Episode 20: Melancholia, Happy New Year / Bollywood

Wie macht man einen Podcast, in dem sich zwei Leute über Filme streiten, noch besser? Ganz einfach, indem man daraus (wenn auch nur temporär) einen Podcast macht, in dem sich drei Leute über Filme streiten. Für unsere zwanzigste Jubiläumsfolge haben wir uns einen Gast eingeladen; Maja, mit der wir in der Vergangenheit so manchen Filmabend durchgerockt haben. Und wenn ihr glaubt, dass die Filmgeschmäcker von Johannes und Florian schon weit auseinander liegen, dann könnt ihr euch diese Woche auf einen wirklich epischen Schlagabtausch einstellen. Maja liebt eskapistische Filme, Filme die Spaß machen, Ablenkung und Freude bieten. Und was bietet schon mehr Eskapismus als ein gewaltiges, monumentales Bollywood-Musical? Richtig, für uns hat unser Gast einen Film mit Sharukh Khan im Gepäck, Happy New Year, die Bollywood-Version von Ocean’s 11 aus dem Jahr 2014. Und wie kann man die Sehgewohnheiten einer Freundin der cineastischen Leichtigkeit und des Eskapismus so richtig gut herausfordern? Richtig, mit einem schweren, symbolträchtigen und depressiven Werk: Melancholia von Lars von Trier aus dem Jahr 2011.

Es läuft auf eine große Schlacht hinaus: Gut gegen Böse, sprödes europäisch geprägtes Arthaus-Kino gegen vergnügter, publikumswirksamer indischer Blockbuster. Existenzialistischer Pathos gegen eskapistischen Kitsch. Sharukh Khans Bauchmuskeln gegen Lars von Triers Gehirnspeck.

Entsprechend episch sind auch unsere Toplisten: Wir schauen auf die Filme, mit denen wir unseren Gast wohl am meisten ärgern könnten. Wir sprechen über unsere liebsten Guilty Pleasures und Maja bringt als Gastgeschenk noch einen ganzen Blumenstrauß an Sharukh Khan Filmen und Bollywood-Musicals mit.

Melancholia [Lars von Trier]

(USA 2011)

Melancholia aus dem Jahr 2011 ist der zweite Film von Lars von Triers Depressionstrilogie, die er mit Antichrist 2009 begann und mit Nymphomaniac 2013 beendete. Mehr als sein Vorgängerfilm und mehr als sein Nachfolgerfilm widmet sich Melancholia voll und ganz der Traurigkeit des Menschen an und für sich. Im Mittelpunkt stehen die beiden Schwestern Justine und Claire, gespielt von Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg.

Justine, eine erfolgreiche Werbetexterin, heiratet in der ersten Filmhälfte bei einer prunkvollen Zeremonie den besten Freund ihres Chefs. Aber sie kann bei dieser ausgelassenen Feier nicht die Freude entwickeln, die alle von ihr erwarten. Sei es der soziale Druck, die Ignoranz der Außenwelt, die Verlogenheit ihrer Kollegen und Freunde… am Ende des Abends kommt es jedenfalls zum Eklat und Justine gibt alles auf, was sich ihr an diesem Abend dargeboten hat. In der Folge wohnt sie lebensmüde und verbittert auf dem üppigen Anwesen von Claire und ihrer Familie. Der vagabundierende Planet Melancholia nähert sich der Erde, Claire befürchtet, dass er alles, was sie liebt zerstören könnte, ihr Mann beruhigt sie: “Die Wissenschaftler haben berechnet, dass er vorbeifliegen wird”. Und Justine? Diese sehnt nicht nur den Weltuntergang herbei, sie weiß auch, dass er geschehen wird.

Melancholia ist ein pathetisches, schweres Mentalgemälde: Die Geschichte einer individuellen Traurigkeit, die alles in den Abgrund reißen kann, darf und muss. Lars von Trier kreuzt hier seinen holprigen Dogma 95 Naturalismus mit einer fast schon opernhaften, düsterromantischen Atmosphäre, haut daneben ein paar Spitzen gegen die Gesellschaft raus und lässt die Erde in elegischen Bildern zu Grunde gehen. Maja, wie war der Weltuntergang für dich?

Happy New Year, präsentiert von unserem Gast Maja [Farah Khan]

(Indien 2014)

Happy New Year im Deutschen mit dem Zusatz Herzensdiebe ist ein Red chillies entertainment Film aus dem Jahr 2014, produziert von Gauri Khan. Regie führte Farah Khan (die nicht mit dem Hauptdarsteller Sharukh Khan verwandt ist, der Name kommt in Indien einfach häufig vor). Der Film setzte mit einem Box Office von 7 Mio USD am Eröffnungstag einen neuen Rekord und ist bis heute einer der erfolgreichsten Bollywoodfilme. Also ist er richtig gut, richtig? Naja, die Kritiken waren eher gemischt und ich bin absolut darauf vorbereitet, dass ihr ihn gleich in der Luft zerfetzt. Mit einer 5,0 von 10 Sternen auf IMDB und 50% (Kritiker- wie Publikumswertung) auf Rotten Tomatoes ist Happy New Year in der Bewertung der Inbegriff von Mittelmäßigkeit. Aber worum geht’s überhaupt? Die Handlung scheint zu großen Teilen von Ocean’s 11 abgeschrieben zu sein, auch wenn der Austragungsort das Atlantis Hotel auf der Palm Jumeirah in Dubai ist und kein Casino in Las Vegas. Mit eingesprenkelt sind Slapstick und natürlich in guter Bollywood Manier ein Haufen Tanz- und Gesangsnummern. Und fertig ist das 3 stündige Heist-Musical. Einer meiner vielen Lieblingsfilme.

Charly, ein Schaukämpfer, ist der in Ungnade gefallene Sohn des Safebauers Manohar, der von einem Kunden vor acht Jahren übers Ohr gehauen wurde und darauf hin im Knast landete. Um sich an diesem Betrüger zu rächen sucht Charly ein Team aus „Spezialisten“ zusammen und plant einen Heist auf sechs unbezahlbare Diamanten. Aber die Sache hat einen Haken: um an die Steine heranzukommen muss das Team an der sogenannten Videocon Tanzweltmeisterschaft teilnehmen – und kein einziger von ihnen kann tanzen.

Auch wenn es für mich schwer vorstellbar ist, das irgendjemand noch nie von ihm gehört haben könnte: Sharukh Khan ist einer der größten Filmstars der Welt. Ihm wurden von einer Amerikanischen Zeitung (Time Magazin or News week) 3 1/2 Milliarden Fans unterstellt – also fast die Hälfte der Menschheit. In seiner fast 30 jährigen Karriere als Bollywoodschauspieler hat er über 80 Hindi Filme gedreht, und mehr Preise und Auszeichnungen angehäuft, als ich aufzählen kann. Vergleichbar vielleicht mit Tom Cruise oder Brat Pitt. Er wird auch als der „King of Bollywood“ bezeichnet, ist neben der Schauspielerei auch Produzent und zusammen mit seiner Frau Gauri Eigentümer der Produktionsfirma Red Chillies Entertainment, sowie Moderator im Fernsehen und auf der Bühne. Aber damit immer noch nicht genug: SRK setzt sich neben seiner Karriere auch als Philantrop ein, unter anderem für Gesundheitsversorgunung und Katastrophenhilfe, Schulbildung, Frauenrechte und Rechte für Kinder. Er wurde 2008 in Newsweek als eine der 50 einflussreichsten Personen der Welt benannt.