Episode 136: Orphea in Love – Kino als Opernbühne
Nachdem das beim aktuellen Indiana Jones so gut geklappt hat, beschließen wir gleich nochmal ins Kino in einen aktuellen Film zu gehen: Anderes Genre, anderes Land, anderes Zielpublikum… Aber auch wenn es sich bei Orphea in Love nicht um einen Big Budget Hollywood-Film handelt, so kommt er doch mit einem ähnlichen Selbstbewusstsein daher: Axel Ranisch versucht hier nichts geringeres, als seine Liebe zur Oper auf die Leinwand zu bringen und seinem Publikum zu vermitteln.
Ob er uns damit gewinnen konnte, klären wir im Gespräch über antike Mythen, klassische und aktuelle Opern sowie die Liebe zur Musik und zur Kunst im Generellen.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 136: Orphea in Love – Kino als Opernbühne Publishing Date: 2023-08-11T19:23:55+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/08/11/episode-136-orphea-in-love-kino-als-opernbuehne/
Florian Bayer: Nee, quatsch! Schreib's bitte auf. Da, da, da. Da, da, da, da. Da, da, da, da. Da, da, da, da, da.
Johannes Franke: So, lang genug gewartet. Boah, ich habe jetzt gesessen die ganze Zeit und habe überlegt, schaffen wir das? Komm, wir schaffen das.
Florian Bayer: Wir schaffen das. Ich hatte ja gesagt, ich habe so einen kleinen Einstieg.
Johannes Franke: Du hast einen kleinen Einstieg.
Florian Bayer: Mach so. Leute, die uns öfter hören, wissen, es gibt so eine gewisse Tradition in unserem Podcast, dass wir... hin und wieder, also nicht wir, sondern hin und wieder Johannes, auf seiner Ukulele Stücke spielt, die zu der Episode passen, die wir machen. Zum Beispiel, wenn ihr vor drei Wochen gehört habt, haben wir Indiana Jones gemacht und der hat ganz toll John Williams gespielt. Ganz toll.
Johannes Franke: Note für Note.
Florian Bayer: Es gibt auch so ein paar andere wirklich schöne Musik- und Gesangseinlagen und deswegen wollte ich einfach mit der Frage starten, Johannes, welche Monteverdi oder welche Puccini-Aria hast du denn für heute für uns vorbereitet.
Johannes Franke: Aber auch nur, weil du es aus der Werbung kennst. Aus der Werbung, natürlich. Und ich kann dir nicht sagen, wie es heißt und von wem es ist. Ich weiß nicht.
Florian Bayer: Es ist wirklich traurig. Wir sind hier zwei Opernbanausen, oder? Also vielleicht auch gleich so die nächste Gretchenfrage. Wie hältst du es mit der Oper? Ich glaube ähnlich wie ich, oder?
Johannes Franke: Sag du erst mal.
Florian Bayer: Also ich bin in einem Haushalt groß geworden, in einem bildungsbürgerlichen Haushalt, wo Oper sehr groß geschrieben wurde. Mein Vater war großer Opernfan und hat das auch regelmäßig gehört. Ich habe als Kind die Zauberflöte gesehen, nicht im Theater, sondern als Film. Ich glaube sogar die Ingmar Bergmann-Verfilmung, das fand ich echt Schön, so als junges Kind. Das war witzig und putzig und auch ein bisschen gruselig. Und dann hatte ich einfach nie groß Kontakt zu klassischer Musik und Oper. Und ich hatte mit 15, 16 ein Theater-Abo vom Saarbrücker Staatstheater. Und das waren fast nur Theaterstücke, Gott sei Dank, für die Jugendlichen. Aber da war einmal auch Othello dabei und dann habe ich mich als 16-Jähriger wahrscheinlich so drei Stunden durch Othello gequält. Das war echt hart und echt langweilig und einfach nur ermüdend. Und damit endet so ein bisschen meine Opernbegeisterung, die nie wirklich angefangen hat, was auch wirklich schade ist.
Johannes Franke: Ja, Plur, hast du denn nie versucht? Also ich meine, mit 16 ist klar, man sitzt in der Oper und denkt sich, what the fuck, gib mir einen Playstation. Aber doch nicht mehr als Ende 20, Anfang 30-Jähriger. Das ist doch etwas, was sich entwickelt. Das muss man doch ab und zu abklopfen, Plur.
Florian Bayer: Ich hab das auch immer mal wieder abgeklopft, auch jetzt wieder, im Zug des Films, den wir nachher besprechen werden.
Johannes Franke: zu weiter Zukunft. Das ist die Episode. Wir sind in dieser Episode.
Florian Bayer: Wir sind in dieser Episode. Wir werden heute über fucking Opern reden. Da kommen wir nicht drum herum und ihr müsst da mit uns zusammen durch. Ich habe es immer mal wieder versucht und es hat aber nie so richtig gecatcht. Also ich meine... Ich verstehe, glaube ich, warum viele Menschen wirklich tief berührt sind von Opern. Und ich glaube, ich würde mir das auch für mich selbst wünschen, ein bisschen mehr. Es hat nie so richtig Klick gemacht. Wie ist denn bei dir?
Johannes Franke: Also folgendes. Ich mag ja Musicals. Das heißt, ich habe mit Gesang an sich durchaus einen Softspot für. eine andere Geschichte. Mit Opa habe ich auch nicht so wahnsinnig viel zu tun gehabt, bis ich eines Tages ein Projekt hatte, in dem ich als Schauspieler und als Comedian zu tun hatte, wo wir... so eine Mischung aus verschiedenen Künstlern waren und da war eine Opernsängerin dabei und wir haben eine Szene geprobt. Die Opernsängerin hatte vorher nicht gesungen und ich hatte mit Opern nichts zu tun. Und wir haben eine Szene geprobt, wo sie dann plötzlich neben mir angefangen hat, 100% zu geben. Und der Probenraum war, der war fast ein... zehn Leute rein, aber sie hat gesungen, als wären es tausend Leute. Und ich bin emotional umgekippt.
Florian Bayer: Das ist schön. Das ist was, was ich auch auf jeden Fall sagen würde. Wenn ich jemanden höre, egal ob Mann oder Frau, die nur Arie singt aus einer Oper live... Dann kriege ich auch eine Gänsehaut. Das ist krass und es macht auch wirklich einen Unterschied, ob ich es im Fernsehen nehme, weil man hört das ja immer mal wieder im Fernsehen. Wie gesagt, sehr oft in der Werbung benutzt oder in Filmen. Aber wenn man live jemanden sieht, der ohne Mikro, ohne alles sowas gesanglich darbietet, dann ist das schon ein krass bewegendes Stück.
Johannes Franke: Und es war wirklich krass. Ich war völlig fertig mit den Nerven, hab's irgendwie geschafft weiterzuprobieren und hab mir nichts anmerken lassen, aber es war so, oh mein Gott. Ich muss wissen, was dahinter steckt. Hab mich aber dann auch wiederum vom Leben ablenken lassen und hab nicht groß angefangen, mich da reinzustürzen oder sowas. Bis dann dieser Film auf einem Festival, auf dem ich war, mir über den Weg gelaufen ist, und zwar in Hof. Und dann nochmal in Bremen als Wiederholung. Aber ich habe mit denen in Bremen nicht nochmal anschauen können, weil andere Filme dazwischen gekommen sind. Deswegen bin ich froh, dass der Kinostart jetzt war und wir zusammen reingehen konnten. Und ich war, als der Film mir dann über den Weg gelaufen ist in Hof, auch nochmal überwältigt. Was mir aber, glaube ich, auf großer Bühne zwischen eben tausend Leuten nicht so passieren würde. Weil ich glaube, dass die Unmittelbarkeit fehlt, die durch ein großes Auditorium einfach verloren geht. Weswegen ich glaube, dass der Film mich gecatcht hat und meine Kollegin mich gecatcht hat. Weil das quasi direkt vor meiner Nase passiert ist. Und da bin ich großer Fan von Oper, aber ins Opernhaus zu gehen, also ich hab's dann zwischendurch ein-, zweimal geschafft auch, hat mich nicht so gecatcht wie diese Varianten.
Florian Bayer: Wir reden heute über Orfea in Love aus dem Jahr 2022 von Axel Ranich, der selbst auch nicht nur Film, sondern auch Opernregisseur ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und ich glaube, der auch ein bisschen... froh wäre, wenn er das hören würde, was du gerade sagst. Sein Film hat ja offensichtlich auch das Ziel, genauso Leute wie uns die nicht viel Ahnung haben von Opern, abzuholen und zu zeigen, hey, es gibt hier eine ganz eigene, schöne, faszinierende Welt. Für mich ist es immer schwierig, ich habe so das Gefühl, die Einstiegshürde in klassische Musik und in Opern und... Alles, was man unter E-Musik subsummiert, ist extrem hoch. Und ich kenne mich halt wenig mit Musiktheorie aus.
Johannes Franke: Ja, ich auch.
Florian Bayer: Ich höre nicht den Unterschied zwischen einer Renaissance und Barockoper.
Johannes Franke: Du hast jetzt aber auch zwei Sachen genommen, die wirklich nah aneinander dran sind.
Florian Bayer: Und das macht es natürlich hart. Und dann zusätzlich gibt es natürlich auch noch eine Sprachbarriere. die meisten klassischen Opern, die groß sind, sind in Italienisch.
Johannes Franke: Ja, gut. Oder Französisch.
Florian Bayer: Und ja,
Johannes Franke: Aber wie gesagt, die Frau, die neben mir stand und plötzlich gesungen hat, ich habe nicht auf den Text geachtet. Es geht dabei nicht um den Text. Und natürlich, wenn man den ganzen Abend in der Oper sitzt, möchte man wissen, was passiert denn da eigentlich. Aber eigentlich geht es um die reine Emotion.
Florian Bayer: Ja, und das ist auch geil und das funktioniert auch. Das ist jetzt total blöd, wenn ich das sage, weil das ist so wirklich die Mainstreamingste Mainstream-Mariante überhaupt. Aber mich kriegt total Paul Potts, der vor zehn Jahren bei dem Pop Pop-Idle, nicht Pop-Idle, Superstar, whatever, bei dieser amerikanischen Castingshow auftritt. Und dann die, ich weiß nicht, mein Wasser singt aus Tristan und Isolde.
Johannes Franke: Weiß es auch nicht.
Florian Bayer: Aber das kriegt mich halt auch irgendwie, also so, ja, ich verstehe das. Ich kann auf jeden Fall diese Faszination an gutem, klassischem Gesang Und der gerade eben dieses Opernhafte hat, also auch irgendwie eine Geschichte im Gesang erzählt, Emotionen im Gesang erzählt, das kann ich nachvollziehen. Und das kriegt mich auch immer wieder. Aber eine ganze Oper ist halt auch noch mal was anderes, ne? So zwei Stunden, drei Stunden.
Johannes Franke: Ja. Ja, man macht ja dann, wenn es um Erzählung und Musik geht, den Unterschied zwischen einem Rezitativ und einer Arie, soweit ich das jetzt mitbekommen habe.
Florian Bayer: Jetzt liegen wir voll los.
Johannes Franke: Das heißt, wir sind in den Arien, die dann, naja, gar nicht die Handlung so sehr vorantreiben, sondern tatsächlich die Gefühle einfach ansprechen sollen und das Rezitativ. ist dann dazu da, die Handlung voranzutreiben. Wie die Unterschiede dann konkret in der Ausführung aussehen, kann ich dir nicht wirklich sagen. Aber das ist so mein theoretischer Hintergrund, den ich so ein bisschen gebracht habe. Plur, möchtest du das Shields die ganze Zeit auf den Tee? Möchtest du Tee?
Florian Bayer: Ich hatte Angst, dass der Beutel noch nicht draußen ist. Deswegen habe ich so drauf geschielt.
Johannes Franke: Aber ich habe an alles gedacht. Ich habe an alles gedacht.
Florian Bayer: Gott sei Dank, Johannes. Ja, danke. Ich hätte sehr gerne Thie.
Johannes Franke: Ich kümmere mich mal. Du darfst gerne darauf eingehen, auf den natürlich inzwischen Rezitativ und Arie.
Florian Bayer: Ich wollte nochmal betonen also, ihr habt heute eine Episode von zwei Nicht-Opernkennern, die über einen Film reden, der explizit sich mit Opern beschäftigt und die Liebe zur Oper in jeder erdenklichen Form ausdrückt. Nämlich Axel Ranich hat mit der Bayerischen Staatsoper zusammen diesen Film gemacht. Und der Hintergrund war tatsächlich, sie wollten eigentlich kleine Werbevideos haben. Also der Intendant
Johannes Franke: der Staatsoper.
Florian Bayer: Serge Dorni, seit 2021 Intendant der Staatsoper, hat zu Axel Rahnig gesagt, du, wir hatten noch mal vor 20 Jahren Gab es doch schon mal so ein Projekt, wo so kleine Vignetten gedreht wurden, wo Arien in Kurzfilmen gezeigt wurden. Lass uns doch sowas nochmal machen, um ein bisschen Werbung zu machen für die Opa und speziell für unsere Opa. Und Axel Ranich, der halt nicht nur Opernregisseur ist, sondern auch Filmregisseur, hat gesagt, nee, da will ich einen ganzen Film machen. Ja.
Johannes Franke: Man muss dazu sagen, dass er vorrangig eigentlich auch Filmregisseur ist. Axel Ranisch hat als Filmregisseur angefangen. Und dass er dann in Richtung Oper, Theater und so weiter gegangen ist, ist natürlich seiner Liebe zur Musik und zur Oper zu schulden. Vielleicht kann man da auch ein bisschen drauf eingehen, weil Axel Ranisch ja nicht umsonst die Oper jetzt wählt als Ausdrucksmittel, sondern schon einfach als Kind... sehr stark damit in Kontakt gekommen ist. Er ist Kind zweier Sportler.
Florian Bayer: Er ist das dicke Kind zweier Sportler, wie er selbst sagt.
Johannes Franke: Wie er selbst sagt.
Florian Bayer: Um das gleich reinzuwerfen, es gibt einen wirklich tollen Podcast mit ihm zu dem Film jetzt. Ein Talk-Podcast, wo er zu Gast ist. Und zwar ... Hilf mir, Johannes. Im Indie-Film-Talk ist er zu Gast.
Johannes Franke: Ganz liebe Grüße an Eugene an der Stelle.
Florian Bayer: Und da redet er über seinen Film, aber auch über seine Vita. Erstmal so grundsätzlich, was für ein grundsympathischer Typ.
Johannes Franke: Ja, unglaublich, oder?
Florian Bayer: Das ist so ein netter Kerl und er erzählt einfach aus seinem Leben und wie er zum Filmemachen gekommen ist und zum Opernmachen und was ihn daran begeistert. Und der ist einfach super witzig, super sympathisch, total offen und es macht einfach Spaß, ihm zuzuhören, wie er von seiner Arbeit erzählt.
Johannes Franke: Man will fast jetzt im Podcast von ihm als... Der Kumpel Axel Regen. Ich habe Axel Ranisch ab und zu mal bei Veranstaltungen gesehen, wo man als Schauspieler einfach auftaucht, weil er einfach in der Szene drin ist. Ich habe ihn in den Hof auf der Bühne gesehen, wie er ein bisschen was erzählt hat. Solche Sachen. Aber ich kenne ihn nicht wirklich. Aber man hat nach dem Podcast das Gefühl, Kumpel zu sein. Es ist so süß. Man wäre gerne befreundet mit ihm. Wirklich, man wäre wirklich gerne befreundet mit ihm. Also er hat erzählt, dass er sich schon ab sechs für klassische Musik interessiert hat, während seine Eltern eigentlich wahrscheinlich wollten, dass er sportlicher...
Florian Bayer: Sie haben Ihnen sogar ein Wasserballteam gesteckt und er sagt, das war keine gute Idee, das hat keinen Spaß gemacht.
Johannes Franke: Ja, das Wasserballteam, oh Gott. Und dann hat er mit 16 Klavierunterricht bekommen und hat zwei Jahre lang fanatisch an diesem Klavier gesessen und hat gespielt und gespielt und gespielt. Und wollte eigentlich auch in Richtung Musik gehen, aber dann gab es irgendwie den Theaterkurs, den er dann doch auch interessant fand. Der war aber leider schon voll, der Theaterkurs, also ist er zum Videokurs gegangen und hat dann dort in diesem Videokurs, in diesem Workshop seine ersten drei Kurzfilme gemacht. Und damals eben noch anders als heute. Nicht so fancy digital, sondern da muss man noch in der richtigen... Ja, mit Band, wo man dann so VHS-Überspielversionen, man spielt eine VHS-Kassette auf die andere und drückt im richtigen Moment Stop und Play. damit man die richtigen Sachen aneinander schneidet. Ich habe sowas auch gemacht als Kind.
Florian Bayer: Ja, das ist wirklich dreckiger, harter Arbeit.
Johannes Franke: Ich habe mich so oft in dem Interview wiedergefunden.
Florian Bayer: Er ist ja auch unsere Generation. Er ist 83 geboren. Er hat unser Alter.
Johannes Franke: Ja, es ist so schön, weil man das Gefühl hat, okay, man hat irgendwie den gleichen Erfahrungshintergrund, nur hat er ein bisschen mehr draus gemacht, verdammte Scheiße.
Florian Bayer: Er hat ja nebenbei auch als Pädagoge, Medien- und Theaterpädagoge gearbeitet. Hat unter anderem verschiedene Gruppen von Leuten betreut. Er hat gesagt, sie waren im Gefängnis und haben mit Sträfflingen gearbeitet. Ja, krass. und mit behinderten Kindern und so querbeet und haben eigentlich da auch schon das gemacht, wofür dann später berühmt werden sollte, nämlich improvisiert. Sie sind irgendwo hin, haben geguckt, was für Leute Was können die? Was können wir mit denen machen? Wie kriegen wir da einen schönen Film innerhalb von einer Woche zusammengestellt? Und das führt ja auch so ein bisschen zu seinem Diplomfilm, den er dann als Abschlussarbeit gemacht hat auf der Hochschule für Film und Fernsehen, der Konrad-Wolf-Schule. Sein Abschlussfilm war nämlich Dicke Mädchen aus dem Jahr 2011.
Johannes Franke: Es ist total schön, Ihnen dabei zuzuhören, wie er erzählt, wie das Ganze zustande gekommen ist.
Florian Bayer: Mit seiner Oma?
Johannes Franke: Ja, mit seiner Oma und die ja eigentlich keine Schauspielerin ist und er dann einfach gedacht hat, wenn die das da in der Wohnung machen und sie die ganze Zeit in der Wohnung ist, warum bauen wir sie nicht ein? Nein, der Ursprung nochmal zurück einen Schritt gemacht. Er war ja auf der Schule und wollte so einen Abschlussfilm machen und dann waren die ganzen klassischen Wege, nämlich... Drehbuch schreiben, Idee wälzen und das hat er auch alles gemacht. Er hat irgendwie Drehbuch geschrieben und dann gab es noch ein Draft und noch ein Draft und noch eine Veränderung, weil hier noch jemand gesagt hat, nee das geht nicht und hier noch jemand gesagt hat, nee das geht nicht. Weil die Produktion, die er sich gesucht hatte, natürlich auch eigene Vorstellungen davon hatte und dann hat er irgendwann keine... Lust mehr drauf gehabt. Beziehungsweise hat dann gesagt, ach komm jetzt, also bevor wir jetzt noch zwei Jahre daran sitzen, die haben nämlich Ewigkeiten daran rumgedoktert, Ziehen wir jetzt einfach los und machen das wie damals, wie ich damals mit Jugendgruppen, einfach losgezogen bin und mit den vorhandenen Gegebenheiten gearbeitet habe und daraus einen Film zu machen und zu improvisieren.
Florian Bayer: 500 Euro. Ein bisschen mehr war es. Ich weiß nicht, wenn die genauso machen, aber es war um die 500 Euro und damit wurde er unfreiwillig quasi zum Vater des German Mumblecore. Da kommen wir neben Opa zum zweiten, womit ich bis jetzt noch gar keinen Kontakt hatte. Es gibt dieses Mumblecore-Genre offensichtlich schon seit Sehr lange. Ich bin durch dich, Johannes, auf diesen Begriff überhaupt erst gekommen, dass der auch so ein filmischer Begriff ist und es kommt aus den USA und Ist dann aber nach Deutschland gewandert und wurde dann um dieses German erweitert. Und er gilt mit dickem Mädchen als der Erste, der das gemacht hat in Deutschland.
Johannes Franke: Man kann Mumblecore gut auseinandernehmen. Mumble im Sinne von Nuscheln und Core im Sinne von Hardcore-Nuscheln. Mumblecore. Und das kommt natürlich erst zustande, wenn in Amerika die Mikros gut genug sind. Dass die Schauspieler anfangen können, in ihren vorhandenen oder nicht vorhandenen Bart hineinzubrummeln und zu denken, ach, es wird schon ankommen, der Tontechniker macht das schon. Und dann hast du teilweise Strecken, wo du nicht so richtig verstehen kannst, was der Schauspieler da sagt, obwohl wir uns heute auch als Schauspieler sehr stark darauf verlassen. Es gibt teilweise wirklich Spielpartner, die sich so stark darauf verlassen, dass man als Schauspieler so zwei Meter vor einem steht und man versteht das Stichwort nicht, weil der so... in sich hineinbrubbelt, weil das irgendwie intimer ist dann im Ton. Dass ich als Schauspielkollege nicht mehr höre, was er da sagt. Und auch gar nicht reagieren kann. Was total dämlich ist. Was auch der Situation nicht wirklich hilft. Aber es gibt große, große Verfechter dieser Technik, sehr leise in sich hineinzuspielen.
Florian Bayer: die Publikumsperspektive aufzumachen. Von den ganzen RegisseurInnen, die da genannt werden, kenne ich vor allem Krita Gerwig, die eine großartige Regisseurin ist und deren Filme ich schon seit langer Zeit immer wieder gerne schaue. Also Lady Bird ist natürlich so ihr berühmtester Film, der ja auch hoch prämiert war mit zig Auszeichnungen. Aber die hat davor auch ganz tolle Filme gemacht. Francis H., um mal einen hervorzuheben. Und wenn ich den richtig in Erinnerung habe, glaube ich, habe ich so ein ganz gutes Gefühl dafür, was Mumblecore ausmacht, nämlich, dass es sehr viele ausladende Dialoge gibt, die auch viel mit Adlib frei improvisiert sind und die Handlungen irgendwie auch vorantreiben, die auch wichtig sind für die Handlung. Und vielleicht ist das der wesentliche Unterschied zu anderen Talk-Movies, wie man sie zum Beispiel von Richard Linklater kennt. Der hat ja auch so Filme gemacht, in denen viel geredet wird. Dass sie mehr Substanz haben und ein bisschen mehr das Gefühlsleben der ProtagonistInnen nach vorne kehren. Das ist bei Linklater, Linklater hat glaube ich so ein bisschen dieses 90er-Ding, dass er sich ganz gerne so in diesen Nebensächlichkeiten, Und verliert, dass sie ganz total lange über Popkultur referieren und möglichst cool und intelligent klingen. Während im Mumblecore wird auch einfach mal so, werden Bagatellen gesagt. Aber wir erfahren dadurch viel mehr über die Leute und haben nicht so das Gefühl, so einem Popkultur-Seminar beizuwohnen. Greta Gerwig echt drauf. Also Greta Gerwigs Dialoge, egal wie viel inszeniert oder wie viel geschrieben, sind immer toll und Francis H. ist wirklich einer der schönsten Talk-Movies, den ich so in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Aber auch Jahrhundertfrauen ist auch ein ganz toller Film. Der ist ein bisschen weniger improvisiert, ein bisschen mehr klassische Tragikomödie. Und Lady Bird ist natürlich auch auf jeden Fall sehenswert.
Johannes Franke: Wie sind wir da reingeraten?
Florian Bayer: Wir sind beim Mumblecore. Und bei Axel Rahnig, der mit Mumblecore angefangen hat, Filme zu machen und sein zweiter großer Film nach seiner Diplomarbeit, Ich fühle mich Disco, war halt auch dieser Mumblecore-Vertreter mit einem 12-Seiten-Skript. und gefördert von Rosa von Braunheim. Er war, wie viele deutsche RegisseurInnen unserer Generation, war ja sehr stark von Rosa von Braunheim geprägt, der ihm dann auch die die Möglichkeit gegeben hat, dass das Ding überhaupt produziert wurde. Und der 2013 zusammen mit Tom Tück, was Cloud Atlas Premiere hat. Ja, genau. Und so der teuerste Film, Cloud Atlas, das Riesenprojekt von Tom Tick war und daneben im gleichen Kino... Ich fühl mich Disco von Axel Ranich, der nur einen Bruchteil dessen kostet.
Johannes Franke: während die Filme gelaufen sind, zusammengesessen haben, weil sie sich ihre eigenen Filme nicht nochmal angucken wollten und sich unterhalten haben. Und es ist so schön, diese Vorstellung, dass diese beiden Extreme dann nebeneinander Premiere haben und die beiden sitzen dann da so rauchen oder was auch immer, weiß ich nicht, und unterhalten sich über das, was sie da gerade
Florian Bayer: Die dann ja doch zumindest von ihrer filmischen Sozialisation auch mehr verbindet, als man meinen könnte. Stimmt. Weil Tom Tigua ist zwar ein großer Regisseur mit großem Budget, wobei Ranich in diesem Film ja auch schon... Aber die sind beide unter Rosa von Braunheim in die Leere gegangen. Auf unterschiedliche Art und Weise. Tom Tigua war kein klassischer Filmhochschulabsolvent. Und sie haben auch zusammen gedreht, sie haben über Rosa von Braunheim einen Dokumentarfilm zusammen gemacht, Rosa Kinder aus dem Jahr 2012 mit noch anderen... RegisseurInnen, die von Braunheim beeinflusst waren.
Johannes Franke: Das muss ich mir vielleicht mal anschauen. Den kenne ich gar nicht.
Florian Bayer: Nee, kenne ich auch nicht und würde mich auch tatsächlich interessieren, weil Rosa von Braunheim einfach ein Stück deutsche Filmgeschichte ist, ganz wichtig.
Johannes Franke: Ja, also Axel Rahnisch hat viel mit Improvisation zu tun und darüber werden wir auch reden, wenn wir über den Film reden. Dieser Film ist kein klassischer Axel Rahnisch-Mumblecore-Film, muss man sagen. muss man dazu sagen. Aber es hat trotzdem im Produktionsprozess und in der Art und Weise, wie man mit Location und... Zusammenarbeit umgeht sehr viel davon und sehr viel positive Beziehungen. Arbeitsweisen mit rübergenommen, die dazu geführt haben, dass sie überhaupt machen konnten, was sie machen wollten, weil die hatten zwar mehr Budget als diese 500 Euro beim ersten Film. Aber 1,8 Millionen für dieses Vorhaben ist trotzdem noch relativ wenig.
Florian Bayer: Ja. Ja, was ihm natürlich zum Vorteil kommt, er hat, ich habe das Gefühl, er war dann vor allem, also er hat natürlich fürs Fernsehen gedreht, aber was so große eigenständige Projekte betrifft, War ja dann doch eher in der Oper unterwegs, ne? Also was er fürs Fernsehen getreten hat, war so Tatort und Löwe. und Kinderfilme. Und dann, so kreativ habe ich das Gefühl, hat er sich in der Zeit in den letzten zehn Jahren mehr in der Oper ausgetobt nach seinen großen Filmen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das kam ihm natürlich zum Gute in diesem Film, weil er hat da einmal aus dem Fundus an Opernleuten geschöpft, die er so zur Verfügung hatte, Menschen, die er mochte. Die Menschen, mit denen er gerne gearbeitet hat, mit denen er auch davor schon mal gearbeitet hatte und Menschen, die ihn, glaube ich, einfach bewegt haben, wo er gesagt hat, die sind großartig. als Sänger oder Sängerin, die möchte ich in meinem Film drin haben.
Johannes Franke: Ja, möchte ich natürlich gleich als erstes Mirjam Mazak, oder wie man das ausspricht, ach verdammt, das ist es nicht. Die Nele spielt. Die Nele spielt.
Florian Bayer: Unseren Orpheus.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Unsere Orphea.
Johannes Franke: Ofea. Und Ofea, die Schauspielerin ist eine estnische Opern- und Konzertsängerin. Sopran, einfach Sängerin, ist mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet worden und ist seit 2020 Mitglied des Ensembles der Bayerischen Staatsoper. Und Axel Ranisch hat schon mit ihr gearbeitet, allerdings nicht in Hauptrollen, glaube ich, vorher. Aber sie haben irgendwann mal eine Aufzeichnung einer Aufführung gehabt. Und dann hat der Axel erzählt, dass der sich die Aufnahmen angeschaut hat und dann festgestellt hat, dass Miriam immer spielt, was in der Oper nicht immer selbstverständlich ist. Weil du musst wissen, dass viele Schauspieler, also eigentlich Sänger in der Oper, keine große Verbindung zum Schauspiel haben. Vielleicht eine Leidenschaft? Aber das bedeutet immer noch nicht, dass man besonders gut darin ist. Das ist wie bei Musicaldarstellern, die auch nicht unbedingt immer die talentierendsten Schauspieler sind. Es gibt ganz viele tolle Schauspieler, die aus dem Musical kommen, aber die meisten... Soweit ich das beurteilen kann, ketzerisch gesagt, sind schauspielerisch eher... Mies.
Florian Bayer: Das ist halt eine spezifische Art von Spiel oder von Bühnenpräsenz, die du für eine Oper mitbringen musst und die unterscheidet sich doch stark von dem, was wir von anderen klassischen Schauspielsparten wie Theater oder Filmmen.
Johannes Franke: Und dann hast du in der Inszenierung bei der Oper ja auch ganz oft diese gesetzten Bilder, ne? Der Mann stellt sich dort an diese Kulisse, schmettert seine Arie und die Frau steht da irgendwie an einer ganz bestimmten anderen Position und das Bild zu kompletieren, macht dann ihre Arie, während er das Bild kompletiert und dann hat man irgendwie so einen grafischen Eindruck davon. Ganz viel. Und dass der Sänger dann in... Im Rezitativ vielleicht mehr spielt, ist klar, dass er vielleicht bei der Arie mehr singt als spielt, ist auch klar, weil er dann sehr beschäftigt damit ist, ordentlich zu singen. Aber dass jemand wie Mirjam anscheinend in den Aufnahmen, selbst wenn überhaupt nicht der Fokus auf ihr liegt… immer weiter mitspielt die Szene. Das kennt man nur von Schauspielern.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und dadurch ist sie ihm mehr oder weniger besonders aufgefallen. Und er hat gedacht, die hat so eine Präsenz und die hat so einen... Man will die ganze Zeit bei ihr sein und sie spielt auch einfach die ganze Zeit mit, obwohl sie keine Not hätte auf einer Opernbühne. Das ist einfach toll und mit der muss ich was machen. Und das fand ich eine sehr, sehr schöne Geschichte, die hat er auch in den Hof erzählt, eine sehr, sehr schöne Origin-Story dieser Zusammenarbeit.
Florian Bayer: Und wenn du sie siehst im Film, siehst du das auch?
Johannes Franke: Ich kann voll mitgehen, absolut. Ich sehe sie als Schauspielerin und es geht so weit, dass man als... gesehen und Leute gesagt haben, die kann ja eigentlich gar nicht wirklich singen, die ist doch eine Schauspielerin. Und das ist natürlich für sie als Schauspielerin dann ein Kompliment.
Florian Bayer: Ja, total. Ich fand's bei ihr auch sehr auffällig, dass sie mehr... Also als ich dann geguckt habe, wie ist ihr Hintergrund, dachte ich so, ah, okay, interessant, sie ist Sängerin, weil ich finde auch, dass sie... Sie spielt so natürlich und selbstbewusst, dass man nie das Gefühl hat, man hat hier eine Sängerin, die in eine Rolle gezwungen ist, die sie eigentlich nicht ausfüllen kann.
Johannes Franke: Das passiert ja oft genug, dass Regisseure der Authentizität wegen sagen, Naja, ich nehme jemanden aus dem Milieu oder aus der Berufsgruppe, die ich darstellen will. Da ist mir wichtiger, dass das stimmt, als dass das Schauspiel stimmt.
Florian Bayer: Vielleicht um so einen Gegenentwurf zu bringen, Björk in Dance in the Dark, wir haben über Dance in the Dark gesprochen. Sie macht das total krass, sie fühlt das total gut. Aber du hast trotzdem nicht das Gefühl, jemanden zu sehen, der diese Rolle spielen kann. diese Rolle verkörpert, sondern weil sie, es gibt immer so ein bisschen dieses, es schwingt immer so ein bisschen dieses awkward Moment mit, dass sie irgendwie in dieser Rolle so ein bisschen verloren ist. Es stimmt. Und das funktioniert in dem Film auch. Aber es ist einfach, es ist was anderes als das, was Mirjam Messag hier in diesem Film macht.
Johannes Franke: Definitiv, ja. Ja, bei Björk ist es mehr Performance Art.
Florian Bayer: Ja, vielleicht. Mehr Performance Art, vielleicht auch einfach mehr Leiden unter Lars von Trier, das man die ganze Zeit... in diesem Kontext. Gott sei Dank ist Axel Rahnig kein Lars von Tritt. Er betont auch, dass ihm unglaublich wichtig ist, dass eine gute Atmosphäre am Set herrscht, dass sich alle wohlfühlen. Er wettert teilweise doch ganz schön gegen diese verkappten Regie-Exzentriker. Dieses Regie-Kult-Ding. Genau. Und er sagt, man muss nicht wie ein Kubrick oder wie ein Coppola am Set alle leiden lassen, damit ein Meisterwerk rauskommt, sondern das geht auch anders. Man kann sich auch gut verstehen, man kann auch für eine schöne Arbeitsatmosphäre sorgen.
Johannes Franke: Also ich finde, Miriam macht das ganz, ganz toll und ich würde sie jederzeit auch für eine nicht singende Rolle einkaufen. Ich finde sie großartig.
Florian Bayer: Und dann haben wir als Kontrast zu unserem Orpheus, gespielt von Mirjam Mesak, haben wir unsere Eurydice, in diesem Fall ein Mann, und zwar Kolia. Guido Badalamenti, ein italienischer Tänzer aus Palermo kommt. Der arbeitet aber schon relativ lange in München. Und der... weniger spielt und mehr tanzt.
Johannes Franke: Aber er spielt auch. Und das bisschen, was er spielen darf, er hat ja keinen Text groß, also ein bisschen Text hat er, aber nicht viel. Das bringt er durchaus rüber. Ich glaube nicht, dass er der große, große Schauspieler ist. Das kann ich aber nicht wirklich beurteilen. Vielleicht tue ich ihm da Unrecht.
Florian Bayer: Ich wollte eigentlich sagen, er spielt nicht, er tanzt nur. Aber Alter, wie tanzt er? Oh, meine Fresse, wie tanzt er? unglaublich. Es gibt diese eine sehr, sehr zentrale Szene, in der er Nele antanzt. Das ist ihr erstes Kennenlernen. Und wirklich dieses Antanzen, wie wir es kennen, die in einer Großstadt leben. jemand tanzt dich an, um dir deinen Geldbeutel zu klauen oder in deiner Handtasche. Und das ist auch sein Ziel. Es gibt ja so einen ganzen Mythos um dieses Antanzen. So Vorsicht, wenn du auf der Straße unterwegs bist, vor allem in Kreuzberg. Wenn jemand kommt und irgendwie Party mit dir machen will, das könnte ein Trick sein. Und das wird in diesem Film aufgegriffen und so komplett dekonstruiert und neu gedacht und reinterpretiert. interpretiert und was für ein geiler Tanz.
Johannes Franke: Es ist unglaublich. Da kommen wir aber dann nicht drum rum, auch noch den Rest drum rum zu erzählen, wie die das geschafft haben, das zu drehen. Also, aber kurz bei Kolja bleiben. Also Guido macht das wahnsinnig gut. Ich finde, er hat eine unglaublich gute Ausstrahlung. Er kann das voll... Komm, Sachs. Sexy. Unglaublich gute Ausstrahlung, er tanzt wahnsinnig gut, er hat choreografisch, ich weiß nicht genau, wie die das choreografiert haben, aber es scheint auch viel von ihm mit drin zu stecken. Und es ist einfach ganz, ganz, ganz toll. Ich liebe es und ich habe sofort Lust, 20.000 Tanzfilme zu drehen, weil es wirklich, wirklich Lust macht davon.
Florian Bayer: Der versprüht in jeder Szene, der ist so diese Mischung aus naivem Charme und so ein bisschen Ganoven Attitüde. Und so ein bisschen Straßentänzer-Attitüde, die aber seinen Charme nie kaputt macht, weil er hat so was ganz Kindliches. Einfaches, Naives und natürlich unglaublich charismatisch dabei die ganze Zeit. Und das funktioniert eben vor allem so gut, weil er nichts sagt. Er sagt einmal ihren Namen. Das ist sehr gegen Ende des Films, wo er einmal ihren Namen sagt. Und ansonsten hören wir nichts von ihm. Und er schafft es aber mit seiner Performance... So ausdrucksstark zu sein, dass wir seine Gefühlswelt und das Milieu, in dem er sich bewegt und wie er lebt, einfach nur durch seine Bewegung total greifen können.
Johannes Franke: Ja, ich liebe es. Ich finde es ganz toll. Ich finde, choreografisch lassen die auch nicht nach. Die haben einmal diese große Choreografie, über die wir jetzt noch reden werden, wie sie es aufgebaut haben. Aber dann gibt es auch noch die Choreografie, wo er da auf seinem Schrottplatz oder seiner Ruine, wo er da mit Lilo lebt. Das ist auch geil. Ganz toll, das ist ganz toll gefilmt, das ist ganz toll getanzt, es ist ganz großartig. Da verlässt der Film auch so ein kleines bisschen immer mal wieder, finde ich, den Gedanken, dass sie ja ein Film sind. Dann plötzlich... merkt man, oh, wir sind ja ein Film, lass uns was erzählen. durch geht es halt einfach in andere Kunstrichtungen ab und dann hat man halt die Arie oder man hat irgendwie den Tanz. Alles, was halt einfach Axel Rahnisch so künstlerisch liebt, hat er einfach reingehauen und dann bist du dann plötzlich eben in diesem Kunstsegment und dann bist du wieder zurückgebracht.
Florian Bayer: Das ist sowieso eine grundsätzliche, allgemeine spannende Frage. Was haben wir denn hier für eine Art von Film vor uns? Was ist dieser Film? Ist das ein Musical? Ist das eine verfilmte Oper? Was würdest du denn sagen?
Johannes Franke: Also ich habe das Gefühl, Film ist ja immer sowieso ein Gesamtkunstwerk. Du hast ja immer ganz viele künstlerische Departements. die alle zusammenarbeiten. Kostüm, Schauspiel, Regie, Licht, Ton, Musik. All diese unterschiedlichen Departements. Und die hast du in verschiedenen Filmen, auch in unterschiedlicher Ausbildung. Es gibt Filme, die sich sehr stark auf ihre Musik konzentrieren. Es gibt Filme, die... Mit Linkletter, glaube ich, dieses Rotoskopieren mit reinbringen und damit eine andere Form von Kunst nochmal einweben. Das heißt, Film ist zwar sowieso ein Konglomerat von verschiedenen Künsten, aber warum dann nicht auch andere Künste mit reinholen? Es verliert nicht den Film dadurch, weil ein Film sowieso Konglomerat aller dieser Dinge ist. Das heißt, für mich ist es vollkommen in Ordnung, wenn dieser Film in alle Richtungen abschweift und bleibt trotzdem Film. Aber kann man ein Genre festlegen? Ich weiß es nicht genau.
Florian Bayer: Was mich wirklich fasziniert hat daran, wie er... mit diesem Einbinden von Opern und Musical-Elementen umgeht. Das ist komplett regellos passiert. Um nochmal und wirklich versprochen zum letzten Mal den Dance in the Dark Ganz am Anfang im Film sehen wir ja Nele im Callcenter und dann fängt sie plötzlich an zu singen und wir haben das Gefühl, Sie befindet sich in so einer Vision, um diesem stressigen Alltag zu entgehen. Und diese Vision ist die Opa. Und ich dachte so, oh ne... Bitte jetzt nicht 90 Minuten und deutsches Dance on the Dark Ripoff. Das war mein erster Gedanke. Ja. Und wenn der Film sich dann so weiterentwickelt und wir andere Nummern sehen, und es gibt sehr viele davon, der Film steckt voller Musik, sowohl Tanz als auch Opernrezitative, Arien, Musical-Nummern, wird mehr und mehr deutlich, dieser Film ist komplett inkonsistent, was... Was die Einbindung von der Musik betrifft. Mal ist es wirklich wie eine Vision. Das wird aber komplett fallen gelassen, weil mal ist es dann einfach Teil der Handlung. Es ist wie ganz klassisch im Musical, dass die Musik einfach die Handlung vorantreibt. Dann plötzlich wird auf einer Meta-Ebene die Musik nochmal referiert und es wird sogar gesagt, danke, dass das Ballett auch da sein durfte. Dann ist die Musik Teil der Handlung und wird in der Handlung zerstochen von den Handelnden, also von ihrer Chefin, die sagt, nee, wir wollen jetzt keine Arie mehr hören, Schluss, jetzt wird keine Musik gemacht. Es gibt überhaupt keine Konsistenz da drin. Es gibt keine Regeln. Es ist Anarchie. Also es ist einfach... Man hat das Gefühl, so wie es dem Film gerade recht ist, schmeißt er seine nächste Musiknummer rein und Ob es jetzt ein Teil der Handlung ist oder ob es einfach mal auch eine Szene ist, wo einfach Musik stattfindet im Hintergrund. Egal, ich packe das einfach rein. Es ist mir jetzt vollkommen egal, was es ist. Ich liebe es. Es ist so geil, weil dadurch schafft er es, jedem Klischee zu entgehen. Er läuft nicht Gefahr, Dance in the Dark zu werden, weil er halt umschwenkt. Er läuft nicht Gefahr, ein traditionelles Musical zu werden, weil er plötzlich das reinbringt. zertrümmert. Und das ist total konfus teilweise, das hat wirklich was, du merkst geradezu, wie du durch dieses unregelmäßige Benutzen von verschiedenen Elementen durch gestolpert wirst. Ja. Aber das macht es die ganze Zeit halt unterhaltsam. Ja, unglaublich. Und du kannst dich gar nicht, kommen wir am Schluss dazu, auf einige Momente, kannst du dich gar nicht drüber ärgern, weil es halt einfach, weil halt die ganze Zeit Zeug passiert. Und was du dann auch nach und nach mitkriegst, ist halt, dass dieser Film einfach eine unfassbar krasse Liebeserklärung an die klassische Musik und an die Welt der Oper ist. In all ihren Facetten. Und dazu gehört albernes, dazu gehört tragisches, dazu gehört extremer Pathos, dazu gehört auch kitsch. Und dazu gehört auch... Gesangstnummern, die ein bisschen mal ausgedehnt sind und auch mal ein bisschen zu lang dauern. Aber das ist halt alles so ein schönes Konglomerat, dass ich überhaupt nicht rund anfühlt, aber umso voller und fülliger.
Johannes Franke: Ja. Das ist großartig, weil einfach die Liebe so stark in dem Film ist, dass man überhaupt nicht so richtig dazu kommt, darüber nachzudenken, ob das jetzt alles konsistent ob die Geschichte so an dem dran ist, was man... kennt, also Orpheus und Euretike, ob das so stimmt oder ob die Metaphern stimmen, die der Film aufmacht oder nicht. Das interessiert einem, beim Gucken interessiert einen das nicht.
Florian Bayer: Das ist ja überhaupt keine Orpheus-Geschichte. Also das, was vom Orpheus-Mythos in dieser Geschichte übrig ist, Und nicht wegen dem Genderswitch, den haben andere auch schon gemacht, sondern einfach wegen der grundsätzlichen Handlung, was da an Orpheus übrig ist am Schluss, ist... Wir haben eine Unterwelt.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Wir haben einen, der stirbt und eine. Aber dann hört es auch schon irgendwie auf.
Johannes Franke: Natürlich wird der Film vorher, es gibt auch bei Orpheus, bevor er in die Unterwelt gibt, gibt es auch eine lange Vorgeschichte. Es gibt auch viel, was er erlebt.
Florian Bayer: Aber davon finden wir ja in dem Film nichts.
Johannes Franke: Ne, außer dass sie einfach, der Sinn der Geschichte von Orpheus, bevor er in die Unterwelt geht, ist ja im Grunde zu etablieren, dass er die beste Stimme der Welt hat. Ja. Und hier ist auch einfach nur, es werden Anekdoten erzählt, um klar zu machen, okay, sie hat diese Stimme und darum geht es.
Florian Bayer: wir haben schon in der ersten Szene die Dekonstruktion davon, weil Orpheus hat in seinem Gesang Steine zum Weinen gebracht und hat jedes wilde Tier beruhigt und sie singt in diesem Callcenter, schmettert sie ihre Ari, die wunderschön ist und ihre Chefin, Elke Trautmann, ist überhaupt nicht beeindruckt davon.
Johannes Franke: Aber das ist toll, weil es ja im Grunde darum geht, dass ihr Traum auf die Realität trifft. Und in ihrem Traum, wenn die Realität nicht zu stark wäre, wäre die Chefin auch begeistert. Wäre auch der Rest der Welt hin und weg.
Florian Bayer: Der Rest der Welt ist ja. auch hin und weg. Also in der Oper zumindest. Hölbach ist total begeistert davon.
Johannes Franke: Absolut. Und wenn sie da in der Oper übernimmt für die Kollegin, die nicht mehr singen kann. sind alle Standing Ovations und so weiter. Ich finde es ganz, ganz toll, weil dieser Kampf zwischen Realität und Wunschtraum einfach so wahnsinnig groß ist.
Florian Bayer: Es gibt nicht diese Dichotomie in dem Film zwischen Realität und Traum und Fantasterei, weil das gehört halt auch zu diesem, was ich als Inkonsistenz bezeichnen würde, Es fließt alles so ineinander über, weil eine Zeit lang hat man das Gefühl, das fantastische Element ist eigentlich nur ihres, ihr Blick, ihre Perspektive, aber das wird dann ja komplett ausgesprochen. ausgehebelt, wenn plötzlich Hölbach seine Musicalnummer in seinem Bad kriegt, die dann Integration der Handlung wird und dann Hölbach ist der, der die Unterwelt aufmacht. Und der extra dafür ein Ballett engagiert, um ihr einmal zu zeigen, wo sie durchgehen muss. Also, dass die Fantastereien... fliegen ja dann irgendwann wild auch durch den Film. Und jeder kann mal die fantastische Perspektive einnehmen.
Johannes Franke: Ja, wobei es ja trotzdem alles so... interpretierbar ist, dass es ihre Vorstellung davon ist. Nein. Sie geht ja zu Höllbach hin.
Florian Bayer: Nicht wirklich, du machst darauf... Nein, das machst du nicht mit diesem Film.
Johannes Franke: Die Möglichkeit besteht.
Florian Bayer: Nein. Okay, mach weiter, mach weiter, aber nein.
Johannes Franke: Die Möglichkeit ist nicht zufriedenstellend, finde ich. Weil du dir dann viel Vergnügen wegnimmst, aber die Möglichkeit zumindest, Und du kannst es auch einfach über alles drüber stülpen. Du kannst bei fast jedem Film eine Möglichkeit finden, der Hauptfigur einen Haufen Fantastereien entgegenzuwerfen. Und sie kann sich das natürlich vorstellen. Sie kann zu ihm hingehen und sich vorstellen, wie der da... wie sein Zuhause aussieht und was er da macht, während er auf sie wartet. Das kann alles in ihrem Kopf passieren. Es kann alles, was mit Gesang zu tun hat, in ihrem Kopf passieren.
Florian Bayer: Das ist so ein bisschen wie die Interpretation, dass Harry Potter sterbend in seiner kleinen Kammer liegt. unter der Treppe und sich vorstellt, er wäre ein Magier. Warum sollte man das tun? Warum willst du einem Kunstwerk die Magie rauben, indem du diese Interpretation überstimmst? Nur um die Realität zu retten?
Johannes Franke: Nein, in diesem Fall, um das Ende zu retten.
Florian Bayer: Ja, dazu kommen wir noch. Aber ich fände eine Interpretation, ja, du hast recht, man kann das mit jedem Film machen. Ich fände das total schade, weil der Film... lebt so sehr diese Magie, die er drin hat, dass ich fast schon das Gefühl hätte, durch eine Interpretation, die irgendwie versucht, diese Dichotomie zwischen Realität und Fiktion aufrecht zu halten. Wenn ich die da drüber stülpe, mache ich die Magie von dem Film kaputt. Nicht unbedingt für den Film, sondern vor allem auch für mich.
Johannes Franke: Ja genau, für dich als Zuschauer. Du nimmst ja das Vergnügen weg, so ein kleines bisschen. Und ich habe auch das Gefühl... dann, wenn ich das mache, heimlich Axel Rahnisch das Vergnügen wegzunehmen, weil der ganz offensichtlich einfach nur wahnsinnig viel Spaß und Liebe für das ganze Ding hatte und einfach reingeworfen hat und gesagt hat, okay, wir machen das jetzt noch so und das ist Das ist doch total schön, wenn wir das jetzt noch so machen und dann auch nicht ganz so wichtig ist, ob das jetzt... 100% auseinandernehmbar ist und stimmt.
Florian Bayer: Ich mag es grundsätzlich, wenn sich so Ebenen so überlappen, dass es überhaupt keinen Sinn mehr gibt. Die größten surrealen Regisseure schaffen das mit so ein paar Kniffen, dass du das Gefühl hast, ah, jetzt verstehe ich die verschiedenen Ebenen. Und dann werden die einmal so wie so ein Möbius-Band irgendwie ineinander verwoben, dass du denkst, okay, jetzt macht es keinen Sinn mehr. Und dieser Film hat auch so ein paar Momente, in denen das passiert. Zum Beispiel, wenn sie zum ersten Mal Julia wieder sieht und dann mit ihm tanzt und es gibt so diese... Liebesszene, die vor allem durch Tanz ausgedrückt wird und dann hat sie die Vision von dem Toten, den sie immer mal wieder sieht. während der Handlung und rennt weg und dann sehen wir diese monströsen santanischen Fackelträgern. Und dann wird das aber geschnitten und die sind plötzlich im Fernsehen zu sehen und wir haben die Adina, die Sängerin, die sich das Ganze im Fernsehen anguckt, während sie wie wild am Fressen ist und sich mit ihrem Agenten streitet. Das ist so ein Moment, wo die Ebenen so ineinander verzahnt werden, dass du nicht mehr rauskommst. Du kannst nicht mehr sagen, ich kann das nochmal so aufschlüsseln.
Johannes Franke: Doch, das geht schon. Indem genau das passiert, was ich gesagt habe.
Florian Bayer: Ja, aber damit kannst du jede Handlung erklären. Natürlich. Es ist alles nur ein Traum.
Johannes Franke: Ja, es ist ihre Vorstellung davon. Ja. Aber da will man sich nicht mit aufhalten, weil das nur schlechter wird dann im Kopf.
Florian Bayer: Ich würde gerne, und ich weiß gar nicht warum, vielleicht kannst du es mir sagen, eine Szene hervorheben, die überhaupt nicht relevant ist für die Handlung. Ich fand das davor schon toll, aber die hat dazu geführt, dass ich mich in den Eskapismus dieses Films verliebt habe. Ich glaube, dieser Film ist ein riesiges Eskapismus. Und immer wenn er versucht, sehr viel Substanz zu haben und eine schwere Geschichte zu erzählen, verliert er ein bisschen davon. Ich glaube, meine liebste Szene aus dem Film, und ich bin so traurig, dass ich sie nicht online gefunden habe, lieber Axel Ranich, wenn du diesen Podcast hörst, Bitte bring die Zähne, die ich jetzt beschreibe, als YouTube-Clip raus, um Werbung für den Film zu machen. Die sollte nämlich jeder Mensch sehen. Und es ist tatsächlich auch relativ im Zentrum des Films. Nach so 40, 45 Minuten, wenn sie beide ineinander verliebt sind und es wird kurz gezeigt, wie sie voneinander trinken. Sie liegt im Bett und Kolja tanzt draußen. Man zeigt ihre Liebe, aber gleichzeitig sind sie getrennt. Aber die Szene meine ich nicht, sondern der nächste Morgen. Wir haben einen Sänger auf der Straße. der verkleidet ist. Gespielt von Levi Sekabane, einem südafrikanischen Opernsänger, der allerdings auch schon länger in Deutschland ist. Und der singt und Kolja tanzt dann und er ist genervt davon und wird aber Kolja nicht los und Kolja schafft es mit seinem Charme, sich so mit ihm zu verbrüdern. Es ist eine sehr lange Szene. Und dieser Levi Sekapane. Das hängt so unglaublich gut. Und er macht das mit so viel Ausdruck und ich weiß nicht, was er singt. Es wirkt, als ob es irgendwas, ich glaube, es ist irgendwas Verruchtes. Ich glaube, er singt, glaube ich, die ganze Zeit, dass er irgendjemanden flachlegen will. Zumindest wirkt es so, weil er auch die ganze Zeit mit seinen Hüften diese Bewegung macht. Und er steht halt in diesem... Keine Ahnung, das ist so irgendwelche Ruinen in Bayern, in München irgendwas und singt einfach und Leute gucken ihm halt zu.
Johannes Franke: Es scheint aber in irgendeinem Park zu sein.
Florian Bayer: Ja genau, Engen Pak sieht aus wie so ein Stück von einem Theater oder so und er steht in diesem kleinen Fenster aus Stein und singt dann. Und hat da auch sichtlich Spaß daran. Und dann kommt halt Kolja dazu und nervt ihn. Und diese ganze Szene ist so geil, einfach weil dieser Levi so... unfassbar gut singt, weil der das so schön macht und Kolja tanzt aber auch sehr gut. Und Kolja tanzt dazu total gut. Und es ist diese großartige Mischung aus diesem Straßenkünstlerscham, weil er so offensichtlich jemand sei, der nachher mit dem Hut rumgeht und versucht ein bisschen Geld damit zu verdienen, dass er singt. Und gleichzeitig aber diese große Welt der Oper, weil er ist halt, er ist kein Straßenkünstler, man sieht ihn, er hat dieses schicke Kostüm an, er ist schick gestylt und er singt viel zu gut dafür und Und es ist so eine tolle Szene. Und das war so eine Szene, nachdem ich die gesehen habe, dachte ich, ich will mehr Oper hören.
Johannes Franke: Oh Mann.
Florian Bayer: Krass, weil vielleicht, die hat ja keine Kennerrelevanz für die Handlung. Sie zeigt, wie Kolia verliebt und glücklich ist.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Aber das haben wir davor auch schon gesehen. Es ist eigentlich komplett unnötig, dass diese Szene drin ist.
Johannes Franke: Wie in jeder Oper auch.
Florian Bayer: Und sie dauert 10 Minuten, sie ist voll lang, aber sie ist so toll. Sie ist die beste Szene in dem Film.
Johannes Franke: Das freut mich, dass du sie toll findest. Ich finde noch mehr schöne Szenen in diesem Film, aber stimmt, die ist wirklich auch toll. Oh mein Gott, was ist das für eine Musik?
Florian Bayer: Was war das?
Johannes Franke: Wo sind wir?
Florian Bayer: Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes. Ja, ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo.
Johannes Franke: Oh nein! Shit!
Florian Bayer: ja ganz schnell, damit wir zurück zum Besprech können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind, also auf Spotify oder
Florian Bayer: iTunes, Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Johannes Franke: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-it-mussmann-sehen.de oder florian-it-mussmann-sehen.de Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter. Boah, das, oh, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Johannes Franke: Wir haben ja eigentlich versprochen, dass wir diese eine Szene auseinandernehmen, wo Kolja das erste Mal tanzt. Das haben wir jetzt die ganze Zeit angeteasert, deswegen machen wir das mal schnell noch.
Florian Bayer: Nele und Kolia. Nele lernt Kolia kennen. Und zwar...
Johannes Franke: Und zwar am Vorplatz des Prinzigententheaters in München, wo sie das gedreht haben. einer langen, langen, schnittfreien Plansequenz. wo er ihr hinterher geht und sie antanzt und sie so verschämt und aber auch beeindruckt und auch amüsiert, irgendwie halb... überlegt mitzumachen oder nicht oder wie oder was und sich einfach in sich hineinkichert und sich freut. Und dieser Typ einfach sie antanzt. Was du vorhin gesagt hast, so eine ganz tolle Choreografie. Und dann sind die natürlich vorher losgelaufen und haben sich überlegt, wie machen wir das? Normalerweise, Axel Rahnisch, Improvisation ganz viel. Das heißt, man geht einfach los und schaut. Was habe ich denn vor Ort? Und dann hat er sich mit seinem Kameramann unterhalten. Der Kameramann hat gesagt, es geht dieses Mal nicht so. Wir können nicht einfach losgehen und irgendwo... für so eine krasse Choreo einfach drehen und gucken, was passiert. Ich muss dann auch die ordentlichen Orte raussuchen, die gut aussehen und so. Und da kommt auch wieder der Unterschied zwischen Rezitativ und Arie. In einer Arie ist sehr viel choreografiert und da ist auch alles klar abgesteckt und da wird nicht improvisiert. Im Rezitativ hingegen Wenn wir jetzt an Höllbach denken, Heiko Pienkowski, der durfte viel improvisieren. Im Rezitativ.
Florian Bayer: Ja, der spielt ja auch. Oder was auch immer er da macht.
Johannes Franke: Genau. Und das heißt, solche Szenen können einfach nicht improvisiert werden, die so Arien darstellen quasi. Auch wenn es in diesem Fall ein Tanz ist. Und dann haben sie eben mit einem Gimbal, der ein bisschen träger ist als jetzt eine Steadicam, also um mal den Unterschied zwischen Steadicam und Gimbal kurz zu erklären, Das sind beides Geräte, die eine Kamerafahrt möglich machen, die smooth ist, ohne dass man Schienen legen muss.
Florian Bayer: Volle Bewegungsfreiheit, um eine Szene komplett einzufangen und auch so eine längere Plansequenz in Bewegung drehen zu können.
Johannes Franke: Und dann auch um jemanden drum herum rennen zu können, ohne dass man irgendwelche Schienen oder sonst irgendwas sieht. Steadicam nur physikalisch funktioniert, als wie eine Art Pendel, das sich unten auspendelt, sodass die Kamera in ihrer Bewegung ein bisschen aufgefangen wird. Und das andere ist halt mit einer Elektrik, der Gimbal. Und der Gimbal... ist Träger. Der kann nicht sofort reagieren, sondern du drehst die Kamera und dann dreht die sich langsam mit nach. um das ein bisschen aufzufangen. Das heißt, du musst die Sachen ein bisschen anders planen und anders mitgehen. Du kannst also mit einem Gimbal nicht so gut improvisieren. Was das Ganze noch wichtiger macht, dass das Ganze wirklich choreografiert und gut ausgesucht ist.
Florian Bayer: Gerade bei einem Tanz, der ja doch relativ schnell ist. Das kann ein ganz schöner Albtraum für einen Kameraoperator sein, wenn der die ganze Zeit die Bewegung mitgehen muss und es darf ja nicht passieren, dass die sich aus dem so raustanzen, dass es ewig dauert, bis die Kameraden herkommen, dann hast du einfach eine scheiß Sequenz.
Johannes Franke: Genau. Und gerade bei Tanz auf der Straße muss alles auch ganz klar sein. Dann muss da diese Laterne stehen, dann muss das alles... Da darf nichts auf dem Boden sein, dass du ausrutschst und so weiter. Das heißt, das ist wirklich krass. die lange vorher dort hingegangen haben, sich das ausgesucht, haben gesagt, ah, hier könnte man es machen, da kommst du aus der U-Bahn raus, gehst da über den Platz und tanzt dir dort an. Dann haben die das einmal so choreografiert, dann haben sie das nächsten Termin gemacht irgendwann mit einem Kameramann, sind dann mit dem Handy hin und her gelaufen. Oder auch schon mit dem Gimbal, ich weiß nicht genau. Und dann sind sie jedenfalls nochmal hin und haben richtig mit einem Gimbal, mit dem Kameramann die Choreo... abgefilmt und geschaut, wie würde es denn aussehen, wenn wir das wirklich hier machen. Dann haben die den Drehtag, alles ist festgelegt und es regnet. Ach du Scheiße, die haben sowieso nur so wenig Zeit, dass sie eigentlich drei Takes hätten machen können.
Florian Bayer: Und Dennis Pauls, der Kameramann, wollte auch, dass es wirklich zu einer ganz bestimmten Zeit stattfindet, weil er gesagt hat, nur wenn wir die Abenddämmerung haben, haben wir das perfekte Licht, um diese Szene zu machen, wo alles glänzt und alles leuchtet. so wie es sein soll.
Johannes Franke: Und dann hatten sie wirklich sowieso nur Zeit für drei solcher Takes und dann hat es geregnet. Fuck, was macht man? Und es war auch nicht genug Geld da, um das irgendwie an einem anderen Tag nochmal zu machen. Es war alles geplant. Und dann gab es einen... 15 Minuten Slot, in dem es nicht geregnet hat. Alle, schnell, schnell, schnell! Es hat aufgehört, es regnet! Komm, wir machen das ganz schnell! Und ich kenn das als Schauspieler am Set. Es gibt immer mal so Situationen, wo dann der Regisseur sagt, Fuck, okay, da hinten, da kommt schon die nächste Wolke, wir machen das jetzt schnell. Und dann hast du in einem Affenzahn alles aufgebaut, Okay, alle in die U-Bahn runter, damit ihr nicht im Bild seid. Jetzt call ja auf Dingens und... Los. Und dann machen die diesen einen einzigen Take und es ist schweinerutschig da draußen, weil es geregnet hat. Das heißt, Kolja hatte, also wie heißt er, Guido hatte wirklich, wirklich... Erschwerte Bedingungen und hat das da hingetanzt und war danach auch echt unzufrieden, weil er gesagt hat, ja, ich konnte das nicht machen, ich konnte das nicht machen und Axel Ranisch hat die ganze Zeit gesagt, ja, aber komm. Es sieht trotzdem wirklich wahnsinnig gut aus. Mach dir keine Sorgen. Es wird rüberkommen. Und ich finde, die Szene ist so gut gelungen. In einem einzigen Take.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist der Hammer.
Florian Bayer: Es ist eine großartige Szene und es ist so toll. Ohne Text wird dieses... Und in einer Situation, in der er sie betrügt, in der er sie ausrauben will, wird dieses zwei Personen verlieben sich ineinander perfekt auf den Punkt gebracht. Mit einer wunderschönen Dramaturgie innerhalb dieser Szene, die drei, vier Minuten dauert. Wunderschöne Dramaturgie, auch wirklich plausible Dramaturgie. Und am Schluss bist du einfach überzeugt, dass sie sich gefunden haben, dass das die Liebe des Lebens ist.
Johannes Franke: Und das ohne Worte oder irgendwas. Und es wird sowieso viel in dem Film, was ich Axel Ranisch absolut zugutehalten will, viel erzählt ohne Worte. Wir haben vieles Komplexes, wo andere Schauspieler, andere Regisseure und andere Drehbuchautoren zusammenkommen. zwei Seiten Dialog draus machen würden. Das schafft er auch. Auch wie sie zum Beispiel das Zuhause vermisst und so wieder zurück nach... Das wird alles ohne große Dialoge erzählt. Das ist wirklich toll.
Florian Bayer: viel was am Dialog stattfindet. Ich glaube, das ist auch so ein bisschen das Mumblecore-Erbe von Ranich. Ist so Triviales, was im Hintergrund stattfindet. Zum Beispiel, wir kriegen halt irgendwie mit, dass es so in der WG in der sie ist, ist sie noch nicht so lange. Und sie versteht sich auch nicht so gut mit ihren Mitbewohnern. Zumindest gibt es da Konflikte, aber sie bemüht sich.
Johannes Franke: Und die wollen auch keine Zweck-WG.
Florian Bayer: Genau. Und das... Und diese Konflikte werden halt so am Rande so ein bisschen erzählt und es sind viele Dialoge, die im Hintergrund stattfinden. Sie in ihrem Zimmer liegen, während ihre beiden Mitbewohnerinnen sich unterhalten. Wir haben dann auch teilweise Dialogfetzen auf Deutsch dazwischen. Also die Hauptsprache des Films ist schon Englisch, aber wir haben immer mal wieder auch so Dialogfetzen auf Deutsch, wenn zum Beispiel die Chefin sie anmault. Und dann vor allem sie fertig macht, auch weil sie nicht so gut Deutsch kann und dann in einer Fantasiesprache mit ihr redet, um sie zu ärgern.
Johannes Franke: Wirklich tolle Idee.
Florian Bayer: Aber was eigentlich wesentlich ist für die Handlung, wird eben vor allem durch den Gesang und durch die Bewegung vorangetrieben. Und das wiederum, da kommt natürlich Axel Ranich auch entgegen, dass die Grundhandlung, die er irgendwie so hat, sehr einfach ist, dass wir eine sehr einfache Struktur haben. Wir haben unseren Orpheus, also unsere Nele, die sich in den Eurydice, in Kolia verliebt und Er stirbt und sie will ihn zurückholen. Und dann mit diesem Twist, den wir in keiner anderen Orpheus-Geschichte haben, dass sie da für diesen Höllbach... ihre Stimme gibt. Der will ihre Stimme nämlich haben für seine Sängerin, die Adina. Mhm. Und das war es ja eigentlich. Das ist so die Grundhandlung. Und die ist sehr einfach. Und diese Einfachheit macht vor allem gerade in den ersten beiden Dritteln Sehr viel möglich an Emotionen und einfach auch nur an Schönheit. Dieser Film ist, um das vielleicht irgendwie so mal... Also mein Gefühl ist, der Film ist vor allem ein ästhetizistischer Film, eskapistischer Film. Ein Film, der die Schönheit der Musik, die Schönheit der Kunst... daran einfach freude hat und es wird es gibt natürlich auch ein bisschen dramatische Aber die werden nie zu krass und die Tragik selbst folgt auch immer so einem ästhetischen Konzept. Auch wenn sie ihre Albtraumvision hat, die ja teilweise wirklich so düster sind, wenn die plötzlich reinbrechen und dann flieht sie. Und wir wissen nicht genau, woran das liegt, das erfahren wir dann erst später. Das folgt alles irgendwie diesem Grundkonzept. Ich will hier Schönheit auf Leinwand bannen.
Johannes Franke: Ja, voll. Da fällt mir auf, wir haben keine Spoilerwarnung aufgenommen. Das machen wir vielleicht mal noch.
Florian Bayer: Das können wir jetzt machen, weil wir jetzt dann zu der Handlung kommen, wenn die Handlung nochmal ein bisschen dichter wird, wenn wir erfahren, was... was das für Visionen sind, wenn sie in die Unterwelt geht. Weil es ein aktueller Film ist. Schaut ihn euch an. Spoilerwarnung. Eins, zwei, drei, bitte. Ey, pst.
Johannes Franke: Der nun folgende Programmteil enthält sensible Informationen über den Handlungsverlauf. Vielleicht habe ich diese Spoilerwarnung aber auch schon am Anfang eingespielt.
Florian Bayer: Keine schlechte Idee in dem Fall. Aber ich glaube, wir haben jetzt viel über den Film auch geredet, über die Schönheit dieses Films, ohne so groß in die Story-Details zu gehen. Nele muss in die Unterwelt, um Kolia zu retten. Weil? Also zum einen muss die Hölbach ihre Stimme geben.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Zum anderen muss sie aber auch sieben Türen durchschreiten. Das ist eine Referenz auf eine andere Oper, die ich nicht kenne. Es gibt sehr viele Referenzen auf eine Oper. Und ich hoffe, und ich weiß es nicht, dass das, was dann hinter diesen sieben Türen stattfindet, Dass das auch einfach nur eine Opernreferenz ist, weil das war, es ist ja nur ein kleiner Teil des Films, aber das war schlecht.
Johannes Franke: Wirklich? Nein.
Florian Bayer: Ich finde ihre Backstory echt flach. Überflüssig, in diesem wunderschönen, eskapistischen, fantastischen, magisch-realistischen, magisch-unrealistischen Rahmen kommt plötzlich so eine Soap-Geschichte rein. Ich weiß nicht warum. Und ich wette mit dir, es kommt aus irgendeiner Oper. Weißt du es?
Johannes Franke: Nein, ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Es ist so archetypisch oder nee, es ist so Stereotyp, dass es entweder aus einer Oper kommt oder aus guten Zeiten schlechte Zeiten.
Johannes Franke: Oh nein. Findest du nicht? Na ja, nein. Also die Sache ist die, ich glaube, dass der Eindruck entsteht, weil du innerhalb von sieben Türen erzählen musst, was dahinter passiert. Während der Film vorher sich für alles, was er so gemacht hat, viel Zeit gelassen hat und auch nicht versucht hat, so viel Zeug in das hineinzubringen. Während er jetzt versucht, innerhalb dieser Sequenz alles zu erzählen, was irgendwie noch nötig ist als Backstory. Und dann kann das nur flach ausfallen.
Florian Bayer: Nein, das ist nicht die Kürze. Um Gottes willen, stell dir vor, dass als 90-minütiger Film was da passiert.
Johannes Franke: Naja, dann würde man Details... Was für eine Shitshow? Ach, na ja. Ja, okay. Also, ich finde es interessant. Und ich finde die Überlegung interessant, dass das Ganze, ja, es macht einen Realismus, auf den der Film nicht braucht, okay.
Florian Bayer: Nee, es macht ja auch so eine Tragik auf, die der Film nicht braucht. Okay, sie hatte ein Problem mit einem Mann in ihrer Vergangenheit. Ja. Sie war verantwortlich für den Tod dieses Mannes. Also sie war nicht verantwortlich für den Tod. Das ist doch auch noch ganz schlimm. Aber sie fühlt sich verantwortlich dafür. Aber dieses Ganze, wie das Ding, nein, ich find's wirklich, ich find's wirklich hat, also es ist eine schöne Szene, wenn sie dann seine Beerdigung sieht und wir dieses Lied dann nochmal haben. Ja, stimmt, das ist eine schöne Szene. Ich habe auch kein Problem mit der Inszenierung. Ich finde diese Inszenierung, dieses Konzept, sie geht durch die einzelnen Türen und geht dann in der Story immer ein Stück weiter. Also wie sie zum ersten Mal mit ihm zusammen ist und verliebt ist, dass er die andere heiratet, die schwanger ist. Die Art, wie das inszeniert ist, relativ hohes Tempo. Nein, es ist wirklich die Geschichte an und für sich. Es ist einfach, ich finde diese Geschichte ist, ich finde das ist eine GZSZ-Geschichte. Weil ich den Film wirklich mag.
Johannes Franke: Aber weißt du, GZSZ ist eine Soap Opera.
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Und das ist voll on brand.
Florian Bayer: Aber Opera geht auch ohne Soap. Und diese Geschichte hat zu viel Soap.
Johannes Franke: Okay. Aber natürlich, wenn wir jetzt auf die Geschichte eingehen, finde ich es gut zu sagen, okay, sie hat Schwierigkeiten in einem... eine neue Beziehung zu gehen.
Florian Bayer: Ja, total.
Johannes Franke: Was dahinter steckt und wie man das erzählt, ist eine andere Frage. Aber zu sagen, okay, ich habe Schwierigkeiten, mich von einer schwierigen Vergangenheit zu lösen. und brauche dieses ganze Drumherum und meine Welt, in die ich mich hineinflüchte, um dann das dort abzuhandeln, um dann wiederum mit diesem Tänzer in eine neue Beziehung gehen zu können.
Florian Bayer: Das finde ich grundsätzlich gut. Dass sie eine schwierige Vergangenheit kriegt, ist toll. Aber warum so eine Soap-Vergangenheit? Such dir eine Sache aus aus der Vergangenheit. Der Vergewaltigungsversuch ist ja total spannend. Dann gib ihr einfach das. Du musst nicht diese Hintergrundgeschichte, weißt du, sie ist ... der Mann, in den sie verliebt war, der heiratet eine andere, der versucht sie dann zu vergewaltigen.
Johannes Franke: Aber es sind doch sieben Türen, da muss man doch sieben Stationen finden.
Florian Bayer: Verstehst du nicht, was ich meine? Das ist ja diese typische dramaturgische Struktur.
Johannes Franke: Es stört mich nicht.
Florian Bayer: Es ist halt kurz, es stört, ich kann es ganz gut ausblenden, davor sowieso, weil ich es davor nicht weiß.
Johannes Franke: Sorry, irgendwas ist hier passiert mit dem Mikro, sorry.
Florian Bayer: Ich kann es danach auch ganz gut ausblenden und sagen, okay, ich vergesse das, was passiert ist. Aber ich finde, es ist wirklich so eine Schwachstelle, wo der Film wirklich kitschig wird. Und ich weiß auch nicht warum.
Johannes Franke: Aber Kitsch ist doch auch ein wichtiger Bestandteil der Oper.
Florian Bayer: Ja, aber nicht die Art von Kitsch. In diesem Film will ich nicht diese Art von Kitsch sehen. Diese Art von Melodramatik, das ist das Schlimme. Und ich weiß, auch Melodramatik ist ein Teil.
Johannes Franke: Ja, aber ein großer Teil.
Florian Bayer: Aber nicht diese... Ich weiß auch nicht. Nein, es ist wirklich ... Das stört mich einfach so ein bisschen, weil ... Okay. Dass da ... Das davor ist alles so magisch. Oder machst noch mehr drüber. Aber nicht so, das klingt so fies, wenn ich das sage, aber nicht so eine Geschichte aus dem Vorabendprogramm.
Johannes Franke: Okay, na gut.
Florian Bayer: Jetzt habe ich schon fast ein schlechtes Gewissen. Ich sage mal, der Film mich wirklich die ganze Zeit begeistert hat und wirklich verzaubert hat. Verzaubert trifft es ganz gut.
Johannes Franke: Flo hasst diesen Film also. Na gut. Axel Ranisch, es tut mir sehr leid. Ich wollte Flo überzeugen, aber leider. Mir tut es auch leid. Okay, es gibt diesen kleinen Haken, den du da siehst. Der mich überhaupt nicht stört, aber gut.
Florian Bayer: Okay, ich sehe, was du siehst. Vor allem, weil das davor, was da hinführt, auch so toll ist. Dann ist sie ja bei diesem Höllbach, der die ganze Zeit wie so eine Karikatur von einem Zugang.
Johannes Franke: hält, da rumläuft. Ja, ja.
Florian Bayer: Super geil. Es wirkt alles so draufgesetzt bei ihm. Natürlich. Und so drüber. Und es ist total cool. Und er ist nicht mal unsympathisch dabei. Ja. Das Schlimmste ist ja, du magst ihn irgendwie. Obwohl er so truder ist.
Johannes Franke: Aber es ist einfach Heiko Pinckowski, muss man sagen.
Florian Bayer: Irgendwie mag man den. Auch Auch im Zusammenspiel mit Ursina Ladi, die die Adina spielt. Wenn die sich streiten und so, weil er macht einfach... Axel Rahnig... nimmt sich so einen kompletten Klischee-Charakter, Typ-Zuhälter vom Optischen und auch vom Verhalten und macht ihn aber, zieht das Toxische irgendwie raus. Also ich meine, das ist trotzdem irgendwie noch so ein Antagonisten-Gösewicht, weil er nimmt ja ihre Stimme weg und Er ist halt irgendwie auch so der Typ Gangster, der seine KünstlerInnen ausnutzt. Nee, aber ist er eigentlich nicht. Er macht sich ja auch Sorgen um sie. Es ist schon fast liebevoll, wie er sich teilweise Sorgen um Andina macht. Die haben ja so eine ganz süße Beziehung auch irgendwie.
Johannes Franke: Er ist natürlich total zum Kotzen bei dieser Probe. Das ist so geil.
Florian Bayer: Ja, aber das ist aber auch voll witzig, ne?
Johannes Franke: Das ist super. Der einzige Kritikpunkt, den ich an der Probe habe, ist, dass der Regisseur der Probe leider zu unsicher ist. müssen mehr Biss haben, um das wirklich durchzuziehen oder er ist der Praktikant, aber das ist was anderes.
Florian Bayer: Friedhoff Gawender spielt den Regisseur und nach dem Film habe ich gesagt, hast du mir ein Bild von Axel Rahnig gezeigt? Und ich hab gesagt, ach, das ist ja der Regisseur, der sich selbst gespielt nimmt. Aber er hat den Regisseur offensichtlich so gestylt, dass er aussieht wie er, oder? Das soll er sein. Er hat sich selbst in diesen Film reingeschrieben. Es kann sein, ja. Warum hat er es nicht selbst gespielt? Hätte er ruhig machen können. Er ist auch Schauspieler, er kann das. Ich finde das klasse. Ich fand den Regisseur toll und die Szene war ja wirklich unangenehm, wenn Hellbach da reinkommt und so.
Johannes Franke: rumdirigiert und dann auch immer Vermittler spielt. Die stehen zwei Meter voneinander entfernt, der Regisseur und sie und dann geht da immer dazwischen und sagt, nein, nein, im Moment. Moment, willst du das so machen? Ja, ich will das so machen.
Florian Bayer: Mochte Höllbach, weil der die ganze Zeit so das Gefühl gibt, ey, ich bin eine Karikatur. Du darfst mich nicht ernst nehmen. Kein Drehbuch würde so einen überzeichneten Charakter schreiben. Und dann bricht er das immer mal wieder. Es ist total nett, wie er sich mit Nele unterhält, nachdem sie zum ersten Mal gesungen hat und sagt, naja, melde dich mal, wenn du Interesse hast. Das Toxische ist weg. Er wirkt wirklich fürsorglich, wenn er sich um Adina kümmert. Er ist sauer auf sie, dass sie sich so gehen lässt. Aber gleichzeitig mag er sie und er nutzt sie nicht aus in dem Moment. Und dann steht er da und hat diese riesige, teuflige, satanische Inszenierung. Dann ist die vorbei und dann sagt er, danke für das Ballett.
Johannes Franke: Aber das ist wirklich ein Kommentar des Regisseurs an das Ballett vom Staatsoper, oder? Genau, auf jeden Fall. Sehr schön, dass ihr auch mal noch dabei sein konntet.
Florian Bayer: Und dann sagt er, haben wir wirklich diesen Ballettschi gebraucht? Naja, es muss ja schon irgendwie glaubhaft sein. Es ist einfach geil.
Johannes Franke: Es ist toll.
Florian Bayer: Und diese Mischung, diese Karikatur und dann gleichzeitig das komplett aufzulösen und komplett einmal durch den Kakao zu ziehen, Und nochmal zu thematisieren auf einer Meta-Ebene, das ist super. Hölbach ist ein geiler Charakter.
Johannes Franke: Und vor allem, weil die ganze Zeit die Liebe dazu drin steckt. Zu all dem, zu all den komischen Figuren, zu all der... Auch zu all dem Kitsch, der in den Oper steckt und der Melodramatik. Also es ist einfach ganz, ganz... liebevolle Satire. Oder Satire ist vielleicht sogar zu viel gesagt. Das ist ja gar nicht Satire.
Florian Bayer: Es ist eine... Eine Hommage?
Johannes Franke: Ja, eine ironische Hommage.
Florian Bayer: Eine ironische Hommage vielleicht. Es ist ja auch nicht nur Humor. Der Film fängt an. Und du sitzt neben mir und dann sehen wir die Adina und sie ist in diesem sehr übertriebenen Kostüm und du hast neben mir gelacht im Kino. Soll es eine Komödie sein? Weil ich weiß, dass Opa genau so manchmal aussieht. Das muss, was wir da am Anfang sehen, das muss keine Satire sein. Opa sieht manchmal so aus. Und das ist auch okay, das muss man nicht witzig finden, sondern das kann man auch einfach sagen, ja, das gehört irgendwie dazu, dieser Prunk.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Dieser Film trägt es ganz lange mit sich, dass er lustige Momente hat, über die man auch wirklich lacht. Aber gleichzeitig... Er verarscht ja keine Opern. Er nimmt die Opern sehr ernst.
Johannes Franke: Ja, aber er hat, glaube ich, trotzdem immer wieder diesen Metakommentar von... okay, das ist jetzt moderne Inszenierungsweise, wie sie da über der Kloschüssel hängt und da irgendwie dann singt und... Es ist wirklich so, oh mein Gott, wie krass. Und dabei ist mir auch egal, ob Axel Ranisch... Ich habe noch nie eine Inszenierung von ihm in der Oper gesehen, aber selbst wenn er das machen würde, auch selbst... finde ich es dann umso lustiger und spannender, wenn man sich selbst noch ein kleines bisschen auf die Schippe nimmt.
Florian Bayer: Ich glaube, Opern, die das machen, machen das auch teilweise. Also mittlerweile sind wir in so einer Postmoderne gelandet. dass alles irgendwie auch ironisch gebrochen sein kann.
Johannes Franke: Definitiv. Also bezieht sich zumindest auf ziemlich viele Teile der Kunst, aber bei Oper können wir es nicht genau sagen. Es kann auch sein, dass die Oper noch 20 Jahre in der Vergangenheit lebt und das noch ernst meint.
Florian Bayer: Vielleicht. Ich glaube es nicht. Aber auf jeden Fall, ja, der Film hat sehr viel Komisches. Der Film hat sehr viel von der Komödie. Aber ich würde es nicht als Parodie und Satire bezeichnen, weil es dafür... viel zu viel Liebe mitbringt. Und zwar nicht diese Liebe, die wir haben von Monty Python für Jesus, sondern die echte Liebe für das Große in der Kunst. Ich würde gerne ein Lexikon auf machen darf ich.
Johannes Franke: Oh Gott, also wir sind schon über eine Stunde? Ja. Es wird ein Lexikon, aber bitte kein...
Florian Bayer: Wir machen ein kurzes Lexikon.
Johannes Franke: Okay, okay, okay.
Florian Bayer: Liebes Publikum, das habe ich jetzt gesagt. Einfach nur, damit Johannes das Lexikon aufmacht. Und jetzt kann ich ihm sagen, ich habe hier für das Lexikon fünf Opern und drei Filme liegen.
Johannes Franke: Das muss man sehen. Lexikon.
Florian Bayer: Orpheus, wir reden über den Orpheus-Mythos. Und das können wir wirklich kurz halten. Haben wir ja eigentlich schon gesagt, der Orpheus-Mythos ist grundsätzlich die Geschichte von Orpheus.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: der als Sohn einer Muse und eventuell auch von Apollon, man weiß es nicht genau, mit einer unglaublich schönen Stimme gesinkt und mit einer tollen musischen Begabung. Mit seiner Lyra hat er alle verzaubert. Er hat wilde Tiere gezähmt, er hat Steine zum Weinen gebracht. Er war der beste Sänger überhaupt. Und das Tollste im Gegensatz zu anderen Figuren der griechischen Mythologie hat er damit nicht angegeben. Es gibt so viele Geschichten von Arachne. die Urspinne, die damit angibt, dass sie besser spinnen kann als Hera und dann mit ihr ein Wettbewerb ist und dann stellt Hera fest, oh kacke, die kann wirklich besser spinnen. und sie in eine Spinne verwandelt.
Johannes Franke: Ich glaube, es liegt daran, dass er von neun Musen aufgezogen wurde. Neun Frauen, die ihm jegliche Form von Angeberei entdecken. Entwöhnt haben.
Florian Bayer: Vielleicht. Und er hat jeden Grund dazu gehabt. Ich meine, er war mit den Argonauten unterwegs und hat denen geholfen, das goldene Vlies zu fangen. Und der hat es irgendwie geschafft, alle zu besänftigen, die wütend auf ihn waren.
Johannes Franke: Inklusive der Sirenen.
Florian Bayer: Inklusive der Sirenen, ganz wichtig. Und er hat dann Eurydike geheiratet.
Johannes Franke: Eine Nymphe.
Florian Bayer: Eine Nymphe, auf die auch Aristaios schafft war. nämlich der Gott des Olivenanbaus und der Jagd, der versucht hat, sie zu vergewaltigen, was halt Götter in der griechischen Mythologie oft gemacht haben, wenn sie eine Frau gesehen haben. Sie ist geflohen und wurde durch einen Schlangenbiss getötet.
Johannes Franke: Ja, und dann... ist Orpheus so am Boden und ein riesen Schmerzensschrei. Es lässt die Welt erzittern und er will es nicht hinnehmen.
Florian Bayer: Er sagt, ich will meine Frau zurückhaben, das war die große Liebe. Dann wird von außerhalb, mal vom Chor, mal von... von irgendwelchen Göttern wird gesagt, naja, versuch's doch. Geh doch mal in die Unterwelt. Und das macht er dann auch. Und genau, da stößt er auf Charon, den Fährmann, der über den Sticks fährt und schafft es, durch seinen Gesang das Boot abzuluxen. Er trifft auf den Höllenhund Kerberus mit seinen drei Köpfen und schafft es den auch dazu zu bringen, dass er gezähmt ist mit seinem wunderschönen Gesang. Das ist Harry Potter, der Dreiköpfige Hund, der durch Musik zum Schlafen gebracht wird. Und dann, aber bei Hades ist Schluss. Hades ist so, das ist halt der Gott der Unterwelt. Fluthol in der römischen Mythologie.
Johannes Franke: Mit Persephone zusammen?
Florian Bayer: Genau, der total scharf auf Persephone ist und ihre Geschichte ist dann auch, dass sie in die Unterwelt geht dafür, dass Eurydike in die Oberwelt wieder darf und
Johannes Franke: Alle sind ergriffen. Er kann es sogar in der Unterwelt schaffen, die Leute dort mit seiner Lyra, dass sie alle, sogar Sisyphus, Hört auf mit Seidim herein.
Florian Bayer: Alle sind bewegt, ja. Und Hades ist aber so, dass er sagt, naja, ich bin dein Arsch. was Götter meistens sind in der Mythologie. Du darfst deine Frau mit in die Oberwelt holen, aber du darfst sie nicht angucken auf dem Weg. Und du darfst ihr nicht sagen, dass du sie nicht angucken darfst, aber du musst sie halt irgendwie dazu kriegen, mit nach oben zu gehen. Und das versucht dann natürlich, was soll er anderes machen, Orpheus auch. Und dann gibt es halt verschiedene Versionen der Geschichte. Manche sagen, sie war irgendwie so am rumstolpern, deswegen hat es sich umgedreht. Manche sagen Jupiter. beziehungsweise Zeus war wütend und hat einen Blitz nach unten geschickt, um ihn zu erschrecken. Manche sagen, Orpheus war einfach zu ängstlich und musste sich nochmal umdrehen.
Johannes Franke: Ich kenne vor allem, dass sie gesagt hat, ich glaub dir nicht, dass du mich noch liebst. Warum guckst du mich nicht an?
Florian Bayer: Du kennst natürlich die misogyne Variante davon. War ja mal wieder klar, ne? Ja, auf jeden Fall dreht er sich um. Großer tragischer Moment.
Johannes Franke: Aber kurz bevor er sie draußen ist. Ja, sie haben es fast geschafft.
Florian Bayer: sie haben es fast geschafft und da dreht er sich rum und deswegen muss sie für immer in der Unterwelt bleiben. Es gibt kein Happy End in der klassischen Mythologie. Mhm. Bei den Opern wird's anders sein und er ist halt traurig und dann gibt's Geschichten, dass er sich Da gibt es auch unterschiedliche Geschichten. Mal wird er getötet irgendwann, lebt aber davor noch ein ganz nettes Leben. Mal begeht er Selbstmord, mal verfällt er in Agonie, mal erkennt er, dass das Leben ja doch vielleicht ganz lebenswert ist, auch ohne Frau.
Johannes Franke: Die Menaden reißen ihnen Stücke. in einer Version. Und dann gibt es den abgeschlagenen Kopf, der weiterhin das Klagelied singt.
Florian Bayer: Das ist echt ein hartes Schicksal. Manche sagen, das ganze Ding ist eigentlich so ein bisschen eine Jesus-Geschichte. Jesus, bevor es Jesus gab, weil auch Jesus in die Totenwelt hinabgestiegen ist und wieder... Wieder in den Himmel entsteigen. Während Jesus in den Himmel entsteigt. Und auch, es geht auch zurück. Naja, egal. Orpheus als klassische griechische... Antike Geschichte mit viel Tragik war seit Beginn der Oper im wahrsten Sinne des Wortes Teil von Opern. Eine der ältesten Opern. Die älteste erhaltene Oper aus dem Jahr 1600 von Jacobo Perri. Euridici ist die älteste erhaltene Opa. Ist Norrfeis Opa. Aber ich will auf ein paar andere eingehen. Und zwar, ich habe für jedes Jahrhundert eine.
Johannes Franke: Moment, Moment, Moment. Wir haben ein Lexikon unter dem Vorwand aufgemacht, über Opfer zu reden und jetzt geht es noch um andere Opern.
Florian Bayer: Orpheus, nein, die Orpheus-Opern. Es gibt sehr viele Orpheus-Opern. Die bekannteste und älteste, nicht die älteste, aber die bekannteste älteste, die bekannteste alte, ist aus dem Jahr 1607 von Claudio Monteverdi. Ich hab reingehört... Ich hatte, weil ich nach dem Film Bock hatte. Ich glaube, mein Sohn war total irritiert, dass ich eine Zeit lang morgens zum Frühstück keinen Rock oder Hip-Hop gehört habe, sondern Oper. Es ist schön. Es ist auch die, die mir am besten gefallen hat von den Opern, die ich reingehört habe. Ich fand es wirklich schön. Von Claudio Monteverdi L'Orfeo wird teilweise als erste Oper der Geschichte angesehen und wird seit dem mittleren 20. Jahrhundert wieder aufgespielt. Fünf Akte, es gibt ein. Happy End, in dem Orpheus aber Eurydice nie mehr sehen wird. Er wird einfach überzeugt davon. Dass das Leben trotzdem schön ist und gilt so als Übergang von der Renaissance zum Barock. Ich glaub Monteverdi, jetzt bräuchten wir eine Opernexpertin oder einen Opernexperten, der uns mehr dazu sagen könnte. Monteverdi taucht in dem Film auf, genauso wie die zweite große bekannte Oper über Orpheus von Christoph Willibald Kluck. Wir sind in Deutschland gelandet. Juhu. Auf feoet euridice. Auch mit einem Happy End. Eine Reformoper. Ragt mich nicht so was. Das Reform-Element ist echt... Irgendwas wurde anders gemacht im 18. Jahrhundert und er gilt als der Erste, der das gemacht hat, gilt damit als Schöpfer von neuer Musik. Es ist aber eine relativ düstere Oper, die trotzdem ein Happy End kriegt. Aufheiß will sich erstechen am Schluss. Amor entreißt Orpheus den gezückten Dolch und erweckt Eurydike wieder zum Leben. Oh, wie cool. Deus ex machina. Aber offensichtlich vor allem eine für das Publikum gemacht. Ich glaube, Gluck wollte das eigentlich gar nicht so enden lassen, weil die Musik sonst... relativ schwer und düster ist, im 19. Jahrhundert wiederentdeckt, vor allem durch Wagner und Liszt und oft gespielt. 1791 von Haydn gab es eine Orpheus-Opa. Kein Happy End. Auf es stirbt durch Gift.
Johannes Franke: Und das war's dann.
Florian Bayer: Mit einem sehr starken Chor. Das war's. Sehr bekannt. Das war auch das, was ich vom Namen her kannte, weil das hat mein Vater, glaub ich, auch gehört. 19. Jahrhundert, Jacques Offenbach. Orpheus sans faire. Eine Operette. Orpheus in der Unterwelt im Deutschen. eine komplette Parodie auf die ganze Geschichte ist und zwar deutlich mehr Parodie-Persiflage als dieser Film. Weil es geht darum, dass Orpheus eigentlich gar keinen Bock hat, seine Eurydike zu retten, weil er in eine andere verliebt ist. Und dann gibt es aber die öffentliche Meinung, die die ganze Zeit da rumläuft und die singen die ganze Zeit.
Johannes Franke: und sagen, du musst jetzt in die Unterwelt. Los, los.
Florian Bayer: Das berühmt für das Galopp Infernal. Ein Stück, das jeder kennt, der auch diese Oper, selbst wenn man diese Oper nicht kennt, und zwar ist das die Clown-Musik.
Johannes Franke: Das ist die Klammer. Nee, quatsch.
Florian Bayer: Schreib's bitte auf. Da, da, da.
Johannes Franke: Da, da, da, da.
Florian Bayer: Es kommt in die Shownotes. Und das waren schon die Opern. Habe ich die Opern? Ja, ich habe die Opern alle durch. Ich würde gerne noch drei Filme erinnern. Dann sind wir durch. Hey, es ist ein kurzer Lexikon-Eintrag. Wir haben bei einer Stunde angefangen. Du hast das Lexikon für mich aufgemacht.
Johannes Franke: 17 Minuten haben wir schon. Quatsch.
Florian Bayer: Ja. Nein? Wirklich?
Johannes Franke: Nein, wir haben zehn Minuten wahrscheinlich.
Florian Bayer: Filmklassiker. Großer Filmklassiker 1949 von Jean Cocteau, Orpheus, der die Handlung in die Gegenwart verlegt. Und der als einer der großen, mythischen, surrealen Filme der Filmgeschichte gilt. 1959 gab es von Marcel Camus eine Oper, die hieß Orpheu Necro, der die Geschichte nach Brasilien verlegt. Und in der Gegenwart spielt, also in der damaligen Gegenwart, zur Zeit des Karnevals von Rio und mit vielen Laiendarstellern gedreht und ich kenne den Film genauso wenig wie den Orpheus-Film von Jean Cockton. Ich will beide sehen.
Johannes Franke: Du bist voll angefixt, wa?
Florian Bayer: Ich bin voll angefixt, aber ich bin tatsächlich mehr von... mehr von Opern angefixt als von diesen Filmen. Also ich hab wirklich viel Opernmusik gehört, nachdem ich diesen Offair gesehen habe.
Johannes Franke: Ich find's geil. Oh, wie großartig.
Florian Bayer: Und den dritten Film, den ich noch kurz erwähnen möchte, weil ich damit so eine persönliche Verbindung habe, Dieser Film ist nicht die erste Verweiblichung unseres Orpheus. Es gibt von 2020. Nur zwei Jahre zuvor einen Orphea-Film von Alexander Kluge und Raven. Alexander Kluge, großer deutscher Regisseur vom neuen deutschen Film und Carven, ein südamerikanischer Regisseur, haben einen Film gemacht, der allerdings wenig sich auf die Opa bezieht und mehr auf den Mythos an und für sich und ihr die Geschichte von Orphea erzählt, die ihren ihren Eurydicus aus der Unterwelt retten muss. Und die Unterwelt sind so die Slums in Südamerika.
Johannes Franke: Oh, okay.
Florian Bayer: Und das Ganze aber sehr surreal und sehr akademisch und sehr durcheinander inszeniert. Also nochmal, wenn ihr diesen Film anstrengend findet, Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass man das so anstrengend findet. Nein, um Gottes willen. Aufheer ist es nochmal ein gutes Stück abstrakter und surrealer und auch akademischer. Johannes, du darfst das Lexikon zumachen.
Johannes Franke: Danke dir. Das war Das muss man sehen. Lexikon.
Florian Bayer: Und ja, wie wir gerade gehört haben, von dem Orpheus-Mythos ist in dem Film wirklich nicht viel mehr übrig. Dafür anscheinend ganz viele andere Mythen und Opernreferenzen, die ich leider nicht
Johannes Franke: Ja, oder Dinge, die sich so anfühlen, als wären sie Mythen, die vielleicht gar keine sind. Vielleicht hat uns Axel Rahnisch einfach auch etwas... Untergeschoben, was gar nicht wirklich irgendwie nochmal Roots hat.
Florian Bayer: Das Tolle ist, ich kann diesen Film als Banause beurteilen. Und ich kann sagen... Ich kann mir total gut vorstellen, dass jemand der Opernexperte ist, diesen Film sieht und sagt, ah und da ist die Referenz und da ist die Referenz. So wie es mir geht, wenn ich einen Film sehe über Horror oder so, wo viele Referenzen drin sind. Wie Scream, über den wir vor kurzem geredet haben.
Johannes Franke: Weißt du, was das Problem ist? Ich habe mit Leuten geredet, die Opern kennen und Lieberhaber sind. Die sind nicht so begeistert. Nein, nicht alle nicht. Aber es gibt wirklich Stimmen von Leuten, die sagen, es stimmt alles nicht und es ist alles nicht akkurat und es ist alles irgendwie nicht so. Und ich denke die ganze Zeit, ihr habt den Film nicht verstanden.
Florian Bayer: Es stimmt nicht, es ist nicht akkurat. Ich wollte dir nämlich jetzt mein Urteil als Banause geben und sagen, das ist so ein perfekter Heißmacher auf die Welt der Oper.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: einen Film als jemand, der keine Ahnung von Opern hat und denkst, ich will mehr davon hören, ich will mehr davon sehen, ich will mehr davon wissen.
Johannes Franke: Absolut, volle Kanne. Und ich verstehe nicht, wieso man so einen spielerischen Film dann kaputt machen muss. Finde ich total dämlich. Es geht doch darum... Oper irgendwie erlebbar und lebendig irgendwie darzustellen, sodass ich Lust darauf bekomme, wie du jetzt.
Florian Bayer: Weißt du, was das Problem sein könnte? Ohne in der Szene unterwegs zu sein, vielleicht sind Opernfans genauso schlimme Gatekeeper wie Metal-Fans. Ja, natürlich.
Johannes Franke: Das ist halt bei Communities so oft.
Florian Bayer: Als in Stranger Things, der letzten Staffel, Master of Puppets gespielt wurde Von Metallica. Ja, okay. Metal, großer Metal-Song. Hat plötzlich wieder getrendet, genauso wie der Song von Kate Bush, der gespielt wird. Ah, okay. Auf jeden Fall haben ganz viele plötzlich wieder Metallica gehört, das Lied war ganz weit oben und dann haben so ein paar Metallica-Fans gesagt, oh, das sind ja keine richtigen Fans, die das jetzt hören, die haben ja gar keine Ahnung davon und sich darüber aufgeregt und du denkst so, What the fuck? Freu dich doch, dass die Musik, die du magst, plötzlich auch von anderen Leuten gemocht wird. Was? Was versuchst du hier zu verteidigen? Was für eine komische Mauer willst du hier aufziehen?
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Ich kann mir vorstellen, dass Opernfans auch so sind. Also nicht generell alle Opernfans, aber viele.
Johannes Franke: Kann ich mir auch vorstellen. Darf ich noch eine kleine Interpretation zum Schluss reinbringen, die dir wieder nicht gefallen könnte, weil das dann viel zu viel wieder Realität drin ist? Ich glaube, sie kann von Anfang an eigentlich gar nicht singen. Das passiert alles in ihrem Kopf. Und sie muss ihre Stimme abgeben in ihrer Fantasie, damit sie wieder eine neue Beziehung anfangen kann in der Realität. Also sie muss sich sozusagen verabschieden von ihrer... Welt, die sie sich im Kopf zusammenbaut. Und dazu gehört ihre Stimme, ihre Krasse, um wieder Roots in der Realität zu finden.
Florian Bayer: Ja, sehe ich, was du machen willst. Aber ich bin überhaupt nicht deiner Meinung. Es ist einfach, das Magische ist mir zu wichtig in diesem Film. Ja, ja, ja. Und auch das Eskapistische. Ich glaube auch, es ist meiner Meinung nach kein Film, wo man irgendwie versuchen sollte, große Interpretation und das Ganze in einen Rahmen zu pressen, dem irgendwie einen tieferen Sinn zu geben. Weil, um das mal so sehr hart zu sagen, dieser Film, die Sinnlehre in diesem Film macht ihn halt zu. so fantastisch, weil es eben vor allem darum geht, dass es pure Lebensfreude ist, auf zähle Leuten gepresst.
Johannes Franke: Was ich aber gut finde, ist, dass der Film das theoretisch anbietet.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Das heißt, auch Zuschauer, die das dringend brauchen.
Florian Bayer: Du darfst auf jeden Fall der Sesselpupa sein, wenn du magst.
Johannes Franke: Danke, Flur. So. Habe ich das auch einmal untergebracht. Sehr schön. Haben wir noch irgendwas, wo wir uns drüber auslassen wollen, was für ganz... toll finden. Ich finde die Choreografieren, ich finde die Musik ganz toll. Ich finde, unsere Nele singt Unglaublich gut. Sie legen nicht viel Wert darauf, dass man sieht, dass sie singt, weil natürlich haben sie Tracks drunter gelegt und nicht live on set alles aufgenommen. Ich weiß nicht, ob sie es hier und da gemacht haben, aber eigentlich sieht man, dass sie nicht immer live singt. Das sieht man ihr im Körper einfach an. Aber ist das schlimm? Ist das nicht schlimm? Ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Das krass ist ja, ich bin echt kein Opern-Fan und mich hat keine einzige von diesen Gesangsnummern gestört. Ich war dagegen dann nochmal so richtig komplett entzückt, als ich gemerkt habe, dass sogar das Konzept Oper aufgebrochen wird, wenn wir nämlich eine Astreine Las Vegas Musical Nummer haben. Wenn Hölbach in dieser Badewanne liegt und dann haben wir den Typen, den Christian Steffen... Der Hardy Schwetter, der irgendwie diese Elvis-Nummer macht, diese Las Vegas-Nummer. Und dann haben wir einfach nochmal so ein sauberes Musical auch wieder geil in die Handlung eingeführt, wenn sie dann reinkommt und Hölbach stellt das Ensemble vor und sagt, die haben übrigens gerade für mich gesungen. Es ist so viel Freude an diesen musikalischen Interludien drin, egal ob durch den Tanz oder durch den Gesang. Ich war einfach begeistert, ohne dass ich auch nur am geringsten Fan von dieser Art von Musik wäre.
Johannes Franke: Beziehungsweise jetzt vielleicht schon.
Florian Bayer: Jetzt vielleicht schon, aber ich kenne mich zu wenig aus damit, um mich als Fan zu bezeichnen. Ich werde auf jeden Fall noch ein bisschen das Monteverdi-Ding Das habe ich jetzt ein paar Mal laufen gehabt die letzten Tage. Das muss ich nochmal am Stück hören und vielleicht mich dann doch auch nochmal ein bisschen mehr damit auseinandersetzen, was da in der Handlung gerade passiert, was ich da höre. Aber... Ich befürchte ein bisschen, es ist so wie oft, wenn ich von der Oper kurz so angetippt werde, dass ich sie dann doch irgendwann wieder zur Seite schiebe.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Aber solange sie tippt, werde ich versuchen, ihr Rufen zu erwidern.
Johannes Franke: Okay. Ich hätte noch eine Sache. Ich hätte wahnsinnig gerne gehabt, dass der Film nicht digital, sondern analog gedreht worden wäre. Ich finde, der Film sieht an manchen Stellen zu digital. aus. Aber das ist so eine krümelkackerische Sache von mir als Kameramann, dass ich denke, Ah, das wäre so schön, wenn er noch mehr analoges Feeling hätte. Weil das sind alles alte Themen, das sind alles Sachen, die eine eine kulturhistorische Schwere theoretisch mit sich tragen. Diese Digitalität ist schade.
Florian Bayer: Vielleicht ist gerade die Leichtigkeit auch ganz nett, die er mit reinbringt.
Johannes Franke: Ich finde nicht, dass es Leichtigkeit mit reinbringt, die Digitalität.
Florian Bayer: Okay. Weil ich finde, der Film hat Und trägt einen riesigen Rucksack an Kulturgeschichte mit sich rum.
Johannes Franke: Aber es ist alles so scharf und so.
Florian Bayer: Ja, ich weiß, was du meinst. Ja. Ja, ja. Ah, hat mich nicht gestört.
Johannes Franke: Ja, würde niemanden stören. Es war bloß so mein Gedanke. Während des Films habe ich gedacht, oh, ich schön, wenn das jetzt noch wäre, wenn das jetzt noch so ein analoger Film wäre.
Florian Bayer: Im Gegensatz überlege ich gerade, ob die Gefahr bestimmt, dass er dann ein bisschen prätentiöser wirken würde. Ja, das kann sein, ja. Weil er sich plötzlich ein bisschen ernster nimmt.
Johannes Franke: Ja, das kann natürlich sein. Ich weiß nicht. Vielleicht bin ich prätentiös an der Stelle.
Florian Bayer: Naja, es ist ja auch ein bisschen ein prätenziöser Film. Das kann man nicht ganz abstreiten. Es ist eine Liebeserklärung an die Oper von einem Opernregisseur in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsoper. Und lauter Opernmenschen. Ja, das ist auch ein bisschen prätentiös. Aber was soll's.
Johannes Franke: Okay, wollen wir in unsere Top 3 reingehen? Unsere Top 3. Spontan, nachdem wir den Film geguckt haben, es ist nämlich diesmal so gewesen, dass wir zusammen im Kino waren, Plur und ich, wir haben den Film zusammen gesehen und Wir standen danach vorm Kino und haben uns verkniffen, darüber gleich zu reden. Weil wir natürlich hier im Podcast alles gleich, wir wollen uns das erste Mal im Podcast darüber unterhalten, sonst haben wir schon alles vorweggenommen.
Florian Bayer: Wir schaffen das eigentlich mal ganz gut, dass wir wirklich komplett mit geschlossenen Karten spielen. Und dann erst während wir die Episode aufnehmen, wird für den jeweils anderen klar, wie der andere den Film überhaupt fand.
Johannes Franke: Und ich hab so geschwitzt, Blur. Und du warst eine Woche krank. Das heißt, wir haben jetzt noch eine Weile gebraucht und ich hab so geschwitzt, ob du diesen Film jetzt gut findest oder nicht. Und du hast... Hast mich so ins Messer laufen lassen mit manchen, also ich hab dich ja zwischendurch versucht so ein bisschen zu lesen. Naja, ich habe gleich danach gesagt, wir brauchen eine Top 3 andere Künste quasi in Filmen, also filmferne Künste, die in Filmen verwurstet werden. Was ich spannend finde, das ist das, was ich vorhin schon gesagt hatte, so dieses Gesamtkunstwerk. Was auch tatsächlich spannenderweise Wagner stark nach vorne gebracht hat, dieses Wort Gesamtkunstwerk. Ist stark von Wagner geprägt. Willst du jetzt einen Nazi-Vergleich bringen?
Florian Bayer: Oh shit, ich glaube, wir haben uns missverstanden. Ich hatte, normalerweise schreiben wir uns das, aber diesmal haben wir es uns quasi gegenseitig zugerufen. Ich habe verstanden Filme, die sich so weit wie möglich vom Medium Film entfernen. Das heißt, ich habe gar keine anderen Künste, sondern andere... Erlebnishorizonte, die in Filmen auftauchen, benutzt.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Also meine Top 3 wird sehr anders aussehen als deine Top 3, aber red weiter, bitte.
Johannes Franke: Okay, okay. Und ausgerechnet Wagner... hat eben dieses Wort Gesamtkunstwerk für die Oper entwickelt, also nicht entwickelt, aber stark angewendet. Er hat gesagt, Oper ist etwas, was wir heute für einen Film in Anspruch nehmen würden, nämlich ein Gesamtkunstwerk aus verschiedenen Künsten. Also Kostümbeleuchtung, die ganzen Kulissen, die Sänger, die Musiker und so weiter. Weswegen glaube ich auch Film heutzutage so wahnsinnig viele Leute anspricht, viel mehr als alle anderen Künste, weil es im Grunde ein Gesamtkunstwerk aus allen Künstlern ist. möglichen Künsten ist. Und ich finde es spannend, was passiert mit dem Film, wenn er eine Kunstrichtung mit rein nimmt, die er sonst in Filmen nicht so Beachtung findet oder nicht so stark mit eingebunden wird. Und du hast es alles missverstanden und hast vielleicht eine andere Liste.
Florian Bayer: Aber ich glaube, unsere Listen treffen sich auch irgendwie. Okay. Also ich hab das so verstanden, weil dieser Film hat sich teilweise angefühlt für mich als Zuschauer. Wie ne Opa, der ich beiwohne. Und dann dachte ich, okay, du willst eigentlich was. wo sich für mich als Rezipient das Filmerlebnis nicht anfühlt wie ein Filmerlebnis, sondern wie irgendwas anderes. Und da habe ich als Platz 3 genommen, wir haben auch über diesen Film geredet, vor einiger Zeit, letztes Jahr im Marienbad, der sich mehr anfühlt wie ein Gottesdienst als wie ein Film.
Johannes Franke: Aber sehr gut, Plur.
Florian Bayer: Verdammt. Das ist der Weg. Und den schlage ich auch bei den anderen... Sehr gut. Letztes Jahr im Marienbad aus dem Jahr 1961 von Alain René, einer der Außenseiter der Nouvelle Vare, die sowieso schon Außenseiterkino war. der sehr surreale, sehr abstrakte Filme gemacht hat. Und letztes Jahr in Marienbad haben wir eigentlich nur Kamerafahrten durch Hotelräume durchgeführt. begleitet von Orgelmusik und der Stimme eines Mannes, der sich mit einer Frau unterhält und sie davon zu überzeugen versucht, dass sie irgendwann mal sich im letzten Jahr an diesem Ort getroffen haben und daraus entspinnt eine Diskussion. Das Ganze fühlt sich unglaublich schwer und transzendental an. Faszinierender, merkwürdiger Film.
Johannes Franke: Aber stimmt, Gottesdienst ist ein gutes Stichwort, ja. Absolut. Okay, sehr spannend. Ich bin gespannt auf die anderen Platzierungen, die du hast. Oh mein Gott. Okay, ich habe auf meinem Platz drei Roy Andersson. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, den wir auch gemeinsam besprochen haben, der einfach... mir das Gefühl vermittelt, ich bin eigentlich in einer Ausstellung. Einfach wirklich Fotografien... Klar gesetzte Bilder, es bewegen sich zwar Leute in diesen Bildern, aber eigentlich hast du... Eine große Komposition, eine Fotografie, die einfach von sich aus sehr künstlerisch und ein bisschen deprimierend ist immer.
Florian Bayer: Und sehr statisch. sich anfühlt.
Johannes Franke: Sehr statisch, genau. Und deswegen auch Fotografie. Eigentlich bist du in einer Ausstellung von Fotografien.
Florian Bayer: Ja, sehr gut. Cool.
Johannes Franke: auch weil auf der Handlungsebene eigentlich nicht viel passiert. Es sind bloß diese kleinen Situationen, die aneinander sind, wie so kleine Vignetten.
Florian Bayer: Und da treffen sich unsere Listen irgendwie. Also ich habe ihn nicht drin, aber ich hatte überlegt, ihn raufzunehmen. Und das ist ja das, was dann auch oft passiert, wenn du andere Künste sehr stark in den Vordergrund spielst bei Filmen. Ja. Dass du dann auch eine ganz andere Form von Erleben schaffst beim Publikum. Mein Platz zwei macht das, indem es Film als Drogentrip inszeniert, der kaum noch irgendwas von Wirklichkeit in sich trägt. Es gibt viele Filme, die das machen. Ich habe einen genommen, über den haben wir noch nicht geredet, Fata Morgana von Werner Herzog aus dem Jahr 1971. Es ist eine Doku, ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Herzog selbst hat gesagt, er will einen Science-Fiction-Film machen. Aber es ist eigentlich kein Science-Fiction-Film, sondern es sind so dokumentarische Bilder aus der Wüste. Und dann werden irgendwie so... metaphysische, esoterische Sachen gesagt und wir sehen einfach nur diese Bilderwelten und ich weiß auch nicht, ob ich den Film mal nüchtern gesehen habe. Vielleicht müsste ich den auch irgendwie nochmal draufpacken, weil ich weiß auch nicht mehr, ob ich den gut finde. Aber es ist irgendwie ein ganz eigenes Erlebnis von Film mit dieser... Mit dieser Stimme, die, das ist nicht, wenn der Herzog selbst ist, das ist eine Stimme, die ich eigentlich immer ziemlich anstrengend finde. wenn er redet, weil er so sehr langsam redet, die dann irgendwie irgendwas erzählt und man weiß nicht genau, wo man sich befindet, was da passiert. Und es geht aber um alles, um die Schöpfung, um die Welt, um die Zukunft und das Vergangene. Man ist irgendwie in so einer Art Trausch gefangen. Auf jeden Fall nicht mehr viel Film, vom Gefühl her.
Johannes Franke: Okay. Mein Platz zwei ist Loving Vincent.
Florian Bayer: Kunst!
Johannes Franke: Ein Film über Vincent van Gogh, der mit den Bildern von Vincent van Gogh erzählt wird.
Florian Bayer: Es ist so ein impressionistischer Zeichentrickstil, ne?
Johannes Franke: Es ist nicht wirklich Zeichentrick, sondern es ist halt... seine Bilder bloß eben weiter gesponnen durch Maler, die tatsächlich physisch im nächsten Frame auf eine Leinwand gemalt haben. Also im Grunde Starry Night genommen und dann geguckt, was passiert denn, wenn Starry Night sich bewegen würde. Und das nicht mit KI oder mit Computer, sondern einfach wirklich der Maler hat sich hingesetzt und das nächste Bild gemalt. wie im Film 12 Frames per Second oder sowas. Ja, total krass.
Florian Bayer: Habe ich noch nicht gesehen. Wir haben schon mal drüber geredet. Wir waren glaube ich zweimal, dreimal ganz kurz davor, dass du ihn mir gegeben hättest als Aufgabe. Ja.
Johannes Franke: Aber ich finde, der Film ist als Film gar nicht wirklich so gut. Ich finde das Konzept total geil, aber so erzählerisch... Lässt ein bisschen zu wünschen übrig, finde ich.
Florian Bayer: Mein Platz 1, ich habe ihn vorhin schon erwähnt, bei der großen Orpheus-Lexikon-Retrospektive, die nur halb so lang ist, wie sie eigentlich sein soll. weil Johannes die ganze Zeit auch die Uhr gezeigt hat. Off Hair von Alexander Kluge. Okay. Ja. gemischt in seinen Filmen Spielszenen mit Interviewszenen, mit Fake-Interviewszenen, mit musikalischen Einlagen und dann teilweise auch so mit mit Texttafeln, die dann auch mal zwei Minuten ablaufen, während Musik im Hintergrund zu hören ist. Und das Ganze fühlt sich so sehr mosaikhaft an. Und kommt meiner Meinung nach auch dem Gedanken, so ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, sehr nah, weil... Was ja auch irgendwie verständlich ist, bei Filmen als Gesamtkunstwerk wird oft Text nicht mitgedacht. Ja. Weil ja gesagt wird, hey, show, don't tell. Ja. Und erst recht Show, don't write. Und das ist ganz spannend, bei Kluger auch mal zu sehen, dass du wirklich Texte hast, die du liest auf der Leinwand. Und dass du auch wirklich mal drei Minuten mit Lesen beschäftigt bist.
Johannes Franke: Wow. Okay, krass. Hoi. Wie bei Hexern. Hexern bist du auch ziemlich viel mit Lesen beschäftigt.
Florian Bayer: Das zählt nicht, weil das ein Stummfilm ist. Aber stimmt, der hat auch für einen Stummfilm echt lange Texte. Ja, wirklich.
Johannes Franke: Okay, mein Platz 1 ist, ach du wirst mich steinigen dafür, es ist einfach nur French Dispatch von Wes Anderson. Weil der hat so viel, also das eine große Thema, was er abhandelt, ist halt wirklich eigentlich der New Yorker. der als Zeitung, er hat im Grunde eine verfilmte Kolumne. Also nicht eine, sondern viele. Die Geschichten, die erzählt werden, haben nicht viel miteinander zu tun. Aber es fühlt sich tatsächlich, und das finde ich wahnsinnig toll, An, wie als wenn ich eine Zeitung aufschlagen würde, wo unterschiedliche Menschen unterschiedliche Themen als Kolumnen behandeln. Das finde ich ganz toll. Ich finde die Gedanken toll und ich weiß, dass du das als das große Kondensat von Wes Anderson siehst und dass es ein bisschen auch ist für dich inzwischen auch ausgelutscht, dieses Konzept. Aber ich finde, diese Idee, Zeitungskolumnen zu verfilmen, Und eine Liebeserklärung daran zu bringen und das Ganze ein bisschen zu verknüpfen mit einer kleinen Story von diesen Writern in diesem... Verlagshaus. Ich finde es ganz toll.
Florian Bayer: Ich glaube mit der Grundidee habe ich überhaupt kein Problem. Also ich finde die Idee auch total süß und cool. So eine Liebeserklärung an die Publikationen. an das Genre des Publizistischen zu schreiben. Was mich bei Anderson halt einfach nervt, ist der Stil, der immer derselbe. Der hat den neuen Film gemacht, ne? Der kommt jetzt in die Kinos.
Johannes Franke: Ich habe ihn schon gesehen und ich finde ihn großartig.
Florian Bayer: Natürlich findest du ihn großartig. Gibt es irgendeinen Schauspieler in Hollywood, der nicht...
Johannes Franke: der nicht in diesem Film mitspielt? Jaja, es gibt keinen einzigen berühmten Menschen darin und der hat einen völlig anderen Stil.
Florian Bayer: Beim Cast von Wes Anderson Filmen solltest du eigentlich nicht aufschreiben, wer mitspielt, sondern wer nicht mitspielt. Das wäre eine kürzere Liste. Tom Hanks, Edward Norton, Adrian Brody, Bryan Cranston, Scarlett Johansson, Jason Schwartzman. Oh Wes, oh Wes.
Johannes Franke: Das ist einer der Filmemacher, wo man sagt, als Schauspieler, wenn du ein Angebot bekommst, bei dem mitzuspielen, für null Du tust es. Du tust es auf jeden Fall und ich kann mir vorstellen, dass der nicht die Gagen zahlen kann, die irgendjemand von denen normalerweise bekommen würde. Und das ist echt krass. Und die haben sofort jeder Ja bei Wes Anderson.
Florian Bayer: Und fandst du ihn besser als French Dispatch?
Johannes Franke: Nee, aber also Friends Dispatch ist großartig, ist einfach, ich glaube, einer der besten Filme, auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten.
Florian Bayer: Oh, krass, okay.
Johannes Franke: Asteroid City ist toll, aber kann nicht ganz mithalten.
Florian Bayer: Aber ist wieder ein typischer Anderson.
Johannes Franke: Sehr typischer Wes Anderson, natürlich. Aber er hat auch so mehrere Ebene. Also er hat so eine Theaterebene, auf der Theaterebene wird ein Film erzählt und dann springt er so ein bisschen hin und her.
Florian Bayer: Ist toll.
Johannes Franke: Ist wirklich sehenswert.
Florian Bayer: Sehr viele Menschen, die im Zentrum des Bildes stehen. Vor gemusterten Tapeten.
Johannes Franke: Vor gemusterten Tapeten, ja. Er hat wirklich tolle Bilder wieder dabei. Der Schwachpunkt bei diesem Film ist so ein bisschen, Wes Anderson ist nicht gut darin, Emotionen wirklich realistisch zu erzielen und einem wirklich nahe zu gehen. Dazu ist er zu formalistisch. Ja. Und das ist so ein bisschen das Ding. Und das kommt in diesem Film ein bisschen zum Tragen und deswegen kleiner Meinungspunkt. Aber er hat einen ganz großartigen Außerirdischen drin. Machen wir unsere Top 3 zu? Na gut, okay. Das war unsere Top 3. So, sehr schön. Dann haben wir noch irgendwas zu diesem Film zu sagen? Wollen wir noch irgendwie, bevor wir ins Fazit kommen, hast du noch gemerkt, oh ja, ich muss ja noch unbedingt das dazu.
Florian Bayer: Lass mich einmal kurz durchgehen. Meine Notizen sind so ein bisschen durcheinander, weil wir waren halt im Kino und da kann man nicht gut nochmal durch den Film durchgehen. Jaja, genau. Ich hab einmal wirklich fett gemacht, dass ich diesen Auftritt von Levi Sekabane total toll fand. im Zusammenspiel mit dem Tanz von Kolja. Dass das eine wirklich wunderschöne Szene war. Und sonst habe ich ganz oft Ausrufezeichen, tolle Art Musik einzuweben in den Film. Ach wie schön, ich glaube, der hatte wirklich Spaß daran, diesen Film zu machen.
Johannes Franke: Ich finde es wirklich schön. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein Film eine Liebeserklärung an die Kunst bringt. Und ob das jetzt selbstreferenziell ist, auf den Film bezogen. Oder ob es auf eine andere Kunstrichtung wie die Oper ist. Wenn das so durchkommt und wenn man wirklich die Leidenschaft spürt, dann lasse ich mich wahnsinnig gerne anstecken. Ja, der hat es einfach wundervoll gemacht. Ganz, ganz, ganz, ganz toll. Vielen Dank, Axel Rahnisch, für diesen Film.
Florian Bayer: Auf jeden Fall, vielen Dank. Absolut ansteckende Begeisterung. Das trifft es ziemlich gut als Gesamturteil zu diesem Film.
Johannes Franke: Vielen Dank, dass du dir diesen Film angeguckt hast.
Florian Bayer: Ja, vielen Dank, dass du ihn mir gezeigt hast.
Johannes Franke: Vielen Dank euch da draußen, dass ihr uns beim Spoilern zugehört habt und dass ihr jede Episode hört, die wir rausbringen.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, was wir nächste Woche besprechen, dann kriegt Johannes nämlich eine Aufgabe von mir. Ich bin gespannt. Dann bleibt dran. Das gibt es nach dem Outro. Johannes wird davor nochmal eine Puccini-Oper zum Besten geben. Und ansonsten, ja, vielen Dank fürs Zuhören. Guckt euch den Film an, euch eine schöne Woche und wir sehen uns, hören uns.
Johannes Franke: Backstrains, back, all right.
Florian Bayer: Das war die Puccini-Oper.
Johannes Franke: Bloor, Bloor, wir haben einen Brief bekommen. Post, Post, Post. Ja, lies vor. Warum habe ich gesagt Brief bekommen? Ein Leserbrief.
Florian Bayer: Oder einen Leser-Innenbrief ans Postfach 1-2027.
Johannes Franke: Wir sind ja im Jahr 2023, genau.
Florian Bayer: Und wir werden ihn voller Gänze vorlesen. Also Johannes wird lesen.
Johannes Franke: Er kam über Instagram rein, der berühmte Postdienstleister. Von Samira. Samira schreibt, hey ihr, ich habe vor ein paar Wochen euren Podcast entdenkt und möchte euch erstmal dickes Lob, Kompliment, bla bla bla. Dieses ganze Ding. Nein, das Schönste lässt sie jetzt weg. Okay, sie fühlt sich immer super von uns unterhalten und hat sich sogar überzeugen lassen, Simon Like It hat eine dritte Chance. Ja.
Florian Bayer: Das musste ich auf jeden Fall erwähnen, ne?
Johannes Franke: Ja, das stimmt natürlich. Sie hat mit 16 und mit 18 mal versucht, den zu sehen und hat dann wieder abgeschaltet. Es hat sich wohl gelohnt, ihn nochmal zu gucken. Na Mensch, sowas. Herzlichen Glückwunsch, Samira. Du hast ihn gesehen. Gott sei Dank. Der Hauptgrund, aus dem ich euch schreibe, ist aber, dass ihr ja immer mal wieder sagt, dass man euch auch Vorschläge schicken kann. Ja, genau. Sehr gut. Macht das zuhauf. Und da ist mir aufgefallen, dass es in der deutschen Podcast-Landschaft so gut wie keine Besprechungen zu Filmen von... Pietro Almodovar gibt. Fände ich ziemlich cool, wenn ihr euch für den Podcast irgendwann mal was von ihm ansehen könntet. Meine Favoriten sind La Mala Educación. Hat sich das richtig ausgesprochen? Ich habe keine Ahnung. Das Gesetz der Begierde und Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs und die Haut, in der ich wohne. Liebe Grüße und nochmal danke für die gute Unterhaltung, Samira.
Florian Bayer: Finde ich voll gut, weil ich glaube... Also ich hatte es immer so ein bisschen auf dem Film, dass wir eigentlich mal über einen Almodovar reden müssten. Problem ist, ich bin nicht der größte Almodovar-Fan. Also Es gibt Filme von ihm, die ich total liebe. Er hat richtig fantastische Filme gemacht. Er ist manchmal so Hit or Miss, glaube ich. Ich weiß es nicht. Aber dann lass uns doch einen Film nehmen, den ich noch nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Den du noch nicht gesehen hast? Ja, dann müssen wir den Unbekanntesten nehmen oder was? Nee, ich
Florian Bayer: Also das Gesetz der Begierde und La Mala Education habe ich von den Filmen, die sie genannt hat, nicht gesehen. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs und die Haut, in der ich wohne, habe ich gesehen. Das heißt, wir nehmen einfach den ersten, den sie nennt, la mala educación.
Johannes Franke: Okay, gut, dann gucken wir La Mala. Du kennst den auch nicht, ne? Nein, keine Ahnung. Ehrlich gesagt, ich habe noch nicht den einzigen Film von Almodovar gesehen. Also insofern großartig.
Florian Bayer: Dann haben wir das abgehandelt. Wir haben nächste Woche Überraschungsei für mich und Johannes. Ja. Für uns beide. Wir wissen nicht, was für einen Film wir besprechen. Und wir werden sehen, ob das ein Film ist, der das Prädikat Muss man sehen verdient.
Johannes Franke: Sehr schön. Samira, vielen Dank. Ja, danke Samira. Und an euch da draußen, lasst euch das ein Beispiel sein. Wir hören uns nächste Woche.
Florian Bayer: Bis dann. Ciao.
