Episode 293: The Third Man – Film Noir im zerbombten Wien
Wien ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine geteilte Stadt. Vier Besatzungszonen der vier großen Mächte, die den Krieg gewonnen haben. Untereinander nicht eins. Die Stadt ist arm und es mangelt an Allem. Und so floriert der Schwarzmarkt. Düstere Verzweiflungsgeschäfte machen Menschen reich, die skrupellos sind, moralisch zweifelhafte Tauschgeschäfte zu betreiben.
In diese Stadt kommt Holly, ein Amerikaner der von seinem besten Freund Harry ein Jobangebot bekommen hat. Bei seiner Ankunft allerdings ist Harry tot. Frisch vom Auto überfahren und wird gerade beerdigt. Aber irgendwie wirken die Todesumstände merkwürdig, und schnell denkt Holly es sei Mord gewesen. Er fühlt sich verantwortlich der Sache auf den Grund zu gehen und macht sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen dritten Mann, den ein Portier am Unfallort gesehen haben will. Doch alle anderen Beteiligten schwören, dass es nur zwei Männer gab.
Immer tiefer in den Wiener Sumpf gezogen, stellt Holly irgendwann fest, dass er nicht nur sichergehen muss, WIE Harry gestorben ist, sondern OB er wirklich tot ist. Denn wie sich herausstellt, ist Harry am Leben und der Strippenzieher eines Verbrechens das Menschenleben kostet. Soll er seinen besten Freund an die Polizei verraten? Die Verfolgungsjagd am Schluss, endet tödlich. Für Harry und für Hollys amerikanische Naivität.
Plor, ist es ein schlechtes Zeichen, dass eine Beschreibung des Filmplots auch vollkommen ohne die Erwähnung der weiblichen Hauptfigur auskommt? Denn eigentlich passiert am Ende des Films etwas sehr ungewöhnliches für die End-40er.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 293: The Third Man – Film Noir im zerbombten Wien Publishing Date: 2026-08-12T07:32:11+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/08/12/episode-293-the-third-man-film-noir-im-zerbombten-wien/
Johannes Franke: Und dann haben sie ihn tatsächlich aus dem Hotelzimmer rausgelockt, indem sie gesagt haben, wir haben einen Zauberer engagiert, den könntest du sehen. Ach, wenn du schon mal aus dem Hype des Hotels bist, willst du nicht vielleicht diese Szene hier drehen?
Florian Bayer: Alter.
Johannes Franke: Lieber Plor, liebes Publikum, herzlich willkommen zurück in meiner Küche. Hallo Johannes, schön wieder hier zu sein. Hallo liebes Publikum, schön, dass ihr wieder hier seid. Ich freue mich auf diese Episode, weil es mal wieder ganz, ganz klassisch ist. Ich habe mir einen alten Film gewünscht und Plur kannte ihn noch nicht. Und, so klassisch vielleicht auch nicht, ich kannte ihn auch nicht.
Florian Bayer: Nein, Wahnsinn.
Johannes Franke: Ich kannte ihn auch nicht. Aber ich habe gedacht, meine Fresse, ich muss das irgendwie mal... diese Bildungslücke schließen, weil ich tatsächlich von Orson Welles gar nicht so viel gesehen habe. Warum eigentlich? Also ihn als... Schauspieler vor der Kamera, meine ich jetzt. Citizen Kane gesehen und so, aber von Orson Welles habe ich sonst gar nicht so viel in meinem Kopf und jetzt ändere ich das langsam.
Florian Bayer: Ah ja, interessant. Also ich finde, was an dem Film sehr spannend ist, ich glaube, das gehört zu den Filmen, bei denen man das Gefühl hat, man hat ihn gesehen. Ich war nämlich wirklich unsicher, ob ich ihn gesehen habe. Und ich kannte auch Szenen. Und irritierenderweise kannte ich den Plottwist. Achtung, Leute. Warnung, wir werden in diesem Podcast spoilern. Das heißt, wenn ihr einen Film, der fast 80 Jahre alt ist, nicht gespoilert haben wollt, macht jetzt lieber aus. Es gibt nämlich in diesem Film einen großen Plot Twist. Ich kannte den Plottwist irgendwie, glaube ich zumindest, weil ich das, weil so gleich von Anfang an dachte ich, ah Moment, nee, ah ich weiß, nee, das ist doch Orson und ah. Egal, ich hatte irgendwie das Gefühl, diesen Film habe ich vielleicht gesehen und der ist irgendwie so in meinem Gedächtnis drin,
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ohne, dass ich ihn gesehen habe.
Johannes Franke: Krass. Weil ich kannte den Plottwist überhaupt nicht.
Florian Bayer: Ja. Ja.
Johannes Franke: Und ich habe auch nicht angefangen vorher darüber nachzudenken, ob jetzt Orson Welles was mit irgendeiner Form von Plottwist zu tun haben könnte. Vielleicht gibt es irgendwelche Rückblenden zum Toten oder sowas. Oder was weiß ich. Oder wen überhaupt Orson Welles spielt. Das habe ich auch nicht vorher nochmal nachgeschaut.
Florian Bayer: Und du hast nicht... Irgendwann gedacht, wo bleibt denn jetzt Orson?
Johannes Franke: Das habe ich schon gedacht. Aber ich wusste nicht, ob der jetzt irgendwie, ne, was für eine Rolle er spielt. Und es ist geil, weil ich wirklich da gesessen habe und gesagt habe... What the fuck was? Und jetzt? Spoiler Territory?
Florian Bayer: Ja, ja. Der dritte Mann, The Third Man aus dem Jahre 1949.
Johannes Franke: Obwohl sehr viele Leute zwischendurch gesagt haben... Ja, aber Orson Welles hat doch bestimmt heimlich im Hintergrund Regie geführt. Einfach weil Austin Wells das große Genie ist, haben sie alle gedacht, ja, der muss doch da irgendwie... was dran gemacht haben.
Florian Bayer: Und ich war fest davon überzeugt, dass es ein Orson Welles Film ist. Und dieser Film war auch in meinem Unterbewusstsein, in meinem Hinterkopf so gespeichert, Das ist ein Orson-Wells-Film, den ich noch nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Krass, ne? Und dann kommt der nur so ein paar Minuten lang vor.
Florian Bayer: Dann kommt er nur so ein paar Minuten lang vor und dann war es auch tatsächlich ein Kampf von Regisseur und britischen Produzenten, um den überhaupt reinzukriegen, weil der amerikanische Produzent... der dazu gestoßen ist, gesagt hat, nicht Orson Welles, der Mann ist Kassengift.
Johannes Franke: Lass uns erst mal... einmal für alle da draußen, die den Film nicht gerade gestern gesehen haben, zusammenfassen, worum es geht und dann geht's ab in die Diskussion. Wien ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine geteilte Stadt. Vier Besatzungszonen der großen vier Mächte. die den Krieg gewonnen haben. Untereinander nicht eins. Die Stadt ist arm und es mangelnd an allem. Und so floriert der Schwarzmarkt. Düstere Verzweiflungsgeschäfte machen Menschen reich, die skrupellos genug sind, moralisch zweifelhafte Tauschgeschäfte zu betreiben. In diese Stadt kommt Holly, ein Amerikaner, der von seinem besten Freund Harry ein Jobangebot in Wien bekommen hat. Bei seiner Ankunft allerdings ist Harry tot. Frisch vom Auto überfahren und wird gerade beerdigt. Aber irgendwie wirken die Todesumstände merkwürdig und schnell denkt Holly, es sei Mord gewesen. Er fühlt sich verantwortlich, der Sache auf den Grund zu gehen und macht sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen dritten Mann, den ein Portier-Unfallort gesehen haben will. Doch alle anderen Beteiligten schwören, es gab nur zwei Männer. Immer tiefer in den Wiener Sumpf gezogen. »Stellt Holly irgendwann fest, dass er nicht nur sicher gehen muss, wie Harry gestorben ist, sondern dass er wirklich tot ist.« Denn wie sich herausstellt, ist Harry am Leben und der Strippenzieher eines Verbrechens, das Menschenleben kostet. Soll er seinen besten Freund an die Polizei verraten? Die Verfolgungsjagd am Schluss endet tödlich. Für Harry und für Hollys amerikanische Naivität. Plor, ist es ein schlechtes Zeichen, dass eine Beschreibung dieses Filmplots auch vollkommen ohne die Erwähnung der weiblichen Hauptfigur auskommt? Denn eigentlich passiert am Ende des Films etwas sehr Ungewöhnliches für die End-40er.
Florian Bayer: Oh, das war schon die Frage. Tatsächlich passiert nichts sowas Ungewöhnliches für den Filmdauer, wenn wir zumindest den Film im Großen und Ganzen einordnen. Nämlich, dass die Frau, die irgendwann in dem Film auftaucht und eine größere Rolle spielt und der Mann zusammenkommt. Das ist eigentlich kein Film-Nor-Plot-Element. Im Film nur endet es meistens entweder damit, dass herauskommt, dass die Frau doch ganz schön viel Dreck am Stecken hat. Mann verraten wird oder den Behörden übergeben wird oder es bleibt einfach bei so einem depressiven Nein, es gibt keine Liebe in dieser Welt. Das heißt, zumindest wenn wir es im Genre betrachten, ist dieses Ende sehr folgerichtig.
Johannes Franke: Wobei sie keine klassische Form verteilt.
Florian Bayer: Sie ist überhaupt keine femme fatale und das sind natürlich auch Momente, wo der Film komplett mit diesem Genre bricht, auch wenn wir sagen, es ist ein Film-Noor im weitesten Sinne und darüber kann man auch streiten und viele sagen ja auch, es ist kein Film. Der Film ist nicht amerikanisch. Und es gibt noch andere Gründe zu sagen, dass es kein Film ist. Diese depressive Note. Diese düstere Note und dieses Gefühl von Einsamkeit und es gibt keine Hoffnung und es gibt keinen moralischen Kompass. Die, finde ich, passt da sehr gut rein. Was aber natürlich auch zutrifft, ist, dass die Frau nicht nur für einen Film, nur relativ spannend, spärlich gestaltet ist, dass sie sich durch eine Sache sehr stark definiert. In diesem Fall ist es diese bedingungslose Liebe zu einem Mörder. Der nach und nach immer, wo sich nach und nach immer schlimmere Sachen rausstellen und sich ja trotzdem anfangen. an ihm fest. Und es ist natürlich, wie auch alle Filmnords, wirklich, jetzt kann man einfach mal sagen, alle, Ohne Ausnahme ein sehr männlicher Film aus einer männlichen Perspektive mit männlichen Protagonisten. wo die Männer die Geschichte vorantreiben und die Männer einfach die Akteure der Geschichte auch im größeren Sinne sind. Nicht nur der Filmgeschichte, sondern... der Geschichte ganz allgemein. Männer gestalten die Realität. Frauen finden am Rand statt. Ja.
Johannes Franke: Wobei ich trotzdem irgendwie damit gerechnet hatte, dass der Film ihm, also unserer Hauptfigur Holly, die Frau trotzdem noch am Ende zur Seite stellt. Drehbuchautor wollte das ja auch am Anfang.
Florian Bayer: Ja, es gibt ja auch tatsächlich das Happy End und zwar in In der Romanfassung von unserem Drehbuchautor, um den Namen einmal zu sagen, Graham Greene.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: der offensichtlich The Goat ist, was Kriminalgeschichten betrifft und Agenten-Thriller in der Zeit. Ich hab von Graham Greene nichts gelesen. Und Agenten-Thriller sind auch weder filmisch noch literarisch so überhaupt nicht mein Genre. Der hat ein deutlich positiveres Ende formuliert, ne?
Johannes Franke: Die hatten deutlich... Naja, was heißt deutlich? Ja, also die gehen zumindest... dann gemeinsam den Weg darunter und suggerieren, dass sie irgendwie zusammen ihr Leben bestreiten werden.
Florian Bayer: Ich finde diese pessimistischen Mutter, die es am Ende gibt, Die passt natürlich viel besser in den Kontext des Films.
Johannes Franke: Und der Zeit.
Florian Bayer: Und der Zeit. Und vor allem passt sie auch viel. viel besser zu der Beziehung, die Holly, unser Protagonist, mit Anna, oder der Protagonistin hatte, die nämlich keine Beziehung war. Eine Beziehung, die hauptsächlich darauf basiert, dass er irgendwann gemerkt hat, dass er anfängt, sich in sie zu verlieben. Aber sie hängt ja von Anfang bis Ende an unserem Bösewicht. Es gibt ja keine Frage, dass das ihr Mann ist. Und wie oft sagt sie in diesem Film... Poor Harry. Selbst nachdem sie erfahren hat, dass er seinen Tod vorgetäuscht hat, dass er ein Killer ist, dass er Kinder auf vom Gewissen hat, sagt sie immer noch, poor Harry. Es gibt überhaupt keine Frage, dass sie so krass an diesem Typen hängt, dessen Schlafanzug sie irgendwann trägt. dass sie und Holly haben keine Zukunft und alles andere wäre komplett konstruiert gewesen.
Johannes Franke: Und es war aber auch konstruiert und das hat unser Drehbuchautor auch eine Weile nicht einsehen wollen, dass das vielleicht nicht die beste Variante für den Film ist. Und ich bin sehr dankbar, dass die das geschafft haben, den Film so umzudrehen, dass das eben nicht zum Happy End wird. Also das fand ich schon wichtig. Aber vielleicht können wir über das Ende nochmal reden, wenn wir dann am Ende sind.
Florian Bayer: Versuchen wir mal zu schauen, wer neben Graham Greene, der ja tatsächlich quasi... Mit dem alles so ein bisschen in Gang gesetzt wurde. Wer zusätzlich noch verantwortlich ist für das, was in diesem Film storytechnisch passiert, das sind mehrere Leute. Und zwar am Anfang sind es vor allem Alexander Korder. Das ist nämlich der Typ, der zu Graham Greene gesagt hat, du, ich muss unbedingt in Wien spionieren, kannst du mir dafür einen Film schreiben? Genau. Und Carol Reed, der Regisseur, der gesagt hat, Spionage kann ich.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Und William Green hat gesagt, das kriege ich auch hin.
Johannes Franke: Über Spionage müssen wir auf jeden Fall einen eigenen Teil machen.
Florian Bayer: Das sind die drei, die quasi am Anfang relativ früh feststanden, was es passiert. Alexander Korda. Hat zu Graham Greene gesagt, pass auf, wir hatten relativ viel Erfolg mit dem Film The Fallen Idol 1948, den du mit Carrie Reid gemacht hast.
Johannes Franke: Kleines Herz in Not.
Florian Bayer: Deutsche und ihre Filmübersetzungen, oder?
Johannes Franke: Der war 1948 rausgekommen und sehr erfolgreich.
Florian Bayer: Sehr erfolgreich. Und der hat zu ihm gesagt, pass auf, wir sind ein wirklich funktionierendes Dreiergespann. Kannst du für mich nochmal... Kannst du das nächste Drehbuch für den nächsten Film schreiben? Wir brauchen 1949 auch einen neuen Hit. Und Graham Greene hat dann gesagt, pass auf, ich hab hier mal so was Kleines...
Johannes Franke: Ja, ich hatte mal so eine kleine Notiz, die ist mir jetzt wieder unter die Finger gekommen. Allerdings haben sie darüber schon geredet, was eigentlich passieren soll, dass es in Wien spielen soll und so weiter. Alexander Kauder ist übrigens in Ungarn geboren. Er ist dann in die Welt hinaus und ist Gründer von London Films geworden und so. Aber er hat immer eine Beziehung zu dieser Gegend so ein bisschen gehabt. Ungarn ist ja auch nicht so weit weg. Und ich glaube, dass es ihn durchaus sehr interessiert hat, dort dann auch was zu machen und vielleicht auch höhere Mächte interessiert hat. Und vielleicht ist die ganze Geschichte, das ganze Ding auch nur entstanden, weil Spionage betrieben werden musste. Aber darüber reden wir später mal.
Florian Bayer: Alexander Korda, total spannender Mensch, war eigentlich ein Weltreisender. Der war überall unterwegs, kam aus Ungarn, war in Deutschland. Sein Name ist auch tatsächlich eingedeutscht. Also er hieß eigentlich Sandor. Und hat sich dann, als er in Deutschland war, hat er sich Alexander genannt. Wahrscheinlich einfach, weil halt so die Filmindustrie funktioniert.
Johannes Franke: Ja, klar.
Florian Bayer: Und dann ist er 1932, also er war kein Nazi-Flüchtling, er ist vorher, ist er nach England und zwar nach London. Und in London hat er sich zu einem der wichtigsten Filmproduzenten der britischen Filmindustrie entwickelt.
Johannes Franke: Was krass ist, ne? Daran sieht man auch, welche Internationalität eigentlich auch schon vor und während des Krieges irgendwie stattfand. Wie auch die Filmwelt... Immer schon sehr international war. Ich finde das immer bemerkenswert zu sehen auch, wie es seit den 20ern im Grunde total international war.
Florian Bayer: In der Zeit, das ist geil, das haben wir ja auch bei Hitchcock festgestellt, dass wir über Hitchcock geredet haben, der ja auch in Deutschland unterwegs war, der seine ersten richtigen Produktionen in Deutschland gemacht hat. Und es war wirklich, es war ein großer Austausch zwischen den Ländern, es war ein Kommen und Gehen und es war irgendwie... Man hat das Gefühl, es ist sowas, was durch den Zweiten Weltkrieg komplett zerschossen wurde. Ja. Industrie so ein Schmelztiegel war. Nicht ein Schmelztiegel, eher so eine Salatschüssel, wo alle irgendwie so ihre Einflüsse und ihre Ideen reingespielt haben. Und das sehen wir ja auch in diesem Film. Alexander Korda Er war extrem beeinflusst vom Expressionismus. Und er war beeinflusst vom amerikanischen Kino eines Orson Welles. Und er war beeinflusst von den britischen... Suspense-Thrillern eines Hitchcock. Das war ein Weltbürger. Und seine Filme sehen auch entsprechend aus.
Johannes Franke: Ja, absolut. Das ist toll. Und wenn wir jetzt den Bogen wieder zu Green finden, den er dann beauftragt hat, zu sagen, hier, guck mal, ob du eine Geschichte da findest und dann hat er richtig... Ich glaube, der hat 10.000 Dollar schon in die Hand gedrückt bekommen. Das war echt viel Geld damals. Und ist nach Wien gereist. Und ist nach Wien gereist, hat das da irgendwie versucht zusammen zu klöppeln und hat die ganze Zeit sich da umgeschaut und hat nichts gemacht. Keine Idee gehabt. Wusste überhaupt nicht, was er machen soll. Er hat zumindest die Kanalisation einmal so ein bisschen besichtigt. Ja, aber das erst kurz vor Ende. Also die letzten Tage hat er dann irgendwie Leute getroffen, die ihm die Kanalisation gezeigt haben. einen Typen getroffen, dessen Name du vielleicht jetzt gerade findest oder ich finde ihn noch. Er hat mit Peter Smollett
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Hat er sich unterhalten.
Florian Bayer: Richtiger Name?
Johannes Franke: Das war ein Journalist. Ein Spion. und Auslandskorrespondent der Times. Und der hat dann Green ein bisschen was erzählt. Und zwar über den Underground, über... des Schwarzmarktes und insbesondere eben über den Handel mit gestrecktem Penicillin.
Florian Bayer: Ja, mit fatalen Folgen.
Johannes Franke: Mit fatalen Folgen. Also das war tatsächlich etwas, was zu der Zeit in Wien passiert ist, weil einfach die Zeit wirklich, wie ich schon in meinem Text gesagt habe am Anfang, es war wirklich... Unter der Oberfläche wahnsinnig chaotisch und das haben sich viele Leute zunutze gemacht.
Florian Bayer: Ich habe keinen Geschichtsblock vorbereitet. Ich hoffe, ihr seid mir alle dankbar dafür. Aber stellt euch das Wien in der damaligen Zeit ähnlich vor wie das Berlin in der damaligen Zeit. Wir sind in der Nachkriegszeit und Johannes legt los.
Johannes Franke: Ach du Scheiße. Ich hoffe immer auf dich, um dann selber einfach was reinzuwerfen, aber ganz alleine. Es ist so, dass im Krieg so 20% des Hausbestandes zerstört wurde. Also entweder ganz oder teilweise. Weil... Also es war wirklich auch kein schönes Stadtbild. Und das sehen wir im Film. Das finde ich wahnsinnig beeindruckend. Also das, was da im Film gezeigt wird, welche Bilder die finden und so, kommen wir noch zu. Es ist so großartig.
Florian Bayer: Hat kein Interesse am historischen Wien und an den klassischen Klischees, die man so im Kopf hat, wenn man an Wien denkt und an die Stadt von Mozart und von Beethoven oder so.
Johannes Franke: Gar nicht.
Florian Bayer: Dieser Film interessiert sich vor allem für die Ruinenstadt, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat.
Johannes Franke: Ja. Am 5. April 1945 kam es zur achttägigen Schlacht um Wien. Mit der Niederlage der Deutschen. Und dann hat erst mal die Rote Armee das Ganze besetzt. Dann ein paar Tage später haben die dann sich das aufgeteilt, wie Berlin eben auch aufgeteilt wurde. Wurde Wien auch aufgeteilt unter den Alliierten, die da gekommen sind? Französischer Bezirk.
Florian Bayer: Es ist wie ein Spiegelbild vom Deutschland der damaligen Zeit. Es gab eine sowjetische Zone.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Es gab eine amerikanische Zone, es gab eine britische Zone und es gab eine französische Zone.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und es gab irgendwie sowas wie eine internationale Zone, ne? Genau.
Johannes Franke: Und es gab in der Mitte, und das fand ich total absurd, dass sie da eben sich abgewechselt haben. Einmal im Monat gab es Jetzt dürfen die Amis ran, jetzt dürfen die Franzosen ran, jetzt dürfen die Roten ran. Es ist super seltsam. Und die haben sich ja auch gegenseitig misstraut, also gerade die Russen gegen die Westlichen.
Florian Bayer: Natürlich, wir sind in der Anfangszeit des Kalten Krieges.
Johannes Franke: Das ist absurd für Wien. Also so einen internationalen Bezirk zu machen, ist seltsam.
Florian Bayer: Es ist krass, dass das überhaupt funktioniert hat, ohne dass sie sich irgendwann die Köpfe eingeschlagen haben.
Johannes Franke: Ja, und man sieht es im Film so ein kleines bisschen. Es gibt am Anfang einen interessanten Zusammenschnitt, wo man sehr... historisch angemutendes Material sieht. Man hat so das Gefühl, dass das nicht nur einfach für den Film gedreht wurde, sondern dass es fast historische Aufnahmen sind. Und es ist wohl tatsächlich sehr akkurat irgendwie so.
Florian Bayer: Also es war wohl möglich sich zwischen diesen einzelnen Sektoren frei zu bewegen. Es war ganz klar, du bist jetzt in der sowjetischen Zone und du bist jetzt in der amerikanischen und wenn du ein Beef hast mit der Sowjetunion oder wenn du von denen gesucht Wenn die dich kriegen in dieser Zone, dann hast du Pech gehabt.
Johannes Franke: Ja, also du wurdest... beobachtet, wenn es irgendwie, wenn du auf irgendeiner Liste gestanden hast oder sowas. Deswegen kommt auch dann die Kanalisation ins Blickfeld, weil die hatte ja auch ein ganz eigenes Netz durch die ganze Stadt. Und das wurde nicht so kontrolliert. Ging ja gar nicht so in der Form. Und da hat tatsächlich dann auch der Film sich drauf gesetzt... Volle Kanne. Sachen, die nicht ans Tageslicht kommen sollten, wurden dann über die Kanalisation gelöst.
Florian Bayer: Und diese große Nähe zwischen den einzelnen Besatzern war natürlich ideal für Spionagetätigkeiten. Das heißt, der Geheimdienst war in diesem chaotischen Wien, dass sie versucht haben, wirklich so sehr klar abzugrenzen und Regeln zu finden, war da extrem tätig und zwar von allen Seiten und es gab Agenten und es gab Doppelagenten und es gab Spionagetätigkeiten von den Amerikanern gegen die Russen, von den Russen gegen die Amerikanern, von den Amerikanern. Von den Amerikanern gegen die Briten, von den Briten gegen die Franzosen. Alle haben alle ausspioniert.
Johannes Franke: Ich glaube nicht, dass du alle Versionen durch hast. Du musst das schon nochmal ein bisschen, wie hoch ist das dann? Wie rechnen wir das aus? Wie viele Iterationen gibt es da?
Florian Bayer: Samuel Beckett macht sowas und ich finde es ganz großartig, aber es ist auch sehr zermürbend. Auf jeden Fall eine total spannende Zeit und total faszinierend. Das ist nicht das Wien, das wir heute kennen und das ist auch nicht das Wien, das man vor dem Krieg kannte.
Johannes Franke: Es ist ein sehr besonderes Wien, das zehn Jahre lang gegolten hat. Das sind 1955. Und dann haben sie irgendwie es, also es gab die Sowjetarmee vor allem, die den Aufbau einer neuen Stadtverwaltung mit nach vorne getrieben hat. Und es formierten sich politische Parteien und so weiter. Es ist im Grunde... Eins zu eins wie in Deutschland.
Florian Bayer: Ja, absolut. Und vielleicht sogar noch ein bisschen dichter. Es war vielleicht so die komprimierte und kompakte Version. Und natürlich dazwischen auch... Dieser andere Umgang der Wiener selbst mit dem Nationalsozialismus, weil die Österreicher, darüber haben wir geredet unter anderem in unserer Sound of Music Folge. Die haben sich immer auch als Opfer, wenn nicht sogar als erste Opfer des Nationalsozialismus verstanden.
Johannes Franke: Durch den Anschluss! Wurde auch offiziell so einsortiert dann. Die ersten Opfer des Nationalsozialismus.
Florian Bayer: Und die haben ja Amerikaner haben das auch ganz gerne mitgespielt, das Spiel. Sprich, wir haben hier irgendwie eine andere Situation. Wir haben hier so ein Gefühl, dass das... der zerstörten Stadt. Wir haben ein Gefühl von einem gewissen Opferstatus und wir haben das Gefühl von Da passiert sehr viel und das sind vor allem sehr viele Ausländer und sehr viele fremde Mächte. Und irgendwie versuchen sich alle miteinander zu arrangieren. Und in diesem Wien war Crean unterwegs und hat einfach mal für den Film recherchiert, was man damit machen kann.
Johannes Franke: Ja, das ist krass. Und dann hat er eben Leute getroffen wie Peter Smollett, die ihm das so ein bisschen alles erzählt haben. Und dann hat er sich erstmal hingesetzt und hat nicht etwa ein Drehbuch geschrieben, sondern er war halt einfach Romanautor und dann hat er nur geschrieben. Eine Novelle über diese Geschichte, die also auch noch ein bisschen anders war. Und dann hat er das eben den Leuten geschickt, die den Auftrag gegeben haben. Die haben ihre Anmerkungen gehabt. O. Selznick hatte wahnsinnig viele Anmerkungen.
Florian Bayer: Ganz wichtig, David Oselznik. Ihr habt diesen Namen bestimmt schon ein paar Mal gehört.
Johannes Franke: Vor allem bei uns.
Florian Bayer: Alexander Korda hat gesagt, wir können noch ein bisschen mehr Geld gebrauchen. Und hat gesagt, lass uns doch einfach eine Co-Produktion mit David O'Sales nicht machen. Der nicht Britte ist, im Gegensatz zu Corder & Cream, sondern Amerikaner.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und Osselsting kennt man unter anderem als den Mann, der Alfred Hitchcock nach Amerika gebracht hat. Ja. Und dann ziemlich zermürbt hat. Und als den Mann, der damals den teuersten Film aller Zeiten produziert hat, vom Winde verweht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und als den Mann, dem es unglaublich wichtig war, bei allen Filmen, die er produziert, komplettes Mitspracherecht zu haben.
Johannes Franke: Und dem es anscheinend wichtig war, uramerikanische Werte unterzubringen.
Florian Bayer: Ja, das auch. Anscheinend ein schwieriger Typ, Ein absolut amerikanischer Produzent. Der Albtraum eines jeden Autorenfilmers. Weil Selznick war der, der gesagt hat, wenn ich einen Film finanziere... Dann bin ich bei allem dabei. Dann gucke ich aufs Drehbuch drauf, dann gucke ich auf die Regie drauf, dann... Dann will ich das ganz genau im Blick haben, was ihr mit meinem Geld macht. Und zwar nicht als Finanzier, sondern auch als künstlerischer Mitsprachemensch.
Johannes Franke: Ja. Der weiß, also Produzent weiß doch, wie so ein Film funktioniert und wie die Amerikaner das mögen oder nicht mögen. Er hat ihn am Ende auch um elf Minuten nochmal gekürzt. Solche Sachen. Der hat sich richtig massiv eingemischt.
Florian Bayer: Überhaupt 99 Prozent aller Regisseure und Drehbuchautoren der damaligen Zeit, die mit Urs Selznick zusammengearbeitet haben, waren irgendwann zermürbt und haben gesagt, nie wieder. Alexander Coder übrigens auch. Das war das erste und letzte Projekt, das die beiden zusammen gemacht haben, obwohl sie am Anfang gesagt haben, das ist der Beginn von etwas Großem.
Johannes Franke: Wir machen mehrere Filme zusammen. Vier Filme zusammen machen. Vier Filme wollten sie machen. Die haben einen Vertrag über vier Filme gemacht.
Florian Bayer: Und Alexander Korder hatte irgendwann sowas von keinen Bock. mehr auf Aus Salznick, dass er gesagt hat, nein, lass mal.
Johannes Franke: Und es ist so traurig. weil der Film natürlich auch sehr gut war und auch erfolgreich war. Also so ist es nicht.
Florian Bayer: Das geile Anus Selznick ist ja, der war, das war kein großer Medienmogul. Also der hatte natürlich scheiß viel Geld und der hatte eine Produktionsfirma. Aber das war eine kleine Produktionsfirma im Vergleich zu den großen Haien im amerikanischen Studiosystem. Das war kein MGM. Und das war kein Universal. Oselznik hat seine Filme, also das zeigt das schon ziemlich gut, über United Artists vertreiben lassen.
Johannes Franke: Das ist übrigens die Firma, die Charlie Chaplin mit ins Leben gerufen hat.
Florian Bayer: Ja, das waren die Unabhängigen. Die Leute, die gesagt haben, wir haben keinen Bock mehr auf dieses Studiosystem, wo es irgendwie die drei großen gibt, die uns keine Möglichkeiten geben, wir machen unser eigenes Ding. Und Urs Selzenich hat gesagt, na klar, ich wollte ja meine Filme auch haben zusätzlich. Das hat dann so ganz gut funktioniert. Hitchcock ist, glaube ich, das berühmteste Opfer von Osalzenik. Der hat ihn nach Amerika genommen, hat gesagt, du bist jetzt mein Typ und hat mit ihm Rebecca gedreht. Und man hat damit auch einen Oscar gewonnen für den besten Film. Und dann haben sie noch ein paar Mal zusammengearbeitet und irgendwann haben die die so einen kleinen Krieg miteinander geführt, hinter den Kulissen, weil Hitchcock war halt auch schwierig. Schwierige Menschen, die zusammenarbeiten. Und es ging nach und nach darum, wer hat mehr Einfluss auf diese Filme, Hitchcock oder Ausselstinck. Und das war einfach ein Zermürbungskampf und irgendwann hatte Hitchcock halt keinen Bock mehr auf ihn.
Johannes Franke: Ja, man hat dann halt gesagt, Arschlecken, ich gehe woanders hin. Ich glaube, er ist sogar nach... England kurzzeitig zurückgegangen.
Florian Bayer: Hitchcock war ja auch irgendwie so zwischen Amerika und England immer am Pendeln. Hitchcock ist irgendwann nach England zurückgegangen, hat dann nochmal großartige Filme gemacht.
Johannes Franke: Ja, aber Usselznik hat sozusagen auch diese Haltung eines Studios voll inne gehabt, ne?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also auch Hitchcock so ein bisschen als seinen Besitz zu begreifen, wie die Studios damals ihre Schauspieler und ihre ganzen Angestellten wirklich als Besitz begriffen haben.
Florian Bayer: Und der hat ja seinen Besitz auch mitgebracht. O. Selsenik hat gesagt gleich, ich finanziere euch den Film, passt auf. Ihr wollt Cary Grant für die Hauptrolle haben. Machen wir mal lieber nicht. Ich habe hier Joseph Cotton. Der gehört mir. Das ist meiner.
Johannes Franke: Den kriegt ihr kostenlos. Den haben wir sowieso hier, also warum sollen wir nicht einsetzen?
Florian Bayer: Und dann haben, ich glaube, es war Carol Reads Idee, der hat gesagt, ich hätte gerne Orson Welles. Ich finde Orson Welles total geil. Und Austin Wells, großer Star, der hat Anfang der 40er mit Citizen Kane den großen Hit gemacht. Aber damals gar nicht mehr so. Weil die Reaktion von Orselstnik war, Orson Welles, der hat auch in den letzten Jahren nur Flops gemacht.
Johannes Franke: Kassengift, Kassengift. naja, irgendwo müssen sie sich in der Mitte treffen. Dann hat er Selznick irgendwann einen kleinen beigegeben, aber es war ein Kampf. Also es ist schon nicht leicht mit ihm. Und irgendwie hat er einen Haufen Memos geschickt und immer alle vollgeballert mit irgendwelchen Anmerkungen und so. Irgendwann haben die die, glaube ich, gar nicht mehr richtig gelesen und dann einfach gemacht, was sie wollten. Und Selznick ist halt auch drüben gewesen in Amerika und man kann nicht die ganze Zeit... drauf zugreifen. Also schickt man irgendwelche Telegramme und irgendwelche Briefe und so, aber und telefoniert. Aber man kann sozusagen nicht direkt eingreifen und das hat glaube ich Hutz Selznick dann auch eben ein bisschen ferngehalten.
Florian Bayer: Also Hutz Selznick hat sehr viele Vorschläge gemacht. Und offensichtlich wurde nichts davon übernommen.
Johannes Franke: Das stimmt auch nicht ganz. Weil die amerikanischen Figuren, die wir sehen im Film, die sind auf jeden Fall aus Helsinki.
Florian Bayer: Wir haben teilweise Wandel vom Briten zum Amerikaner.
Johannes Franke: Ja, genau. Holly, unsere Hauptfigur, war ja eigentlich Brite. Der hätte Brite sein sollen, der hätte Rollo heißen sollen. Und man sich fragt, was? Und dann hat auch noch, Joseph Cotton hat dann gesagt, Rollo, das klingt irgendwie nicht amerikanisch genug und vor allem... Klingt so ein bisschen schwul. Das hat er gesagt. Autsch. Was soll das denn? Und dann haben sie ihn geändert. Ja und er wurde vom Briten eben zum Amerikaner und Orson Welles war ja auch Amerikaner und so, also das war dann... In diese Richtung wurde das Ganze verschoben, was ich aber gar nicht so schlecht finde, muss ich sagen. Ich finde es eine interessante Variante.
Florian Bayer: Naja, was halt vor allem interessant ist, was dadurch passiert und was aus Selznick bestimmt nicht gut geheißen hätte. dass sich das moralische Zentrum des Films komplett verschiebt. Wir haben nämlich, wenn wir in diesem Film auf moralische Integrität gucken... Dann haben wir plötzlich nur noch die Briten. Das sind die einzigen, die moralisch Integer sind. Und die Amerikaner sind die Bösen. Das ist ziemlich krass. Es gibt wirklich so eine klare Kodifizierung von Länderzugehörigkeit. Die Russen existieren praktisch nicht, sondern nur so als wabernde Gefahr im Hintergrund. Und dann haben wir den Kindermörder. Mit seinem Penicillin, das ist ein Amerikaner. Und wir haben den dummen Pulp-Autoren, der ganz lange überlegt, ob er den Kindermörder vielleicht doch decken sollte, das ist ein Amerikaner. Und dann haben wir den meiner Meinung nach heimlichen Helden des Films, nämlich Calloway. Calloway. Und das ist der moralisch integerste Mensch in diesem ganzen Film.
Johannes Franke: Der Verbrite.
Florian Bayer: Und das ist der Britte. Und dann haben wir den Assistenten oder Helfer von Calloway, der so ein bisschen das Herz des Films darstellt, weil das der Einzige ist, der irgendwie nett ist. Ja, ja, genau. Und der ist auch Britte.
Johannes Franke: Ist der auch Britte? Der kam mir so ein bisschen amerikanisch vor. Aber der hat die Bücher von unserem Autoren gelesen. Und da habe ich so ein bisschen das Gefühl gehabt, dass da so ein bisschen Heimatgeschmäckler mitläuft.
Florian Bayer: Das ist der prittigste Mann im ganzen Film. Das ist Bernard Lee. Das ist M. Okay. Das ist James Bond. Das ist James Bond Vorgesetzter. Das ist der Typ, der... Der für den englischen Geheimdienst arbeitet und der dir auf die Fresse schlägt und dann ganz höflich sagt, Entschuldigung, ich helfe dir hoch. Also mehr Britte geht gar nicht. Ja, okay.
Johannes Franke: Auf jeden Fall glaube ich, dass Usselznik das nicht bewusst war. Und dass der große Produzent Usselznik... erst spät mitgekriegt hat, dass das jetzt doch ein bisschen blöd ist, dass die Amis so schlecht dastehen. dann am Ende elf Minuten aus dem Film rausgekürzt hat, um irgendwie Schadensbegrenzung zu betreiben. Die Szenen, wo unsere Hauptfigur uns allzu trottelig in der Gegend rumstolpert. wo er allzu schlecht dasteht, zu viel trinkt. Also solche Sachen hat er rausgeschnitten. Und das hat ihm aber nicht geholfen.
Florian Bayer: Aber glaubst du, diese ganze Szene... Wo unsere Hauptfigur, Holly, mit Hochkultur, mit Literatur konfrontiert wurde und keine Ahnung hat. Glaubst du, das haben die nur reingeschrieben, um aus Salz nichts zu ärgern? Es ist nämlich voll der Seitenhieb gegen die amerikanische Kultur, wenn dieser Depp dasteht und so geil, dass wir letzte Woche über James Joyce geredet haben und zu James Joyce gefragt.
Johannes Franke: Und keine Ahnung, wer das ist. Ich hab kurz gedacht, er fragt ja so... ein bisschen offen. Was machen sie mit James Joyce? Und ich habe kurz gewartet, dass er sagt, Georgien setze ich hier vorne in die erste Reihe, wenn er zu spät ist. Einfach, weil er nicht weiß, wer James Jones ist.
Florian Bayer: Es hätte auf jeden Fall gepasst. Ich kann es mir wirklich vorstellen. Dass sie das gemacht haben, um uns selbst nicht zu ärgern, aber generell ist es natürlich ein extremer Seitenhieb gegen die amerikanische Kultur, beziehungsweise das Fehlen von... Kulturalität bei den Amerikanern, zumindest aus der britischen Sicht.
Johannes Franke: Absolut. Und auch die Art und Weise, wie unsere Hauptfigur überhaupt da reingeht. Lass uns das mal, ich finde es so geil, lass uns zu dieser Hauptfigur gehen, wenn wir da schon sind.
Florian Bayer: Holly Martin.
Johannes Franke: Oh, Holly Martin ist großartig.
Florian Bayer: Holly Martin, der tatsächlich als Depp... Als wirklich hilfloser Typ, der so ein bisschen durch das Geschehen stolpert, gar nicht so weit weg ist von den klassischen Nor-Ermittlern, die ja auch oft... in so einem Geschehen drin sind, wo sie keine Ahnung haben.
Johannes Franke: Aber nicht so hilflos sind wie Holly Martins.
Florian Bayer: Aber nicht so hilflos, sondern dann tatsächlich Dinge aufdecken. Holly Martins... Spielt keine Rolle für diesen Film. Was? Nein, pass auf. Holly Martins. Macht eine Sache tatsächlich, die zentral ist. Nämlich, dass er verpetzt an die Obrigkeit, dass Harry noch lebt. Aber ansonsten... Stolpert er ja nur durch dieses Geschehen und redet mit den Leuten und ist komplett clueless.
Johannes Franke: Also du meinst, es ist dieses Janet Jones Ding. Das... Die Bundeslade so oder so, also er hat keinen Einfluss auf das Geschehen im Endeffekt.
Florian Bayer: Ja, es ist noch schlimm. Er kämpft ja nicht mal. Wenn Holly Martins eine Action-Szene kriegt, dann ist es wegrennen.
Johannes Franke: Ja. Ja, ja, absolut.
Florian Bayer: Er wird von Henchmen verfolgt. Und wenn er mal von einem Henchmen gestellt wird, dann kriegt er auf die Fresse.
Johannes Franke: Total gut. Ich freue mich so sehr darüber, auch diesen Subplot eben, dass da irgendwie zu diesem Literatentreffen gehen soll. Und wirklich einfach überhaupt gar keine Zeit hat, sich Gedanken zu machen, was mache ich hier eigentlich? Wo werde ich da hingeschleppt? Und was soll ich da überhaupt machen? Und überhaupt, weil die ganze Geschichte ihn halt ablenkt. Er stolpert von einer Erkenntnis zur nächsten. Und wird nur ab und zu Marande immer mal daran erinnert, dass er ja noch zu diesen Literaten muss. Und er kommt nicht dazu, einmal festzustellen, oh, keine gute Idee, ich weiß überhaupt nichts. Und dann steht er entsprechend in dieser Veranstaltung und kann keine ordentliche Frage beantworten. Und es ist so peinlich und es ist so geil gemacht.
Florian Bayer: Und es ist ja auch so ein bisschen ein Spiegelbild von seinen Ermittlungen. Er läuft ja von Anfang an komplett in die falsche Richtung los und wir haben diese suspekten Personen, die da überall rumlaufen. Ja. Und er denkt die ganze Zeit, okay, mit uns zusammen, mit uns als Publikum, das könnte der Mörder sein, das könnte der Mörder sein, das könnte der Mörder sein. Und er versucht die ganze Zeit einen Mord zu entlarven, der nicht stattgefunden hat. Er ist wie Donald Trump. Der Letzte, der mit ihm gesprochen hat, ist derjenige Thema Vertrauen. Ja, absolut.
Johannes Franke: So ein bisschen in die Richtung geht das, oder?
Florian Bayer: Wobei das auch nicht 100% stimmt, weil es gibt einen Moment der krassen Verprüdung mit Calloway, der kein Ehre ist übrigens.
Johannes Franke: Der ist kein Irre.
Florian Bayer: Der nicht Callahan heißt. Ah, Callahan. Ja, stimmt.
Johannes Franke: Geil.
Florian Bayer: Ja, es gibt irgendwann den Moment, wo er ja doch so eine Art, so ein Stück moralische Integrität findet, beziehungsweise wir müssen auch mal drüber reden. Er redet mit den Leuten, er ist clueless und er lässt sich Zeug erzählen und... Ja, er ist hilflos am Ermitteln, aber er weiß gar nicht, wie man ermittelt. Er ist ja auch kein Detektiv.
Johannes Franke: Natürlich nicht. Ich weiß auch gar nicht, wieso er überhaupt auf den Gedanken gekommen ist, das zu machen. Und das finde ich total geil. Weil das ist dieses Typische, was ich auch unter Amerika so ein bisschen verstehe, muss ich sagen. Du kommst mit einer... gewissen Naivität und einem Bild von Schwarz und Weiß, Gut und Böse und so da rein und Und kommst erstmal mit dicker Hose und sagst erstmal, ja, geht mal zur Seite, ich gucke mir das mal an. So ein bisschen in die Richtung habe ich das Gefühl. Und das ist so krass, weil er wirklich so überhaupt nichts weiß, aber trotzdem darauf versteht, zu sagen, nee, also folgendes. Und es ist toll. Ich finde diese Kritik, die da drinsteckt.
Florian Bayer: Ich glaube, es ist auch so ein bisschen, weil er nichts zu tun hat. Also er ist ja eigentlich nur vor Ort, was an sich schon so eine abstruse Geschichte ist, weil ein Freund, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hat… zu ihm gesagt hat, du, ich hab hier einen Job für dich, komm nochmal bitte nach Wien. Deswegen ist er ja überhaupt da. Und dann ist er da und stellt fest, der Freund ist tot und plötzlich hat er gar nichts mehr. Er hat kein Ziel, er weiß ja nicht mal, wo er übernachten soll und stolpert dann in dieses Hotel. Ihm wird geholfen, das Hotel zu kriegen. Er besorgt das nicht mal selbst. Und das heißt, er hat nichts zu tun, dann redet er halt mit den Leuten, die er gesehen hat auf dieser Beerdigung. Und dass es überhaupt in die Richtung geht, dass er jetzt ermitteln könnte, da stolpert er ja auch.
Johannes Franke: Ja, ja, absolut. Aber ich finde es interessant, dass er dann da zugreift. Es wird ihm ja alles präsentiert. Der Typ, der das mit der Literaturveranstaltung vorschlägt, da greift er ja auch einfach nur zu und sagt, ja, ja, dann ist es jetzt meine Möglichkeit, hier zu bleiben. Ja. Und so geht eins ins andere und im Grunde greift er immer nur nach dem nächsten Strohhalm.
Florian Bayer: Ja. Es ist natürlich auch so ein typisches Film-Nordding, dass es so ein bisschen random ist. Er redet mit einer Person und diese Person sagt, da gibt es noch eine andere Person. Und dann sagt er, ah, okay, Kurz hat mir gesagt, dass es noch diesen Dr. Winkel gibt. Dann gehe ich jetzt mal zu diesem Dr. Winkel. Ah, jetzt habe ich gehört, dass es diesen Rumänen gibt, jetzt rede ich mal mit diesem Rumänen. Ah, und dann kulminiert es natürlich so in diesem, und es gibt noch eine dritte Person und ich muss irgendwie diese dritte Person finden. Wobei die dritte Person ja ehrlich gesagt ihn findet.
Johannes Franke: Aber was ich geil finde, ist, dass es eben dadurch... alles aktiv um ihn drum herum sich bewegt. Die ganzen Akteure, die wir kennenlernen, lernen wir deswegen kennen, weil die aktiv sich um... ihn bemühen.
Florian Bayer: Ja, definitiv.
Johannes Franke: Die Täter, die da drumherum sind, von denen wir noch nicht wissen, dass sie Täter sind oder dass sie implizite Täter sind, die irgendwie davon profitieren oder die mit Harry zusammenarbeiten, die klopfen ihn ja ab. Ja. Und schauen, ob sie in ihr Verbrecherkonzept reinpasst, ob er irgendwie mit da rein könnte, oder ob er umgebracht werden muss im Grunde, ne? Weil er vielleicht dann zu viel weiß oder sowas.
Florian Bayer: Das finde ich ist die spannende Frage, die sich irgendwann im Film stellt. Also Sie sagen ja so ein bisschen... Ihre Story für Holly ist ja, Harry hat uns kurz bevor er gestorben ist gesagt, kümmert euch um Anna. und kümmert euch um meinen Freund Harry. Das ist ihre Geschichte und wir wissen irgendwann, dass die nicht wahr ist. Und da müssen wir uns natürlich überlegen, was ist der andere Grund? Warum suchen die so aktiv ihn? Sie treiben ihn ja damit quasi anzurecherchieren und wenn zum Beispiel kurz einer von den Vertrauten von Harry nicht mit ihm geredet hätte, Und wenn Dr. Winkel nicht mit ihm geredet hätte und wenn Popescu nicht mit ihm geredet hätte, Dann wäre dieses Misstrauen ja gar nicht entstanden und diese Möglichkeit, dass Harry da ist, feststellt, ah, mein Freund ist tot, ich habe hier nichts mehr zu suchen.
Johannes Franke: Ich fahre wieder.
Florian Bayer: Und dann wieder fährt, die ist ja total gegeben, aber sie halten ihn damit ja vor Ort. Ja, ja, ja, ja. Und der Britte nochmal, unser Callaway, der will ihn loswerden. Der bietet zwei Millionen mal an, da ist der Rückflug. Du fliegst jetzt nach Hause, du hast hier nichts zu suchen.
Johannes Franke: Möchtest du übrigens Tee, Flo?
Florian Bayer: Sehr gerne.
Johannes Franke: Fragst du damit, warum die ihn überhaupt da behalten wollen?
Florian Bayer: Warum wollen die ihn da behalten?
Johannes Franke: Weil er einen Job bekommen hat. Also der Job steht ja. Es ist ja gar nicht so, dass die Anfrage damit hinfällig ist, sondern der Job steht ja dafür da. dass er kommen soll, um als Schriftsteller das Ganze nach vorne zu treiben mit irgendwelchen, was weiß ich, ich weiß gar nicht genau, was der Plan ist, ne, so viel.
Florian Bayer: Genau, das ist nämlich die Sache. Der vorgetäuschte Tod von Harry, so wie das inszeniert ist, wirkt es auf mich wie so eine Last-Minute-Entscheidung. Und als sie Holly nach Wien geholt haben, wussten sie noch nicht, dass Harry seinen Tod vortäuschen wird. Das war nicht so. Teil des Plans wird, dass Harry bei Holly ankommt und Holly sagt, pass auf, wir können einen cleveren Typen gebrauchen, du bist es offensichtlich nicht, aber ich kenne dich. Deswegen nehmen wir dich trotzdem. Und wir haben hier so ein Ding am Laufen. Du kannst das und das machen. Du bist für die Buchhaltung zuständig. Ich glaube nicht, dass geplant war, dass Holly in dieses Szenario stolpert, wo Harry seinen Tod vortäuschen musste.
Johannes Franke: Das glaube ich auch nicht, aber sie überlegen halt noch, ob sie ihn gebrauchen können.
Florian Bayer: Danke für den Tee. Also spätestens bei Harry wissen wir es. Harry denkt darüber nach. Aber... Davor ist da so viel Feindseligkeit ihm gegenüber. Ich habe nicht das Gefühl, dass einer von denen, also vor allem Kurz und Popesco, Dass die in irgendeiner Weise denken, das ist unser Typ. Sie betrachten ihn als Feind und vor allem betrachten sie ihn die ganze Zeit als Gefahr für ihren Plot.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Ich finde, es ist nicht schwer in diesem Film die Bösewichter zu identifizieren, weil man merkt einfach, dass die von Anfang an unseren Protagonisten mit Extrasse. viel Misstrauen begegnet.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Wie die ihn angucken und so, wie die Szenen aufgebaut sind und reszeniert sind. Ich finde das Aber ich find's total geil, weil du dadurch, dass du nicht weißt, warum die so sind, die ganze Zeit Fragezeichen im Kopf hast. Ohne, dass die Fragezeichen auf der Textebene entstehen, sondern die entstehen alle durch die Inszenierung und das Spiel und das finde ich ziemlich gut, muss ich sagen.
Florian Bayer: Durch die Blicke und durch die Art, wie sie... Naja, wie sie mit ihm reden. Also dieser Film steckt ja voller passive Aggressivität. Ja, total. Dieser Film ist voll mit Menschen, die so eine schmierige Höflichkeit mitbringen. Und gleichzeitig hast du das Gefühl, die können ja jederzeit ein Messer in den Rücken jagen.
Johannes Franke: Total.
Florian Bayer: Also um einmal Ernst Deutsch, der den Kurz spielt, finde ich ganz großartig. Ja. Gay-coded wahrscheinlich.
Johannes Franke: Ja, wahrscheinlich gay-coded, ja. Absolut.
Florian Bayer: äh, deutscher Schauspieler, wie viele die in diesem Film rum, beziehungsweise österreichischer Schauspieler, wie viele die in diesem Film rumlaufen, Der ist ja die ganze Zeit, der hängt ja an ihm dran. Der macht ihm auch irgendwie so kind of Komplimente. Und gleichzeitig hast du das Gefühl ... Da ist was sehr Bösartiges und das merkt jeder. Es ist auch nicht so sublim, sondern Herr Hollis selbst merkt es auch, dass ihm da was Feindseliges gegenüber tritt.
Johannes Franke: Aber es ist nicht auf der Textebene.
Florian Bayer: Nein, nein, es ist nicht auf der Textebene.
Johannes Franke: Das finde ich eben so geil.
Florian Bayer: Bei Popescu ist es auf der Textebene. Ja, dann wird es interessant. bei dem Literaturtreffen, wenn Harry, oh man, diesen Namen, warum sind die so ähnlich? Wenn Holly sagt, ich schreibe ein Buch, der dritte Mann, es geht um Mord und so. Und dann sagt Popescu, sie sollten aufpassen, wo sie ihre Nase reinstecken. Und hat dann auch gleich seine Henchmen dabei, die ihn jagen.
Johannes Franke: Das ist aber wirklich, das ist doch eine geile Szene, oder? Vor der versammelten Mannschaft, naja... Der Hälfte derer, weil die anderen schon gegangen sind, stehen die da und reden über das Buch darüber, wie die Situation ist. Ob er nicht besser aufhören möchte, seine Nachhaltigkeit. Nase reinzustecken, indem er sagt, wollen sie nicht das Buch aufgeben, was sie da gerade neu schreiben. Ich finde den Dialog total schön gemacht.
Florian Bayer: Es ist sehr schenk. Wir haben bei Shakespeare bei Hamlet die Inszenierung, wo Hamlet diese Inszenierung macht, um seinen Onkel zu stellen, um ihm zu zeigen, dass er der Mörder seines Vaters ist. Und das haben wir hier natürlich auch, dass er von dem Buch redet, aber es ist ganz klar, er redet vom Mord an seinem Freund Harry. Und er ist so planlos dabei, weil darum geht es gar nicht. Das Ding ist, diese ganze Problematik würde ja gar nicht entstehen, wenn einfach einer von ihnen gesagt hätte, pass auf, Harry hat seinen Tod vorgetäuscht. lass uns reden, du kannst dich auch mit Harry treffen. Aber wenn das ihre Intention war, ich zweifle da ja noch ein bisschen dran, dass ihre Intention von Anfang an ist, dass er weiter diesen Job macht, sondern ich habe das Gefühl, der kommt dahin, es ist was Unerwartetes passiert, nämlich Harry musste seinen Tod vortäuschen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und jetzt wollen ihn alle loswerden.
Johannes Franke: Ja, aber wenn sie ihn loswerden wollten, dann hätten sie ihn wirklich in den Flieger gesetzt und gesagt, tschüss. Nein. Weil sonst hätte ihn doch nicht vor Ort noch, das ist ja eine der ersten Szenen, wie er ihn an den Ort des Geschehens bringt und sagt, da übrigens ist das passiert und dann haben wir ihn da rüber getragen und hier ist die Straße und da sind die Nachbarn und da ist der neugierige Portier, den wir noch umbringen müssen.
Florian Bayer: Das ist ein Film Nordigen, ne? Ich glaube, das ist ein Film-Ding. Ich mache kein Geheimnis draus, dass ich kein Freund des Genres bin. Wisst ihr alle. Ich mag das total. Es ist ein Film-Nordding, dass ein Plot verkompliziert wird. Und mit Komplexität aufgeladen wird, mit Sachen, die sich nie erklären lassen, die auch teilweise unlogisch sind. Ja. Einfach um den Plot zu verwinkeln und zu verrätseln. und um Mysterien zu erschaffen. Das macht dieser Film auch. Dieser Film läuft in die klassischen Film-Northallen.
Johannes Franke: Ja, aber das glaube ich eben nicht, dass das in dem Fall so ist, weil du davon ausgehst, dass sie ihn loswerden wollen und dann verkomplizieren, aber ich glaube nicht, dass sie ihn loswerden. werden wollen von Anfang an, sondern dass eben der Auftrag von Harry immer noch ist, guckt mal, ob er nützlich sein kann für uns. Und Harry sagt das ja auch wirklich.
Florian Bayer: Aber dafür finde ich ihr Verhalten zu widersprüchlich.
Johannes Franke: Vielleicht, weil sie nicht wollen, aber der Auftrag ist halt da.
Florian Bayer: Und dafür finde ich auch das Verhalten von Harry zu widersprüchlich.
Johannes Franke: Also wir haben ja das Verhalten von Harry ist total widersprüchlich. Aber das finde ich auch spannend.
Florian Bayer: Ja, aber... Es ist einfach, es bleibt eine offene Frage und zwar nicht ein offenes Mysterium, wo du sagst, uh, sondern es bleibt einfach eine offene Frage. die dich an der Sinnhaftigkeit und Logik des ganzen Plots zweifeln lässt. Was? Also es ist einfach, ich finde es ist ein Verhalten, was im Großen und Ganzen nicht gerechtfertigt ist.
Johannes Franke: Was ich viel schwieriger finde, muss ich sagen, ist, dass mich der Film sehr über weite Strecken so ein bisschen zu verlieren droht, weil die Figur des Holly dann doch ein bisschen zu blass ist. Weil ich das zwar irgendwie geil finde, dass er so ein trotteliger Amerikaner ist, aber er ist dann doch zu blass. als dass ich wirklich in allem so mitgehen kann. Sobald die Nebenfiguren auftauchen, bin ich wieder drin. Ja. Aber solange es sich zu sehr auf ihn konzentriert, bin ich so, ja, ach, worum geht es noch gleich?
Florian Bayer: Ich finde die Man Next Door... Dieser Allerweltsmann-Ding, dieser Typ von nebenan, der eigentlich damit nichts zu tun hat, der kein Verbrecher ist, der kein Held und so weiter. Das finde ich total spannend, weil das bricht diese Film-Log-Klischees auf. Er versucht so die ganze Zeit den Tough Guy zu spielen.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und er scheitert aber immer an der Realität. Er ist so überzeugt von sich und von seinen literarischen Fähigkeiten. Er ist der geile Westernautor. Und wie oft haben wir einen Dialog, wo Leute sagen, oh, Holly, Martin, nie gehört. Was für ein Western, nie gelesen. Was soll denn das sein?
Johannes Franke: Aber ich habe ein ganz anderes Gefühl dazu. Ich habe das Gefühl, dass dieser Typ von seiner eigenen Fähigkeit nicht überzeugt ist. Dass der die ganze Zeit Probleme damit hat und dass er total irritiert ist, wenn Leute ihn kennen und sagt, hä, was? Ihr kennt mich hier? Ich mach doch nix.
Florian Bayer: Ich habe das Gefühl, er sieht sich nicht selbst als der große Autor, aber er sieht sich als jemand, der so Romane geschrieben hat, dass sie irgendwie... Er freut sich auch, wenn er angeschmeichelt wird von jemandem, weil der sein Fan ist. Das freut ihn schon, oder? Wenn Payne sagt, ich habe Bücher von ihm gelesen, das Das findet er geil.
Johannes Franke: Aber das würde jeder geil finden.
Florian Bayer: Natürlich, ja. Aber die meiste Zeit über ist er damit konfrontiert, dass die Leute zum einen seine Western nicht kennen. Und zum anderen, dass seine Methoden, die er aus seinen Büchern offensichtlich entnommen hat, Murder, she wrote? Hieß das so? Murder, she said. Murder, she said. Mord war die Hobby. Egal. so dieses Ding, Schriftsteller sagt, ich habe so viel über Mord geschrieben, ich kenne mich aus. Ja, genau. Das ist das komplett dass das komplett in die Hose geht. Das finde ich ein wunderbar ironischer Bruch. Er ist kein guter Detektiv, er ist kein guter Held. Er ist kein guter Charmeur, weil er scheitert komplett dabei, sich an diese Anna ranzumachen.
Johannes Franke: Das ist schön. Und da mag ich dann sie wieder. Lass uns mal zu ihr rübergehen. Ich find's interessant.
Florian Bayer: Anna Schmidt, gespielt von Alida Valli. Eine Italienerin.
Johannes Franke: Ja, ich finde, dass sie wunderbar understated ist, also dass sie keinen Gesichtsfasching mitbringt, sondern dass sie wirklich sehr, sehr... Gemutet spielt, was ich sehr gut finde irgendwie, was aber auch ein bisschen in Kombination mit dem sehr blassen Hauptdarsteller ein kleines bisschen eine kontrastarme... Situation herstellt. Leider. Aber sie isoliert betrachtet finde ich ziemlich gut, muss ich sagen.
Florian Bayer: Also was natürlich so ein grundsätzliches Ding ist, ist, dass ihre Rolle komplett definiert ist dadurch, wie sie sich zu den Männern verhält. Sie hat überhaupt keine eigene Ziele, keine eigene Motivation oder so.
Johannes Franke: Nee, sie basiert komplett auf Harry.
Florian Bayer: Ja. Spannend ist voll, dass es null Chemie zwischen ihr und Holly gibt.
Johannes Franke: Total gut, ne?
Florian Bayer: Und das finde ich total interessant, weil es ... Weil man sieht ja, dass Holly sich irgendwie darum bemüht, eine Chemie aufzubauen. Und dass ihr, was du vielleicht als Understatement bezeichnest, dass das komplett unterspielt ist und stattdessen, dass die ganze Zeit diese Chemie mit dem unsichtbaren Tritt da ist. Mit diesem nicht vorhandenen Harry und es ist eine krasse Chemie zwischen ihnen, ohne dass er auftaucht, ohne dass sie überhaupt miteinander interagieren. Und von Anfang an, als wir denken, dass er tot ist, wir haben die ganze Zeit das Gefühl, da knistert es immer noch im Raum. Also es ist so eine Verbindung von dem Toten zur lebenden Welt.
Johannes Franke: Und das ist schon auch ein... schon auch eine Leistung der Schauspielerin. Das ist nicht nur im Text, sondern sie schafft das wirklich, das so gut zu spielen und da diese Spannung aufrecht zu erhalten. Und die Traumatisierung, die sie auch dadurch erfahren hat, durch den Tod von ihm, die ganze Zeit mitzutragen und zu spielen, Und dann ist sie auch noch sowieso vom Krieg gebeutelt und so weiter. Ich finde, diese Figur hat eine Dreidimensionalität durch das Spiel allein, wie sie es macht. Aber wahrscheinlich durch die Art und Weise, wie sie geschrieben ist, weil sie nun mal eine fucking Frauenfigur in einem 40er Jahre Film ist. Da gibt es halt leider nicht viel. Aber Sie als Schauspielerin macht das so gut.
Florian Bayer: Was ich dem Film auf jeden Fall zugute halte, wo ich wirklich froh drüber bin, dass sie keine femme fatale ist. Und dass sie nie zum Kreis der Verdächtigen gehört, sondern dass ihre Existenz von Anfang bis Ende dieses Films von dieser Traurigkeit getragen wird. Und es ist natürlich total wenig. Sie hat wenig Charakter, sie hat wenig Einfluss und sie ist halt einfach nur am siebten und das ist ihre einzige Rolle und ihre einzige Existenzberechtigung. Aber es ist ein schöner Bruch mit den Genre-Konventionen.
Johannes Franke: Genau, weil es eben auch so komplett durchgezogen wird und nicht... Für die Convenience der Szene muss sie halt dann plötzlich eine andere Meinung haben oder so. Sondern nein, sie ziehen das auch komplett durch, obwohl es in manchen Szenen vielleicht der einfache Einfachere Weg gewesen wäre, sie irgendwie als Mittel zu benutzen, um was anderes zu erzählen.
Florian Bayer: Ich finde es halt komplett unglaubwürdig, dass Holly sich in sie verliebt. Also weil sie so wenig Chemie haben, das... Es ist so ein bisschen, ich finde, es wirkt fast schon forciert, dass Frau, Mann, da muss was sein. Und jetzt nur einseitig. Ich finde, das wird komplett forciert, wie sie miteinander interagieren. Es gibt nichts, das darauf hinweist und dann ist er plötzlich bei ihr betrunken und bringt ihr Blumen mit und macht ihr Liebesgeständnis und du fragst dich so... Where, why, what?
Johannes Franke: Ich verstehe es fast schon als, vielleicht ist es nicht Absicht, aber ich verstehe es fast als Kommentar. Fast als Seitenhieb auf dieses typische dieser Zeit. Die Filme, da ist eine Frau, da ist ein Mann, die müssen doch miteinander... Und also muss die Hauptfigur wenigstens einmal das anbahnen und dann sagt der Film, nee, Übrigens, nee. Ich find's geil, weil er ihr tatsächlich, also fast schon wörtlich, anbietet, dass das jetzt zum Liebesfilm wird. Und sie sagt respectfully no. Vielleicht. Und das finde ich schön. Holly, der erste Friends-Zone-Protagonist der Filmgeschichte. Das finde ich tatsächlich toll.
Florian Bayer: Es wäre halt interessant, wenn wir ihr ein bisschen mehr geben würden als diese... Als diese verzweifelte Sehnsucht nach Harry. Wenn sie da irgendwie ein bisschen... vielleicht ein bisschen mehr Charakter hätte. Ich sehe diese Traurigkeit, die finde ich voll spannend in ihr. Ich finde es, wie gesagt, toll, dass sie keine femme fatale ist. Ich finde es toll, dass sie keine Verdächtige ist.
Johannes Franke: Und ich finde es auch toll, dass sie aus dem Zug wieder aussteigt und selbst eine Entscheidung trifft und sagt, nee, ich mache das jetzt nicht. Also, dass sie sozusagen wirklich auch eine Aktion dadurch bekommt, auch wenn die wieder im Hintergrund nur Harry hat. Ja. Aber es ist eine Aktion. Es ist nicht nur ein, ich lass mich von A nach B tragen und erzähle irgendwas.
Florian Bayer: Dann ist aber unsere Erwartungshaltung wirklich tief, wenn dieses aus dem Zug aussteigen und mit Rolli-Motzen, wenn das unsere, ja, ja, ja. Das ist eine Detour, die hätte
Johannes Franke: nicht gebraucht im Film. Dramaturgisch gesehen ist es eine Verzögerung, die es nicht unbedingt braucht, dass sie in den Zug gesetzt wird, um dann wieder auszusteigen. Aber es ist gut für sie.
Florian Bayer: Naja, es hat so ein bisschen, also es wirkt so ein bisschen wie ein Tool, um noch einmal Harry eindeutig zu zeigen, der sie ja heimlich belauscht, dass Holly ihnen hintergangen hat. Weil das ist ja der große Moment, wo Harry zuhört, wenn sie...
Johannes Franke: Das ist erst im Café.
Florian Bayer: Alles im Café danach, stimmt, du hast recht, ja. Stimmt, sie sagt, ah, ja, aber das ist auch... Also der Dialog ist auch ein bisschen... Ich finde es tatsächlich... Oh, ich würde jetzt sogar fast einen Case aufmachen, dass ihre Rolle dadurch ein bisschen verliebt, weil wir haben die ganze Zeit, die auch... dieses Wien, in dem ums Überleben gekämpft wird. Und ich meine, sie ist die Einzige, die wirklich diesen verzweifelten Überlebenskampf führt. Bei ihr steht als Gefahr, dieses Ausgeliefertwerden an die sowjetische Besatzungsmächte. Und okay, natürlich, Harry führt auch diesen Überlebenskampf, weil Harry gejagt wird von der Obrigkeit. Aber sonst ist sie wirklich die Einzige, bei der so viel auf dem Spiel steht. Ja. Und dass sie es aufgibt auch wieder nur, um Männern Männergeschichten zu erzählen. zu sagen, dass sie das doof findet, dass ihr Freund jetzt verraten wird, das ist wirklich ein bisschen wenig. Und vielleicht sogar ein bisschen ungerecht der Rolle gegenüber.
Johannes Franke: Aber sie hat eine Stärke, finde ich, dadurch, dass sie diese Entscheidung nochmal trifft. Sie hat einen Ausweg bekommen und sagt nein.
Florian Bayer: Es ist Teil ihrer Traurigkeit und natürlich ist es auch Teil ihres verzweifelten Hängens an Harry. Was ja einfach so ein Grundthema in diesem Film ist, dass sie... so viel Zeug von ihm erfährt. Sie erfährt ja nicht nur, dass er seinen Tod vorgetäuscht hat, sie erfährt, dass er Kinder umgebracht hat, sie erfährt, dass er wirklich schlimme Dinge gemacht hat, dass er ein Mörder ist, dass er ein Lügner ist, dass er, ohne mit der Wimper zu zucken, sie ausliefern würde, um seinen Arsch zu retten. Und ihre Reaktion ist die ganze Zeit pur Harry. Jetzt kann man natürlich sagen, das ist eine schlecht geschriebene Frauenfigur, weil die nur auf den Mann... Aber es ist halt auch eine Frauenfigur, die einfach so eine radikale Note kriegt. Und wenn wir uns dieses Verzehren der Frauen nach ihren heldenhaften Männern vorstellen, wie es millionenfach im Klassen... dass sich ein US-Filmsystem gerade auch in diesem Genre geschrieben wurde, dann ist es dann ist es ja eine Pervertierung von diesem Konzept. Nicht ein Bruch. Die femme fatale in den Filmen aus, die sind ja so ein Bruch mit dem Konzept. Das sind die Frauen, die nur an sich selbst denken, die Männer ausliefern, die die Liebesbeziehungen nur eingehen, um das zu erreichen, was sie wollen und wenn es halt irgendwie ein teurer Diamant ist oder so. Und dadurch bricht der Film noch mit diesem romantischen Klischee. Und dieser Film bricht anders mit diesem romantischen Klischee, indem er es halt radikal pervertiert und sagt, Diese Frau hat nichts anderes im Kopf als Harry.
Johannes Franke: Der Film liefert so wenigstens einen kleinen Grund, weil Harry ja offenbar derjenige ist, der ihr das Leben gerettet hat. Der ihr den Pass verschafft hat und ihr dort zu Hause gegeben hat quasi.
Florian Bayer: Ja, aber das ist es nicht, würde ich sagen.
Johannes Franke: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Oh mein Gott, ich glaube... Oh nein, wir sind in einer Self-Promo. Nein, shit, ganz schnell, damit wir zurückfinden. Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt. Und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns.
Florian Bayer: Wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld da lassen wollt, macht das doch bitte über buymeacoffee.com. Den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung. Danke.
Johannes Franke: könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug.
Florian Bayer: Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen, Ist das eure Chance? Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag, ohne Geld. Und Feedback gerne an johannes.musmansehen.de und Florian.
Florian Bayer: Außerdem freuen wir uns natürlich über jedes Abonnement, egal ob bei Spotify, Apple Podcast, Deezer, Amazon Music, whatever.
Johannes Franke: Was uns total helfen würde, ist, wenn ihr uns so fünf Sterne oder Herzchen oder sonst was auch immer euer Podcatcher anbietet, gebt und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben. Ah, super.
Florian Bayer: Fehlt noch irgendwas?
Johannes Franke: Nee, ich glaube, wir haben alles, wa? Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode. Yes! Harry als Psychopath, den wir dann kennenlernen. Woher zur Hölle hat diese Frau diese Bindung zu diesem Mann aufgebaut? Fuck.
Florian Bayer: Er ist charmant.
Johannes Franke: Allerdings.
Florian Bayer: Harry ist der Typus charmanter Psychopath. Und das sehen wir ja auch. Wir sehen das nicht in der Szene zwischen Harry und... Und Anna, sondern in der Szene zwischen Harry und Holly, wenn sie in diesem Riesenrad drin sind.
Johannes Franke: Wenn der das erste Mal auftaucht ... Da das Fenster auf ist. Er steht im Schatten, jemand macht das Licht an und er wird plötzlich mit Licht beschienen. Ja. Und dann fängt er an so zu grinsen. Also... Ich habe ein feuchtes Höschen. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich finde den wirklich sehr gut in dieser Stelle.
Florian Bayer: Warum hast du ein feuchtes Höschen? Weil du dich vor Angst einpinkelst oder weil du... Nein. Okay. Also, Orson Welles, extrem gut aussehender Mann. Orson Welles, extrem charismatischer Schauspieler. Ja. Natürlich ist er hier so voll dieser Typ Mephisto, der galante Verführer. Ja, es ist schon sexy, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Toll, oder? Und wie er das macht, wie er mit dem bisschen Screentime umgeht, was er da hat.
Florian Bayer: 15 Minuten!
Johannes Franke: Es ist so krass.
Florian Bayer: 15 Minuten Screentime hat dieser Mensch.
Johannes Franke: Und er wurde gefragt, aber... Awesome Walls, das ist doch eine viel zu kleine Rolle für Sie. Was wollen Sie denn damit? Und er so, was? Ich habe kaum Arbeit damit, aber der ganze Film redet nur über mich. Besser kann ich es doch nicht treffen.
Florian Bayer: Er war ja auch kaum anwesend am Set. Ja, genau. Er war in den 10, 12, 13 Tagen, die er gedreht hat. War er da? Und dann hat er offensichtlich auch viel an seinen Dialogen nochmal mitgearbeitet? Ja, genau. Citation Needed. Also wir wissen nicht, es gibt Debatten darüber, wie viel er an Dialogen mitgearbeitet hat. Ich kann mir das schon vorstellen. Er war ja ein Autor, er war ein Regisseur. Er war jemand, der sich zu inszenieren wusste und auch seine Filme. Deswegen geben wir das mal mit. Er war wenig da. Aber er formt natürlich die Rolle und ich finde es so ein bisschen ungerecht gegenüber den anderen großartigen Schauspielern, die in diesem Film beteiligt waren. Wir haben zum Beispiel noch gar nicht über Trevor Howard als Callaway geredet, der für mich so großartig ist, als dieser britische Offizier.
Johannes Franke: Und über unseren Portier, über den müssen wir auch reden. Hallo!
Florian Bayer: Dann kommen wir gleich, wenn wir zu den Statisten kommen. Statisten.
Johannes Franke: Alter.
Florian Bayer: Ähm. Ja, Orson Welles ist einfach fucking charismatisch. Wirklich? Wir haben nur so ein, zwei Szenen, in denen er das zeigen kann. Von diesen 15 Minuten, in denen er auftaucht ... Sind ja auch gut zehn Minuten, er rennt weg vor irgendwem.
Johannes Franke: Ja, wir müssen noch weiter darüber reden, wie oft er am Set war und wieso nur so wenig. Ja, also, folgendes. Der sollte viel öfter da sein und viel mehr da sein. Es gab sieben Wochen Dreh, das ist schon nicht... viel gewesen für dieses Vorhaben und der Regisseur hat tatsächlich drei Units beobachtet. Er hat gesagt, okay, wir machen hier eine Nacht-Unit, die im Untergrund dreht, dann noch eine zweite Unit und eine dritte Unit, die unterschiedliche Teile der Geschichte drehen. Und er hat teilweise 22 Stunden am Tag mit Drogen tatsächlich. aufgeputscht, das alles irgendwie gemanagt und Regie geführt. Total krass.
Florian Bayer: Carol Reed, großartiger Typ, krasser Typ. Wahnsinn. Arbeitstier.
Johannes Franke: Genau. Und von diesen sieben Wochen Dreh sollte Orson Welles viel, viel mehr da sein, als er da war. Er waren am Ende so acht oder neun Tage tatsächlich nur da. Er war unterwegs in Europa und hat da sich ein bisschen was angeschaut, hier und da. Ach, ich sollte ja morgen zu diesem Set, ach nee, ich fahr nochmal nach Rom weiter und so. Und hat da irgendwie echt... verzögert, verzögert, verzögert und sie mussten irgendwie ohne ihn irgendwelchen Scheiß drehen schon, haben Leuten... diesen riesen Mandel angezogen und die in der Gegend rumgeschickt, damit die so aussehen wie er... Weil er einfach nicht da war. Und dann war der im Hotelzimmer, war dann wirklich mal in der Stadt und ist aus diesem Hotelzimmer nicht rausgekommen. Und er hat gesagt, nee, nee, macht mal ohne mich. Was zur Hölle? Und dann hat er die Kanalisation gesehen und hat gesagt, nee, das stinkt mir zu sehr, da geh ich nicht runter.
Florian Bayer: Warum will ich dich drehen? Da will ich nicht. Damit habe ich nichts zu tun, dann werde ich krank.
Johannes Franke: Und dann mussten die das nachbauen im Studio für ihn. Fuck. Diva! Und dann haben sie ihn tatsächlich aus dem Hotelzimmer rausgelockt, indem sie gesagt haben, wir haben einen Zauberer engagiert. Den könntest du sehen. Ach, wenn du schon mal aus dem Hype des Hotels bist, willst du nicht vielleicht diese Szene hier drehen? Alter. Er ist wegen des Zauberers aus seinem Hotelzimmer gekommen. Er war großer Fan von Zauberern. Er hat auch noch bis ins hohe Alter irgendwelche Zaubertricks vorgeführt, weil er einfach so begeistert war. Das heißt, Zauberer engagieren war eine sehr, sehr strategisch sehr, sehr gute Idee.
Florian Bayer: Filmstars sind wie kleine Kinder.
Johannes Franke: Das ist so seltsam.
Florian Bayer: Wann zur Hölle soll das?
Johannes Franke: Aber irgendwie haben sie es geschafft, ihn ans Set zu bringen. Und wenn er dann am Set war... Hat er wirklich abgeliefert. Also das ist es einfach. Er hat wirklich abgeliefert und es sieht wahnsinnig gut aus. Er hat einen wahnsinnig guten Dialog.
Florian Bayer: Es ist der einzige wirklich große Dialog von ihm. Also Holly hat mittlerweile mitgekriegt, dass Harry lebt. Und geht zu dem Riesenrad, übrigens jetzt sind wir in der russischen Besatzungszone.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das Riesenrad stand in der russischen Besatzungszone, das heißt sie waren tatsächlich, in der sowjetischen, Entschuldigung. in der sowjetischen Besatzungszone. Das heißt, wir sind tatsächlich in diesem sowjetischen Sektor, wenn sie das drehen. Sie haben nicht am Riesenrad gedreht, sondern nur davor. Und das Riesenrad selbst haben sie dann im Studio gemacht. Und dann haben wir diesen sehr berühmt gewordenen Dialog zwischen Holly und Harry... wo Harry ihn abklopft, ob Holly vielleicht für ihn arbeiten würde, aber vor allem auch ganz wesentlich, was Holly alles der Polizei erzählt hat. Und er erfährt sie ja... Holly hat der Polizei alles erzählt und die haben schon die Leiche ausgegraben und wissen schon, dass er seinen Tod nur vorgetäuscht hat und das ist ja eigentlich der Moment, wo man sagen könnte, jetzt ist Holly raus. Ja, genau. Und dann haben wir aber diesen Moment, wo sehr lange diese Spannung stehen bleibt. Wir wissen nicht, ob Harry ihm die Hand gibt oder ihn rausschubst. Und Harry weiß es auch nicht und Holly weiß es auch nicht. Niemand weiß es in dieser Szene.
Johannes Franke: Es ist so eine tolle Szene, oder? Also die Spannung in der Szene. Ich muss an The Shining denken. Und zwar in diesem roten Bad. Da hat jemand ihm was über den Glatz gekippt und der Butler macht ihn sauber. Und da gucken die sich so an, weil er plötzlich irgendwie feststellt, da kann was zeittechnisch nicht hinkommen. Da hat jemand seine Frau umgebracht, bin ich das? Ich bin doch nicht da. der Caretaker in diesem Hotel. Was ist da los? Und die schätzen sich gegenseitig ab. Ja. Auf eine Art und Weise. Und hier in diesem Film gucken die sich auch auf so eine ganz bestimmte Art und Weise an. Was passiert hier gleich? Wer ist auf welcher Seite? Wie kriegen wir das hin? Und er macht schon so drohend die Tür auf und Holly geht rüber. Seelenruhig, um sich da einmal demonstrativ festzuhalten, damit er nicht rausgeschubst werden kann. Und dieser Dialog hat so eine Wahnsinnsspannung. Das ist unglaublich.
Florian Bayer: Naja, es sind auch, wie du gesagt hast nochmal, es ist gar nicht so sehr auf der Textebene, weil da ziemlich schnell alles abgehandelt wird. Sondern vor allem auch auf der Blick-Ebene. Das ist der Blick, du weißt, dass ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß. Und du denkst, dass ich denke, dass du denkst, dass ich denke. Und es könnte sein, dass ich das jetzt mache und du weißt, dass ich das machen könnte und ich weiß, dass du weißt, dass ich das machen könnte. Und es dreht diese Kreise. Es bleibt die ganze Zeit in dieser latenten Bedrohungslage. wo alles auf dem Tisch liegt. Wir wissen ganz genau, wo wir stehen. Es gibt keine großen Geheimnisse mehr. Es gibt kein großes Verbergen. Sondern beiden ist sehr klar, wo sie sich gerade befinden und was das für eine angespannte Situation ist.
Johannes Franke: Ich finde es ganz toll geschrieben, vor allem, weil der Turning Point dann eben ist, zu sagen, übrigens, die haben deinen Sarg da ausgegraben und in dem Moment Orson Welles sagt, ah, fuck. Okay, das war vielleicht jetzt nicht, okay, ich mach mal die Tür wieder zu.
Florian Bayer: Das ist der Satz, der Harry dazu bringt, zu sagen, okay, Jetzt bringt es definitiv nichts mehr, Holly umzubringen, weil sowieso alle wissen, dass ich noch lebe.
Johannes Franke: Krass, oder? Es ist so eine tolle, toll aufgebaute Szene, so dramaturgisch, so genial in so einem Mikrokosmos.
Florian Bayer: Und es ist so banal.
Johannes Franke: Ja, das ist so banal.
Florian Bayer: Es ist einfach nur dieses, Holly sagt am Schluss einfach nur noch einen wichtigen Fakt, um seinen Arsch zu retten. Es wissen sowieso alle Bescheid. Es ist vorbei. Das Ding ist eigentlich, wir befinden uns eigentlich in einem Szenario, wo Harry mit Holly gar nicht mehr reden müsste, weil sowieso alles gelaufen ist. laufen ist. Jeder weiß Bescheid.
Johannes Franke: Harry lebt noch. Und dann kommt dieser Kuckucksohr Hinweis noch.
Florian Bayer: Was sagt er?
Johannes Franke: Ich habe nicht die genauen Wortlaut. Hast du den genauen Wortlaut?
Florian Bayer: In Italien für 30 Jahre unter den Borgias. Kriege, Terror, Mord, Blut vergießen. Und daraus sind entstanden Michelangelo, Leonardo da Vinci, die Renaissance. Und in der Schweiz hatten sie brüderliche Liebe, sie hatten Frieden, Demokratie für 500 Jahre. Und was haben die Schweizer gemacht? Die Kuckucksuhr. Bullshit. Fuck you, Harry. Fuck you, Orson Welles, der diese Line improvisiert hat. Kompletter Bullshit. Danke Johannes, ich bin so froh, dass du das auch so siehst.
Johannes Franke: Also natürlich schon allein deswegen, weil die Schweizer keine Kuckucksohne hergestellt haben, weil das waren die Schwarzwälder. also dieser Vergleich hinkt, dann war die Schweiz höchst gefährlich zwischendurch, hatte ein krasses Söl Also schon allein in diese friedliche Ecke hineinschieben zu wollen, funktionierten so nicht. Aber ich find's trotzdem richtig geil an der Stelle. Egal, wer was gedacht hat in dem Moment, was er da erzählt, weil es zu Harry so gut passt. der einmal augenwischerisch was gut Klingendes sagt, wo man als erstes mal sagen muss, oh, okay, ja, ja. Und dann aber darüber nachdenken und dann tiktak, tiktak, ach scheiße, ist ja völliger Quatsch. Was sagst du? Und schon ist er weg.
Florian Bayer: Es ist ja auch ganz unabhängig vom Fact-Check, es ist kompletter Bullshit, weil ich meine, was willst du damit argumentieren? Ja, genau. Wir sollten Krieg haben, wir sollten die Menschen leiden lassen. Ich glaube, niemand, der Opfer eines Genozids ist, denkt, oh, daraus kann ich später ein tolles Gedicht machen. Das ist die Haltung von jemandem, der eben nicht diese richtige Gefahr erlebt hat, der nicht Angst um sein Leben hatte, der nicht gesehen hat, wie seine seine Familie umgebracht wurde, sondern der gemütlich vom Sofa ausgeguckt hat und gesagt hat, ja, die Welt muss spannend sein, damit geile Kunst entsteht. Niemand der wirklich solche Scheiße durchgemacht hat, denkt über die Kunst nach, die dabei entsteht. Und niemand ist dankbar dafür, dass er diese Kunst machen kann. Das ist eine versnobbte, vollgefressene, fette Haltung.
Johannes Franke: Ja, absolut. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Habe ich einen Hammer hier als Richter? Nein, okay.
Florian Bayer: Und du hast recht, es passt komplett zu Harry. Vor allem Harry ist dieser Typ, der haut so einen Satz raus.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Der ist charmant. Der ist extrem eloquent, aber dann haut der auch ab, bevor weitere Fragen gestellt werden.
Johannes Franke: Genau das. Und das finde ich geil, weil er direkt wirklich auch als Schauspieler diese Entscheidung zu treffen ... Als Pointe zu sagen, the kuckuck's clock. Bye, Holly. Sofort zu sagen, tschüss, dann bin ich mal weg. Er hat ja keinen Atemzug dazu. Nein, nein, nein.
Florian Bayer: See you, fella. Das ist geil. Und der Film selbst macht aber, und das finde ich dann tatsächlich in diesen Momenten, die zum Finale hinführen, macht der Film keinen Hehl daraus, wer hier der Gute und wer der Böse ist. Wir haben nämlich tatsächlich, wir haben, zum einen haben wir einen Calloway, der die ganze Zeit, der am Anfang ja auch ein bisschen suspekt vorkommt, so als wolle er was
Johannes Franke: verdecken.
Florian Bayer: Aber in Callaway haben wir dann irgendwann offensichtlich doch das moralisch integere Zentrum. Und es gibt so ein ganz krasses Szene in dem Film, wo er unglaublich moralisch wird, nämlich Calloway. Um Holly zu überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten, führt ihn in diese Kinderklinik, in dieses Krankenhaus. Und es ist schon fast irritierend, dass in diesem Film, der die ganze Zeit halt eben diesen zynischen, einen sarkastischen Ton hatte, wo Gut und Böse auch so miteinander vermischten und man denkt so, ja und Harry ist ja doch charmant und will vielleicht sich auch einfach nur durchschlagen als cleverer Ganova, haben wir plötzlich einfach diese krasse, emotionale Szene, wo Harry... an den Betten vorbeigeht von den Kindern, ohne dass wir die Kinder sehen. Wir sehen nur den Blick von Harry auf die Betten.
Johannes Franke: Das ist auch eine gute Entscheidung.
Florian Bayer: Und wir sind in diesem Krankenhaus und es wird so ein moralischer Block vors Ende gepackt, dass so ganz klar ist, nein. Harry, böse. Calloway, gut. Kinder töten nicht gut.
Johannes Franke: Und da kommt die interessante Mischung aus amerikanischem und britischem Ansatz. Amerikaner hätten die Kinder sicherlich gezeigt.
Florian Bayer: Also, ja, wahrscheinlich.
Johannes Franke: Weißt du, so dieses Tränendrüßige draufdrücken. Und die Briten, die dann sagen, nee... Es ist viel wirksamer, wenn der einfach an diesen Dingern vorbeigeht und wir das in seinem Blick und seiner Entscheidung dann später sehen.
Florian Bayer: Gegenthese? Es ist unmöglich, mit einem Dutch Angle in diese Kinderbetten reinzufilmen. Das ist der einzige Grund.
Johannes Franke: Wir müssen unbedingt über diese Kamera reden.
Florian Bayer: Also, Leute, Dutch Angle, und bevor Johannes euch jetzt die richtige Definition gibt, nee, bevor Johannes euch de facto die langweilige Definition gibt, Dutch Angle ist, wenn du deinem Kameramann Opium und Alkohol gibst und ihm den rechten Schuh ausziehst.
Johannes Franke: Das ist Dutch Angle.
Florian Bayer: Und dieser Film ist voll davon.
Johannes Franke: Dutch Angle, eigentlich Deutsch. Und zwar aus der Stummfilmzeit. eine Variante, dass man eben die Kamera nicht gerade hinstellt, sondern halt schief. Du triffst einmal gegen das eine Stativbein. Ja. Und dann dreht sich die Kamera so zur Seite und alles, was du im Bild normalerweise als Horizont wahrnimmst, wenn du gerade stehst... Und auf dem Meer guckst, dann ist das Meer gerade. Und das ist der Horizont. Und wenn die Kamera schief ist, naja, dann geht halt alles in eine Richtung und kippt so. Und oft, wenn es subtil gemacht ist, merkt man das gar nicht als Zuschauer und dann hat man so ein leichtes Gefühl von irgendwas stimmt hier nicht. Aber dieser Film setzt sich so hart da drauf. Der macht es nicht subtil. Und dieser Film hat es die ganze Zeit. Immer, immer wieder und es geht natürlich darum, dass die Hauptfigur desorientiert ist und ich weiß, wo ist jetzt eigentlich, was ist die Wahrheit, was ist Lüge, was ist hier wo. Wo befinde ich mich eigentlich gerade? Der Film hat es so weit getrieben, dass dem Regisseur eine Wasserwaage geschenkt wurde zur Premiere.
Florian Bayer: Das hätte ich sein können.
Johannes Franke: Super geil.
Florian Bayer: Die Expressionisten haben es gerne eingesetzt. Orson Welles hat es auch gerne eingesetzt. Carol Reed ist offensichtlich süchtig nach dem Scheiß. Absolut. Und es sind zu viele.
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Ich sag's mal knallhart, es sind zu viele.
Johannes Franke: Ich bin der Meinung, es ist genau richtig. Richtig. Ich find's so geil. Ich bin so verliebt darin. Vielleicht bin ich auch einfach nur so, vielleicht ist es ein Stockholm-Syndrom.
Florian Bayer: Es ist ein Stockholm-Syndrom.
Johannes Franke: Weil ich einfach nach einer Weile bin ich so übersättigt davon, aber... so zwei Dutch Angles später, finde ich es wie geil, weil ich einfach denke, wow, das macht aber auch irgendwie was Geiles mit mir. Während ich das gucke, habe ich ein ganz bestimmtes Gefühl dazu und... Und in Kombination auch mit der Musik, über die wir auch noch reden müssen, ist das so eine starke Entscheidung, die mir total hilft.
Florian Bayer: Ich würde gerne zwei Sachen trennen, weil ich finde die Kameraarbeit in dem Film generell komplett großartig. Es ist so großartig. Wunderschöne Bilder.
Johannes Franke: So tolle Bilder gefunden.
Florian Bayer: Aber ich würde gerne trotzdem hier einmal an dieser Stelle festhalten, es sind zu viele Dutch Angles. Und es entsteht irgendwann das Problem für mich im Film. Ja. dass es zum Gimmick wird. Und dann kann ich nicht aufhören, das als Gimmick zu sehen. Ach was? Ich finde es wirklich zu gimmicky. Und es ist einfach total.
Johannes Franke: Atme mal durch die Hose, das ist alles in Ordnung.
Florian Bayer: Um dieses große Aber reinzuwerfen. Robert Trusker, der Brite in Ägypten. geboren, witzig, der für die Kamera verantwortlich war, hat unabhängig davon, dass er nicht gerade stehen kann, wirklich geile Bilder gefunden. Also gerade dieses Spiel mit Licht und mit Schatten.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und wie mit Schatten gespielt wird. Und es gibt mehrere Momente in dem Film. Und das ist natürlich auch so das Film-Nordding. Ja. Ich würde behaupten, es hat kein Film noch so gut gemacht wie dieser, wo mit Schatten gespielt wird. Großartig halt auch, weil es gebrochen wird. Wir haben diese bedrohliche Szene. Ja. Wenn sie nachts warten auf Harry, der hoffentlich kommt, Holly in der Bar, draußen die Polizei, alles ist bewacht. Und dann haben wir diesen ominösen Schatten, der an der Hauswand liegt. entlang geht und immer näher kommt. Und dann ist dieser alte Mann mit den Ballons. Ganz toller Probe. Aber der Film schafft es auch ernsthaft mit Schatten zu spielen. In der berühmten in der Harry zum ersten Mal sich zu erkennen gibt und aus dem Schatten tritt. Fantastische Arbeit. Sowohl was die Beleuchtung betrifft, Also auch was das Kameraspiel betrifft, natürlich muss es ein Schwarz-Weiß-Film sein.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und es sind... Es sind wirklich fantastische Schwarz-Weiß-Bilder. Es sind die Bilder, die man aus dem Genre kennt, aber ich würde behaupten, Was so Film-Nor-Kamera-Einstellungen betrifft, was das Spiel mit Kontrasten betrifft, wahrscheinlich mit das Beste, was es überhaupt gibt in der Filmgeschichte.
Johannes Franke: Absolut. Die haben die Straßen Wiens mit hohem finanziellem Aufwand die ganze Zeit nass gehalten. Weil die schon vorher festgestellt haben aus anderen Projekten, dass es in Schwarz-Weiß einfach richtig gut auch Kontraste herstellt. Sodass du wirklich siehst, wo die Straßen sind, damit sie nicht einfach nur absaufen, weil du hast auch nicht das Geld... alles nur 100% auszuleuchten. Also musst du die Straßen nass machen, sodass hier eine Reflexion kommt, von jedem Licht, was irgendwo ist, eine Reflexion herstellen, sodass du wirklich siehst, wo die Straßen sind und das Bild definierter wird dadurch. Und das macht so viel aus für diesen Film.
Florian Bayer: Macht total viel aus. Und das geht natürlich auch Hand in Hand damit, dass das Set einfach geil ist. Und dass der Film die richtigen Entscheidungen trifft bei dem, was er von Wien zeigen will. Ja, er zeigt nämlich Wien als Ruinenstadt. Er zeigt nichts Historisches. Also wir haben das Riesenrad einmal im Bild, aber ansonsten.
Johannes Franke: Und den Zentralfriedhof.
Florian Bayer: Und den Zentralfriedhof. Aber eigentlich hat dieser Film vor allem Interesse an diesen Hinterhöfen. Wo überall die Steinbrocken liegen, wo du das Gefühl hast, du bist wirklich einfach in einem Kriegsgebiet gelandet. Und das ist eine Stadt, die es noch nicht geschafft hat, sich von ihren Wunden... zu erholen, die es noch nicht geschafft hat, ihre Wunden zu heilen. Und dann ist das entsprechend auch düster und wie du auch sagst, Desorientierend eingefangen, weil wir stolpern die ganze Zeit zusammen mit unserem Protagonisten durch diese Ruinen. die sich auch immer wiederholen. Und wir wissen nicht, wir sind jetzt in irgendeinem Hinterhof, wo irgendwelche Steine rumliegen und das ist noch ein zerschossenes Gebäude. Es ist Wasteland, großartig.
Johannes Franke: Um das vielleicht einmal abzuschließen, ein fieser Kommentar von Manifaba. Vom New Republic. Der nannte die Kameraarbeit als prätentiös und meinte, die schräg gestellte Kamera hinterlasse das Gefühl, als habe man den Film aus der fötalen Position.
Florian Bayer: Positionen gesehen. Wie gesagt, ich finde die Dutch Angles und ich bin durchaus ein Fan von sowas, aber es ist einfach zu viel. Es ist einfach zu gimmicky. Es funktioniert am Anfang und es funktioniert am Anfang besonders gut, weil es halt auch zu dieser Desorientierung passt, wenn er zum ersten Mal so durch Wien stolpert. Es gibt einfach den Moment, wo ich sage, nein Mann, stell dich gerade hin, mach den Rücken gerade, gib mir ein vernünftiges Bild.
Johannes Franke: Nein, ich möchte jeden Einzelnen verteidigen.
Florian Bayer: Jeden einzelnen.
Johannes Franke: Jeden einzelnen. Wirklich? Auch in der Gesamtheit, absolut.
Florian Bayer: Wenn Harry sich ins Bett legt und sagt, gute Nacht. Da ist der Dutch Angel gerechtfertigt.
Johannes Franke: Natürlich, er ist besoffen.
Florian Bayer: Wenn die Katze gestreichelt wird, ist der Dutch Angel gerechtfertigt.
Johannes Franke: Aber natürlich, das ist ja, weil ... Das muss so.
Florian Bayer: Wenn Popescu in der Nase popelt, ist der Dutch Angle gerechtfertigt. nicht in der Nase gepuppet. Carol Reed, du hättest diese Zähne wirklich nicht drin lassen sollen. Also ich finde diese 5 Minuten Nasenpuppe-Zähne von Popesco... Ich kann verstehen, dass das eine Analogie sein soll auf die Suche nach dem Verräterischen im Bekannten, aber es ist ein bisschen zu viel. Er hätte sich danach nicht noch am Arsch kratzen sollen.
Johannes Franke: Okay, also wir haben jetzt die Kamera einmal abgearbeitet. Lass uns mal zurück zu den Figuren gehen, weil da haben wir deine Statisten, wie du sie genannt hast, gemeinerweise. Die Österreicher. Die Österreicher. Ich liebe es, dass dieser Film so viele Österreicher sprechen lässt, ohne dass er synchronisiert.
Florian Bayer: Alter, ich habe irgendwann während des Films darüber nachgedacht. Wie fühlt sich ein Nicht-Deutsch-Muttersprachler, wenn er diesen Film sieht? Krass, ne? Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Zum einen denke ich, geil, dass ich das alles verstehe, was geredet wird. und dass ich einen viel besseren Überblick über den Plot habe im Gegensatz zu einem Amerikaner. Andererseits bin ich natürlich einem Stück Desorientierung beraubt. Ja. Total.
Johannes Franke: Das ist ja die Absicht.
Florian Bayer: Es ist für die Atmosphäre so wichtig, dass wir unseren Protagonisten ganz lange, ganz oft, verständnislos da stehen haben, weil Menschen sich auf Deutsch miteinander unterhalten. Und es ist wirklich mutig, Dass nicht alles übersetzt wird, dass nichts untertitelt wird und dass dieses Dolmetschen, was dann stattfindet, dass das halt auch nur so Bröckchen sind, die rüberkommen. Total krass. Bei Cabaret haben wir drüber geredet, da hab ich gesagt, ich bin beeindruckt, dass der Film das so konsequent durchzieht, dass Menschen Deutsch reden in Deutschland. Hier ist es noch ein ganzes Stück krasser, dass Menschen in Österreich Deutsch reden.
Johannes Franke: Ja. Mit so einem geilen Akzent. Und auch mit einer Fresse, die ich geil finde, weil diese Frau, diese Hausherrin da...
Florian Bayer: die irgendeine Uroma von Moritz Pleibtreu oder so ist, die Schauspielerin. Die Schauspielerin ist eine Pleib, treu und die ist mit Moritz und Monika bleibt treu in irgendeiner Form verwandt.
Johannes Franke: Echt krass? Ach wie geil. Und ich finde die großartig. Was die alles erzählt, was die alles sagt. Und das macht alles Sinn. Es ist nicht so, dass sie ihn einfach haben plappern lassen. Nein, der Drehbuchautor hat sich tatsächlich... und überlegt, was wichtig wäre. Das macht total Sinn. Sie beschwert sich darüber, dass die... dass so viele Ausländer jetzt hier sind und dass man Befreiung hin und her, aber müssen das denn so, müssen sie so Rüpel sein und so weiter.
Florian Bayer: So habe ich mir die Befreiung nicht vorgestellt, sagt sie irgendwann. Und dann regt sie sich auch drüber auf, dass früher nicht immer Polizei in ihrem Haus war.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und wir kriegen nichts... von diesem Dialog übersetzt. Wir kriegen nichts von diesem Dialog unter Titel. Wir müssen das einfach hinnehmen, dass da was ist, was wir nicht verstehen, wenn wir nicht zufälligerweise wie wir beide jetzt Deutsch können.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und es ist schade, es ist wirklich schade. Vielleicht sollte es eine Version für Deutsche geben, in denen diese Texte mumble-jumble sind und man kein Wort versteht. Ich glaube, das macht wirklich viel von der Atmosphäre und der Verlorenheit aus.
Johannes Franke: Aber es ist auch trotzdem toll, das alles zu hören, weil die Schauspieler, die da engagiert wurden, die machen das wirklich toll. Dafür
Florian Bayer: dass sie Statisten sind, spielen sie sich wirklich die Seele aus dem Leib.
Johannes Franke: Es sind keine fucking Statisten. Die haben einfach einen eigenen Film bekommen. Einen eigenen deutschen Film, den sie da spielen. Und da unser Hausherr, also, oder was... Paul Hörbiger. Der war so bekannt in Wien. Der war so ein toller, großer Schauspieler in Wien. dass die Leute, als sie das vorbereitet haben, nach Wien gekommen sind und gesagt haben, übrigens, wir wollen hier drehen, wir machen das mit diesen großen Namen. Und sie haben Orson Welles genannt.
Florian Bayer: Joseph Cotton.
Johannes Franke: Joseph Cotton und so.
Florian Bayer: Und Alida Valli.
Johannes Franke: Genau. Und keiner hat reagiert, erst als der Name Paul Hörbiger gefallen ist, haben sie gesagt, ach, Mit dem drehen Sie ja was. Wie toll. Ja, Sie dürfen gerne alles benutzen. Kein Problem.
Florian Bayer: Er war Papageno. Er war Papageno. 1943 in Salzburg hat er den Papageno gespielt. Und er war ein riesiger Schauspieler im Nazi-Österreich. Er war großer Fan von dem Anschluss. Er fand ihn ganz geil. Also es gibt wohl Geschichten, dass er später auch ein bisschen sich dann eher so oppositionell zu den Nazis verhalten hat. Aber...
Johannes Franke: Man muss ja auch ganz ehrlich sagen, Österreich hat viel gejubelt, als Hitler kam.
Florian Bayer: Die haben viel gejubelt und Herbiger hat ganz schön viel Propagandascheiße gedreht für die Nazis. Wunschkonzert, die große Liebe. Und Goebbels fand ihn wohl richtig gut. Und allerdings, wie gesagt, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hat er wohl offensichtlich festgestellt, ah, vielleicht sind die Nazis doch nicht so gut, wie ich dachte.
Johannes Franke: Auf jeden Fall hat der Tür ein Tor geöffnet für die Dreharbeiten. Sobald jemand seinen Namen gesagt hat, haben alle gesagt, ja, ach, dann könnt ihr gerne hier drehen. Kein Problem. Darf ich denn dabei sein? und zu gucken, wie der Paul Herbiger kommt.
Florian Bayer: Es ist ja eine kleine Rolle in dem Film, aber es ist nur so eine sweete Rolle, weil er ist dieser wirklich... Also er ist der erste Mensch, auf den Holly trifft, der hilfsbereit ist, der wirklich versucht, die Fragen, die Holly hat, zu beantworten und nicht in den dunklen tappen zu lassen. Und gleichzeitig ist halt vor allem seine Rolle oder sein Zusammenspiel mit Holly geprägt durch dieses Nichtverstehen. Das ist so entscheidend in ihrer Interaktion. Das sorgt für so viel Spannung in ihrem Verhältnis zueinander.
Johannes Franke: Und er spielt das so... Echt, finde ich. Also dieses Suchen nach Worten und dieses Suchen nach Erklärungen und aber dieser verzweifelte Versuch, sich auch aus den Sachen rauszuhalten und zu sagen, die Polizei will ich hier nicht haben, was ist das alles, was soll das? Das habe ich nur davon nett zu sein, jetzt muss ich mich hier mit Scheiß auseinandersetzen und dann werde ich auch noch umgebracht.
Florian Bayer: Ja, und das Geile ist ja, das ist übrigens total schräg. Das ist wirklich ein merkwürdiger Moment in dem Film. Also das Kind, das mit dem Ball spielt, beobachtet die beiden, wenn sie reden. Und es gibt irgendwann den Moment, wo Holly echt sauer ist und versucht irgendwie ... mehr aus dem rauszukriegen und es klappt nicht so genau. Und das ist der Moment, wo das Kind sieht, ah, irgendwie ist das komisch. wie die sich zueinander verhalten. Und das führt ja zu dieser wirklich absurden Szene, wenn er umgebracht wurde, dass das Kind dann sagt, Papa, Papa, der war's, ich hab's gesehen, der war's. Und dann haben wir diese Menschenmasse, die plötzlich Holly verfolgt. Was für Ein merkwürdiger Moment. Es fehlen noch die Mistgabeln und die Fackeln. Es ist fast schon ein surrealer Moment in diesem Film, wenn er da... zukommt und einfach bei dieser Menschenmasse steht und dann plötzlich diese Stimmung kippt. Ich finde, es ist nicht realistisch oder so.
Johannes Franke: Nee, nee, nee.
Florian Bayer: Es ist ganz merkwürdig, aber es sorgt natürlich für diese erste große Actionszene mit Flucht.
Johannes Franke: Aber ich glaube, das ist der Moment, wo es auch am deutlichsten hervortritt, dass wir als Deutsche da vielleicht einen Nachteil haben, Weil seine Desorientierung und seine, hä, was sagt denn das Kind da, das sagt da irgendwas. Und sich damit nicht so richtig, weil er sich der Gefahr nicht bewusst ist, was die Leute da sagen und auf welche Schlüsse die jetzt gerade ziehen, während er… Die gucken ihn einfach nur an. Und er fragt sich, warum gucken die mich so komisch an? Was ist los? Und der Zuschauer fragt sich das halt auch, aber wir als Deutsche wissen halt von vornherein warum.
Florian Bayer: Wir wissen wirklich zu viel. Ich habe das in einigen Momenten, also nicht von Anfang an, aber am gewissen Punkt habe ich es gedacht, dass es wirklich schade ist. Wir gewinnen natürlich was Inhaltliches dadurch, aber eigentlich verlieren wir ganz viel Atmosphärisches. Wirklich, dass Carol Reed auch sehr bewusst und Green auch sehr bewusst diese Entscheidung getroffen haben. Wir packen diesen Film mit Deutsch. Wir nehmen den Original-Österreicher-Akzent damit auch... auch wenn du drei Jahre Deutsch auf deinem privaten englischen College hattest, dass du trotzdem verloren bist, damit du trotzdem nichts verstehst. Und wir lassen unseren Protagonisten hier im Dunkeln tappen und wir lassen ihn hilflos sein. Und wir haben Momente, wo nicht übersetzt wird, wo nicht gedolmetscht wird, wo wir hören, wie die Deutschen sagen, wie sagst du das? Sagt man das noch? Ach, ich weiß es ja auch nicht. Und dann lassen sie ihn stehen, weil sie es nicht sagen können. Das ist total krass und super mutig und tolle Entscheidung. Schade, dass wir als Deutsche nicht davon profitieren.
Johannes Franke: Ach, ich finde aber, dass wir was anderes gewinnen dadurch. Weil ich finde, dass die deutschen oder die österreichischen Schauspieler das so schön machen. Und das kann man nicht so würdigen, wenn man sie nicht versteht.
Florian Bayer: Vielleicht. Ja, das stimmt. Also es ist ja wirklich, es sind einfach Deutsche, es sind Österreicher, es sind Muttersprachler, es ist niemand dabei, wo du das Gefühl hast, ah, da haben sie einen Belgier. oder einen Schweden im deutschen Satz sagen lassen, weil er so schön blond ist. Nein, nein, es sind wirklich original Landsleute, die hier reden. Und dadurch bleibt es für uns, die wir wissen, wie Österreicher klingen und die wissen, wie ein Schwede klingt, wenn er versucht, Deutsch zu reden mit schwedischem Akzent. Für uns bleibt es auch authentisch.
Johannes Franke: Möchtest du noch andere Figuren nach vorne heben?
Florian Bayer: Ich würde gerne zumindest noch einmal kurz, ich habe es jetzt schon mehrmals gesagt. Für mich ist der heimliche Held des Films eigentlich Calloway, der von Trevor Howard gespielt wird. Und dann vor allem im Zusammenspiel mit Sergeant Payne, der von Bernard Lee gespielt wird. Das ist so das Zweiergespann, ne? Und wir haben auch so eine ganz klare Verteilung. Calloway ist total sarkastisch. Der hat offensichtlich so ein bisschen abgeschlossen mit den Menschen. Die Menschen sind alle scheiße. Und während Payne eher so ein bisschen versucht höflich zu sein, bis zu dem Punkt, mit dem Punkt, dass er dass er unseren Protagonisten schlägt und ihm dann aufhilft. Und die beiden sind Am Anfang wissen wir es noch nicht. Am Anfang wirkten sie auch ein bisschen dubios. Am Anfang wirkten sie auch ein bisschen verdächtig. Wir wissen nicht genau, was da abgeht. Aber es gibt den Moment, wo klar ist, die sind irgendwie so das integre moralische Zentrum im Film. Und ich finde, die beiden verkörpern das auch sehr gut. Und das sind irgendwie so die Sympathieträger, an denen man sich am ehesten festhält. die intelligent sind, die forschen, die nicht einfach aufgeben und die trotzdem eine gewisse Ambivalenz behalten, weil Callaway würde ja offensichtlich auch Anna über die Klinge springen lassen, um Harry zu kriegen. Und um zumindest einmal noch kurz unser Trio des Bösen zu nennen, also außer Harry, nämlich kurz... Popescu und Winkel, bis die drei irgendwie Verschworenen sind mit Harry zusammen.
Johannes Franke: Oder auch Winkle.
Florian Bayer: Winkle, die funktionieren als böses Dreiergespann sehr gut, wobei es natürlich auch so ist, dass diese... Dass sie so stark böse kodifiziert sind, dass wir sie sehen und wissen, ah okay, die drei sind. Also es gibt relativ wenig Zweifel daran, dass sie irgendwie mit dieser Verschwörung zu tun haben. Und dann gibt es auch ab einem gewissen Moment wenig Fragezeichen, was die moralische Wertung für den Film betrifft. Wir wissen einfach, wer auf der bösen Seite steht. Und wer auf der guten Seite steht, da gibt es wenig Ambivalenz.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Kann er noch so viel Charme haben, wie er will. Es ist ganz eindeutig Harry, böse...
Johannes Franke: Briten gut.
Florian Bayer: Und ich weiß, dass drüber geredet wird, wie hier eine Ambivalenz reinkommt, weil die Briten halt auch mit den Amerikanern zusammenarbeiten und Spionage zusammen machen und so weiter. Und sehe ich tatsächlich nicht. Ich sehe eine sehr einfache... Ein sehr einfaches moralisches Gerüst, auf dem letzten Endes der Film aufgebaut ist. Man verkauft kein Penicillin an Kinder, um von sich sterben zu können. Man verkauft kein gestrecktes Penicillin. Böse, Harry, böse. Da sehe ich wenig Raum für Interpretationen und für Amovalenzen.
Johannes Franke: Ja, klar. Wollen wir einmal über die Musik reden?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil das ist ja wirklich von Anfang an etwas, was mich massiv irritiert hat. Und ich dann aber vielleicht auch Stockholm-Syndrom-mäßig total geil finde.
Florian Bayer: Anton Karas.
Johannes Franke: Reed hat, als er recherchiert hat, 1948 in den Vorbereitungen in einem Heurigen gesessen, also in einem Lokal. in einem traditionellen Lokal und dort hatte der Besitzer immer jemanden, der Musik spielt. Und an dem Abend war es Anton Karras, der öfter dort auch gespielt hat. Und Anton Karras hat einfach auf seiner Zitter Musik gespielt. Das war aber eine tolle Interpretation. Ich bin ganz begeistert. Und jetzt habt ihr die gesamte Filmmusik gehört. Und der war damals 40 Jahre alt und wahrscheinlich völlig unbekannt. Also außer seiner Mama kannte ihn immer. Und er hat halt Geld verdient mit Zitterspielen irgendwo und wollte schon früh eigentlich Musik machen, sollte da irgendwelche Schlosserlehren machen oder sowas. Also eine typische Biografie von jemandem, der gerne Kunst machen wollte, aber dann doch einen ordentlichen Beruf hat. erlernen musste und dann aber sich trotzdem irgendwie um die Musik gekümmert hat und naja, dann hat er eben damit Geld verdient. Und mehr Geld verdient als seine Eltern, muss man dazu sagen. Der konnte kein Englisch. Das heißt, Reed konnte noch so oft sagen, »You wanna be in my movie?« Er musste das über Übersetzer machen und Karas war erstmal so, hä, was wollt ihr von mir? Kann ich vielleicht einfach mein Stück hier weiterspielen? Und er war sehr zögerlich, da mitzumachen. Und dann haben sie ihn gefragt, kannst du vielleicht ein bisschen was aufnehmen? Und dann haben sie ihm Geld in die Hand gedrückt. Kleines aufgenommen erst mal. Und das haben sie erst mal benutzt für einen Schnitt und so und für die Entstehung. Und dann irgendwann... Einen Monat später, als Karras es schon wieder vergessen hatte, kam ein Brief, der sehr kurz war, in dem einfach nur drin stand, Leute, es geht los. komm nach London. Und er so, hä, was? Und dann haben sie ihn nach London gekarrt. Und er hatte die ganze Zeit Heimweh. Er wollte nicht. Und das Krasse ist, die haben ihn auch ganz schön getriezt. Er hat das später beschrieben, als dass er... gelegentlich sich wie ein Sklave gehalten gefühlt hat.
Florian Bayer: Autsch.
Johannes Franke: wirklich teilweise bis zu 14 Stunden täglich auf einen Leinwand gestarrt hat, auf dem der Rohschnitt gelaufen ist und er sollte dazu... Musik improvisieren, weil er kein Komponist in der Form war. Er hat nie Filmmusik oder so komponiert oder sowas, sondern er war halt einfach ein fucking Musiker für ein Restaurant. Und haben sie ihn einfach irgendwie dahin gecoacht, dass er innerhalb von sechs Wochen... Nee, zwölf Wochen. Von zwölf Wochen, die er dort beschäftigt war, bis zu 14 Stunden täglich irgendwie da Musik zusammengeklöppelt hat. Und das Ironische daran ist, dass der Hauptsong, der für Holly ist... Den hatte der schon seit 15 Jahren im Repertoire. Den hat der selbst komponiert irgendwann mal, hat den aber selten gespielt, weil er besonders kompliziert war. Und er hat immer gesagt, ja, ich spiele bei den Auftritten die einfachen Sachen, sonst verknote ich mir die Finger und das tut nur weh. Und dann hat er den vorgespielt und alle so, ja, nimm den, nimm den, nimm den, den musst du machen. Und Zeit seines Lebens musste er diesen fucking Song spielen. Weil das durch die Decke gegangen ist. Das war ein Nummer-eins-Hit. Ja. Ah, krass.
Florian Bayer: Wie findest du denn die Filmmusik im Kontext des Films?
Johannes Franke: Ich finde sie abgefahren konträr zu dem, was der Film zeigt. Ist es eine strange Entscheidung?
Florian Bayer: Wir haben einen düsteren Norrfilm und wir wissen, diese Norrfilme lieben so dieses jazzige und auch dieses Muwo und so. Aber jetzt haben wir hier dieses folkloristische Irgendwie für mich klang das ja griechig am Anfang. Ich wusste nicht, dass das ein Österreicher ist. Aber ich bin auch ein einfacher Mensch. Ich höre Sita und denke, es ist ein griechisches
Johannes Franke: Aber es ist tatsächlich ein Alpeninstrument, muss man sagen. Also es ist tatsächlich auch dort weiterentwickelt zu diesem bestimmten Instrument. Und dann hat so was treibendes, fröhliches, aber auch ein bisschen nervös, aber nicht so ganz nervös.
Florian Bayer: Was jahrmarktartig ist. Ja, jahrmarktartig würde ich auch nehmen. Ich finde, es ist... Dieser Film benutzt einige Momente, das haben wir ja schon festgestellt, um das Genre zu ironisieren. Wir haben die Ironisierung von diesen Tropes aus dem Film. Und das hier haut natürlich voll rein, weil das wie so ein Teppich drüber liegt. Und jede Szene, wo du denkst, jetzt kommt was Spannendes und jetzt könnte so... Dann kommt plötzlich wieder dieses Geplänk. Genau, genau. Ich weiß noch nicht, wie geil ich es finde. Ich finde es auf jeden Fall voll interessant und erst mal voll mutig, diese Entscheidung überhaupt zu treffen. Voll, voll. Und sich auch konsequent darauf zu verlassen, einfach dieses sehr minimalistische und immer wieder einfach nur das Ding...
Johannes Franke: Am Anfang haben sie ja nur einen Song von ihm gehabt, weil sie ihn da irgendwie aus dem Restaurant rausgezerrt haben und gesagt haben, hier, spiel, spiel, ich halte das Mikro hin. Und dann haben sie gedacht, dass sie das vielleicht unterlegen mit Orchestermusik und so. Aber dann haben sie halt irgendwann gesagt, nee. Der ganze Film ist nur diese eine Musik. Dieses eine Instrument. Und das ist super selten in der Filmgeschichte, dass ein einen Soundtrack nur mit einem einzigen Instrument, vielleicht manchmal Klavier, vielleicht mal eine Gitarre. Aber mit einer Zitter, die wirklich so einen ganz speziellen Sound hat. Das ist krass. Und ich muss sagen, ich habe mich entschieden, ich finde es geil.
Florian Bayer: Ich finde, es gibt einen Moment, und das ist ähnlich wie mit den Dutch Angles, wo es einen gewissen Nervgrad erreicht, wo du denkst, Jetzt hätte ich gerne was anderes. Und Kudos davor, dass ihr das so konsequent durchzieht. Ich verbeuge mich vor eurem Mut. Aber das ändert nichts daran, dass euer Mut mich an manchen Stellen... ganz schön nervt.
Johannes Franke: Aber du bist jemand, der gerne so größenwahnsinnige Leute unterstützt.
Florian Bayer: Ja, deswegen viel Respekt dafür und viel Liebe dafür. Der Größenwahn, ich finde das ist total geil, aber ich glaube die Dutch Angles nerven mich tatsächlich mehr als die Musik. Weil ich bei der Musik tatsächlich diese ironische Brechung witzig finde. Also die Musik bringt mich zum Schmunzeln. Und bringt Humor in diesen Film. Also der Film hat ja auch drüber hinaus Humor. Aber betont diesen Humor so. Es gibt... Ich meine, es geht eigentlich ja um wirklich krasse Sachen. Es geht um eine Nachkriegsstadt, die gebeutelt ist, um einen Verbrecher, der gestreckte Medikamente verkauft hat. Und dann hast du permanent diese, was hast du gesagt, Jahrmarkt? Diese Jahrmarktsmusik darunter, dieses Geplänkel von einem Instrument minimalistisch, treibend und irgendwie ironisch, das ist merkwürdig. Und das ist Das ist faszinierend.
Johannes Franke: Ich finde, dass das die zynische Note dieses Films total unterstützt. Also der Film schon auch, also allein durch das Ende, dass sie dann wirklich komplett ignorant an ihm vorbeigeht und so. Und das eben alles... Es gibt kein Happy End oder sowas oder ein moralisches Happy End in irgendeiner Form oder sowas, sondern es ist einfach... Das ist die fucking Welt, in der wir leben. Lebt damit. Und dieses Zynische, was da drinsteckt, finde ich, unterstützt diese Musik noch. Weil sie eben sagt, das ist nicht die Schwarz-Weiß-Welt, sondern wir leben in diesem komplizierten Scheiß-Universum.
Florian Bayer: Absolut, ich sehe diese zynische Note, was mir wirklich einen schmerzhaften Schlag verpasst, ist, dass sie diese komplett aufbrechen mit diesem moralischen Block, mit diesem Frop. der da drin ist. Und du sagst, es sind wahrscheinlich die Amis. Das ist vielleicht David O. Selznick, der genau das wollte. Ja. Der macht so viel kaputt von diesem Zynismus, weil der sagt, nee, Leute, Achtung, liebes Publikum, wir sagen euch jetzt einmal was gut und was bohnt. böse ist und wenn ihr den Blick von Holly seht, dann wisst ihr, was gut und böse ist und es gibt keine Frage mehr. Und es passieren ja trotzdem auch danach noch so ambivalente Dinge, wo ich sage, wow, interessant. Zum Beispiel was tatsächlich, wo ich das Gefühl habe, es wird gar nicht so groß aufgegriffen von der Rezeption, was ich... komisch finde, weil ich finde, das liegt so nah. Holly tötet ja am Schluss Harry. Aber wie es inszeniert wird, könnte das quasi sein, dass Holly Harry nickt Holly zu, Holly nickt Harry zu. Wir sehen nicht, wie er ihn erschießt. Wir hören einen Schuss Und diese Frage, hat Holly sich am Schluss doch auf Harrys Seite gestellt und haben wir hier quasi den nächsten inszeniert, Tod, der hier abgesprochen wurde, das wird meiner Meinung nach viel zu wenig thematisiert, weil das nochmal so eine Ambivalenz reinbringt. dass es vielleicht doch diesen Moment gibt, dass Holly sich umentscheidet und sagt, nee, jetzt bin ich auch loyal zu diesem Harry und jetzt habe ich mich doch von ihm überzeugen lassen. Aber natürlich diese Ambivalenzen, die möglich wären, werden natürlich ein bisschen dadurch kaputt gemacht, dass es diesen Block gibt und dass wir diese Kinder... Sie haben eine Kinderkrankenhausszene. Es fehlt nicht viel, dass der kleine Timmy hustend an Holly rangeht und sagt ... Kriegen wir irgendwann noch unsere richtige Medizin, Mr. Martens? Es ist wirklich hart zu verdauen, diesen Kitsch da drin zu haben, diesen moralischen Kitsch.
Johannes Franke: Aber es ist ja tatsächlich eben nicht so, dass die Kinder zu sehen sind wirklich.
Florian Bayer: Aber die Teddys!
Johannes Franke: Die Teddys, ja.
Florian Bayer: Die zeigen die fucking Teddys. Sie brauchen keine Kinder zu zeigen. Wenn du sagen willst, dass was dramatisch ist, dann zeigst du eine Szene, in der ein Kind ein Teddy verliert auf der Flucht und alle wissen Bescheid. Das ist wirklich brutal. Das stimmt, mit diesen Krankenschwestern, diesen Teddy da hin und Dann die Kamera so drauf. Es ist schon, ja, das stimmt. Es ist brutal und es ist kitschig.
Johannes Franke: Oh Gott. Ja, sie haben irgendwas gesucht, wie sie dann eben zeigen können, dass Holly sich doch überzeugen lässt. Holly ist doch auf der richtigen Seite.
Florian Bayer: Kommen wir nochmal zu diesem Bruch mit dem Kitsch, weil es gibt natürlich diese berühmte Schlusssequenz, die sehr lange gehalten wird, großer Fan. ein wunderschönes Bild ist. Sie mussten Blätter ankarren, weil es war Winter. Ich meine, es ist natürlich eine Sequenz für die Ewigkeit. Du hast diese Flucht, Auf diesem ewig langen Weg links und rechts stehen Bäume, die keine Blätter mehr haben. Die Blätter liegen auf dem Boden und wir haben Holly, der da steht und offensichtlich auf Anna wartet. Nachdem er Harry verraten hat, nachdem Harry wegen ihm gestorben ist, nachdem er Harry wahrscheinlich erschossen hat. Und Anna geht auf ihn zu, die Kamera hält das Ding und es ist wirklich eine lange Szene, bis Anna einfach wortlos, blicklos an ihm vorbeigeht.
Johannes Franke: Die ganze Zeit darauf warten können, dass sie ihren Kopf zu ihm umdreht oder sowas. Ja, jetzt ist sie langsam nah genug. Naja, so ein paar Meter hat sie noch Zeit. Moment, Moment, Moment. Geht sie jetzt dann vorbei? Nein, sie kann doch noch. Noch kann sie rübergucken. Noch kann sie rüber. Oh, sie geht dran vorbei oder sowas. Du hast diese Zeit, darüber nachzudenken und das zu erwarten und zu schauen und zu überlegen, was was bedeutet.
Florian Bayer: Es ist die spannendste Szene im Film.
Johannes Franke: Voll gut.
Florian Bayer: Vielleicht ist es sogar die einzige spannende Szene. Nein. Weil die anderen Szenen, die irgendwie eine gewisse... Dringlichkeit haben, halt durch die Musik oder durch den Humor entschärft werden.
Johannes Franke: Nein, wie er im Schatten steht... Wie Harry da steht und sich noch nicht zu erkennen gibt, die ist wahnsinnig spannend.
Florian Bayer: Ich dachte, wir haben uns darauf geeinigt, dass das eine erotische Szene ist.
Johannes Franke: Ja, sobald das Licht an ist, ist es eine Erotik-Szene.
Florian Bayer: Die Katze macht das so ein bisschen weg. Die Katze, ja. Die Katze ist natürlich toll. Übrigens, hast du dir aufgefallen, wie viele Tiere da in diesem Film vorkommen?
Johannes Franke: Also du hast diesen Vogel, du hast die Katze, was hast du noch?
Florian Bayer: Die Tiere sind immer so ein bisschen das Verräterische. Wir haben den Hund.
Johannes Franke: Ja, stimmt.
Florian Bayer: Der Hund, der ihn anbellt. Von der Haushälterin ist das, glaube ich, der Hund. Nee, vom Arzt. Genau, von Dr. Winkel ist es der Hund. Dann haben wir den Papagei, den ihn beißt. Und die Katze. Und alle Tiere haben irgendwie so eine verräterische Komponente. Der Hund bellt ihn an. an und sagt, das ist keiner von euch zu den Bösewichten damit. Der Papagei verrät ihn im wahrsten Sinne des Wortes, weil er nicht aufhören kann zu plappern und ihn dann beißt, während er von... Peskus Henchman verfolgt wird. Und die Katze ist natürlich die, also so sehr foreshadowing, dass Anna sagt, die Katze spielt mit niemandem. Und dann spielt die Katze draußen mit dem Bein und wir wissen, ah ja, das ist Harry. Keine Ahnung, freut die ja nicht die Interpretation, macht was draus. Tiere haben immer eine verräterische Rolle in diesem Film. Das war totaler Ragebait. Natürlich ist die Szene im Riesenrad super spannend, wenn sie sich gegenüberstehen. Aber ansonsten würde ich sagen, es gibt ja diese zwei, drei Verfolgungsjagden. Die sind jetzt nicht so inszeniert, dass du da mitfieberst und sagst, oh mein Gott, hoffentlich kriegen sie ihn nicht.
Johannes Franke: Ja, nein, überhaupt nicht. Das Ding ist, du magst ja Harry nicht. Oder Harry. Du magst ja Harry nicht.
Florian Bayer: Nee, du magst Harry nicht.
Johannes Franke: Und Harry ist auf der Flucht in dieser Kanalisation. Und du hast ja kein Interesse daran, dass er es nicht schafft. Insofern ist die überhaupt nicht spannend, weil du auch weißt, okay, die sind ja über Zahl und dass da rauskommt, ist auch völlig unwahrscheinlich. Es ist halt auch vor allem so eine ästhetische Szene, so aus Film-Perspektive.
Florian Bayer: Du guckst diese Szene und du denkst die ganze Zeit, wow, geiles Bild.
Johannes Franke: Und das ist halt der Punkt. Der Film rettet mich die ganze Zeit auch mit geilen Bildern über Lücken hin. Und die große Lücke am Ende, die ich tatsächlich finde, dass sie da ist, weil wir eben überhaupt nicht mitfiebern mit Harry, weil Harry uns schnurzegal ist. Da ist die Verfolgungsjagd inhaltlich völlig Nullnummer, aber die Bilder sind wirklich geil.
Florian Bayer: Die Bilder sind fantastisch. Dieser Griff, ich würde behaupten, es gibt so diese drei, vier Einstellungen, wo die Leute sich immer drauf einen runterholen. Mir ist gerade echt kein besseres Bild eingefallen dafür. Und diese letzte Szene von Harry, wie er durch den Kanaldeckel greift, die wir dabei viel zu selten erwähnen. Wie diese Hände durch den Kanade gehen. Wahnsinn. Dieser verzweifelte Griff nach der Oberfläche.
Johannes Franke: Wahnsinn.
Florian Bayer: Da ist der Ausweg.
Johannes Franke: Wie so ein Zombie aus dem Grab. Ja, Wahnsinn.
Florian Bayer: In diesem Griff... Weil das ist der Moment, wo Harry jeglichen Charme verliert und einfach nur noch ein Tier ist, das ums Überleben kämpft. Und wie diese Hände, wirklich so dieses Atavistische, dieses... verzweifelte Wilde und da durchgreifen und ich will, dass da ist die Freiheit. Und sie geht verloren. Fantastisches Bild.
Johannes Franke: Was ich übrigens krass finde, ist, dass Harry sich zu seinem Freund umdreht und nicht etwa sagt... komm, geh mal zwei Meter weg, geh mal um die Ecke, damit du nicht sehen musst, wie ich mich jetzt selbst erschieße, sondern ihm überlässt, ihn zu erschießen. Und sagt, es ist aus, aber du musst es schon noch machen, mein bester Freund. Das ist auch Psychopathen hoch drei.
Florian Bayer: Absolut. Genau, Harry ist jemand, der eigentlich die ganze Zeit an Harry denkt. Also Harry ist eigentlich nicht der Typ, der sich erschießen lässt. Ich glaube, diese Szene macht vielleicht wirklich nur Sinn, wenn das der Moment ist, in dem er es schafft, Holly nochmal zu drehen und Holly eben Harry nicht erschießt, sondern in Luft schießt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: dann quasi der dritte Mann überlebt. Und alle glauben, er ist tot und Holly ist plötzlich in dieser Verschwörung mit drin. Weil er sich am Schluss hat doch überreden lassen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Weil wir alle sehen, dass Holly die richtige Entscheidung trifft, indem er seinen Freund verrät, die er tatsächlich kennt. gar nicht so eine schwere Entscheidung ist, weil, ey, ich meine, der hat Harry zehn Jahre nicht gesehen. Es ist nicht so, dass die Best Buddies waren.
Johannes Franke: Ja, genau. Es wird immer so erzählt, dass sie Best Buddies sind, aber zehn Jahre nicht gesehen.
Florian Bayer: Quatsch, die haben sich ewig nicht gesehen. Es ist ein Wunder, dass er ihn überhaupt erkennt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und ich finde, also eigentlich würde ich es mir wünschen, dass diese Ambivalenz bleibt, dass diese Möglichkeit besteht. Harry hat überlebt, Holly hat seinen Tod vorgetäuscht. Holly ist doch letzten Endes dem Mephisto verfallen, aber der Film gibt es halt nicht her. Der Film ist dann halt doch zu moralisch in seiner Entscheidung.
Johannes Franke: Ja, absolut.
Florian Bayer: Und auch da hat er sehr viel mit dem Film-Nord gemeint. Der Film-Nord tut ja immer so, das ist ja so ein glattisches Film-Nord-Ding. Ein zynischer Blick auf die Welt, alle sind skrupellos, alle sind irgendwie böse, alle machen falsche Dinge. Aber die meisten Film-Noir-Filme finden am Schluss sehr konservative Botschaften, wo sie sagen, wir sagen jetzt einmal ganz klar, was richtig und was falsch ist. Und das sind eure drei Verbrecher. Und die werden jetzt auch der Obrigkeit übergeben. Oder die sterben jetzt. Und da ist Film noch dann letzten Endes gar nicht so zynisch und so düster-pessimistisch, wie ihm nachgesagt wird, sondern... Fray Hesse-Code sehr Hesse-Code-ig, indem er sagt, die Bösen werden bestraft und die Guten kommen durch.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Ach, ich liebe Noir-Filme. Aber das hat glaube ich nicht unbedingt inhaltlich dramaturgische Gründe. Da hast du vollkommen recht, glaube ich, was das betrifft. Aber ich liebe die Ästhetik und ich liebe auch auf der ästhetischen Ebene das Inhaltliche. Dieser Hardball Detective, dieser Typ, der allen Ernstes einem dann irgendwie eine Geschichte erzählen will mit einer rauen Stimme. Und da irgendwie so eine Hyperfiktionalität drauf. Also es ist so seltsam und deswegen mag ich das, glaube ich. Weil es sowas Märchenhaftes hat auf eine absurde Art und Weise.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Filmnummer finde ich storytechnisch extrem schwierig. Weil Filmnor dazu neigt, ganz oft, und auch dieser Film, zu verkomplizieren und viel Rauch um nichts zu machen. Ich hab einen Take auf Reddit gelesen. Und zwar auf Reddit habe ich gelesen, Entschuldigung, lieber namenloser User, dessen Namen ich nicht aufgeschrieben habe, dass der Film... dieselben Probleme hat wie ganz viele Graham-Queen-Geschichten, dass er Informationen zurückhaltend verwechselt mit tatsächlichen Ministerien erschafft. Also es gelingt ihm nicht wirkliche Mysterien zu erschaffen, stattdessen hält er einfache Informationen zurück und wirft so tröpfchenweise Zeug zu und glaubt dann, dass es besonders clever ist. Und das ist besonders rätselhaft, aber letzten Endes ist es einfach nur ein bisschen das Publikum an der Nase herumführen. Und es ist gar nicht so ein Graham-Green-Ding, finde ich, sondern es ist wirklich auch so ein Genre-Ding, das einfach Personen eingeführt werden, die keine große Relevanz haben, dass Personen Dinge sagen, die nicht wichtig sind, dass einfach Das ist einfach zu viel. Jetzt müssen wir das nochmal ein bisschen verkomplizieren. Jetzt müssen wir nochmal ein bisschen großes Rätsel drumherum machen. Und wenn man es sich dann aber als Ganzes betrachtet… Es ist ja doch eine sehr banale Geschichte über einen Verbrecher, der seinen Tod vortäuscht. Sein Kumpel kommt hin und findet das heraus und am Schluss wird der Verbrecher bestraft.
Johannes Franke: Ich finde Film Noir hat sowas Palpiges.
Florian Bayer: Ja, definitiv.
Johannes Franke: Und das finde ich halt auch so spannend, weil das eben aus der Unterhaltung kommt und nicht aus dem, ich will irgendwie... Ich will das große Kunst, ich will nicht Anna Karenina schreiben. Darum geht es nicht bei Palp. Und ich finde diese Ehrlichkeit, die dahinter steckt, diese Ehrlichkeit zu sagen, nee, wir wollen jetzt einfach Unterhaltung und wir wollen, dass der Rauchend in der Gegend. rumstolpert und das sind unsere Tropes und wir mögen die Tropes und wir bringen die einfach nach vorne, egal ob es Sinn ergibt oder nicht am Ende. Wir hatten eine gute Zeit, mit diesem Hardball-Detective, das find ich irgendwie gut.
Florian Bayer: Dafür, dass der Film ... Also, tatsächlich, dieses Pulpige mag ich auch total bei Film 9. Das Philly Thorne neigt dazu, bei Filmen auf Filmen und gerade so aus dieser Zeit sehr viel reinzudeuten und das wird ja auch mit diesem Film gemacht. Jetzt wird so die Frage aufgeworfen, wie politisch ist dieser Film? Ist dieser Film ein antikommunistisches Propagandamanifest? Ist dieser Film eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Briten und Amerikaner im Kalten Krieg?
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: ist dieser Film der Versuch, diesem Zynismus der Nachkriegszeit, mit so etwas wie Menschlichkeit zu begegnen und zu sagen, ja, es ist sehr viel Scheiße passiert, aber es gibt trotzdem noch ganz klar, was richtig ist und was falsch ist. Oder ist dieser Film eine Anspielung auf die Nazi-Zeit wie ein Faschist, die Menschen verführen kann und so weiter.
Johannes Franke: Ich glaube all of the above, aber das Wichtigste daran, glaube ich, was es tatsächlich ist und Du kannst gleich zu dem Punkt kommen, den du eigentlich machen willst, in dem du das alles negierst. Ich glaube, es geht vor allem um die Veränderung der Menschen durch den Krieg und die Situation und das Wegfallen aller bisherigen Menschen. Regeln, die gegolten haben, um zu überleben und Leute ihre Moral über Bord werfen, um zu überleben einfach. Wobei Harry das ja eigentlich nicht tut. Er muss ja nicht überleben, sondern er wird scheißenreich damit. Er ist ein klassischer Verbrecher, der sozusagen nicht nur, um zu überleben das Ganze macht, sondern den entscheidenden schlimmen Schritt weitergeht.
Florian Bayer: Meine Antwort wäre, wir sind dann auf die Above.
Johannes Franke: Ich weiß, ich weiß. Es war ja schon rauszuhören. Nichts davon. Aber ich glaube alles davon.
Florian Bayer: Da würde ich halt eher auch so den Pipeweg gehen und würde sagen, ich... Ich stimme ganz viel dazu von dem, was du sagst. Ich liebe diese Ästhetik von Filmnor. Und ich liebe diese Ästhetik von dem Film. Und wie gesagt, ich habe schon gesagt, das ist wahrscheinlich die beste Filmneu-Ästhetik, die ich bisher gesehen habe, abgesehen von den Dutch Angles. Aber so gut, dass ich sogar sage, die Dutch Angles machen das nicht so weit kaputt. Palpige finde ich total cool. Ich finde es toll, dass das Palpige hier nochmal ironisch gebrochen wird. Zum einen mit der Musik, zum anderen mit dem... dass sie diesen geilen Protagonisten aufstellen und dass sie halt auf Dinge verzichten, die so zum Inventar gehören, wie auf die Femme Fatale. dass sie das irgendwie anders erzählen, dass sie das irgendwie brechen, dass sie bestimmte Dinge ins Extrem treiben, andere Dinge komplett komplett ironisieren, dass sie viel mehr Humor drin haben und so weiter. Aber genau, das ist es. Es ist ein palpiger, wirklich unterhaltsamer, wirklich witziger und vor allem unglaublich gut aussehender Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber es ist keine Allegorie auf die Spionagetätigkeiten zwischen England, Amerika und der Sowjetunion oder eine Allegorie auf den der die Menschen verführt und ähnliches, sondern es ist halt ein Palp-Stück.
Johannes Franke: Ja. Apropos Spionage. Bevor wir zur Spionage gehen, würde ich sagen, springen wir zu unserer Top 3, machen danach noch einen kurzen Block Spionage und machen dann eine Schleife. drum. Auf geht's. Unsere Top 3. Okay, Top 3. Was haben wir für ein Thema? Wir haben das Thema, Moment, diese Stadt kenne ich doch, aber anders.
Florian Bayer: Ja, cooles Thema, ein schönes Thema und wir legen einfach los, ne?
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Ich muss loslegen.
Johannes Franke: Mach mal, mach mal.
Florian Bayer: Mein Platz 3 ist aus dem Jahre 1995 La Haine, der Hass. Ein französischer Film, der die... die Stadt Paris aus der Perspektive von den klassischen Bonnier-Bewohnern zeigt. sprich Außenseiter mit Migrationshintergrund, die ständig Angst haben müssen vor der Polizei oder vor Nazis.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und die durch ein Paris stolpern, das komplett anders ist als das, was wir kennen. Weder das schöne romantisch-märchenhafte von Amélie, noch das klassische touristische Weltstadt, sondern einfach eine Aneinanderreihung von kleinen Gassen und Winkeln und überall lauert Gefahr und überall tobt der Kampf ums Überleben. Toller Film.
Johannes Franke: Ich habe Paris auch drin, aber nicht auf Platz 3. Auf Platz 3 habe ich Tokio. Und zwar Enter the Void.
Florian Bayer: Mein Platz 1.
Johannes Franke: Wirklich?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber das ist so krass, weil ich kenne danach Tokio genauso wenig wie vorher. Es ist ein komplett anderes Tokio als das, was man kennt. Oder es ist einfach nur Neonlichter, okay, weiß man auch noch, dass das in Tokio so ein großes Ding ist. Aber das hat überhaupt nichts mit dem Lebensgefühl zu tun, das ich mit Tokio vielleicht verbinden könnte oder so. Das ist einfach nur... Diese dunklen Straßen mit den Neonlichtern, dann das Hotel, was da so absurd ist... Und die Perspektive dieses Toten, der durch die Gegend schwebt.
Florian Bayer: Verlorene Seelen, die umherirren in irgendwelchen Slums. Das ist nicht das Tokio, das man kennt.
Johannes Franke: Überhaupt nicht. Beziehungsweise ich kenne Tokio sowieso nicht, aber naja.
Florian Bayer: Mein Platz zwei ist aus dem Jahre... Moment... Aus dem Jahre 1931. M. Eine Stadt sucht einen Norander. Berlin.
Johannes Franke: Das ist Berlin.
Florian Bayer: Aber nicht Berlin, die Großstadt und nicht Berlin, die wilde Stadt, wie wir sie wie sie damals schon existiert hat. Wir sind in der Zeit des Expressionismus, wo alle gesagt haben, die Häuser leben und Berlin hatte wahrscheinlich mehr Einwohner, als es heute hat. Wirklich ohne Scheiß, Berlin hatte mal deutlich mehr Bewohner als heute. Berlin als ein Ort der kleinen Gassen, in denen Bettlerorganisationen und Kriminelle Organisationen versuchen, irgendwie so eine Art von Ordnung aufrechtzuhalten, so einen Staat im Staat bilden.
Johannes Franke: Ein Untergrund Berlin.
Florian Bayer: Ein Untergrund Berlin.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und sich dann auf die Suche nach einem Mörder machen. Und es ist wirklich ein Berlin, das eben, das keine Größe hat, sondern wirklich nur aus diesen kleinen engen Gassen und diesen Tunneln und diesen Kellern besteht. Total faszinierend.
Johannes Franke: Auch nicht ganz unähnlich zu dem Wien, was wir hier finden.
Florian Bayer: Ja, sehr ähnlich. Sogar nur halt nicht kriegszerstört, sondern noch auch in der Blüte der goldenen 20er.
Johannes Franke: Ich habe auf Platz 2 Fahrraddiebe. Oh. Rom, wie ich mir, also du kannst danach Rom auch nicht besser als vorher. Also es ist wirklich, da musst du Roman Holiday gucken.
Florian Bayer: Roman Holiday, so ist Rom. Da erinnere ich mich an meinen letzten Urlaub. Da war ich auch. Da habe ich auch ein Foto von mir.
Johannes Franke: Und hier in Fahrraddiebe, 1948 übrigens. Es gibt keinerlei Postkarten-Idyll. Es ist einfach nur der Überlebenskampf dieses Menschen mit seinem Fahrrad. Das ihm geklaut wird und dann irgendwie, ja. Die Stadt aus der Sicht des Proletariats. Ja, genau.
Florian Bayer: Der einfache Arbeiter, der ums Überleben kämpft.
Johannes Franke: Ja, ja. Und da sind... ein paar Orte dabei, wo ich denke, ach, das könnte jetzt schön sein, wenn die Kamera da bleiben würde. Aber die geht in die Gasse da. in diese Elendsviertel quasi rein.
Florian Bayer: Da muss man hin als Fahrradkurier oder was erarbeitet. Platz 1, Tokyo, Enter the Void.
Johannes Franke: Ja, stimmt. Ich habe auf Platz 1 das Paris. Und zwar das Paris von Playtime.
Florian Bayer: Oh ja, ja. Das ist wie in Paris.
Johannes Franke: Vor allem, weil wir den Eiffelturm sehen in der Spiegelung, wenn sie die Tür aufmacht. Ja. Und wir dann so irgendwie das sehen, was man sich so als Tourist vorstellen würde. Und sobald ihr die Tür wieder zumacht, ist es einfach dieses... Viel zu formalistische, moderne Bürogebäude und glatte Oberflächen und absurde Situationen. Und so Kastenbüros und es ist so geil. Schaut euch unbedingt Playtime von Jacques Tati an. So eine absurde und großartige und sehr, sehr, sehr, sehr lustige Variante von Paris, das findet ihr nirgends.
Florian Bayer: Fantastisch, geil, schöne Liste.
Johannes Franke: Ja, vielen Dank. Dann gehen wir doch zurück in unseren Film.
Florian Bayer: Unsere Top 3 Und zur Spionage.
Johannes Franke: Ah, die Spionage. Ich hab das... leider erst recht spät entdeckt. Und deswegen habe ich nicht so viel dafür recherchieren können. Aber es ist ja mal absurd.
Florian Bayer: Also alle sind verdächtig und es gibt auch für alle durchaus Indizien. Fangen wir mal bei Graham Green an. Graham Green hatte eine... Freundschaft, Bekanntschaft, irgendwie eine Beziehung zu einem britischen Geheimagent, nämlich Harold Kim Philby. Der wohl auch offensichtlich Inspiration für einiges in diesem Film war. Der war ein Doppelagent. Der ist 1988 in der Sowjetunion gestorben. Fragt nicht.
Johannes Franke: Ja, der war sowjetischer Doppelagent, oder? Der war teilweise im MI6 irgendwie großes, großes Tier. War aber die ganze Zeit eigentlich für die Russen unterwegs oder was?
Florian Bayer: Ich glaube, er gehört zu den Leuten, die am Schluss selbst nicht mehr wussten, für welche Seite sie gearbeitet haben. Wenn du zu viele Cross-Dinger hast, dann weißt du es einfach nicht mehr und sagst, scheiße, ich ziehe das durch, beide Seiten bezahlen mich, ich bin zufrieden. Geil. Es gibt zumindest Leute, die gesagt haben, ja, Da könnte auch Vorlage gewesen sein für quasi die Beziehung zwischen Harry und Holly.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: ist ähnlich wie die Beziehung zwischen Philby und Green. Bei Green auch der Autor, Philby der Verbrecher irgendwie. Alexander Korda.
Johannes Franke: Ja, der war der Produzent.
Florian Bayer: Der war der Produzent. Der hat offensichtlich irgendwann mal dem britischen Intelligent Service, dem MI6, Angeboten, dass er seine Büros in London benutzen könnte, also seine Filmproduktionsbüros als Cover quasi für Gastronomie. Geheimdiensttätigkeiten und das so ab den 30ern ungefähr und der hatte auch mehrere Verbindungen zu verschiedenen Agenten.
Johannes Franke: Bei Graham Greene haben wir nicht gesagt, dass er tatsächlich auch mehrere Arbeiten für den Geheimdienst gemacht hat. Absolut nachweisbar und absolut offiziell einfach Mitarbeiter des Geheimdienstes war. Ganz normal.
Florian Bayer: Und dann auf Nummer drei haben wir Carol Reed, unser Regisseur, der offensichtlich sehr, eng mit verschiedenen Geheimdienst- und Politikstellen zusammengearbeitet, unter anderem für sein Dokudrama The Way Ahead aus dem Jahr 1944 und oder den Film The True Glory aus dem Jahr 1945. Und der hat sich sehr viel mit dem Thema auseinander beschäftigt und offensichtlich hatte er keine Probleme damit, in allen vier Besatzungszonen drehen zu dürfen.
Johannes Franke: Laut Angela Allen war auch Elizabeth Montagu, die ebenfalls am Set gearbeitet hat, auch eine Agentin fürs MI6. Also insofern... Es würde mich nicht überraschen, wenn noch mehr Leute auftauchen würden, die in diesem Film beschäftigt waren, die einfach irgendwelche, naja, Agenten waren.
Florian Bayer: Angela Allen hat als Assistentin da gearbeitet und die hat irgendwann später mal gesagt, passt auf, die haben alle Geheimdienst gemacht. Das war eine riesige Spionageaktion.
Johannes Franke: Und es liegt so ein bisschen nahe, dass dieser ganze Film überhaupt deswegen zustande gekommen ist.
Florian Bayer: Womit wir wieder zum Anfang zurückkommen, wo Alexander Korda zu Green sagt, pass auf, ich würde gerne einen Film in Wien treten. Und Green sagt sofort, natürlich. Wir wissen beide, was das bedeutet. Also pass auf, ich will nichts von dem wissen, was du da machst. Ich habe meine Kontakte, du hast deine Kontakte. Jeder macht seine Arbeit, alles gut. Du nimmst mir meinen Job nicht weg, ich nimm dir nicht deinen Job.
Johannes Franke: Aber wichtig ist, dass wir einmal so eine Szene im sowjetischen Sektor machen, damit ich da meine ganzen Wanzen hinbacken kann.
Florian Bayer: Sergej, Sergej, wir müssen vor dem Riesenrad drehen.
Johannes Franke: Wirklich, das ist das beste Bild. Tut mir leid. Total wichtig, dass wir hier drehen. Da kann man gut mal hier so ein Mikrofon reinbauen.
Florian Bayer: Carina Urbach. Ihres Zeichens Historikerin hat 2024 einen Roman geschrieben. Ja. Das Haus am Gordon Place. Und in dem geht es genau darum, nämlich um Agententätigkeiten während des Drehs dieses Films.
Johannes Franke: Also wenn ihr irgendwie das genauer anschauen wollt, dann lest euch dieses Buch durch. basiert wohl wirklich auf ganz vielen Sachen, die wirklich passiert sind. Und es muss wirklich ein geiles Buch sein. Ich hab's halt nicht gelesen. Ich hab's auch nicht gelesen.
Florian Bayer: Aber es ist bestimmt ganz interessant. Und wir können sehr viel drüber spekulieren. Es gibt sehr viele Texte darüber, wie dieser Film Allegorie aufbaut. Spionage ist oder wie dieser Film Cover für Spionage ist. Beides ist denkbar. Also diese Allegorie auf Spionage halte ich ja eher für, geh ich nicht so mit, aber kann... Ja, es ist durchaus denkbar, wenn man sich anguckt, was da damals abgegangen ist. Absolut. Und es ist schon so ein bisschen fischig, dass sie dann ausgerechnet vorm Riesenrad drehen mussten.
Johannes Franke: Natürlich. Ich find's geil. Und ich find's auch geil, dass jetzt noch eine weitere Schleife dreht, weil Graham Greene, der nachweislich eben fürs MI6 gearbeitet hat. Als Schriftsteller eigentlich tätig, aber dann einen Haufen Gefälligkeiten gemacht hat quasi. Und Informationen geliefert hat. Der hat sich mit Peter Smollett ja zusammengesetzt, wie wir am Anfang berichtet haben. Der eigentlich gerade für das Time Magazine, glaube ich, berichtet hat aus Wien. Und der ihm eben diesen ganzen Penicillin-Schmuggel und so und von der Kanalisation erzählt hat und so weiter. Was Green damals entweder nicht wusste oder ignoriert hat, was ich für wahrscheinlicher halte, das Smollett sowjetischer Agenten. war. Der war es nicht damals. Der wurde von Kim Philby damals, den du jetzt auch genannt hast, als eben Doppelagenten später eingesetzt und hat irgendwie auch fürs MI6 und so. Also es ist... Das war ein riesen Hin und Her und dreifache Identitäten. die alle irgendwie super seltsam ineinander gegriffen haben und am Ende wusste wahrscheinlich keiner mehr, wer eigentlich für wen arbeitet und alle haben sich gegenseitig irgendwelche Informationen abgeluchst. Ich finde das ein super geiles Bild davon, wie dieser Dreh abgelaufen ist. Weil einfach keiner mehr weiß, wer arbeitet hier für wen.
Florian Bayer: Unabhängig davon, ob es ein Cover war für eine Spionagetätigkeit, der Film war ein riesiger Hit, als er rauskam. Ja. Die Kritiker in Amerika und England haben ihn total abgefeiert. Er wurde für drei Oscars nominiert, wovon er dann einen gewonnen hat, nämlich für die beste Kamera und Robert Krusker, der nur auf einem Bein steht. Die Österreicher fanden ihn nicht so geil. Das zeichnet ein Bild.
Johannes Franke: von unserem schönen Österreich, das wollen wir nicht.
Florian Bayer: Das ist nicht das Wien, das ich kenne.
Johannes Franke: Wir sind nicht das Sündenpool.
Florian Bayer: Aber ansonsten waren die Kritiker begeistert, das Publikum war begeistert, das war der erfolgreichste Film 1949. Und vor allem die Nachwelt war begeistert und der Film taucht regelmäßig in besten Listen der besten Filme aller Zeiten auf.
Johannes Franke: Es gab 2012 nochmal irgendwie so eine Liste von Zeit & Sound und wirklich auf Nummer 1 der beste britische Film aller Zeiten und so weiter. Es gibt auch Hörspielfassungen, die davon gemacht wurden.
Florian Bayer: Von Orson Welles.
Johannes Franke: Von Orson Welles. selbst, der seine Rolle nochmal aufgenommen hat. BBC hat die Hörspielserie The Adventures von Harry Lyme noch mal rausgebracht, wo Orson Welles eben seine Rolle selber noch mal gemacht hat. Es gab eine einstündige Hörspielfassung nur von dem Film, da hat Herr Ossenwalz nicht selbst mitgemacht. Und dann gibt es noch ein Museum in Wien. Das dritte Mann Museum, wo sie auch nochmal Geld rausholen aus diesem Film. Wie das eben bei Sound of Music ja auch ist, dass es eine Haufen Geldmaschinerie gibt, die geflissentlich von allen Österreichern ignoriert wird. und nur Touristen gehen da rein. Und ich weiß nicht, ob das hier auch so ist. Ich glaube, Österreich ist ein bisschen versöhnter mit diesem Film als mit Sound of Music.
Florian Bayer: Na, seit, wo war das? Das Burgkino, das zeigt diesen Film in der Originalfassung.
Johannes Franke: Stimmt, genau. Zweimal in der Woche oder sowas.
Florian Bayer: Zweimal in der Woche, seit mehreren Jahren.
Johannes Franke: Ja, genau, genau. Womit wir jetzt zum Urteil kommen. Ja. Flor, dein Fazit.
Florian Bayer: Ich rede ja manchmal über diesen Citizen Kane-Effekt, dass es so einen Film gibt, der so als Klassiker gilt und wo man es nicht so ganz versteht. Also First Things First ist wirklich ein guter Film. Es ist wirklich ein unterhaltsamer Film.
Johannes Franke: Danke.
Florian Bayer: Es ist ein unglaublich gut aussehender Film. Es ist ein spannender Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich sehe nicht diesen Film, der eine Top 10 oder Top 20 der besten Filme aller Zeiten ist. Ich sehe einen sehr guten North-Film. Natürlich kommt dazu, dass ich Norr-Filme jetzt nicht so viel abgewinnen kann, außer der Ästhetik. Aber ich sehe auch einen Film, der halt nur die ganzen Probleme mit sich rumträgt, die diese Filme eben mit sich rumtragen, so ungereimt halten. etwas zu überladene Story dafür, dass es relativ wenig ist. Ändert aber nichts dran, dass es ein extrem gut aussehender Film ist mit einem unglaublich guten Cast. Der wirklich cool inszeniert ist und genug Ironie dabei hat, dass ich wirklich Spaß dran habe.
Johannes Franke: Ich habe diesen Film zweimal gesehen. Und zwar nicht, weil ich beim ersten Mal gedacht habe, boah geil, muss ich gleich nochmal sehen. Sondern weil ich gedacht habe, irgendwas stimmt da nicht. Irgendwie bin ich nicht so abgeholt. Woran liegt das? Und dann habe ich Informationen gesammelt, recherchiert und so und habe ihn heute, kurz bevor wir uns getroffen haben, nochmal den Film eingeschaut. Und da fand ich ihn total geil. Von einer Minute zur nächsten hat mich das komplett durchgezogen und ich habe es geliebt. Und ich glaube, beim ersten Gucken war es das Problem, dass ich mit der Hauptfigur eben nicht so gut mitgehen konnte, weil die so blass ist. Und weil er durchaus so ein, zwei Probleme hatte, die wir ja jetzt besprochen haben. Und beim zweiten Mal gucken... kann ich über diese Probleme komplett hinwegsehen und freue mich über so viele Sachen, die mir beim ersten Mal nicht aufgefallen sind oder die ich erst in der Reflexion mir überlegt habe und so und kann den Film beim zweiten Mal total genießen. Und ich gebe eine absolute Sehempfehlung raus. Ich finde ihn ganz toll.
Florian Bayer: Du willst also sagen, du hast ihn ja schön gelesen und schön geschaut.
Johannes Franke: Ja, ein bisschen. Ja, wirklich, muss man sagen.
Florian Bayer: Es ist wirklich ein guter Film. Also das ist das Problem, wenn so ein Film so krass gelobt wird. Ich glaube, das ist das Problem, dass Citizen Kane auch hat. Wenn jemand Citizen Kane guckt und sagt... Das ist ein wirklich guter Film, aber echt jetzt bester Film aller Zeiten? Das ist so schwierig, das dann zu rechtfertigen, ohne es zu klingen, als würde man den Film verreißen wollen. Ich will diesen Film nicht verreißen. Der Film war gut. Der Film hat sehr viel Spaß gemacht. Allein für die Kamera und allein für dieses Licht- und Schattenspiel Aber ich verstehe nicht, warum der so weit oben ist bei euch Leute. Warum? Und ich freue mich, wenn ihr es mir sagt. Weil es ist ein wirklich unterhaltsamer Film. Aber ich sehe nicht, warum dieser Film so einen Ehrenplatz in der Filmgeschichte verdient. Neben Citizen Kane oder, keine Ahnung, was sonst noch aus den 40er-Jahren in irgendeiner Top-3-Klasse. Ich seh's nicht.
Johannes Franke: Ich sag dir, warum. Weil der Film Leuchtturmmomente hat. die andere Filme, die vielleicht insgesamt sehr, sehr, sehr gut sind, nicht haben. Du kannst jederzeit bei diesem Film sagen, boah, Orson Welles ist so ein Schambolzen, ist ja unglaublich. Das ist ja, der hat nur 15 Minuten und reißt den ganzen Film an sich. Wie krass ist das? Das ist Nummer eins. Dann kannst du sagen, boah, diese Musik, sich das zu trauen, ist ja unglaublich. dann unterstellt man dem Film wahnsinnig viel Mut. Und diese Dutch Angles und diese Bilder.
Florian Bayer: Und diese Dutch Angles.
Johannes Franke: Es gibt so viele Leuchtturm-Momente in diesem Film, über die man reden kann. Und deswegen redet man einfach über diesen Film so viel. Und deswegen kommt er so viel in die Listen, weil er so wahnsinnig viel besprochen wird.
Florian Bayer: Das ist es vielleicht. Ja, das nehme ich. Das ist okay. Ich sehe diese einzelnen Momente. Und es reicht in der Summe dann nicht. Und das ist vielleicht so die Frage, dass die Summe der einzelnen Momente sagt, ja, das ist ein gutes Ding. Aber natürlich hat dieser Film auch, also ganz banal auch Leuchtturmszenen, die wirklich einfach geile Szenen sind. Natürlich. So, wenn Orson Welles im Schatten steht, das ist ganz banal. Also ich kann total verstehen, dass so einzelne Bilder, wenn du sagen willst, was sind geile Bilder der Filmgeschichte, dass du so einzelne Bilder hast aus diesem Film, die du einfach zeigst. Und das ist Orson Welles, der halt, der im Schatten steht. Das ist die beiden im Riesenrad oder das ist auch diese Schlusseinstellung in der Kanalisation oder diese Schlusseinstellung auf dem Friedhof. Fantastische Szenen. Wenn ich den Film als Ganzes betrachte, reicht es nicht, um zu sagen, der hat diesen Ehren-Oscar verdient.
Johannes Franke: Also das erste Mal gucken, da hätte ich dir komplett recht gegeben. Beim zweiten Mal gucken nicht mehr.
Florian Bayer: Interessant. Ja. Aber vielen Dank, dass du ihn mir gegeben hast, weil es ist natürlich ein Stück Filmgeschichte und ich glaube, es ist ein Stück Filmgeschichte, das man gesehen haben sollte.
Johannes Franke: Absolut. Also komplett auf dieser Liste muss man sehen. Vielen Dank, Plur, dass du ihn geschaut hast.
Florian Bayer: Ja, danke dir.
Johannes Franke: Und vielen Dank im Voraus, dass du mir das nächste Mal keine Scheiße gibst.
Florian Bayer: Gebe ich dir nicht. Ich bin gespannt. Es ist ja immer so die Frage, wie definierst du Scheiße? Wenn ihr wissen wollt, was ich Johannes fürs nächste Mal aufgebe und damit auch euch, bleibt noch kurz dran. Ansonsten, wie immer, Leute, vielen Dank fürs Zuhören. Toll, dass ihr da seid.
Johannes Franke: Es ist wundervoll. Ich vergesse euch immer wieder, während wir reden, weil wir so im Gespräch sind, so tief sind und ich völlig vergesse, dass wir irgendwelche scheiß Mikros vor der Nase haben. Aber am Ende tauche ich wieder auf und denke immer wieder, ach wie schön, dass es Leute gibt, die mit in dieses Gespräch hineinversinken.
Florian Bayer: Ja, total. Wir hören uns nächste Woche. Bis dahin, lasst es euch gut geben. Lebt euer bestes Leben und alles Gute. Bis dahin. Ciao. So, Plur, es gibt da noch was für mich, oder? Ja, und zwar ein Film... der wie kein anderer in seinem Titel zeigt, dass alles besser wird, wenn man ein Baby hinten dran hängt. There will be blood baby! Aus dem Jahr 2007, ohne das Baby, von Paul Thomas Anderson, den ich ja immer als mein Lieblingsregisseur zumindest war, so der Zeitraum von 1950. 1996 bis 2010 oder so betrifft. Geil. Und von dem wir bis jetzt tatsächlich nur einen Film besprochen haben, was total merkwürdig ist, weil ich den wirklich liebe. Weil ich ihn für einen der größten amerikanischen Regisseure unserer Zeit halte. Krass. Der Will Be Platt, großes Drama, großes Epos, große Schauspielleistung. Ich bin voll gespannt, was du davon hältst. Du hast vorhin gesagt, du glaubst, dass du ihn gesehen hast.
Johannes Franke: Ich glaube, ich habe ihn irgendwann mal gesehen. Und ich glaube auch, dass es ein Wunschfilm ist. Ich glaube, der ist von ZuschauerInnen gewünscht worden.
Florian Bayer: Umso besser.
Johannes Franke: Und ich verspreche... Hiermit feierlich, dass wir bis nächste Woche die Namen parat haben.
Florian Bayer: Ja, werden wir haben. Ich könnte jetzt auch noch schnell suchen, aber... Ja, ach nein, alles gut. Sehr cool, also guckt euch den Film an, weil wir werden wie immer sehr viel spoilern und es macht am meisten Spaß uns zuzuhören, wenn ihr den Film gesehen habt und wie wir euch kennen, hört ihr auch euch nur die Episoden an von Filmen, die ihr gesehen habt.
Johannes Franke: habt. Meistens schon.
Florian Bayer: Vielleicht macht ihr das mal ein bisschen mehr buchkreistechnisch und Auch Filme, die angekündigt werden. Andererseits, ich kann verstehen, weil ich meine Podcast-Hörgewohnheiten kenne, Die letzten Minuten werden wirklich am seltensten gehört von Podcasts. Das heißt... Die, die noch dran sind, die, die wirklich durchgehalten haben, schaut euch den Film an. Wir freuen uns auf nächste Woche. Bis dahin. Bis dahin. Ciao. Ciao.
