Episode 262: Der Große Diktator – Charlie Chaplin tanzt den Adolf Hitler
Das Leben Charles Chaplins teilt sich in zwei große Bereiche. Charles Chaplin und Charlie Chaplin. Der Slapstick-Tramp und der politische Satiriker… naja, vereinfacht dargestellt zumindest.
In seinem ersten großen Politischen Werk spielt Chaplin einen kleinen jüdischen Barbier der bei einem Unfall im ersten Weltkrieg sein Gedächtnis verlor. So hat er nicht mitbekommen, wie sein Land eine politische Kehrtwende gemacht hat. Ein Diktator hat das Ruder übernommen und den Juden wird das Leben schwer gemacht. Japp. Natürlich eine satirische Darstellung von Hitler-Deutschland. Da unser jüdischer Barbier keine Ahnung hat von all dem, muss er es auf die harte Tour lernen. Im Kampf mit den Nazis die ihn beinahe an einer Laterne aufknüpfen und durch die Zerstörung seines Friseurladens. Mit seiner Love-Interest aus der Nachbarschaft träumt er von einer besseren Welt, in der wir friedlich miteinander leben. Da er sich ein wenig zu vehement gewehrt hat, wird er ins Konzentrationslager gebracht, aus dem er es irgendwann schafft auszubrechen.
Der Clou an der Sache: er sieht dem Führer zum verwechseln ähnlich.
Chaplin spielt natürlich eine Doppelrolle und spielt den Führer unvergleichlich lachhaft. Und so halten den Tramp alle für den Führer, als er in geklauter Uniform mit seinem Kumpel auf den Straßen auftaucht. Um sein Leben zu retten, muss er für einen Moment Hitler sein, aber alles in ihm weigert sich und so holt er stattdessen zu einer Rede für die Freiheit und die Nächstenliebe aus.
Und hier endet der Film. Ein Tolles und Kraftvolles Ende… und doch sitzt der 13 Jährige Johannes vor dem Fernseher und denkt: “Und jetzt? Was passiert jetzt? Überlebt er? Wird er gelyncht? Wird die Welt eine Bessere?” diese Panik, nicht zu wissen was passiert, verfolgt mich bis heute.
Ich will dass es ihm gut geht. Plor, willst du nicht auch wissen was mit ihm passieren wird??
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 262: Der Große Diktator – Charlie Chaplin tanzt den Adolf Hitler Publishing Date: 2026-01-07T07:14:18+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/01/07/episode-262-the-great-dictator-charlie-chaplin-tanzt-den-adolf-hitler/
Florian Bayer: Der Hauptgrund ist, dass das einfach die immersivste Szene des Films ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich werde voll reingezogen. Ich klebe an Chaplins Lippen und ich höre, was er sagt und nicke. Krieg eine Gänsehaut.
Johannes Franke: Ja, nicht nur Gänsehaut, Tränen.
Florian Bayer: Bin einfach nur hin und weg. Liebes Publikum. Und traditionell zum Start des neuen Jahres werden wir, wie jedes Jahr, auch diese Podcast-Episode in Thomanisch abhalten. Johannes, Datwiener Schnitzel, Sauerkraut, Amashuka?
Johannes Franke: Liberty, Stonk Chachuta, Mukabok Herzlich Willkommen Hier im Muss-Man-Sehen-Podcast. Flo hat darauf bestanden, das Mikro zu zerstören, indem er viel zu laut hineinschreit. Das muss man so, wenn man ein Nachwuchsdiktator ist. Fällt es dir als... Ist Deutschland nicht schwer, Deutsch zu verhohnepiepeln? Also ich kann mir das als Amerikaner vorstellen, wenn man die Sprache nicht kann. Aber ich habe das Gefühl, es ist wahnsinnig schwer, sich da reinzudenken, wie es klingen sollte und welche harten Konsonanten und so. Ja, Wiener Schnitzel, Sauerkraut, ja klar, okay, aber irgendwie, ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Ich finde es auch ganz schön schwer und ich muss sagen, ich liebe es, wenn ich Fake German in amerikanischem oder britischem Content höre. Das ist großartig, ich liebe es. Die Pythons haben das ja auch gemacht in dieser einen Episode von Flying Circus, wo es diesen tödlichen Witz gibt, mit dem dann die Briten gegen die Deutschen vorziehen. Und dann sieht man halt auch, wie die britischen Soldaten mit ihren Blättern rausstürzen aus den Schützengräben und diesen Witz vorlesen. Und die Deutschen liegen halt lachend am Boden und lachen sich dann tot. Und das ist auch wunderschönstes Fake-Deutsch. Worüber reden wir heute, Johannes?
Johannes Franke: Wir reden heute über Charlie Chaplin bzw. Charles Chaplin, der große Diktator. Aber auf dem Plakat wird er Charlie Chaplin genannt. Das ist meine eigene Lore. Ich sage, Charlie Chaplin ist Charles Chaplin mit dem Beginn seiner Tonfilme.
Florian Bayer: Gibt es irgendwann den Moment, wo ihr sagt, jetzt bin ich Charles? Oder ist das wirklich einfach nur deine Lore?
Johannes Franke: Die haben immer alle Charlie genannt. Also wirklich bis er 80 war, haben sie ihn Charlie genannt. Also insofern, nee. Aber für mich unterscheidet sich das so ein bisschen. Aber ich habe es in meinem Text untergebracht. Insofern muss ich erst mal erzählen, worum es geht. Das Leben Charles Chaplin... und erteilt sich in zwei große Bereiche. Charles Chaplin und Charlie Chaplin, der Slapstick-Tramp und der politische Satiriker. Naja, vereinfacht dargestellt zumindest. Und im ersten großen politischen Werk spielt Chaplin einen kleinen jüdischen Barbier, der bei einem Unfall im Ersten Weltkrieg sein Gedächtnis verloren hat. So hat er nicht mitbekommen, wie sein Land eine politische Kehrtwende gemacht hat. Ein Diktator ist an der Macht und den Juden wird das Leben schwer gemacht. Ja, natürlich. eine satirische Darstellung von Hitler-Deutschland. Da unser jüdischer Barbier keine Ahnung hat von all dem, muss er es auf die harte Tour lernen: im Kampf mit den Nazis, die ihn beinahe in einer Laterne aufknüpfen und durch die Zerstörung seines Friseurladens. Mit seinen Love Interests aus der Nachbarschaft träumt er von einer besseren Welt, in der wir friedlich miteinander leben. Da er sich ein wenig zu vehement gewehrt hat, wird er ins Konzentrationslager gebracht, aus dem er es irgendwann schafft auszubrechen. Der Clou an der Sache? Er sieht dem Führer zum Verwechseln ähnlich. Chaplin spielt also eine Doppelrolle und spielt den Führer unvergleichlich lachhaft. Und so halten ihn alle für den Führer, als er mit geklauter Uniform und mit seinem Kumpel auf der Straße auftaucht. Um sein Leben zu retten, muss er für einen Moment Hitler sein. Aber alles in ihm weigert sich und so holt er stattdessen zu einer Rede für die Freiheit und für die Nächstenliebe aus. Und hier endet der Film. Ein tolles und kraftvolles Ende. Und doch sitzt der 13-jährige Johannes vor dem Fernseher und denkt, und jetzt? Was passiert jetzt? Überlebt er? Wird er gelünscht? Wird die Welt eine bessere? Diese Panik, nicht zu wissen, was passiert, die ich tatsächlich damals hatte, verfolgt mich irgendwie bis heute. Ich will, dass es ihm gut geht, Plor. Du nicht auch?
Florian Bayer: Ah je. Was für eine blöde Frage für den Einstieg. Du weißt, ich bin überhaupt kein Fan von dieser Frage und was passiert jetzt und wie geht es jetzt weiter, wenn der Film zu Ende ist. Und in dem Fall besonders nicht, weil der Film ja eigentlich schon vorher endet. Der Film endet ja nicht, nachdem er die Rede gehalten hat, sondern der Film endet, bevor er die Rede hält. Und der Film lässt das auch wirklich ein bisschen offen, was passiert. Und alles, was danach kommt, ist... Zum einen Metaebene, zum anderen fast schon Traum. Utopische Fantasie.
Johannes Franke: Ja, aber du weißt schon, dass Chaplin gesagt hat, nein, nein, das bin nicht ich, der da steht. Das ist wirklich der Barbier.
Florian Bayer: Ja, aber Charlie Chaplin lügt in diesem Moment. Ohne jeden Zweifel. Ich finde, da kann man nicht... Das ist so ungefähr wie wenn Christina Bloch sagt, ey, ich wusste nichts von der Entführung. Plötzlich waren die Kinder bei mir. Nein. Charlie Chaplin hält diese Rede als Charlie Chaplin. Und das macht sie natürlich auch so großartig. Und das gibt diesem Film auch so ein unfassbar gutes Ende und so ein unvergleichlich krasses und starkes Ende, weil in diesem ganzen komödiantischen Chaplin kommt irgendwie in der Tonfilmzeit an und macht trotzdem noch sehr viel Stummfilmslapstick. Gibt es plötzlich diesen radikalen Bruch und jetzt wird nichts mehr veralbert. Jetzt wird nichts mehr parodiert und auch vielleicht damit ein bisschen verharmlost, sondern jetzt kommt einmal eine wirklich kraftvolle Rede und da wir wissen, was Hitler alles Schreckliches getan hat und wie die Geschichte weiterging, sehen wir die heute und sehen die als kraftvolle Rede. Ich kann mir total gut vorstellen, dass Menschen, die damals gesehen haben, gedacht haben, oh Kitsch.
Johannes Franke: Ja, darüber reden wir auf jeden Fall noch.
Florian Bayer: Aber sie ist einfach mal kraftvoll und sie ist einfach unglaublich visionär und natürlich ist die Weltpolitik reduziert auf Simpelstes. Lass uns alle Freunde sein, aber es funktioniert in diesem Moment und es ist einfach das, was die Welt in diesem Moment braucht.
Johannes Franke: Auf jeden Fall, ich stimme dir voll zu. Aber der Film ist nicht ganz zu Ende an der Stelle. Das letzte Bild gilt Hannah.
Florian Bayer: Hannah, die Listen sagt, das ist das letzte Wort in diesem Film.
Johannes Franke: Genau. Und ich finde es großartig. Und der Film geht in dem Moment schon auch noch mal ein bisschen in die Geschichte zurück. Weil er ja auch ruft, Hannah, kannst du mich hören? Hörst du mich?
Florian Bayer: Das wäre halt mein... Und meine Interpretation dieser Sache wäre, er geht nicht in den Film zurück, sondern er bewegt sich in irgendeiner Art von Traum. Spätestens ab dem Moment, wo dem vermeintlichen Führer, der in Wirklichkeit der Barbier ist, der in Wirklichkeit der Tramp ist, der in Wirklichkeit Charlie Chaplin ist, zujubelt. In diesem Moment wechselt... Also das Geschehen hat vorher auf diese Metaebene gewechselt. Jetzt haben wir Charlie Chaplin, der redet und dann haben wir die Masse, die ihm zujubelt, die dieser Rede zujubelt, was niemals so geschehen wäre. Ja. Und wir haben... Hanna, die irgendwo auf dem Feld ist und ihn trotzdem hören kann, obwohl er im Volksempfänger da am Haus zu hören ist. Und die nochmal Listen sagt und die nochmal sieht, wie die so... Das ist alles Traum. Das hat nichts Reales mehr.
Johannes Franke: Weißt du, was ich so krass fand diesmal beim Gucken? Ist mir nie aufgefallen. Aber das letzte Bild von ihr. Sie ist die Hoffnung am Ende. Was auch ein bisschen eine Änderung in Chaplins bisheriger Darstellung von Frauen ist. So ein bisschen wenigstens eine Entwicklung darstellt. Die sieht aus, als hätte Leni Riefenstahl drauf gehalten.
Florian Bayer: Ja, durchaus.
Johannes Franke: Das finde ich krass.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also die sieht wirklich so heroisiert, ein bisschen von unten, mit einem Licht, wo du denkst, oh wow. Das geht so ein bisschen in die Richtung, die Ästhetik, die Lenny Riefenstahl hatte und die dann vielleicht nochmal in die DDR-Arbeiterdarstellung aufgegangen ist. Also ich finde es wahnsinnig interessant, auch was das bedeutet und was Chaplin sich dabei gedacht hat. Er hat das nicht umsonst so gemacht. Er hat das wirklich sehr überlegt. Jeder Frame in diesem Film... Und das werden wir noch feststellen, ist sehr gut überlegt und 20.000 Mal umgeworfen.
Florian Bayer: Es gibt auf jeden Fall diesen romantischen, naturnahen Pathos da. Dass die Wolken so eine große Rolle spielen. Wir haben ihren Kopf und sehr eingerahmt von diesen Wolken und die Sonne kommt raus. Und das ist spannend, weil der Film hat seine sentimentalen Momente, aber er definiert sich dann doch ganz... eigentlich die ganze Zeit über durch seinen Humor und durch sein Slapstick und durch das politisch Satirische und lässt wenig Platz für diese starken Emotionen und vor allem auch für diese existenziellen Emotionen. Gerade weil er auch so existenzielle Bedrohungslagen als Aufhänger für Gags benutzt. Aber da schlägt es voll durch und da sagt er dadurch auch einfach, ja jetzt ist irgendwas anderes, was hier gerade passiert ist, was anderes als was wir vorher im Film hatten.
Johannes Franke: Ja definitiv. Also es geht in eine andere Richtung, aber er greift die Handlung des Films halt wieder auf und dann ist es vielleicht tatsächlich eher die Traumwelt, als die tatsächliche nur Chaplin sagt. Was vielleicht immer zwei Ebenen, das eine ist halt unsere Rezeptionsebene von Chaplins Leben an sich und Chaplins Bedürfnis etwas zu sagen, dann sehen wir da voll Chaplin drin, aber innerhalb der Physik des Films sehen wir dann vielleicht einfach eine Traumsequenz.
Florian Bayer: Chaplains Traumsequenz. Vielleicht sind wir gar nicht mehr im Film zurück, sondern wir haben Chaplains Traumsequenz, wie die Welt darauf reagieren könnte, auf das, was er gerade als Charlie Chaplin gesagt hat.
Johannes Franke: Jetzt haben wir gleich mit dem Ende angefangen. Jetzt müssen wir ganz weit zurückspulen.
Florian Bayer: Ganz weit zurückspulen zu Charlie Chaplin. Kriegst du die verschiedenen Schritte seiner Karriere, die aus sehr vielen Filmstudios besteht, bevor er bei United Artists nicht landet, sondern United Artists gründet, kriegst du die zusammen?
Johannes Franke: Keystone, NSA oder wie die heißen? SNA. SNA.
Florian Bayer: Mutual.
Johannes Franke: Ah ja, Mutual war auch noch dazwischen.
Florian Bayer: First National.
Johannes Franke: Ach du Scheiße, ja.
Florian Bayer: Er war nicht glücklich.
Johannes Franke: Nein, er ist immer weitergewandert. Aber nicht, weil er nicht glücklich war. Nicht immer deswegen. Auch oft des Geldes wegen. Muss man dazu sagen. Der Typ hat ganz oft irgendeinem Boss auf den Tisch gehauen und hat gesagt, nein, ich kriege jetzt mehr Geld, weil ich bin wahnsinnig wichtig für dein Studio. Und er hatte irgendwie immer recht.
Florian Bayer: Er hatte immer recht. Und gleichzeitig hat er dahinter auch diesen Idealismus. Sonst hätte er dieses ganze United-Artist-Ding nicht. durchgezogen, oder?
Johannes Franke: Definitiv. Aber man muss auch dazu sagen, die United Artists haben sich gegründet... Oh Gott, das habe ich alles gar nicht recherchiert für diese Episode. Ich ziehe das aus dem Hinterkopf, was ich irgendwo noch habe. Ich korrigiere dich,
Florian Bayer: wenn du falsch liegst.
Johannes Franke: Er hat United Artists gegründet, weil er seine Unabhängigkeit verloren hätte, weil die ganzen Produktionsfirmen und Verleiher die ganze Macht hatten. Und er auch des Geldes wegen gesagt hat... hier, die kriegen so viel Geld davon und die wollen mir das jetzt vorenthalten, weil er hatte mal wieder auf einen Tisch geklopft und hat mal wieder gesagt, ich will mehr Geld und der Typ, der dann vor ihm saß, hat gesagt, du spinnst wohl, keine Chance. Und das hat ihn losgetreten zu sagen, jetzt muss ich das alles in meine eigene Hand nehmen.
Florian Bayer: 1919 war das. Und er war nicht der Einzige, der unglücklich war. Die Liste der United Artists Gründer ließ sich das Who is Who des damaligen Hollywood. Wir haben D.W. Griffith, Mary Pickford und Douglas Fairbanks. Richtig große Namen, die gesagt haben, Alter. Das geht doch nicht, dass wir hier als Künstler von den Studios so behandelt werden und so wenig Kontrolle über unsere Kunst haben und so wenig Kontrolle über das haben, was wir einnehmen und irgendwie auf diesen Gehaltslisten sitzen. Das Studiosystem ist kacke. Wir brauchen einen Gegenentwurf.
Johannes Franke: Ja, und dann haben sie eine eigene Produktionsfirma gegründet, um das alles selbst in der Hand zu haben, aber auch das Risiko selbst in der Hand zu haben, was wichtig ist für die Entstellung dieses Films.
Florian Bayer: Zitat Richard Rowland, der Chef von Metro Pictures war damals, sagt, The Inmates are Taking Over the Asylum.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: Und die haben dann angefangen, Filme zu produzieren. Und zwar ihre Filme. Aber sie haben sich auch immer darum bemüht, andere KünstlerInnen an Bord zu ziehen. Und sie haben die an Bord gezogen. Walt Disney hat in den 30ern für United Artists produziert. Alexander Korder, der nachher nochmal eine Rolle spielen wird bei der Entstehung dieses Films. Hellroach. David O'Salsnick. Das waren richtig große Namen.
Johannes Franke: Und die existieren bis heute nicht, die Namen auszudrücken. Also die Namen an sich existieren noch, aber United Artists existiert bis heute. Ja,
Florian Bayer: aber full bullshit circle, ne? Also sie sind nicht mehr United Artists, die unabhängig von allem Großen... Die gehören zu Amazon. Sie sind einfach mal fucking Amazon mittlerweile.
Johannes Franke: Aufgekauft.
Florian Bayer: Und sie haben bis in die späten 30er gebraucht, dann sind wir schon fast bei der Produktion dieses Films, um überhaupt mal Geld zu machen. Also um überhaupt schwarze Zahlen zu schreiben. Und dann war aber auch schon der Moment wo es so ein bisschen gekippt ist, dann haben sie sich nämlich mit einer Person überworfen, mit der sie sich besser nicht überworfen hätten, nämlich mit Goldwyn von MGM, der damals in mehrere Rechtsstreitigkeiten verwickelt war über die Distribution der Filme durch United Artists und der dann gesagt hat, nee, ich hab keinen Bock mehr auf euch. Und der hat das 1939 gesagt, als er so einen klitzekleinen Publikums Erfolg rausgebracht hat, nämlich vom Bünde verweht. Und das war so das erste eigene Ding von ihm, wo er gesagt hat, nicht mehr United Artists, was echt hart war, weil das war ein riesiger Erfolg. Das heißt, es war irgendwie so komisch. Hey, wir fangen an Profit zu machen. Oh, jetzt haben wir wirklich, jetzt sind wir wirklich am struggeln.
Johannes Franke: Naja, ich meine, die haben auch, muss man dazu sagen, sich immer wieder, das waren Freunde eigentlich. Und dann haben die sich aber immer wieder gestritten, weil Chaplin ausgerechnet derjenige war, der echt viel Geld für seine Sachen ausgegeben hat. Ja. Und. ohne die Zustimmung der anderen immer mal wieder ein Leingänge gegangen ist und gesagt hat, nee, ich mach das, ich mach das. Ich brauch das aber unbedingt. Und dann echt auch so Sachen, die schon gedreht waren, komplett aufwendig nochmal gedreht hat. Also nicht nur in diesem Film, und darüber reden wir auch, aber auch in anderen Filmen. Und einfach Geld rausgeworfen hat und deswegen das Ganze so wenig profitabel auch war. Das Schräge ist ja Chaplin.
Florian Bayer: Wenn ich an Chaplin denke, so an seine Stumpffilmzeit, die sehr lange ging, dann denke ich an den Tausendstassel, der... zwei Milliarden Filme produziert. Das hat er bei United Artists nicht gemacht. Die Liste der Filme, die er gemacht hat vor der großen Diktator in den 30ern, ist sehr überschaubar. Wir haben hier nämlich drei Filme, die er gemacht hat und nicht mehr. Und dann noch drei Stummfilme in einer Zeit, in der der Stummfilm de facto beendet war.
Johannes Franke: Beziehungsweise wann haben sie gegründet? 1919. Er hat noch mehr mit United Artists gemacht.
Florian Bayer: Also es waren auch nicht sehr viele. Also wenn wir alles von United Artists nehmen, dann kommen wir auf ein bisschen mehr. Bisschen mehr als 10 vielleicht. Also Gold Rush ist der größte United Artists Film vor den 30ern, aber dann...
Johannes Franke: The Kid ist aber auch schon...
Florian Bayer: Ne, The Kid ist nicht United Artists, The Kid ist noch First National.
Johannes Franke: Ah, okay, dann hat er ja noch Verpflichtungen.
Florian Bayer: Und dann in den 30ern hat er aber de facto eigentlich nur drei große Filme gemacht, nämlich City Lights, über den wir gesprochen haben. Und das war schon ein Film, wo alle draufgekommen sind und gesagt haben, okay, Charles Chaplin, Charlie Chaplin macht noch Stummfilme. Wir sind schon weitergezogen, aber er kann das noch nicht.
Johannes Franke: Aber er hat schon auch... da schon Geräusche untergebracht. Sounded Film heißt das.
Florian Bayer: Noch mehr hat er das gemacht in Modern Times, der war 1936, wo er fast schon so einen Kommentar auch zum Tonfilm gemacht hat, in dem er gesagt hat, und jetzt hier kommt mein Ton und es sind einfach nur Störgeräusche.
Johannes Franke: Größtenteils Störgeräusche. Der Chef redet, glaube ich, wenn er auf Toilette raucht.
Florian Bayer: Ja, es gibt so dieses Geplapper, was keinen Inhalt hat. Und dann aber 1940 seinen ersten Tonfilm, auch unter United Artists, der große Diktator, der hat sich... viel Zeit genommen. Zwischen diesen Filmen sind jeweils fünf Jahre, ne? Ja, ja, ja. Also vier Jahre nach Modern Times hat er der große Diktator gemacht. Das ist krass. Ja. War keiner, der extrem viel produziert hat in der Zeit. Also er hat viel produziert, aber nicht viel gedreht.
Johannes Franke: Ja, er war sehr, sehr beschäftigt, aber auch, muss man sagen, hin und her getrieben zwischen den Themen, weil es auch eine Zeit war... Wo es langsam anfing, dass er nicht mehr Everybody's Darling war und er hat ein bisschen gehadert mit Amerika, ist vier Jahre auch mehr oder weniger in der Gegend rumgereist. Er hat in den vier Jahren Paulette Godard kennengelernt und geheiratet. Die hier die Hauptrolle spielt? Ja genau, die die Hauptrolle hier spielt und hat einfach sich die Welt angeschaut und war nicht so sicher, was denn eigentlich überhaupt noch zu erzählen wäre.
Florian Bayer: Ja, Anfang der 30er war er unter anderem auch in Deutschland unterwegs, in Berlin nämlich und wurde da... sehr gefeiert für seine Filme und sehr gehasst für seine Filme.
Johannes Franke: Ja, wobei sie es auch im Nachhinein umgedreht haben, die Nazis. Aber da können wir... Lass uns da später drüber reden. Chaplin hat vor allem im MoMA gesessen mit einem anderen Künstler, so einem französischer Filmemacher, mit René Clair. Und die haben sich Riefenstahls Triumph des Willens angeschaut.
Florian Bayer: Und Chaplin fand's sau witzig, ne?
Johannes Franke: Ja, während René Clair neben ihm saß und geweint hat vor Angst... Und gesagt hat, das dürfen wir niemals im Westen groß zeigen. Sonst hat er nämlich alle auf seiner Seite, weil das viel zu schön gemacht ist hier. Weil Riefenstahl einfach für die Zeit wahnsinnig, wahnsinnig einflussreich war. Und viele Leute damit auch verführt hat, dieser Ideologie einfach zu verfallen. Allein durch die Art und Weise, wie sie es inszeniert hat. Und da hatte René Clair eben wahnsinnig viel Angst. Während Chaplin eben einfach neben ihm saß und sich kaputt gelacht hat. Und hat gesagt, was da für ein Schauspiel abzieht dieser Hitler. Das ist ja unglaublich. Das ist ja genauso wie ich im Grunde. Und fand das wirklich witzig.
Florian Bayer: Es ist nicht 100% klar, was Chaplin auf die Idee gebracht hat, diesen Film zu drehen. Also eine Geschichte ist, dass er Triumph des Willens gesehen hat, 1935. Hitler lustig fand und dann irgendwie gedacht hat, naja, eigentlich müsste man mal Hitler parodieren. Alexander Korder, den wir vorhin genannt haben, der bei United Artists unterwegs war, großer britischer Produzent und Regisseur, der hat wohl angeblich auch mit Chaplin geredet und ihm gesagt, mach doch einen Hitler-Film und mach doch einen Hitler-Film mit einer Personenverwechslung, weil dein Trump ist doch relativ ähnlich wie Hitler.
Johannes Franke: Und diese Ähnlichkeit haben auch Karikaturisten schon Anfang der 30er hervorgehoben. Das ist nichts Neues gewesen. Die Karikaturisten haben, es gibt online, kann man sich raussuchen, es gibt schöne Karikaturen, wo die einfach zusammengelegt werden. Und Chaplin irgendwann gesagt hat, Hitler hat mir doch meinen Bart geklaut. Das war doch meine Idee und dann hat er mir das geklaut.
Florian Bayer: Und dann war dieser Vorfall, wo ich schon gesagt habe, dass er in den 31er Jahren in Berlin unterwegs war, wo die Nazis angefangen haben, ihn zu verunglimpfen und gesagt haben, guckt euch mal diesen kleinen Zappeljuden an. Chaplin war kein Jude.
Johannes Franke: Ja, genau und es gab, also dieses Zappeljude-Ding kommt aus einer Zeitschrift einem Buch, was sie rausgebracht haben Hitler hatte nämlich gegen Chaplin schon einiges vorher und man munkelt, dass es auch wegen der Ähnlichkeit war hat er ihn nämlich schon so ein bisschen versucht zu verbieten und es gab eben 1934 dieses Buch The Jews are Looking at You und da wurde er beschrieben als a disgusting Jewish acrobat und
Florian Bayer: In dieser Zeit, Chaplin kriegt mit, dass Leute ihn mit Hitler vergleichen und das wird sich finden. Chaplin guckt triumph des Willens, Chaplin wird von den Nazis verunglimpft, Leute sagen ihm, dass er aussieht wie Hitler. Irgendwann muss es dann so einen Knick gegeben haben und Chaplin war auf einmal von Hitler nicht nur fasziniert, sondern geradezu besessen, vor allem von seiner Ähnlichkeit zu Hitler.
Johannes Franke: Ja, er hat das viel vorgestellt und nach vorne gebracht und so. Und er hat wahnsinnig lange... sich diese Newsreels angeschaut, wo Hitler einfach, ne? Newsreels waren damals so Tagesschau im Fernsehen, nicht im Fernsehen, sondern eben im Kino, weil es noch kein Fernsehen gab. Man konnte sich ins Kino setzen und sich Newsreels aus der Welt anschauen. Und Chaplin hat sich wahnsinnig viel diese Newsreels von Hitler angeschaut und sich seine Gestik und das Deutsche versucht abzugucken und hat das aufgesogen wie so ein Schwamm, also wie du sagst, fast schon besessen. Ja,
Florian Bayer: er hat dann halt auch so gesagt, ja krass, guck mal, wir sind nur ein paar Wochen voneinander entfernt. 1989, das heißt nicht nur Wochen, Tage waren sie voneinander entfernt. Sie waren ungefähr gleich groß und sie hatten beide versucht als Künstler Erfolg zu haben, sind in Armut aufgewachsen, haben versucht da irgendwie rauszukommen und Chaplin hat da offensichtlich Parallelen gesehen, die sich in die Richtung entwickelt haben. Der eine wurde zum wahnsinnigen Diktator, weil wie gesagt wir sind jetzt in den 30ern und Hitler hat noch nicht den Zweiten Weltkrieg angefangen, aber Hitler macht schlimme Sachen in Deutschland und viele KünstlerInnen aus Amerika vor allem die Avantgarde guckt da drauf und sagt: "Das ist echt nicht gut!" Und was damit unseren jüdischen Freunden passiert, das ist echt nicht gut Und dann hat Hitler... äh, dann hat Chaplin - ich mach die ganze Zeit den selben Verwechslungs-Move, unglaublich - dann hat Chaplin gesehen: "Ah, okay, da gab's offensichtlich zwei Richtungen." Bei mir gab's diesen Erfolg und ich bin zum Künstler geworden und ich nutze das um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Dann haben wir Hitler, der offensichtlich in die Politik gegangen ist und das nutzt, um die Welt ein kleines bisschen oder ein bisschen mehr schlechter zu machen.
Johannes Franke: mit ein bisschen Wink des Schicksals auch andersrum sein.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Was ich nicht so glaube, was sagt sich aber so schön?
Florian Bayer: Es ist einfach ein so schöner Spruch und es ist natürlich auch so ein schöner selbstreflexiver Spruch und spricht für so wenig Eitelkeit und es steckt so viel Eitelkeit dahinter. Ja,
Johannes Franke: eigentlich schon.
Florian Bayer: 1938 hat er dann mit Dan James angefangen zu arbeiten. Dem ist er auch offensichtlich auf irgendeiner Party begegnet und dann haben sie an diesem Film, am Skript vor allem gearbeitet. Ja. Chaplin war damals... United Artist Chaplin war einfach mal einer, der alles in die Hand genommen hat. Der war Produzent, Regisseur, Autor, Hauptdarsteller, in diesem Fall sogar doppelt in seinen... Der hat alles gemacht.
Johannes Franke: Und mit dem Typen hat er eben, wie heißt der? James?
Florian Bayer: Dan James.
Johannes Franke: Hat er zusammengesessen und hat ihm quasi seine Ideen so diktiert und James hat so ein bisschen hineingeworfen. Dann hat James die zusammengefasst und für den nächsten Tag aufgearbeitet und auch eigene Ideen reingeworfen. Die haben sie dann im nächsten Tag besprochen. Genau. Und dann hat sich das so nach und nach entwickelt. So ein bisschen das Gefühl einer Mentorship, da hält sich auf. Dass Chaplin gesagt hat, okay, ich nehme dich jetzt unter meine Fittiche, wir gucken mal, wir spinnen ein bisschen rum, du hast auch ein paar gute Ideen, ich habe ein paar gute Ideen, wir werfen zusammen. Und daraus bildet sich so langsam das, was es werden könnte.
Florian Bayer: Um zumindest noch einen Namen aus dem Gossip zu nennen. Konrad Bercovici, der hat in den 40ern nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt, ich habe Ich habe damit drauf geguckt, ich habe da Ideen beigesteuert. Das ist von mir Das ist von mir und das ist von mir!" Und Chaplin hat davon ganz viel profitiert, von meinen Ideen ohne mich auch nur irgendwie ansatzweise zu erwähnen. Und hat ihn verklagt wegen
Johannes Franke: Plagiarismus. Und Chaplin hat tatsächlich irgendwann einen Vergleich angestrebt, hat ihm Geld gegeben dafür. Recht viel Geld.
Florian Bayer: 95.000 Dollar, was heute ungefähr knapp ein bisschen mehr als eine Million entsprechen würde.
Johannes Franke: Hat das dann in seiner Biografie, glaube ich, so begründet, dass er gesagt hat, er war damals sowieso schon, was die Presse betraf, sehr unbeliebt. Und er hatte große Angst, wenn das zu hohe Wellen schlägt, was dann noch passiert. Was ihnen noch für Steine in den Weg gelegt werden.
Florian Bayer: Und dann stand die Idee und das Ding wurde dann gedreht, obwohl viele Leute zu ihm gesagt haben,
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich weiß nicht, ob das so gut ankommt in der Öffentlichkeit.
Johannes Franke: Ja, er hat ja auch keine Finanziers sonst bekommen. Also 1939 sind wir jetzt, Beginn der Dreharbeiten. Er hat bis dahin schon auch noch versucht, andere Leute mit ins Boot zu holen, die Geld geben. So eine Produktionsfirma macht das nicht unbedingt alleine, finanziert das nicht alles alleine. Und dieser Film musste am Ende komplett von United Artists alleine gestemmt werden, weil keiner sich die Finger daran verbrennen wollte.
Florian Bayer: dran denken, es ist eine andere Zeit gewesen. Die Amerikaner waren noch nicht im Zweiten Weltkrieg. Der Zweite Weltkrieg hatte noch nicht richtig angefangen. Und die Stimmung auch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Amerika war zu großen Teilen gegen irgendeine Einmischung. Das vergisst man so gerne in der Vorlaufzeit zum Zweiten Weltkrieg. Haben die Briten ihre Appeasement-Politik gemacht und die Amerikaner haben ihren Isolationismus durchgezogen. Die haben gesagt, wir haben versucht Weltpolizei zu spielen. Wir haben diesen Wilson-Plan vorgelegt, wir haben Frieden nach Europa gebracht und was haben die Europäer getan? Sie haben uns alle gehasst dafür. Wir wollen uns die Hände nicht mehr an diesem Kontinent schmutzig machen, wir halten uns da raus. Regelt euren Scheiß alleine. Und 94% der Amerikaner waren gegen irgendeine Form von Einmischung der USA in den Zweiten
Johannes Franke: Weltkrieg. Rechte Gruppierungen, die sich da sehr positiv mit beschäftigt haben, mit dem, was da in Deutschland passiert. Und mit etwas Pech hätte es auch kippen können in Richtung pro Hitler. Es gab dann natürlich die entsprechenden Ereignisse, die Hitler losgetreten hat, die dann dazu geführt haben, dass man dann doch dachte, oh jetzt wird es doch ein bisschen hart. Das machen wir nicht mehr mit. Aber das dauerte. Das dauerte einfach.
Florian Bayer: Naja, es war vor allem Japan. Also dadurch, dass Japan diesen Konflikt mit den USA hatte und Japan enger Verbündeter von Deutschland war, wurden die Amerikaner irgendwann zwangsweise in Richtung der Westalliierten gedrängt. Und dann auch irgendwann in die Richtung gedrängt, dass sie sich dann doch eingemischt haben. Aber das stand sehr lange Zeit auf der Kippe. Und das haben wir auch später in der Rezeption des Films, dass es Kinos gab, die gesagt haben, sie können diesen Film nicht zeigen. Sie wollen diesen Film nicht zeigen. Sie wollen ihr deutsches Publikum nicht verkraulen. Und dass es auch Media Outlets gab, die einfach zu sehr nach rechts zendiert haben und die gesagt haben, nee. Oder auch die, die gesagt haben, ja, es ist schwierig. Wir wollen wir wollen die guten Beziehungen zu Deutschland halten. Und wir kennen das auch. heutzutage, ich meine Chaplin war kein Vertreter der US-Regierung, aber wir wissen das, wenn irgendwie eine Satire gemacht wird auf einen Staatschef in einem Land, dann wird auch mal ein Diplomat einbestellt. Auch wenn wir von Kunstfreiheit reden.
Johannes Franke: Reden wir über Böhmermann gerade?
Florian Bayer: Zum Beispiel. Dann kann das wirklich auch Konsequenzen haben in internationalen Beziehungen und gerade in der Zeit hatten die natürlich auch Schiss davor, dass Konflikte losgetreten werden.
Johannes Franke: Es ging immer noch um Diplomatie und wenn man dann so einen großen Film hat, der Hitler verarscht, dann ist das erstmal schwierig. Muss man sich erstmal kümmern. Und man muss auch dazu sagen, dass Amerika eine schwierige Geschichte mit dem Kommunismus hat und Hitler den Kommunismus in Deutschland vereitelt hat und er deswegen auch viele Fürsprecher in Amerika hatte. Allein deswegen, weil er den Kommunismus da verhindert hat. Ich bin immer nur fassungslos vor sowas, weißt du? Das ist echt krass. Roosevelt war offensichtlich Chaplin-Fan.
Florian Bayer: Der stand hinter Chaplin und der hat gesagt, nein, nein, ich finde den cool, mach das. Und tatsächlich, das war einfach Zufall. Als sie angefangen haben mit den Dreharbeiten, hatte gerade der Zweite Weltkrieg angefangen. Acht Tage nachdem Deutschland in Polen eingefallen war, haben sie angefangen zu drehen. Das war einfach Zufall, dass der Zweite Weltkrieg dann gerade lief in dem Moment. Aber wie gesagt, wir waren immer noch in einer Situation, wo die Mehrheit der Amerikaner gesagt hat, ja, okay, vielleicht sympathisieren wir sogar mit den Briten, aber wir wollen uns da raushalten. Wir wollen nicht, dass Amerika... irgendwie auch nur ansatzweise in den Zweiten Weltkrieg eingreift.
Johannes Franke: Und er hat es durchgezogen. Er musste es alleine durchziehen, das waren zwei bis drei Millionen Budget, das wären heute so 40 Millionen ungefähr. Für eine einzelne Produktionsfirma ist das einfach verdammt viel Geld. Und United Artists wäre, wenn der Film nicht erfolgreich gewesen wäre... Völlig am Arsch gewesen. Und sie waren es zwischendurch auch eigentlich. Also Chaplin hat da immer mehr Geld rausgeholt und die anderen haben sich echt aufgeregt darüber, wie Chaplin einfach das alles da, die ganze Energie aus dieser Produktionsfirma rausziehen kann. Er gab ja auch kaum Möglichkeiten, andere Sachen dann zu produzieren, weil er das alles bindet. Und er war zwar immer noch Best Buddy mit Douglas Fairbanks, der dann leider... während der Dreharbeiten gestorben ist.
Florian Bayer: Er ist am Set vorbeigekommen und der fand es saulustig. Dann hatte er echt viel Spaß da auch.
Johannes Franke: Aber dann ist er halt gestorben ein paar Wochen später. Das ist schon ein bisschen hart. Und Chaplin hat auch an dem Tag, an dem er gestorben ist, die Produktion eingestellt und gesagt, heute machen wir nichts.
Florian Bayer: Er hat es hauptsächlich in seinen eigenen Studios gedreht. Es gab alles, was nach Charlie Chaplin benannt wurde damals. Es gab die Charlie Chaplin Production Company. Das war einfach Charlie Chaplin selbst. Und es gab die Charlie Chaplin Studios in L.A. Und da wurde das Zeug gedreht.
Johannes Franke: Möchtest du übrigens Tee, Flo? Wir haben jetzt noch gar keinen Tee getrunken.
Florian Bayer: Ja, bitte. Und ganz interessant, das waren natürlich eigentlich Stummfilmstudios. Mitte der 30er Jahre wurden die aufgerüstet, damit auch Tonfilme dort gedreht werden können.
Johannes Franke: Die wurden aufgerüstet, ja. Chaplin hatte ja nicht so viel Erfahrung mit Tonfilm. Das heißt, er hat sich zu seinem eigentlichen Kameramann, den er ja immer hatte, den er eigentlich seit Jahren immer beschäftigt hat, der auch inzwischen wusste, was passieren muss, wie man das macht. Wir haben ein bisschen... über die Kameraarbeit bei King of New York geredet, wo wir gesagt hatten, es sieht ein bisschen alles zu flach aus und ein bisschen zu sehr. Also ich habe es zumindest stark auch kritisiert, dass das zu sehr nach... Wir beleuchten einfach alles. Und Chaplin hat das auch genau so formuliert damals. Er hat gesagt, bitte mach einfach überall Licht an, damit man meine komödiantischen Momente sehen kann.
Florian Bayer: Chaplin war nicht der große Cinematography-Guy. Dem war die Kameraarbeit nicht das Wichtige am Film.
Johannes Franke: Aber wichtig genug, als dass er hier einen zweiten Kameramann hinzugezogen hat, der sich mit Tonfilm auskannte, weil das einfach ein anderes Arbeiten ist und dann auch das erste Mal mit zwei Kameras gleichzeitig gedreht hat, was für ihn völlig absurd und neu und auch echt schwierig war.
Florian Bayer: Karl Strass und Roland...
Johannes Franke: Toboro. Toboro.
Florian Bayer: Waren seine Kameramänner für diesen Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und Toboro, ah Gott, kannst du den Namen aussprechen? Toboro war einer, der sehr viel mit Charlie Chaplin gearbeitet hat und zwar seit seiner Stummfilmzeit. Der hat alles mögliche mit Chaplin gedreht. Der hat die alten, wirklich die alten Tramp-Filme mit ihm gemacht. Der war Gabun von aus dem Jahr 1916 bis zu Modern Times. Unter anderem sollte er auch wieder Kamera führen. Und hinzugekommen war dann noch Karl Strauss, der Amerikaner war, aber unter anderem mit Murnau gearbeitet hatte und der auch einfach auch schon seit den frühen 20er Jahren Filme gedreht hat und unter anderem Ben Hur.
Johannes Franke: Also der war schon auch wirklich sehr, sehr versiert, was das betrifft und eben auch der Experte für den Tonfilm. Und dann hat er eben die zwei Kameras untergebracht und Chaplin war total genervt am Anfang davon und wusste nichts damit anzufangen, hat es aber dann hingekriegt. Und das war auch nötig, weil Chaplin war ja nun, um das kurz zu erklären, man ist ja gewohnt aus einer Stummfilmzeit alles mögliche aneinander ranschneiden zu können. Wenn du aber einen richtigen Dialog hast, dann musst du auf viel mehr achten, dass das wirklich zusammenpasst, dass die Tonebene genauso gut zusammenpasst wie die Bildebene. Und das ist einfach eine Technik. mit der er nicht so vertraut war. Und dann hat Chaplin gesagt, okay, ich muss mir jemanden holen, der mich damit reinzieht.
Florian Bayer: Ich hatte jetzt beim Rewatch dieses Films nochmal das Gefühl, dass er damit auch umgegangen ist, indem er unglaublich viel Stummfilm in seinen Tonfilm reingepackt hat.
Johannes Franke: Ja, natürlich.
Florian Bayer: Wir haben so viele klassische Stummfilmmomente. Manchmal wird dazwischen auch noch ein bisschen gequatscht, aber ganz oft kann man sich auch wunderbar vorstellen, wie diese Szene funktioniert mit Klaviergeklimper im Hintergrund und vielleicht eine kleine Texttafel und gar keinen Ton.
Johannes Franke: Hast du irgendeine Lieblingsstelle? Ich habe natürlich Highlights aufgeschrieben, ganz viele, aber ich habe im Grunde alle Highlights aufgeschrieben, die dieser Film zu bieten hat, weil es alles großartig ist.
Florian Bayer: Also zum einen, das sollte nicht despektierlich klingen, ich glaube, es ist nie davor und auch nie danach einem Film gelungen, so gut Stummfilmelemente in den Tonfilm einzubauen, Japlin hier. Und ich stimme dir vollkommen zu, sie sind alle grandios.
Johannes Franke: Das fängt mit der dicken Bertha an. Die Bombe, die nicht richtig fliegen will und die ihm dann hinterher dreht, wenn er sich drum rum flüchtet. Es ist sehr, sehr, sehr, sehr gut. Es ist wahnsinnig lustig und allein wie er im Nebel allein verloren vor sich hin. Herr Hauptmann, hallo.
Florian Bayer: Ganz kurz grundsätzlich, wenn wir zu diesen Slapstick Einlagen kommen. zum Elephant in the Room, weil du bist der Chaplin-Experte. Chaplin hat gesagt, 37, er wird den Tramp niemals in einen Tonfilm packen. Chaplin hat gesagt, diese Figur heißt Baba, das ist der Barbier. Das ist doch Bullshit, oder? Das ist einfach der Tramp.
Johannes Franke: Ja, er hat auch in der Biografie, die er ja viele Jahre später geschrieben hat, im Moment im Drehen hat er natürlich gesagt, das ist nicht der Tramp, das geht gar nicht. In der Biografie sagt er es. Ach Gott sei Dank.
Florian Bayer: Ich dachte, der hat doch eine Meise.
Johannes Franke: Was will er uns hier verkaufen? doch der Tramp, sondern er ist halt einfach, der Satz ist so gebaut, dass man sieht, okay, er setzt den großen Diktator gegen den kleinen Tramp. Das ist sein Wortwahl, the little Tramp. Und so hieß das auch immer. Diese Figur hieß immer the little Tramp.
Florian Bayer: Das finde ich sehr beruhigend. Danke, dass du das auch nochmal gesagt hast. Ich dachte jetzt kommst du mit so Nuancen, warum das nicht der Tramp hier rumläuft.
Johannes Franke: Es ist ja auch so, dass wir die Stimme des Tramp schon gehört haben.
Florian Bayer: Aha.
Johannes Franke: Vor diesem Film.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und zwar in Modern Times. Es gibt am Ende diesen Tanz in dieser Bar. Sie haben einen Job bekommen. Also sie hat einen Job bekommen in dieser Bar als Kellnerin und Tänzerin, glaube ich. Und dann holt sie ihn dazu und er soll was singen und tanzen. Ja. Und dann vergisst er seinen... Also er hat sich den Text aufgeschrieben auf seine Manschetten und dann sind deine Manschetten aber weg. Und er merkt das erst, als er kurz davor ist zu beginnen mit diesem Tanz und dem Song. Und dann fängt er halt an zu singen etwas, was ihm gerade in den Kopf kommt. Ja. Und es ist auch gibberish, wie hier der Diktator... Es ist nichts Verständliches. Aber das Geile an diesem Tanz ist, wenn ihr ihn googelt, findet ihr sofort Modern Times Tanz Dance Silly Dance oder was auch immer eingeben. Das Geile ist, dass man den Gag des Songs, das ist so ein aufgebaut Aufbau Punchline, so ist der Song aufgebaut. Aber wir verstehen ja nichts davon. Aber wir wissen sofort, was gemeint ist. Wir können ihm ansehen und anhören, wie geil dieser Song ist. Ich finde es großartig.
Florian Bayer: Ach schön.
Johannes Franke: Ja, toll. Das heißt, seine Stimme kennen wir schon in Woves und er konnte auch schon reden. Auch wenn Chaplin immer gesagt hat, nein, ich kann ihn nicht reden lassen. Was ich auch verstehen kann, wenn der dann irgendwie... Der hat so ein Bild aufgebaut, so ein großes und dann fängt er an mit Fizzlestimme irgendwas zu erklären. Das funktioniert so nicht. Und beim großen Diktator hat er halt den Babel... so gut etabliert, dass der ganz normal reden kann. Wir haben ihn neu von Grund auf neu aufgebaut. Er knüpft nicht an den alten Tramp an wie in den anderen Filmen, obwohl er es vielleicht ist.
Florian Bayer: Er hat seine eigene Geschichte. Gibt es eine konsistente Tramplore? Also kann man quasi eine Lebensgeschichte des Tramps zeichnen von seinen Filmen, in denen er auftaucht? Macht das irgendwie Sinn? Weil er hat ja ständig andere Liebschaften. Dann hat er mal ein Kind, mit dem er unterwegs ist. Dann verliebt er sich in die blinde Frau. Dann heiratet er die Frau und so weiter. Und dann ist er plötzlich in so einer Dystopie in moderne Zeiten. Gibt es irgendwie so eine geschlossene Tramp-Welt, so ein Tramp-Verse? Nein,
Johannes Franke: würde ich sagen nicht. Ich glaube, das sind alles Inkarnationen dieser Figur. Ja, quasi. Und insofern passt auch diese Inkarnation, weil sie eine eigene Geschichte hat.
Florian Bayer: Ja, das macht total Sinn. Um zu den Slapstick-Einlagen zu kommen. Also wie gesagt, sind alle fantastisch, sind alle großartig. Ich liebe die Pudding-Szene. Wenn sie da sitzen und diesen Pudding essen und Der Tramp die Münze immer wieder schluckt und dann legen sie ihm immer wieder ihre Münze rein. Und am Schluss spuckt er die Münzen aus. Es ist fantastisch, von vorne bis hinten Timing großartig, sauwitzig.
Johannes Franke: Ich finde an dieser Szene sieht man wie menschlich Chaplin an diese Sachen rangeht. Weil der eigentliche Grund dieser Szene, warum die überhaupt existiert ist ja, dass sie sagen: "Wir müssen den Mut haben. Einer von uns muss sich opfern." Und alle die am Tisch sitzen sagen: "Ja ja das müssen wir machen!" Oder vielleicht halt ihr, weil keiner von denen wirklich diesen Mut hat. Niemand will sich opfern. Niemand will sich wirklich opfern, aber alle sagen ja wir müssen irgendwie und das ist halt auch, was Chaplin damit sagt, es ist urmenschlich. Wir wollen das Richtige tun, aber wir können es halt nicht immer und das finde ich so süß und das ist so schön in diese Szene hineingegossen ohne dass er es sagen muss. einfach da.
Florian Bayer: Es ist vom Timing einfach super. Jedes Mal, wenn er die nächste Münze im Mund hat und feststellt, oh shit, jetzt muss ich noch mehr runterschlucken.
Johannes Franke: Und dann fängt er an, den Schluck aufzuhaben und dann klimpert es immer. Das ist so schön.
Florian Bayer: Fantastische Szene. Natürlich die Flugzeugszene am Anfang. Ja, Wahnsinn. Wunderbar. war Special-Effekt Feuerwerk, wenn sie da auf dem Kopf fliegen und dann seine Taschenuhr runterhängt und er so, oh, irgendwie merkwürdig, was hier passiert.
Johannes Franke: Sie haben sich halt wirklich so kopfüber hingehängt und der Schauspieler, der den Colonel spielt, der hatte echt keine gute Zeit. Das hat auch echt wehgetan auf Dauer da so zu hängen. Und Scheffler hat sicherlich auch keine gute Zeit gehabt, aber der hat nie darüber geredet, der Colonel schon.
Florian Bayer: Reginald Gardiner, der spielt den Colonel Schulz, der auch eine Ganz interessante Rolle ist nämlich unser Nazi, der sich... der dann irgendwann feststellt, dass Hitler scheiße ist. - Ja. Der seine Premiere hatte in "The Lodger" von Hitchcock. - Ach Er war nicht der Lodger. Er war... - Nein, nein, aber... - Eine kleinere Rolle, aber er hat damit gespielt. - Aber krass Ich wüsste nicht, welche Rolle er da gespielt hat. Wir haben über den "Mieter" gesprochen, der erste große Hitchcock-Film aus dem Jahr 1927.
Johannes Franke: - Ja. Ganz toller Film. Absolut empfehlenswert.
Florian Bayer: Der spielt hier den Schulz, dem der Tramp am Anfang begegnet, was auch später wie sich herausstellt eine schicksalshafte Begegnung ist.
Johannes Franke: - Ja.
Florian Bayer: Und er rettet ihn. und muss ihnen dann helfen, mit dem Flugzeug zu fliehen, obwohl er überhaupt kein Flugzeug fliegen kann. Und schafft es dann halt irgendwann, sie auf den Kopf zu drehen, ohne dass sie es mitkriegen.
Johannes Franke: Können Sie fliegen? Ich kann es versuchen.
Florian Bayer: Und das ist einfach so sauwitzig, wie sie dann in diesem Flugzeug sitzen und wie seine Taschenuhr raushängt. Tolle Szene, großartiges Bild.
Johannes Franke: Das Wasser da rausflatschert und ja, dann stürzen sie ab und das ist der Moment, wo der Tramp sein Gedächtnis verliert und dann eben da in dieser...
Florian Bayer: Was ich als Gimmick grundsätzlich witzig finde, aber ich habe nie verstanden, warum das überhaupt gemacht wird, weil es im Film fast keine Rolle spielt. Es ist nur da für den ersten Gag, wo der Tramp die Polizisten für nette Polizistenhälfte, Held, die ihm jetzt helfen. Aber danach spielt es keine Rolle mehr, weil danach ist er ja einfach Teil des Ghettos und in diesen ganzen Planungen und so ist es nicht mehr so eine Fish-out-of-water Geschichte. Also es wird so dieses sehr große Narrativ aufgebaut. Der Trump hat jetzt diesen Gedächtnisverlust und er kriegt nicht mit, was mit der Welt passiert. Oha, er kommt in eine von Nazis regierte Welt und dann wird das für einen Gag benutzt und danach ist es eigentlich nicht mehr wichtig.
Johannes Franke: Naja, nicht mehr so groß wichtig, das stimmt. Weil er ja erklärt bekommt, was passiert ist. Genau,
Florian Bayer: aber deswegen ist es so ein irritierender Moment, wo ich denke, why in the first place? Warum macht er das überhaupt?
Johannes Franke: Weil er die Grundlage dafür legt, dass der Trump den ganzen Film immer mal wieder einsortieren kann und sagen kann, wie sind wir hier hingekommen? Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Und immer wieder auf Sachen guckt und sagt, hä? Wieso lassen wir uns das gefallen? Warum ist das denn jetzt? Und warum soll das denn so sein?
Florian Bayer: Aber sagen das die anderen Figuren nicht auch? Also es gibt ja diese Fassungslosigkeit angesichts des Terrors. Es ist allen ins Gesicht geschrieben, die da sich im Ghetto bewegen.
Johannes Franke: Aber es gibt den Älteren, der ziemlich aufgegeben hat, der im Grunde, wie heißt denn dieses Gemälde von Van Gogh, wo er seinen Arzt gemalt hat? Der hat ja auch seine Hand ins Gesicht. eine Gesicht in die Faust hineingelegt und guckt so melancholisch. Und genau so guckt dieser ältere Herr hier auch.
Florian Bayer: Dr. Gachi.
Johannes Franke: Ja, genau. Und das ist so dieses lebendig gewordene Gemälde von ihm, habe ich so das Gefühl. Und da ist durchaus eine andere Haltung, ne? So dieses, ach was sollen wir denn jetzt noch machen? Wir können ja nichts mehr machen. Und Dr. Jekyll, der ist ja auch so ein bisschen aufgeregter so und versucht auch irgendwie noch das Beste zu machen, aber eigentlich... Ist ja auch nicht mehr so infragestellend.
Florian Bayer: Ja, schon so sehr ängstlich die ganze Zeit. Und dann haben wir Hannah, die wirklich kämpfrig ist, die sich immer noch auflehnt gegen die Besatzer und dem Trump ja auch in diesem ersten Kampf gegen die Nazis hilft mit einer Bratpfanne oder was sonst. Auch wenn sie nicht gut zielen kann. Wie klischeehaft kann man sein?
Johannes Franke: Großartig. Ja, sie ist halt die Entsprechung. Damit die beiden überhaupt das Paar sind, müssen die halt so eine Entsprechung füreinander sein, männliche, weibliche Seite. Und ich finde es auch toll. Also die Frauenfigur ist wirklich für die Zeit total gut.
Florian Bayer: Ja, vor allem, dass so viel Witze drüber gemacht wird, dass Chaplin hier wieder eines seiner Musen bzw. einer seiner Eroberungen besetzt. Eine junge Frau, die er an seine Seite stellt und... Die er vorher klar gemacht hat. Und alles Unschöne, was wir aus dem alten Good Old Hollywood kennen. Yay Yay Sie ist wirklich eine starke Rolle und das hatte ich so nicht mehr in Erinnerung. Ich war überrascht, wie gut diese Frauenrolle ausgeschrieben ist. Diese Hannah ist einfach mal die Einzige, die Eier hat in der Runde.
Johannes Franke: Ja, die wirklich dasteht und den Nazis sagt, wenn ich ein Mann wäre, was schon die Zeit so ein bisschen klar machte, dann würde ich es euch richtig zeigen. Und dann werfen sie halt die Tomaten wieder zurück.
Florian Bayer: Und kurz darauf zeigt sie es ihnen richtig, weil sie sie mit der Bratpfanne vermögelt. Also sie trifft auch den Tramp dabei, aber Pech gehabt. Schwund ist immer. Und sie ist die, die dann ja auch nachher die Münzen in die Kuchen schmuggelt, um ihnen zu zeigen, wie dumm sie sind mit ihrem Vorhaben, den Hinkel umzubringen. Ich hatte das nicht mehr so in Erinnerung, aber es ist wirklich eine gute Frauenfigur für die damalige Zeit.
Johannes Franke: Sie hat eine ganz eigene Agenda. Sie hat eigene Aktionen, die sie ausführt. Spricht sie einmal mit einer anderen Frauenfigur? Vergiss es. Na gut, okay.
Florian Bayer: Der Bechtel-Test. An diesem Test wird der Film... wird auch dieser Film scheitern.
Johannes Franke: Schade, schade, schade.
Florian Bayer: Aber ja, es ist absolut überzeugend. Für diese Zeit, sie ist gut eingebaut, sie ist nicht nur Love Interest, sondern sie ist tatsächlich handelnde Figur und genau mit Agenda und wie gesagt, teilweise mit deutlich mehr Courage als die anderen Figuren, die da durchs Ghetto stolpern.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ja, es ist, wenn wir bei diesem Ghetto sind, wir haben ja diese Gettung-Szenen und wir bekommen so ein paar Nebenfiguren vorgestellt. Ich habe so ein Gefühl und das ist vielleicht so ein ein bisschen Kritik mit drin, wenn ich das jetzt sage. Nebenfiguren in Japlin-Filmen sind eigentlich vor allem da, um Japlin glänzen zu lassen. Und das finde ich ist auch in diesem Film der Fall. Also über unsere beiden, die du schon erwähnt hast, den Mr. Jekyll und den Mr. Mann, die beiden anderen großen Figuren im Ghetto, erfahren wir relativ wenig. Die dürfen immer wieder mal was sagen, aber man hat das Gefühl, sie sind eigentlich immer nur da, um so ein bisschen Gesprächsfutter zu liefern zwischen dem nächsten witzigen Auftritt von Japlin, der halt gegen Nazis kämpft oder der seine Barbieraktion macht und ähnliches.
Johannes Franke: Ich kann dir rein auf der faktischen Ebene gar nicht widersprechen, aber ich trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Figuren dreidimensional sind. Woran liegt das? Hast du nicht das Gefühl, dass sie irgendwie, dass sie trotzdem lebendige Figuren in diesem Universum sind und nicht nur Pappaufsteller?
Florian Bayer: Also bei Mr. Jekyll, bei diesem älteren Herrn, der so ein bisschen resigniert hat, schon am ehesten. Aber trotzdem, ich glaube es ist... Sie werden dreidimensionale Figuren durch das, was wir an Wissen mitbringen. Das ist ja sowieso was, was diesen Film nochmal anders macht, dass wir einfach dieses Wissen mitbringen, was da gelaufen ist, wie es tatsächlich aussah und was die Shoah bedeutet hat für die Juden und so weiter. Dadurch kriegt er, glaube ich, eine Dreidimensionalität, die aber im Film selbst nicht so geschrieben ist. Dafür ist es alles zu sehr auf den Tramp geschrieben. Dafür ist halt einfach zu wichtig zum nächsten Gag mit dem Tramp zu leiten oder zur nächsten dramatischen Situation mit dem Tramp. Wir sehen diese Figuren ja auch nie in Gefahr. Wir sehen Hannah in Gefahr, wir sehen den Tramp in Gefahr und Schulz, aber diese Figuren, die sind...
Johannes Franke: Naja, da kommen schon nochmal die Horden an Nazis rein und schlagen überall drauf.
Florian Bayer: Genau, sie schlagen überall drauf, aber sie schlagen nicht auf die drauf. Und sie jagen nicht die und sie müssen nicht fliehen, sie sind einfach, sie sind da, sie sind so ein bisschen die Zuschauer und Begleiter.
Johannes Franke: Obwohl am Ende das Ganze nochmal anders aussieht, als der Einmarsch in Osterlich passiert ist und sie ihnen das Weingut da wieder... überfallen und wegnehmen.
Florian Bayer: Das stimmt.
Johannes Franke: Da passiert schon nochmal ein bisschen Gewalt.
Florian Bayer: Da haben wir eine Montage, wo alles ein bisschen mehr... auf der Kippe ist.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Was auch eine gute Szene ist, weil es gibt ja diese Überlegung, ja, Chaplin konnte damals nicht wissen, wie die Shoah war. Ja, genau.
Johannes Franke: Und er hat's auch selber gesagt, er hätte den Film nicht machen können, wenn er's gewusst hätte.
Florian Bayer: Ja, was ich ganz wichtig finde, ich find's trotzdem unglaublich wichtig, dass dieser Film existiert. Natürlich. Ich find's unglaublich gut, dass er ihn gemacht hat. Und dann wird ja oft drüber geredet, wie soft ist dieser Film und wie soft ist dieser Film mit den Nazis, obwohl er eine harte Parodie auf Hitler und seine Typen ist,
Johannes Franke: aber wie...
Florian Bayer: ist er einfach zu verharmlosend einfach, weil er halt nicht zeigt, wie der Schrecken aussah der Nazi-Herrschaft damals. Und ich finde solche Szenen, die zeigen dann, dass da schon noch ein bisschen mehr Wumms dahinter ist, als man dem Film vielleicht zuspricht. Vielleicht auch so retrospektiv manchmal ein bisschen zu hart mit ihm sind, weil so seicht es das in diesen Momenten dann auch nicht mehr.
Johannes Franke: Also man kann natürlich immer sagen, dass Chaplin sehr sentimental war mit der Erzählung und dass er auch dadurch so Szenen mit reinnimmt, die dazu führen sollen, dass wir die Figur... dass wir die Figur viel mehr lieben und es schlimmer finden, wenn ihnen was passiert. Wie zum Beispiel diese tolle Friseurszene, wo er nach Brahms den Bart rasiert. Es ist ja wirklich das riesige Highlight dieses Films.
Florian Bayer: Der ungarische Tanz. Und es ist einfach eine Alltagsszene.
Johannes Franke: Es ist so geil. Es ist so on point gemacht. Ungarische Tänze Nummer 5. Ich habe, nachdem ich den Film das erste Mal gesehen habe als sehr junger... Kind, Jugendlicher irgendwo auf der Grenze. Habe ich dieses ungarische Tänze nur noch gehört. Ich habe vor meinem kleinen Rechner gesessen, habe Brahms angemacht und meine Mutter ist vorbeigekommen, hat in mein Zimmer geguckt, den Kopf schräg gelegt und hat gesagt, was habe ich nur für einen Sohn? 13-Jähriger, 12-Jähriger, Johannes, der da irgendwie Brahms hört. Was ist das denn?
Florian Bayer: Was... Wirklich brutal an dieser Szene. Meredith Milson war für die Musik verantwortlich.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Chaplin hat die Szene ja tatsächlich live nach der Musik gemacht. Er hat eine Platte angemacht und er hat dann wirklich zu der Musik diese Bewegung gemacht. Was man auch sieht, das Ding ist ja nicht geschnitten groß. Da ist ja wahnsinnig lange einfach drauf gehalten. Und da sieht man seine absolute Perfektion. Das hätte er auch im Theater jeden Abend zur Perfektion immer wieder machen können. wenn er das als Woodville-Performance gehabt hätte.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Genau so geht er an diese Nummer ran. Und so geht er auch an fast alle Nummern ran, die in diesem Film sind. Sodass er wirklich auf eine existierende Aufnahme von Brahms das Ding hatte.
Florian Bayer: Mit einem Phonografen, ne?
Johannes Franke: Ja, also wie so ein Schallplattenspieler im Grunde. Bloß eben die Version von damals. Ja. So, und dann ging es darum, dass das natürlich nochmal eingespielt werden musste für die Qualität und fürs Timing und so weiter. Und er gedacht hat, ja... Ich bin doch bestimmt hier und da mal aufgewesen oder sowas. Und dann haben sie sich einen großen Plan gemacht, haben sich viele Tage freigenommen mit dem Orchester, das Stück für Stück einzuspielen. Haben gesagt, okay, wir machen von Beat hier bis hier so und dann stücken wir das da ran und dann gucken wir immer gleich, ob das auch passt und dann hangeln wir uns da langsam ran. Und dann hat Chaplin gesagt, ja komm, lass uns mal eine durchziehen, also wirklich das ganze Stück einmal einspielen, damit ich ein Gefühl dafür habe, was da passiert. Dann haben die es einfach eingespielt und es hat gepasst. Das war perfekt. Dumb luck hat Wilson dazu gesagt. Dumb luck, ja. Krass, ne?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil auch das Zeug davon, dass diese Musiker wahnsinnig gut sind, dass der Dirigent und Leiter der ganzen Geschichte ein sehr, sehr gutes Timing vorgegeben hat und dass Chaplin einfach in seiner ursprünglichen Aufnahme der Szene komplett on point war.
Florian Bayer: Wie müssen wir uns das vorstellen? Das Ding läuft dann und das Orchester sieht das und das Orchester spielt dazu? und dann wird das zusammen und dann sitzt es, dann muss es aber auch sitzen. Genau, absolut. Du hast nicht deine Pro Tools wie heute und du hast nicht dein Premiere oder dein Da Vinci Resolve, wo du dann anfangen kannst, einzelne Töne noch hin und her zu schieben, sondern das muss als ein Take sitzen, sowohl von Chaplin als auch vom Orchester und die Szene ist so gut.
Johannes Franke: Ist wahnsinnig gut.
Florian Bayer: Und ich bin überhaupt kein Slapstick-Fan, aber scheiße ist diese Szene gut.
Johannes Franke: Das war so ein Moment, ich habe ja diesen Film sehr, sehr oft gesehen in meinem Leben und ich war ja auch Slapstick-Comiker. Und es gab Phasen in meinem Leben, wo ich den Film gesehen habe und mir diese Szene angeschaut habe und gesagt habe, nee, ich höre auf. Das Beste der Welt wurde schon gemacht, was soll ich jetzt noch beitragen? Vergiss es.
Florian Bayer: Und das Geile ist, dass es so eine Szene komplett außerhalb der Handlung ist.
Johannes Franke: Es ist einfach diese Alltagsszene,
Florian Bayer: der Barbier bei seiner Arbeit. Es ist nichts Großes, es hat keine Gravitas wie zum Beispiel der Tanz mit dem Globus, zu dem wir nachher noch kommen. Sondern es ist einfach nur der Barbier bei seiner Arbeit und du guckst das und du sagst, ja, das wollte ich sehen. Das ist genau an der richtigen Stelle, das gehört in diesen Film.
Johannes Franke: Und es ist eben das, weswegen wir überhaupt zu der Szene gekommen sind, es macht den Barbier dreidimensional und liebenswert. Wir wollen, dass er es schafft. Wir haben ihn auch vorher schon lieb gehabt. dass wir aus sentimental value dann später um ihn trauern, wenn es nicht klappt oder uns mit ihm freuen, wenn er es schafft. Und dann eben auch dazu führt, dass die Rede am Ende tatsächlich so stehen kann.
Florian Bayer: Ja, der Tramp an und für sich ist ja so eine abgehobene, irreale Figur.
Johannes Franke: Mhm, mhm.
Florian Bayer: Ja, dass Chaplin immer so ein bisschen damit zu kämpfen hat, dass wir andocken können an ihn. Und es ist für mich ein Zeichen von seinem Talent als Filmemacher und als Erzähler, dass ihm das in den Filmen, wo es wichtig ist, immer gelingt. Wenn ich zum Beispiel an The Kid denke, da haben wir ja auch so eine wirklich merkwürdige Figur, so einen Straßenganoven und so einen, der halt auch so ein bisschen tollpatschig ist, dem alberne Sachen passieren. Ja, Chaplin schafft es uns in dieser Laufzeit, die er da zur Verfügung hat, eine so dichte Beziehung zwischen Tramp und Kind zu erzählen, dass wir am Schluss da sitzen und heulen. Bei einem 100 Jahre alten Stumpffilm und wirklich sagen, oh Gott sei Dank, er hat das Kind gerettet.
Johannes Franke: Das ist halt auch wegen seiner Sentimentalität, weil das die Zeit überdauert. Er hat zu seiner Zeit selbst natürlich auch angedockt an das, was politisch und sozial gerade dran war. Das ist heute nicht mehr so. Wir haben ein anderes Gefühl zu obdachlosen Menschen zum Beispiel. Der Trump ist obdachlos meistens in seinen Filmen. Wir haben ein anderes Gefühl zu Gesetzen und wie sich solche Menschen unter anderen bewegen und so. Der Erste Weltkrieg hat wahnsinnig viele Leute behindert zurückgelassen und da gibt es einen anderen, da dockt man auch anders an sowas. Das heißt, du hast damals ein ganz anderes Gefühl für das Zusammenleben im Sozialen zu tun gehabt.
Florian Bayer: Was hat sich denn verändert?
Johannes Franke: Wir sind viel reicher. Also ich glaube, das ist das Wesentliche. Wir jammern zwar immer wieder, aber wir haben ein Grundniveau erreicht, zumindest statistisch gesehen. Es gibt immer noch viel zu viele Leute, die eben nicht das Glück haben. Aber statistisch gesehen sind wir auf einem Niveau, das es damals einfach überhaupt nicht gab.
Florian Bayer: Armut macht dich heutzutage mehr zum... Exoten oder noch krasser zum Außenseiter, weil es so selten ist?
Johannes Franke: Ja, das Gesicht der Armut ist auch anders irgendwie. Also zumindest bei uns im Westlichen, wo wir so Auffangsysteme haben, wo Armut scheiße ist und du wahnsinnig zu kämpfen hast, aber wo stimmte Grundsachen wie so ein Handy, jeder hat ein Handy, auch wenn du nicht viel Geld hast. dann hast du zwar mit dem Handy zu kämpfen, aber du hast irgendwie eine Grundform von Kommunikation. Du hast einen Grundzugang zur Bildung. Du hast einen Grundzugang zu allem möglichen, den du tatsächlich wahrnehmen kannst, was damals nicht so war.
Florian Bayer: Und gab es damals bei Chaplin, weil gerade wenn wir uns so eine Figur wie den Tramp anschauen, so ein Bohemian Poverty-Chic oder sowas in der Richtung, das ist so arm aber sexy. Ist es das auch ein bisschen, was Chaplin hier spielt? Vielleicht ja.
Johannes Franke: Der Tramp ist ja irgendwie Bohem, so wie er auftritt und so wie er rumläuft. Ja total. Aber das ist auch die Komik. Das ist auch das, was Chaplin sich gedacht hat. Ich mache mal die große Diskrepanz zwischen ich tue so, als wäre ich der reichste Mensch der Welt und laufe entspannt durch die Gegend und gehe auf jede Party von noch reicheren Typen und tue so, als würde ich dahin gehören und auf der anderen Seite eben dem Typen, der es eigentlich nicht wäre. Die Haltung eines Obdachlosen wäre eine andere, auch damals. Deswegen kommt die Komik zustande. Weil das die Diskrepanz zwischen Haltung und Tatsächlichem ist.
Florian Bayer: Wir haben in unseren Weihnachtsepisoden dieses Jahr über Charles Dickens geredet, wie Charles Dickens seine Kindheit in Armut verarbeitet hat und seine Erfahrungen mit Armut. Ist es auch so ein bisschen Chaplins Verarbeitung? Also Chaplin ist anders arm groß geworden als Dickens, aber trotzdem hat er ja auch so zumindest Kontaktpunkte mit dieser Welt. Ist das auch eine Art Verarbeitung?
Johannes Franke: Dickens war ja 100 Jahre früher.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Also insofern... Also auf jeden Fall, Chaplin hat auf jeden Fall volle Kanne seine Kindheit verarbeitet in allen seinen Filmen, weil er ja immer wieder im Armenhaus gelandet ist als Kind. Seine Mutter war, Hannah war zwischendurch immer wieder in Nervenheilanstalten, wie man sie nannte damals, um, weil sie einfach tatsächlich, was man damals sagte, den Verstand verloren hat, also wirklich Schwierigkeiten hatte an der Realität festzuhalten und, und, Chaplin hat in seiner Biografie viele Momente erzählt, wo seine Mutter wirklich abgedriftet ist. Wo man schon merkte, oh, okay, die kann auch nicht wirklich... die Kinder versorgen über einen längeren Zeitraum. Und ein Kind haben sie ihr ja auch weggenommen, den kleinen Bruder, der jetzt hier in dem Film dann wieder Produktion mitgemacht hat und Produktionsassistenz war.
Florian Bayer: War das Sidney?
Johannes Franke: Nee, nicht Sidney.
Florian Bayer: Sidney war Co-Regie, ne?
Johannes Franke: Ja, also Sidney hat tatsächlich auch wahnsinnig viel mitgearbeitet und ja, Co-Regie ist vielleicht, weiß ich nicht, Sidney würde vielleicht sagen, ja, Co-Regie.
Florian Bayer: Ich bin auch ein wichtiger Chaplin.
Johannes Franke: Genau. Aber der Jüngere, der George Dryden Wheeler, Junior, war von einem anderen Vater und der Vater hat eben Hannah Chaplin den Sohn weggenommen, weil sie gerade wieder in irgendwelchen Krankenhäusern war und die Kinder ins Armhaus mussten und so. Und Wheeler wusste ganz, ganz lange nicht, dass er der Bruder von Charlie Chaplin ist. Krass. Und 1915 hat der Vater ihm das dann mal gesagt. 1915 war Chaplin relativ neu, aber der große heiße Scheiß. Ja. Ja. Und dann hat der Vater mir mal zur Seite genommen und gesagt, übrigens du bist eigentlich der Halbbruder von Charlie Chaplin. Und Wheeler wahrscheinlich so, what? Und dann hat er sich halt gekümmert, hat ihn angeschrieben und hat gesagt, puhu, ich bin euer kleiner Bruder. Und hat keine Antwort bekommen. Ganz lange keine Antwort. 1919 hat er dann bei der Frau von Charlie Chaplin angeklopft.
Florian Bayer: Ist aber auch nachvollziehbar, ne? Charlie Chaplin, der große Star. Ja, ja. Absolut. Prominenz verdient Millionen und dann kommt jemand und sagt, hallo, ich gehöre zu dir.
Johannes Franke: Ich gehöre zur Familie. Ich möchte gerne Geld.
Florian Bayer: Wahrscheinlich hat er jede Woche so einen Brief gekriegt. Ja,
Johannes Franke: wahrscheinlich, genau. Und er hat sowohl Sidney als auch Charlie geschrieben. Beide nicht geantwortet. Und dann hat er die Frau irgendwie kontaktiert von Charlie Chaplin. Und die hat dann Charlie tatsächlich überredet und hat gesagt, komm, guck dir das wenigstens mal an. Und dann ist er tatsächlich dazu gekommen. 1919 haben die dann tatsächlich zusammen gearbeitet, angefangen zu arbeiten. Cool. Und in Der große Diktator ist halt so ein Produktionsassistent. Das ist eine ganz kleine, schöne Familiengeschichte mit Happy End, ja.
Florian Bayer: Um dazu nochmal zurückzukommen. Ich habe das Gefühl, es schwingt immer so ein Stück auch stolz in der Darstellung von Armut mit, die Chaplin hat. Also sein Tramp ist natürlich albern und sein Tramp ist ungeschickt und ganz oft naiv. Aber sein Tramp behauptet sich halt immer in dieser extrem feindseligen Welt und schafft es trotz... all dem, was ihm passiert, trotz all der Missgeschicke, trotz all der Unglücke seine Würde zu wahren.
Johannes Franke: Ja und auch dieses Kämpferische im Kleinen. Nicht ins ganz Große, was er jetzt in diesem Film macht, aber im Kleinen. Und deswegen ist es halt auch wirklich noch der Tramp. Weil die gleiche Geisteshaltung dahinter steckt. Dieses "Ich lass mich nicht rumschubsen" oder so. Nur weil ich nicht so viel wert bin, in Anführungsstrichen, wie du, weil du viel Geld hast oder weil du eine Machtposition hast, lasse ich mich nicht von dir rumschubsen. Und das hat dieser Tramp in Der große Diktator eben auch. Oh mein Gott, Plur, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Oh mein Gott, ich glaube... Oh nein, wir sind in einer Self-Promo. Nein, shit, ganz schnell, damit wir zurückfinden. Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt. Und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns.
Florian Bayer: Wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld dalassen wollt, macht das doch bitte über bei-mir-coffee.com slash muss man sehen... Den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung.
Johannes Franke: Dann könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug. Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen,
Florian Bayer: ist das eure Chance Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag, ohne Geld. Und Feedback gerne an johannes@mussmanssehen.de und florian@mussmanssehen.de.
Florian Bayer: Außerdem freuen wir uns natürlich über jedes Abonnement, egal ob bei Spotify, Apple Podcasts, Deezer, Amazon Music, whatever.
Johannes Franke: Was uns total helfen würde ist, wenn ihr uns so fünf Stunden Sterne oder Herzchen oder sonst irgendwas, was auch immer euer Podcatcher anbietet, gebt. Und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben. Ah super, fehlt noch irgendwas?
Florian Bayer: Nee, ich glaube wir haben alles, wa? Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode.
Johannes Franke: Yes
Florian Bayer: Wir verlassen das Ghetto kurz. Oh yeah Dieser Film besteht ja quasi aus zwei Handlungsebenen, die parallel ablaufen. Neben diesen Szenen im Ghetto mit diesen Menschen, die wir irgendwie lieb gewinnen, neben diesen lustigen Slapstick-Einlagen von dem Trump... beziehungsweise Barbieren, haben wir die Geschichte von Hinkel. Der in Thomania aufsteigt mit seinem Kriegsminister Hering und seinem Propagandaminister Garbage. Garbage,
Johannes Franke: was für ein geiler Name. Großartig,
Florian Bayer: ne?
Johannes Franke: Und Hering.
Florian Bayer: Die offensichtlichste politische Parodie, die jemals in der Geschichte des Films stattgefunden hat.
Johannes Franke: Ich glaube, man darf nicht unterschätzen, wie sehr Hitler damals noch so ein Mysterium war. Der war zwar in Bildern und Newsreels und so zu sehen, was ein Fortschritt ist. Weil wenn man jetzt so an das Königshaus zum Beispiel in Großbritannien. Die Frau, die wir vor ein paar Jahren beerdigt haben, die ganz lange die Queen war, hat darauf bestanden am Anfang, dass man... nicht viel von ihr sieht. Es war wahnsinnig schwer, sie überhaupt zur Übertragung der Krönung zu überreden, dass man diese Bilder sieht. Und man durfte auch einen bestimmten Teil davon nicht sehen, weil sie der Meinung war und das war eben Generationen weitergegeben, dass man Führungspersönlichkeiten, royale Leute, man soll sich kein Bild von denen machen, damit sie nicht menschlich sind, damit man so eine mystische Figur oben hat und dann nicht dran rührt. Sobald die menschlich sind, denkt man, der kocht ja auch nur mit Wasser, dann kann ich auch da stehen.
Florian Bayer: Wobei Hitler ja schon fast einen anderen Approach hatte. Der hat wirklich viele Videos von sich veröffentlicht.
Johannes Franke: Der hat ganz viel von sich veröffentlicht, aber er hat trotzdem, und das hat Chaplin erkannt, eine Rolle gespielt, die mystisch aufgeladen war. Und das ist das Krasse daran. Und man darf nicht unterschätzen, wie viel Hitler da aufgebaut hat an Mystik. Die Tatsache... Chaplin hier einreist. Aber sowas von so krass einreist. Ich finde das so krass und ich kann mir nicht genug vorstellen, wie das damals gewesen sein muss für die Leute, die das zum ersten Mal gesehen haben.
Florian Bayer: Also zum einen, das sind die wenigen Momente in diesem Film, die wirklich improvisiert sind. Also reinprovisiert, wenn er als Hünkel anfängt, thomanisch bzw. deutsch zu reden.
Johannes Franke: Aber ganz ehrlich, ich glaube nicht dran. Du glaubst es war ein Skript? Ich glaube, das ist für ihn, er hat sich selber nochmal so seine Tweets und vor allem hat das geprobt, Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das improvisiert.
Florian Bayer: Es ist so on point. Es klingt so deutsch. Also nicht nur, weil er so Wörter wie Schnitzel und Sauerkraut einwirft, sondern auch wirklich von der Tonation, von der Art, wie er Konsonanten härtet, wie er Vokale wann reinschmeißt. Es ist einfach eine perfekte Parodie auf die deutsche Sprache.
Johannes Franke: Absolut. Und es ist so geil, wie er das mit den Mikrofonen macht, die sich da wegblicken. biegen, weil er drauf losschreit. Das ist so geil. Und wenn du die Kamera ein bisschen aufziehen würdest, dann würdest du sehen, dass er das alles selbst auch Puppeteermäßig macht.
Florian Bayer: Ja, geil.
Johannes Franke: Und es ist so geil, weil er wirklich die volle Kontrolle hat und genau weiß, wann er was wie machen muss. Und deswegen das kriegt man nicht improvisiert. Keine Chance. Er hat das hundertprozentig wochenlang geprobt.
Florian Bayer: Ja, es ist sau witzig. Und hier sind wir noch an dem Punkt, wo er parodiert wie Hitler auftritt. Also wenn wir sehen, wie Hinkel seine Reden hält. Und wenn wir sehen, wie Hinkel durch Berlin fährt, beziehungsweise durch die thomanische Hauptstadt und dann sehen wir die ganzen Figuren, die den Hitlergruß zeigen. Fantastisch, sau witzig.
Johannes Franke: So witzig.
Florian Bayer: Dann haben wir die Parodie des öffentlichen Bildes von Hitler. Aber wie du schon sagst, es gibt dann ja auch diese Parodien des privaten Bildes, wenn wir Hitler sehen, der plötzlich nicht mehr thomanisch redet, sondern englisch redet und der plötzlich so voll unsicher ist.
Johannes Franke: Ja, ja. Und eigentlich alles, was er macht, kommt nur aus dieser Unsicherheit heraus, hat man so das Gefühl. Das ist ganz toll. Kommt hier übrigens das Klischee her, dass Bösewichte immer so Klassik lieben? Er setzt sich ja an dieses Klavier und macht dann noch sein Klavierding. Und ich finde es so geil, so on point, aber so ganz kurz noch reingeworfen, wie auch die Maler, die sein Porträt malen und es in Plastik machen sollen.
Florian Bayer: Unterschlag nicht die Wissenschaftler, die mit den neuesten Erfindungen konfrontieren. Das ist so gut Mit der schutzsicheren Weste oder mit dem Hut, der einen Fallschirm enthält.
Johannes Franke: Oh, ist das toll. Vor allem, weil ja... Er macht das erst mit der Waffe, dann schießt er einfach auf diesen Typen und der fällt einfach um. Was so krass ist, es ist auch für die Zeit muss man sagen, wow, okay, das machst du jetzt. Und dann dieses Implizite. Der springt da aus dem Fenster mit seinem Fallschirm und die gucken nur hinterher. Die müssen nur die Haltung haben, die müssen sich nur anschauen. Und er muss sagen... Warum verschwendest du meine Zeit?
Florian Bayer: Was für eine großartige Metapher auch auf das grundsätzliche deutsche Selbstverständnis. Dieses, dass er mit Heilhinkel aus dem Fenster springt und wir wissen, jetzt stirbt er. Stürzt er sich einfach mit einem Heilhinkel in den Tod. Voller Hingabe. Es ist großartig. Und die Auftritte sind toll persifliert. Er hat es echt gut getroffen. Man sieht sofort, dass er extrem viele Aufnahmen von Hitler geguckt hat, wie der agiert hat.
Johannes Franke: Apropos Aufnahmen. einer sonst immer übersehenden tollen Momente oder nicht Momente, sondern Entscheidungen für den Film ist diese Newsreel-Ästhetik. Die entsteht, weil dieser Erzähler dazwischen funkt. Man weiß gar nicht, wer das ist oder sowas. Aber es ist plötzlich jemand da, der das Gefühl gibt, du guckst dir ein Newsreel im Kino an über diesen Typen. Also es hat was Dokumentarisches dadurch. Und auch die Komik ist so on point, weil er da... So über die Juden so wahnsinnig herzieht, aber eben in einem Deutsch, das man nicht versteht. Und dann der Erzähler ganz fröhlich drüber sagt, ja er hat sich gerade mit den Juden beschäftigt.
Florian Bayer: Und zwar wirklich das aggressivste und härteste und brutalste.
Johannes Franke: Und dann dagegen geschnitten diese fröhliche Stimme. Ja, das waren jetzt gerade die Juden. Auf zum nächsten Thema.
Florian Bayer: Es ist wirklich krass, es ist super gut getroffen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Vor allem diesen Nonchalance, mit der er damals halt mit diesem Antisemitismus umgegangen war, der sich dann als tödlich entpuppt hat.
Johannes Franke: Genau. Was auch eine Kritik an eben den Newsreels sein könnte. Ja. Das ist ja wirklich, ich finde das so, so gut, diese Entscheidung, diese Stimme da zu haben und genau an der richtigen Stelle taucht die wieder auf und gibt diese kleine Einsortierung. Ja.
Florian Bayer: Und dann haben wir halt auch wirklich einfach... wie gezeigt wird, wie zerrissen dieser nach außen so stark wirkende Führer ist, der halt voll opportunistisch wird, wenn es darum geht, irgendwie Geld für seine militärischen Aktionen zu kriegen und der halt mit so einem Handstreich sagt, okay, nee, dann lassen wir jetzt die Juden in Ruhe, weil wir brauchen das Geld von diesem Epstein. Der einfach komplett erratische Politik macht. Wo können wir denn sowas heute?
Johannes Franke: Sowas? Wo könnte das denn sein?
Florian Bayer: Wo man sich wirklich nicht... Man kann sich einfach nicht sicher sein, was er als nächstes beschließt und was er macht und er kann so schnell wechseln von... das sind jetzt unsere besten Freunde zu, er schießt sie alle.
Johannes Franke: Ja und es gibt diesen Moment ja, wo er sagt, hier lasst die Juden in Ruhe und dann ist ein Ghetto plötzlich total ruhig und die lassen sich sogar hinreißen dazu zu sagen, ja vielleicht ist der Hinkel gar nicht so schlimm. Wo man auch so Angst um die Leute hat, weil man genau weiß, nee der ist so schlimm, das ist wirklich gruselig und lasst euch nicht einreden, dass da irgendwas Gutes passiert.
Florian Bayer: Was ich tatsächlich ein bisschen verharmlosend finde, Dass die Juden jetzt nicht mehr geärgert werden, sind die Nazis-Soldaten, die vorher da rummagodiert sind, alle plötzlich voll nett zu den Juden. Und das reduziert dieses Antisemitismus-Problem so ein bisschen auf die eine Person. Weil Antisemitismus war damals ein großes Ding, ist es heute auch noch in Europa und weltweit. Es ist nicht so, dass das eine Person war, die gesagt hat, jetzt tötet ihr die Juden und dann wurden sie getötet. die gesagt hat, jetzt lasst ihr die Juden in Ruhe. Dann wurden sie in Ruhe gelassen. Nein, nein, es war ein Großteil der Bevölkerung. Hitler hat mit seinem Antisemitismus offene Türen eingerannt.
Johannes Franke: Ja, deswegen ist es halt auch nur ein dramaturgischer Kniff, den Chaplin an der Stelle braucht, damit auch Hannah sagen kann, ach wie schön wäre es denn? Wäre es nicht toll, wenn wir alle zusammen leben könnten? Da ist der erste sentimentale Moment, der da durchkommt, der so stark die Hoffnung aufmacht. Und ich glaube, der Film braucht das Dramaturgische an der Stelle, dass da ein Stückchen Hoffnung ist. Und dass wir als Zuschauer ein Gefühl dafür bekommen, was wäre denn wenn? Worauf arbeiten die denn hin? Was ist denn deren Ziel am Ende?
Florian Bayer: Und dann wird dieser Hinkel bzw. Hitler in seiner erratischen Art auch in seiner melancholischen Art gezeigt. Dann haben wir ja die wahrscheinlich berühmteste Szene dieses Films, in der er zu Lohnkrien von Wagner, nachdem er zuerst kurz die Gardinen hochgeklettert ist, weil er Angst vor sich selbst hat... mit dem Globus tanzt.
Johannes Franke: Das ist so großartig, auch mit den Gardinen. Hör mal, das kann man nicht unterschlagen. Ist doch großartig.
Florian Bayer: Es ist ganz fantastisch.
Johannes Franke: Was die da aufgebaut haben müssen, damit er da raufkommt und den dann so langsam runterlassen. Oh, das ist toll.
Florian Bayer: Und ich finde es mutig, dass er in diese... Er macht ja wirklich einen Derbesatire auf Hitler. Es wird wirklich viel verarscht. Dass er ihm aber diesen Moment der Melancholie gibt, wenn er mit dem Globus tanzt.
Johannes Franke: Übrigens... Gibt es da auch wieder so Origin-Stories, dass jemand sagt, ja das habe ich ihm aber ins Hirn gepflanzt. Wo wieder Leute sagen, ja ja, aber ich will auch was vom Ruhm haben. Und dann hat man irgendwann festgestellt, dass man so private Aufnahmen von ihm gefunden hat, zehn Jahre früher, wo er schon mal sowas gemacht hat mit so einem kleinen Globus, also nicht so groß. Ich habe mir das angeschaut, sieht sehr süß aus, ist noch nicht sehr ausgearbeitet.
Florian Bayer: Als Hitler oder als?
Johannes Franke: Einfach nur als unspezifisch Charlie Chaplin. Das heißt, diese Idee hat er schon lange im Kopf gehabt. Aber es gibt Leute, die dann immer andocken und sagen, nee, nee, ich hab da aber auch was mit zu tun.
Florian Bayer: Es ist so eine schöne Szene.
Johannes Franke: Es ist eine ganz tolle Szene, ja.
Florian Bayer: Es ist absolut zu Recht eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Sie ist gut platziert und... Jetzt könnte man auch wieder drüber nachdenken, inwiefern wird hier Hitlers Schreckensherrschaft relativiert, weil er ja wirklich als melancholischer Traumtänzer gezeigt wird.
Johannes Franke: Ja, ach, aber es ist unglaublich gut und es trifft auch, vor allem die Auflösung ist ja so schön lächerlich. Das ist ja, wenn die Kugel da zerbirst und er dann irgendwie weinend auf seinem Schreibtisch zusammenrichtet, ich finde es so toll. Weil das dann wirklich alles nochmal so zusammenfassend sagt, ja, es ist einfach nur ein... Ein Idiot. Also da ist einfach nur ein Größenwahnsinniger, der von der Weltherrschaft träumt.
Florian Bayer: Ich finde es spannend, dass er ihn in diesem Moment auch in seiner Melancholie und Verletzlichkeit zeigt. Und das ist natürlich, könnte man retrospektiv total schwierig sehen. Ich glaube, es ist wichtig, auch für diese Entzauberung, dass auch gezeigt wird, dass es auch ein Mensch ist, der traurig ist, dass das ein Mensch ist, der ängstlich ist, der Träume hat.
Johannes Franke: Ja, naja, das ist ja nicht das Einzige. Er muss es ja auch aufbauen für die anderen Szenen. Es geht ja auch um die Verletzlichkeit gegenüber Mussolini und auch eine der großartigsten Szenen des Films, wie er da sitzt in seinem Büro und erwartet, okay, jetzt kommt er gleich und neben mir sitzt Goebbels und sagt, guck mal, wir haben folgendes. Wir haben uns das genau ausgedacht. Der kommt von der weitesten Stelle ganz hinten, muss ganz lange auf dich zulaufen. Dann kriegt er den kleinsten Stuhl der Welt und neben dir ist noch die Büste. Egal wo er hinguckt, er wird von dir einmal angeschaut. Und dann kommt Mussolini von hinten, klopft ihm auf die Schulter und hat den kürzesten Weg und ist der King in the Castle. Es ist großartig.
Florian Bayer: Das ist so geil. Und es ist ja wirklich das ABC der politischen Narzissten, dass sie... Wenn sie irgendwie so ein Treffen vorbereiten oder so und den Heimvorteil haben, dass sie den dann auch voll ausnutzen. Und das sehen wir auch heute. Wenn Trump seine Staatsleute, seine Partner oder auch Kontrahenten in der internationalen Politik einlädt, dann sehen wir, dass das alles sehr arrangiert ist, um ihn gut aussehen zu lassen und vor allem, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie sich irgendwie unterwerfen.
Johannes Franke: Man hat ja fast das Gefühl, dass Donald Trump... diesen Film gesehen hat und gesagt hat, ach, das will ich aber auch so. Das klingt ja eigentlich ganz vernünftig. So machen wir das jetzt auch.
Florian Bayer: Ich wette mit dir, es gibt irgendwo da draußen so Bücher, Politik für Dummies, nicht Politik für Dummies, Herrschaft für Dummies oder Alleinherrschaft für Dummies, wo dann drin steht, was du alles machen musst. Es gibt einfach so eine Anleitung, wie du die Stühle platzieren musst, wie du dich platzieren musst, wie du begrüßen musst, wie du Körperkontakt
Johannes Franke: fliegst um diesen hochstatus zu halten schon die fotos die sie am bahnhof machen ist ja genau das gleiche du musst immer so stehen damit diese pose hast du damit du gut in der kamera bist damit du auch überlegen wirkst und so krass alter und es ist so geil wie das ständig thematisiert wird dass er sich so sorgen darum machten dass er wirklich nervös ist auch wegen dieses treffens mit benzino
Florian Bayer: napaloni benzino was für ein name und dann gleichzeitig halt diese diese stärke nach außen demonstrieren muss. Großartig. Das ist natürlich dieser ganze Block. Mussolini besucht Hitler und die beiden kämpfen darum, wer der Größere ist und wer der Wichtigere ist. Da steckt so viel Humor drin und so viel Persiflage auf dieses narzisstische Weltherrschertum.
Johannes Franke: Es ist Jack O'Keean, der den Mussolini spielt und er macht das richtig, richtig gut. Er war auch damals schon, glaube ich, Komiker, also auch wirklich sehr bekannter Schauspieler. Ich mache mal kurz den Wikipedia-Artikel auf. Jack O'Keefe? Das Bild ist ja großartig. Sorry, ich schweife ab. Aber der hat wahnsinnig viele tolle Sachen gemacht anscheinend und der war auch schon sehr beliebt und hat auch mit Chaplin sehr freundschaftliche Kontakt gehalten. Vorhohlenpipiert diese Sprache. Und dann, er macht das aber mit einer unglaublichen Wucht und mit einer Selbstverständlichkeit und so. Dass ich da wirklich als Schauspieler auch davor sitze und total begeistert bin, was der kann. Was für ein Typecasting.
Florian Bayer: Sowohl optisch als auch vom Verhalten. Das ist einfach mal fucking Mussolini, der da rumsteht.
Johannes Franke: Er bricht ja auch einmal die vierte Wand und guckt so in die Kamera wie Mussolini. Das immer gemacht dann mit seinem vorgeschobenen Kinn.
Florian Bayer: Dass Chaplin schafft, nicht nur wie Hitler zu wirken, sondern auch einen Mussolini zu finden, der wie Mussolini wirkt. Es ist grandios. Und dann so viele schöne Szenen zwischen den beiden, dieses Friseursalon-Ding. Wenn sie versuchen, den höheren Platz zu kriegen und an ihren Stühlen drehen und immer weiter nach oben, als ob es nichts Wichtigeres gäbe in dieser Welt.
Johannes Franke: Ganz toll, wie sie am Buffet stehen und er sich da Senf drauf macht aus Versehen und so. Ich werde dich zerreißen wie diese Spaghetti und das klappt natürlich nicht. Wie die sich versuchen, ganz aus... Ego heraus zu übertrumpfen und das nichts mit Politik zu tun hat, sondern wirklich nur zwei Egos aufeinander treffen.
Florian Bayer: Zwei kleine Kinder, die sich ums Essen zanken und die auch irgendwann mit Essen nacheinander werfen.
Johannes Franke: Ja, ganz toll.
Florian Bayer: Wie er am Bahnhof ankommt und sie sich dann begrüßen und zwischen Handshake und Hitlergruß nicht ganz klar ist, was jetzt passiert und das einfach mal ausgespielt wird, wie sie ständig wechseln zwischen den Begrüßungen und sich nie treffen.
Johannes Franke: Das ist natürlich typisch Chaplin für einfach nur Visual Comedy. Großartig. Er zieht es ein zweites Mal durch. Beim zweiten Mal denke ich so, ja, ich habe es schon gesehen. Wie der rote Teppich ausgerollt werden soll und der Zug hin und her fährt. Ja, ja. Alles sehr, sehr, sehr schön.
Florian Bayer: Es ist wie er ihm den tiefen Stuhl gibt vor seinem Schreibtisch.
Johannes Franke: Der aber auch sofort outcourt, also sofort sagt, warum kriege ich so einen Babystuhl? Was soll das? Statt da irgendwie zu sitzen und sich einfach nur unwohl zu fühlen, sagt er halt sofort, was los ist. Und damit hat Hitler nicht gerechnet.
Florian Bayer: Wie sie der Kriegsparade beiwohnen, die nur aus Reaction-Shots besteht.
Johannes Franke: Oh, ist das geil, oder? Heavy Infantry, man hört einen Haufen Geräusche. Light Infantry, very light, man hört nichts. Das ist so großartig, ganz toll. Die Flieger, die Bomber, die oben langfliegen. Ah, das sind meine. Nein, nein, das sind deine. Ah, es sind doch deine. Die dann den Unfall haben. Es ist toll. Fantastisch. Also wirklich, der Film steckt voller Highlights.
Florian Bayer: Aber ein großes Highlight in diesem Film. Auch eine Szene, auf die ich mich schon die ganze Zeit freue. Es gibt einfach diesen Moment, wo ich denke, jetzt soll aber Mussolini kommen.
Johannes Franke: Die Schreibmaschinen-Szene.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja. Wie sie... Er sagt... Ganz langes, ganz lange Rede. Schreibe auf. Und dann, weil er auch das toll macht, immer noch Deutsch imitiert. Ganz, ganz toll. Und sie dann nur so tipptick und dann also wirklich nur ganz kurz aufschreibt. Und er wundert sich schon und guckt so. Ah ja, okay. Ja, stimmt wohl. Und dann sagt er nur einen Satz und die artet aus und schreibt und schreibt und schreibt und schreibt und schreibt und schreibt.
Florian Bayer: Das Geile ist, dass sie es ja nicht nur bei diesem Gag stehen lassen, sondern ihn drauf reagieren lassen, dass das jetzt irgendwie schräg ist. Ja. Und es ist trotzdem... funktioniert noch. Ja,
Johannes Franke: vor allem weil er auch drauf guckt und dann irgendwann sagen muss ja, stimmt wohl. Ach ja, er macht dann den Punkt dann irgendwann. Er unterbricht sie ja dann und sagt, ja hier reicht ein Punkt. Und dann will er das unterschreiben und die Stifte, die nicht funktionieren und alles mögliche. Also diese Hitler-Parodie, dieses Hinkel, es ist wirklich ein guter Kontrast und
Florian Bayer: Chaplin hat das sehr schön ineinander gewoben, wie er den Tramp spielt und wie er Hitler spielt. Und es wird während des gesamten Films nie thematisiert, dass die gleich aussehen.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: Es ist nie Thema, es wird erst ganz am Schluss Thema. Aber er hat es wohl sehr streng so gedreht, dass er zuerst den Trump gespielt hat und dann Hitler. Und er hat auch gesagt, das hat was mit mir gemacht.
Johannes Franke: Die Berichte der anderen am Set haben es auch sehr nahegelegt. Und Chaplin selbst hat es auch zugegeben, dass sobald er die Uniform anhatte, er zum kleinen Diktator am Set wurde. Und man muss dazu sagen, dass Chaplin sowieso schon eine Art Diktator am Set war. Also er ist sowieso sehr perfektionistisch gewesen und hat Sachen tausendmal wiederholen lassen. Er hat berühmtermaßen das Set im Ghetto abgerissen, weil er gedacht hat, es ist vorbei und wieder aufgebaut für genau das gleiche Geld nochmal, weil er gedacht hat, oh nein, ich muss da nochmal was neu drehen. Das ist krass. Also er hat wirklich so eine perfektionistische Ader, dass er auch von allen verlangt hat, hierher. immer wieder und immer wieder und immer wieder das nochmal zu machen. Und klar, das Set besteht daraus, dass man Sachen immer mehr wiederholt. Aber auf die Art, wie er das gemacht hat, das ist wirklich fast tyrannisch. Aber in der Uniform dann noch zu sagen, ja jetzt bin ich der Diktator, da muss er ja einiges dazu gewonnen haben, noch an Schlimme.
Florian Bayer: Vielleicht war es auch für ihn eine Ausrede, noch mehr die Regie raushängen zu lassen, als er das sowieso schon gemacht hat und eigentlich ganz geil gemacht hat. für ihn auch mal noch ein bisschen härter zu sein, noch ein bisschen mehr der große Alleinherrscher am Set.
Johannes Franke: Naja, es gibt so schöne Aufnahmen von Sidney Chaplin, diese Farbaufnahmen. Er hat ja mit einer Home-Videokamera quasi... Was damals Home-Video war. ...hat er Aufnahmen gemacht in Farbe und das ist ganz tolles Material. Da sieht man halt sehr viel, was im Hintergrund passiert und wie die immer wieder diese Kamerafahrt machen, wo er auch sehr stolz drauf war beim Ball da und so. Also er hat schon echt interessante Behind-the-Scenes-Sachen gemacht. Und man sieht Chaplin auch in Uniform und durchaus gut gelaunt. Ah ja, aber man sieht ihn auch, wie er mal jemandem sagt, nee, das geht so nicht. Aber man hört es halt nicht, weil er keinen Ton hat.
Florian Bayer: Übrigens, um das nochmal zu sagen, das Set-Design und die Kostüme in diesen Hitler-Parodie-Momenten ist einfach auch wirklich super. Von den Statuen, die eine Hitlergruß zeigen, über die Xe, die Doppel-Xe, die das Hackenkreuz symbolisieren, der Chaplin gar nicht unbedingt von innen kannte. Diese großen Räume, in denen Hitler sich bewegte, die einfach diese Nazi-Ästhetik haben. Das heißt sehr viel Einsamkeit und gleichzeitig sehr viel kalter Pomp irgendwie so zwischen Romantik und Brutalismus.
Johannes Franke: Ja genau.
Florian Bayer: Es ist echt gut getroffen.
Johannes Franke: Ja wirklich ganz ganz toll und es ist aber auch wahnsinnig teuer gewesen. Das ist halt, da musst du damit leben, dass du wirklich riesige Bauten aufbaust, die halt auch so aussehen sollen und nicht nur Pappmaché sind. Also teilweise schon, aber so Und dann auch Massen an Statisten da hast, die du alle bezahlen musst und die alle da sein müssen über einen langen Zeitraum, weil du so perfektionistisch bist. Die kosten alle Geld. Das ist unglaublich.
Florian Bayer: Diese beiden Geschichten, die hier erzählt werden, die kulminieren jetzt und erleben gleichzeitig ihre Eskalation. Und zwar werden Schulz und der Trump ins Ghetto eingesperrt, weil sie als Volksverräter verhaftet werden.
Johannes Franke: Ins Konzentrationslager.
Florian Bayer: Ins Konzentrationslager eingesperrt. Chaplin wurde oft vorgeworfen, dass er das KZ in diesen Szenen, die ja wirklich kurz sind, wir sehen nicht viel vom KZ, ein bisschen diese Morgenroutine, das Marschieren, den Schlafraum, dass er das verharmlosen würde. Und ja, wenn wir da heute drauf gucken und wir wissen wie... dass 1945 aussah, als die KZs befreit wurden. Als wir Bilder gesehen haben von den ausgemagerten Gefangenen, die da waren, ist das definitiv eine Verharmlosung. Man kann es ja nicht anders sagen.
Johannes Franke: Aber die Welt wusste des Ausmaßes nicht. Das ist auch genau die Szene, für die Chaplin gesagt hat, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich es niemals gemacht.
Florian Bayer: Und sie ist ja tatsächlich auch nicht sonderlich lange in diesem Film.
Johannes Franke: Nein, überhaupt nicht. Er hat sich da wirklich bedeckt gehalten. Und ich glaube genau deswegen, weil er eben auch nicht wusste, was da passiert.
Florian Bayer: Sie ist eine Szene, über die man drüber stolpert. Also ich bin als heutiger Zuschauer, ich stolpere voll über diese Szene und denke, wow, okay krass. Ich kann einfach nicht das Wissen ausschalten, das ich mittrage.
Johannes Franke: Ja, absolut.
Florian Bayer: Sie schaffen es aus dem KZ zu fliehen. Währenddessen wird Hinkel beim Entenjagen fällt er ins Wasser und wird von irgendwelchen Leuten,
Johannes Franke: Soldaten, die ihn nicht als den Führer erkennen, davongetragen.
Florian Bayer: Und der Tramp und Schulz, also der Tramp wird wieder... allerdings für hinkel gehalten. Schulz ist bei ihm und alle freuen sich, dass Schulz auch wieder nicht mehr in Ungnade ist beim Führer. Und er wird zu dem großen Begrüßungskomitee gefahren und soll dann seine Räder halten für den Einmarsch in Osterlitz. Wir kommen neben dem Globus-Tanz wahrscheinlich die zweite große berühmte Szene dieses Films. Und damit schlagen wir wieder einen Bogen zu Anfang. Wahnsinn, oder?
Johannes Franke: Wir mussten am Anfang erstmal darüber reden, über diese Rede. Das wäre auch ein Film mit Dramaturgie haben, Flo, als ob wir das gewusst hätten vorher. Großartig. Es ist die beste fucking Rede der gesamten Filmgeschichte, oder?
Florian Bayer: Ich glaube ja. Ich glaube ja. Es ist ein unglaublich guter Monolog. Das Krasse ist, und darüber wird viel geredet, dass hier Chaplin aus seiner Rolle raustritt des Trumps als Hitler und eine Rede, als Charlie Chaplin an die Weltgemeinschaft hält.
Johannes Franke: Was verstanden wurde als Aufruf in den Krieg einzutreten.
Florian Bayer: Ja, in einer Zeit, in der mehr als 90% der Amerikaner gegen einen Kriegseintritt waren. Berater haben zu Chaplin gesagt, wenn du diese Szene drehst, dann verlierst du eine Million. Einfach diese Szene verliert eine Million Dollar.
Johannes Franke: Genau. Und da hat er gesagt, mir egal. Und wenn es fünf Millionen sind, ich mache das.
Florian Bayer: Das wirklich krasse an dieser Szene ist, dass die so komplett out of place ist. Wir treten aus dem Film raus, wir haben Chaplin und so weiter, der seine Rede hält, dass sie komplett out of place ist und trotzdem absolut perfekt platziert und nicht störend wirkt.
Johannes Franke: Überhaupt nicht, sondern es ist seltsam, weil man bei jedem anderen Film sagen würde, was soll das jetzt?
Florian Bayer: Ja genau, alles schreit danach, dass das ein Fremdkörper in diesem Film ist und ich glaube der Hauptgrund ist, dass das einfach die immersivste Szene des Films ist. Ich werde voll reingezogen, ich klebe an Chaplins Lippen und ich höre, was er sagt und nicke. Kriege eine Gänsehaut.
Johannes Franke: Nicht nur Gänsehaut, Tränen.
Florian Bayer: Bin einfach nur hin und weg. Es ist unglaublich gut, vor allem nach all dem Chaos, nach dem Albern, nach dem Satirischen, nach der Action und dem Slapstick, alles, was wir da in diesem Film hatten und auch den kleinen sentimentalen Moment, da haben wir plötzlich diesen übergroßen Moment.
Johannes Franke: Es ist auch so, dass man sagen muss, das... dass nicht so eine große Tradition hatte, politische Filme zu machen vorher. Das gab es in der Form so nicht. Es gab mal eine Hitler-Parodie von den Three Stooges, gab es eine Hitler-Parodie vier Monate vorher. Krass, Zufall. Und die waren einfach schneller, weil auch ihre Produktion schneller gelaufen ist. Sie haben schon wieder angefangen als er, aber früher veröffentlicht als er. Und es ist auch so, dass der Film an dem Moment sagt, ich will mehr sein als in der Tradition, in der ich stehe. Ja. Also ich will mehr Moralstück oder ich will mehr etwas sagen der Welt oder ich will mehr politische Haltung vermitteln. Und daran haben sich Leute gestört, weil das eben nicht die Tradition war und man von Chaplin nun schon gar nicht das erwartet hätte sowas. Und da haben viele Leute Kritik geäußert und gesagt, das kannst du nicht machen. Das ist ja, du bleib in deiner Lane gefälligst Künstler. Und werde nicht politisch, sondern wir kennen dich als Slapstick-Künstler, also mach gefälligst.
Florian Bayer: Man muss schon eine außerordentlich gute Rede halten, damit das gelingt. Und es ist wirklich eine außerordentlich gute Rede, die Chaplin hier geschrieben hat.
Johannes Franke: Er hat sie nicht nur so außerordentlich gut geschrieben. Ich finde den Moment, wo er gesagt bekommt von seinem Kumpel, du bist dran, was soll ich machen? reden. Du bist unsere einzige Hoffnung. Das schon alles runterzieht auf ein bestimmtes Niveau, so eine Stimmung, die wir haben und dann der Weg hoch, wie er da hochläuft zum Mikro, die Stimmung, die er da vermittelt, seine Haltung, alles was in ihm passiert bis zum Mikro und dann die ersten drei, vier Sätze, die da so langsam reinwachsen in diese Rede. Ich glaube, das ist das Meisterstück, das uns überhaupt in die Lage versetzt, diese Rede so akzeptieren zu können, wie wir sie tun.
Florian Bayer: Das ist ja interessant. Er fängt ja tendenziell noch eher als Tramp an. So dieses I'm sorry, I don't want to be an Emperor. Erstmal so dieses, er weiß gar nicht so genau, was er sagen soll. Und dann wächst er da so langsam rein und er hat ja eine Rede, die gleich mehrere Themen beinhaltet. Die Rede ist antirassistisch. Die Rede ist extrem progressiv im Sinne von fortschrittlobend. Also er sagte, die Erfindungen wie das Radio und das Flugzeug, das sind großartige Erfindungen, die uns näher zusammenbringen sollten. Es wird eine ganz allgemeine humanistische Rede. Es wird eine Rede gegen grundsätzlich alle diktatorischen Beschreibungen auf der Welt. Sie kriegt noch ein bisschen christlichen Pathos mit rein. Es passiert unglaublich viel in dieser Rede. Und es werden sehr viele Themen tangiert. Das ist wirklich, es könnte die Rede von einem US-Präsidenten sein.
Johannes Franke: Ja, absolut, absolut, ja. Also wahrscheinlich Gettysburg Address so ein bisschen der Konkurrent nach der Lincoln-Rede.
Florian Bayer: Sie ist länger als die Gettysburg Address, aber auch nicht so viel. Es ist eine Vier-Minuten-Rede, aber für einen Filmkontext ziemlich lange. Und dass er es schafft, diesen Bogen zu schlagen vom Antirassismus über den Humanismus, über diesen Kulturoptimismus, diese Fortschrittsgläubigkeit. Und gleichzeitig diesen Appell dran,
Johannes Franke: wissenschaftlich auch mit diesem Fortschritt umzugehen und diesen Fortschritt für was Gutes zu benutzen. nicht in den Händen der Reichen gelangen, die das Ganze noch reicher machen, sondern dass es eben für alle sein soll. Dass alle davon profitieren sollen.
Florian Bayer: Aber dass sie grundsätzlich was Gutes sind. Das finde ich tatsächlich ganz wichtig in dieser Rede. Diese Flugzeuge und Radios haben uns näher zusammengebracht. The very nature of these inventions cries out for the goodness in man. Diese Erfindungen, die die Welt wirklich näher, enger bringen, die sollten eigentlich das Gute aus uns herauskehren. Und jetzt sehe ich aber, was passiert und Es ist offensichtlich nicht das Gute herausgekehrt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Dann diese Hoffnung, die er da drin packt, dass er sagt, verzweifelt nicht.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Das ist, jetzt sieht es gerade ziemlich düster aus, aber...
Johannes Franke: Die Sonne geht auch wieder auf.
Florian Bayer: Die Sonne geht auch wieder aus und da sagt er auch wieder, es ist verursacht durch Leute, die Angst vorm menschlichen Fortschritt haben. Aber das wird vorbeigehen. Diese Diktatoren, die werden auch irgendwann sterben und diese Diktatoren werden auch irgendwann wieder weg sein.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber Freiheit wird nie verschwinden.
Johannes Franke: Im Namen der Demokratie Dafür lasst uns streiten
Florian Bayer: We are coming into a new world. Dieser Optimismus, der da drin steht. Und dass Hannah dann auch nochmal wirklich an diesem Himmelszelt steht und noch einmal zu allen, die da sind, sagen, darf einfach nur listen.
Johannes Franke: Und das ist es ja. Vielleicht ist das das perfekte Wort. Wir sollen einander zuhören. Nicht aneinander vorbeireden und sagen hier, das ist mein Ding und das ziehe ich jetzt hier durch, sondern wir hören aufeinander und versuchen es miteinander hinzukriegen.
Florian Bayer: Ja, und es ist wirklich das Tolle ist, dass es halt, es gibt diesen Optimismus und es gibt dieses Kämpferische auch in der Rede. Ich meine, du hast gesagt, es ist eigentlich ein Aufruf dazu, gegen die Nazis zu kämpfen. Ja, deshalb, Soldiers unite Kämpft für die Freiheit, kämpft gegen diese Diktatoren.
Johannes Franke: Wahnsinn. dann irgendwann ausgewiesen wurde aus Amerika.
Florian Bayer: Wenn man es böse nimmt mit Chaplin, kann man diese Rede auch wunderbar sozialistisch interpretieren. Gerade dieses Übernationale, dieses Appellieren an eine Weltgemeinschaft.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Das war ja eigentlich ein sozialistisches Thema, weil die Kapitalisten haben eher so ihre nationalen Süppchen gekocht.
Johannes Franke: Und es ist ja auch so, Chaplin hat sich natürlich immer dafür eingesetzt, dass die... dass UDSSR unterstützt wird als Partner gegen Hitler.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und das hat große Kämpfe dafür gekämpft, dass man eine zweite Front aufmacht. Das war ja eben damals noch nicht so und es kam ja erst nach Pearl Harbor dann, dass sie sich wirklich eingemischt haben. Aber Chaplin hat eben lange, lange dafür gekämpft, dass man die zweite Front aufmacht, um die UDSSR zu entlasten im Kampf gegen Hitler. Und nach dem Krieg mussten plötzlich alle... Kehrtwende machen und gegen die UdSSR sein, weil die jetzt der neue kalte Kriegfeind waren. Und Chaplin hat das nicht so hingekriegt, diese Kehrtwende. Er hat gesagt, aber das waren doch unsere Freunde. Das waren doch die Leute, mit denen wir uns gegen Hitler gestellt haben. Was? Was passiert hier? Was soll das? Und deswegen auch diese Angst, diese große Angst von Amerika vor dem Kommunismus. Das ist ja wirklich...
Florian Bayer: absurd. Wir rutschen dann so in die McCarthy-Ära rein. Wir haben sehr oft in unserem Podcast, wir haben zu oft in unserem Podcast über McCarthy geredet. Aber es war dann, es gab diesen Moment, wo plötzlich alle Künstler, die Pazifisten waren, die linke Ideen hatten, die sozialdemokratische Ideen hatten, waren verdächtigt mit dem Feind, aka the Communists zusammenzuarbeiten. Der Film wurde veröffentlicht am 15. Oktober 1940 hatte er seine Weltpremiere in zwei Kinos in New York. Chaplin hat Leute von der Gewerkschaft engagiert, die da waren, um Nazis aufzuhalten. Das sind nicht Nazis in Amerika, wohlgemerkt. Wir sind in Amerika. Nazis, die Kinos stürmen und alles kurz und keinschlagen, wie sie es in Deutschland gemacht haben.
Johannes Franke: Und das ist also durchaus zu Recht. Diese Angst war durchaus zu Recht da und er hat sich darum gekümmert.
Florian Bayer: Der Film wurde gut aufgenommen. Das ist wahrscheinlich das, womit keiner gerechnet hätte. Die Leute haben diesen Film geguckt und vor allem die amerikanische Presse hat gesagt, das ist ein guter Film und das ist ein wichtiger Film.
Johannes Franke: Also ich meine, natürlich hat er wahnsinnig viel Gegenwind bekommen von allen möglichen schlimmen Seiten.
Florian Bayer: Hearst, unser Freund Hearst, der in Citizen Kane parodiert wird, nicht parodiert wird, der in Citizen Kane dargestellt wird. Ja. Und der große Macht hatte, große mediale Macht. Der hat gesagt, Chaplin ist ein Kriegshetzer. Der will die Amerikaner in den Krieg reinziehen. Das können wir nicht zulassen. Während so Blätter wie die New York Times gesagt haben, das könnte der wichtigste Film sein, der je gemacht wurde.
Johannes Franke: Ja, recht hatten sie. der hat wahnsinnig viele Medien-Outlets besessen, also Zeitungen und so. Das Internet gab es ja noch nicht, sonst wäre es wahrscheinlich Axel Springer und Co. Auf jeden Fall sehr rechtsorientiert und hat eben mit McCarthy wahnsinnig viel gemacht. Es gab diese Hedda, wie hieß sie? Oh, das habe ich hier in meinen Notizen irgendwo. F, Steuerung F, Hedda. Genau, Hedda Hopper. Die war in diesem Universum von Hearst und so. Und hat so Klatschpresse gemacht und hat wahnsinnig viel Zeug recherchiert für das FBI eigentlich am Ende. Hat denen viel zugespielt, um Chaplin nach eigenen Worten fertig zu machen. Das ist krass.
Florian Bayer: Es ist ihnen nicht gelungen. Es ist ihnen später gelungen. Es ist ihnen nicht bei diesem Film gelungen.
Johannes Franke: Nicht bei diesem Film, richtig. Aber dann hat er ja noch dummerweise... Monsieur Verdoux gemacht und dann eine Rede am Ende des Films gehalten, die auch dieser Rede hier Konkurrenz macht.
Florian Bayer: Nein, ich fand die in Monsieur Verdoux hat er vor allem deswegen gehalten, weil er festgestellt hat, dass diese Rede extrem gut angekommen ist in dem Film und wollte das Ganze nochmal machen mit ein bisschen mehr Sozialismus und weniger Pazifismus. Ich bin nicht so ein großer Fan von der Abschlussrede in Verdoux, vor allem weil es so ein bisschen ist ja denselben Trick nochmal aufgeführt. Hört euch unsere Episode zu, nicht unbedingt zu Monsieur Verdoux, sondern vor allem zu einem... König? Was ist ein König? King in New York. Da reden wir ganz viel darüber, wie Chaplin es nach dem Krieg wieder ergangen ist und wie er komplett in Ungnade gefallen ist. Amerika bis zu dem Punkt, wo er dann seinen Film in Europa gedreht hat, weil er keinen Bock mehr auf Amerika hatte und gesagt hat, ey Leute ich bin raus, wenn ihr mich fertig machen wollt, ich muss hier nicht sein. Dieser Film jedoch war der größte Hit, den Charles Chaplin bis dahin hatte. 5 Millionen Dollar hat er eingespielt, war für einen Fünf Oscars nominiert. Bester Film, bestes Original Drehbuch, bester Hauptdarsteller, dreimal Chaplet.
Johannes Franke: Und er hat keinen davon bekommen.
Florian Bayer: Beste Musik, Wilson und bester Nebendarsteller, Jack O'Keefe, unser Mussolini, komplett leer ausgegangen.
Johannes Franke: Und es hat ihn getroffen. Ja. Das muss man sagen. Er war echt ein bisschen geknickt. Also nicht nur ein bisschen.
Florian Bayer: Er hätte alle fünf verdient gehabt.
Johannes Franke: Ja, definitiv. Rebecca war da in dem Jahr, glaube ich, ganz groß und hat abgesagt. Von Hitchcock.
Florian Bayer: Hitchcocks großes US-Debüt, ne? Das musste honoriert werden.
Johannes Franke: Ganz guter Film so, aber niemals reicht der an der große Diktatorin. In keiner Kategorie.
Florian Bayer: Ja, ich stimme dir zu. Ja, ich stimme dir zu. Ich mag Rebecca, aber ich stimme dir zu.
Johannes Franke: Also ich mag Rebecca auch. Ich habe ihn ja gerade erst wieder gesehen und fand ihn ganz gut so, aber nicht so gut.
Florian Bayer: Habt ihr den dann euerm Filmband am Montag geguckt?
Johannes Franke: Nee, wir haben ihn so geguckt.
Florian Bayer: Ah, okay. Chaplin hat diesen Film auch an Hitler geschickt.
Johannes Franke: Ja. Es gibt wahnsinnig viele unterschiedliche Aussagen darüber, ob jetzt Hitler diesen Film gesehen hat, wie oft er ihn gesehen hat, ob er gelacht hat oder nicht. Ich bin geneigt dazu, dem zu glauben, dass er ihn tatsächlich zweimal gesehen hat und ich kann mir sogar vorstellen, dass er auch gelacht hat und zwar über diese Ballon-Weltkugelszene. Aber dieses Lachen will ich niemals hören müssen. Also so ein manisches Lachen, so ein seltsames, was uns zu der Frage bringt.
Florian Bayer: Was für einen Filmgeschmack hatte eigentlich Adolf Hitler? Plur hat recherchiert Jingle Klugscheißen mit Plur Adolf Hitler mochte Filme.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Er mochte Filme nicht so sehr wie Josef Goebbels, aber er mochte Filme. Und das erfahren wir aus diversen Primärquellen, unter anderem Goebbels Tagebücher. Und zwar hat... Hitler regelmäßig Privatvorführungen gemacht, sowohl in der Staatskanzlei als auch im Berghof, wenn er da war und hat dazu Freunde eingeladen und hat mit diesen Leuten über die Filme diskutiert und hat auch gerne seine Meinung zu diesen Filmen gesagt.
Johannes Franke: Waren da Schmuddelfilme bei?
Florian Bayer: Nee, da waren keine Schmuddelfilme dabei.
Johannes Franke: Nicht, dass wir wüssten.
Florian Bayer: Ich halte es für unwahrscheinlich. Es gibt sehr viele Behauptungen über Hitlers Filmgeschmack. Zum Beispiel, dass er ein großer Fan von Vom Winde Verweht war, dass Snow White sein Lieblingsfilm war. Dazu kommen wir gleich. Es ist alles schwer zu belegen. Wenn wir uns nur auf die Primärquellen stürzen oder stützen wie auch immer, dann wissen wir, dass sein Filmgeschmack tatsächlich nicht so vielfältig war. Er mochte vor allem, er mochte auch einige amerikanische Filme. Ja. Aber er mochte auch vor allem viele deutsche Filme und er hatte offensichtlich grundsätzlich so eine Freude an eher leichten Sachen, die in die Richtung Comedy und Revue-Filme gingen. Er war ein großer Fan von Heinz Rühmann.
Johannes Franke: Ja, das wissen wir nun zur Genüge. Wir haben eine Episode dazu gemacht.
Florian Bayer: Ja. Wir haben über die Feuerzangenbowle geredet. Ja, ganz toll. Er war ein großer Fan von Emil Jannings, über den haben wir auch geredet, der Blaue Engel. Er mochte den vor allem in Der zerbrochene Krug. Er war ein Fan von Greta Garbo und er hat relativ viel Slapstick-Comedy geguckt. Er hat wohl einige Stan Laurel und Oliver Hardy Filme geguckt. Wir finden nichts zu Chaplins Filmen. Aber wir wissen, dass er Stan Laurel und Oliver Hardy Filme geguckt hat und dass er die auch spaßig fand. aber jetzt nicht überragend gut und Goebbels hat sein Urteil geteilt, es gibt so ein paar Erwähnungen von Laurel und Hardy Filmen, wo sie offensichtlich Spaß hatten, aber sagen ja, es ist eine leichte Komödie. Es gibt wohl ein Zitat, ich habe es nicht gefunden, ich habe nicht die Direktquelle gefunden, deswegen Vorsicht, er hat wohl vom Winde verweht da hat er Witze gemacht, weil Eva Braun den vorgeschlagen hat und Eva Braun fand den wohl doof, darauf geht die Legende zurück, dass Hitler ihn gut fand, weil er hat hat so gesagt, Eva, du hast ihn doch vorgeschlagen. Ungefähr. Ich habe die Primärquelle dazu nicht gefunden. Es wird aber öfter in Sekundärquellen zitiert. Wozu ich die Primärquelle gefunden habe? Dass er Disney mochte. Und zwar hat er Disney Filme geschenkt gekriegt von Goebbels. Der hat ihm Disney Cartoons geschickt. Eine ganze Reihe. Und Hitler hat sich wohl sehr drüber gefreut. Zumindest laut Goebbels. Zu Schneewittchen findet man nichts. Nichts in den Primärquellen. Aber.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Im Jahre 2008 hat ein norwegischer Museumsdirektor gesagt, ich habe hier eine Zeichnung von Hitler gekauft und dahinter sind Blätter. Niemand wusste, dass sie in dem Rahmen dahinter sind. Und da sind Figuren von Disney, nämlich aus dem Film Schneewittchen, gemalt mit der Signatur A.H. Hat Hitler Disney... Fan-Art gemacht? Wahrscheinlich nicht.
Johannes Franke: Das könnte aber jemand anders gewesen sein.
Florian Bayer: Wir wissen nämlich, weil Hitler war ja tatsächlich ein verkappter Künstler. Deswegen wissen wir, dass er seine Bilder, die er gemalt hat mit A. Hitler oder Adolf Hitler signiert hat in der Regel. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand anderes dieses A. H. da drauf gemacht hat, um das irgendwie zu katalogisieren oder so, ist sehr hoch. Aber es gibt diese Bilder, die könnten von Hitler sein und er könnte Disney Cartoons gemalt haben. Du hast es schon erwähnt. Chaplin hat Hitler den Film geschickt und wir wissen, dass Hitler zweimal diesen Film angefordert hat. Was aber nicht viel heißt. Wenn er einen Film angefordert hat, wissen wir nicht, ob er ihn gesehen hat. Aber dass er ihn zweimal angefordert hat, legt zumindest die Möglichkeit nahe, dass sie ihn gesehen hat. Alles andere, was darüber hinausgeht, sprich er hat sich totgelacht, er fand das voll witzig und so weiter, ist Urban Legend. Was wir wissen ist, dass dieser Film in Deutschland... wie in sehr vielen anderen Ländern, natürlich verboten war.
Johannes Franke: Natürlich. Also es kann natürlich sein, dass er den das erste Mal angefordert hat und dann nicht dazu gekommen ist, ihn zu gucken und deswegen nochmal ein zweites Mal angefordert hat, damit er dann vielleicht die Gelegenheit hat. Aber es kann auch sein, dass er ihn zweimal gesehen hat. Es kann sein, dass er ihn zweimal gesehen hat. Weil er gesagt hat, ach der ist so gut, den gucke ich mir gleich nochmal an. Oder, oh da hat der Chaplin ja Vorschläge für mich, vielleicht kopiere ich da noch ein paar Sachen raus, die ich gebrauchen kann für meine Reden.
Florian Bayer: Anhand von Hitlers Filmgeschmack würde ich davon ausgehen, dass ihm sehr viel aus diesem Film gefallen haben könnte. Und zwar natürlich, also ich meine, wenn du dir einen Film siehst, in dem du ganz offensichtlich parodiert wirst, findest du das, wie du parodiert wirst, wahrscheinlich eher nicht lustig. Also zumindest, wenn du so bist wie Hitler. Aber ich gehe davon aus, dass diese Barbier-Szene, die hätte Hitler lustig gefunden.
Johannes Franke: Denke ich auch, absolut.
Florian Bayer: Genau. Und dann nochmal den Bogen geschlagen, der Film war verboten. Unter anderem in Deutschland, in Lateinamerika, in verschiedenen Ländern.
Johannes Franke: Oder SSR auch. teilweise. Also am Anfang, weil die noch den Nicht-Angriffspakt und so weiter hatten.
Florian Bayer: Weil in Lateinamerika viele Nazi-Sympathisanten waren. In Spanien wo war er bis 1976 verboten, weil Franco ist erst 1975 gestorben. In Deutschland nach dem Krieg hat es sehr lange gedauert. Es gab wohl eine Testvorführung 1946, wo der Film zweimal in West-Berlin gezeigt wurde und es gab wohl auch ein bisschen Gelache drüber, aber grundsätzlich hatten die Alliierten so das Gefühl, vielleicht ist das noch nicht so das Richtige, vielleicht too soon. Mit dem Ergebnis, dass der Film 1958 in Deutschland Premiere hatte.
Johannes Franke: 58, meine Güte. Es gab ja aber auch, was ich ganz lustig finde, einen Filmvorführer, der während des Krieges Soldaten an der Front den Film eingelegt hat, obwohl ein anderer Film angekündigt war.
Florian Bayer: In Serbien, ne?
Johannes Franke: Ja, und dann einfach um zu trollen quasi. Und die Leute haben die ersten 40 Minuten gesehen und... ohne wirklich zu checken, was da passiert. Und dann wurde es offensichtlich. Dann ist einer aufgestanden und hat auf die Leinwand geschossen und dann sind sie geschlossen rausgegangen.
Florian Bayer: Es ist, glaube ich, gar nicht so witzig für die, die in dem Kino waren, für die jugoslawischen Leute, die da waren, weil die hatten wahrscheinlich Todesangst in diesem Moment. In Deutschland lief er 1958 zum ersten Mal, unter anderem auch, weil United Artists gesagt hat, okay, wir haben hier einen jüdischen Protagonisten, wir haben hier eine Ex-Tagesschau, Extrem negative Sicht auf die Nazis. Vielleicht kommt das bei den Deutschen noch nicht so gut an. Vielleicht ist es immer noch Tuzun. Und dann wiederum ist er 1973 in Deutschland wieder ins Kino gekommen und war ein riesiger Hit. Der ist richtig gut angekommen und wurde gefeiert.
Johannes Franke: Ja, absolut zu Recht. Naja, Tuzun ist wahrscheinlich genau das richtige Wort. Man hat da erstmal Schwierigkeiten. Man braucht da erstmal Abstand. Verstehe ich auch total für deutsches Volk. dann sofort darüber lachen zu können, ist vielleicht auch ein bisschen zu viel verlangt. Aber sie haben ja echt auch überlegt, ob sie eine Synchronfassung machen, die das Ganze politisch abschwächt. Wo Hinkel im Grunde nur ein sehr unpolitischer Krimineller ist. Also es gab die Pläne, aber es hat nie funktioniert. Das haben sie nicht wirklich gezogen. Aber es gab Überlegungen dazu. Ja,
Florian Bayer: krass.
Johannes Franke: Wie übel.
Florian Bayer: Weißt du, ist es in der Deutschen so, dass das Thomanische aus dem Original genommen wird? Ja.
Johannes Franke: Es gibt in der Synchronfassung so ein Gefühl von, hier ist ein Bruch, weil plötzlich die Originalstimme von Chaplin auftaucht, der dieses Thomanisch spricht. Also man hat dann immer so einen kleinen Stolperer im Anhören. Aber ich muss ansonsten sagen, dass die Synchronfassung, die deutsche, wirklich sehr, sehr gut ist. Ja. Zumindest habe ich sie so sehr gut in Erinnerung. Ich habe es jetzt natürlich auf Englisch geguckt, aber ich habe sie einfach 20.000 Mal auf Deutsch gesehen. Ja,
Florian Bayer: ich habe auch öfter auf Deutsch als auf Englisch geguckt.
Johannes Franke: Und ich muss sagen, die Schlussszene, auch hier im Deutschen... Haut voll rein. Also der Synchronsprecher hat das wahnsinnig gut gemacht.
Florian Bayer: Moment. Hans Hessling. 1958 wurde, wie gesagt, für das Kino die Synchronfassung erstellt und Hans Hessling hat den Diktator gesprochen.
Johannes Franke: Sehr gut gemacht. Wusstest du, dass die Schilder auf Esperanto sind? Ja, wusste ich nicht. Habe ich jetzt in der Recherche gelesen. Finde ich klasse. Super. Weil auch Hitler ja, wenn man das ein bisschen weiß, Hitler war nicht begeistert von Esperanto. Er hat das als jüdische Verschwörungssprache bezeichnet und fand das richtig kacke. Und dann hat Chaplin gedacht, na gut, dann machen wir jetzt einfach Esperanto-Schilder in den Film. Finde ich super. Ich finde es ganz interessant,
Florian Bayer: dass Hitler alles Mögliche verfremdet hat. Deutschland wird zu Thomanien, Italien wird zu Bazillien und so weiter. Alle Namen der Protagonisten sind verfremdet, aber er lässt die Juden drin. Das ist das Einzige, der einzige direkte Link zur politischen Weltlage ist, dass die Juden als das Feindbild drinbleiben.
Johannes Franke: Ja, ich glaube auch, um sie menschlich zu lassen, um sie drin zu lassen, als wirklich, das sind die Leute, das sind die Opfer.
Florian Bayer: Ich finde es eine wirklich großartige und wichtige Entscheidung,
Johannes Franke: zu sagen,
Florian Bayer: hier machen wir keinen Quatsch, hier sagen wir einmal nichts. wen es am härtesten trifft und das ist so eindeutig.
Johannes Franke: Ja. Er hat übrigens, wenn ich das richtig verstanden habe und ich habe nicht genug dazu gefunden, aber irgendwo ist es mir über den Weg gelaufen und ich habe dann versucht mehr zu kriegen, schwergefallen. Die Szenen, wo der Tramp seine Nummern hat in einer anderen Framerate gedreht, als die anderen Szenen, weil die damals in den Slapstick Filmen, den Kurzfilmen auch eine andere Framerate hatten. Weil die Framerate ja davon abhing, wie schnell der Typ kurbelt, der mit der Kamera unterwegs ist. Das war ja eine andere Technik. Und viel mehr, das gibt dem Affenzucker, dem Slapstick irgendwie überhaupt diese leichte, abgehackte, lustige Note. Ja. Und deswegen hat er gedacht, okay, ich gucke mal, ob ich das ein kleines bisschen in Anleihe wiederherstellen kann, indem ich da eine andere Framerate benutze. Die Technik war inzwischen viel weiter. Man hat dann nicht mehr so in der Form gekurbelt wie früher. Aber... das dann einfach ein bisschen anders gedreht, da wird die Bildsprache so ein bisschen die Referenz halt auf damals. Fand ich sehr süß. Wollen wir in unsere Top 3 springen? Unsere Die besten Monologe der Filmgeschichte. Ja und natürlich haben wir hier den besten Monolog der Filmgeschichte in diesem Film.
Florian Bayer: Ich gucke mir gerade meine Top 3 an und sage ja. Der passt, der ist wahrscheinlich auf Platz 1 und schubst sie alle so zur Seite.
Johannes Franke: Ich möchte eine Oliver Mansion haben, die wir vorhin schon quasi hatten, nämlich Monsieur Verdoux, der ja auch so eine Rede am Ende hat und im Grunde am Ende sagt, weil er, naja, er ist Massenmörder in dieser Geschichte. Und das ist schwierig. Auch hier in diesem Film ist er Massenmörder, aber auf eine andere Art und Weise. Jedenfalls ist er da ein Heiratsschwindler und bringt seine Frauen um. Und er sagt am Ende, ein Mord macht einen zum Schurken. Millionen Morde machen einen zum Helden. Und spielt darauf an, dass im Krieg das Geschäft des Krieges irgendwie heroischer angesehen wird, als der kleine Brötchen backt und nur kleine Leute umbringt. Und ich finde die Rede im Gegensatz zu dir gar nicht so schlecht.
Florian Bayer: Naja, ich bin kein großer Fan von dieser Rede. Ich habe so das Gefühl, wie gesagt, Chaplin hat versucht den gleichen Trick nochmal zu machen. In Der große Diktator ist es kein Trick. Da kommt es aus tiefstem Herzen. Und hier kommt es auch, in Monsieur Verdu kommt es auch aus tiefstem Herzen. Chaplins eigene politische Überzeugung.
Johannes Franke: Und es ist auch in der Geschichte verankert. Noch mehr als hier. Ja,
Florian Bayer: aber ich finde es ein bisschen lame. Monsieur Verdu ist ein guter Film, aber der Schlussmonolog ist wirklich ein bisschen lame. Mein Platz 3. Wir haben letzte Woche drüber gesprochen. Ruggles of Red Gap. Ein Butler in Amerika. Unser britischer Butler, der nach Amerika kommt, sitzt im Salon und zitiert die gesamte Gettysburg-Rede. Hört euch die Episode dazu an, guckt euch diesen Film an. Das ist wirklich ein toller Film. Also so eine der großen Filmerdeckungen von mir aus dem letzten Jahr. Den hat Matthias mitgebracht von Filmzene, der in seiner Oscar-Retrospektive drüber geredet hat. Predates this movie um ein paar Jahre. Großartiger Film und wir haben diesen Butler, einen britischen Butler, der in Amerika lernt, was Freiheit bedeutet und dann die Lincoln... Gattisberg-Rede komplett zitiert und es ist wirklich eine tolle Szene.
Johannes Franke: Die kommt so ein bisschen aus dem Nichts, aber da könnt ihr euch meine Kritik in dieser Folge anhören. Ich muss das jetzt nicht nochmal rauspacken. Also, tolle Szene, aber für mich so ein bisschen so, hä, wo kommt das jetzt her? Na gut, mein Platz 3, ich kann mich nicht entscheiden, aber ich glaube, ich nehme Inglourious Bastards. Hans Landa kommt da bei diesem Typen an und das ist keine Rede für uns als Publikum oder sowas, was ja bei Chaplin jetzt hier so ist und was die Gattisberger Dress... Vielleicht auch so ein bisschen sein könnte, fast schon fürs Publikum. Aber hier ist es tatsächlich einfach Hans Lander, also Christoph Walz, der dem französischen Typen, dem Milchbauern da, sehr ruhig und wahnsinnig bedrohlich erklärt, warum er jetzt ausgerechnet hier ist und wie er seine Juden jagt. Und das ist so krass. Ja. So beklemmend. Und so... Er hat... Christoph Waltz hat so eine seltsame Haltung, so eine Freundlichkeit da drin, die so unerträglich ist. Und dann eben darin kulminiert, dass er die Juden da unter dem Boden versteckt sind erschießt.
Florian Bayer: Wahnsinn Unglaublich gut inszenierte Szene, die wirklich reinhaut, weil sie einfach diese Anspannung die ganze Zeit hat. Voll, ja.
Johannes Franke: Und beide spielen das sehr gut, weil es geht ja immer darum, dass die Haltung, also der andere spielt den König. In diesem Fall ist Hans Lander der König der Szene und der andere guckt ihn die ganze Zeit auf so eine gute Art und Weise an, dass ich verstehe, dass diese Spannung so da ist. Also auch seine Antworten sind so zögerlich und so voller Angst, dass ich einfach verstehe, dass Hans Lander in dem Moment die größte Bedrohung der Welt ist.
Florian Bayer: Ja, krass.
Johannes Franke: Also machen beides sehr, sehr gut.
Florian Bayer: Tolle Szene, toller Film. Mein Platz 2, ein relativ kurzer Monolog. Rutger Hauer in Blade Runner. Seine letzte Rede hält kurz bevor er stirbt im Regen. Er ist ein Replikant, also eine Art Android. Und er wird die ganze Zeit von unseren Protagonisten gejagt. Er ist eigentlich der Bösewicht, aber er hält am Schluss so eine einfache philosophische Rede, wo es darum einfach geht, wie wir Menschen Wirklichkeit wahrnehmen wahrnehmen und was wir erleben und was für uns wichtig ist. Eine sehr einfache Rede, aber mit sehr viel Gewicht und unglaublich gut von Rutger Hauer vorgetragen.
Johannes Franke: Ich habe Blade Runner noch nie gesehen.
Florian Bayer: Ui.
Johannes Franke: Vor allem, weil ich darauf warte, dass du ihn mir gibst.
Florian Bayer: Ich bin gar nicht der größte Blade Runner Fan. Echt? Verdammt scheiße Es ist ein wirklich guter Film, aber ich würde ihn jetzt nicht in meine Top Ten Science Fiction Filme packen. Okay, aber dieser Schlussmonolog ist trotzdem fantastisch. Das heißt,
Johannes Franke: ich kann ihn einfach mal sehen zwischendurch?
Florian Bayer: Du kannst ihn ohne Probleme einfach mal zwischendurch sehen. Vielleicht gebe ich ihn dir aber auch irgendwann mal. Jetzt weiß ich ja, dass du ihn sehen wirst.
Johannes Franke: Was jetzt? Ich warte seit drei Jahren drauf. Oh mein Gott. Okay, ich habe auf Platz zwei Casablanca. Ganz am Schluss erzählt Humphrey Bogart Else, warum sie in dieses Flugzeug steigen muss. Und da zähle ich sogar noch diese kleinen dialogischen Schipsel dazwischen und wie er dann am Ende noch sagt hier, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Das ist so ikonisch, wie er sagt, du wirst es bereuen, wenn du nicht auf dieses Flugzeug steigst. Ja. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann. Du musst das machen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist so eine ikonische Szene, wie er den Monolog hält, um sie zu überzeugen und auch wie er damit sein eigenes Opfer darbietet. Ja. Ach ja, Humphrey.
Florian Bayer: Trauriger, armer Humphrey.
Johannes Franke: Wir haben lange über Casablanca geredet und über die homosexuellen Untertöne, die ich wahnsinnig gerne ausgespielt gesehen hätte.
Florian Bayer: Die Polyamoren,
Johannes Franke: die wir am Schluss festgestellt haben. Richtig, genau. Großartig. Ach, die drei hätten so glücklich miteinander werden können.
Florian Bayer: Ich bin voll auf deine Seite gesprungen. Ich fand das komplett ein Bullshit, als du damit angefangen hast. Und am Schluss war ich so, ja Johannes, ich bin dabei.
Johannes Franke: Ich glaube, es ist einer unserer schönsten Gespräche. Casablanca ist wirklich eine meiner Lieblingsepisoden, die wir jeweils aufgenommen haben, weil wir so viel Spaß damit hatten.
Florian Bayer: Ja. Mein Platz 1. Was sehr junges, was sehr frisches. Habe ich auch. Ich glaube auch. Ich glaube, wir haben den gleichen. Ist es America Ferrara?
Johannes Franke: Nein, es ist Barbie. Barbie. Natürlich.
Florian Bayer: Ja. It's impossible to be a woman.
Johannes Franke: Ja, es ist so großartig.
Florian Bayer: Was für ein schöner Monolog.
Johannes Franke: Fantastisch. Fantastisch Es ist natürlich so ein bisschen auf die Nase, ne? So richtig Office 12 einfach hier guck mal ich erzähl euch jetzt mal was scheiße ist und was scheiße läuft. Das reißt uns auch so fast ein bisschen raus, wie diese Rede auch, so ein bisschen aus dem Film raus und steht aber nicht am Ende, sondern wirklich mittendrin. Plötzlich fängt ihr an, diese feministische Rede zu halten. Aber sie ist so großartig.
Florian Bayer: Was für eine geile, großartige Rede und Barbie ist sowieso ein toller Film, der sich... Die ganze Zeit so selbst ein bisschen unterläuft er natürlich. Ein riesiger Werbeclip für Martellus und gleichzeitig trotzdem sich auch immer so ein Stück selbst dekonstruiert und auch wirklich hart mit Martell ins Gericht geht.
Johannes Franke: Aber immer schon noch auf Linie, muss man sagen.
Florian Bayer: Ja, diese echt geile pathetische und gleichzeitig kämpferische Rede.
Johannes Franke: Ja. Großartig. Ganz, ganz, ganz toll. Wenn ihr Barbie nicht gesehen habt, holt's nach. Und wenn ihr keine Lust drauf habt, dann guckt euch wenigstens diese Rede an. Man kann sicherlich auf YouTube einen Ausschnitt einfach nur sehen.
Florian Bayer: absolut sehenswerter Film. Und ich fand unser Gespräch drüber auch ganz gut.
Johannes Franke: Ja, ja, hat sehr viel Spaß gemacht. Und wir waren auch nicht immer gleicher Meinung. Also wir hatten auch so ein paar unterschiedliche Ansätze.
Florian Bayer: Ja, also ich glaube, wir haben merkwürdigerweise dazwischen gestritten, aber wir waren uns am Schluss einig, dass dieser Film mit Obnümer den Boden auffischt.
Johannes Franke: Und jetzt zögerst du schon wieder. Ich habe dich da voll reingedrängt. Ich glaube, ich habe ein bisschen Gaslighting betrieben in dieser Episode. Bis zu dem Punkt, wo du gesagt hast, Christopher Nolan ist scheiße. Gib mir mehr Barbie. Ich glaube, das ist nicht gekommen. Aber ich weiß es auch nicht. Es ist lange her, dass wir darüber gesprochen haben. Hört ihr nochmal nach und dann sagt uns Bescheid, was wir eigentlich gesagt haben.
Florian Bayer: Okay. Und damit zurück zu Charles Chaplin, wie du ihn gerne genannt haben willst. Und er ist auf jeden Fall Charles Chaplin in dieser... In diesem abschließenden Monolog,
Johannes Franke: in dieser großen Rede. Das war unsere Top 3. Wir könnten eigentlich gleich zum Fazit kommen oder hast du ein großes Thema, was du aufmachen möchtest? Lass uns zum Fazit kommen. Das Urteil. Jede Szene in diesem Film hat mehr Ideen als 80% der Filme, die ich kenne. Ich find's so geil. Alleine wenn Chaplin die Straße im Ghetto wieder runtergeht, nachdem da diese quäkende Stimme von Hinkel kommt, er verliert seinen Hut und er versucht wieder zu diesem Hut zu kommen. Das ist eine ganz einfache Szene. Jeder andere Filmemacher würde das innerhalb von 2 Sekunden abhandeln. Der holt seinen Hut wieder und geht. Die Stimme von Hinkel spielt mit ihm. Es ist so geil. wie er Angst hat vor dieser Stimme und dann versucht seinen Hut zu kriegen. Und dann kommt da so ein riesiges... kommt da so eine laute Stelle bei Hinkel und er schreckt zurück und er spielt mit dieser Stimme so großartig. Und jeder Szene ist eine dieser guten Ideen. Es ist unglaublich.
Florian Bayer: Ich meine, dass wir beide diesen Film für ein Meisterwerk halten, ist klar.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ist es der beste Chaplin-Film?
Johannes Franke: Ja, vielleicht. Ich weiß es nicht genau. Ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Ich schwanke so ein bisschen zwischen The Kid und ihm. Weil The Kid ist einfach... Auch eine emotionale Wucht. Aber ja, es ist ein absolutes Meisterwerk. Absolut verdient dieser Legendenstatus, den er hat. Nicht nur wegen seiner politischen Botschaft, sondern auch wegen seiner Comedy, auch wegen seiner Sentimentalität.
Johannes Franke: Ja, vor allem wegen seiner Haltung, seiner menschlichen Haltung, humanistischen Haltung, die er auch vermitteln will und wo er auch sagt, okay, ich habe hier einen moralischen Imperativ. Ich muss hier was sagen. Also seine Haltung einfach, zu sagen, egal ob ich fünf Millionen verliere, ich mache das jetzt.
Florian Bayer: Und er hat was zu sagen und er sagt es auch. Ja krass, danke, dass du ihn mir gegeben hast, Johannes. Also es war wirklich wieder eine Freude, den zu sehen. Es ist jedes Mal eine Freude, diesen Film zu sehen.
Johannes Franke: Ich habe lange gewartet. Ich hätte ihn dir auch gleich am Anfang unseres Podcasts geben können, weil das einfach so ein Monolith in meinem Leben auch ist. Weil ich ihn wirklich einfach als 13-Jähriger oder noch früher zum ersten Mal gesehen habe. Und seitdem mich dieser Film begleitet und wirklich geprägt hat. Was für ein Einstieg ins Jahr 2026. Es kann eigentlich nur noch bergab gehen. Nein,
Florian Bayer: Schaffen wir es dieses Jahr noch einen besseren Film zu finden?
Johannes Franke: Du wirst gleich als nächstes bestimmt was richtig Gutes finden, was dem ebenbürtig ist.
Florian Bayer: Ich weiß, ich habe schon im Kopf,
Johannes Franke: was ich dir geben will und ich glaube nicht, dass es deinem ebenbürtig ist. Tja, Floor, kümmer dich. Oh, helft mir Leute. Okay, in dem Sinne euch wie immer danke fürs Zuhören. Ja. Danke, dass ihr dabei seid und dass wir uns auch 2026 begleiten werdet. Und jedem in der Welt Bescheid sagt, dass ihr den besten Podcast der Welt kennt. Und dann erzählt auch von uns bitte. In dem Sinne bis nächste Woche. Ciao. Bis dann. Ciao. So, was gibt's denn, Florian? Der Stakes sind high. Ja,
Florian Bayer: ich hab ja schon vorgewarnt. Ich werde nicht den großen Diktator übertrumpfen. Natürlich. Ich werd's auch gar nicht erst versuchen.
Johannes Franke: Es geht ja nicht.
Florian Bayer: Deswegen geb ich dir einen Film aus den
Johannes Franke: 90ern. Okay.
Florian Bayer: Einen Film von einem, beziehungsweise damals auch eher zwei B-Movie-Regisseuren. Was für...
Johannes Franke: Wir haben gerade ein Meisterwerk von Chaplin und du kommst mit B-Movies an.
Florian Bayer: Und ein Film, in dem ordentlich gesplattert wird. Ich geb dir nämlich From Dusk Till Dawn.
Johannes Franke: Ach
Florian Bayer: Tarantino trifft Robert Rodriguez und beide haben mächtig Spaß. Und ich weiß nicht, ob wir heute noch so viel Spaß an diesem Film haben.
Johannes Franke: Keine Ahnung. Ich hab ihn irgendwann mal gesehen, aber ich weiß gar nichts mehr darüber, muss ich sagen.
Florian Bayer: Ich fand den als Jugendlicher extrem geil.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ich fand aber auch als Jugendlicher Pulp Fiction extrem geil und ich weiß, letztes Jahr ungefähr um die gleiche Zeit...
Johannes Franke: Ja? Ja.
Florian Bayer: sind wir beide mit Pulp Fiction hart ins Gericht gegangen, weil wir festgestellt haben, es ist nicht so gut gealtert. Und ich bin mal gespannt, wie unser Urteil zu diesem Film ausfällt, der unmittelbar nach Pulp Fiction entstanden ist und den man deswegen damals sehen musste, weil das war halt Tarantino und Tarantino war Gott usw. Ich bin sehr gespannt drauf. Also es ist lange her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe.
Johannes Franke: Okay, na gut, dann gucken wir uns also From Dusk Till Dawn an. Schaut ihn auch noch mal an, denn wir werden The Hell Out Of The Film spoilern. Das war ein geiles Denglich.
Florian Bayer: From Dusk Till Dawn aus dem Jahr 1996. Robert Rodriguez, nicht Quentin Tarantino. Robert Rodriguez.
Johannes Franke: Okay. Sehr schön.
Florian Bayer: Bis dann, ciao. Bis dann, ciao.

He Jungs,
tolle Folge mit vielen Infos, hat Spass gemacht euch zuzuhören!
Wenn ihr Lust habt, macht mal was über Jacques Tati, Play Time.
Viele Grüße
Bernd
Hallo Bernd,
tatsächlich haben wir schon über Playtime gesprochen! 😁
https://podcast.mussmansehen.de/2021/05/05/episode-18-tatis-herrliche-zeiten-playtime-die-rechnung-ging-nicht-auf-the-killing/
Damals haben wir noch 2 Filme pro Folge besprochen.
Beste Grüße, Johannes