Episode 266: The Shining (Die Kubrick-Version natürlich)
Die Familie Torrance hat einen neuen Wohnort. Nachdem Jack seine Lehrerstelle verloren hat, nimmt er ein etwas ungewöhnliches Jobangebot an. Er soll in einem Hotel über den Winter nach dem Rechten sehen und die notwendige Pflege übernehmen, während das Hotel off-season leer steht.
Mit seiner Frau und seinem Kind zieht er für fünf kalte Monate in das riesige einsame Labyrinth eines Hotels und will an seinem Buch schreiben, während seine Frau alle eigentlichen Aufgaben, für die er bezahlt wird, übernimmt.
Die Einsamkeit und offenbar auch das Hotel als geisterhafte Entität kriechen langsam in sein Hirn, das eh schon nicht das gesündeste zu sein scheint, wenn man Jack Nicholsons Augenbrauen zuschaut.
Nach und nach verliert er den Zugang zur Realität und Vernunft und gibt sich den Wahnvorstellungen, die ihm das Hotel vorgaukelt hin. Bis er beschließt, seine Frau und sein Kind mit der Axt zu erziehen.
Wer uns öfter zuhört, weiß, dass ich mit Horrorfilmen nicht so viel anfangen kann. The Shining allerdings schafft es die Horrortropes, die mir nicht zusagen, auf ein Minimum zu reduzieren oder gut darauf hin zu arbeiten.
Der Film legt ein einigermaßen langsames Tempo an den Tag. Er verzichtet weitestgehend auf billige Jump Scares und Blut als Schauwert. Naja, mal vom Fahrstuhl abgesehen. Und er ist verdammt psychologisch und seltsam kopflastig und geht damit weit über das Horror Genre hinaus. Das kenne ich eigentlich nicht so aus den 80ern, sondern eher aus den 2010ern. Aber so gut kenn ich mich halt nicht im Horrorgenre aus, dafür ist Plor hier!
Plor, wenn The Shining heute rauskommen würde, würde man ihn als Post-Horror einsortieren?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 266: The Shining (Die Kubrick-Version natürlich) Publishing Date: 2026-02-04T09:12:05+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/02/04/episode-266-the-shining-die-kubrick-version-natuerlich/
Johannes Franke: Das an einem Original-Drehort zu machen, da bist du ja die ganze Zeit beschäftigt, den eigentlichen Besitzer des Hotels irgendwie zu beschwichtigen und zu sagen, nein, nein, die Blutflecken gehen wieder raus. Keine Sorge. Floor, bist du bereit, mit mir einen Podcast zu machen? Für immer. Und immer. Und immer.
Florian Bayer: Immer. Ja. So was von. Es klang kurz, als würdest du unser klassisches Intro einspielen, ne?
Johannes Franke: Das Publikum war gut verarscht. Wir haben ganz am Anfang mal ein Intro gehabt, wo wir uns immer darüber unterhalten haben, dass wir überhaupt diesen Podcast starten wollen. Das war noch Zeiten, Floor. Das ist lange her. Sehr lange her. Weißt du, kriegst du ihn noch zusammen? Nein. Ich hab keine Ahnung.
Florian Bayer: Oh Mann, wir brauchen einen Podcast. Aber über was sollen wir reden? Filme?
Johannes Franke: Du weißt aber, dass ich einen anderen Filmgeschmack weiß. Ja, genau. Sowas. Sowas in der Richtung war das. Egal. Hört uns dabei zu, wie wir brabbeln, während wir arbeiten. Eigentlich einen Film besprechen sollten. Wir sind der Muss-man-sehen-Podcast. Nur mal für die Leute, die es das erste Mal einschalten, weil The Shining so wahnsinnig verführerisch vor euch lag. Und wir jetzt darüber reden. Und zwar, weil ich Floor den gegeben habe, obwohl ich nicht der Horrorbeauftragte bin in diesem Podcast.
Florian Bayer: Du hast mir einen Horrorfilm gegeben. Und das wirklich am Anfang des Jahres. Das ist ja schon mal echt schräg. Also wir geben uns gegenseitig Filme und wir haben einen sehr unterschiedlichen Filmgeschmack. Und die Horrorfilme kommen dabei tendenziell eher aus meiner Ecke. Ja.
Johannes Franke: Ich sage dann immer, Floor, wozu zwingst du mich? Warum? Ich sollte diesen Podcast aufhören. Ich will nie wieder einen Auge aufmachen. Ich habe keine Lust auf Filme. Und dann stelle ich fest, deine Filme sind oft gar nicht so schlecht, aber ich bin halt nicht der große Fan von Horrorfilmen.
Florian Bayer: Das ist der zweite Kubrick-Film, über den wir reden. Wir haben vor gar nicht so langer Zeit über Full Metal Jacket geredet.
Johannes Franke: Ja. Auch krasser Film. Beziehungsweise zwei Filme. Full Metal Jacket sind zwei Filme, oder?
Florian Bayer: Ja. Ich weiß gar nicht mehr, wie mein finales Urteil dazu war. Es ist natürlich ein sehr zweigeteilter Film. Und es ist nicht die erste Stephen-King-Verfilmung, über die wir reden. Stimmt. Wir haben über sehr viele Stephen-King-Verfilmungen geredet. Wir hatten Stand By Me. Wir hatten Die Verurteilten. Die Fortsetzung von diesem hier. Wir hatten Dr. Sleep, der allerdings so ein bisschen Lückenfüller war, muss man dazu sagen. Den haben wir besprochen, um ein Sommerloch zu füllen, als wir beide nicht so die Möglichkeit hatten, Filme zu gucken. Stimmt. Und gesagt haben, wir müssen irgendwas Leichtes nehmen für diese Episode. Vor allem was, was man auf Netflix finden kann, glaube ich, damals. Genau. Das war die Voraussetzung, dass man es auf Netflix finden kann. Und dass es irgendwas ist. Das ist was, was sich gut weggucken lässt, dass wir nicht zu sehr in unsere Ferien reinkrätschen. Ja. Und dieser, vielleicht die berühmteste Stephen-King-Verfilmung, vor allem berühmt deswegen, weil Stephen King nicht sehr zufrieden war mit dem, was Danny Kubrick aus seinem Film gemacht hat.
Johannes Franke: Deswegen ist der Film berühmt? Nein, Flo. Der Film ist einfach verdammt gut.
Florian Bayer: Deswegen ist er berühmt. Aber worum es genau geht, das erfahren wir jetzt von Johannes.
Johannes Franke: Ah, ihr habt einen Text darüber geschrieben. Also, die Familie Torrens hat einen neuen Job. Nachdem Jack seine Lehrstelle verloren hat, nimmt er ein etwas ungewöhnliches Jobangebot an. Er soll in einem Hotel über den Winter nach dem Rechten sehen und die notwendige Pflege übernehmen, während das Hotel off-season leer steht. Mit seiner Frau und seinem Kind zieht er für fünf kalte Monate in das riesige, einsame Labyrinth von Hotel und will an seinem Buch schreiben, während seine Frau alle eigentlichen Aufgaben, für die er bezahlt wird, übernimmt. Die Einsamkeit und offenbar auch das Hotel als geisterhafte Entität kriechen langsam. Langsam in sein Hirn, das eh schon nicht das gesündeste zu sein scheint, wenn man Jack Nicholsons Augenbrauen zuschaut. Nach und nach verliert er den Zugang zur Realität und Vernunft und gibt sich den Wahnvorstellungen, die ihm das Hotel vorgaukeln, hin, bis er beschließt, seine Frau und sein Kind mit der Axt zu erziehen. Wer uns öfter zuhört, weiß, dass ich mit Horrorfilmen nicht so viel anfangen kann. The Shining allerdings schafft es, die Horrortropes, die mir nicht so zusagen, auf ein Minimum zu verändern. Der Film legt ein einigermaßen langsames Tempo an den Tag. Er verzichtet weitestgehend auf billige Jumpscares und Blut als Schauwert. Naja, mal vom Fahrstuhl abgesehen. Und er ist verdammt psychologisch und seltsam kopflastig und geht damit weit über das Horrorgenre hinaus. Das kenne ich eigentlich nicht so aus den 80ern, sondern eher aus den 2010ern. Aber so gut kenne ich mich halt auch nicht im Horrorgenre aus, dafür ist ja Plor hier. Plor. Wenn The Shining heute rauskommen würde, würde man ihn eher als Posthorror einsortieren? Definitiv ja.
Florian Bayer: Er hat alle Zutaten zu einem wirklich klassischen Posthorrorfilm. Wir müssen schon klassischer Posthorrorfilm sagen, weil diese Genreart gibt es ja mittlerweile auch schon seit gut 10 Jahren. Er hat alles, was dazu gehört und die großen Posthorrorregisseure, über die wir gesprochen haben und die großen Posthorrorfilme, über die wir gesprochen haben, haben sich, glaube ich, auch in sehr vielerlei Hinsicht bei The Shining bedient. Ja. Was vor allem dieses Spiel mit Langsamkeit betrifft, was dieses Spiel mit Subtexten betrifft und dieses Spiel damit, das sehr lange Waage zu halten. Wie viel Übernatürlichkeit steckt überhaupt in diesem Geschehen und wie viel ist es einfach menschlicher Wahnsinn?
Johannes Franke: Heißt das, dass er seiner Zeit voraus war oder heißt das nur, dass Posthorror eigentlich nur ein scheiß Label ist, das früher genauso eigentlich existierte? Sowohl als auch.
Florian Bayer: Okay. Ganz eindeutig sowohl als auch. Also The Shining war seiner Zeit auf jeden Fall weit voraus. Ja. Wir befinden uns im Jahr 1980 und wir befinden uns in einer Ära, in der Horror tendenziell eher B-Movie-Wahre war, was mit dem Grund war, warum Stanley Kubrick das drehen wollte. Er wollte mal sowas machen. Und gleichzeitig ist es aber natürlich so, dass wirklich guter Horror ist immer auch ein bisschen Posthorror. Wenn du so einen Film nimmst wie The Night of the Living Dead aus dem Jahr 1968, dann hast du einen Zombie-Film vor dir auf der Handlungsebene, aber dann gibt es natürlich diese Meta-Ebene. Dass es um sowas geht wie Konflikte zwischen Bürger und Staat und vor allem in dem Fall die Bürgerrechtsbewegung und wie Schwarze in den USA behandelt werden und ähnliches. Und guter Horror hat das schon immer geschafft, dass er halt diesen Subtext hat. Und zwar nicht nur im Kino, sondern auch in der Literatur. Wenn du dir die Horror-Literatur des 19. Jahrhunderts anschaust, so etwas wie Frankenstein, dann hast du da natürlich auch den Subtext, der sich mit Humanismus beschäftigt, der sich mit wissenschaftlichem Fortschritt beschäftigt und so weiter. Das heißt, guter Horror sollte das immer haben. Es gibt sehr viel schlechten Horror, deswegen wird es als etwas Besonderes angesehen und deswegen wird halt im Jahr 2025 das Label Post-Horror draufgeklatscht.
Johannes Franke: Das heißt, der Horror-Film an sich hächelt die ganze Zeit dem Horror-Genre in der Literatur hinterher und versucht die Qualität zu erreichen.
Florian Bayer: In der Literatur kommt ja auch ganz viel Schwachsinn raus. Ich meine, dieser Film basiert auf Stephen King. Und wenn du einen Beweis dafür brauchst, dass Horror ganz oft auch Biber ist, dann musst du nicht viel weiter als zum größten Horror-Autor des 20. Jahrhunderts schauen, nämlich Stephen King. Und vielleicht reden wir ganz kurz über Stephen King. Wir können total gerne über Stephen King reden. Ich bin nämlich großer Stephen-King-Fan. Ich liebe Stephen King. Mir könnte nichts egaler sein als Stephen King. Also zum einen finde ich den super sympathisch. Man muss sich nur seine Tweets, die er heute über Trump absondert, durchlesen. Dann weiß man, dass das einfach mal ein stabiler Kerl ist. Aber King hat mich sehr lange durch mein Leben begleitet und war lange erste Literatur meiner Wahl. So in der Jugendzeit. Ich habe wirklich viel King gelesen. Wahnsinn. Und ich kann dem auch heute noch was abgewinnen. Wenn ich heute ein King-Buch in der Hand habe, das liest sich weg. King hat über sich selbst gesagt, ich werde im Kilo bezahlt, weil er einfach mal einen riesigen Output hat und echt viele Bücher veröffentlicht.
Johannes Franke: Ja, ist krass, was er für einen Output hat. Das ist ja, hier in Dingens, wie heißt der, der Game of Thrones schreibt? Der soll sich mal eine Scheibe abschneiden.
Florian Bayer: Ja, genau. Es gibt ja dieses berühmte Gespräch zwischen den beiden, wo er fragt, Stephen, wie machst du das? Weil da haben wir diesen, Wie heißt der? George R. R. Tolkien. Ja, genau. Warum heißt es ein Fantasy-Autor? Ja, doch, George R. R. Martin. Okay. Wo er ihn fragt, wie schaffst du das? Weil er halt seit Jahrhunderten an diesem letzten Buch arbeitet und alle Angst haben, dass er stirbt, bevor er das fertig schreiben kann. Und King sagt, naja, ich schreibe halt so meine 500 Seiten am Tag. Der Mann veröffentlicht teilweise mehrere Bücher in einem Jahr. Wie krass. Und wenn Stephen King ein Buch veröffentlicht, dann ist das halt auch manchmal so ein 500 bis 1000 Seiten-Klopper. Wahnsinn. Absoluter Wahnsinn. Und das ist, wie gesagt, ich mag King total. Ich finde, der hat super geile Ideen. Der schreibt wirklich interessante, witzige Geschichten. Aber Stephen King ist auch eine große Portion Trash. Und wenn man sich seine Bücher durchliest, dann ist das auch immer ein bisschen ungehobelt, oft auch ein bisschen ungelenk, oft ein bisschen hilflos. Er hat immer dieselben Tropes drin und schweift gerne unnötig aus, um gefühlt so Buchseiten zu strecken. Verliert sich dann in absurd langen Beschreibungen, die nichts zur Handlung beitragen. Und findet meistens irgendwie ein Ende, wo du drauf guckst und denkst, was ist denn das? Wie bist du denn auf die Idee gekommen? Diese Geschichte hätte zehn geniale Enden gehabt und du hast das Elfte genommen, was einfach komplett Bogus ist.
Johannes Franke: Okay. Warum kann man dann Fan davon sein, ist die Frage. Also du weißt ja, du bist Fan, aber diese unterm Strich klingt es nicht so.
Florian Bayer: Es macht einfach so unglaublich viel Spaß zu lesen. Okay. Es ist wirklich, es ist, also was man Stephen King immer zugute halten sollte, ist, dass er, dass er vor Ideen nur so sprüht. Und deswegen schreibt er auch so viel, weil er hat einfach tausende Ideen im Kopf. Und die sind dann teilweise komplett bescheuert und komplett albern, aber es sind Ideen. Und er hebt sich dadurch auch irgendwie ab von dem Großen. Es gibt ja viele so Blockbuster-Bestseller-Autoren aus dem Horrorbereich. Er hebt sich einfach von denen ab, weil er nicht ganz so generisch wirkt, weil er so ein bisschen drüber ist, ein bisschen drunter und unglaublich viele schlechte Ideen in seinen Büchern hat. Und absurde Ideen, auch unfreiwillig komische Ideen. Aber es sind Ideen. Es sind Sachen, über die du manchmal mit dem Kopf schüttelst, aber es ist einfach was, was irgendwie originell ist auf seine schräge Art und Weise. Okay, okay. Aber springen wir zurück. Wir haben nämlich hier einen jungen King vor uns. Ja. King wurde 1947 geboren. The Shining hat er 1977 geschrieben. Er war 30 Jahre alt. Es war sein drittes Buch. Krass. Und er war aber schon ein Star. Ja, das erste Buch hat ja schon so eingeschlagen. Carrie, dass er fast verbrannt hätte. Und seine Frau hat ihn noch gerade so aufgehalten und gesagt, Carrie wurde auch schon verfilmt. Ja. Und zwar... Möchtest du tippen, oder? Ja, bitte. 1976 wurde Carrie verfilmt. Und der Film war ein Erfolg. Das Buch war ein Erfolg. Sein zweites Buch, Brennen muss Salem, war auch ein Erfolg. Sein Verleger hat zu ihm gesagt, Steven, wenn du jetzt noch ein Horrorbuch schreibst, dann bist du für ewig der Horror-Romanautor. Ja, hat er recht. King hat gesagt, ja, mach ich. Ist mir egal. Ich schaff das schon. Und er ist jetzt auf ewig der Horror-Romanautor. Ich meine, ey, er ist der King of Horror. Ja. Sie haben seinen Namen dafür benutzt, also er oder er selbst, ich weiß gar nicht, wie er selbst dazu steht, dass er King of Horror genannt wird. Auf jeden Fall war er ein Star. Und er hat 77 Shining geschrieben, danach The Stand. Und The Shining war so ein Buch, und das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig, um zu verstehen, auch warum Stephen King die Verfilmung nicht mochte. Ja. Indem er sich sehr viel auseinandergesetzt hat mit seiner Kindheit. Und vor allem aber auch mit seinen Ängsten, wie er sein könnte. Weil Stephen King hatte einen alkoholabhängigen Vater, der allerdings, sehr früh abgehauen ist. Also King, der war quasi nicht da. Und Stephen King selbst ist auch Alkoholiker. Ja. Und er hatte immer irgendwie diese Angst, dass er werden könnte wie sein Vater. Und als er The Shining geschrieben hat, hatte er auch schon zwei Kinder. Und er wollte dann halt eine Geschichte schreiben, die sich unter anderem damit auseinandersetzt, wie es ist, sich als Vater, und in dem Fall auch als Autor, Stephen King hat auch sehr gerne oft über Autoren geschrieben, Stephen King schreibt über Sachen, die über sich, die ihn interessieren. Klar. Und wie das ist, wenn man irgendwie einfach mit dem Bösen konfrontiert wird und wie man damit umgeht. Und ganz wichtig auch in der Romanvorlage, du hast es nicht gelesen, ne? Ich hab's nicht gelesen, nein. In der Romanvorlage ist es so, dass es eine Redemption-Ark gibt. Und dazu kommen wir später nochmal zurück. Jack wird auch wahnsinnig. Es gibt viele Sachen, die ähnlich sind wie im Film. Aber vor allem ist es so, dass Jack wahnsinnig wird. Aber in diesem Wahnsinn, der ganz eindeutig vom Hotel ausgeht, als wäre er von einem Dämonen besessen, es so Lichtmomente gibt. Und einer dieser Lichtmomente sorgt auch dafür, dass er sich und das Hotel zusammen in die Luft sprengt, um seine Familie vor sich und vor dem Hotel zu retten. Und das ist ja komplett anders in der Geschichte. Im Film, ja, ja. Weil im Buch ist es so, dass das Hotel die große Bedrohung ist und die Bedrohung ist zu Ende, wenn das Hotel in die Luft fliegt. Und im Film ist es so, dass Jack die große Bedrohung ist und die Bedrohung ist zu Ende, wenn Jack im Schnee erfroren ist.
Johannes Franke: Beziehungsweise ist die Bedrohung zu Ende? Hm, das ist ja das Ding. Einer der Gründe, warum Stephen King nicht so zufrieden ist damit, ist, dass am Ende endet es heiß bei Stephen King, indem er das Ding verbrennt. Was Stanley Kubrick macht, ist das Ganze zu archivieren, indem er es einfriert. Ja. Und du hast das Gefühl von Stillstand und keine richtige Auflösung. Du hast ein, okay, der ist jetzt tot da in dem Schnee, aber das Hotel existiert weiter. Der Typ, wir sehen ihn nochmal in diesem Bild von 1921, das ist alles so eine Time Loop, gefroren in der Zeit. Du hast keine Auflösung im Sinne von, okay, das Böse ist gebannt, sondern du denkst dir, ja, diesmal, diese eine Schlacht hat das Böse nicht gewonnen. Aber ob die beiden gewonnen haben, weiß ich jetzt auch nicht.
Florian Bayer: Ich glaube, das spielt total eine Rolle. Also, Stephen King ist unzufrieden, weil es irgendwie eingefroren ist, weil diese Hitzigkeit fehlt von seinem großen, explosiven Finale. Er ist unglücklich, weil Jack von Anfang an irgendwie als Böse dargestellt hat. Die Familie wird als dysfunktional dargestellt.
Johannes Franke: Scheint ihm hier wirklich wichtig gewesen zu sein, dass der Vater der Familie eigentlich, sich total bemüht und seinen Alkoholismus versucht, in den Griff zu kriegen und so. Und dass er von gut auf ein guter Mensch ist. Und Stanley Kubrick zeigt ihm den Mittelfinger und sagt, scheiß drauf, meine Figur ist von Anfang an richtig weird. Und man merkt sofort, dass er eine Psychose oder was hat.
Florian Bayer: Aber ich glaube, eine ganz wichtige Ebene bei diesen ganzen Interpretationsansätzen, warum King unglücklich ist, sollte man nicht unterschlagen. Und das ist einfach ein gekränktes Ego. Stephen King ist nämlich, Stephen King hat nämlich gehört, oh, Kubrick will Horrorfilme drehen, oh, Kubrick hat mein Buch gelesen, oh, Kubrick will das Buch verfilmen. Und dann ist Stephen King angedackelt gekommen und hat gesagt, hey, Stanley, guck mal hier, ich hab da was für dich. Und hat ihm ein Tribut auf den Tisch gelegt. Und Stanley Kubrick hat gesagt, na, I'm fine.
Johannes Franke: Ja, ich mach das anders. Und hat dann irgendeine Professorin, nicht irgendeine Professorin, sondern hat eine Professorin von der Uni genommen, die sich ein bisschen Psychologie eben auskannte und Graphic Novel gelehrt hat.
Florian Bayer: Dianne Johnson, eine Autorin, eine große Autorin, aber vor allem auch eine Autorin, die, nachdem Kubrick zu King gesagt hat, nee, ich will dein Drehbuch nicht, die danach, nachdem sie von Kubrick angeheuert wurde, The Shining gelesen hat und gesagt hat, yeah, that's trash. Dianne Johnson, famously, kein großer Fan von der Vorlage. Es gibt mehrere Zitate von ihr, wo sie sagt, ja, King hat Ideen, aber das ist sowas von ungelenk und das ist sowas von holprig und wir müssen jetzt irgendwie versuchen, daraus ein bisschen was Tiefgründiges zu machen. Die haben sich wahnsinnig viel mit Psychologie beschäftigt.
Johannes Franke: Die haben viel Freud gelesen. Das ist wohl ein sehr, also Kubrick an sich, ein sehr freudianischer Filmemacher, wenn man das so sagen will und kann. Und sie haben sich viel da bedient und genauer geschaut, wie so Familiendynamiken entstehen, Missbrauch, patriarchale Strukturen und so weiter. Also das merkt man alles im Film, muss ich sagen.
Florian Bayer: Das Geile ist, dass er sich so viel Gedanken darüber gemacht hat und dass der Ursprung ja wirklich ist. Er hatte mit Barry Lyndon 1975 so einen riesigen Ausgangspunkt, mit einem ausgedehnten, epischen Film, der ein kompletter Flop war. Das ist so traurig.
Johannes Franke: Also ich habe Barry Lyndon gesehen, ich verstehe, warum es ein Flop ist. Das ist kein kommerzieller Erfolg, dieser Film. Und natürlich denkt er sich danach, okay, was kann ich Massenwirksames machen, was aber trotzdem vielleicht meinem Anspruch genügt. Er wollte irgendwie einen Genre-Film machen.
Florian Bayer: Er hat ja mehrmals Angebote gekriegt, Genre-Filme zu machen. Er hätte The Exorcist drehen können und er hat gesagt, nee, lass mich mal eins.
Johannes Franke: Und er hat ja auch Famously und da gibt es, von seiner Sekretärin irgendwie Berichte, monatelang ein Buch nach dem anderen in die Hand genommen und nach den ersten paar Seiten an die Wand geworfen, nebenan die Sekretärin, die immer nur Bonk hört. Und der Moment, wo es nicht mehr Bonk gemacht hat, hat sie so weit irritiert, dass sie rübergegangen ist, um zu gucken, was passiert ist. Und da hat er wohl dann The Shining entdeckt und hat eben das nicht an die Wand geworfen.
Florian Bayer: Was total witzig ist, weil wenn man retrospektiv, das kann natürlich auch sein Kubrick, war dann ja auch sauer darüber, wie King sich zu seinem Film geäußert hat. Was Retrospektive, ein bisschen merkwürdig ist, weil Kubricks Urteil über Kings Schreibtalent ist jetzt auch nicht das Beste. Aber offensichtlich ist er an Shining hängen geblieben und hat gesagt, ja, das wird mein Genre-Film. Und er hat es dann auch tatsächlich geschafft, Warner Bros. davon zu überzeugen, dass er das machen könnte. Und er hat das gemacht, was er immer bei seinen Filmen gemacht hat. Er hat gesagt, ich will nicht, dass sich der Autor von dem Original einmischt. Deswegen hat er Stephen King auch abgelehnt. Kubrick war ein Literaturverfilmer. Das vergisst man so oft, weil seine Filme viel bekannter sind, als die Vorlagen. Ja, klar. Clockwork Orange denkt nicht als erstes an das Buch, sondern denkt an den Film. Wer an Dr. Strangelove denkt, denkt nicht an das Buch, sondern an den Film. Und The Shining, selbst das von diesen berühmten Autoren, von Stephen King, wahrscheinlich den berühmtesten Autoren des 20. Jahrhunderts, selbst das ist so eng verknüpft mit den Filmbildern, dass wenn wir das hören, dann denken wir an die Filmbilder. Auch wenn wir sagen, ah ja, ja, doch, King, da kennen wir zumindest den Namen des Autoren. Kennst du den Autoren? Weißt du, wer Clockwork Orange geschrieben hat? Nein, keine Ahnung. Und das ist ein berühmter Autor gewesen. Verdammt. Kubrick hat gesagt, der soll sich nicht einmischen. Und das wird verdammt nochmal in den fucking Vertrag geschrieben.
Johannes Franke: Ja, es ist aber auch so, wenn man die Filmrechte an einem Buch kauft, ist es gang und gäbe, dass der Autor jetzt nicht unbedingt per se Rechte daran hat, daran rumzuvorwerken und zu sagen, ich möchte es aber so oder so verfilmt haben. Also insofern, er gibt seine Rechte sowieso ab und was damit passiert, ist aus der Natur der Sache heraus nicht mehr seine Sache. Ja. Aber er hat sich dann natürlich auch ein bisschen, wie du sagst, vielleicht das Ego war ein bisschen gekränkt und so hat er sich halt sehr negativ geäußert.
Florian Bayer: Ja, vor allem, wie gesagt, dann heuert er Dianne Johnson an und die sagt dann, naja, ehrlich gesagt, das Shining ist jetzt nicht besonders gute Literatur. Ja, das ist gruselig, das ist effektiv, das funktioniert irgendwie. Aber eigentlich ist es so, das Buch zeigt ganz gut, wie interessant es ist, wie richtig schlechte Bücher wirklich effektiv sein können. Das ist O-Ton. Oh Mann. A very bad book can also be very effective.
Johannes Franke: Sie äußert sich zu The Shining. Ist das hart. Ich glaube, dass Stanley Kubrick vielleicht das Buch gar nicht gut fand, aber er was brauchte, was ihn entsprechend triggert. Ja. Was seine Fantasie lostritt. Und dann, man sieht ja an dem Film, wenn man sich damit beschäftigt, was die Unterschiede sind zum Buch, dass er einfach so getriggert war von dieser Familienkonstellation und dem, was da an Missbrauch oder an patriarchalen Strukturen und toxischer Männlichkeit und so weiter drin steckt, dass er das da irgendwie nicht drin gesehen hat, weil es ja nicht wirklich so in der Form drin stand, sondern das getriggert gefühlt hat bei sich und sich gedacht hat, ja, das wäre doch geil. Und dann das Setting irgendwie übernommen hat. Ich glaube, was auch eine große Rolle spielt,
Florian Bayer: dass Kubrick einfach ein Fan von Orten ist. Kubricks Filme bauen sich immer um Orte auf. Also wenn du zum Beispiel an diesen riesigen Raum in Dr. Strangelove denkst, wo die ganzen Politiker versammelt sind und zuschauen, warum die die Welt untergeht. 2001, Odyssee im Weltraum, wo du das riesige Raumschiff hast, diese Eröffnungsszene, wo der im Raumschiff dann seine Runden läuft. Oder auch so Clockwork Orange, wo du diese Bar siehst, wie die Kamera durch diese Bar fährt und du hast einfach diesen grotesken Ort und ein Hotel. Und King hat in seinem Buch natürlich das Hotel auch sehr viel beschrieben. Ist natürlich geil, vor allem ein leeres Hotel. Du hast viele leere Räume, du hast viele Möglichkeiten, gruselige Sachen zu platzieren, egal ob Geister oder einfach nur Interieur. Und das ist irgendwie so ein Kubrick-Ding. Total.
Johannes Franke: Er hat auch die Leute losgeschickt, Räume zu fotografieren, damit er die direkt nachbauen kann für das Hotel. Also er ist auch nicht jemand, der einen Designer einfach anheuert und sagt, ja, design mal aus deinem Kopf jetzt irgendwelche schönen Räume. Jemand wurde bezahlt dafür, dass er dieses Hotel designt hat. Das übernehmen wir jetzt einfach. Geh los und mach Fotografien davon und dann baust du mir das nach, was ich sage, was du nachbauen sollst.
Florian Bayer: Das ist ein fucking Studiofilm, ne?
Johannes Franke: Ja, ist krass.
Florian Bayer: Er hat seine Leute um die Welt geschickt, die haben Hotels gefilmt, die haben Hotels, die haben Hotels fotografiert und dann hat er gesagt, naja, wir haben doch da diese Studios, da bauen wir das Zeug alles nach, da bauen wir das gesamte Innenzeug nach. Also natürlich die Außenaufnahmen, die nochmal anders sind, vor allem tagsüber. Und die Außenaufnahmen auch teilweise von unterschiedlichen Gebäuden, was ich voll irritierend jetzt fand, dass du am Anfang, du hast diesen einen Opening-Shot über ein Hotel, wo du ganz eindeutig siehst, da ist kein Platz für einen so großen Büschiergarten und dann hast du nachher einen Shot auf ein Hotel und sagst, nee, das ist ein anderes Haus. Was ist dir passiert?
Johannes Franke: Ich glaube, Kubrick macht das ganz viel, aber eben auch nicht nur aus der Not heraus, sondern wo er absichtlich mal einen Stuhl wegnimmt, damit er im Umschnitt dann plötzlich nicht mehr da ist. Er setzt darauf, dass du im Unterbewusstsein den Film guckst und denkst, ah, das stimmt alles nicht.
Florian Bayer: Wir müssen auf jeden Fall über die Unstimmigkeiten reden, weil die ja sehr viel Anlass waren für teilweise wirklich absurde Interpretationen dieses Films. Wunderbar. Stephen King war echt pisst, dass Kubrick nicht das Hotel genommen hat, was er geil fand, weil King, war natürlich inspiriert von einem Hotel, bei dem er tatsächlich Zeit verbracht hatte, als er sein Buch geschrieben hat. Und zwar war er 1974 mit seiner Frau im Stanley Hotel in Colorado. Und sie waren die einzigen beiden Gäste in dieser Nacht zufälligerweise. Und naja, da waren halt diese ganzen leeren Korridore und die Stühle waren alle hochgestellt. Sie waren Abendessen im großen Speisesaal und haben dann da gegessen und hatten offensichtlich nur ein Menü zur Auswahl, weil kein Mensch da war und es lief Musik durch die Boxen. Krass. Und alle Stühle waren hochgestellt und sie saßen an diesem einen Tisch, der halt gedeckt war für sie. Und nachts ist wohl King dann durch das Hotel noch gegangen, hat auch einen Drink bestellt, weil noch ein Barkeeper da war. Und er sagt, in dieser Nacht hatte ich einen krassen Albtraum. Und zwar hat er geträumt, wie sein damals drei Jahre alter Sohn durch das Hotel durchläuft und die ganze Zeit Angst hat. Und er sagt, dann bin ich wach geworden und dann hatte ich quasi das im Kopf, über das ich schreiben will. Und er hätte es so gerne gehabt, dass Stanley Kubrick sein Hotel nimmt. Als Vorlage oder vielleicht sogar als Drehort. Und das hat Kubrick halt nicht gemacht.
Johannes Franke: Ja, Kubrick hat seinen eigenen Kopf. Das ist doch vollkommen okay. Was soll das? Das ist doch in Ordnung. Der hat eine Vision davon, wie es sein soll, wie es aussehen soll. Und wenn man so eine Vision von jemandem anders übernimmt als Regisseur, dann glaube ich, dass das ganz viele Auswirkungen hat, negative Auswirkungen auf alle Entscheidungen, die man so trifft als Regisseur. Weil man in einem Raum arbeitet, der nicht der ist, den man eigentlich haben wollte. Ich glaube, es ist nicht gut, wenn man das da beeinflussen lässt.
Florian Bayer: Ich finde auch die Entscheidung, das im Studio zu drehen, wenn ich das sehe, finde ich das richtig. Ja, absolut. Vor allem, weil es fühlt sich nicht an wie ein Studiofilm. Gar nicht. Du hast die ganze Zeit das Gefühl, dass die wirklich im Hotel unterwegs sind. Und du hast schon über diese Unstimmigkeiten geredet. Es gibt sehr viele Nerds, die anfangen, Pläne zu zeichnen von diesem Hotel. Und wie die Leute sich bewegen und sagen, Moment, das kann doch nicht gehen, das kann doch nicht gehen. Ganz berühmt ist diese eine Szene ganz am Anfang, wo man ein Fenster hat. Wo man ein Fenster sieht, das nicht existieren dürfte. Weil Jack in dieses Vorstellungsgespräch geht und dann ist er in dem Raum, wo er zum ersten Mal mit dem Hoteldirektor redet. Und die sind halt so um drei Ecken gebogen, um da reinzugehen. Und dieser Raum ist ganz eindeutig mittendrin im Gebäude. Aber wir sehen ein großes Fenster und schöne Natur draußen. Und das kann einfach nicht sein. Überhaupt nicht. Ich finde die Entscheidung richtig. Es fühlt sich nicht an wie ein Studio. Aber dadurch, dass es diese Studiofreiheit so ein bisschen gibt, gibt es diese Raumfreiheit. Und es fühlt sich an, du hast labyrinthaft gesagt. Es fühlt sich ganz oft labyrinthaft an. Man hat das Gefühl, man geht an diesem Drehort verloren. Man könnte fast einen Plan davon zeichnen und dieser Plan würde aber nie stimmen. Und das kann einen wahnsinnig machen. Und das passt natürlich sehr gut zu dieser Atmosphäre der Verlorenheit und der Hilflosigkeit gegenüber diesem absurden Gebäude.
Johannes Franke: Und man muss auch sagen, alles was er davor hatte, was man im Film nur auch sieht, das an einem Originaldrehort zu machen, da bist du ja die ganze Zeit beschäftigt, den eigentlichen Besitzer des Hotels irgendwie zu beschwichtigen und zu sagen, nein, nein, die Blutflecken gehen wieder raus. Keine Sorge. Solche Sachen, weißt du, das ist schon hart.
Florian Bayer: Ja, vor allem auch, wenn du so ikonische, gruselige Szenen schaffst. Wie das mit dem Fahrstuhl. Ja. Oder allein diese Teppiche haben sich ja eingebrannt. Wenn ich in einem Hotel wäre und würde diesen Teppich sehen, würde ich sagen, ah, Schatz, lass uns vielleicht doch lieber woanders übernachten heute. Das muss ja dann ein Hotel auch mitmachen. Das ist ja auch ein bisschen so. Also das war nicht abzusehen, dass der Film so ein Erfolg wurde. Aber quasi alles, was man da sieht, ist ja so ein bisschen verbrannt. Kein Mensch, der diesen Film gesehen hat, will in so einem Hotel übernachten. Egal, wie schick es ist.
Johannes Franke: Wieder Raum 237 oder welcher ist das jetzt? 267? 237, genau. Das ist ja im Buch eine andere Nummer. 137? 217.
Florian Bayer: Anlass für eine großartige Filmtheorie zu diesem Film, zu der ich nachher noch zu sprechen kommen muss.
Johannes Franke: Angeblich ist es ja deswegen so gewesen, weil der Besitzer des Hotels, dass es angeblich ist, nämlich, dass die Außenaufnahmen usw. hat, der hat gesagt, ja, aber wenn jetzt Leute kommen zu mir und diesen Film gesehen haben, dann will keiner mehr in dieses Zimmer rein. Die 217 ist dann verbrannt. Was soll denn das? Bitte, bitte, gib dem eine andere Nummer. Das ist die offizielle Lore, oder? Ja, ich glaube, das ist auch die richtige Lore. Ja, denke ich auch. Aber es gibt halt Leute, die dann sagen,
Florian Bayer: ich habe da eine andere Theorie. Wir kommen nachher noch zu den Theorien. Es ist einfach, es ist einfach zu spaßig, auf die Theorien einzugehen. Aber lass uns mal in den Film wirklich reingehen. Und vielleicht einmal so einen großen Gesamtüberblick über die Struktur. Weil das war was, was, ich habe den Film schon ein paar Mal gesehen. Und trotzdem hat es mich überrascht, weil ich das nicht mehr so in Erinnerung hatte. Wir haben in diesem Film, wir haben diesen Film irgendwie in Akte unterteilt, die unterschiedlich lang sind. Und die eingeleitet werden durch ein Pleck. Und in diesem Pleck steht dann, in welchem Akt wir uns befinden. Zum Beispiel Akt Wednesday? Es ist komplett inkonsistent. Ja. Das ist der erste Akt, heißt das Interview. Dann fangen wir plötzlich an mit Akten, die ungefähr Monate auseinander liegen. Zum Beispiel haben wir dann Closing Day. Wir gehen davon aus, dass das ein Monat nach dem Interview ist. Und dann haben wir A Month Later. Und dann haben wir aber plötzlich Akte, die nach Tagen benannt sind. Und dann haben wir Akte, die nach Uhrzeiten benannt sind. Und die Länge der einzelnen Akten ist auch komplett inkonsequent. Wir haben Thursday als Akt, der geht keine Minute lang. Und dann haben wir gleichzeitig den Akt 8 vor PM, der dann bis zum,
Johannes Franke: bis zum Ende durchgezogen wird. Aber es ist ja tatsächlich, wenn man das jetzt sich anhört, sehr sortiert vom Großen ins Kleine. Du hast am Anfang die großen Abstände und dann verdichtet es sich immer mehr. Das finde ich schon, also an sich macht das ja irgendwie Sinn für den Film.
Florian Bayer: Es verdichtet sich, es wird enger. Ich hatte das anders in Erinnerung. Ich dachte, der Wahnsinn würde schleichtender kommen. Aber wir haben ja diesen Sprung von einem Monat und dann fängt der Wahnsinn an und dann ist es so jeden Tag schlimmer. Es gibt keine große Sprünge mehr. Sie sind, fünf Monate sollen sie da bleiben. Und wir erfahren von dem Hotelbesitzer, dass der Crady, der Vorgänger von Jack, offensichtlich mit der Zeit wahnsinnig geworden ist und wir stellen uns vor, dass er irgendwie nach ein paar Monaten seine Familie umgebracht hat. Jack wird nach einem Monat wahnsinnig und braucht eine Woche, um diesen Wahnsinn in komplette Raserei zu steigern. Krass, oder?
Johannes Franke: Also ich kann mir vorstellen, dass man, wenn man einen bestimmten Threshold überschritten hat, dass man dann recht schnell die Spirale einfach nach unten nimmt. Aber bis es dahin kommt, nur einen Monat, das zeigt uns, wie schwach eigentlich der Jack-Nicholson-Charakter ist, oder? Wie, was für eine Wurst das ist, dieser Typ.
Florian Bayer: Naja, der Weg in den Wahnsinn wird uns dann ja auch gar nicht richtig gezeigt. Wir haben einen Mann Flater und dann haben wir die Woche, in der der Wahnsinn sich etabliert. Es wird uns nicht gezeigt, wie er nach und nach durchdreht. Das ist das, was Stephen Kings Buch eher macht. Das zeigt, wie er mehr und mehr durch diese Isolation abdriftet. Jack und Stephen King war auch famously extrem gegen Jack Nicholson, als Schauspieler, weil er gesagt hat, dieser Typ ist aus einer Flucht über das Kuckucks-Nest. Dem sieht man seinen Wahnsinn, schon an, genau. Und Shelley Duvall war auch nicht seine Wahl. Shelley Duvall hat er als grotesk bezeichnet.
Johannes Franke: Oh, das ist so gemein.
Florian Bayer: Groteskes Casting. Och. Und da kann ich sogar, das ist sogar was, wo ich mitgehen kann, dass Stephen King nicht glücklich ist, wie diese Figur gezeichnet ist. Obwohl ich es trotzdem interessant finde, aber das ist ein ganz anderer Ansatz.
Johannes Franke: Aber ich verstehe auch volle Kanne, was Stephen King da sagt, was Shelley Duvall betrifft. Aber wir sind bei Jack.
Florian Bayer: Wir sind bei Jack. Jack ist von Anfang an ein sehr dubioser Charakter. Ja. Wir erfahren, dass Jack offensichtlich seinem Kind was angetan hat im ersten Viertel des Films. Wir wissen, das ist gewalttätiger Vater.
Johannes Franke: Können wir einmal über die Szene reden, wo die Frau Doktor da kommt und ihn anschaut und sehr, sehr gute Fragen stellt, was das Kind betrifft. Ja. Und genau guckt, was ist denn passiert und wie kann ich die Frage stellen? Wie kann ich dem Kind die Frage stellen? Wie muss ich mit der erwachsenen Frau reden? Und dann zum Schluss kommt, ach, machen Sie sich keine Sorgen. Ja.
Florian Bayer: Was? Okay. Aber das liegt auch unter anderem darin, dass dieser Film, ich glaube ja, also mal unabhängig davon, was alles, was alles später passiert. Es ist nicht Jack, der dieses Kind umbringen will. Alle wollen dieses Kind umbringen. Also. Der ganze Film? Ja, der ganze Film. Wendy, seine Mutter, sitzt neben ihm beim Frühstück, gibt ihm irgendwelche ungesunde Waffeln und raucht ihm dabei ins Gesicht. Es ist die 80er. Floor, es ist 80, 1980. Sie fahren in Colorado Serpentinen hoch auf einer rutschigen Straße. Schneid das Kind an. Ja. Er ist nach vorne gebeugt. Mama, Papa, können wir einen Autounfall haben? Kann ich sterben? Ja. Was zur Hölle geht mit den Leuten vor, die diesen Film gedreht haben?
Johannes Franke: Aber es ist, also wirklich, 1980, wann gab es denn diese Anschlepppflicht überhaupt? Die gab es doch erst später, oder?
Florian Bayer: Ja, ich glaube, wir sind in der Zeit, in der das kam. Aber ich weiß nicht, wie es in den USA und Deutschland war. Aber es ist wirklich krass. Du guckst die ersten Minuten dieses Films und du denkst, okay, dieser Film will das Kind töten. Und zwar auf jede erdenkliche Weise.
Johannes Franke: Gewalttätiger Vater, kettenrauchende Mutter. Die Ärztin, die einfach sagt, ja, macht halt, was ihr glaubt. Wie krass. Vor allem, weil die so gute Fragen stellt. Weißt du, die ganze Zeit denkst du, ja, das ist eine kompetente Frau. Super, sehr schön. Und dann sagt die einfach, ja gut, vielleicht sehen wir uns im halben Jahr wieder, wenn ihr nochmal anklopft. Absolut.
Florian Bayer: Und das Krasse ist, diese Szene gibt es nicht im Deutschen. Diese Szene ist, also mittlerweile gibt es sie im Deutschen. Ja. Als ich diesen Film als Jugendlicher zum ersten Mal gesehen habe, habe ich diese Szene nicht gesehen. Neben ein paar anderen Szenen.
Johannes Franke: Die EU-Fassung.
Florian Bayer: Es gibt nämlich eine EU-Fassung, wo einiges der Schere zum Opfer gefallen ist und dieses sehr lange Ärztegespräch, was total spannend ist. Weil es so einen ersten Blick in die Dysfunktionalität dieser Familie bietet. Stimmt, ja, ja. Ist komplett der Schere zum Opfer gefallen. Und in dem Gespräch erfahren wir aber, dass Jack ein Alkoholiker ist und dass Jack offensichtlich Danny am Arm gepackt hat. Und zwar so brutal, dass er ihm den Arm ausgekugelt hat. Als er betrunken war und als er wütend war, weil Danny halt gemacht hat, was vierjährige Kinder machen, Papier durch die Gegend geworfen.
Johannes Franke: Und schon bevor wir wirklich mit Jack zu tun haben, vertrauen wir ihm kein Stück mehr. Weil wir das einfach schon hören und schon wissen. Und dann auch, Shelly Duvall, die das in dem Moment auch wahnsinnig gut macht, finde ich. Ganz viele Entscheidungen in dem Film sind vielleicht debatable und man kann darüber reden, wie sie inszeniert ist. Aber in dieser Szene finde ich sie wahnsinnig gut, weil man ihr so anmerkt, wie sie so ein Opfer von häuslicher Gewalt ist, die versucht, das zu rechtfertigen, was der Mann getan hat. Das ist so krass. Sie spielt das echt verdammt gut. Weil es auch nicht zu zittrig und nicht zu, was sie später dann zeigt, sondern es ist schon, schon ist es sehr gefasst und noch sehr so auf eine sehr bewusste Art und Weise verteidigend. Die haben sich gemeinsam eine Geschichte überlegt anscheinend, damit sie nach draußen hin sagen können, nö, nö, alles in Ordnung. Diese Familie funktioniert ganz wunderbar. Es gibt heutzutage,
Florian Bayer: ich bin tatsächlich absurderweise in den letzten Wochen öfter mal über den Begriff gestolpert, den Begriff Eggshell Parenting. Und zwar für Eggshell im Sinne von, die Kinder bewegen sich auf Eggshells, weil die Eltern cholerisch sind, weil die Wipes grundsätzlich schlecht sind und vor allem, im Hintergrund, dass Erwachsene, die es allen recht machen wollen, die furchtbar Angst davor haben, dass es Konflikte gibt und so weiter, dass die halt so aufgewachsen sein könnten. Und das ist, was man in Therapie mal besprechen kann. Ich finde, in dem Film kommt das sehr zum Tragen. Und zwar nicht nur, dass Danny sich so benehmen muss, sondern auch, dass Wendy sich so benehmen muss, weil Jack einfach mal ein Choleriker ist. Und wir haben immer in dieser, wenn sie mit ihm interagieren, haben wir immer diese Anspannung, auch wenn es dauert, bis wir ihn ausrasten sehen zum ersten Mal. Dass man nie so genau weiß, wie ist jetzt gerade die Stimmung und könnte das jetzt umkippen? Ich darf jetzt bloß nicht zu laut sein. Ich darf bloß nicht zu verspielt sein. Und auch mehrmals so absurde Sachen, wenn Danny fragt, ob er ein Spielzeug aus dem Zimmer holen kann, wo Jack schläft. Und Wendy total angespannt ist.
Johannes Franke: Das, was sie sagt, ist total krass. Sie sagt, er ist erst ein paar Stunden schlafen gegangen. Und ich denke mir, erst ein paar Stunden? Es ist mitten am Tag. Was bedeutet das hier? Wenn du Angst hast, dass jemand, der mitten am Tag einmal kurz im Mittagsschlaf schläft und du dann sagen musst, nach ein paar Stunden, er hat sich doch gerade erst hingelegt. Wie krass ist das denn?
Florian Bayer: Und das ist, glaube ich, auch die große Stärke von dieser Wendy-Rolle. Total. Weil sie wird als realistisches Opfer von häuslicher Gewalt inszeniert. Und man kann sagen, oh nee, und King hat so eine starke Frau geschrieben. Was ja jetzt auch nicht so 100% stimmt. Kings Frauen sind auch oft Tools. King ist echt nicht der Beste drin, Frauenfiguren zu schreiben. Okay, aber er hat offensichtlich eine andere Meinung davon. Ja, er hat auf jeden Fall eine Frau geschrieben. Die ein bisschen mehr einen eigenen Kopf hat und ein bisschen mehr Handlungswillen und so. Aber das ist natürlich das viel realistischere Szenario, wenn du so einen gewalttätigen Ehemann und Vater hast, dass du dich so verhältst und so angespannt und auch so hypernervös und die ganze Zeit Angst hast, es ihm nicht recht zu machen. Es versuchst, ihm recht zu machen
Johannes Franke: und trotzdem immer daran scheiterst. Ich muss sagen, ich habe das ganz anders in Erinnerung. Ich habe den Film mehrmals gesehen. Ich habe ihn ja erst vor ein paar, ich glaube drei Monaten oder sowas schon das letzte Mal gesehen. Und jetzt nochmal. Und ich erinnere mich daran, wie ich mit Anfang 20 und vielleicht noch ein bisschen später super genervt von der Frauenfigur war. Ja. Weil die so wahnsinnig hysterisch dann inszeniert ist und so wahnsinnig viel zittert und man sie fast gar nicht mehr versteht und dann auch gar nicht mehr. Man kann sich nicht an ihr festhalten als Figur, was aber manchmal vielleicht wichtig wäre für den Film, dass man mit ihr zusammen durch Sachen durchgeht. Und das hat mich wahnsinnig gestört irgendwann mit Anfang 20 oder Mitte 20, Ende 20 vielleicht noch. Und jetzt beim Gucken habe ich so viel mehr Verständnis und so viel mehr verstehen, was das eigentlich ist und was da, wie realistisch diese Figur eigentlich ist. Wir erwarten immer irgendwie starke heldenhafte Figuren, die in Horrorfilmen irgendwie das Richtige tun sollen, in Anführungsstrichen. Aber darum geht es dem Film ja gar nicht. Es geht dem Film ja gar nicht darum, das Richtige zu tun oder irgendwie einen Helden oder eine Heldin zu zeigen, sondern einfach tatsächlich ein realistisches Bild von einer dysfunktionalen Familienkonstellation. Ich finde es wahnsinnig gut. Ja. Und sie, das ist ja auch ganz viel Heldin
Florian Bayer: im kleinen Ding. Sie ist eine realistische Heldin. Sie ist die, du hast es in deinem Text auch schon gesagt, die den Laden am Laufen hält.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Jack macht nichts. Nichts. Er macht nichts, wofür er angestellt ist. Sie kümmert sich um die Boiler. Sie kümmert sich um den Funkverkehr. Sie guckt, wie die Straße aussieht. Und gleichzeitig muss sie ihr Kind beschäftigen, das hier natürlich komplett alleine ist ohne Freunde. Und das offensichtlich zumindest aus ihrer Perspektive eine psychische Störung hat, die sie nicht ganz einsortieren kann. Ja. Und sie muss dafür sorgen, dass ihr Mann nicht ausrastet und das Kind bedroht. Ja. Und sie hält den Laden am Laufen auf ihre Art. Und ja, sie ist, man könnte ganz viel Schwäche in sie reinlesen und Scream Queen und hysterische Frau, die auf der Flucht vor einem Killer ist. Aber wenn wir uns die erste Hälfte des Films anschauen, ist sie einfach mal die starke Figur, die in dieser Schwäche halt nicht viel Stärke zeigen kann, die sie aber hat und braucht. Und das Ganze wäre ja schon viel früher gekippt, wenn sie nicht diese Stärke hätte, sich um Zeug zu kümmern.
Johannes Franke: Und sie einfach für die Sachen, die vielleicht wir erwarten würden, als Filmzuschauer von einer normalen Filmfigur. Sie hat überhaupt nicht mehr die Energie für diese zusätzlichen Dinge. Sie hat ja einen Haufen Aufgaben. Sie muss einen Haufen Awareness für alle möglichen Baustellen um sich drumherum haben, psychologisch Care-Arbeit leisten, um irgendwie das Ganze auf dem Level zu halten. Ich finde es total beeindruckend.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Ich finde, es ist eine super spannende Figur. Und ich stimme sogar Stephen Kings Urteil zu, dass es ein groteskes Casting ist. Also sie ist tatsächlich, Shelly, du weißt, sieht besonders aus. Sie hat sehr markante Gesichtsmerkmale. Sie ist sehr blass. Sie ist relativ groß. Dann hat sie, ich weiß gar nicht, ob das ihre Originalhaarfarbe ist. Sie hat ja diese schwarzen Haare. Ja. Was ich grundsätzlich, also ich finde diese Kombination von ihrem Gesicht und ihrer Haarfarbe, die hat sowas Ungewöhnliches. Sag ich mal so. Okay. Und also ich finde, man sieht diese Figur und sieht, wie sie sich verhält und wie sie aussieht und denkt mal, man stolpert irgendwie so drüber. Sie ist nicht, sie ist nicht die brave, hübsche amerikanische Hausfrau. Nein, nein, das nicht. Und dann ist sie halt auch wirklich sehr viel am Rauchen und hat diese ganze Zeit diese Anspannung bei sich. Ja. Das ist auf jeden Fall voll interessant. Ich finde sie gut. Ich finde Shelly Duvall in der Rolle total gut. Ja. Ich finde, sie ist auch richtig besetzt. Total. Und sie hat die Himbeere nicht verdient, die sie gekriegt hat. Zusammen mit Stanley Kubrick, der sie vielleicht verdient hat. Und zwar, retrospektiv hat sie die goldene Himbeere gekriegt, als, als, schlechteste Hauptdarstellerin, aber vor allem auch von, von den Preisverleihern, um darauf hinzuweisen, wie Edson Kubrick mit ihrem Set umgegangen ist, um das aus ihr herauszukitzeln, was er aus ihr herauskitzeln wollte.
Johannes Franke: Aber hatten die sich nicht dann auch irgendwann entschuldigt und gesagt, nee, okay, jetzt wo wir wissen, wie es gelaufen ist, ist es vielleicht doch nicht die Himbeere? Das weiß ich tatsächlich gar nicht.
Florian Bayer: Ich weiß nur, dass Shelly Duvall sich so ein bisschen ambivalent dazu geäußert hat, weil sie hat oft auch gesagt, ja, es war teilweise echt krass, aber Kubrick hat halt wirklich viel aus mir heraus gekitzelt.
Johannes Franke: Das hat sie übrigens Kubricks Tochter in die Kamera gesagt. Haha, das könnte vielleicht auch ein Hinweis sein,
Florian Bayer: warum sie das so gesagt hat. Kubrick war ein Tyrann. Ja. Und Kubrick war auch in diesem Film ein Tyrann. Und darum, wir kommen nicht drum herum, das zumindest einmal kurz zu erwähnen. Kubrick war dafür bekannt, dass er unglaublich viele und lange Szenen gemacht hat, dass er die Szenen vor allem tausendmal wiederholt hat. Ja. Einige Leute haben für diesen Film abgesagt, weil sie nicht mit Kubrick zusammenarbeiten wollten, weil sie wussten, wie er drauf ist. Ja. Und er hat das in diesem Film auch gemacht. Und er hatte halt auch den Ruf, seine DarstellerInnen zu quälen. Und das hat er in diesem Film auch gemacht, um halt das herauszukitzeln,
Johannes Franke: was er wollte. Und dann hat er hier nochmal, was noch fieser, perverser ist, einen großen Unterschied gemacht zwischen Jack Nicholson und Shelley Duvall. Ja. Weil der Meinung war, dass Shelley Duvall nicht in der Lage ist, rein talent- und schauspieltechnisch mäßig, das, was er will, wirklich zu spielen. Und er muss sie irgendwie psychologisch dazu bringen, dass sie tatsächlich in der Situation ist, in der Wendy im Film ist. Nämlich völlig am Ende mit den Nerven. Und das hat er so hart durchgezogen. Während er mit Jack Nicholson in den Pausen Schach gespielt hat und mit ihm irgendwelche tischende Sachen erörtert hat. Ey, Künstler sind solche Arschlöcher. Alter. Und Hollywood ist so ein Arschloch in der Zeit. Und Jack Nicholson hat das auch anerkannt. Er hat gesagt, ja, es war echt nicht geil, wie er mit ihr umgegangen ist. Und er hat sich da auch rausgehalten. Er hat das versucht nicht, aber er hat auch nicht viel dagegen tun können, so. Ja. Also hätte er vielleicht tun können, weiß ich nicht genau. Aber es ist auch schwer in so einer Situation irgendwie. Also er hat auch, Kubrick hat das Team dazu beauftragt, Shelley Duvall weitestgehend zu ignorieren. Und sie nicht irgendwie
Florian Bayer: aufzufangen und so. Kubrick hat offensichtlich für Mobbing am Set gesorgt. Er hat mit den Leuten, die da gearbeitet haben, Cast und Crew geredet und gesagt, haltet die mal so ein bisschen raus. Die muss wahnsinnig werden. Die sollte nicht zu viele Freunden und nicht zu viele schöne Momente haben. Guckt mal, dass es der wirklich dreckig geht.
Johannes Franke: Es ist ja nicht, nicht der erste Typ, der das macht. Es gibt ja durchaus andere Regisseure, die auch der Meinung waren, dass Leute, dass man Schauspielern Method Acting aufzwingen muss, indem man sie fertig macht am Set, damit sie auch fertig vor der Kamera aussehen. Ich fall's für so schlimmen Bullshit. Ja. Es ist so, oh, fuck, Alter. Ich weiß nicht, vielleicht hat er eben Kubrick genau das gleiche Problem gehabt wie Jack Torrance im Film. Nämlich, dass er nur nach einer Ausrede gesucht hat, seine Gewaltfantasien auszuleben. Und dann zu sagen, ja, das ist für die Rolle, damit sie das ordentlich spielt. Und man hat ja viele Regisseure, die so Allmachtsfantasien haben. Absolut. Die Auteurtheorie ist schuld, dass sie Anfang,
Florian Bayer: dass sie irgendwann Mitte des 20. Jahrhunderts gesagt haben, Regisseur soll der große Künstler sein. Und das ist ja wirklich, das ist total verwandt auch so mit dieser Geniebewegung, die wir im 19. Jahrhundert haben. So der Künstler als das Leiden, als das große Genie, das alles seiner Kunst unterordnet und deswegen auch eine gewisse Grausamkeit gegenüber den Menschen haben kann, weil die Kunst wichtiger ist als die Menschen. Und die direkte Folge davon ist halt, dass gesagt wird, naja, dieses Genie darf alles machen. Der darf ein absolutes Monster sein, solange ein großes, geniales Kunstwerk daraus wird. Und es geht so weit, dass dann am Set Vergewaltigung stattfindet.
Johannes Franke: Genau. Und es ist wirklich, wirklich, wirklich hässlich. Ja. Das ist echt nicht geil. Und ich finde, einem Schauspieler das zu überlassen, wenn der sagt, ja, ich muss, damit ich das spielen kann, tatsächlich fix und fertig sein, dann denke ich mir, ja, okay, mach halt. Das ist deine Technik. Du musst selber wissen, wie du da hinkommst. Ist in Ordnung. Aber wenn du glaubst, dass du eine Schauspielerin so quälen musst, dann such dir einfach eine andere Schauspielerin, der du zutraust, dass sie das spielen kann. Warum musst du die nehmen, die du dann quälst? Nee. Es war auch nur ein Vorwand.
Florian Bayer: Ich gehe fest davon aus, dass es nur ein Vorwand war. Kubrick war einfach so drauf. Kubrick wollte, hat Film als Schmerz begriffen. Und er hat einfach, und das war bei Shining wie bei so vielen anderen Filmen von ihm auch, es waren unglaublich lange Dreharbeiten. Kubrick hat bekanntermaßen viel mehr Takes gedreht. Es gibt diese, ja, ein Take aus dem Film stand mal im Kindesbuch der Rekorde. Angeblich ist es Quatsch. Ja. Aber um es zumindest einmal zu zitieren, die Szene mit den meisten Retakes in der Geschichte des Films soll angeblich die Szene sein, in der Wendy sich vor Jack verteidigt, indem sie rückwärts die Treppen hochgeht und mit dem Baseballschläger rumwirbelt. Später haben Leute, die an diesem Film mitgearbeitet haben, und zwar, ah nee, nicht Leute, die an dem Film mitgearbeitet haben, ein Filmhistoriker hat später gesagt, das ist kompletter Bullshit. Diese Geschichte kommt von irgendwelchen Crewmitgliedern, die an dem Tag nicht mehr mitgearbeitet haben. Die nicht mal am Set waren. Und es waren ganz andere Shots, die so lang gedauert haben.
Johannes Franke: Man sagt 148, oder? 148 Retakes. Und sie haben es an mehreren, also sie haben eine Woche lang daran gearbeitet im Grunde. Ja.
Florian Bayer: Nein, im Kindesbuch der Rekorde stand 147, ah nee, 148, du hast recht, nee, Moment, nee, genau, das war der zweite. Ach so, okay. 127 war das Wendy auf der Treppe, Baseballschläger-Ding. Der zweite, der im Kindesbuch der Rekorde gelandet ist, war der, wenn Danny zum ersten Mal auf die, Dick Halloran trifft und Dick Halloran ihm erzählt, was das Shining ist
Johannes Franke: und dass er das hat und so weiter. Und die Zahlen sind vielleicht erfunden, aber dass Dick tatsächlich am Set beinahe zusammengebrochen ist und gesagt hat, Alter, was willst du von mir? Nachdem er das nochmal und nochmal machen wollte. Das ist wohl verbirgt. Interessanterweise hat
Florian Bayer: Scatman Crudders, so heißt der Schauspieler von Dick Halloran, war nicht die erste Wahl. Die war nämlich Slim Pickens und Slim Pickens hat abgelehnt, weil er gesagt hat, nee, ich hab von Kubrick genug, genug. Genau. Der hat mit Kubrick an Dr. Strangelove gearbeitet und der hat gesagt, nee, ich schaff das nicht nochmal, so einen Film zu machen, wo ich hundertmal um die Ecke biegen muss, bis dieser Wahnsinnige zufrieden ist. Und dadurch hat Scatman Crudders
Johannes Franke: die Rolle gekriegt. Ich muss sagen, ich als Schauspieler finde es total faszinierend. Ich kann mir das vorstellen. Uff. Ich kann mir das echt vorstellen, hundertmal dasselbe zu machen. Ich finde es total interessant. Sollte es aber keine Essensszene sein, oder? Oh Gott, ja. Um Gottes Willen. Aber, Jack, ich bin da ein bisschen bei Jack Nicholson, der das auch als gut empfand. Der sagte, wenn du am Anfang deinen Text hast und die ersten beiden Takes sind ganz gut, dann hast du irgendwie aber auf der einen Seite mit der Kamera Schwierigkeiten gehabt oder ein anderer Cue hat nicht funktioniert oder sowas. Und dann hat es sich ein bisschen abgenutzt. Und dann musst du durch die ersten 20 Takes durch, bevor nach 20 Takes für dich als Schauspieler wieder was Neues passiert und da wieder was hochkommt. Ja. Und bei Kubrick meinte er, er war so fertig und so müde, dass das Bewusstsein quasi abschaltet und du nur noch mit dem Unterbewusstsein spielst. Was vielleicht auch wirklich was Interessantes machen könnte. Aber ich wage zu behaupten, wenn Stanley Kubrick aus den ersten Takes was zusammengestellt hätte, wäre der Film nicht wesentlich schlechter gewesen. Da bin ich ganz bei dir. Das glaube ich auch.
Florian Bayer: Und ich glaube, er hätte auch Shelley Duvall nicht so quälen müssen. Ja. Ich habe Shelley Duvall in anderen Filmen gesehen. Ja. Sie ist eine gute Schauspielerin. Sie ist einfach, eine verdammt gute Schauspielerin. Die kriegt das hin. Jack Nicholson war ja die erste Wahl im Gegensatz zu Danny, zu dem wir auch noch gleich kommen und Scatman Crothers. Jack Nicholson war die erste Wahl. Es gab Alternativen und zwar Robin Williams, ein damals sehr junger Comedian Robin Williamson und Robert De Niro.
Johannes Franke: Stimmt, ja. Ich weiß nicht, es wäre halt bei Robert De Niro wirklich was anderes gewesen, sehr anderes. Also ich will jetzt die Klischees nicht rausholen und sagen, es wäre sehr Mafia-mäßig geworden. Aber ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob er das so hingekriegt hätte wie Jack Nicholson. Ja, sehe ich genauso.
Florian Bayer: Aber Robin Williams. Jetzt könnt ihr mir vorstellen. Ich sehe den jungen Robin Williams und denke, und Achtung, ketzerische Aussage. Ja. Vielleicht wäre der das bessere Casting gewesen. Echt, ja? Ja. Meinst du richtig besser noch? Weil Robin Williams hat diese, diese Wärme kann er ausstrahlen. Ja, total. Und diese Traurigkeit. Und ich glaube, er hätte aus Jack einen ambivalenteren Charakter gemacht. Und ich finde, aber das will ja Kubrick nicht. Unabhängig davon, was Kubrick will. Ich glaube, dieser Film hätte einen ambivalenteren Jack vertragen können. Ich finde Jack total spannend und ich finde dieses Dysfunktional in der Familie total spannend. Es ändert aber nichts daran, dass der Charakter Jack selbst, losgelöst von den anderen Charakteren, eine ziemlich
Johannes Franke: eindimensionale Geschichte ist. Ja, das stimmt. Das stimmt. Aber das ist ja das, was Kubrick anscheinend wollte an der Stelle. Ja. Und was auch dem Film durchaus zugutekommt. Ich finde den Film so gut. Ganz, ganz interessant. Aber ja, okay, dieses Alternativismus, dieses Alternative Universum, in dem Robin Williams das macht, wäre halt ein anderer Film. Ich glaube, die Figur des Jacks ist tatsächlich
Florian Bayer: die Achillesferse dieses Films ein bisschen. Ich finde diesen Film ja auch großartig, weißt du. Und ich finde, der funktioniert auch total und jetzt auch nicht, dass das schlecht ist oder sowas da passiert. Ja. Aber ich glaube, ein bisschen ambivalenterer Jack hätte das Ganze interessanter gemacht, hätte dem Ganzen ein bisschen mehr Facetten gegeben. Weil jetzt haben wir ja wirklich das Setup so gebaut, dass sehr früh wissen wir, wir hassen Jack. Und zwar sowohl durch die Erzählung von Wendy und Danny, aber auch dadurch, dass wir Jack sehen mit seinem angespannten Blick. Der versucht immer so die Kontenance zu wahren und dabei aber immer, man sieht das Böse irgendwie dahinter lauern. Und dann haben wir Jack, der sehr früh schon diesen wahnsinnigen Blick hat. Wir haben diesen Moment, wo er einfach nur so in die Kamera starrt. Wir haben diesen Moment, wo er auf dem Bett sitzt und ins Leere starrt. Und es geht gar nicht darum, dass man die Zähne anders macht. Die Zähne sind super. Ja. Aber eine Figur zu nehmen, die dabei ein bisschen weniger Wahnsinn drin hat, ein bisschen mehr Traurigkeit und Einsamkeit, hätte gut getan.
Johannes Franke: Jetzt kommt es aber wieder darauf, dass Stanley Kubrick ja nicht umsonst mehrere Takes gemacht hat, mehrere untertrieben. Jack Nicholson hat am Anfang weniger den Wahnsinnigen gespielt. Und Kubrick hat das rausgeholt, hat gesagt, nein, das will ich so. Ja. Und das ist halt das Ding. Und wenn Robin Williams da gespielt hätte und dann 200 Takes hätte machen müssen, das wäre genauso,
Florian Bayer: wir hätten es 200 gewonnen. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich kann mir vorstellen, dass bei Robin Williams irgendwie ein Stück davon erhalten geblieben wäre. Ja, weiß ich nicht. Vielleicht, ja. Nicht mal ein Vorwurf an Jack Nicholson, sondern vielleicht ist es auch wirklich einfach ein ganz banaler Vorwurf an Stanley Kubrick. Ja. Und es ist ein kleiner Vorwurf in diesem Gesamtgefüge. Ich glaube, mit dem Jack wäre ein bisschen mehr möglich gewesen, als dieser zugegebenermaßen echt beeindruckende, vor allem später, pure Wahnsinn, den wir von ihm sehen.
Johannes Franke: Ich finde es wahnsinnig interessant, weil hier ja der Fokus, anders als im Buch, darauf ist, nicht, dass das Haus das pure Wahnsinn böse, einen guten Mann korrumpiert, sondern, dass das Haus ihm im Grunde nur den kleinen Finger hinhält und Jack Nicholson sofort mit der ganzen Hand zugreift und den Typen, also dieses Haus umarmt und sagt, ja, endlich, endlich darf ich ja ausrasten. Absolut. Und das finde ich, das finde ich tatsächlich auch eine legit Geschichte. Kann man auch erzählen. Finde ich auch. Also ich muss sagen, mich hätte auch das interessiert, was Stephen King zu erzählen gehabt hätte. Genau so, eine sehr, sehr interessante Figur. So ein eigentlich guter Mensch, der gegen seine inneren Dämonen kämpft und dann kommt das Haus und sagt, ha, jetzt, ich kitzle das aus dir raus und er kämpft dagegen an. Aber Jack Nicholson als jemand, der einfach sofort willfährig sagt, ja, her damit. Das finde ich auch total spannend.
Florian Bayer: Das ist total krass. Von dem Haus geht keine konkrete Gefahr aus in dem Film. Im Buch geht konkrete Gefahr von dem Haus aus. Da gibt es nämlich so Skulpturen aus Gestrüpp, also Sträucher zu Tieren geschnitten, die sich dann plötzlich bewegen und so weiter. Da ist das Haus was Tödliches. Und hier, ich meine, wir haben es, das ist Dannys innere Stimme. Tony sagt es zu ihm, das sind nur Spuren der Vergangenheit. Das ist nichts Gefährliches. Und wir sehen die ganze Zeit über, wenn es diese Begegnungen mit Geistern gibt, die übrigens auch ganz interessant alle haben, obwohl Danny eigentlich das Shining hat. Also eigentlich müsste man kein Logisch Betrachter davon ausgehen, dass nur Danny die Geister sehen kann.
Johannes Franke: Na, also deswegen gibt es ja auch die Theorie, dass tatsächlich Jack auch das Shining hat. Und Wendy? Und Wendy, würde ich sagen, hat das Shining nicht. Aber das Shining ist irgendwann so groß, also das Shining des Hauses, dass es ausstrahlt. Oh Gott, das klingt, als würdest du eine physikalische, wissenschaftliche Arbeit
Florian Bayer: drüber schreiben. Ja, in meinem Kopf ist das so. Auf jeden Fall, die Geister interagieren in keinster Weise, außer halt irgendwie optisch da zu sein. Und es gibt nur einen einzigen Moment, wo ein Geist mit der Umgebung interagiert, nämlich wenn Jack befreit wird von dem Crady, von dem ehemaligen Carekeeper, der im, Carekeeper? Take Care? Caretaker. Caretaker. Von dem ehemaligen Caretaker, der ihn befreit, damit er seine Familie schütten kann. Was ich auch ganz spannend finde, warum es ausgerechnet diesen einen Moment gibt, wo das Haus plötzlich physisch interagiert, was es sonst nicht macht.
Johannes Franke: Man kann ja sonst viel von dem Film, es gibt auch noch ein, zwei andere Stellen, davon ausgehen, dass Jack das alles nur in seinem Kopf hat. Oh Gott, ja. Lass uns später zu den Interpretationen kommen. Ich finde die alle ganz schrecklich. Ja, ja. Ich finde, aber ich glaube, dass auch hier Kubrick das einbaut, um das ein bisschen einzudämmen und um auch zu sagen, okay, es ist aber auch wirklich, das Haus ist auch wirklich da. Kubrick erzählt
Florian Bayer: eine Geistergeschichte. Stephen King hat die Pogge auf und er kann keine Geistergeschichte erzählen. Er glaubt nicht ans Übernatürlich, der hat das alles rausgenommen. Es stimmt einfach nicht. Wir haben gruselige Geistererscheinungen, die passieren. Und du hast ja auch recht, es gibt noch mehr physische Interaktionen. Wir haben die Zimmertür, die sich magisch öffnet. 2, 3, 7. Also zum einen lässt sie sich einmal nicht öffnen von Danny und dann ist sie plötzlich offen. Dann der Ball, der da ins Bild rollt. Der Ball, der ins Bild rollt. Wobei das könnte auch Vorstellung sein, weil der Ball macht ja nichts mit Danny. Aber Danny wird verletzt von den Geistern. Stimmt, ja. Wenn wir davon ausgehen, dass das, was er dann später seiner Mutter erzählt, was wir alles nicht sehen, wir sehen weder die Verletzung noch wie Danny sagt, wie die Verletzung passiert ist. Aber wenn wir davon ausgehen, dass das stimmt, was Wendy sagt, was Danny zu ihr gesagt hat, dann war er im Raum 2, 3, 7 und wurde von dieser Frau, die da ist, angegriffen. Und zwar so, dass er ein Polizaristen wurde und er diese fiesen Schrammen am Hals hat. Also keine Schrammen, das sind ja schon wirrgemale Verletzungen. Ja, ich habe drauf geguckt und ich habe mich gefragt, was sind das realistische, häusliche Gewaltzeichen? Weil Wendy denkt ja auch direkt, dass es Jack war. Ja, ja, ja. Auch zu Recht, weil wahrscheinlich würde es genauso aussehen, wenn Jack mit Danny ein ernstes Wort gesprochen hat. Und wahrscheinlich hat Danny auch so ähnlich ausgesehen, als seine Schulter ausgekugelt wurde. Ja. Sind das realistische Male von einem Kind,
Johannes Franke: das körperlich missbraucht wurde? Ich habe keine Ahnung, aber ich gehe jetzt einfach mal davon aus. Also Kubrick hat sich so viel damit auseinandergesetzt und hat so viel recherchiert, Ja, da gehe ich davon aus.
Florian Bayer: Das ist übrigens eine krasse Szene, wenn Danny da reinkommt und den Daumen im Mund hat, komplett stumm ist und dann sehen wir, was er an sich hat.
Johannes Franke: Das ist so hart. Das ist komplettes Trauma. Und der Horror liegt halt eben im Trauma. Also es ist halt für mich auch eben nicht der Horrorfilm des Slasher oder der Jumpscares oder so, wie ich das schon gesagt habe. Sondern der Horror liegt ja für mich tatsächlich in diesem Abuse, in dieser Geschichte der häuslichen Gewalt und dieses Trauma von dem Kind. Das ist wahnsinnig, greift mich wahnsinnig an.
Florian Bayer: Das finde ich auch ganz schön hart. Also ich finde, auf der Inhaltsebene ist der Horror natürlich komplett diese dysfunktionale Familie. Dieses Gewalterleben, dieses Actual Parenting, was ich vorhin erwähnt habe, dass alle angespannt sind, weil Jack so eine große Unbekannte ist. Man nie genau weiß, wann er ausrastet. Und auf der Inszenierungsebene gibt es dann natürlich auch ganz viel Horror, der interessanterweise von Anfang an durchgezogen wird. Selbst bevor wir zu den eigentlichen Geistern kommen, haben wir ja, also zum einen die Kamera und zum zweiten die Musik, die beide ganz viel Horrorerzählung betreiben, ohne dass direkter Horror stattfindet.
Johannes Franke: Daniel Kubrick hat wirklich Leute beauftragt, Musik dafür zu schreiben. Und dann kriegt er die Musik und sagt, na, vielleicht benutze ich doch lieber das, was ich als Vorlage mitgegeben habe. Er hat ja so Temp-Tracks, nennt man das. Also ich lege da einfach erstmal was drüber, damit ich schneiden kann und damit ich ein Gefühl dafür bekomme, welche Musik das sein könnte. Dann gebe ich diese Musik den Musikern und sage, sowas interessiert mich nicht. In der Richtung hätte ich gerne. Und dann kriegt er das so in der Richtung und sagt dann, nee, ich nehme lieber das, was ich selber drüber gelegt habe. Bis auf zwei Stücke, glaube ich. Zwei Stücke sind tatsächlich von den Musikern.
Florian Bayer: Na, es sind tatsächlich, also er hat Wendy Carlos für die Musik engagiert. Sie hat aber, sie hat klassische Stücke haben sie gespielt. Sie haben, Hector Berlioz haben sie drin und Bela Bartok. Also klassische, moderne Stücke. Und es liegt wie so ein Teppich drunter und wir haben ganz oft diese Szenen, wo einfach nur Menschen durch Gänge gehen und dann und diese Musik so anschwillt. Ja, es ist Wahnsinn. Und du denkst, gleich passiert es
Johannes Franke: und es passiert nicht. Ich finde die Musik grandios. Es ist unglaublich gut. Von Anfang an, von der ersten Sekunde an, diese Kamerafahrt ist ja wohl die eindrucksvollste Kamerafahrt über so eine diese Serpentinstraße. Am Anfang noch kein Schnee, später Schnee und über den See so knapp drüber fand ich es so krass. Und das nicht zu Zeiten, wo es diese diese krassen Drohnen gab. Das musste alles aus dem Helikopter gemacht werden. Und das haben die so gut gemacht. Es ist wirklich, wirklich, wirklich beeindruckend. Danke. Und ich finde das mit der Musik eben auch in Kombination so gut, weil du in eine Stimmung kommst, die ich aus keinem anderen Film kenne. Das ist wirklich eine Stimmung, eine einzigartige Stimmung, in die mich der Film sofort bringt in den ersten zwei Minuten. Ja, aber es ist Anspannung, Angst. Total. Ja, ja. Absolut. Sehr, sehr beunruhigend. Diese Tonfolge ist wohl eine sehr, sehr, sehr alte, die so ein Chant, also wie so ein Chor oder wie so mehrere Trompetenartige Instrumente früher, die so eine Art Warnung oder Kriegswarnung oder das Heraufbeschwören von so etwas, von so Kriegsstimmung ist. Oh mein Gott, Plur, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Oh mein Gott, ich glaube, oh nein, wir sind in einer
Florian Bayer: Self-Promo. Nein, Shit, ganz schnell, damit wir zurückfinden. Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns. Wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld dalassen wollt, macht das doch bitte über buymeacoffee.com slash muss man sehen, den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung.
Johannes Franke: Dann könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich
Florian Bayer: einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug. Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen, ist das eure Chance. Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag, sagt ohne Geld und Feedback gerne an johannes.mussmansehen.de und florian.mussmansehen.de Außerdem freuen wir uns
Florian Bayer: natürlich über jedes Abonnement, egal ob bei Spotify, Apple Podcast, Deezer, Amazon Music, whatever.
Johannes Franke: Was uns total helfen würde, ist, wenn ihr uns so fünf Sterne oder Herzchen oder sonst was auch immer euer Podcatcher anbietet gebt und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben. Ah, super. Fehlt noch irgendwas? Nee, ich glaube, wir haben alles, wa?
Florian Bayer: Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode. Yes! Wenn du Menschen über diesen Film reden hörst, reden sie sehr viel über diese Anschlussfehler. Zum Beispiel, Jack sitzt an der Schreibmaschine, hinter ihm steht ein Stuhl, Wendy kommt rein, redet mit ihm, wir sehen den Stuhl hinter ihm stehen, Shot auf Wendy, Shot auf Jack, der Stuhl ist plötzlich weg. Ja. Mir fällt sowas nicht auf. Mir ist das auch nicht aufgefallen. Ich gucke ihn danach nochmal an, wenn ich die Leute gehört habe, die darüber reden und sehe, ja, sie haben recht, das ist so. Und dann gibt es natürlich ganz viele Interpretationen, die man reinwerfen kann. Und ich würde jetzt eine sehr vage und sehr allgemeine Interpretation reinwerfen. Was hier stattfindet, ist Gaslighting. Und zwar zum einen Gaslighting, was die Zuschauer auf der Handlungsebene, was das Hotel mit den Leuten macht, die da leben, aber vor allem Gaslighting des Zuschauers. Kubrick ist extrem gut darin, in diesem Film, uns etwas zu inszenieren, was sich irgendwie falsch anfühlt. Und es sind kleine Sachen, die passieren. Wie gesagt, mir fallen die kleinen Sachen nicht auf. Aber ich fühle mich die ganze Zeit wie am falschen Ort, im falschen Film.
Johannes Franke: Ich denke die ganze Zeit, ich weiß nicht genau, ob er sich da nicht was einredet. Ob das wirklich so ist oder nicht.
Florian Bayer: Absolut. Und da stimme ich dir vollkommen zu. Es kann sein, dass es einfach Quatsch ist und Kubrick hat auch Fehler gemacht. Kubrick war nicht perfekt. Kubrick hat auf Details geachtet.
Johannes Franke: Nein, nein. Was ich meine, ist andersrum. Ich glaube, dass Kubrick glaubt, ich mache hier subconscious, richtig geil Spuk. Und es passiert gar nicht. Und natürlich macht das mit dem Zuschauer eigentlich gar nicht so viel. Sondern du denkst halt, ja Filmfehler, wenn du es siehst. Und wenn du es nicht siehst, ignoriert es das weg. Also ich weiß nicht, ob das so ein, dann eher vielleicht noch, dass das Zimmer ein Fenster hat, was nicht sein kann, weil du die ganze Zeit sehr tief ins Hotel hineingehst. Aber du meinst, er macht es absichtlich,
Florian Bayer: aber es hat gar nicht so einen großen Effekt. Genau. Es gibt ja diese, es gibt wirklich diese Urban Legend von Subliminal Messages, dass man, dass sie dann irgendwie im Kino ganz kurz so eine hundertstel Sekunde Eis gezeigt haben. Dann hat die Leute Bock auf Eis und so weiter. Und wie das so ist in unserer Zeit, Wissenschaft macht alles kaputt. Das wurde untersucht irgendwann mal. Und diesem bringen überhaupt nichts. Du kannst den Leuten zehn Penisse zeigen, in hundertstel Sekunden. Kein Mensch will danach ficken. Es ist vollkommen egal. Es spielt einfach keine Rolle. Und alles, was erzählt wird von wegen, ja, und dann haben sie in hundertstel Sekunde das gemacht oder dann haben sie das gemacht, um Durst zu erzeugen und so weiter. Alles Quatsch. Alles Quatsch. Funktioniert nicht. Es ist so, Menschen funktionieren nicht so. Wenn du Menschen, wenn du, wenn du was zeigen willst, musst du es ihnen einhämmern. Aber was ich weiß, ist, ich fühle mich die ganze Zeit unwohl in diesem Film. Und vielleicht liegt es nicht an den kleinen Sachen, aber es ist irgendwie dieses komische Unwohlsein ist die ganze Zeit da. Natürlich, ja. Und das liegt in der Inszenierung, das liegt in der Musik und das liegt auch in der Kamera, die halt extrem krass ist. Wenn wir ständig diese Kamerafahrten haben, wir werden gleich noch über Steadicam reden müssen. Wenn wir diese Kamerafahrten haben, wie sie durch diese Gänge gehen und vor allem wie Danny mit seinem Dreirad durch die Gänge fährt, dieses ganz banale, dieser ganz banale Effekt, dass er über den Teppich fährt und wir hören keine Räder und er fährt über den Holzboden und wir hören die Räder. Es ist einfach groß, großartig. Und gleichzeitig hilft es auch bei diesem Unwohlsein, weil wir so nah dran sind, weil wir so mitgezogen werden von diesem Vierjährigen,
Johannes Franke: Fünfjährigen. Ich glaube, das Unwohlsein entsteht auch natürlich durch die Musik und ich glaube, das sind wahnsinnig lange Fahrten. Da passiert nichts. Du bist die ganze Zeit darauf zurückgeworfen zu sehen, wie ein Gang nach dem anderen passiert wird, wie er da durchfährt, ohne dass was Nennenswertes sich verändert in den Gängen. Und du A, das Gefühl hast, okay, ich habe mich schon längst verwirrt, verirrt, ich weiß nicht, wo ich bin und B, diese Unaufhaltsamkeit, dass Böse kommt. Das macht die Musik genauso. Die ist ja sehr ruhig eigentlich, die Musik. Die ist nicht sehr aufgeregt, aber sehr tief und sehr bedrohlich. Du weißt, dass Böse kommt unaufhaltsam, genauso wie Danny eben ganz unaufhaltsam immer geradeaus diese Dinge runterfährt. Es ist so beunruhigend.
Florian Bayer: Und sind diese Zwillingsmädchen, die gar keine Zwillingsmädchen, keine Zwillinge sind, sind diese beiden Mädchen das Gruseligste, was man je im Kino gesehen hat?
Johannes Franke: Absolut, absolut. Es gibt nichts anderes. Es ist wirklich krass. Vor allem, weil er die überraschend früh einbaut. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass jetzt schon die Zwillinge eingeblendet werden.
Florian Bayer: Wenn noch Leute im Hotel sind. Danny ist da im Spielzimmer und wirft auf die Dartscheibe und dann stehen sie plötzlich da und gucken ihn an.
Johannes Franke: Und drehen sich um, um zu gehen und man hat so das Gefühl, dass sie gesagt haben, komm, komm spielen.
Florian Bayer: Ja, also haben sie noch nicht. Na ja, reden sie. Genau, so gruselig. Ich habe ein Foto gesehen, ein Schwarz-Weiß-Foto vom Set, wie der Schauspieler von Danny mit diesen beiden Mädchen zusammen ist und sie irgendwie Quatsch machen. Oh, wie schön. Und es ist das niedlichste Foto, das du dir vorstellen kannst. Und ich kriege es nicht zusammen mit diesem Bild. Weil sie sind halt auch ein bisschen größer als er. Und man sieht einfach, sie haben sich wahrscheinlich auch ein bisschen um ihn gekümmert, also um den Schauspieler während des Sets. Und es sieht einfach nur witzig und sympathisch aus. Jedes Mal, und ich habe den Film zum ersten Mal gesehen, als ich 15 oder so war, denke ich, jedes Mal, wenn diese Szene kam, ich fand, die ist so innervierend, die hat mir so eine Scheißangst gemacht.
Johannes Franke: Absolut. Absolut. Wenn ich daran denke, wann ich sie das erste Mal gesehen habe, ich war von einigen Sachen wirklich hart verstört. Das waren die Zwillinge, das war die Frau im Bad. Das ist auch Lloyd, der quasi der Teufel ist. Darüber müssen wir auch reden, der Barkeeper. Und die Szene im Bad, in diesem roten Bad. Das ist ja mal die krasseste Szene der ganzen Welt. Obwohl das nur zwei Menschen sind, die sich einfach nur unterhalten. Und nur roter Hintergrund.
Florian Bayer: Wenn Grady Jack davon überzeugt, dass er sich um seine Familie kümmern sollte, seinen Sohn erziehen muss.
Johannes Franke: Diese Spannung, die in diesem Raum herrscht. Der Blick von Jack Nicholson, wie er ihn anschaut, als er versteht, das ist der Typ, der seine Kinder umgebracht hat. Und sagt, ich habe gelesen, dass sie sich selbst erschossen haben und ihm das erzählt. Mit so einem Grinsen. Auch mit so einer Nonchalance. Ja. Ich finde die Spielentscheidungen so absoluter Wahnsinn, die Spannung, die in diesem Raum herrscht, ist so absoluter Wahnsinn. Dass dieser Raum, nur dadurch, dass er so rot gestrichen ist, so eine Wahnsinnswirkung hat, ist absoluter Wahnsinn. Ich kann mir das als Filmemacher nicht erklären, wie er das schafft, zu dieser Szene zu kommen. Obwohl die Ingredients, also die Zutaten für diese Szene so simpel sind.
Florian Bayer: Ja. Wahnsinn. Es wirkt einfach, die Farben in dem Film sind sowieso geil. Also dieses krasse rote Bad. Wir haben diese Teppiche, dann das Grün von dem Labyrinth. Und es gibt einfach, es gibt so sehr, sehr krasse Farbspots und dann natürlich viel Blut.
Johannes Franke: Ja, rot, sagt Kubrick, ist so die Schnittstelle. Die Schnittstelle zwischen Realität und diesem Geisterhaus. Aber 237 ist grün. Ja, weil die Leute losgezogen sind, weil Kubrick ja gesagt hat, zieht los und fotografiert mir ein paar Hotelzimmer. Und dann sieht dieses Hotelzimmer völlig anders aus, weil ihm halt ein anderes Foto gefallen hat aus einem anderen Hotelzimmer. Ich weiß nicht, ob er das irgendwie noch, noch verargumentiert, warum das Zimmer so ganz anders aussieht. Aber es wirkt wie aus einem ganz anderen Hotel.
Florian Bayer: Ich finde diese Szene so schräg mit 237. Also wenn Jack in 237 ist. Wir sehen das aus Dannys Perspektive. Beziehungsweise wir sehen die POV von Jack. Es ist einer der wenigen Momente, wo wir wirklich eine POV haben. Wir sind ja ganz oft dicht dran an den Leuten. Aber Danny haben wir, wenn er durch die Hotelflure fährt, immer so eine Overshoulder oder wir sind Verfolger. Während wir hier eine wirkliche POV von Jack haben, der in das Zimmer geht. Aber eigentlich ist es Danny, der das sieht, weil Danny sitzt, sitzt währenddessen so auf dem Bett und in so einem Star-Zustand und auch Spucke läuft ihm aus dem Mund. Und dann geht Jack in diesen, sieht Jack das Badezimmer und diese wunderschöne Frau, die auch noch nackt ist. Und es findet alles so zwischen Traum und Albtraum statt. Zwischen Bewegung und zwischen Zeitlupe. Also man hat das Gefühl, man schwebt da irgendwie rein. So eine Wunschvorstellung auch von Jack. Wunschvorstellung, die zu Horrorvorstellung wird. Das bleibt doch komplett unklar, was hier erzählt wird, weil es gibt keine, es gibt keine Auflösung für diese Geistererscheinungen. Die sind einfach so da. Genau wie die Szene mit dem Hund-Blowjob, zu der wir nachher auch noch kommen müssen. Es ist einfach so da und es hat keine Connection zu dem Mord von Grady, der vorher stattgefunden hat, sondern es ist einfach, wir haben hier zum einen die junge, attraktive Frau und dann haben wir diese alte Wasserleiche.
Johannes Franke: Ja, ja. Es könnte die Frau sein von Grady, die er auch umgebracht hat, aber angeblich hat er sie alle mit der Axt umgebracht. Er hat sie zerstückelt. Ah, ja. Aber man zeigt in diesem Zusammenhang einfach, dass das Hotel so eine krasse Geisterherd ist, dass der eine Geschichte hat, dass der Mord von Grady ja nicht das Einzige ist, was dieses Hotelheim gesucht hat, sondern dass er seit dieses Hotel existiert auf einem Indian Burial Ground wie das alt, älteste Horrortrope überhaupt.
Florian Bayer: Leute, baut keine Gebäude auf alten Friedhöfen. Alten Friedhöfen von American Natives. Mhm. Und zwar auch, aus Respekt. Ja, genau. Es ist einfach respektlos, Punkt. Wir wollen nicht über das Horrortrope reden.
Johannes Franke: Und ich habe eine kleine Theorie, warum das Hotelzimmer so anders aussieht, die mir gerade eingefallen ist. Ja. Weil mir eine andere Theorie begegnet ist, die sagt, dass dieses Zimmer quasi das Herz des Hotels ist. Das uralte, wo sich alles zurückzieht, wo der Horror sich zurückzieht und wo er dann wohnt und dann von dort aus ausströmt in das Hotel. Und vielleicht eben dieses Hotelzimmer, das immer nie renoviert wurde, seit es existiert. Und alle anderen Räume und alle anderen Sachen in diesem Hotel haben Veränderungen durchgemacht. Der Teppich sieht ja sehr 70er aus. Ja. Und so, ne? Aber dieses Zimmer ist vielleicht die alte Version.
Florian Bayer: Aber warum sollte es ausgerechnet dieser Raum sein? Dieser Raum scheint ja irgendeine tiefere Bedeutung, eine größere Bedeutung zu haben. Obwohl er wirklich nur in dieser einen Szene vorkommt. Weil das ist das Erste, was Danny auch auffällt. Also wenn er zum ersten Mal mit Dick redet, dass der vor diesem Raum und der andere Raum Angst hat. Und wir sehen ja nachher, im Hotel finden ganz viele gruselige Sachen statt und es gibt ganz viele Geister und ganz viele schlimme Sachen sind passiert. Warum ist ausgerechnet 237 so ein krasser Raum? Warum hat Dick vor diesem Raum am meisten Angst? Warum ist das der Raum, in dem Danny verletzt wird? Warum ist das der Raum, in dem Jack dieser Wasserleiche begegnet?
Johannes Franke: Das wird uns nicht erzählt. Wird uns nicht erzählt. Aber deswegen kommt wahrscheinlich diese Theorie zustande, dass es das Herz des Hotels ist, weil dort die ganzen schlimmen Sachen passieren. Was ich übrigens ganz toll finde, wo du die Szene ansprichst, wo du das erste Mal miteinander reden, also Dick, Dick heißt er, der schwarze Koch und Danny, Danny kommt auf diese Idee. Danny sagt zu ihm 237, sie haben Angst davor. Genau. Und ich finde das so dramaturgisch, einfach so gut, dass nicht der Filmemacher denkt, okay, und jetzt muss ich irgendwie auf den Raum. Also sagt Dick und du, mein Junge, geh nicht in den Raum sowieso, damit das irgendwie etabliert wird, sondern Danny darf sein Shining benutzen und sagen, ich spüre, du hast Angst vor diesem Raum, was ist denn da los? Ja. Und dass auch später wieder aufgegriffen wird, dass Danny von sich aus die Ängste anderer Leute anspricht, dass es sich durchringt, wenn er auf dem Schoß von Jack sitzt zum Beispiel. Was für eine schreckliche Szene. Das ist auch so eine schreckliche Szene, meine Fresse.
Florian Bayer: Oh mein Gott. Danny, also alles an dieser Szene ist schrecklich. Danny, der ins Zimmer kommt und weiß, er muss vorsichtig machen, weil Vater könnte schlafen. Vater sitzt auf dem Bett und starrt ins Nichts.
Johannes Franke: Es ist so gruselig, wo du sofort denkst, oh fuck, jetzt gehen wir gleich dem Ende zu. Gleich springt er auf und bringt alle um. Nur weil er da sitzt. Das ist so gut inszeniert, dass wir das sofort denken. Und dann dreht er sich um und sagt, komm zu Papa auf den Schoß. Oh mein Gott. Und es ist so besitzergreifend. Es ist so schrecklich. Ja, absolut. Und man sieht die Angst in Danny und die Angst in Danny ist vielleicht nicht nur, dass Danny jetzt schon weiß, was für Scheiße auf ihn zukommt, sondern einfach die Vergangenheit. Ja. Wenn Papa sagt, komm mal auf meinen Schoß, dann könnte er uns richtig schlimm werden. Und Danny weiß, er kann jetzt aber auch nicht Nein sagen.
Florian Bayer: Er kann nicht weggehen. Es ist keine Bitte, was hier passiert. Es ist ein Befehl. Und so sitzt er dann auch auf seinem Schoß extrem angespannt. Und dann kommt diese Frage, zu der er sich dann
Johannes Franke: irgendwann durchringt. Ja, du würdest sonst nie was tun, oder? Und der Vater sagt nicht sofort instinktiv, nein, natürlich nicht, was glaubst du denn? Sondern sagt, nichts. Zehn Sekunden lang nichts. Fuck, Alter. Also nach den ersten zwei Sekunden hätte ich gesagt, ich bin nicht da. Ich bin dann mal weg. Und dann sagt er nicht etwa, ich antworte dir mal, sondern sagt, hat Mama gesagt, dass ich euch wehtun würde? Oh, fuck. Nächster Grund abzuhauen. Ja.
Florian Bayer: Wenn jemand auf diese Frage mit einer Gegenfrage antwortet, this is a red sign.
Johannes Franke: Fuck, Alter. Ja, also an dieser Stelle muss ich einmal sagen, wie gut dieses Kind ist. Wie krass der das alles spielt. Danny Lloyd
Florian Bayer: in seinem einzigen großen Film. Er hat sonst nichts mehr groß gemacht, ne? Er hat einfach keine Schauspielkarriere gemacht. Der macht jetzt was anderes. Ja. Und er dachte, er wäre in einem Drama, ne? Ja, ja, genau. Weil so hart Kubrick mit Shelley Duvall umgegangen ist, so vorsichtig ist er offensichtlich mit Danny Lloyd umgegangen. Ja.
Johannes Franke: Sehr beschützend und sehr behütend. Und Danny hat auch diese ganzen Wiederholungen von Kubrick ganz problemlos mitgemacht. Also ganz problemlos übertrieben. Aber wie man das als Kind, wie problemlos man als Kind sowas mitmacht, dass man sowas immer wieder und immer, immer wieder und immer wieder macht. Also er hat es tatsächlich. Ja gut, dann ist das so. Dann macht man sowas am Filmset wohl 100 Mal. Ja,
Florian Bayer: das war seine einzige Filmerfahrung. Danach hat er noch einen anderen Film gedreht. Ja. Zwei Jahre später und dann hat er seine Schauspielkarriere auf Eis gelegt. Ja. Bis zur Verfilmung von Dr. Sleep, wo er einen kleinen Cameo hat. Ah, ja, ja. Und einmal quasi in die Kamera nicken darf, damit wir wissen, ha, der ist auch noch da. Ja. Ja, er spielt das großartig. Und es ist wirklich diese Anspannung, dieses, dieses, dieses ruhige. Ruhige. Mhm. Und dieses oft hilflos wirkende. Ja. Vor allem, weil er weiß halt auch einfach mehr als alle anderen. Mhm. Und er kann, der kann dieses Mehrwissen aber nicht einsetzen.
Johannes Franke: Ja, vor allem ist das Mehrwissen an sich schon traumatisierend. Ja. Also stell dir vor, du bist in diesem Machtgefälle dieser Familie gefangen und dann hast du auch noch das Shining und hast einen Haufen gruselige Bilder im Kopf. Ja. Und verdammt nochmal, warum zeigt einem das Shining nur gruselige Sachen? Was ist denn das für ein scheiß Shining? Tony will ihn warnen.
Florian Bayer: Sein Shining ist, er ist übrigens selbst auf die Idee gekommen, er hat das offensichtlich fürs Casting gemacht.
Johannes Franke: Oh.
Florian Bayer: Die sollten, es wurden ja unzählige, 5000 Kids wurden gecastet und die sollten da auch Videos hinschicken. Ja. Und also er oder seine Familie ist auf, oder ein Elternteil ist auf die Idee gekommen und Teil dieses Videos war es, dass sie mit sie, dass sie diese Tony-Szene spielen sollten, wie er mit sich selbst redet. Und Danny Lloyd ist offensichtlich auf die Idee gekommen, diese Fingerbewegung zu machen, um Tony zu symbolisieren und mit dem Grund, dass er dafür genommen wurde. Ja. Ich weiß und wir lassen Dr. Steve mal aus dem Film. Wir versuchen nicht, diesen Film anhand von Dr. Steve zu erklären, vor allem, weil ich nicht mehr so drin bin in der Dr. Steve Handlung. Ja, ich auch nicht mehr. Aber Tony ist, Tony ist eine Art Beschützer von Danny, ne? Ja, ja. Tony zeigt Danny die Sachen, Tony, Tony will Danny ja auch nicht die ganze Zeit die Sachen zeigen, sondern sagt, nee, kann ich dir nicht zeigen, langsam und so. Und dann beruhigt Tony ihn aber auch und sagt, ja, das sind Geister und, aber das muss ich dir vielleicht doch noch zeigen. Und also Tony, so gruselig dieses Tony-Ding ist, Tony wirkt nicht wie jemand, der böse ist. Diese innere Stimme
Johannes Franke: will Danny helfen. Ja, also rein psychologisch habe ich natürlich sofort gedacht an Abspaltung, dass man, dass man eine Figur als, also psychologische Kompensationstechnik, dass man als Kind, wenn man eine traumatische Situation erlebt, aus der man nicht rauskommt, dass man dann einen Teil von sich abspaltet und diese Abspaltung dann die ganzen harten Sachen auf sich nimmt. Ja. Sodass der Rest von der Persönlichkeit von Danny eine halbwegs unbeschwerte Kindheit hat. Ja. Und, und das im Grunde die Verbalisierung davon ist oder eine Visualisierung davon.
Florian Bayer: Aber findet das so stark statt? Weil also Tony und Danny interagieren ja sehr viel. Ja. Und ja, und Danny hat alles andere als eine unbeschwerte Kindheit. Auch schon vor dem, was in diesem Hotel passiert. Es wird auch nicht ganz, die Ärztin fragt ja interessanterweise, ist Tony damals zum ersten Mal aufgekommen, als Danny wegen dem Unfall zu Hause bleiben musste. Genau. Was verneint wird. Tony war offensichtlich schon immer da. Ja. Und der Film legt ja auch eher nahe, dass es, das ist vielleicht dann doch nicht die psychologische Interpretation. Ja, das ist richtig.
Johannes Franke: Sondern das ist wirklich was Übernatürliches. Es gibt sogar die Theorie, dass es Danny aus der Zukunft ist. Der versucht, sich selbst zu retten. Ja. Aber, aber ich finde es tatsächlich interessant. Und Tony bedeutet ja dann, wenn man sagt, das ist nicht diese psychologische Abspaltung, an die man natürlich sofort denkt. Also ich habe sofort daran gedacht, habe aber auch innerhalb der Filmhandlung nicht gedacht, okay, das ist jetzt diese, die wahre Erklärung dafür. Aber ich fand es eine ganz interessante Visualisierung für das Konzept. Wer ist das? Ist Tony irgendjemand, der in Colorado sitzt oder sowas und auch das Shining hat und feststellt, oh scheiße, ich muss dem Kind helfen? Nee, ich glaube schon,
Florian Bayer: dass Tony ein Teil von Danny ist. Okay. Tony ist der, der rauskommt, wenn die Kacke am Dampfen ist. Weil das haben wir ja am Schluss des Films, dass Danny gar nicht mehr da ist. Ja. Und Wendy mit Danny reden will, aber eigentlich nur sich, nur noch Tony meldet und sagt, Danny ist nicht da, Miss Torrance. Ja. Und Tony ist der, der, Tony ist der, der die Zukunft sehen kann und der, der entsprechend halt auch warnen kann. Tony ist der, der Redrum, also Mörder, an die Wand schreibt. Ja, vielleicht, es ist einfach die übernatürliche Komponente von Danny. Es ist das Shining. Tony ist einfach das Shining, ganz banal. Alles, was Danny sieht, alles, was Danny als Shining sieht, es kommt von Tony. Ja. Und Danny sagt ja auch, Tony ist die Stimme in meinem Mund oder die Stimme in meinem Bauch. Ja. Es ist einfach das Innere von ihm, das halt, das ist das Shining. Das, das, was sieht, was passiert ist, was passieren wird und entsprechend warnen kann und, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht, dann komplett präsent ist. Ja.
Johannes Franke: Ja. Ja, dann ist es schon auch eine metaphysische Variante dieser Abspaltung, ne? Ja. Ja.
Florian Bayer: Aber es ist, es ist, dieser Film ist ja auch nicht nur ein psychologischer Film. Nein, natürlich. Natürlich kann man diesen Film psychologisch deuten und sollte es auch, diese, weil es ist einfach, es ist ein guter Horrorfilm, das heißt, der hat diesen Subtext und dieser Weg von Jack in den Wahnsinn hat ja auch immer diese zwei Komponenten. Zum einen wirklich ein Typ, ein Alkoholiker, der in Isolation durchdreht, weil er mit ganz vielen Sachen nicht klarkommt von seiner Familie, weil er, weil er Aggressionen gegenüber seiner Familie hat und so weiter und gleichzeitig Jack, der in Konfrontation mit Geistern kommt und Jack, der anscheinend als Reinkarnation, whatever, schon immer in diesem Hotel war und dafür immer gefangen ist.
Johannes Franke: Darüber müssen wir sowieso reden.
Florian Bayer: Interpretation des Endes. Lass uns gleich zu dieser, zu dieser metaphysischen Hölle kommen. Eine interessante Sache ist mir zum ersten Mal an Jack aufgefallen, was auch Sinn macht, dass es mir zum ersten Mal aufgefallen ist. Wir haben, wir haben ja diese Szene, wenn Wendy runterkommt, wenn es noch nicht ganz so schlimm ist, aber wenn, wenn Jack sie zum ersten Mal so richtig fertig macht, weil sie ihm, weil sie ihm ein Sandwich bringt und er sagt, wenn du mich tippen hörst, nein, egal, egal, ob du mich was machen hörst, du gehst verdammt nochmal nicht hier rein. Könntest du das einmal tun? Ist es dir aufgefallen? Was denn? Es ist Walter White. Ich bin fest davon überzeugt, Was? dass, dass, dass Brian Cranston für seine Cholerika-Szenen in Breaking Bad Jack Nicholson in Shining geguckt hat. Geil. Okay. Wenn, wenn, wenn, es gibt mehrere Szenen in Breaking Bad und es ist noch nicht so lange her, dass ich das zum zweiten Mal geguckt habe, wo Walter White mit seiner Frau redet und er ist des Öfteren wütend auf seine Frau und er sagt, kannst du dir vorstellen, wie anstrengend es für mich ist, hier Drogen zu kochen und gleichzeitig sich um diese Familie zu kümmern? Also könntest du mir mal nicht auf die Nerven gehen? Ja. Ich glaube, Brian Cranston hat für diese Momente, wo er den Cholerischen, Walter White spielt, der extrem hässlich zu seiner Frau ist, hat er sich Jack Nicholson in Shining angeguckt. Krass. Okay. Schaut euch mal diese Szenen an. Also schaut euch mal diese Ausbrüche von Walter White an und schaut euch diese Ausbrüche von Jack Nicholson an. Ich glaube, es ist wirklich, es ist ein bisschen auch kopiert. Okay. Ja, schön. Aber Kunst, Kunst inspiriert sich gegenseitig, ja. Ich habe Shining oft gesehen, mir ist es nicht aufgefallen, als ich Breaking Bad zum ersten Mal geguckt habe. Insofern hat er das gut gemacht. Jack. Jack ist ein Psycho und Jack rastet aus und er ist ein Psycho und tötet seine Familie und Jack ist gefangen in der Hölle. Geht es jetzt tatsächlich
Johannes Franke: um die Theorien und so? Nee, ich weiß nicht, du wolltest mit mir über Lloyd reden und über die Hölle und über den Teufel. Lloyd, ja, ach Gott. Also ich finde ja, die erste Szene, wo Lloyd auftaucht, wirklich grandios gemacht. Jack Nicholson sitzt an der Bar, wünscht sich ein Bier und in dem Moment taucht Lloyd auf. Ja. Der echt so beleuchtet und inszeniert ist wie der Teufel himself. Oder? Ja, der Teufel Alkohol, ne? Krass.
Florian Bayer: Ja. Und Jack wünscht sich Lloyd. Jack ist der, der ihn heraufbeschwört. Es ist nicht das Hotel, das ihn ruft, sondern Jack ruft das Hotel in diesem Moment. Genau. Und das Hotel reagiert
Johannes Franke: und sagt, ja klar, können wir liefern, kein Problem. Und Jack Nicholson so ganz übergangslos einfach sagt, ja schön, dass du da bist. Und das sofort annimmt und sofort sagt, ja, das machen wir jetzt. Finde ich gut. Ich habe jetzt hier meine Vision von Alkohol, freue mich darüber und bin dann entweder wirklich wirklich drunk oder dry drunk. Also dieses dry drunk im Sinne von, man ist zwar ohne Alkohol, aber man zeigt alle Anzeichen eines Alkoholikers auf Alkohol. Ja. Gibt es ja das Phänomen, ne? Ja. Und das ist schon krass. Also seine Psychosen, wie er anfängt, mit seiner Frau zu reden, ist ab dem Moment ja noch viel krasser und verletzender und vor allem auch so dieses delusional Ding, dass seine Familie ihn davon abhält, dass er sich nicht seine wahre Größe zu erreichen. Das finde ich so einen krassen Aspekt an dieser Figur, ne? Ja. Dass er seine Familie als Hindernis sieht und das macht er vielleicht von Anfang an, aber hier bricht es so stark aus, dass er ihr wirklich Sachen an den Kopf wirft, wo man merkt, was bei ihm eigentlich los ist, was er denkt, was für ein Genie oder so er eigentlich ist, aber seine Familie, seine Scheißfrau, die Spermbank, oh, Alter, was für ein fucking Wort. Was für tiefe Akzent, was für eine Aggression dieser Mensch hat. Wahnsinn, oder? Und das so rauszuholen und ich finde den Dialog einfach so wahnsinnig gut geschrieben, weil das psychologisch so gut passt und ich sofort verstehe, was bei diesem Typen los ist.
Florian Bayer: Er ist ein Alkoholiker, er ist ein Narziss offensichtlich, weil er total davon überzeugt ist, dass das, was er macht, wichtig ist und große Kunst ist und er ist überhaupt nicht in der Lage, sich mit seinen eigenen Emotionen auseinanderzusetzen. Das haben wir davor, vor dem Wahnsinn, haben wir den ganzen Film über einen, Jack, der es nicht schafft, sich damit auseinanderzusetzen, was für eine Wut er in sich trägt, was für eine Verzweiflung er in sich trägt und so weiter. Er funktioniert auf eine ganz gruselige Weise irgendwie. Er fühlt sich absolut überlegen, intellektuell überlegen.
Johannes Franke: Er guckt komplett auf seine Frau herab und sein Sohn ist einfach nur ein Klotz am Bein. Wahnsinn. Er hat jegliche Empathie verloren, wenn er sie jemals hatte und ab einem bestimmten Punkt hat man das Gefühl und spätestens natürlich, wenn er sie, wenn sie da so mit dem Baseballschläger rückwärts die Treppe hochgeht, aber auch früher schon so ein bisschen, dass er das Ganze nur noch als sein Spiel sieht. Ja. Wo er weiß, er gewinnt das, so intellektuell. Er weiß genau überlegen und er weiß genau und dann einen Zug nach dem anderen irgendwie so Spaß hat, alles zu zerstören. All work and no play makes Jack a dull boy. Es gibt so interessante Zusammenstellungen, wie das in den verschiedenen Ländern übersetzt wird. Weißt du was,
Florian Bayer: wusstest du noch, was es im Deutschen war, bevor du es jetzt gelesen hast?
Johannes Franke: Nee, wusste ich nicht mehr.
Florian Bayer: Ich hatte das tatsächlich auch noch sehr präsent. Echt, ja? Ja, ich habe die deutsche Version wahrscheinlich öfter gesehen als die englische. Ja, ich auch. Warst du heute ganz besorgen? Das verschiebe nicht auf morgen. Ja, ist okay, kann man machen. Auf jeden Fall. Es ist total passend. Also ich finde es so, es ist was komplett anderes, aber diese Vorstellung, dass er das die ganze Zeit schreibt, wenn er vorhat, seine Familie umzubringen, ist großartig. In Italienisch war es, Moment, ah, Morgenstund hat Gold im Mund. Im Italienischen. Naja, okay. Und im Französischen war es, ein Hier bitte ist mehr wert, als du wirst es schon noch bekommen, so ein bisschen, der Spatz in der Hand ist besser, als die, der Kuckuck, der Spatz in der Hand ist besser, als die Taube auf dem Dach. Welche Tiere waren es noch gleich? Das Reh auf dem Dach. Aber war auch was für eine gruselige Vorstellung, dass dieser Mann da sitzt, wie man nicht tippt. Man hört ihn dann ja eine Zeit lang die ganze Zeit nur noch tippen, den ganzen Tag über. Und er schreibt diesen einen Satz, immer und immer wieder. Teilweise hervorragend formatiert. Also ey, an Jack ist wirklich ein guter Textgestalter verloren gegangen. Oder vielleicht an der Sekretärin
Johannes Franke: von Stanley Kubrick, die das machen musste. Wie schrecklich. Ja, wirklich. Oh Gott, stell dir vor, du bist die Sekretärin von Stanley Kubrick
Florian Bayer: und kriegst die scheiß Aufgaben zugelassen. Die wahre Tragödie dieses Films ist, dass sie es geschafft haben, unter den Teppich zu kehren, dass die, nachdem sie diese Aufgabe erfüllt hat, ihre Familie mit der Axt umgebracht hat. Ich hätte es auch getan. Ja, wahrscheinlich. Wahrscheinlich. Ja, total. Also es ist wirklich krass gruselig, dass er einfach nur wie man nicht dieses sinnlose Zeug geschrieben hat. Ja. Ja, und dann, es ist einfach der Wahnsinn übernimmt. Also zum einen haben wir diese Ballsaalszene, der Golden Room, der plötzlich komplett voll ist mit Menschen, die er sieht. Wahrscheinlich, du warst voll drauf. So ein 20er Party.
Johannes Franke: Natürlich, es ist mein Stil. Ich mochte es total gerne. Es macht so ein bisschen eine klaustrophobischere, kreative Atmosphäre. Der große Raum, der leer war, plötzlich so voll. Und der ist auch wirklich so inszeniert, dass da wirklich sehr, sehr viel los ist jetzt. Und dass er nicht mehr so viel Raum hat. Und ich kann mir vorstellen, dass der Film irgendwie suggeriert, dass all diese Figuren, die da sind, alle irgendwann mal vom Hotel gecashed wurden.
Florian Bayer: Ja, also ist ja so ein bisschen naheliegend, weil also Crady ist ja auch da. Ja. Arbeitet merkwürdigerweise als Kellner. Aber dann haben wir diese Erklärung des Hotels beziehungsweise von Crady an Jack, der zu ihm sagt, du warst da, du warst schon immer da. Du warst schon immer der,
Johannes Franke: der sich ums Hotel gekümmert hat. Der Caretaker. Genau. Was nicht nur heißt, du hast dich ums Hotel gekümmert, sondern er sagt ja, I took care of my wife and children.
Florian Bayer: Und wir wissen genau, was das bedeutet. Aha. Und wir wüssten es auch, wenn wir ohne die Bilder davor gesehen zu haben von den zerstückelten Leichen. Ja. Und das ist krass.
Johannes Franke: Also ich finde diese Wortdopplung
Florian Bayer: so beeindruckend. Und Jack sagt ja auch zu Wendy am Anfang, ey, ich habe so das Gefühl, ich war schon mal, ich war schon immer hier. Es fühlt sich an, an als wäre das mein Zuhause. Ja.
Johannes Franke: Also insofern bedeutet es ja vielleicht, dass er die Reinkarnation einer, also das ist ja jetzt eine Theorie, die jetzt nicht auf meinen Mist gewachsen ist, sondern die gibt es ja viel. Aber die finde ich sehr logisch und sehr schön auch für dieses Hotel, dass du eine Reinkarnation einer Figur hast, die immer wieder, wenn sie reinkarniert, irgendwo auf der Welt, zu diesem Hotel gezogen wird, um dort dann diese Morde zu verüben und dann da rituell zu sterben und ins Hotel aufzugehen. Was ich finde,
Florian Bayer: was ganz stark gegen diese Reinkarnationstheorie spricht, ist das letzte Bild vom Film, wo wir Jack sehen und zwar nicht als irgendeine vorherige Existenz, sondern als Jack. Als der, der er ist. Wir sehen Jack Torrance im Jahr 1921 auf der Silvesterparty rumhängen mit den anderen Partygästen im Anzug.
Johannes Franke: Ich habe, weiß ich nicht mehr was sagen. Darf ich, darf ich? Ich habe mich gerade gemeldet wie so ein Zweijähriger. Zweijährige melden sich nicht. Wie so ein, weiß ich nicht, sieben, achtjähriger. Egal. Ich glaube, dass es schon stimmt, also dass es eine Reinkarnation ist, aber dass wir in diesem Hotel, sobald wir es betreten, in einem zeitlosen, eingefroren, zeitlosen Raum existieren. Also das ist eine Entität, die mit der Zeit an sich, mit dem Konzept fortschreitende Zeit gar nicht mehr vereinbar ist. Sondern das ist ein Realm, eine Dimension, in der Geister existieren, in der all das Schreckliche existiert, in der es keine Rolle spielt, ob jetzt heute oder 2021 ist. In der einfach alles gleichzeitig existiert. Was total irritierend ist.
Florian Bayer: Also wir haben, wenn wir uns anschauen, was für ein gleichzeitig wir hier sehen. Wir wissen, dass diese Zwillinge durch das Hotel laufen. Das wäre die eine Zeitebene und sie sagen ja irgendwann, das war vor zehn Jahren oder so. Ich weiß nicht mehr, aber ist egal, auf jeden Fall nicht 1921. Auf jeden Fall, weil einer von den Caretaker, der seine Familie umgebracht hat. Dann haben wir diese Frau in dem Bad, die wir nicht zuordnen können. Und dann ist aber vor allem, dass diese Silvesterparty aus dem Jahr 1921 ist es, glaube ich. Und die haben wir dann ja am Schluss komplett präsent. Das ist das, was Wendy sieht. Wendy sieht diesen Kellner mit dem Blut über dem Kopf, der sagt, es ist nicht eine großartige Party. Und Wendy sieht diesen Blowjob, der auch sehr danach aussieht, als ob er von dieser Party wäre. Also zumindest, wenn wir uns anschauen, ich weiß nicht, ob es damals schon so Hundekostüme, also es ist ja auch überhaupt nicht klar, warum jemand auf einer Party, auf dieser Party dieses Hundekostüm tragen sollte. Aber der, der den Blowjob erhält, ist offensichtlich angezogen, einer der Partygäste. Das heißt, es sind gar nicht so viele Zeitebenen, die wir hier haben. Und das Präsenteste ist offensichtlich diese eine Party. Diese 1900, jetzt muss ich nochmal drauf gucken. 1921. Am 4. Juli. Ah, es ist eine amerikanische Unabhängigkeitsparty. Genau. Diese eine Party am 4. Juli 1921 ist offensichtlich auf einem Burrito. In einem Hotel, auf einem Burrito. Auf einem Burrito von Native Americans. Lass uns die Interpretation, die politische Interpretation, können wir gleich auch noch mit reinnehmen. Auf jeden Fall, kommt noch. Und das ist ja auch der Moment, wo der Film teilweise, finde ich, ins wirklich Bizarre, komische auch geht. Ja, ja, absolut. Also dieser Blowjob, den der Hund gibt, der ist komplett bizarr. Noch viel bizarrer finde ich, aber wenn Wendy dann durch das Hotel flieht und dann in einer Geisterbahn landet, die wirklich aussieht wie eine fucking Geisterbahn. Nämlich dieser Raum, wo die Skelette sitzen, in diesen, in diesen Spinnenweben und wir sind plötzlich, wir haben drüber geredet, am Anfang dieser Episode, im B-Movie. Wir sind in einem B-Movie gelandet.
Johannes Franke: Das ist der Moment, wo ich denke, ach, das hättest du rausschneiden können. Echt? Ich glaube, da kommt Kubrick's Humor durch. Ach, ich weiß nicht. Davor haben wir diesen Kellner mit dem Blut über dem Kopf. Ja, das finde ich super. Wirklich? Aber das ist auch B-Movie-Style. Ja, aber das, das erklärt sich viel mehr. Ich finde dieses Bild mit den Skeletten da super trashig.
Florian Bayer: Es ist absolut trashig. Aber ganz ehrlich, wenn wir uns angucken, dieses Bild, Elevator aus dem Blut kommt, das ist auch schon ganz schön cheesy, oder? Also von der Grundkonzeption.
Johannes Franke: Aber es ist nicht trashig, sondern es ist cheesy. Das ist ein Unterschied. Ich finde das wirklich sehr, sehr gut, muss ich sagen, mit dem Blut da aus dem Elevator. Was ist mit dem Hundeblowjob? Der Hundeblowjob? Das ist die Absurdität der Situation.
Florian Bayer: Die sind alle verrückt geworden. Das ist so geil. King wurde unter anderem vorgeworfen, dass er extrem konservativ ist in seinem Shining-Finale, weil er hat diese Party aus diesem Jahr und er hat gesagt, die eskaliert und dann haben halt alle Sex und so weiter. Und er guckt da als der prüde amerikanische Spießbürger drauf, der sagt, oh mein Gott, ein Mann in einem Hundekostüm gibt einem anderen Mann einen Blowjob. Das ist Sodom und Gomorra. Ach komm. Und Furries. Genau, ich wollte gerade sagen, wir als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts wissen, ey, macht doch. Ihr habt Spaß. Genau. Aber der Film erzählt das ja auch nicht. Der Film ist da ja auch in der Stephen-King-Erzählung. Diese Szene wird nicht eingeblendet als Aufruf zur sexuellen Toleranz, sondern diese Szene wird angeblendet um zu sagen, weird. Ja, genau. Und ich finde, dieses Abschlusskapitel und das ist auch, da sind wir wieder voll beim Post-Horror, das machen so viele Post-Horror-Filme, dass sie die ganze Zeit sehr würdevoll diese Spannung aufbauen und dann am Schluss komplett am Rad drehen und alles in komischen, bizarren, grotesken Humor bekramen. Ja.
Johannes Franke: Aber ich glaube, es hat auch was damit zu tun, dass du das Tempo erhöhen willst. Also Kubrick muss ja an der Stelle wirklich anziehen und er kann sich nicht nur auf die aber wirklich sehr großartige Shelley, die Duval verlassen, die die Aufregung und das Tempo erhöht, sondern es muss auch Schnittbilder geben, die das Ganze unterstützen und das Ganze noch schlimmer machen. Absolut, aber man könnte, man müsste dabei nicht komisch werden.
Florian Bayer: Und er wird komisch dabei. Und er wird, ja, ja. Ich meine, es war eine Jack Nicholson im Brunner, hier ist Johnny von der Johnny Carson Show, aber er hat es drin gelassen und er hat es drin gelassen, weil es passt zu dieser absurden Situation. Auch wenn Jack Nicholson sie jagt und die Tür einschlägt und sagt, Wendy, I'm home, und sie ist da so total, da ist sie, das ist ihr hysterisches Spiel, wo sie hinter dieser Tür ist mit dem Messer in der Hand und schreit und heult. Und wenn er dann anfängt, Little Pigs, Three Little Pigs zu zitieren und sagt, und dann puste ich und dann plase ich und dann reiße ich dein Haus ein. Das ist alles absurd komisch und das haben wir in diesem letzten Drittel des Films. Ja, ja. Passieren einfach mal
Johannes Franke: komische Sachen. Ich habe bei Jack Nicholson, er gibt es wahnsinnig viel Sinn, auch ohne, dass wir glauben, dass der Regisseur jetzt anfängt, lustig sein zu werden. oder irgendwie absurde Komik einzubauen, weil Jack Nicholson einfach völlig an Realitäten vorbei ist und nur noch Spaß mit sich selber hat, im Grunde. Also Spaß, den eigenen Spaß daran entwickelt, Leute zu jagen und umzubringen, zum Jäger wird. Worauf wollte ich hinaus? Du wolltest mir sagen, warum dieser Film nicht komisch ist. Also ich glaube, dass es einfach innerhalb der Figur logisch ist, aber wenn wir die Figur verlassen und diesen Partygast da zeigen und die Figur und die Skelette und so. Die Skelette ergeben nicht mal Sinn. Nein, natürlich ist es so. Weil die ja, da ist ja kein Skelett drin, sondern das sind ja alles Geister, die Fleisch und Blut haben. Es ist eine Geisterbahn,
Florian Bayer: das Hotel ist eine Geisterbahn in dem Moment. Erzähl mir, erkläre mir die Szene von Dick, der in Miami in seinem Bett liegt und diese beiden Nacktfotos über seinem Bett und über seinem Fernseher hängen hat, ohne das Wort witzig zu benutzen. Absurd? Das zählt nicht.
Johannes Franke: Aber diese beiden Bilder da, ich war so, was zur Hölle passiert hier?
Florian Bayer: Erklär mir, dass dieser Dick meilenweit reist mit dem Flugzeug, mit dem Auto, mit dem Schneemobil, nur um innerhalb von einer Minute umgebracht zu werden und nichts zur Rettung beizutragen, ohne das Wort witzig zu benutzen. Das schaffe ich. Ja? Das schaffe ich.
Johannes Franke: Ich bin gespannt. Es geht darum, dem Zuschauer zu sagen, hier ist keine Hilfe zu erwarten. Der Einzige, der hier helfen könnte, wird sofort umgebracht. Damit hier möglichst kein Relief stattfindet. Witzig. Finde ich nicht. Also ist es vielleicht ein Kommentar, ein Metakommentar. Vielleicht kann man es auch als witzigen Metakommentar nehmen. Aber er muss nicht als Witz wahrgenommen werden.
Florian Bayer: Naja, es ist kein Witz mit Hoho-Poenta. Aber ich finde, das letzte, wir sind im letzten Drittel ungefähr des Films. Er zeigt ironische Züge. Du hast recht. Und es ist absolut genial. Ich liebe das Tempo, das anzieht. Und ich liebe diesen Wechsel von diesen ruhigen Momenten, wo du ständig angespannt bist in diesen absoluten Wahnsinn. Es ist die letzte halbe Stunde des Films maximal. Vielleicht die letzten 20 Minuten eher. Wo wirklich einfach groteske Sachen passieren und du auch ein bisschen befreit auflachen kannst. Ja. Weil es so schräg ist. Ja. Genau. Das Ende ist natürlich nicht nur lustig, meiner Meinung nach.
Johannes Franke: Deiner Meinung nach
Florian Bayer: offensichtlich vor allem ein Crescendo. Ja. Sondern es lädt auch zu Interpretationen ein. Wir haben es nicht geschafft, über diesen Film zu reden, ohne Interpretationen reinzustreuen. Ja. Aber wir können an dieser Stelle ja natürlich nochmal ein bisschen sammeln. Ja. Und ich würde gerne das Vorzeichen setzen, dass ich zu allen Interpretationen sage, na, es ist eine coole Geistergeschichte. Und es ist mit viel psychologischem Subtext und so. Und die Tiefe hat Kubrick wirklich reingebracht, die er reinbringen wollte. Das heißt, es gibt diese ganzen Ebenen. Ja. Aber wir müssen das
Johannes Franke: nicht überinterpretieren. Ich möchte es gerne von der gegenteiligen Seite betrachten. Hervorragend. Ich finde, sie haben alle recht. Sie haben alle recht. Und zwar gleichzeitig. Selbst der Mondlandungshooks ist Okay, okay. Der vielleicht nicht. Aber was ich geil finde, ist, dass man in so vielen Details, die ja Kubrick, weil Kubrick ja nur wirklich sehr detailversessen ist. Ja. Und auch wirklich entscheidet, welche Zeitung gibt er denn Jack Nicholson zu lesen? In Playgirl. In Playgirl. Wo es ums Inzest geht. Wo es ums Inzest geht. Also, ich meine, das ist ja eine Entscheidung. Und alles, was er an Entscheidungen trifft, macht natürlich in seinem Kopf sofort was von, okay, das unterstützt das und das unterstützt das. Okay. Ob es eine komplette Theorie rechtfertigt, ist eine andere Nummer. Aber, dass diese Dosen da in dem Vorratsschrank sind mit diesen Emblemen, das ist von Natives, das finde ich total wichtig, ohne dass es eine riesige Theorie werden muss.
Florian Bayer: Meine Liebste Interpretation übrigens davon, dass das Ganze auch eine Metapher auf dem Genozid an den American Natives ist. Richtig. Das Ding ist auf einem Friedhof gebaut von ihnen. Es gibt diese Dosen, wo man einfach einen American Native drauf sieht. Und dann haben wir
Johannes Franke: das Blut,
Florian Bayer: das aus dem Fahrstuhl kommt, was natürlich so heißt, von unten kommt das Blut der Menschen auf deren Leichen, im wahrsten Sinne des Wortes, das Hotel gebaut wurde, kommt hier raus. Und ja, definitiv finde ich ganz interessant.
Johannes Franke: Auch dieses Zitat, White Man's Burden, von Kipling, dieses Gedicht, das dazu aufruft, dass der überlegene Weiße die Wilden, in Anführungsstrichen, bitte, also christianisieren oder in die Zivilisation holen soll, also was wirklich ein knallharter, schlimmer Auftrag ist, das zu zitieren, das macht man nicht einfach so. Da steckt eine Idee dahinter.
Florian Bayer: Es schwingt auf jeden Fall mit und es ist ein cooles Thema im Film, egal ob überinterpretiert oder nicht. Es gibt die Interpretation, dass der Film auch eine Anspielung auf die Shoah ist. Wir haben nämlich diese deutsche Schreibmaschine, zu der dann gesagt wurde, naja, die hat Kubrick einfach gefallen,
Johannes Franke: deswegen hat er die genommen. Nein, das gehörte einfach, ihm das Ding. Er hat einfach eine Adler besessen und dann hat er sie in den Film reingebaut. Deswegen finde ich,
Florian Bayer: das hat relativ wenig Shoah an sich, aber natürlich, dass es eine allgemeine Erzählung ist, die irgendwie auch sowas wie Genozid verarbeitet und Genozids Erfahrung, die ja auch eine traumatische Erfahrung ist. Ja, genau. Und in dem Film geht es sehr viel um Traumata, finde ich absolut schlüssig. Ja, total. Kommen wir ganz kurz zu dem Film, den ich gesehen habe.
Johannes Franke: Du hast den Film
Florian Bayer: Room 237 gesehen. Aus dem Jahr. Aus dem Jahr 2012. Eine Dokumentation von Rodney Escher, der Leute sprechen lässt, die sich mit dem Film auseinandergesetzt haben, den Film lieben und den Film interpretieren. Und es gibt dann irgendwie neue Segmente und es kommen verschiedene Leute zum Reden. Und was die alle gemeinsam haben, ist, dass sie sagen, und wenn wir diese Szene pausieren, dann sehen wir hier einen Penis. Oder dann sehen wir hier die Dose mit dem American Native drauf. Und sie stürzen sich alle auf Abwehr. Absurd kleine Details.
Johannes Franke: Und jetzt,
Florian Bayer: bei diesem Frame müsst ihr pausieren
Johannes Franke: und dann seht ihr das. Und wir wissen auch, warum das Ding erst 2012 rausgekommen ist, weil vorher hat niemand diese Details überhaupt sehen können. Weil kein fucking Fernseher diese Details überhaupt darstellen konnte. Seit HD ist das überhaupt ersichtbar. Ein Hoch auf die
Florian Bayer: Blu-Ray-Technik. Und das Geile ist, diese Leute sind alle gleich. Die sagen, guckt euch dieses eine Detail an. Ich verstehe nicht, warum das niemand sehen kann. Und das ist total bescheuert. Weil du guckst drauf und denkst, natürlich kann das niemand sehen. Wer pausiert diesen Film dann und sagt das? Und es gibt dann, also ganz schlimm finde ich ja grundsätzlich dieses, es ist alles nur in Traumtheorien. Es gibt zwei davon. Ja, es gibt zwei davon, genau. Einmal ist es Wendys Fantasie. Weil Wendy hat Angst davor, dass Jack ihr und ihrer Familie was antun kann. Und das erklärt auch, warum sie so übertrieben brutal behandelt wird in diesem Film. Weil es einfach nur in ihrem Kopf ist und ihre Angst ist. Ja. Und die zweite ist, es ist Jacks Roman, der hier geschrieben wird. Unter anderem erklärt damit, dass Danny ein anderes Dreirad fährt in einer Szene als das Dreirad, das am Anfang ins Hotel geschaffen wird. Ja. Und dass die Schreibmaschine irgendwann gewechselt wird. Ja. Das heißt, es gibt einfach den Moment, wo die Filmhandlung irgendwann übergeht in diesen Roman, den Jack schreibt. Ich hasse Interpretationen, die in diese Richtung gehen. Ja.
Johannes Franke: Also das ist auch Blödsinn. Zum einen finde ich es immer lame, wenn ich am Ende aus einem Film rausgehe und es ist alles nur ein Traum und ich dann denke, ja, warum habe ich den Film dann geguckt? Was soll das? Warum sollte es mich dann interessieren? Ja. Und zum anderen finde ich das auch eine Ausflucht, die dem Film viel schwächer macht, als es sein könnte.
Florian Bayer: Es ist einfach die lameste Erklärung. Und es gibt ja Filme, die das wirklich machen, die am Schluss sagen, alles war nur ein Traum und der einzige Film, der das darf, ist der Zauberer von Oz und sonst darf das niemand. Vielleicht gibt es noch ein, zwei andere. Nein. Ich finde die Idee und die hast du ja schon so ein bisschen vorangebracht, ganz interessant, dass das Overlook sowas wie ein Fegefeuer oder die Hölle ist. Jack, Jack da ewig gefangen ist und immer wieder Familien umbringen muss in irgendeiner Reinkarnation. Ja. Finde ich ganz cool. Auch die Idee, dass Lloyd irgendwie so eine Art Teufelsfigur ist oder Mephisto. Ich finde zumindest interessant, dass einmal auf das Motiv hingewiesen wird, dass Teseus, ist es Teseus, der im Labyrinth vor dem Minotaurus flieht? Ja, genau. Der gegen den Minotaurus kämpft, weil das haben wir ja, Danny, der am Schluss ins Labyrinth flieht und dann clevererweise nie kein Fünfjähriger würde auf diese clevere Idee kommen. Ach doch,
Johannes Franke: das könnte ich mir vorstellen.
Florian Bayer: So wie er es macht, dass er in seinen Fußstapfen zurückgeht, dann nochmal Schnee wegmacht. Ich glaube, nein. Zu clever. Okay. Aber das Motiv finde ich natürlich ganz schön, auch wenn ich auf klassische Motive in Filmen stehe. Ja. Den sexuellen Missbrauch finde ich eigentlich auch spannend und der sexuelle Missbrauch schwingt auch irgendwie
Johannes Franke: immer so ein bisschen mit. Das stimmt, ja. Vor allem, weil er eben tatsächlich, was wir schon angesprochen haben, dieses Playgirl liest und da dieser Inzestartikel drin ist und man dann so denkt, oi, oi, oi. Also man hat es nicht festgestellt und ich glaube, ich habe das überhaupt nicht mitbekommen. Ich habe dieses Detail total verpasst. Ich habe,
Florian Bayer: nachdem ich Room 237 geguckt habe, habe ich mir das Ding nochmal angemacht und habe an den Zehen pausiert und gedacht, ah ja, ich sehe es. Okay, danke. Jetzt sehe ich es. Ja, genau. Wenn ich Pause drücke, so guckt keiner diesen Film und so sollte man diesen Film auch nicht schauen. Nein. Ich mag meine Theorie, dass das vor allem am Schluss eine Parodie auf Horrorfilme ist. Kubrick war kein großer Horrorfan, kein großer Genrefan. Nein. Und Kubrick und seine Autorin Johnson waren keine große Fans der Stephen King Vorlage und deswegen haben sie diese Continuity Errors eingebaut, die wir aus klassischen Horrorfilmen kennen und so cheesy Szenen wie die Skelette vor allem, die im Ballsaal sind. Ja, verstehe. Und um noch die absurdeste aller Theorien aufzufahren, dieser Film ist eine Entschuldigung von Kubrick dafür, dass er zusammen mit der NASA die Mondlandung gefälscht hat.
Johannes Franke: Aber im Film sagen sie gar nicht, dass die Mondlandung nicht stattgefunden hat, oder? Es ging doch darum, dass die Mondlandung... Der Typ,
Florian Bayer: der in diesem Film zu Wort kommt, der glaubt das. Wirklich, ja? Ja, ja. Dieser Typ, und es ist so ganz offensichtlich, dieser Typ ist kein Shining-Fan, sondern dieser Typ ist Verschwörungstheoretiker, fest davon überzeugt, dass die Mondlandung nicht stattgefunden hat und dass Kubrick das gefilmt hat und vorbereitet hat und die NASA beraten hat und dass er in diesem Film unterschwellige Botschaften eingebaut hat um sich zu entschuldigen. Danny trägt einen Apollo 11 Pulli.
Johannes Franke: Ja, der Pulli ist übrigens zustande gekommen, weil jemand im Team gesagt habe, ach, ich kenne da jemanden, der strickt einen Haufen Pullis und Kubrick gesagt hat, ach, bring mal ein paar mit, wir suchen uns einen aus. Ja. Und wenn der das hätte als Entschuldigung da einbauen wollen, dann hätte der da nicht einfach gesagt, ja, bringen wir irgendwelche Pullis mit.
Florian Bayer: Ja, es ist allein schon deswegen bescheuert, weil es halt einfach diese Mondlandungs-Fake-Geschichte ist, so eine alberne Verschwörungstheorie. Ja, ja, genau. Die Technik damals hätte das nicht hergegeben. Ja. Allein deswegen schon nicht. Was da, was da, egal, wir müssen nicht über Verschwörungstheorien reden. Aber an der Theorie fällt vor allem auf, dass wir es hier nicht mit einem Kubrick-Fan, sondern mit einem, einfach mit einem Mondlandungs-Verschwörungstheoretiker zu tun haben. Ja, okay. Rodney Asher, der den Film gemacht hat, ist es sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass er nicht an diese Theorien glaubt. Okay. Dieser Film startet mit einem großen Titelbild, wo steht, alles, was in diesem Film erzählt wird, ist Quatsch. Geil. Quasi. Es steht nicht da, aber es ist so ungefähr. Und Rodney Asher selbst hat gesagt, dass es einfach ein Film ist, der ein Horrorfilm ist, der sich damit beschäftigt, wie man Karriere, Familie unter einen Hut bringen kann und wie man daran auch scheitern kann. Oh, wie süß. Und wie man und das finde ich, der hat sich sehr vernünftig dazu geäußert. Stephen King hat gesagt, 2014, er hat diesen Film gesehen und in diesem Fall bin ich voll auf Stephen Kings Seite. Er sagt, nach einer halben Stunde habe ich ihn ausgemacht. Das war mir einfach zu viel akademischer Bullshit. Und ich stehe auf akademischen Bullshit. Ja. In diesem Film nervt er mich. Vor allem, weil es halt diese Fixierung auf einzelne Details und dieses, meine Interpretation ist die richtige und ich bin fassungslos darüber, dass niemand meiner richtigen Interpretationsfolge von Menschen, die halt die einzigen sind, die dieser Interpretation anhängen. Das ist einfach, das ist einfach Blödsinn. Krass. Meine Theorie ist, ich habe es eigentlich schon immer mal wieder reingebracht. Ich finde den Gedanken ganz cool, dass diese Errors zum Beispiel dadurch zu erklären sind, dass hier Gaslighting stattfindet, dass Kubrick das Publikum und die Menschen in seinem Film gaslightet. Ja, genau. Dass das Hotel die Menschen gaslightet und dass wir hier einfach eine wirklich spannende Geistergeschichte haben mit diesem psychologischen Subtext, der die ganze Zeit mitschwingt. Absolut, ja.
Johannes Franke: Ich stehe auf, auf diese Zeitkapsel, darauf, dass das Hotel an sich keine fortlaufende Zeit mehr hat, sondern dass das einfach ein Monolith in der Zeit ist, wo alles gleichzeitig existiert. Das ist auch so bei uns
Florian Bayer: schon so ein Staple, dass du mal öfter bei der metaphysischeren Interpretation bist als ich.
Johannes Franke: Ja, das kann sein.
Florian Bayer: Ja, ja, ja. Das finde ich ganz spannend. Also ich, natürlich ist es fantastisches Kino. Also insofern finde ich, das kann ich das sehr gut annehmen und sagen, ja, es ist spannend und es gibt ja auch einfach diese unerklärlichen Dinge. Warum ist Jack auf diesem Foto plötzlich zu sehen am Spiegel? Und es passiert halt auch mehr als nur Wahnvorstellungen. Es ist wirklich, es gibt diese Geister. Irgendwas Geisterhaftes gibt es in diesem Hotel. Die King, haben wir schon gesagt, hat diesen Film unter anderem deswegen gehasst, weil es ihm zu wenig Geister waren. Weil er gesagt hat, Kubrick hat kein Gefühl für das Genre und hat kein Gefühl für das Übernatürliche und deswegen hat er das Übernatürliche die ganze Zeit klein gehalten. Ja, völliger Quatsch. Nein, nein, nein, nein.
Johannes Franke: Ich finde, was Kubrick hier macht, kommt mir, mir, was Horrorfilme betrifft, habe ich ganz am Anfang gesagt, total entgegen. Ja. Weil er eben genau diese Sachen nicht macht, die so stark am Horrorfilm hängen. Vor allem am B-Movie-Horrorfilm. So am Slasher und diesen ganzen Kram. Ich finde dieses psychologische und das fast kalte, was er hat, viel, viel interessanter. Auf jeden Fall. King hat dazu gesagt,
Florian Bayer: er denkt zu viel und fühlt zu wenig und deswegen funktioniert der Film nicht. Weil ich habe das Gefühl eingebaut und das war mir wichtig und natürlich, wenn man Kings Vorlage liest und auch, auch weiß, woher das kommt, kann man das total nachvollziehen. Und King war damals nicht der Einzige. Dieser Film wurde von der Kritik, im Gegensatz zum Publikum, das war der erfolgreichste Film von Kubrick, von der Kritik wurde dieser Film mit so gemischt aufgenommen. Die haben gesagt, na, na, na, naja.
Johannes Franke: Vor allem, ich glaube, die Erwartungen sind dann andere gewesen, weil auch die Filme, damals die Horrorfilme einfach anders gelagert waren und dann so einen Slowburner zu sehen, ist vielleicht auch einfach, na, weiß nicht. Kubrick hatte halt
Florian Bayer: seine beste Zeit, auch schon hinter sich. Der hat, das war die Zeit, in der Kubrick kaum noch Filme gedreht hat. Sein nächster Film hat er sieben Jahre später gedreht, 1987 von Metal Jacket. Und den Film davor, Barry Lyndon, der war damals auch schon fünf Jahre alt, als er Shining gedreht hat. Und die Kritik konnte nicht so richtig was damit anfangen, vielleicht auch, weil er sich so platziert zwischen Horror-Blockbuster, der dann ja geworden ist, und aber Thinking Man-Film, der vielleicht ein bisschen zu nachdenklich, zu langsam, zu philosophisch ist, um, um einfach so als geiler Horrorfilm rezipiert zu werden.
Johannes Franke: So ein Quatsch. Es gibt ja, es gibt ja genug Zitate von Leuten, die das irgendwie versucht haben zu erklären, warum sie es scheiße finden und so. Irgendwelche Rezensenten, die ich jetzt gerade nicht finde. Verdammte Scheiße. Nee, ich find's nicht. Ach so, ja. Variety schrieb vernichtend, mit allem, was ihm zur Verfügung stand, hat Regisseur Stanley Kubrick sich mit dem nervösen Jack Nicholson zusammengetan, um alles zu zerstören, was an Stephen Kings Bestseller so erschreckend war. Stephen Kings Bestseller war nicht sonderlich erschreckend.
Florian Bayer: Ich hab das Buch gelesen, nachdem ich den Film gesehen habe, muss ich dazu sagen, ich fand, es gehört nicht zu den besten Büchern von King. Er hat deutlich Besseres und Gruseligeres geschrieben. Ja, gut. Es sollte sich extrem ändern, ne? Ja,
Johannes Franke: der Film hat sich
Florian Bayer: zum Kultfilm entwickelt und mittlerweile wird er als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten gefeiert. Ja. Meiner Meinung nach vollkommen zu Recht. Absolut, absolut, ja. Und ich glaube, es ist einfach ein Fall von die damaligen Kritiker lagen alle falsch und haben einfach nicht die Genialität erkannt, die dahinter steckt.
Johannes Franke: Was wiederum unterstützt die These, dass er vielleicht seiner Zeit voraus war? Ja, vielleicht.
Florian Bayer: Stephen King, der kein Fan von diesem Film war, hat jahrelang auf Kubrick und auf diesem Film rumgehauen und irgendwann hat er damit aufgehört. Warum? Warum? Weil er seine Verfilmung machen wollte. Ach. Kubrick hat ihm die Rechte an diesem Film, an seiner Verfilmung. Stephen King hat 1997 das Ding von Mick Garris verfilmen lassen.
