Episode 280: Mary and Max – Depressive Knetmännchen feiern Geburtstag
Die achtjährige Mary, die im Australien des Jahres 1976 lebt, ist ein äußerst einsames Kind: Ihr Vater beschäftigt sich lieber mit seinen ausgestopften Vögeln als mit seiner Familie, ihre Mutter ist eine alkoholabhängige Kleptomanin und in der Schule wird sie wegen eines auffälligen Muttermals auf ihrer Stirn gehänselt. In ihrer Einsamkeit beschließt sie, sich einen Brieffreund zu suchen. Der willkürliche Griff ins Telefonbuch erwählt dabei den 44 Jahre alten New Yorker Max, der ebenfalls sein Kreuz zu tragen hat: Er ist ebenfalls einsam, hat Asperger, ist übergewichtig und kommt weder mit der Welt noch ihren menschlichen Bewohnern klar: Aber wie Mary besitzt er eine unbändige Neugier, liebt es, sich existenzielle Fragen zu stellen, liebt wie Mary die Cartoonserie Noblets und ist Erfinder solch großartiger Mahlzeiten wie Schokoladen Hot Dogs.
Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine enge Brieffreundschaft, in der sie sich über ihr Leben austauschen, Max’ Marys Fragen beantwortet und sie ihm auf ihre kindliche Art hilft, mit dem harten New Yorker Alltag besser klarzukommen. Aber ihre Briefe voll mit Mobbinggeschichten, Fragen zu romantischen Beziehungen und Sexualität lösen in Max auch immer wieder Panikattacken aus, die ihre Beziehung in einem fragilen Zustand halten. Als die mittlerweile erwachsene Mary Psychologie studiert und ihre Thesis über Max’ Krankheit schreibt, kommt es zum endgültigen Bruch. Und so fallen beide wieder in ihre Einsamkeit zurück. Aber eine kleine Hoffnung auf Versöhnung und vielleicht sogar ein Real Life Treffen bleiben bestehen.
Mary and Max aus dem Jahr 2009 von Adam Elliot. Ein Claymotion-Film aus einer Zeit, in der CGI schon lange das Animationsfeld übernommen hat: Wer sich hier leichte Wallace and Gromit Skurrilität erhofft, ist allerdings an der falschen Adresse. Im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen Nick Park taucht Adam Elliot tief hinab in düstere, harte, traurige Themen: Mobbing, Alkoholismus, Depression, Psychopathologie, Suizidalität… Johannes, war das zuviel für dein sensibles Herz?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 280: Mary and Max – Depressive Knetmännchen feiern Geburtstag Publishing Date: 2026-05-13T06:31:45+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/05/13/episode-280-mary-and-max-depressive-knetmaennchen-feiern-geburtstag/
Johannes Franke: Das Geile ist, wir haben ja gerade eben erst über Life of Chuck geredet, wo es genau das gleiche Ding gab, dass so eine Stimme verzweifelt versucht, fabelhafter Welt der Amelie zu sein. Und dieser hier schafft es. Ich finde, er macht das richtig, richtig gut. Happy Birthday to you Happy Birthday to you Happy Birthday, liebe Liz Happy Birthday to you Wir haben ein Geburtstagskind und wir haben wie jedes Jahr seit Anbeginn der Zeiten, also das muss man sehen, Podcastes, haben wir eine Geburtstagsfolge für Liz. Für unsere Stammzuhörerin, die sich jedes Jahr zum Geburtstag einer persönliche ihr gewidmete Folge zu einem von ihr vorgeschlagenen Film wünscht.
Florian Bayer: Und dieses Jahr, dieses Mal ist es Mary and Max aus dem Jahr 2009. Und Liz, Hinweis für dich,
Johannes Franke: geh zwei Zentimeter oder drei Zentimeter weiter weg von deinen Lautsprechern als sonst, sonst steckst du dich bei Plor an. Liebes Publikum, tut mir leid, ihr müsst mich heute etwas nasaler als sonst ertragen. Ich schleppe nämlich eine Erkältung mit mir herum. Und ich habe hier eine riesige Wand aufgebaut. Ich kann dich gerade so erkennen.
Florian Bayer: Ich denke auch, meistens unter einer Maske werden wir das aufnehmen.
Johannes Franke: Nur manchmal öffne ich sie, damit Johannes mein Lächeln sieht. Ja, das ist mir das Wichtigste, Flo. Das ist doch schön. Wenn ich da niederlege und sterbe an den Viren, die du mir übertragen hast. Aber Hauptsache, ich habe dein Lächeln gesehen.
Florian Bayer: Ja, schön.
Johannes Franke: Ich freue mich auch immer über dein Lächeln. Mary und Max aus dem Jahr 2009. Das hast du noch so reingequetscht, das gibt es da wohl nicht. Wenn dann richtig. Johannes, du weißt, dass ich dich lieb habe. Okay, also genug Lopudelei. Liz, wir haben einen Film für dich und zwar Mary and Max. Aus dem Jahr 2009, den wir beide nicht kannten, ne? Richtig, ich habe ihn auch noch nicht gesehen. Aber ich wusste, dass er existiert. Ah, okay, ich habe das Plakat gesehen und dachte,
Florian Bayer: ah ja, okay, also so Claymotion und alles gut. Und ich freue mich drauf, so ein bisschen nette, skurrile Unterhaltung im Wallace & Gromit-Style.
Johannes Franke: Wie ihr alle gedacht habt.
Florian Bayer: Und dann hat Johannes mir die Liste geschickt, was Liz vorgeschlagen hat an Themen, möglichen Themen für unsere Top-3-Liste, die wir immer machen, die irgendwie mit dem Film zusammenhängt. Und zwar waren das ungleiche Freunde, Alkoholismus bei Eltern,
Johannes Franke: gescheiterte Suizide. Und ich dachte nur, okay, was kommt da auf dich zu? Es ist ein bisschen schade, dass du das vorher so geahnt hast. was da passieren würde, könnte, sollte. Weil ich bin komplett ohne Ahnung, dass es so düster werden würde, reingegangen. Ja. Und es hat seine Wirkung nicht verfehlt. Ja. Sagen wir so. Man erwartet es nicht, vor allem wenn man den typisch deutschen Untertitel liest für so einen Film. Schrumpfen Schafe, wenn es regnet. Und, wie ist die Antwort, Plur?
Florian Bayer: Natürlich tun sie das. Plur, du hast sogar einen Text vorbereitet.
Johannes Franke: Auch wenn Listin hätte schreiben müssen,
Florian Bayer: eigentlich nach der Logik, die wir so fahren. Aber Flo hat einen Text vorbereitet, damit ihr wisst, worum es geht. Und von nun an gilt Spoilerwarnung. Ah, ja, Die achtjährige Mary, die in Australien des Jahres 1976 lebt, ist ein äußerst einsames Kind. Ihr Vater beschäftigt sich lieber mit seinen ausgestopften Vögeln als mit seiner Familie. Ihre Mutter ist eine alkoholabhängige Kleptomanin. Und in der Schule wird sie wegen eines auffälligen Muttermals auf ihrer Stirn gehänselt. In ihrer Einsamkeit... beschließt sie sich, einen Brieffreund zu suchen. Der willkürliche Griff ins Telefonbuch erwählt dabei den 44 Jahre alten New Yorker Max, der ebenfalls sein Kreuz zu tragen hat. Er ist einsam, hat Asperger, ist übergewichtig und kommt weder mit der Welt noch ihren menschlichen Bewohnern klar. Aber wie Mary besitzt er eine unbändige Neugier, liebt es sich existenzielle Fragen zu stellen, liebt wie Mary die Cartoon-Serie Knoblets und ist Erfinder solch großartiger Mahlzeiten wie Schokoladen-Hot Dogs. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine enge Brieffreundschaft, in der sie sich über ihr Leben austauschen, Max Marys Fragen beantwortet und sie ihm auf ihre kindliche Art hilft, mit dem harten New Yorker Alltag besser klar zu kommen. Aber ihre Briefe voll mit Mobbinggeschichten, Fragen zu romantischen Beziehungen und Sexualität lösen in Max auch immer wieder Panikattacken aus, die ihre Beziehung in einem fragilen Zustand halten. Als die mittlerweile erwachsene Mary Psychologie studiert und ihre Physis über Max' Krankheit schreibt, kommt es zum endgültigen Bruch. Und so fallen beide wieder in ihre Einsamkeit zurück. Aber eine kleine Hoffnung auf Versöhnung und vielleicht sogar ein Real-Life-Treffen bleibt bestehen. Mary and Max aus dem Jahr 2009 von Adam Elliot. Ein Clay-Motion-Film aus einer Zeit, in der CGI schon lange das Animationsfeld übernommen hat. Wer sich hier leichte Wallace-and-Cromwell-Skurilität erhofft, ist allerdings an der falschen Adresse. Im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen Nick Park taucht Adam Elliot tief hinab in düsterer, harte, traurige Themen. Mobbing, Alkoholismus, Depression, Psychopathologie, Suizidalität. Johannes, war das zu viel für dein sensibles Herz?
Johannes Franke: Ja, ich möchte gerne Hypersensibilität draufwerfen auf den Haufen, den du gerade angestoßen hast. Also sowohl im Film als auch eben von meiner Seite. Ich bin tatsächlich auch diagnostiziertermaßen hypersensibel. Was eine Diagnose ist, die mal mehr und mal weniger stimmt. Hypersensibilität hat viel mit dem zu tun, wie man gerade drauf ist, wie die Lebensphase und so weiter ist. Nicht bei jedem, aber bei mir. Und ich hatte das Gefühl, dass ich zwischendurch sogar ein bisschen in Abwehrhaltung gegangen bin, weil es so viel wurde. Ja, es ist viel. Es ist wirklich viel zu schlucken. Und vor allem,
Florian Bayer: der Film bewegt sich ja trotzdem im weitesten Sinne in dem Genre Tragikomödie. Das heißt, es gibt auch... Immer diesen Optimismus und dieses Hoffnungsvolle.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber dieser Film feiert sehr seine Unperfektion und auch seine Hässlichkeit und die Hässlichkeit seiner Protagonisten.
Johannes Franke: Ja, bis zum Ekelhaften teilweise.
Florian Bayer: Bis zum Ekelhaften. Und ich finde, das ist eine ganz große Stärke von diesem Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Weil was er natürlich macht und was man wirklich kennt, er erzählt eine Außenseitergeschichte.
Johannes Franke: Ja, natürlich.
Florian Bayer: Und wir wissen, sowohl das Independent-Kino als auch Hollywood lieben ihre... Außenseiter als Protagonisten. Das heißt Menschen mit Angststörungen, Menschen mit irgendwelchen skurrilen Neigungen, Menschen mit psychischen Problemen. Das sind unsere Helden und zwar nicht erst in den 2020ern oder 2010ern, sondern das geht zurück bis in die Uhrzeit des Kinos. Das Besondere ist, nicht nur Hollywoodfilme, sondern auch so Indie-Filme. Auch wirklich so diese klassischen Indie-Tragikomödien machen oft eine Art Romantisierung dieses Außenseitertums. Das heißt, es wird so ein bisschen abgedämpft Mhm. Und es wird in seiner Schönheit gezeigt und in seiner Skurrilität, aber nicht in dem, was halt auch dazu gehört, nämlich der Hässlichkeit und der Düsternis. Und das macht Adam Elliot anders. Adam Elliot ist radikaler, auch realistischer dabei und er sagt, okay, wenn jemand irgendwie so eine Angst hat, dann ist das nicht eine lustige Neurose, die wir uns angucken, sondern dann ist das hart und dann ist das brutal.
Johannes Franke: und dann sitzt jemand mit einer Panikattacke zitternd in der Ecke, kann... sich nicht mehr bewegen, bis er von der Psychiatrie abgeholt werden muss. Ja, weil du schon den Bogen machst zu den anderen vergleichbaren Werken, was der Film auch anders macht als andere Filme, die vielleicht ein bisschen mehr Hollywood daherkommen. Ich denke an Rain Man und so weiter. Ja, es gibt immer die Außenwelt, die mit dieser Figur klarkommen muss. Die normative Außenwelt. Und die normativen Figuren in diesem Film kann ich an einer Hand, vielleicht an einem Finger abzählen. Die sind fast alle wichtigen großen Figuren sind in irgendeiner Form neurodivergent oder haben Depressionen oder haben irgendeine Form von Trauma. Also es gibt wahnsinnig viele nicht heteronormative Menschen.
Florian Bayer: Wer ist denn die normative Figur in diesem Film? Mir fällt nämlich gerade wirklich gar keiner ein. Nicht mal der Psychologe wahrscheinlich. Nee. Der ist keine richtige Figur, der zählt nicht. Der wird ja nur indirekt zitiert. Genau. Also der... Jetzt suche ich gerade. Verzweifelt.
Johannes Franke: Ja, nach Figuren.
Florian Bayer: Genau. Ich habe so das Gefühl, naja, so am stabilsten wirkt eigentlich Damien. Ja. Aber der ist natürlich die homosexuelle Figur, die sehr spät erst zu ihrer eigenen Homosexualität steht.
Johannes Franke: Genau. Der Stotterer war.
Florian Bayer: Der Stotterer war, stimmt. Ja, ja.
Johannes Franke: Genau das gleiche Ding.
Florian Bayer: Der ist vielleicht psychisch am stabilsten. Das ist der, der am zufriedensten mit sich und der Welt ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber sonst tragen ja wirklich alle Figuren irgendwie... Eine Traurigkeit in sich, eine Andersartigkeit, eine Verlorenheit.
Johannes Franke: Ja, absolut. Also der Film verzichtet auf diesen Kontext, den wir eigentlich kennen. Also in Rain Man gibt es halt den Bruder, der auch alles andere als normal ist, aber der ist schon auch Stellvertreter für die Welt da draußen, die ihn nicht versteht. Also die Rain Man nicht versteht. Andere Filme... Was gibt es denn noch für Filme mit autistischen Figuren? Ich habe die ganze Zeit Rain Man in meinem Kopf gehabt, aber da gibt es noch andere.
Florian Bayer: Ich dachte, man muss gar nicht mal so den Autismus nehmen, sondern man kann ja auch so einen Indie-Film nehmen wie Garden State zum Beispiel, der auch ungefähr die gleiche Zeit ist wie Mary and Max von Zach Preff, der ja auch einen Protagonisten hat, der glaube ich unter... Depression leidet. Ich weiß gar nicht, wie sehr das thematisiert wird, aber es ist klar, dass er psychische Probleme hat und in Behandlung ist. Dann gibt es Manic Pixie Dream Girl, das in dem Fall aber auch irgendwie eine Neurose hat. Ich glaube, sie ist so eine neurotische Lügnerin oder sowas. Also es gibt auch die Personen mit ihren Problemen, aber sie sind halt nicht so... Sie sind auch einfach nicht so krass dargestellt. Und taugen deswegen auch ein bisschen mehr als Avatar für den Zuschauer. Das ist zum Beispiel auch, wenn du sowas wie den Rain Man nimmst, Tom Cruise dient ja auch ganz viel als Avatar für den Zuschauer, weil durch seine Brille sehen wir, wie sich der Autist verhält.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und das ist, glaube ich, so ein 80er, 90er Ding, dass die Verrückten, ich mache Anführungszeichen, immer einen Normie zur Seite gestellt kriegen, der halt irgendwie so für uns taugt, um unseren Blick zu reflektieren.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und die 2000er-Filme machen dann schon eher das, dass sie auch sagen, naja, irgendwie sind wir ja auch alle so ein bisschen verrückt und der Verrückte kann auch als Avatar dienen. Das heißt, wir erleben einen Film aus der Perspektive eines Depressiven, eines Neurotikers. Wer auch ganz groß darin ist, ist dein Lieblingsregisseur, der immer skurrile Figuren hat, Wes Anderson. Der immer mit Figuren arbeitet, die irgendwelche Neurosen mit sich rumdrehen, tragen irgendwelche Probleme. Und Wes Anderson macht das ja auch so, dass wir uns... mit einer von diesen Personen identifizieren.
Johannes Franke: Wobei Wes Anderson das nicht thematisiert, dass da vielleicht ein Autismus dahinter steckt oder ob da eine Depression dahinter steckt.
Florian Bayer: Und das machen auch tatsächlich wenige von diesen Filmen. Sehr wenig,
Johannes Franke: ja.
Florian Bayer: Es werden Krankheitsbilder gezeigt und das Feuilleton darf sich dann gerne darüber auslassen und interpretieren, was für eine Krankheit wir hier sehen. Das machen wir auch gerne im Podcast. Ja, absolut. Bei solchen Filmen. Aber es wird nicht so thematisiert, wie in diesem Film,
Johannes Franke: wo es klar benannt wird. Aber erst seit Minute 50. Und das muss man dazu sagen. Das ist schon durchaus, ich habe nämlich ganz lange Zeit des Films gedacht, okay, der ist ziemlich eindeutig als Autist gecodet. Ja, aber sagen sie es oder sagen sie es nicht? Geben sie die Ausflucht oder nicht? Und zwischendurch habe ich mir gewünscht, sie sagen es nicht. Dann habe ich mir wieder gewünscht, sie sagen es. Es war für mich so hin und her, ich wusste nicht ganz genau, wie sie dann damit umgehen, wenn sie wirklich eine Diagnose stellen. Ich war tatsächlich überrascht, als ich...
Florian Bayer: die Diagnose zum ersten Mal stellen und war dann so, okay, muss ich jetzt googeln? 1976 spielt es, ne? 75, glaube ich. 75 Asperger, ist das eine Diagnose aus der Zeit? Weil das ist ja eher eine neuere Diagnose und eher so eine erweiterte Diagnose für das Autismus-Spektrum und ich glaube mittlerweile auch schon wieder hinfällig, ne? Mittlerweile wird darüber diskutiert, dass es eigentlich keine gute Diagnose ist.
Johannes Franke: Oh, das müssen wir aber genauer auseinandernehmen, wenn wir jetzt beim Autismus dann...
Florian Bayer: Da bist du der Experte.
Johannes Franke: Aber, okay, Autismus, wenn wir schon beim Thema Autismus sind. Es gab 75 glaube ich tatsächlich eben dieses Asperger-Ding. Da war es aber nicht auf dem großen Spektrum. Das große Spektrum wurde dann später erst etabliert, aber Asperger war so ein bisschen der Versuch, Leute mit reinzunehmen, die gesellschaftlich funktionaler sind. So habe ich es kennengelernt als jugendlicher, junger Erwachsener, dass Asperger quasi eine... gemilderte Form von Autismus ist. Und ich weiß, das ist von der Terminologie komplett daneben, aber so ist es,
Florian Bayer: wie ich es kennengelernt habe. Und ich weiß, dass man anders drüber redet, nachdem ich mich da mehr beschäftigt habe, aber das war irgendwie so dieses Bild, was man, glaube ich, in meiner Jugend und in meinem jungen Erwachsenen Alter hat. Es gibt den harten Autismus und dann gibt es die Asperger-Autisten und dann gibt es natürlich die Konservativen, die irgendwann sagen, das ist eine Diagnose, die viel zu oft gestellt wird und die sind die simulieren ja alle oder die sind nicht wirklich krank und so weiter. Heute will jeder so irgendwas sein und jetzt ist jeder ein Asperger, jetzt ist jeder hochsensibel und so weiter.
Johannes Franke: Ja, dazu kommen wir auch noch. Die Sache ist die, es gab dann den Asperger-Autismus vor allem für Leute, die, und ich sage nur vor allem, nicht ausschließlich, aber vor allem für Leute, die spät diagnostiziert werden. Ja. Wie er auch. Er ist 44 und wird dann innerhalb des Films diagnostiziert.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und hat vorher einfach... Wahnsinnig viele Probleme, hat Schwierigkeiten einen Job zu halten und so und bleibt lieber zu Hause als rauszugehen. Aber er weiß nicht warum und was dahinter steckt und dann kriegt er eine Diagnose. Und der größte Teil der Asperger Autisten werden später diagnostiziert, weil der frühkindliche Autismus, der auch so genannt wird, der wird halt frühkindlich entdeckt. Ja, weil sich Kinder einfach völlig anders verhalten und dann ist das... relativ schnell sehr klar, dass man da mal nachgucken muss, was da eigentlich los ist.
Florian Bayer: Um vielleicht tatsächlich noch ein paar harte Zahlen reinzuwerfen, weil da trifft es tatsächlich die Zeit, wenn es bei ihm später diagnostiziert wird im Film, trifft es genau die Zeit, in der das populär wurde. Nach 1981 durch die Psychiaterin Lorna Wing wurde Asperger überhaupt erst so als Name benutzt für diese Form von Autismus, die vorher oft Psychopathie genannt wurde. Psychopathie?
Johannes Franke: Ui.
Florian Bayer: Das wurde dann auch 1994 erst ins ICD aufgenommen.
Johannes Franke: Aha.
Florian Bayer: Und Achtung, was ist da passiert? Seit 2022 ist es nicht mehr drin.
Johannes Franke: Ja. Es ist so. Es gab eine Frau, ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass es sie war, die du genannt hast. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Die den Asperger-Autismus erweitern wollte, um das Spektrum zu sagen, also eigentlich ist es alles ein Spektrum und wir können uns auch nicht vorstellen, dass es ein Ende ganz hinten und ein Ende ganz vorne gibt. Ganz vorne meint damit dann nah an der Norm dran und hochfunktional und ganz hinten sind die, die gesellschaftlich gar nicht richtig funktionieren. Das ist eine ganz schlechte Form, sich das vorzustellen. Sondern es ist mehr wie, wenn man einmal googelt Farbraum.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und dann kriegt man einen großen, unförmigen Ball an Farben, wo man dann mit einer Pipette sich eine Farbe aussuchen kann. Und irgendwo da befindet man sich dann vielleicht, wenn man auf dem Spektrum ist. Ja. Und es gibt kein vorne, hinten oder oben oder unten, sondern es gibt irgendwo in diesem Farbraum befindet man sich. Und dann hat man bestimmte Eigenschaften, die andere vielleicht nicht haben. Also wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du genau diesen einen Autisten und kannst kaum wirklich gut übertragen. Es gibt so ein paar Sachen, wo man sagt, okay, das ist recht typisch, aber nur weil der Nächste das nicht hat, kannst du dem nicht absprechen, dass er Autist ist. Ja, das ist das, was wir im ICD-11 dann finden und zwar unter 6A02, um jetzt mal wirklich ganz wissenschaftlich zu werden. Ganz wichtig, 6A02, bitte merkt euch das, das wird abgefragt am Ende der Episode.
Florian Bayer: Und zwar wird das Ganze dann als Autism Spectrum Disorder bezeichnet.
Johannes Franke: Ja, ASS.
Florian Bayer: Und ganz allgemein gekennzeichnet, dass es Defizite gibt, wechselseitige soziale Interaktion und Kommunikation zu initiieren und aufrecht zu erhalten. Und weitere verschiedene Einschränkungen beim Verhalten. Und zwar vor allem was die Flexibilität betrifft von Verhalten, von Interessen und so weiter. und ab Ab dem Punkt, ab dem es atypisch ist oder übertrieben, wird man irgendwie in diesem Spektrum zugeordnet. Und das ist bewusst deutlich vager gehalten und allgemeiner gehalten als die Diagnosen, die früher angesetzt wurden und die Diagnosekriterien, die früher angesetzt wurden.
Johannes Franke: Und Asperger-Autismus wird oft noch trotzdem benutzt und auch als Selbstzuschreibung ganz viel. Ich kenne Asperger-Autisten, die immer noch sagen, ich bin Asperger-Autist. Aspi? Aspi, ja. Ja, irgendwie schon auch. Aber es wurde so ein bisschen von Psychologen und von Medizinern an den Rand gedrängelt in den letzten Jahren. Jetzt allerdings ganz frisch, frisch meint so die letzten zwei, drei Jahre, gab es lautere Stimmen, vor allem von der Frau, die das eigentlich mal initiiert hat, das mit dem Spektrum und nach vorne getrieben hat. Die sagt, also rein medizinisch macht es keinen Sinn mehr.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil jetzt... so viele Diagnosen gestellt werden und ganz viele Leute, die Diagnosen stellen sollen, größtenteils dann Psychologen, zu denen irgendwelche Leute kommen, die sagen, ich habe mich in den letzten Jahren damit auseinandergesetzt. Ich weiß, ich bin Asperger-Autist und ich will von dir jetzt die Diagnose, die offizielle. Und viele Psychologen sich nicht trauen, dem zu sagen, sorry, nee, das stimmt so nicht. Und deswegen so wahnsinnig viele Diagnosen jetzt gestellt werden. Und ich aber auch niemandem jetzt sagen möchte, der zuhört, der eigentlich tatsächlich Asperger-Autist ist oder vielleicht woanders sich auf dem Spektrum befindet, dass das alles nicht stimmt, sondern das ist einfach eine diffizile Sache. Ja,
Florian Bayer: es ist einfach unglaublich schwierig in der psychologischen Diagnostik, weil sie und es ist selbst in der auch in der physischen Diagnostik ist es teilweise auch schwierig, weil natürlich es ganz oft Übergänge gibt von gesund zu krank.
Johannes Franke: Natürlich.
Florian Bayer: Es ist genau dasselbe wie mit dem Blutdruck. Ab wann hat man einen erhöhten Blutdruck? Und dann wird gesagt, okay, wir nehmen die 140, das ist echt nicht gut, dann kümmert euch drum. Aber man kann ja immer genauer, granularer werden und sagen, ist es 139,8 oder 139,9? Es ist einfach, wir Menschen erschaffen ganz generell Kategorien, weil wir uns in Kategorien wohlfühlen und weil wir dann Dinge benennen können. Und das macht ja auch ganz Sinn, so ganz allgemein philosophisch. Wir können nicht überleben, ohne dass wir diese Kategorien haben. Aber es ist natürlich so, dass wir uns immer bewusst sein sollten, dass Kategorisierungen an ihre Grenzen stoßen können. Absolut,
Johannes Franke: absolut. Du hast jetzt nur das kurz zu sagen, zu korrigieren, oder ich habe nicht den Zusammenhang ganz verstanden, aber du meintest, zwischen gesund und krank gibt es ja auch einen Übergang und man weiß immer nicht ganz genau wo, aber nur um das abzugrenzen, Autismus hat nichts mit krank oder gesund zu tun. Autismus ist nicht heilbar in der Form, sondern es ist einfach. eine andere Art, wie das Hirn funktioniert, als neurotypische Menschen. Also der Großteil. Ja. Der vermeintliche Großteil. Der Begriff, den wir benutzen, ist Normvariante. Also das ist eine Möglichkeit. Ja. Es gibt tatsächlich, es ist die Frage,
Florian Bayer: was nennt man Krankheit und ich bin kein Psychologe, ich will da jetzt wirklich nicht zu tief abtauchen. Ich will nur allgemein sagen, es gibt diese Kategorien und wo eine Melancholie aufhört, eine Depression anfängt, ist manchmal schwer zu sagen, weil der Übergang einfach fließend sein kann. Und das ist halt einfach so und ja, es ist wirklich auch wichtig, diese Kategorien zu haben und zu sagen, wir diagnostizieren das jetzt und du gehörst zum Spektrum, weil das auch den Menschen helfen kann.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Einfach zu verstehen, okay, ich habe jetzt ein Label für das, womit ich Probleme habe.
Johannes Franke: Allein das kann den Leidensdruck schon senken, aber vor allem zeigt es mir auch, dass es Strategien gibt, wie ich damit umgehen kann und so weiter. Alles, was dann in der Psychotherapie zusammen erarbeitet werden kann. Und dass ich auch kommunizieren kann anderen gegenüber. Ja, das finde ich einen ganz wesentlichen Faktor, dass ich zum Beispiel Arbeitgebenden sagen kann, Leute, ich bin nicht nur komisch drauf, weil ich meinen eigenen Schreibtisch brauche und will, dass niemand meine Sachen anfasst. Sondern ich bin einfach Asperger-Autist oder ich bin Autist oder ich bin irgendwo auf dem Spektrum und dann der Arbeitgeber viel mehr verstehen kann, ah, okay, es gibt da tatsächlich auch Sachen, die ich tun kann und wie ich unsere Zusammenarbeit besser gestalten kann und so. Ich weiß, das ist deswegen, weil ich so wahnsinnig viel darüber gerade damit zu tun habe in meiner Arbeit.
Florian Bayer: Und es ist total wichtig, dass es das gibt und trotzdem sollten wir uns immer im Kopf behalten, wir reden innerhalb des Autismus schon von einem Spektrum, aber auch weitergreifend, wir reden in der Gesellschaft von einem Spektrum. Spektrum. Und das ist ja auch das Ding, was man nicht tun sollte, aber was man ja manchmal denkt, oh, der hat da aber in dem Punkt autistische Züge, obwohl es niemand ist, der autistisch ist oder zum Spektrum gehört. Aber das zeigt ja auch schon ganz gut, dass es halt auch Eigenheiten gibt, die zum Autismus zugeordnet werden, die auch bei Normies auftreten können. Genau, jetzt haben ja sehr viele über Asperger geredet. Lass uns doch mal über Max allgemein reden, weil Max ist ja nicht nur durch seinen Asperger gekennzeichnet, sondern Max...
Johannes Franke: Das hoffen wir.
Florian Bayer: Ist durch sehr viele Probleme gekennzeichnet.
Johannes Franke: Und wie wir von ihm erfahren,
Florian Bayer: sein Asperger ist eigentlich sein geringstes Problem, weil er sagt ja irgendwann im
Johannes Franke: Film, er ist es gerne.
Florian Bayer: Und er möchte gar nicht geheilt werden, was ja auch zu dem Bruch dann führt, dass Mary ihn heilen will. Max hat andere Probleme, die meiner Meinung nach deutlich größer sind. Zum Beispiel sein Übergewicht und damit zusammenhängend auch seine Fresssucht. Also dass sein Coping-Mechanismus für alle Ängste, für alle Probleme ist, einfach Essen in sich rein zu stopfen. Und es gibt diese eine Szene, wo man kurz schmunzelt und dann denkt, shit ist das traurig, wenn er diese 36 Hotdogs in sich rein stopft, um damit klar zu kommen, dass mal wieder eine Angst von ihm getriggert wurde durch einen Brief von Mary.
Johannes Franke: Wobei das ja auch wieder mit dem Autismus zusammenhängt. Vor allem dem Nicht-Diagnostizierten vielleicht. Ich weiß nicht genau, in welcher Phase des Films das war mit dem Hot Dogs. ob das vor oder nach der Diagnose war. Auf jeden Fall ist es ja ein Mechanismus, den er sich angeeignet hat, ohne die Diagnose zu haben. Und unter Umständen wäre es dazu vielleicht nicht gekommen, wenn er eine Diagnose und Hilfe gehabt hätte.
Florian Bayer: Die hat er in dem Moment noch nicht. Das ist, glaube ich, vielleicht genau deswegen, darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht, warum ist der Film im Jahr 1976 angesiedelt? Warum startet er da?
Johannes Franke: 75 nicht, sondern 76? 76, ich habe es ganz oben stehen.
Florian Bayer: Vielleicht startet er da, weil dieses Asperger-Ding Anfang der 80er war. Und dann haben wir irgendwie diese 5-Jahres-Spanne, bis Max plötzlich dieses Wissen hat, ah ok, es gibt einen Namen dafür, was ich habe, für diese Probleme mit Menschen klar zu kommen und mit Menschen zu kommunizieren. Genau, aber er hat dieses Übergewicht und dass das ja auch schlimmer wird. Er hat offensichtlich mehrere Traumatisierungen in seiner Kindheit erlebt. Also das sind Sachen, die dann ausgelöst werden auch wieder, wenn er wirklich retraumatisiert wird, dadurch, dass Mary davon redet. Vornehmlich das Mobbing. Wenn sie ihn ganz unschuldig fragt, wurdest du schon mal gemobbt? Und es wird direkt diese krasse Panikattacke ausgelöst und er hat diesen Flashback, als er als Kind wegrennt vor ein paar Jungs,
Johannes Franke: die den Judenjungen sich schnappen wollen. Auch da, also das nimmt ja auch jeder anders wahr. Man muss dazu sagen, dass so ein Mobbing, wer Mobbing erlebt, jeder nimmt das unterschiedlich wahr und gerade bei Asperger Autisten, gerade Wie Max dargestellt wird, ist das ja nicht nur das pure Mobbing, sondern tatsächlich auch dieser aufgezwungene Kontakt, der dadurch stattfindet. Also der aggressive, aufgezwungene Kontakt mit Mitschülern, den man vielleicht nicht haben will. Und Mobbing ist ja auch oft mit Schlägen und so weiter verbunden. Und das ist noch mal schlimmer. Es ist sowieso schlimm, aber es ist für Autisten oft noch mal schlimmer.
Florian Bayer: Ja. Genau, also er hat diese Retraumatisierungsmomente, die echt krass sind. Also auch als sie ihn nach Romantik fragt einfach und als sie ihm erzählt von ihren so absolut süßen, unschuldigen Vorstellungen von Sexualität. Und bei ihm wird pure Panik dadurch ausgelöst. Also er schleppt da schon einiges mit sich rum. Und wir merken ja auch, er ist irgendwie einsam, weil er halt Probleme hat, mit Menschen anzudocken.
Johannes Franke: Er versucht irgendwie klarzukommen im Leben. Möchtest du übrigens Tee, Floor? Ja, sehr gerne. Und es klappt halt nicht so richtig. Und er ist halt ein unglaublich einsamer Mensch, so wie Mowry. Und er hat das Bedürfnis. Es gibt ja oft so Klischees über Autisten, Dass die so... bestimmte soziale Sachen gar nicht wollen oder brauchen, dass die sowieso keine Freude empfinden, weil die nie lächeln und so. Es wird hier auch ein bisschen angedeutet, dass das ein Problem ist und dass das ja gar nichts damit zu tun hat, sondern nur was damit zu tun hat, dass man das als außenstehende Person vielleicht nicht so sieht, weil das nicht so wiedergegeben wird. Also diese Art der Kommunikation, der nonverbalen Kommunikation einfach nicht seine Art zu kommunizieren ist. Und das war's. Und dann denken wir von außen, ja, der hat ja nie Freude oder der will keine Freunde. Aber das stimmt ja nicht. Ich finde es so schön visualisiert mit diesem Lächeln im Kopf. So ein einfaches Bild. Er muss nicht lächeln, weil er hat dieses Lächeln manchmal im Gehirn. Und das sieht halt keiner außer ihm.
Florian Bayer: Und dass er sich irgendwie nach so etwas wie menschlichen Beziehungen sehnt. Er hat diesen imaginären Freund und das ist so süß. Weil sein Psychotherapeut sagt zu ihm, du brauchst keinen imaginären Freund mehr, du bist erwachsen. Und dann hat er ihn deswegen einfach am Rand sitzen, Mr. Ravioli, ein Italiener. Und er liest halt, er macht halt nichts mehr, weil Max den nicht mehr braucht. Aber er ist wenigstens noch da.
Johannes Franke: Er braucht ihn, natürlich braucht er ihn, sonst wäre er schon längst aus dem Fenster gesprungen. Aber nein, dadurch, dass ihm gesagt wird, du brauchst ihn nicht mehr, muss er ihn irgendwie in eine Lage versetzen, die so aussieht, als wenn er ihn nicht mehr brauchen würde. Aber natürlich ist er noch da, weil er ihn braucht. Und auch diese Art und Weise von dem Psychologen zu sagen, die brauchst du jetzt nicht mehr, weg damit. Das ist so symptomatisch für die Zeit auch und auch ein bisschen auch immer noch, dass man so das Gefühl hatte, dass es mehr darum geht, jemanden an die Norm ranzuziehen, als ihm seine Mittel zu lassen, seine Werkzeuge zu lassen. Und das ist so, das tut auch echt weh.
Florian Bayer: Ja, was wir noch über Max lernen, er hat ein, was mir nie so ganz klar wurde, er schreibt, er antwortet extrem in extrem naiver, einfacher Sprache auf Marys. Brief und auf ihre Fragen. Zum Beispiel fragt sie ihn, wo in Amerika die Babys herkommen. Weil sie hat gelernt, sie kommen in Australien aus Biergläsern. Und dann fragt sie sich, naja, kommen die in Amerika aus Cola-Dosen? Weil die alle Cola trinken. Und dann sagt er, nee, nee, tut mir leid, dich zu enttäuschen. Die kommen bei uns nicht aus Cola-Dosen. Aber meine Mutter hat mir erzählt, dass sie aus Eiern kommen, auf denen Rabbis sitzen. Beziehungsweise, er ist Jude. Beziehungsweise, wenn du Katholik bist, dann sitzen Nonnen drauf. Und wenn du Atheist bist, dann sitzen Prostituierte drauf. Fantastisches Bild. Und er macht das ja nicht nur damit, sondern mit ganz vielen anderen Sachen. Aber im Laufe seiner Briefe merkt man ja auch, das ist ein hochgebildeter Mann. Der hat unglaublich viele Bücher gelesen. Er schreibt ja auch irgendwann über seinen Atheismus und seinen ehemaligen Kommunismus. Es ist nie ganz klar, wie viel er davon auch gehalten hat. Und er hat offensichtlich, wir sehen diese Bücherstapel wachsen. Und er hat irgendwann wirklich so offensichtlich jeden religionskritischen Autoren, den es da draußen gibt, gelesen. Und da ist wirklich anspruchsvoller Stoff dabei. Er hat Nietzsche gelesen und er hat Marx gelesen und so und er kennt sich mit dem ganzen Shit aus. Das heißt, es ist ein hochgebildeter Mensch. Er wirkt nie so in seinen Briefen.
Johannes Franke: Gar nicht.
Florian Bayer: Er schreibt wie ein Zehnjähriger teilweise.
Johannes Franke: Aber hast du eine Erklärung dafür? Hast du einen Gedanken dazu?
Florian Bayer: Nein, ich fand es am Anfang inkonsistent und habe mich dann gefragt, ob er auf sie eingeht, aber dann hatte ich das Gefühl, dass er nicht irgendwie auf ihre Sprache eingeht, sondern dass er schon seine eigene Sprache benutzt. Ja, einfach wie, was er ihr erzählt, sind ja auch Sachen, die Erwachsene, die auf Kinder eingehen, Kinder nicht unbedingt erzählen. Also er erzählt von seinen Jobs und bricht dann Gott sei Dank ab, als er noch kurz vor der Kondomfabrik ist. Er erzählt von Prostituierten und so. Er erzählt ihr einfach Sachen,
Johannes Franke: die ein Kind entweder nichts interessieren oder die man tatsächlich dem Kind nicht unbedingt erzählen sollte. Und da hatte ich nicht das Gefühl, dass er irgendwie auf sie eingeht. Ich finde es interessant. Ich habe mit... Autisten, die ich so kenne oder Asperger oder auf dem Spektrum, je nachdem unterschiedlich, die Erfahrung gemacht, dass die sich durchaus Gedanken darüber machen, was jetzt angebracht ist zu sagen, aber dass es halt nicht immer stimmt. Und dann fragt man sich vielleicht als Max, okay, ich antworte diesem Kind, ich sage dem jetzt bestimmte Sachen und dann wird man entweder einfach übermannt von dem, was man selber im Kopf hat und sagen möchte und ausdrücken möchte oder man... liegt mal richtig und mal falsch. Das ist halt so. Man rät dann einfach. Weil man diese gesellschaftlichen Normen an sich vielleicht nicht so versteht, wie das bei vielen Asperger-Autisten, bei vielen Autisten so ist.
Florian Bayer: Aber warum schreibt er zum Beispiel, Max weiß, wo Babys herkommen. Max weiß, wie Sex funktioniert. Auch wenn er selbst daran keinen Teil hat, er weiß es. Warum schreibt er ihr das? Warum schreibt er ihr diese Geschichte,
Johannes Franke: die seine Mutter damals vor 20 Jahren erzählt hat mit den Eiern? Weil er versucht, sich auf ihre Dings einzulassen. auf ihre Weise, weil er ihr nicht schreiben kann, ja, dann haben die Leute Sex und dann passiert das und das und das, weil er weiß, dass das vielleicht nicht die richtige Methode ist, aber den Ersatz auf der anderen Seite kennt er nicht. Er hat gehört, dass man Kindern nichts über Sex erzählt, hat aber keine Alternative bekommen. Aber warum schreibt er ihr dann gleichzeitig im selben Brief,
Florian Bayer: dass er fast geschworener geworden wäre bei einem Prozess von einem Mann, der alle seine Freunde umgebracht hat bei einer Überraschungsparty für ihn? Und dass er dann aber nicht geschworener wurde, weil halt festgestellt wurde, dass er einmal diagnostiziert wurde für irgendeine psychopathologische Sache. Also das kriege ich nicht zusammen, warum er das eine wirklich so schreibt, dass es irgendwie kindgerecht ist und er setzt trotzdem die Prostituierte auf das ein. Sie hat ein neues Wort gelernt. Ist gut für Mary, weil sie hat manchmal Probleme, Worte auseinanderzuhalten. Und gleichzeitig schreibt er immer wirklich dieses harte Zeug von einem Killer und von seiner Erkrankung und so weiter. Er schreibt ja über Kommunismus und Atheismus und so weiter. Ja,
Johannes Franke: ja, ja, genau. Also ich glaube, es ist eine Mischung. Eine Mischung aus, er kriegt nicht so ganz raus, welche Themen gut sind und welche nicht. Und auf der anderen Seite, es ist komödiantisch gemeint. Natürlich ist es das. Also am Ende ist es der Autor. Aber ist es konsistent? Naja, ich weiß es nicht ganz genau.
Florian Bayer: Genau, ja, da bin ich auch stiegenfliegend. Ich weiß nicht genau, wie konsistent er in seinen Briefen an sie ist. Ich finde, der Film liefert natürlich am Ende so einen sehr leichten Ausweg, weil der Film hat dieses... hat diese große Pointe oder den tiefen Sinn, dass er das Unperfekte feiert. Und das liegt ja in allem drin. Das liegt nicht nur darin, wie der Charakter Max gestaltet ist, sondern das finden wir auch im Ästhetischen.
Johannes Franke: Jetzt ist die Frage, wie sehen denn andere auf dem Spektrum diesen Film? Also wie die Darstellung des Autismus. Das finde ich noch interessant. Ist dieser Autismus für Leute auf dem Spektrum was Cooles oder nicht? Und ich habe eigentlich sehr viele gute Sachen gehört. Dass sich viele, viele Autisten... damit identifizieren können und sagen können, ja, das sind Sachen, die kenne ich. Vielleicht nicht alle, nicht in der gleichen Ausprägung, aber ich fühle mich gesehen von dieser Figur. Und das finde ich total schön. Das finde ich als erstes schon mal total wichtig. Und einige auch geschrieben haben, ja, ich habe den Film gesehen und habe gedacht, oh, ich sollte mich mal um eine Diagnose bemühen. Also, dass sie auch selber sozusagen sagen, ah, okay, das als Anstoß zu nehmen für, ich lasse mich mal diagnostizieren, um vielleicht voranzukommen in meinem Leben. Von Autisten wird auch viel gelobt, dass es eben die Ehrlichkeit gibt, was du am Anfang gesagt hast, dass der Film nicht idealisiert wie in Rain Man, fotografisches Gedächtnis, großartig, Wunder, oho, toll, sondern eben auch die düsteren Seiten zeigt. Aber eben auch, ja, also es ist nicht nur düster, obwohl es schon eine ziemliche Tendenz hat. Es hat diese Crittiness, diesen Realismus. Und wie gesagt, den finden wir ja nicht nur in den Figuren. Ich finde, da ist der Film ziemlich konsequent,
Florian Bayer: dass er das in allem drin hat. Ja,
Johannes Franke: absolut.
Florian Bayer: Der Film hat einfach, er zeigt die hässlichen Seiten des Lebens, auch wenn er grundsätzlich eine optimistische Haltung zum Leben hat. Und auch eine sehr philanthropische Haltung zum Leben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Hat er trotzdem echt viel Spaß dran, uns diese Abgründe zu zeigen, die ganze Zeit.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und das ist das,
Johannes Franke: was Autisten dann oft auch sagen, kleine Triggerwarnung. Ja.
Florian Bayer: Und ich glaube, das gilt nicht nur für Autismus, sondern generell.
Johannes Franke: Es gibt generell... Aber eben tatsächlich auch für Autisten, die in dem Film sich vielleicht so stark sehen, dass sie durchaus das gleiche Problem haben könnten, wie eben Max hat, wenn er die Briefe von ihr liest. Dass man dann getriggert ist und dass man unter Umständen in einer Episode abschrutscht.
Florian Bayer: Ich glaube aber auch, wenn du als Normie
Johannes Franke: Mobbing-Erfahrung hast und traumatisierende Mobbing-Erfahrung, weil die Art, wie die Flashbacks da reingebracht werden,
Florian Bayer: wie diese Retraumatisierung gezeigt wird. Ich kann mir vorstellen, dass das triggern kann. Ja,
Johannes Franke: auf jeden Fall.
Florian Bayer: Und Und nicht nur das, ich kann mir auch vorstellen, wenn du Erfahrungen hast mit, verwahrlost zu sein als Kind, weil sich deine Eltern nicht vernünftig um dich gekümmert haben, konfrontiert mit Alkoholabhängigkeit von den eigenen Eltern. Verschiedene Dinge, die dich traumatisiert haben könnten. Dieser Film kann triggern, weil er da wirklich radikal ist und weil er das wirklich zeigt in seiner Härte.
Johannes Franke: Eine der schönsten Zitate wohl sei, Emotions like a tumble dryer smashing inside each other. Was er da sagt. Und das spricht wohl sehr vielen auch aus der Seele. Aber es gibt auch Kritik. Manche sind so ein bisschen davon abgetörnt, dass er da so einsam stirbt dann und man das Gefühl hat, das ist also das, wie es von vornherein nur enden kann. dass Menschen, die auf dem Spektrum sind, denen eben einfach eine negative Welt nur beschieden ist und was anderes können sie nicht. Und es gibt kein positives Happy End für Menschen mit. auf dem Spektrum.
Florian Bayer: Er stirbt nicht einsam. Er hat ein Happy End.
Johannes Franke: Ja, das ist unsere Perspektive. Ich gehe es nur von der Perspektive von Autisten aus, die Reflexionen online teilen. Und das ist doch durchaus eine starke Konnotation, also einen starken Fokus auf diese tragische, einsame, autistische Figur gibt. Und dass es eben nicht immer so ist. Und natürlich muss man sagen, und deswegen sage ich es auch, damit wir darüber reden können, Max ist eine Figur. Max ist eine Figur und es gibt Kontrastfiguren, die normies sind und genauso scheiß einsam und genauso scheiß traurig und fertig mit ihrer Welt. Das stimmt, ja. Aber du hast keine positive Variante in dem Film. Du hast nicht noch eine Figur, die auch autistisch ist, die anders lebt oder sowas.
Florian Bayer: Es gibt einen Autisten in diesem Film und das ist Max.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und Max' Geschichte wird so erzählt. Und wir haben das, ich glaube, wir hatten genau dasselbe auch, dasselbe Thema bei Rain Man.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Und wir sind beide, glaube ich, an Rain Man rangegangen mit dem Gedanken, den verreißen wir jetzt. Das ist der blöde Hollywood-Film aus den 80ern. Okay, sie wussten es nicht besser, das geben wir ihm. Aber jetzt sagen wir mal, was der alles falsch macht. Und wir haben uns, glaube ich, danach beide angeguckt und gesagt, er erzählt eine Geschichte von einer autistischen Person. Und es ist schlimm, dass das später zu so vielen Klischees wurden, an die alle geglaubt haben. Aber diese Form, diese sehr spezifische Form von Autismus kombiniert mit Inselbegabung, die dieser Rain Man hat, die gibt es. Und der Film zeigt sie.
Johannes Franke: Aber sie ist extrem selten. Sie ist extrem selten. Und deswegen ist es umso tragischer, dass das dann später in der Rezeption so verallgemeinert wurde.
Florian Bayer: Genau. Und dann haben wir sehr lange darüber diskutiert, ob der Film schuld an der Verallgemeinerung ist, ob man einem Film Schuld geben kann, ob die Rezipienten schuld sind. Und ich glaube, wir haben sehr viele Wörter fallen lassen. Und wir haben eine sehr lange Episode damit produziert. Lass uns nochmal darüber reden. Mary. Ich will jetzt zu Mary, weil sie ist unsere fucking Protagonistin. Und sie steht zuerst im Titel.
Johannes Franke: Aber ich habe noch so viel. Okay, ich werde das irgendwann zwischendurch reinbringen. Okay, Mary. Das Schöne ist, was ich am Anfang gesagt habe, ich glaube, wir haben ja kaum eine neurotypische Person in diesem Film. Und sie ist auch keine. Überhaupt nicht. Und das finde ich auch total schön.
Florian Bayer: Bevor wir die große Frage stellen, what's with Mary? What about Mary? Das wird nämlich im Gegensatz zu... Zu Max wird sie nicht diagnostiziert. Nein. Und im Gegensatz zu Max hat sie auch nie eine Therapie, nie irgendwas, was wir finden, was so darauf hinweist, dass sie sich auseinandersetzt, wirklich reflektierend mit dem, was sie mit sich trägt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Was wir bei Mary lernen, ist zum einen, dass sie einfach extrem viel Ballast aus ihrem Elternhaus mitgibt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ihre Mutter ist Alkoholikerin und Kleptomanin.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Ihr Vater ist abwesend.
Johannes Franke: Mhm. Sie kriegt einen Haufen Mobbing um den Latz geknallt. Also sie hat auch keine schöne Kindheit in der Hinsicht.
Florian Bayer: Sehr gut. Keine Freunde, keine Beschäftigung. Und was wirklich krass ist, nachdem sie den ersten Brief geschrieben hat, antwortet Max ihr so mit, naja, du klingst, als ob du ganz glücklich wärst. Und wir gucken so drauf und denken, wow, dieses arme Kind ist so einsam und so unglücklich. Sie hat extremes Selbstzweifel. Also vor allem, was ihre Optik betrifft, wegen diesem Muttermal, das sie auf der Stirn hat. Und sie scheint, sie hat einen krassen Eskapismus. den sie da mit sich trägt. Sie träumt von einem Earl Grey, den sie irgendwann heiraten kann.
Johannes Franke: Earl Grey. Sag mal Earl Grey. Das ist doch großartig. Tolles Wort.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Earl Grey. Ich find's großartig. Der Film hat das rausgefunden. Seit dem Film denke ich Earl Grey. Ja, das ist gut.
Florian Bayer: My least favorite black tea. Wirklich. Also ich mag den Namen. Ich find den Namen auch total toll und ich find das Konzept dahinter total toll. Ich trink Earl Grey wirklich nicht gerne.
Johannes Franke: Okay. Na gut.
Florian Bayer: Es ist krass. Sie lebt irgendwie in dieser Einsamkeit und ihre Bezugspersonen sind Erwachsene, die sich wenig um sie kümmern oder ihr irgendwelche albernen Geschichten erzählen. Zum Beispiel unter anderem, wo Babys herkommen, nämlich aus Biergläsern.
Johannes Franke: War dein Kind je so teilweise naiv wie Mary? Weil zwischendurch habe ich gedacht, verliert das den Pfad der Glaubwürdigkeit, was sie alles annimmt, was sie alles für bare Münze nimmt, was ihr erzählt wird?
Florian Bayer: Nein, war mein Kind nicht, aber ich glaube, das hängt ganz stark von Erwachsenen ab. Und ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich kannte Kinder, die waren so naiv. Und ich kann mich erinnern, Kinder in der Grundschule, die nicht vernünftig aufgeklärt waren. Und das waren die 80er, das war zehn Jahre später. Und die keine richtige Vorstellung davon hatten, wie, oder auch nicht mal nur so, die wirklich komplett falsche Vorstellung davon hatten, wie Sexualität funktioniert. Und es gibt ja auch heute noch Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben oder an den Osterhasen, gerade in dem Alter. Und auch, wo man nicht mal drauf herabblickt, sondern wo man sagt, okay, das machen Eltern, Zahnfee-Geschichten und so weiter. Und ich habe sogar das Gefühl, wenn ich überlege, mit welchen Leuten ich so geredet habe, wir waren eher Sonderlinge dadurch, dass wir Bela von Anfang an gesagt haben, naja, der Ustase ist eine Geschichte und der Weihnachtsmann ist eine Geschichte. Und das sind die historischen Hintergründe und da ist das Gedicht aus dem Jahre 1832. Und dann lass mich nochmal kurz was zu Coca-Cola erzählen. Das ist das Problem, wenn du im Akademikerhaushalt groß wirst. Flo, du glaubst nicht,
Johannes Franke: zu wie viel Prozent ich dir wirklich abnehme, dass du genau das gemacht hast, all das mit deinem Kind durchexerziert hast. Das stimmt,
Florian Bayer: ich habe das wirklich gemacht.
Johannes Franke: Oh nein.
Florian Bayer: Aber erst dann, wenn er keinen Bock hatte, ist er einfach weggegangen und dann bin ich ihm nicht hinterhergerannt. Aber ich glaube, das ist tatsächlich so ein Akademikerhaushalt-Ding.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Und wenn du nicht im Akademikerhaushalt groß wirst, dann wirst du halt auch mit Geschichten groß.
Johannes Franke: Ja,
Florian Bayer: na klar. Dass der betrunken ist. Betrunkener Onkel oder betrunkener Opa, die irgendwelche lustigen Geschichten erzählt, wo Babys herkommen, vielleicht weil er die foppen will, weil viele Erwachsene haben so ein Überlegenheitsgefühl. Wenn so Kinder Geschichten erzählen, weil Kinder sind naiv und Kinder glauben Zeug. Und ich fand das immer ein bisschen irritierend. Das ist was, wo dann in der Runde drüber gelacht wird und mit dem Auge gezwinkert wird und dann sagt die Mutter halt irgendwann, du weißt, dass der nur Quatsch macht. Ich finde, das hat oft sowas extrem herablassend. Natürlich. Ich mag das überhaupt nicht. Und wenn ältere Leute, hauptsächlich Männer, das lustig finden, Kindern Quatsch zu erzählen, denen die Kinder dann glauben.
Johannes Franke: Jaja. Aber es geht ja nicht nur um das Bier. Es geht ja schon um sehr viele mehr Sachen. Und ich fand zwischendurch, ah, wow, okay, krass.
Florian Bayer: Aber das macht Kinder naiv. Und ich finde sie nicht unplausibel. Auch, dass sie zum Beispiel das, was ihre Mutter da macht, dieses Klatschen. trauen, dass sie das so bewertet, weil die Mutter ihr das so erklärt hat. Sie hat irgendwann mal gefragt, Mama, warum steckst du Zeug unter deine Jacke, wenn wir einkaufen gehen? Und dann hat die Mutter eine Notlüge gemacht.
Johannes Franke: Wo steckt dir das dahin?
Florian Bayer: Stell keine Fragen. Und dann hat die Mutter ihr das halt so irgendwie aufgetischt, um in Ruhe gelassen zu werden. Und als sechs-, siebenjähriges Kind glaubst du das, wenn du kein alternatives Narrativ kriegst, dann bleibst du dabei bei der Geschichte. Und das kann lange dauern. Und mit acht kann das auf jeden Fall noch anhalten.
Johannes Franke: Zumal sie ja auch wirklich sehr isoliert ist vom Rest der Welt. Es gibt keinen, der das korrigieren kann, den sie kennt.
Florian Bayer: Also ich fand ihre Art, wie sie auf das Leben blickt, natürlich sehr fantastisch und natürlich sehr ausgeschmückt. Aber ich fand es plausibel insgesamt. Hat Mary eine Depression? Definitiv. Das ist das hauptsächlich.
Johannes Franke: Ja, hauptsächlich hat sie eine Depression.
Florian Bayer: Und ist das wirklich so das Kennzeichnende? Es wird ja sogar nahegelegt, dass sie... Also später, wenn sie verheiratet ist mit dem Griechen, ich muss immer der Grieche sagen, aber er hat einen Namen.
Johannes Franke: Papadopoulos.
Florian Bayer: Er hat auch einen Vornamen, der etwas weniger kompliziert ist. Damien. Wenn sie mit Damien verheiratet wird, wird ja kurz angedeutet, auch dass sie manisch-depressiv sein könnte, weil sie hat dann diese manische Phase.
Johannes Franke: Es könnte Borderline sein.
Florian Bayer: Ja, sie hat nämlich diese manische Phase, wo sie das Buch schreibt, wo sie glaubt, ich kann Asperger heilen. Ich lerne jetzt alles in der Psychologie, ich schreibe dieses Buch und ich werde das total toll machen. und dabei komplett... Tunnelblick hat und nicht merkt, dass das Max verletzt, weil sie weiß, dass Max nicht geheilt werden will. Max hat ihr geschrieben, ich bin froh, Aspie zu sein. Und dann wird das ja auch gezeigt in ihren sexuellen Avancen an Damien, wo sie überhaupt keinen Blick für dessen Ängste hat und für dessen für dessen Vorsicht und stattdessen ihn ja wirklich sehr krass belabbt. Und das sind ja so manische Züge. Also es könnte tatsächlich sein, dass sie manisch depressiv ist, aber einfach noch kein Platz für Manie in ihrem Leben war und das dann erst rauskommt, wenn sie mal Glück und Erfolg hat.
Johannes Franke: Ja oder eben tatsächlich Borderline, aber das sind so Sachen, da wäre ich jetzt vorsichtig, weil der Film das nicht direkt daraufhin inszeniert und auch nicht erzählt und so. Und eine Borderline Diagnose ist schon ganz schön kompliziert und eine Manie, manisch depressiv. Ich weiß auch nicht. Also es ist psychologisch schon durchaus nicht ganz leicht, das auseinanderzunehmen. Aber sie hat definitiv irgendwas davon. Und es ist nicht nur eine einfache Depression, die kommt und geht, sondern da steckt auf jeden Fall mehr dahinter.
Florian Bayer: Also eigentlich schon das Kind Mary, aber das kannst du natürlich vergessen in den 70ern. Aber spätestens die erwachsene Mary bräuchte ganz dringende Therapie. Natürlich. Weil sie verfällt dann ja auch, das ist ja das Tragische, dass sie dann in ihrer Ehe, in ihrer unglücklichen Ehe.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: in dieselben Muster verfällt wie ihre Mutter.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Bis zu dem Punkt, wo sie in den Spiegel blickt und als Spiegelbild ihre Mutter sieht.
Johannes Franke: Und dass sie dann auch halt Alkoholismus und sich so komplett gehen lassen,
Florian Bayer: sich um gar nichts mehr kümmern.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ich weiß nicht, ob der Film das hätte machen können. Vielleicht wäre der Film ein bisschen überladen geworden, wenn man dann noch mit einer Diagnose Barriere angefangen hätte. Ist schon ein bisschen dolle. Aber das Problem auf der anderen Seite ist, dass dieser Selbstmordversuch Für mich so grausam ist dann, also ich habe das Gefühl, der Drehbuchautor ist dann echt grausam zu seiner Figur, dass ich dann abschalte ein bisschen, dass ich dann Abstand nehme, weil ich kein Referenzbild mehr dafür habe, weil das so drüber ist. Bei einer Diagnose von Borderline würde es total Sinn ergeben, absolut, aber sonst, ich weiß nicht.
Florian Bayer: Es ist ein Punkt, wo der Film ein bisschen ins Fantastische abgleitet. Sie hat dann ja auch so dieses sehr komplizierte, übertriebene Suizid-Setup. Sie will sich mit Valium vergiften und gleichzeitig erhängen.
Johannes Franke: Und das würde für Borderline sprechen.
Florian Bayer: Ich glaube, sie will wirklich in diesem Moment sterben. Und das gehört auch zu diesem Fantastischen in diesem Moment, dass ausgerichtet in diesem Moment Len ihr Nachbar seine Homophobie aufgibt, um nach draußen zu gehen.
Johannes Franke: Seine Homophobie-Hormone.
Florian Bayer: Ich frage mich, also das hat sie ja von Kindesbeinen an. Sie sagt, der hat Angst rauszugehen, es wird Homophobie genannt. Der Film erklärt uns nicht, wo sie das her hat. Aber sie benutzt diesen Begriff konsequent für die Agoraphobie ihres Nachbarn.
Johannes Franke: Aber später sagt sie Agoraphobie, oder? Der Erzähler sagt später Agoraphobie. Sie nicht? Sie benutzen das Wort, glaube ich, nicht einmal. Aber man muss auch fairerweise dazu sagen, wie viele Dialogzeilen gibt es in diesem Film? Es gibt nicht so wahnsinnig viel. Wenig. Wir haben einfach unsere dritte Person neben Mary und Max und zwar
Florian Bayer: Dame Edna. Dame Edna? Barry Humphreys ist unser Narrator, unser Erzähler.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Prübender australischer Comedian, der Dame Edna gespielt hat und ich kenne Dame Edna nur visuell, weil ich... einfach kein Comedy-Mensch bin. Und erst recht kein australischer Comedy-Mensch.
Johannes Franke: Ja, nein.
Florian Bayer: Hast du Dame Edna mal geguckt?
Johannes Franke: Nein, habe ich nicht.
Florian Bayer: Aber du kennst sie auch, oder? Wenn du Dame Edna hörst, hast du direkt das Bild von...
Johannes Franke: Nö.
Florian Bayer: Wirklich nicht? Nein,
Johannes Franke: ich habe es in der Recherche herausgefunden.
Florian Bayer: Ach krass. Ich kannte Dame Edna, aber ich könnte nicht sagen, dass ich sie irgendwie mal groß gesehen habe.
Johannes Franke: Ach so.
Florian Bayer: Aber ich kenne sie einfach. Sie ist so eine Größe im Fernsehen.
Johannes Franke: Okay, okay.
Florian Bayer: Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das mal im deutschen Fernsehen lief, weil das ist ja schon sehr australisch. Naja, das Internet. Das Internet, genau.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Barry Humphreys ist unser Erzähler und eine dritte Person, die das macht, was wir oft haben in solchen Filmen mit großer Gravitas,
Johannes Franke: der sehr nüchtern erzählt. Wie findest du ihn in diesem Fall? Diesen nüchternen Stil? Das Geile ist, wir haben ja gerade eben erst über Life of Chuck gelesen, wo es genau das gleiche Ding gab, dass so eine Stimme verzweifelt versucht, fabelhafter Welt der Amelie zu sein. Jean-Pierre Genet, was hast du der Welt angetan mit dieser Kombination aus Märchen, Tragik, Comedy und diesem extrem nüchternen Erzähler? Und dieser hier schafft es. Warum schafft er es? Ich finde, er macht das richtig, richtig gut. Er hat die Grittiness, er hat den bösen Unterton teilweise oder diese, naja nicht den bösen, er hat eine Dreckigkeit drunter liegen, die dem Ganzen mehr Dimensionen gibt als bei Life of Chuck.
Florian Bayer: Ich finde, er klingt... Gegensatz zu Amelie und Life of Chuck klingt er niemals sarkastisch, sondern immer empathisch.
Johannes Franke: Sarkastisch nicht, das stimmt.
Florian Bayer: Also er ist trocken auch, aber er ist empathisch.
Johannes Franke: Er ist sehr trocken und das, was er so sagt, auf eine helle Art und Weise, ist sehr düster. Und dieses Spannungsfeld bedeutet, dass diese Figur funktioniert und dreidimensionaler wird. Bei Life of Chuck, der Life of Chuck hat keine Ecken und Kanten da drin gehabt. Das war einfach... Ich weiß nicht.
Florian Bayer: Ich fand mein Life of Jack total okay,
Johannes Franke: aber könnt ihr euch die Episode zuhören. Ja,
Florian Bayer: hört euch das an, wir diskutieren viel drüber. Ich finde auch, dass er funktioniert. Also ich mag diese Trockenheit, die nicht versucht, einen sarkastischen Unterton reinzubringen,
Johannes Franke: weil dieser Erzähler ist ja wirklich krass präsent. Ja, absolut. Also der Film ist überladen mit Erzählhaltung und der Erzähler ist der, der am meisten quatscht in diesem Film. Wir würden ihm einen Sarkasmus auch nicht verzeihen. Weil es zu sehr um Menschen mit Behinderungen, Menschen am Rande der Gesellschaft und so weiter geht, marginalisierte Gruppen. Und wenn der dann anfangen würde, sarkastisch daherzureden, ich glaube, das würden wir ihm nicht verzeihen.
Florian Bayer: Ja, wir haben einen, nicht nur einen omnipräsenten Erzähler, sondern auch einen, der alles überblickt, der in Maxes Geist reingeht, der in Marys Geist reingeht, der eigentlich auch so ein bisschen die... Brücken schlägt.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Und das finde ich ganz spannend, weil in dem Film geht es ja ganz viel um Kommunikation und wie Brücken geschlagen werden, im wahrsten Sinne des Wortes, über den Atlantik, über die Altersgrenzen und so weiter. Und der Erzähler scheint da irgendwie dazwischen zu sitzen und so ein bisschen der Kid zu sein, der das zusammenhält.
Johannes Franke: Ist auch total wichtig, weil ich glaube, diese beiden Figuren, dadurch, dass sie sonst niemanden haben, mit dem sie reden können und es ganz tödlich wäre, wenn jetzt plötzlich unser Autist rausgehen würde, um anderen zu erzählen, wie er sich fühlt. Ja. Damit wir den Erzähler nicht bräuchten zum Beispiel. Das wäre ja tödlich für den Film. Also brauchen wir den Erzähler, um einzusortieren, was passiert. Weil auf der visuellen Ebene, wenn wir jetzt nicht mehr Dialog geben würden, könnten wir vieles missverstehen.
Florian Bayer: Ja,
Johannes Franke: gerade beim Autismus, wenn du dich nicht auskennst oder wenn du die Personen an sich nicht kennst, die vielleicht auf dem Spektrum sind und mit denen zu tun hast und die dir vielleicht typischerweise... nicht sagen, was sie denken und was sie fühlen oder was gerade in ihnen los ist und warum sie welche Aktionen durchführen, dann lässt sich das sehr leicht falsch interpretieren.
Florian Bayer: Ja, da hat Adam Elliot den Max halt wirklich gut getroffen. Das sind die Gesichtszüge, die wir von Max sehen, sind meistens starr, so leicht nach unten gezogen. Oder halt dieser ängstlich-panische Blick mit Schweiß auf der Stirn und Zähne klappern.
Johannes Franke: Ja, natürlich auch sehr comichaft, muss man schon sagen. Also das ist schon ein wichtiger Teil dessen, wenn das ein Realfilm wäre und das genauso inszeniert wäre, wie es inszeniert ist, das wäre fast unerträglich. Weil es zu exaltiert wäre,
Florian Bayer: meinst du?
Johannes Franke: Zu krass einfach, zu viel. Weil er auch sehr viel in diesen Film reinpackt und auch sehr viele Schicksalsschläge passieren und alles mögliche. Also es ist wirklich, es passieren 300 Prozent.
Florian Bayer: Es passieren 300 Prozent und es passieren 300 Prozent. Sowohl auf inhaltlicher als auch auf visueller Ebene. Zum einen haben wir wirklich diese krassen Kontraste des schwarz-weißen New York und dann dieses Sepia Australien und beides wirkt nicht besonders einladend. Dann haben wir die ganze Zeit diese Figuren, die so ein bisschen daneben sind. Es ist kein schöner Film.
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Es ist überhaupt kein schöner Film. Das ist alles ein bisschen schräg, es ist alles ein bisschen hässlich und zerdrückt und so. Oh mein Gott, Plur, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Oh mein Gott, ich glaube... Oh nein,
Johannes Franke: wir sind in einer Self-Promo
Florian Bayer: Nein, shit Ganz schnell, damit wir zurückfinden
Johannes Franke: Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt. Und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns Ja,
Florian Bayer: wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld dalassen wollt, macht das doch bitte über buymeacoffee.com slash, muss man sehen... Den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung.
Johannes Franke: Dann könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug.
Florian Bayer: Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen, ist das eure Chance. Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag, ohne Geld. Und Feedback gerne an johannes. mussmanssehen.de und florian at mussmanssehen.de.
Florian Bayer: Außerdem freuen wir uns natürlich über jedes Abonnement, egal ob bei Spotify,
Johannes Franke: Apple Podcast, Deezer, whatever. Was uns total helfen würde, ist, wenn ihr uns so 5 Sterne oder Herzchen oder sonst irgendwas, was auch immer euer Podcatcher anbietet, gebt und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben. Ah, super. Fehlt noch irgendwas? Nee, ich glaube, wir haben alles, wa? Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode. Yes. Adam Elliot macht Claymotion,
Florian Bayer: seit er Filme macht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Er hat einen Oscar gewonnen 2004.
Johannes Franke: Ja, also tatsächlich mit seinen Kurzfilmen vorher wahnsinnig viel. Und das ist sein erster Langfilm. Sein erster Langfilm. Und er hat gesagt, er hat das Subgenre Clayography. Ja. Also Biografie und Clay Animation. Ja. Animation. Das zusammengeworfen. Und der schönste Funfact über ihn, finde ich, ist, dass er ein Tremor hat. Also ein Zittern im Handgelenk, das es ihm unglaublich schwer macht, beziehungsweise unmöglich.
Florian Bayer: klare Linien zu zeichnen und so weiter. Und er hat das genommen und hat es einfach als Markenkern seiner Kunst gemacht. Großartig.
Johannes Franke: Ganz, ganz toll. Ich bin so begeistert davon, dass er das einfach nimmt und sagt, Leute, das bin ich. Das ist mein Ding. Nehmt es. Und man nimmt es gerne. Absolut.
Florian Bayer: Die Figuren, die er macht, haben alle diese unklaren Linien. Es ist alles so ein bisschen verwackelt. Es ist alles so ein bisschen zerquetscht. Und Trotzdem natürlich sieht man, dass da sehr hohe Kunst dahinter steckt. Also es ist ein Cartoon-Look, es ist ein übertriebener Look mit großen Nasen, großen Augen. Körperteile werden besonders hervorgehoben, Menschen bewegen sich übertrieben und so weiter. Es gibt einen konsistenten Cartoon-Look darin und gleichzeitig wirkt aber alles so ein bisschen schräg und so ein bisschen scheppern und so ein bisschen neben der Spur.
Johannes Franke: Ja, absolut. Und das macht ein bisschen diesen Kontrast auf von so leicht kindlicher Inszenierung und auch... allein dadurch, dass es Knetfiguren sind. Und dadurch hast du eben diesen Kontrast und ich glaube, dadurch kannst du auch viel mehr ertragen von dem, was da passiert. Gegenrede? Gegenrede?
Florian Bayer: Ich finde, das hat es teilweise schwerer gemacht zu ertragen.
Johannes Franke: Weil mehr Fantasie hast?
Florian Bayer: Nee, weil wenn du in diese Kindlichkeit diese ernsten Themen reinwirfst, wenn ich diesen Film gucke, ästhetisch, dann sehe ich zwar das Hässliche, aber ich sehe ihn auch so ein bisschen einfach durch das Comic-Hafte, durch Kinderaugen.
Johannes Franke: Ja, total.
Florian Bayer: Und dann werden diese Kinderaugen aber damit konfrontiert, dass hier sexuelle Übergriffigkeiten passieren, dass hier Gewalt passiert, dass hier jemand gemobbt wird, dass jemand eine Panikattacke hat und so. Ich finde das härter.
Johannes Franke: Ja, aber ich habe das Gefühl, dass man dann trotzdem länger an der Stange bleibt, also dass man dem länger vertraut noch oder so. Ich weiß es nicht ganz genau. Ich hatte nur zwischendurch eben, als sie sich umbringen will, dachte ich zwischendurch, ach Gott, jetzt wird es zu viel. aber... Ansonsten kam ich da ganz gut durch.
Florian Bayer: Was ich wirklich ganz gut finde, der Film hat eine gewisse Edginess. Und das ist ja was, was wir so in den 2000ern im Animationsbereich hatten. Animationsfilme, Zeichentrickfilme für Erwachsene. Wir machen edgy Zeug. Und alle sind eigentlich den Weg gegangen, also vor allem die Amerikaner. Und ich gucke jetzt auf South Park zum Beispiel oder auf diesen Animationsfilm von den South Park machen, Team America, dass die Edginess benutzt wurde für Humor. Das macht dieser Film überhaupt nicht. Der Humor ist auch in diesem Film.
Johannes Franke: Ja, aber anders.
Florian Bayer: Aber die Edginess wird vor allem benutzt für die Tragik. In dem einfach gezeigt wird, nee, ich setze nochmal einen drauf. Und wenn ich euch über Angstattacken erzähle, dann sieht das so aus.
Johannes Franke: Ja. Wobei schon auch der Humor ein bisschen dreckiger ist. Er ist dreckiger. Muss man schon sagen.
Florian Bayer: Aber ich finde, er hat nicht diese herablassende Edginess.
Johannes Franke: Das stimmt. Okay, aber nur wenn du es mit South Park vergleichst. South Park ist wirklich...
Florian Bayer: Es haben viele gemacht in der damaligen Zeit. Das ist dieses Animationsding für Erwachsene mit diesem edgy Humor. Und ich glaube, das ist auch ganz viel verantwortlich für diese Edgelords, die jetzt da draußen sind und oft davon lustig finden, Holocaust-Witze zu machen und so weiter.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Das hat viel mit dem schwarzen Humor gearbeitet. Und ich mochte das auch und ich mag das auch. Ich finde South Park total cool und so weiter. Aber es ist so... Uff. Man muss schlucken halt einfach, weil es halt benutzt wird für Humor und das hat dann natürlich auch immer sowas herablassen und es wird auch gern mal nach unten getreten. Das wird hier nicht gemacht.
Johannes Franke: Ich hatte Schwierigkeiten mit South Park. Das war für mich... wirklich zu viel.
Florian Bayer: Und kann ich total nachvollziehen. Und South Park hat ja auch so ein extrem reaktionäres Element, weil es einfach dieses Moment hat von, habt euch nicht so, ist doch alles nur Spaß. Und dann sagst du, ja, das kannst du leicht sagen, weil du bist ja gerade nicht der, auf den getreten wird, sondern die Transperson da hinten. Auf die wird gerade draufgehauen. Du bist es nicht.
Johannes Franke: Naja, Elliot jedenfalls ist inspiriert und vielleicht ein bisschen mehr als nur inspiriert von einer eigenen Geschichte, die er erlebt hat. Oder weiterhin erlebt? Ich weiß nicht genau. Weil er hat seit 20 Jahren eine andauernde Brieffreundschaft mit einem Menschen in New York, der Asperger-Atheist ist und der tatsächlich jüdische Wurzeln hat, aber auch als Atheist sich sieht.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also sehr nah an dem, was wir hier im Film haben. Ob sein Brieffreund nach diesem Film auch das A an der Tastatur kaputt gemacht hat? Das schwingt ein bisschen mit, oder? wenn man das so recherchiert und man sich dann denkt, Okay, was bedeutet das jetzt für diesen ganzen Erzählstrang von dem Veröffentlichen des Buches und so? Ist das seine Angst, die beim Schreiben dafür gesorgt hat, dass er gesagt hat, oh Gott, oh Gott, wenn ich das jetzt veröffentliche und was sagt mein Briefreim dazu? Und das kommt bestimmt dann und dann so seine Fantasie losgeht, was passiert, wenn sein eigenes Werk veröffentlicht und so weiter. Ich finde das metamäßig total interessant.
Florian Bayer: Ich finde, Adam wirkt zumindest in Interviews und so wie ein sehr anständiger Mensch, wie ein sehr netter Mensch. Und vor allem nett im Sinne von Kindness, nicht einfach nur nice. Und deswegen gehe ich stark davon aus, bevor der irgendwas gemacht hat in diesem Projekt, dass er mit dem geredet hat und dass er ihn vor allem auch über die Story und über Fortschritte beim Dreh und so weiter auf dem Laufenden gehalten hat und dass dieses Risiko deswegen nicht besteht.
Johannes Franke: Kann ich mir auch vorstellen.
Florian Bayer: Aber wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht. Aber was ich halt wirklich auch sehe und deswegen sehe ich diese Kindness oder vermute diese Kindness in Adam Elliot.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Diese Kindness ist halt auch in diesem Film drin, dass diese ganzen Menschen gezeigt werden, die irgendwie aus der Reihe tanzen und dass sie mit so viel Sympathie gezeigt werden. Auch zum Beispiel Damien, um jetzt nochmal auf den späteren Mann einzugehen von Mary, der schwul ist und wir wissen nicht, wie viele er es weiß, aber er trägt sehr viele Boy George T-Shirts. Deswegen könnte man davon ausgehen, vielleicht weiß er es schon vorher. Wie er gezeigt wird und vor allem wie seine Ehe mit Mary gezeigt wird. Du brauchst Empathie, um das zu sehen, um sowas zu sehen und es wird dann exaltiert dargestellt, übertrieben, wie er Angst hat vor den sexuellen Kontakten von ihr und da nicht mithalten kann und so weiter. Aber du brauchst eine gewisse Empathie, um überhaupt so einen Blick zu haben, dass es solche Geschichten gibt, solche zwischenmenschlichen Beziehungen und ihm dann einfach ein ganz untraumatisches Happy End zu schenken, indem er sagt, okay und jetzt bin ich bei meinem Brieffreund und den liebe ich und den liebe ich auch leider mehr als dich, Mary. und du halt bitte die Ohren steif und ich hoffe, wir können Freunde sein. Und auf die denkbar sympathischste und schönste Weise rund erzählt. Eine Nebenfigur. Finde ich großartig.
Johannes Franke: Aber er gibt dem Stotterer den Nachnamen Popodopoulos.
Florian Bayer: Es ist ein Grieche. Die heißen alle so.
Johannes Franke: Nein, die heißen nicht alle so.
Florian Bayer: Nenn mir einen Griechen, der weniger als fünf Silben in seinem Nachnamen hat. Ich habe keine Ahnung, Flo. Ich habe mich damit nicht beschäftigt. Ich glaube, er hat den Namen um drei Silben gekürzt. Damit er einigermaßen in die Credits reinpasst.
Johannes Franke: Okay. Da fällt noch gefühlt, dass es der Tag ist.
Florian Bayer: Ich finde diese Liebe zu den Figuren ist ganz wichtig und die trägt ganz viel bei zu dem Film. Diese Edginess wirkt einfach nicht herablassend dadurch,
Johannes Franke: sondern der Film ist einfach, der Film ist philanthropisch. Der Film mag die Menschen. Ja, ja, ja, auf jeden Fall. Ja, ist auch total wichtig, diese Blicke. Ich glaube, das hätte alles total nach hinten losgehen können, wenn man diesen... lebenden Blick der Menschen nicht gehabt hätte. Und das ist dann ja auch so ein bisschen die Moral des Films,
Florian Bayer: die sich so im Laufe entwickelt und ganz am Schluss nochmal so groß ausgesprochen wird. Menschen sind einfach nicht perfekt. Und ich gebe euch hier ganz viele Menschen, die nicht perfekt sind und irgendwann werden diese Menschen begreifen, ja, die Menschen sind nicht perfekt. Ich bin nicht perfekt, du bist es nicht. Aber was wir halt trotzdem machen können, ist Freunde sein und trotzdem aufeinander achten und auch uns Selbst schätzen in unserer fehlenden Perfektion.
Johannes Franke: Und das ist so eine wichtige Botschaft, so simpel und banal und kitschig und naiv sie ist. Auf diese simple Art möchte ich gleich nochmal aufspringen. Ich habe vor vielen, vielen Jahren das Projekt Anderssein gemacht als Kameramann. Inhaltlich war jemand anders verantwortlich und dann bin ich aber als Kameramann von einer Person zur nächsten, die einfach in irgendeiner Form anders war. Die eine Form von Einschränkung oder Behinderung hatte oder also auch im weiteren Sinne. sowas wie Alkoholismus, wo jemand einfach vor der Kamera gesessen hat und gesagt hat, ich bin auf die Art und Weise anders als andere und ein bisschen erzählt hat und ich fand es total spannend und total interessant und dann sind wir irgendwann, einfach weil man auch Statistiken wälzt und so, darauf gekommen, viel mehr Menschen sind anders als nicht anders.
Florian Bayer: Jeder Mensch ist anders, würde ich sogar behaupten.
Johannes Franke: Was überhaupt nicht funktioniert. Also nicht nur im Sinne von so Mikrosachen, so wie ich mag mein Essen mehr so und du magst dein Essen mehr so. Klar, okay, Geschmäcker sind unterschiedlich, aber ganz wesentliche Sachen, wie ein Alkoholismus oder wie ich sitze im Rollstuhl oder ich bin blind oder ich kann nur auf einem Auge sehen oder ich habe eine psychische Einschränkung. oder sowas. Wenn man das alles zusammennimmt und die Gruppe der vermeintlich Andersseienden zusammennimmt, rein statistisch übersteigt bei weitem die Masse der Leute, die nichts haben. Es ist, Leute, es ist nur eine Illusion da draußen. Ich würde noch weiter gehen und wirklich sagen, jeder Mensch hat was.
Florian Bayer: Nimm den heteronormativsten Sachbearbeiter bei einer Versicherung, Mitte 40, männlich, heißt Uwe. Du wirst auch bei dem was finden, was ihn komplett anders macht. Du findest Auch im Größeren, nicht nur im ganz Kleinen, findest du was, was jeden Menschen irgendwie anders macht als andere Menschen. Und das ist ja auch eine ganz wichtige Botschaft. Total,
Johannes Franke: ja. Und ich finde deswegen auch, dass der Film einen guten Weg geht, weil er wirklich einen Haufen Leute zeigt, die alle anders sind. Die haben alle irgendwas. Und es ist nicht so, dass man sich nicht trotzdem identifizieren kann, weil man immer so Punkte findet, wo man einhaken kann, wo wir trotzdem eine Gemeinsamkeit haben. Die Figur kann meinetwegen sich einschließen zu Hause und keine zwei Beine mehr haben und trotzdem kann ich andocken bei dieser Figur. Also das, was oft in Hollywood gesagt wurde, nein, du kannst keinen Film mit fünf Transleuten machen, das will ja keiner sehen, weil da kann sich keiner identifizieren mit, das ist völliger Quatsch und war es schon immer.
Florian Bayer: Ja, was total absurd ist. Sobald Hollywood mal anfängt, Identifikationsfiguren für andere als... heteronormative, mittelalte,
Johannes Franke: weiße Männer zu erschaffen, fangen die heteronormativen, mittelalten, weißen Männer an rumzujammern, dass sie keine Identifikationsfigur in ihrem fucking Film finden. Was für ein bescheuertes Ding. Ja, und dann hast du den größten Teil der Menschheit, der sein Leben lang keine Identifikationsfigur hatte. Wenn wir von den 80ern ausgehen, sind es verdammt 50% dieser Menschheit, weil das weiße Männer waren, die irgendwie im Fernsehen wesentliche Figuren waren. Allein... Wenn man sich die drei Fragezeichen nennt, sind drei Jungs, die haben Spaß, die sind gut. Und wenn man sich dann TKKG anschaut, wo es eine Frau gibt, diese eine Frau hat immer genervt. Warum? Warum muss das eine Figur sein, die nervt? Was soll das? Oh,
Florian Bayer: TKKG war hart. TKKG ist nochmal so ein Thema für sich, aber ich glaube, dann wird uns wieder vorgeworfen, dass wir zu wokes sind, wenn wir darüber ablästern.
Johannes Franke: Aber ihr wisst, was ich meine.
Florian Bayer: Was ich ganz toll finde, Hier in diesem Film, in diesem Panorama von Menschlichkeiten und von menschlichen Fehlern, dass Adam Elliot dabei auch wirklich so einen Blick auf die Kleinigkeiten hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich finde es unglaublich schön, dass er visuell umsetzt, dass Mary älter wird. Aber wenn sie ihre Briefe schreibt an Max, dann ist sie wieder die Kleine.
Johannes Franke: Och,
Florian Bayer: wie süß. Es ist so ein einfaches visuelles Stilmittel. Auch wie er als D-Mittel damit arbeitet, wie Dinge erzählt werden in den Briefen, mit diesen kritzligen Zeichnungen, die dann anfangen zu leben und animiert werden.
Johannes Franke: Ja, sehr, sehr gut.
Florian Bayer: So ganz simpel. Es gibt so sehr viele kleine Dinge, die gezeigt werden, wo kurz ein Fokus drauf gesetzt wird und die gar nicht so eine große Relevanz haben,
Johannes Franke: die das ganze Szenario aber lebendig machen. Er macht das richtig, was wichtig für viele Drehbuchautoren ist. Er ist konkret. Und er ist nicht nur im Großen konkret, was hat er für einen Beruf, sondern auch im Kleinen konkret, wie das bei Fabel auf der Welt der Amelie ist. Was mag diese Figur? Was ist sein Drive? Was sind die kleinen Dinge, die wichtig sind in seinem Leben und so? Und das macht total viel aus. Und da brauchst du gar nicht so weiß, weiß ich, wie poetisch sein und kommst trotzdem poetisch rüber, weil es irgendwie wichtig ist. Weil es für Menschen einfach die kleinen Dinge tatsächlich wichtig sind, auch wenn das immer so belächelt wird. Aber es sind am Ende, wenn du in dein eigenes Leben guckst, was ist mir wichtig? Es sind kleinere Dinge oft.
Florian Bayer: Ja, dafür hat er wirklich einen guten Blick. Und das, obwohl er in der zweiten Hälfte des Films ja sehr große Dinge erzählt. Also zum einen haben wir, was ja wirklich groß erzählt wird, dass Max Klimaanlage einen Pantomien tötet. Irgendwie so kurz erzählt wird, aber was für ein großes Ding. Aber dann auch viel krasser. Dass er im Lotto gewinnt kurz darauf. Dass er das, was er sich gewünscht hat, er hat sich diese drei großen Lebensziele gesetzt, einen Freund zu haben, im Lotto zu gewinnen und Schokolade für sein Leben. Dass er das alles erfüllt kriegt dadurch plötzlich, weil er hat Mary als Freundin, er hat die Schokolade, er hat den Lotto gewinnt. Das sind ja wirklich auch fantastische Sachen. Ja,
Johannes Franke: absolut. Aber das Interessante ist, dass der im Grunde damit sagt, die anderen beiden Sachen, die er sich erfüllen konnte, sobald Mary den Scheiß macht mit dem Buch, fällt alles wieder zurück. Der Reichtum, der ihm die Schokolade gebracht hat, das ist es nicht. Das ist es am Ende nicht. Man kann das nicht mit Geld bewerfen und damit ist gut. Das funktioniert einfach nicht.
Florian Bayer: Nee, es wird ja auch gezeigt, dass er hat dann im Lotto gewonnen. Und er lebt immer noch genauso, wie er vorher gelebt hat.
Johannes Franke: Ganz genau, ja.
Florian Bayer: Und es wird erzählt, sie schreiben sich dann Briefe hin und her, ihre Freundschaft lebt, das ist total cool. Und sie wird älter und er wird dicker. Es wird wirklich so thematisiert und wir sehen es auch. Und es macht ja, es ist, es macht total Sinn, weil wir wissen, wie er lebt. Und wenn er da nicht rauskommt, dann wird er halt dicker. Und dann hat er natürlich auch das Risiko, wegen der ganzen Krankheiten, die da entstehen können, zu sterben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das finde ich gut, dass dieser Lottogewinn zum einen gezeigt wird, als dieses fantastische Element, was reinkommt, aber das gleichzeitig nicht erzählt wird und jetzt ist alles gut, sondern diese ganzen krassen Sachen nämlich, dass sie ihn dann verrät, indem sie über ihn forscht und dieses Buch veröffentlicht und so weiter, ohne ihm irgendwas davon zu sagen anscheinend. Ja,
Johannes Franke: offenbar. Was ich ein kleines bisschen unglaubwürdig finde, obwohl wir in den 80ern sind. In den 80ern war das noch normaler, glaube ich. Und auch wird von einer Welt, die wir hier nicht sehen. Nämlich ihre Welt, ihr ganzes Umfeld und so. Das wird dazu beigetragen haben, dass sie das einfach macht, weil alle ihr sagen, ja und dann nimm das doch, benutze das doch, das ist doch gut und so. Und dann wieder besseren Wissens, weil er das ja gesagt hat, das zu machen, fand ich in dem Moment erstmal ein kleines bisschen unglaubwürdig. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was sie vielleicht psychisch noch für Dinge mitbringt, für Krankheiten oder Besonderheiten, dann ist das vielleicht wieder erklärbar, aber ich muss es mir zusammenreimen. Es ist ein bisschen...
Florian Bayer: Ich finde, der Film hat in diesem Teil, wo ja so ein großer Zeitraum übersprungen wird, hat er sehr viele fantastische Elemente. Es werden zwei komplett, also es fängt an mit dem Pandemiem-Tod, aber danach werden ja auch zwei komplett absurde Tode aus dem Mary-Umfeld erzählt. Nimmt ihr Vater, der beim Metalldetektieren am Strand von einer Flutwelle überspült wird? Wie absurd. Also wie passiert das? Ja,
Johannes Franke: genau. Was ist das?
Florian Bayer: Und dann ihre Mutter, die beim Saufen zufällig zum Gift greift. Also es ist einfach so ein absurder Tod.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, genau.
Florian Bayer: Und das ist ja, also es ist nicht was Realistisches, was hier erzählt wird, sondern was Fantastisches auch irgendwie oder was Schräges,
Johannes Franke: Surreales. Und ich kann nicht genau einsortieren, ob es nur for the laughs ist, also ob es um die komödiantische Seite davon geht, weil es ist lustig.
Florian Bayer: Es ist lustig.
Johannes Franke: Definitiv. Die Absurdität davon ist lustig. Aber ist das nur deswegen so oder hat er noch einen anderen Gedanken dahinter? Und ich kann diesen anderen Gedanken nicht so richtig finden. Ich weiß nicht genau, warum, wozu. Was ist da, tut das Note so ein bisschen?
Florian Bayer: Was ich wirklich faszinierend finde, ist, dass er für diese großen Dinge, die ihr Leben komplett umreißen, die kürzeste Zeit beansprucht. Das wird im Zeitraffer erzählt. Max tötet in der Pandemie, Max gewinnt im Lotto, Mary verliert ihren Vater, Mary verliert ihre Mutter, Mary heiratet. Das sind 10 Minuten vom Film oder so. Das ist total absurd, dass das, diese riesigen Dinge und dann ist sie plötzlich erwachsen an der Universität und du stellst fest, es sind gerade 10 Jahre vergangen oder so, aber im Film sind 10 Minuten vergangen. Und bis, genau, es sind tatsächlich ohne Scheiß von dem Lottogewinn bis zu dem Moment, wo Max die Schreibmaschine zerstört, vergehen 20 Minuten. Das ist der Moment im Film, in einem 90 Minuten Film, wo am meisten Inhalt passiert. Oder wo am meisten passiert wirklich Außerweltliches und so außerhalb von ihren Ängsten und von ihren Gesprächen.
Johannes Franke: Der Film scheint kein Interesse an Handlungen zu haben.
Florian Bayer: An diesen großen Handlungsmomenten vor allem nicht. Diese kleinen Handlungsmomente, dass sie ihm diesen roten Böppel schickt, wenn er den aufsetzt und plötzlich Farbe in seinem Leben hat. Das ist dem Film ganz wichtig.
Johannes Franke: Ich bin jetzt gerade nochmal zu Mary in Gedanken zurückgerutscht, weil ich gedacht habe, vielleicht ist es gar nicht so eine große Diagnose wie ist. Borderline oder so. Vielleicht ist es wirklich einfach nur pure Hypersensibilität, die dazu führt, dass sie alles, was ihr entgegengeworfen wird, einfach so stark spürt, dass auch die Ablehnung von Max ihr gegenüber dann so hart reinhaut. Also vielleicht ist es wirklich einfach nur eine Hypersensibilität. Das kann natürlich sein.
Florian Bayer: Es würde passen als Diagnose, wenn wir sehen, dass sie in Tränen ausbricht, weil ein Vogel auf ihrem Kopf geschissen hat und dann wirklich in ihrem Bett weinend sitzt, weil das passiert ist halt als die Liebe ihres Lebens. potenziell sie gesehen hat, dass sie innerhalb kürzester Zeit, wenn sie mit Max Streit hat, alles vernichtet von ihm. Es gibt zweimal die Szenen, wo sie alles verbrennt.
Johannes Franke: Einmal,
Florian Bayer: wo sie alle seine Briefe verbrennt und einmal, wo sie seine ganzen Pakete durch den Schredder jagt.
Johannes Franke: Und ich kenne das. Ich bin hypersensibel. Ich habe in meiner In meiner Jugend und noch ein bisschen später, so in meinen Zwanzigern, wirklich extreme Gefühle gehabt. Also wirklich so, wo man sagt, das ist nicht ganz in der Norm, wenn wir das so sagen wollen. Das ist schon viel. Vielleicht nicht so viel wie bei ihr. Aber schon so, dass ich denke, okay, es geht vielleicht in die Richtung.
Florian Bayer: Ja. Und sie ist einfach, also... Aber grundsätzlich ist es einfach ein extrem instabiler Mensch.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Es sind kleine Dinge, die sie komplett aus der Bahn werfen. Bei dem, was sie erlebt hat,
Johannes Franke: kein Wunder für mich. Ja, vielleicht auch, ne? Also, das schon.
Florian Bayer: Und was sie am wenigsten aus der Bahn wirft, ist der Tod ihrer Eltern.
Johannes Franke: Ja, stimmt.
Florian Bayer: Krass.
Johannes Franke: Ach, fuck, ich will da nicht länger drüber nachdenken.
Florian Bayer: Naja, es ist, also wie ihre Eltern erzählt werden, also ich habe ja gesagt, viel Empathie für alle Figuren.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es wird auch versucht zu verstehen, warum ihre Eltern so sind, wie sie sind. Und die Einsamkeit ihrer Mutter wird schon angedeutet. Ja. Und damit außerdem ihren Alkoholismus und ihre Kleptomanie erklärt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber es wird schon ziemlich klar, dass das echt keine guten Eltern sind. Die lassen ihr Kind extrem allein mit sich.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es geht gar nicht mal so um sowas wie Essen machen oder so, sondern auch wirklich so ganz basale Dinge wie in den Arm nehmen und zeigen, dass man da ist für einen.
Johannes Franke: Ja, nicht ein einziges Mal gesehen, oder?
Florian Bayer: Nee, es gibt keine emotionale Interaktion zwischen ihr und ihren Eltern.
Johannes Franke: Ja. Können wir mal einmal auf die... einen Schritt zurück machen und auf die ganze Darstellungsweise, die Technik dahinter und den, weil ich finde sowohl Farbe, Farbauswahl als auch die Puppen an sich, wie die gemacht sind, auch total spannend. Ich will nur ein paar Zahlen nennen. Oh ja, mach mal. Es gab 57 Wochen Hauptdreh. In diesen 750, in diesen 57 Wochen hatten sie 133 separate Sets gefilmt. 212 Puppen und 475 Miniaturrequisiten. Das ist eine fucking Menge. Vor allem, weil es nur sechs Leute gab, die daran hauptsächlich verantwortlich waren, das zu machen. Unter anderem unser Hauptregisseur, also Elliot, der hauptsächlich dafür verantwortlich war und der, wenn man sich das ein bisschen anschaut, so gefühlt eine One-Man-Show fährt. Der es wirklich alles in der Hand hat selber.
Florian Bayer: Es gibt so ein bisschen Behind-the-Scenes-Material, wo er durch durch seine Werkstatt geht, wo die anderen Leute sitzen, die mit ihm zusammenarbeiten. Und er sagt die ganze Zeit, wir wollten nichts mit CGI machen. Ich liebe es, was mit meiner Hand zu machen. Ich bin so froh, dass ich Leute gefunden habe, die es auch lieben, was mit der Hand zu machen. Und das merkt man einfach. Es ist seine kleine Werkstatt, die er da hat. Und da stehen dann die Leute, die er hat, seine drei, vier Beschäftigten und kneten halt diese Puppen zurecht nach seinen Vorstellungen. Es ist eine One-Man-Show.
Johannes Franke: Und sie haben eine voll funktionszüchtige Schreibmaschine in Miniatur. Was für eine Detailverliebtheit. Wie krass ist das denn, dass die auch noch funktioniert? Alter, wie krass. Sie haben für die Wasserzähne Kleidgel benutzt. Sie haben extrem viel Kleidgel gebraucht. Es gibt so ein paar Wasserzähne, wo du dich fragst, hätte man diese Szene mit der einsamen Insel wirklich zeigen müssen?
Florian Bayer: Weil da sind echt viele Tuben Kleidgel draufgegangen.
Johannes Franke: 12 Liter. Das ist so schlecht. 12 Liter. Und die Figuren haben natürlich allein schon 30 verschiedene Münder. Um alle Ab- alle- alle- Viseme abbilden zu können, was für Mundformen sind, aber auch alle Emotionen abbilden zu können und so. Es ist einfach ein fucking Aufwand.
Florian Bayer: Und dann die Farben. Er hat einmal diese graue New York und diese Sepia-Farben Australien.
Johannes Franke: Natürlich passt das schwarz-weiße zum Autismus, zu der Variante, die Max hat. Und dieses braune, ich habe eine philosophische Idee dahinter, warum das braun ist. Okay, wenn sie hypersensibel ist, dann hat sie permanent... Alle Emotionen auf einmal.
Florian Bayer: Und das ist braun, ja?
Johannes Franke: Und das ist braun. Weil wenn du alles zusammen möchtest, was du vor dir hast im Farbkasten, da wird ein Matsch draus. Ein brauner Matsch. Und das finde ich eigentlich ganz nett.
Florian Bayer: Finde ich nicht verkehrt. Ich finde es total schön, dass es diese Transition der Farben gibt. Sprich, wenn was aus Australien in New York ankommt, dann hat es die Farbe von Australien.
Johannes Franke: Genau. Das finde ich sehr schön, ja. Vor allem kommt es natürlich zum Tragen, wenn wir in Max-Welt sind. Wenn der rote Sachen bekommt oder wenn der braune Sachen bekommt. Weil da es besonders auffällt.
Florian Bayer: Rot ist es vor allem. Also wir haben... Rotfarben stechen auch in Australien extrem hervor, aus diesem braunen Einerlei. Aber ansonsten ist es bei beiden, es ist so, es wirkt beides sehr farblos.
Johannes Franke: Ich habe am Anfang versucht, mit diesem Mood-Ring zu merken, welche Farben was bedeuten, aber das ist zu schnell wieder weg und man kann es nicht so richtig zuordnen. Aber ich fand es ganz gut, dass dieser Mood-Ring so offensichtlich so ein bisschen dafür gedacht war, auch zu verstehen, wo sie gerade ist. und welche Emotionen in ihr hervorruft. Allerdings habe ich es nicht durchgezogen, das alles immer wieder anwenden zu wollen. Ich habe so das Gefühl, dass das Rot nicht nur Leben an sich bedeutet, sondern dass es auch Kommunikation bedeutet. Kommunikation mit außen und miteinander. Wir haben den Postkasten, der rot ist. Das, was sie verschickt, ist rot. Also diese Kommunikation und dieses kommunikative Annähern.
Florian Bayer: Ich habe es vor allem auch als Signalfarbe der Veränderung wahrgenommen.
Johannes Franke: Ja, oder so.
Florian Bayer: Und natürlich, das Rot steht für Bedrohung. Und Veränderung bedeutet für Max Bedrohung. Aber es ist die Farbe, die vor allem präsent ist, weil in seinem Leben mehr passiert, als das, wo er festgefahren war.
Johannes Franke: Und dann,
Florian Bayer: dass er sich diesen roten Böppel aufsetzt. Hat halt auch einfach eine starke Bedeutung, weil er sagt, okay, ich nehme das jetzt an und ich arbeite damit. Und er macht sich 17 Stunden am Fenster oder so Gedanken und dann schreibt er und dann antwortet er Mary und es ist eine große Überwindung für ihn.
Johannes Franke: Aber es ist etwas in Gang gekommen. Was übrigens ganz toll ist, also dieses, was heute, also die Welt, wie sie heute ist, ist für viele Autisten wirklich schwieriger geworden, weil sowas hier, Briefe, es wird nicht mehr gemacht. Und ein Brief bedeutet, dass du in deinem Tempo sagen kannst, ich lese das irgendwann, ich lese es in meinem Tempo, ich antworte in meinem Tempo und ich kann es losschicken, wann ich will. Und dann dauert es noch eine ganze Weile, bis das wirklich da ist und ich kann mich auf die Antwort freuen, muss aber auch nicht performativ dann irgendjemandem gegenüber. signalisieren, ja, ich habe dich gehört, ich rede mit dir, ich habe folgende Emotionen, sondern du kannst ganz in Ruhe antworten und du kannst ganz in Ruhe warten, bis die Antwort kommt. Und das ist heute schwieriger geworden.
Florian Bayer: Bin ich großer Fan davon, weil ich echt Probleme mit Echtzeitkommunikation habe. Du weißt, dass wir kommunizieren über WhatsApp. Echtzeitkommunikation, ich bin nicht auf dem Spektrum, aber Echtzeitkommunikation fällt mir richtig schwer. Ich kann das nicht und ich weiß, dass ich damit Leute immer mal wieder vor den Kopf stoße, aber ich kann das nicht. Und deswegen teilweise, wenn ich WhatsApp sehe, weil ich weiß, dass Leute das doof finden, wenn sie sehen, dass gelesen wurde, aber nicht geantwortet, dann sehe ich nur, dass es aufploppt als Schnellnachrichten, mach's weg, weil es setzt mich unter Druck und es belastet mich so richtig. Also an dieser Stelle, sorry Johannes, wenn ich dir bei WhatsApp sehr sparsam antworte. Das tust du tatsächlich. Und manchmal gar nichts sage, ich habe wirklich, wirklich Probleme mit dieser Echtzeitkommunikation.
Johannes Franke: Und jetzt mache ich das, was alle anderen auch mit Menschen auf dem Spektrum oder so tun sollten. Mach dir keine Sorgen. Alles gut. Okay, danke. Ich weiß, was los ist und ich kann es einsortieren. Okay, danke. Ja, also ich fand es auch wahnsinnig beeindruckend, was sie da alles gemacht haben, was sie sich für eine Farbe ausgedacht haben. Für das ganze Farbkonzept finde ich einfach auch großartig. Eine Zahl noch. Ne, zwei Zahlen noch. Bevor wir die zwei Zahlen mit dem Budget nennen, kommen die jetzt oder was anderes? Ne. Okay, dann mach weiter. 808, das sind Earl Grey Teebeutelboxen.
Florian Bayer: Die hat er alle zusammengeklebt und dahingesetzt. Nicht so schlimm wie der Vater, der 40 Millionen machen musste bis zu seiner Rente. Im Film wird das gesagt, wenn der Vater in die Rente geht, sagen sie, also der Vater hat ja als letzten Job dieses Teebeutel, diese Schmühre an den Teebeutel machen.
Johannes Franke: Stimmt.
Florian Bayer: 40 Jahre und 40 Millionen Teebeutel später darf er endlich in Rente gehen. Und die zweite Zahl ist 5236.
Johannes Franke: Muffins, die Adam Elliot konsumiert hat während der Drehzeit. Okay, sehr schön.
Florian Bayer: Adam Elliot könnte auch der Erfinder von Chocolate Hot Dogs sein. Ja, stimmt. Und bevor wir zu der großen Summe der Zahlen kommen, was das Ding eigentlich gekostet hat dadurch, vielleicht noch die Namen, die damit auch einfließen. Wir haben Dame Edna schon genannt als Erzähler. Wir haben Philip Seymour Hoffman als Max.
Johannes Franke: Alter, hast du das rausgehört?
Florian Bayer: Nein. Ich auch nicht. Wie krass ist das denn? Philipp Simon Hoffmann hat in meiner Erinnerung eine relativ helle Stimme für so einen kräftigen Mann.
Johannes Franke: Also völlig anders, fast ein bisschen piepsig. Genau. Also in manchen Rollen zumindest. Oder in vielen Rollen. Oder in den Rollen, die wir halt kennen. Ich weiß es nicht, ob er irgendwann mal, aber das, was er hier abliefert, ist ja, also der Hammer. Ist ja unglaublich. Völlig anders, als ich ihn kenne. Und er hat so einen Speech-Pattern drauf. Was bei Autisten doch durchaus ab und zu mal vorkommt, wieder ganz wichtig, nicht bei allen. Nur weil jemand nicht ein spezielles Speech-Pattern hat, kann man ihm nicht sagen, nein, aber du wirkst gar nicht wie ein Autist. Das ist so die böseste Antwort, die man kriegen kann. Egal, was man sagt, was man hat. Ich bin hypersensibel. Aber du wirkst gar nicht hypersensibel. Ja, das nennt man Masking. Ich finde es sehr interessant, was Philipp Sieme Hoffmann hier mit dieser Figur macht. Ich finde es total toll. Und ich weiß nicht ganz genau, ob ich nicht meinen Impuls, den ich sonst immer habe, zu sagen, warum lässt ihr nicht jemanden aus der Zielgruppe das sprechen? Aber den Impuls habe ich hier gar nicht so stark. Ich habe darüber nachgedacht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es vollkommen in Ordnung ist, dass er das so macht. Zum einen, weil es vor allem um das Voice Acting geht und er nicht komplett die Figur spricht. spielt, sondern das Voice-Acting vor allem macht und die Figur, wie sie uns gezeigt wird, vor allem durch die Animation auch geklärt wird. Und zum anderen wäre es vielleicht auch, ich glaube, er hätte der Einfluss, den ein Schauspieler hat, der aus der Zirko bekommt, den kann er hier sowieso nicht so ausspielen. Als jetzt im Live-Action zum Beispiel.
Florian Bayer: Ja, finde ich plausible Argumente dafür. Also ich liebe Philip Seymour Hoffman, ich habe ihn nicht erkannt. Ich fand die Stimme großartig. Ja,
Johannes Franke: ganz toll.
Florian Bayer: Toni Collette als Mary. Super. Bekannt aus The Sixth Sense.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und um das vielleicht noch dazu zu sagen, also als erwachsene Mary, es gibt auch eine junge Darstellerin für die junge Mary.
Johannes Franke: Die ich auch sehr süß fand.
Florian Bayer: Die war total putzig. Ich fand die Stimmen sowieso alle sehr gut. Ich wollte jetzt die großen Namen nennen, weil das waren wirklich große Namen. Philipp Simon Hoffmann war damals nicht einfach nur ein Indie-Schauspieler, sondern der hatte schon Capote gedreht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der war ein Star.
Johannes Franke: Ja, absolut. Ich glaube,
Florian Bayer: für Capote hat er einen Oscar gekriegt.
Johannes Franke: Oh, das weiß ich nicht mehr. Aber er hat gerade in dem Moment in London Theater gespielt.
Florian Bayer: Ja, Philipp Simon Hoffmann war immer Charakterdarsteller und hat auch immer mit der Bühne geflirtet.
Johannes Franke: Ja, aber das ist in Amerika und in England gerade, ist das viel, viel verbreiteter, dass man auch Theater spielt. Das ist in Deutschland nicht ganz so stark so.
Florian Bayer: Und Toni Collette hatte Sixth Sense 99 gemacht und Little Miss Sunshine war der Film, in dem er gespielt hat vor diesem Jahr. Großen Namen, ich will es deswegen betonen, weil dieser Film war scheiß teuer. Dafür, dass es so ein Indie-Animationsfilm ist, Claymotion ist natürlich auch teuer und wahrscheinlich auch teurer als günstiges CGI.
Johannes Franke: Aufwendig.
Florian Bayer: 5 Millionen US-Dollar, beziehungsweise 8 Millionen australische Dollar. Und das konnte er natürlich nicht einspielen. Das ist die Zahl, die man auch zusätzlich dazu nennen muss. Dafür ist er einfach zu sehr nischig. Er hat 1,7 Millionen gemacht am US-Dollar, am Box-Office.
Johannes Franke: Immerhin, aber es ist schon auch nischig einfach. Das krasse ist, ich habe damals... sofort davon gehört. Ich wusste, dass dieser Film existiert und ich wusste, dass er sehr gut sein soll. Hab ihn mir nie angeschaut, ich Idiot, aber ich hab davon gehört. Aber wenn ich mich umhöre, sonst kennt ihn niemand.
Florian Bayer: Ich hatte diesen Film nicht auf dem Schirm.
Johannes Franke: Aber warum?
Florian Bayer: Ich weiß nicht. Ich hab das Plakat gesehen und dachte, ah, Nick Park. Weil das der Einzige, wenn wir an moderne Claymotion denken, dann denken wir an Nick Park, also an hier Wallace & Cromet, Chicken Run. Genau. Den Briten, der skurrile, lustige Filme macht. Das habe ich erwartet. Und dann auch noch mit diesem Titel, wenn Schrumpfen scharfen, wenn es regnet. Das klingt auch so nach Nick Park. Und das war meine Erwartungshaltung. Und da muss ich sagen, hat der Film mich voll überrannt. Und ich bin gar nicht der größte Nick Park Fan. Ich finde Wallace and Gromit okay, aber ich sehe da nicht das Meisterwerk drin wie manche andere. Dieser Film hat mich voll getroffen, weil er wirklich krass emotional ist. Und weil er so von der grundsätzlichen Haltung so eine geile Kombi hat aus Naivität und Intelligenz. Sowohl der Film hat es, als auch seine beiden Protagonisten hatten es und ich liebe diese Kombi. Ich finde die total sympathisch irgendwie und damit ist er dann halt auch wirklich so ganz banal, so ein Loblied auf die Individualität und darauf, dass das Leben halt auch, auch wenn es Risse hat, auch wenn es Schmerzen bedeutet, Uneinsamkeit und so weiter, dass es trotzdem einfach schön sein kann und ich habe die ganze Zeit geheult bei dem Film, weil der wirklich bewegt.
Johannes Franke: Der Film hat ja nicht umsonst auch den Hauptpreis beim wichtigsten Animationsfilm Festival der Welt gewonnen. In Annecy. Annecy? Annecy. Ich habe keine Ahnung, wie man es ausspricht. Du bist der Franzose von uns beiden. Christophe Lannissé. Ich weiß es nicht. Also jedenfalls hat er Preise gewonnen. Also er ist tatsächlich innerhalb der Branche oder sowas, wie man das so sagen würde, ist er sehr, sehr gut angekommen. Aber er hat einfach das Geld nicht eingespielt, was er hätte müssen. Aber es gibt von ihm den neuen, der auch schon nicht mehr so neu ist, aber dieser Schneckenfilm. Ich habe den Titel gerade nicht da. Verdammt.
Florian Bayer: Von Adam Elliot?
Johannes Franke: Ja, cool. Memoiren einer Schnecke?
Florian Bayer: Memoir of a Snail. aus dem Jahre 2024, den ich leider nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Nee, leider nicht. Ich auch nicht. Aber das ist jetzt sozusagen als nächstes dran, würde ich sagen. Also für mich, jetzt nicht für einen Podcast, das können wir ja vielleicht irgendwann später nochmal machen, aber mich interessiert der.
Florian Bayer: Ja, mich auf jeden Fall auch. Also nachdem ich diesen Film jetzt gesehen habe, habe ich grundsätzlich Interesse auch an den Kurzfilm von Elliot, also Harvey Crumpet. Ist ja der Große, also der Bekannte, aber es gibt wohl auch noch ältere Brother aus dem Jahr 1999 und Cousin aus dem Jahr 1997 und Ernie Biscuit aus dem Jahre 2015 ist auch ein Kurzfilm. Ich bin neugierig auf das Werk von ihm und was er sonst noch gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, dass das so ein Regisseur ist, bei dem man ab einer gewissen Menge an Filmen sagt, okay, jetzt kenne ich seinen Stil und jetzt reicht's. Andererseits hat er Gott sei Dank viele Kurzfilme gemacht und nicht so viele Langfilme. Das heißt, vielleicht dauert es ein bisschen länger, bis man genervt und übersättigt ist. Bessern lassen.
Johannes Franke: Ja, ich warte noch, bis ich den nächsten besser nenne. Um noch ein, zwei schwierige, kritische Sachen einzubringen. Es gibt doch durchaus ein paar Gags, die so große Themen anstoßen. Wie Elektrotherapie. Das wird für einen Gag gemacht, aber dann nicht weitergeführt und du hast keinerlei weitere Auseinandersetzung damit. Und das ist schon ein bisschen, manchmal denkt man so, das wird jetzt ausgebeutet für ein Lacher, aber es ist ein ernsteres Thema und wenn das gar nicht weitergeführt wird, dann ist es mir vielleicht ein bisschen zu kurz. Und warum dann nicht darauf verzichten lieber, weil das Thema, was da aufgemacht wird, wirklich sehr groß ist.
Florian Bayer: Habe ich tatsächlich nicht allzu groß als für den Lacher gemacht wahrgenommen, weil es wird danach erzählt, wie er nach diesen acht Monaten, Wie gesagt, ist er in einem Krankenhaus, in einer Psychiatrie. Danach sehen wir ihn komplett. gelähmt fast auf seiner Couch sitzen und gar nichts tun. Und das habe ich das Gefühl, wird es zumindest kurz angeteasert, wie diese Elektroschocktherapie auf ihn eine Wirkung hatte. Und das reicht mir in dem Moment. Aber ja, vielleicht kann man das so sehen, dass es ein bisschen zu viel Gag ist. Aber es ist halt, es wird halt Psychiatrie in den 70ern erzählt und da war das Standard. Da war das auch einfach Alltag.
Johannes Franke: Ich meine, es gibt immer noch Elektrotherapie. Aber auf eine völlig andere Art und Weise, als es im Film dargestellt wird. Was tatsächlich sinnvoll ist und so. Also da muss man ein bisschen gucken. Und diese Elektrotherapie wird tatsächlich in Filmen immer so dargestellt.
Florian Bayer: Elektrotherapie in den 70ern war auch was anderes als die Elektrotherapie von heute. Und tatsächlich war es auch so ein Heilmittel für alle psychischen Krankheiten, bei denen es zu Auffälligkeiten kommt. Weil ich glaube, was man halt sehr schnell schafft, ist das Gehirn ruhig zu stellen. Was war dein zweiter Gag?
Johannes Franke: Ich habe die nicht alle aufgeschrieben. Ich hatte nur so grundsätzlich ein Gefühl am Ende, dass es durchaus mehrere Stellen gibt. Und das habe ich so als Beispiel aufgeschrieben. Ist leider jetzt zu lange her, dass ich das jetzt noch genauer nachgucken könnte.
Florian Bayer: Vielleicht müsste ich das auch noch mal unter dem Aspekt schauen. Weil ich hatte das Gefühl während des Films, dass wenig, was so gezeigt wird, an Eigenheiten von Figuren oder an Geschehnissen, wenig für Humor ausgeschlachtet wird.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber vielleicht lohnt es sich da auch nochmal wachsamer drauf zu gucken, weil ich meine, es wird viel auch so nebenher erzählt. Die Kleptomanie von ihrer Mutter und der Ergo-Lismus. Das wird alles so nebenher erzählt und ich kann mir vorstellen, dass da manchmal daneben gegriffen wird. Mir ist es während des ersten Schauens nicht so aufgefallen. Vielleicht auch die Sehbehinderung von seiner Nachbarin, von Max' Nachbarin Ivy. Ja,
Johannes Franke: ach da habe ich aber nichts, da habe ich kein großes Problem mit. Ich habe das Gefühl, dass sie am Ende an Geld stirbt. Sie kriegt ja das ganze Geld und dann macht sie einen Haufen Zeug.
Florian Bayer: Alle Sterbende in diesem Film, alle außer Max sterben in diesem Film auf total skurrile Weise. Sie hat so ein Jetpack und fliegt damit rum und knallt dann irgendwo dagegen. Total absurd. In den 70er oder 80er. Also es ist ein bisschen absurd. Und ich,
Johannes Franke: ja, ja, vollkommen okay. Okay, da müssen wir jetzt rüberspringen zur What the Fuck Top 3. Okay, Jingle. So, wir haben von Liz, deren Wunsch dieser Film ja ist, eine Auswahl an Top 3 Möglichkeiten. Möglichkeiten bekommen. Und wir konnten uns nicht entscheiden. Wir haben gesagt, das sind so gute Top-3-Überschriften. Vielleicht machen wir einfach alle drei, aber dann immer nur einen Film. Genau. Was wollen wir denn? Also wir haben folgende Kategorien. Jeder von uns hat einen Film für ungleiche Freunde,
Florian Bayer: einen Film für Alkoholismus bei Eltern und einen Film für gescheiterte Suizide. Danke, Liz Womit fangen wir an?
Johannes Franke: Hattest du das Gefühl, dass du den Film jetzt anders gesehen hast, weil du vorher diese Top-3-Dinger im Kopf hattest? Dass du wusstest, was auf dich zukommt, grob? Vielleicht, ja, ich glaube schon. Mist, Mist, Mist. Ich glaube schon, ich bin mit einer anderen Erwartungshaltung rangegangen, als bloß bei kurzer Sichtung des Plakats. Das heißt, ich werde demnächst fragen, hast du den Film schon gesehen und dann erst die Top 3 geben? Genau. Auf jeden Fall. Tatsächlich, unsere Top 3 laufen oft Gefahr, extrem zu spoilern. Ja, genau. Okay, ich würde sagen, wir fangen einfach an mit den ungleichen Freunden. Okay. Und ich habe... Who Framed Roger Rabbit? Bei Ungleicher kann es gar nicht mehr werden, oder? Kaninchen und Privatdetektiv. Genau, und zwar cartoongezeichnet und real. Großartig. Viel weiter auf dem Spektrum auseinander können sie nicht sein.
Florian Bayer: Den müssen wir unbedingt mal besprechen. Ich glaube, das ist einer der besten Blockbuster der 80er Jahre.
Johannes Franke: Haben wir den noch nicht besprochen? Haben wir den nicht sogar schon besprochen?
Florian Bayer: Klar, aber den haben wir noch nicht besprochen.
Johannes Franke: Wir sind jetzt bei Episode 277 oder 78 oder sowas. Und verzeiht uns, wenn wir irgendwann mal ein bisschen den Überblick verlieren, was wir schon besprochen haben. Und ich glaube, der ist tricktechnisch extrem gut gealtert. Der ist extrem gut, ja. Sorry, aber ich gehe jetzt auf unsere Webseite und suche... Ja, ich glaube, Woofrap Dr.
Florian Bayer: Rabbit war noch nicht dabei. Fuck, Alter. 1988. Ich habe auch einen Film aus den 80ern, den wir aber schon besprochen haben.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Stand By Me. Aus dem Jahr 1986, wo der sehr sensible junge Literat aus bürgerlichem Elternhaus rumhängt mit... Einigen aus sozial schwächeren Familien. Und sein bester Freund gilt als Dieb. Und das heißt, er kommt aus total kaputtem Haus. Und es sind die besten Freunde, die man sich vorstellen kann. Und ich finde das total schön. Weil es ist diese Ungleichheit, die vielleicht nicht so oft thematisiert wird, die aber, glaube ich, auch richtig doll reinhauen kann. Diese Klassenunterschiede, hätte Marx gesagt. Vielleicht sagen wir es heute anders. Aber ihr wisst, was ich meine.
Johannes Franke: Wir haben Roger Rabbit noch nicht besprochen. Ich habe es kurz noch. geguckt. Glaubst du mir etwa nicht? Nein, natürlich nicht. Wenn ich dir glauben würde, würde ich mir diesen Podcast mit dir nicht geben, weil ich will dir ja eigentlich widersprechen. Darum mache ich doch den Podcast. Ich will doch immer sagen, dass du falsch liegst.
Florian Bayer: Natürlich.
Johannes Franke: Ich hätte unter alkoholkranke Eltern, ich habe geguckt, dass ich mehrere Sachen habe, die ich aussuchen kann, aber hier habe ich wirklich nur eine Sache stehen und zwar The Shining.
Florian Bayer: Oh ja?
Johannes Franke: Weil ich das da wirklich so gut dargestellt finde. Im letzten Viewing, was wir hatten, wir haben es ja besprochen, Anfang des Jahres oder sowas, war das so stark, dieser Fokus beim Gucken von mir auf diese dysfunktionale Familie von diesem alkoholkranken Typen, der seine ganze Familie terrorisiert und das von vorne bis hinten. Und das sogar schon zu sehen ist, als er noch gar nicht richtig in der Geschichte drin ist, sondern wir nur die Frau sehen, wie sie mit ihrem Kind umgeht und wie die Psychologin nachfragt, ist denn alles in Ordnung? Und das ist so krass. Ich habe das vorher nicht gesehen, aber beim letzten Mal, als wir es gesehen haben, dann für den Podcast, war ich wirklich so, wow, okay, nochmal ganz andere Perspektive. Und The Shining ist einfach, glaube ich, jetzt gerade, weil ich ihn gerade fest gesehen habe, eine der besten Sachen, was das betrifft. Ich hätte vielleicht ein bisschen realistischer und weniger auf dieser symbolischen Ebene.
Florian Bayer: Schloss aus Glas, The Glas Castle aus dem Jahre 2017. Basiert auf so einem autobiografischen Roman von Janet Waltz. Deren Eltern, also... Hippies Aussteiger waren in den USA und die miteinander übers Land gereist sind und die Geschichte zeigt aber auch ganz gut die düsteren Seiten von diesem Außenseiterleben und wie die Tochter bzw. die Kinder sind, mehrere auch darunter leiden. Und ein Problem, was irgendwann im Film thematisiert wird und ziemlich hart thematisiert wird, ist der Alkoholismus des Vaters und vor allem der Versuch der Entzug des Vaters, der das als kalter Entzug zu Hause macht. Und der vorher seine Kinder anweist, dass sie ihm auf keinen Fall was zu trinken geben. Egal, was er sagt. Und dann haben wir halt einfach diesen Moment, zu dem es kommen musste, wo er seine Kinder im aggressivsten Ton anschreit, dass sie ihm Alkohol geben sollen. Und die Kinder müssen seinen Entzug miterleben. Fuck.
Johannes Franke: Unser letztes Thema ist gescheiterte Suizide. Ausgerechnet dafür habe ich viel mehr Filme gefunden als die anderen. Was ist denn da los? Und es ist auch oft so... komödiantisch sehr früh. Also wenn man jetzt in die 40er, 50er, 60er denkt. Und ich habe auch so einen Film drin. Und zwar It's a Wonderful Life. 1946 haben wir auch besprochen, wo es im Grunde darum geht, dass er sich ja dann irgendwie vor Zweifelung, weil alles den Bach runter geht, von der Brücke stürzen will und dann der Engel, der Schutzengel eingreift und ihm zeigt, wie die Welt wäre, wenn er denn nicht geboren wäre. Die himmlische Intervention. Was sehr cheesy klingt, ist auch sehr cheesy. Absolut. Und Flor war ein bisschen abgeturnt noch.
Florian Bayer: Es ist der kitschigste Film aller Zeiten.
Johannes Franke: Und ich habe ihn so geliebt.
Florian Bayer: Ich bin kein Fan von diesem Film.
Johannes Franke: Und das krasse ist, ich mag ja Weihnachten nicht so sehr.
Florian Bayer: Ich habe den Film vorgeschlagen.
Johannes Franke: Flo wollte mir zu Weihnachten einen Weihnachtsfilm geben und ist davon ausgegangen, dass ich ihn hassen werde und dass Flo ihn lieben wird. Und dann hat er ihn gesehen. Nein, nein, nein,
Florian Bayer: nein, die Geschichte war eine andere. Ich kannte den Film schon.
Johannes Franke: Ach, du kanntest den sogar schon? Okay.
Florian Bayer: Ich kannte den Film schon und ich bin davon ausgegangen, ich weiß nicht mehr. Vielleicht hatte ich so ein bisschen die Hoffnung, dass du ihn mit sarkastischen Tönen auch fertig machst.
Johannes Franke: Oh Gott. Es war halt einfach ein Weihnachtsklassiker und man muss diesen Weihnachtsklassiker gesehen haben. Ja, auf jeden Fall. Und ich fand ihn großartig. Und ich fand ihn nicht nur als Weihnachtsklassiker großartig, sondern einfach für seine Zeit. für das, was er erzählen will. Natürlich ist es alles cheesy und natürlich denkt man sich, okay, ich muss mir ganz doll die Zähne putzen danach, weil es so süß war. Aber ich finde es ganz toll erzählt. Es ist unglaublich. Du atheistischer Kommunist, der viel mehr mit Max zu tun hat als mit Uncle Sam, feierst diesen amerikanischen,
Florian Bayer: von christlichem Kapitalismus kitsch durchzogenen Film so ab. Stimmt, absolut. Fuck, ne?
Johannes Franke: Ich glaube, ich muss duschen gehen danach.
Florian Bayer: Also wirklich, dieser Film ist, das ist mustergültige evangelikale republikanische Propaganda. Arbeite hart, setz dein Vertrauen in Gott und alles wird gut. Okay, was hast du denn? Mein Platz 1, Magnolia, wo aus einem gescheiterten Suizid ein geglückter Mord wird. Ihr müsst euch das folgendermaßen vorstellen, ein Ehepaar streitet, die streiten sich immer mal wieder, die Frau hat wie immer das Gewehr in der Hand, normalerweise ist das Gewehr nicht geladen, diesmal scheint es geladen zu sein, es löst sich nämlich ein Schuss. Die Kugel fliegt knapp am Mann vorbei durchs Fenster und trifft einen Körper, der in diesem Moment aus dem Gebäude runterstürzt. Pointe, der Körper, der runtergestürzt ist, war ihr Sohn. Der war dafür verantwortlich, dass die Waffe geladen war. Und zwar hat er sie geladen, damit sie sich gegenseitig erschießen, weil er gesagt hat, die wollen das doch eigentlich so und warum ziehen sie es dann nicht durch. Und gleichzeitig haben ihn die strändigen Streitereien von seinen Eltern so fertig gemacht, dass er sich umbringen wollte. Also hat er sich vor dem Haus gestürzt. Er stürzt sich von diesem Haus und wäre unten in ein Netz gefallen, das sein Leben gerettet hätte. Da war nämlich ein Netz aufgespannt von Bauarbeitern, die das Dach machen wollten oder so. Und zwar einen Tag vorher, er wusste das nicht. Und er landet in diesem Netz, das ihn rettet. Problem ist, er wird halt auf dem Weg von dieser Kugel getroffen, die seine Mutter abgefeuert hat. Polizei ermittelt, kriegt das ganze Ding irgendwie zusammen, was da passiert ist. Die Mutter wird angeklagt wegen Totschlag ihres Sohnes und er wird als Mittäter aufgezeichnet. Aus dem Missglück Verglückten Suizid ist ein geglückter Mord geworden. Krass. Magnolia ist ein fantastischer Film, ein Meisterwerk aus dem Jahr 1999. Schaut ihn euch an, wenn ihr ihn noch nicht gesehen habt.
Johannes Franke: Dein Lieblingsfilm, soweit ich weiß. Ja,
Florian Bayer: also auf jeden Fall ganz oben. Mindestens Top 3.
Johannes Franke: Wir haben darüber geredet, unsere zweite oder dritte Episode. Ja,
Florian Bayer: ich habe dir den zu früh gegeben. Ich will irgendwann nochmal drüber reden, aber es ist vielleicht noch... Also vielleicht sind wir noch zu jung, um Revival-Episoden zu machen.
Johannes Franke: Ja, kommen 280 Episoden. 280 ist echt... viel. Ja, das muss man schon sagen. Aber es gibt noch so viele neue Filme. Absolut, natürlich. Es gibt so viele Filme, die ich dir noch nicht zugeworfen habe. Okay. Raus hier. Gehen wir zurück in Mary und Max. Das war unsere Haben wir noch große Baustellen aufzumachen? Eigentlich nicht, oder? Wir müssen nur unser Fazit sprechen. Das klang so so kral. Ja. Das Urteil. Und ich sage euch, Gottes Liebe ist allgegenwärtig. Auch in diesem Film. Ja, dieser Mann hat wirklich sehr viel Liebe für seine Figuren übrig. Und das finde ich total schön. Und das ist total wichtig für den Konsum dieses Films, dass man auch die ganze Zeit weiß, okay, der hat seine Figuren lieb und das ist alles gut. Und es ist natürlich wahnsinnig herzreißend rührend, wie sie dann da sitzt und er all ihre Briefe an die Decke geklebt hat und dann den Blick auch nach oben hat, während er gestorben ist. Und das ist total schön. Und du hast vorhin gesagt, es hat auf jeden Fall ein Happy End. Und ja, natürlich muss ich dir geben, es ist auf jeden Fall ein Happy End, weil er bekommen hat, was er von seinem Leben wollte. Und sie hat, was hat sie eigentlich? Ja, sie hat, ja.
Florian Bayer: Sie hat ihr Leben bekommen.
Johannes Franke: Sie hat eine tolle Freundschaft, aber sie...
Florian Bayer: Sie hat ihr Leben bekommen. Sie hätte sich fast umgebracht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und sie hat ihren Freund zurückgewonnen, genau im richtigen Moment. Und sie hat ein Kind, um das sie sich jetzt kümmern muss.
Johannes Franke: Das stimmt. Ja.
Florian Bayer: Es ist ein unglaublich fantastischer Film. Es ist ein unglaublich deprimierender Film. Also wirklich auch düster deprimierend und wirklich auch so, dass es weh tut. Aber er ist dabei so menschlich, dass er einfach auch auf eine schöne Art bewegend ist, auf eine schöne Art deprimierend. Und das schnürt so ein Gesamtpaket, was bei mir wirklich gut funktioniert. So diese Mischung aus Edginess, skurrilem Humor, absurdem Humor, großem Drama und dann vor allem so einem menschlichen Realismus. Liz, wirklich vielen Dank, dass du uns diesen Film gegeben hast. Das ist ein Knaller. Ich glaube, das ist der beste Film, den du dir bisher zum Geburtstag gewünscht hast.
Johannes Franke: Also nächstes Jahr, ich bin sehr gespannt, was kommt. Du musst es toppen. Das wird verdammt schwierig. Ich bin so glücklich, dass ich diesen Film gesehen habe. Schön. Okay, dann ihr da draußen, das war es für diese Woche. Ihr könnt gerne wieder dabei sein, wenn wir nächste Woche über den nächsten Film sprechen. Und wenn ihr wissen wollt, was das wird, dann hört euch den Jingle nochmal an und dann... Werden wir darüber reden, was wir als nächstes besprechen. Ansonsten wie immer, vielen Dank fürs Zuhören. Wir hören uns nächste Woche. Bis dann. Bis dann. Ciao. Ciao. Ich sehe Menschen. Klein, willst du wirklich M. Night nehmen? Ja, M. Night Shyamalan. Das Problem ist, ich habe... die ganzen vergangenen 280 Episoden immer, wenn du M. Night Shyamalan gesagt hast, gesagt, nein, nein, der ist eigentlich wirklich gut. Und immer verteidigt, was für eine schwierige Sache gemacht hat. Sowas wie Glass und sowas ist nicht so dein Ding gewesen, ne?
Florian Bayer: Nein, also ich finde 80% der Filme von ihm sind wirklich nicht gut. Wirklich schlecht im Sinne von, ouch, das tut weh, das zu gucken, bis zur Fremdscham. Aber Ich entnehme deiner Stimme, dass du wahrscheinlich das Sixth Sense machen willst.
Johannes Franke: Genau, das ist der Einsteigerfilm, den alle geil fanden. Das ist der gute Film von ihm, zumindest habe ich ihn so in Erinnerung. Zumindest das, genau. Und ich habe tatsächlich auch seit vielen, vielen Jahren keinen M. Night Shyamalan mehr gesehen. Und vielleicht gucke ich da heute auch anders drauf. Seit wir den Podcast machen, habe ich keinen mehr gesehen. Und vielleicht bin ich die ganze Zeit von deinem Zynismus angesteckt. Und jetzt gucke ich ihn mir an und habe... diese Naivität nicht mehr und find's scheiße oder so.
Florian Bayer: Das Problem bei Shyamalan ist, dass seine Filme auf dem Papier immer extrem gut klingen. Und deswegen gucke ich die alle. Ich hab alles seine letzten Filme auch gesehen.
Johannes Franke: Du hast wirklich Glas und alles?
Florian Bayer: Ich hab das alles gesehen. Du liest den Pitch und denkst, geil, dieser Film hat so viel Potenzial. Und dann liest du den Regisseurnamen und denkst, scheiße. Aber er ist so gut darin.
Johannes Franke: Aber er versucht's wenigstens. Und du hast auch ein Herz übrig für Leute, die zu hohe Ansprüche haben.
Florian Bayer: Ich glaube, ich habe ganz viel Herz für Shyamalan. Und einer meiner Lieblingsfilme von ihm ist auch einer von den Filmen, die wirklich sehr, sehr, sehr, sehr gehasst wurden. Werde ich auch nächste Woche erzählen. Aber die letzten waren wirklich sowas wie Old. Hat einen großartigen Pitch. Das ist so ein Film, du liest einen Satz, so in einem Satz zusammengefasst und denkst, den muss ich sehen. Der klingt total interessant. Und dann guckst du ihn und denkst, ach so, ja, es war Shyamalan.
Johannes Franke: Was habe ich erwartet?
Florian Bayer: Und das ist bei ganz vielen Filmen von ihm so.
Johannes Franke: Aber ich bin sehr gespannt drauf. Ja, ich auch total. Oh Gott, oh Gott, oh Gott, ich bin ein bisschen nervös. Okay, dann nächste Woche The Sixth Sense von M. Night Shyamalan. Guckt ihn nochmal, dann könnt ihr ordentlich mitreden und versteht auch jeden Twist und Turn, den wir machen, während wir darüber reden.
Florian Bayer: Wir werden diesen Film spoilern.
Johannes Franke: Ja, und es gibt, und das ist ein Film,
Florian Bayer: der berühmt ist und wahrscheinlich deswegen, also wahrscheinlich ist er so berühmt für seinen Spoiler, dass jeder den Spoiler kennt, aber das ist ein Film, den man nicht gespoilert sehen sollte.
Johannes Franke: Auf gar keinen Fall, ja. Und der auch Schuld daran ist, dass danach ganz viele Leute unbedingt einen Twist wollten.
Florian Bayer: Und nach wie vor, also so wie ich es in Erinnerung habe, ist es einer der besten Twists der Filmgeschichte, aber es ist lange her, dass ich ihn gesehen habe. Gut, dann bis nächste Woche. Bis dahin. Bis dahin. Ciao. Ciao.
