Episode 19: I’m not there, Oldboy
Wir werfen einen Blick auf einen der ungewöhnlichsten Biopics der Filmgeschichte, I’m not there, der sich mit dem künstlerischen Wirken von Bob Dylan auseinandersetzt, und wir reden über den koreanischen Revengethriller-Klassiker Oldboy. Zwei große Filme aus den 2000er Jahren, von denen jeder auf seine eigene Art und Weise ungewöhnlich ist. Der eine als obskure Rachegeschichte zwischen Thriller, Action und Drama, der andere als diversifizierte Künstlerbiografie, die die Realität weit hinter sich lässt oder in symbolische Bilder kleidet.
Da die Schauspielleistung vor allem von Cate Blanchett als Verkörperung der Rock N Roll Seiten Dylans so unverschämt gut ist, schauen wir in unserer ersten Topliste darauf, welche Schauspielleistungen uns sonst noch besonders begeistern konnten. In der zweiten Topliste beschäftigen wir uns mit Rache im Film in den verschiedensten Formen.
Und am Ende des Podcasts gibt es noch eine kleine Überraschung. Unser Studio wird nämlich gekapert und wir werden uns nächste Woche wohl oder übel mit einem Filmgenre auseinandersetzen müssen, von dem wir beide so überhaupt keine Ahnung haben…
Oldboy [Park Chan-wook]
(Südkorea 2003)
Das koreanische Actionthrillerdrama Oldboy aus dem Jahr 2003 ist der zweite Teil von Park Chan-wooks Rachetrilogie, und der einzige Film aus dieser Reihe, der auch bei einem westlichen Publikum für großes Aufsehen sorgte. Und sieht man diesen Film zum ersten Mal, sollte einem auch ziemlich schnell klar werden wieso: Park erzählt einen stringenten Revengethriller im coolen tarantinoesken Stil, würzt diesen mit viel Noir, einer Menge Pathos, einigen düsteren Myteryelementen und einem finalen Plottwist, der dem Publikum den Boden unter den Füßen wegreißt. Dennoch ist Oldboy kein gefälliger Film. Er ist brutal, nicht nur in seinen Gewalt- und Actionsequenzen, sondern auch in seiner Logik, die einem radikalen Symbolismus folgt, in seiner Geschichte, die schwere Themen wie Inzest, obszessive Rache und Entkopplung von der zivilisierten Gesellschaft behandelt; und er ist brutal in seinen Bildern, die mal grotesk physisch daherkommen, mal traumwandlerisch, fast schon surreal.
Oldboy ist ein Brocken, ein Monstrum von seinem Film und zugleich die beste Werbung für das postmoderne koreanische Kino… Oder, Johannes?
I’m not there [Todd Haynes]
(USA 2007)
Sechs Schauspieler spielen Bob Dylan. Was für ein genialer Move. Bob Dylan scheint sich einer allgemein gültigen Charakterisierung zu entziehen. Immer wenn man glaubt, jetzt habe man ihn verstanden, entgleitet er einem, wie ein glitschiger Fisch.
Entsprechend entgleitet einem der Film „I’m not there“ aus dem Jahre 2007 immer wieder. Wo sind wir gerade? Hat er das wirklich eben gesagt? Wie tot? Bob Dylan lebt doch! Typische Gedanken beim Anschauen dieses Films, der sich nicht streng an biographische Wahrheiten hält, sondern sich an das Gefühl seiner Musik, seiner Zeit, den Protest, die Religion, den Drogenrausch und das undurchsichtige Ego Bob Dylans heranrobbt.
Aber haben wir Bob Dylan am Ende verstanden? Was meinst du Plor?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 19: I’m not there, Oldboy Publishing Date: 2021-05-12T18:05:49+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/05/12/episode-19-im-not-there-oldboy/
Johannes Franke: It ain't no use in callin' out my name, gal, like you never done before. It ain't no use in callin' out my name, gal, I can't hear you anymore. I'm a thinkin' and a wonderin' walking down the road. I once loved a woman, a child, I'm told. I gave her my heart, but she wanted my soul. So don't think twice, it's alright.
Florian Bayer: Vielen Dank für dieses tolle musikalische Intro, Johannes. Passend zu dieser Episode. Ja, ich hab mir ganz viel Mühe gegeben.
Johannes Franke: Bob Dylan ist einfach schon lang genug in meinem Oeuvre.
Florian Bayer: Aus einem Demoreal geschnitten.
Johannes Franke: Ich verrate, ich hab das extra für diese Episode gemacht.
Florian Bayer: Und hast gedacht, ausnahmsweise, wenn wir schon Dylan machen, verzichte ich mal auf die Ukulele und hau einen mit Gitarre raus.
Johannes Franke: Wer weiß, vielleicht mach ich im Nachhinein doch noch einen mit Ukulele und schneide den dann rein.
Florian Bayer: Damit ich besonders dumm klinge in diesem Intro jetzt. Genau. Sehr gut. Und damit werden wir auch gleich schon beim ersten Film, den wir heute haben.
Johannes Franke: Herzlich willkommen erstmal zum Muss man sehen, zum Muss man sehen Podcast. Hallo, Plur.
Florian Bayer: Schön, dass du wieder da bist. Hallo, Johannes. Schön, dass du da bist. Liebes Stammpublikum. Schön, dass ihr da seid. Ihr braucht mittlerweile wahrscheinlich keine große Einführung. Deswegen werden wir da komplett drauf verzichten. Wir haben zwei Filme für euch. Zwei Filme, über die wir reden werden. Film Nummer eins, Johannes. Film Nummer eins, von dir für mich, Oldboy. Film Nummer zwei, von dir für mich, I'm not there. Einmal ein südkoreanisches Rachedrama aus dem Jahr 2003.
Johannes Franke: Einmal ein Biopic, eine Art Biopic, Artist Pick, ja, aus dem Jahr 2007 über Bob Dylan. Ja, wir werden als erstes allerdings nicht zu Bob Dylan, auch wenn das Intro das nahelegt, wir werden als erstes erstmal über den Oldboy reden, weil das letzte Mal, wir müssen das ja einhalten, mal meiner als erstes, mal deiner als erstes. Besser als Schnick, Schnack, Schnuck spielen.
Florian Bayer: Du erinnerst dich an die Rage-Mails von enttäuschten Fans, die gesagt haben, das könnt ihr uns nicht antun. Ihr könnt nicht am Anfang fünf Minuten über Schnick, Schnack, Schnuck debattieren und euch Taktiken und Strategien anschauen und über Autoren lästern, die darüber geschrieben haben.
Johannes Franke: Ja, vor allem, weil es ja doch ein visuelles Medium ist, was wir hier vor uns haben und das Schnick, Schnack, Schnuck besonders geeignet. Ja.
Florian Bayer: Wir können irgendwann mal ein Schnick, Schnack, Schnuck probieren, wo wir es einfach reinrufen. Oh. Heißt du so, Schnick, Schnack, Schnuck und dann gleichzeitig, Achtung, wir versuchen das mal, ich sag Schnick, Schnack, Schnuck an und dann nach dem Schnuck, orientier dich an meinem Rhythmus, rufen die beide gleichzeitig eine Sache rein. Schnick, Schnack, Schnuck. Brunnen. Schere.
Johannes Franke: Ohne Brunnen. Mann, oh. Okay.
Florian Bayer: Es gab doch auch diese wunderbare Variante von Big Bang Theory, wo sie noch Spock... Spock? Was war das noch?
Johannes Franke: Ich weiß es nicht mehr.
Florian Bayer: Sie machen es auf jeden Fall so, dass es nach wie vor Sinn ergibt, dass alles was hat, was es schlägt und wovon es geschlagen wird. Ich kann mich nur an Spock erinnern.
Johannes Franke: Lass uns bitte noch fünf Minuten über Schnick, Schnack, Schnuck reden, um unseren Autoren der Hass-Mails noch ein bisschen zu ärgern. Mögen die nächsten Hass-Mails kommen. Ich lege los mit Oldboy. Mit Oldboy. Dann führ doch mal in den Film ein und dann lass uns vortrefflich darüber diskutieren.
Florian Bayer: Ich habe festgestellt, meine Einleitung erzählt überhaupt nichts über die Handlung des Films. Hast du das so jetzt festgestellt? Das habe ich jetzt festgestellt, als ich drauf geguckt habe, aber mal schauen. Beim Schreiben ist dir das nicht aufgefallen, ja? Nein, nein, ich habe das so schnell runtergeschrieben. Wir einigen uns dann gemeinsam auf die Handlungszusammenfassung. Okay, ich bin gespannt. Das koreanische Action-Thriller-Drama Oldboy aus dem Jahr 2003 ist der zweite Teil von Park Chan-Wooks Rache-Triologie und der einzige Film aus dieser Reihe, der auch bei einem westlichen Publikum für großes Aufsehen sorgte. Und sieht man diesen Film zum ersten Mal, sollte einem auch ziemlich schnell klar werden, wieso. Park erzählt einen stringenten Revenge-Thriller im coolen Tarantino-esken Stil, würzt diesen mit viel Noir, einer Menge Pathos, einigen düsteren Mystery-Elementen und einem finalen Plot-Twist, der dem Publikum den Boden unter den Füßen wegreißt. Dennoch ist Oldboy kein gefälliger Film. Er ist brutal. Nicht nur in seinen Gewalt- und Action-Sequenzen, sondern auch in seiner Logik, die einem radikalen Symbolismus folgt, in seiner Geschichte, die schwere Themen wie Inzests, obsessive Rache und Entkopplung von der zivilisierten Gesellschaft behandelt und er ist nicht zuletzt brutal in seinen Bildern, die mal grotesk physisch daherkommen, mal traumbandlerisch, fast schon surreal. Oldboy ist ein Brocken. Ein Monstrum von einem Film. Und zugleich die beste Werbung für das postmoderne koreanische Kino. Oder, Johannes?
Johannes Franke: Es ist eine verdammt gute Werbung für das neue postmoderne Kino, wie auch immer du das einsortierst. Ich könnte es nicht so einsortieren. Ich wüsste überhaupt nichts über koreanische Filme zu sagen. Aber dank dir werde ich jetzt... Ich saß wirklich davor und dachte, jetzt kommt bestimmt irgendwie... Und es wird ganz viele grisselige Schwarz-Weiß-Sequenzen geben mit Untertiteln, die ich nicht verstehe und mit irgendwie... Weißt du, das Bild, was ich davon habe, wenn du mir einen koreanischen Film gibst, wenn du überhaupt einen Film gibst, egal was für einen...
Florian Bayer: Oh nein, Asiate, ich helfe!
Johannes Franke: Aber nein, es war unglaublich europäisch in der Rezeption für mich irgendwie. Und das klingt jetzt ganz böse eurozentristisch, aber ich mochte es, glaube ich, genau deswegen. Also es ist ein bisschen... Ich schäme mich ein kleines wenig dafür, aber nicht genug, als dass ich es nicht für dich auch sagen würde. Es ist so. Mein Filmgeschmack ist irgendwie europäisch geprägt oder amerikanisch geprägt. Wir haben alle unsere filmische Sozialisation und da kommen wir nicht so ganz raus. Ja. Und deswegen hat der Film es eben auch geschafft, mich sehr schnell abzuholen und mich einfach an die Hand zu nehmen und zu sagen, komm mit, Piggeldi. Wir erleben jetzt ein Abenteuer. Was hast du eigentlich immer mit Piggeldi und Frederik? Ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Es gibt ein ursprüngliches Intro zu unserem Podcast. Ja, was wir nie benutzt haben. Weil ich gesagt habe, ich finde es schrecklich. Wo Johannes am Ende unseres Intros sagt, na gut, auf geht's, Piggeldi. Und dann nochmal mit einer schönen, sonoren Erzählerstimme.
Johannes Franke: Und Piggeldi ging mit Frederik nach Hause.
Florian Bayer: Und du weißt, es ist noch, ah, genau, eins zu eins, genau so klang es. Also wenn euch unser Intro zu kurz ist, nehmt jetzt einfach dieses Piece, das Johannes gerade eingesprochen hat und schneidet es am Schluss nochmal rein. Dann habt ihr das ursprüngliche Intro.
Johannes Franke: Ja, nein, aber es ist schön, dass Piggeldi mich da so... Frederik, Frederik nimmt dich mit. Ach nein, Frederik nimmt mich mit. Ich bin schon... Ja, diese ganzen Koreaner, die bringen mich durcheinander. Da kann man Piggeldi von Frederik nicht unterscheiden. Oh Gott, das war noch... Das war fast rassistisch gemein.
Florian Bayer: Oh nein, das habe ich gar nicht reingelesen. Okay, danke. Okay, nein, lass uns über diesen Film reden. Ja, Oldboy ist tatsächlich krass westlich geprägt. Und man merkt einfach, dass Chanhook Park hat unzählige Inspirationsquellen aus dem amerikanischen Kino vor allem. Ja. Und natürliches Tarantino zu nennen, gerade was so der Style-Faktor betrifft. Definitiv. Die Coolness des Helden, der zwar oft auch abgefuckt ist, aber eben so ein abgefuckter Anti-Held, der irgendwie cool aussieht, auch mal mit Fluppe im Mund und mit schräger Sonnenbrille auf und trotzdem cool aussehen kann. Die Dialoge sind teilweise, haben zumindest so ein bisschen so eine Tarantino-Schlagseite, auch wenn nicht viele Trivialitäten ausgetauscht werden.
Johannes Franke: Nee, ganz wenig. Aber Tarantino-esk war das erste, was mir eingefallen ist. Also es ist schon wirklich sehr, sehr stark so. Und ich habe auch gelesen, dass Tarantino diesen Film in irgendeiner Jury sitzend sehr gepriesen hat.
Florian Bayer: Ja, klar. Also es ist ein Film, der für Tarantino und auch für Tarantino-Fans gemacht ist. Er hat auch diesen schwarzen Humor. Ja. Er hat dieses Spiel mit der Brutalität. Es gibt nicht viele brutale Szenen, aber wenn er brutal wird, dann gibt es teilweise wirklich Szenen, die an die Schmerzgrenze gehen. Also vor allem eine Zahnziehszene, die einfach mal drastisch ist und einfach mal in Erinnerung bleibt.
Johannes Franke: Und auch am Ende. Lass uns gleich das Schlimmste vorwegnehmen. Das Schlimmste für mich war der Oktopus. Ah, ja. Also ich habe gleich, noch während des Films habe ich gegoogelt. Für den Zuhörer, der den Film nicht kennt. Moment. Die Hauptfigur isst in einem Restaurant einen Oktopus, der sich erstaunlich lebendig wehrt dagegen. Weil er lebendig ist. Weil er lebendig ist. Und er hat das Ganze viermal gedreht. Also vier Oktopie-Pussy-Pussy. Was? Was? Moment. Also Lateinisch will ich sagen. Oktopie? Oktopoten. Gegessen. Ja. Wirklich bei lebendigem Leib verspeist. Und der Typ ist eigentlich Vegetarier und Buddhist. Und das ist schon, oh, nee.
Florian Bayer: Er hat vor jedem Einzelnen, für jeden Einzelnen ein Gebet gesprochen, weil es ihm leid getan hat, die zu essen. Ja. Jetzt muss man dazu sagen, vielleicht das auch, es gibt tatsächlich, Oktopus gilt auch in der sehr frischen Variante als kulinarische Köstlichkeit in Korea. In Südkorea wird tatsächlich gegessen. Allerdings ist es meistens so, also eigentlich ist die Regel, dass die Tiere getötet werden, bevor sie gegessen werden. Eben weil, wenn man die bei lebendigem Leib essen würde, dann würde genau das passieren, was in dieser Szene passiert. Der Oktopus klammert sich an das Gesicht. Ja. Klammert sich an den Mund, an die Lippen. Mhm. Und wehrt sich verzweifelt gegen das Gegessenwerden. Jetzt folgt diese Szene natürlich wie fast jede Szene in dem Film, einem gewissen Symbolismus. Ja. Ähm, sie ergibt sich natürlich total logisch aus dem, was davor geschehen ist. Also sie verdeutlicht ja auch was und deswegen würde ich ganz kurz nochmal zurückspringen in die Story, die ich jetzt komplett ausgespart habe in meinem Intro, um einmal das Publikum abzuholen, wo wir stehen. Ach, das wird völlig überbewertet. Jetzt muss doch keiner wissen, worum es geht. Hör mal, Flor. Im Mittelpunkt von Oldboy steht Odessu, der ein ziemlich heruntergekommener Lebemann ist, könnte man sagen. Mittleres Alter, dick, kümmert sich wenig um seine Familie. Mhm. Und den lernen wir auch tatsächlich so als zündlichen Versager kennen, der auf der Polizeistation ist, weil er betrunken halt irgendwo offensichtlich Randale und Chaos gemacht hat. Und er wird auf dieser Polizeistation festgehalten, aber er will eigentlich los, weil er noch ein Geschenk für seine Tochter hat und weil er seine Familie sehen will. Und er wird dann von seinem besten Freund abgeholt und der beste Freund verschwindet nochmal kurz in der Telefonzelle, um bei Odessus Frau anzurufen und zu sagen, hey, ist alles in Ordnung, wir kommen gleich. Und dann verschwindet dieser Odessu einfach. Und das Nächste, was wir sehen, ist, dass er in einer kleinen Zelle wach wird, wo er gefangen gehalten wird. Und zwar für eine wirklich, wirklich lange Zeit. Der Film startet im Jahr 1988 und spielt im Jahr 2003. Das heißt, dieser Odessu wird 15 Jahre lang in einer Art Hotelzimmer gefangen gehalten, wo er nichts hat außer dem Fernseher und einem Bett und einer Kommode. Und täglich wird ihm Essen reingeschoben und zwar immer dieselben Teigtaschen, die er auch irgendwann zu hassen lernt. Und er wird da 15 Jahre gefangen gehalten und versucht sich noch, versucht sich einmal umzubringen, versucht sich einen Weg in die Freiheit zu erkämpfen, indem er sich durch die Mauer gräbt und dann schließlich feststellt, dass er irgendwo weit oben ist in der Stadt und es regnet. Und denkt dann auch sogar drüber nach, zur Not springe ich halt einfach, dann ist das Elend wenigstens vorbei. Und dann wird er hypnotisiert und ganz abrupt freigelassen. Und er sind natürlich auf Rache. Also zum einen will er verstehen, warum er gefangen gehalten wurde. Aber noch viel wichtiger ist ihm, er will sich an der Person, die ihm das angetan hat, rächen. Und er stolpert dann, kurz nachdem er freigelassen wurde, in dieses Sushi-Restaurant, wo er Mido kennenlernt, die da arbeitet. Und er will von ihr was Lebendes haben. Sie fragt, was er gerne essen würde und er sagt, was Lebendes. Und er will diesen Oktopus haben. Und dann stopft er diesen Oktopus in sich hinein. Und jeder einzelne Bissen, den er macht, ist eine Symbolisierung seiner schieren Wut, seines schieren Zorns, den er einfach mit sich rumträgt, weil ihm so etwas angetan wurde. Und damit sind wir auch schon beim wesentlichen Element, einem der ganz zentralen Themen dieses Films. Und das ist eben Rache. Es geht um Rache. Und zwar denkt der Zuschauer lange, es geht um die Rache von Odesu, der sich für seine Gefangenschaft rächen will. Aber in Wirklichkeit ist eigentlich das, was drüber gebaut ist, die Rache seines Widersachers, der auch ziemlich schnell dann in Erscheinung tritt. Li Wu-Chin, der ihn eingesperrt hat und sich ziemlich schnell zu erkennen hat.
Johannes Franke: So schnell auch nicht. Also ich sitze schon lange da und denke, erzähl mal, erzähl mal, worum geht es denn jetzt eigentlich wirklich?
Florian Bayer: Er telefoniert ja schon mit ihm in dem Sushi-Restaurant. Als er nach seiner frei, nachdem er befreit wurde, aus dem Sushi-Restaurant kommt, sehen wir diesen Li Wu-Chin zum ersten Mal und sagt, ja, ich habe mir ein Spiel ausgedacht und ich will dich jetzt beobachten. Und du wirst nicht herausfinden, warum ich das Ganze mit dir mache. Und der Überbau der Handlung ist eigentlich, dass dieser Li Wu-Chin sich an Odesu rächt. Und das ist einer der wirklich absurdesten und krankesten Racheplots, den man sich überhaupt vorstellen kann.
Johannes Franke: Aber er kommt gut damit um die Ecke. Also ich muss schon sagen, ich habe das nicht viel hinterfragt. Nach dem Film habe ich dann ein bisschen mehr gedacht, also irgendwie, ich weiß ja nicht. Aber eigentlich schafft der Film das, kurzweilig genug zu sein, um nicht die Möglichkeit zu geben, zu lange darüber nachzudenken, was das jetzt eigentlich war. Du hast zu viel damit zu tun, die Bilder anzuschauen und der Story zu folgen und dich immer wieder zu fragen, hey, was jetzt?
Florian Bayer: Es gibt viele Mystery-Elemente und die halten den Film auch am Laufen. Man hat eigentlich die ganze Zeit so Sachen zu fragen, die einem im Kopf rumspuken. Was passiert als nächstes? Wo treibt es ihn jetzt hin? Es gibt diesen Mittelteil, der so sehr klassischen Noah-Detektiv-Geschichten folgt, einfach wo er wirklich seinen Peinigern hinterher recherchiert. Aber das Ganze wird mit so einem unglaublichen Tempo erzählt, dass es kaum eine Atempause gibt.
Johannes Franke: Du verstehst auch nicht so alles, was passiert, weil da einfach von einem schon ins nächste geworfen wird und das nicht so auserzählt wird. Ich bin am Ende, wenn er dann irgendwie es geschafft hat, zu diesem Haus zu kommen, frage ich mich schon kurz, hä, Moment, wie hat er es jetzt geschafft? Zu welchem Haus? Wo er gefangen halten wurde.
Florian Bayer: Achso, ja, er recherchiert bei den Teigtaschenherstellern.
Johannes Franke: Genau, die Teigtaschen ausprobiert. Fantastische Montage. Ich finde es super, eine ganz tolle Idee, aber ich habe echt dann nochmal kurz nachdenken müssen und habe bestimmt wieder was verpasst, weil ich dann gedacht habe, Moment, wie hat er das jetzt geschafft? Ach ja, da war das mit dem Essen. Und dann ist er echt übers Essen darauf gekommen, wo er gefangen halten wurde. Meine Güte.
Florian Bayer: Ja, unterstützt von Mido recherchiert er dann diesen Teigtaschen hinterher. Und das ist was, also das habe ich mich tatsächlich beim ersten Mal, als ich den Film gesehen habe, total gefragt als Zuschauer, was soll das? Warum nimmt sie ihn so schnell bei sich auf? Ja. Warum kommen die so schnell zusammen? Warum ist er so scharf auf sie? Und es ist total absurd. Es gibt auch fast so eine Vergewaltigungsszene, wo sie dann relativ nonchalant drauf reagiert.
Johannes Franke: Das müssen wir, da müssen wir drüber reden.
Florian Bayer: Ich will ja auch Sex haben, aber noch nicht. Und das ist...
Johannes Franke: Ja, also okay, da müssen wir aber, wollen wir da jetzt drüber reden? Auf jeden Fall, die Szene kommt. Okay, okay, Plur. Also, das eine war der Oktopus, das andere war das jetzt. Er ist ja wieder draußen und er lernt sie kennen und sie nimmt ihn tatsächlich sehr überraschend irgendwie auf. Man versteht die Motive nicht. Ich finde, am Ende des Films wird das nochmal erklärt, sodass es okay ist. Fragst dich halt während des Films, was es soll, aber gut. Und dann hat er halt 15 Jahre lang keinen Sex gehabt. Ja, okay. Aber dann überfällt er sie so halb. Sie sagt, nee, nein, Hilfe, nein, tue es nicht. Mit Messer, mit Zwischenmesser. Und dann nutzt sie das Messer aber nicht wirklich, sondern macht einmal mit dem Griff Bonk auf den Kopf. Und dann rennt er halt wieder weg. Und sie kommt hinterher und sagt, oh, Entschuldigung, entschuldige mein Verhalten, was ich gemacht habe. Ich will halt irgendwie eigentlich, aber eigentlich auch noch nicht. Und wenn es dann soweit ist, dann werde ich mich wehren, aber du, was soll dich nicht stören, mach trotzdem. Und ich denke, what the fuck, alter, erzähl mir nichts, was soll das denn?
Florian Bayer: Ja, allein schon ihr Verhalten, auch, dass sie ganz am Anfang dann sagt, naja, ich bin ja auch selbst schuld. Ich habe dich ja immerhin zu mir nach Hause gelassen. Oh, Alter. Und das ist wirklich übel. Das ist einfach mal, das ist das, was man wunderbar unter dem Begriff Rape Culture subsumieren kann. Ja. Diese klassische Altherrenfantasie von dem jungen Mädchen, das den älteren Mann mit nach Hause nimmt. Mhm. Und sie will es ja nicht anders. Sie will es nicht anders und sie sagt dann sogar noch, ich werde mich wehren, aber du musst dann trotzdem ran und du wirst schon bemerken, wenn ich es will. Und ja, also. Furchtbar.
Johannes Franke: Furchtbar. Nicht entschuldbar eigentlich. Und es wird auch nicht richtig aufgeklärt oder sonst irgendwas. Es ist einfach, diese Szene ist da und es wird behauptet und es gibt keinen Haltungswechsel oder keinen, keine moralische Instanz, die nochmal sagt, nee, aber, ne, die mir das erklärt. Ja. Also das finde ich nicht, das fand ich, nee, das wollte ich nicht. Nicht cool. Not cool.
Florian Bayer: Ja. Can Buck, nicht cool. Ja. Es wird ja nachher, ihre ganze Beziehung ist ja total absurd überzeichnet, weil sie, es gibt einfach für den Zuschauer keine Erklärung, warum sie sich so mit ihm einlässt, warum er so scharf auf sie ist. Und dafür gibt es am Schluss eine Erklärung. Und das ist auch, der Film verlässt öfter mal den realen Boden. Und diese Erklärung ist dann auch eine, und zwar geht es im Prinzip darum, ihre Beziehung ist eine forcierte Beziehung. Und zwar wurde er hypnotisiert, sie wurde hypnotisiert. Und ich bin die ganze Zeit so geneigt, den Plottwist auszusparen, aber wir reden, der Film ist fast 20 Jahre alt. Sie ist seine Tochter. Es ist ein erzwungener Inzest, der hier passiert. Und das ist einer der, das ist der große Racheplan von Li Wu Jin, der damals Sex mit seiner Schwester hatte.
Johannes Franke: Was er als Liebe bezeichnet und als einvernehmliche Beziehung.
Florian Bayer: Ja, es wird auch tatsächlich, also es wird auch schwierig inszeniert in dieser einen Szene, aber es wird tatsächlich als einvernehmliche Liebe gezeigt. Ja. Und Odesu hat das mitgekriegt und hat darüber geredet. Und deswegen hat sie wiederum, die Schwester von Li Wu Jin, hat gedacht, sie wäre schwanger und hat sich dann umgebracht. Und das ist der Groll, den Li Wu Jin jahrzehntelang mit sich herumgetragen hat. Und zur Rache zwingt er Odesu quasi in den Inzest, damit er dasselbe durchmacht, was er durchgemacht hat. Er nimmt Odesu gefangen, 15 Jahre lang, tötet dessen Frau, entführt dessen Tochter und zieht sie groß oder lässt sie irgendwo außerhalb groß ziehen, dass sie nicht mehr weiß, dass sie die Tochter von Odesu ist. Und dann bringt er sie wieder zusammen, damit sie sich ineinander verlieben, miteinander Sex haben. Und das ist der große Plot Twist, der wirklich einen voll mit Karacho am Ende trifft. Und es ist wirklich krass, weil es ist auch mit derartig innervierender Spannung inszeniert, wenn dann Odesu am Schluss im Apartment ist von Li Wu Jin und dieses Buch durchblättert mit den Fotos von seiner Tochter. Und dann sieht er, wie sie älter wird und dann sieht er plötzlich, oh mein Gott, das ist Mido geworden. Und dann begreift er den ganzen Ausmaß dieser Rache, was hier geschehen ist, wie er die ganze Zeit wirklich wie so eine Puppe an den Fäden gezogen wurde durch die Hypnose. Aber es ist einfach krass und es haut dich einfach mal um.
Johannes Franke: Ja, und es ist auch wirklich, es ist wirklich gut hergeleitet. Also ich bin dem Film gerne dahin gefolgt, auch wenn ich immer wieder zwischendurch gedacht habe, ich kriege gleich Kopfschmerzen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich gerade bin und wo es hin soll eigentlich. Aber eigentlich gibt es nur eine, ich glaube, es gab eine Stelle, wo ich ein bisschen gehangen habe, wo ich gedacht habe, ich komme nicht mehr in die Story rein. Aber dann bin ich wieder, war ich wieder drin. Man muss halt so ein bisschen damit leben, dass diese ganzen Symbole, du kriegst dann vielleicht so 20 Prozent davon einsortiert und der Rest passiert halt einfach.
Florian Bayer: Also es ist auch tatsächlich die Detektivgeschichte, die ja doch relativ zentral im Film drin steht, nimmt wenig Raum ein, weil die einzelnen Stationen unglaublich schnell abgehandelt werden. Sie ist auch gar nicht so wichtig, diese Detektivarbeit. Und teilweise fliegen ihm die Infos auch eher so durch Zufall zu. Also sein Freund findet halt heraus, dass er an derselben, nee, er findet heraus, dass er an derselben Schule war wie dieser Li Wuchin, als er endlich den Namen hat. Sein Freund findet dann heraus, dass der eine Schwester hatte, die sich umgebracht hat. Und er blättert dann auch mal durch das Jahrbuch und besucht eine Freundin von damals, um mit ihr drüber zu reden. Dann hört er ein Klingeln und dann kommt plötzlich diese Erinnerung wieder. Und es ist alles, es ist tatsächlich keine langwierige Detektivarbeit und keine wirklich schlüssige, ich gehe jetzt von, ich setze die Puzzlestücke zusammen Detektivarbeit. Sondern es wird eher so nebenbei erzählt. Es ist ein bisschen fragmentarisch. Fragmentarisch, ja, das trifft es ganz gut. Liegt aber natürlich auch daran, dass der Film sich so viel Zeit nimmt für alles drumherum, für diese krassen Bilder. Und ich glaube, wir müssen, es gibt einfach so ein paar Bilder, über die wir reden müssen.
Johannes Franke: Auf jeden Fall. Also als ganz allgemein mal gesprochen, die Kameraarbeit ist wirklich toll. Das ist unfassbar. Wirklich toll, muss man schon sagen. Und die haben wirklich einen guten Mittelweg zwischen Stilisierung, aber nicht zu dramatisch, sodass man nicht mehr erkennt, was es soll. Es gibt ja im asiatischen Kino dann schon die Tendenz, so weit zu stilisieren und zu ikonografieren. Wie heißt das? Dass man irgendwie nicht mehr erkennt am Ende, was für ein Bild es sein sollte. Und in dem Fall, er schafft diese Balance zwischen europäischer Sinngewohnheit und dieser Stilisierung.
Florian Bayer: Und das finde ich toll. Wirklich gut gemacht. Und er ist krass verspielt dabei. Also zum Beispiel diese erste Szene, wenn Oda Suh auf dem Polizeirevier ist und wir haben diese Jump Cuts und dann plötzlich auch diese Tonbildschere, wo Ton aus dem einen Bild in das andere Bild reingeht. Und wo wirklich so ein schneller Ablauf von Szenen ist. Und wir lernen diesen Charakter innerhalb von ein paar Minuten, in diesen wenigen Szenen, lernen wir ihn total gut kennen. Sein aufbrausendes Temperament, seine Trunksucht, seine Wehleidigkeit, die er auch die ganze Zeit mit sich trägt, die auch später immer wieder rauskommt. Und das Spiel mit den Bildern macht der Film auch ganz toll, um wirklich die Charaktere zu erzählen. Ja. Es gibt eine größere, surreale Szene, die auch relativ kurz ist, beziehungsweise zwei, die aufeinander referieren. Und zwar mit den Ameisen. Oda Suh sieht in der Gefangenschaft irgendwann die Ameisen, die über ihn drüber klettern. Und dann redet er später mit Mido nochmal drüber und sie sagt so, ja Ameisen, wahrscheinlich sieht man Ameisen, wenn man einsam ist, weil die in Gruppen aufkommen. Und dann gibt es diese traumartige Sequenz, wo Mido weinend in der U-Bahn sitzt und eine riesige Ameise neben sich sieht. Einfach so als Flashback, die auch nicht näher erklärt wird.
Johannes Franke: Nein, die sitzt da halt einfach da. Sie könnte auch rauchen, weißt du, so ganz nebenbei sitzt die halt da und fährt mit ihr zusammen im U-Bahn.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also tolle Bilder, finde ich schon auch gute Ideen. Und ich fand diese Ameisen-Analogie ziemlich geil. Hast du noch Bilder, wo du sagst, die sind irgendwie besonders?
Florian Bayer: Also die krasseste Szene und die hat mich auch inspiriert für die Idee, die wir hatten mal bei einem Film, den wir zusammen gemacht haben, war die Kampfszene in dem zweidimensionalen Korridor. Da ist das her. Eine der großartigsten Kampfzene der Filmgeschichte. Aber wirklich. Odezou geht zu dem Ort, an dem er gepeinigt wurde. Er findet das heraus, dank der Teigtaschen und geht da hinein mit einem Hammer bewaffnet. Und das ist einfach so ein langer Korridor, wo dann diese ganzen einzelnen Zimmer sind, wo die Leute gefangen gehalten werden. Das ist halt wirklich eine Organisation, die dafür bezahlt wird, Menschen gefangen zu halten. Und er foltert dann zuerst den Typen, der das Ganze leitet, um herauszufinden, wer ihn beauftragt hat. Und das ist diese wirklich nicht schöne Zahn-Zieht-Szene, die wirklich brutal ist. Und dann kommt er raus aus dem Büro und dann sind die ganzen Schläger da. Und dann kämpft er gegen die. Und diese Szene ist eine... Das verlässt der Film aber den Realismus ganz schön weit. Ein Panorama ohne Schnitt. Ja. Ein zweidimensionaler Fur. Wir gucken drauf wie in einem zweidimensionalen Videospiel. Und er kämpft sich durch diese Horde von Schlägern. Und die Kamera bleibt die ganze Zeit da drauf. Wir haben einfach keinen Schnitt. Und wir haben diese wunderbare Szene durch diesen Flur. Und Kämpfe einer gegen viele sind meistens dumm und albern, weil es so klar ist, dass die Bösewichte einer nach dem anderen angreifen und sich total dumm verhalten.
Johannes Franke: Und diese Szene schafft es, logisch zu erzählen.
Florian Bayer: Und der Held, der macht sie auch nicht alle fertig, sondern der kriegt die ganze Zeit auf die Fresse dabei. Und hat am Schluss auch ein Messer im Rücken. Und er stolpert da durch. Und die bleiben auch nicht am Boden liegen, sondern stehen wieder auf, gehen auch mit mehreren auf ihn los. Aber allein durch diesen engen Gang. Und das vermittelt die Kamera ganz toll. Sind sie begrenzt in ihren Möglichkeiten? Sie können ihn nicht einfach so übermannen. Fantastische Kampfszenen. In der Filmgeschichte tatsächlich für mich.
Johannes Franke: Also ich finde auch wirklich eine ganz, ganz tolle Choreografie, die man auch erstmal durchziehen muss als Crew und Cast. Weißt du, der Typ, der sich da, ich weiß nicht, wie auf die das gedreht haben. 17 Takes. Drei Tage. Oh mein Gott. Aber das ist krass. Und das ist wirklich sehr, sehr beeindruckend. Und vor allem das Ende ist dann auch nochmal, setzt dem Ganzen nochmal die Krone auf, weil er ja am Ende bei dem Fahrstuhl ankommt. Dann geht der Fahrstuhl auf. Und da steht noch eine Horde von Schlägern, die er auch noch, obwohl er schon fix und fertig ist. Und dann grinst er so gehässig.
Florian Bayer: Ja, genau. Und wir sehen einfach nur, wie die Fahrstuhl unten aufgeht. Und er kommt raus und sie liegen alle K.O. drin.
Johannes Franke: Es ist aber, also ich glaube dem Film natürlich dann kein Wort mehr. Natürlich. Aber, aber irgendwie ist es sehr schön, dem zuzugucken.
Florian Bayer: Das ist auch so ein Tarantino-Moment. Ja, genau. Das ist der, einfach dieses, einmal dieses sarkastische Grinsen auch nicht im Publikum. Was ganz spannend ist, es ist tatsächlich, der Bodycount ist gar nicht so hoch. Er tötet da nicht direkt jemanden. Er verprügelt die Leute. Genau, die liegen da halt K.O. in der Gegend rum. Es gibt tatsächlich, ich dachte ich hätte es mir aufgeschrieben, es gibt tatsächlich nicht so viele Tote in diesem Film. Es ist, es ist relativ überschaubar. Und sein Racheweg ist auch nicht, ist nicht von Leichen gesät, sondern von tatsächlich verprügelnden Leuten. Und er wird dabei auch die ganze Zeit verprügelt. Und diese Typen kommen ja auch immer wieder. Es gibt dann auch diese, alles andere als schöne Szene, wo sie Mido gefangen nehmen und ihr halt das Kleid runterreißen. Das ist natürlich krass Exploitation, ne?
Johannes Franke: Ne, das war auch nicht schön anzusehen, aber ja. Aber es macht natürlich den Film umso abgefuckter insgesamt. Und die Abgefucktheit des Films macht natürlich sehr viel aus. Und zieht das auch echt bis zum Ende durch. Und spätestens am Ende hat mich der Hauptdarsteller auch vollkommen überzeugt in seiner Performance. Der hat schon zwischendurch immer mal so, wo ich denke, wow, toll, toll gespielt, gut gemacht. Aber am Ende, wenn er da so vollkommen ausrastet mit seinem Gegenspieler, da in diesem Hochhaus da oben, in diesem Stockwerk, in dem Penthouse ist. Ja. Das war eine krasse Performance, muss man schon sagen.
Florian Bayer: Also auch ein bisschen Overacting dabei, ne? Also wenn er so, wenn er zwischen Wut und Flehen und Betteln und dann schneidet er sich noch die Zunge ab.
Johannes Franke: Ja, ja. Das ist total krass. Aber wenn du dir die Szene, wie die geschrieben ist, du hättest kaum kleiner spielen können. Oder? Also vor allem nicht in diesem Film. Und ich finde die wirklich, er hat wirklich gut, das gut umgesetzt, finde ich.
Florian Bayer: Ich liebe dieses Wechselhafte, was er da drin hat, dass er dann so zuerst wütend ist und schreit, ich werde dich zermalmen, ich werde dich umbringen. Und dann direkt danach sagt er, oh, sag bitte Milo nicht, dass sie meine Tochter ist, sag es ihr nicht, bitte, bitte, bitte, ich bring dich um. Und dann wieder, bitte, bitte, tu es nicht. Und eine absolut radikale Mischung aus Verzweiflung, Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Ja. Bis zu dem Punkt, wo er dann sich die Zunge aus dem Mund zieht und abschneidet, weil darum ging es natürlich bei der Rache, dass er zu viel geredet hat. Der Antagonist sagt auch an einem gewissen Punkt, nicht mein Penis hat meine Schwester geschwängert, sondern deine Zunge war es. Und darum geht es die ganze Zeit, er redet zu viel, er hat zu viel Geheimnisse ausgeplaudert und dann schneidet er sich sinnbildlich, um zu zeigen, dass er dafür büßt, schneidet er sich die Zunge ab. Also dieses ganze Revenge-Thema dreht sich dann einfach einmal um 180 Grad und er ist der, der das Schlimme gemacht hat, er ist der, an dem sich gerecht wird und er akzeptiert diese Rache in gewissem Sinne dann auch und büßt dafür und zwar wirklich, indem er sich selbst geiselt. Da haben wir übrigens diesen sehr, sehr schönen Oedipus-Moment, ne? Das ist, also Odessu ist natürlich, der Name ist so, Oedipus fast. Aber auch ein bisschen Odysseus. Odysseus, stimmt. Oh, das ist spannend, darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht, weil Oedipus natürlich durch die Inzest-Geschichte ist. Ja, ja, natürlich, klar. Und Oedipus ist der, der die ganze Zeit ermittelt im klassischen Drama und gegen sich selbst ermittelt, das macht er im Prinzip auch, er findet heraus, warum er die Rache verdient hat. Ja. Und Oedipus ist auch der, der sich am Schluss die Augen aussticht, der sich selbst körperlich geiselt, als er dann die Wahrheit erfährt und Odessu... Sich die Zunge... Genau, so. ... schneidet sich das Hunger raus, weil er erfährt, dass er mit seiner, mit seiner Tochter geschlafen hat.
Johannes Franke: Mhm. Aber ich fand diesen Odysseus-Gedanken auch wirklich spannend, weil er wirklich so eine, einmal so eine krasse Reise einmal durchmacht, durch alle Emotionen und allen möglichen Kram. Ja. Finde ich schon, ja.
Florian Bayer: Ja, man könnte es natürlich so interpretieren, dass seine Gefangenschaft so eine Art Krieg war. Ja, ja. Dann irrt er ja wirklich, dann irrt er ja wirklich durch Südkorea auf der Suche nach Rache und er erlebt wirklich so eine Irrfahrt, wo er ja auch gegen Monstren kämpft und zumindest kommen die Antagonisten teilweise wie Monster daher. Ja. Und wo er viel durchleiden muss, bis er schließlich im Schoß seiner Familie landet und tatsächlich ist es am Schluss ja auch so, dass er diese, diese Liebe zu seiner Tochter akzeptiert, indem er sich hypnotisieren lässt und die Wahrheit weghypnotisieren lässt. Mhm. Also das Ende hat einen, einen absurden Twist von Optimismus, weil er lässt sich dann von dieser Frau, die ihn davor hypnotisiert hat, damit er diese, diese Liebe macht und so weiter, dass er sich verliebt, die hypnotisiert ihn nochmal, er gibt ihr auch Geld dafür und hypnotisiert ihn so, dass er vergisst, dass Milo seine Tochter ist. Milo erfährt das auch nicht. Ja. Und er sitzt da am Schluss ohne Zunge, wirklich zermatert wie ein beschlagener Hund. Ja, richtig krass. Und, aber irgendwie hat ihre Liebe vielleicht eine Chance und das ist so ein, ein so absurdes Ende, aber es ist am Schluss wird, dass dieses Bild offenbart, dass sie zusammensitzen und dass sie, dass sie ihre Liebe gesteht. Ja, sie, sie bleiben zusammen, sie gucken gemeinsam in den Sonnenuntergang quasi. Ja, ja. In einer, in einer märchenhaften Schneelandschaft. Und das ist so schräg, wenn man sich die ganze Geschichte betrachtet, weil diese forcierte Liebe, sie haben sich ja nicht freiwillig ineinander verliebt, sondern die, das, der ganze Plot von Li Wu Jin hat darauf hingearbeitet, dass er sich, dass Odessu sich in Mido verliebt, in seine Tochter und Mido sich in Odessu verliebt. Und, dass sie eben dieses Inzest, diese inzestiöse Beziehung durchmachen müssen. Ja. Und Li Wu Jin erschießt sich übrigens dann am Schluss, wenn sein.
Johannes Franke: Ja. Er hat einmal seine Rache bekommen und gibt es nochmal so ein Flashback. So ist sie also gestorben. Und, ähm, dann lässt er sie quasi nochmal los und erschießt sich selbst.
Florian Bayer: Ja. Und davor quält er noch einmal Odessu auf ganz brutale Weise. Er hat Odessu erzählt, er hätte einen Herzschrittmacher, der sich mit einer Fernbedienung steuern lässt. Oh, ist das gemein. Und die Fernbedienung gibt der Odessu am Schluss in die Hand, bevor er zu seinem Selbstmord geht. Und Odessu drückt natürlich auf diesen Knopf, um ihn umzubringen. Aber die Fernbedienung, die er in der Hand hat, steuert die Soundanlage in der Wohnung von Li Wu Jin. Und da ertönt dann noch einmal die Tonbandaufnahme von dem Sex, den Odessu und Mido hatten.
Johannes Franke: Vater und Tochter hatten.
Florian Bayer: Der ziemlich laut war und, äh, ziemlich pathetisch, wie so sehr vieles an dem Film. Also der Film steckt voll von Pathos neben der Verspieltheit. War aber eine gute Sexszene, muss ich sagen. Ich fand die nicht schlecht. Ich fand die krass, weil die so überzeichnet ist. So auch fast schon grotesk, wenn sie beide so laut sind, wie Tiere auch übereinander herfallen.
Johannes Franke: Ja, ich fand die nicht schlecht. Ja. Fand die schon, die hatte Kraft.
Florian Bayer: Es hat dieses Animalische natürlich. Der Film und seine Charaktere haben grundsätzlich dieses Animalische. Odessu läuft, ja, er wird mehr und mehr zum Tier eigentlich, während er auf der Suche nach Rache ist. Und es gibt ja auch diesen Spruch, den er, äh... Ich bin zu einem Ungeheuer geworden, sagt er. Ja, er sagt, ich bin zu einem Ungeheuer geworden. Und ganz am Anfang sagt ihm der Selbstmörder, dem er auf dem Dach begegnet, ähm, auch wenn ich schlimmer bin als jedes Tier, habe ich es nicht wenigstens verdient zu leben.
Johannes Franke: Mhm, genau.
Florian Bayer: Das ist die Szene, mit der wir einsteigen. Odessu steht am Dach und hält einen Selbstmörder fest, dass der Orternehmer wach geworden ist. Dieser Selbstmörder spielt keine große Rolle mehr in dem Film. Nö, nö, nö.
Johannes Franke: Ja, also der Film wirft einen von einem in einer Sache in die nächste, lässt einen oft ratlos eine Weile, bevor man dann irgendwann ganz am Schluss tatsächlich einmal so einen Aufklär, so einen Aha-Effekt hat. Ohne, dass es dazu kommt, dass man diesen typischen Der-Bond-Villain steht vor James Bond und sagt ihm noch mal, was sein ganzer Plan war. So ist es irgendwie nicht, sondern es ist irgendwie cleverer.
Florian Bayer: Er schafft es wirklich, wenig zu erzählen und viel zu zeigen. Er verlässt sich auf seine Bilder. Und seine Bilder sind halt echt stark. Seine Bilder erzählen so viel Geschichte. Auch in vielen einzelnen kleinen Shots steckt so viel Geschichte drin. Angefangen von dem Oktopus, der gegessen wird, der einfach mal, das einfach mal eine Wutzszene ist. Und ich kann mir vorstellen, dass man als Vegetarier da total leidet. Ja. Ich finde es auch krass.
Johannes Franke: Vor allem bei lebendigem Leibwissen wirklich. Ja, es ist wirklich übel. Nee.
Florian Bayer: Bis hin eben zu dieser Schlussszene, wenn er als sich selbst geißelndes Tier da sitzt, ohne Zunge nicht mehr richtig reden kann. Die Haare sind total erkraut. Und er ist eigentlich komplett abgefuckt durch das, was da geschehen ist. Ja. Lache und die Welt lacht mit dir, weine und du weinst allein. Das ist ein Spruch, den ich ja auch nicht mehr hören kann. Das ist wie das Carpe Diem bei dir. Ja, er wird ein, zwei Mal in dem Film aufgeworfen. Ja.
Johannes Franke: Wollen wir zu unseren Top 3 springen? Ja, wir hätten die organisch unterbringen können, vorhin ganz am Anfang. Aber da habe ich gedacht, nee, wir müssen erst mal über den Film reden.
Florian Bayer: Lassen Sie uns jetzt ganz unorganisch am Ende unterbringen. Top 3. Johannes? Jingle? Jingle.
Johannes Franke: Unsere Liste. Ja, eine Top 3. Wie hast du sie benannt? Top 3 Rache. Ganz schnöler. Top 3 Rache.
Florian Bayer: Revenge-Filme. Genau, wo vieles reinfallen kann. Also es gibt auch Filme, wo Rache gar nicht das zentrale Element ist, aber Rache ganz toll gezeigt wird. Es kann eine kreative, super Idee sein. Es kann eine besonders brutale Form der Rache sein. Es kann einfach eine extrem gerechtfertigt scheinende Rache sein. Ich bin gespannt, was du zu bieten hast.
Johannes Franke: Ich auch. Ich habe mich mit dieser Liste schwer getan ein bisschen. Weil so viele Filme, in denen es tatsächlich um Rache geht, gibt es gar nicht. Beziehungsweise es gibt eine ganz bestimmte Richtung, die sich eigentlich zusammenfassen lässt. Und sonst müsste man halt wirklich alle Filme nochmal abklopfen auf so kleine Rache-Momente. Und das habe ich irgendwie nicht geschafft.
Florian Bayer: Thriller sind auch nicht so wirklich dein Genre. Weil es gibt ja wirklich diesen Genre, das Revenge-Thriller. Ja, aber das gucke ich nicht. Und gerade so 70er, 80er. Ja, also es ist tatsächlich auch nicht so mein Genre. Aber es gab eine Zeit, wo das unglaublich viel stattgefunden hat im Action-Kino und im Thriller-Kino, vor allem amerikanischer Machart. Und meistens sehr selbstjustiz-glorifizierend. Also so kommandomäßig. Ja, genau, so kommandomäßig. Noch schlimmer. Weil diese Revenge-Thriller sich meistens halt nicht als trashige Action-Filme verstehen, sondern wirklich als ernstes Thriller-Dramen. Und dann Charles Bronson hat ... Jeder zweite Film mit Charles Bronson ist ein Film, wo ihm ein großes Unrecht geschieht. Und das kann nur ausgeglichen werden, indem er tausende Leute umbringt. Und wir folgen ihm und fiebern mit ihm mit. Und es ist ein eigenes Genre. Und es ist auch tatsächlich ein langlebiges Genre, das bis in unsere Zeit eigentlich immer mal wieder Action-Thriller hervorgebracht hat, die meistens durchschnittlich sind. In den neuen Filmen spielt meistens Liam Neeson mit. Oder ... Taken. Genau, Taken. Oder Nicolas Cage. Nicolas Cage hat auch sehr viele so Rachefilme gespielt. Und es sind meistens B-Movies. Also es ist schwer, glaube ich, gute Rachefilme zu finden. Ja.
Johannes Franke: Ja. Ja, ich habe dann zum Beispiel auf The Godfellers verzichtet ein bisschen. Ah, könnte man auch nehmen, ne? Ja, passt irgendwie rein, habe ich aber irgendwie, weiß ich nicht, war ich nicht so überzeugt, dass das so in die Liste gehört. Muss ich anfangen oder fängst du an? Du musst anfangen.
Florian Bayer: Mein Film, deine Liste.
Johannes Franke: Okay. Also, ich würde sagen, Platz drei ist jeder Film von Quentin Tarantino. Okay. Vor allem Kill Bill nehme ich mal an. Ja, Kill Bill. Aber auch, man muss schon sagen, Inglourious Basterds, absolut. Total, ja, natürlich.
Florian Bayer: Historische Rache. Ja. Ich finde es großartig. Und sogar zwei Rachegeschichten im Prinzip. Einmal, wie sich das Judentum gegen die Nationalsozialisten richtet. Ja, genau. Und dann zum Zweiten ihre Geschichte natürlich. Die hat mich gar nicht interessiert.
Johannes Franke: Ich finde, der Rachemoment war mir, das Kino wird in die Luft gesprengt mit Hitler. Das ist das, was ich dachte an Bang Glorious Basterds.
Florian Bayer: Tarantinos Rache am Nationalsozialismus und zwar ganz monumental, indem einfach mal Hitler zerschossen wird. Super. Fantastisch. Ja, das ist mein Platz drei. Ich habe eine Honorable Mention. Oh. Und zwar einen quasi Superheldenfilm, der eine Rachegeschichte erzählt. Darkman aus dem Jahr 1990 von Sam Raimi, der später dann auch Spider-Man gemacht hat. Aha. Darkman ist so eine Mischung aus Phantom der Oper und verrückter Wissenschaftler. Das ist ein sehr abstruses Bild in meinem Kopf gerade. Mit Liam Neeson. Hey, wir haben gerade gesagt, Liam Neeson spielt in einem Rachefilm mit. Aber das war vor seiner Rachefilmzeit. Okay. Das war bevor er Oskar Schindler war. Liam Neeson spielt diesen Darkman, dessen Gesicht bei einem Brand in einem Labor zerstört wurde von bösen Buben. Und der sich dann, weil er Wissenschaftler ist, Gesichtsmasken macht, die er anziehen kann. Und dann kann er in die Haut von seinen Widersachern schlüpfen und die infiltrieren. Und bringt dann einen nach dem anderen um. Eine ganz tolle Mischung aus Trash und Superheldenfilm und so Horror-Action-Komödie. Sehr spaßig. Einer der besten Superheldenfilme der 90er Jahre. und total geschmacklos. Mein Platz 3 dagegen ist ein sehr geschmackvoller Film, ein sehr gehaltvoller Film. Cape Fear, Cap der Angst. Ah. Und zwar das Remake aus dem Jahr 1991 von Martin Scorsese mit Robert De Niro als der große Rächer, der lange im Gefängnis saß und sich an seinem ehemaligen Anwalt rächen will. Weil dieser tatsächlich mit dafür verantwortlich ist, dass er eingebuchtet wurde. Und der das macht zwischen Gewalt und Intelligenz, der als er gefangen wurde, Analphabet war und überhaupt nicht verstanden hat, was da vorgeht. Und mittlerweile aber im Gefängnis einfach mal die Zeit genutzt hat, sich zu bilden und sich vorzubereiten auf die Rache. Und dann eiskalt einen Racheplan verfolgt, mit dem er die Familie dieses Anwalts zerstört und dabei auch die dunklen Seiten dieses Anwalts nach vorne bringt. Toller Film, düsterer Film. Martin Scorsese, da kann man sowieso nichts falsch machen damit. Auf jeden Fall sehenswert. Es gibt ein Original dazu, der durchschnittlich ist.
Johannes Franke: Okay. Aber es ist wie in diesem Film sozusagen. Der Typ, der in Gefangenschaft längere Zeit sich vorbereitet auf die Rache, die dann folgt.
Florian Bayer: Und wir folgen aber dem Opfer, an dem sich gerecht wird. Also Robert De Niro ist unser Protagonist. Quatsch, Nick Nolte ist unser Protagonist. Und Robert De Niro ist der Antagonist, ganz klar. Aber man entwickelt aber einen gewissen Punkt auf eine schräge Art merkwürdige Sympathien für den Antagonisten. Oder zumindest Antipathien für den Protagonisten. Also, nee, eigentlich, Robert De Niro wird in diesem Film nicht sympathisch. Der ist wirklich ein Schwerverbrecher, ein wirklich ein böser und gefährlicher Mann. Aber der Anwalt mit seiner sauberen Familie, der wird halt immer unsympathischer, weil man einfach merkt, der hat verdammt viel Dreck am Stecken. Cool, okay.
Johannes Franke: Mein Platz zwei wäre The Princess Bride.
Florian Bayer: Sehr schön. Und da haben wir ja schon einen Film, wo Rache gar nicht so im Mittelpunkt steht, sondern vor allem eigentlich eine andere Geschichte. Aber die Rache ist das Beste daran.
Johannes Franke: Ja, aber wirklich. My name is Nigo Montoya. You killed my father. Prepare to die. Großartig. Tatsächlich bin ich nicht der größte Fan von diesem Film. Der Film, also ich habe ihn eigentlich nicht reingenommen wegen des Films, sondern wegen des Buches, muss ich sagen. Ich liebe das Buch. Unglaublich. Ich glaube sogar, dass es von dir kam damals. Ich glaube, du hast es damals Maya ausgeliehen und Maya hat es mir übergeholfen. Und irgendwie sind wir große Fans davon geworden.
Florian Bayer: Das ist so witzig, weil meine Erinnerung daran ist, dass ich das, bevor ich das Buch gelesen habe, habe ich das Hörspiel gehört, das Hörbuch. Ja. Ja. Und ich dachte, das wäre von Maya gekommen. Ach so. Ich weiß es auch nicht mehr sicher. Dann müssen wir von Maya fragen. Und das Hörbuch, das deutsche Hörbuch, wurde gemerkt. Ja. Also das Buch ist toll und das ist ein Buch, wo aber das Hörbuch noch mehr Spaß macht, als das Buch zu lesen. Ja, das stimmt. Weil es ist Bela B, ne?
Johannes Franke: Ja, Bela B und ist Jochen Malmsheimer daran beteiligt?
Florian Bayer: Ja, das weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß, vor allem Bela B habe ich so in Erinnerung. Aber es ist ganz, ganz toll geredet. Großartig. Tolle Satire auf Fantasy-Geschichten und Fantasy-Klischees. Und das Ganze getarnt als Gute-Nacht-Geschichte. Und drumherum gibt es noch diese merkwürdige Hollywood-Story von den Typen, der an Pools liegt und von irgendwelchen Schauspielerinnen fantasiert. Ja. Es ist super. Man weiß nicht, ob es für Kinder oder für Erwachsene ist.
Johannes Franke: Vor allem das grundsätzliche Konzept zu sagen, ich erfinde einen Autoren, der ein Buch, das es schon gibt, einmal in der gekürzten Fassung rausgibt. Natürlich existiert überhaupt kein Buch, was er irgendwie kürzen könnte. Aber er erzählt, dass er seinem Kind ein Buch vorlesen möchte, beziehungsweise anempfehlen möchte, was er als Kind geliebt hat. Und dann stellt sich heraus, dass dieses Buch viel länger war, als er es als Kind in Erinnerung hat. Weil sein Vater, als er ihm das vorgelesen hat, die ganzen unspannenden Teile halt rausgelassen hat, sondern nur die spannenden Teile einmal zusammengefasst ihm vorgelesen hat.
Florian Bayer: Und das ist so geil, wenn er dann auf die unspannenden Teile referiert und sagt, okay, und jetzt kommt es seitenweise, wird erklärt, wie sie sich anzieht. Und das ist eine großartige Parodie, Satire offensichtlich auf die Hofsitten der damaligen Zeit. Aber das war so langweilig. Ja.
Johannes Franke: Wirklich toll. William Goldman, oder wie heißt er? Ja, ich glaube auch. Muss ich einmal kurz gucken. Ich glaube... Lohnt sich auf jeden Fall. Das Hörbuch lohnt sich.
Florian Bayer: William Golding.
Johannes Franke: William Golding. Das Hörbuch lohnt sich, das Buch lohnt sich und der Film, den muss man eigentlich schon der Vollständigkeit gesehen haben.
Florian Bayer: Ja, das ist kein schlechter Film. Das ist ein guter Film. Auch tatsächlich toll besetzt teilweise. Eine ganz bekannte Schauspielerin ist dabei, die ich jetzt trotzdem schnell googeln muss. Der Film ist von 1987 und Hauptdarstellerin ist eine sehr junge Robin Wright, die man heutzutage vor allem aus House of Cards kennt. Krass. Die ist das? Und aus Forrest Gump kennt man sie auch. Da war sie auch noch relativ jung, als sie Forrest Gump gespielt hat. Aber das war ja 1995. Das muss ich gleich nochmal nachschauen. Eine super Schauspielerin. Tolle Schauspielerin. Wirklich. Großartig. Und Cary Elvis, Ulyss, ich weiß nicht genau, als der Held. Und den kennt man vor allem aus Robin Hood hält in den Strumpfhosen. Als Robin Hood. Okay. Aber der eigentliche Star des Films ist natürlich der, der die Rache macht. Und zwar Inigo Montoya, der gespielt wird von Mandy Patinkin, den man übrigens, glaube ich, Gar nicht kennt. Da, von wegen. Den man heute kennt als Darsteller. Und ich habe ihn nicht erkannt, als ich das damals geguckt habe. Ich sehe das jetzt zum ersten Mal live eine Bildungsliste schließen. Homeland. Homeland? Hast du Homeland gesehen? Ein bisschen. Da gibt es diesen alten, ihren Mentor.
Johannes Franke: Okay. Also bei mir klingelt es nicht wirklich, aber...
Florian Bayer: Die Protagonistin ist eine FBI-Agentin und ihr Mentor ist so ein bärtiger FBI-Direktor, der eigentlich immer im Hintergrund steht und irgendwas in seinen Bart reinuscht. Ich habe den nicht erkannt, als ich den in Homeland gesehen habe. Saul heißt der in Homeland. Okay. Ja, Princess Pride. Danke, dass du mich nochmal erinnert hast. Der Film ist nicht ganz so gut wie das Buch, aber auch der Film ist sehenswert. Auch der Film ist sehenswert. Schon. Durchaus. Meine Nummer zwei ist ein Teil zwischen zwei Filmen, die sich aufeinander beziehen und zwar nicht wirklich Original und Remake, aber zumindest verwandt. Und zwar die Jungfrauenquelle von Ingmar Bergmann aus dem Jahr 1960 und The Last House on the Left von Wes Craven aus dem Jahr 1972. Gleiche Geschichte, die auf einer alten Legende beruht. Ein Mädchen wird von Verbrechern vergewaltigt und getötet. Die Verbrecher landen im Haus der Familie. Die Familie, also Vater und Mutter, finden heraus, dass sie ihre Tochter getötet haben und rächen sich. Ingmar Bergmann erzählt das Ganze als sensibles, minimalistisches Drama, das ziemlich realistisch inszeniert ist und irgendwie trotzdem immer so ein bisschen den Hauch des Märchenhaften hat. Und Wes Craven macht daraus einen Exploitation-Horror-Schocker. Ja. Und es ist total spannend, diese beiden Filme parallel zu sehen, weil sie sehr unterschiedlich an das gleiche Thema rangehen und beide in ihrem Genre total sehenswerte Filme sind. Also die Jungfrauenquelle ist bestimmt nicht der beste Film von Bergmann, aber auf jeden Fall, wie alles von ihm, total sehenswert. Und es ist einfach spannend in diesem historischen Kontext, dass zwölf Jahre später, Jungfrauenquelle ist von 1960, Last House on the Left von 1972, zwölf Jahre später das Ganze nochmal als derber, dreckiger Horror-Thriller ohne irgendwelchen philosophischen, psychologischen Ballast erzählt wurde. Okay. Tolle Filme.
Johannes Franke: Cool. Mir fällt jetzt gerade eine Frage an dich. Wäre Parasite auch ein Rachefilm der Unterschicht gegen die Oberschicht?
Florian Bayer: Auf jeden Fall kann man so interpretieren. Habe ich noch nicht dran gedacht, aber ja. Fällt mir gerade so ein bisschen so auf. Definitiv, ja. Ja, also es ist so universell, weil wir sehen nicht, was die Oberschicht getan hat, um die Jahre zu verdienen, aber sehen später dann, wie die Oberschicht sich gegenüber der Unterschicht abwertend verhält. Genau. Und ganz witzig, dass du den nennst, weil es ist natürlich auch ein koreanischer Föhn.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Ich glaube, deswegen komme ich drauf. Spannend. Okay. Okay, das Feld ist weiter, als ich dachte. Mein Platz 1 ist Dead Man.
Florian Bayer: Oh, rächt der sich? Verdammt, das ist so lange her.
Johannes Franke: Ja, die Rache ist eigentlich gar nicht zentral groß, weil das zentrale Thema ist einfach nur Johnny Depp, wie er einen ganzen Film lang stirbt. Von der ersten Minute ist klar, der wird einfach dahin siechen. Aber warum er dann in der Gegend, in der Wildnis rumgeistert, ist eine Rache an ihm, weil er mit einer Frau schläft. Er kommt ja in diesem Dorf an, will seine Stelle antreten, die ihm versprochen wurde, die ist aber schon besetzt und er hat sein ganzes Geld dafür ausgegeben. Das heißt, er ist in dieser Stadt und weiß erstmal überhaupt nicht, was er machen soll und trifft auf diese eine Frau, mit der er dann irgendwie eine Nacht verbringt. Und dann kommt es zu irgendeinem Handgemenge und zu einem Schuss und er ist plötzlich ein Outlaw. Und der Typ, der ihn fangen will, das ist ein typisches Rache-Ding an Johnny Depp, der jemanden umgebracht hat, glaube ich, und mit seiner Frau geschlafen hat oder so. Ich weiß nicht mehr genau, welche Verhältnisse untereinander geherrscht haben. Ich kann mich da auch nicht mehr 100% dran ändern, solange ich den gesehen habe. Aber es ist ein total großartiger Film. Ich glaube, du hattest den auch schon mal in der Liste? Es kann sein, ja. Bei den Western hattest du den genannt, bei den Top 3 Western. Bei den Top 3 Rache-Western mit Johnny Depp. Ja, cooler Film, Jim Charmusch. Also, unglaublich toller Score, unglaublich tolle Bilder, unglaublich toll gespielt. Also, toller Film.
Florian Bayer: Ich bin total gespannt, ob du meine Nummer 1 gesehen hast, weil es ist durch und durch ein Johannes-Film. Oh, okay. Und ich habe tatsächlich einen Rache-Film gefunden, der nicht brutal ist und nicht düster ist und wo die Rache nicht in krasser Gewalt stattfindet. Und zwar einer meiner absoluten Lieblingsfilme überhaupt. Das Ding, der Clou aus dem Jahr 1973. Robert Redford.
Johannes Franke: Ja, ich habe den auch kurz überlegt, aber dann habe ich mich nicht richtig erinnert, ob das jetzt wirklich so ein Rache-Ding war.
Florian Bayer: Aber es geht die ganze Zeit darum, dass sie sich rächen. Aber sie rächen sich halt, sie sind halt kleine Ganoven. Ja. Sie sind keine Mörder. Und das heißt, sie rächen sich auf die Art, wie sich kleine Ganoven rächen. Sie machen einen Heist. Einen Kuh. Sie tricksen den, der ihren Freund umgebracht hat, den tricksen sie aus und erleichtern ihn um mehrere Millionen. Und das ist ein ganz klassischer Heist-Film eigentlich. Ja. Und er lebt so von dem Zusammenspiel von Paul Newman und Robert Redford, als die Rächer, als die kleinen Ganoven, die ein wirklich großes Ding drehen. Gerade Robert Redford ist auch so ein noch feucht, nicht noch grün hinter den Ohren. Grün hinter den Ohren, ja. Noch grün hinter den Ohren in diesem Film und lernt dann bei Paul Newman auch ganz viel. Und sie machen wirklich eine große Nummer durch mit ganz vielen Schauspielern. Und der Film nimmt sich ganz viel Zeit, die Vorbereitung dieses Kuhs zu zeigen. Und die Zuschauer auch teilweise auf eine falsche Fährte zu führen, wie das eben solche Heist-Filme gerne machen.
Johannes Franke: Fantastisch von vollem bis hin. Wirklich toller Film. Ich muss ihn einfach nochmal sehen. Ich habe den Soundtrack hier auf Platte. Ach, wie geil. Ja. Als ich mir einen Plattenspieler gekauft habe, noch gar nicht so lange her, habe ich gedacht, was brauche ich alles für Musiken auf Platte? Und da ist Bob Dylan dabei natürlich. Ja. Und da ist dieser Soundtrack dabei gewesen, dass ich gedacht habe, den muss ich auf Platte haben.
Florian Bayer: Oh, wie cool.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Das kann man machen. Schön, dass du ihn kennst und schön, dass du den Soundtrack hast. Weil ich finde, wenn du ihn jetzt nicht gekannt hättest, hätte ich gesagt, den musst du unbedingt sehen. Das ist so ein Film, der dir gefällt.
Johannes Franke: Ja, ja. Auf jeden Fall. Ich muss ihn auf jeden Fall auch wiedersehen. Weil ich glaube, der gehört zu den Filmen, die einfach nach ein paar Jahren nochmal was Neues bei mir auslösen. Weil er einfach so gut ist. Und so viele, auch als Filmemacher, ich als Filmemacher und ich als Schauspieler, glaube ich, wenn man sich eine Weile entwickelt hat, einen Film nochmal zu sehen, macht nochmal neue Sachen mit einem, finde ich.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall. Und der Film schafft das garantiert. Ja, schön. Okay. Das war die Liste, wa? Das war die Liste. Und ich glaube, wir sind auch bei Oldboy. Wir haben nicht über die Off-Stimme geredet. Das würde die ganze Zeit...
Florian Bayer: Der sehr, sehr geschwätzig ist und in sehr vielen inneren Monologen seine Befindlichkeiten und seine Gedanken mitteilt.
Johannes Franke: Der hält so ein bisschen den Film zusammen. Manchmal hat man ja so das Gefühl, dass man nicht so richtig weiß, wo man gerade ist. Und dann kommt die Off-Stimme und man kriegt wieder so ein bisschen so einen roten Faden in die Hand, wo man dann weiß, ah, okay, da bin ich jetzt. Und ich kann mich darauf verlassen, dass der mal wieder kommt und mich da ein bisschen durchführt.
Florian Bayer: Das Tolle ist ja tatsächlich, auch wenn man mal verloren ist in diesem Film, man kommt ziemlich schnell wieder rein. Einfach, weil der unglaublich immersiv ist, weil die Action einen einfach mitreißt, weil die Spannung einen einfach mitreißt und weil die Emotionen einen mitreißen. Das sind einfach große Emotionen. Das ist große Action. Das ist große Spannung. Das ist halt wirklich... Das ist eigentlich so... Eigentlich ist es ein koreanischer Blockbuster.
Johannes Franke: Krass, ne? Meine Güte. Ich habe so wenig von koreanischem Zeug. Das ist keine Aufforderung, Plur. Ich auch. Ich habe so wenig von koreanischem Kino. Und wenn ich das jetzt sehe und denke, okay, da lauern bestimmt ein paar Perlen, die ich unbedingt sehen sollte, die aber irgendwie so an mir vorbeigehen, weil es einfach nicht mein... Parasite war jetzt wegen den Oscars. Ja. So, okay.
Florian Bayer: Aber sonst? Tatsächlich habe ich, was koreanische Filme betrifft, auch riesige Bildungslücken. Und wenn ich sagen würde, was ist koreanisches Kino, dann würde mir auch als erstes Chan-Wook Park einfallen, den ich hier mit abgeklappert habe. Und also die anderen Filme von ihm sind auch sehenswert, aber das ist definitiv der leichteste Film von ihm.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Also die anderen beiden Filme der Rache-Trilogie, es gab ja einen Film davor, Sympathy for Mr. Wengans und danach Lady Wengans. Die sind beide auch sehenswert. Ja. Aber die sind anders, die sind zäher, die sind weniger experimentierfreudig, weniger mit so Spaß dabei. Okay. Und das sind nicht unbedingt die Filme, die man guckt, um zu sagen, ach krass, da ist mir eine ganze Welt entgangen. Weil wenn man Oldboy gesehen hat, dann hat man einfach den Besten von diesen drei gesehen. Und das nicht nur, weil er stärkere westliche Ausrichtung hat, sondern einfach, weil er der Beste ist, weil er der stringenteste ist von der Geschichte, weil er der experimentierfreudigste ist von den Bildern. Genau, Bong Joon-ho heißt der Regisseur von Parasite und der hat davor auch einige gute Filme gemacht, also Snowpiercer, aber halt auch westlich orientierte Filme. Ja, stimmt. Snowpiercer ist eigentlich ein amerikanischer Film. Ja. Und sonst würde ich sagen, ist mein koreanisches Filmwissen, ich bin gerade so ein bisschen am durchscrollen, ach ja, einzelne Filme halt, aber jetzt auch nichts, wo ich sagen würde, oh, ich kenne die drei großen koreanischen Regisseure oder Regisseurinnen, die ich jetzt empfehlen würde. Hm. Das ist so ein bisschen schade und es gibt bestimmt eins. Oh, ich bin enttäuscht. Ja, ich bin auch von mir total enttäuscht gerade. Ah, Train to, ja, so Genrefilme tatsächlich, Train to Busan, das ist ein Zombie-Film, der war super. The Host, der ist auch von dem Parasite-Regisseur. Ja, wenn ich mir die erfolgreichsten koreanischen Filme angucke, dann kenne ich da drei, vier Filme davon und das sind die, über die wir gerade geredet haben. Das ist schade. Damn. Also, Bildungslücken schließen, mehr mit koreanischem Kino auseinandersetzen. Das könnte vielleicht so ein bisschen eine Konklusion dieser Folge sein.
Johannes Franke: Ja. Spannend auf jeden Fall. Also guckt ihn euch an, bildet euch selbst euer Urteil, wie weit er in die europäischen Sehgewohnheiten hineinkommt und euch überzeugen kann. Oder ob er doch noch zu sehr im koreanischen hängt oder ob er euch zu wenig im koreanischen hängt, weil er denkt, wenn ihr schon einen koreanischen Film guckt, dann aber bitte richtig. Ich weiß nicht, ob dieser Regisseur irgendwie in Kritik gerät im eigenen Land, weil er sich zu sehr von der eigenen Kultur und Tradition entfernt. Keine Ahnung. Ich kenne mich damit natürlich noch weniger aus, als sowieso schon.
Florian Bayer: Also die südkoreanische Gesellschaft ist natürlich sehr stark westlich geprägt. Wahrscheinlich neben Japan, das Land, was am stärksten von westlicher Kultur beeinflusst ist, würde ich behaupten. Ich habe jetzt doch noch einen Regisseur gefunden. Okay. Kim Ki-Dook. Ach der. Und das ist wirklich hartes Kino. Also das ist auch schwer zu konsumieren, das Kino, weil sein Twist ist, er macht immer so sehr langsame Filme. Okay. Wo 80 Minuten gar nichts passiert. Ui. Und dann ist es 5 Minuten reiner Schmerz. Also, Seom, die Insel zum Beispiel aus dem Jahr 2000 ist von ihm. Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling. Und war es das schon? Also, der hat ganz viel gedreht, aber das sind die zwei Filme, die ich kenne von ihm. Das ist ein spannender Regisseur, aber das ist dann tatsächlich schwierig. Ich habe auch nicht mehr so gute Erinnerungen, gerade an den Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling. Ich weiß nur, dass die unglaublich langsam waren, die Filme. Und dass das eine Langsamkeit war, mit der ich mich auch schwer getan habe. Selbst du, ja.
Johannes Franke: Nun gut, wollen wir dann diesen Teil des Podcasts beerdigen und uns in den nächsten Teil beerdigen?
Florian Bayer: So, wir gehen jetzt raus aus Korea und wir werden jetzt sehr amerikanisch. Also, amerikanischer geht es eigentlich nicht.
Johannes Franke: Ja, das stimmt fast. Obwohl, obwohl nicht Amerika im Sinne von Blockbuster-Amerika. Nein, nein. Dafür ist der Film zu anders. Nicht der Film, sondern sein Protagonist.
Florian Bayer: Sein Protagonist. Bob Dylan gehört zu Amerika wie Burger und Pancakes.
Johannes Franke: Ja, dann lass uns eine Pause machen und dann in Bob Dylan einsteigen.
Florian Bayer: Ja, vielen Dank, dass du den Film geschaut hast und schön, dass er dich auch bewegt hat.
Johannes Franke: Ja, vielen Dank für den Vorschlag. Es war wirklich ein kurzweiliges Erlebnis, auch wenn man nicht immer mitgekommen ist. Aber es war wirklich gut und gut erklärt am Ende und dadurch auch sehr rund. Vielen Dank. Bis gleich. Bis gleich. Ich habe das Gefühl, wir haben uns was zugemutet. Flor, ich habe uns in die Scheiße geritten. Wir sind ganz schön, also, willkommen zurück, liebe Zuhörer. Wir haben gerade eine Pause hinter uns, in der wir nochmal versucht haben, unsere Top-Teil zu klären und auch festgestellt haben, dass wir mit diesem Film echt einen riesen Berg vor uns haben. Uff. Ja. Brace yourself, schnallt euch an. Wir werden einen Berg besteigen und grandios dann scheitern.
Florian Bayer: Es gibt so einen Gag bei Gilmore Girls, daran muss ich eigentlich immer denken, wenn ich mich mit Bob Dylan auseinandersetze. Egal, die Protagonistin trifft einen jungen Mann, der offensichtlich Bob Dylan-Fan ist, weil er überall Bob Dylan-Poster hängen hat. Okay. Und sie sagt so, oh, Bob Dylan. Und er sagt so, oh, wow, ja, Bob Dylan, ich mag den total. Und wie findest du ihn? Und sie so, ja, wahrscheinlich besser, auch wenn ich ihn mag. Und dann erzählt er so, ja, ich habe mich total viel mit Bob Dylan beschäftigt. Ich höre den rauf und runter und er ist total toll. Und sie fragt so, und hast du ihn verstanden? Und er sagt, witzig.
Johannes Franke: Sehr gut. Sehr gut. Es geht um den Film I'm Not There aus dem Jahre 2007. Und dieser Film ist eine Art Biopic. Aber wenn man einen Biopic erwartet, dann hat man nicht den Film, den man möchte. Ich werde einfach mal in diesen Film einführen mit einem kleinen Text, der wirklich auch relativ klein bleibt, weil der Rest muss sich im Gespräch ergeben. Wenn ihr ihn noch nicht gesehen habt, vielleicht ist es fast besser, wenn ihr einmal pausiert, diesen Film guckt, um dann mit einzusteigen. Das wäre, glaube ich, bei dem Film besonders los. Ja, ich glaube, das gilt generell bei unseren Filmen. Guckt euch die Filme vorher an. Ja. Also ich meine, es ist natürlich auch schön, einfach durch unsere Gespräche darauf aufmerksam gemacht zu werden und irgendwie zu sagen, okay, der klingt spannend, den will ich mal sehen. Aber bei diesem Film, gerade bei diesem Film, vorher gucken. Ja. Filmeempfehlung, schaut euch I'm Not There an. Genau. Und ich führe einmal in den Film ein. Sechs Schauspieler spielen Bob Dylan. Was für ein genialer Move. Bob Dylan scheint sich einer allgemeingültigen Charakterisierung einfach zu entziehen. Immer wenn man glaubt, jetzt habe ich ihn verstanden, entgleitet er einem wie ein glitschiger Fisch. Entsprechend entgleitet einem dieser Film immer wieder. Wo sind wir gerade? Hat er das eben gerade wirklich gesagt? Wie tot. Bob Dylan lebt doch. Typische Gedanken beim Gucken dieses Films, der sich nicht streng an biografische Wahrheiten hält, sondern sich an das Gefühl seiner Musik, seiner Zeit, den Protest, die Religion, den Drogenrausch und das undurchsichtige Ego Bob Dylans heranrobbt. Aber haben wir Bob Dylan am Ende verstanden? Was meinst du, Plur? Witzig.
Florian Bayer: Ja, kurz was zu meiner Historie mit diesem Film. Ja. Ich habe den wahrscheinlich so 2009, 2010 zum ersten Mal geguckt. Also definitiv nicht im Kino gesehen, aber dann irgendwie als DVD-Veröffentlichung. Ja. Als es noch sowas wie Videotheken gab. Ja.
Johannes Franke: Das könnte auch mit meinem übereinstimmen ungefähr.
Florian Bayer: Und ich war damals kein Bob Dylan-Fan. Also kein großer Bob Dylan-Fan. Natürlich wusste ich irgendwie, es gibt diese Figur Bob Dylan und ich kannte Lieder von ihm und ich mochte auch Lieder von ihm. Aber es war jetzt nicht so, dass ich war, wow, Bob Dylan, Gottfader of, was eigentlich? Songwriter, Rock'n'Roll, Country. Und dann habe ich diesen Film gesehen und ich saß da die ganze Zeit so ein bisschen wie Huma Simpson vor Twin Peaks. Ich verstehe nicht, was da passiert, aber es ist toll. Schön. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damals dann auch einmal das gemacht habe, was ich jetzt wieder gemacht habe, Wikipedia aufzurufen und zu sagen, okay, Film, was willst du mir eigentlich über Bob Dylan sagen? Und wenn man sich mit Bob Dylan nicht auseinandergesetzt hat, wenn man den Film verstehen will, geht es nicht ohne Anleitung. Weil wir haben diese sechs Persona von Dylan.
Johannes Franke: Soll ich dir einmal vorstellen, einmal die Figuren? Hau raus. Willst du sie auch gleich einordnen? Oh, oh, oh, spannend. Also wir hätten da sechs Schauspieler. Das erste wäre, es gibt ja keine Reihenfolge, Christian Bale. Bob Dylan bekommt in diesem Film mehrere Namen, also verschiedene Figuren, die seine Phasen im Leben oder Teile seines Charakters oder Teile seiner Musik symbolisieren sollen. Und Christian Bale spielt Jack Rollins, Schrägstrich Pastor John, weil Bob Dylan ja irgendwann zur Religion gekommen ist. Und diese Phase soll sozusagen Jack Rollins einmal um, ja, einmal um, weiß ich, was soll es? Fehlen die Worte. Aber sehr spannend, weil durch Christian Bale dieser Übergang von einem Bob Dylan, der eigentlich als Jude geboren ist, dann ins Christentum wechselt. Was der Film nicht besonders deskriptiv erzählt, ne? Also, es passiert halt irgendwie und du bist plötzlich da reingeworfen, dass er religiöse Züge an sich hat.
Florian Bayer: Aber dann ist es auch voll auf die Fresse. Aber voll auf die Fresse. Er taucht unter, er verschwindet nach einem Unfall. Bob Dylan hatte übrigens auch einen Unfall in den 60ern. Ja, genau. Und dann ist er halt einfach weg. Das war bei Bob Dylan nicht so der Fall. Der hat dann halt weiter Musik gemacht, aber halt so mit Pause. Und dann ist er plötzlich Priester. Und Bob Dylan hatte tatsächlich eine Phase, die die religiöse Phase genannt wird. Und die war fast nicht ertragen, muss ich sagen, für meine Begriffe. Wir müssen gleich auch kurz zu Bob Dylan kommen. Ich finde es sau witzig, was dieser Film mit Bob Dylan macht. Aber stell erst mal die Charaktere vor.
Johannes Franke: Genau. Das ist Nummer eins. Nummer zwei wäre dann... Marcus Carl Franklin als Woody, wird Woody genannt. Woody ist referiert auf Woody Guthrie, wie auch immer der ausgesprochen wird. Ist einfach ein Folk-Singer, den Bob Dylan verehrt hat. Er wird The Fake genannt, ne?
Florian Bayer: The Fake? Ja. Okay. Weil er quasi vorgibt, Woody zu sein, obwohl er nicht Woody ist. Und das war so... Ach, wie schön. Der frühe Bob Dylan halt, der sich total inspirieren ließ von klassischem Folk. Sein erstes Album waren nur Traditionals, einfach nur Cover-Version.
Johannes Franke: Und in dem Film wird das schön einmal symbolisiert, indem er von einer Frau, wo er gerade zu Besuch ist bei der Familie, wo die Frau, die Mutter der Familie, dann einmal ihm den Kopf fescht und sagt, mach deine eigene, rede bitte über deine eigene Zeit und nicht irgendwie längst vergangene Sachen, die nicht deine Generation sind. Und das war ein toller Einfall. Das ist so garantiert nicht passiert in der Form, aber einfach ein toller Einfall. Und was ich eben toll finde, Marcus Carl Franklin ist, also der Schauspieler ist wahrscheinlich ein bisschen älter, aber die Figur soll elf sein oder vielleicht ein bisschen älter. Es ist einfach ein Kind, der einfach den jungen Bob Dylan, wahrscheinlich nicht den elfjährigen Bob Dylan, aber zumindest den frühen Bob Dylan einmal darstellen soll.
Florian Bayer: Den Bob Dylan, der noch dabei ist, sich selbst zu finden und der das macht, indem er halt seine Vorbilder kopiert. Also gerade dieses Ding auch mit der Gitarre, auf der steht, jetzt brauche ich das Zitat, sonst zitiere ich es falsch, diese This Machine Kills Fascists. Und das war tatsächlich der Bob Dylan, der späten 50er und frühen 60er Jahre als Folk ganz groß wurde und Folk so langsam auch angefangen hat, politische Themen aufzugreifen.
Johannes Franke: Ja, ja. Und das hat er halt, da ist er voll mit rein in diese Phase. Nummer drei wäre dann, sagen wir mal Heath Ledger, der als Robbie Clark einen Schauspieler spielt, der Jack Rowlands wiederum spielen soll. Den Pastor. Den, genau, den Pastor, den ja wiederum Christian Bale spielt. Wenn ich das richtig verstanden habe, das habe ich nämlich nicht nochmal recherchiert, hat Bob Dylan tatsächlich in einem Film irgendwo gespielt. Hat er das? Ich glaube, in diesem Pat Garrett und Billy Will Kitt Film, da hat er zumindest die Musik gemacht.
Florian Bayer: Ah, da hat er noch eine Rolle gespielt. Doch, doch, da hat er noch eine Rolle gespielt. Aber ich, also der Schauspieler referiert wohl vor allem, ich gebe hier auch übrigens nur Recherchergebnisse wieder. Ja. Mein Bob Dylan-Wissen hat sich in den letzten Tagen sehr vergrößert. Um das Tausendfache. Diese introspektive Phase von Bob Dylan, weil tatsächlich wird die Geschichte des Schauspielers beschäftigt sich vor allem mit seiner gescheiterten Ehe und mit seiner Beziehung zu seinen Kindern. Und es gab von Bob Dylan in den 70ern eine Phase, in der er sehr introspektive Songs geschrieben hat und sich sehr mit der Beziehung zu seiner Frau und zu seiner besten Freundin in seinen Liedern auseinandergesetzt hat. Und offensichtlich ist das die Phase, auf die diese Figur referieren soll. Weil das ist tatsächlich die einzige Figur, in der es weniger um die Kunst geht und mehr um das persönliche Leben. Es geht eigentlich nur um das persönliche Leben von diesem Menschen. Ja.
Johannes Franke: Was ich sehr schön finde, weil zum Beispiel es diese Szene gibt, wo er mit seiner Freundin in der Stadt rumläuft, so ein bisschen rumalbert. Und das so ein bisschen auf das Album-Cover referiert von Free Willen. Ja, genau. Free Willen Bob Dylan.
Florian Bayer: Genau. Sue Srotolo war die Frau, mit der er da auf dem Cover abgebildet war, die seine beste Freundin war und mit der er sich aber wohl teilweise entfremdet hat. Und sie war auch seine Freundin tatsächlich, aber sie war nicht seine Frau. Seine Frau war nochmal eine andere. Und ich glaube, es gibt eine ganze Ecke an Musikkritikerinnen, die sich damit beschäftigen, zu entschlüsseln, wen Bob Dylan in Songs wie Idiot Wind meint, auf wen er da referiert. Referierte der auf seine Freundin, referierte der auf seine Frau und die beiden Rollen werden in dem Film einfach mal zusammengeworfen. Ja, es gibt keinen hier und dort mehr, sondern es ist halt alles eins. Bob Dylans Ärger mit den Frauen, also vor allem mit Susan Rotolo und mit Sarah Dillon, wird einfach mal in eine Geschichte gepackt. Es gibt diese eine Frau.
Johannes Franke: Und ich finde es sehr wunderschön dargestellt. Aber lass uns das mal weiter aufschlüsseln. Wir haben Heath Thatcher jetzt gehabt. Dann gibt es eine ganz von außen aufgestülpte Interview-Reihe mit Ben Whishaw, der Arthur Rimbaud spielt.
Florian Bayer: Arthur Rimbaud. Das war ein französischer Punkt.
Johannes Franke: Arthur Rimbaud.
Florian Bayer: Ein ganz toller übrigens, einer der großen Symbolisten und Surrealisten des 19. Jahrhunderts. Genau. Das hätte ich jetzt nicht besser sagen können. Ich wusste das natürlich, Floor. Ein Wegbereiter der Moderne, der hat wirklich tolle Gedichte geschrieben.
Johannes Franke: Also er scheint ein großer Fan von Arthur, von Arthur Rimbaud gewesen sein. Lest Rimbaud. Okay. Lest, lest. Hauptsache, ihr lest. Dann hätten wir noch Richard Gere, der als Billy the Kid, Billy the Fucking Kid, irgendwie, ja, da in der Gegend rumläuft, als älterer Bob Dylan.
Florian Bayer: Ja, das ist definitiv das Spätwerk, was da verkörpert wird.
Johannes Franke: Der da im Zurückgezogen irgendwo im Nirgendwo lebt.
Florian Bayer: Ende der 90er hatte Bob Dylan, Mitte der 90er hatte Bob Dylan ein großes Comeback, so im Zuge von so einem kleinen Folk- und Songwriter-Revival zusammen mit Johnny Cash eigentlich. Da haben die plötzlich ihre Alterswerke vorgelegt, wo sie wieder so ein bisschen einen Rückgriff hatten auf das, was sie früher gemacht haben. Und gleichzeitig so ganz in sich gekehrt ein bisschen auch die alten Zeiten besungen haben. Und in der Zeit sind wirklich starke Bob Dylan-Alben nochmal entstanden, auch Anfang der 2000er. Offensichtlich soll das darauf referieren, auf diese Zeit.
Johannes Franke: Und dann hätten wir, ich hab's mit dem Schluss aufgehoben, Cate Blanchett. Cate fucking Blanchett als Bob Dylan. Wie krass ist das denn? Die Figur heißt hier Jude Quinn. Das absolute Highlight dieses Films.
Florian Bayer: Jude Quinn, der in der geilsten Szene des ganzen Films ein traditionelles Folkpublikum zusammen mit seiner Band mit Maschinengewehren niedermäht.
Johannes Franke: Es ist unglaublich geil. Oh mein Gott.
Florian Bayer: Das ist eigentlich die eindeutigste Referenz auf die Zeit, als Bob Dylan angefangen hat, zu sagen, so, ich hab jetzt eine Band und ich mach jetzt Rock'n'Roll und ich drehe jetzt die Verstärker auf. Und ihr könnt mich mal püppeltuten. Und die Folk-Fans ausgerastet sind und gesagt haben, das geht nicht, das ist keine Musik mehr. Vor allem, weil das ja auch nicht mit Ankündigung, sondern einfach so, so und jetzt mach ich mal die E-Gitarre. Turn it down! Turn it down! Und er schmettert Maggys Farm darunter und es ist einfach nur grandios. Und ja, okay. Sagen wir es einfach mal rundheraus, Cate Blanchett ist der Star des Films. Und sie ist, was für eine geile Bob Dylan-Verkammerung.
Johannes Franke: Wahnsinn, oder? Überhaupt die Idee, eine Frau diesen Teil spielen zu lassen, war natürlich genial. Und du könntest dann jede Schauspielerin hinstellen und man würde sagen, oh, ah, aber bei Cate Blanchett sagst du nicht nur oh, ah, sondern du sagst oh my fucking God. Und das war die Offenbarung schlechthin.
Florian Bayer: She nails it. Und sowas von. Wahnsinn. Sie ist einfach, sie, sie, also was Dylans Bühnenattitüde betrifft, nicht nur zu der Zeit, sondern eigentlich so die gesamten 60er und 70er Jahre. Diese Mischung aus Arroganz, Punkattitüde, Rotzigkeit, ihr könnt mich alle malen und ich hab jetzt hier einfach meinen Spaß. Ja. Sie trifft es perfekt. Wahnsinn.
Johannes Franke: Ich bin, ich war so, also mit offenem Mund sitzt man davor und denkt sich, what the fuck, wie macht die das? Krass.
Florian Bayer: Und jetzt ganz, ganz kurz nochmal zu der Dillen-Referenz zu kommen. Ja. Zwei Punkte muss ich unbedingt sagen. Ja. Also eins ist, ich liebe den Film dafür, dass er ein Künstler-Biopic erzählt, dass es ihm scheißegal ist, wie Dillen gelebt hat oder dass es nur zweitrangig ist. Er will erzählen, wie er sich künstlerisch ausgedrückt hat, wie seine Person auf der Bühne war, wie er in der Öffentlichkeit stand. Es geht nicht um den Menschen dahinter, sondern es geht wirklich um die Kunst. Das ist kein Gossip. Es ist nicht so, hier wird das Leben eines Menschen ausgebreitet für die Öffentlichkeit, sondern das ist der Mensch in der Kunst. Das ist die Kunst, das ist die Kunstfigur Dillen. Ja. Und das gelingt ihm perfekt, indem er diese krass überzeichnenden Charaktere auch hat, die immer so ein bisschen, ein bisschen Griff auf das Leben von Dillen haben, aber eigentlich ein eigenes Leben haben. So wie seine Alben, die natürlich Persönliches drin hatten, aber gleichzeitig eben Kunstwerke waren.
Johannes Franke: Ja. Und der Regisseur war, hatte wirklich, der war abhängig davon, dass Bob Dillen selbst natürlich das Okay gibt. Ja. Und dann hat er ihm so eine Seite geschickt mit seinem Konzept, so seiner Idee davon, wie es sein soll und hat ihm schon von vornherein sozusagen gesagt, ich will keine stringente Handlung erzählen. Ich will einfach alles mögliche da reinhauen, was so, ich lese mal ganz kurz einen Satz wenigstens vor. Also, the structure of such a film would be, would have to be a fractured one, with numerous openings and multitudes of voices. Imagine a film splintered between seven separate faces. Old men, young men, women, children, each standing in four spaces in a single life. Ähm, und ich glaube, das hat einfach Bob Dillen, da hat jemand so ein kleines bisschen Bob Dillen verstanden. Und verstanden, wie man auf Bob Dillen zugehen muss, damit der das Okay gibt. Und Dillen hat nicht nur sein Okay gegeben, der mochte den Film auch, ne? Das war toll, äh, äh, das kann ich auch nochmal vorlesen. Äh, er wurde gefragt, wie er den Film denn am eigentlich fand am Ende. 2012, ne, vom Rolling Stone, hast du das Zitat? Ja, genau, genau. Bitte? Ähm, und er sagt, yeah, I thought it was alright. Do you think that the director was worried that people would understand it or not? I don't think he cared one bit. I just think he wanted to make a good movie. I thought it looked good. And those actors were incredible. Perfekt, ja. Und, und viel besser kannst du von Bob Dillen, also mehr Preis kriegst du nicht von Bob Dillen.
Florian Bayer: Und, ja, unglaublich. Geil. Kommen wir zum zweiten Punkt, zu dem ich noch was sagen wollte, zur Struktur. Er geht auf die künstlerischen Werke ein, ne? Er zeigt eine künstlerische Struktur und zwar behandelt er die Folkphase, indem er mit Woody, das heißt so die frühen 60er, Dillen macht Traditionals und Folks, fängt dann an seine eigenen Songs zu, seine eigenen Stücke zu schreiben. Dann kommt er mit Jude auf die Rockphase, das ist die mittleren 60er, Bring It All Home, Highway 61, Revisited. Und dann kommt dieser lang, dann kommt schon dieser Übergang zur Countryphase, den er am ehesten wahrscheinlich so ein bisschen mit dem Pastor trifft, aber dann wird es schon schwierig. Dann war es schwierig, ja. Machen wir kurz einen Cut, dann kommen wir ganz klar zu dieser introspektiven Rockphase, die er hatte mit Blood on the Tracks und Planet Waves zu seinem Motorradunfall, das wird verkörpert durch den Schauspieler. Und dann haben wir diese christliche Periode durch Vater John, das ist schon, jetzt sind wir in den 70ern, Ende der 70er, Street Legal, Gospel und Spiritual fließen ein in die Musik. Und dann dachte ich, okay, aber, dann kommt plötzlich, sind wir plötzlich in den End-90ern und wir haben den alten Dillen. Dazwischen gab es doch Musik. Lass uns mal da drauf gucken. Warum kommen die 80er nicht? Ich kenne mich mit 80ern Bob Dillen nicht aus. Ich weiß, ich habe Oh Mercy ein bisschen gehört und fand es ganz nett. Lass uns doch mal reinhören. Und dann habe ich mal Empire Burlesque angemacht aus dem Jahr 1985. Das am schlechtesten bewertete Album von Bob Dill. Zurecht, zurecht. Und dann habe ich das gehört und dachte, ah, deswegen verzichten sie da drauf. Hier findet ganz klar, ganz eindeutig eine Biografiereinigung statt. Weil die sagen so, okay, das Country-Genudel aus den 60ern, ich sage es jetzt mal so ein bisschen hart, das nicht so schlecht ist. Ja. Aber, ach ja, weg damit, brauchen wir nicht. Sagt nicht viel über Bob Dillen aus. Da hat er halt mit Johnny Cash ein bisschen was zusammen gemacht. Er war vom Nashville-Sound beeinflusst. Er hat halt mal Country gemacht. Interessiert uns nicht. 80er. Okay, da hat er plötzlich ein bisschen Pop und ein bisschen Funk und New Wave. Und oh Gott, ist das schrecklich. Das interessiert uns auch nicht. Lass uns einfach diese Phasen überspringen. Wir wollen uns an den Bob Dillen halten, der tatsächlich gelobt ist. Und wenn man die Alben hört, dann, ja, wie du sagtest, dann weiß man auch warum. Heute Morgen habe ich zum Frühstück Empire Burlesque gehört. Oder gestern Morgen. Und ich war wirklich geschockt, wie schlecht das ist.
Johannes Franke: Ja, ja. Wow. Ich habe es auch extra nochmal reingehört. Und da hat er auch gedacht, oh mein Gott, nein. Bob Dillen hat echt schlechte Alben gemacht.
Florian Bayer: Ja. Und der Film sagt halt, nee, keine Lust.
Johannes Franke: Lass uns darauf verzichten. Aber es gibt, es gab ja noch eine Figur. Die wollten noch eine Figur machen. Die hieß Charlie. Und was sollte das sein? Und die war angelegt an Charlie Chaplin. Wow. Aber ich weiß nicht, welche Phase das darstellen sollte. Aber ich weiß nicht, welche Phase das darstellen sollte.
Florian Bayer: Ich hätte tatsächlich so ein Retrospektiv. Ich hätte eigentlich gerne, ich hätte gerne was aus der Phase gesehen. Ja. Ich hätte es total spannend gefunden und sich dann auch tatsächlich damit auseinanderzusetzen. Wo hat es denn ein bisschen gehapert? Weil Bob Dillen ist oft gestolpert. Es wird ja auch Bob Dillen oft nachgesagt, dass er der Musiker ist, der die meisten Comebacks hatte. Weil er immer Phasen hatte, wo die Kritiker gesagt haben, was ist denn das für ein Scheiß? Ja, ja. Und ich hätte es total spannend gefunden, ihn auch mal stolpernd zu sehen. Ja. Diesen Bob Dillen, der halt irgendwie versucht, nochmal sich neu zu erfinden. Der sagt, okay, ich bin jetzt durch mit dem Christlichen. Ich mache jetzt einfach mal ein bisschen 80er-Funk und ein bisschen Party. Und wo alle sagen, das stinkt. Ja. Hätte ich gerne. Ich hätte gerne eine Episode. Ich muss die Alben nicht nochmal hören. Empire Burlesque habe ich wahrscheinlich zum, habe ich zweimal gehört, zum ersten und letzten Mal. Ja. Und, aber ich hätte gerne, ich hätte es interessant gefunden, dass der Film sich damit auch auseinandersetzt, aber irgendwie war er dann doch zu sehr. Er ist zu sehr Fan von Bob Dillen. Fan zu sein, genau. Ja, genau. Es ist ein Fan-Movie und es ist auch ganz klar ein Film von einem Fan für Fans. Ja. Und deswegen nochmal, um auf den Anfang zurückzukommen. Ja. Wenn man kein Bob Dillen-Fan ist, braucht man eigentlich eine Anleitung für diesen Film, weil man weiß nicht, welche Phasen da besprochen werden, worauf referiert wird. Man verpasst es eigentlich.
Johannes Franke: Du hast es jetzt so einsortiert, du hast jetzt gesagt, das und dann das und dann kommt der Schauspieler und dann, aber das stimmt ja gar nicht. Nein, es geht kreuz und quer. Und es geht kreuz und quer und dann hast du den Schauspieler wieder und den Schauspieler wieder und es ist nicht nur so, dass die Schauspieler untereinander wechseln und du im Film in den Zeitnebenen hinterspringst, sondern es ist auch noch so, dass der Motorradunfall sowohl mit Heath Ledger, glaube ich, als auch mit Jude Quinn, also mit Cate Blanchett besprochen wird. Ja. Cate Blanchett liegt ja dann tot da. Oh. Das ist ja der Motorradunfall und das wird aber auch nicht genau so erzählt, das muss man sich dann auch durch Wikipedia nochmal erschließen, aber das heißt, mehrere Figuren behandeln auch noch ungefähr das gleiche Thema, bloß eben aus einer anderen Perspektive von Cocktailen.
Florian Bayer: Das Witzige ist, am Anfang kriegt es der Film eigentlich noch ganz gut hin, wirklich eine stringente Struktur zu haben und zwar, er stellt uns eine Person vor und zeigt von dieser Person einen längeren Abschnitt, sagen wir so 10 Minuten. Ja, Woody zum Beispiel. Springt zur nächsten Person, zeigt von dieser, genau, mit Woody fängt der Film an, springt zur nächsten Person, zeigt uns von dieser Film von dieser 10 Minuten und springt wieder kurz zurück zu Woody, bringt die nächste Person, die kriegt wieder 10 Minuten und dann wird zu den anderen beiden wieder zurückgesprungen, also quasi, er setzt immer wieder so zwei frühere Geschichten drauf. Genau, ja.
Johannes Franke: Es macht so viel Spaß, es macht wahnsinnig Spaß.
Florian Bayer: Es ist so ein unterhaltsamer Film. Das Krasse ist ja, dass der wirklich experimentell erzählt ist und trotzdem sau unterhaltsam ist.
Johannes Franke: Ja, das ist spannend. Ich muss dazu sagen, ich glaube, Cate Blanchett hat so einen großen Anteil daran. Ich weiß nicht ganz genau, wie der Film geworden wäre, wenn es nicht Cate Blanchett gewesen wäre, weil Cate Blanchett immer wieder auftaucht. Sobald sie das erste Mal auftaucht, kann man sich immer wieder an ihr festhalten, wenn sie wieder auftaucht und hat so ein Gefühl für Bob Dylan, dass, ja, ich weiß nicht, sie macht das so wahnsinnig gut.
Florian Bayer: Das sind so wundervolle Szenen, wenn sie mit den Beatles spielt. Es ist so witzig. Wir sind an diesem Filmset und dann sehen wir wie ein Kindergarten die Beatles und Bob Dylan, die sie auf dem Boden rumtoben und sie machen sogar so Kindergeräusche.
Johannes Franke: Das ist halt beschleunigtes Audio. Genauso wie der Film beschleunigt ist und die da einfach in der Gegend rumbrennen. Aber es ist so geil und es passt so. Das ist eine Referenz auf irgendeine Doku, die sie mal gedreht haben.
Florian Bayer: Ja, die haben sich ja auch verstanden. Die haben sich ja auch gegenseitig beeinflusst. Also die Beatles haben immer mal wieder gesagt, dass sie von Bob Dylan beeinflusst sind und Bob Dylan war dann auch von Beatles beeinflusst und so ein Hin und Her. Und es ist aber so eine geile Szene, weil das so witzig ist, wie sie da rumtollen und rumspielt. Wie so alberne Kinder. Das ist so super gemacht. Und es ist nur ganz kurz, aber es bleibt so hängen.
Johannes Franke: Und das Geile ist, dann geht Bob Dylan nach vorne mit einem Interview und im Hintergrund rennen nochmal so Scharen von Mädchen hinter den Beatles her und kreischen. Ganz tolle Szene, wirklich toll.
Florian Bayer: Und ich liebe einfach, also wenn Jude Gwynn, wenn Cate Blanchett zum ersten Mal auftritt, sie rockt es einfach so weg. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie tritt auf die Bühne, sie ballern das Publikum nieder und dann läuft Maggies Farm an, was sowieso einer der geilsten Bob Dylan Songs überhaupt ist. Und verstärkt und man sieht, was wohl tatsächlich wirklich passiert ist, dass Leute Bob Dylan ausgebucht haben, dass sie versucht haben, die Soundanlage kaputt zu machen, dass sie geschrien haben, er soll es runterdrehen. Das ist zu sehr verstärkt. Und es ist so eine fantastische Szene, wie Cate Blanchett auf der Bühne steht und dem Publikum einfach mal Rock'n'Roll entgegen er spuckt.
Johannes Franke: Ja, und auch wirklich mit dieser rotzigen Haltung. Wahnsinn, wahnsinnig gut. Und ich freue mich darüber, dass der Film diese Szene nicht so im Studio aufgenommen klingen lässt, wie das oft so Filme machen, die dann irgendwie Musik aus dem Album irgendwie drüberlegen. Und es klingt echt rotzig in dem Moment. Es klingt halt echt wie über Boxen ganz schlecht in die Masse gebrüllt. Und da versteht man ein kleines bisschen, dass die Leute erstmal ein bisschen... Aber es ist so schön, es ist so geil. Man hat so das Gefühl von, das ist so der Ursprung von Rock'n'Roll, so das, was ich will. Das, was ich davon haben will, dieses Rotzige und dieses Dreckige.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich auch so geil, weil ich, wie gesagt, ich bin spät zu Bob Dylan gekommen und aber für mich ist so ein ganz wesentlicher Moment, warum ich Bob Dylan angefangen habe, wirklich zu lieben. Ich habe das immer mal wieder gemacht, so Album durchgehört und so das und das und dann, als ich zum ersten Mal Bringing It All Back Home gehört habe, wo der Eröffnungssong Maggie's Farm ist. Und wenn du davor irgendwie so die anderen Sachen gehört hast, die so ein bisschen folkiger sind, also ich meine, ich habe davor auch andere rockige Sachen von ihm gehört, aber dieses Album beginnt nochmal so als ein Schlag in die Fresse, weil es einfach wirklich mit diesen Rock-Tunes anfängt und das bläst dich weg. Weil du rechnest nicht damit, du rechnest damit, dass selbst bei seinen rockigeren Sachen fängt Dylan immer schon so ein bisschen gediegen an und wir haben die Akustik-Gitarre irgendwie und die ist auch rauszuhören. Aber das ist einfach mal so, das fetzt. Ja. Das ist einer der Momente, die mich dazu gebracht haben, wirklich mich in Dylan auch zu verlieben. Dieser Anfang. Und sie haben es so perfekt auf die Bühne gesetzt. Es ist so was Persönliches jetzt, weil es wirklich dieses Gefühl, wie sie die Leute erschießen, wie sie die Folkiger, das, ich habe mich nicht erschossen gefühlt. Ich meine, ich habe Metal gehört und sowas. Ja, genau. Aber trotzdem, es war trotzdem so ein Gefühl, so dieses, da kriegst du was in die Fresse rein und es funktioniert so gut.
Johannes Franke: Und, aber das hat was mit dem Kontext zu tun, oder? Mit dem Kontext der Zeit und dem Kontext von Bob Dylan. Weil wenn du, du hast ja nur Metal und ich auch und man hat, man kennt viel Musik, die viel mehr auf der Fresse ist. Aber, aber irgendwie bringt dir das mit, dass man sofort den Kontext mitversteht.
Florian Bayer: Ja, und ich finde bei, gerade bei diesem Song und bei diesem Album spürt man es auch heute noch, selbst wenn man viel härtere Sachen gehört hat, wenn man das zum ersten Mal hört, man merkt hier einfach, hier geht jemand mit so einer Attitüde ran, ey, jetzt kriegt ihr es voll ab. Ja. Und der Film hat das nochmal perfekt, perfekt umgesetzt, dieses Gefühl. Und ja, natürlich im zeitlichen Kontext ist das nochmal krasser. Ja. Es gab einfach diese extreme Folk-Szene und wir wissen alle, wie toxisch Fankultur sein kann. Das war offensichtlich damals genauso wie heute.
Johannes Franke: Ich meine, die haben den ja nun wirklich in diese Protest-Ecke, in diese Protest-Folk-Sache so reingedrückt und der, der, ich glaube, Bob Dylan brauchte dringend diesen Befreiungsschlag. Und das merkt man halt dem Album an und das ist so geil, weil das so viel Energie hat einfach.
Florian Bayer: Ja, ist toll. Das Witzige ist ja, dass ich wirklich, was Fankultur betrifft, das hat sich, ist heute genauso wie damals. Heute regen sich die Star-Wars-Fans drüber auf, weil ihre Kindheit kaputt gemacht wird, weil ein schwarzer Stormtrooper da ist. Oder die Ghostbuster-Fans regen sich drüber auf, dass plötzlich Frauen Ghostbuster sind. Und damals war es anscheinend genauso. Da regen sich die Folk-Fans drüber auf, dass plötzlich E-Gitarren benutzt werden.
Johannes Franke: Bescheuert. Hast du Lieblingsalbum von ihm? Das klingt so nach einem Lieblingsalbum von dir.
Florian Bayer: Bring It All Back Home ist ziemlich sicher mein Lieblingsalbum von Bob Dylan. Okay. Aber es kämpft immer um den ersten Platz mit den Rock-Sachen aus den 70ern. Und das ist tatsächlich Blood on the Tracks.
Johannes Franke: Den finde ich auch super Album. Ganz tolles Album. Ich finde Blonde and Blonde ganz, ganz toll. Aber ich muss sagen, dass ich mit Bob Dylan auch die ganz frühen Sachen, das erste Album, das zweite Album, dritte Album, die sind für mich immer noch die krassen Bob-Dillen-Bob-Dillen-Sachen. Also bis eben The Free Will-In, Bob Dylan aus 63. Das sind die drei Alben, die für mich immer Bob Dylan sein werden.
Florian Bayer: Ich bin tatsächlich kein Bob Dylan-Folk-Fan. Ich liebe am ehesten seine rockige Phase. Und das sind halt wirklich die drei Alben aus den 60ern. Bringing It All Back Home, Highway 61 und Blonde on Blonde. Wobei eigentlich noch mehr die dann aus den 70ern, weil die moderner klingen.
Johannes Franke: Ja, ich habe heute Morgen New Morning nochmal gehört. Das fand ich eigentlich auch wirklich toll. Was? New Morning aus den 70ern, also 1970. Ich habe das Album gar nicht auf dem Schirm gehabt. Das habe ich, ja, das habe ich noch gar nicht. Aber das ist toll.
Florian Bayer: Ich muss nämlich dazu sagen, ich habe Lücken. Wenn du jetzt sagst New Morning, das ist wahrscheinlich ein Album, das ich noch gar nicht gehört habe.
Johannes Franke: Ich habe das heute Morgen nochmal gehört, passend, New Morning. Und war ganz, ah, geil, ja, 70er, warum denn nicht nochmal die 70er alle durchhören? Weil das habe ich nämlich selten, dass ich die 70er von Bob Dylan höre, weil ich eben die frühen Sachen so sehr mag. Und die Blonde on the Tracks habe ich dann nochmal gehört.
Florian Bayer: Genau, das war großartig. Ich freue mich tatsächlich. Ich habe mich an dem Film halt auch immer gefreut, wenn dann Songs kamen, die ich kannte. Und zum Beispiel dieses Idiot Wind ist eines meiner Lieblingssongs von Bob Dylan. Und dann, wenn er mit seiner Frau so eine halbe Versöhnung hat. Und dann wird Idiot Wind angespielt und zwar gar nicht so lang. Aber es passt so gut, weil in dem Lied geht es ja auch darum, dass er zuerst seine Frau oder seine Freundin dumm nennt, weil sie ihn nicht richtig versteht. Weil sie genau wie die anderen ist und er ist total enttäuscht von ihr. Und dann aber am Schluss kommt er irgendwie zu der Konklusion, dass sie beide Idioten sind und sagt, it's a wonder that we still can feed ourselves oder so. Es ist so, ja, und wir sind Idioten. Wir sind alle. Wir sind einfach dumm. Und das hat so gut dazu gepasst, weil das so diese kaputte Beziehung, die trotzdem irgendwie so ein Hoffnungsschimmer hat, weil eben beide dumm sind. Und einfach ein breites Grinsen. Ja.
Johannes Franke: Jetzt sind wir zum Musikpodcast geworden. Okay, wir haben beide unsere Lieblingsphasen von Bob Dylan anscheinend. Wie lange hörst du denn schon Bob Dylan? Lass uns ganz kurz noch bei Bob Dylan bleiben. Ich glaube, ich höre Bob Dylan, seit ich Musik bewusst selber aussuche. Also wirklich immer schon. Ich weiß nicht, warum, aber Bob Dylan hat irgendwie, das hat bei mir damit zu tun, glaube ich, dass ich sowieso auch von meinem Filmgeschmack ja immer in der Vergangenheit gesucht habe. Und dann kommt man an Bob Dylan nicht vorbei, wenn man guckt, was gab es denn in den 60ern, 70ern. Und dann ist klar.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und ich glaube auch, es hat was mit damit zu tun, dass mein Stiefvater, der spielt Gitarre und da gab es früher immer Musik. Und ich glaube, er hatte ein paar Bob Dylan Songs dabei, die ich einfach auch toll fand.
Florian Bayer: Ah, er hat die selbst gespielt dann auch? Ja, genau. Ah, cool.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Gerade diese klassischen Folk-Songs von Bob Dylan eignen sich ja total.
Johannes Franke: Ja, Blown in the Wind und Nuggin in the Heaven's Door und sowas.
Florian Bayer: Ja, eignen sich total auf Lagerfeuerromantik aus ein bisschen. Aber tolle Songs.
Johannes Franke: Genau, ja. Ja, darüber bin ich reingekommen. Und dann eben, ich mag eben, wie du auch, diese rockigeren Sachen und die rotzigen. Ich habe jetzt die neuesten Alben nochmal kurz reingehört und kann mit seiner Stimme nicht mehr so richtig was anfangen, muss ich sagen. Interessant, ja. Weil er nie richtig singen konnte, muss ich mal sagen. So richtig guter Sänger ist er halt nicht. Nee, er ist halt ein charismatischer Sänger und er hat so ein sehr spezifisches Temper. Ja, und er hat einfach, er ist einfach nicht umsonst mit einem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Und nicht für Musik. Also ich meine, er ist auch für Musik, hat er gerade auch Preise bekommen. Aber es geht vor allem um seine Texte. Und mit seiner jungen Stimme konnte ich es verzeihen und mochte das auch. Aber seiner alten Stimme komme ich nicht mehr hinterher irgendwie. Die ist so rasselig und so. Gelebt. Gelebt. Und bei Johnny Cash funktioniert das, bei ihm funktioniert es nicht.
Florian Bayer: Ich fand die 2000er, dieses Modern Times zum Beispiel, finde ich das ein super Album. Das mag ich sehr gerne. Aber ich sehe total, was du meinst mit der Stimme. Und Bob Dillans Stimme ist auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ja. Karin hat auch, also ich habe viel die Woche Bob Dylan gehört. Ja, ich auch. Und Karin hat auch irgendwann mal gesagt, müssen wir das Genöle jetzt schon wieder hören. Karin ist glaube ich nicht so der größte Bob Dylan-Fan.
Johannes Franke: Ja, aber das Genöle ist schon ein treffender Begriff. Wenn man Bob Dylan nicht so mag, dann ist das ein, ja.
Florian Bayer: Bob Dylan kann halt einfach unglaublich gute Songs schreiben. Ja. Und Geschichten erzählen in den Songs. Und auch so abwechslungsreich. Also ich mag ja von Bob Dylan vor allem die Songs, in denen er wirklich Geschichten zum Besten gibt. Ja, ja. Da wird so ein Universum aufgebaut. Ja. Jetzt zum Beispiel, Platt on the Tracks haben wir jetzt ja schon ein, zweimal erwähnt. Also eigentlich, wahrscheinlich mein Lieblingssinn von Bob Dylan ist dieses Lily, Rosemary and the Jack of Hearts, wo er zehn Minuten von einer Pokerpartie slash einem Mord erzählt und die ganze Zeit so mit dem Mord auf das Pokern referiert. Was ich gerade nicht genau. Das ist einfach ein ziemlich langer Song, wo gar nicht viel passiert, aber wo er einfach nur eine Geschichte erzählt, die total cool ist. Und bei Bob Dylan lohnt es sich immer, da wirst du mir zustimmen, auf die Lyriks zu gucken. Immer, immer, auf jeden Fall. Womit setzt er sich jetzt gerade auseinander? Wovon palabert er jetzt gerade?
Johannes Franke: Ich finde seine musikalischen, also weg von den Lyrics, seine musikalischen Größen, seine Qualität offenbart sich meistens erst, wenn jemand anders Bob Dylan spielt. Weil seine Stimme und seine Art und Weise, das zu singen und zu erzählen, immer übermächtig über den Liedern drüber steht. Und seine Art und Weise, das zu spielen mit der Gitarre oder, weißt du, und die Mundharmonika. Und wenn du mal ein kleines bisschen anderes Arrangement hast von jemandem, der die Instrumentierung vielleicht ein bisschen variiert, aber den grundsätzlichen Geist des Liedes beibehält, dann merkst du erst, was für ein großartiger musikalischer Unterbau dahinter steckt, der wirklich musikalisch großartig ist. Ganz toll. Aber bei Bob Dylan, wenn der das singt, du hast irgendwie immer den gleichen, ja, weiß ich nicht, da steckt immer Bob Dylan drin.
Florian Bayer: Bob Dylan-Songs erkennt man immer. Es gibt einige Bands und einige Musikerinnen, wo man das Gefühl hat, man erkennt sie nicht tatsächlich. Also wenn es mal so ein exotischer Song von ihnen ist, dass man tatsächlich nicht direkt raushört, dass sie es sind. Zum Beispiel bei den Beatles geht es mir durchaus so. Die Beatles haben auch viel variiert und die Beatles haben auch schon viele unverkennbare Songs, aber es gibt Songs von den Beatles, die hörst du und dann denkst du, Moment, was höre ich denn da gerade? Weil die halt wirklich einmal so diese Bandbreite haben von tanzbarem Party-Rock'n'Roll aus den 60ern bis hin zu sehr experimentellen Stücken. Aber das ist, obwohl Bob Dylan auch eine sehr große Palette hat an Sachen, eben vom Folk über Rock'n'Roll, über Country und Gospel, trotzdem erkennt man ihn immer direkt. Sobald man diese Stimme hört und auch diese Art zu singen und den Text rauszudrücken, ich weiß es gar nicht mehr, was macht er da? Was macht er da? Gute Frage. Was ist das Besondere am Gesang von Dylan? Warum klingt er so einzigartig und auch eigenartig manchmal?
Johannes Franke: Da müsste man Leute fragen, die sich damit auskennen, nochmal genauer mit so vielleicht sogar Logopäden.
Florian Bayer: Autsch. Okay. Aber wir sind uns offensichtlich einig, dass die 80er Dylan wirklich katastrophal waren. Nein, die sind katastrophal. Die kann man nicht wirklich hören. Das ist krass. Und er ist in guter Gesellschaft. Es gibt so viele Bands, die in den 80ern einfach schlimmes Zeug verbrochen haben. Die in den 60ern, 70ern und danach wieder in den 90ern, weil in ihren Comebacks echt gut waren.
Johannes Franke: Ja, genau. Krass. Na gut. Wollen wir in den Film zurückkehren? Wir gehen zurück zum Film. Zu Cate Blanchett.
Florian Bayer: Dieses Interview im Auto. Ja, mit dem Journalisten, der so auf den Sack geht.
Johannes Franke: Das ist der Wahnsinn. Sie ist einfach so eine großartige schauspielerische Leistung. Das kriegst du nicht wieder. Das ist so unglaublich.
Florian Bayer: Das ist sowieso geil, wie sie immer auf die Fragen von außen aufgeht. Sie haben bewusst offensichtlich diesen Shoot-Charakter genommen, der ständig genervt wird von Nerds, die irgendwie ihn auf Generation Dungeon ansprechen und sagen, was bedeutet das und das und das und das. Und er gibt dann immer diese kryptischen Antworten und die Presse will, dass er irgendwas zu Shakespeare sagt und er sagt halt auch irgendwas, was kein Mensch versteht, einfach ein Wort, Turtle oder so. Ich weiß gar nicht mehr genau. Ich auch nicht mehr. Und dann hat er diesen Journalisten. Das ist ja eine relativ lange Geschichte sogar, dieser Journalist, der ihm folgt und ihm wirklich, wirklich auf die Nerven geht.
Johannes Franke: Und er versucht, aus ihm was rauszuholen und ihm versucht, Sachen zu entlocken, die nichts mit Dylan zu tun haben. Irgendwie der, ich glaube, er hat einfach ein, es ist so eine Hassliebe bei ihm mit Dylan, so eine Obsession. Und ich glaube, das ist nicht abwegig, dass das damals tatsächlich so ein, zwei Journalisten gab, die sich so drauf gestürzt haben. Es sind ja auch viele Sachen davon wirklich aus Interviews genommen. Es ist ja viel zusammengestückelt aus verschiedenen Aussagen von Bob Dylan.
Florian Bayer: Dylan hat sich anscheinend eine Zeit lang einen Spaß draus gemacht, mit totalem Nonsens auf komplexe Fragen zu antworten und wirklich so diese One-Liner, um dann von Dutzend Fragesteller da stehen zu lassen.
Johannes Franke: Schön. Was die Erzählweise des Films betrifft, muss ich noch dazu sagen, dass ich eine ganz tolle Entscheidung finde, einzusteigen mit so mockumentarischen Anleihen. Also die haben die, Julian Moore sitzt da einfach nur in ihrem Sessel zu Hause und hat so ein typische amerikanische Doku-Style-Bild und sie philosophiert vor sich hin und sagt nach Worten und so. Das ist ganz toll gemacht.
Florian Bayer: Dieser ganze Jack-Rowlands-Vater-John-Part ist einfach eine einzige mockumentary.
Johannes Franke: Ja, wirklich schön gemacht, gut gemacht.
Florian Bayer: Ich mag auch, ja, er springt ja auch tatsächlich zwischen den Filmschancen so ein bisschen her. Also was von Woody erzählt wird, ist eigentlich so eine klassische Hobo-Geschichte, so der Landstreicher, der unterwegs ist und immer wieder auf der Flucht ist. Viel mehr passiert da eigentlich nicht bis zu dem Schluss, wo er dann den tatsächlichen Woody im Krankenhaus besucht. Dann haben wir den Mock, die Dokumentation über Jack Rollins. Dann die Geschichte von Heath Ledger, von dem Schauspieler Robbie Clark, ist so ein bisschen klassisches Drama eigentlich am nächsten. Stimmt, ja. Jude ist konsequent in schwarz-weiß. Und was ist das eigentlich? Das ist einfach nur so Rock'n'Roll-Alltag. Wir sehen ja auch ganz viele Szenen hinter der Bühne dann, wie er so arrogant und... Ein einziger Drohentrip. Genau, genau. Und die Lage hinter der Bühne. Und dann haben wir ein Western mit Billy Kid, in dem trotzdem auch irgendwann Autos vorkommen. Es geht in dem Western auch darum, dass eine Autobahn gebaut werden soll und Billy Kid wird am Schluss mit Autos abgeholt. Und dann haben wir diese Verhörprotokolle mit Rimbaud, der verhört wird offensichtlich. Also zumindest war das so die ganze Zeit die Atmosphäre, die für mich rüberkam, dass er befragt wird und wirklich auch sehr dicht im Licht der Öffentlichkeit steht. Ja, verhört, habe ich da geschrieben. Genau. Und das macht ja toll, diese Genres und diese Stimmung zu mischen. Und der Wechsel funktioniert jedes Mal. Super. Das ist wirklich toll. Beeindruckend. Ich habe mich auch nie verloren gefühlt. Also am Schluss ist er ja wirklich so all over the place, was die Handlung betrifft. Das Tempo zieht ja nochmal an und die Sprünge werden nochmal krasser. Aber man ist einfach drin, weil es so viel Spaß macht, weil die Musik gut ist, weil die Schauspielleistungen toll sind. Also ich meine, wir haben jetzt sehr viel Sean Cate Blanchett gelobt, aber ich finde Richard Gere ist auch super.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall. Ich finde auch, dass Christian Bale, dass dieses, diesen Duktus, den Bob Dylan, dieses Zögern und nach Worten suchen und dann vielleicht noch was raushauen. Das finde ich super. Christian Bale macht das großartig. Und gleichzeitig so ein bisschen dieses selbstverliebt Prophetische, der dann am Schluss der Priester
Florian Bayer: wird und der jetzt die Wahrheit über Gott verkündet.
Johannes Franke: Der auch so ein bisschen ekelhaft aussieht am Ende da, wenn er da als Pastor in der Kirche vorne steht und da irgendwie ein bisschen. Und ich habe ja immer, ich habe immer Schwierigkeiten, wenn, wenn so Musiker oder Schauspieler oder sowas eben einfach Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, dann zum Christentum wechseln und eine große oder zu irgendeiner Religion, weiß ich nicht, Cat Stevens und dann einen großen prophetischen Schlag bekommen, den sie irgendwie. Ich weiß nicht, das ist so merkwürdig. Das hat so einen ganz komischen Beigeschmack, den ich nicht abkann so richtig. Ist vielleicht, weil du selbst auch nicht religiös bist, ne? Ich bin nicht religiös, nee, aber selbst, ich weiß nicht, keine Ahnung, aber ich kann mit diesem Missionarischen einfach überhaupt nichts anfangen und das macht mir immer Gänsehaut, eine ganz schlechte Gänsehaut.
Florian Bayer: Finde ich auch schwierig, also finde ich auch problematisch. Bob Dylan hat ja irgendwie nochmal so ein bisschen die Kurve gekriegt, weil er irgendwann ja so ein bisschen erinnern wurde, aber er hat das Christliche nie ganz abgelegt. Er war dann, es war einfach so, er hatte diese krasse Phase so Ende der 70er und das hat er dann wirklich durchgezogen eine Zeit lang auf Alben, dass er wirklich als christlicher Sänger aufgetreten ist und dann, als es so in die 80er ging, hat er jetzt diese komischen Alben gemacht, diese Pop-Alben. Nichts gegen Pop, Pop kann ganz toll sein, aber er hat einfach schlechte Alben. gemacht und da war das Christliche einfach nicht mehr so präsent, aber er hat trotzdem, er hatte dann diesen Duktus immer noch so ein bisschen und den hat er sich auch bis zum Schluss bewahrt, bis zum Schluss, das blöd gesagt, weil er noch lebt und auch noch Alben rausgebracht hat. Modern Times ist von 2006 und ich glaube, er hat danach auch noch Alben gemacht.
Johannes Franke: Ja, 2020 ist noch eins rausgekommen, also es ist schon, ja, ja, da kommt noch, der tot ja auch noch, oder? Also ich meine jetzt zu Corona nicht, aber. Ja, mal kurz gucken, wie alt Bob Dylan ist, das ist eine gute Frage.
Florian Bayer: Bald 80, oder? 41 geboren, glaube ich. Ja, dann wird er dieses Jahr 80. Ja, im Mai wird er 80. Krass. Und zwar ziemlich genau, wenn wir diese Episode veröffentlichen werden. Wow. Wahrscheinlich.
Johannes Franke: Happy Birthday, Bob Dylan. Meld dich mal wieder, alter Junge. Mensch, guck mal, lange nicht gehört. Ja, also ich bin ganz begeistert von den verschiedenen filmischen Mitteln, die dir der Film einfach aufeinander clashen lässt und auf eine gekonnte Art und Weise, die man sich gar nicht vorstellen können. Wenn man das vorher alles einmal auflisten würde, was der Film alles reinwirft, würde ein einziges Chaos im Kopf entstehen und es ist auch ein chaotischer Film, aber es funktioniert.
Florian Bayer: Auch ein Suchspiel, ne? Ja, also gerade für Bob Dylan-Fans, denke ich, und ich bin zu wenig Bob Dylan-Fan, ich bin zu wenig mit seiner Biografie und seinem künstlerischen Werdegang vertraut. Ja. Ich kann mir jetzt nochmal ein bisschen was anlesen und ich kenne halt ein paar Alben, aber ich werde ganz viele Sachen verpasst haben. Es sind so wahnsinnig viele Zitate dabei. Ja, genau das allein. Interview-Fetzen, Song-Schnipsel.
Johannes Franke: Ja, was der alles. I was a porn in the game, weißt du, so einfach nur einen Satz rausgenommen und in den entsprechenden Kontext gepackt. Solche Sachen.
Florian Bayer: Und ich habe auch nicht alle Songs erkannt, die angespielt wurden. Die Musik war die ganze Zeit toll, aber es wurden einfach auch Songs angespielt, die ich nicht kenne.
Johannes Franke: Ja gut, okay, das ist mir nicht passiert. Ich konnte wirklich fast jeden Song mit singen. Egal.
Florian Bayer: Die Diskografie ist so schrecklich lange. Ich habe die ganze Oro Bob Dylan gehört und ich habe das Gefühl, ich habe trotzdem jetzt vielleicht, bin ich bei 50 Prozent wahrscheinlich eher nicht. Und ich habe mich sogar teilweise durch die 80er Sachen gequält, was wirklich überflüssig war. Und zum Beispiel diese christliche Periode, davon habe ich fast gar nichts gehört. Da kenne ich auch nur einzelne Songs. So als er angefangen hat, wirklich Gospel und so eingefließen zu lassen.
Johannes Franke: Ich meine, ich habe zwei Songs davon gehört und habe gedacht, okay, ich nehme das nächste Album.
Florian Bayer: So geht es mir ein bisschen bei seiner Country-Phase auch. Heute Morgen habe ich Nashville Skyline ein bisschen reingehört. Von wann ist das? 1969. Ah, okay. Und da hat er wirklich so krass mit dem Country geflirtet. Da hat er auch geheiratet. Und das ist auch die Zeit, in der er dann bei dem Film mitgemacht hat und für den Film die Musik aufgenommen hat. Und das ist so eine Phase, mit der ich mich bisher noch nie auseinandergesetzt habe, weil ich einfach die rockigen Sachen gehört habe. Ja. Und wahrscheinlich auch so ein bisschen kanonisch, weil alle sagen, wenn du Bob Dylan hören willst, musst du Blond on Blond hören und Halby 61. Und Blond on the Tracks. Und damit haben auch alle recht. Ja, ja, das stimmt schon. Wir sagen so oft, wie dumm Kritiker sind, aber bei Bob Dylan darf man ruhig auf die Kritiker hören. Es ist tatsächlich, die Grundgeschichten kommen ja alle irgendwie zu so einem Ende ein bisschen. Also Woody sieht den Original-Woodie. Ja, okay. Und so eine Kondolenz-Szene. Stimmt. Jude stirbt. Ja. Motorrottenfall. Jack Rollins wird Pastor und Ende, ne? Ja. Und Richard Gere wird festgenommen, der Outlaw. Ja. Ah, und dann flieht er mit dem Zug nochmal. Ja, ja, genau. Er kann nochmal entkommen. Und Robby versöhnt sich irgendwie so mit seiner Frau und darf seine Kinder wiedersehen und darf mit seinen Kindern Zeit verbringen und verreist mit seinen Kindern, was irgendwie.
Johannes Franke: Das ist auch cool ist, ja.
Florian Bayer: Ja. Haben wir das Gefühl, Bob Dylan verstanden zu haben in diesem Film? Haben wir das Gefühl, den Film verstanden zu haben?
Johannes Franke: Ich habe nichts davon verstanden, aber es ist ein großartiger Trip. Also, es gibt einem einfach keinen intellektuellen Ansatz zu verstehen, aber einen emotionalen Ansatz zu verstehen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und das finde ich toll, dass der Film das irgendwie schafft.
Florian Bayer: Ja. Ja, definitiv. Auf jeden Fall. Er macht, er schafft es tatsächlich, Lust auf die Kunst zu machen, um das nochmal stark zu machen. Es ist kein Biopic im herkömmlichen Sinne. Nicht nur, weil es verschiedene Personen sind, die in die Bob-Dillen-Rolle schlüpfen, sondern auch, weil er sich wenig mit dem Privaten und mehr mit dem Künstlerischen beschäftigt. Und das ist toll. Das findet man sonst nicht, weil Biopics sind oft so Stationenfirme, die das Leben durchgehen und im schlimmsten Fall sind sie schrecklich öde, weil sie von Punkt A zu Punkt B kommen. Ja. Und er schafft es einfach, das, was die Kunst so besonders gemacht hat, in verschiedenen Phasen hervorzuheben und dadurch macht er unglaublich Lust zu sagen, hey, ich muss unbedingt mal wieder den folkigen Dillen hören, ich muss unbedingt mal wieder den rockigen Dillen hören, ich muss unbedingt mal wieder den introspektiven oder im schlimmsten Fall auch Prophetchen Dillen hören. Ja.
Johannes Franke: Ich kann nicht genug Kate Blanchard nach vorne stellen, auch der, was wir ja öfter mal feststellen, dass wir diesen Bruch mit der vierten Wand mögen und Kate Blanchard hat diesen einen Blick. Erinnerst du dich? Sie sitzt im Auto, aber nicht das lange Interview, sondern sie sitzt nochmal später im Auto gegen Ende des Films und dann hat sie einen langen Blick in die Kamera. Ach krass, ja. Und der ist so unglaublich, also, da steckt so viel drin, er lächelt so ein kleines bisschen und da ist so diese ganze Ironie und dieser ganze, ich weiß nicht, und das ist auch so sexy.
Florian Bayer: Hätten wir unsere Top 3 Crossdressing später gemacht und ich hätte diesen Film nochmal gesehen, wäre Kate Blanchard ganz vorne gelandet, wahrscheinlich in diesem Film.
Johannes Franke: Das stimmt, du hast recht. Jetzt sprichst du die Top 3 an, wo wir sowieso gerade bei Kate Blanchard sind, weil ich habe mir diesen Film angeschaut und habe die Top 3, habe überlegt zu machen, die Top 3 Performances überhaupt von Schauspielern in Filmen, weil sie gehört einfach ganz nach vorne in solchen Performances von Schauspielern, die einfach outstanding sind. Wollen wir unsere Top 3 machen? Ja. Okay, dann Jingle, Jingle.
Florian Bayer: Unsere Liste. Wir haben tatsächlich über diese Top 3, um das nochmal zu sagen, wir haben ein bisschen drüber diskutiert, beziehungsweise nicht diskutiert, wir machen es einfach immer so, dass der, der den Film aussucht, darf auch sagen, wie die Top 3 aussehen soll. Aber ich hatte als Vorschläge noch Top 3 Dillen-Album, Top 3 Dillen-Songs, Top 3 Biopics hattest du, glaube ich, noch in den Raum geworfen. Ja, genau. Wir haben uns tatsächlich ein bisschen schwer getan, überhaupt die Liste zu finden, die wir damit machen wollen. Ja. Und dann sind wir bei den Schauspielleistungen hängen geblieben und damit hast du es mir echt schwer gemacht.
Johannes Franke: Und ich habe auch, ich habe gedacht, ja, ich bin Schauspieler, ich kriege das hin, das ist kein Problem. Und ich, oh, ich habe gestruggelt, ich kriege es nicht hin. Weil das Problem ist, es gibt wirklich tolle Schauspieler, es gibt ganz, ganz tolle Schauspielleistungen, aber welche willst du denn jetzt nach vorne stellen? Welche stellst du nach vorne genau? Ich habe auch, ich hatte dann zu viele dastehen und jetzt habe ich das Gefühl, habe ich zu wenige dastehen? Ich habe viel zu wenig dastehen. Ich habe fast gar nichts dastehen, weil es einfach, weil, weil, weil, wenn ich das eine auswähle, kann ich das nicht mehr rechtfertigen gegenüber dem anderen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ich kann, wieso, wieso, wieso kann das dann nach vorne, ne? Und am Ende habe ich jetzt eben Sachen, die so ein bisschen ein Stand-in sind für, für andere mit. Und, also, ich nehme dann einfach alle guten Schauspieler mit rein.
Florian Bayer: Ich werde, ich werde, ich werde, ich versuche jetzt mal stark zu bleiben und werde auf Honorable Mentions verzichten. Aber ich muss dann einmal nochmal auf meine Liste gucken, weil ich die nicht durchnummeriert habe, was ich immer mache, wenn ich nicht weiter weiß. Aber ich gebe denen jetzt einfach erstens. Wir machen folgendes.
Johannes Franke: Zweitens, wir, wir machen Honorable Mentions danach, weil wir dann sowieso da reinkommen, dass man darüber redet, ach, und dann gibt es noch den Schauspieler und dann gibt es ja noch das und das sind dann die Honorable Mentions. Okay, dann fang doch mal an.
Florian Bayer: Okay, meine, meine Nummer drei ist, ähm, ich bin immer noch nicht sofrieden mit der Liste, aber jetzt steht er auf Rang drei, jetzt kann ich es nicht mehr ändern. Dann Denzel Washington in The Hurricane aus dem Jahr, lass mich nichts Falsches sagen, 1999 und zwar spielt Denzel Washington einen Profiboxer, der für einen vermeintlichen Mord, den er gemacht haben soll, angeklagt wird und im Gefängnis landet. Und in dieser Gefangenschaft mit sich selbst kämpft. Oh. Und Themen sind natürlich so Rassismus in der Rechtsprechung, aber Themen sind halt auch vor allem, wie kann man es schaffen, stark zu bleiben, wenn man so ungerecht behandelt wurde, beruht auf einem wahren Fall, Ruben Carter. Und diese Zeit im Gefängnis spielt Denzel Washington so fantastisch. Krass. Der Film ist sowieso gut, aber tatsächlich ist es so ein Film, wo ich sagen würde, der wird eigentlich vor allem gut durch das Spiel von Washington. Und es ist unfassbar stark, wie er diese Zerrissenheit spielt und diese Wut und dann immer kurz vorm Aufgehen und dann sich nochmal zusammenreißen. Es gibt so ein paar halbe Gollum-Momente, also dieses mit Jump Cuts versuchen eine Person, die zwiegespalten ist, zu erzählen. Aber es ist nicht so draufgedrückt, sondern es bleibt glaubwürdig, wie der kämpferische und wütende Hurricane gegen den Verzweifelten anredet. Und Denzel Washington war in dem Jahr auch für einen Oscar nominiert. Oh. Und ich glaube, ich muss ihn allein deswegen nennen, weil das so eine Ungerechtigkeit ist. Er hat nicht gewonnen, weil in dem Jahr gegen der Oscar an The Gladiator, wenn ich mich richtig erinnere. Was? Und das war so ungerecht. Was? Russell Crowe? Russell Crowe, genau. Und wenn man diese beiden Performances nebeneinander hält, das ist so schrecklich. Traurig. Es ist so gut. Ja.
Johannes Franke: Na gut. Okay. Okay. Mein Platz 3. Malcolm McDowell in A Clockwork Orange. Oh, hart. Das, also, wohoho. Was der da durch den Film an Brutalität mitbringt und in jeder Szene eine Präsenz hat. Und ich weiß nicht, ob du den Film so gut vor Augen hast, aber es ist unglaublich. Er macht einem einfach mal Angst. Aber so richtig. Ja. Und das ist nicht nur die Inszenierung, sondern es ist wirklich sein Spiel, dass er immer präsent und immer da ist und immer 100% da irgendwie an dem dran ist, was er da, also ich denke nur an diese eine Szene, wo sie da in dieses Haus einbrechen und diesen Typen da verprügeln mit dem Baseballschläger. Und die Frau vergewaltigen auch.
Florian Bayer: Ja, oder ist das die Frau? Oh Gott. Sie verprügeln ihn und vergewaltigen sie. Und dann, fuck man. Und dann dieser krasse Wechsel, er ist am Anfang dieser Bösewicht, dieser Düstere und dann wird er der Geschlagene, der total, der keine Gewalt mehr ausüben kann, weil er so gefoltert wurde. Und der dann die ganze Zeit so ängstlich und eingeschüchtert durch die Welt läuft und überhaupt nichts mehr zeigen kann von dieser Bösartigkeit.
Johannes Franke: Und das eben so in einem Film zu vereinen und das irgendwie hinzukriegen, fand ich wirklich beeindruckend. Ja. Ja, also das lohnt sich allein wegen der Schauspielleistung schon zu sehen, aber auch einfach, weil der Film krass ist.
Florian Bayer: Ja, krasser, auf jeden Fall krasser Filmmeisterwerk. Kubrick. Ja, Kubrick. Johannes, ich habe was ganz Schreckliches gemacht. Du hast was ganz Schreckliches gemacht? Ich wollte kurz nochmal gucken, gegen wen Denzel Washington 1999 verloren hat und deswegen habe ich die Seite aufgemacht mit den Best Actors Academy Awards. Das heißt, ich habe jetzt eine riesige Liste vor mir bei Wikipedia mit Schauspielern, die für Oscar nominiert waren und dann habe ich natürlich gedacht, okay, dann muss ich auch schnell die mit den Schauspielerinnen aufmachen. Das heißt, ich habe jetzt zwei Listen vor mir mit ganz vielen. Stark. Das heißt, deine Liste ist wieder völlig anders. Nee, das ist Gott sei Dank nicht so richtig passiert. Ich habe bis jetzt nur zwei Tabs geöffnet. Übrigens, um das noch klarzustellen, Denzel Washington hat nicht gegen Russell Crowe verloren, der hat erst im nächsten Jahr gewonnen. Ach so. Denzel Washington hat gegen Kevin Spacey aus American Beauty verloren, was aber immer noch ungerecht ist. Kevin Spacey hat in American Beauty toll gespielt. Ja, war gut. War gut, aber nein, nichts gegen Denzel Washington in Hurricane.
Johannes Franke: Okay, na gut.
Florian Bayer: Dein Platz zwei. Mein Platz zwei ist ein relativ neuer Film. Nee, ist auch nicht neuer, ist auch schon 15 Jahre alt. Und zwar Laura Dern in Inland Empire von David Lynch. Inland Empire ist ein Film, der viel gescholten wurde. Ist so der letzte große, surreale Film von David Lynch. Und wahrscheinlich auch der krasseste in dieser Reihe. Lost Highway, Mulholland Drive, Inland Empire. Und ist gerne auch untertitelt mit A Woman in Trouble, weil er sich voll und ganz auf Laura Dern konzentriert, die in der Rolle einer Schauspielerin und einer Prostituierten und einer Killerin und noch drei anderen Rollen durch dieses filmische Labyrinth irt. Und er ist ein bisschen hässlich inszeniert, so mit Early Digital Cinema. Und er hat sie so oft im Fokus. Und sie macht einfach alles, was man mit einer Figur machen kann. Wahnsinn, Zorn, Freude, Leid, Angst. Und es ist eigentlich, der Film ist eine riesige Studie von Laura Derns Gesicht in verschiedensten emotionalen Zuständen. Ja. Großartige Schauspielleistung. Sehr verwirrender Film, sehr anstrengender Film. Ja. Aber allein schon wegen Laura Derns Spiel total sehenswert und eventuell ein Film, den ich dir demnächst mal aufs Auge drücken werde für eine Episode.
Johannes Franke: Ich glaube, ich kenne den Film, aber das ist lange her. Also ich bin mir sicher, dass ich ihn gesehen habe, aber es ist einfach zu lange her, glaube ich. Mein Platz zwei. Mein Platz zwei ist Christoph Waltz in Inglourious Bastards.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Der war einfach, du kommst, also er kommt das erste Mal in dieses Häuschen rein von diesem, sucht den Juden oder die Juden oder die Familie, die dann unten unter dem Boden. Ja. Oh. Und ich, das Problem ist, wenn du Deutsche in amerikanischen Filmen hast, die Amis spielen anders, als die Deutschen in der Tradition das haben. Das ist einfach, ja. Er ist Österreicher. Und er ist, ja, genau. Er ist Österreicher, aber, aber, wenn du dir die Österreicher anschaust, die Schauspieler, ist auch nicht besser. Die sind ein bisschen, die haben ein bisschen mehr Spielfreude in eine bestimmte Richtung, habe ich das Gefühl, die Österreicher. Die Österreicher, aber, also so ein bisschen quirky, so ein bisschen verrückt zu spielen, aber, aber nicht, nicht so wie die Amis. Und, und deswegen erwartet man erst mal nichts von, von, von so einer Figur, die auch nicht irgendwie als der große Gehypte irgendwas erst mal daherkommt, sondern, also ich habe ihn wirklich gesehen, ohne dass ich wusste, was auf mich zukommt. Und, das waren, das gab's, den Hype gab's noch nicht. Ja. Und ich war, es hat mich ganz unerwartet getroffen, wo ich gedacht habe, what the fuck spielt der da, wie krass ist das denn? Oh mein Gott, der hat genau, genau verstanden, was, was Tarantino will. Der hat genau verstanden, was diese Figur will. Der hat sich nicht nur Gedanken gemacht, wie schaffe ich's, den Nazi zu spielen, sondern er hat sich Gedanken gemacht, wie schaffe ich's, den, den Nazi zu spielen, der, der, der so eine Agenda hat, der so einen eigenen krassen, so eine Backstory für sich hat, die, die einfach ihnen so einen, so eine Lust gibt, so eine Lust, das zu, zu spielen und zu machen und zu suchen und, und, und, und raus zu quetschen alles aus den Leuten. Es ist unglaublich. Offensichtlich stehst du auf Fieslinge. Ja, naja, als Schauspieler, als Schauspieler will man sowas spielen, weißt du, was ich meine?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Man will ja keinen, man will eigentlich nicht den jugendlichen Liebhaber spielen, sondern man will eigentlich Christoph Walz' Rolle in diesem Film spielen, weil man die Abgründe einmal komplett rausholen.
Florian Bayer: Die Filmgeschichte ist auch voll von Schauspielern, die ganz lange so als komödiantische, nette Rollen unterwegs waren, wo dann alle Oho und Aha sagen, wenn sie einmal eine böse Rolle spielen. Die finden das immer ein großes Ereignis. Ja, ja. So Robin, äh, Robin Williams in diesem One-Hour-Foto, wo er zum ersten Mal einen wirklichen Psychopathen gespielt hat oder Tom Hanks hat bestimmt auch mal einen Bösewicht gespielt. Kann Tom Hanks ein Bösewicht spielen? Ich weiß nicht. Ah, es gibt diesen Cone-Film, da war er aber nicht gut. Lady Killers. Mhm, okay. Da hat er, aber das war eine Komödie, das zählt nicht, da war ja auch kein richtiger
Johannes Franke: Fiesling. Nee, Tom Hanks ist so der Darling von, also der ist einfach zu.
Florian Bayer: Ja, aber genau solche Schauspieler sind es, die dann diese Oha-Momente auslösen, wenn
Johannes Franke: sie plötzlich fies sind und irgendwas Böses spielen. Ja. Und Christoph Waltz war vorher schon, der hat schon vorher ganz lange gesagt, dass er total gelangweilt ist von dem deutschsprachigen Fernsehen und Kino, was er so angeboten bekommen hat und hat in London gelebt schon länger, weil er sich eben da so ein bisschen, ich glaube, er hat sich einfach erhofft, dass genau dieser Sprung kommt, der dann kam.
Florian Bayer: Der ist auch echt gut angekommen in Amerika, ne? Ja, auch so. Er hat es auch geschafft, das Ganze, was zum amerikanischen Filmbusiness dazugehört, mitzumachen, so als Dauergast in Late-Night-Shows.
Johannes Franke: Ja, genau, genau alles das. Der hat das auch irgendwie mit Bravour geschafft. Ich glaube, ihm war das einfach schon, ja, das ist schon lange vorbereitet in seinem Kopf, weil er das unbedingt wollte. Er wollte aus diesem deutschen Mief raus, um mal mit seinen Worten zu sprechen. dieser, ähm, und da hat diese Performance einfach wahnsinnig reingehauen.
Florian Bayer: Und so sehr, dass Tarantino ihn gleich danach nochmal besetzt hat und Django eine richtig große Rolle gegeben hat. Ja, Wahnsinn. Eine Rolle, die ja leider auch so ein bisschen den Protagonisten in den Schatten stellt, ganz oft.
Johannes Franke: Ja, ja. Ganz toll, ganz tolle Leistung. Ja. Also, Christoph Walz, cooler Typ. Cooler Typ, ja. Ja, dein Platz zwei?
Florian Bayer: Nee, mein Platz eins. Eins? Mein Platz eins, wir sind schon bei Platz eins. Oh, wow. Ein deutscher Schauspieler. Yeah. Tatsächlich. Oh mein Gott. Aus dem Jahr 1970, Kurt Raab in Warum läuft Herr Amok von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder war so ein bisschen dran beteiligt, aber nicht so richtig. Okay. Ein Film, der einfach den Alltag eines Spießbürgers zeigt, der am Ende des Films Amok läuft und seine Frau und sein Kind tötet. Okay. Und Kurt Raab spielt diesen Spießbürger in ganz normalen alltäglichen Szenen, wie er auf der Arbeit ist, wie er mit seinen Eltern spazieren geht, wie er sich mit seiner Frau streitet, wie er gelangweilt ist vom Leben. Und er spielt den permanent mit so einer krassen inneren Spannung und Zerrissenheit. Ja. Und zwar in ganz feinen, subtilen Noten. Toll. Die Kamera ist oft aufwiegend. Wir sehen, wie halt Alltag geschieht, der unfassbar zäh ist und schmerzhaft zäh wirklich schon. Und wir sehen einfach sein Gesicht, wie es versteinert ist und gleichzeitig unglaublich viel Schmerz und Wut in sich trägt. Okay. Eine ganz subtile Leistung, unfassbar gute Leistung. Cool. Und das in den 70ern? So subtiles Spiel? Anfang 70er, 1970. Es ist fast schon, der ganze Film ist fast schon dokumentarisch, naturalistisch, weil es passiert nichts in diesem Film. Okay. Und ja, es sind einfach so kleine Szenen. Wir sehen, ganz am Anfang sehen wir, wie sie aus dem Büro rausgehen mit seinen Kollegen und sie erzählen sich gegenseitig Witze. Und er ist der Stille, der halt irgendwie so nebenbei hergeht. Und dann erzählt jemand einen Witz, wo jemand seine Frau umbringt. Okay. Irgendwie einen ganz albernen, geschmacklosen Witz, der nicht besonders witzig ist. Aber wenn er dann so sagt, dann bringt er seine Frau um, dann merkt man kurz, wie bei ihm so ein Zucken stattfindet. Okay. Und das sind so ganz leichte Sachen, in denen man Vorahnung hat. Wow. Großartige Schauspielleistung, die er auch diesen Film trägt. Und schmerzhafte Schauspielleistung. Ja. Wow.
Johannes Franke: Okay, mein Platz eins. Der Joker von Heath Ledger in The Dark Knight. Ach ja, den hab ich gar nicht gedacht. Das wird ewig auf Platz eins bleiben, glaube ich. Hat er den Oscar gewonnen damals dann auch? Ich weiß es nicht mehr. Kannst du das mal googeln?
Florian Bayer: Ja, muss ich mal schnell gucken. Weil ich bin mir ziemlich sicher, dass er nominiert war. Aber es ist ja so allgemein bekannt. Die Academy mag keine Superheldenfilme. Aber ich glaube, er hat ihn gewonnen, weil das war dann schon na posthum, ne? Und dann hieß es auch so, so Awards. Best Picture. Nee, Quatsch. Doch.
Johannes Franke: Nee, ich war nicht einfach bei Heath Ledger.
Florian Bayer: Ja, doch, doch. Ich hatte kurz das Gefühl, ich bin mein falschen Nomads. Aber ich bin mein Academy Awards. Und Heath Ledger hat ihn gewonnen als bester Nebendarsteller. Toll.
Johannes Franke: Also voll, vollkommen zu Recht. Ich hab im Kino gesessen. Ich hab ihn im Kino gesehen. Mit Maya zusammen. Maya ist auch Schauspielerin. Wir saßen nebeneinander. Und dann kommt dieser Auftritt von einem Joker. Und wir gucken das eine Weile an. Und denken, dann gucken uns dann gleichzeitig. Drehen wir den Kopf drüber. Völlig fassungslos. Und sagen, was spielt der da? Weil man halt als Schauspieler ja normalerweise so ein Gefühl für. Ah ja, da hat der Schauspieler sich dann nochmal das genommen. Das ist ein Szenenziel. Das ist ein Ziel der Figur innerhalb des Films. Der hat die und die Ängste. Oder der spielt irgendwie bestimmte Sachen. Dann guckst du dir den Joker an und denkst, also diesen Joker an und hast nicht die geringste Ahnung, wo der das herholt. Das fand ich wahnsinnig beeindruckend. Und das passt natürlich zum Joker. Der Joker will einfach nur die Welt brennen sehen. Der hat keine erklärbare Motivation. Auch wenn der Film, der Joker neulich das schon versucht hat, dem Joker eine Motivation zu geben oder eine Geschichte zu geben. Aber nein, der Joker von Heath Ledger will die Welt einfach nur brennen sehen und hat einfach nur seinen Spaß. Und macht es einfach von Grund auf völlig uneinsortierbar. Und wie will man das spielen? Woher willst du das nehmen? Du hast keine Anknüpfungspunkte in deinem eigenen Leben. Und Heath Ledger hat das so wahnsinnig gut gemacht. Und ich war einfach weggeblasen von dieser Wucht dieses Jokers.
Florian Bayer: Ja. Hast du den Rockwean Phoenix Joker gesehen?
Johannes Franke: Ja, ich habe ihn gesehen. Und wie fandst du da die Schauspielleistung? Fand ich schon ganz gut, aber irgendwie hat es mich nicht nachhaltig beeindruckt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also es ist natürlich, du kannst so einen Film nicht machen, ohne einen Schauspieler zu haben, der es einigermaßen kann. Also du nimmst ihm einiges ab, so. Aber ich glaube, ich bin mit dem Film nicht ganz einverstanden gewesen, weswegen mir die Schauspielleistung nicht so den Kick gegeben hat.
Florian Bayer: Das Tolle an Dark Knight ist natürlich, dass der Joker wirklich motivlos gezeigt wird. Und dass das kein Trauma erklärt wird und dass er eigentlich das macht, was Bob Dylan macht. Es gibt immer eine neue Geschichte. Ja, ganz genau das. Warum er diese Wunden hat. Und am Schluss bleibt einfach nur die Konklusion, wir haben hier das Chaos. Ja. Das personifizierte Chaos vor uns. Das ist so krass.
Johannes Franke: Und das finde ich eine tolle Interpretation, tollen Spielansatz. Das wirklich dem Zuschauer einfach alles wegzunehmen, was er an Anknüpfungspunkte hat. Und trotzdem als Figur so interessant zu bleiben. Das ist einfach wahnsinnig spannend, wahnsinnig beeindruckend.
Florian Bayer: Ja. Ja, das war sowieso ein großer Film und Heath Ledger hat diesen Film nochmal eine ganze Nummer größer gemacht.
Johannes Franke: Ja. Umso tragischer, wie er dann gestorben ist und das irgendwie, da ranken sich viele Mythen drumherum, aber am Ende will man eigentlich gar nicht.
Florian Bayer: War es nicht einfach eine Überdosis?
Johannes Franke: Also es war eine Überdosis, aber natürlich wird dann immer gesagt, ja und er hat sich zu sehr in seine Rolle reinbegeben. Ach Quatsch, Bullshit, das war ein Schauspieler, der, also ich meine, Hollywood ist halt auch ein Drogensumpf, ne? Ja, ist es, ist es. Aber eigentlich hätte ich Heath Ledger ein bisschen mehr zugetraut, als jetzt einfach nur so einer Überdosis zu sterben. Ach, ich weiß nicht. Es ist jedenfalls sehr traurig um ihn. Ja.
Florian Bayer: Ah ja, genau. Ja, willst du noch, willst du noch ein paar On-Number-Mansions raushauen? Ich glaube, ich bin zufrieden mit meiner Liste jetzt.
Johannes Franke: Ähm, ich hätte, ich hätte nur sonst Emma Thompson, die immer großartig spielt. Ich hätte eine Frances McDormand, die bei Three Billboards in Ebbing, Missouri. Eine unglaubliche Schauspielleistung, ganz toll. Ähm, das ist einfach, es gibt unglaublich tolle Schauspieler irgendwie, die, die es schaffen, einer Figur so viel Tiefe und so viel mitzugeben, dass man, dass man in einem Blick die ganze Welt dieser Figur versteht.
Florian Bayer: Ganz knapp rausgeflogen ist bei mir noch Natalie Portman in Black Swan.
Johannes Franke: Ja, auch toll. Habe ich auch gedacht, drüber nachgedacht, sie da reinzuhauen.
Florian Bayer: Robert De Niro in Taxi Driver.
Johannes Franke: Hm. Philipp Simon Hoffman überall. Also, ja, genau. Philipp Simon Hoffman, dafür habe ich leider keinen richtigen Film gefunden. Sonst hätte ich ihn auf jeden Fall reingeschaut. Kann man nur überall dran schauen. Ja, genau. Also, der ist einfach toll. So sensibel immer gespielt und so gut einfühlsam und, ja, Wahnsinn. Ja, und so ist halt Cate Blanchett eigentlich die Nummer eins dieser Liste, aber da wir diesen Film gerade besprechen, ist sie leider nicht drin. Haben wir über diesen Film noch etwas zu sagen, Clor? Ja, möchten wir noch etwas anfügen, irgendwas, was uns besonders beeindruckt hat in dem Film, was wir irgendwie noch nach vorne stellen möchten? Lass mich einmal kurz in meine Notizen gehen.
Florian Bayer: Ich mochte die Geschwindigkeit beim Ende. Ich fand es toll, dass er dann, dass er am Anfang eine relativ klare Struktur hat mit diesem, ich gebe euch immer eine etwas längere Geschichte, um den Charakter einzuführen und greife dann nochmal zurück auf die anderen. Und ich finde es cool, dass er das irgendwann über Bord wirft und sie einfach nur noch treiben lässt, die Geschichte einfach nur noch fließen lässt. Ja. Tatsächlich habe ich mit dieser Rambo-Rolle am meisten Probleme gehabt, weil ich die überhaupt nicht einordnen konnte und ich hatte das Gefühl, die war auch teilweise nur da, um Stichwortgeber zu sein für die, für die anderen Rollen, dass der halt mal reinwirft. Und zum Beispiel akzeptiere das Chaos, wenn wir gerade Jude sehen, die total am Rad dreht. Ja, ja. Und ansonsten konnte ich, die Figur habe ich nicht so richtig zu greifen gekriegt. Offensichtlich soll die darauf referieren, auf den Dylan, der seine Autobiografie geschrieben hat, so als Bekenntnis, Literatur. Aber es war, es ist auch, es ist nicht so wichtig, weil es war tatsächlich, die Rolle hat keine Geschichte, sondern kommentiert eigentlich den Film und ist so ein bisschen, so ein tragendes Element im Film.
Johannes Franke: Ich hätte noch ein Zitat von Bob Dylan selbst. Bob Dylan, also als kleines Abschlusszitat für diese Folge von Bob Dylan. Könnte auch eine Songzeile sein. Ja.
Florian Bayer: Toll. Das ist Bob Dylan.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und das fasst auch ganz gut den Film zusammen. Ja.
Johannes Franke: Vielen Dank, Flo, dass wir diesen Film nochmal geschaut haben.
Florian Bayer: Vielen Dank, dass du ihn empfohlen hast. Ich hatte den gar nicht mehr auf dem Schirm. Es ist so lange her, dass ich ihn gesehen habe und ich bin froh, dass ich ihn nochmal gesehen habe. Und einmal mein Bob Dylan Wissen auffrischen konnte.
Johannes Franke: Ja, der macht nochmal eine ganze Welt auf. Also nicht nur eine Welt, sondern sechs Welten. Und es lohnt sich. Schaut ihn euch an.
Florian Bayer: Sieben oder acht, wenn man die Stolperphasen mit reinrechnet. Ja.
Johannes Franke: Und der Chaplin, den sie nicht mit reingenommen haben, den Charlie, der eigentlich auch noch rein sollte. Ja. Ja, toller Film. Vielen Dank. Gerne. Und ich bin gespannt, was wir nächste Woche machen. Ich auch. Bis dann. Bis dann. Ciao. Ciao. Subloa, wir haben doch aber auch noch was zu klären. Wir brauchen einen Film fürs nächste Mal. Wir brauchen einen Film. Hast du denn schon was für nächste Woche geplant? Also ich glaube, du magst Lars von Trier auch, oder? Ich mag, ich mag, ja, ja, mir wurde bei Antichrist sehr schlecht. Kennst du den Nachfolger von Antichrist? Ich kenne den Nachfolger von Antichrist. Kolia. Das ist der Film gewesen, wo er beim Festival dann saß und gesagt hat, ich bin ein Nazi. Ähm, Maja. Hallo, Maja. Wie kommst du in meine Küche?
Florian Bayer: Als ob ich's vorher aufgebaut hätte. Achtung, Spoiler-Warnung. Wir haben nächste Woche einen Gast zu Besuch.
Johannes Franke: Ja, wir haben uns jetzt für Melancholia entschieden, aber unser Gast muss auch einen Film aussuchen.
Florian Bayer: Drei Stunden lang ein... Gesang und Tanz. Ein Mann verliebt sich in eine reiche Frau und dann tanzen sie? Okay. Was mir jetzt überhaupt nicht so ist. Stille im Raum.
Johannes Franke: In Bollywood. Aus Bollywood. Also Gauner, die tanzen und singen. Genau.
Florian Bayer: Großartig. Ich bin voll dabei. Wir sehen uns nächste Woche in einer vergnüglichen Dreierrunde.
Johannes Franke: Mit Maya, unserer langjährigen Freundin, mit der wir dieses Konzept schon damals durchgezogen haben, dass jeder dem anderen einen Film aufdrücken darf. Und sie hat alle meine Filme gehasst.
Florian Bayer: Aber sowas von Melancholia und Happy New Year. Wir sehen uns beim nächsten Mal. Sehr schön. Bis dann. Bis nächste Woche. Ciao.

