Episode 125: Zazie dans le métro – Die Nouvelle Vague im Slapstickrausch
Wir besuchen mal wieder eine von Plors liebsten Filmepochen: Die Zeit der Nouvelle Vague. Dieses Mal jedoch mit einer Komödie, die durchaus das Zeug hat, auch den Slapstick-Geschmack von Johannes zu treffen: Zazie dans le métro von Louis Malle aus dem Jahr 1960.
Es geht um den Rausch der modernen Großstadt, um den unschuldigen und weniger unschuldigen Blick von Kinderaugen, um Skurrilitäten und Absurditäten und um die Vermählung von Kunst und infantilem Humor, von Akademikertum und unverblümtem Spaß.
In unseren zugehörigen Bestenlisten sprechen wir über Filme mit Kindern als Protagonisten, die so gar nicht für Kinder geeignet sind.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 125: Zazie dans le métro – Die Nouvelle Vague im Slapstickrausch Publishing Date: 2023-05-24T11:44:35+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/05/24/episode-125-zazie-dans-le-metro-die-nouvelle-vague-im-slapstickrausch/
Florian Bayer: Das war alles. Die Welt ist explodiert und eskaliert. Es war ein Farbrausch, es waren Verfolgungsjagden, es war Party und Schrecken und Horror und Spaß. Ja, war ganz okay. Salut Johannes und bonjour, cher Publik, a une autre édition du Podcast Incontourable. Aujourd'hui, wir sprechen im Klassik der Nouvelle-Waxe, in der Métro des Louis-Males. Ihr könnt euch an ein Intellektuelles und Infantil erwarten, ... ... ... ... Hallo Johannes und herzlich willkommen, liebes Publikum, zu einer weiteren Ausgabe des Muss-Man-Sehen-Podcasts. Heute reden wir endlich wieder über einen Klassiker der Nouvelle Vax, das Sieh-Dolle-Metro von Louis Mall. Euch erwartet ein intellektueller und kindlicher Hochgenuss, der noch viel künstlerisch wertvoller und exquisiter klingt, wenn er in französischer Sprache eingeleitet wird.
Johannes Franke: Das Problem ist, die meisten haben jetzt abgeschaltet, weil sie gedacht haben, verstehe ich nicht, das ist nicht meine Sache.
Florian Bayer: öfter mal, dass man bei Spotify irgendwie über so einen Podcast-Verband einfach mal so klickt, Artikel klingt gut und dann schaltet man rein und dann springt einem plötzlich so Arabisch entgegen und man denkt so, oh shit, ich bin in der falschen Sprache. Ja, herzlich willkommen, Johannes.
Johannes Franke: Ja, herzlich willkommen, Plor, hier in meiner Küche. Wir sind wieder dabei. Wir werden wieder... Und noch eine Runde und noch eine Runde. Wer will noch rollen? Wer hat noch nicht... noch nicht, steigen Sie wieder ein.
Florian Bayer: Wir reden endlich wieder über die Nouvelle Vague, ich hab's schon gesagt und wenn ich Französisch spreche, dann weiß jeder, dann wird es ernst, denn mein Französisch ist echt katastrophal. Katastrophal, wie die Franzosen sagen würden.
Johannes Franke: Ich kann es leider nicht beurteilen, weil ich nichts verstanden habe und ich weiß, ich kann nur abstrahieren von deinem Englisch und dann ist das Französische vielleicht wirklich gar nicht so gut.
Florian Bayer: Ja, wahrscheinlich. Ich habe, glaube ich, sowohl im Englischen wie im Französischen einen harten deutschen Akzent.
Johannes Franke: Wobei, du bist im Saarland groß geworden. Da ist es doch eigentlich oberste Bürgerpflicht, Französisch zu kriegen.
Florian Bayer: Ja, ich hatte auch in der Grundschule. Ab der dritten oder vierten Klasse hatte ich Französisch bis zur Oberstufe. sehr lange sehr viel Schulfranzösisch gelernt, was einem auf der Straße nicht viel weiterhilft. Ich glaube, ich habe mehr Französisch gelernt auf Reisen, Urlaub in der Britannia als Irgendwie auf der Schulbank, und das geht wahrscheinlich den meisten so mit den Fremdsprachen, mit denen sie in der Schule konfrontiert waren.
Johannes Franke: Apropos Französisch auf der Straße, das heißt, das hat dir bei diesem Film auch nicht viel genutzt, weil die Sprache ja doch sehr
Florian Bayer: Nein, gossenhaft ist teilweise... Gossenhaft intellektuell, irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall ist das keine Sprache, die man... Ich glaube, auch als französisch Schüler müsste man sich da ziemlich... und wäre wahrscheinlich sehr schnell überfordert, weil es ja auch so ganz viel Sprachspiel ist und Sprachzertrümmerung und Sprachdekonstruktion. Also sprachlich bestimmt kein leichter Film. Aber hey, wenn es irgendjemanden gibt, der ein bisschen Französisch kann oder von sich behauptet, ich kann ganz gut Französisch ... Schaut ihn mal im Original und schreibt uns vielleicht, wie ihr das wahrgenommen habt und ob ihr mitgekommen seid oder ob es euch hoffnungslos überfordert hat, was da zu hören war.
Johannes Franke: Da werden wir noch ein paar Mal zu Gesprächen kommen drauf, weil ich diesen Film angeschaut habe und selbst mit englischen Untertiteln irgendwann aufgegeben habe und gedacht habe, ach ich genieße einfach den Bild.
Florian Bayer: Das ist ja auch durchaus gerade bei diesem Film legitim und vielleicht sogar... worauf wir auch zu sprechen kommen werden. Vielleicht auch so gar ein bisschen die Intention des Regisseurs.
Johannes Franke: Die Intention des Autoren der Vorlage kann ja ganz schlecht gewesen sein, sich nur auf die Visuals zu konzentrieren. Aber wenn man sich die Wortschöpfungen anschaut, ich habe ja ein bisschen reingeschaut, ist französisch, obwohl ich wie Schwein ins Ohrwerk geschaut habe. habe ich gedacht, okay, es ist spannend mit ein bisschen Erklärung, wie er Wortschöpfungen herbringt, die einfach... einen lustigen Klang oder so haben und gar nicht so sehr darauf aus sind, wirklich naja, schon inhaltlich Verbindungen herzustellen, aber eben ganz anders funktionieren als Sprache normalerweise funktioniert.
Florian Bayer: Ja, wir sind halt auch so mittendrin in der klassischen Postmodulierung. Postmoderne können wir es mittlerweile nennen, weil wir befinden uns ja irgendwo danach, wo auch immer, nach der Postmoderne. Das ist ja auch das, was der Postmoderne ganz oft vorgeworfen wurde, dass sie den Sinn und so, das Essentielle. komplett außen vor lässt und einfach nur noch Spaß haben und spielen will. So die ganzen Dekonstruktivisten. Die denken und gestalten eigentlich nicht mehr nach Inhalt, sondern nur noch danach. wie kann man irgendwie mit Zeug rumspielen, wie kann man referieren und Spaß haben.
Johannes Franke: Und wieso wirft man denen das vor? Das habe ich nie verstanden.
Florian Bayer: Das ist eine gute Frage.
Johannes Franke: Du hast mir zu viel Spaß, das geht nicht.
Florian Bayer: Ich kann es schon verstehen, es gab ja so ein bisschen diesen Konflikt zwischen den Kulturschaffenden, die irgendwie aus der Moderne kamen. Tatsächlich, die Frankfurter Schule wird so oft in diesen postmodernen Diskurs reingeworfen. Möchtest du Tee? Ja, bitte. Gerade die Gegner der Postmodernen nennen ja oft die Frankfurter Schule. Dabei waren, gerade in der Frankfurter Schule waren einige vehemente Gegner des postmodernen Spiels, weil die halt gesagt haben, nee, Kunst muss doch mehr sein, als nur mit Sprache rumzuspielen. Kunst hat doch irgendwie einen Sinn und einen politischen Auftrag. Kunst soll... Kunst soll Werte vermitteln, Kunst soll irgendwie was Höheres finden und was ihr hier gerade macht, ist einfach nur noch Kunst zum Selbstzweck, quasi der neue Ästhetizismus.
Johannes Franke: Ist das der Unterschied zwischen einem Ölgemälde und dem Designansatz, Bauhaus etc.?
Florian Bayer: Vielleicht, aber ich glaube, die postmodernen KünstlerInnen und DenkerInnen hätten sich nicht als Designfreaks verstanden.
Johannes Franke: Ja gut, okay. Das ist ja auch eine andere, da kommt es ja aus einer anderen Ecke dann, das ist klar.
Florian Bayer: Ich glaube, die hätten sich sogar eher so als... Antidesign verstanden, weil Design natürlich so sehr formgebunden ist und sehr klar versucht, Ordnung zu schaffen und auch versucht, Im Design geht es ja im besten Fall auch ganz oft darum, so einen Gleichklang von Gestaltung und inhaltlicher Ebene zu erschaffen, also ganz banal. dass du einen geschwungenen Coca-Cola-Schriftzug hast, der irgendwie das vermittelt, was die Marke auch vermitteln soll.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und ich glaube darum ging es den Postmodernen und den Dekonstruktivisten eher weniger um diesen Gleichklang, vielmehr um die Zerstörung dieses Gleichklanges. Wir sollten uns auf keinen Fall in zu viel Theorie verrennen. Lass uns mal ganz kurz einsteigen damit, worüber wir überhaupt reden. Saucy Dolle Metro aus dem Jahre 1960 von Louis Malle ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Raymond Conot aus dem Jahre 1959. Also tatsächlich Ja, nach Veröffentlichung des Romans wurde das Ding verfilmt.
Johannes Franke: Was ich sehr absurd finde, weil wenn die Veröffentlichung 1960 passiert ist, dann... Wie lange haben sie gedreht und wie schnell hat irgendwie der Regisseur gesagt, jo, das nehme ich. Also er hat sozusagen den ersten Verkäufern dieses Buches das Ding aus der Hand gerissen und sofort gelesen und sofort gesagt, gut, das wird verfilmt.
Florian Bayer: Es war ja gar nicht Louis Malle. der am Anfang so begeistert war von der Vorlage, sondern William Klein, ein Fotograf und Filmemacher. Ja, vor allem bekannt ist durch seine Dokumentarfilme, beziehungsweise damals vor allem durch seine Dokumentarfilme bekannt war. Und der hat das Buch gelesen und war wie viele seiner Zeitgenossen total beeindruckt davon. Das Buch hat hohe Wellen geschlagen. wurde sehr wohlwollend rezipiert und es wurde sehr positiv darüber geredet, wie es mit der Sprache spielt, Neologismen schafft und wie es in Sprache so Auflösung von Wirklichkeiten darstellt. Und William Klein fand das total toll und wollte das umsetzen und hat dann irgendwie mehr oder weniger... durch Zufall mit Louis Malle drüber geredet und hat dann gesagt, hey, lass uns das doch zusammenarbeiten oder Louis Malle hat auch gesagt, hey, lass uns doch zusammenarbeiten. Louis Mal war damals schon, war immer so ein bisschen Außenseiter der Nouvelle Vague, war aber damals schon Regisseur, der einen Namen hatte, vor allem dank Fahrstuhl zum Schafott aus dem Jahr 1957.
Johannes Franke: Irgendwas mit Lovers.
Florian Bayer: Und die Liebenden, Les Amants. Genau. Fahrstuhl zum Schafott, vor allem durch die Einbindung von Musik in Filmen. Miles Davis gearbeitet für den Soundtrack. Und übrigens ganz, ganz großartiger North Thriller aus Frankreich, Fahrstuhl zum Schafott, sehr sehenswert. Noch in Schwarz-Weiß.
Johannes Franke: Was ich so bemerkenswert finde, ist, dass er bei seinen ersten Werken mit Miles Davis arbeiten durfte und gleich so eine krasse Sache gemacht hat.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und da sich so einen Ruf erarbeitet hat und dann mit Sassi was völlig anderes macht.
Florian Bayer: Ja, ja. Er hat schon mit den Liebenden was komplett anderes gemacht. Louis Mal ist ein sehr spannender Regisseur, weil man weiß nie so genau, woran man bei ihm ist, wenn man einen weil er hat einfach in allen Genres gewütet. Also Fahrstuhl zum Schaffort war ein sehr traditioneller North Thriller mit Mitteln der Nouvelle Vague. Die Liebenden war ein unglaublich kitschiger Liebesfilm, bei dem ich bis heute nicht so ganz verstanden habe, warum der so als Meisterwerk gilt. Und dann haben wir Sasi. Das ist einfach pures Chaos. Und er hat auch ganz viel im Surrealismus gewütet später. Er hat ... Ja, fast so Burlesque-Filme gemacht, Hollywood-Filme quasi auch. Der hat alles mal rausprobiert. Und insofern finde ich es, also wenn man ein paar Filme von Louis May gesehen hat, stellt man irgendwann fest, okay, man weiß einfach nicht, was als nächstes kommt, weil im Gegensatz... Zu anderen Regisseuren, auch der Nouvelle Vague, wie zum Beispiel Godard, gibt es bei Louis mal wenig Konsistenz in den Filmen. Auch qualitativ gibt es große Unterschiede. Und deswegen ist das immer so eine Überraschung.
Johannes Franke: Ganz kurz Nachfrage, weil ich das gerade nicht finde bei mir. Außer Atem. Ist später entstanden, oder?
Florian Bayer: Außer Atem ist 1960 auch entstanden. Das heißt, wir sind hier in derselben Zeit. Und so die End-50er und frühen 60er gelten ja als die Zeit der Nouvelle Vague. Ja, ja. Ähnlich wie bei anderen Filmbewegungen ist es so, dass die Nouvelle Vague früher einsetzt als ihre Filme. Was einfach damit zusammenhängt, dass die Vertreter der Nouvelle Vague, großen Vertreter der Nouvelle Vague wie François Truffaut oder auch Jean Renoir. dass die alle eigentlich aus der Kritik kamen. Das waren Theoretiker, die haben über den Film geschrieben. Und so ein bisschen als der Grundlagentext der Nouvelle war, Eine gewisse Tendenz im französischen Film von François Truffaut 1954 veröffentlicht. Also eine gute Zeit vor diesem Film. Und die eigentlich großen Langfilme, wo man sagt, das... ist Nouvelle Vague, die setzen eher so Ende der 50er, Anfang der 60er ein. Also vielleicht so Hiroshima Mon Amour von Alain René 1959. Und Außer Atem von der 1960 ist eigentlich der Initialfilm der Nouvelle Vague.
Johannes Franke: Ist das irgendwie seltsam, dass Kritiker anfangen Filme zu machen? Also mir fallen einige Beispiele ein, warum das keine gute Idee ist. Dass das irgendwie nicht so gut funktioniert. Also zum Beispiel unser Beyond the Valley of the Dogs. Ja, also das ist schrecklich. Ja, Roger Ebert. Ja, Roger Ebert. Es ist nicht immer eine gute Idee, als Kritiker dann zu sagen, ich kann es besser, ich mache jetzt einen Film. Sind die Filme dann zu verkopft, zu konstruiert, als dass sie wirklich funktionieren würden oder was ist das Problem oder gibt es das Problem gar nicht und es existiert nur in meinem Kopf?
Florian Bayer: Die Gefahr besteht natürlich auf jeden Fall. Ich glaube, es ist ganz wichtig, von was für einer Form von Kritiker wir reden. Wenn wir uns die französische Kritik zu der damaligen Zeit anschauen, die französische Filmkritik, ist das was anderes als das, was Roger Ebert dann Ende der 60er gemacht hat. Ganz einfach, weil die haben damals ja nicht das gemacht, was man heute kennt, so als traditionelle Rezension, wo jemand schreibt, der Film ist so und so, der ist ganz gut, deswegen und deswegen und ich gebe ihm ein Drei von fünf Punkten. Das haben die ja nicht gemacht. Die waren ja wirklich Filmliebhaber und Filmphilosophen. die einfach sich sehr viel mit dem Medium auseinandergesetzt haben und sehr lange darüber nachgedacht haben, Was macht die Kunst mit uns? Wie können wir die Kunst weiterentwickeln? Wie kann sich die Kunst verändern? Also es gab damals vielleicht so ein bisschen mehr so ein Gleichschritt von Kritik und Kunst, einfach weil es ein relativ junges Medium war?
Johannes Franke: Ja, so jung auch nicht mehr, muss man sagen.
Florian Bayer: Als anderes Beispiel, wo es funktioniert, würden mir vielleicht die Expressionisten einfallen. Die klassischen Expressionisten haben ja auch mit diesen Zeitschriften angefangen, wo Theorie... die ganz oft auch Nebenkunst stand, wo die ganz viel drüber philosophiert haben, was... Was den Expressionismus auszeichnet, wie ihre Kunst aussehen soll, wie ihre Kunst die Welt revolutionieren soll. Und dann gleichzeitig haben sie auch diese Kunst gemacht. Es gab irgendwie so ein Zusammenarbeiten von Kritik und Medium. Und die haben sich nicht als Gegenspieler verstanden. Und ich glaube, das war bei den Nouvelle Vague-Leuten auch so. Das waren keine Feinde des Films und auch keine Nachmesser. Das waren nicht Leute, die den Film versucht haben einzuordnen, die haben was anderes gemacht irgendwie.
Johannes Franke: Also ist die Erfindung des Kapitalismus der klassische Kritiker, den wir heute kennen... Oder was würdest du sagen? Weil die Kunst, wenn du sagst, es sind quasi auf dem gleichen Gleis entlangfahrende... philosophische Beobachter und nicht Kritiker, die einsortieren, dann fällt eine Einsortierung ja erst, fängt ja erst dann an. Wenn du anfängst, Dinge miteinander vergleichen zu wollen, um sie in ein Raster zu bringen, der Sehbarkeit oder des Lohnenswerten im Sinne des kapitalistischen Gedanken, oder nicht?
Florian Bayer: Das ist so hart. gesagt. Es geht ja um Kanonisierung auch. Also Roger Ebert ist jetzt niemand, der sagt, ich beurteile, wie gut man den Film verkaufen kann. Das machen wir ja auch nicht.
Johannes Franke: Deswegen frage ich mich gerade, ob wir uns dann in diesem Sinne eher als Filmphilosophen verstehen sollten, als als Filmkritiker. Ob es da überhaupt diese scharfe Grenze gibt?
Florian Bayer: Nein, auf keinen Fall gibt es diese scharfe Grenze. Natürlich findet das alles komplett auf dem Spektrum statt. Ich würde behaupten, die Nouvelle Vague-Leute standen eher so stärker noch auf der anderen Seite des Spektrums, einfach weil die ja einfach Filme nicht so bewertet haben. Also ich glaube, du hättest... Du hättest die nicht so wie uns über ein Film reden hören. Die hätten nicht so gesagt, das fand ich nicht so gut handwerklich und das war nicht so gut gemacht. Die hatten irgendwie einen anderen Auftrag, ein anderes Sendungsbewusstsein. Und die Texte, die damals veröffentlicht wurden in dieser Zeitschrift, Carrière du Cinema, für die er unter anderem Truffaut gearbeitet hat, Die hatten auch immer so einen Call to Action drin. Tufo hat nicht einfach nur gesagt ... das ist Kacke am Film, sondern Truffaut hat gesagt, Leute, wir müssen hier so Filme drehen, guckt euch das mal an, das müssen wir machen. Also der hat sich immer auch eigentlich als Filmemacher verstanden. gleich auch sagt, was gemacht werden muss.
Johannes Franke: Ja, okay. Das heißt, wir sind zu faul? Wir gucken uns die Filme an und sagen einfach, naja, also da fand ich Wes Anderson's letzten Film besser, weil...
Florian Bayer: So ein bisschen, naja, wir haben halt einfach, unser Verständnis von Filmkritik ist natürlich auch geprägt von dem, wie es sich dann im 20. Jahrhundert viel entwickelt hat. Und da gibt es natürlich auch die Gesetze des Marktes, die da ganz stark reinwirken, dass die Masse von Leuten sagt ... stellt die Forderung an die Kritik, sagt mir, was ich gucken soll. Sagt mir, wofür ich mein Geld und meine Zeit investieren soll.
Johannes Franke: Nein, nicht der Kapitalismus.
Florian Bayer: Ja, das spielt auf jeden Fall noch unter.
Johannes Franke: Weil der Zuschauer ja wissen will, was lohnt sich jetzt mein Geld auf den Kopf zu kloppen. Damit ich da reingehe, weil der Kinobesuch ist einfach teuer geworden.
Florian Bayer: Oder meine Zeit. Wenn du Zeit als Kapital betrachtest. spielt das ja auch eine große Rolle. Ist ganz spannend, weil wir ja auch in einer Zeit leben, wo man sagen kann, okay, was passiert gerade mit der Kritik dadurch, dass alles so krass verfügbar ist. Zum Beispiel Musikkritik wird die jetzt obsolet, weil du sowieso kurz mal bei Spotify ein Album reinhören kannst. Oder Verändert sich die Kritik dadurch wieder und es gibt wieder andere Anforderungen an die Kritik.
Johannes Franke: Ja, wahrscheinlich ist Kritik, wenn es jetzt um Musik geht, die sowieso zugänglich ist, eher so ein Katalysator für Acquired Taste. Der erzählt dir dann, warum du die Musik gut finden sollst.
Florian Bayer: Ja, das klingt immer so negativ und zynisch, wenn du das sagst. Aber es ist ja tatsächlich ganz spannend, Geschmack eingeordnet zu kriegen. Und auch Geschmack ist total subjektiv, durch und durch. Man kann alles mögen und alles Kacke finden. Aber was man machen kann, ist, ich würde sagen, Geschmack objektifizieren. Das heißt, man kann Gründe finden, warum... der Geschmack, den man hat, gut ist und warum das, was man gut findet, gut ist. Und ich glaube, das ist auch vielleicht ein bisschen das, wo sich dann... Wo sich die Frage nach dem guten und schlechten Geschmack irgendwie nochmal trennen lässt. Wenn wir sagen, alles ist subjektiv, dann gibt es keinen guten und schlechten Geschmack. Aber wenn du sagst, du kannst mit Argumenten und indem du tiefer eintauchst, kannst du begründen, warum du etwas gut findest. Wenn du das kannst, dann ist dein Geschmack gut im Alter. Sinne. Während wenn du einfach nur sagen kannst, geil, bunt, dann ist dein Geschmack schlecht.
Johannes Franke: Das würde ich so nicht unterstreichen. Ich kann durchaus in ein Museum gehen und mich vor ein Bild stellen und sagen, boah, cool. Und weniger zufällig davorstehen und sagen, das ist gut.
Florian Bayer: Dann ist vielleicht nicht die Unterscheidung in guten und schlechten Geschmacks, sondern eher die Unterscheidung in reflektierten Geschmacks.
Johannes Franke: Geschmack? Ja, natürlich.
Florian Bayer: Vielleicht. Und das ist ja auch...
Johannes Franke: Aber was ist der Vorteil an Rezeptverwaltung? Gibt es da einen Vorteil? Ist das die überlegene Version von Geschmack? Ich weiß nicht.
Florian Bayer: Na, der Vorteil ist im besten Fall, dass du dadurch deinen Geschmack eher vermitteln kannst. Dass du vermitteln kannst, warum du was gut findest. Und damit vielleicht Leute sogar im besten Fall für etwas begeistern kannst, was dir gefällt.
Johannes Franke: Was ich viel wichtiger finde, ist, dass du dich selbst... Dass du reproduzieren kannst, dass du nämlich in deiner Wohnung stehen kannst und sagen kannst, oh geiles Bild und dich umdrehen sagen kannst, aha, das passt jetzt deswegen nicht dazu.
Florian Bayer: Ja, ja. Nur klappt das leider nicht immer. Ich muss gerade an deine Wohnung denken. Der harte Übergang von Theorie zu Praxis. Ich weiß, was mir gefällt. Ich komme in die Johannes Wohnung und denke, oh ja, Stil. Und dann komme ich in meine Wohnung und denke, Moment, bei Johannes war da ein Bild. Wenn ich da jetzt ein Bild aufhänge... Und dann hängt das in diesem Rattenloch. Drunter auf dem Boden steht so ein Pets Süßigkeiten-Spender. Irgendwo in der Ecke liegt ein Beachvolleyball. Und Die Playstation. Und die Playstation, genau.
Johannes Franke: Nichts gegen die Playstation, aber wenn ihr sie ordentlich einsortiert vielleicht und dann irgendwie, nein, das ist völliger Blödsinn, macht was ihr wollt. Die Playstation ist kein Blödsinn.
Florian Bayer: Blickfang fürs Wohnzimmer. Also die Playstation ist ne tolle Konsole, aber sie ist kein Blickfang fürs Wohnzimmer. Sie ist einfach hässlich.
Johannes Franke: Nein, nein, nein. Ja, aber im richtigen Kontext funktioniert auch das. Du musst halt nicht nur davor stehen und sagen, oh geil, sondern auch wissen warum.
Florian Bayer: Plastik. Wo waren wir? Sassidol im Metro. Louis Mal.
Johannes Franke: Was, kommen wir echt wirklich zu diesem Film? Machen wir wirklich diesen Film noch?
Florian Bayer: Ja. Und William Klein war dann als Berater dabei, weil sie irgendwann festgestellt haben, okay, William Klein macht nicht wirklich was, sondern Louis Mal macht die ganze Arbeit. Und Louis Mal sortiert alle rum und sagt allen, wie sie stehen müssen und wie sie aussehen müssen. Und dann hat William Klein gesagt, okay, ich halte mich mal ein bisschen zurück. Ich halte mich mal ein bisschen mehr zurück. Und am Schluss war er halt nur noch künstlerischer Berater.
Johannes Franke: Ja, aber kann man auseinanderklamüsern, was von ihm kommt und was nicht? Weil das ist schon schwierig dann irgendwann, was haben die besprochen, was haben die nicht besprochen, was hat er dann noch mit eingebracht später und was? Weil man muss dazu sagen, der Film ist voll von Zeug und man kann es natürlich nicht mehr auseinanderklamüsern. Insofern muss man irgendwie pauschal wenigstens ein bisschen Credit noch geben, oder?
Florian Bayer: Na, Klein selbst hat gesagt, er findet es verrückt, wenn irgendjemand behaupten würde, er hätte Korichi geführt in dem Film. Alles, was gemacht wurde, kam von Louis mal. Also wie gesagt, klein selbst. Hat gesagt, nee Leute, echt jetzt, ich hab damit nichts zu tun. Und es gibt sogar so eine Anekdote von Klein, wie er gesehen hat, dass eine Szene mehrmals gedreht wurde. Und dann hat er gesagt, das ist eigentlich ganz geil und diese Wiederholung, das können wir ja auch machen, wir spielen hier so viel, wir experimentieren hier so viel, warum nicht das? Und dann ist dann wohl vor die Crew getreten und hat gesagt, Leute, wie wär's, wenn wir das machen? Und dann gibt es diesen Moment des Schweigens. Man sieht so einen Busch vorbeifliegen. Und Klein selbst hat gesagt, das war der Moment, wo er realisierte, dass er... keine Chance hatte. Er war lost. Es war Louis Malts Film und Louis Mal hat gesagt, wo es lang geht. Und ich glaube, er dürfte sogar ganz glücklich sein, dann am Schluss noch so als künstlerischer Berater irgendwie eine Rolle in den Credits zu kriegen, weil Louis Mal war... Ein Regisseur der Nouvelle Vague. Und dementsprechend war es ein Vertreter des Auteurfilms. Das heißt, Louis Mal war jemand, der davon überzeugt war, dass der große Filmemacher, der Autor alles in der Hand hat und alles bestimmt vom Drehbuch bis zur kleinsten Einstellung war.
Johannes Franke: Wobei das ja gar nicht stimmt wirklich, weil das eine Vorlage hat, was der Neuvel Waag hier so ein kleines bisschen entgegen geht, wenn ich das richtig verstehe. Es gibt ja wirklich, das Buch ist ja... Hervorragend verfilmt, wenn man das so daneben hält. Also ich habe ein bisschen geguckt, mir ein bisschen angeschaut, was da drin ist. Und natürlich kann man viele Sachen des Buches nicht in einen Film packen, aber dafür hat der Film halt Übersetzungen gefunden, visueller. Art, die ich total spannend und total geil finde und was wahrscheinlich genau das Vergnügen des Lesens beim Gucken macht.
Florian Bayer: Es gibt so ein Interview mit Louis Mal, ich weiß nicht, ob du es gesehen hast, Anfang der 60er Jahre im französischen Fernsehen, wo ja gefragt wird, wie... Wie es dazu gekommen ist und wie er den Film machen wollte und was er im Sinn hatte und er sagt, naja, Film ist ein anderes Medium als Literatur. Und das Besondere an Conos Buch ist offensichtlich, dass es eine Kritik und Dekonstruktion von Sprache und Literatur ist. Und ich habe versucht, das Ganze insofern in einen Film zu übertragen, indem ich es nicht zur Kritik an Sprache mache. was das Medium der Literatur ist, sondern als Kritik am Bewegtbild, am Medium Film. Und dann habe ich halt versucht, so wie das, was auch im Buch enthalten ist, diese Parodie und Pastiche, also diese Imitation, Hommage und Satire... diese Nachahmung von den Traditionen des Mediums. Das habe ich versucht eben... im Film zu machen. Das heißt, ich nehme die Tradition des Films und versuche das zu persiflieren, zu imitieren. Aber auch mich davor zu verbeugen. Das schiebt er dann so hinterher und deswegen möchte ich diesen Film Charlie Chaplin widmen.
Johannes Franke: Das ist so süß. Und Charlie Chaplin hat den Film gesehen und fand den ganz toll.
Florian Bayer: Du musst wirklich dran denken. Ein junger Regisseur damals. Diese Aufnahme von ihm ist toll, weil er sitzt da wirklich als ganz junger, verschüchterter Regisseur.
Johannes Franke: 24, 25, wie alt ist der? Irgendwas in der Richtung?
Florian Bayer: Ja, er war ... 32 war er geboren, das heißt, er war 28. veröffentlicht wurde. Also mit 27 hat er ihn gedreht und er ist da wirklich stolz drauf und Man merkt ja auch, er ist ja sehr inspiriert von der amerikanischen Kultur. Da werden wir bestimmt noch mehrmals darauf zu sprechen kommen. Er sagt dann auch, dass er total umgehauen war, als Chaplin zu ihm gesagt hat, dass er den Film mochte. Hat den Film in Frankreich gesehen. Er hat ihn in Frankreich zum Filmfest eingeladen. Der Film war nicht untertitelt. Charlie Chaplin hat kein Wort von dem Film verstanden. Und Charlie Chaplin war trotzdem begeistert danach.
Johannes Franke: Natürlich, aber wirklich. Wenn ihr diesen Film nicht gesehen habt, ihr müsst diesen Film sehen. Flo, einmal ganz kurz dazwischen geschoben. Bitte gib mir nie wieder einen anderen Film als solche Filme. Ich find's geil, weil man wirklich alles versteht. Es ist egal, ob ich die Untertitel lese oder nicht. Nein, es ist nicht ganz egal, weil es gibt eine Ebene, die da durchaus fehlen würde. Aber es ist so geil und ich kann Chaplin so gut verstehen, dass der einfach drin sitzt, sich das anschaut, kein Wort versteht und total begeistert ist. Natürlich.
Florian Bayer: Springen wir einen Schritt zurück. Das haben wir euch noch gar nicht gesagt. Ihr habt ja den Film alle gesehen, deswegen müsst ihr es nicht wissen. Aber trotzdem ganz kurz, worum geht es eigentlich in diesem Film?
Johannes Franke: Worum geht es in dem Film? Es gibt ein Mädchen, das fährt mit der Mutter nach Paris rein. Wir sehen, dass sie am Anfang im Zug ankommt und dann geht das Chaos eigentlich. Also es gibt einen Onkel, der holt das Mädchen ab. Sie hat ihn nie gesehen vorher, die haben nichts miteinander zu tun gehabt.
Florian Bayer: Du bist also Onkel Gabriel?
Johannes Franke: Und die sind sofort total liebevoll miteinander. Ich finde es total süß.
Florian Bayer: Und wir erfahren auch, warum sie... bei ihrem Onkel ist. Und zwar, das ist diese Dark Note, die wir immer mal wieder reingepresst kriegen während dieses Films, weil ihre Mutter schnacken will, ne? Die Mutter trifft sich mit einem Liebhaber und will einfach mal Ruhe vor der blöden Göre haben. Sassi ist 10. 9,5. 9,5, auch wenn sie oft nicht wie 9,5 klingen. Nein, überhaupt nicht. Aber sie flucht ziemlich schnell und ziemlich viel. Es geht auch gleich los mit Fluchen. Also irgendwie... Napoleon, ne? Gabriel sagt, oh und jetzt kannst du die Heimat von Napoleon sehen und Napoleon am Arsch.
Johannes Franke: Am Arsch. Aber das fällt so oft an Napoleon am Arsch oder sonst irgendwas am Arsch. Es ist einfach, sie hat ein sehr loses Mundwerk, muss man sagen.
Florian Bayer: Und Gabriel will sie dann zu sich nach Hause bringen, also bringt sie auch zu sich nach Hause und sie hat aber nur ein Ziel, sie kommt vom Land und sie will, wenn sie schon mal in der Stadt ist, will sie Metro fahren, sie will Uber.
Johannes Franke: Und ich kann es so gut verstehen. Egal wo du sein könntest, ob du jetzt bei Notre Dame oder sonst irgendwo sein könntest, als Kind willst du Metro fahren. Natürlich. Das ist so großartig. Und was so on brand ist für Frankreich, Streik. Ja, natürlich.
Florian Bayer: Nichts herrt. Und das ist wirklich ein Downer für sie. Sie hat sich so drauf gefreut, Metro zu fahren und dann geht es nicht. Aber Gabriel hat ja auch ein kleines Programm für sie vorbereitet. Also er sagt, ach komm, ich kann dir das zeigen und das. Und er hat auch seinen persönlichen Chauffeur, den Taxifahrer Charles. der sie auch abholt vom Bahnhof und mit dem sie dann durch die Stadt fahren.
Johannes Franke: Ja, aber der hat ja erstmal Probleme. Der ist ja belagert von allen möglichen Leuten. Und das ist ein wiederkehrendes Mittel, dass das crowded, überall crowded. Sie versuchen alle bei ihm mitzufahren und dann versuchen sie bei anderen Taxen mitzufahren und die ganze Stadt... ist voll von Autos und das in den 60ern. Es ist so krass.
Florian Bayer: Und dann haben wir diese geile Autofahrtssinn, die auch so sehr schnell ist im Zeitraffer. Wir sehen Sasi immer mal wieder die Tür auf. und sich so raushängen aus dem Auto.
Johannes Franke: Total krass.
Florian Bayer: Gabriel versucht ihr zu erklären, was wo ist und hat selbst keine Ahnung, aber Charles hat auch keine Ahnung. wiederkehrendes Motiv, die Orte, es ist nicht ganz sicher, was wo ist. Und er sagt, hier sehtest du das Pantheon und dann sagt Charles Plötzin, das ist es doch gar nicht. Und Sie diskutieren die ganze Zeit drüber.
Johannes Franke: Am Ende ist es wahrscheinlich irgendwas ganz anderes gewesen. Ich habe nicht extra nachgeschaut. Aber Sasi ist auch immer wieder der Meinung, dass sie sowieso Scheiße erzählen, oder?
Florian Bayer: Ja, sie flucht die ganze Zeit. Sie hat eigentlich keinen Bock. Sie will Metro fahren. Verdammt nochmal, was machen diese komischen alten Leute da mit ihr?
Johannes Franke: Aber trotzdem habe ich das Gefühl, egal wie soll sie schimpft, ist sie irgendwie trotzdem liebevoll mit allen.
Florian Bayer: Sie ist so süß.
Johannes Franke: Sie ist wirklich süß.
Florian Bayer: Sie ist unglaublich niedlich. Katharine Demangeau. Ich entschuldige mich sehr für meine französische Aussprache, die wirklich nicht on point ist.
Johannes Franke: Ich war schon gespannt, wie du es machen würdest. Weil ich dachte, du hast ja das auf jeden Fall gelernt so ein bisschen und deswegen konnte ich mich zurücklehnen, aber ich geb mir Mühe.
Florian Bayer: Die hat nicht viel danach gespielt.
Johannes Franke: Nee, die hat sich Lehrerin geworden.
Florian Bayer: Ja, sie hat zumindest noch so zwei Filme in ihrer Vita stehen. Genau. Fett zu Tee La Banque mit Louis de Funé und Misa Sack. Keine Ahnung, beide nicht gesehen. Sie dominiert einfach den Film mit ihrem Misa.
Johannes Franke: So dermaßen. Sie ist so großartig. Ganz, ganz toll mit ihrer Zahnlücke.
Florian Bayer: Ja, mit ihrer Zahnlücke und dann... so sehr ambivalent gezeichnet, weil sie hat auf jeden Fall das, was wir ja oft sehen in Filmen mit kindlichen Protagonisten, dass sie sehr altklug ist. Und oft auch weiser daherkommt als die Erwachsenen. Aber sie ist manchmal auch einfach nur Anarchie. Sie ist radikal kindlich, albern. Treibt ihre Umgebung zur Weißglut und versucht oft... auch, sie versucht oft auch klüger und weiser zu klingen, als sie eigentlich ist und sieht man oft in diesen Momenten, wenn sie sich so das, was sie erlebt in der Außenwelt, was teilweise ziemlich krasse und verstörende Sachen sind, indem sie versucht, sich das irgendwie so zusammen zu puzzeln. Und irgendwie damit die Welt erklärbar zu machen. Und das sind dann halt oft so sehr unvollständige Sachen, die sie irgendwie zusammensetzt. Weil halt einfach wichtige Informationen fehlen. Ein wiederkehrendes Moment des Films ist, dass sie sich darüber Gedanken macht, was... ...homosexual bedeuten könnte, weil ein Polizist Gabriel irgendwann bezichtigt, schwul zu sein... Und sie hört das halt und sie versucht das irgendwie zu verstehen und versucht da irgendwie sich so einen Reim draus zu machen und sinniert da sehr viel drüber. Sie redet sehr viel über Sex.
Johannes Franke: Und sie versucht herauszufinden, ob er es ist oder nicht. versucht es herauszufinden. Obwohl sie keine Ahnung hat davon, was es bedeutet, wenn er Ja sagt oder was es bedeutet, wenn er Nein sagt. Aber sie will herausfinden, ob es stimmt.
Florian Bayer: Genau, sie will diese eine gewisse Und es gibt mehrere Gespräche von ihr über Sex oder über irgendwelche dunkleren Sexsachen.
Johannes Franke: Und sie stellt sich auch teilweise als Frau dar, wie sie nicht ist. Ich weiß nicht, im Buch ist ja eigentlich 12, 13 und da ist es auch nochmal eine andere Geschichte. Weil sie da auch noch mehr in Richtung Pubertät geht und das natürlich ein ganz anderes Thema ist, Sexualität. Aber als neuneinhalbjähriges Kind macht das ein Spannungsfeld auf, was ein bisschen verstörend ist.
Florian Bayer: Wenn wir schon bei dem Spannungsfeld sind, ich kann mir vorstellen, dass das bei ganz vielen Filmen verstörend wäre. Weil es halt irgendwie so sexualisiert im schlimmsten Fall und dann irgendwie so eine ganz unangenehme Atmosphäre erzeugt. Ich finde, in diesem Film passiert das überhaupt nicht. Weil dieses Reden über Sex, das sie macht, immer ein Mittel ist, um die Erwachsenen wahnsinnig und fertig zu machen. Ja. Also es gibt ja diese eine Szene, wo sie Charles ausfragen will und dann sich offensichtlich selbst so ein bisschen anbietet. gibt es diese Verfolgungsjagd, den Eiffelturm runter und er ist so total gestresst von ihr, weil sie die ganze Zeit sagt, ja, du könntest ja auch mit Und ich bin doch auch schon fast erwachsen. Und ihn macht das wahnsinnig. Und es ist so ... Es ist so entsexualisiert. Es ist einfach ein Kind, das einen Erwachsenen penetrant nervt.
Johannes Franke: Das wollte ich gerade sagen, das Wichtige daran, was dieser Film schafft, warum das Ganze nicht schlimm wird, man nur einfach... das kulturell einsortiert und sich denkt, oh Gott, oh Gott, ein Kind, das so sehr sexualisiert erzählt... das ist nicht schwierig, aber der Film selbst geht so naiv und so völlig entsexualisiert mit der Geschichte um. Alle, die mit ihr agieren, haben keinerlei sexuelle Energie mit ihr.
Florian Bayer: Petro?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Zu dem wir gleich kommen werden.
Johannes Franke: Da kommen wir gleich noch zu. Aber ansonsten, weißt du, die Gespräche sind ja total entsexualisiert eigentlich, obwohl es um Sex geht und obwohl sie sich irgendwie quasi anbietet, aber auch auf eine Art und Weise, sie weiß nicht, was das bedeutet. Und die anderen sagen alle, nein.
Florian Bayer: Genau, es ist für sie auch so ein albernes Spiel und sie merkt glaube ich auch, dass sie damit irgendwie ein Tabu ankratzen. Und dass sie damit Erwachsene wirklich nerven kann und dass sie damit Erwachsene ärgern kann. Und zu ihrem großen Ziel neben dem Fahren in der Metro gehört natürlich auch, Erwachsene zur Weißglut zu bringen. Das macht ihr ein unglaubliches Vergnügen.
Johannes Franke: Die Frage ist so ein kleines bisschen, können wir die Geschichte überhaupt ordentlich erzählen?
Florian Bayer: Ich glaube nicht, sonst springen wir einfach von Episode zu Episode. Wir können uns ja mal so ein bisschen an den Personen entlanghangeln.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Also wir haben Gabriel, ihren Onkel, und Charles, den Fahrer. Und dann lebt dieser Gabriel in einem Haus mit einer illustren... Bewohner Schar, zu der unter anderem der Vermieter Tyrandeau gehört, der mit seinem Papagei ständig unterwegs ist, der überhaupt nicht glücklich darüber ist, dass so eine dumme Göre bei Ihnen jetzt im Haus ist. Dann haben wir Albertin, die Ehefrau von Gabriel, die zumindest am Anfang wirkt, als ob sie nur bedienen würde. Und sie da beim Abendessen sitzen und sie geht einmal rein und raus, während Gabriel und... Und Sassi beim Abendessen sitzen.
Johannes Franke: Das ist aber auch eine geile Szene, oder? Weil sie wirklich immer wieder reinkommt und immer noch was Neues bringt und immer noch was Neues bringt. Und das ist so der erste Moment, ist, wo die Absurdität anfängt, an dir ranzukratzen, weil die Kameraeinstellungen nicht mehr stimmen.
Florian Bayer: Das ist Peak Nouvelle Vague, ne? Das ist fast wie aus dem Lehrbuch. Man kann außer Atem von Godard nebendran halten, diese Kaffeezähne. Und man sieht genau dasselbe. Man sieht diese Jump-Cuts, man sieht diesen Bruch der 180-Grad-Regel. Also es ist einfach, die Kamera spielt verrückt. Und selbst wenn man das filmische Fachwissen nicht mitbringt, sieht man, dass da irgendwas auf ist.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Vor allem, weil sie einmal auf der einen Seite und auf der anderen Seite sitzt und so und das alles in einem Schwenk unter Umständen auch noch, das sehen wir auch später dann noch in der Verfolgungsjagd, dass das was irgendwie tricktechnisch umgesetzt wurde. Was ich ganz toll finde in diesem Film. Aber wenn du schon Breathless, also außer Atem ansprichst, Dann muss ich sagen, damals hatte ich eine große Kritik daran. Zu prätentiös? Ich fand das zu prätentiös. Ich fand das zu... Aber komm, du machst das jetzt nur deswegen, weil es irgendwie Tabu bricht oder weil es irgendeine Regel bricht. Nicht zum Film gehört. Und hier gehört es so intrinsisch zum Film, dass ich das alles total geil finde. Jeder falsche Schnitt ist für mich die große Veränderung. Feier des Kinos.
Florian Bayer: Warum gehört es zum Film? Warum gehört es da zum Film und nicht bei Außeratem?
Johannes Franke: Weil die ganze Geschichte total chaotisch erzählt ist und weil ich total in diesem Kind drin bin. die Welt erlebt und dass die Welt auf eine Art und Weise erlebt, die einfach nicht logisch ist.
Florian Bayer: Ich glaube, da ist was ganz Wesentliches, dass wir Was Goudaia natürlich auch versucht hat, ist so diese Großstadtwahrnehmung mit diesem Hektischen irgendwie rüber zu bringen. Was wir hier haben, ist nicht nur die Großstadtwahrnehmung, sondern vor allem die Wahrnehmung eines Kindes, die so unvollständig ist, die auch chaotisch ist und die Sachen vergisst, Sachen weglässt und die einfach springt, also so ein Und das Kind muss nicht ADHS haben, um so zu sein. Kinder haben einfach nicht so eine Aufmerksamkeitsspanne wie erwachsene Kinder. sind schnell abgelenkt, für Kinder geht alles irgendwie rasanter und aufregender. Das sehen wir halt hier die ganze Zeit. Da wird halt auch ein Essen zu einer großen Party, auch wenn sie nichts anderes machen als Supps zu löffeln.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Es ist großartig. Gibt es später dann nochmal mit den Muscheln. was auch total krass wird.
Florian Bayer: Wo sie diese Muscheln und diese Pommes ganz schnell in sich reinstopfen.
Johannes Franke: Wo du quasi nur kurz wegschneidest und wenn du wieder zurück bist, hat sie die Pommes aufgegessen. Eine nach der anderen, eine nach der anderen. Außen im Hintergrund türmen sich die Menschen, die zuschauen, wie sie essen. Es ist einfach großartig. Und während sie das macht, erzählt sie diese absurd düstere Geschichte. dass ihre Mutter ihren Vater umgebracht hat. Total krass und man denkt sich, was? Das Geile ist, dass er ja eigentlich bei den wesentlichen Teilen der Geschichte wegschneidet. Man hat ja dann nur noch so kleine Stichworte, die man versteht. Und dann immer, wenn es weggeht von ihr, hört man nur noch Gemurmel und keinen Inhalt. Und dann kommt man zurück, hört wieder ein Stichwort und... Und dann denkt sich, oh, dort ist sie gelandet. Und dann geht es weiter.
Florian Bayer: Wie konnte das auf einmal passieren?
Johannes Franke: Well, that escalated quickly.
Florian Bayer: Diese Hektik der kindlichen Wahrnehmung sehen wir vor allem, weil es gibt große Verfolgungsjagden. Dieser Film besteht eigentlich aus drei großen Verfolgungsjagden. Die erste ist noch relativ kurz, das ist die, wenn sie am nächsten Morgen abhaut und dieser Tyrandeau hinter ihr herläuft und sie will halt die Metro sehen und sie flieht vor dem Tyrandeau und kommt dann... Er hat sie fast und dann landet sie in so einem Kreis von Leuten. Und sie sagt, helft mir, ich kenne diesen Mann nicht. Und eine nette Frau fragt, was hat er denn gemacht? Und dann flüstert sie ins Ohr.
Johannes Franke: Ich liebe das. Du hast echt einen nach dem anderen. Du hast da 20 Leute stehen, die sich gegenseitig ins Ohr flüstern, ohne dass wir verstehen. was los ist, was das Mädchen gesagt hat und wir werden einfach nie erfahren, was genau sie gesagt hat.
Florian Bayer: Und du kannst dir auch vorstellen, wie es im Verlauf dieser stillen Post immer schlimmer und schlimmer wird. Alle sind empört und es wird auch weitererzählt, es geht durch den Kreis durch und dann erfahren, kriegen es die Leute nochmal reingeflüstert, die es schon davor einmal reingeflüstert bekommen haben.
Johannes Franke: Und sind nochmal empört. Es ist wirklich krass. Ich finde es total geil, weil er voll mit uns spielt, weil er uns voll aufs Glatteis führt. Und einfach der kichernde Regisseur hinter der Kamera ist.
Florian Bayer: Der kindliche kichernde Regisseur.
Johannes Franke: Super. Ich hab so viel Spaß dabei.
Florian Bayer: Und dann kommen wir zur zweiten großen Verfolgungsjagd und die ist mit einer Figur, die offensichtlich sehr wesentlich ist im Film, weil die kommt sehr oft vor, in wechselnden Rollen. Das ist unser Trousquillon, der in dem Fall noch Petro heißt. Und er wird schon so als Triebtäter eingeführt. Also er sieht sie. Und er denkt sich so gleich, oh, und man sieht in seinem Blick, wie er so angeregt ist von ihr und sich die Haare noch mal kämpft und noch mal schick macht, damit er sie... Damit der mit ihr reden kann und der redet dann mit ihr und versucht sie irgendwie so zu bezirzen. Und sie will halt unglaublich gerne eine Blue Jeans. Und die kauft ihr ihr dann auch von einem Verkäufer, der aussieht wie er? Warum auch immer.
Johannes Franke: Warum auch immer.
Florian Bayer: Und dann kommt diese Szene mit dem Essen, von der wir erzählt haben. Und sie macht sich die ganze Zeit eigentlich drüber lustig, dass er sich wohl an ihr vergreifen will.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und er erzählt dann halt auch diese Geschichte von ihrem Vater, der sich an ihr vergreifen wollte, weswegen es den Kopf gekostet hat. Und dann ganz abrupt rennt sie vor ihm weg, klaut ihm die Hose. Und wir kommen zu der zweiten, wirklich langen Verfolgungsnacht. Nach 30 Minuten Film... Und diese Verfolgungsjagd dauert über fünf Minuten.
Johannes Franke: Ich muss ganz kurz einschieben, diese Blue Jeans. Nur als Beispiel für die Wortschöpfungsverliebtheit. Oder Andersschreibungen, Falschschreibungen. Wird im Buch geschrieben, Blue, wie die Vergangenheit von Blow? Mhm. Blue und dann Jeans, weiß ich nicht mehr ganz genau, aber auf eine Art und Weise, verquerere Art und Weise, dass man sich selbst vorlesen muss, was da steht, um zu verstehen, ach, pass mal.
Florian Bayer: Irgendwo was in der Richtung.
Johannes Franke: Und es ist schon geil. Es passiert ganz oft in diesem Buch.
Florian Bayer: Ja, und das haben sie natürlich dieses Spiel mit den Worten, und das sehen wir ganz krass in dieser Verfolgungsjagd, zum Spiel mit den Bildern. Wir haben eine irre Verfolgungsjagd immer wieder reingeschnitten, wie sie rennt, lachend Richtung Kamera, ohne vorwärts zu kommen. Dann haben wir alles drin, was es gibt an traditioneller Stummfilm-Slapstick, aber auch so Looney Tunes. Wir haben wirklich Comics. Einschübe-Explosion. Sie wirft ihm auch einmal dieses Dynamit hin, wirklich dieses Comic-Dynamit.
Johannes Franke: Ich glaube sogar zweimal.
Florian Bayer: Zweimal sogar. Das muss ein Augenexplosion. explodiert und dann ist sein Gesicht auch voll mit Ruß. Also wirklich, wie man es kennt von Willy E. Coyote.
Johannes Franke: Es ist so krass, es ist so geil. Ich muss sofort an die Keystone-Cops denken, wie Mit den Chaplinen auch am Anfang gearbeitet hatte, also Charlie Chaplin in den 20ern, die einfach so Verfolgungsjagden mit schnellen Autos hatten.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wo es so Sensationen allein war, dass sich drei Autos auf der Straße verfolgt haben, in einem Affenzahn und dann so in einem Affenzahn über... Gleise gefahren sind und dann der Zug sozusagen gerade so die Autos nicht erwischt hat und so. Das war irgendwie so ein Sensationsding. Und dieser Film ist voll von Anspielungen auf genau diese Zeit. Und natürlich ist es kein Wunder, dass ich diesen Film liebe. Slapstick, ne? Das ist genau das.
Florian Bayer: Ich krieg mal mit Slapstick, ich weiß es doch.
Johannes Franke: Es ist wirklich natürlich alles drin. Du kannst also im Grunde auch eine Checkliste machen, du kannst ein Bullspinko draus machen im Grunde, aber es ist wirklich toll. Das macht nicht müde. Der Film macht am Ende ein kleines bisschen müde.
Florian Bayer: Ja, der Film macht müde.
Johannes Franke: Er schöpft. Diese Verfolgungsjagd ist echt noch so, dass ich da durchhalte und bis zum Ende der Verfolgungsjagd denke, geil, gib mir mehr.
Florian Bayer: Ja, es passiert einfach so Dann ist sie auch mal zweimal da, dann ganz, ganz viel.
Johannes Franke: Das finde ich ganz tricktechnisch ganz, ganz toll gelöst, weil sie ja oben auf der Treppe ist, wir sehen eine Großaufnahme, also eine Totale, sie auf der Treppe oben, er kommt ihr entgegen, um sie zu schnappen, sie wirft die Jeans über seinen Kopf und fängt sie hinter ihm als zweite Person wieder auf und rennt weiter. Und es ist so geil. Das ist tricktechnisch so super schön.
Florian Bayer: 1960, ne? Ja. Ganz toll, auch wenn er sie dann angelt und dann hat er plötzlich diese alte Frau an Der Angel, die genauso angezogen ist wie sie. Auch wunderbar.
Johannes Franke: Ich sehe auch ganz viel Georges Moliès da drin. In Schnitttricks und so. Es ist superschön.
Florian Bayer: Es ist wahrscheinlich wirklich so diese Verbeugung vor dem Kino und vielleicht das satirische Moment, in dem es... einfach nochmal so eine kleine Schippe draufsetzt. Weil es, also zumindest diese traditionellen Slapstick und Verfolgungsjagdfilme, die waren so extrem spektakulär. Aber die haben versucht, immer zumindest ein Stück auf dem Boden des Realismus zu bleiben, oder? Also diese Verdopplung von Personen?
Johannes Franke: Ja, kommt drauf an. Also... Viele haben schon noch versucht, da einen Sinn wenigstens reinzusetzen. Während Louis Mal in dem Moment ja den Sinn völlig entleert. Ja.
Florian Bayer: Er löst Gesetze der Physik halt auch einfach, wie sie sich bewegen und wo sie langlaut. Sie fährt Auto dann irgendwann auf dem Beifahrersatz und guckt nach hinten und das Auto fährt einfach von selbst weiter.
Johannes Franke: Es geht ja nur darum, in dem Fall das kindliche Gemüt zu zeigen und alles aufzulösen, was sonst an Kausalitätskette physischer Natur eigentlich darf.
Florian Bayer: wäre. Ja, genau. Also die Realität wird damit einfach komplett gebrochen. Und ganz radikal, wie gesagt, in diesen Comic-Einschüben, wo wir wirklich diese Explosionen haben mit die gemalt sind auf der Leinwand.
Johannes Franke: Es ist super. Es ist einfach toll. Auch jede Figur, man muss auch sagen, den ganzen Film über, du hast keine einzige Figur, die irgendwie eine... einen ernstzunehmenden Charakter hätte. Also es gibt ja kein Drama oder sowas, in dem man eine ernstzunehmende Entwicklung oder einen Konflikt oder sonst Madame Moac. Was? Unsere Witwe.
Florian Bayer: Sie hat ein großes Drama.
Johannes Franke: Aber du weißt, was ich meine? Ich weiß, was du meinst. Total, absolut. Es gibt ja keine klassische Erzählung in dem Sinne. in der irgendwie man mitfiebern will, weil jemand irgendein großes Problem hat.
Florian Bayer: Kein richtiger Konflikt. Und es gibt viele Konflikte, aber keiner wird... so als ob er existenzgefährdend oder wirklich bedrohlich wäre.
Johannes Franke: Hast du das Gefühl, dass das gutes Schauspiel ist? was da stattfindet.
Florian Bayer: Na, es ist halt gutes Schauspiel in dem Rahmen, in dem es stattfindet. Also es arbeitet mit Overacting. Und mit satirischem Spiel und auch mit Brüchen mit der vierten Wand und mit so... Metaspielereien, das heißt, es ist kein gutes Schauspiel im realistischen Sinne oder im naturalistischen Sinne, aber es ist ein perfektes Schauspiel im satirischen Sinne, im Spoof-Sinn.
Johannes Franke: Danke, dass du mir das alles voraus nimmst. Ich habe die Frage ja nicht umsonst gestellt. Ich gebe so viele Leute, die im Internet schreiben, ja, aber ernst zu nehmen, das gute Schauspiel ist es nicht. Und ich denke die ganze Zeit, nein, es ist perfektes Schauspiel für das, was es sein soll. Für das, was der Regisseur aus den Leuten rausholen wollte. Das ist wie ganz viele Filme von Wes Anderson zum Beispiel einen ganz bestimmten Tonfall haben, der an Realismus vorbeischrammt. Ja. Der aber so perfekt umgesetzt ist in den Schauspielern, dass man nichts anderes sagen kann als richtig, richtig gutes Schauspiel. Das ist halt eine Frage der Zielsetzung.
Florian Bayer: Ich glaube, ganz viel ist es vom Spiel auch sehr bewusst eine Verbeugung vor dem Stummfilm-Schauspiel.
Johannes Franke: Ja, voll.
Florian Bayer: Also wir haben zum Beispiel diese Szene dann, wenn der Trusquillon dann zum ersten Mal bei Gabriel und Albertin ist und sich in Albertin verliebt, warum auch immer.
Johannes Franke: Frag nicht nach
Florian Bayer: Und dann haben wir diese romantische Musik und dann kommt ja sogar diese Off-Erzähler-Stimme. Was? Er verliebt sich jetzt? Okay. Und dann macht er sie an und das ist einfach stumpf.
Johannes Franke: Ja, es ist so schön. Es ist wirklich, weil du kommst ja auch von einer Sekunde in die nächste Situation rein und ahnst nicht, dass du jetzt plötzlich in so einer Schmonzette landest. Und die Szene geht nur so eine halbe Minute und dann ist sie wieder vorbei und du bist aus der Romanze wieder raus.
Florian Bayer: Und um die Frage schon mal vorwegzunehmen, was, wer oder was ist dieser Truskelion? Weil dann ist er ja plötzlich ein Polizist und plötzlich hat er das Recht, sie festzustellen. zu nehmen. Er ist nicht mehr dieser Trebtäter, er wird auch nicht mehr dieser Trebtäter sein. Was ist es mit dem? Weil wir begegnen ihm nachher nochmal als Polizist wieder, ohne Schnurrbart plötzlich. Wir begegnen ihm am Ende als faschistischen General wieder, der die ganze Party auflösen will. Was ist das für eine Figur?
Johannes Franke: Ich glaube, dass diese Figur im Grunde das Stand-in für alles das ist, was sich das Kind... ausdenkt und an Überlegungen hat, was lustig wäre, was jetzt passieren könnte. Dieses Kind macht sich nicht jedes Mal die Mühe, eine neue Figur zu erfinden, sondern die hat halt alle Funktionen, die ihr braucht. Es ist wie wenn man zu zweit, als Kinder zu zweit gespielt hat und gesagt hat, Okay, ich bin der Held der Geschichte und du bist jetzt der Polizist, jetzt bist du der das, der Bibliothekar, jetzt bist du der Triebtäter. Oder jetzt bist du das. Man verteilt die Rollen halt und man macht sich nicht die Mühe, jedes Mal neu jemanden einzuladen und zu sagen, ich möchte, dass du das jetzt spielst.
Florian Bayer: Ist glaube ich sehr viel dran. Also wäre tatsächlich auch so einer meiner Gedanken, dass er so vielleicht noch konkreter, dass er die Verkörperung von dem ist, was das Kind doof findet. Er ist die doofe Seite der Erwachsenenwelt, weil er ist die Autoritätsperson. Er ist der irgendwie komische, awkward, übergriffige Typ. von dem sie auch ahnt, dass er nichts Gutes im Schilde führt. Er ist der, der die Party beendet. Und er ist der, der sich an die wirklich nette Frau von ihrem wirklich netten Onkel ranmacht. Also irgendwie ist er immer da als Störfaktor mindestens, wenn nicht sogar als Bedrohung, also wenn auch in diesem naiven kindlichen Sinne. Ich finde ihn auch ganz interessant, wenn wir von dem Kindlichen weggehen, als Verkörperung von einer gewissen Bürgerlichkeit. die im Gegensatz steht zu dem sehr Bohemesken, zu diesem Bohemleben, das der Gabriel führt. Dazu kommen wir ja gleich, weil wir werden gleich was Wichtiges über Gabriel erfahren.
Johannes Franke: Bleiben Sie dran.
Florian Bayer: Und zwar ist er, er ist dieser, der Triebtäter in der Maske des netten Bürgers, tritt er als erstes auf. Dann ist er der Polizist, der seine Macht benutzt, um sich an eine Frau ran machen zu können und um einfach einen netten Kerl, den sie mag, zu bedrohen. Er ist ein Polizist, der seinen Job macht irgendwann einfach nur, ohne drüber nachzudenken in dieser dritten großen Verfolgungsjagd. Und dann irgendwann ist er sogar Faschist und General. Und das sind immer so Rollen des Bürgerlichen, denen hier das künstlerische, weltoffene, lebendige Paris entgegengestellt wird. Sie ist ja voll in der Wilhelm-Gesellschaft gelandet. Gabriel ist Track. Er ist Tänzer offensichtlich in einem Kabarett, wo er als Frau verkleidet auftritt und deswegen kommt auch der Gedanke, dass dass er homosexuell sein könnte, weil er ja Frauenkleider trägt.
Johannes Franke: Was im Film an sich... von kaum einer Figur irgendwie wirklich problematisiert wird, oder? Also es ist, für mich fand das die ganze Zeit als... gar nicht richtig thematisierte, klare Eigenschaft von ihm statt. Es wurde zwar thematisiert, dass er das tut, aber nie als Problem oder als Als Schwierigkeit. Vielleicht so ein, zwei Mal dann eben genau von dieser Figur, aber nicht so massiv irgendwie. Ja. Ich habe mir das Gefühl, dass der Film die Position wieder des Kindes einnimmt, das einfach interessiert ist und weniger bewertet.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber vielleicht habe ich auch einfach nur ganz viele Textstellen verpasst.
Florian Bayer: Nee, es gibt ja diesen Moment, wo Charles das sehr vehement leugnet und es wird ja immer wieder diese Ehe mit Albertin angeführt als Grunde. dass er nicht homosexuell sein kann. Ich finde es ganz interessant, wie er selbst damit umgeht, weil er kokettiert ja immer so ein bisschen damit. Also er leugnet es nie so krass, sondern sagt, ja, ja, ich bin doch verheiratet. Und dann sagt sie, glaube ich, sogar, ja, das... Du musst dich ja nicht davon abhalten, homosexuell zu sein. Also es bleibt immer so ein bisschen vage. Frankreich war tatsächlich im Vergleich zu Deutschland zum Beispiel relativ liberal, was den Umgang mit... mit Homosexualität betrifft. Im Zuge der französischen Revolution wurde Homosexualität legalisiert in Frankreich.
Johannes Franke: So früh schon?
Florian Bayer: Ja, also ich bin im 18. Jahrhundert damals festgehalten im Strafgesetzbuch sogar, dass Homosexualität nicht mehr illegal ist.
Johannes Franke: Oh, geil.
Florian Bayer: Und was natürlich nicht heißt, dass da alles Sonnenschein war und so.
Johannes Franke: Ja gut, aber so ein erster Schritt ist... ist ja nur wesentlich.
Florian Bayer: Und es war halt, es war wie oft Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa, war es natürlich ein urbanes Phänomen, also offen ausgelebt ein urbanes Phänomen und ein Künstlerkind. in liberalen Kreisen, was in Deutschland genauso war, nur mit dem Unterschied, dass es eher vom Gesetz anerkannt war. Aber es wurde trotzdem auch diskriminiert, auch von staatlicher Seite. Also es war jetzt nicht so, dass die Öffentlichkeit in der Stadt gesagt hätte, lass die mal machen. Es gab zum Beispiel eine homosexuellen Zeitschrift Inversion 1925 und die wurde zensiert und die wurde auch verboten. Die hat dann einfach nicht mehr existiert. Das heißt, es gab schon immer auch so unter der vermeintlichen Legalität von Homosexualität gab es immer Gesetze, die es irgendwie den Homosexuellen schwer gemacht haben. Es gibt ja dieses klassische Alter-Ding. Ab wann darf man heiraten? Genau, Schutzalter. Ab wann darf man sexuell verkehren oder eine Beziehung haben. Das lag für Homosexuelle immer höher als bei Heterosexuellen. Also da wurde einfach unterschieden.
Johannes Franke: Als Vorreiter kann man sozusagen noch ein bisschen mehr verstehen, dass das im Film gar nicht so problematisiert dargestellt wird, wie das in anderen Filmen. um die Zeit war.
Florian Bayer: Ja, das ist auch irgendwie schön. Es ist auch gar nicht so wichtig. Auch wie diese Ehe von ihm und Albertin wirkt. Wir haben hier sehr... früh dann doch das Gefühl, dass das eher eine platonische Ehe ist. Da gibt es keine romantische oder sexuelle Energie zwischen den beiden. Aber es wirkt trotzdem wie eine echte Ehe. Die würden durch dick und dünn gehen. Und die sind auch irgendwie füreinander da und achten aufeinander. Aber es ist halt nicht so das, was man in einer traditionellen Ehe versteht. Es wird keinerlei... keinerlei Beziehung zu einem Mann von ihm angedeutet. Aber er scheint sich auch ganz gut in der Rolle, dieses Bohem zu gefallen, der halt mal hier Hier und mal dort. Wahrscheinlich würde man ihn heute als bisexuell bezeichnen.
Johannes Franke: Keine Ahnung. Vielleicht hat er eine Beziehung mit seinem Chauffeur.
Florian Bayer: Vielleicht hat er eine Beziehung mit Charles, wobei Charles ja doch sehr an Mardo gebunden ist. Da haben wir ja die große Romanze des Films. Die Kellnerin... die eventuell die Tochter von Tyrandeau ist, wir wissen es nicht genau, aber er will sie ja heiraten und sie fallen sich Sie fallen ja immer übereinander her, wenn sie sich sehen und küssen sich sehr leidenschaftlich. Auch mal mit Sonnenbrillen wechseln.
Johannes Franke: Oh Gott, Brille überhaupt.
Florian Bayer: Brillenwechsel, ja. In diesem Film werden sehr oft Brillen gewechselt. Manchmal fallen sie vom Himmel her. Manchmal gibt es auch einfach diese Jump Cuts, also ich finde diese Szene echt schön, wo Mardo und Charles sich küssen und dann haben sie immer abwechselnd die Sonnenbrille Und du brauchst immer so zwei, drei Schnitte, bis du verstehst, dass da gerade was Merkwürdiges passiert.
Johannes Franke: Ja, es passiert Es gibt so viele Szenen, wo irgendwo im Hintergrund auch absurde Sachen passieren, wo Louis Mal gesagt hat, da werden sich alle kaputt lachen und dann beim Screening festgestellt haben... einfach keiner mitbekommen.
Florian Bayer: Ja, ich sag's sehr ungern, weil das ja ein Film ist, den hattest du mir vorgeschlagen, den hatte ich dann doch relativ hart kritisiert. Aber natürlich werden ganz oft Erinnerungen an Tatiwach, an Playtime. Dieses Panorama, wir zeigen Stadt. Und da passiert was, und da passiert was, und da passiert was. Und guckt mal, sucht euch mal raus, was ihr witzig findet, was ihr euch angucken wollt.
Johannes Franke: Where's Waldo?
Florian Bayer: Ja, genau. Und nicht so radikal wie bei Tati, weil dieser Film halt weniger auf Panoramen setzt. Sie setzt mehr auch auf Nahen und mehr auf Schnitt und so. Tati hat ja wirklich uns die Panoramen hingeworfen und uns dann sehr lange in den Panoramen umherirren lassen. Aber mit demselben Geist und mit denselben Vibes, auch so nach dem Motto, hey, hier passiert sehr viel, das ist sehr viel Leben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Guck mal, ob du klarkommst. Du findest bestimmt was Witziges.
Johannes Franke: Playtime war ja dann 1967 erst, ne? Also es ist sozusagen ja nicht die Referenz, sondern im Grunde andersrum oder einfach das Zeitgefühl. Aber Jacques Tati hat ja auch schon vorher Mononkel.
Florian Bayer: Tati hat ja immer so ein bisschen auf die Solo 53.
Johannes Franke: Also das ist schon länger drin.
Florian Bayer: Ja, Tati hat ja immer so ein bisschen auf diese Panoramen gesetzt. Bei Playtime wahrscheinlich am amogadistischsten.
Johannes Franke: Ja, und am konsequentesten.
Florian Bayer: gut möglich, dass wir hier so eine Doppelinspiration haben, dass du mal sich von Tatis Klassikern inspirieren lässt. Und dann Tati wiederum, wenn er seinen neuesten Film dreht, denkt, ach, bei dieser Sassi sind ja echt irre Sachen passiert. Ich glaube, ich könnte auch noch mal ein Stück Irrer werden.
Johannes Franke: Dann schaukelt man sich gegenseitig so hoch. Oh mein Gott, was ist das für eine Musik?
Florian Bayer: Was war das?
Johannes Franke: Wo sind wir?
Florian Bayer: Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein.
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Besprech können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify.
Florian Bayer: oder Apple oder sowas, Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Johannes Franke: Und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer. euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter.
Johannes Franke: Boah, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Florian Bayer: Okay, Sasi darf nicht Metro fahren, aber immerhin macht ihr Onkel einen Ausflug zum Eiffelturm mit ihr.
Johannes Franke: Meine Güte, dieser Eiffelturm. Ich habe nichts gefunden, wie sie es genau gedreht haben, aber es ist wirklich, es sieht sehr gefährlich aus.
Florian Bayer: Mir wird schwindelig.
Johannes Franke: Es ist unglaublich.
Florian Bayer: Es gibt einige Momente, wo ich denke, shit, das ist wirklich gut. Ja. Sie balancieren dann da dran rum und es wirkt immer so, als würde einer kurz, sie beugt sich über das Geländer.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Gabriel hält sie auf und seine Brille fällt runter und es ist immer so ein Schwindel dabei. Und dann ist da noch diese Schwarzwald-Gruppe. Wir haben deutsche Frauen hier. Die auch Gabriel total geil finden, warum auch so. Die sind von Anfang an angetan von ihm.
Johannes Franke: Die kleben dann quasi nur noch an ihm. Ich finde diese Eiffelturmsache einfach wirklich krass und auch sehr lang ausgedehnt. Die haben ja viele Dialoge quasi im Aufstieg oder auf der Aussicht. Und plötzlich sind wir bei einem Captain, der dann noch Wasser ins Gesicht bekommt. kommt, was ist das? Es ist großartig. Es ist einfach rein assoziativ.
Florian Bayer: wo es plötzlich auf dem Leuchtturm steht.
Johannes Franke: Es ist super.
Florian Bayer: Ich war mal auf dem Eiffelturm, aber ich habe keine Idee mehr, wie das war, aber so war es nicht, glaube ich. Du kannst da auch keine Treppen gehen, oder? Du fährst da mit einem Aufzug hoch, dann bist du oben und dann kannst du runtergucken.
Johannes Franke: Es sind natürlich andere Zeiten, muss man sagen. In den 60ern konnte man vielleicht noch mehr. Ich glaube, mich auch zu erinnern.
Florian Bayer: Weil Charles und Sassi gehen ja die kompletten Treppen runter. Das Ding ist hoch.
Johannes Franke: Ja, der Hammer.
Florian Bayer: sozialistisch zu philosophieren, während er über den Eiffelturm Irrt verfolgt von den Kretschens. Ja.
Johannes Franke: Er hat so eine Mischung aus Hamlet? Ist das ein Hamlet-Monolog? Satre ist es, glaube ich, teilweise drin. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Satre und Hamlet.
Florian Bayer: Warum ist da ein Eisbär? Also der Eisbär kommt nachher noch mehr vor, aber warum? Wie präsentiert ist es?
Johannes Franke: Natürlich ist es sehr prätentiös, weil es so gedacht ist, aber es ist im Kontext des Films nicht mehr prätentiös, weil es einfach nur Spaß machen soll. Also insofern ist es einfach geil. Ich finde es großartig.
Florian Bayer: Er schwindelt dann da so drüber, verfolgt von den Frauen und dann fällt er irgendwann mit diesem Ballon rein. Und segelt sanft zur Erde.
Johannes Franke: Und landet auf dem Sandkasten, der da war. Dann nimmt er der Frau wieder die Brille wieder ab, die die Brille aufgefangen hat mit ihrer Nase.
Florian Bayer: Die ihr geholfen hat, die Zeitschrift richtig zu drehen, die sie offensichtlich seit 10 Minuten verkehrt rumliest.
Johannes Franke: Und was ist das verdammt nochmal für ein Auto, das zweistöckig... Dieser Bus. Der Bus sieht aus wie ein Gewächshaus.
Florian Bayer: Es sieht aus wie so ein futuristisches Teil. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, er könnte jetzt auch gleich abheben.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Aber ich glaube, dieses Auto gab es tatsächlich.
Florian Bayer: Aha.
Johannes Franke: Ich hatte irgendwann mal was gelesen, aber ich habe verdammt nochmal nicht danach weiter gegoogelt.
Florian Bayer: Ja, ich glaube auch, mich sowas zu erinnern, dass dieses Auto tatsächlich irgendwie, also es wurde zumindest gebaut für den Film, es ist keine Halluzination von uns, es existiert. Zumindest in diesem Film.
Johannes Franke: Ja, aber es ist großartig. Also ich finde, dass die Ausstattung wahnsinnig viele tolle Sachen damit gemacht hat, dass die Kostüme wahnsinnig gut sind und dass... Einfach dieses Chaos, wahnsinnig gut getimt und zusammengepuzzelt ist.
Florian Bayer: haben wir ja unsere dritte große Verfolgungsjagd, nämlich mit dieser Madame Mouac, die das Streitgespräch zwischen Sazil und Gabriel mitkriegt, vor allem, dass Sazil Gabriel prügelt. Und die sich eigentlich so einmischt, um den Streit zu schlichten und dann auch ziemlich schockiert ist von Sarsis losem Mundwerk. Und dann wird Gabriel entführt von diesen Gretchen. Dann müssen Madame Mouac, die sich hoffnungslos in Gabriel verliebt hat, der eigentlich nur einen Mann will. Egal wen. Und Zazie zusammen mit dem Polizisten. Wir haben den nächsten Auftritt von Trousquillon.
Johannes Franke: Aber er hat plötzlich keine Schnauze mehr, oder?
Florian Bayer: Schnauzer mehr, genau. Man muss auch zweimal gucken, um festzustellen, dass er das wirklich ist. Und mit dem müssen sie jetzt auf jeden Fall dem den Bus hinterher, damit sie Gabriel anfangen, weil der muss ja zu seiner Probe, weil der einen Auftritt hat in Le Paradis, seiner Bar.
Johannes Franke: Und dann ... Dann sind die in diesem Stau ... In diesem Auto. Erst haben sie das Auto verloren, dann haben sie es aber problemlos wiedergefunden, weil der erstaunt das Auto einfach mitgezogen hat.
Florian Bayer: Dann fahren sie teilweise rückwärts.
Johannes Franke: Sie fahren rückwärts, dann sitzt das Auto auf einem anderen Auto drauf.
Florian Bayer: Und dann sind sie plötzlich zu viert im Auto. Also sie sind mal zu dritt, mal zu viert. Und dann haben sie auch, am Schluss ist das Auto nur noch so blanke, ohne Karosserie, wirklich nur noch Der Unterbau.
Johannes Franke: Es ist einfach eine Absurdität. Ich weiß nicht, ist es irgendwann für dich bemüht?
Florian Bayer: Nee, nicht bemüht. Es gibt einen Moment, wo ich denke, wow, das ist ganz schön anstrengend jetzt. Aber es wirkt die ganze Zeit so lebendig und es wirkt nie forciert. Es wirkt für mich immer irgendwie... Es passt immer.
Johannes Franke: Ich frage mich total, wie das gemacht hat, weil wenn ich mir anfangen würde, sowas auszudenken und zu überlegen, jetzt machen wir es noch so, im nächsten Schnitt ist das Auto auf dem anderen Auto drauf. Irgendwann würde ich beim Schreiben denken, das wirkt doch total bemüht. Das wirkt doch total aufgesetzt, dass ich hier noch eine Absurdität mache. Aber wenn ich mir den Film anschaue, denke ich, das ist in keiner Sekunde. Ich finde es total großartig.
Florian Bayer: Es ist kein besonders langer Film. Er geht anderthalb Stunden.
Johannes Franke: Naja, was heißt kein besonders langer Film? Es ist halt eine normale Spielfilmlänge.
Florian Bayer: Und er zieht es halt einfach durch. Also ich meine, es gibt schon so ein bisschen ruhigere Momente. In manchen Dialogen ist es so ein bisschen ruhiger. Aber er hat immer so ein Grundtempo und er hat auch immer so einen Grundton. Du hast immer das Gefühl, dass er gleich wieder losstolpern könnte. Ja, ja, ja, total. Und er stolpert ja auch dabei ein bisschen, aber das ist auch Teil des Also du sagst, die Eiffelturm-Szene ist ein bisschen lang, würde ich direkt unterschreiben. Und würde auch sagen, dass es so einen Moment gibt, wo man denkt, ah, okay, passiert jetzt was anderes oder muss ich jetzt noch 10 Minuten... Shakespeare-Satre-Dialog-Monolog erleben. Und ja, der Film stolpert dabei ein bisschen. Das Pacing ist halt... Und es gibt kein kohärentes Pacing, aber dadurch ist er halt ständig in Bewegung. Du wirst halt ständig hin und her geruckelt und hast vielleicht auch gar keine Zeit darüber nachzudenken, dass es zu viel sein könnte.
Johannes Franke: Warum hat dieses Restaurant ständig wechselnde Hintergründe? Warum renoviert das die ganze Zeit und immer wieder was anderes?
Florian Bayer: Es gibt die Theorie, dass der Film sich sehr stark auch mit dem Wandel in der modernen Großstadt befasst. Und offensichtlich sind zum Beispiel die Getränke, die sie austauschen, sind alte Getränke, traditionelle französische Getränke, die ausgetauscht werden durch neue Getränke. Und es gibt ja auch diese eine Szene, wo man einen Grammophonspieler irgendwas sieht, der durch eine moderne Jukebox ersetzt. Einfach so Jump. Und es gibt diese Szene, wo das Telefon ein ganz traditionelles Fernsprechgerät gezeigt wird und das wird dann so in drei Schnitt zum modernen Wählscheibentelefon der damaligen Zeit umgemodelt. Und das machen die auch, glaube ich, mit der Bar. Wir haben hier so ein sehr traditionelles französisches Bistro, das ständig umgebaut wird und einfach ständig diesen urbanen Wandel in sich trägt.
Johannes Franke: Und der Film macht keinen Ehe daraus, dass er findet, würde ich sagen, dass die ursprüngliche Version die bessere war. Weil wenn am Ende alles wieder einkracht und die ganze Kulisse sozusagen kaputt gemacht wird, kommt dahinter ein wirklich wunderschön gearbeiteter... Kaffeesituation raus. Die Wände sind toll.
Florian Bayer: Ja, ich weiß nicht, ob er das so krass wertet.
Johannes Franke: Naja, also dieser Minimalismus mit dieser Wand, die da aufgezogen wird.
Florian Bayer: Ja, ich weiß, was du meinst. Ja, ich... Ich habe es tatsächlich gar nicht so wahrgenommen, dass er so radikal wertet. Aber ich glaube, man kann einen Punkt dafür machen. Also ich sehe, was du damit meinst. Ich habe das Gefühl, er bemannt uns da einfach mit der Hektik. Und es gibt halt diesen Wandel und der Film feiert ja auch irgendwie so das moderne städtische Leben. Gabriel begegnet er mit sehr viel Liebe und dass Gabriel ein Tracktänzer ist.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Ist toll. Und da ist ja auch dann Trusquillon ganz klar der... Antagonist, der irgendwie, der sich zuerst drüber auslässt, dass Gabriel möglicherweise homosexuell ist und der dann auch irgendwie, ja dann ganz am Schluss so als wirklich als dieser Faschist auftritt, der Der sagt, jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt wird gekämpft. Wobei vorher ja auch gekämpft wird. Ja, was passiert da eigentlich bei dem Kampf? Das ist so das große Finale, wo alles eskaliert.
Johannes Franke: Aber man weiß überhaupt nicht, vor allem weil sie schon schläft. Und ich weiß gar nicht, was das...
Florian Bayer: Sie wird manchmal wach und wirft dann noch so einen Teller. Sie ist einfach total erschöpft. Sie hat einen anstrengenden Tag hinter sich. Sie hat viel erlebt und dann schläft sie so halb auf dem Tisch.
Johannes Franke: Ist das noch ihre Projektion ihres Traumes?
Florian Bayer: Vielleicht ist das, was sie sich vorstellt, was die Erwachsenen machen, wenn die Kinder im Bett sind. Weil jedes Kind will das wissen. Und jedes Kind fragt sich, ey Leute, ihr habt jetzt noch drei Stunden, was macht ihr jetzt?
Johannes Franke: Was zur Hölle macht ihr denn? mit der Zeit.
Florian Bayer: Und vielleicht stellt sie sich das vor, dass das ist, was sie verpasst. Weil wir haben dann ja auch, also sie ist ja in diesem Nachtleben vorher schon unterwegs und wir haben dann plötzlich dieses hektische Nachtleben mit den vielen Lichtern und mit diesen Neon-Reklamen. Und dann jetzt sie, allein ein zehnjähriges Mädchen, allein durch die Straßen und so.
Johannes Franke: Auch eine großartige Szene, ganz toll gemacht, finde ich.
Florian Bayer: Ja, das ist krass, weil sie so müde ist und erschöpft. Der Film hat halt nicht diese Dramatik. Eigentlich würde man sagen, oh mein Gott, das ist total schrecklich, das arme Kind, kann ich irgendjemand sagen, wo gehörst du hin?
Johannes Franke: Also diese Dramatik gibt es nicht. Man geht trotzdem weiter mit ihr mit und hat keine Sorge, dass sie das schon schaffen wird.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Also man hat zu keinem Zeitpunkt, finde ich, Probleme damit zu sagen, ja, ja, wird schon, das Kind ist wohl auf am Ende des Films.
Florian Bayer: Also schon ein bisschen düsternes. Wir haben hier ein zehnjähriges Mädchen, das von ihrer Mutter beim Bohem-Onkel abgeladen wird. damit die Sex haben kann mit ihrem Liebhaber. Und dann büxt das Kind aus. Dann ist das Kind ganz lange allein in Paris unterwegs. Und dann läuft es durch offensichtlich was so ein halbes Rotlichtviertel ist oder zumindest eine Amüsiermeile und ist total müde. Es wird alles gut, aber es ist schon irgendwie ziemlich Stark, oder?
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Der Film hätte auch noch weitergehen können mit irgendwelchen sexuellen Anspielungen im Rundlichtmilieu, aber... Die sexuelle Anspielung hat er ja vor allem auf ihre seltsamen Monologe oder ihre seltsamen Antworten auf Menschen bezogen.
Florian Bayer: Es wird damit auch ein bisschen erzählt, wie sie eigentlich ein Kindes, das zu viel gesehen hat, zu viel Erwachsenes mitgekriegt hat. zu viel von dem ganzen Shit aufgesogen hat und deswegen irgendwie das verarbeiten muss, indem es anfängt, solche Geschichten zu erzählen. Um sich solche Geschichten auszudenken. Also könnte sogar Trousquillon wirklich einfach nur ein Polizist sein, aber sie sieht einen Erwachsenen, den sie als Antagonisten wahrnimmt und projiziert. da so diese Ängste, die sie gegenüber ihrem Vater hat. Weil es gibt ja auch offensichtlich, also ich meine, dass ihre Mutter ihren Vater erschlagen hat, Halte ich jetzt mal für sehr unwahrscheinlich. Aber offensichtlich gibt es ja so einen Konflikt und ihre Mutter ist mittlerweile mit ihr allein und Also man kann sich sehr gut so eine Geschichte überlegen, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde oder zumindest, dass der Vater... das vorhat und dass die Mutter ihn deswegen verlassen hat und mit ihr geflohen ist. Und dass sie das jetzt, sie hat halt einfach Zeug zu verarbeiten.
Johannes Franke: Es gibt ja am Anfang, ich weiß gar nicht mehr wie das im Film war, aber im Buch die erste Begegnung mit dem Onkel, da sagt Irgendjemand von denen sagt, dass sie beim letzten Mal noch gerade so rechtzeitig gekommen ist, dass die Familie sie nicht komplett einmal durch den Fleischholf dreht. Im Sinne von Kindesmisshandlung. Zumindest angedeutet.
Florian Bayer: Oh, ja.
Johannes Franke: Und die machen das aber sehr lighthearted als Dialog. Shit. Was so ein bisschen so, oh mein, okay, fuck, was ist da das letzte Mal beinahe passiert und das überhaupt der ganze Film macht das Ganze so lighthearted, was so düstere Themen sein können. Das ist so krass. Ein kleines bisschen verstörend finde ich es schon.
Florian Bayer: Ja, das wollte ich gerade fragen. Ist es verstörender Relativismus, der da praktiziert wird?
Johannes Franke: Naja, es ist alles ihre Perspektive, sie versucht ihre Kindheit zu retten. Also natürlich kann man ganz, ganz, ganz düstere drunter Geschichte lesen, ne? Aber es ist nicht düster. Aber es ist halt nicht düster erzählt. Sie hat ein tolles Leben.
Florian Bayer: Spaß und sie ist aufgeweckt, sie ist intelligent. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie fertig ist und dass sie Hilfe braucht, sondern eigentlich brauchen ihr die Leute Hilfe, mit denen sie Kontakt hat. Und dann, wenn sie schläft, es eskaliert ja genau, also eigentlich sind die Erwachsenen ja total verrückt, weil sie schläft und dann prügeln die Erwachsenen aufeinander ein. Schlagen sich mit Tellern. Ich habe fast das Gefühl, die Kulissen werden in dem Moment eingerissen. Dass wir jetzt das Gefühl haben, der Film wird jetzt Der Film hebt sich jetzt quasi selbst auf. Und in dieser Prügelei reißen sie die Wände eigentlich ein vom Filmset. Jetzt ist Feierabend, ne? Oder so wie die Metalband, die am Schluss ihre Instrumente zertrümmert.
Johannes Franke: Oder wie bei Mel Brooks.
Florian Bayer: Genau. Und dann kommt Trousquillon zum letzten Mal mit seiner Armee draußen. geile Szene, wenn wir die Armee, die auf dem Bildschirm ist und die kommen dann näher und dann sehen wir, dass das nur so ein Bildschirmbild ist.
Johannes Franke: Das sieht man sehr schnell, dass das nur ein Bildschirmbild ist.
Florian Bayer: Aber das sieht total geil aus.
Johannes Franke: Aber das sieht total geil. Ich liebe es. Ich finde es großartig, weil die ja dann in eine Nahaufnahme reinlaufen und du hast quasi in einer realen Szene... hinter den Glasscheiben dann plötzlich so riesige Gesichter. Weirdes, geiles Bild.
Florian Bayer: Und dann wird gekämpft und es gibt Revolution und Krieg und Prügelei und es endet damit, dass das... Gabriel, Albertin und Sasi, die immer noch schläft, fliehen. Albertin, die offensichtlich im Buch zu einem Mann gemacht wird, dann am Schluss auf den letzten Seiten. Ich habe das Buch nicht gelesen.
Johannes Franke: Das habe ich nicht mitbekommen.
Florian Bayer: Der Charakter Albertine heißt auch anders im Buch. Und sie ist dann in dem Moment plötzlich ein Mann. Und wir haben bei ihr ja auch schon so einen kleinen Wandel. Also sie kleidet ja Mado ein, nachdem die den Heiratsantrag gekriegt hat von Charles. Und fährt dann, muss Gabriel noch sein Kostüm bringen und fährt dann durch die Stadt und ist so sehr schick gekleidet plötzlich. Es ist plötzlich so eine Macherin, ich weiß gar nicht, wie ich es anders formulieren sollte, aber sie kriegt so männliche Klischee-Trademen. mag so ein bisschen drauf, dass sie so die Haare zurückgebunden und schicke Lederklamotten. Ich weiß es nicht, ich kann es nicht genau beschreiben. Sie wird maskuliner gemacht. macht. Zumindest was Rollenklischees betrifft. Und sie fliehen dann zusammen in die Metro.
Johannes Franke: Ja, aber sie verschläft die Metro. Oh nein, das ist so traurig. Es gab vom Buch mehrere Versionen. Ganz am Anfang, als er die Geschichte das erste Mal aufgeschrieben hat oder zumindest die Ideen zusammengeworfen, Am Anfang hatte nämlich der Autor tatsächlich noch vor, dass sie am Ende auch wirklich Metro fährt, also bewusst Metro fährt. Er hat wirklich da hinkommen und das schafft. Und er hatte die Szene so geschrieben, dass er dann, als das wieder aufgegriffen hat und das Buch wirklich geschrieben hat, fertig geschrieben hat, festgestellt hat, Oh, die Metro hat sich ganz schön verändert in der Zeit. Irgendwie funktioniert das so nicht mehr, wie ich das jetzt hier in der Szene habe. beschlossen, einfach eine Antiklimax draus zu machen und das Buch so zu nennen, wie es am Ende nicht passiert.
Florian Bayer: Ja, ja. Ich finde es eigentlich schön, dass ich am Schluss nochmal Metro fahren kann.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja.
Florian Bayer: Auch wenn sie es verschläft. Aber sie verschläft es, ja. Sie verschläft es, das ist auch irgendwie ein bisschen traurig, aber eigentlich ist es okay, weil ganz unabhängig da steht. davon, dass ich diesen Film großartig finde. Es ist wunderbar. Meine liebste Szene ist ganz am Schluss, wenn sie dann bei der Mutter abgegeben wird und die Mutter fragt so... hattest du eine gute Zeit. Und sie sagt so, ach, komm, sa. Und es ist so geil, also sie sagt danach noch ein bisschen mehr, aber ich finde dieses Komm, saß, So hammergeil. Einfach weil, das war alles. Die Welt ist explodiert und eskaliert. Es war ein Farbrausch, es waren Verfolgungsjagden, es war... Party und Schrecken und Horror und Spaß. Und sie so, ja, war ganz okay.
Johannes Franke: Und dann, was ich aber auch wirklich toll finde und sehr stark finde, ist, was hast du denn dann gemacht? Und sie gesagt, ich bin älter geworden.
Florian Bayer: Was für weise Worte, ne?
Johannes Franke: Das ist so toll. Einfach so ein ganz simples in die Kamera quasi... Ja, ich bin älter geworden.
Florian Bayer: Das passiert halt.
Johannes Franke: Es ist super.
Florian Bayer: Es ist einfach das Ende. Das Treffenende für diesen Film. Ist das schön.
Johannes Franke: Und dann ist mir noch eingefallen, dass die Figur des Polizisten und die Figur des Molestors, die ja im Film der gleichen Person ist, sind im Buch... Getrennte Figuren tatsächlich. Das ist also nicht eine Figur. Das macht einen anderen Interpretationsspielraum auf.
Florian Bayer: Ach krass, weil dieser Trouscalion scheint extrem... zentral zu sein in der Geschichte, weil er kommt immer wieder vor und seine Persönlichkeitsauflösung wird immer krasser und irgendwann ist dann ja auch dieser Moment, wo er bei Albertin ist und hier nochmal auflauert Und sie dann fragt, wer bist du überhaupt? Und er sagt so, ich weiß selbst nicht so genau. Ich wusste mal meinen Namen, aber jetzt weiß ich nicht mehr meinen Namen. Ich habe keine Ahnung mehr. Und da gibt es auch noch mal diesen Schnitt mit der Kamera, wo er dann plötzlich nackt steht und total erschrocken ist. Also es ist so, er ist eigentlich die Person, die am meisten Probleme hat, mit dieser, die Gewissheiten zu wahren.
Johannes Franke: Ja, stimmt.
Florian Bayer: Und um das vielleicht nochmal stark zu machen, er ist vielleicht so eine Verkörperung des Bürgerlichen, das was die Kinder doof finden, die Vertretung der klassischen bürgerlichen Autorität. Und eben sowohl mit Licht- als auch Schattenseiten, weil als Polizist ist er ja ab einem gewissen Punkt sogar hilfsbereit. Wenn sie Gabriel versuchen zu retten von den Kretschens, da hilft er ja sogar. Und dann ist die Witwe, die Muak, ist dann ja auch eine Zeit lang ihm komplett verfallen. Er ist irgendwie so ein Charakter, der Autorität darstellt, der bürgerlichen. Und der deswegen dazu verdammt ist, zu verlieren in diesem grotesken Schauspiel.
Johannes Franke: Ich würde gerne noch eine weitere Interpretationsebene reinwerfen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wenn wir schon so, wir sind ja ziemlich rund, ne? Und was ich noch interessant finde... Der Film stößt ein-, zweimal drauf. Es ist dieses nach dem Zweiten Weltkrieg Wiederaufbau Frankreich. Und das Lösen vom Schrecken der Nazis, die gekommen sind und alles umgekrempelt haben und der Wiederaufbau auch kulturell. Auch wenn das jetzt keine jahrhundertelange Besatzung war, ist es ja doch ein Einschnitt massiver und sehr gewaltvoller. Und man muss sich erstmal wieder aufbauen und neu sortieren und so. Und vielleicht ist dieser Film auch so ein kleines bisschen ein Gefühl... Also ein übersteigertes und auf Steroids und auf Looney Tunes gemachtes Gefühl einer Neusortierung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Florian Bayer: Ja, auch vielleicht so einer Wiederfindung der Identität, auch wenn sie noch so zersplittert.
Johannes Franke: Ja, sowas. Und es passt ja auch zu Louis Mal, der auch in seiner Kindheit und Jugend das miterlebt hat. Der hat ja auch Sachen miterlebt, die nicht so richtig schön gewesen sind. Also er war auf einer katholischen Schule und als Elfjähriger hat er ein Raid von einer Gestapo miterlebt. Und dann wurden drei jüdische Mitschüler mitgenommen und ein Lehrer noch mitgenommen, alles Juden.
Florian Bayer: 1932 ist er geboren, er war 13 Jahre alt, als der Krieg vorbei war und er hat wirklich so ganz wesentliche Kindheitsjahre in Kriegszeiten verbracht. Ja, finde ich auf jeden Fall spannend, auch als Interpretation, dass es hier auch darum geht, nochmal so eine Stimme zu finden. Und die Nouvelle Vague-Leute, denen ging es ja auch ganz stark darum, dass... Frankreich eine künstlerische Identität entwickelt. Die haben ja diesen Film vorgeworfen, die aus der Filmfabrik kamen, die sie kritisiert haben. dass die eben sehr formelhaft sind und die eigentlich nichts anderes machen als Tradition zu imitieren. Und dann gab es ja diesen Stolz von diesen jungen Filmmachern, die gesagt haben, wir machen jetzt hier unser eigenes Ding. Und deswegen ist die Nouvelle Vague ja auch so zersplittert. Es gibt ja wenig, man kann wenig sagen, die Stilmittel der Nouvelle Vague sind. Also so was, was wir hier sehen, so Jump Cuts und Auflösung von Zeit sehen wir da sehr oft.
Johannes Franke: Entfesselte Kamera.
Florian Bayer: Entfesselte Kamera. Aber sowas wie Nouvelle Vague kann halt auch sowas sein wie bei Truffaut, wo ganz ruhig und traditionell erzählt wird und das Besondere eher so in den Geschichten stattfindet. Und das hängt halt auch damit zusammen, dass es einfach so ein gewisses Selbstbewusstsein gab auf die individuelle Schaffenskunst. Sprich, wir haben hier sehr viele Individualisten, Nui Mal war einer derer, die auch eher so am Rande der Nouvelle Vague stattgefunden haben, weil er nicht zu den großen Theoretikern gehört hat, sondern weil er gemacht hat. Während Truffaut geschrieben hat, wie man das Kino retten konnte, war Rui Mal Kammer. Kameramann bei Jacques Cousteau. Also er hat einfach von Anfang an gearbeitet. Er hat nicht lange studiert.
Johannes Franke: Ich finde es großartig. Ich weiß nicht, ich muss mir andere Filme von Louis May vielleicht anschauen, aber wenn die sowieso alle so unterschiedlich sind,
Florian Bayer: Die sind so unterschiedlich.
Johannes Franke: Kann man gar nicht sagen, ja, ich muss jetzt noch einen Louis Meil sehen, sondern ich muss halt, ja...
Florian Bayer: Kommen wir ganz kurz zur Dark Side von Louis Mal, im künstlerischen Sinne.
Johannes Franke: Oh, okay.
Florian Bayer: Louis Mal hat nämlich einen Film gemacht, 1977. Ich hoffe, also bei mir funktioniert es, dass es das nicht ändert. an der Wahrnehmung von diesem Film. Aber es könnte was an der Wahrnehmung von diesem Film ändern. Vor allem an dem Gereden über Sex von Sassi. Und zwar hat Louis Malle 1977 den Film Pretty Baby gemacht, der damals schon sehr kontrovers rezipiert wurde und auch in der Retrospektive immer mal wieder herangezogen wird als einer der großen kontroversen Filme. Die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das in einem Bordell groß wird und dann selbst auch ihre Jungfräulichkeit wird versteigert. Oh Gott. Sie heiratet einen Freier dann. Sie wird gespielt von der 10-jährigen Brooke Shields. Ich glaube, die war 10 damals. Und es gibt auch... Nacktszene.
Johannes Franke: Oh ja, stimmt. Die Geschichte.
Florian Bayer: Ich wusste gar nicht, dass es so jemals ist. Also... Ich habe den Film gesehen und es fällt nicht sonderlich schwer, diesen Film als große Päderasten-Fantasie zu lesen.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott, oh Gott.
Florian Bayer: Es wird natürlich als Drama inszeniert und es geht ganz viel um diese Figur, die Brooke Shields spielt und darum, was sie erlebt. Aber der Film ergötzt sich ganz eindeutig am kindlichen Körper. Am kindlichen nackten Körper und am kindlichen zurechtgemachten Körper. Oh Gott. Er erzählt auch, ich meine, es ist Kindesmissbrauch, was da stattfindet, aber er erzählt die Geschichte von einem Freund, von einem Sexualstraftäter, der ein Kind missbraucht, als irgendwie liebender Mann, der sich um sie kümmert. Mhm. und der eigentlich nur das Beste für sie will und der eigentlich ein guter Typ ist, Und es ist wirklich problematisch, weil dieser... Diese Beziehung von Kind mit Erwachsenem wird in diesem Film nicht wirklich, nicht mal... Vielleicht wird sie ein bisschen kritisch reflektiert, aber es wird einfach nicht klar gemacht, was da stattfindet, was halt echt düster ist.
Johannes Franke: Okay, krass.
Florian Bayer: Von Louis Malfe wurde damals heftig kritisiert, der Film. Ich glaube, Brooke Shields hat auch einiges gesagt zu den Dreharbeiten, dass sie nicht besonders geil waren. Und das war Louis Malfes großer Ausrutscher.
Johannes Franke: Naja, also, wann ist das gewesen?
Florian Bayer: 1977. 17 Jahre nach, so sie.
Johannes Franke: 17 Jahre später.
Florian Bayer: Dazwischen hat Louis mal wirklich tolle Filme gemacht. Also, dass ehrlich ist großartig. Viva Maria ist ein toller Film, wirklich unterhaltsam, wird dir auch gefallen. Wenn ich dir einen Louis Mal-Film empfehlen soll, sag ich, guck du dir Viva Maria an. Das ist ein Western mit einer Terroristin, die als Sängerin unterwegs ist mit einem großen Wagen und die machen so eine Burlesque-Show im Wilden Westen und dann gibt's aber Musik und Action und Explosion und das ist echt spaßig. mit Brigitte Bardot und Jean Moreau. Großartiger Film. Nee, der war in Frankreich. Ich dachte, den hätte er in Amerika produziert. Toller Film, auf jeden Fall sehenswert. Und wenn du was wirklich, wenn du Louis mal am krassesten und Free Kingston sehen willst, dann musst du dir Black Moon angucken aus dem Jahr 1975. Okay. Ich find's so geil, ich muss einfach nur die Beschreibung von Wikipedia vorlesen. Um einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Männern und Frauen zu entkommen, ergreift die junge Lilly mit dem Auto die Flucht und stößt auf ein abgelegenes Anwesen, wo sie auf ein zotteliges Einhorn stößt. Ich hab's jetzt ein bisschen verkürzt. Es ist ein sehr schräger und sehr bizarrer und sehr surrealer Film.
Johannes Franke: Okay. Ja, na dann, dann muss ich mir ein bisschen was für einen Louis-Mail angucken und ich weiß genau welchen nicht.
Florian Bayer: Fahrstück zum Schafott. Also Fahrstuhl zum Schafott wird dir gefallen und Viva Maria wird dir gefallen.
Johannes Franke: Definitiv. Gut, kommt alles auf die Liste. Apropos Liste. Liste? Wir haben da eine Top 3 zu klären.
Florian Bayer: Schingel!
Johannes Franke: Unsere Top 3. So, Flora, was haben wir denn für eine Top 3?
Florian Bayer: Drei Filme mit kindlichen Protagonisten, die nicht für Kinder gemacht sind.
Johannes Franke: Ja, ich habe ein bisschen was aufgeschrieben. Diesmal ist die Liste nicht so wahnsinnig schwer gefallen. Nur zu sortieren wird schwierig. Du musst anfangen, tut mir leid. Stimmt ja, verdammt. Dann hätte ich gerne auf Platz 3...
Florian Bayer: Liebes Publikum, Johannes ist in einer Denkpause. Schalten Sie mich ab.
Johannes Franke: Reboot, Reboot. Die Blechtrommel.
Florian Bayer: Oh ja, shit, an den habe ich gar nicht gedacht, sehr gut.
Johannes Franke: Ja, die Blechtrommel habe ich ewig nicht gesehen, richtig lange nicht gesehen. Ich glaube, ich habe ihn als Jugendlicher gesehen.
Florian Bayer: Oder als Kind. Ich weiß nicht genau. Auf jeden Fall verstörend. Ich war zu jung, als ich die Plechtrommel gesehen habe und fand es sehr abgefunden.
Johannes Franke: Ja, abgefuckt. Aber irgendwie hat er was richtig Gutes... Man hat irgendwie ein Gefühl dafür, was Film alles kann, was Erzählung kann und wie abgefuckt einfach die Welt ist.
Florian Bayer: Das ist so geil, dass du den nennst, weil damit haben wir einen neuen deutschen Filmfilm, den du magst.
Johannes Franke: Den ich vielleicht heute nicht mehr mag, wer weiß.
Florian Bayer: Volker Schlundorf, einer der großen Vertreter des neuen deutschen Films.
Johannes Franke: Du hast ihn in deiner Liste. Ein Erfolg für dich, Flo.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, wie Johannes über den neuen deutschen Film abkotzt, ist dir die Folge zu...
Johannes Franke: Das ist die erste Folge, glaube ich.
Florian Bayer: Nee, warum läuft Herr Amok?
Johannes Franke: Achso, ja, auch das noch.
Florian Bayer: Genau, warum läuft Herr Amor?
Johannes Franke: Oh Gott, was für ein schrecklicher Film. Furchtbar.
Florian Bayer: Mein Platz 3. Aus dem Jahr 2015 Room, der in Deutschland unter dem Titel Raum lief.
Johannes Franke: Okay. Also nicht The Room, sondern... Einfach Room.
Florian Bayer: Ein irisches Drama über einen Fünfjährigen, der zusammen mit seiner Mutter in Raum lebt. Und Raum ist die gesamte Welt. Raum besteht aus einem kleinen Zimmer. Und es gibt einen kleinen Schrank. Und sie leben dann nur zu zweit. Und er muss sich manchmal in dem Schrank verstecken. wenn von oben jemand kommt. Und wir erfahren dann nach und nach durch die Augen dieses fünfjährigen Kindes, dass die Mutter offensichtlich schon sehr lange im Raum gefangen gehalten wird.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und der, der sie gefangen hält, offensichtlich sein Vater ist.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und sie alles macht, um das Kind zu schützen. Und das Kind kennt nur diesen Raum. Fuck. Und das Kind weiß nicht, was da draußen stattfindet.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich, der Roman dazu ist auch ziemlich stark. Es ist ein ziemlich belastender Film. Aber er hat eine tolle Entwicklung und wir erleben auch diesen Befreiungsmoment und er erzählt unglaublich stark, wie... wie ein Kind Welt wahrnimmt, wenn die Welt komplett zusammengeschrumpft ist. Und es tut natürlich in der Seele weh, das zu sehen. Aber es gibt auch diesen Moment, wo man so glücklich ist, wenn dann die Freiheit kommt und es ist wirklich toll inszeniert. Das Buch ist noch ein Stück stärker als der Film, aber der ist das Der Film ist auch wirklich gut, wirklich sehenswert. Und es ist natürlich hart und Thema ist natürlich auch sexueller Missbrauch und es ist gerade so, es hat natürlich diesen Hintergrund mit dieser... Wie ist diese Geschichte noch Österreich, dieses Mädchen, das so lange gefangen haben war?
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ich bin dann gerade in Kampusch.
Florian Bayer: Ja, genau. Das kann man da irgendwie dranlegen, aber es ist kein sensationalistischer Film. Es ist kein Exploitation-Film, sondern er erzählt das vorsichtig und halt sehr stark die ganze Zeit durch die Augen des Kindes. Krass. Wow.
Johannes Franke: Okay. Auf der anderen Seite die Hollywood-Version Leon der Profi.
Florian Bayer: Ah, ja, ja, den hatte ich auch im Auge. Ist Natalie Portman in dem Film noch ein Kind, Johanna? Sie ist noch vor der Pubertät.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall. Ich würde sie absolut als Kind... Sie ist noch ein bisschen älter, glaube ich, als Sazie. Nämlich, ich glaube, so alt, wie das Buch eigentlich Sazie sehen würde. Nämlich so an der Schwelle zum langsam geht's los.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das heißt, sie kann auch die ersten sexuellen Anspielungen schon verstehen und hat aber trotzdem gleichzeitig diese Naivität. Weiß ich gerade nicht genau, weil ich ihn lange nicht gesehen habe, inwiefern dieser, naja, dieses... Messers Schneide, dieser Tanz funktioniert bei Leon der Profi, weil das ja durchaus auch manchmal ein bisschen schwierig sein könnte, weil... Weil sie sich ja auch so ein bisschen mit ihm flirtend verhält und so. Und Leon geht darauf nicht ein und lässt es...
Florian Bayer: Ich habe den so sehr als Vater-Tochter-Beziehung in Erinnerung, aber es ist halt auch schon lange her, dass ich den gesehen habe. Aber stimmt, sie hatte so diese, also er ist ja komplett nicht nur asexuell, sondern auch englisch.
Johannes Franke: Er hat gar kein Leben. Ja, genau. Aber inwiefern das noch stimmt oder ob wir das anders sehen heute, das wäre mal interessant. Weil ich habe den echt seit 20 Jahren nicht gesehen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall ein spannender und faszinierender Film. Auch wiederum mit dieser kindlichen Wahrnehmung, aber auch mit dieser geraubten Unschuld des Kindes. Genau. einfach zu viel Scheiße erlebt hat und zum Killer wird. Ja, cool. Mein Platz zwei ... Leolo aus dem Jahr 1992, ein kanadischer Film über einen kleinen Jungen, der in sehr armen Verhältnissen lebt und irgendwie in einer ziemlich grotesken, dysfunktionalen Familie. Und der es aber schafft, irgendwie so, sich so eine zweite Realität zu schaffen durch seine Fantasie. Also er denkt dann ganz viel in Geschichten und erzählt diese Geschichten auch und alles so sehr grotesk und sehr bizarr und es geschehen merkwürdige Dinge. Das ist so schwer zu beschreiben tatsächlich. Es ist schon ein surrealer Film, aber auch irgendwie ein Coming-of-Age-Drama, Das auch so sehr viel die bizarren Seiten des Erwachsenwerdens zeigt. Gerade das in die Pubertätskommens, also der ist schon ein bisschen älter, der ist so 12 oder 13. Wir erleben, wie er in die Pubertät kommt und wie er auch Interesse an Sexualität entwickelt. Ja. Sehr schräger und sehr merkwürdiger Film, der aber trotzdem, trotz seiner ganzen düsteren Töne immer so eine warmherzige Note hat, aber definitiv nichts für Kinder ist.
Johannes Franke: Okay. Vielen Dank. Mein Platz 1. Ich hatte ihn schon ein paar Mal in der Topliste, aber ich liebe ihn einfach. Billy Elliot.
Florian Bayer: Ja, schöner Film, auf jeden Fall. Und kann ein Kind gucken?
Johannes Franke: Könnte ein Kind gucken. Tut nicht weh. Tut nicht weh. Aber die ganzen Themen sind eigentlich schon erwachsene Themen, weil es darum geht auch... wie diese Familie einfach struggelt, überhaupt genug Essen reinzubekommen, Geld reinzubekommen und da dieser Streik der Werkarbeit, die eigentlich davon leben und die sich das hart erkämpfen, da irgendwie streiken zu können, aber dann so viele Streikbrecher auch dabei sind, weil sie einfach... sonst verhungern würden und das echt ein hartes Leben ist.
Florian Bayer: Da gibt es diese erschütternde Szene, wo der Sohn seinen Vater bei den Streikbrechern sieht, wo es vorbeifahren.
Johannes Franke: Ja, furchtbar. Oh Gott.
Florian Bayer: Und dieser Film hat so toll diesen Arbeitskampf mit dem Freiheitskampf von Billy kontrastiert. Diese zwei verschiedenen Kämpfe, die aber auch irgendwie zusammengehören und jeder versucht sich zu behaupten.
Johannes Franke: Ah, schöner Film, ja. Und Billy Elliot, wer es nicht weiß, will einfach Tänzer werden. Er ist als Junge in einer Mädchengruppe beim Ballett, wird da auch wieder rausgenommen von seiner Familie, weil das überhaupt nicht geht und das sieht ja nicht gut aus, so ein Tütü tragen oder was oder wie. Und er hat da wirklich zu kämpfen, da irgendwie wahrgenommen zu werden und dass seine Wünsche auch ernst genommen werden. Es ist wirklich ein ganz, ganz toller Film.
Florian Bayer: Ja, schöner Film. Mein Platz 1, tut mir leid, Johannes, ich muss ihn reinpacken. Wir haben ihn vor zwei Wochen gesehen, wir haben vor zwei Wochen drüber geredet. The Painted Bird aus dem Jahr 2019. Die Geschichte eines kleinen Kindes, das im Krieg, im Zweiten Weltkrieg durch das Hinterland Osteuropas irrt. Immer auf der Suche nach zu Hause, auch wenn dieses Zuhause... wo sie irgendwann nur noch so eine fixe Idee ist und er stolpert von einem schrecklichen Menschen zum anderen. Johannes mochte den Film nicht. Ich finde, er hat auch gute Argumente, warum er den Film nicht mag. Ein schwerer und wirklich harter Film, der definitiv nichts für Kinder ist, der auch nichts für Jugendliche ist. Das ist wirklich ein Film, der das FSK ab 18 absolut verdient hat. Weil es sind einfach mal fast drei Stunden lang menschliche Grausamkeiten und... Ein Blick in den Abgrund des Menschlichen. Ich fand ihn einen unglaublich starken Film. Man kann einen Punkt machen, dass er vielleicht auch in die Richtung Torture Porn geht, dass es einfach zu sehr sich auch irgendwie... drauf ausruht, einfach nur Abscheulichkeit nach Abscheulichkeit zu zeigen. Ich fand ihn unglaublich stark, aber es ist keine leichte Kost.
Johannes Franke: Hört euch die Episode gerne an. Ich glaube, das ist eine wirklich gute, interessante Episode geworden, in der man über viele Punkte nachdenken kann, wo von beiden Seiten, also von dir kamen auch echt Sachen, wo ich viel drüber nachdenken musste. Wir haben heftig gestritten.
Florian Bayer: leiten ja gerne und wir kokettieren auch immer gerne damit. Das war eine Episode, wo wir beide sehr ernsthaft unseren Punkt klar machen wollten, weil wir beide eine sehr starke Meinung zu dem Film hatten und die auch emotional gefärbt war bei uns beiden und das macht die Diskussion, glaube ich, aber auch ziemlich spannend. Ja, hört mal rein. Also es ist eine ernstere Folge als sonst. Wir machen nicht so viele Witze und wir streiten auch vielleicht ein bisschen mehr als sonst, auch vielleicht ein bisschen ernster, ein bisschen leidenschaftlicher. Tut der, glaube ich, keinen Abbruch.
Johannes Franke: Ganz im Gegenteil, glaube ich. Sonst sind wir ja doch recht leidhartet, aber manchmal muss man einfach auch ein bisschen auf die Kacke hauen, ordentlich. Okay, dann sind wir aus unserer Top 3, kommen wir wieder raus, wa?
Florian Bayer: Ja. Das war's. Unsere Top 3.
Johannes Franke: Haben wir noch was zu sagen zu unserem Film?
Florian Bayer: Ja, du musst das Urteil-Jingle da reinspielen.
Johannes Franke: Ich will dich doch überraschen, Flo. Das kann ich nicht jetzt einspielen. Das spiele ich irgendwie zwischendurch einspielen.
Florian Bayer: Pass auf, das nächste Mal sage ich nichts dazu. Du darfst es einfach irgendwann reinhauen. Und zwar mitten in die Episode. Du kannst ja so mit dem Finger über die Tonspur gehen und dann sagen, hier.
Johannes Franke: Das Urteil.
Florian Bayer: Und dann kommt es da einfach rein. So bei Minute 735.
Johannes Franke: Nein, das geht nicht, das geht nicht.
Florian Bayer: Johannes, du hast schon gesagt, es freut mich natürlich. Aber dir hat der Film gefallen, offensichtlich.
Johannes Franke: Ja, wenn... Wenn du mir schon 60er Jahre so New French Wave, was auch immer, Zeug gibst, dann bitte sowas. Okay. Und dann wirklich Zeug, wo man einfach mit jeder Faser spürt, dass alle Spaß hatten, dass es einfach darum geht, alles einmal auf den Kopf zu stellen und einfach... zu schütteln und zu gucken, was kommt denn dabei raus und was kann man für Scheiße mit dem Medium machen. Ich hatte echt immer wieder den Eindruck, dass da gerade jemand zum allerersten Mal rausfindet, was Film ist und was man dafür in der Scheiße mitmachen kann. Ich finde es ganz, ganz großartig.
Florian Bayer: Schön. Tut mir leid, aber ich glaube, ich kenne keinen einzigen Nouvelle Vague-Film, der so ist. Das ist wirklich ein... Sonderling, von einem Sonderling.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Aus der Sonderling-Genre-Kiste. Oh, Mann. Und... Ich glaube aber auch, tatsächlich ist es ein Nouvelle Vague-Film für Leute, die sonst die Nouvelle Vague nicht abkönnen, weil sie sagen, die Nouvelle Vague ist zu ernst, zu selbstverliebt, nimmt sich viel zu wichtig an. Und das macht der Film halt nicht. Der hat halt einfach Spaß und ist halt auch einfach so ein kleines, verspieltes Kind.
Johannes Franke: Wenn ihr da draußen... Filme kennt, die Plur jetzt nicht auf dem Showmarkt, die mir entgegenkommen könnten in der Richtung. Ich fand den Film so großartig und das aus den 60er und mit den Mitteln der 60er. Und mit den Mitteln der 20er und mit den Mitteln der Zukunft. Er hat auch Sachen gemacht, die vorher nicht gemacht wurden. Ich finde es wirklich... ganz toll rumgespielt. Wenn ihr irgendwie Filme kennt, die in die Richtung gehen, schickt uns bitte eine Mail, eine fette Mail mit ganz vielen Empfehlungen. Ich find's super.
Florian Bayer: Können wir noch einmal erwähnen, zum Abschluss, dass dieser Credoo fantastisch ist, der aussieht wie Asterix, wie so ein Gallier, der plötzlich in diese Welt geworfen wurde, der Schuhmacher.
Johannes Franke: Der Schuhmacher? Mit so einem riesigen angeklebten Bart, den man nicht ernst nehmen kann. Nicht eine Sekunde.
Florian Bayer: Ich find den so geil. Ich hab den gesehen und dachte, oh, Asterix. Haha. Er sieht aus wie so ein Gallier, der da reingefallen ist.
Johannes Franke: Ja, absolut. Der ist zwischendurch schwarz für zwei Friends.
Florian Bayer: Ich hab's nicht verstanden. Sie fragen ihn nach seinem Namen und dann sagt er Credo. Und dann wird er ganz kurz Blackface tatsächlich gezeigt.
Johannes Franke: Ist das Blackfacing? Ich dachte, das wäre wirklich War es ein schwarzer Schauspieler? Ich hoffe es.
Florian Bayer: Ich weiß es auch nicht 100 Prozent. Und dann habe ich, ich habe gegoogelt und habe geguckt und irgendwie kriege ich nur, was ist die Anspielung? Ja, genau. Ich hab's nicht gefunden. Keine Ahnung. Sagt ihr aus uns. Vielleicht weiß es jemand. Man muss sich wahrscheinlich... bei ganz vielen Anspielungen mit französischer Kultur auskennen.
Johannes Franke: Ja, voll.
Florian Bayer: Eine Ahnung davon zu haben, was da gerade passiert. Aber man kann auch ohne diesen kulturellen Background
Johannes Franke: Spaß dran haben, die an uns feststellen. Und ich will unbedingt das Buch noch lesen. Aber ich kann kein Französisch, das heißt, ich werde selbst in der Übersetzung, würden mir trotzdem 80% der Gags... entgehen. Ich habe auch ein kleines Interview mit dem Übersetzer, der das nochmal neu übersetzt hat. Vor kurzem erst. vor ein paar Jahren. Und der hat das Ganze noch ein bisschen freier übersetzt. Der hat tatsächlich einfach versucht, die auch Rhythmiken in der Sprache zu übernehmen und damit weniger am Inhalt zu kleben und so und die Wortschöpfungen irgendwie auf eigene Art und Weise zu machen. Was ich einen sehr guten Ansatz finde, was auch kritisiert wurde, aber ich finde es total spannend und total schön. Also ich glaube, das Buch ist wirklich eine absolute Empfehlung.
Florian Bayer: Glaube ich auch. Ich habe es nicht gelesen, aber nachdem ich den Film jetzt nochmal gesehen habe, dachte ich, okay, jetzt sollte ich das Buch auch mal lesen. Insofern ist es nicht nur ein Muss-man-sehen-Podcast heute, sondern auch ein Muss-man-lesen-Podcast.
Johannes Franke: Wow.
Florian Bayer: In diesem Sinne. In diesem Sinne. Vielen Dank, euch vielen Dank fürs Zuhören. Wenn ihr wissen wollt, was Johannes nächste Woche für mich aufgibt und für euch auch alle. Dann bleibt noch kurz dran. Nach dem Jingle werden wir über den Inhalt der nächsten Episode reden.
Johannes Franke: Vielen Dank, dass ihr dabei wart. Bis nächste Woche.
Florian Bayer: Bis dann. Ciao. Ciao.
Johannes Franke: So, Plora, wir haben noch eine Hausaufgabe für dich und für euch da draußen.
Florian Bayer: Was gibt es denn diese Woche?
Johannes Franke: Und zwar war ich irgendwann mal, ich weiß nicht wie lange das her ist, aber schon eine ganze Weile und ich glaube gar nicht so lange nachdem der Film rausgekommen ist. Vielleicht sogar im Kino habe ich... Liebe gesehen, Amour von Hannecke, Michael Hannecke.
Florian Bayer: Haben wir den zusammen im Kino geguckt?
Johannes Franke: Oh, jetzt stellst du mich vor eine Herausforderung, die ich nicht bewältigen kann. Ich kann mich nicht erinnern.
Florian Bayer: Ich habe den damals im Kino geguckt. Aber ich weiß nicht mehr mit wem. Interessant. Ja, cool.
Johannes Franke: Kann es sein, dass ich langsam von unserem Konzept abdrifte und dir immer wieder Filme gebe, die du schon kennst, die deinen Horizont nur noch marginal erweitern können, weil du schon Bescheid weißt?
Florian Bayer: Moment, lass uns mal gucken, was du mir die letzten Male gegeben hast. Du hast mir gegeben Banksy.
Johannes Franke: Kanntest du schon?
Florian Bayer: Du hast mir gegeben... Die Apartment.
Johannes Franke: Kanntest du schon?
Florian Bayer: Verdammt, du hast mir gegeben, I'm still here. Du hast mir Triangle of Sadness gegeben.
Johannes Franke: Okay, aber der war einfach neu und du hattest noch keine Chance hinzusehen.
Florian Bayer: Und du hast mir die Blind Date Dinger gegeben, die habe ich auch nicht alle geguckt, da kannte ich auch nur einen oder zwei.
Johannes Franke: Da kanntest du zwei.
Florian Bayer: gegeben, den ich noch nicht kenne.
Johannes Franke: Oh, Schulze gibt es die Blues, war großartig. Okay.
Florian Bayer: Es gibt doch, du hast mir einige Filme.
Johannes Franke: Aber die Ratio ist ungünstig. Ich kenne nicht einen einzigen den du mir gibst.
Florian Bayer: Nein, ich hab dir Sneakers, kanntest du nicht, ne?
Johannes Franke: Nein. Ja, oh Gott, jetzt wird's richtig peinlich.
Florian Bayer: Spice World kanntest du.
Johannes Franke: Spice World, ja, okay.
Florian Bayer: Und Fight Club kanntest du.
Johannes Franke: Ja, okay. Aber habe ich dich bei Fight Club nicht überzeugt, dass du mir den geben musst? War das nicht eher mein Wunsch an dich, dass du mir den gibst?
Florian Bayer: Gut möglich. Okay, aber Liebe ist ein toller Film zum drüber reden und kein leichter Film.
Johannes Franke: Echter Film, schaut ihn euch an und dann könnt ihr mit uns zusammen depressiv da sitzen und heulen.
Florian Bayer: Ich freue mich sehr drauf. Finden wir heraus, was Michael Haneke unter Liebe versteht.
Johannes Franke: Oh Gott, jetzt hast du eine philosophische Frage.
Florian Bayer: Und werden wir darüber diskutieren, was wir unter Liebe verstehen.
Johannes Franke: Oh nein. Okay, gut. Ja dann, viel Spaß euch und viel Spaß dir, Plur.
Florian Bayer: Bis zum nächsten Mal.
Johannes Franke: Bis dann.
Florian Bayer: Ciao.
