Episode 126: Liebe von Michael Haneke
Michael Haneke ist seit den 90er Jahren eher für garstige, düstere Filme bekannt, die sich zwischen Parabel und Meta-Film bewegen. Sein Drama Liebe aus dem Jahr 2012 ist da etwas anders. Wir sprechen über die Bildsprache des österreichischen Regisseurs, sein Lavieren zwischen akademischem Anspruch und bewegendem Realismus, sowie die Hauptthemen dieser Geschichte, die ohne sentimental zu werden moralische Fragestellungen aufwirft, die alles andere als eindimensional ausgehandelt werden.
In unserer Top 3 sprechen wir über die besten Filme zum Thema Liebe im universellen Sinn. Was sind die schönsten Liebesgeschichten, die über die Darstellung eines bloßen Verliebtseins hinausgehen.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 126: Liebe von Michael Haneke Publishing Date: 2023-05-31T13:42:39+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/05/31/episode-126-liebe-von-michael-haneke/
Johannes Franke: Meine Güte, man merkt, dass du Philosophie studiert hast.
Florian Bayer: Entschuldigung. Und ich habe auch keine Antwort. Ich finde, der Film bietet beide Lesarten an.
Johannes Franke: Bist du bereit? Hast du Lust?
Florian Bayer: Ich bin bereit und ich habe Lust.
Johannes Franke: Sehr gut, wir laufen schon.
Florian Bayer: vom Muss-man-sehen-Podcast.
Johannes Franke: Der Podcast, wo wir uns gegenseitig Filme empfehlen beziehungsweise aufdrücken.
Florian Bayer: Und sagen, diesen Film musst du sehen und damit verbunden auch, diesen Film müsst ihr sehen.
Johannes Franke: Ja, also ich hoffe, ihr habt eure Hausaufgaben gemacht und habt den Film Liebe von Michael Haneke gesehen.
Florian Bayer: Eine Hausaufgabe, die Johannes gestellt hat.
Johannes Franke: Irgendwie habe ich das Gefühl, wir sind so ein bisschen mellow gerade, aber das liegt vielleicht am Film.
Florian Bayer: Ja, könnte durchaus sein. Der Film hat ja eine gewisse ruhige Atmosphäre und vielleicht haben wir uns darauf auch ein bisschen eingestellt. Johannes, genau, du hast Liebe vorgeschlagen aus dem Jahr 2012.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Warum eigentlich?
Johannes Franke: Warum eigentlich?
Florian Bayer: Oh, das ist eine harte Frage. Ich weiß vielleicht, weil er auf der Liste stand. Aber vielleicht gibt es ja auch noch einen tieferen Grund.
Johannes Franke: Ja, der Film ist gut. Also hatten wir nicht darüber gesprochen, ob wir den Film vielleicht zusammen gesehen haben?
Florian Bayer: Ja, wir hatten überlegt, nachdem du den Film schon vorgeschlagen hast, und wir waren uns gar nicht mehr so ganz sicher, Ich glaube, wir haben den zusammen im Kino gesehen, würde jetzt aber auch nicht drauf schwören.
Johannes Franke: Ja, aber ich habe ihn auf jeden Fall im Kino. gesehen und ich bin mir sicher, dass ich danach auch mit jemandem ein gutes Gespräch geführt habe und da liegt es sehr nahe, dass es mit dir passiert ist.
Florian Bayer: Das Kompliment kann ich zurückgeben. Also wir machen heute eine Revival-Folge. Davon haben wir auch immer mal wieder welche Filme, die wir beide schon gesehen haben. wo es vielleicht ein bisschen her ist. Also in dem Fall war es bei mir ein bisschen her. Ich habe den seit zehn Jahren nicht gesehen. Ich habe den tatsächlich nur einmal gesehen.
Johannes Franke: Ja, ja, ich auch.
Florian Bayer: Aber trotzdem halt versuchen auch nochmal zu finden, was hat uns damals daran bekannt. begeistert oder nicht begeistert, wie sind wir damals damit umgegangen und wo stehen wir heute in Bezug auf diesen Film?
Johannes Franke: Übrigens einer der Filme, wo man sagen muss, versucht verdammt irgendwo eine riesige Leinwand zu finden, auf dem ihr den gucken könnt. Das lohnt sich.
Florian Bayer: Gilt, glaube ich, für alle Hanneke-Filme, oder? Oder für die meisten, zumindest die, die er so im 21. Jahrhundert gemacht hat, als er so eine sehr spezielle, eigenständige Bildsprache auch gefunden hat. die natürlich inspiriert ist von diversen Filmen des europäischen Arthouse-Kinos des 20. Jahrhunderts. die trotzdem so einen eigenen Ton hat. Ich glaube, so einen Hannecke-Film erkennt man auch einfach an den Bildern.
Johannes Franke: Ich weiß nicht, ich habe bei Caché gar nicht, ich habe andere Bilder im Kopf als bei diesem.
Florian Bayer: Ja, aber Also Haneke-Filme, um es vielleicht mal so ein bisschen runterzubrechen, Haneke-Filme leben meiner Meinung nach oft von den Totalen?
Johannes Franke: die lange gehalten werden.
Florian Bayer: Und die allerdings so, wo das sehr wichtig ist, wie alles in Szene gesetzt ist, wie wie alles platziert ist. Haneke ist ein Perfektionist, was die Bildsprache betrifft.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dementsprechend wirken seine Bilder vielleicht, mancher würdest du sagen, vielleicht auch ein bisschen artifiziell? arrangiert, aber haben immer so eine Dichte und so eine Schwere. Man hat das Gefühl in den Bildern, allein schon wie die Kamera auf das Geschehen blickt, steckt sehr viel Inhalt drin und soll sehr viel Inhalt vermittelt werden.
Johannes Franke: Ist vielleicht auch der Grund, warum ich denke, dass man... auf großer Leinwand gucken sollte, weil die großen Totalen einfach auch viel zu sehen geben und man viel Gefühl transportiert bekommt. Obwohl Hannecke ja nicht unbedingt der Gefühlige von den Regisseuren ist.
Florian Bayer: Nein. Wie würdest du denn Hannecke einordnen? Wenn du sagen würdest, ich gebe ihm ein Label?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Hättest du sowas, was dir direkt so in den Kopf kommt?
Johannes Franke: Ich hätte zum Beispiel erstmal nicht erwartet, dass er Liebe dreht.
Florian Bayer: Weil er nicht so gefühlvoll ist?
Johannes Franke: Ja, weil er eigentlich gar nicht so gefühlvoll ist. Und was ihm in diesem Thema total zugute kommt, weil ich das Gefühl habe, dieser Film hätte ganz furchtbar zum Kitsch abgekriegt, Was er nicht tut, weil Haneke um jeden Preis verhindern will, dass es sentimental wird.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Was ich total gut finde.
Florian Bayer: Ich glaube, wenn ich Hanneken Label aufdrücken müsste, und wir werden nochmal herausfinden, ob das bei dem Film auch so zutrifft, würde ich sagen, er ist ein unglaublich didaktischer Regisseur. Ich sag's mal so hart und das klingt schon so wertend. Hannecke will mit seinen Filmen belehren. Hannecke hat eine Botschaft. Und Hannecke geht so vor, dass man oft als Zuschauer das Gefühl hat, dass er alles macht, um diese Botschaft... richtig reinzupflanzen. Und das macht er sehr geschickt. Also Funny Games zum Beispiel, wo es um Medienkritik geht. Oder auch Bennys Video. Und Caché auch. Also eigentlich drei Filme, wo es um Medienkritik geht.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Dann haben wir unmittelbar Vorliebe, das weiße Band, wo es ganz stark um diese Allegorisierung geht, die Entstehung des Zweiten Weltkriegs, des Faschismus. Anhand von einer Kindergeschichte, also der Film heißt schon eine deutsche Kindergeschichte, die Didaktik steckt schon im Titel. Und er will halt zeigen, wie der Faschismus entstehen konnte durch eine autoritäre, strenge Erziehung. Und das hat Haneke eigentlich immer, dass man so das Gefühl hat, der Mann hat eine Vision und diese Vision. ist auch didaktischer Natur. Er versteht Filme auch als Lehrauftrag im moralischen, vor allem im moralischen.
Johannes Franke: Was mir bei Das Weiße Band ein kleines bisschen als Zuschauer das Gucken etwas schwierig macht, weil ich dann denke... Ja okay, du musst mir nicht immer wieder erzählen, was du mir...
Florian Bayer: Wir müssen aufpassen, der Tee wird bezahlt, Entschuldigung.
Johannes Franke: Oh, der Tee.
Florian Bayer: Das war mein didaktischer Moment für heute. Johannes, du kannst den schwarzen Tee nicht länger als fünf Minuten ziehen lassen.
Johannes Franke: Der zieht schon seit 20 Minuten bestimmt. Okay. Oh Gott, wie kriege ich das jetzt hin? Alles wird gut. Alles wird gut. Achtung, Achtung.
Florian Bayer: Seid froh, dass ihr das nicht sehen müsst. Ach. Das ist heißes, tropfendes Wasser. Klingt auch sehr poetisch. Heißes, tropfendes Wasser auf die Hände eines Podcasters.
Johannes Franke: So heißt der nächste Arthaus-Film. Und ich habe noch nicht mal eine Tasse. Was ist denn los?
Florian Bayer: Ja, das weiße Band. Zu didaktisch vielleicht. Johannes kann jetzt nicht reinkrätschen, weil er gerade aufgestanden ist, um Tassen zu holen. Also dieses Didaktische wurde ihm zum Vorwurf gemacht, auch schon bei Funny Games? Ich glaube, sogar wir haben es ihm teilweise zum Vorwurf gemacht in der Episode, in der wir über Funny Games reden.
Johannes Franke: Echt? Haben wir das? Weiß ich gar nicht mehr. Ganz genau. Bei Funny Games fällt es mir aber nicht mehr so auf, rückblickend, wie bei das Weiße Band. Weiße Band habe ich jetzt lange nicht gesehen, aber da habe ich das Gefühl, dass ich oft davor sitze und denke, ja, Okay, ja, ich weiß. Ich weiß, du willst mir was erzählen. Aber irgendwie hätte ich es lieber, wenn ich nicht die ganze Zeit durchspüren würde, dass du eine Botschaft zu vermitteln hast.
Florian Bayer: Kleiner Disclaimer. Ich halte das Weiße Band für den absolut besten Film von Michael Haneke.
Johannes Franke: Es kann sein. Es kann trotzdem sein. Also vielleicht ist Liebe noch ein... Mir ein bisschen lieber. Ich finde, das war trotzdem ein guter Film, aber irgendwie habe ich was dagegen, die ganze Zeit das Gefühl zu haben, dass da jemand, ein Dozent vorne steht und ein Tafelbild hat.
Florian Bayer: Ja, Liebe, worum geht's denn in Liebe?
Johannes Franke: Liebe, Liebe, worum geht's in Liebe? Der Film sollte ja eigentlich gar nicht Liebe heißen, aber es geht die ganze Zeit um Liebe und der Hauptdarsteller hat ihn dann irgendwann überredet, den Film einfach Amour zu nennen.
Florian Bayer: Jean-Louis Trentillon, der genau wie seine Mitschauspielerin Emmanuelle Rivard sehr alt war während den Dreharbeiten des Films.
Johannes Franke: Über 80, über 80. Aber worum geht es in Liebe? Also es geht um Liebe, aber Haneke hat gesagt, es geht eher darum ... wie man mit einem geliebten Menschen umgeht, der nicht mehr derjenige ist, den man die ganze Zeit eigentlich vor sich hatte, sein Leben lang. Also wie geht man mit Veränderungen in der Richtung um? Also es geht im Wesentlichen um ein Pärchen, das einfach alt wird miteinander. Und wie das oft so passiert... kommt ein Schlaganfall, sie hat einen Schlaganfall und somit das erste Anzeichen des sich nähernden Todes. Und nun trifft es sie, es hätte ihn genauso treffen können. Jetzt muss er damit irgendwie umgehen. Dann hat sie irgendwann noch einen zweiten und eine verstopfte Halsschlagader, die irgendwie Schwierigkeiten macht, das zu operieren. Obwohl die Ärzte gesagt haben, ach, das ist ein Routineeingriff, nur 5% davon gehen schief und dann geht halt dieser Eingriff. schief und sitzt sie im Rollstuhl und naja, der Zustand verschlechtert sich immer weiter und diesen Weg gehen wir hinunter.
Florian Bayer: Dieser schiefgelaufene Eingriff führt ja zu dem fatalen Moment des Films, wo sie ihm das Versprechen abbringt, sie nicht mehr ins Krankenhaus zu schicken. Ja. Pflege zu geben, zu Hause zu halten. Und er zaudert auch ein bisschen mit dieser Entscheidung. Das stimmt dann aber schließlich zu. Es findet sehr viel auf Kamera statt. Tatsächlich findet dieses entscheidende Zustimmen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Findet auch auf Kamera statt, aber er bezieht sich später nochmal drauf, vor allem wenn er mit seiner Tochter diskutiert und schau schon an, so heißen unsere beiden Protagonisten, äh, leben dann in dieser Wohnung, die auch die meiste Zeit über Schauplatz des Films ist. Abgesehen von einer Szene ganz am Anfang, wo wir sie beide beim Konzert sehen.
Johannes Franke: Stimmt, ja.
Florian Bayer: Und einer Szene, wo sich Georges im Hausflur bewegt, allerdings in einem Traum. findet das gesamte Geschehen in dieser Wohnung statt. Also es ist so, verkapselte Zweisamkeit dann.
Johannes Franke: Einer der ganz, ganz wenigen Momente in meiner Laufbahn als Zuschauer von Filmen, dass ich die Wohnung einer Hauptfigur zeichnen könnte. Ich weiß, wo was in dieser Wohnung ist und das, ich weiß nicht, kannst du dich an irgendeinen Film erinnern, wo du die Schauplätze auf malen könntest, wo du sagen könntest, okay, hier ist das Schlafzimmer, das ist ungefähr so groß, das ist das Wohnzimmer, das ist ungefähr so groß.
Florian Bayer: Das fällt mir als erstes The Room an. Ja, vielleicht gibt es solche Filme, aber es stimmt schon. Es ist bei diesem Film schon sehr extrem, weil wir erleben sehr viele Gänge durch diese Wohnung. Und es ist eine üppige Wohnung. Wir haben hier ein bildungsbürgerliches Paar. Wir haben viel Geld, die sind beide sehr kultiviert und legen sehr viel Wert auf... Auf ihre kulturelle Bildung und auf ihr kulturelles Leben. Und dementsprechend sieht die Wohnung auch aus. Es ist eine wunderschöne Wohnung mit alten... Holz getäfelt. Oh mein Gott, Johannes, du bist der Einrichtungsexperte von uns beiden. Mit schweren Regalen, die voll sind mit Büchern und mit Schallplatten. Wir haben ein riesiges Klavier in der Mitte des Wohnzimmers stehen.
Johannes Franke: Ein Flügel.
Florian Bayer: Ein Flügel sogar.
Johannes Franke: Also ich würde sofort einziehen wollen. Ja, es ist wirklich eine unglaubliche Wohnung. Und sie haben die Wohnung gebaut. Also nach den Erinnerungen von Hanneke, seines Erachtens, Elternhauses, also seiner Elternwohnung in Wien, hat er vorher aufgezeichnet, wie das ganze werden soll, wie das Ganze gebaut werden soll und dann haben sie es im Studio gebaut, inklusive Innenhof.
Florian Bayer: Und Hanek muss irgendwann jemandem zugerufen haben, now make it French.
Johannes Franke: Ja, genau. Das heißt, die haben es dann irgendwann eingerichtet in französischem Interieur, aber die Wohnung ist quasi typisch wienerische Wohnung. anscheinend.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und es ist super. Es ist so geschmackvoll eingerichtet. So großartig. Ich würde alles übernehmen, was da drin ist. Also fast alles. Es gibt so ein, zwei. Ich habe tatsächlich den Film angeschaut und habe mir angeschaut, oh, was ist denn da an der Wand? Nehme ich das auch mit oder nehme ich das nicht mit?
Florian Bayer: Jetzt ist es ganz interessant, weil Michael Haneke ist ja ein österreichischer Regisseur oder ein deutscher Regisseur. Die Deutschen beziehen sich auch immer ganz gerne auf ihn. Natürlich.
Johannes Franke: Es ist auch zu großen Teil eine deutsche Produktion und österreichische und französische.
Florian Bayer: war, in Französisch gedreht.
Johannes Franke: Genau. Aber in Deutsch geschrieben.
Florian Bayer: Und in Deutsch geschrieben, weil Haneck selbst nicht gut genug Französisch kann, um sowas in Französisch zu schreiben.
Johannes Franke: Ja. Aber er meinte, er hat inzwischen so oft auf Französisch gedreht, dass er ganz gut versteht, wenn die Schauspieler das nicht so machen, wie er will. Aber es ist immer noch eine Herausforderung. Sein Französisch ist einfach nicht gut genug, als dass er es wirklich schreiben könnte. Aber drehen geht wohl.
Florian Bayer: Er hat selbst gesagt, er würde es einfach nicht schaffen, französische Dialoge zu schreiben, sodass sie glaubwürdig sind. Und gerade bei diesem Film... der eben ein sehr dialoglastiger Film ist, ist es natürlich unglaublich wichtig, dass die Dialoge on point sind.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Weil der Film setzt natürlich auf einen... sehr spezifischen Realismus. Ich würde sogar sagen, auf einen sehr akribischen Realismus. in dem er sehr viel Triviales zeigt. Es gibt natürlich den Moment, wo die Krankheitsgeschichte von ... von an thematisiert wird. Und dann wird natürlich einfach hart wirklich dieses Krankheitsgeschehen gezeigt. Aber es gibt auch ganz viele Momente, die so eine zärtliche Beiläufigkeit haben im Verhalten von George und Anne miteinander. Wo sie einfach... Sich über Banalitäten austauschen, meinetwegen bildungsbürgerliche Banalitäten, sie reden eben viel über Kultur und reden über ein Buch, das George gelesen hat und anerzählt. wie sie begeistert ist von dem Konzert von ihrem Schüler, der sie dann auch später besucht. Aber sie tauschen sich eben über Banalitäten aus, so wie das halt ist, wenn man zusammenlebt. Man führt nicht immer die tiefgründigen Gespräche, sondern man redet auch einfach über Alltägliches, über kleine Dinge.
Johannes Franke: Aber in diesem Fall nicht nur auch, sondern einfach fast nur. Fast ausschließlich alltägliche Banalitäten, was ich total gut finde, weil er das so gut... schreibt und inszeniert, weil die ganzen Zwischentöne, die dieser Film mitbringt, irgendwo dazwischen versteckt sind. Und man braucht keinen großen Aufwand, diese Zwischentöne rauszuhören, rauszufühlen. Aber es ist total wichtig, dass sie da drinstecken und nicht... massiv viel ausgesprochen werden.
Florian Bayer: Hannecke selbst hat ja gesagt, er hat sehr bewusst das Ganze in so ein bildungsbürgerliches Milieu gelegt. Ja, damit die Tragödie für sich stehen bleibt. Damit es nicht darum geht, wie können sie Arztrechnungen bezahlen, Wie können sie überhaupt mit der Rente klarkommen und so weiter, sondern dass es wirklich verdichtet wird auf diese Krankheit als die große Tragödie in ihrem Leben.
Johannes Franke: Weil es sonst im Film eigentlich nur darum geht, dass man sagen müsste, naja, die hätten halt mehr Geld gebraucht und dann wäre alles gut gewesen. Nein, das ist es eben nicht. Der Tod ist nicht bestechlich.
Florian Bayer: Kommen wir mal zu dem Begriff Liebe, der ganz wesentlich ist in dem Film. Ich habe vorhin gesagt, Hannecke ist ein Didakt im Film. Und ich würde jetzt ... Mach es mal nicht als Frage, sondern ich stelle einfach mal eine These in den Raum.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Haneke versucht das Thema Liebe auch... auch didaktisch aufzuarbeiten oder akademisch oder man könnte sogar sagen dialektisch. Ich gehe mal noch einen Schritt weiter.
Johannes Franke: Okay, okay.
Florian Bayer: Indem er eigentlich die ganze Zeit Liebe an diese Moralfrage knüpft. Weil die Frage, die permanent irgendwie über der Filmhandlung steht, ist ja... Handelt George richtig? Weil das Handeln von George wird immer wieder von anderen infrage gestellt. Hauptsächlich von seiner Tochter. die einfach oft da ist und die eigentlich lieber hätte, dass Anne in einem Pflegeheim landet. Oder die sagt, können wir nicht nochmal ins Krankenhaus gehen, können wir nicht nochmal was machen und George dann sehr darauf insistiert, nee, ich habe dir versprochen, wir machen das nicht mehr, ich mache das jetzt so, ich komme schon irgendwie klar. Und diese Frage schwebt ja so die ganze Zeit über dem Geschehen. Ist das, was George macht, richtig? Verlängert er das Leiden von Ann? Oder ist er sogar dafür verantwortlich, dass es ihr schlechter geht, weil er sie eben nicht ins Krankenhaus fährt? Ist das, was er macht, und das macht der Film ohne jeden Zweifel klar, was er macht, ist vollkommen aus der guten Absicht geboren, dass er will, dass Beste für sie machen.
Johannes Franke: Weißt du, das Interessante ist, ich habe mir diese Frage gar nicht gestellt. Ich habe überhaupt nicht die Frage gestellt, ob das jetzt richtig ist, was er da tut. Für mich war das absolut folgerichtig und damit überhaupt nicht in Frage zu stellen. Man muss auch dazu sagen, dass ich ein kleines bisschen das Gefühl habe, Das wird sich bestimmt ändern im Laufe meines Lebens, wenn ich älter werde. Aber wenn man über 80 ist und zwei Schlaganfälle hat... Wie viel holt man da noch raus mit einer Pflege, die im Heim ist versus einer Pflege, die zu Hause ist? Wie viel Zeit holst du raus? Wie steht es im Kontrast zu dem, was der zu Pflegende möchte?
Florian Bayer: Die spannende Frage ist ja, und das ist das, was der Film komplett offen lässt, ob der zweite Schlaganfall hätte verhindert werden können, wenn George anders gehandelt hätte. Nach dem ersten Schlaganfall ist sie halbseitig gelähmt, aber sie kann auch kommunizieren und sie hat irgendwie Sie hat einfach noch Möglichkeiten, sie kann auch leben. Es ist jetzt nicht so, dass man nach dem ersten Schlaganfall sagen würde, oh mein Gott, das ist jetzt zu Ende. Sondern sie hat auch noch sehr viel Würde. Gerade im Umgang von George mit ihr hat sie noch sehr viel Würde und er gibt ja im Umgang mit ihr auch immer die Würde irgendwie zurück.
Johannes Franke: Voll.
Florian Bayer: Und das Krasse ist dann ja der zweite Schlaganfall, der sie so weit lähmt, dass sie nicht mehr kommunizieren kann. Es gibt ja diese krassen Szenen, wo sie nur noch dieses Mal... Mal, mal ruft, wenn sie Schmerzen hat, was wirklich intensiv ist und wo wir auch so eine Szene haben, wo Georges sie beobachtet, wie sie von einer Pflegerin viel zu ruppig behandelt wird und sie ruft die ganze Zeit mal, mal und die Pflegerin sagt halt danach zu ihm, naja, das sind einfach nur Reflexe und geht überhaupt nicht darauf ein, dass es ihr offensichtlich gerade schlecht ging. Das ist ja der entscheidende Punkt. Hätte der vielleicht verhindert werden können?
Johannes Franke: Ja, das Ding ist... Ich glaube nicht, dass man das betrachten kann, ohne gleichzeitig auch zu wissen, dass sie versucht hat, sich umzubringen noch in dieser Phase.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also... Das, was ich vorhin meinte, man kann ihren Willen nicht von dem trennen, was man vielleicht in einem Heim hätte rausholen können oder nicht rausholen können.
Florian Bayer: Lassen wir mal das Heim außen vor. Es geht einfach auch um so eine Art ärztliche Behandlung oder stärkeres ärztliches Monitoring. Der Film liegt ja sehr nahe. dass das nicht mehr wirklich so groß stattfindet nach dem ersten Schlaganfall, nachdem sie den Wunsch geäußert hat, sie möchte eigentlich nicht nicht mehr ins Krankenhaus. Sie möchte erst recht nicht in ein Heim und er soll ihr versprechen, das nicht mehr mit ihr zu machen. Wird ja schon ziemlich nahegelegt, dass das eigentlich war. Die zwei machen eigentlich... Eigentlich, was George ab dem Punkt macht, ist, dass er diese ... Diese Wohnung, in der sie leben, dass die zu so einer Art Festung von ihnen beiden wird gegenüber der Außenwelt. Es gibt ja auch so ein permanentes Misstrauen, wenn andere Menschen irgendwie da eindringen. Er schließt, wenn seine Tochter zu Besuch kommt, schließt er die die Tür zu ihrem Zimmer atmen, damit die Tochter sie nicht sieht. Und auch wenn zum Beispiel ihr Schüler kommt, Sagt ja erstmal, okay, setzen Sie sich und wir sehen, er geht erstmal rein und guckt, ob Anne sich überhaupt mit ihm unterhalten will. Also George wird fast so eine Art Wächter dieses gemeinsamen Schutzraumes.
Johannes Franke: Ja, ja, absolut.
Florian Bayer: Es gibt das Phänomen ja ganz konkret, dass Menschen ärztliche Behandlung verweigern. Und dadurch, dass es ihnen viel schlechter geht, als es gehen müsste,
Johannes Franke: Okay, tja, trotzdem ist ja der Kontrast sozusagen da, was will sie und was könnte man machen?
Florian Bayer: Auf jeden Fall.
Johannes Franke: Und da bewegt sich ja der Grad lang. Also da bewegt sich ja die Frage entlang. Eigener Wille versus potenzielle Behandlungsmöglichkeiten. Was ist dein Gedanke dazu?
Florian Bayer: Was macht man? Ich glaube, es bieten sich zwei Lesarten an und wir haben, also grundsätzlich, wir haben hier natürlich Georges sehr stark als Protagonisten. Er ist der, der die Entscheidung trifft in dem Fall und er trifft in diesem Fall die Entscheidung so, wie sie möchte. Er geht voll und ganz auf ihren Willen ein und Und was der Film natürlich erzählt, ist, das macht er aus absoluter Liebe zu ihr. Weckt aber natürlich so eine Spannung in sich, dass er eben sowohl zum Wärter wird von ihr. als auch gleichzeitig zum Gefangenen. Es gibt ja noch vor dem zweiten Schlaganfall, als sie noch ziemlich fit ist, gibt es ja diese Albtraumszene, die echt krass ist, wo er so durch diesen Haus fluiert. Und dann ist überall Wasser und er fragt, ist da jemand? Und dann kommt fast wie in einem Horrorfilm dieser Jumpscare, also es ist kein Jumpscare, weil dafür ist es zu langsam inszeniert, wo ihre Hand nach ihm greift und ihm den Mund zuhält und dann wird er schreiend wach und ist total... aufgelöst und ängstlich. Also es gibt irgendwie so diesen Moment, wo man merkt, es tut ihm nicht gut. Und dann gibt es ja auch die Momente, wo man merkt, es tut ihr nicht gut, weil es hat ja auch die Art, wie er sich dann um sie kümmert. Er macht ja nicht nur das, was sie will dann nachher sogar. Hat ja was Tyrannisches auch. Also er füttert sie, obwohl sie nicht mehr gefüttert werden will. Er kriegt ihr zu trinken, obwohl sie nicht mehr getrunken will. Und dann schlägt ihr sie sogar in diesem einen Moment, als sie das Wasser ausspuckt. Und das ist so diese negative Lesart. Er ist irgendwie ihr Gefängniswärter und er ist selbst Gefangener. Und das entsteht aus dieser Liebe. Das könnte vielleicht auch anders gekommen sein, hätte er das nicht getan.
Johannes Franke: Ja. Oh Gott, ich werde da reingeworfen in Sachen, die ich noch gar nicht bedacht habe. Oh Gott, Plua. jetzt wird der Film nochmal in der ganzen Emotion. Ich finde diese eine Szene, wo er erzählt... Was er als Kind einmal erlebt hat, dass er vor einem anderen Kind gestanden hat und irgendwie erzählen wollte, was für einen Film er da gesehen hat. Und er dann irgendwie wieder in die Emotionen des Films reingerät, ohne es zu wollen und dann anfängt zu weinen, weil der Film so emotional ist. Und dann die Emotion noch stärker hochkommt als beim eigentlichen Gucken des Films, weil aus der Erinnerung heraus. Und das ist so viel... Die Metapher auf so vielen Ebenen für verschiedene Dinge, die auch in dem Film passieren, was ich so toll finde, auch wie er es erzählt, ist so großartig, die Wortwahl ist großartig. Und das Spiel ist großartig.
Florian Bayer: Und sie hört so ganz andächtig zu und fragt ihn dann nachher einfach, warum hast du mir das nicht erzählt und was denkst du, was hat der Junge gemacht? Und er sagt, keine Ahnung, passt, wusste ich nicht in dem Moment, aber wahrscheinlich hat er sich über mich lustig gemacht, als ich angefangen habe zu weinen, als ich über den Film erzählt habe.
Johannes Franke: Und so passiert mir das jetzt mit dem Film, wenn du mich vor solche schwierigen Aufgaben stellst, weil es ist ja wirklich eine emotional schwierige Sache. Was war die ursprüngliche Frage jetzt?
Florian Bayer: Moment. Das ist ja das Fiese, ich habe keine Frage gestellt, sondern ich habe die These in den Raum gestellt. Wie bewerten wir diese Leser? Dieses Verhalten von ihm. Ich kann die positive Leser auch dagegen werfen. Die habe ich nämlich auch da stehen, weil ich habe auch keine Antworten. Ich weiß auch nicht, wie ich das beurteilen würde. Die positive Idee ist natürlich, dass George in seiner Liebe zu Anne... ihr eben diese Würde und Menschlichkeit zurückgebt, die ihr so oft verloren geht. Also die Außenwelt macht ja ab einem gewissen Punkt nichts anderes mehr, als sie zu pathologisieren, ne? Die Eva, die ist ja auch total gut, meine, die Tochter geht rein und weint dann, als sie Anne sieht und sagt, das kann doch nicht sein, sie kann doch nicht so da liegen. Und George hat fast so einen Wutausbruch und sagt, ey, ich kann es nicht mehr ertragen, wie ständig über sie geredet wird. Das ist meine Frau und das ist ein Mensch.
Johannes Franke: Und er erzählt verschiedene Situationen, wie wer mit ihr umgeht, was passiert. An manchen Tagen kann er mit ihr ordentlich reden, an manchen Tagen nicht. Mal erzählt sie eine schöne Geschichte aus der Vergangenheit und mal sehr unzusammenhängende Worte. Und nichts davon ist vorzeigbar, sagt er. Und verknüpft das mit, dass Leute immer wieder was anderes von ihm erwarten, was er machen soll. Ergibt ihr, also der Tochter, keinen Platz im Sterben oder in den letzten Zügen... Ihres Lebens.
Florian Bayer: Jetzt bist du bei der negativen Leseart.
Johannes Franke: Nein, nein, das ist gar nicht negativ gemeint.
Florian Bayer: Okay, weil...
Johannes Franke: Das ist nur, ich glaube, dass es vollkommen in Ordnung ist für Menschen, die merken, dass sie im letzten Teil ihres Lebens sind, sich auszusuchen. mit wem sie diesen Teil teilen wollen. Und wenn es die Tochter nicht ist, ist es auch in Ordnung.
Florian Bayer: ist ja auch Annes Wunsch. Es gibt diesen Moment, wo dann die Tochter reinkommt und sie wirklich erschrocken schreit und es so offensichtlich ist, sie will nicht dass sie von jemand anderem in dem Moment gesehen wird. Sie will nicht, dass Eva sie in diesem Zustand sieht. Und das ist ja eine absolut positive Lesart. Georges gibt ihr ihre Würde zurück. Georges entlässt die Pflegerin und geht richtig harsch mit ihr ins Gericht und sagt zu ihr, ich hoffe mal, Dass sie mit ihnen so umgegangen wird, wie sie mit meiner Frau umgegangen sind. Und wenn... an, wieder mal ruft, setzt er sich zu ihr, streichelt ihre Hand, redet mit ihr. Und es ist einfach dieser Moment, dass die Liebe... die er zu ihr hat, diese Zuneigung, dass die deutlich stärker ist als jede entwürdigende Paralyse, als jede Inkontinenz, die auch thematisiert wird, als jede... Jeder Sprachverlust, jede Aphasie, das ist vollkommen egal in diesem Moment, weil diese Liebe von ihm zu ihr, Das wird gespiegelt. Wir kriegen das auch mit. Wir haben seinen Blick, seine Perspektive. Und wir sind zur radikalen Empathie gezwungen. Und dadurch behält sie, die Würde ja immer so wichtig war, sie ist ja so eine würdevolle Frau vor diesem Schlaganfall. Oder auch danach noch ganz lange. Sie erhält komplett ihre Würde zurück, dank seiner Liebe.
Johannes Franke: Meine Güte, man merkt, dass du Philosophie studiert hast.
Florian Bayer: Entschuldigung. Und ich habe auch keine Antwort. Ich finde aber, der Film bietet beide Lesarten an. Und um das vielleicht nochmal aufzugreifen, Haneke Didaktiker. Er ist sonst in Filmen deutlich weniger ambivalent. Sonst ist sein Urteil viel eindeutiger und das ist es. In diesem Film nicht. Es gibt einfach diese beiden Möglichkeiten. Ist George ein Tyrann? Ist George ein Gefangener und Gefängniswärter? Oder ist George einer, der die Würde zurückgibt? Und beides... Es ist ja beides wahr.
Johannes Franke: Es stimmt ja einfach auch beides irgendwie. Wir reden dann ja von verschiedenen Ebenen vielleicht. Ja. Zumal wir auch ein bisschen gezeigt bekommen, dass beide auf ihre Art auch früher doch ein bisschen... harscher waren in ihrem Leben als Menschen. Also ich glaube, dass... Die Art und Weise, wie die Tochter auftritt und ist, spiegelt dessen ist, dass die Eltern nicht immer die nur liebenden und nachsichtigen Eltern waren. Sondern dass die auch sehr fordernd waren und vielleicht sogar ein bisschen herrschsüchtig. Also bei ihr sehe ich das immer mal wieder. Bei ihm allerdings auch ab und zu. Ja, bei beiden. Und das ist interessant zu sehen, weil ich finde, dass beide das ganz, ganz toll spielen. Dieses mit dem Alter weicher gewordene aber trotzdem durchscheinende von dieser leicht harten Unterton.
Florian Bayer: So eine formale Strenge?
Johannes Franke: Ja, eine formale Strenge.
Florian Bayer: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo.
Johannes Franke: Oh nein.
Florian Bayer: Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Besprech können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify oder iTunes.
Florian Bayer: Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Johannes Franke: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter.
Johannes Franke: Boah, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Florian Bayer: Wird eigentlich irgendwann mal thematisiert, was er von Beruf war? Ich glaube, also wenn, dann habe ich es verpasst.
Johannes Franke: Ich hatte den Eindruck, dass er auch Klavierlehrer war.
Florian Bayer: Ja, ja.
Johannes Franke: Aber das ist natürlich jetzt nur meine Interpretation.
Florian Bayer: Durch die klassische Musik?
Johannes Franke: Ja, total.
Florian Bayer: Aber ihr Beruf als ehemalige Klavierlehrerin wird ja ganz klar thematisiert, weil wir auch diesen Schüler haben, den Alexandre. Der es mittlerweile geschafft hat und eine Platte aufgenommen hat und ihn die auch schickt und dann irgendwann zu Besuch ist nach ihrem ersten Schlaganfall und ziemlich schockiert reagiert, als er sieht, dass sie halbseitig gelähmt ist. Wahrscheinlich nochmal vom Blick des Musikers, der sieht, oh mein Gott, sie wird nie wieder so Klavier spielen können, wie sie konnte.
Johannes Franke: Ja, wobei wir dann in der Szene natürlich voll in ihr sind, die sie dann denkt... Überhaupt erst der Gedanke, empfange ich jetzt meinen ehemaligen Schüler in dem Zustand, in dem ich bin oder lasse ich das? Also echt als Zuschauer denke ich, okay, der geht jetzt rüber. fragt sie und dann schickt sie ihn gleich wieder weg, den Typen, weil sie gar nicht erst will. Ja. Aber doch, sie kommt und sie versucht irgendwie Würde zu bewahren. Wahrscheinlich auch einfach, weil der Schüler sehr wichtig war für sie und andersrum natürlich. die beiden für den Schüler wichtig waren. Aber sie sagt ganz eindeutig immer wieder, lass uns dieses Thema lassen und lass uns das Thema wechseln. Nicht darüber reden, was hier passiert. Das ist eine ganz starke Szene.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Sie will ihn sehen. Sie will nicht, dass er sich mit ihr beschäftigt, sondern sie will sich mit ihm beschäftigen. Sie freut sich über seinen Erfolg und er sagt dann ja auch nochmal, dass er so dankbar ist, dass sie so viel gemacht hat für seinen Erfolg und sie spielt das dann noch so ein bisschen runter und sagt, nein, das waren sie. Sie haben das geschafft, mit Ihrer Art zu arbeiten. Es ist auf jeden Fall eine starke Szene, einfach auch, weil nochmal gezeigt wird, wie würdevoll sie ist. Und ja, auch was für eine Art sie hat, auf das Leben zu blicken und auf Arbeit und auf... etwas zu schaffen. Und dann kann man sich natürlich auch reinversetzen, wie hart es für sie sein muss, dass sie so einfache Dinge wie sich waschen oder aufs Klo gehen nicht mehr selbst machen kann.
Johannes Franke: Ja, geschweige denn, am Klavier zu sitzen und zu spielen.
Florian Bayer: Es gibt diese wirklich traurige Szene, wo Georges das Lied hört. Aber wir sehen, die Szene steigt damit ein, dass wir sie am Klavier sehen und dann erst sehen wir, dass er auf das leere Klavier starrt, während im Hintergrund die Schubert zu hören ist.
Johannes Franke: Es ist total traurig, aber auch total schön, finde ich, als Erinnerung. Also, dass uns der Film auch teilhaben lässt an dem... was gewesen ist und auch dieser liebevolle Blick auf sie am Klavier, der ist schon toll gewesen. Ich fand ganz schön. Es gibt aber immer wieder in diesem Film immer, immer, immer wieder Szenen, wo Musik angespielt und wieder abgebrochen wird. Haneke wollte den Film zwischendurch auch irgendwann mal so ähnlich nennen, die Musik, die abbricht oder irgendwas in der Richtung, irgendeinen französischen Titel, der den nicht richtig übersetzen können. Ich finde, das ist ein interessantes Motiv. Natürlich eine Metapher auf das, was jetzt abbricht, nämlich das Leben. Aber Man hat zwischendurch das Gefühl, wenn er zum Beispiel an seiner HiFi-Anlage sitzt und diesen einen Choral da anmacht oder was das war. und ihn abbricht, man hat das Gefühl, dass das wie ein Gebet ist, dass er dann abbricht. Nämlich das Gefühl, dass die beiden besonders religiös sind.
Florian Bayer: Überhaupt nicht.
Johannes Franke: Aber dass er es vielleicht versucht und dann feststellt, nein, ist es nicht.
Florian Bayer: Die Kunst hat ja sowas religiöses für sie. Es gibt ja auch diese eine Szene, kurz bevor er sie dann umbringt am Schluss. Wo wir, nachdem er sie geschlagen hat, weil sie das Wasser ausgespuckt hat, haben wir diese Szene, in der die Gemälde gezeigt werden. So Renaissance-Gemälde. Und Eine sehr lange Szene, wo wir einfach nur Musik hören und diese Gemälde sehen.
Johannes Franke: Voll gut. Sehr, sehr gut gemacht. Gutes Timing.
Florian Bayer: Es zeigt vielleicht, was für einen Stellenwert das Künstlerische in ihrem Leben hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und wie wichtig ihnen das auch ist, was durch das Künstlerische oder auch das intellektuell Stimulierende erzeugt wird. Es gibt ja auch immer mal wieder diese Gespräche über Musik. Er erzählt ihr von einem Buch, das er gelesen hat und fragt sie, ob sie es auch gleich lesen will. Und sie unterhalten sich über diesen einen Film und so. Es gibt immer wieder diese Momente, wo sie sich über sowas austauschen, so feingeistige Gespräche.
Johannes Franke: Ja und ich finde es total unangestrengt. Also es gibt ja Filme, die so sehr angestrengt versuchen, so ein Milieu zu erzeugen und das schafft er total problemlos, finde ich.
Florian Bayer: Ist wahrscheinlich wirklich der Vorteil, dass Haneke selbst aus so einem Minimum kommt.
Johannes Franke: Absolut, natürlich. Volle Kanne.
Florian Bayer: Künstlerkind. Regisseur als Vater, Schauspielerin als Mutter. Hat Philosophie studiert. Also das ist natürlich, Hannecke weiß ungefähr wie in diesem Milieu, mit welcher Beiläufigkeit so über Kultur gesprochen wird.
Johannes Franke: Ja, genau. Und man kann den Film auch mit dem Wissen vielleicht gucken, dass Hannecke eine 90-jährige Tante hatte, die Selbstmord begangen hat. Aus diesem Erlebnis heraus kamen so die ersten Überlegungen für diesen Film. Diese 90-jährige Tante hat sogar ihn irgendwann mal angesprochen und ihn versucht davon zu überzeugen, ihr Sterbehilfe zu leisten. Ja. Was ein wahnsinnig schwieriges Ding sein muss, überhaupt diese Anfrage zu bekommen und dann zu entscheiden, was mache ich.
Florian Bayer: Ja, jetzt ist der Film ja schon tendenziell eher realistisch inszeniert, ne? Mit seinen ruhigen Bildern und diesen Dialogen, die so eine Beiläufigkeit haben. Und es wird alles gezeigt. Es wird auch gezeigt, wie die Pflegerin... George zeigt, wie er an die Windeln wechseln kann und es wird gezeigt, wie sie gewaschen wird. Es gibt aber immer wieder so Brüche von diesem Realismus. Also was mir jetzt einfällt, wäre halt dieser Albtraum. Dieser Albtraum, ja. Dann diese Klavierszene, dieser Tagtraum, könnte man es vielleicht nennen. Den hat er ja auch ganz am Schluss nochmal, nachdem er sie getötet hat. dass sie plötzlich wieder da ist und er dann zusammen mit ihr die Wohnung verlässt und Durch diese rituellen Dinge, die er am Schluss macht, wo es zumindest so ein bisschen den Boden des Realistischen verlässt. Man traut dieser Figur dazu, das zu machen. Deswegen würde ich nicht sagen, es ist unrealistisch oder surreal. Aber es bringt noch mal so eine künstlerische Note mit rein, dass er das Ganze, dass er quasi die Wohnung zu so einer Art Gruft macht. Würdest du sagen, der Film ist komplett realistisch? Würdest du sagen, er ist irgendwie so poetisch realistisch? Wie würdest du das so von der Bildsprache und von der Inszenierung, wie würdest du das einordnen?
Johannes Franke: Der Film ist eine große Überlegung von Hannecke. Eine Überlegung, wie könnte sowas vonstatten gehen und in Auf vielen Überlegungen sind natürlich Abschweifungen, gedankliche Abschweifungen drin, die ein bisschen ins Fantastische gehen, aber eben nicht ausrasten. Also wenn man sich selbst dabei beobachtet, wie man solche Gedanken anstellt, dann merkt man ja, wie das... hier und da abschweift in Dinge, wo man merkt, nee, das kann ja nicht passieren, das funktioniert ja nicht, weil. Also ich glaube, es ist einfach ein riesengroßes... Gedankenexperiment von Hannecke, was passiert denn wenn? Und wenn mich jetzt meine 90-jährige Tante fragt, Was mach ich denn? Und wenn ich jetzt mit ihr zusammen da wohnen würde und wenn wir jetzt ein Paar wären, was wäre denn passiert?
Florian Bayer: Und wie siehst du die Aussparungen? Wir kriegen nichts mit von der Operation, nur in seiner Erzählung? Und wir sehen nichts von ihrem zweiten Schlaganfall, sondern so Schlag auf Schlag, im wahrsten Sinne des Wortes, wie sie nach dem zweiten Schlaganfall ist. Und es gibt ganz viele Momente. Wir sehen, haben ja vorhin schon gesagt, wir sehen nicht, wie er ihr verspricht, dass er sie nicht mehr ins Krankenhaus packt. Es wird sehr viel ausgelassen.
Johannes Franke: Also die Auslassungen, die draußen passieren würden, kann ich total verstehen, weil man sagen will, ich will diese Wohnung. Ich will das ganze Leben der beiden nur noch in dieser Wohnung leben. sehen, weil auch einfach viele ältere Menschen einfach zunehmend nur in ihrer Wohnung sind.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Dann gehen die mal spazieren, wenn sie noch können, aber wenn sie schon nicht mehr ordentlich spazieren gehen können, ist der Lebensmittelpunkt diese Wohnung und dann wird das entweder klaustrophobisch oder du hast wirklich eine sehr gute... Wohnung und du schaffst es irgendwie, dir das so einzurichten, dass das Ganze nicht auf dich hinabstürzt, aber wahrscheinlich gibt es solche Tage und solche Tage. Aber dann die Welt zu öffnen, würde, glaube ich, das Bild kaputt machen.
Florian Bayer: Nein, würde es kaputt machen, auf jeden Fall. Aber er spart ja auch Sachen aus, die in der Wohnung passieren. Wir haben ja... Wir haben ja wirklich so eine sehr episodische Erzählweise. Ich finde, die trägt auch so ein bisschen mit dazu bei, dass der Film, obwohl es natürlich diese ruhigen Einstellungen gibt und auch sehr langsam Einstellungen, die bewusst mit Langsamkeit spielen, sich nie so langsam anfühlt.
Johannes Franke: Nee.
Florian Bayer: Und das liegt glaube ich daran, dass das alles so ein bisschen fragmentiert ist, was da passiert. Dass wir immer nur so einzelne Episoden haben aus dem Alltag.
Johannes Franke: Ja, man will ja auch nicht die ganze Zeit eins zu eins erzählen, weil dann wäre der Film halt ein halbes Jahr lang. Aber du willst ja auch... vieles dem Zuschauer überlassen dann, sonst hast du ja keine Fragen mehr aufgeworfen. Du wirst ja als Film auch Fragen stellen und nicht nur Antworten geben. Ja. Insofern finde ich es eine total gute Entscheidung, auch seine Entscheidung zu sagen, okay, ich gebe ihr ihren Willen, die rauszulassen. Weil das Gespräch endet tatsächlich damit, dass er sagt, was erwartest du von mir? Es funktioniert so nicht einfach so. Das endet damit, dass er nicht einwilligt und dann später sehen wir das halt. Und ich finde es total stark vom Film.
Florian Bayer: Es ist vielleicht auch, kommt jetzt tatsächlich so ein bisschen der Gedanke, Ist der Film so ein bisschen Komplize von George? Dass er Anna auch ihre Würde zurückgibt, indem er bestimmte Szenen ausspart? Nee, kann eigentlich nicht sein, weil er zeigt ja auch Szenen, in denen sie ... ihrer Würde vermeintlich beraubt ist, wenn sie zum Beispiel gewaschen wird.
Johannes Franke: Was übrigens für Eriva, für die Schauspielerin Emanuel, wahnsinnig schwierige Sache war. Die war wirklich schwer zu überzeugen davon. Irgendwann hat sie gesagt, okay, ja, ich verstehe, der Film braucht das, also mache ich das. Aber eigentlich hat sie sich sehr unwohl damit gefühlt.
Florian Bayer: Es war auch wichtig, diese Zähne zu zeigen. Absolut. Ich bin froh, dass die Zähne drin ist.
Johannes Franke: Total gut. Total wichtig.
Florian Bayer: Also Riva spielt sowieso unfassbar diese Wandlung von der würdevollen Frau, die auch so ein bisschen streng ist, aber gleichzeitig auch sehr angenehm und ruhig, rein in diese Aphasie und in diese Lähmung. Und dann Sie spielt das unglaublich gut. Also es ist wirklich krass, wie sie dann im Bett liegt und nur ein bisschen mit dem Mund zuckt und versucht einzelne Worte zu sagen. Es gibt ja diese Szene, wo er ihr Sule Pont d'Avignon vorsingt und sie mitsingen soll. Und das ist so ein anstrengender Moment. Und ja, es ist allein schon anstrengend, das auch so zu sehen, was die Schauspielerin da macht. Die gibt wirklich alles in diesen Momenten. Und die spielt das echt schon verdammt stark.
Johannes Franke: Sehr, sehr gut, ja. Übrigens, nur mal so nebenbei, weil ich das gedacht habe, weil ich die ganze Zeit beim Film geguckt habe, Riva ist 2017 gestorben. Ja. Die sind beide sehr alt und der Film ist nicht so alt, aber die beiden waren halt sehr alt und dann sie ist 2017 gestorben und er ist 2022 gestorben.
Florian Bayer: Ja, sie ist fünf Jahre nach dem Film ist sie gestorben. Und während den Dreharbeiten hat sie sich wohl ab und zu drüber lustig gemacht, dass eigentlich... Jean-Louis Trentignon ihre Rolle übernehmen müsste, weil er gepräschlicher war.
Johannes Franke: Ja, er hat immer mal gefragt auch. Er hat Haneke scherzhaft gefragt, sollten wir nicht vielleicht die Rollen tauschen? Weil er wirklich Gedächtnisprobleme hatte und so.
Florian Bayer: Ja, Alterserscheinungen.
Johannes Franke: Alterserscheinungen halt einfach. nicht vor der Kamera gestanden. Er ist ja extra für den Film überhaupt wieder davor die Kamera gegangen. Und er wusste gar nichts von Hannecke. Er hat ja auch auch selber gar nicht mehr so richtig viel im Fernsehen geguckt oder sowas. Er hat von Heineken nichts gewusst. Als Regisseur. Und dann kam er und hat irgendwie ihn echt lange gebeten, einfach dabei zu sein.
Florian Bayer: Um das vielleicht dazu zu sagen, Emmanuelle Rivard, die 1927 geboren ist und Jean-Louis Trentignon, der 1930 geboren ist. haben beide eine große Filmkarriere hinter sich, als sie diesen Film machen. Emmanuel Rivard hat in den 50ern angefangen zu drehen und den meisten dürfte sie bekannt sein aus Hiroshima Mon Amour von Alain René. über den wir übrigens auch schon mal gesprochen haben bei letztes Jahr in Marienbad. Und sie war einfach eine große Schauspielerin des französischen Kinos. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich sie zum einen, ich kenne hier raus nicht mehr von dem Film, aber ich hätte sie nicht erkannt von dem Film.
Johannes Franke: Ja, gut, okay. Ja, das ist natürlich...
Florian Bayer: Ich hatte sie nicht auf dem Schirm. Sie ist keine Schauspielerin, die ich auf dem Schirm hatte. Muss ich zu meiner Schande gestehen. Und Jean-Louis Trentignon genauso, der hatte halt auch schon seit den 50ern Filme getreten, eine unglaublich lange Filmografie. Und wenn ich so durchscrolle, es gibt Filme, die ich gesehen habe, in denen er mitgespielt hat, sind aber auch überschaubar. Und er ist auch kein Schauspieler, den ich davor auf dem Schirm hatte. Also als ich... Es ist nicht so, dass ich gelesen hätte auf dem Filmplakat, ah ja, Emmanuel Rivard und Jean-Louis Tritignan, oh, den Film muss ich sehen. Die beiden, Wahnsinn. Die spielen nochmal. Das war nicht mein Impuls. Und wenn mich jemand fragen würde nach den beiden Schauspielern, wäre auch dieser Film der erste, der mir zu ihnen einfällt. Kulturbanause, ich. Vielen Dank.
Johannes Franke: Einer von uns beiden der Kultur war dann auch so jetzt. Dann ich, Flo.
Florian Bayer: Und dann Isabelle Hubert als Tochter, ne? Die ist einfach großartig.
Johannes Franke: Also die spielt das so gut, die spielt dem ganzen, wie gesagt, ich hatte vorhin schon gesagt, das erste Gespräch, das allererste Gespräch mit dem Vater. über ihren Zustand. Da redet sie viel über Vergangenheit und so und auch über Trivialitäten ganz viel.
Florian Bayer: Sie redet ganz viel über ihren Mann und es gibt Diese tolle Szene, wo dann Georges sie einfach mal fragt, und liebst du ihn? So ein toller Moment. das so sehr gut dieses Mindset von George aufdeckt, wie er auf das Leben blickt und wie er auf das Thema Beziehung und so blickt, weil das ist das Entscheidende. Und sie kann auch so viel erzählen, dass er in Europa rumreist und da ein Konzert macht und da was macht. Es ist vollkommen egal. Liebst du den eigentlich, sag mal?
Johannes Franke: Ja, genau. Und sie sagt dann irgendwie, ja, ich glaube schon, ich denke irgendwie, also ja, doch, irgendwie, ja. Sie redet so drumherum. Sie macht das so gut. Sie redet so gut auf Oberflächlichkeiten und auf... Ohne, dass das zu inszeniert wirkt, weißt du?
Florian Bayer: Ja, und auch ohne, dass sie an Sympathie verliert. Ganz genau das. Wir können ihre Position sehr gut verstehen.
Johannes Franke: Volle Kanne.
Florian Bayer: Ich kenne auch die Situation, wo man sagt, wollt ihr das nicht anders machen? Ihr seid alt. ihr seid krank. Das ist total nachvollziehbar, was sie macht. Und wenn ich in ihrer Situation wäre, würde ich wahrscheinlich genauso da sitzen und sagen, gibt es nicht einen anderen Weg? Sollten wir nicht doch über ein Heim nachdenken? Willst du dir das wirklich zumuten?
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Weil sie hat ja nicht ganz Unrecht, ne?
Johannes Franke: Ja, natürlich hat sie nicht ganz Unrecht.
Florian Bayer: Also man kann das total romantisieren von der... Der liebevolle Partner, der sich um seine Gattin bis zum Tod kümmert. Aber es ändert ja nichts daran, dass das auch problembehaftend ist. Er ist kein Pfleger.
Johannes Franke: Was mich so zerstört hat, ist die Szene, wo er da sitzt bei ihr, die schon gar nicht mehr wirklich irgendwas entscheiden oder beurteilen kann. Und fragt sie noch, was meinst du, sollten wir eine zweite Pflegerin einstellen oder nicht? Und er macht es mit so viel Liebe und mit so viel Hingabe, sie noch zu fragen und noch mit ihr darüber zu reden. Obwohl es eigentlich gar keinen Sinn hat, mit ihr darüber zu reden, weil sie keine ordentliche informierte Entscheidung treffen kann oder sowas. Aber er macht das trotzdem.
Florian Bayer: Ich glaube, das ist ganz wichtig für diesen Moment der Würde. Dadurch kriegt sie Würde. Einfach dadurch, dass sie ernst genommen wird. Und ich weiß noch, vor ein paar Jahren war das so ein kleiner Shitstorm aus rechten Kreisen, wo sich drüber lustig gemacht wurde, dass Constance so bei der... Bei den Kindern und auch bei den Babys so eine wichtige Rolle ist. Und dann wurde halt so Gags drüber gemacht. Ah ja, dann fragt ihr das Kind, das Baby darf ich jetzt deine Windeln wechseln? Das Baby kann ich antworten. Haha, Schenkelklopfer. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, einfach zu sagen, du bist ein Mensch und ich nehme dich ernst. Auch wenn du noch nicht so Entscheidungen treffen kannst und auch wenn ich für dich entscheide in bestimmten Momenten, nehme ich dich trotzdem ernst. Und wenn ich es nur dadurch zeige, dass ich dich mal frage, ist das jetzt okay? Oder dir sage, okay, pass auf, ich mache jetzt das und das. Weil das einfach, Alter, das ist Artikel 1 im Grundgesetz. Die Menschenwürde ist unantastbar.
Johannes Franke: Und das macht der Film natürlich auf vielen Ebenen. Er zeigt ja viele Szenen, in denen George genau so agiert. Natürlich auch... Andere, wie dass er dann nochmal eine Ohrfeige austeilt, weil er einfach überfordert ist und nicht mehr kann. Aber wie er zum Beispiel eben die eine Pflegerin feuert und was er da sagt. Ja. Mit einer gedämpften Ungehaltenheit, die früher bestimmt ausgebrochen wäre, die jetzt aber so, deswegen finde ich es so toll, wie sie spielen. durch das Alter so gedämpft ist und er weiß, okay, es macht jetzt keinen Sinn, eine riesige Szene zu machen, aber ich sage ganz bestimmt und klar, was ich meine und schickt dich weg. Es ist so großartig gespielt und auch so gut geschrieben.
Florian Bayer: Er ist halt auch ihr Anwalt in dem Moment. Natürlich. Er ist Anwalt, genau. Nicht nur ihr Wächter, nicht nur ihr Gefangene, sondern auch ihr Anwalt. Kommen wir zu den zwei großen allegorischen Szenen, also eigentlich ist es eine, weil das ist die lange Szene, die Taubenzähne. Die zweite Traubenzähne, die erste ist eigentlich fast zu kurz, um eine große Allegorie zu sein, aber die zweite ist...
Johannes Franke: Haneke hat gesagt, das ist kein Symbol, er mag keine Symbole. Es passiert, dass Taube in so ein Fenster reinfliegt, wie das in Paris halt einfach so ist.
Florian Bayer: Bullshit. Ich glaube ihm kein Wort. Im anderen Richtigsee würde ich das glauben, aber nicht Hanneke. Haneke glaubt nicht an Symbole am Arsch. Der Mann arbeitet nur mit Symbolen.
Johannes Franke: Naja, ja. Also ich rätsel halt, seit ich das gelesen habe, was er... damit meinen könnte, weil er das nicht umsonst sagt. Er sagt das nicht aus Prätenziösität, glaube ich.
Florian Bayer: Vielleicht auch.
Johannes Franke: Ich weiß nicht. Ich glaube, er meint irgendwas... Aber seine Filme stecken voller Symbole, natürlich.
Florian Bayer: Und wenn man auf diese Szene draufguckt, kann man ja einmal sagen, es ist eine ganz... Krasse Allegorie, eine ganz simple eigentlich, die einfach nur eine Spiegelung von der Filmhandlung ist. Er läuft dieser Taube hinterher, er fängt sie, er hat sie dann unter der Decke gefangen und strafft. reichet sie aber ganz sanft, während er sie im Arm hält, unter der Decke. Und dann schreibt er nachher einen Brief, aber ich hab sie freigelassen. Und wir wissen, er hat die Taube wieder freigelassen. Das ist eigentlich... Okay, hier haben wir noch einmal die Handlung des Films kondensiert in diesen drei Minuten, wo ein alter Mann einer Taube hinterherläuft.
Johannes Franke: Was so großartig gemacht ist, oder?
Florian Bayer: Eine totalen und krasse Szene, ne?
Johannes Franke: Unglaublich krasse Totale und auch... Alleine dafür müsst ihr ins Kino gehen und große Leinwand wie der in diesem Raum. Ohne Schnitt, einfach nur den Flur und man sieht um hinten die Küche und den Gang zur Toilette und er läuft einfach in seinem Schneckentempo als alter Mann dieser Taube hinterher und versucht sie einzufangen. Und sie entkommt halt immer mal wieder. Und dann am Ende hat er es geschafft, das Tuch drüber zu werfen. Bei den Dreharbeiten hat er sich übrigens Handgelenk gebrochen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ausgerechnet bei der Szene. Und dann stand noch die Szene aus, wie er sie tötet. Und da hat er aber ein gebrochenes Handgelenk. Und dann haben sie das echt... gut staging müssen und haben es dreimal gedreht, diese Tötungsszene dann.
Florian Bayer: Ja, sie haben es so gemacht, dass sie den Kopf im richtigen Moment wegdreht.
Johannes Franke: Ja, ja, ich habe es auch gesehen, leider. Leider ist es im Film ein bisschen zu sehen, wie sie den Kopf wegdreht. Aber ist nicht so schlimm.
Florian Bayer: George tötet an am Schluss. mit einem Kissen, nachdem er ihr nochmal eine Geschichte aus seiner Kindheit erzählt hat, wie er Diphterie hatte, als er im Ferienlager war. Und wie beurteilen wir das denn?
Johannes Franke: Andersrum beurteilt der Film das?
Florian Bayer: Nee, der Film beurteilt es nicht. Deswegen müssen wir es ja tun. Der Film, der ist das offene, wie gesagt, das finde ich auch stark am Film, dass er Ambivalenz beibehält, dass er... Dass er Lesarten eröffnet. Wir können ohne Probleme Georges als den überfordernden Tyrannen sehen, der es irgendwie an schwerer macht und der Mitwelt schlägt. schwerer macht und der halt dieses Gefängnis erschafft. Wir können aber Georges auch wirklich als den liebenden Ehemann sehen, der Andi Würde zurückgibt und dann tötet er sie. Kurz davor war noch die Szene, wo er sie wirklich gezwungen hat zu essen und zu trinken und scheinbar verzweifelt drum war, sie am Leben zu halten, obwohl sie nicht mehr wollte.
Johannes Franke: Also... Wenn er richtig stark gewesen wäre, was nicht heißt, dass es eine Wertung ist in Richtung richtig oder falsch. Sondern wenn er die Stärke gehabt hätte, dann hätte er gleich am Anfang, als sie es gesagt hat, es wird nur noch schlimmer werden. und eigentlich sagt, lass mich sterben, hilf mir beim Selbstbord, hätte er das gemacht schon an der Stelle. Was falsch gewesen wäre. Aber es wäre sozusagen das gewesen, was er sich jetzt eigentlich... in meinem Gefühl für das, was in seinem Kopf passiert, wünscht, schon gemacht zu haben.
Florian Bayer: Vielleicht, ja.
Johannes Franke: Weil in dem Moment an das denken muss, was sie gesagt hat. Sie hat sich versucht umzubringen und sagt dann, du, es wird nur noch schlimmer werden, ich will nicht mehr.
Florian Bayer: Wir haben ja, also zumindest nach diesem ersten Schlaganfall, wenn sie halbseitig gelähmt ist, haben wir ja das Gefühl, dass sie noch schöne Momente miteinander haben. Zärtliche Momente. Absolut. Besondere Momente. Nach dem zweiten Schlaganfall kann man es vielleicht nochmal anders sehen? Kann man vielleicht auch nochmal drüber nachdenken, haben sie die noch? Oder ist das nur noch... Nur noch George, der irgendwie so versucht, das zu finden in ihr und es ja auch irgendwie findet. was sie für ihn bedeutet. Und es gibt dann ja auch die schönen Momente, wo er ihre Hand hält und sich streichelt, aber sie liegt da und leidet. Und er redet mit ihr und streichelt sie und es ist ein zärtlicher Moment und für ihn vielleicht auch ein kathartischer Moment, aber es ändert ja nichts daran, dass sie trotzdem da liegt und leidet. Vielleicht können wir die Frage einfach nicht beantworten.
Johannes Franke: Die Frage ist nicht zu beantworten. gibt es seit Jahrhunderten die Diskussion darüber, ob man Sterbehilfe leisten sollte oder nicht. Das werden wir im Podcast nicht lösen.
Florian Bayer: Schade, dafür ist doch dieser Podcast eigentlich... Damit wir diese wichtigen Fragen lösen. Damit wir sagen können, Leute, wir haben drüber geredet. Hier ist die Antwort. Gebt das an den Ethikrat weiter. Keine weiteren Fragen mehr. Es ist toll vom Film, dass er uns das offen lässt. Und es ist toll vom Film, dass er auch immer so ein bisschen diesen Gedanken mit sich trägt, hey, das sind hier zwei Menschen. so leben und wovon einer so stirbt. Und wir können das nicht beurteilen. Und wir können das nicht... Nicht nur nicht verurteilen, sondern auch nicht beurteilen. Das ist einfach die Art, wie sie das machen. Und sie haben irgendwie ihren Weg gefunden. Und es ist zumindest in ihrer Welt richtig. Und wer sind wir das? zu werten.
Johannes Franke: Dadurch, dass wir nicht in der Lage sind, seit Jahrhunderten dafür eine befriedigende Antwort zu finden, glaube ich, dass das Sachen sind, die man den Leuten überlassen muss, die in der Situation sind. Und deswegen habe ich, glaube ich, auch deine Eingangsfrage überhaupt nicht im Kopf gehabt beim Filmgucken. Hat er es jetzt schlimmer gemacht, hätte er die Ärzte oder sowas. Weil ich die ganze Zeit gedacht habe, ja, das ist deren Art, damit umzugehen. Das ist jetzt deren Ende. Und jedem muss man sein Ende lassen. Und ich weiß nicht, ob das bedeutet, dass ich automatisch... Sterbehilfeaktive unterstützen muss. Obwohl ich dazu ein bisschen tendiere, aber auch nur so ein bisschen... Aber ich glaube einfach fest daran, dass jeder für sich einen Weg braucht und auch Weg... gehen dürfen sollte, den er braucht und die beiden haben halt diesen gewählt und so ist das halt.
Florian Bayer: Ja, vielleicht ist das die ganz einfache Antwort. So ist das halt. Das ist ja das, was der Film auch macht. Ich glaube schon, also der Film, es ist schon ein Haneke-Film, er kommt da auch nicht ganz raus. Und okay, du hast ihn offensichtlich anders wahrgenommen. Für mich war das so, dass ich von Anfang an irgendwie das Gefühl hatte, diese Frage wird durch den Film so mittransportiert. Ist das richtig, was er da tut? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, da drauf zu blicken. Aber ja, letzten Endes besteht auch einfach das Statement. dass es passiert und so ist das halt. Und vielleicht ist das auch das Statement, was wir dann in der wirklich letzten Szene sehen, wenn die Tochter allein in der... leeren Wohnung sitzt und einfach nur da sitzt.
Johannes Franke: Es ist so eine großartige letzte Szene. Und so simpel sie ist, Gibt sie all den Raum, den ich als Zuschauer brauche, um das zu verarbeiten, was passiert ist? um das zu reflektieren und um zu verstehen, dass genau das bei rauskommt, dieser Satz. So ist das halt. Dann sitzt man da, guckt sich das alles nochmal an, seufzt sehr, sehr schwer. Und naja, das war das.
Florian Bayer: Das muss man ja erstmal schaffen, ein Thema wie den Tod zu behandeln. Dass man am Schluss da sitzt und sagt, so ist das halt, dass man vielleicht auch seufzt, aber dass man das dann auch irgendwie akzeptiert. Die an Kanne.
Johannes Franke: Volle Kanne. Was wirklich ein Wunder ist. Vor dem Tod so... extrem den Tod die ganze Zeit vor Augen geführt zu bekommen und so emotional damit zu sein und am Ende friedvoll damit sein zu können.
Florian Bayer: Das ist wirklich krass. Du hast am Anfang gesagt, der Film schafft es auch so auf Sentimentalitäten und Pathos und Kitsch zu verzichten. Und das trägt ihn auch irgendwie heraus. Natürlich ist man, natürlich ist ist man drin im Film, der Film ist immersiv, der Film verlangt sehr viel Empathie ab und ist schon auch auffühlend. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich, nachdem ich den Film gesehen habe, das Gefühl habe, dass ich krass belastet bin, sondern ich habe durch den Film... Und das macht ihn nicht schwächer. Ich habe durch den Film so eine gewisse Akzeptanz für das Geschehen in dem Film gelernt. Und dann ist wieder Haneke voll der Didaktiker, der uns genau das beigebracht hat, was er uns beibringt. Diese Akzeptanz des Lebens und Sterbens.
Johannes Franke: Ja, macht das wirklich sehr, sehr gut. Ich habe das Gefühl, die ganze Zeit in jeder Szene, wenn ich als Schauspieler darauf schaue, Haneke rauszuhören, der jeden Moment den Schauspielern sagt... Hört auf, sentimental zu sein. Hör auf, dich auf den Satz draufzusetzen. Emotionalität reinzusetzen. Der Satz ist schon emotional genug. Du brauchst sie nicht noch emotional zu spielen. All die Sätze, die ich so vom Set kenne, von Regisseuren, wenn es um so Emotionalitäten geht. Und Haneke eben einfach... das so wahnsinnig wichtig ist, dass man dem Leben nicht noch mehr abtrutzen will an Emotionalitäten, als er sowieso schon hat.
Florian Bayer: Trattignon, der, wie wir wissen, eine lange Filmkarriere hinter sich hat, hat gesagt, ich habe noch nie mit so einem anspruchsvollen Regisseur wie Michael Haneke zusammengearbeitet.
Johannes Franke: Ja, kann ich mir vorstellen. Aber wirklich. Er meinte auch, am Anfang hatten sie noch so ein bisschen Freiheiten und dann hat Hannecke recht schnell angefangen, immer mehr wirklich ganz bestimmte Sachen einzufordern, ganz bestimmte Szenarien und ganz bestimmte Abläufe und so. die für einen Schauspieler manchmal auch schwer umzusetzen sind, weil du erstmal dahin kommen musst, dass du die Tasse in dem Moment absetzt, dass du bestimmte Schritte in dem Moment machst, Weil das ja sehr viel mit dem zusammenhängt, was du gerade sagst und was du gerade fühlst. Und du hast nicht bei jedem Take das gleiche Gefühl. Und da hinzukommen, dass wirklich alles genau stimmt... Und man nicht als Schauspieler dann anfängt, etwas aufzusetzen. So, ich mach das jetzt so, weil der Regisseur das gesagt hat und man merkt es sofort. Sondern das immer noch... so intrinsisch sich anfühlt. Es ist der Wahnsinn.
Florian Bayer: Haneke, also es gibt so viele verschiedene Arten, Filme zu inszenieren. Man muss die nicht gegeneinander aufwiegen. Aber ich finde, Haneke ist ein gutes Beispiel dafür, dass einer Regisur auch hervorragend sein kann, wenn er sehr analog fixiert ist. pedantisch ist. Und das ist Hannecke, glaube ich. Und perfektionistisch. Und da muss jedes Detail stimmen. Ich kann mir vorstellen, dass das die Hölle ist, wenn du als Schauspieler damit arbeitest. Also zumindest sehr herausfordernd, weil dann auch sehr viel sehr oft wiederholt werden muss und einfach eine gewisse... so einen gewissen Druck gibt, eben diesen Perfektionismus mit reinzubringen. Aber wenn man sich die Ergebnisse ansieht, nicht nur Liebe, sondern auch andere Filme, dann lohnt sich das.
Johannes Franke: Ja. Und auch als Schauspieler, jetzt die Perspektive des Schauspielers, stell dir mal einen Regisseur vor, der genau das Gegenteil macht. Stell dir einen Regisseur vor, der zu jedem Satz, den du sagst, sagst du, ja, super, perfekt. Machen wir, weiter geht's, nächste Szene. Und das kommt leider sehr oft vor. Ja. Vor allem im deutschen Fernsehen oder nicht im deutschen Fernsehen, sondern allgemein im Fernsehen, weil keine Zeit da ist. Und nicht, weil der Regisseur... wie das so scheint von außen, einfach mit allem zufrieden ist, sondern weil der Regisseur einfach keine Zeit hat.
Florian Bayer: Dann ist manchmal 80 Prozent auch genug oder 30 Prozent.
Johannes Franke: Ja, manchmal sagt man sich auch bei 30% schon, oh ja, passt, ist in Ordnung. Jeden Satz geradeaus erzählt, alles gut. Aber... Man muss auch dazu sagen, dass Haneke ja sehr viel Zeit eingeplant hat. Mehr Zeit als normalerweise wäre.
Florian Bayer: Acht Wochen, ne?
Johannes Franke: Es ist natürlich, er kann der Produktion gegenüber das absolut rechtfertigen, indem er sagt, es sind zwei alte Menschen, wenn die Pause brauchen, dann brauchen die Pause. Da können wir nicht einfach die Leute durchprügeln. Das geht nicht, es sind über 80. Und das ist natürlich ein Komfort, den du sonst kaum... kaum hast. Und die beiden waren sehr gut diszipliniert und haben sehr gut das alles durchgestanden.
Florian Bayer: Urgesteine. Schauspiel-Urgesteine. Das lohnt sich dann, ne? Wollen wir mal Richtung Top-Liste springen?
Johannes Franke: Wow! Ja, lass uns gerne in Richtung Top 3 uns vorrobben. Ich habe dafür einen Jingle.
Florian Bayer: Bitte Chinge. Unsere Top 3. Danke, Chinge. Danke, danke. Top 3 Liebe hast du gesagt, möchtest du?
Johannes Franke: Ja, ich meine, es klingt natürlich sehr obvious, aber wir hatten das noch nicht, oder?
Florian Bayer: Wir hatten das noch nicht, glaube ich auch. Vielleicht hatten wir mal Liebesfilme, Liebesgeschichten... Aber ich fand es total interessant, dass du auch wirklich einfach nur das Wort Liebe gesagt hast. Ganz wichtig, ganz wichtig. Weil Liebe ist, viele Liebesfilme zeigen nicht Liebe, sondern zeigen Verliebtsein.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Spannend ist natürlich, Filme zu finden, die Liebe zeigen. Es gibt gar nicht so viele. Zumindest nicht so viele, die das wirklich im positiven Licht auch zeigen. Also es gibt unglaublich viele Filme, die total toxische, kaputte Beziehungen zeigen. Die auch manchmal irgendwie eine Romantik in sich tragen darin. Und es gibt eben viele Filme, die so ein Verliebtsein und so ein Liebesrausch zeigen. Aber Filme, die wirklich Liebe als so was Konstantes zeigen? Weil ich glaube, das... Macht man so als Unterscheidung? Verliebt sein versus Liebe? Ja, ja, ja. Das Zweite halt irgendwie so ... konstant sein muss und irgendwie eine Dichtheit gibt es nicht so viel. Aber ich glaube, ich habe drei gefunden. Ich weiß nicht, ob ich zufrieden bin. Vielleicht.
Johannes Franke: Wie war es denn bei dir? Ich fand es auch gar nicht so wahnsinnig leicht, weil tatsächlich Hollywood sehr stark auf diese... Zwei Menschen verlieben sich ineinander gehen. Das sind die Liebesgeschichten. Und da stimmt das Wort Liebesgeschichte ja schon nicht mehr. Weil es ja wirklich nur um dieser Funken, der Initialfunken geht und dort, wo es dann in Liebe gehen könnte, hört ja der Film auf.
Florian Bayer: Genau, es wird immer dieses Happy Year After gemacht und dann ist es meistens, wo man denkt so, okay, wir haben jetzt sowas gesehen, oh, die haben sich verliebt, das war toll und alles so. Die Beziehung hält nicht länger als ein halbes Jahr. Gerade in den Rom-Coms, wo sie sich dann so von Anfang an streiten und man weiß, okay, da gibt es so viel Konflikt. Das kann nicht gut gehen, Leute.
Johannes Franke: Das wird nix. Ja, und ich glaube, daher kommt dieses blöde Ding, wo man immer sagt, Gegensätze ziehen sich an. Ja, aber Gegensätze trennen sich auch bald wieder.
Florian Bayer: Das ist so ein Hollywood-Mythos. Vielleicht, ja, vielleicht doch gibt es das, aber ja.
Johannes Franke: Ja, also eher selten, ne?
Florian Bayer: Ich glaube, man braucht gemeinsam keinen, sonst wäre das ziemlich hart. Witzig, dass mein Platz 3 genau das drin hat und auch alle Rom-Com-Klischees, aber irgendwie darüber hinaus wächst... Und mittlerweile als Rom-Com-Klassiker gilt. Aus dem Jahr 1989, kein Witz, Harry and Sally. Von Nora Ephron Drehbuch. Rob Reiner war Regie. Und er erzählt ja die Geschichte von Harry und Sally, die sich am Anfang nicht so wirklich ausstehen können, also sich zum ersten Mal begegnen und sich dann immer mal wieder begegnen, so über mehrere Jahrzehnte geht die Filmhand. Und dann irgendwann gute Freunde werden und dann irgendwann auch mal eine Affäre haben und dann aber wieder versuchen, die Freundschaft zurückzufinden. Und dann irgendwann gibt es diesen Moment, wo sie sich doch verlieben. Und es gibt diesen wirklich schönen Epilog, also zwischendurch werden immer mal wieder Paare gezeigt, die so erzählen, wie sie sich kennengelernt haben. Und im wirklich wunderschönen Epilog werden dann auch nochmal Harry und Sally gezeigt, wie sie von ihrer Beziehung erzählen und wie sie geheiratet haben. Und es ist eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Rom-Com, die es schafft, dieses Verliebtsein zu erzählen.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und dass man danach trotzdem denkt, da wird eine tolle Beziehung draus, weil es zeigt eben auch so einen sehr langsamen Prozess, dass sich ineinander verlieben und auch über die Freundschaft und man merkt, da ist vorher schon Chemie da, sie müssen gar nicht ineinander verliebt sein, um diese Chemie zu haben. Und dann entwickelt es sich trotzdem zu diesem romantischen Film. Und man kann viel über Nora Ephron Rom-Coms lästern. Harry und Sally ist ein Meisterwerk.
Johannes Franke: Da muss ich nochmal gucken. Ich habe es lange, lange, lange her und ich habe gar nicht mehr die Details im Kopf und so. Es gibt so ein paar Highlights, die man immer wieder um die Ohren gehauen bekommt von irgendwelchen... Ausschnitten, die im Internet rumgeistern.
Florian Bayer: Ja, diese Orgasmus-Szene ist das berühmteste.
Johannes Franke: Diese Orgasmus-Szene ist das berühmteste natürlich, aber...
Florian Bayer: Und die ist total dumm und ihr Orgasmus ist nicht glaubwürdig.
Johannes Franke: Nein, überhaupt nicht. Okay. Ich hätte auf Platz drei ein täglich größtes Murmeltier.
Florian Bayer: Wow, okay, ja.
Johannes Franke: Das ist ein sehr langer Zeitraum. Weil ich finde, dass der Film natürlich alles an Facette, von Verliebtheit bis ich glaube nur, dass ich verliebt bin. Ja. bis einfach nur sexuelles Interesse, bis wirklich Liebe zeigt. Und dieses ganze Spektrum irgendwie abbildet. Obwohl der Film gar nicht so sehr sich damit... so intensiv befasst. Das ist einfach eine Komödie mit vielen, vielen lustigen Situationen, aber tief... drunter, also so tief auch nicht, aber wirklich drunter liegt wirklich eine spannende Entwicklung von Liebe, von dem Begriff Liebe.
Florian Bayer: Ich hatte ja irgendwann mal die Idee, das ist zu spät. Aber eigentlich hätten sie so zehn Jahre später eine Fortsetzung drehen können. Und die beiden Protagonisten kommen wieder, also sind mittlerweile zusammen, aber ihre Beziehung kriselt, weil er halt doch immer noch diesen Zyniker raushält. Und sie kommen wieder zurück, um dieses Murmeltier zu drehen und müssen dann vielleicht mal wieder zusammenarbeiten. Vielleicht haben sie sich sogar getrennt mittlerweile und müssen auf jeden Fall wieder zusammenarbeiten und eigentlich genau in der Konstellation und dann werden sie beide in diesen Zeitstrudel gefangen. Und Phil sagt schon zu ihr so, oh nein, ich weiß, was das ist. Aber dann ist diese Zeitschleife, in der sie gefangen sind, die Chance, ihre Beziehung zu kitten. Oder ihre verlorengegangene Liebe wiederzuentdecken. Wäre eine tolle Fortsetzung gewesen. Hätte ich, glaube ich, gekauft. Ich verstehe es nicht bei dem Erfolg, den der erste Teil hatte. Ja, ja. Warum Hollywood nicht auf die Idee gekommen ist, einen zweiten Teil zu drehen?
Johannes Franke: Wir reden darüber sehr ausführlich in einer Folge. Wir haben den Film ja besprochen. Und da ist auch deine Idee zum... Wirklich? Habe ich dir damals schon gepitcht?
Florian Bayer: Du hast sie erzählt. Ja, die juckt mich echt. Es gehört zu den Filmen, wo ich mich frage, warum hat Hollywood keine Fortsetzung gedreht?
Johannes Franke: Ja, vielleicht musst du dir einfach schreiben.
Florian Bayer: Jetzt ist es zu spät. Bill Murray steht dafür bestimmt nicht mehr zur Verfügung.
Johannes Franke: Das ist doch egal. Wir machen das unter anderem.
Florian Bayer: Mein Platz 2, um auch die tragische Komponente von Liebe mit reinzubringen, die aber zeigt, dass auch mit der tragischen Komponente Liebe toll sein kann. Blablablabla. Eternal Sunshine of a Spotless Mind von, Entschuldigung, Michel Gontri. Der so wunderbar zeigt, wie eben Liebe als starkes Gefühl stärker sein kann als Konflikten und Krisen, die man hatte. Ja. Es geht darum, dass Jim Carrey spielt einen Mann, der herausfindet, dass seine Ex-Freundin, gespielt von Kate Winslet, die Erinnerung an ihn hat löschen lassen, weil das für sie zu schmerzhaft war. Und deswegen beschließt er, dasselbe zu machen. Und während dieses Prozesses, die Erinnerungen werden gelöscht, das wird von so einer Firma gemacht, so Science-Fiction-Touch, Während diese Erinnerungen gelöscht werden, kommt er zu Bewusstsein und bewegt sich in seinem Unterbewusstsein und stellt fest, verdammt, ich will gar nicht, dass diese Erinnerungen gelöscht werden, weil wir hatten wirklich eine schöne Zeit zusammen. Und dann versucht er irgendwie die Erinnerungen an ihre Beziehung zu retten und ihr zusammen mit ihr, beziehungsweise die Erinnerungen an sie, durch sein Unterbewusstsein und versucht da irgendwie rauszukommen, um wenigstens ein bisschen was zu retten.
Johannes Franke: Man kann sich unter dieser Beschreibung gar nichts vorstellen. Großartiger Film. Ihr müsst diesen Film gucken.
Florian Bayer: Charlie Kaufmann hat das Drehbuch geschrieben.
Johannes Franke: Natürlich, wer sonst?
Florian Bayer: Fantastischer Ritt durchs Unterbewusstsein, der so peu à peu offenbart, worum es überhaupt geht. Ganz tolle Mischung aus Fantasy, Liebesfilm und surrealem Gedankenexperiment.
Johannes Franke: Ich hatte auch diesen Film auf Platz 2, aber ich hätte noch einen Rettungsanker und zwar A Ghost Story.
Florian Bayer: Oh ja, oh sehr gut.
Johannes Franke: Auch eine ewige, ewige, ewige Liebe.
Florian Bayer: Ja, die ihn fesselt an das Haus, in dem er gestorben ist. Einer der ersten Filme, den wir in diesem Podcast besprochen haben, dürfte zweite, dritte, vierte Episode gewesen sein, so ungefähr.
Johannes Franke: Ganz, ganz, ganz trauriger, toller, intensiver Film, der ganz weird einen Geist einfach mit einem Laken über dem Kopf darstellt und man sich denkt beim Plakat, kann das was werden? Ist das einfach nur albern? Aber nein, es ist ein sehr ernstzunehmender Geist. Sehr gut inszeniert und sehr gut gemacht und geht halt durch die Jahrhunderte, weil er irgendwann stirbt und in diesem Haus einfach dasteht und... ihr Leben, mit der sie zusammen war, mit der Frau, ihr Leben weiter sieht. Und jetzt nicht unbedingt immer einverstanden ist mit dem nächsten Menschen, die sie mit ins Haus bringt. Aber dann eben auch zieht sie irgendwann aus und dann erlebt er andere Bewohner des Hauses. Und es ist wirklich ein... zu Herzen gehender Film.
Florian Bayer: Ja, ganz kurz aus dem Jahr 2017 von David Lowery. der immer noch ein Außenseiter ist als Regisseur, aber der ganz tolle Filme gemacht hat. The Creed Knight war so, ah, und den neuen Peter Pan und Wendy.
Johannes Franke: Was, wirklich?
Florian Bayer: Nicht den von Disney, nicht die Verstimmung von Disney, sondern doch, genau das.
Johannes Franke: Oh mein Gott, der hat den Lifestyle.
Florian Bayer: den Live-Action-Peter Pan gemacht. Oh, dann ist der vielleicht doch ganz gut.
Johannes Franke: Der sah aber nicht gut aus im Trailer, muss ich sagen.
Florian Bayer: Ja. Keine Ahnung. Auf jeden Fall hat er den gemacht. Aber ansonsten, The Green Knight ist großartig. Oh, er hat davor schon mal ein Live-Disney-Remake gemacht von Pete's Dragon. Oh, okay. Oh, ja.
Johannes Franke: Ich fand den ganz toll als Kind.
Florian Bayer: Davon hat er ein Live-Action-Remake gemacht, 2016.
Johannes Franke: Okay, okay, okay. Das muss ich alles angucken.
Florian Bayer: Mein Platz 1. Ich bin ins Serienuniversum gesprungen, weil man kann große, lange Liebesgeschichten am besten im Serienuniversum erzählen. Und es gibt... Ein ultimatives Paar in der Seriengeschichte. No Contest. Darüber muss auch nicht debattiert werden. Die sind Das Musterpaar, ihre Liebe übersteht alles.
Johannes Franke: Moment, wer könnte das sein? Es geht um...
Florian Bayer: Sie sind das großartigste Liebespaar und sie würden füreinander durchs Feuer gehen und das machen sie auch teilweise.
Johannes Franke: Alf und seine Katze.
Florian Bayer: Sie im Kampf gegen den Rest der Welt, im Krieg gegen alles, was außerhalb ihrer Beziehung ist, auch mit Konflikten in der Beziehung.
Johannes Franke: Gib mir noch einen Tipp.
Florian Bayer: Jetzt habe ich schon fast gesagt, aber du hast es nicht gehört. Noch einen Tipp. Sie sind verheiratet und sie haben Kinder. Ja, lustige Serie. Und sie haben auch ihre Konflikte und sie sind auch komplett unterschiedlich. Sie zeigen, dass man vielleicht doch mit Unterschieden auch lange zusammenbleiben kann. Darf ich? Ja, gut. Lois und Hell aus Malcolm Mittendrin. Ah! Was für ein großartiges Liebespaar, wie sie gemeinsam bei allen Problemen, die sie haben. Hell ist komplett neu. ist komplett am Ende, ist ganz schnell überfordert. Lois ist eine Tyrannin. Sie haben diese drei Kinder, die ihnen gewaltig auf die Nerven gehen. Sie haben viel zu wenig Geld, sie haben ständig Ärger mit Miete und mit allem und sie schaffen es trotzdem gemeinsam diesen Alltag zu wuppen und irgendwie hoffnungslos ineinander verfallen zu sein. Und sie sind für mich ein Musterbeispiel wie ein Paar so einen anstrengenden Alltag. Fantastisch. Was für ein großartiges Paar. Nehmt euch ein Beispiel an Lois und hell.
Johannes Franke: Du bist nicht überzeugt. Nein, ich gehe einfach mal wieder in die richtige Richtung. Und mach auf meinem Platz 1 Only Lovers Left Alive.
Florian Bayer: Oh, ja, die sind lange zusammen.
Johannes Franke: Die sind sehr lange zusammen. Nein, das Merkmal von Liebe ist nicht unbedingt, dass sie extrem lange zusammen sind. zusammen sind. Aber irgendwie scheint nicht das sehr stark in meiner Liste vertreten zu haben. Wir sind alle sehr lange miteinander irgendwie beschäftigt. Aber Only Lovers Left Alive ist einfach so ein Großartiger Film.
Florian Bayer: Chim Chamosch.
Johannes Franke: Ja, zwei Vampire, die einfach eine ewige Beziehung haben und auch gar nicht zusammen wohnen. Sollen sie sich alle ein paar Jahrzehnte mal wieder treffen und miteinander Zeit verbringen und dann wieder ihre Wege gehen?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ganz, ganz tolle Geschichte, ganz tolles...
Florian Bayer: Mit unglaublich viel Stil. Wahrscheinlich das... Stilvollste Film der 2000er Jahre. 2010er Jahre.
Johannes Franke: Der Wahnsinn. Und das von Jim Jarmusch.
Florian Bayer: Ja, haben wir auch besprochen im Podcast. Auch schon länger her, auch eine unserer frühen Episoden.
Johannes Franke: Ja, das war unsere Top 3.
Florian Bayer: Ja, cool.
Johannes Franke: Dann gehen wir mal wieder raus. Das war. Unsere Top 3. Und sind wieder in unserem Film drin. Ah. Aber haben wir noch viel zu sagen, Plur? Gibt es noch einige Trivia oder irgendwelche Sachen, die du erzählen willst, wo du sagst, Das muss man wissen. Zum Beispiel, dass die Schauspielerin Emmanuelle Reva fast eigentlich ausschließlich am Set gewohnt hat während der Dreharbeiten, weil sie nicht... stundenlang hin und wieder zurück vom Set, wollte sie nicht mitmachen.
Florian Bayer: Ja, dass Hanneke sich mit seinem Kameramann Darius Conci ganz schön gezofft hat, weil der gesagt hat, hey, Die haben schon vorher zusammengearbeitet und er hat gesagt, hey, lass uns digital drehen, das ist cool. Und hat ihn dann dazu überredet, diese Ari Alexa zu benutzen. Und Haneke war eigentlich so ein Verfechter des Traditionismus. Film, im ganz klassischen medialen Sinne, also Film als Medium, nicht digital, sondern analog Film. Und er war überhaupt nicht zufrieden mit den Digitalbildern und hat dann gesagt, Leute, da muss dran gearbeitet werden.
Johannes Franke: Ich habe echt lange dran geferkelt, dass das irgendwie gut aussieht. Und ich finde, es sieht sehr, sehr gut aus.
Florian Bayer: Es sieht nicht digital aus.
Johannes Franke: Überhaupt nicht.
Florian Bayer: Ich habe das, nachdem ich den Film gesehen habe, jetzt gelesen und ich hätte schwören können, dieser Film ist auf analogem Film getreten.
Johannes Franke: Absolut. Es ist wirklich toll. Ich bin sehr froh, dass er sich so viel Mühe gegeben hat, das Ganze dann noch im Nachhinein ordentlich zu bearbeiten. Aber ich verstehe Haneke nicht, er hat das Problem vorher schon mal mit Christian Berger gehabt. Der hat das doch auch gemacht, der hat auch digital gedreht mit ihm und er war schon da nicht zufrieden. Obwohl ich Christian Berger schon auf ganz anderen Ebenen total bewundernswert finde, weil der nämlich ganz bestimmtes Lichtkonzept erfunden hat, viel mit Reflektionen und so, dass ich es sehr toll finde. Aber das ist jetzt nicht zu viel rumgenörder. Ich verstehe nicht, warum man dann nochmal digital dreht, obwohl man eigentlich schon die Erfahrung gemacht hat.
Florian Bayer: Verstehe ich auch nicht so ganz. Und... Ich glaube, Hannecke verlässt sich sehr viel auch auf seine Kameraleute.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Weil ihm sind Bilder sehr wichtig und dann sagt er... Okay, das ist euer Metier. Ihr wisst, wie man die, ich kann euch sagen, wie ich mir das ungefähr vorstelle und ihr macht das Beste draus. Und dann hat er sich vielleicht auch einfach überzeugen lassen und hat dann im Nachhinein, aber es Das ist eigentlich doof, man guckt dann doch mal drauf und sagt so, ey, das ist es vielleicht nicht so ganz.
Johannes Franke: auch, man muss dazu sagen, das ganze Ding als Modell zu Hause gehabt. Die Wohnung war ja alles geplant und dann hat er das als Modell zu Hause gehabt und hat auch alles... Miniziös geplant. Jede Einstellung vorher visualisiert für sich mit diesem Modell, wo stelle ich die Kamera hin, wo sind die Schauspieler und so. Und da sieht man den Film auch an, finde ich, dass das sehr genau gemacht ist. Das heißt, er hat schon wirklich ein ganz klares Bild davon. Und dann sowas...
Florian Bayer: Also die Bilder sind fantastisch in diesem Film. Dafür, dass es sich um ein Kammerspiel handelt und dass es natürlich auch mit Klaustrophobie spielt. Beleuchtung und Bild sind einfach exquisit. Kann man nicht anders sagen.
Johannes Franke: Unfassbar gut. Übrigens ist Hanneke auch mit der Synchronisation sehr zufrieden gewesen, was eigentlich nicht immer der Fall war. Aber er fand, dass Hans-Michael Rehberg, der Trantillant, synchronisiert hat, das sehr, sehr gut gemacht hat. Und ja, bei den anderen weiß ich es jetzt nicht.
Florian Bayer: Ich habe das gelesen, habe dann noch mal in die Synchro reingehört auch. Und ja, Rehberg klingt wirklich gut. Aber ich finde, die Synchronisation macht tatsächlich einiges kaputt am Film. weil der Ton in der Wohnung im Original so sehr gedämpft klingt und durch so ein Dadurch, dass einfach in der Synchro so ein bisschen mehr Studio reinkommt, so ein bisschen mehr Raum. Also klingt es irgendwie, verliert es die Intimität. Ach fuck. Also es ist nicht schlimm, es ist wirklich okay, man kann es hören, aber ich finde das Original klingt deutlich intimer.
Johannes Franke: Okay, verstehe.
Florian Bayer: Und zu kleine Sachen, also ich verstehe nicht, warum sie sich für die deutsche Übersetzung für Hilfe entschieden haben für das Mal. Ich finde Das klingt deutlich intensiver. Und ja, es verliert einfach dadurch, dass es aus dem Studio kommt ... verliert es einfach an Intimität. Und das macht schon was aus an dem Film. Also ich würde empfehlen, guckt ihn lieber im Original.
Johannes Franke: Ja, habe ich auch gemacht. Obwohl ich ihn das erste Mal auf Deutsch gesehen habe. Ich auch. Ja, wir haben ihn zusammen geguckt. Es wird immer offensichtlicher, wir haben ihn zusammen gesehen. Ja, dann lass uns doch mal tatsächlich zu einem richtigen Fazit kommen.
Florian Bayer: Spiel schon den blöden Schick.
Johannes Franke: Ja, yes, danke. Das Urteil. Okay, na dann.
Florian Bayer: Ja, das ist dein Film. Vielleicht tritt dich vor, dann darfst du das letzte, abschließende Urteil haben. Ich hab schon gesagt, dass ich ... dass ich das Weiße Band für den besten Film von Michael Haneke halte. Dazu stehe ich. Ich glaube, Liebe ordnet sich ziemlich genau auf Platz 2 ein. Michael Haneck hat viele großartige Filme gedreht. Liebe gehört auf jeden Fall zu seinen allerbesten. Fantastischer Film, großartiger Liebesfilm. generische wie allgemeine Titel passt perfekt dazu, weil es wirklich sehr ausgiebig behandelt ist, das Thema Liebe.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Auch in einem didaktischen Sinne, aber deutlich ambivalenter, als Hannecke sonst unterwegs ist. Deutlich weniger in eine Richtung forciert. Und es ist einfach ein unglaublich starker, intimer, intensiver, emotional mitreißender Film, der trotzdem auch eine gewisse akademische Substanz mitbringt. Meisterwerk.
Johannes Franke: Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll noch. Flo, du hast das alles irgendwie auf den Punkt gebracht. Ich finde, dass dieser Film tatsächlich kaum Flaws hat. Also man hat... Ganz, ganz wenig Stolpersteine. Man guckt sich den Film einfach an und ist voll drin. Nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass da sich jemand zu sehr reinbegibt, zu sehr draufsetzt auf so eine Emotionalität. zu sehr Tränendrüse drückt oder sowas, was Hannecke ja sowieso verachtet. Insofern kommt ihm das hier... Absolut zugute und deswegen glaube ich auch, dass es der beste Film von Haneke ist, den ich gesehen habe bisher. Ich habe natürlich nicht alle gesehen, deswegen sage ich das mal so. Aber seine Herangehensweise, die relativ nüchtern und erbarmungslos zu sein scheint in seinen anderen Filmen, kommt hier... Im positivsten zum Tragen. Im positivsten im Sinne von, dass er die... Das Duschen zeigt und das Leiden zeigt, aber... Aber alles mit dem Vorzeichen der Liebe. Und dass er überhaupt in der Lage ist, diesen Film zu machen, fand ich So bemerkenswert, weil ich ihm das nach Funny Games und Caché und so weiter eigentlich nicht zugetraut hätte.
Florian Bayer: Schönes Schlusswort. Johannes, danke, dass du mir den Film gegeben hast. Danke, dass ich den nochmal gucken durfte.
Johannes Franke: Danke, dass du den geguckt hast. Es ist großartig.
Florian Bayer: Vielleicht streiten wir uns das nächste Mal wieder ein bisschen mehr.
Johannes Franke: Ja, mal gucken, mal gucken. Aber es ist gut, immer mal wieder Filme zu haben, wo man einfach einer Meinung ist und wo wir auch unsere Beziehung ein bisschen kitten könnten. Weil ich muss sagen, es gab auch zwischendurch jetzt zum Beispiel bei... The Painted Bird, durchaus Schwierigkeiten.
Florian Bayer: Das tut manchmal ganz schön weh. Wenn ihr wissen wollt, womit ich mich nächste Woche bei Johannes revanchiere für diesen Film.
Johannes Franke: Im positiven Sinne bitte.
Florian Bayer: Bleibt dran. Ansonsten vielen Dank euch fürs Zuhören. Eine schöne Woche euch und wir hören uns in sieben Tagen.
Johannes Franke: Sehr schön. Bis dann. Bleibt gesund.
Florian Bayer: Ciao. Ciao. So, Johannes, da wäre ja noch was.
Johannes Franke: Da wäre noch was.
Florian Bayer: Ich möchte mit dir wieder eine kleine Zeitreise machen und wieder ein Kapitel in dem Buch aufschlagen. Lass uns über Filmgeschichte reden. Dieses Mal, nachdem wir jetzt die ganzen europäischen Bewegungen durchhaben, Frankreich, Italien, Deutschland und so weiter. Es gab auch in Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts eine Art Filmbewegung, keine Ahnung wie man es nennt. Eher nicht, aber zumindest eine Reihe von Filmen, die sich irgendwie so in ein Genre pressen lassen.
Johannes Franke: Wird es eine didaktische Folge? Also wird es eine, wo du erzählen kannst, ja und dann war das so und dann war das so und der Filmemacher hat das so gemeint, aber der findet es eigentlich gar nicht gut.
Florian Bayer: Mindestens einen lexikalischen Eintrag wird es. wahrscheinlich geben. Ich möchte mit dir über Filmnoir reden.
Johannes Franke: Filmnoir, alles doch schön.
Florian Bayer: Genau, siehst du? Da haben wir es schon. Da sind wir schon auf einem Männer. Und warum nicht gleich mit dem Klassiker des Filmnoirs starten? der von allen irgendwie als der Film-Noir-Prototyp eingeordnet wird, der Malteser Falke, die Spur des Falken, Maltese Falken von John Huston.
Johannes Franke: Das Geile ist, ich habe den Film noch gar nicht gesehen.
Florian Bayer: Echt?
Johannes Franke: Nein. Ich habe keine Ahnung, ich kenne den Film nicht.
Florian Bayer: Wow, okay, krass. Da bin ich ja gespannt, was du davon hältst. Es geht, wir reden nächste Woche über knochenharte Detektive, über Femfertals.
Johannes Franke: Wie heißt der im Deutschen? Der heißt nicht Der Malteviser Falke, oder? Die Spur des Falken. Ach, die Spur des Falken.
Florian Bayer: Ja, genau. Ich glaube tatsächlich, es ist so der erste Film des Films noch. Zumindest von denen, die es irgendwie versuchen, zeitlich einzugrenzen. Aber ja, wir reden über ... über Detektive in Trenchcoats und über verregnete Tage und über viel Licht und viel Schatten.
Johannes Franke: Wir gucken eindeutig zu wenig Bogart-Filme. Ja. Wir müssen einfach viel mehr Humble Bogart gucken.
Florian Bayer: Also nächste Woche wird es sehr cool und lässig. Bringt eure Zigaretten mit. Und viel Whisky. Bis dann. Bis dann. Ciao.
