Episode 292: Ulysses (1967) – Die einzig wahre Odyssee-Verfilmung und der Jahrhundertroman von James Joyce
Es war das Jahr 1922, als der irische Autor James Joyce einen Roman schrieb, der irgendwie als der meiste Roman in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen sollte. Ein Großstadtroman, ein Roman der Moderne mit allen Spielereien, die die Epik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergibt: Bewusstseinsströme, symbolische Überhöhung, Tiefenpsychologie, Metatextualität, Kryptizismus, ein wilder Ritt durch alle Genres: Erzählung, Drama, Yellow Press, freie Assoziation, dialektisches Frage- und Antwortspiel… achja, just for the record: Ich liebe liebe liebe dieses Buch! Aber wir sind nicht hier, um über dieses unverfilmbare Stück Prosa zu reden, sondern über seine Verfilmung aus dem Jahr 1962, die sich zumindest auf dem Papier sehr nah an der Vorlage orientiert.
Erzählt wird ein Tag in der irischen Hauptstadt Dublin. Im Zentrum stehen zwei Personen: Der grüblerische junge Schriftsteller Stephen Dedalus und der gutherzige Jude Leopold Bloom, der versucht darüber hinwegzukommen, dass er von seiner Frau Molly betrogen wird. Die Wege der beiden werden sich an diesem Tag mehrmals kreuzen, bis es schließlich am späten Abend zu einem echten Miteinander kommt. Aber was passiert dazwischen? Stephen ist am Strand unterwegs und verliert sich in seinen Gedanken, Leopold ist permanent antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Wir erleben eine Beerdigung und eine Geburt, Zeitungsannoncen werden gesetzt, philosophische und politische Diskussionen werden geführt, irgendwann geht es ins Bordellviertel, wo der Film zu einem bizarren Fiebertraum wird. Und am Ende dürfen wir dem Gedankenstrom einer einschlafenden – oder orgasmierenden – Frau beiwohnen.
Aber was passiert da eigentlich wirklich? Die Odyssee natürlich, also in irgendeiner pervertierten, eklektischen, modernen Version. Okay, ich habe natürlich leicht reden, weil ich die Vorlage gut kenne, die Cheat Codes zum Verstehen im Kopf und diverse Komplettlösungen gelesen habe. Hast du bestimmt auch im Nachhinein, Johannes. Aber die spannende Frage ist: Wie wirkt dieser kaleidoskopische Film auf jemanden, der das Buch nicht kennt, der noch nie vom Gilbert-Schema gehört hat? Kommt man da überhaupt rein oder bleibt es von Anfang bis Ende unverständliches akademisches Gewichse?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 292: Ulysses (1967) – Die einzig wahre Odyssee-Verfilmung und der Jahrhundertroman von James Joyce Publishing Date: 2026-08-05T06:36:35+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/08/05/episode-292-ulysses-1967-die-einzig-wahre-odyssee-verfilmung-und-der-jahrhundertroman-von-james-joyce/
Florian Bayer: Man versteht nichts.
Johannes Franke: Das ist geil.
Florian Bayer: Es sind Sätze, die man nicht versteht. Das heißt, man ist in diesem Kapitel drin und man liest Sätze und man versteht nicht, was da passiert, weil das eine andere Sprache ist. Johannes, was mache ich heute mit dir? Ganz ehrlich, ich bin echt ein bisschen aufgeregt. Ich bin echt ein bisschen nervös, aber ich glaube, ich habe eine Idee, wie ich einsteigen könnte.
Johannes Franke: Jetzt holt er seine Tasche hoch. Okay, was wird das jetzt? Oh nein, er hat den Brocken dabei. Ulysses von James Joyce. Herzlich willkommen. Auf dem Tisch. Mein Küchentisch hat sowas hohes an Literatur nie gesehen.
Florian Bayer: Herzlich willkommen beim Muss-Man-Lesen-Podcast. Ja. Wo wir uns gegenseitig Bücher zuwerfen. Leit mir euer Ohr.
Johannes Franke: Autsch, dieses Buch darfst du mir nicht zuwerfen. Geh in den Kopf.
Florian Bayer: Stattlich und feist erschien Backmalligen am Treppenaustritt ein Seifenbecken Ja.
Johannes Franke: Ganz kurz, ist das prüfungsrelevant? Ja.
Florian Bayer: Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte Intro Ibo Ad Altare Dei.
Johannes Franke: Oh Gott.
Florian Bayer: Als ich die ersten Worte von James Joyce gelesen habe, von Ulysses, war ich ungefähr 14. Das war der erste Satz, den ich gelesen habe und ich dachte, wow, ich verstehe das geil.
Johannes Franke: Uh, du hast Lateinunterricht.
Florian Bayer: Das habe ich nicht verstanden. Aber ich habe die verstanden. Ja, ich hatte Lateinunterricht. Tatsächlich habe ich verstanden, dass er offensichtlich irgendwas sagt, was irgendeine heilige Messe sein soll. Und ich dachte, geil, ich verstehe das und ich kann weiterlesen und hab dann weitergelesen und hab das erste Kapitel gelesen und gedacht, geil, ich verstehe das. Dieser riesige Brocken, den ich mit sieben oder acht Jahren im Bücherregal meiner Eltern gesehen habe und ich habe meinen Vater gefragt, was ist das? Das ist das größte und schwerste Buch, was da steht. Worum geht es da? Weil das hat mich voll fasziniert. Weil das auch so, wir hatten so eine dunkle Ausgabe. Staubschutz hat gefehlt. Es war wirklich, es war wie ein Monolith. Mein Vater hat gesagt, in diesem Buch geht es.
Johannes Franke: alles. Okay.
Florian Bayer: Und seitdem wollte ich dieses Buch lesen. Und dann sitze ich da als Schütze und lese das erste Kapitel und denke, geil, ich verstehe das. Und dann lese ich weiter und bin, ich glaube, im zweiten Kapitel dachte ich noch... Ah, ich verstehe das. Und dann im dritten Kapitel war ich komplett lost.
Johannes Franke: Natürlich. Und ging es um alles?
Florian Bayer: Es ging um alles. Aber das habe ich damals noch nicht verstanden. Aber jeder Mensch hat irgendwie so Mount Everest in seinem Leben. Ja, natürlich. Und das war mein literarischer Mount Everest. Krass. Seitdem ich das als wirklich viel zu junger Jugendlicher versucht habe zu lesen, Und ich habe es nach und nach erklommen. Und während der Zivildienstzeit habe ich es zum ersten Mal von Anfang bis Ende gelesen. Ich habe Zivi in der Schule gemacht. in einer Grundschule und hab da dann immer im Lehrerzimmer gesessen und hatte das Buch da liegen und dann eben die Komplettlösung, das Rätsel Ulysses, Und habe mich wirklich vor und nach und nach durchgekämpft.
Johannes Franke: Oh mein Gott.
Florian Bayer: Und ich habe es gelesen. Und ich habe es seitdem noch ein, zwei Mal gelesen. Und ich würde behaupten, ich verstehe 30 Prozent von diesem Buch.
Johannes Franke: Wie viele Seiten hat das Buch?
Florian Bayer: Ich habe hier eine besondere Ausgabe. Die kam im Jahr 2004 raus. Da war ich schon junger Erwachsener und dachte, geil, die muss ich haben. Das ist die Hans-Wollschläger-Übersetzung. Ich habe das Buch übrigens nie im Original gelesen. Da habe ich mich nicht dran getraut. Das ist die Hans-Wollschläger-Übersetzung aus dem Jahre 2004.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Mit ganz vielen Anmerkungen.
Johannes Franke: Ach du Scheiße.
Florian Bayer: Und zwar wirklich, es stehen einfach, es ist so... Das Buch ist Anmerkungen. Es ist so zweigeteilt. Du hast den Text zentral und dann hast du rechts so Fußnoten. wo drinsteht, wie das übersetzt werden kann, worauf das eine Anspielung ist und so weiter. Das Ding hat 1100 Seiten.
Johannes Franke: What the fuck?
Florian Bayer: Die englische Originalausgabe ist natürlich ein bisschen kürzer, aber glaube ich auch so irgendwas zwischen 500, 700 Seiten stark. Dieses Buch ist ein Weltstar und dieses Buch ist ein Mount Everest ... Und man muss schon echt ein prätentiöser Scheißkerl sein, um zu behaupten, ich liebe dieses Buch. Und ich sage euch jetzt allen, versucht es. Es lohnt sich. Und wenn ihr auch nur die Hälfte versteht und wenn ihr auch nur 10% versteht, es gibt in diesem Buch so viele Sachen, die wirklich die mindblowing sind. Super.
Johannes Franke: Prätentiöser Idiot, du.
Florian Bayer: Ich weiß. Es ist wirklich krass. Es ist ein total überladenes Buch. Es ist teilweise ein total selbstverliebtes Buch. Aber es ist auch ein Buch, das voller Albernheiten steckt, voller Trivialitäten, voller Obszönitäten. das sexuell unglaublich ausschweifend ist, was übrigens Joseph Strick auch gesehen hat, der sich im Film hauptsächlich auf das sexuelle Ausschweifende konzentriert. Es ist ein krasses Werk, es ist ein Mammutwerk, es vermischt verschiedenste Stilarten. Es ist total irre, wir reden heute nicht über das Buch. Wir reden auch über das Buch. Wir reden heute aber vor allem über die Verfilmung von diesem Buch. 1967 von Joseph Strick. Johannes, jetzt darfst du.
Johannes Franke: Ich bin wahnsinnig gespannt auf deine Zusammenfassung des Films, die du hier hoffentlich geschrieben hast. Ja, damit wir wissen, worum es sich handelt.
Florian Bayer: Ich lege einfach mal los mit der Zusammenfassung, die noch einigermaßen normal ist und dann versuchen wir uns irgendwie durchzuhangeln und durchzukämpfen.
Johannes Franke: Okay. Übrigens, dieses eine Mal bin ich nicht böse, wenn ihr den Film nicht gesehen habt oder das Buch nicht gelesen habt und einfach nur... auf Ulysses geklickt hat und gesagt hat, mal gucken, ob diese Idioten es schaffen, mir zu verkaufen, dass das gut ist.
Florian Bayer: Spoiler, wir werden scheitern. Es war das Jahr 1922, als der irischer Autor James Joyce einen Roman schrieb, der irgendwie als der meiste Roman in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen soll.
Johannes Franke: Der meiste Roman.
Florian Bayer: Ein Großstadtroman. Ein Roman der Moderne mit allen Spielereien, die die Epik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergibt. Bewusstseinsströme, symbolische Überhöhung, Tiefenpsychologie, Metatextualität, Kryptizismus, ein wilder Ritt durch alle Genres. Ich liebe, liebe, liebe dieses Buch. Aber wir sind nicht hier, um über dieses unverfilmbare Stück Prosa zu reden, sondern über seine Verfilmung aus dem Jahr 1967. die sich zumindest auf dem Papier sehr nah an der Vorlage orientiert. Erzählt wird ein Tag in der irischen Hauptstadt Dublin. Im Zentrum stehen zwei Personen. Der krüblerische junge Schriftsteller Stephen Daedalus und der gutherzige Jude Leopold Blum, der versucht darüber hinwegzukommen, dass er von seiner Frau Frau Molly betrogen wird. Die Wege der beiden werden sich an diesem Tag mehrmals kreuzen, bis es schließlich am späten Abend zu einem echten Miteinander kommt. Aber was passiert dazwischen? Steven ist am Strand unterwegs und verliert sich in seinen Gedanken. Leopold ist permanent antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Wir erleben eine Beerdigung und eine Geburt. Zeitungsannoncen werden gesetzt, philosophische und politische Diskussionen werden geführt, Irgendwann geht es ins Bordellviertel, wo der Film zu einem bizarren Fiebertraum wird. Und am Ende dürfen wir dem Gedankenstrom einer einschlafenden oder orgasmierenden Frau beiwohnen. Aber was passiert da eigentlich wirklich? Die Odyssey natürlich. Also in irgendeiner pervertierten, eklektischen, modernen Version. Okay, ich habe natürlich leicht reden, weil ich die Vorlage gut kenne, den Cheatcode zum Verstehen im Kopf und diverse Komplettlösungen gelesen habe. Hast du vielleicht auch im Nachhinein, Johannes. Aber die spannende Frage ist, wie wirkt dieser kaleidoskopische Film auf jemanden, der das Buch nicht kennt? der noch nie vom Gilbert-Schema gehört hat. Kommt man da überhaupt rein oder bleibt es von Anfang bis Ende unverständliches akademisches Gewichser?
Johannes Franke: Es kommt eine weitere Ebene hinzu. Ich habe ihn auf Englisch gesehen.
Florian Bayer: Natürlich hast du ihn auf Englisch gesehen.
Johannes Franke: Ohne Untertitel.
Florian Bayer: Du Idiot.
Johannes Franke: Ich habe keine Untertitel gefunden.
Florian Bayer: Nein, du hast keine Untertitel gehabt.
Johannes Franke: Aber ich habe ihn dann nochmal gesehen auf Deutsch. In der synchronisierten. Version, die ein schlechtes Bild hatte, weswegen ich es am Anfang abgewählt habe. Es gibt auf YouTube eine deutsche Version, die Eine gekürzte deutsche Version. Da sind viele sexuelle Sachen nicht so drin. Und ich habe sozusagen das Englische gesehen. viel verwirrt? Dann die Deutsche nochmal geguckt. Und es ist ja auch schon kein kurzer Film. Es sind ja schon auch zwei Stunden und 15 Minuten.
Florian Bayer: Allein dafür schon Respekt. Der Punkt geht an dich.
Johannes Franke: Danke, danke, danke. Mehr Punkte werde ich nicht sammeln. Ich werde die restliche Episode im Grunde hier sitzen und dir zuhören, wie du darüber referierst, wie gut das Ding ist. Aber das, was ich theoretisch darüber jetzt weiß, nachdem ich das geguckt habe und viel verwirrt war und viel gedacht habe, wenn du mir was sagen willst... dann sag's mir doch. Das hab ich oft gedacht, aber mit dem ganzen theoretischen Hintergrundwissen und so weiter, denke ich, Auch auf der theoretischen Ebene total geil und total spannend.
Florian Bayer: Oha.
Johannes Franke: Auf der praktischen Ebene, ich bin völlig überfordert.
Florian Bayer: Ich habe ja von Anfang an irgendwie gewusst, dass ich dich damit so in die nächste große Arthouse-Krise rein stolpern lasse.
Johannes Franke: Ja, absolut, absolut.
Florian Bayer: Interessant ist an dem Film vor allem, ich habe den Film vielleicht zweimal in meinem Leben gesehen. Und ich weiß noch, als ich den das erste Mal gesehen habe, war ich so... Er ernüchtert ein bisschen, weil ich hätte gedacht, ich habe was Wilderes erwartet. Und was natürlich mit der Vorlage zusammenhängt, weil die Vorlage hat eine Wildheit, die echt schwer in Filmen umzusetzen ist. Und ich habe ich ihn dann doch auch so ein bisschen lieb gewonnen und fand es auch spannend, jetzt beim nochmaligen Schauen, wie... Also dieses Mal drittes Mal gesehen. Ja, wahrscheinlich, so kein Dorf. Beim jetzigen Schauen nochmal so fand ich spannend, worauf der Regisseur einen Fokus legt. Und was ihm besonders wichtig ist an der Vorlage, weil ich meine, es ist klar, wir haben hier so einen Wälzer vor uns, dass es unmöglich ist, davon alles zu nehmen. Und der Regisseur Joseph Strick entscheidet sich offensichtlich dafür, bestimmte Passagen im Buch, die auch im Buch zu den längsten Passagen gehören, mit besonders viel Aufmerksamkeit zu würdigen, was ich total toll finde. Und vor allem ... Er bemüht sich wirklich darum, das so nah am Text wie möglich umzusetzen und wenn diese große Kierke-Szene kommt, wo du genauso wie ich komplett drin verloren bist und überhaupt nicht weißt, was da passiert. Das ist fast eins zu eins, das Buch. Was vor allem daran liegt, dass diese Szene im Buch ein fucking Drama ist. Mit Regieanweisungen.
Johannes Franke: Es ist aber auch krass gekürzt trotzdem.
Florian Bayer: Natürlich ist es gekürzt. Aber was da passiert, wo du drauf guckst und denkst, da passieren komische Bilder und plötzlich hat er ein anderes Kostüm an und so weiter. Das steht da im Buch. Da steht drin, Plum hat jetzt ein Napoleon-Kostüm an. Geil, geil, geil. Plum hat jetzt das und das an und es passiert das und das. Das heißt... Also in diesen Punkten merkt man, wie sehr er sich an der Vorlage orientiert hat und wie leicht es ihm in diesem absurdesten Kapitel überhaupt gefallen ist und weswegen er dann auch... am Anfang ein bisschen den Move macht, dass er sehr schnell dahin rennt.
Johannes Franke: Ah, okay, verstehe.
Florian Bayer: Das heißt, wenn man die Vorlage kennt, hat man das Gefühl, wow, das rast ja so durch und einige Kapitel, die im Buch wirklich lange sind, werden innerhalb von zwei Minuten im wahrsten Sinne des Wortes runtergespielt. Und dann, wenn man feststellt, ah, dieser krasse sexuelle Fiebertraum, der total freudianig ist, Da hat er Spaß dran und das ist jetzt über eine halbe Stunde von diesem Film. Dann versteht man auch so ein bisschen, warum er am Anfang so gerast ist, um da hinzukommen. Verstehe.
Johannes Franke: Ich möchte es einmal mit Kurt Tucholskis Worten sagen und ich beziehe es nicht nur auf das Buch, sondern eben auch auf den Film, den Tucholski ja nicht kannte zu der Zeit. Er sagte, er verglichte den Roman mit einem Fleischextrakt. Ja. Mit dem Extrakt. Man kann es nicht essen, aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.
Florian Bayer: Ich finde total geil, was Virginia Woolf zu dem Buch gesagt hat, weil sie wirklich einen Punkt hat. Virginia Woolf, eine der größten Autorinnen der Moderne. Und die ganz viel, was man James Joyce vorwerfen kann, auch gemacht hat. Ja, ja, ja. diesen Stream of Consciousness, merkt euch diesen Begriff, den werden wir noch ein paar Mal benutzen, diesen Gedankenstrom, hat sie ja auch benutzt. Die hat gesagt, das wäre die Arbeit eines überempfindlichen Stroms, Studenten, der seine Picke kratzt.
Johannes Franke: Das ist ein fieses Bild, was er dir antwirft von dem Typen. Aber vielleicht hat sie auch ein kleines bisschen recht, aber ich finde, sie meint es als Beleidigung und ich sehe es fast als kompliziert.
Florian Bayer: Ja, so ein bisschen. Und vor allem, weil Virginia Woolf ist einfach eine Seelenschwester von James Joyce. Wer gerne James Joyce liest, liest gerne Virginia Woolf. Umgekehrt vielleicht nicht unbedingt.
Johannes Franke: Ach, interessant. Okay.
Florian Bayer: Aber gucken wir uns doch mal diesen komischen Studenten mit seinen Pickeln an. Und ich muss ganz blöd einmal fragen, hast du irgendwas von James Joyce gelesen?
Johannes Franke: Nein, ich habe nichts von James Joyce gelesen. Ich bin kein großer Leser. Ich lese viel Facht. Und viel so Zeugs über Zeugs, aber kaum Romane oder sowas Fiktionales. Beim Fiktionalen bin ich eher beim Film.
Florian Bayer: Verstehe ich, ja.
Johannes Franke: Absolut fair, klar.
Florian Bayer: Ich kann dir nur empfehlen, wenn du mal irgendwann Lust hast auf was Fiktionales und ich glaube so vom Style, The Portrait of the Artist as a Young Man, in dem Steven Daedalus auch eine Rolle spielt, Ist normal.
Johannes Franke: Wirklich? Aber er hat doch auch diesen Stream of Conscious.
Florian Bayer: Aber nicht so schlimm.
Johannes Franke: Aber das Problem ist ja, dass Stephen Daedalus so ein wahnsinnig überkandideltes Gedenke hat. Absolut. Und das ist doch in dem auch drin.
Florian Bayer: Aber nicht so schlimm. Und so, dass man es versteht, ja. Man kann nicht immer seinen Gedankengängen folgen, aber es wird so erzählt, dass man trotzdem dem Geschehen folgen kann. Und ich glaube so vom Style, so dieses irische Anfang des 20. Jahrhunderts. Es könnte vielleicht was sein, was deinen nervt. Aber gucken wir uns erstmal James Joyce an, der nämlich im 19. Jahrhundert geboren wurde, 1882. Möchtest du Teplor? Ja, bitte. Der neun Geschwister hatte.
Johannes Franke: Neun Geschwister.
Florian Bayer: Wie man das damals so in Irland gemacht hat. Every sperm is sacred.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und eher so eine Mittelklasse-Familie, die allerdings auch immer an der Armut genagt hat. Also sein Vater hatte teilweise ganz schöne Geldsorgen.
Johannes Franke: Haben wir das Jahr genannt? Weil das ist wesentlich, finde ich.
Florian Bayer: 1882 wurde er geboren. Ja.
Johannes Franke: Familie, die nicht so wahnsinnig Geld geschissen hat und er hatte recht früh erkennbares Talent.
Florian Bayer: Ja, und er hat auch recht früh geliebt zu schreiben und er ging dann auf verschiedene Schulen.
Johannes Franke: Und vor allem hat er tatsächlich auch Geld bekommen. Also er hat Scholarships gewonnen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Die damit verbunden war, dass er seine Familie mit unterstützt hat. Von jungen Jahren an quasi etwas Geld in die Familie verdient hat, allein dadurch, dass er eben talentiert war.
Florian Bayer: Es ist aber auch wirklich krass, wenn du dir das vorstellst. Irland, Anfang des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts, Mittelklassefamilie. Zehn Kinder.
Johannes Franke: Das ist krass.
Florian Bayer: Das ist wirklich heftig. Du musst irgendwie klarkommen. Vielen Dank für den Tee, Johannes. Naja, auf jeden Fall ein ganz wichtiger Wegstein in James-Joyles Leben und zu dem möchte ich deswegen springen, ist der 16. Juni 1904. Das erste Date mit seiner zukünftigen Frau, die er sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel später heiraten sollte, Nora Barneke. 16. Juni 1904, das ist der Tag, an dem auch Ulysses spielt und das ist der Tag, an dem seit den 50ern in Dublin und weltweit, vor allem auch in der Schweiz, weil er sich da viel aufgehalten hat, jedes Jahr der Bloom-Stay gefeiert wird.
Johannes Franke: Ja. Wichtig finde ich an dieser Stelle, dass wir einmal wenigstens sagen, was mit Bloom ist. Blum wird den ganzen Tag verfolgt. Wir sehen den Tag von Blum und all seine alltäglichen Gedanken und alles mögliche. Und Bloom wird als der Everyman quasi inszeniert, oder? Also zumindest mein Verständnis davon.
Florian Bayer: Was bei Joyce... Durchgängig ist diese Kombination vom sehr Konkreten und sehr Universellen. Das heißt ... Er nimmt sehr konkrete Sachen. Er geht so sehr konkret auf die Geschehnisse in Irland um diese Zeit an. Man kann quasi eine Dubliner Karte davon zeichnen.
Johannes Franke: Da war er sehr stolz drauf.
Florian Bayer: Ja. Und gleichzeitig erzählt er trotzdem mehr. Es gibt eine ganz konkrete Vorlage für Bloom, nämlich Alfred H. Hunter. Der James Joyce irgendwann mal geholfen hat, nachdem er verprügelt wurde. James Joyce wurde verprügelt, dieser Hunter kam zu ihm. Ja. Und hat ihm irgendwie geholfen und das war ein Jude. Und das war auch jemand, der offensichtlich Probleme damit hatte, dass er... Kack-old, kack-old, wa? Was? Es gibt auch diese schöne Szene, dem Kuckuck, der rauskommt und Kackold sagt. Und Kackold ist ja der Begriff für den gehörenden Ehemann. Also der ist eigentlich die konkrete Vorlage für Leopold Blum. Nichtsdestotrotz ist natürlich Blum ein Everyman, wobei ein sehr bestimmter Everyman, nämlich der Everyman, der irgendwie Außenseiter ist in der Gesellschaft und der nicht gehört wird und der sich auch in die Introspektion zurückzieht.
Johannes Franke: Ja, aber sind wir ehrlich, jeder sieht sich als unverstandener Außenseiter irgendwie in irgendeiner Form.
Florian Bayer: Ja, ich habe mich damals tatsächlich immer mehr mit Steven Danielus in identifiziert als junger Mann. Ja, weil der der Intellektuelle ist. Nein, vor allem, weil der der Wilde ist. Das war deine Präziosität. Nein, nein, Flora. Nein, nein, nein.
Johannes Franke: Präziosität damals hat gesagt, der Intellektuelle, das bin ich.
Florian Bayer: Ich finde, Leopold Blum kommt halt sehr oft so sehr ängstlich rüber und sehr hilflos.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich habe das erst später zu schätzen gelernt und ich finde es auch ganz spannend, wie Joyce in dieser Rolle des Blooms mit Männlichkeitsbildern spielt. Ja, total. Ja, total. permanent auf der Flucht, der ist permanent sich am Verstecken, der hat ständig Ängste und versucht irgendwie... Klar zu kommen, das ist so das, was heute von den dummen Alpha-Pros Beta genannt wird. Seine Frau betrügt ihn. Keiner hört ihm zu, er ist alles andere als die Führungsfigur in seinen Zirkeln, er steht immer irgendwie am Rande und wenn er was sagt, hört keiner zu oder ihm wird der Mund verboten. Ich finde es total spannend als Figur, aber das ist zumindest so ein bisschen was, was dieses Everyman aufbricht.
Johannes Franke: Ja, vielleicht ein bisschen.
Florian Bayer: Naja, auf jeden Fall. Wir haben alle möglichen Personen in Joyce, das Leben, sind irgendwie Vorbilder geworden für die Figuren in dem Buch. Diesen Bug Mulligan, den wir ganz am Anfang hören, diesen arroganten Drecksack, der sich rasiert und dabei einen Gottesdienst abhält. Er ist inspiriert von einem tatsächlichen Freund, den Joyce hatte, mit dem er auch sowas wie eine Künstler-WG hatte. Die irgendwie so überhaupt nicht geklappt hat und weswegen Joyce dann irgendwie unzufrieden war und da ausgezogen ist. Das wird quasi im Buch wird das halt auch erzählt. Wir haben diese Künstler, die sich zusammenfinden und zusammenleben. Und unser Held, Steven Daedalus, ist irgendwann so komplett, er sollte tatsächlich Steven Hero heißen. Das ist ein Originaltitel von dem Portrait of the Artist as a Young. Steven Hero wollte James Joyce das Buch ursprünglich nennen. Das heißt, Er sieht halt auch Daedalus als den Helden. Vor allem, weil er sich wahrscheinlich auch damit identifiziert. Auch er ist ein junger Schriftsteller.
Johannes Franke: Es ist auch sehr autobiografisch, was da drin landet.
Florian Bayer: Absolut, total.
Johannes Franke: Es sind ja nicht nur die Menschen, die als Vorlage dastehen für das Buch. Es gibt ja noch mehr Vorlagen für dieses Buch. Vor allem liebte James Joyce eben Homer und die Odyssee. Und ich habe den Film gesehen und habe gedacht, ja, wann kommt jetzt denn die Odyssee? Ich habe es nicht erkannt.
Florian Bayer: Verstehe ich voll. Ich habe es dir vorher gesagt, du bist mit dem Wissen reingegangen.
Johannes Franke: Ja, aber das war das Einzige, was ich wirklich auch schon wusste, bevor du mir das sagen konntest.
Florian Bayer: Als die Kneipenzähne war und dieser Typ mit der Augenklappe mit dem Aschenbecher wirft, da hast du gedacht, oder? Ja, da ist er.
Johannes Franke: Nein, auch da nicht. Auch da habe ich es nämlich schon aufgegeben und habe dann einfach nichts mehr drin gesehen.
Florian Bayer: Das ist nämlich der Moment, wo ich denke, es gibt so ein, zwei Sachen, was wirklich on the Und dann, wenn er als Zyklopen, der mit einem Stein wirft, einen Einäugigen hat, der mit einem Aschenbecher aus der Kneipe wirft.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja. Aber ich habe es während des Guckens nicht rausgefunden. Ich habe es erst in der Recherche festgestellt und gesagt, ja stimmt, warum ist mir das nicht aufgefallen?
Florian Bayer: Okay, wir kommen gleich zu dem großen Rätsel, Ulysses. 1904 ist James Joyce zusammen mit seiner, die noch nicht seine Frau war, sondern seine Freundin, Nora, Weil er irgendwie unzufrieden war mit, also zum einen war er unzufrieden damit, in welche Richtung sich Irland entwickelt hat, vor allem wegen Nostalgie, Nationalismus und so weiter.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: ist er mit seiner Frau nach Europa gezogen, die noch nicht seine Frau war. Und ein Ganz wesentlich finde ich bei Joyce, nämlich wenn man das Buch liest und dann so das Gefühl hat, oder den Film sieht und das Gefühl hat, das ist alles sehr irrig, was da passiert. Sehr. James Joyce war ein absoluter Weltbürger. Der ist in Europa rumgetingelt und man listet besser die Städte auf, in denen er nicht war, als die Städte, in denen er war, weil er war überall, ne?
Johannes Franke: Aber das ist die Oberfläche so ein bisschen. Man kann sich das alles anschauen, wo er alles war. Aber er hat nicht umsonst das Ganze in Dublin spielen lassen. Und alles, was er geschrieben hat, scheint irgendwie in Irren zu spielen. Und das scheint einfach ein wahnsinnig wichtiges Thema für ihn zu sein. Insofern ist er schon auch nicht nur Weltenbürger, sondern wirklich auch ihre. Absolut. Mit vollem Herz, weißt du? Und das finde ich aber auch sehr, sehr schön daran, muss ich sagen. Wenn ich mir das durchlese oder wenn ich, naja, ich habe ein bisschen... Aber wenn ich mir den Film angucke und wenn ich mir die Sachen dazu anlese, die man so dazu... Dann geht mir das Herz auf, weil ihm das wichtig war und weil er gedacht hat, ich will aber, dass Irland sich in die richtige Richtung entwickelt. Und das ist ja eine Richtung offensichtlich gewesen, die mir sehr nahe kommt.
Florian Bayer: Ja, ja, ja. Joyce hat zu den großen linken... Ja, genau.
Johannes Franke: Und das merkt man dem Ganzen halt auch an, dem ganzen Quatsch, der da auch in dem Film passiert, der aber offensichtlich aus dem Buch kommt.
Florian Bayer: Das ist das, was ich meinte mit der Doppelseitigkeit von Joyce. Und was wir auch in diesem Buch finden, Das ist natürlich dieses sehr spezifische, diese Liebe zu Irland und diese Liebe zu Dublin drin ist, aber dass es trotzdem auch gleichzeitig versucht, sowas Kosmologisches draus zu machen, irgendwie darüber hinaus zu gehen.
Johannes Franke: Eine europäische Sache zu sein.
Florian Bayer: Er war in Zürich, er war in Polen, er war in Kroatien und er war vor allem ganz viel in Triest.
Johannes Franke: Und in Frankreich, oder?
Florian Bayer: Und in Paris war er auch, er war wirklich überall unterwegs. Und in Paris hat er dann auch tatsächlich den Juliuses fertig geschrieben und versucht das Ding zu veröffentlichen. Ja.
Johannes Franke: Und da kommt eine Frau in sein Leben, die ich gegoogelt habe, einfach so, ohne da wirklich mir was dabei zu denken und habe dann... Bilder von ihr gefunden und ich bin schockverliebt in diese Frau. Die ist die Besitzerin des Buchladens Shakespeare & Company in Paris gewesen und sie hat Du hast die erste vollständige Fassung von diesem Buch veröffentlicht, weil es sonst keiner machen wollte, weil das Ding quasi schon verboten war, bevor es rauskam.
Florian Bayer: Es galt als obszön und potenziell subversiv.
Johannes Franke: Sylvia Beach, wenn ihr diese Frau googelt, Ich liebe ihren ikonischen Haarschnitt, wie sie da auch vor ihrem Buchladen steht und es ist großartig. Ich habe das sofort als mein Hintergrundbild auf dem Handy.
Florian Bayer: Das Ding war, in England wurde es einfach komplett auf den Index gesetzt, wo es tatsächlich bis 1936 war.
Johannes Franke: Krass, ne? Und in Irland ja noch länger.
Florian Bayer: In Irland ist es noch viel krasser. In Irland war es ewig verboten, bis nach dem zweiten Weltkrieg irgendwann. Ich gucke gerade, ob ich sie irgendwo finde, die Zahl. Wenn man die Jahreszahl sieht, bis wann das Ding in Irland komplett vom Tisch war, Es ist total krass und ich frage mich, die Zensuren haben das dann ja auch gelesen, um die Stellen zu finden, die obszönen... Das versteht doch keiner. Also, ich meine, die lesen das und ja, da gibt's, also es gibt... Es gibt sehr viele Begriffe und es gibt auch Szenen, wo ziemlich eindeutig irgendjemand gerade sich einen runterholt.
Johannes Franke: Ja, oder sich am Arsch kratzt und das genau ausführt.
Florian Bayer: Aber da muss man sich ja wirklich durch tausend Seiten auch sehr viel intellektuellen Wahn kämpfen.
Johannes Franke: Das stimmt wohl, ja.
Florian Bayer: Aber wenn man genug Zensurambitionen hat, dann schafft man das wahrscheinlich.
Johannes Franke: Ich muss an die Szene denken, wie die Priester im Kino gesessen haben. Wie heißt der Film? Oh ja, Cinema Paradiso. Cinema Paradiso, großartig.
Florian Bayer: Ja, er hatte wirklich Probleme, das zu veröffentlichen und Paris war offensichtlich der richtige Ort. Und wie gesagt... Es ist ein Mammutwerk und es ist ein Labyrinth. Und deswegen hat James Joyce tatsächlich schon Anfang der 20er Jahre, als er dieses Buch veröffentlicht hat, Und er hat Postanweisungen geschrieben.
Johannes Franke: Oh Gott, ist das süß.
Florian Bayer: Für seinen Freund Stuart Gilbert. Und er hat zu Gilbert gesagt, hier... Guck dir das an. Wenn du das parallel liest, dann verstehst du ungefähr, was da passiert in dem Buch.
Johannes Franke: Ach Gott.
Florian Bayer: Und das ist das Gilbert-Schema bekannt geworden.
Johannes Franke: Es ist süß, aber es ist auch so prätentiös. Und ich meine, James Joyce hat selbst über das Buch gesagt. Ich habe da so viele Geheimnisse reingepackt. Und dass die Wissenschaftler noch in Jahrhunderten darüber rätseln werden, was ich wohl gemeint haben könnte. Viel selbstverliebter geht es ja nicht mehr, oder?
Florian Bayer: Es ist absolut selbstverliebt, es ist absolut überambitionierend, es ist absolut prätentiös und man möchte ihm eigentlich auf die Fresse hauen dafür, aber ich liebe es trotzdem.
Johannes Franke: Ja, ich finde es großartig.
Florian Bayer: Das Buch hat 18 Kapitel. Und was James Joyce gemacht hat, ist, er hat diese Tabelle gemacht und uns wohlgemerkt, in dem Buch ist es so, Kapitel 1. Kapitel 2 und so weiter. Das heißt, die Kapitel haben keine Titel und da steht nichts dran, sondern es ist einfach Text. Und er hat gesagt, in diesem Gilbert-Schema, in diesem Schema, das er Gilbert gegeben hat, hat er gesagt, jedes Kapitel hat einen Titel. Es gibt eine Beschreibung, wo die Szene spielt, welche Uhrzeit das ist. Jedem Kapitel bis auf den Telemachus-Kapiteln ist ein Organ zugeordnet. Jedes Kapitel hat eine Farbe, ein Symbol, eine Kunst oder Wissenschaft und eine literarische Technik. Das erste Kapitel hat den Titel Telemachos. Die Szene ist der Turm. Es spielt um 8 Uhr morgens. Die Farbe ist weiß oder gold. Das Symbol ist das Erbe. Die Kunst ist die Theologie bzw. die Wissenschaft und die Technik ist einfach Narrativ. Wir haben dann auch Kapitel, die Technik zum Beispiel Labyrinth haben oder Gigantismus oder Halluzinationen. Und wie die Titel schon sagen ... sind die entsprechend schwerer zu lesen. Das erste Kapitel kann man lesen und man versteht, was da passiert, weil es eine klassische Narration ist.
Johannes Franke: Ganz kurz, aufwachen ihr daraus, aufwachen. Es geht weiter, es geht weiter.
Florian Bayer: Und wenn man sich dieses Schema neben dran liest, was halt wirklich nur aus Stichworten besteht, versteht man schon ein bisschen was. Was man vor allem machen kann durch diese 18 Dinger, durch diese 18 Titel, man kann die einzelnen Kapitel in dem Buch einzelnen Kapiteln in der Odyssey zuordnen.
Johannes Franke: Ja, das ist es im Grunde. Er nimmt das wirklich auch strukturell und auch inhaltlich so ein bisschen als Vorlage, wobei man wirklich aber auch... kramen muss und gucken muss, wie hat er was verstanden. Er hat ja wirklich die Odyssey Auch als Kind schon irgendwie verehrt und hatte da so seine eigenen Gedanken dazu. Und dann... Ist das wie stille Post? Weißt du, am Ende kommt da was bei raus, wo er sich was bei gedacht hat, aber wo keiner mal weiß, wo kam das denn jetzt her?
Florian Bayer: Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung. vieler Menschen Städte gesehen und Sitten gelernt und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet, seine Seele... Ich finde, wir können viel drüber reden, dass Ulysses schwer zu lesen ist. Ich finde die Odyssey, ich mag die die Geschichten total interessant. Ich finde, dass den Originaltext in der deutschen Übersetzung natürlich, weil ich kein Altgriechisch kann, den Originaltext zu lesen, Das ist mir too much. Das kann ich nicht. Diese Versen von Homer oder wem auch immer, Es ist wirklich hart, ne?
Johannes Franke: Ja, ich weiß gar nicht, wie man als Kind das dann so darauf abfahren kann.
Florian Bayer: Ich glaube, die meisten, die das als Kind mögen, haben irgendeine Art von... von ein klassischer prosaischer Nacherzählung lesen. In Deutschland gibt es ja den ganz berühmten, der die klassischen Sagen des Altertums gemacht hat. Moment. Gustav Schwab ist ja so irgendwie der berühmteste im deutschsprachigen Raum, der diese ganzen Sagen so erzählt hat, dass man sie verstand. versteht und nicht das Gefühl hat, so kryptische Gesänge vor sich zu haben. Und das war ja 19. Jahrhundert. Und ich gehe davon aus, dass die meisten, die sagen, sie mögen die Odyssee oder die Ilias, dass die irgendwie was von Gustav Schwab gelesen haben.
Johannes Franke: Na okay, verstehe.
Florian Bayer: Wobei ich bei der Bildung, die James Joyce genossen hat und bei der Intelligenz, die dieser Mann hatte, halte ich das für nicht ausgeschlossen. dass der mit zehn da saß und diese Verse gelesen hat, gesagt hat, geil.
Johannes Franke: Ja, ja, der ist ja wirklich auch in Bibliotheken rein und hat gesagt, gut, gib mir das, das, das. Und hat wirklich die Bibliothek leer gelesen.
Florian Bayer: Das ist so wert. Ich finde... Also ich mag die Odyssee, ich mag die Geschichten. Ich finde den Originaltext zu lesen, das ist total schwierig. Was halt auch daran liegt, dass der Originaltext von der Odyssee halt auch so verschachtelt aufgebaut ist. Wenn zum Beispiel, wenn James Joyce seine Geschichte, die eigentlich um Neopold Bloom kreist, mit Stephen Daedalus beginnt, mit dem Sohn. Da macht er dasselbe, was auch Homer gemacht hat. Nämlich Homer hat in den ersten Gesängen nicht über Odysseus geschrieben, sondern über Telemachos, der nach seinem Vater Odysseus sucht und dann von der Athene erfährt, dass dein Vater verschollen ist und dass er sich doch jetzt mal wirklich auf die Suche machen soll.
Johannes Franke: Aber Daedalus ist der Sohn von Blumen?
Florian Bayer: Nein, nein, Telemachos. Ah, Steven Daedalus ist der Sohn von Blumen. Aber hallo.
Johannes Franke: Sorry, das habe ich nicht mitbekommen.
Florian Bayer: Nein, er ist nicht wirklich der Sohn von Plum. Plum fährt ja mit dem tatsächlichen Vater von Daedalus zur Beerdigung von...
Johannes Franke: Irgendeine Menschen. Ja, das weiß ich schon nicht mehr.
Florian Bayer: Aber Steven Daedalus und Leopold Blum ist definitiv eine Vater-Sohn-Geschichte. Leopold Blum ist Odysseus. Steven Daedalus ist Telemachus. Und wenn ihr euch an die Odyssey erinnert? Telemachus ist zu Hause mit seiner Mutter Penelope.
Johannes Franke: Mal Hände hoch, wer sich erinnert bitte.
Florian Bayer: Und Penelope wird von diesen ganzen Freiern belagert und die nachher alle umgebracht werden von Odysseus. Und Telemachus ist total genervt davon. Und er fährt dann von Athene, dass sein Vater noch lebt und Telemachos beschließt, dass er herausfinden will, was mit Odysseus los ist. Es ist quasi so eine Vorgeschichte von diesem ganzen Ding, bevor wir überhaupt hören, was Odysseus macht. Und dann auch Odysseus steigt dann ein damit, dass er irgendwo auf einer Insel strandet und dann einem König erzählt, was er da vorgemacht hat. Die Odyssee ist echt krass verschachtelt. Das kann man sich eigentlich nicht antun. Und Das macht diese Verschachtelung, die übernimmt Joyce in Ulysses halt auch irgendwie. Er fängt an mit dem Sohn, also mit Daedalus und kommt dann irgendwann zu Leopold Bloom.
Johannes Franke: Ich habe mir ziemlich früh aufgeschrieben, es ist schon so ein bisschen Budenzauber und Spektakel, oder?
Florian Bayer: Absolut.
Johannes Franke: Und das ist auch das Original. Odyssee ist ja auch so ein bisschen Budenzauber. Also was da alles passiert und hier und da und Action und Zeug und Flammen und weißt du, solchen... Total. Das habe ich in dem Film auch gesehen und das war bis dahin sozusagen beim Gucken die einzige Verbindung zur Odyssee, die ich finden konnte.
Florian Bayer: Es ist durch und durch Budenzauber und das, was an Budenzauber drin ist, das übernimmt der Film viel aus dem Buch. Und es ist natürlich auch eine sehr spezifische Art von Budenzauber. Es ist nicht der Budenzauber, mit dem man den klassischen Durchschnittskinogänger, der Bock auf Marvel-Action hat, begeistern kann.
Johannes Franke: Gut, nein, das nicht.
Florian Bayer: Es ist halt einfach dieses Spiel mit Sprache. Deswegen gilt das Buch auch als unverfilmbar, weil die Sprache in diesem Buch so unglaublich wichtig ist. Und dieses Spiel mit den Stilmitteln. Also einfach mal so ein paar Sachen, so wirklich wilde Sachen aufzuzählen. Wir haben Kapitel, die in diesem Bewusstseinsstrom geschrieben sind. Legendär vor allem, also zum einen das dritte Kapitel, wenn Daedalus am Strand entlang geht und nachdenkt. Aber dann vor allem legendär das letzte Kapitel, wenn wir Penelope beim Einschlafen zuhören. Und im Buch sieht das so aus ... dass es keinen Punkt und keinen Komma gibt, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Text fließt einfach. Und es werden Worte eingeworfen. Es ist nicht nur unverfilmbar, es ist auch unvorlesbar. Deswegen erspare ich euch das jetzt, weil man weiß gar nicht, wo man einsteigen soll, weil man ist mittendrin und dann werden so Wörter wie ja dann reingerufen, im letzten Kapitel kommt ganz oft ja vor und Es ist so, sie erinnert sich, wie sie am Strand liegen und dann schweifen ihre Gedanken ab an was ganz anderes.
Johannes Franke: Aber weißt du, du sagst jetzt, du weißt gar nicht, wo du einsetzen sollst. Ich würde sagen, du kannst überall entsetzen, genau deswegen. Du kannst eigentlich das Buch aufschlagen und irgendwo anfangen zu lesen. Wenn ihr das Buch lesen wollt und Angst habt davor, das richtig zu starten, dann lest das letzte Kapitel. Vielleicht. Weil das auch das Spektakulärste vielleicht ist, was sexuelle Sachen betrifft.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Und insofern könnte ich mir vorstellen, ist das vielleicht auch für so Schaulustige ein guter Anfang.
Florian Bayer: Also meine Empfehlung wäre, wenn ihr das Buch lesen wollt, auf keinen Fall dürft ihr, jetzt muss ich einmal gucken, welches Kapitel das ist.
Johannes Franke: Von vorne anfangen.
Florian Bayer: Nein. Vorne ist tatsächlich noch relativ leicht. Auf keinen Fall dürft ihr mit dem 14. Kapitel anfangen. Die Rinder des Helios. Das ist das, was in der Geburtsklinik spielt. Und was James Joyce da macht, er fängt ansprachlich... es ist irgendein Altenglisch und im Deutschen in der Übersetzung ist dann halt auch irgendwie so ein Althochdeutsch und so, man versteht nichts.
Johannes Franke: Das ist geil.
Florian Bayer: Es sind Sätze, die man nicht versteht. Das heißt, man ist in diesem Kapitel drin und man liest Sätze und man versteht nicht, was da passiert, weil das eine andere Sprache ist.
Johannes Franke: Also was er macht damit ist, das Wachstum eines Kindes im Leib der Mutter sprachlich damit zu verbinden, wie die Sprache sich entwickelt hat. Und ich finde den Gedanken, die Idee, total geil. Warum nicht? Und da ist aber auch der Budenzauber, den ich meine.
Florian Bayer: Es ist als Idee total geil, aber es ist unlesbar. Was glaubst du, wie ich gelitten habe, als ich in diesem Kapitel gehangen habe? Und ich dachte, ich habe diese Herausforderung, ich muss Ulysses Gans lesen. kann ich Kapitel überspringen. Aber dann bist du bei diesen Zeilen, wo ... Fuck.
Johannes Franke: Plur schlägt wirklich das Buch auf.
Florian Bayer: Ich will nur, dass ihr ein Gefühl dafür habt und ich will nicht versuchen, eine Mockery draus zu machen. Ich will, dass ihr es wirklich... So wie es gedacht war, einmal hört. Entschuldigung, das dauert kurz. Ich bin katholisch groß geworden. Wir haben früher gelernt, wie man in der Bibel recherchiert. Das heißt, ich musste irgendwann mal auswendig lernen.
Johannes Franke: Oh nein. Was war nach was und wer ist wann geboren und wer gegen wen und warum?
Florian Bayer: Nee, ich musste wissen, dass wenn ich die Geschichte von Noah will, musste ich wissen, in welchem Exodus-Buch ich lesen muss. Dessil Holles Imus, Dessil Holles Imus, Dessil Holles Imus, schick uns Du heller, du lichter Horhorn Leben und Leibesfrucht Schick uns, du heller Du lichter Horhorn Leben und Leibesfrucht Schick uns, du heller Du Lichter, Horn, Leben und Leibesfrucht. Hopsa, ein Jung, Jung, Jungs, Hopsa, Hopsa, ein Jung, ein Jungs, Hopsa, Hopsa, ein Jung, eins Jungs, ein Hopsa.
Johannes Franke: Geil.
Florian Bayer: Das habe ich mir nicht ausgedacht.
Johannes Franke: Ach, ist das gut.
Florian Bayer: Schön. ... Du kannst es nicht lesen.
Johannes Franke: Aber da habe ich schon drei Worte verstanden. Und du hast drei Seiten weitergeblättert. Das ist doch schön. Dann entwickelt sich das so langsam und irgendwann verstehst du mal vier Worte oder mal fünf.
Florian Bayer: Also das 14. Kapitel von dem rate ich ab. Ich finde tatsächlich, das erste kann man gut lesen, weil es einfache Erzählung ist. Aber es ist halt so, es ist natürlich moderne Erzählung, aber man versteht es. Was total Spaß macht, ist das Kapitel 7 in der Zeitungsredaktion.
Johannes Franke: Das kann ich mir vorstellen, ja.
Florian Bayer: Das ist total geil, weil es ist wirklich so, du hast diese Yellow Press Überschriften aus Zeitungen, die einfach mal so in den Text reingeklatscht werden.
Johannes Franke: Geil, okay.
Florian Bayer: Und sie machen teilweise keinen Sinn, teilweise sind sie total albern. Das Buch ist teilweise wirklich witzig. Und es gibt dem einfach so einen geilen Zeitungsredaktionrhythmus. Es bewegt sich alles. Du hast das Gefühl, es ist schnell und alle sind hektisch und alle wollen irgendwas erledigen. und müssen noch das machen und das finden und so weiter. Und dann kommt schon die nächste Überschrift und das ist ziemlich geil. Das kann ich empfehlen. Also Kapitel 7 ist für einen Start, wenn man was Witziges will.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich finde tatsächlich, Kapitel 11 ist einfach vom Lesefluss extrem geil. Das findet im Film fast gar nicht statt. Da sitzt Bloom in einem Hotel und es läuft Musik im Hintergrund und das ganze Ding ist so extrem rhythmisch und musikalisch geschrieben und du hast das Gefühl, du bist in so einem Groove. So ein bisschen das Free-Jazz-Kapitel in dem Buch. Das ist auch ziemlich geil. Und natürlich, wie Johannes schon gesagt hat, das 18. Kapitel. mit diesem Schlussmonolog.
Johannes Franke: Und Auch hier schlägt Plor wieder das Buch auf. Möchtest du unsere LeserInnen sexuell erwecken?
Florian Bayer: Ja. Pass auf. Ich versuch's mal.
Johannes Franke: Ich steig... Moment, ich weiß, wo ich hin will.
Florian Bayer: Stellt euch einen Adonis vor, wie ihr euch dieses Buch vorliest. Hol deine sexieste Stimme raus, Plo. Komm. Moment. Und es war Schaltjahr. Wie jetzt Ja vor 16 Jahren. Mein Gott, nach dem langen Kuss ist mir fast die Luft ausgegangen. Ja. Er sagte, ich wäre eine Blume des Berges. Ja, das sind wir alle. Blumen. Ein Frauenkörper. Ja. Da hat er wirklich mal was Wahres gesagt in seinem Leben. Und die Sonne scheint für dich allein heute, ja. Deswegen habe ich ihn auch gemocht. Weil ich gesehen habe, er versteht oder kann nachfühlen, was eine Frau ist. Und ich habe auch gewusst, ich kann ihn immer um den Finger wickeln. Und da habe ich ihm die ganze Lust gegeben, die ich konnte und habe ihn so weit gebracht, dass er mich gebeten hat, Ja zu sagen. Und zuerst habe ich gar keine Antwort gegeben, habe bloß rausgeschaut aufs Meer und über den Himmel und ich musste an so viele Sachen denken. von denen er gar nichts wusste, Malwe und Mr. Stanhope und Hester und Vater und der alte Captain Crofts und die Matrosen, die alle Vögel fliegen hoch. Und ich rufe Bückt euch und Geschirr spülen, wie sie das nannten. Das spielten sie am Pier und die Wache vor dem Haus des Gouverneurs mit dem runden Ding um den weißen Helm. Der arme Teufel, halb gebraten war er. Und die spanischen Mädchen, wie sie immer am Lachen waren, in ihren Schals und mit den großen Kämmen. Und die Versteigerungen morgens. Immer die Griechen und Juden und Araber und weiß der Teufel, wer sonst noch alles von allen Enden Europas. Und die Duke Street und der Geflügelmarkt. Wie da alles am Gackern war vor Labi Sharon und die armen Eselchen. Wie sie halb im Schlaf da langschlichen. Und die Gammelbrüder mit den Mänteln. Es ist ein Gedankenschutz. Du hast Punkte dazu erfunden. Zumindest so wie du vorliest, hat man das Gefühl, da ist mal ein Punkt, aber da ist keiner. Das ist kein Punkt. Also es ist einfach kein Punkt und wir haben natürlich jetzt Groß- und Kleinschreibung im Deutschen, das heißt bei uns sieht es noch ein bisschen geordneter. aus, aber du musst dir das im Englischen vorstellen. Stimmt. Also ein Fließtext und alles das klein geschrieben.
Johannes Franke: Aber ist geil. Also ich meine, es ist... Alles, was du jetzt erzählst, klingt auf der theoretischen Ebene... Total geil. Ich finde die Ideen super. Für jedes einzelne Kapitel. Ich habe mir das ja auch angeschaut. Was sind die Ideen für die Kapitel? Wie wird das gemacht? Der Dialog zwischen zwei Leuten, die einfach nur darüber reden oder diese Fragen, die reingeworfen werden. Ich finde diese Ideen total geil. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich es nie lesen werde, weil ich es einfach zu anstrengend finden würde.
Florian Bayer: Natürlich. Dieses Buch ist ein Mount Everest... Und es ist ein Buch für Menschen, die Literatur nicht einfach nur mögen, sondern die irgendwie, ist es eigentlich ein Buch für Leute, die Literatur studieren. Ganz ehrlich, es ist wirklich, es ist auch kein Witz, es ist einfach von der Art, wie es geschrieben ist, es ist einfach komplexer Shit. Und du musst dich damit anfreunden. Also ich weiß, du bist jemand, der gerne weiß, was ein Buch dir sagt oder was ein Buch bedeutet oder was ein Buch bedeuten will. Film. Oder Film.
Johannes Franke: Bei Büchern, da müssen wir erst dahin kommen noch. Weiß ich nicht genau.
Florian Bayer: Es steckt voll mit so vielen Rätseln, dass wenn man anfängt parallel zu versuchen, die Dinger zu entschlüsseln, dann macht es keinen Spaß, weil man nicht fertig wird.
Johannes Franke: Ja und das ist das Ding. Ich glaube, ich würde dann eher anfangen, das so zu lesen, dass es einen emotionalen Eindruck gibt und nicht irgendwas intellektuell Verstehbares.
Florian Bayer: Und wenn du das schaffst, dann geht es aber auch. Und wenn man es schafft, damit klarzukommen und das, wie gesagt, ich sage es ganz offen, ich liebe dieses Buch. Ich liebe dieses Buch aber auch, weil ich damit klarkomme, dass ich ganz viel nicht davon verstehe. Und wenn ich sage, das ist teilweise unlesbar, wie zum Beispiel dieses Kapitel des Krankenhauses, dann heißt das nicht, aber ich habe es verstanden, sondern heißt das, es ist unlesbar.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und ich habe mich dadurch gequält. Aber so ein Kapitel wie zum Beispiel, um das noch zu nennen, die... Das vorletzte Kapitel. Wenn es tatsächlich diese Begegnung zwischen Blumen und Deldalus gibt, das ist im Buch und das ist im Film auch so gemacht, als Frage- und Antwortspiel geschrieben. Und es ist unglaublich schön, weil wir kommen aus so einem kompletten Wahn in dieser Kirche-Episode. Und dann haben wir, wie sie nach Hause gehen und dann wird erzählt, was sie zusammen machen und das wird so getan, dass dann steht die Frage, Haben sie zusammen sich unterhalten? Und dann kommt die Antwort, ja, ja und so. Und plötzlich ist alles ganz strukturiert und ganz logisch. Und du hast wirklich, und hat Steven Daedalus... mit Blumen über sein Judentum geredet. Nein, nein, das haben sie kaum gemacht. Es ist wunderschön. Und das ist vielleicht auch so als witzige Sache, lest das vorletzte Kapitel, dieses Frage-und-Antwort-Spiel, macht irgendwie Spaß, weil es nochmal so ein komplett anderer Satz ist.
Johannes Franke: Stil ist. Er macht sich wohl in anderen Teilen auch über so Schundliteratur lustig. Also es geht ja um... In einem Kapitel wohl um diese drei Frauen, die da irgendwie dir auch so lüstern anschaut und so.
Florian Bayer: Das ist krass übrigens. Also das war mit ein Grund, warum es wegen Obszönität verboten wurde.
Johannes Franke: Aber er hat da auch das, was im Film kaum rüberkommen kann, sich offenbar über den Schreibstil... der Schundliteratur und der erotischen Literatur lustig gemacht.
Florian Bayer: Das ist das Kapitel Nausike. Und es gibt eine Bezeichnung im Englischen, die ich jetzt gerade nicht finde. Und zwar ist der Stil Tumeszenz, Detumeszenz. Und zwar so um Steigerung und Abflachen, es geht um Orgasmus. Es geht darum, dass die sexuelle Erregung gesteigert wird und angespannt wird und dann langsam wieder absinkt. Okay. Und erzählt wird, wie Leopold Blum an den Strand geht und da sind diese Frauen, es wird aus der Perspektive der Frauen erzählt, wie sie am Strand rumhängen. Und eine bleibt da und die macht dann Leopold Blum an und er ist zuerst ein bisschen irritiert davon, fängt dann aber an zu masturbieren in seiner Hose. Die Hosentasche. Die Hosentaschenmasturbation. Wenn ihr Männer seid, ihr wisst, wovon wir reden. Tut nicht so, als ob ihr es nicht wissen würdet. Macht es nicht in der Öffentlichkeit. Niemand kann mir erzählen, niemand, der einen Penis hat, kann mir erzählen, dass er nicht wenigstens einmal in seinem Leben... durch die Hosentasche zugepackt hat. Dein Lachen verrät dich. Ich möchte nicht darüber reden. Tut es nicht in der Öffentlichkeit. Ja, das Buch hat sehr viele Schundliteraturelemente. Wir verstehen das heute natürlich nicht mehr, weil wir... Weil unsere Schundliteratur andere ist als die Anfang des 20. Jahrhundert. Aber dieses Buch hat auch neben diesem ganzen akademischen Gewichse... Unglaublich viele Trivialitäten, Albernheiten, Gossensprache, Gossenslang. Leute, die einfach nur abwichsen und die sagen, wie gerne sie Sex hätten und irgendwelche Dominas, die Männer verprügeln und es ist wirklich... Es ist ganz schön derb teilweise.
Johannes Franke: Und wenn wir jetzt ein kleines bisschen davon weggehen, was er noch für Stilmittel da von draußen aufpackt. Er ist anscheinend auch noch so gut zu sagen, jede Figur hat einen eigenen Stil. Also wenn Blumen... denkt oder handelt, klingt das anders, als wenn Daedalus denkt und handelt.
Florian Bayer: Absolut.
Johannes Franke: Und das finde ich auch total geil als Idee. Also das ist ja auch nichts, was heute so völlig unbekannt wäre. Aber das war damals irgendwie einfach noch nicht so literarisch, noch nicht so... Verbreitet?
Florian Bayer: Ich weiß nicht, wer das schon vorher gemacht hat. Dieses Bewusstseinsstrom erzählen war so ein Ding Anfang des 20. Jahrhunderts. Virginia Woolf hat das ungefähr zeitgleich mit Joyce angefangen. Und ich würde auch behaupten, die beiden sind so die Godfathers beziehungsweise Godmothers oft. Aber es haben natürlich auch andere so ein bisschen gemacht. Was hier total spannend ist, wir haben diese Gedankenströme. Von Molly beim Einschlafen. Und es gibt natürlich drei Hauptcharaktere. Steven... Leopold und Molly. Und jeder hat seinen eigenen Gedankenstrom und seine eigene Art des Gedankenstroms. Und dann gibt es aber Kapitel, in denen diese Gedankenströme ineinander greifen. wieder bei der Kirche-Episode, wo das Innere von Leopold und Steven so weit ineinander greift, dass man nicht mehr genau weiß, wo... die Fantasie oder Halluzination oder das Innere des einen anfängt und des anderen aufhört. Und das ist ein... Ja, es ist im Buch halt nochmal ein bisschen krasser und wie gesagt, das ist das Kapitel im Buch, das auch nicht nur am längsten ist, sondern auch als Drama geschrieben ist, was es nochmal besonders herausfordernd macht. Aber es ist spannend, wie er damit spielt. Er fasst nicht einfach nur die Gedanken der Leute an, sondern er verwebt sie mit der Stadt und mit der Umgebung. Es gibt ein Kapitel, das ist an den Irrfelsen orientiert. Odysseus fährt durch die Irrfelsen, man kann sich verirren. Da geht die Kamera, sage ich jetzt, aber es ist ja eine Erzählung. Durch Irland folgt einer Person? Stolpert an einer anderen Person vorbei, folgt dieser anderen Person, stellt fest, oh, da war ja noch eine Person, geht wieder zu der... Und dadurch haben wir so ein Kapitel in der Erzählung, wo Steven und Leopold... fast gar nicht vorkommen. Stattdessen werden wir so mit einzelnen Menschen konfrontiert, die irgendwelches Zeug machen. Und was komplett irrelevant ist für die eigentliche Handlung, wir begleiten die kurz, wir verlassen sie, wir greifen sie wieder auf. Es ist im Film umgesetzt, wenn wir irgendwann mal einen Priester sehen, der auf der Straße ist und dann kommt eine Frau zu ihm und erzählt ihm, so haben sie vielleicht ein bisschen Geld oder so, ich weiß gar nicht mehr genau was.
Johannes Franke: Keine Ahnung.
Florian Bayer: Auf jeden Fall, es wird so zu einzelnen Personen hin und her gesprungen und wir haben einfach ein Kapitel, wo einmal Großstadterleben ist. Viele Menschen durcheinander. Ja.
Johannes Franke: Ich habe so zwischen das Gefühl, im Film zumindest, dass da einmal die Möwen Gedanken haben, die man hören kann. Das fand ich auch ganz süß. Was ja der Film auf diese Art und Weise umsetzt. Was ich auch interessant finde, vielleicht haben wir auch die Möglichkeit, da mal hinzuspringen. Inwiefern kann der Film das übersetzen?
Florian Bayer: Lass es uns... Ja, wir sollten, genau. Ich habe so einen Witz draus gemacht und es ist jetzt doch zu sehr muslimalesen Podcast geworden.
Johannes Franke: Oh mein Gott, Plur, was ist das für eine Musik?
Florian Bayer: Was war das? Wo sind wir?
Johannes Franke: Oh mein Gott, ich glaube... Nein, wir sind in einer Self-Promo.
Florian Bayer: Nein, shit, ganz schnell, damit wir zurückfinden.
Johannes Franke: Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt. Und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns.
Florian Bayer: Wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld da lassen wollt, macht das doch bitte über buymeacoffee.com. muss man sehen. Den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung.
Johannes Franke: Da könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug.
Florian Bayer: Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen, ist das eure Chance. Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag ohne Geld. Und Feedback gerne an johannes.musmansehen.de und florian.musmansehen.de.
Florian Bayer: Außerdem freuen wir uns natürlich über jedes Abonnement, egal ob bei Spotify, Apple Podcasts, Deezer, Amazon Music, whatever.
Johannes Franke: Was uns total helfen würde, ist, wenn ihr uns so fünf Sterne oder Herzchen oder sonst was auch immer euer Podcatcher anbietet, gebt und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben.
Florian Bayer: Ah, super. Fehlt noch irgendwas?
Johannes Franke: Nee, ich glaube, wir haben alles, wa?
Florian Bayer: Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode.
Johannes Franke: Yes!
Florian Bayer: Was kann der Film umsetzen? Und vielleicht so vorweggeschickt, ich finde der Film hat einen Wert an für sich. Also erstmal weiß ich es wirklich zu begrüßen, dass überhaupt jemand versucht hat das Ding umzusetzen?
Johannes Franke: Natürlich, das auf jeden Fall.
Florian Bayer: Und wir können gleich noch über die Entstehung reden, aber wir müssen kurz in die Handlung reinspringen. Ich finde dieses Erzählen da am Anfang, ich finde der Einstieg funktioniert extrem gut und ist extrem ähnlich wie im Buch. Wenn Daedalus mit seinen Kumpels zusammen ist, die er beide zum Kotzen findet, dieser Buck Mulligan und dieser Haynes, und die sich über ihn lustig machen ... Und ich habe die ganze Zeit so ein bisschen Nouvelle Vague-Vibes. Ja, total. Wir haben so backballig und gesagt, ah, deine Mutter, die gestorben ist und wollte, dass du nochmal betest und du hast das nicht gemacht. Und dann haben wir diese Flash-Vibes. Und wirklich diese ganz kurzen Cuts, wo eine Sekunde lang das Bild aufblitzt von der sterbenden Mutter und Steven Daedalus, der den Kopf schüttelt. Es fühlt sich extrem nach Gouda an.
Johannes Franke: Ja, total. Aber auf eine gute Art und Weise, weil ich ja mit Gouda sonst Probleme habe. Aber das fand ich tatsächlich ganz gut. Und es war auch tatsächlich sehr lebensnah und locker und so. Das fand ich sehr schön. Das fand ich gut umgesetzt. Muss ich sagen. Und da war ich sozusagen auch noch in dem Film so drin, dass ich gedacht habe, das wird ein ganz normaler Film, wie geil.
Florian Bayer: Es ist krass, es ist genau wie beim Buch. Man sieht diesen Film am Anfang und denkt, ja, ich verstehe, was da passiert. Es sind drei Männer. Und dieser Steven Daedalus ist offensichtlich der, aus dessen Perspektive das erzählt wird. Und der kommt mit den anderen beiden nicht so wirklich klar und versucht aber irgendwie klarzukommen. Und hat merkwürdige Theorien zum Hamlet. Ja. Moment. Was habe ich denn da aufgeschrieben? Ich verstehe meine eigenen Aufzeichnungen nicht mehr. Transmigration of Soul. Ich weiß nicht, was ich da aufgeschrieben habe.
Johannes Franke: Hat der Film dich so weit hypnotisiert, dass du nicht mehr weißt, was du aufgeschrieben hast?
Florian Bayer: Ich weiß es wirklich nicht mehr. Ich habe aufgeschrieben. Pass auf, ich lese es, worauf ich aufgeschrieben habe. Buch, Metampsychosis. Offensichtlich habe ich es unterstrichen, weil ich da nochmal recherchieren wollte. Transmigration of Souls. Sie will ein weiteres Wort von Paul de Cox. Nice name, lachender Smiley. Ja.
Johannes Franke: Faule Cox. Okay.
Florian Bayer: Und dann war dieser wirklich traurige Moment. Wir sind bei Leopold Blum, der zu Hause seiner Frau Frühstück macht.
Johannes Franke: Also das ist dann die zweite Szene, ne? Wir kommen von Daedalus weg und gehen zu Bloom. Der tatsächlich so ein bisschen wie so ein Sub. Ja. Jemand, der sich komplett unterwirft, der sagt, ich mache dir Essen. Willst du was? Kann ich dir noch was bringen? Kann ich noch was tun für dich?
Florian Bayer: Und ich finde, das ist wirklich gut im Film umgesetzt und das ist im Buch durchgängig auch da. Und Milo Oshia heißt der Schauspieler, der den Leopold Blum spielt. Ich finde, der macht das ganz toll. Weil er so eine gewisse Würde war. Er ist wirklich ein gutmütiger Mensch. Und es ist angesetzt als Karikatur in dem Sinne, dass halt so ein Alpha-Mail drauf guckt und sagt, was ist denn das für ein Beta und was ist denn das für ein Kack und so weiter. Cock.
Johannes Franke: Aber ich mag den total.
Florian Bayer: Er ist absolut Sympathieträger.
Johannes Franke: Absolut, absolut.
Florian Bayer: Also weil er so putzig ist.
Johannes Franke: Wir haben einen tollen Schauspieler dafür gefunden, finde ich. James Joyce wollte jemand anders eigentlich, ne? Also James Joyce war ja auch tatsächlich in Gesprächen mit anderen Leuten, was man umsetzen könnte.
Florian Bayer: Mit Eisenstein?
Johannes Franke: Mit Eisenstein, wie krass.
Florian Bayer: Was wäre das für ein Film geworden? Jesus Christ, das hätte ich gerne gesehen.
Johannes Franke: Ja, ich auch. Wahrscheinlich auch unguckbar.
Florian Bayer: Ja, vor allem als Stummfilm dann wahrscheinlich noch, als sie das geplant haben. Das waren die 20er. Krass. Oder Anfang 30er, aber da war Turnfilm noch nicht das gängigste Medium.
Johannes Franke: Auf jeden Fall, den sich James Joyce ausgesucht hätte, das war so ein hagerer Typ. Das war gar nicht so ein... Bärchen quasi. Und hier setzen die sich ja sehr auf diesen Bären. Und wenn man später in andere Verfilmungen reinschaut, ich habe mal ein bisschen geschaut, wo es noch andere Ansätze gab, das zu machen. Die sind alle relativ dickliche, bärige Menschen.
Florian Bayer: Ich muss auch tatsächlich, also wenn ich mir vorstelle, wie... Er wird in dem Buch nicht beschrieben. Leopold Blum wird nicht viel beschrieben, was das Aussehen betrifft. Wenn ich mir Leopold Blum vorstelle, dann sehe ich genau so einen Typen.
Johannes Franke: vor mir.
Florian Bayer: Und gerade dieses Bärige erträgt darin halt auch so eine unglaubliche Traurigkeit. Wir haben ja relativ früh schon diesen Schuss auf das Babyfoto. Wo wir sehen, okay, da gibt es offensichtlich irgendeinen Verlust zu betrauern. Er wird irgendwie am Anfang mit so einer Freundlichkeit, mit so einer Naivität und vor allem mit so einer Traurigkeit ausgestattet, die er den ganzen Zeit mitträgt. Und die dann auch möglich macht, dass seine komplett pervertierte, verdrehte Sexualität akzeptiert wird und nicht als böser angesehen wird.
Johannes Franke: Also man fragt sich schon zwischendurch, oh, bin ich noch auf seiner Seite? Es ist schon hart und seltsam zwischendurch und sehr creepy.
Florian Bayer: Absolut. Aber ja, ich finde, das ist halt wirklich krass. Er kriegt sowas Niedliches mit und er ist voll der Pervert nachher, aber er wirkt trotzdem niedlich dabei. Und das muss man erstmal hinkriegen.
Johannes Franke: Ja, dieses, wir sind jetzt im Endeffekt in der Geschichte, aber... Jetzt fängt es ja so langsam an, das zu machen, was das Buch auch macht, nämlich einfach seltsames. Sachen passieren, die in einem normalen Film, in Anführungsstrichen, was wir auf der Norm sonst nicht so sehen. Ja. Nämlich Zeitsprünge, Flashes, plötzlich hören wir Gedanken von Menschen, plötzlich sind wir... innerhalb des gleichen Dialogs an unterschiedlichen Orten, solche Sachen. Und da finde ich, schafft der Film es... Auf der Bildebene, denn auf der Wortebene muss er nicht, weil Wortebene ist 98% genau das, was im Buch steht. Ja. Schafft er es, dem irgendwie eine Entsprechung zu finden? Das finde ich interessant.
Florian Bayer: Es ist ja sehr krass in dem Inneren, also es gibt dieses Kapitel Daedalus am Strand und das ist einfach mal ein fucking innerer Monolog. Er geht am Strand entlang und er denkt, ich habe so meine Probleme damit.
Johannes Franke: Welcher Mensch denkt dauerhaft so verklausuliert? Das ist doch nicht... Ernsthaft so. Denkst du auf diese Art und Weise wie dieser Mensch?
Florian Bayer: Nein.
Johannes Franke: Kannst du dir jemanden vorstellen, der so denkt? Ja. Nein, kannst du nicht.
Florian Bayer: Nein, pass auf. Ja, ich bin ganz bei dir. Gedanken sind was Schräges. Ja, okay.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wird's weird und wenn man darüber nachdenkt, dass es Menschen gibt, die nicht in Worten denken, wird's auch weird. Es war ja mal so ein Meme vor ein paar Jahren, erinnerst du dich? Da ging es durchs Internet, dass darüber diskutiert wurde und zwar war der Auslöser aber, dass jemand gesagt hat, ey Leute... Meine Freundin hat mir erzählt, sie denkt wirklich in Worten. Das ist voll schräg. Wer macht das sonst noch? Das kann doch nicht sein, dass... Gibt es wirklich Menschen, die so denken?
Johannes Franke: Das war auch nur ein Clickbait, oder?
Florian Bayer: Nein, nein, nein. Und dann wurden tatsächlich... sind lebhafte Debatten entstanden. Und das Ergebnis war, dass natürlich viele Menschen in Worten denken. Wie denkst du? Ich denke in Worten. Du denkst in Worten. Aber dass erstaunlich viele Menschen, mehr als man meinen würde, nicht in Worten denken, sondern irgendwie anders denken. Eher visueller, eher...
Johannes Franke: Also das erste, was mir einfällt, ist die Gehörlosen-Community.
Florian Bayer: Ja, spannend.
Johannes Franke: Die Gebärdensprache sprechen... Und natürlich nicht in Worten denken, sondern in Gebärden oder in Gefühlen. Es gibt so eine Kombination aus allem.
Florian Bayer: Hast du mal mit einem Gehörlosen drüber geredet? Und wie ist das? Sehen sie in Gebärden? Ist es visuell?
Johannes Franke: Also visuell ist da zu viel gesagt. Man verbindet ja mit einer Gebärde etwas.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und dann hört man, als jemand, der auditiv denkt, hört man das ja auch nicht wirklich, was man da denkt. Man hat ein Gefühl zu dem Wort, was man da gerade denkt. Und das ist dann halt mehr... näher am Wort oder weniger nah am Wort und man hat ja auch mehrere Gedanken gleichzeitig teilweise und so. Und ich glaube, dass das Das ist auch für einen Gehörlosen nicht leicht mal eben zu beschreiben, was er da denkt.
Florian Bayer: Aber man kann, also ich kann quasi Stimmen denken, die einen Klang haben. Also ich weiß, dass es keinen Klang hat.
Johannes Franke: Genau, genau.
Florian Bayer: Das kann man ja machen und ich denke auch manchmal dialogisch, das heißt ich denke, ich stelle mir vor, wie ich mich mit dir unterhalte im Podcast, worüber wir reden.
Johannes Franke: Genau, ich denke oft sehr debattenbasiert.
Florian Bayer: Genau, mache ich auch. Und dann höre ich auch quasi deine Stimme. Geil ist es, wenn du drüber nachdenkst, wie deine Standard-Default-Stimme, mit der du denkst, was für einen Klang hat die?
Johannes Franke: Das weiß ich überhaupt nicht.
Florian Bayer: Genau, das kann ich nämlich auch nicht sagen. Das ist auf jeden Fall nicht meine Stimme, sondern es ist klanglos. Also ich merke, wenn ich... Wenn jetzt Pausen kommen, Leute, dann liegt das daran, dass Johannes und ich beide nachdenken, wie unser Denken funktioniert. Es ist eine klanglose Stimme. Also meine Standard-Denkstimme ist Klang. Sie hat keine Form. Daran merke ich, dass es ein Unterschied ist zum auditiven.
Johannes Franke: Lass mich kurz denken. Nein, ich weiß es nicht. Ich kann es nicht zuordnen.
Florian Bayer: Wahrscheinlich, weil sie gar keinen Klang hat. Jetzt sind wir ein bisschen abgeschweift, was der Film auch die ganze Zeit macht. Aber du sagst selbst, du denkst in Debatten, das heißt, du denkst doch auch Argumente und du denkst doch auch akademisch dann. Also ich finde dieses akademische Denken und dieses... Gedanken ausarbeiten und so, das machst du schon.
Johannes Franke: Ja, aber der hat keine Debattenkultur in seinem Gedanken. Der ist einfach nur... Literarisch verklausuliert. Das ist alles.
Florian Bayer: Ich finde, das klingt so hart. Ich finde... Manchmal sind Gedanken auch ein bisschen literarisch und manchmal sind sie ein bisschen akademisch und
Johannes Franke: Das sind meine Gedanken manchmal tatsächlich auch.
Florian Bayer: Natürlich, ja.
Johannes Franke: Aber nicht über einen Zeitraum von gefühlten 40 Minuten. Wie lange ist diese fucking Szene am Strand, bitte? Ja, weil du kannst dir nur null dranhängen im Gefühl.
Florian Bayer: Das fühlt sich wirklich länger an, als es ist. Was ich geil finde ist, und das macht dir ein bisschen zu wenig... dass diese Trivialitäten dazwischen kommen. Dass er zum Beispiel, er ist voll in diesem Abschweifen und so theoretisch und dann sagt er, plötzlich, ach, ich darf den Brief nicht vergessen und dann will ich noch zur Bar.
Johannes Franke: Das finde ich auch super.
Florian Bayer: Und dann musste ich wirklich lachen, als das kam.
Johannes Franke: Und auch dieser Hund, der dazukommt und so. Also klar. Und das ist halt das, was einen Gedankenstrom macht. Du wirst immer wieder unterbrochen und kannst ja auch nichts, also kannst du nicht ausblenden, wenn da plötzlich eine Bombe fällt oder sowas. Dann denkst du über die Bombe nach. So ist das halt. Denke nicht an den rosa Elefanten.
Florian Bayer: Genau. Es gibt ja auch, also was ich gut finde, was der Film wirklich auch gut macht und auch aus der Vorlage übernimmt, dass es halt diese Wörter dazwischen geworfen gibt. Er hat so diesen Gedankenstrom. Dann kommt eine Frau vorbei und dann denkt er, soft, soft, soft, quite sad. Also es werden einfach so diese Gedanken reingeworfen, die halt einfach im Gedankenstrom stattfinden. Du siehst irgendwas. Und es nimmt kurz deine Aufmerksamkeit ein und es sind dann einfach Begriffe und es ist dann kurz die Aufmerksamkeit da und dann fließt sie weiter und ich hasse es. Wenn ich dann vergesse, worüber ich nachgedacht habe. Ja, total. Und versuche das zu greifen. Und nach dem letzten Gedankensuch, vor allem wenn es ein geiler Gedanke war.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Oder du das Gefühl hattest, das war ein geiler Gedanke. Eigentlich war das kein geiler Gedanke, muss man sagen.
Florian Bayer: Das ist wirklich brutal, wenn das passiert. Ja, es wird auf jeden Fall anstrengend. Wir haben jetzt, und das ist auch ähnlich wie ein Buch, wir fangen relativ soft an. Wir haben einen relativ leichten Einstieg, keine große Einstiegshürde, aber dafür ist die Fallhürde dann umso härter, wenn wir halt durch dieses Dapplen gehen mit unseren beiden Protagonisten. Die immer mal wieder aneinander vorbeigehen, die immer mal wieder in ihren Gedanken verloren sind. Ich finde diesen Gedankenstrom, den Leopold Bloom hat, wenn sie zur Beerdigung fahren, unfassbar gut gemacht und unfassbar traurig, wenn er an seinen gestorbenen Sohn denkt. Und sich dann Bilder ausmalt. Der Sohn ist als Baby gestorben. Und er malt sich Bilder aus, wie es gewesen wäre, wenn der groß geworden wäre. Und wir sehen... Leopold Blum in seinen Gedanken mit einer fiktiven Version von seinem gestorbenen Sohn, der älter ist, spielen, ihn zur Schule bringen und ähnliches machen.
Johannes Franke: Das ist wirklich sehr, sehr traurig.
Florian Bayer: Das ist so gut gemacht.
Johannes Franke: Auch sehr, sehr schön. Also es ist fast eine tröstliche Sache. Er schafft das, was er wahrscheinlich in Gedanken für sich versucht, nämlich sich durch Trauerarbeit durchzukämpfen. Obwohl es schon eine Weile her ist jetzt auch. Also es ist ja nicht eine ganze Weile her.
Florian Bayer: Es ist wirklich lange her. Wir erfahren nicht genau, wann es passiert ist, aber es ist so...
Johannes Franke: Also er malt sich einen Jungen aus, der mindestens sechs ist. Also ich denke auch, dass er sich daran orientiert wird, was er jetzt sein könnte. Ja. Er sagt das ja auch irgendwie so halb, wie alt wäre der jetzt?
Florian Bayer: Sieht ja nicht sogar mehrere Altersstudien?
Johannes Franke: Jaja, er sieht mehrere Altersstufen und ich find's total schön gemacht, muss ich sagen.
Florian Bayer: ja relativ einfach. Es sind ja einfach diese Flashes, die reinkommen. Wir sehen diese Bilder und wir sehen die Dinge, die passieren.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich finde, es funktioniert unglaublich gut, obwohl es so tatsächlich auch on the nose ist. Bild entspricht Text. Es gibt gar nicht so krasse Brüche drin, wenn Daedalus an seine sterbende Mutter denkt. Und sagt, als meine Mutter auf dem Totenbett lag, in seinem inneren Monolog, dann sehen wir seine Mutter auf dem Totenbett liegen. Es gibt da keinen Kampf zwischen Bild- und Textebene.
Johannes Franke: Wobei Strick auch immer wieder gedacht, also der Regisseur Josef Strick gesagt hat, hm, ich will ...will eigentlich nicht komplett nur wiederholen, was der Text schon sagt.
Florian Bayer: Aber er macht es.
Johannes Franke: Aber er macht es halt relativ viel. Aber er hat auch viel darüber geredet... dass ihnen das zum Beispiel bei diesen sexuellen Eskapaden und so wichtig war, dass es auch andere Sachen. Und dass er eben diese Frau auch zum Optiker schickt und so eine komische Brille holt, um dann diese Brille in das Auge des Liebhabers zu rammeln. Und das über den Text, der da eigentlich sehr sexuell und sehr in eine andere Richtung geht. Was ich einen guten Move finde.
Florian Bayer: Es war tatsächlich, mein erster Eindruck beim Sehen des Films war dieses Oh, was ich vorhin gesagt habe, war vor allem, weil ich das Gefühl hatte, dass die Bildebene nicht genug von der Textebene abweicht, dass ich mir ein bisschen mehr Mut gewünscht hätte.
Johannes Franke: Ja, vielleicht. Obwohl es gibt natürlich für alles so Stellen, wo das geht und wo das nicht geht. Ich hätte mich jetzt gewundert, wenn er von seiner Beerdigung redet oder wenn er an dem Strand ist und der Hund kommt und der Gedanke zum Hund kommt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Dann muss natürlich der Hund auch kommen. Ja, das ist im Text ja auch so. Da ist ja auch irgendwie so, dass er und dann, das ist vielleicht auch, ja. Er kann es ja nicht ignorieren.
Florian Bayer: Nee, er kann es nicht ignorieren.
Johannes Franke: Und Teile des Buches sind ja auch mit Instruktionen geschrieben. Die Instruktionen zu ignorieren, ist ja auch bescheuert. Also es ist ja eindeutig als Theaterstück teilweise geschrieben, warum sollst du dann nicht das nehmen und einfach wirklich umsetzen?
Florian Bayer: Auf jeden Fall, das finde ich auch in der Kirke-Szene zum Beispiel, finde ich funktioniert das ziemlich gut.
Johannes Franke: Und ist auch fast die beste vom Film, muss man sagen.
Florian Bayer: Ja, es ist ja auch die längste Szene. Aber es ist die, die am verwirrendsten ist, ne? Das ist wirklich so der Moment, in was für einem Fiebertraum bin ich da plötzlich gelandet.
Johannes Franke: Das finde ich aber richtig geil, muss ich sagen.
Florian Bayer: Weil es so Pythonesk ist? Ja, total.
Johannes Franke: Total, genau das.
Florian Bayer: Zwei, drei Jahre vor Monty Pythons Flying Circus.
Johannes Franke: Und es ist einfach dieser Humor. Ganz genau.
Florian Bayer: Ja, ich weiß auch nicht, es ist so schwierig zu sagen, wo hätte der Film in diesem Anfang, bevor wir zur Kirke kommen, mehr Mut finden können. Ich finde... Also ich finde die Entscheidung zu sagen, scheiß auf die Historicität.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Finde ich grundsätzlich cool. Wir sehen Bilder vom beleuchteten Dublin des Jahres 1960. Wir sehen Autos.
Johannes Franke: Genau. Und eigentlich spielt das Ding ja 1904.
Florian Bayer: Eigentlich spielt das 1904 und ich glaube, James Joyce hat im Buch auch schon so ein bisschen gesagt, Scheiß auf die Historizität. Also 1904 und 1922 fliegen da auch so ein bisschen durcheinander. Deswegen finde ich das konsequent. Und das finde ich zum Beispiel, das ist Mut, den ich geil finde. Was ich tatsächlich, und das sage ich jetzt, und der Anfang macht auf dich einen komplett anderen Eindruck, als auf mich, weil ich das Buch halt sehr gut kenne.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Was ich am Anfang sehe, als jemand, der das Buch gelesen hat und ihr könnt das ignorieren, wenn ihr das Buch nicht kennt und ich hasse es auch, wenn Leute... Filme die ganze Zeit in der Vorlage messen. Er rast sehr textkonform durch die ersten Kapitel des Buches. Und er hält sich so sehr dran, dass da kaum Abweichungen erlaubt sind, natürlich extreme Einkürzungen und natürlich werden Sachen übersprungen. Aber er hält sich so daran, dass ich das Gefühl habe, es gibt mir keine neuen Impulse.
Johannes Franke: Aber es ist doch ein Drehbuch. Also ich meine, wenn du ein Drehbuch zu einem Film liest... Und sagst, na, aber der Film ist doch so wie das Drehbuch. Das würdest du doch auch nicht sagen.
Florian Bayer: Aber es ist da ja noch kein Drehbuch. Es ist da ja eine klassische, es ist eine Narration, es ist ein innerer Monolog. Dieses Drehbuch, den kommt bei Kirke.
Johannes Franke: Ja, aber trotzdem...
Florian Bayer: Im Puff.
Johannes Franke: Nur weil... Es gibt ganz viele Drehbücher, die nur Dialogbuch sind.
Florian Bayer: Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Wo keine Anweisungen drinstehen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: So ist das.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Du darfst etwas verfilmen und sagen, okay, ich finde Bilder für etwas, was ich als Text hier habe. Ich finde das vollkommen in Ordnung.
Florian Bayer: Vielleicht liegt es auch daran, dass James Joyce ja letzten Endes die Odyssey interpretiert hat. und er hat sich so zerfleddert und zermetzelt dagegen gekämpft, damit gerungen und so viel Quatsch damit gemacht. dass ich mir gewünscht hätte, dass der Film das mit ihm macht.
Johannes Franke: Ja, okay, ich verstehe das auch. Und es gibt auch ganz viele Leute, die genau diese Argumentation rausbringen. Man stößt ja dann immer wieder auf... Gesprächsrunden von intellektuellen Leuten, die da sitzen und sagen, ach, ich weiß ja nicht und ich fand ja das hier in dem Buch viel besser, weil... oder sowas... Und auch ganz viele Leute, die eben sagen, ja, da ist nicht viel Eigenleistung dabei, bei dieser Verfilmung. Aber ich sehe das nicht so. Weil ganz viele Regisseure, 90% der Regisseure auf dieser Welt, schreiben ihre Drehbücher nicht selber. Die kriegen ein Drehbuch von einem Drehbuchautor, Und im krassesten Fall hat dieser Drehbuchautor einfach nur ein Dialogbuch abgegeben. Das gibt es als Konzept und das ist vollkommen zu Recht so. Das ist vollkommen in Ordnung. Es gibt ja trotzdem eine Inszenierung, die du als Regisseur vornimmst. In den Bildern, in der Art und Weise, wie das gemacht wird, welche Kamera du willst und wie du die Bilder aufbaust. Wie du es emotional auflädst und so, wie die Schauspieler die Texte sprechen. Das ist ja alles Teil der Inszenierung und der Verfilmung.
Florian Bayer: Ja, da bin ich bei dir, weil die Inszenierung auch wirklich meiner Meinung nach sehr schön gelungen ist. Also ich finde, was tatsächlich viel ausmacht ist, dass wir einen Schwarz-Weiß-Film vor uns haben.
Johannes Franke: Ja. Das wollte er von Anfang an. Viele sagen, ja, der hatte das Geld einfach nur nicht für Farbe, aber er selbst besteht darauf zu sagen, also der Regisseur besteht darauf zu sagen, nein, nein, das war von Anfang an ein wichtiges Konzept.
Florian Bayer: Und er hat diesen breiten... Er macht Träume groß. Dieser Film spielt viel in kleinen Räumen. Wir haben Steven Daedalus, der in der Schule sitzt. Wir haben Leopold Plum, der bei seiner Frau am Bett sitzt. Wir haben sie in diesem komischen Turm und wir haben sie in der Bibliothek oder im Museum stehen. Und das sind alles relativ enge Räume. Und die Kamera ist auch relativ eng bei den Menschen in diesen Räumen. Aber sie schafft so eine Breite. Also zum einen, weil es wirklich ein breites Bild ist. Weil es wirklich sehr in die Weite geht. Aber auch, weil es sehr... sehr gesetztes Licht und sehr gesetzter Schatten ist. Ja. Es ist ein einfaches Stilmittel, aber es ist etwas, was den Raum immer so ein Stück größer macht, als er eigentlich ist. Zum Beispiel, wenn Steven sich mit seinem Direktor unterhält. Steven ist Lehrer und es bei diesem Direktor, der ihm diesen Brief gibt, mit dem er in die Zeitungsredaktion geben soll.
Johannes Franke: der auch so ein bisschen absurd ist, der sein Portemonnaie herzeigt und sagt, sie sollten auch sowas holen. Als wenn es ein Computer wäre, der neu erfunden worden wäre. Das macht das Leben viel leichter. Guck mal, da kann man Geld reintun. Was?
Florian Bayer: Na, der wird vor allem thematisiert, dass niemand wirklich, also dass diese, die reicheren Leute so abgehoben sind, dass die keine Vorstellung davon haben, wie sich's anfühlt, wenn man kein Geld hat, weil Steven Danderlos ist. Pleite. Ja, Steven Daedalus hat kein Geld. Er hat kein Geld. Wie soll er sich einen Geldbeutel kaufen?
Johannes Franke: Sie haben nur deswegen kein Geld, weil sie keinen Geldbeutel haben.
Florian Bayer: Genau das. Und der Raum hat irgendwie eine Größe über den Raum hinaus. Wir sehen, da findet mehr statt als in diesem Gespräch.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und das ist natürlich auf der Textebene auch und das finde ich ist auch gut aus dem Buch rübergehoben, dass es, es geht ja eigentlich in diesem Brief, den er schreiben will, geht es ja eigentlich um die Maul-und-Klauen-Seuche.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Aber dann wird es so zum universellen Rant und es wird ziemlich schnell klar, ah, noch ein Antisemit.
Johannes Franke: Ja, ja, genau.
Florian Bayer: Das ist so ein Thema, was wir im Film die ganze Zeit haben.
Johannes Franke: Ach so krass. Also beim ersten Gucken im Englischen habe ich das noch so zu 50% wegignoriert. Manchmal habe ich aufgeschrieben, hä? Wie jetzt? Was ist mit den Juden? Was hat der Film mit den Juden? Was ist da los? Und dann habe ich es in Deutschland gesehen und die volle Wucht Antisemitismus noch mitbekommen und habe gedacht, ach du Scheiße. Oh, das tut einem richtig weh. Und es scheint ja in der Zeit verhaftet zu sein, in der das Buch spielt. Ja. Und der Film, dadurch, dass er in den 60ern spielt... Hat einen anderen Kontext dadurch so ein bisschen. Also es ist ein bisschen weggehoben von dem Konkreten in die universellere.
Florian Bayer: Ja, ich habe das Gefühl, er hebt den Antisemitismus auch nochmal ein bisschen hoch. Also im Buch findet er so, er findet im Buch auch ständig statt, aber er findet immer so ein bisschen an der Peripherie statt. Und im Film ist so ein bisschen stärker das Bedrohliche. Das bedrohliche Element des Antisemitismus ist stärker im Film und das macht ja auch Sinn. sind im Kontext der 60er Jahre und wir haben so, es ist die Zeit, in der die Shoah zum ersten Mal ein bisschen mehr aufgearbeitet wurde. Und Es ist spannend, weil dieses Motiv Leopold Blum als Außenseiter in dieser Gesellschaft, in der er sich bewegt. Wird dadurch nochmal erweitert, halt um diesen ethnischen Aspekt oder um diesen religiösen Aspekt. Und besonders stark ist das natürlich in dieser Zyklopenszene, wenn er verzweifelt diesen richtig tollen weltmännischen Pazifismus. Dieses Gefühl von einem Weltbürgertum und dieses, wir brauchen keinen Nationalismus, wenn er versucht, dieses Gedankengebäude zu verteidigen. Und dann halt wirklich komplett auf die Ignoranz der besoffenen Nationalisten stößt.
Johannes Franke: Was ich aber auch gut gemacht finde, ist, dass er keine guten Argumente hat. Nein, natürlich. Er ist einfach kein Redner. Er weiß einfach nicht, was er sagen soll, sondern er versucht einfach ein Gefühl von Gerechtigkeit. in Worte zu kleiden und kann das einfach nicht. Er ist nicht der Typ dafür. Und das finde ich so schön in der Szene.
Florian Bayer: Das ist so echt.
Johannes Franke: Weil sie ihn sofort mit einem Hakenschlag weiß er wieder nicht mehr, wo er ist. Okay, also, Nation ist, wenn mehrere Leute auf dem gleichen Fleck sind. Oder so. Und dann sagen die irgendwas und dann ist er wieder so, ach du Scheiße, nee. Also dann auch an unterschiedlichen Flecken. Und dann... denkt man sich, nein, nein, bitte, bitte, find Argumente.
Florian Bayer: Es gibt diesen wirklich tollen Spruch, sage, was du denkst und verteidige, was du denkst, auch wenn deine Stimme dabei zittert. Ich finde da steckt so viel Ehrlichkeit drin, weil manchmal hat man nicht die Argumente und manchmal hat man Manchmal ist man nicht schlagfertig genug, manchmal ist man auch eingeschüchtert, weil man sehr viele gegen sich hat. Aber es ist trotzdem richtig, dann für seine Ansichten zu kämpfen und es hat einfach so eine Authentizität, dass er das macht.
Johannes Franke: Und da bin ich gleich wieder bei Kleist, den ich bei jeder Gelegenheit raushole. Der hat einen Text geschrieben mit dem Titel, die Verfertigung der Gedanken beim Reden. was so viel sagen will wie, du kannst überhaupt nicht wissen, was du denkst, bevor du es nicht aussprichst. Du musst das verbalisieren. Du musst darüber reden. Und wenn du am Anfang nicht die Argumente hast, du musst da reinkommen. Und dann trau dich. Geh da rein und selbst wenn deine Stimme zittert und da kommt deins dazu, du musst da einfach... das einmal in die Welt hinaus geben, damit es wahr ist, damit es da ist und dann kann sich das formen. Und dann sind deine Gedanken angeregt. Finde ich total gut.
Florian Bayer: Ich mag diesen Triumph, diesen banalen Triumph, den er da hat in der Flucht. Und wenn er noch einmal, wie nennt man das eigentlich, wenn man so einmal die Nase zeigt? Die Nase zeigen? Ist es das?
Johannes Franke: Keine Ahnung.
Florian Bayer: Er darf einmal dem wilden Zyklopen die Nase zeigen. Nachdem ja übrigens Leopold Blum ist in dieser Szene vor allem auch so erregt, weil er davor im Hotel saß und die ganze Zeit an seinen... An den Liebhaber seiner Frau denken. Wir erfahren so nach und nach im Film, dass seine Frau einen Liebhaber hat und er hat dann immer diese Bilder im Kopf, wie sie mit dem Sex hat oder von ihm überwältigt wird und so. Und dann gibt es diese geile Szene, die ich vorhin schon erwähnt habe, wo die Kuckucksuhr da ist und dieser Kuckuck rauskommt.
Johannes Franke: Und in dem schönsten irischen Akzent Kackold, Kackold sagt, im Deutschen ist es wirklich nur Kuckuck. Aber wirklich auch jemand, der das sagt. Also es gibt wirklich... Kronstimme für diesen Kuckuck, der einfach rauskommt und Kuckuck, Kuckuck macht. Super geil.
Florian Bayer: Es geht im Deutschen natürlich ein bisschen verloren, weil dieses Cuckold im Englischen viel und zwar auch schon, ich weiß, der Begriff hat noch eine Renaissance erlebt, in unserer Zeit wird der wieder von was anderes.
Johannes Franke: Von den Pros, von uns, nee, nee, genau für das für... Ach, dafür wieder, ja?
Florian Bayer: Ah, nee, stimmt, es war auch so, Männer, die es mögen, ihrer Frau beim Sex mit anderen zuzugucken, war das irgendwie so ein Thema?
Johannes Franke: Das wird ja in diesem Film auch gezeigt.
Florian Bayer: Es erregt ihn.
Johannes Franke: Ja, es erregt ihn.
Florian Bayer: Es erregt ihn, es macht ihn wütend und es erregt ihn, über diese Affäre nachzudenken. Und das ist, ich muss nicht immer sagen, es ist wie ein Buch... Es ist ein tolles Moment, diese Kombination aus Erregtheit und Eifersucht. Blumen bewährt ja auch so eine Ambivalenz, weil ich meine, Alter, der geht ja ins Puffviertel. Der ist im Rotlichtbezirk. Und was auch immer er da tut, er ist jetzt seiner Frau... Auch nicht treu.
Johannes Franke: Er ist nicht treu. Nein, nein, nein. Er denkt auch wahnsinnig viel über so Fremdgehen nach und sie denkt über sein Fremdgehen nach und so. Das ist viel Untreue auf beider Seite.
Florian Bayer: Er hat ja auch offensichtlich, es wird so angedeutet, ich habe es nicht 100% verstanden, aber er hat ja diese Frau, der mal begegnet. Und der dann nachher nochmal im Rotlichtbezirk begegnet. Und da wird irgendwie angedeutet, dass die irgendwas kind of ...
Johannes Franke: Also mein Gefühl dafür ist, dass er sich vorstellt, was wäre gewesen, wenn er im richtigen Moment gesagt habe, komm, steig auf, wir reiten in den Sonnenbergang. Weißt du, aber er stellt sich nur vor, dass er sie im Rotwichtviertel sieht. Also sie ist gar nicht wirklich da.
Florian Bayer: Es ist einfach eine Prostituierte, der begegnet. Ja, genau.
Johannes Franke: Und dann stülpt er seine Fantasie darauf.
Florian Bayer: Ja, geil, mit Amtkleid und Anzug. Und dann tanzen sie.
Johannes Franke: Und sie tanzen, die Stepptanz gibt es dann. Ist das geil.
Florian Bayer: Ich habe diesen Moment gesehen und dachte, jetzt ist Johannes, zumindest auch wenn er davor alles Kacke fand, jetzt ist er kurz angetan und strahlt.
Johannes Franke: Total, absolut. Und ich glaube, deine Vorstellung davon, wie ich strahlend da sitze wie ein kleiner Junge, ist genau richtig gewesen.
Florian Bayer: Aber ich glaube, um das zu korrigieren, ich glaube nicht, dass er sich vorstellt, dass er mit denen in den Sonnenuntergang reitet. Nein, es ist sehr sexuell, ja. Molly mit ihrem Liebhaber in den Sonnenuntergang reitet, weil die Ehe zwischen Molly und Leopold, die ist stabil in ihrer Instabilität. Das ist keine toxische Beziehung und das ist auch nicht so eine Beziehung wie in Wer hat Angst vor Virginia Woolf, sondern... Es ist eine Form von gegenseitigem Respekt, die sehr sexlos ist und die sehr unromantisch geworden ist, aber die trotzdem... ein Fundament ist, wie auch immer.
Johannes Franke: Ich finde es total schön, dass das nicht einfach darauf abgestellt ist, dass diese Ehe kaputt ist. Sondern es ist halt sexuell eingeschlafen und jeder hat seine Bedürfnisse und das wird ausgelebt. Sie könnten es vielleicht ein bisschen transparenter miteinander machen. Es könnte gesünder gelebt werden, aber es macht die Ehe nicht kaputt, weil die auf einer anderen Ebene was total Richtiges und Wichtiges hat.
Florian Bayer: Genau, das glaube ich auch. Es wird nicht so richtig thematisiert, wie offen sie damit umgehen. Das scheint so, als ob sie das, sie machen ja keine großen Anstalten, das voreinander zu verstecken. Er findet ja diesen Brief am Anfang. Er kriegt das irgendwie mit. Ihr Liebhaber ist ja auch dieser Typ, bei dem sie singt. sehr offen. Und jeder weiß es ja auch. Es wird im Film ja auch immer mal wieder drüber geredet, dass sie Sex hat. Und Leopold ist eifersüchtig. Aber wie gesagt, Leopold hat auch sein eigenes Ding am Laufen. Und das ist diese Kirche-Episode und Johannes.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich hab die, ich hab sie jetzt nicht nochmal komplett gelesen, aber ich hab sie soweit nochmal gelesen, um zu sehen, dass der Film sie ja da dran ist. Ich bin sehr enttäuscht.
Johannes Franke: Ich bin sehr enttäuscht, dass du das Ding, die tausend Seiten nicht nochmal gelesen hast in der Woche.
Florian Bayer: Nur die Kirche Episode habe ich Die Kirche Episode habe ich auch nicht ganz gelesen. Aber wie gesagt, sie ist so nah am Film, du hast es jetzt gesehen. Das heißt, du bist auf demselben Wissensstand wie ich. Erklär mir, was da passiert.
Johannes Franke: Der Team hat einfach Fantasie.
Florian Bayer: Ja, aber was passiert in dieser Fantasie?
Johannes Franke: Spaß in seinem Kopf, wenn er schon keinen Spaß in seinem Leben haben kann. Das ist doch großartig, was der sich alles ausmalt, was da alles passiert.
Florian Bayer: Aber warum lässt er sich in seiner Fantasie vor Gericht stellen und wegen seiner sexuellen Verfehlungen
Johannes Franke: Ja, weil das ihm auch imponiert, weil das auch bedeutet, dass, guck mal, die ganzen Frauen, die da aufstehen und sagen, er hat mir sonst was geschrieben, was ich machen sollte. So geil, oder?
Florian Bayer: Plötzlich so, Leopold, Mann, Mann, Mann, du bist ein ganz schöner.
Johannes Franke: Schwere Nöter. Das ist seine Vorstellung davon, weil er sich dann als der große, schwere Nöter fühlen kann. Und dann steht er vor Gericht und das ist natürlich die Öffentlichkeit einfach nur, die er haben kann und alle sehen, was für ein schwerer Nöter er ist. Das ist doch geil.
Florian Bayer: Er genießt das ja auch voll, wenn er dann Verurteilten von diesen Barbarenfrauen abgeführt wird. Er scheint das richtig zu genießen. Absolut. Und sie haben diese geile Tarzan-Uniform an. Er hat nur ein Unterhemd an. Und er wird durch so ein Dungeon geführt. Ja, und er findet das total geil. Das ist super, weil er sich, auf der Textebene beschwert er sich und man sieht seinem Gesicht total an, die ganze Zeit, dass er so viel Spaß macht. Das ist so schön. Es bleibt total unklar, was hier, also es fängt ja eigentlich damit an, dass er, nachdem er mit seiner imaginären Frau, die vielleicht auch noch was tut. wie er darüber getanzt hat, von den Polizisten befragt wird. Es ist absolut unklar, wann dieser Wechsel ins Bordell stattfindet. Er ist auf dieser Straße.
Johannes Franke: Der Wechsel passiert ja immer ganz kurz in Flashes. Schon mal.
Florian Bayer: Aber verstehst du, wo der Punkt ist? Jetzt ist er im Bordell und jetzt ist er nicht mehr auf der Straße, weil irgendwann sitzt er plötzlich im Bordell mit Steven Daedalus zusammen, ne?
Johannes Franke: Ja, ach, der ganze Weg dahin wird ja gar nicht erzählt. Es ist ja, seine Fantasie fängt in dem Moment an, beziehungsweise geht volle Kanne rein, wo die Polizisten ihn fragen. Ja. Und er dann plötzlich in diesem orientalischen Kostüm dasteht. Und ihm eine Visitenkarte in die Hand drückt. Und er erzählt ihnen, dass sein Bruder ist Ägypter oder was? Damit zu beeindrucken. Und rufen sie ruhig ein. Mein Name ist bekannt. War schon nie gehört. Ich finde das so lustig geschnitten und so lustig inszeniert. Ich habe mich so gefreut.
Florian Bayer: Es ist Monty Python. Total. Und es ist wirklich, ich glaube, ich habe es schon mal gesagt, dieser klassisches Surrealismus im Film. Monty Python hat davon extrem viel übernommen. Wenn man diese alten Luis Buenuel-Filme sieht, das ist auch so. Das fühlt sich an, als ob das Monty Python sein könnte.
Johannes Franke: Das ist superschön. Es ist einfach die Zeit, die Art und Weise, wie sie Filme gemacht haben, die technischen Mittel, die sie hatten, die sie eingesetzt haben, um bestimmte Gags zu formulieren. Es ist toll. Und auch hier kommt das total gut rüber. Und ich finde, hier, egal wie creepy sexuell der teilweise ist... Es macht so viel Spaß in seiner Fantasie, in seinem Hirn rumzupulen. Es ist so geil, weil er sich dann Allmachtsfantasien ausmacht, der noch der Bürgermeister erst wird und dann noch... Der König. Der König und der... größter Reformer der Weltgeschichte. Es ist so geil.
Florian Bayer: Immer sind in diesen Szenen die jungen Frauen dabei. Er hat immer diese Vorstellung von einer jungen Frau, die irgendwie so an ihm dran liegt oder von irgendeiner Prinzessin, die reingeführt wird. Und dann... Aber dann schwenkt es auch so um. Es ist eine Sexfantasie. Er hat ja diese halbnackte Frau liegen. Aber dann schwenkt seine Fantasie zu einem Moment, wo er auf dem Platz steht. Und den Leuten sagt, und ich nenne diesen Staat Plumation oder so, die goldene Stadt ... Und Free Money, Free Love, Mixed Races, Mixed Marriage. Der ist sehr progressiv.
Johannes Franke: Sehr progressiv, ja.
Florian Bayer: Und es ist so geil. weil er das Sexuelle für einen Moment komplett zur Seite kehrt, weil er feststellt, Moment, das ist eigentlich auch ganz geil. Vielleicht ist das einfach meine Fantasie jetzt.
Johannes Franke: Es ist so schön, weil er wirklich hin und her springt und das so alles teilweise so plump ist, weil er einfach nur diese Fantasie hat. Ja.
Florian Bayer: Das ist toll.
Johannes Franke: Ich wünsche ihm alles Gute.
Florian Bayer: Aber er ist in der Fantasie immer wieder damit konfrontiert, dass er halt ohnmächtig ist. Weil wir haben ja dann ja diesen Wechsel zu diesem Examinationsraum, wo die ganzen Ärzte da stehen und sagen, dieser Mann ist krank und er sitzt da nackt. und es ist ein Perverser und hier sehen sie Probleme und dann kriegt er ein Baby. Und dann wird er komplett entmännlicht.
Johannes Franke: Jaja, aber das ist sein Ding, was du vorhin gesagt hattest, dass es so eine andere Form von Männlichkeit mitbringt und so. Und er das ja an sich auch sieht und wahrscheinlich oft in seinem Leben gehört hat, heul nicht, du bist zu weibisch oder solche Sachen.
Florian Bayer: Ja, bestimmt, er hat das bestimmt viel zu oft gehört.
Johannes Franke: Und das hier verarbeitet und sagt, ja, ich bin jetzt aber auch die neue Art von Mann, von weiblicher Mann und so. Das wird ja auch gesagt. Und er ist dann nicht komplett machtlos in der Situation, sondern ihm wird auch immer wieder unterschwellig Bewunderung dafür mitgegeben. Allein, dass er schwanger werden kann. Weißt du, das sind alle... Oh, krass und so. Er ist da nicht nur... unterbuttertes Ausstellungsstück.
Florian Bayer: Da ist mehr drin. Er bricht tatsächlich Gendernormen. Also es wird diese Entmännlichung natürlich schon, also es wird... Es wird erzählt, dass diese Entmännlichung irgendwie herablassend betrachtet wird von der Außenwelt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber ich stimme dir zu, dass es in dieser Verzweiflung, das ist irre Zeug, was da passiert, dass es eine gewisse Selbstzufriedenheit vom Blumen gibt.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Und das find ich an diesem Charakter halt auch so toll, dass er diese ganze Hilflosigkeit, wie wir gesagt haben, seine Stimme zittert, er weiß nicht, was er sagen soll. fühlt sich überfordert, er hat Angst und so weiter, dass die nichts daran ändert, dass wir hier trotzdem irgendwie einen im Leben stehenden Mann haben, wo wir sagen können, ja, der hat irgendwie gefunden, wer er ist. Der weiß, wer er ist.
Johannes Franke: Und das finde ich schon toll. Also ein Gefühl von Selbstbewusstsein und so ein Gefühl von... Ich glaube, wenn ich jetzt zurückdenke in meine Fantasien als junger Mensch, ich war teilweise so verunsichert von der Welt, selbst in meiner Fantasie manche Sachen nicht erlaubt habe. Ja. verunsichert ist, dass selbst die Fantasie kann nicht richtig laufen und dass es in diesem Film... Man merkt dadurch, dass er das kann, dass er sich da auch hinstellt und sagt, nein, ich bin jetzt hier der Allmächtige und so, dass er sich das einfach nimmt und sagt, nö, ich... Ich kann es im wahren Leben zwar nicht, aber ich nehme mir das jetzt hier wirklich. Das zeugt ja schon von einer gewissen Reife, die er über die Zeit gewonnen hat.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Ich habe tatsächlich... Ich hab mich früher mit Steven Daedalus identifiziert. Und ich weiß, du sagst vor allem, weil ich der Glückscheißer bin. Aber natürlich ... Ich bin halt 40, ich bin über 40. Ich finde viel Liebe für Blumen mittlerweile.
Johannes Franke: Absolut, absolut.
Florian Bayer: Und für diese Art von Selbstbewusstsein, die so komplett unprätentiös daherkommt. Ja, genau. Er ist kein großer Macker. Er ist kein großer Macher. Aber es gibt ein Selbstbewusstsein, das über diese klassischen Erfolgsstereotypen hinausgeht. Und das ist toll, dass er das lebt und er lebt das natürlich ganz großartig in dieser Szene. Aber was soll diese Elefantenparade sein?
Johannes Franke: Ja. Hast du nie darüber nachgedacht, eine Elefantenparade abzuhalten?
Florian Bayer: Das ist deine Antwort darauf. Du wolltest mir erklären, was da passiert und du hast gesagt, ich finde für alles eine Lösung. Du musst mir jetzt erklären, was die Elefantenparade ist.
Johannes Franke: Ich weiß schon gar nicht mehr, was eigentlich mit der Elefantenparade geht.
Florian Bayer: Irgendwann im Zirkus oder so und dann sind diese Leute und dann machen die so eine Elefantenparade mit ihren Rüsseln, aber es sind Menschen.
Johannes Franke: Aber das ist doch nur die Vorbereitung dafür, dass er seine Unterwerfungsfantasien ausleben kann, oder? Da kommt doch diese... Frau mit dem Schnurrbart.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Und setzt sich auf ihn drauf und will ihn reiten und so.
Florian Bayer: der Moment, wo er wirklich bei einer Prostituierten ist. Oder er hat jetzt seine 10 Schilling bezahlt und er sitzt bei dieser Domina und Und offensichtlich ist seine sexuelle Vision, dass er wie eine Nutte behandelt wird. Er ist der, der runtergebuttert wird und er ist voll der, er ist voll der, der, der, der, wie heißt es?
Johannes Franke: So?
Florian Bayer: Ja. Er ist voll der Sub. Er ist devot. Ganz eindeutig steht er auf SNM.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und er ist definitiv der Masochist in dieser Geschichte, auch wenn er am Anfang ein bisschen diese Machtfantasien hat. Aber es endet ja damit, dass er wirklich die Frauenkleidung trägt und auf den Boden gedrückt und gedemütigt wird.
Johannes Franke: Ja. Und ich denke mir die ganze Zeit... Nicht mein Ding, aber wenn er sich das so, ne, das ist sein, was er möchte.
Florian Bayer: Absolut. Ist doch super. Und geil finde ich's. Und das ist für mich ein Zeichen dafür, wie funktionierend diese Ehe ist, dass seine Fantasie am Schluss zu Molly zurückkommt.
Johannes Franke: Stimmt, ja.
Florian Bayer: Und er stellt sich plötzlich vor, wie er der Typ ist, der an Freier seine Frau verkauft. Der Freier sagt zu ihm, du kannst durchs Schlüsselloch zugucken und masturbieren, während wir Sex haben.
Johannes Franke: Ach, und ich finde es so schön, dass dieser Film das so unpräditisch macht und dass dieses Sexuelle, was da drin steckt, so leichtfüßig daherkommt. Das ist einfach so, das ist halt da drin. Was soll das? Also es ist auch nicht so... Das Gefühl von, ich muss jetzt schockieren und so, sondern es ist einfach da drin und es gehört zum Leben dazu. Und das ist das wahrscheinlich, was James Joyce auch in seinem Buch macht. Ich weiß nicht, das musst du jetzt natürlich bestätigen.
Florian Bayer: Joyce macht das. Das Buch ist voll mit diesen sexuellen Anspielungen. Aber ich habe tatsächlich das Gefühl, der Film stürzt sich da besonders drauf. Der Film hat vor allem Spaß an der frivolen Seite von dem Buch. Und ich meine, FSK ab 18, ne? Also das ist einmal hart.
Johannes Franke: Sie wollten ihn ja auch richtig verbieten, den Film, beziehungsweise den Film an sich verboten haben sie. Und dann gab es eine Zensurbehörde, die gesagt hat, das, das, das, das und das muss raus. Und was hat der Regisseur gemacht, beziehungsweise der Editor? An den Stellen, was raus sollte, hat er nicht einfach nur rausgeschnitten, sondern er hat an der Stelle genauso lang wie das, was raus sollte, ein Schwarzbild eingefügt. und einen unerträglichen Ton. Sodass, wenn man den Film geguckt hat in der zensierten Fassung, man die ganze Zeit im Grunde immer wieder so einen schrillen Ton im Kopf hatte. Und dann hat die Zensurbehörde diese Version gesehen. Und hat gesagt, das kannst du doch nicht veröffentlichen, das geht doch nicht. Und da hat er gesagt, wieso, ihr habt es vorgeschrieben. Und dann hat die Zensurbehörde gesagt, okay, bitte mach es wieder rückgängig und wir erlauben es ab 18.
Florian Bayer: Joseph Strick war sowieso ein Fan von großem Drama, als das Ding in Cannes gespielt wurde. Haben sie auf die französischen Untertitel verzichtet? In den sexuell obszönen Stellen? Also hat jemand mit Filzstift...
Johannes Franke: Durchgestrichen, was da eigentlich stand.
Florian Bayer: Genau, sie haben die Untertitel vernichtet. Und Joseph Strick. Rennt während der Vorführung, rennt auf die Bühne, rennt in den Projektionsraum und schreit, mein Film wurde zensiert, ich werde zensiert und Attica, Attica, was auch immer. Und macht offensichtlich so ein Drama draus. Also ich meine, er hat vollkommen recht, aber er macht offensichtlich so ein Drama raus. dass er von Security rausgeworfen wird.
Johannes Franke: Und sich ein Knöchel verstopft hat. Oder gebrochen, irgendwas in der Richtung.
Florian Bayer: Ja, wobei Ich glaube, das war alles großes Drama. Wie gesagt, er hat vollkommen recht inhaltlich, aber ich glaube, er hat da wirklich einmal groß die... Ja, klar, natürlich. Und dann hat die Security, hat gesagt, jetzt komm mit raus und haben irgendwie so sanft am Arm genommen und hat gesagt, au, au, au, mein Knöchel. Und hat sich dramatisch auf den Boden geworfen. So stelle ich mir das vor, ganz ehrlich.
Johannes Franke: Er hat es so beschrieben. Ich habe ein Interview gesehen. Dass er da in diesen Projektionsraum gegangen ist, tatsächlich auch die richtigen Knöpfe gefunden hat, wo man den... Strom abschaltet für die Projektion, sodass das nicht weitergeht. Daraufhin, weil er da eingegriffen hat, wurde die Security geholt. Und er wurde die Treppe hinunter geschleudert und durch den Fall von der Treppe ist ihm dann der Knöchel gebrochen oder... Ich glaube nur verstaucht.
Florian Bayer: Ich glaube zwar nicht, aber... Das war ein Herzensprojekt von Joseph Strickler. Der war großer James-Choice-Fan. Und der wollte das Ding eigentlich haben, im 20. Jahrhundert Kino, Filmrechte werden verkauft an jemanden. eine Idee, was zu drehen und dreht dann doch nichts. In dem Fall war es Jerry Walt. Und verkauft es dann weiter, beziehungsweise Jerry Walt ist irgendwann gestorben, ohne es zu verfilmen. Dann kriegt es der Nächste und dann kriegt es der Nächste. Und eine Zeit lang war es bei Jack Cardiff, der Regisseur ist und vor allem auch Kameramann und bei einem der meiner Meinung nach schönsten Tanzfilme. besten Tanzfilm in der Filmgeschichte Kamera gemacht hat, nämlich bei Red Shoes. Und der auch für einen anderen Film als für einen Oscar nominiert war. Und Joseph Strick wollte eigentlich die ganze Zeit an diese Rechte kommen, wurde aber von Jerry Walt überboten damals. Und hat es dann endlich 1964 geschafft, sich die Rechte zu sichern. Der hat da wirklich drangehangen und hat es dann irgendwie geschafft, das Geld zusammenzukriegen, was gar nicht so einfach war, weil... Es gibt eine Irish Film Finance Corporation, die quasi das macht, was in Deutschland halt die Filmförderung macht. Filme bezahlen, die Kunst sind. Und die haben gesagt, nee. Du kriegst kein Geld von uns. Du verfilmst nicht dieses unehrige Buch... Und dieses obszöne Buch, keine Chance.
Johannes Franke: Als Strick aufgewachsen ist, hat er in einer Familie gelebt, die dieses Buch vergöttert haben. Ja. Also die haben auch das Buch damals, als es noch verboten war, von England nach Irland hineingeschmuggelt, damit sie es im Haushalt haben können. Und er ist quasi damit aufgewachsen, dass dieses Buch existiert und dass es das größte Buch aller Zeiten ist. Und dann kamen immer wieder auch Leute zu Besuch, Intellektuelle, die sich dann über dieses Buch gestritten haben. Die meisten von denen haben gar nicht gelesen, was da drin steht. Und dann war das irgendwie einfach so ein großes heiliges Tier in dieser Familie. Ja.
Florian Bayer: Und ich glaube dann...
Johannes Franke: ist klar, dass man, wenn man Filmemacher wird, dass man dann mindestens einmal daran denkt, dieses Ding auch zu verfilmen.
Florian Bayer: Das Schräge ist ja, wenn man sich Joseph Strick ein bisschen anschaut, der Typ war nicht einfach nur Filmemacher.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der war Daniel Düsentrieb.
Johannes Franke: Ja genau, das ist so krass. Der hat mehrere Firmen ins Leben gerufen. Hat Erfindungen gemacht, die auch heute noch irgendwie genutzt werden.
Florian Bayer: Für Disney Theme Parks hat er diesen so Six-Axis-Motion-Stimulators gebaut. So sich bewegende Räume mit Filmprojektionen und so einem Shit.
Johannes Franke: Total krass, ja.
Florian Bayer: Star Tours heißt das Ding, was offensichtlich in verschiedenen Disney-Parks in den 70ern dann unterwegs war. Und genau, was hat er gemacht? Physical Science Corp 1958?
Johannes Franke: Ja, ja, genau.
Florian Bayer: Elektro-Solids-Korb 1956, der hat einfach Fernring.
Johannes Franke: Ja, ja. Und ich glaube, er war nicht schlecht dran finanziell. Also er hat schon gut... Er hat sogar einen Academy Award gewonnen für die beste Dokumentation. Interviews with my Lai Veterans hieß das Ding. Ich habe den Film nicht gesehen, keine Ahnung. Ich auch nicht. 1970.
Florian Bayer: Und offensichtlich war er Fan von Literaturverfilmungen. Er hat nämlich sich Portrait of the Artist as a Young Man geschnappt, 1977. Und er hat ein weiteres unverfilmbares Buch verfilmt, nämlich Wendekreis des Krebses von Henry Miller. Was mir auch den Verdacht nahelegt, dass Joseph Strick selbst auch so ein kleiner Perversling ist. Wenn du James-Choice-Ulysses für pornografisch und obszön hältst, dann hast du halt nicht Wendekreis des Krebses von Henry Miller gelesen. Ich weiß nicht warum, das hat einen sehr guten Ruf in der Literaturgeschichte, gilt als Kunst. Es ist aber ein Porno. Es ist wirklich einfach nur Geficke. Krass. 500 Seiten oder so. Aber es ist Henry Miller.
Johannes Franke: Ja, Henry Miller ist sowieso nur gefickt. Na gut.
Florian Bayer: Ja, genau. Und diese Perversion, die Kirke Episode ist wirklich geil. Die Kirke Episode ist das Herzstück des Films und ich finde, die ist wirklich gut gelungen und es ist ein sexueller Fiebertraum. Man verliert sich komplett darin. Man lacht, man weint, man möchte sich einen runterholen. Das macht Spaß.
Johannes Franke: Also davon war ich ein bisschen sehr weit entfernt von wirkliche sexuelle Stimulation, weil ich einfach zu viel Monty Python dazwischen hatte.
Florian Bayer: Nein, das ist ja krass, weil es ist voll obszön. Aber du hast nie das Gefühl, dass du im Erotikfilm gelandet bist, weil es hat null Erotik.
Johannes Franke: Null Erotik. Wobei dann der große Monolog am Ende von ihr, wie wir sie sehen im Bett liegend und so, das ist wieder eine andere Nummer.
Florian Bayer: Das ist wieder eine andere Nummer.
Johannes Franke: Aber da bin ich dann plötzlich wieder in einem anderen Film und der dauert 40 Minuten und das ist super seltsam und ich weiß gar nicht, was hat der mit dem Rest zu tun, außer dass die dass diese Figur schon mal aufgetaucht ist.
Florian Bayer: Ganz kurz dazwischen haben wir ja diese Ithaka-Episode, Vater und Sohn kommen nach Hause. Und da haben wir ja auch dieses Frage-und-Antwort-Spiel. Das stimmt.
Johannes Franke: Was ich ziemlich geil finde.
Florian Bayer: finde. Ja, wir sehen Plum und Daedalus zusammen, wie sie in seine Wohnung gehen, wie sie zusammen im Garten stehen und pinkeln.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und wir haben keinen Ton im Film, sondern wir haben nur den Off-Erzähler, der sagt, haben Sie das gemacht? Ja. Und dieses Frage-Antwort-Spiel ... Schön.
Johannes Franke: Ich finde es total schön. Und da hast du wieder, ist das eine Eigenleistung vom Regisseur oder nicht?
Florian Bayer: Nein, nein. Es ist sehr nah am Text umgesetzt. Es ist... Ja, doch, auf der Bildebene passiert anderes als im Text.
Johannes Franke: Und er hat auch eigene Ideen und so, oder?
Florian Bayer: Er hat auch eigene Ideen. Es ist, lass mich kurz nachdenken, ich find's gut, ich find's halt vor allem gut, weil es kommt nach diesem absoluten Fiebertraum, nach diesem Exzess. Nach dieser Kirche. Und dann hast du diesen ruhigen Moment zwischen zwei Personen, die einfach nur zusammen nach Hause gehen und es passiert ja nicht viel. Sie unterhalten sich. Sie scheinen sich irgendwie zu mögen. Bloom bietet ihm an, da zu bleiben und bei ihm zu schlafen. Er lehnt ab. Es ist alles freundlich. Sie verabschieden sich. Und dann haben wir diesen Moment von Plum, der alleine ist und oft Stimme sagt, er ist zufrieden mit den Imperfections of a perfect day. Ich bin so glücklich in diesem Moment.
Johannes Franke: Das ist schön. Warum hört der Film nicht auf an der Stelle?
Florian Bayer: Du kannst mir nicht sagen, dass du den inneren Monolog von Molly nicht geil findest.
Johannes Franke: Das ist ein anderer Film. Den kann ich mir auch anschauen. Da können wir auch mal eine Episode dazu machen, aber irgendwie weiß ich nicht.
Florian Bayer: In der 93. Minute fängt das Ding an und dann haben wir die letzte halbe Stunde.
Johannes Franke: Ja, 40 Minuten.
Florian Bayer: Die letzten 40 Minuten sind wir bei Molly Blum, die im Bett liegt. Leopold Blum legt sich zu ihr, sie ist genervt von seinen Füßen, wäre ich auch.
Johannes Franke: Wäre ich auch, absolut. Alter, weg mit den Füßen da.
Florian Bayer: Allein ganz schrecklich, diese Vorstellung, zusammen im Bett zu schlafen und so.
Johannes Franke: Nein, auf gar keinen Fall.
Florian Bayer: Ich merke, du bist auch kein Fußball-Tisch.
Johannes Franke: Nein, überhaupt nicht. Ich hoffe nicht. Ja, wenn Tarantino jetzt da wäre, hetzend wäre es eine andere Nummer.
Florian Bayer: Ich finde tatsächlich die Szene, also zum einen aus meiner literarischen Perspektive, im Buch ist es genauso. Du bist plötzlich im anderen Buch, du hast plötzlich diese letzten Hunde.
Johannes Franke: Aber im Buch bist du doch ständig in einem anderen Buch, oder nicht?
Florian Bayer: Im Buch bist du ständig im anderen Buch. Aber im Film bist du ja auch ständig im anderen Film, oder?
Johannes Franke: Ein bisschen.
Florian Bayer: Ich finde, es ist ein Unglaublich poetischer Moment. Und es ist wirklich gut gelungen. Und es ist wirklich Kudos an diesen Film, dass er das knallhart durchzieht. Dass wir diese Bilder haben, dass wir diesen Gedankenstrom haben und dieses Gefühl beim Lesen des Buches. Ich weiß nicht, was es ist. Ist es Einschlafen oder ist es Orgasmus? Oder ist das Orgasmus kurz vorm Einschlafen? Passiert das gleichzeitig?
Johannes Franke: Beides, ja, klar.
Florian Bayer: Ich finde es so großartig. Ich finde es... Also es ist natürlich vor allem James Joyce Text zu verdanken, dass der das so gut umsetzt. Weil dieses Gefühl, dieses Abschweifen und dieses Gedankenverlieren und so ... Das ist schwer literarisch umzusetzen, aber Leute, ihr kennt das, ne?
Johannes Franke: Also du kennst das.
Florian Bayer: Und ich bin so glücklich, das in einem Kunstwerk umgesetzt zu sehen.
Johannes Franke: James Joyce hat sich ja dadurch so ein bisschen den Ruf des Frauenverstehers erarbeitet. Ist das so? Ich weiß nicht ganz genau, früher war es vielleicht eine andere Nummer. Ich finde auch diese Perspektive... Wenn man darüber redet, dass es der Frauenversteher ist und man so denkt, hä, was hat das mit irgendwas zu tun? Was ist das überhaupt für eine Kategorisierung?
Florian Bayer: Ein Frauenversteher klingt schon sehr sexistisch an und für sich.
Johannes Franke: Super seltsam.
Florian Bayer: Kennst du einen Männerversteher? Oder kennst du eine Männerversteherin?
Johannes Franke: Viel besser.
Florian Bayer: Ich habe noch nie gehört, dass Frauen über Menschen... Männerversteherinnen reden. Und deswegen sind Frauen die besseren Menschen.
Johannes Franke: Ach, Leute. Naja. Aber irgendwie hat man trotzdem das Gefühl, dass er für seine Zeit vielleicht eine ungewöhnliche Introspektion hat. darbietet einer Frau, was sonst in Literatur vielleicht nicht so dargeboten wird.
Florian Bayer: Ja, und ich finde auch, es sind so Sachen, also zu dem Thema Frauenversteher, ich meine, okay, es ist ein 1920er geschrieben, wie sie zum Beispiel über Penisse redet.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das kenn ich von Frauen, dass sie sagen, ein Penis an und für sich ist vielleicht nicht das Schöne. schönste Körperteil. Und dass Männer ja eigentlich ziemlich hässlich sind und dass die männlichen Genitalien auch hässlich sind, was hat das zu bedeuten und was soll das, dass da so das Schwingel runter
Johannes Franke: Sie reden über einen Jungen, ein bisschen seltsam. So ein Jüngling.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wo man so denkt, oh, das klingt nach minderjährig und sie redet über Oralverkehr.
Florian Bayer: Ja, seltsam. Oh stimmt, es gibt diese Szene.
Johannes Franke: Sehr seltsam.
Florian Bayer: Wo sie sich vorstellt, den Penis von der Jünglingsstatue in den Mund zu nehmen. Und ja, und das ist wirklich eine Jünglingsstatue.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also da war ich ein bisschen verstört. Da habe ich dann gedacht, äh.
Florian Bayer: Aber diese Gedanken kann es auch geben.
Johannes Franke: Ja, klar, bei einem Gangstrom kann man alles mögliche einfach unterbringen und sagen, ja, das ist ja jetzt nur...
Florian Bayer: Jeder Mensch trägt irgendwie so seine sexuellen Perversionen rum. Man muss nicht drüber reden, aber im Gedanken kann es sein, dass es da ist. Ich habe den Gedankenstrom, ich versuche nicht zu strukturieren, aber ich habe aufgeschrieben und ich versuche gerade diese... Diese Momente zu finden und genau diese Lust auf Oralsex mit der Jünglingsstatue fand ich auch sehr merkwürdig. Und sie denkt dann ja auch über eine Affäre mit Daedalus nach. Ich glaube, darauf läuft es vor allem hinaus. Sie hat irgendwie offensichtlich Daedalus, sie hat mitgekriegt, dass dieser Typ da ist. Und dann denkt sie ja auch drüber nach, dass sie Polyamor leben könnte.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich finde der Film... Nicht nur für die 20er, sondern auch für die 60er Jahre hat er wirklich viele progressive Gedanken, was so Lebensstil betrifft. Sie denkt darüber nach, ich könnte eine Affäre mit Daedalus haben. Warum müssen wir überhaupt so monogam leben? Warum können wir nicht einfach viel freier sein mit unserer Sexualität? Was soll das überhaupt? Und eigentlich könnten wir doch auch zusammen und wir könnten doch auch einen netten Dreier haben. Ich finde das funktioniert extrem gut, weil es halt so diese offenen Gedankengänge sind und diese ehrlichen Gedankengänge. Die über diese strengen Gendergrenzen und über diese strengen Sexualität und Romantikgrenzen hinausgehen.
Johannes Franke: Ich habe mal eine grundsätzliche Frage. Warum zur Hölle? Haben wir es 1922 schon geschafft? Joyce schreibt sowas schon auf?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wir haben schon verstanden, okay, wir können auch alltägliche Gedanken aufs Papier bringen. Das ist vollkommen in Ordnung, jemanden, der... nicht royal, nicht berühmt, ein ganz normaler Mensch ist, den in den Mittelpunkt zu stellen und die Gedanken aufzuschreiben. Und auch Gedanken aufzuschreiben, die vielleicht jetzt nicht jeder sofort aussprechen würde. Sexueller Natur oder eben auch perverser Natur oder sonst irgendwelcher Natur oder krimineller Natur oder was auch immer. Warum ist das in den 60ern auf der Filmebene immer noch so ein großes Problem? Warum schaffen wir das nicht?
Florian Bayer: Es gibt einfach die konservative Gegenbewegung. Und das ist dieselbe Frage, warum ist das im Jahre 2026 noch so ein Problem? Ja, darauf geht es ja hinaus. Auf andere Weise aber, es sind die Widerstände, sind einfach ziemlich stark.
Johannes Franke: Ich will darauf hinaus, bei Joyce ist es vielleicht noch ein Novum. Da ist es neu. Da ist der Gedankenstrom, den hat er nicht erfunden, aber er ist zumindest noch nicht so eingesetzt in der Form und in der Massivität und er macht da irgendwie was draus. Okay, es kommt was Neues und es gibt erstmal Widerstand. Verstehe ich. Aber wir sind über 100 Jahre später. Was ist da los?
Florian Bayer: Wir sind auch 100 Jahre noch Allende und müssen trotzdem mit Rechten über Transsexualität und Intersexualität streiten.
Johannes Franke: Krass, ne? Ich komme da nicht drüber weg. Jedes Mal, wenn wir das Thema haben und es ist nicht das erste Mal, dass wir das Thema haben. Wir haben eine Filmgeschichte. Von 1989 bis heute, da ist viel passiert und da wurde auch vieles schon im Film gegossen. Ich denke nur an Wings, als wir über Wings gesprochen haben, ein Film aus den 20ern, wo es auch... eine homosexuelle Note gibt. Warum schaffen wir es nicht, in über 100 Jahren das mal aufzuarbeiten? Ich finde es total seltsam.
Florian Bayer: Weil die Rechten doof sind. Ganz banal, die Rechten sind einfach doof.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und haben kein Gespür für Kunst. Das ist so simpel. Die Welt wäre viel einfacher, wenn die Menschen einfach... Einfach sagen würden, let it be.
Johannes Franke: Für die Rechten war Kunst total wichtig. Also so ist es nicht. Linie Riefenstahl und Co. Die hatten ein Gefühl für Kunst. Ich weiß, ich sage dir jetzt nicht, welches Gefühl für Kunst sie hatten, aber sie hatten
Florian Bayer: Das ist das Ding. Das kommt ja noch dazu. Die Rechten früher hatten viel mehr ein Gespür für Kunst als die Rechten heute. Die Rechten heute feiern unironisch Uwe Boll ab. Und das ist wirklich... Das sagt sehr viel über den Zustand der heutigen Rechten aus, dass ein Uwe-Boll-Film als ihr Meisterwerk gilt. Früher hatten sie sowas wie Charles Bronson. Meinetwegen auch Chuck Norris. Und jetzt ist die rechte... ich bin großer Kunstliebhaber und ich bin soweit Kunstliebhaber, dass ich sage, es gibt rechte Kunst oder konservative Kunst, die ich sehr zu schätzen weiß. Und es gab wirklich Zeiten, in denen die härtesten Nazis und Faschisten gute Kunst produziert haben. Leni-Riefenstahl-Filme sind wunderschön.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Sorry, ich bin nicht auf ihrer politischen Wellenlänge, aber ihre Filme und ihre Bilder sind grandios und sie war ihrer Zeit weit voraus mit ihren Bildern.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Die heutige Rechte hat das nicht. Was die produzieren, sind entweder unfassbar schlechte christliche Kitschstreifen. Und zwar sowas wie, keine Ahnung, also wirklich dieser Mist, der auf diesem, wie heißt dieses Netflix-Ding für Christen? Ich weiß es nicht.
Johannes Franke: Keine Ahnung.
Florian Bayer: Oder absurd schlechte Action-Beam-Movies. Und wenn ... eure großen Autoren Ben Shapiro sind, wenn euer großer Autor Ben Shapiro ist und euer großer Regisseur Uwe Boll, dann habt ihr verloren. Zumindest aus ästhetischer Sicht. Und Kanye West hat wirklich gute Songs gemacht. Also der ist zwar komplett durchgetreten.
Johannes Franke: Aber deswegen sag ich's. Weil es gibt ja auch Kunst aus der rechten Ecke, die irgendwie anerkannt ist.
Florian Bayer: Ja, Kanye West ist die große Ausnahme, aber seine Musik ist nicht so politisch. Kanye West ist ein kompletter Schwinner. Das stimmt. Und wenn wir bei politischer Musik sind, dann haben wir irgendwie so Country oder Kid Rock.
Johannes Franke: Und das ist beides ziemlich übel. Okay.
Florian Bayer: Ja, egal, wir schweifen komplett ab. Ich mag diese Szene. Ich mag die wirklich. Ich finde dieses Abschweifen... Du meinst, du magst den Film?
Johannes Franke: Den 40 Minuten Film?
Florian Bayer: 40 Minuten Film und dieses Ende, ich bin hin und weg und dann auch wie sich dieses Yes mehr und mehr reinschleicht und dann immer mehr Yes, Yes.
Johannes Franke: Aber das Buch natürlich, ne?
Florian Bayer: Das ist das Buch. Aber ich finde, die Bilder funktionieren auch. Und wir haben halt einen Schuss Feminismus drin, weil sie... Weil sie denkt darüber nach, dass Frauen die Welt regieren sollten und wie Religion und Politik funktionieren. Und wir haben die progressive Note, die progressive romantische sexuelle Note, weil sie über Polyamorie nachdenkt. Und weil sie sich fragt, Warum kannst du einen Mann nicht küssen, ohne ihn gleich heiraten zu müssen?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann denkt sie darüber nach, wie sie im Beichtstuhl war und gesagt hat, you touched me. Und der Priester fragt, wo? Und sie sagt, auf der Bank. Und denke da kurz drüber nach, dass sie sich total dumm gefühlt hat in dem Moment, als sie gemerkt hat, was er eigentlich wissen wollte. Ich finde, es ist ein großartiger Gedankenstrom und es endet halt einfach mit diesem krassen Fate to Plague und diesem I will. Yes.
Johannes Franke: Yes, ja.
Florian Bayer: Es ist toll.
Johannes Franke: Und es war James Joyce wichtig, dass er mit dem positivsten Wort der englischen Sprache endet. Ja. Mit einem Yes. Und das finde ich auch einen schönen Gedanken. Auch sehr simpel als Gedanke, aber ein sehr schöner Gedanke, das zu nutzen und zu sagen, okay, wir gehen da jetzt positiv raus.
Florian Bayer: Es fasst halt für mich zusammen, was diesen Film und auch dieses Buch so großartig machen. Aber bevor wir zum Urteil kommen, springen wir noch schnell in die Top 3, okay?
Johannes Franke: Ab in die Top 3!
Florian Bayer: Unsere Top 3. Top 3 Filme, die an einem Tag spielen.
Johannes Franke: Ja, das muss ich erstmal hier sortieren. Ich weiß schon gar nicht mehr, was das hier eigentlich alles ist. Du musst anfangen. Oh nein, stimmt ja. Ich hätte einen honorable Menschen. Ja. die ich nie gesehen habe, von der ich nicht weiß, was es überhaupt ist. Aber wir haben jemanden da draußen, ja, du bist gemeint, der immer wieder kommentiert, schöner Film, aber habt ihr Speed 2 gemacht?
Florian Bayer: Und du weißt, dass das eine Aufforderung ist und wir werden die irgendwann erfüllen müssen.
Johannes Franke: Und ich habe gedacht, das ist offensichtlich ein Film, der an einem Tag spielt. Warum nehme ich nicht einfach hier einmal als andere Menschen auf?
Florian Bayer: Honorable Mention Speed 2 Cruise Control, der beste Film aller Zeiten. Schaut ihn euch an.
Johannes Franke: Dein Platz 3, bitte. Mein Platz 3 ist... Und täglich grüßt das Murmeltier.
Florian Bayer: Das ist ein sehr langer Tag.
Johannes Franke: Aber ja, so, Platz drei. Deswegen auch nur Platz drei, weil es natürlich ein bisschen gecheatet ist. Aber es ist toll. Es ist ein Tag, der sich immer wieder wiederholt und er versucht aus dem scheiß Tag wieder rauszukommen und den Ausgang zu finden. irgendwie das Richtige zu tun, damit endlich sein Tag endet und er den nächsten anfangen kann.
Florian Bayer: Wir haben eine Episode dazu gehört.
Johannes Franke: Ja, lange, lange her.
Florian Bayer: Sehr lange her.
Johannes Franke: Und ich glaube, es ist einer unserer besten Episoden der frühen Phase.
Florian Bayer: Vielleicht.
Johannes Franke: Ich mochte diese Episode sehr.
Florian Bayer: Ja, ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber wir haben unglaublich viele Funfacts reingeworfen und dann irgendwann sehr lange drüber diskutiert, wie viele Tage er jetzt in dieser Zeitschleife
Johannes Franke: Genau. Und wie er da rauskommt und was es nur ist, dass ihn da rauskommen lässt.
Florian Bayer: Mein Platz 3, ein amerikanischer Film aus dem Jahr 1979, The Warriors, der sich irgendwie zwischen Actionfilm, Thriller und Science-Fiction bewegt. Und es geht um eine Jugendbahn, die sich durch New York City kämpft. Und zwar Schlachten mit verschiedenen anderen Jugendbanden hat und so. Sehr trashig, sehr actionreich. großartiger Film vom großartigen Walter Hill, der ziemlich geile Actionfilme gemacht hat und viel mehr will ich gar nicht sagen, den muss ich dir irgendwann mal geben.
Johannes Franke: Ich habe auf Platz zwei High Noon.
Florian Bayer: Oh ja.
Johannes Franke: Ich war so irritiert davon, dass ich einen Western gut finde. Ja. Und wir haben ja schon auch einen zweiten Western. Was war denn der andere Western, den wir auch tatsächlich beide ziemlich gut fanden?
Florian Bayer: Also wir hatten, mein Name ist Nobody.
Johannes Franke: Stimmt, der war sehr, sehr gut.
Florian Bayer: Und wir hatten einen Publikumswunsch, das ist schon sehr lange her.
Johannes Franke: Dacchus Sucker.
Florian Bayer: Dacchus Sucker von?
Johannes Franke: Weiß ich schon nicht mehr.
Florian Bayer: Sergio Leone.
Johannes Franke: Ah, okay, okay. Und der war auch ganz gut. Ich glaube, den fanden wir dann tatsächlich auch ganz interessant. Hatte so seine Schwächen und Stärken, aber ich glaube, der war ganz gut. Auf jeden Fall High Noon nicht der typischste Western der Welt, sondern ein schwacher Sheriff. Der verzweifelt versucht, Leute zusammenzubringen, die ihm helfen gegen die Bande, die da kommt um 12 Uhr mittags mit dem Zug. Und er findet keine Verbündeten, obwohl er der fucking Sheriff ist. Alle haben Angst vor den Leuten, die da kommen und sagen, nee, wir können uns da jetzt nicht auf deine Seite, das geht nicht, dann müssen wir das optimieren. verbringen, dass du da irgendwie umgebracht wirst, damit wir von denen nicht niedergemacht werden. Ein krasser Film mit einem weinenden Sheriff am Ende. Großartig.
Florian Bayer: Das ist so gut gemacht. Und das in den 50ern.
Johannes Franke: Wahnsinn.
Florian Bayer: Toll. Mein Platz 2, Dog Day Afternoon aus dem Jahre 1955 von Sidney Lumet, den ich dir auch irgendwann geben muss, der einen... einen Bankraub und eine Geiselnahme erzählt, die irgendwann fehlschlägt und halt während dieses Zeitraums spielt und sich dann auch ziemlich über den Tag erstreckt mit Al Pacino in der Hauptrolle. Großartiger Film, großartiger Thriller, der irgendwie auch so eine Serie in Richtung Drama geht und der wirklich intensiv und wirklich spannend ist.
Johannes Franke: Ich habe auf Platz 1 Playtime. Es kann keinen anderen Film geben auf diesem Platz. Von Jacques Tati, Playtime, das ist ein kleines bisschen länger als 24 Stunden. Es ist nicht ganz ... Er ist ja morgens dann noch in diesem Karussell von Kreisverkehr. Und es ist so toll. Es ist eine Komödie, würde ich mal so mutig sagen.
Florian Bayer: Vielleicht.
Johannes Franke: Aber es ist eine absurde Komödie und er ist sehr in Bildern. Es ist ja fast ein Stummfilm. Mit Geräuschen und so, die eine Komödie herstellen. Das habt ihr noch nicht gesehen, Leute. Ihr müsst Playtime sehen. Und wenn ihr nach einer halben Stunde aufgebt, verstehe ich komplett, ist vollkommen in Ordnung, aber hört euch unsere Episode dazu an. Plur war teilweise überfordert davon.
Florian Bayer: Ja. Definitiv. Absolut ungewöhnlicher Film, den ich auch tief respektiere, der mich aber auch immer ein bisschen... Das heißt immer. Ich habe ihn einmal gesehen.
Johannes Franke: Ich habe ihn super gut.
Florian Bayer: Ziemlich brachlos zurück. gelassen hat und ich denke jetzt wieder, ich muss ihn vielleicht nochmal gucken, weil in dem Gespräch bin ich dann auch ein bisschen aufgetaut und war so, ja, der hat so viele großartige Momente und aber... Es ist kein leichter Film, dafür, dass es eine Jacques-Tati-Komödie ist.
Johannes Franke: Aber Jacques-Tati hat sowieso immer sehr dieses Stumme und so. Auch Mononcle und so, die sind nicht leichte Komödien im Sinne von normalen Schenkelklopfer oder... Chaplin oder sowas. Er hat eine ganz, ganz eigene Art und Weise Comedy zu machen. Und ich finde es so beeindruckend und geil. Und manche Sachen kann man einfach nicht mal eben gucken.
Florian Bayer: Labyrinthisch war der vor allem.
Johannes Franke: Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Ganz viele Wimmelbilder hattest, waren vor allem Wimmelbilder, wo du erstmal dich orientieren musst, um zu verstehen, wo eigentlich was passiert, was für dich jetzt relevant ist. Und die Antwort ist dann auch tatsächlich da, da und da. Und du schaffst es nicht, alles drei gleichzeitig zu sehen.
Johannes Franke: Überall, ja. Das ist toll. Ganz, ganz toller Film. Playtime von Jacques Tati.
Florian Bayer: Honorable Mention, um es zumindest einmal genannt zu haben, Before Sunrise?
Johannes Franke: Ja, natürlich, ganz toll, habe ich auch überlegt reinzunehmen.
Florian Bayer: Aus dem Jahre 1995 von Richard Linklater, hat auch eine Fortsetzung und noch eine Fortsetzung gekriegt, die auch sehenswert sind, spielt an einem Tag Europa.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: War es Wien?
Johannes Franke: Ja, einer davon ist in Wien, glaube ich. Sind die anderen auch in Wien?
Florian Bayer: Nein, nein. Der erste ist in Wien, ich glaube der zweite ist in Paris und der dritte ist eventuell in Amerika. Aber ich bin mir nicht mehr 100% sicher.
Johannes Franke: Okay, ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Aber mein Platz 1 ist Magnolia. Ich weiß, ich nehme diesen Film viel zu oft für unsere Top 3. Aber Magnolia spielt an einem Tag und am Ende regnet ein Frösche und er ist ein fucking Meisterwerk und jeder sollte diesen Film gesehen haben.
Johannes Franke: Okay, okay, okay. Mit meinem absoluten Hassobjekt an Schauspieler, der hier einen Pickup-Artist spielt. Tom Cruise. Tom Cruise, den ich ganz furchtbar finde. Spielt ihr nicht auch Speed 2 Cruise Control mit? Nein. Okay, schade. Sandra Bullock.
Florian Bayer: Speed 2 Sandra Bullock.
Johannes Franke: Okay, okay. Okay, ja geil, schön, vielen Dank für die tolle Top 3.
Florian Bayer: Ja, vielen Dank dir.
Johannes Franke: Das war's. Unsere Top 3.
Florian Bayer: Und zurück in den Film, der ein Budget von 222.000 Pfund hatte, was damals ungefähr 900.000 Dollar entspricht. in Amerika und Kanada allein von 2.300.000.
Johannes Franke: Der hat sein Geld wieder reingekriegt. Das hat er geschafft. Aber auch vor allem, weil er so billig war.
Florian Bayer: Ja, es wurde sich bewusst gegen Stars entschieden. die SchauspielerInnen, die in dem Film mitgemacht haben, haben, zumindest wenn man einem Report von Afi glaubt, von AFI glaubt, nicht mehr gekriegt als 100 Pfund pro Woche. und Gewinnbeteiligung. Und das Ding wurde in Dublin on Location gedreht. Budget war einfach niedrig.
Johannes Franke: Sie hatten auch wirklich Glück. Da waren Leute in Entscheiderpositionen. Diese Location darfst du benutzen. Wir sperren alles ab für euch. weil das ein Fan von James Joyce war. Die hätten auch locker sagen können, Leute, am Arsch, ihr könnt hier nicht drehen. Und die haben aber wirklich so viel entgegenkommen von der Stadt bekommen, weil das eben James-Joyce-Fans waren. Ja, das ist toll.
Florian Bayer: Den Bloomsday, den gab es damals ja schon. Stimmt, ja. Also der Bloomsday wird ja seit... Seit den 50ern. Ich hab auch irgendwo das Datum stehen, aber ich find's jetzt nicht auf die Schnelle. Wird das Ding gefeiert? Und gefeiert in dem Sinne davon, dass ganz viele Buchhandlungen und kleine Theater und so weiter einfach Projekte machen, die irgendwie damit zusammenhängen. Es werden Szenen aus Ulysses auf der Bühne aufgeführt, es werden Sachen vorgelesen in Buchhandlungen. Es werden ein paar schräge Sachen gemacht, Menschen laufen verkleidet rum als die Protagonisten. Es ist eine richtig schöne Tradition. Ich finde es so süß, dass es quasi einen dezidierten Feiertag für dieses Buch gibt und für James Joyce.
Johannes Franke: Und eigentlich finde ich, und da kommen wir wieder zum Anfang zurück, ich finde, dass er eben... so sehr der Everyman ist, auch wenn du Argumente dagegen hast und gesagt hast, okay, der ist jetzt vielleicht ein bisschen zu... Außenseiter, um wirklich der absolute Everyman zu sein. Aber ich glaube, dass Bloomsday für mich in der Rezeption eher noch der Tag für ihn ist. Für diesen leicht loserigen Typen, der einfach... so millionenfach unter uns lebt, den wir einfach mögen müssen, weil er einfach so ein Bär ist, der vielleicht eine seltsame Fantasiewelt hat. Der aber eigentlich absolut lebenswert ist.
Florian Bayer: Ja. Spielt schon den Fazit-Jingle ein.
Johannes Franke: Das Urteil Okay, komm, erzähl mir ein Facet.
Florian Bayer: Muss ich wirklich anfangen?
Johannes Franke: Du darfst das letzte Wort haben. Ich kann natürlich auch. Wir haben ja den Film besprochen. Ich kann nichts zum Buch sagen. Also außer das, was ich recherchiert habe und das habe ich jetzt genüge getan. Der Film fühlt sich an wie vier Stunden, muss ich sagen.
Florian Bayer: Der Film ist anstrengend, ja.
Johannes Franke: Der Film ist anstrengend. Aber ich habe sehr viel Spaß an vielen kleinen Ideen, die dieser Film hat, an Möglichkeiten, was auch immer aus dem Buch kommt oder nicht oder was der Regisseur sich dabei gedacht hat oder was er einfach. nur von James Joyce übernommen hat, ist mir in dem Moment total egal. Ich gucke mir den Film an und denke, wow, okay, und jetzt höre ich die Möwen denken. Ist doch auch nett. Und diese ganze seltsame Hin- und Herschneiderei, die mich total durcheinander bringt, aber die so viel Spaß macht. Also man muss den Film vielleicht in drei Sitzungen gucken. Das würde ich vielleicht empfehlen. Findet die richtigen Stellen, um auszusteigen, Mittag zu machen, was zu essen und dann die nächste Dreiviertelstunde zu gucken. Aber es macht Spaß. Es ist toll. Es ist wirklich cool. Ein seltsames Stück Filmgeschichte, muss ich sagen. Sehr weirder Film.
Florian Bayer: Absolut weirder Film. Ich beurteile das anders als du, weil ich habe die Vorlage gelesen und ich habe den Film natürlich als Verfilmung von der Vorlage geguckt. Und es ist immer lame, ein Buch als unverfilmbar zu bezeichnen. Es gibt kein unverfilmbares Buch und auch dieses Buch ist nicht unverfilmbar. Und ich finde, Strick hat wirklich alles gegeben. Und er scheitert partiell und er ist partiell erfolgreich.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und alles in allem würde ich sagen, doch, das ist gelungen. Das ist okay. Und vielleicht ist es sogar so, dass man diesen Film ein bisschen weniger zu schätzen weiß, wenn man die Vorlage gelesen hat. Aber was ich der Verfilmung wirklich zu gut halte und was, genau, unabhängig von der Vorlage, weil ich diesem Film wirklich zu gut halte, Er schafft es, die Grundaussage, die meiner Meinung nach drinsteckt, im Buch zu nehmen. Und das ist diese Aussage, dass alles irgendwie so seinen Platz im Leben findet. Ordinäre, genauso wie das Außergewöhnliche und das heißt sowohl das Außergewöhnliche im Ordinären, aber auch das Ordinäre im Außergewöhnlichen oder so. Das Große, das Kleine, der Alltag, die großen Traben, das Intellektuelle, das Akademische, aber auch das Alberne, das Sexuelle, das Ausschweifende, das Wilde und Kaputte. Und halt auch so der kleine Mensch und der große Mensch und der große Mensch im kleinen Menschen oder wie auch immer. Und dass das Leben toll ist. So blöd und banal es klingt und dass ein einzelner Tag ausreicht, um sehr viel zu haben an Erleben und an Wahrnehmung. und an komplexen Gedanken und an merkwürdigen Begebenheiten und dass man am Schluss zusammen am Garten Zaun steht und zusammen pinkelt und einfach nur glücklich ist und sagt, okay das war ein perfekter Tag mit ganz vielen Imperfektionen. Ja, ich mag den Film. Das ist ein toller Film.
Johannes Franke: Schön. Ach, das freut mich. Geil, weil du warst das letzte Mal nicht sicher.
Florian Bayer: Nein, ich war nicht sicher. Meine Erinnerung war so, ehrlich, ich habe dir diesen Film gegeben, weil ich über das Buch reden wollte.
Johannes Franke: Natürlich. Deswegen hast du das Buch auf den Tisch geknallt hier.
Florian Bayer: Und meine Haltung zum Film war so, ja, ist okay. Die ist positiver geworden. Sie ist
Johannes Franke: mehr als nur ist okay. Schön, okay.
Florian Bayer: Aber ich glaube, die Frage beantworten, ob es ein Muss-man-sehen-Film ist, wenn man das Buch nicht kennt, die kannst nur du.
Johannes Franke: Also ich glaube nicht. Ich glaube, muss man sehen, ist vielleicht nicht das richtige Wort dafür, sondern eher... Tja, hm. Ich weiß nicht, wenn ihr auf weirden Shit steht und euch durcheinander bringen lassen wollt und einfach nur... davor sitzen und ab und zu mal hä und ab und zu mal lachen wollt und dann doch wieder eine tiefere Idee dahinter finden. Aber ihr müsst viel Eigenleistung mitbringen. Das ist halt das Ding. Man muss schon Eigenleistung mitbringen.
Florian Bayer: Ja, man muss halt die Betriebsanleitung vorher lesen. Meiner Meinung nach, keinen muss man sehen, Filmarbeiten muss man lesen, Buch. Und wenn man das Buch gelesen hat? dann ist es wahrscheinlich auch ein Muss-mann-sehen-Film. Wenn man sich schon so viel mit dem Buch beschäftigt hat, dann muss man Muss man halt auch einfach schauen, wie das Ding umgesetzt wurde.
Johannes Franke: Also ich glaube, das Buch, was das Buch betrifft, das ist ein, muss man skippen, durchskippen. Man muss es aufmachen und jedes Kapitel mal reingeguckt haben und mal verstanden haben, was gemeint ist. Absolut. Und dann geht man halt durch die ganze unverständliche Sprache durch und sagt sich, ja, okay, das mache ich jetzt zwei Seiten, drei Seiten, vier Seiten, fünf Seiten... oh Gott, wie lange geht das noch? Und dann hat man ein Gefühl dafür, wenigstens.
Florian Bayer: Niemand muss sich durch diese tausend Seiten quälen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wenn ihr euch das Buch anguckt, macht so, wie Johannes gesagt hat. Finde ich super. Und ich kann euch nur empfehlen, schaut euch die... Besorgt euch, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, das ist ziemlich teuer das Buch, aber wenn ihr es ausleihen könnt vielleicht, die Wollschlägerübersetzung, wenn ihr es auf Deutsch lesen wollt, da sind nämlich diese ganzen Ausführungen drin. Ansonsten gibt es zahllose Interpretationen und mit diesem Gilbert-Schema arbeiten sowieso alle das Rätsel Ulysses, die ich damals in der Hand hatte. Und legt euch eine Interpretation daneben, lest ein Kapitel, lest die Interpretation dazu und lest das Kapitel dann entweder nochmal oder feiert das Buch in die Ecke. Weil ich glaube, das ist dann die Option. Okay.
Johannes Franke: Ach, schön. Danke, Johannes, dass du mit mir auf diese Reise gegangen bist. Danke, Plur, dass du mich auf diese Reise geschickt hast. Das war wirklich sehr, sehr weirde Woche. Es hat Spaß gemacht, aber es war schon ganz viel mit Hä verbunden. Und das macht auch Spaß.
Florian Bayer: Das glaube ich dir. Vielen Dank, dass du dabei warst. Oder wie die Iren sagen würden. Das ist gärlich offensichtlich.
Johannes Franke: Was?
Florian Bayer: Keine Ahnung. Schneid das raus. Vielen Dank. Also ich bin vor allem beeindruckt, dass du nicht in der Arthauskrise gestürzt bist, sondern einfach auch ein bisschen Spaß hattest neben der Anstrengung.
Johannes Franke: Ja, also vor allem, weil ich auch von mir selbst beeindruckt bin.
Florian Bayer: Das darfst du absolut sein diesmal.
Johannes Franke: Genauso wie James Joyce von sich selbst beeindruckt war, dass er das Buch geschrieben hat, bin ich beeindruckt davon, dass ich durchgehalten habe, diese...
Florian Bayer: Und jeder, der sich mit dem Buch oder dem Film beschäftigt, ist von sich selbst beeindruckt. Und ihr alle, die ja diesen Podcast jetzt gehört habt und wir haben jetzt auch über zwei Stunden auf dem Buckel, ihr dürft auch von euch beeindruckt sein.
Johannes Franke: dürft stolz sein, dass ihr es geschafft habt. Durch diese Episode hindurch, vielleicht auch den Film. Ich habe ihn ja zweimal gesehen. Also muss ich auch nochmal sagen. Ich habe ihn zweimal gesehen. Okay, und was wir nächste Woche besprechen, das könnt ihr hören nach unserem Jingle. Wir spielen hier nochmal ein und reden derweil darüber, was wir denn machen. Und dann sage ich euch nach dem Jingle, wie es weitergeht nächste Woche.
Florian Bayer: Bis dahin, ciao.
Johannes Franke: Bis dahin, ciao. So, Plur, wir haben da noch was.
Florian Bayer: Ja, was haben wir denn?
Johannes Franke: Und zwar, wir sind ja nun wirklich der Muss-Man-Sehen-Podcast. Das hier war ja eher so ein, ja, kann man ganz gut sehen, Podcastfilm. Aber der Film, den ich jetzt vorschlage, habe ich selber noch nicht gesehen. Ich habe keine Ahnung, aber man sagt, das ist ein Film, den man auf jeden Fall gesehen haben muss. Und zwar der dritte Mann aus dem Jahr 1949. Ein Noir-Thriller mit Orson Welles.
Florian Bayer: Aber nicht von Orson Welles sehe ich gerade, sondern von Carol Reed.
Johannes Franke: Genau. Wo Orson Welles auch, hat ja auch als Schauspieler quasi Gastauftritte in anderen Filmen gemacht, beziehungsweise er scheint ja die Hauptfigur zu sein. Ich bin total interessiert, was das eigentlich ist. Weil der dritte Mann ... eigentlich damit gerechnet, dass du mich steinigst dafür, dass ich den Film noch nicht gesehen habe?
Florian Bayer: Ich habe den Film wahrscheinlich auch noch nicht gesehen. Ich kann mich nicht erinnern. Also Austin Wells mit Hut auf dem Kopf in Schwarz-Weiß, was ich gerade sehe, wenn ich so Blöd Google, kommt mir bekannt vor, aber es gibt viele Filme in Schwarz-Weiß mit Orson Welles mit Hut auf dem Kopf. Ich glaube, ich habe ihn noch nicht gesehen.
Johannes Franke: Das ist aber auch das berühmte Bild von Orson Welles. Also irgendwie, ich weiß nicht, ich weiß nicht, wieso er an mir vorbeigegangen ist. Ihr da draußen, ihr könnt jetzt auch diese Lücke schließen.
Florian Bayer: Ich finde es großartig. Schaut euch den Film an. Ja, filmische Bildungslücken schließen, ganz wichtig.
Johannes Franke: Wir gucken ihn auch und dann treffen wir uns nächste Woche an gewohnter Stelle wieder. Haben alle Hausaufgaben gemacht. Und dann erzählen wir euch, was mit diesem Film los ist.
Florian Bayer: Geil.
Johannes Franke: Bis dahin. Bis dann. Ciao.
