exquisit. Ja. Dieses Spiel mit dem Pacing und die Bilder und so. Ich kann vor allem nicht sagen, dass du das thematisch alles all findest.
Johannes Franke: Vielleicht bin ich auch ein bisschen wütend auf Mike Nichols, weil er in diesem Film hier alles, alles so richtig macht, was er bei der Reifeprüfung falsch macht. Dieses ganze furchtbare... Der Stalking, was in der Reifeprüfung passiert und die Art und Weise, das auch zu inszenieren und nicht zu kommentieren. Oder der Film das nicht genug einsortiert. Wir haben ganz lange über diesen Film gesprochen. Ihr könnt euch das anhören.
Florian Bayer: Und doch hat er für die Reifeprüfung den Oscar gekriegt als bester Regisseur.
Johannes Franke: Ja, weil sie es hier nicht geschafft haben, ihm den zu geben.
Florian Bayer: Dieser Film hat Oscars abgeräumt. Fünf Oscars gab es.
Johannes Franke: Und er wurde für alles nominiert, wofür er überhaupt nominiert werden konnte.
Florian Bayer: Ja. Und dann hat gewonnen hat Liz Taylor. Als beste Hauptdarstellerin? Sandy Dennis, als beste Nebendarstellerin. Geil.
Johannes Franke: Sehr gut, ja.
Florian Bayer: Absolut verdient. Sie ist toll. Also man muss auch erst mal so zwei Stunden so besoffen und so durchspielen können. Und dann gab es für das beste Zehenbild, für die beste Kamera und für das beste Kostümdesign. Geil. Aus Oscars.
Johannes Franke: Ja, schon zu Recht, muss man sagen. Das Theaterstück hat übrigens den Pulitzer-Preis-Nominierung bekommen. Also hat keinen gewonnen dann, aber die Nominierung war da.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Total krass.
Florian Bayer: Und es war doch auch so, dass es so unter anderem die Sprache ein Problem war. Und wenn ich mich richtig erinnere, war es so, dass die Jury sehr wahrscheinlich von der Sprache abgetört war. Das war ein bisschen zu viel Gossensprache im Munde eines Akademikerpaares. Viele haben gesagt, der Oscar für Liz Taylor, für diesen Film, war ein Todeskuss für ihre Karriere, weil danach musste sie die ganze Zeit diese Furien spielen.
Johannes Franke: Ach Gott,
Florian Bayer: diese bösen Ehefrauen, die einfach hart sind.
Johannes Franke: Da macht man einmal so einen Move, weil sie hat ja vorher, wäre sie nie dafür besetzt worden. Sie war immer die schöne, schlanke, tolle Grand Dame und so weiter. Und dann diese Rolle, natürlich der Versuch, wie es das ganz oft gibt in Hollywood von Schauspielern, die festgelegt sind, mal was ganz anderes, was hässliches, was krasses zu machen und dann dafür dann festgelegt zu werden, ist irgendwie bitter.
Florian Bayer: Das ist ziemlich hart, ja. Genau, sie war zehn Jahre verheiratet mit Richard Burton, bevor sie sich getrennt haben. Sie hatten offensichtlich eine wilde Ehe. Wie gesagt, es ist schwierig, da Realität und Fiktion auseinanderzuhalten. Manche haben gesagt, Elizabeth Taylor und Richard Burton waren Reverse-Method-Actor. Die haben nicht sich auf ihre Rolle vorbereitet, indem sie sich in die Rolle reingedacht haben, sondern sie haben die Rolle mit in ihr Leben übernommen. Und haben dann quasi ihre Ehe zu so einem Drama gemacht, wie sie bei Virginia Woolf gespielt haben.
Johannes Franke: Nein. Shit.
Florian Bayer: Also ihre Ehe muss wohl ziemlich wild gewesen sein, aber sie haben auch sehr aneinander gehangen.
Johannes Franke: Wollen wir eine kleine Pause einlegen und uns in die Top 3 hinüber retten? Unsere Top 3. Wir haben Top 3 Awkward Evenings.
Florian Bayer: Ja, ich hab zuerst, was hab ich gesagt?
Johannes Franke: Awkward Dinner?
Florian Bayer: Genau, und dann hab ich nochmal festgestellt, ach nee, stimmt, sie essen ja gar nicht zu Abend, aber es könnte auch beim Abendessen sein, dieses ganze Ding. Das stimmt. Das gilt ja mitten in der Nacht. Ja. Deswegen passt es nicht so 100%, aber ja, okay.
Johannes Franke: Ach, was soll's, alles gut.
Florian Bayer: Ich hätte zwei Honorable Mentions, die vor allem Honorable Mentions sind, weil...
Johannes Franke: Können wir dann nachmachen vielleicht, damit wir erstmal unsere Plätze... Nicht, dass wir was von einem anderen klauen.
Florian Bayer: Es sind zwei Serien.
Johannes Franke: Achso, okay, dann kannst du.
Florian Bayer: Also zum einen The Office, das amerikanische The Office hat eine Folge, die Virginia Woolf heißen sollte, aber dann doch in The Dinner umbenannt wurde, wo der Chef Michael Scott, wer die Serie kennt, weiß, dass der ziemlich schrecklich ist, aber auch ziemlich witzig, zusammen mit seiner neuen Partnerin, die wirklich schrecklich ist, seine ehemalige Chefin, zum Abendessen einlädt und dann müssen halt so zwei Mitarbeiterpaare dahin und das ist quasi ein Re-enactment. von Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Aber es ist noch schlimmer. Ganz frisch bei Awkward. Und es sind 30 Minuten große TV-Unterhaltung, wo man sich am liebsten verkriechen und sterben möchte.
Johannes Franke: Gibt es nicht auch eine Simpsons-Folge, die das gemacht hat?
Florian Bayer: Habe ich nicht gesehen. Das ist, glaube ich, eine neuere Simpsons. Bei den Simpsons bin ich ab Staffel 9 oder so raus.
Johannes Franke: Nein, ich weiß noch, wir haben 13 auch geguckt. Wir zusammen mal. Ja? Ja, ich glaube schon.
Florian Bayer: Mein zweiter Tipp ist dann auch eine neuere Serie, Breaking Bad. Bei Breaking Bad eine... Dinner-Szene, wo Walt zusammen mit seiner Frau Skyler beim Abendessen sitzt und seinen Drogenbuddy einlädt. Und dieser Drogenbuddy ist aber auch so ganz nett und naiv. Und dann zerfleischen Walt und Skyler sich auf sehr subtile Weise. Und er sitzt zwischen ihnen. Und es ist unfassbar angespannte Stimmung. Du musst loslegen, ne?
Johannes Franke: Ich muss loslegen mit meinem Platz 3. Ich hätte auf meinem Platz 3 Taxi Driver. Er lädt sie in ein Pornokino ein.
Florian Bayer: Das ist schlimm. Das ist wirklich schlimm. Oh,
Johannes Franke: es ist sowieso der ganze Film, was dieser Versuch, diese Frau zu erobern oder zu kriegen oder so. Es ist immer awkward. Aber dann dieses Date anzuzetteln im Pornokino ist wirklich hart und sehr awkward. Ja,
Florian Bayer: es ist. Und sie macht das einzig Richtige, sie haut ab.
Johannes Franke: Ja, sie haut ab.
Florian Bayer: Mein Platz 3 ist I'm Thinking of Ending Things. Oh, ja, da habe ich auch gedacht. Seine Freundin zum Abendessen ein bei seinen Eltern. Das ist ja aus ihrer Perspektive erzählt. Sie will eigentlich die Beziehung beenden. Und dann sitzt sie bei diesem Dinner und es passieren sehr merkwürdige Sachen. Ein ziemlich surrealer Film, der noch nicht sehr alt ist von Kaufmann, der immer sehr schräg, Charlie Kaufmann, der immer sehr schräge Filme macht und hier so richtig aus sich raus geht.
Johannes Franke: Absolute Sehempfehlung. Und hört euch danach unsere Episode an, damit ihr versteht, worum es im Film geht. Oder wenn ihr hören wollt, wie wir versuchen zu verstehen, worum es im Film geht. Mein Platz 2 wäre... American Beauty.
Florian Bayer: Oh ja.
Johannes Franke: Es gibt diese eine Szene, die mich damals durchaus sehr beeindruckt hat. Nun habe ich den Film lange nicht gesehen, auch unter anderem, weil es mir schwerfällt, jetzt Kevin Spacey anzugucken. Ja. Was eine schwere Note bekommen hat.
Florian Bayer: Und vielleicht auch, weil der Film das Spiel Humpty, 16-Year-Old Friend of Your Daughter spielt.
Johannes Franke: Ja, genau. Und ein bisschen romantisiert und so. Aber mich hat der Film damals durchaus beeindruckt. Mich auch. Da gab es diese Dinnerszene, wie die Ehefrau ihn versucht fertig zu machen und er steht auf und wirft den Teller an die Wand und macht eine Ansage. Und die Tochter des Hauses nimmt ihren Teller und will gerade gehen und er sagt, sit down. Ja. Und dann muss sie das ertragen. Ich glaube,
Florian Bayer: den müssen wir auch irgendwann mal gucken. Fällt so in den Bereich große Dramen aus den späten 90ern, die wir vielleicht heute mit einem anderen Auge betrachten.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Mein Platz 2, Eraserhead aus dem Jahr 1977. Da wird ein junger Mann zum Abendessen bei den Eltern seiner Freundin eingeladen und erfährt, dass er offensichtlich ein Kind hat und soll dann auch gleich auf dieses Kind aufpassen und wir erfahren, dass dieses Kind aussieht wie ein Monster und sowohl das Abendessen als auch das Babysitting sind ein einziger Albtraum im wahrsten Sinne des Wortes.
Johannes Franke: Ja, dann mache ich mal einen anderen Platz 1. Ich mache jetzt einfach auf Platz 1, Back to the Future.
Florian Bayer: Oh, du meinst, du sitzt bei deiner Mutter und die versucht sich anzukrammen? Ja. Oh, man sollte nicht so viel drüber nachdenken.
Johannes Franke: Es ist wirklich, wirklich, du sitzt da als Zuschauer und denkst dir, oh nein, oh nein, oh nein, ich weiß genau, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die miteinander stehen. Aber sie weiß es halt nicht. Und dann ist das nicht nur, wo er aufwacht in diesem Bett und sie da schon anfängt an dem so ein bisschen so, oh, hallo, Calvin Klein?
Florian Bayer: Das ist nicht so gar die Frage, warum habe ich keine Hose an?
Johannes Franke: Und dann unten beim Abendessen, wie sie das mit dem Fernseher da die ganze Zeit läuft und sie aber unterm Tisch ihm dann ins Bein kneift und ihm versucht so ein bisschen zu teasen. Oh, ist das unangenehm.
Florian Bayer: Irgendwann müssen wir mal, glaube ich, alle drei Back to the Future Filme besprechen.
Johannes Franke: Vielleicht ja.
Florian Bayer: So wie wir es mit den Dianatrons gemacht haben.
Johannes Franke: Stimmt, ja. Das ist einfach toll.
Florian Bayer: Mein Platz 1 ist das Fest. Festen von Thomas Winterberg aus den... Aus dem Jahr 1998, meiner Meinung nach der beste Dogma 95 Film, ein junger Mann fährt, nachdem seine Schwester Selbstmord, seine Zwillingsschwester Selbstmord begangen hat, zur Geburtstagsfeier von ihrem gemeinsamen Vater. Und das ist eine große, lustige Festgesellschaft, alle wollen seinen 60. Geburtstag feiern und beim Essen hält der Sohn dann eine Rede und sagt, und übrigens, mein Vater hat mich und meine Schwester vergewaltigt. Dann wird erzählt, wie der Abend weitergeht bei dieser Geburtstagsfeier und wie die Leute damit umgehen. Und es ist ein richtig harter Film. Ein richtig guter Film, aber ein richtig harter Film.
Johannes Franke: Uiuiui, das Setup klingt hart.
Florian Bayer: Ja, das ist es auch.
Johannes Franke: Gut, mit diesem positiven Film entlassen wir uns mal zurück in unser Who's Afraid of Virginia Woolf, genauso optimistischer Film. Das war unsere Top 3.
Florian Bayer: Ich glaube, ich habe das vorhin falsch gesagt. Ich habe gesagt, Elizabeth Taylor hatte diesen Vertrag bei Cleopatra. Es quatscht, sie hatte den bei diesem Film. Elizabeth Taylor hat aus diesem Film sieben Millionen mitgenommen, weil sie an den Umsätzen beteiligt war.
Johannes Franke: Aha.
Florian Bayer: Wow, okay. Das war undenkbar zur damaligen Zeit. Und sie war damals schon total reich, weil wie gesagt, sie hat für Cleopatra davor auch eine Million gekriegt, der ja sehr berüchtigt ist. Ich glaube, es lohnt sich auch mal. Es ist halt so ein amerikanischer Momentalfilm, deswegen ist es gar nicht so spannend. Aber er fällt wahrscheinlich auch in die Kategorie, die Umstände des Entstehens und die Rezeptionen und so weiter sind deutlich spannender als der Film selbst. Den könnte man sich auf jeden Fall mal einfach im Hinblick... darauf angucken, weil der hat, es war so ein Desaster, mit vielen Leuten verschleißt, viel Geld gefressen und alle waren glücklich, als das Ding dann endlich rauskam und
Johannes Franke: War es wenigstens erfolgreich? Ich weiß gar nicht. Ne,
Florian Bayer: genau, und dann war das Problem, dass es, glaube ich, erstmal gefloppt ist.
Johannes Franke: Oh nein.
Florian Bayer: Also er hat das, glaube ich, auch wieder eingespielt, ich weiß es nicht mehr genau, mal kurz gucken, ob ich finde. Ne, er war Nummer 1 Box Office Hit.
Johannes Franke: Okay, gut. Gott sei Dank. Ich glaube, den hab ich nie gesehen. Ich glaube, den müsste ich mal angucken.
Florian Bayer: Ich hab den auch nie gesehen. Ja, es war ein riesiger Hit. Okay, ich hab totalen Quatsch erzählt. Der hat sich einfach wie Sau verkauft und war einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Geil. Und wahrscheinlich hat er trotzdem das Studio quasi zum Ruin getrieben. Das ist wirklich eine Lücke, die wir haben. Wir haben noch keinen klassischen Hollywood-Monumentalfilm besprochen. Ja,
Johannes Franke: komm, dann machen wir das.
Florian Bayer: Was ist Ben Ruhr oder so? Cleopatra?
Johannes Franke: Dann machen wir das.
Florian Bayer: 251 Minuten.
Johannes Franke: Okay, machen wir.
Florian Bayer: Und mit Liz Taylor und Richard Burton. Und ich glaube, Richard Burton ist Antonius. Aber ich weiß, selbst das weiß ich nicht so ganz sicher.
Johannes Franke: Es gibt eins, das andere. Ich wollte eigentlich mal wieder einen Zuschauerwunsch machen, aber nein, nein, nein, nein, nein. Wir müssen jetzt Cleopatra machen. Okay. Also, erst mal, hast du ein Fazit, ein Urteil, das du fällen möchtest für diesen Film?
Florian Bayer: Jenga.
Johannes Franke: Das Urteil.
Florian Bayer: Ich liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe, liebe diesen Film. Er ist fantastisch. Er ist ein tolles Beispiel wie ein extrem dialoglastiger Film. sehr stark sein kann und wie Kleinen, nämlich dem Streit von einem Ehepaar, ein riesiges Melodrama entwachsen kann, das alles hinwegfickt, was ihm vor die Nase kommt. Das ist fast sowas wie eine persönliche romantische Apokalypse, der wir beiwohnen. Und doch, es ist auch irgendwie ein verquerer Liebesfilm. Und ich bin bei George und Martha und ich mag sie und ich mag sie auch als Paar. Und irgendwie wünsche ich ihnen alles Glück und Unglück der Welt, was sie bestimmt noch ganz viele Jahre zusammen erleben werden.
Johannes Franke: Ich möchte eine kleine saure Note unterbringen. Ich habe ein kleines bisschen das Gefühl, dass der Film und das Theaterstück allgemein ein bisschen den Trick machen, dass sie uns erschlagen, damit wir nicht zu viel darüber nachdenken oder damit wir so wenig zu Atem kommen, dass wir am Ende nur sagen können, oh ja, monumental, wie krass. Also es ist schon ein kleines bisschen eine Taktik, wo ich mich ein kleines bisschen zu manipuliert überfahren fühle. Aber nur so ein kleines bisschen. Und das macht den Film nicht wirklich schlecht oder sowas. Also insofern, es ist ein großartiger Film, krasses schauspielerisches Ding und der Regisseur ist, also das als Debütfilm ist wirklich absolut der Hammer. Also insofern, schaut ihn auf jeden Fall an, vielleicht auch zwei oder drei Mal, ich muss ihn auf jeden Fall auch nochmal gucken, um wirklich jede Nuance irgendwie mal mitzubekommen und wirklich schätzen zu können, was in dem Film steckt.
Florian Bayer: Danke für das Urteil. Endlich mal wieder einen Film, den du auch als Muss-man-sehen-Film betrachtest, der von mir kommt. Ich hab eine lange Durststrecke.
Johannes Franke: Du hast auch viel Scheiße.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, was wir nächste Woche besprechen, nämlich Cleopatra, dann bleibt noch dran, bis nach dem Jingle, wo wir nochmal sagen, was wir nächste Woche besprechen werden, nämlich Cleopatra.
Johannes Franke: Ansonsten. Aber hört euch den Jingle nochmal an und hört euch nochmal an, wie wir sagen, Cleopatra.
Florian Bayer: Wir brauchen diese letzten Sekunden, die müssen wir auskosten. Wie weit sind wir? Sind wir schon auf Podcast-Episoden länger?
Johannes Franke: Ja, lange, lange, lange, lange.
Florian Bayer: Johannes, vielen Dank, dass du ihn geschaut hast. Vielen Dank,
Johannes Franke: Flor, dass du ihn vorgeschlagen hast. Ich habe mich sehr gefreut darüber. Es war eine große Lücke in meinem filmischen Wissen. Schön.
Florian Bayer: Schön. Vielen Dank euch fürs Zuhören.
Johannes Franke: Bis zur nächsten Woche.
Florian Bayer: Bis dann. Ciao.
Johannes Franke: Ciao. Cleopatra.
Florian Bayer: Ich wollte gerade fragen, Johannes, was hast du denn nächste Woche für Blitz? Nächste Woche ist Cleopatra. Tschüss.
Johannes Franke: Tschüss, bis dann.
