Episode 85: Brazil – Die bizarrste Dystopie der Filmgeschichte
Wir befinden uns um das Jahr 2000 in einer mir fremden Wohnung eines Freundes der Familie, der mich für ein paar Tage bei sich untergebracht hat. Ich werde vor den Film Brazil gesetzt, ohne vorher gewarnt zu werden, was mich erwartet. Ich glaube ich bin allein während der Film läuft, es kann aber auch sein, dass ich einfach nur alle um mich herum vergesse, während der Film mich in seinen Bann zieht.
Von Anfang an ist Terry Gilliams Brazil aus dem Jahr 1985 eine surreale, dystopische, dreckige und absurd-komische Welt, in der ein Bürokrat im langweiligsten Job der Welt davon träumt als fliegender Held seine große Liebe zu retten. Als ihm bei einem Außendienstvorfall eine Frau begegnet, die genauso aussieht wie die Frau in seinen Träumen, kommt er in gefährliches Fahrwasser revolutionärer Terroristen, die das dysfunktionale System stürzen wollen.
Eine sehr düstere Bürokratie-Satire, die beim 19 jährigen Ich eine Messlatte für Science Fiction gesetzt hat, die nicht viele Filme erreichen sollten.
Plor, dein Konsum des Films ist ja auch schon sehr lange her, wie ist denn deine Origin-Story dazu?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 85: Brazil – Die bizarrste Dystopie der Filmgeschichte Publishing Date: 2022-08-17T09:49:28+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/08/17/episode-85-brazil-die-bizarrste-dystopie-der-filmgeschichte/
Florian Bayer: Es ist sehr eklektisch. Du hast die Stichwörter schon gesagt, Articot, deutscher Expressionismus. So ein Stück Retro-Sci-Fi.
Johannes Franke: Ja, genau. Wie stellt man sich in den 40ern die Zukunft vor? Und das in den 80ern erzählt. Das ist geil. Hallo Ploa, willkommen in meiner neuen Küche.
Florian Bayer: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Muss-Man-Sehen-Podcasts mit neuem Klang. Die hoffen die alteingesessenen HörerInnen nicht zu sehr irritiert.
Johannes Franke: Denn wir sitzen in einer noch einigermaßen leeren Wohnung. Mal schauen, ob das sich noch ändern wird oder ob diese Küche, in der wir sitzen, so hallig bleiben wird. Ich habe vorher in einem 50er-Jahre-Bau gewohnt, der eine niedrige Decken hat und jetzt habe ich einen wunderschönen Altbau, der aber viel mehr heilt.
Florian Bayer: Ja. Wir haben schon so ein bisschen zum Heilschutz eine Palme hier hingestellt, die mich gerade etwas irritierend anstarrt. Aber ich glaube, wir kommen schon klar. Und kann sein, dass es bei den nächsten Episoden tontechnisch noch ein bisschen holprig ist, dass wir uns versuchen, da irgendwie einzucroven. Wir schauen mal, was für ein Setup wir finden. Heute erst mal mit diesem Soundsetup. Ihr könnt uns gerne schreiben, wenn es euch stört, wenn ihr sagt, oh mein Gott, eure Stimmen ... Klang noch nie so sexy, dann schreibt uns das gerne. Und wenn ihr sagt, ey Leute, ihr klingt, als wärt ihr irgendwo in der Kirche verloren. und würdet verzweifelt nach dem lieben Gott schreien, dann schreibt uns das auch.
Johannes Franke: Oh mein Gott!
Florian Bayer: Wir werden das beherzigen und gucken, das angenehmste Soundset ab für uns zu finden.
Johannes Franke: Wird schon, wird schon, wird schon. Wir haben ja, es geht ja auch ... Wie heißt das immer?
Florian Bayer: Style over substance.
Johannes Franke: Substance over style. So rum.
Florian Bayer: Und zur heutigen Episode passt auch dieser hallische Klang, weil wir haben uns heute ein großes Werk vorgenommen.
Johannes Franke: Ein großes Werk. Genau.
Florian Bayer: gesagt, Johannes hat uns ein großes Werk vorgenommen.
Johannes Franke: Ich hätte das tiefe Bedürfnis, uns in eine dystopische Welt zu stürzen. Die ich, als ich Jugendlicher war, das letzte Mal gesehen habe oder Jugendlicher schon fast nicht mehr, junger Erwachsener. Und du hast ihn auch lange nicht gesehen.
Florian Bayer: Ich hab den auch schon länger nicht mehr gesehen, aber es ist so ein immer wiederkehrender Gast in unseren Top-Listen. Es ist einfach ein Film, der ganz weit oben steht. Ich glaube, so viel kann ich vorwegnehmen. Sowohl für mich als auch Johannes einer der besten Filme aller Zeiten.
Johannes Franke: Absolut. Absolut. Das heißt, wir werden uns jetzt anderthalb Stunden lang gegenseitig Honig ums Maul schmieren und uns erzählen, wie toll alles ist und dann war's das.
Florian Bayer: Ach, wir finden doch immer was, worüber wir schreiten können. Bestimmt. auch in diesem Fall. Und in diesem Fall handelt es sich um den großen Regisseur,
Johannes Franke: Terry Gilliam, ja.
Florian Bayer: Ex-Monty Python, der dann irgendwann auf eigenen Füßen stand und nachdem er schon bei Monty Python richtig geführt hat, angefangen hat, selbst Filme zu drehen. Und einer seiner früheren Filme war der Film, über den wir heute reden. Und zwar Brasil aus dem Jahre 1985. 1985, ja.
Johannes Franke: Wobei er eigentlich auf das Jahr 1984 gezielt hat.
Florian Bayer: Und er war so stinksauer, als er mitgekriegt hat, dass 1984 verfilmt wurde. Der Film hatte den Arbeitstitel 1984.
Johannes Franke: Ja, was süß ist irgendwie.
Florian Bayer: Was total niedlich ist, auch so typisch, gell, eigentlich. Ja, ja, ja. noch so eine Metareferenz reingeworfen und ganz klar, das ist das, worauf ich abziele. Und dann kam allerdings im Jahr 1984 passenderweise eine wirklich gute Verfilmung von George Orwells bekanntem Roman.
Johannes Franke: Hab ich noch gar nicht gesehen. Wäre mal auch ein Watch wert. Vielleicht sollte ich erst einmal ganz kurz in den Film einführen, damit wir wissen, wo wir überhaupt stehen, worum es geht und was sind überhaupt insofern. Sowieso und dann können wir anfangen darüber zu diskutieren und welche Filmtitel für diesen Film noch infrage gekommen sind. Und was uns an diesem Film begeistert und was vielleicht eher nicht. Auf geht's. Wir befinden uns um das Jahr 2000 in einer mir fremden Wohnung eines Freundes der Familie, der mich für ein paar Tage bei sich untergebracht hat. Ich werde vor den Film Brasil gesetzt, ohne vorher gewarnt zu werden, was mich erwartet. Ich glaube, ich bin allein während der Film läuft. Es kann aber auch sein, dass ich einfach nur alle um mich herum vergessen habe. Von Anfang an ist Brasil eine surreale, dystopische, dreckige und absurd-komische Welt. in der ein Bürokrat im langweiligsten Job der Welt davon träumt, als fliegender Held seine große Liebe zu retten. Als ihm bei einem Außendienstvorfall eine Frau begegnet, die genauso aussieht wie die Frau in seinen Träumen, kommt er in gefährliches Fahrwasser. Revolutionärer Terroristen, die das dysfunktionale System stürzen wollen. Eine sehr düstere Bürokratiesatire, die beim 19-jährigen Ich eine Messlatte an Science Fiction gesetzt hat, die nicht viele Filme erreichen sollten. Plor, dein Konsum des Films ist ja nun auch schon sehr lange her. Wie ist denn deine Origin-Story mit diesem Film?
Florian Bayer: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe diesen Film das erste Mal gesehen, als ich wirklich jung war und ich habe nur noch vage Erinnerungen dran, weil ich ihn irgendwie koordinierte. komisch war. Irgendwie komisch ist ein guter Begriff. Ich kann mich sogar noch erinnern, meine Aufmerksamkeit erzeugt hat, weil in einer TV-Zeitschrift für alle Jungen unter euch damals als lineares Fernsehen noch das einzige war, was man gucken konnte, weil wie Udi noch nicht geboren war und man halt nicht jeden Tag in die Videothek gehen wollte. gab es so was wie TV-Zeitschriften, in denen man dann lesen konnte, was im Fernsehen läuft. Und dann, das Schlimme ist, die gibt es ja immer noch. Es gibt so eine riesige Bandreiter und sind alle gleich.
Johannes Franke: 50% unserer Zuhörenden fühlen sich gerade verarscht.
Florian Bayer: Auf jeden Fall war in einer TV-Zeitschrift der Film angekündigt mit einem Bild und zwar von der Mutter von Sam. Von unserem Protagonisten, wie sie bei einer ihrer Schönheitsoperationen da sitzt und gerade gestrafft wird. Also dieses absurde Bild von dem extrem bizarr gestrafften Gesicht, das so unglaublich ist. fast schon unmenschlich wirkt, auf jeden Fall so einen Uncanny Wally-Effekt hat. Und ich habe dieses Bild gesehen, habe gelesen, Brazil Science Fiction und dachte, geil. Das sieht total krass aus.
Johannes Franke: Ja, absolut. Das ist aber auch das Bild, was immer verwendet wird, um das zu bewerben.
Florian Bayer: Und es hat ja eigentlich keine große Relevanz für die Hauptgeschichte. Auf jeden Fall habe ich ihn dann geguckt. Und ich fand ihn verstörend, weil er einfach ... weil er vom Pacing und von der Atmosphäre und so komplett anders war als das, was ich erwartet hätte. Ich habe einfach einen spaßigen... Science-Fiction-Action-Film erwartet. Wahrscheinlich so was wie Zurück in die Zukunft 2 oder meinetwegen Die Klapperschlange oder so. Und dann war das das. Und ich war so, okay. Und dann zum zweiten Mal hab ich ihn geguckt, da war ich wahrscheinlich Anfang 20 und dann ... war es halt einfach so, es ist so ein typischer Kanonfilm. Wenn Listen auftauchen, was sind die besten Science-Fiction-Filme, was sind die besten Dystopien, steht ja weit oben. Und dann habe ich natürlich mit ganz anderen Augen geguckt und ich muss sagen, damals war ich dann auch schon Gilliam-Fan. Also ich mochte auch die alten Filme von Terry Gilliam. die er da vorgedreht hat. Also sowohl Jabba Wookie als auch Time Bandits. Großartige Filme. Ich würde vielleicht sogar Eine kontroverse Position stark machen, dass Time Bandits der bessere Film ist als dieser hier.
Johannes Franke: Echt, wirklich?
Florian Bayer: Ich glaube, Time Bandits, wenn ich darüber nachdenke, ist mein absoluter Lieblingsfilm von Terry Gilliam.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Also ich bin sowieso Fan eher vom frühen Terry. Also auch lieber das hier als das, was er in den 90ern gemacht hat, obwohl er in der Zeit auch noch großartige Filme gemacht hat, auch in den 2000ern. Es ist für mich so ein Terry Gilliam Destillat, weil es alles das, was diesen Regisseuren auszeichnet, auf den Punkt bringt. Diese Mischung aus bizarrem Humor und ... Wirklich düsterer, abgefuckter Erzählung.
Johannes Franke: Aber dieser Größenwahn kommt bei Time Bandits noch nicht ganz so durch, finde ich.
Florian Bayer: Genau, das Destillat ist Brasil. Bei Time Bandits, Brasil ist Time Bandits auf Steroids. Ja, absolut. Es ist so alles Es ist das, was Terry Game auszeichnet. Genau, Größenwahn ist ein ganz wichtiges Stichwort. Bizarrer Humor, großer Pathos. Eine etwas verworren erzählte Geschichte mit sehr viel Subtext, sehr vielen Symbolen, sehr viel Symbolismus. Und trotzdem aber verspielt und so verspielt, dass er nie zu intellektuell arzi wirkt.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber da können wir vielleicht hinkommen, weil die Frage ist, ich gehe davon aus, dass viele, die diesen Film schauen, auch vielleicht jetzt zum ersten Mal schauen, Genau das zu empfinden, dass der Film vielleicht ein bisschen zu artsy ist, dass er vielleicht ein bisschen zu akademisch, intellektualistisch ist. So ein bisschen versnobter Film.
Johannes Franke: Ja, wobei ich sagen muss, dass er so viel Action hat, dass das über alles hinwegtäuscht, was so an intellektualisierten Unterbau drunter ist. Habe ich so das Gefühl, jetzt beim Gucken, ich war die ganze Zeit nur geflasht und von einem zum nächsten gestürzt. Es ist schon krass und er hat ein Pacing, obwohl er sich, er fühlt sich nicht wie so ein Tom Cruise Actionfilm an, also vom Pacing her. Er wirkt schon ein bisschen langsamer erzählt, aber es stimmt eigentlich nicht. Eigentlich rennt er wirklich durch diesen Film durch, habe ich das Gefühl.
Florian Bayer: Der Film ist halt auch ein Monstrum. Er geht über zwei Stunden.
Johannes Franke: Ja. Und viel zu erzählen. Und ich glaube, er wollte noch mehr erzählen.
Florian Bayer: Viel, viel, viel. Und die Action ist halt auch oft, also ja, es gibt sehr viel Action, aber die Action folgt natürlich auch diesem Prinzip, dass sie oft bizarr ist. Und das ja auch oft so ins Leere läuft. Man sich fragt, was ist der Sinn gerade? Wo will mich das hintragen? Also so Dinge, die passieren, nicht nur in der Action, die einem das Gefühl geben, die Story ist alles andere als Trade-Ads. Die schlägt die ganze Zeit Flanken, die spielt auch Die veralbert auch das Publikum so ein bisschen. Bestes Beispiel, dieser Subplot um den Taddel, der ja eigentlich ein Teil des Mainplots ist.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: der kriegt ja noch diesen Subplot aufgespielt, dass er halt bei Sam zu Besuch kommt und dessen Heizung repariert, obwohl das nur ... die Ministerien dürfen, obwohl das nur die staatliche Heizungsgesellschaft machen darf.
Johannes Franke: Central Service.
Florian Bayer: Und es ist halt einfach so ein irrer Zufall, wo man denkt, okay, er forscht gerade, beziehungsweise er versucht das gerade wieder gerade zu biegen, was da schiefgelaufen ist, dass der Falsche verhaftet wurde und das sollte eigentlich dieser Tattel sein. Und ausgerechnet jetzt taucht dieser Taddel in seiner Wohnung auf und repariert das, obwohl... Das ist einfach so ein komischer Zufall.
Johannes Franke: Aber es ist ein guter Punkt, ein spannender Punkt, weil ich das Gefühl habe, dass dieser Film es schafft, von einem ins nächste zu gehen, sodass sich wie im Leben sich die Ereignisse gegenseitig die Klinke in die Hand geben. Sodass man nicht das Gefühl hat, man wohnt einem zu sehr konstruierten Ding bei, sondern man hat irgendwie das Gefühl, wie das Leben eben auch. Manchmal gibt es hier so eine Side-Story, die aufgemacht wird, die hat irgendwie was damit zu tun, aber man ist es nicht sofort ersichtlich, warum oder was. Und es gibt so Zufällige wie mit dem Tattel und mit dem Battel. Irgendwie ergibt sich ja trotzdem ein Gesamtbild, wo man am Ende sagen möchte ... Man hätte nicht wirklich was wegnehmen wollen.
Florian Bayer: Nein, auf keinen Fall.
Johannes Franke: Also es ist auch nichts dabei. wo man sagt, das ist eine Side Story gewesen, das war so ein Abschweifer, den hätte er sich auch sparen können. Sondern ich finde, die Art und Weise, wie das erzählt wird, bringt einem das Gefühl von irgendwie... wird hier noch nebenbei was erzählt. Aber am Ende ist es trotzdem wesentlich und wichtig.
Florian Bayer: Natürlich. Der Film macht halt Worldbuilding. Und alles, was er zeigt, ist irgendwie Teil dieser Welt, die er aufbaut und vor allem eben Teil dieses komplett absurden Systems. Dazu gehört dann auch zum Beispiel, dass die Arbeiter sich heimlich Filme angucken. Die fleißigen Ministerialarbeiter schauen sich heimlich einen Film an, wenn der Chef nicht da ist. Und dann haben wir immer diesen absurden Moment, wo der Chef in seinem Büro sitzt und dann ist dieser pathetische Score vom aktuell laufenden Film zu hören und zum Beispiel läuft dann Casablanca im Hintergrund. Während er sich mit einem Mitarbeiter, in dem Fall Sam, unterhält, dann guckt er manchmal so ganz nervös zur Tür raus, gucken sie wieder heimlich. Und stellt dann fest, dass sie einfach ihrer Arbeit nachgehen, weil sie flitzschnell umschalten von diesem Filmgenuss zu, jetzt machen wir wieder unsere Arbeit. Und es wird auch echt albern.
Johannes Franke: Weil er wirklich am Anfang so diesen typischen Moment von, ich mach die Tür vorsichtig zu. reiße sie wieder auf, um zu gucken, ob sie arbeiten oder diesen scheiß Film gucken. Und das ist so Kasperle-Theater streckenweise. Aber es ist auf eine würdevolle Art und Weise gemacht, dass du nicht wirklich abrutscht in dieses Slapstick-Ding.
Florian Bayer: Der Monty-Python-Humor lässt sich da noch ein bisschen erblicken. Wobei Brazil tatsächlich der erste Film von Gilliam ist, wo das Python-eske fast komplett verschwindet.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: sowohl bei Jepawuki ganz stark, als auch bei Time Bandits gibt es noch diese Python-Momente. Und zwar ... Die wirklich groß und lange auf diesem bizarren, surrealen Witz von seiner ehemaligen Truppe sind. abzielen. Und bei Brasil ist es sehr, sehr, sehr runtergefahren. Also Michael Palin spielt noch mit.
Johannes Franke: Ja, aber auch ganz anders, als man ihn sonst kennt. Terry Gilliam hat gesagt, er hat echt versucht, ihm irgendwie einzubleuen, dass er nicht einer seiner tausend satirischen Varianten von irgendwelchen Figuren spielen soll, sondern eigentlich mehr oder weniger sich selbst. Und das ist ihm sehr schwer gefallen. Aber ich finde, er hat es gut gemacht.
Florian Bayer: Ja, es ist tatsächlich, er hat es geschafft, einen eigentlich durch und durch unsympathischen Charakter. Ich meine, es ist ein Folterer und Mörder, der sich nicht an seine Töchter erinnern kann und der auch keine Hemmungen davor hat, seinen besten Freund, unseren Protagonisten zu quälen. Aber trotzdem schafft er es, ihm eine gewisse Menschlichkeit und sogar eine gewisse Würde zu geben. Wir haben das Gefühl, wir verstehen diesen Charakter, der sich irgendwie auch auf eine andere Art als Sam aufgegeben hat in diesem System und jetzt das macht, was von ihm erwartet wird und das System auch für sich nutzt. Und das ist plausibel. Ich finde, der Chef zum Beispiel, Kurzman, unser deutscher Chef von ... Der wird von Ian Home gespielt. Und man hat manchmal das Gefühl, den hätte er eigentlich ganz gerne mit John Cleese besetzt. Weil ja von der Art her, wie er agiert, dieses sehr steife und darmliche. Das stimmt vielleicht. Und dann gleichzeitig aber so hypernervöser. Er ist ja immer unglaublich nervös, wenn irgendwas schief geht. Oh mein Gott, jetzt wird irgendjemand Ärger kriegen. Ich kann mir total gut ... John Cleese in dieser Rolle vorstellen.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Das stimmt vielleicht. Das ist vielleicht ein bisschen wie Woody Allen in den Filmen, wo er schon selbst nicht mehr mitspielt. spielt trotzdem eine Figur, sich Woody Allen spielen lässt. Und man sofort merkt, wer Woody Allen sein soll. Aber hier ist es nicht ganz so schlimm und nicht so ganz so doll und tut dem Ganzen auch keinen Abbruch, weil ich finde, dass in Home eine ganz eigene gute Variante daraus macht. Und das wirklich sehr, sehr gut spielt, finde ich.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Auch wenn es ein kleines bisschen comichaft übersteigert ist, weil kein Chef hat so viel... Also der wird nicht Chef, wenn der so eine Angst davor hat, dass irgendwas auch nur im geringsten schief läuft. Oh nein, sie hat kein Bankkonto. Wir sind alle doom. Was ist das denn? Das ist kein Chef. Aber ich finde es super. Trotzdem.
Florian Bayer: Wo wir gerade bei der Besetzung sind. Jonathan Pryce als unser Projekt.
Johannes Franke: Einfach großartig. Wirklich toll.
Florian Bayer: Er spielt das fantastisch. Also Mischung aus Resignation und gleichzeitig diesem Verträumten. aber er ist trotzdem ein Rädchen im System.
Johannes Franke: Er ist kein Held.
Florian Bayer: Er ist eher ein Träumer, aber er taugt auch nicht wirklich zum Helden.
Johannes Franke: Ja, und ich finde, dass... Nun hat Jonathan Pryce das irgendwie selber drin in sich, in seinem Charakter, wie er so ist. Als Schauspieler habe ich so das Gefühl, als Mensch. Dass er so eine Introvertiertheit und so eine leichte Nerdiness und so eine leichte, nervöse Ader hat. mit sich bringt, die dieser Figur einfach steht, wo man sofort das Gefühl hat, das ist eine verträumte Figur, obwohl man gar nicht erzählen muss, dass es eine verträumte Figur ist. Man guckt ihn an und wie er spielt. und man hat das Gefühl, okay, der hat sein eigenes Ding am Laufen. Terry Gilliam hatte ihn ja von Anfang an als Schauspieler im Kopf, nur war er da schon noch Anfang 20. Mitte 20. Und sollte einen Mitte-20-Jährigen spielen, aber als das Skript fertig war und dann wirklich es zum Drehen kam, war halt Jonathan Pryce schon 37. Und dann haben sie einfach die Rolle geändert ein bisschen.
Florian Bayer: Was ich wirklich klasse finde... nicht nur was das Spiel von Price betrifft, sondern auch die Rolle im Allgemeinen. Ich hab das Gefühl, Gilliam treibt mit dieser Hauptfigur so ein bisschen seinen Schabernack mit dem Publikum. Er präsentiert uns eigentlich so eine Figur, die für alle Klischees taugt. Wir haben hier unseren Helden. der im System gefangen ist und dann irgendwie seine Möglichkeit zum Ausbruch findet, diese wahrnimmt und revolutionär voranschreitet.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Das unterminiert ja diese Figur komplett. Ja. Weil er zum einen hat so ... so eine klassische innere Exilfigur eigentlich, weil er will in dem System ja nicht aufsteigen. Das heißt, man merkt, es gibt Treibungspunkte zwischen ihm und dem System. Und gleichzeitig gehört er zu den am besten funktionierenden Rädern in diesem System, weil er ist der, der die Probleme fixt für das Ministerium. Und zwar mit einer brutalen Kälte, auch wenn er das nicht will, wenn er, was die Story dann in Gang setzt, zu der Witwe fährt von dem Battle, der umgebracht wurde. Und ihr diese Rückzahlung gibt, dann ist er zwar so, man merkt, dass er so ein bisschen angekratzt ist davon, dass sie sagt, naja, ihr habt ihn nur umgebracht, oder? Aber gleichzeitig zieht er einfach mal sein Programm durch.
Johannes Franke: Aber man merkt, in welcher Bedrängnis er ist. Ja. Er kann damit nicht umgehen und weiß überhaupt nicht, was er machen soll und wie er dann mit ihr reden soll. Er hat emotional keine Werkzeuge dafür. Aber wer hätte das schon, ne? Also es ist jetzt nicht so, dass man sagt, ja, der ist irgendwie besonders kalt oder sowas, sondern er ist einfach unfähig wie jeder andere auch. Er ist
Florian Bayer: Also er ist unfähig, ja, aber er ist vor allem auch effizient in dem, was er tut, weil er hat die Lösung parat. Und er sagt, ey, ich fahr jetzt zu ihr mit dem Scheck, damit das geklärt wird und damit wir das ganze Ding erledigt haben.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und die Momente, in denen er dann zum Revoluzzer wird, die fallen ihm ja eher so ein bisschen zu. Also wir kommen gleich noch zu der Liebesgeschichte, aber zum Beispiel dieses Ding mit dem Taddel ... der bei ihm dann ist und anfängt zu reparieren. Er will das ja zuerst gar nicht so. Er stolpert eher so ein bisschen in diese ... In diese Subversionsrolle rein, obwohl er das gar nicht ist.
Johannes Franke: Er hat irgendwie eine Form von Loyalität plötzlich dem Tattel gegenüber, weil der ihm irgendwie hilft. Obwohl er irgendwie Terrorist, in seinen Augen zumindest noch Terrorist. ist, der irgendwie das System unstürzt und ein Verbrecher. Und das finde ich auch spannend. Und ich finde auch, dass die Figur von Terry Gilliam gut geschrieben ist, weil die nicht nur... wozu man neigen könnte, den Loser am Schreibtisch macht, sondern der kann wirklich was am Schreibtisch.
Florian Bayer: Und er ist ja auch wirklich hoch angesehen. Sein Chef sagt ja, oh Gott, wenn du jetzt befördert wirst, dann habe ich ein Problem. Und Er wird zwar hauptsächlich befördert, weil seine Mutter da so an den Schräubchen dreht. Aber dieses klassische Nebotismen-Ding. Er ist privilegiert. Er gehört zu den Profiteuren des Systems. Auch wenn die Wohnung, in der er lebt, total abgefuckt.
Johannes Franke: Das ist unglaublich.
Florian Bayer: Er kann eigentlich alles erreichen, was er will. Er hat einen Freund, der beim... Bei der Informationsbeschaffung ist er eine Mutter, die Kontakt zu den höchsten Kreisen hat. Offensichtlich steckt da auch Geld in der Familie, weil irgendwie muss sie sich ja diese ganzen Schönheits-OPs lassen. Er ist durch und durch Profiteur des Systems und privilegiert.
Johannes Franke: Was ihn auch irgendwie ein bisschen naiv macht. Er hat sich nie bemühen müssen um bestimmte Dinge, um diese Positionen oder irgendwelche. Der ist zwar gut darin, so. Aber es ist nicht so, man merkt ihm das auch an, weswegen er sich diese Träume im Grunde auch leisten kann, diese naiven Träume. in denen er dann gefangen ist, in denen er als strahlende Rüstung tragender, fliegender Held... Diese Frau aus diesem Käfig befreien will in diesem Traum. Was ist denn das für eine Traumsequenz?
Florian Bayer: Ist das nicht ein fantastischer Kontrast? Das ist unglaublich. Wie zaren Ambiente, was... in der ganzen Welt stattfindet, dass Gilliam aufbaut und dann kommen wir zu diesen Träumen und dann ist es... purer Kitsch.
Johannes Franke: Es ist unglaublich.
Florian Bayer: Aber du akzeptierst das einfach aus dem Grund, weil du weißt, das ist so ... Ironisch durchsetzt, wir haben hier nicht die großen fesselnden Träume eines pathetischen Helden, sondern wir haben hier einfach die kitschigen Fantasien eines Sesselpupsers.
Johannes Franke: Ja, genau das. Das ist großartig. Und das sollte ja eigentlich am Anfang als ein Block kommen. Terry Gilliam hatte das so geschrieben, dass man diese Flugsequenzen, auch viel mehr noch, er hatte noch viel mehr eigentlich auf dem Papier, Hat dann angefangen, noch andere Sachen zu drehen, die alle weggefallen sind, weil es einfach nicht mehr passte. Und die sollten am Anfang en bloc kommen. Und dann hat er aber im Schnitt und I feel you, Terry Gilliam. Man merkt im Schnitt, oh, das funktioniert nicht so gut. Und irgendwie hat die Geschichte, wie ich sie erzähle, so Kapitel, die irgendwie miteinander verheiratet werden müssen. schneide ich doch lieber die Träume dann dazwischen. Und spannenderweise passen die Träume auch immer genau an die Stelle, auch inhaltlich, was in den Träumen passiert. Und dass das erst im Schnitt passiert sein soll, finde ich so merkwürdig, so beeindruckend, weil das alles so wahnsinnig gut zusammenpasst.
Florian Bayer: Gott sei Dank hat er das so gemacht. Das Pacing hat das total kaputt gemacht, wenn wir hier so einen großen Traumblock am Anfang gehabt hätten.
Johannes Franke: Das sagen wir jetzt, aber wer weiß, wie es geworden wäre. Also keine Ahnung. Und Terry Gilliam ist ja kein... Anfänger, der dann im Schnitt merkt, oh, ich hätte vielleicht das drehen sollen oder das drehen sollen, sondern der sitzt auch im Interview da und sagt, das ist halt so, du machst... einen Film und merkst dann, du hast ganz viele Ideen im Kopf gehabt, aber auf Film sieht es einfach anders aus als in deinem Kopf. Ja. Das ist so. Und das geht ja auch nach 30 Jahren Filme machen.
Florian Bayer: Gerade bei der Optik von Gilliam ist das natürlich ganz krass, weil seine Filme haben eine sehr spezielle Optik. Und die finden wir in diesem Film auch wieder. Und in diesem Film auch wieder so ein bisschen on Steroids. Also Terry Gilliam hat schon immer diese ... Diese krassen Weitwinkel benutzt, wo das Bild sich so krass dehnt und wo du das Gefühl hast, du bist irgendwie wie so ein kleiner Käfer, der sich das alles anschaut und auf den die Welt... hinabstürzt.
Johannes Franke: Und in den 80ern gab es die noch nicht so. Also gab jetzt dann irgendwie ein 9, irgendwas Millimeter Objektiv ganz neu Also was so ganz krass ist, wo man klassischerweise von Fischei reden würde, wo man aber versucht hat, so ein Weitwinkelobjektiv herzustellen, das nicht den Fisheye-Effekt mitbringt. Und das war ganz neu, dieses 9, irgendwas Objektiv. Und dieses 14-Millimeter-Objektiv, das er ganz viel benutzt hat, ist auch noch nicht so alt. Und das wird bis heute manchmal an Sets als das Gilliam-Objektiv bezeichnet. Und das finde ich sehr spannend, weil der das einfach sehr viel macht. Und ich finde, es hat auch eine interessante Ästhetik.
Florian Bayer: Es hat sowas erschlagendes.
Johannes Franke: Ja, natürlich.
Florian Bayer: Also man fühlt sich von dem ganzen Film... weil die Bilder einen so in Beschlag nehmen, als würde die Kartrage vom Fernseher aufgebrochen.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und du wirst von dieser Welt, die der Film hat, umarmt. Und das hat wirklich was Erdrückendes und auch ... Kann man auch als anstrengend empfinden.
Johannes Franke: Absolut, absolut. Es ist wie, als wenn dir die ganze Zeit jemand so zwei Zentimeter vor der Nase steht und dich anstarrt. Genau. Genau, so was, so dieses Gefühl vermittlicht.
Florian Bayer: Und was tatsächlich schlimm ist, in den 90ern haben sie ja, Terry Gilliam hatte großen Einfluss auf das Science-Fiction-Kino und Fantasy-Kino der 90er. Und diese Ästhetik mit den Weitwinkeln, die wurde in den 90ern ja ganz exzessiv auch bei Filmen, die nicht so bizarr waren wie Brasil. Es gibt unfassbar viele 90er-Fantasy-Komödien,
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wo du diese Weitwinkel hast, aber dann eben viel, viel fischiger das Ganze, viel fischauriger. Und wo du dann auch ganz oft denkst, oh Leute, ich sehe, dass ihr von Terry K. Ja, genau. Es ist nicht dasselbe, es funktioniert nicht und es ist einfach nur ermüdend und anstrengend. In diesem Szenario passt es einfach gut.
Johannes Franke: Absolut. Es ist ja diese Überwachungsthematik auch mit drin und diese Bürokratie. Ich finde dieses... Überhaupt, um den Schritt nochmal zurückzumachen, ich finde diese Idee in dieser Zeit der 80er... Mit dieser Ästhetik der 40er zu spielen, mit so Humphrey Bogart, mit diesen ganzen Noir-Sachen zu spielen, auch... Auch was Designsachen betrifft, dieses Art-Deko-Artige, was aber dann alles dreckig und runtergerockt ist, Und diese Bürokratiekritik zusammenzubringen, finde ich absolut genial. Ich weiß nicht... Ich erinnere mich an nichts, was vorher so eine Melange aus diesen ganzen... Dingern ist, die ich alle für sich gesehen total mag und weswegen der Film wahrscheinlich so genau auf meinem Ding liegt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil Art Deco genau mein Ding ist. Weil deutscher Expressionismus aus der Zeit so interessant ist für mich. Und diese ganzen Sachen.
Florian Bayer: Es ist sehr eklektisch. Also du hast die Stichwörter schon gesagt, Antiquot, deutscher Expressionismus, so ein Stück Retro-Sci-Fi.
Johannes Franke: Ja, genau. Wie stellt man sich in den 40ern die Zukunft vor? Und das in den 80ern erzählt. Das ist geil.
Florian Bayer: Und dann trotzdem auch so Sachen aus den 80ern. mit aufgenommen, also sehr viel gespielt mit der Fernsehtechnik, diese Röhrenmonitore, die nackt sind, diese Schläuche, die durch die Wand gehen und die dann auch Funken versprühen. Also es ist nicht so konsequent Retro Sci-Fi. aber es hat diese Elemente mit drin.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Es ist wirklich eine tolle Melange. Er schafft das, alles zusammenzubringen. Und dann nächstes Stichwort, was du schon gebracht hast, so Film-Noir. Ja, mit den Beamten, die in den Ministerien arbeiten, die diese schicken Mäntel anhaben und die durch die dunklen Gassen gehen und alles so ein bisschen vernebelt. Es sind sehr viele Elemente, bei denen man meinen könnte, zumindest vorher, passt das zusammen oder beißt sich das nicht gegenseitig? Und Gilliam schafft es wirklich, eine runde Welt zu erzählen damit. Sowohl visuell als auch narrativ.
Johannes Franke: Und er überlässt das nicht nur seinen Leuten, was ich auch... Also viele Regisseure, die haben dann irgendwie so ein Stichwort und sagen, okay, ich möchte gern das, das und das, mach das. Aber Gilliam ist ja der Perfektionist schlechthin. Der steht ja dann wirklich da, noch am Set und sagt, Leute, das funktioniert so nicht. Wir müssen da nochmal ran. Und dann dauert ein Dreh halt nicht eine Woche, sondern zwei Wochen für eine bestimmte Sequenz, weil er einfach oft genug gesagt hat, nee, so nicht.
Florian Bayer: Weil so ein Detail umgebaut werden muss, weil eine Maske geändert werden muss.
Johannes Franke: Das ist so krass. Meine Güte.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja, aber man mag ihn deswegen irgendwie vielleicht anstrengend finden, diesen Menschen. Also... Ich habe es nicht nur einmal gehört, dass es anstrengend sein muss, mit ihm zu drehen, aber ich mag ihn auch für diesen Perfektionismus.
Florian Bayer: Total, also es hat natürlich so ein bisschen was von diesem Kubrick oder Coppola-Wahn. Ja, ja. vorstellen kann, dass Leute am Set ganz schön leiden, gerade wenn jemand sagt, das Kabel geht nicht, wir brauchen das in monochrom ... Da muss noch was sein und jetzt fährst du los und besorgst mir die richtigen Kabel. Aber das Ergebnis kann sich halt sehen lassen. Also ich glaube, Grimm ist auch jemand, den man sehr viel exzentrik letzten Endes verzeiht. Einfach weil das Ergebnis so... gewaltig ist.
Johannes Franke: Ja, und er ist auch kein, er sieht nicht aus wie, also in Interviews nicht aus wie jemand, der so unreasonable eccentric ist. Also nicht, dass er das Gefühl vermittelt, ich kann jetzt exzentrisch sein, also bin ich's. Sondern es hat alles wirklich einen Grund und Hand und Fuß und das ist wichtig für ihn. Es gibt ja so Leute, wo man dann denkt, sie sind jetzt in der Position und deswegen fangen sie an Radau zu machen. Damit sie das Gefühl haben, hier, ich bestimme, aber bei ihm ist es wirklich, es hat Hand und Fuß.
Florian Bayer: Aber Gilliam ist auch so, Gilliam war nie in der Position, dass er Radau machen konnte. Gilliams Karriere war ja ein permanenter Kampf, nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern vor allem... vor allem um Geld. So oft, wie zu Gilliam gesagt wurde, der kriegt nie wieder Geld von einem großen Studio. Also es ist ein Wunder, dass der Mann irgendwie die 90er Jahre überlebt hat, die 2000er. Ja. Weil... Seine Karriere ist voll von gescheiterten großen Filmprojekten. Das berühmteste ist ... natürlich der Donkey-Rote-Film, über den wir in einer anderen Episode reden. Den wir auf jeden Fall mal reinhören, ist ganz spannend.
Johannes Franke: Den Flor leider nicht so gut findet.
Florian Bayer: Den ich nicht so gut fand.
Johannes Franke: Also wenn ihr die Geschichte davon kennt, ich gebe das Stichwort Lost in La Mancha. Das ist ein Dokumentarfilm über Terry Gilliams Versuch, Donkey Rote zu verfilmen. Und das hat einfach Jahrzehnte gedauert, bis er das dann am Ende geschafft hat.
Florian Bayer: Ja. Und es war ja nicht sein erster Flop. Er hatte wirklich großes Budget zum Beispiel für den Münchhausen-Film gekriegt. der auch ein kompletter Flop war, der sowohl an der Kasse als auch beim Publikum, bei der Kritik durchgefallen ist.
Johannes Franke: Den habe ich gar nicht gesehen dann.
Florian Bayer: Und dann hat er angefangen, auch Auftragsarbeiten zu machen. Ich fand den gut. Der ist besser als sein Ruf.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und hat immer mal wieder dazwischen so Auftragsarbeiten gemacht, sowas wie 12 Monkeys zum Beispiel. Ja. auch ein großartiger Film ist, aber der halt tatsächlich für ein Studio gemacht wurde und noch krasser als Auftragsarbeit, der auch weniger gut ist, der meiner Meinung nach eigentlich so sein schlechtester Film ist, dieser Gebrüder-Krimm-Film. Wo so ganz klar war.
Johannes Franke: Den habe ich nicht gesehen. Da habe ich den Trailer gesehen und habe gedacht, oh nein.
Florian Bayer: Ja, der war auch nicht besonders gut. Das ist so ganz eindeutig eine Auftragsarbeit. William versucht, ein bisschen seinen absurden Blick auf die Welt mit reinzubringen. Aber man merkt, er kracht da doch gegen die Vorstellung des Studios.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und schafft es eigentlich nicht, seine Pizzerien so umzusetzen, wie er gerne hätte. Und das tut auch so ein bisschen weh, den zu sehen.
Johannes Franke: Oh, traurig. Ja, und ich fand ja Don Kirote gar nicht so schlecht. Aber irgendwie sind die alten Filme noch mehr durchsetzt von fantasievollen sehr absurden Sachen, die ich sehr feiere. Wie eben auch in diesem Film, du wirklich von einer Absurdität in die nächste kommst. Allein was die an Surgery durchmacht, diese Frau, die und die beiden Freundinnen auch darüber reden und die ja auch am Ende stirbt wegen irgendwelcher. Fehler in irgendwelchen...
Florian Bayer: Diese Freundin seiner Mutter, die er immer mal wieder trifft, zwischendurch und die immer schlimmer aussieht. Ach ja, es gab immer Komplikationen bei der Operation, aber bald bin ich wieder auf den Beinen. Und dann am Schluss sitzt sie im Rollstuhl und hat alles bandagiert und ist eigentlich nur noch ein menschliches Frack.
Johannes Franke: Und sagt trotzdem noch, ja, ja, kein Problem, das wird schon. Gott.
Florian Bayer: Dann sind wir schon beim Inhaltlichen. Seine Mutter. Warum wird seine Mutter zur Frau seiner Träume, wenn sie jung wird? Was ist da los? Wie viel Freude müssen wir jetzt auf den Tisch legen, um das vernünftig zu interpretieren?
Johannes Franke: Tja, also wenn wir böse sein wollen, dann sagen wir, dass Terry Gilliam einfach nur Lust hatte, das einmal anzupiksen und dann wieder fallen lassen, was ich fast bevorzuge. Oder wir müssen wirklich anfangen, dass unsere Hauptfigur Sam irgendwas mit seiner Mutter hier freut. Ach, ich weiß nicht.
Florian Bayer: Ich glaube, wir müssen mal in diese Romanze reingehen von ihm mit der Figur, die ja letzten Endes dafür sorgt, dass er überhaupt wirklich zum Revoluzzer wird, nämlich die Frau, in die er sich verliebt, die Nachbarin von dem Battle mit dem Namen Jill, gespielt von Kim Christ.
Johannes Franke: Ja. Also Tara Gilliam hat ja sehr viele Frauen dafür gecastet. Also unter anderem Diane Keaton, glaube ich. Und Dingens, wie hieß sie? Ein Fisch namens Wanda. Jamie Lee Curtis. Jamie Lee Curtis und so weiter. Es gab viele Frauen, die dafür in Frage kamen und er hat sich für sie entschieden am Ende und hat leider am Ende... dass er es bereut hat, weil sie nicht das gemacht hat, was er wollte. Und er hat sie vor allem auch deswegen genommen, weil sie bisher nur einen Film gedreht hat und damit kein Baggage mitbringt, also keine... Keine Last von anderen Filmen, wo andere Zuschauer dann da sitzen und sagen, ach, das ist doch die, die hat das und das gespielt und dann habe ich schon ein Bild von der Frau. Das war seine eigentliche Intention, sie zu nehmen. Am Ende hat er dann gesagt, es wäre besser gewesen, eine zu nehmen, die Erfahrung hat.
Florian Bayer: du denn, was er wollte?
Johannes Franke: Ich weiß nicht genau, was er wollte.
Florian Bayer: Ich weiß es nämlich auch nicht. Kannst du dir vorstellen, was er wollte oder wollen wir mal spekulieren, was er wollte?
Johannes Franke: Also ich weiß es nicht, weil ich finde sie ganz gut eigentlich.
Florian Bayer: Ich finde sie auch ganz gut. Ich glaube, was mit der Figur gemacht werden soll und was meiner Meinung nach auch partiell ganz gut funktioniert, ist, dass ein Kontrast aufgeworfen werden soll zwischen der tatsächlichen Chill und dieser Raumfigur. Und dieser Traumfigur, die ja wirklich so eine klassische Jungfrau in Nöten ist, ganz in Distress. Ja. Weil diese wirkliche Jill ist eine Kämpferin mit kurzen Haaren.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Im Gegensatz zu der Traumfigur, die diese langen Haare hat, diese langen, wallenblonden Haare. Und sie ist eigentlich ziemlich genervt von ihm. und von seinen Liebesbekundungen. Er hat ja auch immer dieses creepy-Stalker-Ding. Absolut. fördern für dieses Ministerium, um ihr hinterher zu spionieren, obwohl er sie nur einmal gesehen hat und sie ihn halt an die Frau aus seinen Träumen erinnert. Und dann stalkt er sie ja ganz schön und interessanterweise, bevor er sie rettet. Rettet. Ich mach große Anführungszeichen.
Johannes Franke: Ja, bitte ganz, ganz große.
Florian Bayer: Komm. Kriegt er ja schon Probleme, weil er irgendwie in diesem Ministerium umherirrt und dann irgendwie nach dem Ausweis gefragt wird und den nicht zeigen kann. Und wir denken schon so, oh, was ist jetzt los? Kriegt der jetzt doch Ärger? Und dann wird das aber alles so von der Geschichte torpediert, weil er dann eben in diese Rettungsgeschichte reinkommt, wo er sie rausholt. aus dem Gebäude, weil sie auch gerade gefaftet wird, weil sie Stunk macht, weil sie die Einzige ist, die wirklich sagt, ey, was ist mit diesem Battle passiert und ich will jetzt herausfinden, was da los ist und ihr ...
Johannes Franke: Naja, das ist nicht der Grund, warum sie verhaftet werden soll. Der Grund ist er. Er ist unten im Keller gelandet und flüchtet dann vor der Autorität, weil er sich nicht richtig ausweisen kann. Und dann wird im Haus der Alarm betätigt und die anderen glauben alle, dass sie diejenige ist. Genau, ja. Aber sie hat eigentlich gar nicht... Eigentlich hat nur er... dafür gesorgt, dass sie in Probleme gerät.
Florian Bayer: Wobei sie eigentlich schon, also sie hat schon dieses Revolutionäre. Ja, natürlich.
Johannes Franke: Aber sie ist clever genug, das ordentlich zu machen. Während er nicht clever genug ist, das ordentlich zu machen.
Florian Bayer: Und dann rettet er sie, ja. Und es wird ziemlich deutlich, sie will sich gar nicht von ihm retten lassen. Und sie ist auch ziemlich genervt von ihm und er himmelt sie so an. Aber es gibt dann ja den Moment, wo sie einfach versteht, okay, wenn er sie... Wenn ich jetzt bei dem Typen bleibe, bin ich offensichtlich erst mal diese Probleme los. Was es ja in diesen spannenden Moment im Auto gibt, wo ... Er sagt, nee, jetzt bleib drin, bleib drin. Und dann kommen die schon an die Tür und dann schreit er sie an und sagt so, ich bin vom Ministerium und ich nehme dich jetzt mit. Und da gibt es ja diesen Moment, wo sie kapiert, dass das jetzt die Möglichkeit ist zu fliehen. Aber die Figur, das Verhältnis zwischen den beiden bleibt trotzdem bis zu einem gewissen Moment. Wird noch zu reden sein. Bleibt es ein sehr ambivalentes. Und zwar haben wir wirklich diese Romantisierung von seiner Seite. die einfach so dieses Traumwelt auf die Realität überstülpt.
Johannes Franke: Und ...
Florian Bayer: ihre eigenen Ideologien, ihre eigenen Pläne auf der anderen Seite, die ihn nicht mit einschließen. Er ist eher ein Klotz am Bein.
Johannes Franke: Ja, genau. Ich finde ein kleines bisschen, dass in der Frauenfigur die Probleme mit Harry Gilliam langsam hochkommen. Weil Terry Gilliam fand ich immer nicht die besten Frauenfiguren und die besten Beziehungsdinger herstellen konnte. Wenn ich das jetzt richtig erinnere aus dem, was ich so im Kopf habe, an Terry Gilliam-Film.
Florian Bayer: Wenn man tief reingeht in die Terry-Gilliam-Filme, kann man ohne Probleme einen großen Anteil an Misogynie in seine Frauenrollen hineinnehmen. Ja. nur mit unserem Helden zusammen sein will, wenn er ein Held ist und wenn er reich ist, über die hysterischen, und ich weiß, das ist ein schreckliches Wort, ein anakronistisches Wort, Ich benutze es sehr bewusst, weil genauso stellt Terry Gilliam sie dar über die hysterischen Frauenrollen in Time Bandits, die ... Immer kreichen, immer um Hilfe schreien. Ja, bis hin zu einfach, seine Filme sind ja auch so ein bisschen Dude-Movies. Er hat eigentlich, seine Filme haben eigentlich keine starken Frauen. 12 Monkeys ist...
Johannes Franke: Ja, das sind Dudes.
Florian Bayer: Das sind Dudes. Da gibt es die Psychologin, die ihm hilft, aber sie ist halt auch eher so am Rande.
Johannes Franke: Die Frauenrolle haben alle Funktionen.
Florian Bayer: Genau, Funktionen.
Johannes Franke: ist halt das Ding auch in diesem Teil. Hab ich den Eindruck?
Florian Bayer: Ich würde sagen, bei Brasil ist es ein bisschen anders, weil es die Frauenrolle Und das, glaube ich, ist das, was er vielleicht vorhatte. Wo ich zumindest das Gefühl habe, dass der Film es vorhat und es nicht 100 Prozent hinkriegt. Es könnte stärker sein. dass sie Jill vor allem dazu dient, den Kontrast aufzuzeigen zwischen dieser männlichen Fantasie. Ich habe hier meine Damsel in Distress, die rette ich. Und die Realität, dass die Damsel in Distress eigentlich die ist, die ihn retten sollte.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Aber das haben sie halt nicht durchgezogen. Ding.
Florian Bayer: Ja, man kann, ich glaube, man kann es in den Film rein interpretieren, wenn man will. Und dann muss man sich ein bisschen aus dem Fenster lehnen, das mache ich jetzt schon. Ich bringe ein bisschen vor in der Handlung.
Johannes Franke: Okay, okay.
Florian Bayer: Ich finde es fantastisch an diesem Film, dass... die Grenzen zwischen Traum und Realität immer so ein bisschen nebulös sind. man kann durchaus ein ganz kurzer Sprung zum Ende. Das Ende endet damit, dass er auf dem Folterstuhl ist und gefoltert wird und Und wir wissen, dass zumindest die finale Erlösung, die gezeigt wurde, wo er von Tattel gerettet wird und seine Freundin wieder lebt, die vorher gestorben ist, dass das alles nur ein Traum war. Ich glaube, man kann den Beginn dieser Traumwelt im Film an sehr vielen Stellen verorten.
Johannes Franke: Sachen an.
Florian Bayer: Der Film bietet einem natürlich diesen einen Moment an, wenn er zusammen mit ihr verhaftet wird.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber davor ist diese Liebesszene, wo sie diese Perücke trägt, mit der sie sich eigentlich verkleiden will, um nicht erkannt zu werden. Und dann sieht sie genauso aus wie das Wesen aus seinen Träumen und dann verbringen sie auch tatsächlich eine Nacht zusammen. Ich finde, das ist auch schon absolut Traum. Ja, natürlich. Absolut. Und überhaupt dieser Moment, wenn er auf sie stößt, wenn er sie rettet, wenn sie bei ihm im Auto sitzt, selbst das hat schon sowas Traumhaftes. Ich glaube, man könnte, man kann... diesem Film, und natürlich, wir sind hier im Bereich der Überinterpretation, man kann diesem Film sagen, hey, Er setzt den Beginn des Traumes, dieser Erlösungsfantasie, zum Beispiel an den Punkt, wenn er das erste Mal im Ministerium Ärger kriegt, weil er keinen Ausweis hat. Weil wir wissen, dieses System... Dieses System funktioniert so, dass du durch die kleinste Unaufmerksamkeit Opfer vom System werden kannst. Da wird dein Name vertauscht und hast ... ein Problem. Dann wirst du getötet, dann wirst du zu Tode gefoltert. Du hast keinen Ausweis dabei. Du wirst zu Tode gefoltert. Ist durchaus denkbar. Und ich glaube, das ist eine mögliche Interpretation, dass er da schon beginnt zu träumen, dass die gesamte Handlung bereits der Traum ist. Und du weißt, ich bin kein Fan von, alles war ein Traum. Ja, ja. Aber das ist das Tolle an diesem Film, deswegen will ich das auch so offen lassen. Man kann hier sehr viele Punkte für den Einsatz des Traumes setzen. Das stimmt, absolut. Raumes könnte auch sein. Er hat den Tattel, der hat gerade seine Wohnung repariert. Es kommen diese beiden Handwerker. Und die bemerken den Tattel und er wird festgenommen. Er landet im Folterkeller, weil er einen Terroristen Unterschlupf gegeben hat.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Dann setzt der Traum schon da ein. Und es ist gar nicht so wichtig zu sagen, natürlich ist am offensichtlichsten dieser Moment, wenn sie beide verhaftet werden, dass da der Traum einsetzt. Aber diese Ambiguität des Films, der Traum könnte jederzeit da sein, die finde ich sehr spannend.
Johannes Franke: Das stimmt. Und ich würde zur Ehrenrettung des Films an manchen Stellen, obwohl der Film keine Ehrenrettung braucht, weil er einfach großartig ist, Aber eben so ein paar Schwächen könnte man ein bisschen ausmerzen oder abmildern, indem man den Traum wirklich früher einsetzt, weil dann nämlich die die Geschichte mit der Frau ein bisschen gerettet wird. Weil das dann nicht mehr ganz so... die Fantasie des Regisseurs, sondern die Fantasie der Hauptfigur ist.
Florian Bayer: Ihr Verhalten ist halt auch nicht so plausibel, dass sie sich so krass dieser Roman so plötzlich hingebt. Und zwar ist es von... Null auf 100. Absolut. Und das ist total krass. Die ganze Zeit genervt von ihm und dann plötzlich bam.
Johannes Franke: Ja, insofern natürlich. Okay, der Traum fängt also früher an.
Florian Bayer: Der Traum kann früher anfangen. Und weil eben auch der Traum, das ist ja das, was der Film eigentlich erzählt, Terry Gilliam hat gesagt, sein Film hat ein Happy End. Der Traum ist die Möglichkeit zu fliehen, die Möglichkeit aus diesem System zu entkommen. Und was uns hier präsentiert wird, ist ja auch ein System, aus dem du mit allen möglichen Mitteln entkommen willst.
Johannes Franke: Das ist ja auch ein wichtiges Thema für ihn gewesen, weil das ist die Idee gewesen, die überhaupt zum Film geführt hat.
Florian Bayer: Ja, seine
Johannes Franke: Gedanke war ja ganz am Anfang, bevor irgendwas stand vom Film, wie schaffe ich es, wie müsste die Geschichte aussehen, dass am Ende steht, dass jemand in seiner Fantasie besser dran ist als in der Realität. Und dann entspinnt sich der ganze Film in seinem Kopf. Das finde ich einen interessanten Gedanken und einen interessanten Ansatzpunkt, überhaupt auf einen Film zu kommen und einen Film zu entwickeln. Und wenn ihm das so wichtig war, dann ist natürlich die Möglichkeit mit den verschiedenen Einsätzen, wann kann der Traum einsetzen und was ist Traum und was ist Wirklichkeit. Damit spielt er ja sowieso die ganze Zeit. Es ist spannend und ist nicht völlig abwegig, das in verschiedenen Stadien zu interpretieren.
Florian Bayer: Ich glaube, damit kommen wir zu dem großen Hauptthema des Films. Natürlich dieses System, das er hier entwirft. Alles, was der Film macht, ist natürlich uns irgendwie eine Art von Überwachungsstaat zu erzählen. Angelehnt an 1984, ganz klar.
Johannes Franke: Ganz klar. Obwohl er das nie gelesen hat.
Florian Bayer: Obwohl er es nie gelesen hat. 1984 ist so ein Ding, darauf beruft sich ja auch wirklich jeder. Die Linken genauso wie die Rechten, das ist so... so universell mimetisch geworden, dass wirklich jeder sagen kann, oh, wir müssen aufpassen, dass uns die Republikaner nicht den Neuesten 1984 besorgen, die Grünen nicht ein neues 1984 besorgen, die SPD, die ... Whoever. Du kannst ... Mit einer Warnung vor einem George Orwell-Überwachungsstaat kannst du gegen jede politische Partei wettern.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Er nimmt diese Ideen natürlich auf. Aber er erzählt schon so ein eigenes System, das auch so seine absurden Nebenhandlungen hat. Es bleibt auch sehr unklar, ob wir uns hier in einer Art kapitalistischem System befinden. Weil es gibt ja die Elite, die viel Geld haben für ihre Schönheitsoperationen und so.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall.
Florian Bayer: Und es gibt offensichtlich auch die armen Menschen.
Johannes Franke: Wobei auch die Elite, wozu dir ja auch unser Sam zählt, in so einem riesigen Wohnkomplex wohnt, so ganz anonym und ganz karg. Irgendwie, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Und das Krasse ist, es gibt keinen Beruf außer dieser staatlichen Arbeit. Das ist halt das, was so ein bisschen gegen ein kapitalistisches System spricht, dass du hier eine Gesellschaft hast, in der anscheinend alle für den Staat arbeiten und die einzigen, die nicht für den Staat arbeiten, sind Terroristen. Weil alles ist, also das ist ein höchst effizientes System, weil alles irgendwie diesem Staat untergeordnet ist. Und offensichtlich bist du entweder Beamter,
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Oder Terrorist.
Johannes Franke: Also würdest du auch die Reparatur von dem Air Conditioning-Ding auch als Beamter...
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Das sind auf jeden Fall staatliche Arbeiter. Und der Tattel ist ein Terrorist, weil er ein Freelancer ist. Ja, genau. Weil er nicht in diesem System arbeitet. Das ist eine Art von Terrorismus. Und ganz unabhängig von der Frage, was für ein wir das haben, ist das natürlich ein total spannendes Konstrukt, so eine Gesellschaft, die so gut als großes Uhrwerk gebaut ist, dass die Zahnräder wirklich komplett ineinander greifen und es nur noch Zahnräder gibt. Also, eigentlich dieses Leviathan-Ding. Die Gesellschaft ist ein riesiges Monster und alle sind ein Körperteil von diesem Monster.
Johannes Franke: Aber das Krasse ist ja, dass die ganze Zeit von Anfang, also die erste Szene schon mit dieser Fliegel, die da reinfällt, es ist ein dysfunktionales System. Ja. Das heißt, von einem Uhrwerk kannst du ja schon fast nicht mehr reden, weil ein Uhrwerk ja wirklich ineinander greift, während das ja schon nicht mehr ineinander greift. Die ganzen Rohre, die überall rumhängen, wo du denkst, okay, wenn da auch nur irgendwo ein Loch ist, ist alles im Arsch.
Florian Bayer: Aber das Funktional ist relativ. Ich meine, dass der KF in der Schreibmaschine landet, macht dem System nicht viel aus. Also es gibt halt Kollateralschäden, aber die Menschen sind ja auch entbehrlich. Die Menschen sind nicht wichtig für das System.
Johannes Franke: Also das System an sich ... habe ich ja mehr so, das macht sich sehr deutlich in der Szene, wo sie versuchen, die Airconditioner zu reparieren, als Tierbegriffen, als eigenes Lebewesen als Tier, weil die machen diese Wände da auf, da kommen dir die ganzen Organe quasi entgegen, also Also die ganzen Rohre und die ganzen Schläuche und so. Und dann hast du so ein pumpendes Teil, das aussieht wie so ein Herz. Ja. Dieser Blasebalk, der da drin ist. Und das ist halt so ein Herz für sich. Und dann hast du irgendwie das Gefühl, okay, da haben sie ein Monster geschaffen, das für sich lebt. Ja.
Florian Bayer: Das ist ja auch tatsächlich dieser Leviathan-Mythos, der so ziemlich bekannt ist. Also Leviathan, dieses eigentlich Sehungeheuer aus der... aus der jüdischen Mythologie, das dann von Thomas Hobbes zu Beginn der Neuzeit als Metapher für einen großen Staat genommen wurde, wo gesagt wurde, eigentlich... Eigentlich sollte der Staat unbezwingbar sein wie so ein Monster. Und ... ein Teil dieses Monsters ist dann halt eben, dass alle Menschen irgendwie ein Teil dieses Monstrums sind und so eine Körper... Funktionen wahrnehmen und es gibt dann die Hände und die Beine und so weiter. Und du bist halt auch irgendwie nur Teil dieses Monsters, dann hast du den perfekten Start.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und ja, genau, wenn die Rohre aus der Wand kommen, hast du dieses Monströse wirklich umgesetzt. Ich glaube halt ... Es funktioniert ja alles. Und wenn Menschen sterben, ist auch nicht so schlimm. Das ist Teil des Systems. Ich finde diese Szene unglaublich stark, wenn er mit seiner Mutter im Restaurant sitzt.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und dann findet ein Terrorakt statt, direkt vor ihren Augen.
Johannes Franke: Und sie essen weiter.
Florian Bayer: Sie essen weiter. Und dann kommt der ... Der Chef vom Restaurant entschuldigt sich bei ihnen, sagt, ach so was ist bei uns noch nie passiert und neben ihnen liegen Leute auf den Boden und bluten und schreien und dann wird am Schluss noch so ein Paramount gestellt, damit sie das Leid nicht mit ansehen müssen.
Johannes Franke: Es ist unglaublich. Ich finde es krass, es ist wirklich eine krasse Szene. Die Anschläge kommen mir immer wieder vor, aber das ist natürlich so ein zentraler Szene, wo das einmal so richtig offensichtlich gezeigt wird, dass es einfach so Alltag ist und dass es einfach, dass sie sagen, sorry, wir stellen jetzt was dazwischen, damit ihr es nicht sehen müsst, aber esst ruhig weiter und irgendwie die eine dann noch so ... so ein bisschen sich aufregt und sagt, ihr müsst im Ministerium, macht doch mal was gegen diese ganzen Terroristen. Also wirklich.
Florian Bayer: Und er entgegelt dann ganz so trocken.
Johannes Franke: Mittagspause. Ja.
Florian Bayer: Das ist total krass. Diese Terroristen kriegen kein Gesicht in dem Film.
Johannes Franke: Überhaupt nicht.
Florian Bayer: Der einzige Terrorist, den wir kennenlernen, ist Tattel und dessen Terrorakt ist es eben nicht, was kaputt zu machen, sondern was zu reparieren.
Johannes Franke: Was total schön ist, Ich wollte dir erst als Top 3 eigentlich aufgeben, aber ich hatte nicht die Zeit, das zu recherchieren. Das ist ein großes Ding. Filme, in denen man sagt, was, der spielt da mit? Ja. Tattel!
Florian Bayer: Robert De Niro!
Johannes Franke: Es ist unglaublich, Robert De Niro. Und Robert De Niro wollte eigentlich unbedingt Jack spielen. Und dann hat aber leider Terry Gillman das schon versprochen, an Dingens zu geben, an seinen Kompagnon aus Monty Python. Und dann hat Robert De Niro gesagt, dann gebt mir irgendwas anderes, ich will unbedingt mitspielen. Und dann haben sie ihm das gegeben, diese Rolle. Und er war wohl a pain in the ass. Ja.
Florian Bayer: Und er hat voll Spaß dabei. Er hat danach gesagt, das ist immer so toll, das hat Spaß gemacht. Jederzeit wieder. Das haben wir öfter. Die haben öfter so Filme, wo alle zu dem Darsteller sagen, das war grauenhaft, mit dem arbeite ich nie wieder. Und der Darsteller sagt, ja, es war cool, es hat Spaß gemacht. Wir haben einen guten Film gedreht hier zusammen.
Johannes Franke: Jederzeit wieder. Da sieht man mal, mit welcher... in welcher Welt Schauspieler teilweise leben. Ich kenne das ja nun auch. Man wird so von hinten bis vorne gepudert, Dass man nicht mitbekommt, welche Probleme man so verursacht, weil das alle von einem fernhalten und sagen, nein, nein, mach deinen Job, ist in Ordnung, wir machen das schon. Oh.
Florian Bayer: Ja, das Schlimme an Robert De Niro ist wohl, dass alle Angst vor ihm haben, weil er so ein Perfektionist ist.
Johannes Franke: Ja, und er wollte irgendwie ... Terry Gilliam hat für diese ... für diesen Film einen Durchschnitt von zwei, drei Takes pro Dingens gehabt, weil er einfach alles vorbereitet hat. Er ist einfach sehr gut vorbereitet ans Set gekommen. Und Robert De Niro ist bestimmt auch sehr gut vorbereitet als Set gekommen. Aber er ist einer, der muss dann unbedingt 20 Takes machen. Und eigentlich steht es dem Schauspieler gar nicht zu, zu sagen, ich will hier 20 Takes. Aber der ist jemand, der kommt dann ans Set und sagt, das läuft so, wie ich das will oder gar nicht. Das ist so krass. Und dann will er 20 Takes von etwas, weil er sagt, ah, und er hat auch seinen Text nicht ordentlich gekonnt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das war total krass. Und dann sitzt er da, und dann denkst du dir, ach, Ach du Scheiße, was habe ich mir da aufschwatzen lassen? Ich wollte ihn eigentlich gar nicht.
Florian Bayer: Und auch noch für so eine kleine Rolle, ne? Also ich meine, der Tattel... ist natürlich schon insofern wesentlich wichtig, weil gezeigt wird, wie Subversion in diesem System funktionieren kann. Aber eigentlich ist er so eine Goof-Rolle. Er ist so ein Comic-Relief auch ein bisschen, wenn er so ankommt, so total verrückt und dann da so ein bisschen was rumbastelt. und irgendwie an den Schrauben treten und sagt, so, jetzt hab ich das repariert und jetzt hau ich wieder ab. Genau wie die beiden Handwerker, die eigentlich seine Arbeit machen sollten. Übrigens, zweite Rolle, wo man denkt, oh, der spielt damit.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Bob Hoskins.
Johannes Franke: Wie krass, meine Güte.
Florian Bayer: Die Figur ist vielleicht wichtig, aber es ist jetzt nicht, also da kann man sehr viele Leute reinsetzen. Da muss man nicht so einen großen Schauspieler hinpacken in diese Tattelrolle.
Johannes Franke: Also ich meine, natürlich hat er das sehr gut gemacht. Ja. Es ist total großartig teilweise, wie der diese Rolle spielt, aber er hat halt statt einer Woche zwei Wochen Dreharbeiten dann draus gemacht. was von der Planung her irgendwie echt ein Problem ist.
Florian Bayer: Und der kommt echt nicht oft vor in dem Film.
Johannes Franke: Das ist schon so...
Florian Bayer: Ja. Autschen. Ja.
Johannes Franke: Naja. Egal. Aber er ist eine eine gute Präsenz und so und Harry Gilliam hat auch gesagt, der war schon sehr gut dann auch, also er hat es einfach sehr gut gemacht, aber es muss schwierig gewesen sein.
Florian Bayer: Ja, wir waren beim System, wie dieses System funktioniert. Und du hast gemeint, es ist dysfunktional?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich würde nochmal in den Ring werfen, das ist sehr funktional, aber es macht die Menschen natürlich kaputt. Es gibt ja auch diese Szene, wenn die... Wenn unser Protagonist das System mit seinen eigenen Mitteln schlägt, wenn nämlich diese beiden Handwerker kommen und er er dann gerade von dem Tattel erfahren hat, dass es offensichtlich so ein Formular gibt und sie dann ganz schnell fragt, um sie loszuwerden, habt ihr denn das Formular? Und dann haben wir diesen einen Handwerker, der dann steht und ein Nervenzusammenbruch hat. Formular, Formular, Formular. Passierschein A38. Genau das.
Johannes Franke: Und das ist krass. Und deswegen meine ich dysfunktional. Zum einen erzählt einem Terry Gilliam ja die ganze Zeit in fast jedem Frame, Dass da ein Funken sprüht, dass da was auseinanderfällt, dass dort irgendwas nicht funktioniert. Also diese ganze Machinerie, die da gezeigt wird, also auf der rein mechanischen Ebene, das Ding fällt auseinander.
Florian Bayer: Aber das Ministerium hält es zusammen.
Johannes Franke: Ja, aber... Terry Gilliam will uns das ja nicht umsonst um die Ohren hauen, dass das alles auseinanderfällt, weil es eben nicht funktioniert, weil es einfach am Ende... Zwar durch ganz viele Schreibtischtäter irgendwie zusammengehalten wird, aber eigentlich funktioniert es nicht.
Florian Bayer: Aber es ist stärker als die Menschen, die darunter leiden, dass es auseinanderfällt. Das ist themisch.
Johannes Franke: Noch.
Florian Bayer: Findest du, dass sich in diesem Film irgendeine Art von Revolution andeutet?
Johannes Franke: Mit jeder Explosion?
Florian Bayer: Nee, die Explosionen kommen alle von denen.
Johannes Franke: Was?
Florian Bayer: Das sind alles False Flags. Sie jagen Terroristen wie diesen Tattl, weil der was repariert, was er nicht reparieren darf. Aber sie jagen diese anderen Terroristen nicht. Die anderen Terroristen haben sie doch nur, um das System irgendwie stabil zu halten. Ich gehe fest davon aus, dass es im Ministerium eine Terrororganisation gibt. Wahrscheinlich gibt es sogar einen Namen dafür, Ministerium für Terroranschläge. Und dass die dafür verantwortlich sind, hin und wieder mal Bomben zu zünden. Weil die so casual da reinkommen und weil die eine Möglichkeit geben, die Nachrichten zu füllen, weil das machen sie letzten Endes, dass ein Nachrichtensprecher sagen kann, Diese Terroranschlage kommen von Leuten, die nicht kapiert haben, dass sie längst verloren haben und dass wir eigentlich die Sieger sind. Und der einzige wirkliche Terror, der von außerhalb kommt, sind halt Leute, die als Freelancer arbeiten, die außerhalb dieses Systems arbeiten.
Johannes Franke: Aber wie sinnlos ist das denn, wenn ich jetzt nach Nordkorea gucke oder so? Südkorea? Moment.
Florian Bayer: Nordkorea sind böse. Nicht durcheinanderwerfen. Südkorea, gut. Nordkorea, böse.
Johannes Franke: Also, wenn ich in Nordkorea gucke, die haben ja keinen... Die sagen alle einfach immer nur ihren Leuten, alles ist schick, wir sind das bessere System und keiner ist dagegen.
Florian Bayer: Corona ist besiegt.
Johannes Franke: Genau. Aber es funktioniert ja auch einigermaßen da innerhalb des Landes, innerhalb des Landes. Einigermaßen, so im Rahmen der Möglichkeiten. Also ich glaube nicht, dass ein Staat... eigene Terroranschläge braucht, um den Leuten sagen zu können, hier, die versuchen es, aber sie scheitern.
Florian Bayer: Nee, ich glaube, es ist eine Art von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Wenn es die Terroranschläge nicht gäbe, dann hätten die echt viele Leute auf der Straße. Ja, das würde wahrscheinlich auch noch dazu kommen. Aber vor allem hätten sie so viele Leute, die in den Ministerien dafür verantwortlich sind, aufzuräumen hinter den Terroranschlägen, die plötzlich... Arbeitslos werden. Das würde nicht funktionieren. Das ist ein wichtiger Teil des Systems. Und selbst wenn der Staat nicht dafür verantwortlich ist ... Es ist trotzdem ein wichtiger Teil des Systems, dass die Terroranschläge weiter stattfinden.
Johannes Franke: Apropos Terroranschläge und Oppressing State, Hitler. Ja. Also diese Verwechslung dieser Namen. hat ihren Ursprung in einer Sache, die passiert ist, als Hitler seine Gegner hat umbringen lassen.
Florian Bayer: Oh.
Johannes Franke: Ja, da gab es nämlich eine große Säuberungsmaßnahme und eine Liste von Namen. Und da gab es einen Schmidt mit DT und einen Schmidt. ohne T am Ende, sondern nur D. Und den haben sie umgebracht, statt den mit DT. Und dann hat Hitler tatsächlich jemanden hingeschickt, um ihn finanziell zu entschädigen. Also die Frau finanziell zu entschädigen dafür. Total krass.
Florian Bayer: Sehr fair.
Johannes Franke: Absolut fair, total.
Florian Bayer: Wenn ein Fehler gemacht wird, muss das korrigiert werden, ist doch klar.
Johannes Franke: Wie viel ist dein Leben wert?
Florian Bayer: Es ist tatsächlich krass, wie dieses System die ganze Zeit mit Menschenleben umgeht. Zum Beispiel, dass sie auch nicht sagen können, dass sie ihn umgebracht haben. Dass die Wörter, die da benutzt werden, die ganze Zeit completed werden. Sagt Jack irgendwann zu dem. Und immer wenn gefragt wird, ihr habt den doch umgebracht oder was mit dem passiert, dann werden so viele verschiedene Begriffe benutzt. Was natürlich auch so eine klassische Referenz ist, im Nationalsozialismus hatten wir das genauso. Da gab es ja diese... unzähligen Begriffe, um letzten Endes Exekutionen zu umschreiben. Sowas wie Sonderbehandlung, was CSS gemacht hat. Das ist dann Sonderbehandlung. Zehn Leute wurden der Sonderbehandlung zugeführt mit Maschinengewehren. So ungefähr als Formulierung. Und das ist in diesem Film auch so krass, in dieser Gesellschaft, dass sie so weit von der Menschlichkeit entkoppelt sind.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: dass der Prozess des Tötens überhaupt nicht mehr in Worte gefasst werden kann und dass stattdessen eben diese funktionalen Begriffe gewählt werden.
Johannes Franke: Ja, ja. dafür völlig entmenschlicht.
Florian Bayer: Entmenschlicht, ja. Und dann ist es natürlich auch irgendwie logisch, wenn du sagst, und das finde ich ist eben diese... das starke Motiv, das dieser Film dann aufmacht, dass die einzige Möglichkeit, in diesem System noch zu siegen, gegen dieses System noch zu siegen, ist eben ... sich komplett dicht zu machen und zu verschwinden in dieser Form von Eskapismus. was dann eben am Schluss passiert. Sie sagen ja, also für sie ist es ja wirklich eine Niederlage, wenn er dann am Schluss in dem Folterstuhl sitzt und Irgendwie so einfach leer vor sich hin statt. Sie haben ihn verloren. Er hat gegen sie gewonnen.
Johannes Franke: Irgendwie ... Naja, ich bin mit Terry Gilliam nicht so richtig überein, was das Happy End betrifft, aber naja.
Florian Bayer: Naja, du würdest sagen, du bist eher auf der Seite von 20th Century Fox und Universal.
Johannes Franke: Oh, ist das gemein.
Florian Bayer: Universal waren vor allem die Bösen. wollte ein zuschauerfreundlicheres Ende. Und es ist klar, was die wollten. Die wollten, dass das nicht ein Traum ist, sondern dass wir am Schluss ... Ist das hart? Was für eine krasse Geschichte das auch ist.
Johannes Franke: dass Terry Gilliam zu ganz krassen Mitteln greifen musste, um durchzusetzen. Der Film in Amerika, in Europa, wurde der ganz problemlos im Original, so wie er es geschnitten hat, rausgebracht.
Florian Bayer: 20th Century Fox waren die, die gesagt haben, wir machen das international und die das ohne Probleme haben durchlaufen lassen, so wie Terry Game es geplant hat. Universal hat dann angefangen, Stress zu machen.
Johannes Franke: Und in Amerika wollten die das halt irgendwie als Happy End rausbringen, wo ich dann da sitze und denke, what the fuck, gibt es dann zwei Versionen auf der Welt? Was ist das denn für ein Happy End und ohne Happy End? Das ist doch keine... Was ist das für ein Distributionskonzept? Und dann... Hat Terry Gilliam das, wurde gefragt, ob er irgendwo so Lehrveranstaltungen durchführen kann? Und hat dann gesagt, ich würde gerne Clips daraus zeigen. Und hat dann nur den ganzen Film gezeigt. Ja, da hat er die ganze zwei Wochen lang oder sowas an verschiedenen Stationen diesen Film einfach gezeigt. Und dann hat ihn jemand gesehen von irgendeiner Jury. die ihnen dann irgendeinen Preis gegeben haben. Ich weiß nicht mehr genau, was es war.
Florian Bayer: Es gibt wohl mehrere Mythen, Und es ist ganz schwer, hier auch so ein bisschen Realität von Fiktion und vor allem von Gilliam die weltgebrachte Fiktion zu unterscheiden. Weil Gilliam ist dann natürlich auf große Promotour gegangen mit seinem fertigen Film. Der Film war fertig und Universal wollte den unbedingt... Happy End geben. Die haben auch gesagt, lass uns doch Testvorführungen machen und dann haben sie ein zweites Schnittteam genommen. Ja. Ohne das Terry Gilliam davon wusste. Und die haben die drangesetzt und haben die ... schneiden lassen. Und es war wirklich ein großer Konflikt zwischen Studio und Regisseur, so ein ganz klassischer Konflikt. Und Gilliam ist dann wohl So proaktiv geworden und hat angefangen, genau, es gibt diese eine Geschichte, dass er an der University von Kalifornien, dass er da dann seine Version gezeigt hat. Und das dann ... Also, so wie sich mir die Geschichte dargestellt hat. Ich hab so das Gefühl ... ist sehr viel so Mythologie und Realität durcheinander. Ich glaube, Gilliam hat dann angefangen, an die Fachpresse so ein bisschen... zu pushen. Hatte ein paar Freunde beim Feuilleton sitzen und hat dann gesagt, willst du nicht mal schreiben?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: dass das doch nicht geht und so weiter. Auf jeden Fall ist dann halt irgendwann passiert, dass da Kritiker angefangen haben zu fragen, wie kann das sein, dass der Film, der fertig ist, der offensichtlich gut ist und den Preis bekommen soll. Und sich vorenthalten wird.
Johannes Franke: Vor allem, dass er den Preis bekommt, ohne dass er veröffentlicht ist. Was völlig absurd ist.
Florian Bayer: Man könnte es wirklich so als Grassroot-Bewegung, frühe Grassroot-Bewegung in ... im kulturellen Umfeld sagen, die haben es geschafft, das Studio, das mächtige Studio, wir reden hier immerhin von Universal, zu zwingen, den Film dann so zu veröffentlichen, wie Terry Gilliam wollte. 142 Minuten, am Schluss sitzt jemand im Folterstuhl Und wurde so lange gefoltert, bis er komplett desistiert ist. Also Glückwunsch. Großartig, dass das so gekommen ist. Aber ja, ist eine krasse Geschichte. Und du sagst, um noch mal darauf zurückzukommen, du kannst nicht so ganz damit gehen, dass das ein Happy End ist.
Johannes Franke: Naja, im Rahmen seiner Möglichkeiten ist er wahrscheinlich im besten Outcome, das er haben konnte. Also unsere Hauptfigur. Ich glaube auch, dass ein Körper ja nur deswegen dissoziiert, weil er das einfach irgendwie nicht mehr auf die Reihe kriegt und es als einzigen Ausweg sieht. Und ich sehe auch keinen wirklich besseren Ausweg, aber es ist trotzdem bitter.
Florian Bayer: Es ist bitter, ja.
Johannes Franke: Und das als Happy End zu verkaufen, ist vielleicht ein bisschen viel.
Florian Bayer: Das Puzzle teilweise für mich ... plausibel macht, zu sagen, okay, es ist rund, es ist auch ein IBM, das funktioniert, so ist der Titel und ... Die Herkunft des Titels.
Johannes Franke: Ja, gut, okay. Aber das ist auch süß. Erzähl mal.
Florian Bayer: Ja, Brasil, man guckt sich diesen Film an und fragt sich, zumindest geht es mir so, what? Warum Brazil? Der Name kommt von einem Song Aquarela do Brasil von Ari Barroso aus dem Jahr 1939. Ein wirklich schöner ein wirklich schönes Gitarrenlied, das so sehr melancholisch ist und gleichzeitig aber so eine optimistische Note hat. Und Harry Gilliam war wohl irgendwann mal in England am Strand. Und wie es in England am Strand ist, das Wetter ist scheiße. Nebel, Regen, nimm was du willst. Auf jeden Fall willst du nicht in England am Strand sitzen. Wenn du Strandurlaub machst, machst du den nicht in England. Punkt. Ich habe noch nicht ganz verstanden, was du meinst.
Johannes Franke: Schlechtes Wetter, England, ich verstehe es nicht.
Florian Bayer: Und dann saß da jemand und hat dieses Lied gehört im Radio. Und der muss wohl total ... zufrieden ausgesehen haben. Und Gilliam hat den gesehen und hat die Umgebung gesehen und diesen Kontrast und hat gesagt, Mensch, das ist ja interessant. Der ist einfach glücklich. Der ist happy. Der geht komplett auf in diesem Lied. Und das ist das, was dieser Film uns auch erzählt. Wir haben eine wirklich düstere Umgebung ist noch ein bisschen schlimmer als Regen in England. Wobei Regen in England schon schlimm ist. Wir haben dieses komplett dystopische, kaputte System, das sich trotzdem irgendwie, zumindest meiner Meinung nach, für alle Zeit am Leben halten wird.
Johannes Franke: Dass du gerade mit England verglichen hast?
Florian Bayer: Ja. Hey, Brexit, Johnson, was willst du mehr? Und dann haben wir diesen Typen, der eben... eine Form von Eskapismus gefunden hat, die immer so eine melancholische, auch bittere, tragische Note mit sich trägt, aber trotzdem auch irgendwie sagt, hey, irgendwie ist das Leben auch schön. Trotz diesem ganzen Fuck-up. Und wenn es nicht anders geht, dann mache ich es mir halt schön.
Johannes Franke: Ja. Ähm, natürlich. Ich finde auch, dass der Song so wahnsinnig gut reinpasst. Das ist ja dann totgeritten worden von ganz vielen, äh, Videospielen, die so düster romantisch sind oder irgendwelchen Horrorsachen wie bei American Horror Story, wo sie dann eine sehr düstere Szenerie mit so einem leichten Bossa Nova unterlegen. Das, ja...
Florian Bayer: So der Klassiker ist ja dieses Somewhere Over the Rainbow von diesem hawaiianischen Musikar unterlegt auf Zombie-Attacken oder Weltkrieg-Szenarien oder was auch immer. Also das ist eigentlich eine ganz billige Art, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, indem man einfach eben so eine Dichotomie macht zwischen Bild und Ton.
Johannes Franke: Genau. Was für mich immer ganz gut funktioniert, was aber trotzdem so ein bisschen abgelutscht ist inzwischen. Was aber dieser Film durch seine... durch sein Konzept, das er durchzieht, einfach sehr gut macht. Das ist gar nicht so sehr, dass man einmal eine besonders schlimme Szene, oh, wer macht eigentlich bei Lars von Trier, diese Oper auf diese schreckliche Szene, wo das Kind aus dem Fenster fällt. Genau solche Sachen sind das. Und du denkst dann irgendwann, naja, gut, okay, ja, so. Aber Terry Gilliam hat das ja als Konzept den ganzen Film durchgezogen. Jeder summt dieses Lied einmal, es kommt mal im Radio oder was oder es wird am Ende nochmal und er hat ja am Ende auch nochmal diesen Moment, wo er da so ganz einfach da sitzt und entrückt vor sich hin summt. Und auch der ganze Soundtrack, der drumherum gebastelt und gebaut wurde, ist im Grunde eine Varianz des Hauptthemas.
Florian Bayer: Geoff Moldau ist der Verantwortliche, der nochmal eine Extraversion davon gemacht hat, von diesem Song Aquarello de Brasilien.
Johannes Franke: sehr, sehr gut, finde ich. Und auch das Pfeifen, was irgendwann dazugekommen ist, was in diesem Lied drin ist, das ist so gut gemacht. Ich finde es ganz so toll.
Florian Bayer: passt als Gesamtkonzept und es umgeht auch irgendwie diese Klischees. Also es ist halt nicht so, wie es heutzutage sehr oft gemacht wird bei Filmen, dass du eben leichte Musik, düstere Bilder hast, sondern es ist irgendwie, es ist so eingebettet, dass du nicht das Gefühl hast, dass es zum Klischee wird.
Johannes Franke: Ja, es ist super.
Florian Bayer: Und damit ist der zweite Teil der Trilogy of Imagination von William... vollendet. Tim Bennett ist der Erste und Binschhausen sollte der Dritte sein dann.
Johannes Franke: Aber er hat das auch als ersten Teil einer anderen Trilogy genommen. Was er dann später wieder abgestritten hat. Also es ist alles auch nur Gewichse.
Florian Bayer: Absolut. Wenn du gegeben bist, darfst du das.
Johannes Franke: Das stimmt. Oh Mann. Wollen wir uns in die Top 3 reinwoppen?
Florian Bayer: Wenn wir jetzt schon so viel über dystopische Systeme geredet haben, dann müssen wir sie uns auch anschauen.
Johannes Franke: Ja, sehr schön. Dann haben wir doch unsere Dystopien. Es ist ein sehr langweiliger... Top 3, muss ich mal sagen. Ich hätte gerne eher eine aufregendere gehabt, aber ich hätte nicht die Zeit, da richtig viel zu... Deswegen einfach Top 3 Dystopien und ich versuche ein bisschen zu vermeiden, dass sich die Sachen, die wir immer wieder drin haben. La Jetée und so, das wäre absolut in meiner Liste, lasse ich raus.
Florian Bayer: Ja, ich habe auch eine lange Liste und ganz viele Sachen, wo ich dachte, die habe ich schon tausendmal erwähnt. Deswegen will ich einmal nur ganz kurz so in den Raum werfen, was ich schon oft erwähnt habe. Wir haben eine eigene Episode zu Stalker. Großartige Dystopie auch. Mensch, der gegen die Natur und ... in der Natur und irgendwie, hört euch die Folge an, großartige Episode, wir reden sehr, sehr lange und sehr ausführlich über den Menschen in der Gesellschaft, den Menschen in der Natur.
Johannes Franke: Wenn ihr hören wollt, wie ich versuche, mit einem Film kämpfe, weil ich ihn irgendwie mögen will, aber auch Schwierigkeiten damit habe, hört da rein.
Florian Bayer: Snowpiercer, großartiger Film vom Regisseur von... Parasite, der ja vor einem Jahr bei dem Oscar so krass abgeräumt hat. Tolle Diskussion.
Johannes Franke: Ist schon länger her? Sorry. Ich glaube ...
Florian Bayer: Parasite ist, glaube ich, 2021? Nein, 2019. Alter, du hast recht, 2019. Vom Parasite-Regisseur, der offensichtlich älter ist als ich. Ich dachte, Snowpiercer ist ein toller Film, in dem ein Zug durch eine apokalyptische Landschaft fährt, die nur aus Eis besteht und in dem Zug selbst gibt es eben so ein krass hierarchisches Gesellschaftssystem, wo ganz hinten die Das Lumpenproletariat ist ganz vorne die Oberklasse. Und dann kämpfen sich ein paar Leute von ganz hinten bis ganz nach vorne. kommen durch die verschiedensten Abteile und es wird immer absurder, toller Film. Children of Men haben wir, glaube ich, auch schon mal genannt als großartige Dystopie, bei der Frauen plötzlich keine Kinder mehr kriegen können. Und die Menschheit droht auszusterben.
Johannes Franke: Und dann gibt es eine Schwangere irgendwie.
Florian Bayer: Und dann gibt es plötzlich doch eine Schwangere. Toller Film. Sehr, sehr, sehr zu empfehlen. Und ich muss anfangen mit den Top 3 jetzt. Ja. Mein Platz 3, ich hab versucht, Dystopien zu finden, die Gesellschaftssysteme darstellen, die ... düster, erschreckend und unheimlich sind. Und mein erster Film ist aus dem Jahr 2014, der eine... krasse, wie soll ich sagen, monochrome, konformistische Gesellschaft darstellt. in der Menschen gezwungen sind, du grinst schon, was kommt jetzt? Mach mir meinen Twist nicht kaputt. In der Menschen gezwungen sind, nach Plänen zu bauen und nicht aufhören können zu bauen und immer nur nach Plänen bauen müssen. Und einer...
Johannes Franke: Ist das ein Lego-Film?
Florian Bayer: Das ist ein Lego-Movie.
Johannes Franke: Nein, geil!
Florian Bayer: Aus dem Jahr 2014. Ein wirklich guter Film. Scherz beiseite, er ist ein wirklich guter Film, der sich auseinandersetzt mit der Fragestellung, Sollte man Lego nach Anleitung bauen oder sollte man frei bauen?
Johannes Franke: Ja, das ist ein sehr dystopisches Thema.
Florian Bayer: Und die gefährlichste Waffe, die der Oberbösewicht in diesem Film hat, ist der Kleber.
Johannes Franke: Oh nein.
Florian Bayer: Weil damit wird alles fixiert und der will alles fixieren. Auch Menschen. Das ist wirklich ein düsterer Film. Lego Movie aus dem Jahr 2014. Absolut sehenswert. Fuck. Du bist dran.
Johannes Franke: Du hast den Top 3 kaputt gemacht. Okay, dann nehme ich jetzt auch, naja, da werde ich nicht rankommen. Ich nehme als Top 3 jetzt einfach auf Platz 3 die Truman Show. Das ist für ihn eine Dystopie und er lebt, obwohl er das nicht weiß.
Florian Bayer: Und das Krasse ist bei der Truman Show, dass wir hier eine Dystopie haben Ende 90er, ne? 98. Und so viel, was in diesem Film gezeigt wird, hat was Prophetisches. Wenn man sich anschaut, wie dann dieser Reality-TV-Room in den Jahren danach war.
Johannes Franke: Ja, der Hammer. Aber vielleicht ist er auch ein bisschen Schuld mit?
Florian Bayer: Oh Gott, ich hoffe doch nicht.
Johannes Franke: Ja, aber das kann sein. Also wie Kunst immer das Leben inspiriert.
Florian Bayer: Kunst imitiert Leben, Leben imitiert Kunst. Genau. Wobei ich glaube, Big Prada, die erste Staffel, die gab es.
Johannes Franke: früher.
Florian Bayer: Gab's früher, aber nicht viel früher. Ich würde behaupten, das ist so ungefähr dieselbe Zeit.
Johannes Franke: 1997? Nee, 1999.
Florian Bayer: 1999 in den Niederlanden wurde die erste Staffel Big Brother ausgestrahlt.
Johannes Franke: Oh, wow.
Florian Bayer: Ja, guter Film auf jeden Fall. Großes Hollywood-Kino.
Johannes Franke: Ja, absolut.
Florian Bayer: Mein Platz zwei. Er wird immer genannt, wenn es um Dystopien geht. Aber ich finde, er hat es auch verdient, genannt zu werden, weil es wirklich ein starker Film ist. Soylent Green, in Deutschland bekannt unter dem Filmtitel Jahr 2022.
Johannes Franke: die überleben wollen.
Florian Bayer: Ein Film, in dem eine Welt präsentiert wird, in der... die Menschen sich so krass vermehrt haben, dass Überbevölkerung das größte Problem ist. Die Umwelt ist komplett zerstört. Und die Menschen vegetieren in diesen Städten vor sich hin, wo sie wirklich... wirklich gestapelt aufeinander schlafen. Es gibt krasse Szenen von Hauseingängen, wo einfach zahllose Leute liegen, die keine eigene Wohnung haben. Und ein Polizist, gespielt von Charlton Heston, kommt einer großen Verschwörung auf den Grund. Und ja, der Plot-Twist am Ende des Films ist eigentlich auch schon so mimetisch geworden.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Das weiß einfach jeder.
Florian Bayer: Starker Film. Wenn ihr den Plot Twist noch nicht kennt, will ich ihn jetzt nicht spoilern. Guckt ihn euch an, das ist wirklich ein guter Film. Der ... vielleicht ein bisschen out of date ist, aber immer noch unterhaltsam ist.
Johannes Franke: Okay. Ich hätte auf Platz zwei Westworld Als Serie.
Florian Bayer: Oh ja, die Serie.
Johannes Franke: Die Serie. Es ist einfach großartig. Ich weiß nicht, ob ihr die Filme kennt. Die sind sehr trashig.
Florian Bayer: Nein, die Filme sind gut.
Johannes Franke: Die sind trotzdem trashig.
Florian Bayer: Ein bisschen trashig, aber die sind trotzdem gut.
Johannes Franke: Und sie haben irgendwie nicht mehr wirklich viel mit der Serie zu tun. Also andersrum, die Serie mit den Filmen nicht. Also so ein bisschen ein paar Grundideen sind noch mit dabei, aber man merkt einfach, die haben sehr viel Geld und Zeit darin investiert, sich was Gutes auszudenken, was... Die Weiterentwicklung des Films ist.
Florian Bayer: Hast du denn Staffel 2 und 3 gesehen?
Johannes Franke: Ich habe die letzte Staffel, glaube ich, noch nicht gesehen. Staffel 2, ja ... Und Schlöffel, obwohl, nee, Moment. Ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Schlöffel 3 ist die aktuelle.
Johannes Franke: Ich glaube, die habe ich noch nicht gesehen.
Florian Bayer: Ich habe nur die erste Staffel gesehen und hatte das Gefühl, wow, das ist danach so gut abgeschlossen, das muss ich gar nicht weitergucken. Und jetzt lese ich immer mal wieder so, guckt euch das weiter an.
Johannes Franke: Ja, es ist wirklich saugut. Ich weiß nicht, ob Staffel 3 jetzt auch noch so gut ist, aber es ist wirklich... So gute Ideen und so gute Überlegungen und so viel Gesprächsstoffanregung.
Florian Bayer: Es ist toll. Die erste Staffel gehört mir zum Großartigsten, was in den letzten Jahren im Fernsehen gelaufen ist.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Und mit einem absolut schrecklichen, düsteren Menschenbild.
Johannes Franke: Ja, da ist jemand sehr depressiv mit der Menschheit. Ja.
Florian Bayer: Das Krasse ist, dass sie es schaffen. Das Hauptthema des Films war ja, des ersten Films aus den 70ern, war ja, dass die Menschen Roboter schaffen und sie müssen aufpassen, dass ihre Schöpfung ihnen nicht entgleitet, weil die Roboter sind gefährlich und könnten die Menschen töten. Und der Serie ist eigentlich das Motiv, die Menschen schaffen Roboter, damit sie ihre Bösartigkeit ausleben können, weil die Menschen in diesem Film sind die Monster. Und wir haben eigentlich 18 Folgen oder keine Ahnung, wie lange die erste Staffel geht, wo Roboter leiden, weil Menschen sie quälen.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und du hast irgendwann die Menschheit und du freust dich über jeden Roboter, der mal einen Menschen umbringt irgendwann.
Johannes Franke: Ist krass, ne? Ist so gut und so gut aufgebaut und so langsam erzählt und nicht zu langsam, sodass man irgendwie anfängt. da das Tempo zu vermissen, sondern es ist einfach wirklich gut aufgebaut nach und nach. Dein Platz zwei, eins.
Florian Bayer: Mein Platz eins, ich befürchte, ich nehme dir deinen Platz eins weg, eventuell. der eigentlich das in den 70ern gemacht hat, was Terry Gilliam in den 80ern mit Brasil gemacht hat. wirklich großartige Dystopie erzählt zwischen Satire und Fantasy und Schönheit. Schmutz, Clockwork Orange von Stanley Kubrick.
Johannes Franke: Ah ja, den hätte ich fast mit reingenommen. Habe ich aber nicht.
Florian Bayer: Großartig, weil er sich eben ... Zum einen mit einer kaputten Gesellschaft auseinandersetzt und dann erst so im Nachklang auf die staatlichen Strukturen guckt, die hinter dieser kaputten Gesellschaft stehen. Und einem sehr viele, ah, deswegen ist das so, ah, das kommt davon, Momente gibt.
Johannes Franke: Ja, der ist gut. Mein Platz 1 ist sehr Johannestypisch. Metropolis.
Florian Bayer: Ach so, natürlich Metropolis.
Johannes Franke: Das muss natürlich sein. Ich weiß, ich wollte alle Sachen rauslassen, die einfach schon zu oft vorgekommen sind. Du kannst Metropolis nicht rauslassen bei sowas.
Florian Bayer: Metropolis ist ein unglaublich starker Film. Also... Vollkommen zu Recht, Stumpf im Meisterwerk. Einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Films der damaligen Zeit.
Johannes Franke: Ja, ja. Da müssen wir auch jetzt nicht groß drüber reden. Können wir ja irgendwann mal machen. Wir können ja mal über Metropolis reden.
Florian Bayer: Sehr gerne. Ja, ich würde auf jeden Fall, also wir sollten auf jeden Fall mal wieder so einen von den expressionistischen deutschen Sturmfilmen mit reinnehmen. Caligari hatten wir schon, ne?
Johannes Franke: Caligari hatten wir schon, fand ich auch großartig. Der Plot-Twist-Film schlechthin. Dann lass uns doch mal zurück in unseren Film, der so ein bisschen einen Plot-Twist auch hat, aber naja ...
Florian Bayer: Du meinst, dass es am Schluss ein Traum ist?
Johannes Franke: Genau, dass es am Schluss ein Traum ist, der anfängt, wo wir möchten, dass er anfängt. Hast du noch irgendwas zu sagen? Möchtest du noch irgendwie dem Film noch irgendwas mit auf den Weg geben?
Florian Bayer: Es ist merkwürdig. Man schaut diesen wirklich düsteren, bizarren Film, der ja auch ein schreckliches Menschenbild hat eigentlich. Und trotzdem hat dieser Film so eine Das Leben ist schön-Komponente drin.
Johannes Franke: Ich weiß auch nicht genau, wo ich... Ja, weil dein Happy End da drin ist, was du als Happy End wahrnimmst, was ich eher, naja, hm...
Florian Bayer: Es ist nicht nur dieses vermeintliche oder dieses Pseudo-Happy-End, sondern es ist auch irgendwie die Art, wie ... Wie der Film aufs Leben blickt. Der Film sagt, die Welt kann wirklich ziemlich im Arsch sein, aber es gibt trotzdem irgendwie noch was, wofür es sich zu leben lohnt.
Johannes Franke: Meinst du jetzt die Liebesgeschichte?
Florian Bayer: Nein! Nein. Darüber macht er sich lustig. Das ist was anderes. Ich weiß auch nicht genau, was es ist. Dieser Film hat auf jeden Fall was ich... bis zum heutigen Tag nicht so ganz gegriffen kriege. Und dafür liebe ich ihn.
Johannes Franke: Das ist es vielleicht auch. Weil das habe ich auch. Ich kann es nicht als Hoffnung definieren. Ich kann es nur als... Aber das stimmt eigentlich. Bei Melancholie, ich habe immer das Gefühl, dass es ein sehr melancholischer Film ist. Und Melancholie ist ja nun die... Die Vereinigung, seit wir alles steht Kopf gesehen haben, kennen wir die Definitionen alle, die Vereinigung von Traurigkeit und glücklichen Erinnerungen. Und irgendwie hat es dieser Film. Und ich glaube, deswegen liebe ich ihn auch so.
Florian Bayer: Auf jeden Fall können wir Terry Gilliam sehr dankbar für diesen Film sein. Wenn ihr ihn noch nicht gesehen habt, er gehört wirklich zu den wichtigen Film der Dystopie, des Science Fiction. Einfach ein wegweisender, starker Film. Übrigens, kleine Fußnote, ich hatte das nicht mehr so in Erinnerung. Ich weiß nicht mehr, als wir gedreht haben, ob ich das da in Erinnerung hatte. Aber mir ist jetzt beim Gucken vor allem als erstes aufgefallen, wie krass unser Kurzfilm Ewe doch ästhetisch inspiriert war von Brasilien.
Johannes Franke: War er das?
Florian Bayer: Naja, mit diesen nackten Röhrenfernsehern, die wir benutzt haben. Ach so, ja.
Johannes Franke: Bei uns war das mehr Not, wahrscheinlich bei ihm auch.
Florian Bayer: Ja, vielleicht. Die Röhrenpost, die wir benutzt haben.
Johannes Franke: Ja, aber das ist auch ein Thema, was wiederkehrend ist in der Filmgeschichte. Roland Post ist was, was einfach immer spannend war.
Florian Bayer: Ich hatte auf jeden Fall so das Gefühl, also wir haben vor... Mehr als zehn Jahre haben wir zusammen einen Kurzfilm gedreht. 2011 ist da rausgekommen. Da geht es auch um den Überachtungsstaat. Ich kann mich nicht erinnern, dass das eine Zeit war, wo ich viel Terry Gilliam oder wo ich Brasil geguckt hätte. Nee. aber offensichtlich hatte ich da noch was im Hinterkopf, weil als ich jetzt den Film gesehen habe, dachte ich wieder, oh doch, wir waren doch in einigen Punkten inspiriert visuell von Brasil. Oder 1984 einhalb.
Johannes Franke: Ganz viele andere Titel.
Florian Bayer: Möchtest du zum Ausklang ein paar Titel aufzählen, die dieser Film hatte?
Johannes Franke: Welche Möglichkeiten es da noch so gab? Also, The Ministry and 1948 and a Half. Es war auch ein Not zu Fellini, 8,5. Mhm. Und eben zu Orwell 1984. The Ministry of Torture war noch im Gespräch.
Florian Bayer: Auch nicht schlecht.
Johannes Franke: Mein Favorit. Echt, wirklich? Ja. Und so that's why the bourgeoisie sucks.
Florian Bayer: Okay, das ist mein Favorit.
Johannes Franke: Ich finde die alle irgendwie sehr weird und sehr seltsam und deswegen sehr passend zum Film. Der Film ist wirklich einfach sehr lustig. seltsam. Und Brasil ist natürlich ein toller Titel, weil der mit dem Song zusammengeht und so, aber Der Film hätte wahrscheinlich auch so einen seltsamen Titel verdient.
Florian Bayer: Ja, ich bin mit Brüssel auch sehr glücklich, weil er ist vielleicht auch so ein bisschen in disguise. Ja, das stimmt. Du lest den Titel und du siehst das Bild von der Frau, die die Schönheits-OP kriegt und du denkst, wow, das ist bestimmt ein spannender, cooler Science-Fiction-Film. Und dann siehst du das und denkst, oh, Johannes, vielen Dank, dass du mir nochmal dieses Uff gegeben hast.
Johannes Franke: Gerne, danke, dass du den nochmal auf dich genommen hast.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, wie ich mich bei Johannes revanchiere nächste Woche.
Johannes Franke: Ich bin gespannt.
Florian Bayer: Bleibt dran. Bis dahin euch eine schöne Woche. Wir hören uns.
Johannes Franke: Bleibt gesund. Bis dann.
Florian Bayer: Ciao. Da gäbe es noch was, ja. Und zwar wurde tatsächlich auch von einer Zuhörerin vor kurzem mal geschrieben.
Johannes Franke: Ah, und es wurde wieder geschrieben, stimmt.
Florian Bayer: Leute, wollt ihr nicht mal einen Ghibli-Film machen? Und das passt ganz gut, weil das hatte ich tatsächlich vor. Und es passt noch besser, weil ich vor ein paar Tagen mein Kind in den Urlaub zu seinen Großeltern fahren musste. Es war eine Zugfahrt von zweieinhalb Stunden.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann habe ich gesagt, so, Bela, ich habe was für uns. Wir gucken uns jetzt Prinzessin Mononoke an.
Johannes Franke: Dein Sohn hat Prinzessin Mononoke gesehen?
Florian Bayer: Ja, ja, zum zweiten Mal dann.
Johannes Franke: Was?
Florian Bayer: Ja. Wir werden darüber reden. Johannes guckt jetzt ganz schockiert. Psst, du hast den Film noch nicht gesehen. Ich geb ihn dir gerade auf. Wir sind eine Woche in der Vergangenheit. Wir werden in der nächsten Episode drüber reden, warum Johannes jetzt total schockiert ist. Du musst Prinzessin Mononoke gucken, habe ich vor ein paar Tagen vor... zu dir gesagt, du hast ihn schon geguckt.
Johannes Franke: Ich habe folgendermaßen reagiert. Hä? Was ist das?
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Nein, ich habe auch von dem Film vorher schon gehört, weil Leute im Umfeld den total abfeiern.
Florian Bayer: Wahrscheinlich neben Chihiros Reise ins Zauberland der bekannteste Studio-Geblich-Film. Aus dem Jahr 1997, Anime, japanischer Zeichentrick mit viel Mythologie, viel Geschichte und ... Naja, viele würden sagen, ein bisschen zu viel Gewalt für Kinder. Deswegen ist er auch ab zwölf. Der Einzige gibt den Film, der ab zwölf ist.
Johannes Franke: Wie alt ist dein Kind, Plur?
Florian Bayer: Sechs. Bis nächste Woche. Tschüss.
