Episode 141: The Lodger (1927) – Der erste echte Alfred-Hitchcock-Film
Dreimal haben wir uns bereits in unserem Podcast mit Alfred Hitchcock auseinandergesetzt. Dabei haben wir uns vor allem mit seinen amerikanischen Filmen der 50er Jahre auseinandergesetzt. Dieses Mal reisen wir weit zurück in die Vergangenheit… weit weit zurück. Im Jahr 1927 entstand mit The Lodger einer der wenigen Stummfilme Hitchcocks, den der Großmeister selbst als seinen ersten echten Hitchock-Film bezeichnet hat.
Wir tauchen tief hinein in die Schaffensphase des jungen Alfred Hitchcock, irgendwo zwischen deutschem Expressionismus und britischer Suspense. Gleichzeitig versuchen wir aber auch sein – eher nicht so bekanntes – Frühwerk in den Kontext seines Gesamtschaffens einzuordnen. Wo stand Alfred Hitchcock 1927? Wo sollte er danach in den 30ern als wichtigster britischer Regisseur stehen? Wie ging es weiter, nachdem er 1940 in die USA aufgebrochen war? Wie wurde er dann zum wichtigsten Thrillerregisseur Hollywoods? Und dann geht es auch schon wieder zurück, immer mit der Frage im Nacken: Welche typischen Hitchcock-Trademarks finden wir in diesem spannenden Frühwerk?
In unserer Top 3 schauen wir auf die besten Filme, bei denen Mieter und Untermieter im Mittelpunkt stehen.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 141: The Lodger (1927) – Der erste echte Alfred-Hitchcock-Film Publishing Date: 2023-09-13T08:49:10+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/09/13/episode-141-the-lodger-1927-der-erste-echte-alfred-hitchcock-film/
Florian Bayer: Und macht dann noch so diese Geste des Hängens. Dann werde ich den Ring an Daisys Finger legen und sie guckt so genervt und angewidert. Es ist fantastisch.
Johannes Franke: Herzlich willkommen hier, lieber Bloor und liebe Zuhörenden in meiner Küche. Schaut euch ein bisschen um, setzt euch hin, nehmt euch einen Keks und einen Tee. Apropos Tee, möchtest du Tee, Flor?
Florian Bayer: Ja, bitte, Johannes. Hallo, Johannes. Hallo, liebes Publikum. Tee extrem passend zu unserer heutigen Episode, denn... Wir reisen wieder nach Good Old Britain ins United Kingdom zu dem Regisseur des United Kingdoms, nämlich zu Alfred Hitchcock. Alfred Hitchcock, den wir ja schon ein paar Mal in unserem Podcast besprochen haben, ne?
Johannes Franke: viel über ihn geredet, deswegen brauchen wir auch keine weitere Introduction zum Thema Alfred Hitchcock.
Florian Bayer: Johannes guckt mich ganz panisch an, weil ich davor gesagt habe, Johannes Ich hab's jetzt raus. Ich hab Hitchcocks persönliche Filmvita in ein System gepresst. dass es ermöglicht, sich im Hitchcock-Universum zu orientieren. Und ich würde dieses System heute gerne vorstellen.
Johannes Franke: Ich glaube dir kein Wort.
Florian Bayer: Tatsächlich handelt es sich darum, um ganz banales Wikipedia-Wissen, aber ich habe gedacht, es macht total Sinn, das nochmal extrem verkürzt aufzubereiten und nochmal so ein bisschen neu zu sortieren. um zu sagen, okay, wenn wir uns im Oeuvre Hitchcocks bewegen, dann finden wir hier so ein bisschen die markanten Stellen und nachdem wir jetzt Drei Hitchcock-Filme? Ja. Drei Hitchcock-Filme im Podcast bereits besprochen haben.
Johannes Franke: Moment, die müssen wir kurz wiederholen. Welche drei?
Florian Bayer: Wir haben über den großen Rom-Com-Klassiker Mr. und Mrs. Smith geredet. Das war unser erster Hitchcock.
Johannes Franke: Das Schlimmste, was wir hier geguckt haben.
Florian Bayer: Also es war auf jeden Fall, es war ein komischer Start für Hitchcock, auch ein komischer US-Start für Hitchcock. Wir haben über das Fenster zum Hof geredet. Einen der besten Hitchcock-Filme überhaupt. Das war ein tolles Gespräch zu einem fantastischen Film, dem wir natürlich, dem man es nie recht tun kann, dem man nur unrecht tun kann. Ich suche eigentlich eine andere Formulierung.
Johannes Franke: Egal. Dem man nie gerecht werden kann.
Florian Bayer: Dem man nie gerecht werden kann. Danke. Und wir haben über Hitchcocks James Bond Versuch der unsichtbare Dritte geredet. Ja. Und das heißt, wir haben uns eigentlich gerade, wir haben uns in einem sehr amerikanischen Umfeld bewegt. den amerikanischen Film von Hitchcock geguckt. Mr. & Mrs. Smith, als er Anfang der 40er ganz frisch in Amerika war und da sich echt schwer getan hat mit dem amerikanischen Studiosystem.
Johannes Franke: Wie man im Film an sieht. Aber ich weiß nicht, ob der Film wirklich so darunter gelitten hat, aber irgendwie... Ich glaube darunter hat gelitten, dass er versucht hat eine Screwball-Komödie zu machen, was einfach nicht funktioniert hat.
Florian Bayer: Kehren wir das beiseite. Tun wir so, als hätte dieser Film nicht stattgefunden. Wie Hitchcock es gerne mit einigen seiner Filme macht. Dazu kommen wir bestimmt noch kurz zu reden. Und dann haben wir uns die Hochphase angeschaut von Hitchcock, als er sich etabliert hat in den USA und einfach mal so zum mächtigsten... Film-Mogul, der kein direkter Film-Mogul ist, Amerikas aufgestiegen ist. Und zwar mit Das Fenster zum Hof 1955 und Der unsichtbare Tritte 1959. Und ich hab zu Johannes Letzte Woche gesagt, ich kenne mich echt wenig aus mit Hitchcocks Frühphase und ich glaube, dir geht es genauso, ne?
Johannes Franke: Ja, überhaupt nicht aus. Also noch weniger als du. Egal, wie viel du nicht gesehen hast, ich habe garantiert noch weniger nicht gesehen.
Florian Bayer: Dazu muss man ja sagen, der Mann hat 50 Filme in 50 Jahren gedreht. Und es ist wirklich eine Mammutaufgabe, alles von Hitchcock zu sehen. Aber wir arbeiten uns so ein bisschen vor und wir werden bestimmt in diesem Podcast... Nicht in einer der nächsten Episoden, aber irgendwann dem ein oder anderen Hitchcock wieder begegnen.
Johannes Franke: Bevor wir da voll reingehen, zwei Sachen. Das eine, ah dein Mikro, irgendwas stimmt mit deinem Mikro doch nicht.
Florian Bayer: Nein.
Johannes Franke: Danke. Es zeigt immer ein bisschen an deinem Mund in die eine Richtung vorbei und dann denke ich immer, naja. Am Ende klingt alles gleich, aber zu meiner Beruhigung. Und das andere ist, für euch. Auch wenn dieser Film 1927 rausgekommen ist und ihr wirklich viel Zeit hattet, den zu sehen, Ich möchte für diesen Film trotzdem eine Spoilerwarnung rausgeben, dass ihr vielleicht doch diesen Film vorher guckt. bevor wir darüber reden, weil das ist einer der Filme, wo ich in ein riesiges Fettnäpfchen getreten bin, als ich meiner Freundin... Freundin erzählt habe, worum es im Film geht. Und sie dann sagte, Alter, hast du mir gerade das Ende verraten? Nein! Und ich gedacht habe, scheiße, stimmt. Das ist ja wirklich wichtig für diesen Film.
Florian Bayer: Es ist ein Film, wo es sich wirklich lohnt, unbedarft ranzugehen und sich einfach davon überraschen zu lassen. Und wie Johannes angekündigt hat, wir werden in dieser Episode ganz viel zu dem Film spoilern.
Johannes Franke: Du! Ja, du! Der nun folgende Programmteil. enthält sensible Informationen über den Handlungsverlauf.
Florian Bayer: Es ist Hitchcocks erster richtiger Hitchcock-Film, wenn wir dem Meister trauen. Das hat er nämlich Francois Truffaut gesagt, der sich mit Hitchcock unterhalten und das Ganze in Buchform festgehalten hat. Zudem hat er gesagt, das war mein erster richtiger Film. Eigentlich handelt es sich um seinen dritten Film und einen seiner wenigen Stummfilme. Und vielleicht springen wir jetzt einfach einmal ganz kurz rein in Hitchcock.
Johannes Franke: Du weißt, dass ich einen Jingle dafür habe, ne?
Florian Bayer: Du hast einen Hitchcock-Jingle?
Johannes Franke: Nein, ich habe einen Jingle für... Bitte tu spiel nicht. Klugscheißen mit Plur. Das hast du nur davon.
Florian Bayer: Los, scheiße klug. Klugscheißen zu Alfred Hitchcock und ich versuche es wirklich kurz zu halten. Und einfach nur mal mit den Basics, wer ist dieser Mann, über den man ständig stolpert, von dem wir ständig reden, wenn wir von der amerikanischen und auch britischen Filmgeschichte reden? Alfred Hitchcock wurde geboren im Jahre 1899 in England und ist als Sohn sehr religiöser Eltern. sehr früh mit dem Konzept der Angst in Berührung gekommen. Es gibt diese eine Anekdote, die man immer wieder hört, auch von ihm selbst erzählt, wie sein Vater ihn mit einem Zettel zur Polizei schickt und die Polizei nimmt ihn dann und steckt den jungen Alfred Hitchcock als Kind in den Knast und sagt zu ihm, nicht lang, ein paar Minuten.
Johannes Franke: In der Zelle. In der Zelle. Und sagt dann, that's what we're doing with naughty boys. Was wirklich für den jungen Alfred Hitchcock... Aber das muss so schrecklich gewesen sein. Wirklich so eine Traumatisierung quasi.
Florian Bayer: Es ist übelste schwarze Pädagogik. Er weiß nicht, was er angestellt hat. Er wird da hingeschickt. mit diesem Zettel. Er weiß nicht, was da draufsteht. Vielleicht hat er ja gar nichts angestellt. Vielleicht wollte sein Vater einfach mal, dass er das kennenlernt. Ja, und das hat ihn geprägt. Hitchcock ist von Angst geprägt. Es gibt viele Anekdoten aus seiner Kindheit und Jugend. Er ging halt auch auf eine religiöse Schule und er wurde halt auch mit dem Rohrstock regiert. Hitchcock ist einfach ein Opfer der schwarzen Pädagogik, der katholischen Erziehung. Ja. Wir profitieren davon durch seine Filme. Tatsächlich war Hitchcock schon immer vom Film fasziniert. Er war ein kleiner, pausbäckiger, dicker Junge, so wie er es selbst sagt. War eher ein Außenseiter und hat sich in allerlei Nerdkram geflohen und irgendwann war das halt auch in der späten Jugend die Begeisterung für den Film, der damals noch relativ jung war. Und als dann das großamerikanische Studio Paramount 1920 in London ein Studio aufgemacht hat, hat er gesagt, Klar, Filme arbeiten könnte ich. Er war technischer Zeichner, er hatte eine Ausbildung, er hatte Ahnung von Zeichnung, von Grafik. Und das war auch das erste, was er gemacht hat. Er hat nämlich die Zwischentitel gezeichnet. Also bei den klassischen Stummfilmen kennt man das ja, gibt es Text und Tafel und Bild. Und er hat sich halt einfach darum gekümmert, um die schönen Schnörkel, um alles das, was den Text schön einrahmt. Das werden wir auch in diesem Film sehen, dass er dafür ein Faible hatte. schöne Zwischentitel zu produzieren, die dem Filminhalt nochmal eine andere Schwere geben. Und dann war es so, dass er bei Paramount und bei Gainsborough Pictures, wo er gearbeitet hat, nachdem Paramount das Studio in England wieder dicht gemacht hat, mehr und mehr andere Aufgaben. übernommen hat. Der Film war einfach noch ein junges Medium und wer irgendwas konnte, der hat dann halt Sachen gemacht.
Johannes Franke: Ja, der hat Sachen gemacht.
Florian Bayer: Er hat gezeichnet, er hat das Set designt irgendwann, er hat Kostüme designt. Er hat angefangen, irgendwann das Lektorat von Drehbüchern zu machen. Regieassistent, Produktionsplanung, Produktionsleitung. Er hat sich so nach und nach da einfach hochgearbeitet, indem er mehr und mehr Aufgaben gekriegt hat und ist quasi so ein bisschen da reingestolpert, auch in seine große Regie-Karriere.
Johannes Franke: Ich glaube, die wichtigste Aufgabe, die er übernommen hat, wo ich ihn auch am ehesten sehe, sind die ganzen... Storylines aufgeschrieben. Also es gab jemanden vom Studio, der gesagt hat, In welche Richtung könnten wir verschiedene Storys machen? Was könnten wir drehen? Welche Ideen haben wir? Und er hat ganz viele Ideen rausgehauen, ganz viele... Sachen aufgeschrieben, die irgendwie zu Storys oder zu Teilen von Filmen geworden sind. Und es ist spannend, also einen Haufen Ideen rauszuhauen, ist halt interessant.
Florian Bayer: Sich auch so mit Ideen zu beschäftigen und wie entstehen. Ideen, Geschichten, was macht die Dramaturgie aus? Drei Namen würde ich gerne nennen, die er in der damaligen Zeit kennengelernt hat, die einfach unglaublich wichtig für seine Karriere sind, sowohl damals als auch später. Einmal der Produzent Michael Bacon. für den er dann bei Gansborough gearbeitet hat. Als Paramount geschlossen hat, den hat er bei Paramount kennengelernt. Der war der erste, der eben Regieassistenzstellen gegeben hat und ihn mehr und mehr so Richtung Produktionsleitung auch gepusht hat. Der zweite Name ist der Regisseur Graham Cutts. mit dem er vor allem dann viel in Deutschland unterwegs war. Dazu kommen wir gleich, wenn wir zu seiner ersten großen Schaffensphase als Regisseur kommen. Und der dritte und wichtigste Name, nicht nur für diese Zeit, sondern für alle Zeiten Hitchcock, ist Elmer Revel. Die nämlich als Editor... der beim Film gearbeitet hat. Er hat sie auch bei Gainsborough Pictures in der damaligen Zeit kennengelernt.
Johannes Franke: Und wer nicht weiß, wie sie aussieht, kann sich diesen Film anschauen, denn sie taucht auch auf.
Florian Bayer: Ja. Und sie wurde nicht nur zu einer seiner wichtigsten Mitarbeiterinnen, sondern auch zu seiner wichtigsten Zuarbeiterin. für ganz viele Filme durch seine gesamte Karriere als seine Frau. Sie war einfach irgendwann ein Teil von dem Hitchcock-Team. Ich glaube, ihre Rolle wird mittlerweile nicht mehr, aber wurde ganz lange unterschätzt, wie viel sie Hitchcock zur Seite gestanden hat, wie viel sie beraten hat, wie viel sie auch... Alle möglichen Rollen übernommen hat bei seinen späteren Filmen und als seine Frau halt wirklich einfach ein wichtiges Mitglied war. Das Hitchcock-Teams war.
Johannes Franke: Sie war seine Vorgesetzte am Anfang. Sie muss auch ein bisschen was mitgemacht haben mit ihm.
Florian Bayer: Ja, man kennt ja so Hitchcocks Verhalten. Es gibt ja so Geschichten von Tippi Hedren zum Beispiel, wie er sich gegenüber Frauen verhält und das ist wohl nicht sehr galant. Er selbst erzählt es so ein bisschen, als ob Alma ihn gerettet hätte in seiner Beziehung zu Frauen, weil er sagt, er ist als Jungfrau in die Ehe gegangen. Und einige, die sich mit seiner Vita näher beschäftigen, sagen auch, das ist total plausibel. Der war einfach ein kompletter Außenseiter. Das war einfach kein Ladies Man. Mhm. Der war unerfahren, als er sie kennengelernt hat. Und ja, wie gesagt, halt so der kleine, dicke, pausbäckige Alfred, der war 1,70 groß war ja und ... Er war immer übergewichtig sein ganzes Leben lang und hat sich einfach extrem schwer getan. mit dem anderen Geschlecht und dann hat er zu ihr aber eine sehr treue und sehr lange Ehe gehabt. Obwohl er ständig auch mit diesen weiblichen Fantasiebildern gespielt hat in seinen Filmen. Kommen wir zu seinen großen Phasen. Die fangen nämlich jetzt an. Er ist irgendwie ins Filmgeschäft reingestolpert und die erste Zeit... würde ich sagen, geht von 1925 bis 1929 und das ist seine Stummfilmzeit oder seine deutsche Phase. Und die klammere ich ganz kurz aus, weil das natürlich die Phase ist, in der dieser Film entsteht. Das heißt, einfach einmal kurz merken, 1925 bis 1929, seine Stummfilmzeit war gar nicht so lang. Aber es sind so vier, fünf Filme... Es sind ein paar Filme in der Zeit entstanden.
Johannes Franke: Und auch das Wort deutsche Phase werden wir in unsere Großfirmen durchsetzen.
Florian Bayer: Ganz wichtig, ja. Das zweite ist die große britische Phase. Die Tonfilme und vor allem auch das Finden des... Thriller-Themas. Da hat er angefangen, Kriminalfilme zu machen und Mystery- und Suspense-Filme. Und zwar geht die perfekt von 1929 bis 1939. Wir haben hier wieder so eine schöne 10-Jahres-Phase. Und in dieser Zeit sind sehr viele Hitchcock-Klassiker entstanden, wie der Mann, der zu viel wusste, das Original. Das hat er ja später nochmal im Remake gemacht. 39 Steps. Sabotage, also so einige große Filme und in der Zeit ist er auch zum bestbezahlten Regisseur Englands. groß aufgestiegen, gehörte zu dem großen Autorenfilmer des britischen Kinos und die britische Filmlandschaft hat das auch sehr dankbar aufgenommen, weil die Briten hatten damals keinen... Hitchcock ist ein fantastischer Regisseur. Aber man hat manchmal das Gefühl, wenn man sich so seine Frühzeit betrachtet, gerade so in den 30ern, der wurde auch in diese Richtung gepusht. Die wollten einen britischen Autorenfilmer. Die Deutschen hatten ihren Murnau und ihren Lang. Die Amerikaner hatten ihren Chaplin. Ja, irgendwie war es so, wir Briten brauchen auch jemanden. Nimm doch den Alfred. Gute Filme.
Johannes Franke: Wobei Chaplin ja eigentlich auch Brite war ursprünglich.
Florian Bayer: Ja, der amerikanischste Brite, den man sich vorstellen kann.
Johannes Franke: Ja, naja. Es ist aber auch so, was man auch ein kleines bisschen dazu sagen muss, ist, dass die Zeit damals... schwer war für den britischen Film. Sie brauchten auch dringend jemanden, der sich darum kümmert. der irgendwie nach vorne gestellt werden kann, der irgendwie das britische Kino quasi wie rettet. weil die Zahlen waren wirklich schlecht und dann gab es sogar noch irgendwie ein ein Gesetz, das 1927 den Film-Act, der dazu führte, dass man mindestens 5 bis 20 Prozent britische Filme im Kino haben muss. Wie die Franzosen mit dem Radio das gemacht haben. Dass französische Songs gespielt werden. Und
Florian Bayer: Und dann guckst du als Produzent da drauf oder als Verleih und stellst fest, es gibt gar nicht so viel
Johannes Franke: Was machen wir denn jetzt? Irgendwas müssen wir ja machen.
Florian Bayer: Und Hitchcock hat viel gedreht in der damaligen Zeit. Er hat teilweise mehrere Filme pro Jahr gedreht. Es ist halt auch so ein bisschen die Zeit der Fließbandproduktion. Also damals, gerade so Ende der Stummfilmzeit, sind Filme sehr schnell rausgehauen worden von den Studios. Ein Vorbild war natürlich Amerika. Die haben einfach unglaublich viele Filme veröffentlicht. Die Regisseure waren fest angestellt, das war Hitchcock auch beim Studio. Die haben für das Studio gearbeitet, konnten sich teilweise ihre Plots nicht selbst aussuchen, sondern haben eigentlich was vorgesetzt gekriegt. Und Hitchcock war da so ein bisschen eine Ausnahme, einfach weil er diesen Ruf hatte, dass er Der beste Regisseur Großbritanniens. Und dieser Film, über den wir nachher sprechen, der spielt für diesen Ruf eine ganz große Rolle. Da wurde nämlich in den Kritiken wortwörtlich geschrieben, das ist wahrscheinlich der beste britische Film, der je inszeniert wurde. Genau und deswegen konnte Hitchcock sich das so ein bisschen aussuchen, aber er war trotzdem auch in dieses Studiosystem eingebettet. Was macht man, wenn man in seinem Heimatland ganz erfolgreich ist beim Film? Man lässt es im Stich. 1939 beginnt Hitchcocks Hollywood-Phase.
Johannes Franke: Aber er war auch einfach frustriert. Ja. Er war frustriert davon, dass ihm ständig reingeredet werden sollte und dass er irgendwie, also obwohl er so groß war, gab es immer wieder Leute, mit denen er aneinander geraten ist.
Florian Bayer: Und es wurde natürlich auch heftig um ihn geworben. David Osalsnik, mit dem er dann eine Zeit lang gearbeitet hat, der Hollywood-Mogul der damaligen Zeit, der wollte ihn haben. Der hat gesagt, du bist der beste Spieler. da auf dem Platz. Ich will dich für mein Team haben.
Johannes Franke: Aber er wollte eben reinreden.
Florian Bayer: Ja, natürlich wollte er eben reinreden. Und das ist auch die Phase von 1939 bis 1947, die dritte Phase, die erste Hollywood-Phase, in der Hitchcock nach Amerika kommt und schon ein bisschen auf die Schnauze fällt, einfach enttäuscht ist. Also er hat sich was anderes erhofft und dann dreht er so einen Film wie Rebecca, dem nicht besonders viel Erfolg bedacht ist. Er dreht Mr. und Mrs. Smith, als Vertragsarbeit, die ihm echt keinen Bock macht und seine Filme, die er doch mit ein bisschen mehr Liebe dreht, wo er wirklich dahinter steht, wie das Rettungsboot, kommen halt nicht so gut an, weil er da offensichtlich, zumindest in den Augen des amerikanischen Publikums, zu sehr einen Deutschen als Helden inszeniert oder zumindest als überlegenen
Johannes Franke: Wie weit willst du eigentlich so gehen mit der Hitchcock-Geschichte?
Florian Bayer: Zwei Phasen kommen noch, dann sind wir durch.
Johannes Franke: Ich wollte bloß kurz die Zuhörerschaft darauf hinweisen, es gibt da so einen Button, da kann man... Mal zwei. Also, dass du einfach ein bisschen schneller redet.
Florian Bayer: Die zweite Hollywood-Phase, 1949 bis 1994. Also zweite Hollywood-Phase, das ist seine größte Zeit. Und das ist, glaube ich, die Zeit, wo alle sagen, das sind seine besten Filme entstanden. 1949 bis 1964, gut 15 Jahre. 50er Jahre, Filme, wir haben es vorhin schon gesagt, wie das Fenster zum Hof, wie Vertiko, wie der unsichtbare Dritte, aber auch dann die ersten etwas düstereren Filme, also noch düstereren Filme. wie Psycho 1960 oder Die Vögel 1963. Und dann als letztes haben wir sein Spätwerk von 1964 bis 1976. Wo er sich eigentlich eher so nicht ganz freiwillig ein bisschen aus dem direkten Filmgeschäft zurückzieht, einfach weil seine Projekte entweder scheitern oder von der Kritik zerrissen werden oder das Publikum hat kein Interesse mehr dran.
Johannes Franke: Aber auch
Florian Bayer: Interessante Filme entstehen in der Zeit wie zum Beispiel Marnie 1964, den ich ja für den schrecklichsten Hitchcocks-Film halte. Den aber manche wirklich mit Leib und Seele verteidigen. Also irgendwas scheint an ihm dran zu sein. Ehrlich gesagt, zwei meiner absoluten Lieblingsfilme von ihm, nämlich Friends, die 1972 in Großbritannien zurück, die große Rückkehr des großen Regisseurs, Und sein letzter Film von Mienkrab 1976, der einfach eine tolle Thriller-Komödie ist. 1980 ist Hitchcock dann in L.A. gestorben.
Johannes Franke: Jetzt hast du aber durchgerast.
Florian Bayer: Nein, ich hab gesagt, ich bringe das kompakt. Wir haben fünf Phasen. Merkt euch einfach diese Phasen, wenn ihr über Hitchcock nachdenkt. Die Stummfilmzeit bis 1929, die britische Phase bis 1939, die erste Hollywood-Phase bis 1947. die zweite Hollywoodphase bis 1964 und sein Spätwerk bis 1976. Und man findet eigentlich immer ganz gut so Haltepunkte in diesen Phasen. Gute Filme, schlechtere Filme, alles dazwischen und kann sich da, glaube ich, ganz gut orientieren. Und damit nochmal ganz kurz zurück zur ersten Phase.
Johannes Franke: Ich habe nur dazwischendurch eine Phase. Die drei Fragezeichen.
Florian Bayer: Die drei Fragezeichen. Mein Name ist Alfred Hitchcock.
Johannes Franke: Das war eine sehr kurze Phase. Er war zwischendurch Schirmherr von den drei Fragezeichen. Ja, er konnte ja auch perfekt Deutsch.
Florian Bayer: Also nicht perfekt Deutsch, aber er konnte sehr gut.
Johannes Franke: Er konnte sehr gut Deutsch, ja.
Florian Bayer: Weil er eben in Deutschland gedreht hat und das war in dieser Frühphase, in der Sturmfilmpphase, Da wurde er nämlich mit Graham Katz, den Namen habe ich schon genannt, großer Regisseur, wurde er nach Deutschland beordert, dort zu drehen, weil es gab einige deutsch-britische Koproduktionen. Für ihn muss das großartig gewesen sein. Er konnte Friedrich Wilhelm Murnau live beim Drehen erleben, den großen expressionistischen deutschen Filmemacher.
Johannes Franke: Unglaublich und wie er spricht über ihn ist auch voller Ehrfurcht fast. Wobei ich weiß nicht, Hitchcock und Ehrfurcht, aber du weißt Ja, man hat echt das Gefühl, dass er wirklich viel aufgesogen hat in der Zeit und gedacht hat, wow, ist das krass, das will ich auch.
Florian Bayer: Murnau war für ihn das, was er für Truffaut später werden sollte.
Johannes Franke: Ja, krass.
Florian Bayer: Michael Belken hat ihm dann, den Produzenten, den ich schon genannt habe, sein erstes richtiges Regieprojekt wieder in Deutschland gegeben, nämlich Irgarten der Leidenschaft, den er 1925 gedreht hat. der eine ziemlich teure deutsch-britische Koproduktion war mit großen Stars aus Amerika, aus Hollywood.
Johannes Franke: Klingt nach einem billigen Erotikstriller.
Florian Bayer: Klingt nach einem schrecklichen Melodram. Ich habe es nicht gesehen. Es würde mich interessieren, aber offensichtlich weiß Hitchcock jetzt auch nicht so viel Gutes darüber zu berichten. Und kurz darauf Film Nummer 2, auch eine deutsch-britische Koproduktion, der einzige Film von Hitchcock, der nicht mehr erhalten ist, nämlich der Bergadler aus dem Jahr. 1925, 1926 genau um diese Zeit gedreht und die beiden Filme wurden in England gar nicht veröffentlicht, die wurden offensichtlich eher so für den deutschen Markt gedacht und kamen dann nochmal mit Lodger zusammen ins Kino, quasi so ein Dribble-Feature, nachdem Hitch da bewiesen hat, dass er es drauf hat.
Johannes Franke: Der Produzent, der auch diesen Film eigentlich in der Schublade verschwinden lassen wollte.
Florian Bayer: Der Produzent, genau, CM Wolf.
Johannes Franke: Ja, genau. Ich und Namens, tut mir wahnsinnig leid.
Florian Bayer: Der war nicht davon überzeugt, weil das war ihm zu deutsch, zu expressionistisch.
Johannes Franke: Ja, zu künstlerisch. Der hat gedacht, das will kein Brite sehen, das ist doch alles Kunstwichse. Was natürlich so einen schönen Schritt zu uns in die Zukunft macht. immer wieder irgendwelche Produzenten höre, die sagen, nee, das verkauft sich alles nichts.
Florian Bayer: Kann man nicht machen, kann man nicht bringen. Und dann kommt halt, schafft das halt trotzdem mit diesem Film, der ein Riesenerfolg wird und aus ganz vielen Perspektiven gesehen der erste Hitchcock-Film ist. Wir haben den ersten Hitchcock-Film. mit Suspense.
Johannes Franke: Mit Frauen, mit blonden Frauen.
Florian Bayer: Mit blonden Frauen. Wir haben den ersten Hitchcock-Film mit einem Cameo. Ganz wichtig. Das ist das entscheidende Merkmal für einen Hitchcock-Film.
Johannes Franke: Vielleicht sogar zwei Cameos von ihm.
Florian Bayer: Es ist aber auch tatsächlich der erste Film, wo er wirklich... selbst dahinter stand, weil er wollte das Ding drehen. Er hat ein Drama gesehen, das auf der Vorlage basiert. Die Vorlage ist eigentlich ein Roman von Mary Bellow Clowns und der sehr stark angelehnt ist an die Jack the Ripper Morde. Und daraus ist ein Theaterstück entstanden. Und das hat Hitchcock gesehen, 1915 schon. Und er wollte das umsetzen. Er fand das ein cooles Set. abführenden Film.
Johannes Franke: Ja, es gab eine Anekdote, dass die Haushälterin von Marie Belloc Lounge oder von von jemandem, den sie kannte? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Jedenfalls sagte diese Haushälterin, ja, der Vormieter, das war Jack the Ripper. Wie so in einem Nebensatz.
Florian Bayer: Auch Serienkiller wollen irgendwo wohnen.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Und dann irgendwie war das auch das erste Buch, das dann irgendwie eine Lösung für diese Jack the Ripper Problematik angeboten hat. Es ist ja nie gelöst worden, wer es war. Das ist schon spannend, das ist interessant. Auch die Anekdote finde ich spannend, dass jemand einfach sagt, ja, der Jack the Ripper hat hier bei mir gewohnt. voll überzeugt ist, dass es derjenige war.
Florian Bayer: Diese Banalität des Bösen, das im Alltag ist und im Alltag lauert. Und um das schon mal vorwegzunehmen, wir haben vor zwei, drei, vier Episoden haben wir über M, eine Stadt sucht einen Mörder gesprochen, der ja ein bisschen später entstanden ist, 1931. Ich musste oft an diesen Film denken, als ich den hier gesehen habe.
Johannes Franke: Immer, immer, immer wieder. Das ist wirklich hart krass und ich denke dann die ganze Zeit darüber nach, inwiefern M sich dann noch an diesem Film mitbedient hat.
Florian Bayer: Was total denkbar ist, Fritz Lang, dass der geguckt hat, was die Konkurrenz in England macht. Mit Sicherheit wird Fritz Lang auch mal über Alfred Hitchcock gestolpert sein, wenn die in Deutschland an den Filmsets rumgelaufen in den Studios, dann sind die übereinander gestolpert. Dann hat er diesen Film bestimmt auch mit Interesse geguckt und dieser Film nimmt einiges vorweg, was wir später bei M nochmal in Tonfilmformen mehr ausgebaut sehen. Und zwar vor allem eben diese Angst und diese Paranoia, diese Panik, es läuft einem Mörder umher, es könnte jeder sein. Und wie sich die Öffentlichkeit aufstacheln lässt, aufwiegeln lässt und wie sie damit umgeht.
Johannes Franke: Wobei dieser Film das... als einer von vielen Themen hat, während ich glaube, dass M eben sich gedacht hat, gut, ich nehme das jetzt und setze mich voll auf dieses eine Thema drauf. Und hier in diesem Film, The Lodger, ist es ja ein bisschen mehr breiter gefächert.
Florian Bayer: Ich habe als einen meiner ersten Takes geschrieben, den Hitchcock auf der Suche nach seinem Genre. Und nach seinen Motiven. Und diese Suche gestaltet sich derart, dass, wie du gesagt hast, ganz viel da mit rein spielt. Zum Beispiel die Sozialkritik, die in M halt sehr groß ist. groß ist dieses Panorama. Aber wir haben auch Comedy-Momente, wir haben Horror-Momente, wir haben Thriller-Momente. Und drumherum wahrscheinlich dann doch vor allem ein Melodrama, oder? So ein klassisches Drama. Wo es um Menschen geht, die irgendwie Angst haben, Liebe suchen, die Erlösung suchen.
Johannes Franke: Am Ende geht es schon auch um diese Mob-Mentality, aber im Kleinen vor allem. Es kulminiert am Ende dann irgendwie in dieser Jagd. Mutter, die das hervorragend spielt übrigens, wie die immer stärker da reingerät in dieses... das ist doch dieser Typ, ich kann ihn nicht allein lassen mit meiner Tochter, um Gottes Willen. Was mache ich? Und da nachts im Bett sitzt und ihr Gesicht, ich werde dieses Gesicht nicht mehr los. Ich habe das im Kopf die ganze Zeit, weil sie das so gut spielt. und dieser nervöse Blick und die Kamera, die einfach das aushält. Und den Gegenschnitt mit seinen Aktionen hat. Die ist wirklich sehr, sehr gut.
Florian Bayer: Mary Old. Man kann sie wirklich hervorheben. In dem Film wahrscheinlich die stärkste Schauspielleistung. Aber wirklich. direkt unterschreiben. Springen wir mal kurz rein in die Handlung. Worum geht es? London ist in Panik. Es zieht nämlich ein böser Mörder um, der sich den heute überhaupt nicht merkwürdig klingenden Titel die Avenger gibt.
Johannes Franke: Tony Stark ist unterwegs.
Florian Bayer: Avengers unterwegs und hat es auf Blondinen, lockige Blondinen abgesehen, die er im Londoner Nebel ermordet und ein Triangle, ein Dreieck als sein Zeichen zurücklässt.
Johannes Franke: Mit einer Visitenkarte sozusagen.
Florian Bayer: Genau, wie das ein guter Serienkiller macht. Er hat, wenn der Film startet, schon ein paar Opfer, schon fünf Er hat auf jeden Fall ein paar Frauen umgebracht. Unsere Hauptfiguren in dem Film sind zum einen eine Familie. Die mit der Tochter Daisy, die bei einem Varieté auftritt, mit blonden Locken.
Johannes Franke: Beziehungsweise Varieté ist es glaube ich nicht, sondern es ist eine Modenschau einfach immer. Modenschau, ne? Sie ist quasi Mannequin.
Florian Bayer: Ja, genau. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, man hat ja sehr viel dieses Varieté Golden Curve.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, aber das ist, glaube ich, was anderes.
Florian Bayer: Das spielt so ineinander und ich hatte, okay, das nehme ich so.
Johannes Franke: Diese Einblendung, Tonight Golden Curls.
Florian Bayer: Das erste, was wir sehen fast, ne?
Johannes Franke: Hitchcock ist verliebt in diese Einblendung und ich finde es so ein gutes Mittel, so ein tolles Jetzt- wird der Mörder wieder zuschlagen oder das ist ein Zeichen und nicht ein einziges Mal in meinem ganzen Leben ist Ein Schriftzug in Licht und dann noch Tonight Golden Curls, sowas Naives. so bösartig eingebrannt in meinen Hirn, weil das wirklich krass schlimm wird mit der Zeit. Am Anfang ist es ganz unschuldig, eingebrannt und dann wird es immer Es greicht dich an, ne?
Florian Bayer: Und er bringt ja auch den Schriftzug Mörder und er lässt auch den Schriftzug Mörder blinken, so in weiß-schwarz ab. wechseln. Das ist fast schon so eine Spiegelung, dann so eine pervertierte Spiegelung von diesem, es ist ja auch nicht unschuldig, dieses Golden Curls, das hat ja so was, es hat ja so ein bisschen was Anrüchiges, die
Johannes Franke: Ja, ja. Irgendwie ist es schon sexualisiert.
Florian Bayer: Und Jack the Ripper war ja auch der Prostituiertenmörder. Und jetzt wird nichts deutet darauf hin, dass die Opfer hier Prostituierte sind. Aber zumindest gibt es dieses anrüchige Milieu, in dem sie sich bewegen. Diese Nachtshows und da ist ja auch... Wenn der Mieter dann zu Besuch ist, um Daisy zu sehen und dann sitzt diese Frau neben ihm, die Zigarette rauchten, die es offensichtlich auf ihn abgesehen hat. Und dann ziemlich sauer ist, dass er an ihr kein Interesse hat und nur so etwas gelangweilt ihre Zigarette anzündet. Naja, auf jeden Fall haben wir dieses Milieu. Und Daisy ist in... Ist eine Tänzerin, ist ein Manneker, ist auf Modenschauen unterwegs und hat blonde Haare. Ist gefährdet, Opfer zu werden und sie lebt bei ihren Eltern. Hat einen Verehrer, unseren guten alten Joe.
Johannes Franke: Der gute alte Joe.
Florian Bayer: Ich mag Joe. Ich finde Joe ganz schrecklich, aber ich mag ihn auch ein bisschen.
Johannes Franke: Okay, das müssen wir nachher genauer erklären.
Florian Bayer: Und die vermieten ihr oberes Stock. und sie kriegen einen neuen Mieter, der keinen Namen hat. Das ist einfach The Lodger in diesem Film. Und dieser Lodger Verhält sich von Anfang an mysteriös und wie er auftritt, wirkt er auch genauso wie der Killer sein könnte, weil eine Dame hat den Killer beobachtet und hat gesagt. Und er hat sich dann so das Cape oder den Schal ins Gesicht gezogen, nach oben gezogen.
Johannes Franke: Hier kann jeder Londoner machen, wenn es kalt ist. Hallo?
Florian Bayer: Und er tritt genauso auf und macht offensichtlich auch nichts, um irgendwie unverdächtig zu wirken. Er kommt in das Zimmer, das er mietet, sieht die Bilder von den blonden Frauen und sagt... Nein, ich konnte das nicht sehen. Mach das weg. Und verhält sich so ein bisschen wie so ein Vampir auf Stippvisite. Es ist wirklich krass, oder? Die ganze Zeit denke ich, okay, das ist ein Vampir.
Johannes Franke: Voll inszeniert wie ein Vampir. Unglaublich. Ich seh die ganze Zeit Nosferatu um die Ecke gucken.
Florian Bayer: Und dementsprechend wird dann auch die Frau des Hauses, gespielt von Mary Old, wir haben schon erwähnt, dass sie großartig ist, wird das erste eigentlich misstrauisch. Parallel wird aber auch Joe extrem wütend auf den Mieter, weil Daisy ja Interesse an den Mieter hatten. Das kann ja nicht sein. Sie ist ja Joes Frau. Und Joe lässt sich dann genauso wie der Herr des Hauses nur allzu gerne einspannen von den Ängsten, die die Haushälterin hat.
Johannes Franke: Ja, wobei das erst später dann passiert, dass er dazu kommt. Aber sie steckt den Mann an und der irgendwie am Anfang noch so nah, das kann doch nicht. Und dann, oh Gott, oh
Florian Bayer: Und wir erleben dann eine klassische Geschichte von Angst und Paranoia, von der ständigen Frage, ist er jetzt der Killer? Oder ist das nicht? Und erfahren peu a peu, wie die Wahrheit hinter ihm aussieht. Er hat nämlich tatsächlich ein Geheimnis und er hat auch eine sehr enge Verbindung zu dem Mörder. Wir können eigentlich spoilern. Ich mache das gerade so, als ob ich es nicht spoilern wollen würde.
Johannes Franke: Ja, der Spoiler ist natürlich nach so langer Zeit der
Florian Bayer: Johannes, du hast schon einmal richtig böse gespoilert. Du darfst es jetzt nochmal ganz offiziell machen.
Johannes Franke: Er ist nicht der Killer. Leute, Leute, er kann überhaupt nichts dafür. Er ist hinter ihm her, aber er tut auch nichts dafür. irgendwie unverdächtig zu verhalten. Er könnte auch jederzeit zu allen Personen im Film gehen und sagen, Leute, ich habe folgendes vor. Ich suche den Killer, weil der hat nämlich meine Frau umgebracht.
Florian Bayer: Seine Schwester.
Johannes Franke: Seine Schwester, genau. Und dann, ja, wäre alles geklärt und es gäbe keinen Film. Okay, gut.
Florian Bayer: Sie verdächtigen ihn weiter. Wir erfahren irgendwann im Laufe des Films, dass er das genau macht. Und zwar, als die Polizei sein Zimmer durchsucht, angetrieben vom eifersüchtigen Joe. Und er flieht dann und erzählt Daisy alles. wird am Schluss von einer Meute gejagt und deswegen ein gut großer Punkt für Jojo Ehrenmann. Findet heraus, dass der echte Killer gerade verhaftet wurde und geständig war und rennt zur Hilfe, obwohl das eine perfekte Möglichkeit wäre, seinen Nebenbuhler loszuwerden.
Johannes Franke: Ja, da war ich ein bisschen überrascht fast, weil der Film ja doch sehr platt in die Richtung, in eine andere Richtung gegangen ist. Aber er ging ja auch platt auf die Richtung zu, dass es der Killer ist und war es dann am Ende nicht. Insofern hat er zwei Turning Points, die mich überraschen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik?
Florian Bayer: Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein.
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify. Spotify oder Apple oder sowas.
Florian Bayer: iTunes, Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Johannes Franke: abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-musmann-sehen.de oder florian-at-musmann-sehen.de Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter.
Johannes Franke: Boah, wir sind schnell durchgekommen. Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch. Jetzt müssen wir uns die einzelnen Sachen mal vornehmen.
Florian Bayer: Was macht Hitchcock, um Ambiente zu schaffen, um Spannung zu erschaffen, um Atmosphäre zu erschaffen?
Johannes Franke: Ich finde, die ersten 20 Minuten sind der absolute Hammer. Also ein absolutes Meisterwerk. Danach gibt es immer mal so Punkte, wo ich denke, okay, jetzt wird es vielleicht ein bisschen witzig und freiwillig, aber... Aber die ersten 20 Minuten, wie er diese Angst etabliert, wie er die Morde etabliert, wie er... Den Blick von den Dreien, die das Haus vermieten, nach oben in das Zimmer, wo er langläuft.
Florian Bayer: Klaas.
Johannes Franke: wo Hitchcock auf Glas ihn laufen lässt, damit man einmal durch die Wand gucken kann, durch die Decke gucken kann. am Kronleuchter vorbei, der wackelt, weil der so sehr in seinem Zimmer hin und her rennt. Es ist so großartig. Es gibt so viele geile Ideen und es ist ein gutes Pacing drin.
Florian Bayer: Truffaut hat ja Hitchcock gefragt, wie er das gemacht hat und warum er das gemacht hat. Hitchcock hat dann gesagt, ja, wir haben da wirklich eine Glasscheibe eingezogen, damit man das filmen kann. Also, dass wir sehen, als würden wir durch die Decke gucken. Und ich würde das heute aber nicht mehr machen, das war einfach notwendig, weil es ein Stummfilm ist und ich musste irgendwie diese Schritte, die sie hören, dass er so getrieben auf- und abläuft. Und man weiß nicht genau, was macht der gerade? Denkt der gerade nach? Hackt der was aus? Das muss sich irgendwie umsetzen. Und das ist halt ein tolles Stilmittel. Und eines von vielen, wo wir sehen, Hitchcock ist krass vom deutschen Expressionismus inspiriert. Wir haben ganz viele Szenen, in denen mit Schatten gespielt wird, mit Spiegelungen gespielt wird. Wenn wir die Spiegelung in den Pfützen sehen von London, wir haben Momente, wo einfach im Nebel Menschen auftauchen. in so totalen, manchmal in nahen und wieder verschwinden. Und es wirkt alles, es gibt einen ganz krassen Nosferatu-Moment an der Treppe mit Schatten. Wo du wirklich denkst, wow, da bist du vom Horror inspiriert. Und das hatte ich, dieses Gefühl hatte ich auch gerade am Anfang, wenn der Mieter auftritt, wow, wir sind hier wirklich in einem expressionistischen Horrorfilm. Wie er da reinkommt, wie er guckt.
Johannes Franke: dass es unglaublich wieder da steht. Diese totale, wenn sie die Tür aufgemacht hat. und eher draußen im Regen steht. Und es gibt ja einen großen Qualitätsunterschied zwischen dem drinnen, das klare Kontraste hat, und dem draußen, dass durch den Regen sehr, sehr kontrastarm geworden ist. Und das sieht so großartig aus, dieses Bild. Und es ist so gruselig.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und er hält das gar nicht so langsam, es ist ein relativ kurzes Bild, aber es brennt sich so ein und dann kommt er rein und guckt auch noch so krass. Meine Güte, dieser Schauspieler.
Florian Bayer: Es ist so eine tolle Mischung aus genau zum einen dieses Spiel von... von Ivo Novello, der den Mieter spielt, und diesen Reaction-Shots, die wir die ganze Zeit haben, sowohl von der Wirtin als auch von ihrem Mann, immer so, naja, sie versuchen freundlich zu sein. Sie wollen ja ihre Wohnung vermieten und sie nehmen ihn dann ja auch auf. Aber wie sie Blicke austauschen, wie sie Blicke mit uns austauschen. Wir haben öfter mal Blicke wirklich in die Kamera.
Johannes Franke: Ja, das fand ich so krass. Das ist intensiv. Das ist auch so ein Stimmfilm-Moment. Vor allem Joe guckt einmal so in die Kamera, wo er abblitzt bei ihr. weil er das Herzchen da aussticht und sie das irgendwie zerreißt. Und dann guckt er einmal so empört in die Kamera und ich denke, okay, bin ich denn einen Chaplin-Film oder einen Buster Keaton-Film gelandet? Was ist denn hier los?
Florian Bayer: Ich mag die komischen Momente zwischen Joe und Daisy. Ich finde auch ganz toll diesen Moment, wo er sagt, also er wird dann befördert bei der Polizei und wenn er dann sagt, und wenn ich ihn gefangen habe, wenn er hängt und macht dann noch so diese Geste des Hängens, Dann werde ich den Ring an Daisys Finger legen. Und sie guckt so genervt und angewidert. Es ist fantastisch. Ja, natürlich ist das albern. Aber Joe ... Joe sorgt in seinem Bezug zu Daisy, in seinem Simping for Daisy, sorgt er für wirklich tolle Comedy-Momente, auch wenn er ihr dann die Handschellen anlegt. Sie findet das überhaupt nicht geil und natürlich findet sie das nicht geil. Und es ist natürlich auch so Foreshadowing, so, oh Gott, meine Ehe wird in Gefängnis mit ihm, ich kann ihn nicht heiraten, ich will ihn gar nicht heiraten. Wer ist auf die Idee gekommen, dass wir heiraten?
Johannes Franke: Das ist so krass. Sie ist so eine Independent Woman, die ich gar nicht erwartet hätte in dem Film, muss ich sagen. Das ist schon krass. Also natürlich sagt sie nicht, nee Joe, das wird nichts mit uns, aber man sieht es einfach die ganze Zeit.
Florian Bayer: Sie hat so gar keinen Bock auf ihn. Aber er ist halt irgendwie auch Freund des Hauses. Die Eltern finden ihn total toll. Das ist der beste Schwiegersohn, den man sich vorstellen kann. Ich finde es super witzig, diese Kombi. Er taucht immer mal wieder auf. Übrigens auch großartig, ganz banal, dieses Bild. Sie wohnen so, wie heißt es, nicht Hochpartei?
Johannes Franke: Souterrain.
Florian Bayer: Souterrain. Und wir haben immer diese Londoner Beine, die an ihren Fenster vorbeigehen und dann kommt der halt immer so reingesprungen und dann weiß ich schon, okay, die Eltern werden sich freuen, sie ist voll genervt. Sie hat überhaupt keine Lust, dass er auftaucht, aber er taucht ständig auf. Er hängt da so nervig rum.
Johannes Franke: Aber sie machen schon rum.
Florian Bayer: Sie machen rum, genau. Sie kokettiert ganz schön viel mit seinen Announcen. Aber gleichzeitig gibt es eben auch ziemlich deutlich zu verstehen, hey Baby, ich will nur Spaß haben. Es zerreißt das Herz, oder? Ja, ja, ja. Weg. Sie will nichts mit dem Herz zu tun haben.
Johannes Franke: Aber er lässt sich nicht beirren.
Florian Bayer: Nein, er ist total hinterher.
Johannes Franke: Er findet das alles sehr charmant und sehr... Es macht ihn nur noch stärker, seine Liebe. Es ist unglaublich.
Florian Bayer: Es dreht sich auch bei ihm alles drum herum. Es ist, als der Lodger die Bilder abhängen lässt, steht Joe da so im Zimmer und lacht und sagt, oh Gott, ich bin froh, dass er nicht auf die Mädchen steht. Das ist seine einzige Triebfehler. Dieser Mann ist in Libido gegossene Polizei Uniform. Umgekehrt, in Polizeiuniform gegossene Libido.
Johannes Franke: Es ist auch so krass, wie er sagt, like the Avenger, I too like blonde girls. Und Ich denke, oh mein Gott, zieh doch nicht diesen Vergleich hier an. Was ist das denn? Oh, creepy.
Florian Bayer: Er legt seiner Freundin die Handschellen an, weil er denkt, das wäre romantisch, ein lustiges Spiel. Gott, Gott, Gott.
Johannes Franke: Und auch überhaupt, wie er das abhängig davon macht, ja, wenn ich dann den Strick um seinen Hals gelegt habe, dann kriegst du, und auch der Vergleich, Strick um den Hals, Ring um den Finger. Das ist ja auch unglaublich. Absolut. Warum macht man diesen Vergleich?
Florian Bayer: Dein Leben ist ab sofort vorbei. Und ich denke, Hitchcock macht das sehr bewusst. Er spricht die ganze Zeit mit dieser Handschellen- und Hängen-Metaphorik. Ja. Einfach, weil das das ist, was Joe machen will. Joe ist der perfekte Schwiegersohn. Joe will Daisy in Ketten legen.
Johannes Franke: Ich muss auch sagen, wir jumpen jetzt hin und zurück im Film, aber Joe traue ich nicht das Geringste zu als Investigator.
Florian Bayer: Nein. Der ist voll die Nulpe.
Johannes Franke: Der wird nichts rausfinden. Der wird auf gar keinen Fall rausfinden, wer dieser Mörder war.
Florian Bayer: Wir sehen doch sogar schon, dass der Lodger, Keine Mittel zur Verfügung hat, außer seine Karte, ist bei seinen Ermittlungen genauso weit wie die fucking Polizei. Er hat genau denselben... Stadtplan mit denselben Zeichnungen. Er weiß genau, wo der Killer zugeschlagen hat und wo er als nächstes zuschlagen könnte.
Johannes Franke: Es ist so dämlich. Meine Güte. Und Joes erster Hinweis auf irgendwas ist eigentlich nur, dass er auf den Lodger wütend ist und dann denkt sich, ja das muss doch der Killer sein.
Florian Bayer: Aber man muss Joe zugutehalten. Er wird eigentlich so richtig misstrauisch, wird er erst, wenn die Hauswirtin dann mehrmals mit ihm redet. Das stimmt. Und natürlich kommt ihm das gelegen, natürlich ist er davon total beeinflusst. Und diese Selbstgefälligkeit, wenn sie dann die Wohnung des Lodgers durchsuchen und diese Tasche finden. Ja, Wahnsinn.
Johannes Franke: Total krass. Er hat was versteckt. Das muss ja was bedeuten. Dann ist er ja der Killer, weil er etwas eingeschlossen hat.
Florian Bayer: Aber um nochmal Joe ein bisschen zu retten, Joe ist ein Ehrenmann. Als er herausfindet, dass der Lodger unschuldig ist, zögert er gar nicht. Keine Sekunde, um ihn vor dem Mob zu retten.
Johannes Franke: Das stimmt. Das stimmt wirklich.
Florian Bayer: Und Joe ist ein Naivling und Joe ist ein Dummbatz und Joe kann nicht mit Frauen umgehen und Joe ist natürlich auch ein Sexist. Ja. Aber Joe ist in dem Moment ein Ehrenmann und das halte ich ihm sehr zugute. Deswegen mag ich ihn irgendwie. Er ist halt auch der Loser des Films, ne?
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ach man, aber irgendwie so richtig viel Mitleid habe ich nicht mit ihm.
Florian Bayer: Daisy. Wenn wir schon bei den Personen sind.
Johannes Franke: Ah, ja, ja, okay. Ich habe das Gefühl, wie Joe... ist sie sehr stark, nicht komplett, aber sehr stark auf ihre Funktion zurückgeworfen. Die Figuren sind nicht so richtig gut ausgearbeitet, habe ich das Gefühl.
Florian Bayer: Ich finde, Daisy... hat eine wirklich coole Mischung aus diesem Unschuldigen, was man ihr ab einem gewissen Punkt nicht mehr abkauft. Ja, okay. Daisy hat Angst vor der Maus und muss sich deswegen vom Mieterthron trösten lassen. Genau so. Daisy ist irgendwie in diesem Golden Curl-Milieu unterwegs. Daisy kennt das Nachtleben. Daisy hat auch keine Sorge loszugehen, mal dienstags abends, um irgendwas zu machen.
Johannes Franke: Dazu muss man wissen, der Killer ist immer dienstags unterwegs.
Florian Bayer: Und Daisy hat eine sehr offene und sehr lebendige Art. Sie ist die Erste, die dem Mieter vertraut.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wenn sie in das Zimmer kommt, wenn er da ist und sich so noch so umguckt und sie lacht dann und freut sich irgendwie.
Johannes Franke: Wobei es nicht begründet wird. Sie wirkt entweder, man kann es interpretieren als Naivität oder als Wissen, also so dieses Straßenwissen, das man irgendwann hat. Man kann Leute einschätzen. Aber das wird nicht erzählt.
Florian Bayer: Es wird nicht erzählt, es wird ein Bild angezeigt. Show, don't tell.
Johannes Franke: Nein, ich meine nicht im Sinne, erzählt im Sinne von irgendjemand stellt sich hin und sagt, so lieber Zuschauer, jetzt möchte ich Ihnen mal erzählen, wie diese Video funktioniert. Aber das braucht es ja nicht. Aber ich will gerne irgendwie durch irgendein Geschehen wissen, dass sie das einschätzen kann und nicht, dass sie einfach nur naiv ist.
Florian Bayer: Ich finde, sie spielt Schach, sie ist intelligent. Wie wir alle wissen, ist dein Schach Elo durch 10, entspricht deinem IQ. Was, wirklich? Ja, natürlich. Das ist Hard Facts.
Johannes Franke: Okay, welchen hast du?
Florian Bayer: Naja, 130 ungefähr. Ist das jetzt der IQ oder der Schach? Das ist mein IQ. Wenn mein Schach-Elo durch 10 mein IQ ist, dann ist es 130. Ich finde, den Film über wird die ganze Zeit erzählt, dass sie cleverer ist als die Leute, mit denen sie da verkehrt. Ja, natürlich. Wenn der Lodger der Killer wäre, wenn er doch der Killer wäre, dann wäre sie das Naivling. Dann wäre sie die naive, die ihm vertraut und die nicht durchschaut, dass er böse ist. So ist sie aber die Clevere, die sich nicht von diesen Paranoian einspannen lässt, sondern dem Mann echt eine Chance gibt.
Johannes Franke: Ist aber auch eine Interpretationsfrage und ich würde wagen zu behaupten, dass Hitchcock das nicht unbedingt angelegt hat. Folgendes. Ich möchte das herleiten. Und zwar hat Hitchcock ein anderes Ende vorgehabt.
Florian Bayer: Ein ambivalenteres Ende.
Johannes Franke: Ein ambivalenteres Ende und... Nur durch die Besetzung des Schauspielers, der Zuseher, der Held, der Frau, und der große, tolle Liebling, Publikumsliebling war, der einfach nicht der Bösewicht sein durfte und deswegen... ganz unmissverständlich als nicht der Killer am Ende dastehen musste. Nur dadurch kam dieses Ende zustande. Und eigentlich ist der Film ja schon geschrieben gewesen und weiß nicht, wie viel Hitchcock sich dann gedacht hat, da muss ich die Frauenfigur ja ganz anders inszenieren. Weiß ich alles nicht genau. Ich würde gerne einmal unterstellen, dass das völlig unabhängig davon passiert, ob die Frauenfigur so inszeniert wird oder nicht?
Florian Bayer: Also ich glaube, wir haben eine absolute unschuldige Frauenfigur in diesem Film. Die hat nicht sehr viel Leinwandzeit. Das ist die Schwester des Lodgers. Wir haben diese krass Flashback-Szene irgendwann gegen Ende, wenn der Lodge erzählt, naja und meine Schwester war das erste Opfer des Avengers und dann sehen wir diesen Tanz, wie sie mit ihrem Bruder tanzt und Und es ist so die maximale Unschuld. Alles daran ist so die maximale Unschuld. Und sie ist damit ein bisschen meiner Meinung nach eine Kontrastfigur. zu Daisy, die als neue Bezugsperson, als die neue Leidenschaft des Lodgers, wir können gerne drüber reden, wie viel Inzestfantasien da rein interpretiert werden können. ich würde sie mal außen vor lassen, die als neue weibliche Bezugsperson des Mieters zeigt, wie er selbst seine Unschuld verloren hat auf der Suche nach dem Killer. Oh Flo, du sollst nicht immer so überinterpretieren, lass das. Das geht doch nicht, das kannst du doch nicht machen.
Johannes Franke: Nein, ich mag es ja. Ja, erzähl weiter. Gerne, gerne. Do elaborate.
Florian Bayer: Daisy ist eine Person, die keine Angst vor dem Killer hat. Daisy ist draußen. Am Dienstag. Tuesday, God forgive me, schreit die Hauswirtin. Sie versteht Daisy überhaupt nicht. Genauso wenig wie Joe Daisy versteht. Er will sie in Handschellen anlegen. Und der Lodger versteht aber Daisy. Und der Lodger ruft zu Daisy zu, bevor er vor den Polizisten in Handschellen aus dem Haus flieht, Wir treffen uns an der Bank hier im Dunkeln, im Nebel, mit Licht. Und was für ein perfektes Setup, um jemanden umzubringen. Und Daisy hat aber keine Antwort. Angst davor. Daisy hat auch keine Angst, wenn sie in der Badewanne liegt. Wir haben hier übrigens schon so eine Psycho-Antizipation. Ganz toll, diese Szene. Sie in der Badewanne und der Mieter steht an der Tür und weiß nicht, ob er sie öffnen soll. Bei Psycho wird dann wirklich durchs Schlüsselloch geguckt, aber hier ist noch alles ein bisschen unschuldiger. Sie hat kein Problem damit. Sie redet mit ihm durch die Badewanne. Sie ist da offen. Sie fand es auch total cool, dass sie ihr das Kleid gekauft hat, obwohl sich das offensichtlich nicht ziemt, wie... Ihr Vater ja auch sagt. Aber sie steht da voll drüber. Sie spielt mit dem Mieter Schach. Sie küsst den Mieter. obwohl sie mit Joe auch rumknutscht. Sie knutscht mit Beinen rum, das ist einfach... Ja, sie ist ein freier Mensch. Sie ist eine Freidenkerin, sie ist eine freie Lebefrau, sie ist eine Proto-Feministin.
Johannes Franke: Ja, ja, gehe ich voll mit. Ob sie trotzdem schlau genug war, um das wirklich einschätzen zu können, ob er da jetzt so ein Mörder war oder nicht, ist eine andere Frage.
Florian Bayer: Wir hätten ein bisschen mehr von ihrem Schachspiel sehen sollen, um ihren Elo einschätzen zu können. Dann wüssten wir nämlich, wie ihr IQ ist und damit hätten wir das geklärt.
Johannes Franke: Ja, verdammt. Wir müssen es rekonstruieren. Wir gucken uns die Szene nochmal genauer an und dann gibt es ein Fazit, was das betrifft.
Florian Bayer: Du hast dich darüber aufgeregt, dass irgendwas nicht erzählt wird. Ich weiß, du meintest was anderes, aber da musste ich in diesem Moment nochmal kurz sagen, das müssen wir noch erwähnen, dass der Film extrem spartanisch mit Text ist.
Johannes Franke: Sehr, sehr, sehr spartanisch. Aber man muss auch dazu sagen, dass er das nicht immer war.
Florian Bayer: Bitte?
Johannes Franke: Alfred Hitchcock, was hast du dir mal gedacht? Er wollte am Anfang 800 dieser blöden Einblendungstafeln haben. 800.
Florian Bayer: Das war sein Job vorher.
Johannes Franke: Ja, natürlich war das sein Job vorher. Super. Er war voll verliebt darin, diese ganzen Einblendungen zu designen und zu machen. Ganz toll. Aber warum?
Florian Bayer: Wenn es mit der Regierarbeit nicht klappt, dann hat er hier irgendwie so Werbefilm für seinen alten Job.
Johannes Franke: Aber das Ding ist, natürlich Gott sei Dank hat dieser Idiot von Produzenten gesagt, das funktioniert nicht, das funktioniert nicht. Müssen wir entweder eine Schublade tun oder wir holen noch diesen anderen Typen dazu, der auch erst 23 ist. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat, aber der war irgendwie... Hat da irgendwie so ein Filminstitute mitgegründet, so ein britisches. Und dann haben die den gefragt, ob der noch ein bisschen mal drauf gucken kann und der war total begeistert vom Film. Ja. Hat aber gesagt, lass uns mal ein, zwei Re-Shots machen, noch Szenen, damit ein bisschen besser erklärt wird, was da drin los ist und lass uns mal einfach von 800 auf 40 Tafeln runtergehen.
Florian Bayer: Und was für eine gute Entscheidung. Diese Blinktafeln sind toll, die machen viel Atmosphäre, dieser Film würde aber eigentlich fast komplett ohne Tafeln funktionieren.
Johannes Franke: Und die Designs von den Tafeln finde ich auch großartig, aber die sind auch nicht von Hitchcock. Die sind auch von jemand anders gewesen, der noch dazu gekommen ist. Vielleicht sogar von dem Typen, dem ich gerade gesprochen habe, dessen Name meint. mir gerade nicht einfallen will. Moment. Mir ist ja leid.
Florian Bayer: Ivo Montagu.
Johannes Franke: Ja. Der hat das Ganze mit retten sollen sozusagen und der hat auch ... mit den Title Cards noch zu tun gehabt und das Design mit dem Dreieck noch mit reingebracht und so, was ich irgendwie sehr geil finde.
Florian Bayer: Und Hitchcock war wirklich sauer über das Ende, ne? Über das Ändern. Ja. Er hat gesagt, ey, man muss den Leuten wirklich, die sind erst zufrieden, wenn man es ihnen ins Gesicht reindrückt, dass jemand unschuldig ist. Deswegen glaube ich auch, dieses ambivalente Ende zu unserem Lodger war gar nicht so ambivalent gemeint. Es war wirklich so gemeint, dass ein ganz kleiner Hauch von Zweifel bestehen bleiben soll, aber im Herzen... Hat Hitchcock den Lodger als unschuldig angelegt, wie es in der Novelle ja auch der Fall ist und im Drama.
Johannes Franke: Aber es gibt auch noch weitere Verwimmungen davon, wo es wirklich, es gab sogar eine, wo es wirklich der Killer ist. Es gibt welche, die das komplett in der Luft lassen und so. Also es gibt ein paar Varianten davon.
Florian Bayer: Ja, ist es gut, dass er nicht der Killer ist? Kommen wir mal zu diesem Lodger zu sprechen, weil der Lodger sorgt natürlich für eine Menge tolle Suspense und Gruselmomente. Ich finde diese Szene... wenn die Hauswirtin durchs Haus schleicht, nachdem der Mieter durchs Haus geschlichen ist und weggegangen ist. Und dann durchsucht sie seine Sachen. Dann haben wir diesen klassischen Gegenschnitt. Der Mieter ist unterwegs, geht zurück und sie durchsucht noch und dieser Angstmoment wird sie gleich von ihm auf Richard Hatt. ertappt, wie sie seine Sachen durchspülen. Suspense, das ist der Inbegriff von Suspense.
Johannes Franke: Ich bin jetzt die ganze Zeit davor und denke, oh mein Gott, schnell, verschwinde, verschwinde, lass dich nicht erwischen, oh mein Gott. Der Killer kommt, der Killer kommt. Weil ich in dem Moment wirklich davon überzeugt bin, dass der Killer ist.
Florian Bayer: Der Film macht ja auch alles, um uns das zu präsentieren.
Johannes Franke: Alles und ich denke die ganze Zeit 1927, das kann nicht sein, dass es nicht der Killer ist. Es ist 1927 verdammt nochmal, die haben doch nicht schon solche krassen Plot-Twists. rausgehauen und haben sich da irgendwie drum gekümmert, obwohl wir auch einen Film besprochen haben, wo es so einen Plottwist in dieser Zeit gab. Aber damit habe ich nicht gerechnet. Und ich habe die ganze Zeit gedacht, bitte Hitchcock, mach, dass er unschuldig ist, aber ich habe nicht daran geglaubt. Weil ich gedacht habe, ja, das ist die Zeit und so und es geht so geradeaus drauf zu. Und dann hat er wirklich im letzten Moment die Kurve genommen und ich war so dankbar und ich habe mich so gefreut darüber. Aber das ist die Phase in dem Film, wo du sagst, dass sie da die Sachen durchwühlt und schaut und nach Hinweisen guckt und so, dass ich wirklich... so drin bin in diesem, das ist der Killer und wir müssen die ganze Zeit auf sie einbrüllen und sagen, kümmer dich drum, mach doch was. Ich bin voll der Mob in dem Moment. Ja, es ist unglaublich.
Florian Bayer: Nehmt ihn fest! Rekt ihn! Ciao, rette sie!
Johannes Franke: Ich weiß nicht, wie es dir ging, aber ich war total der Mob.
Florian Bayer: Ich war tatsächlich, dadurch, dass Joe so als unsympath rüberkommt, habe ich halt auch die ganze Zeit gehofft, dass der Mieter unschuldig ist. Ja, natürlich. Irgendwie auf der Seite des Sanitas. Aber ich überlege gerade, habe ich mir Gedanken drüber gemacht? Das ist total bescheuert, aber ich glaube, ich habe mir gar nicht viel Gedanken darüber gemacht, ob er jetzt schuldig oder unschuldig ist. Einfach, weil ich zu viel diese Atmosphäre aufgesogen habe. Ich hab halt wirklich die ganze Zeit geguckt und da ist nochmal ein Bild. Und ich habe eigentlich den Film so geguckt, wie man ihn nicht gucken soll, nämlich halt wirklich mit, ah, oh, guck mal da, oh, Murnau, oh, Was für eine schöne Szene. Und da erkenne ich, was Hitchcock später noch mehr machen wird. Gerade so in dieser Badezene darf sich die ganze Und das ist von Hitchcock, das ist typisch Hitchcock, das ist auch Hitchcock. Dass ich gar keine Zeit hatte, zu spekulieren, Also was jetzt die eigentliche Handlung, wo die hinlaufen soll. Es gibt, glaube ich, den Moment, wo ich dachte, okay, er kann eigentlich nur unschuldig sein. Und das war... Als er mit den Handschellen da hing. Danke. Nee, es war früher, aber es war doch relativ spät, wo ich dachte, nee, er muss eigentlich unschuldig sein. Als die Polizisten sein Zimmer durchsuchen. Und dann wir so erfahren, okay, er hat die ganzen Sachen und es ist jetzt so offensichtlich und nee, jetzt kommt eigentlich und Oh, es sind noch 20 Minuten Spielfilm, noch 20 Minuten Spiellänge.
Johannes Franke: Ich habe die ganze Zeit widerstanden. Ich habe gedacht... Wenn ich jetzt nachschaue, wie lange der Film noch dauert, dann habe ich zu sehr Hinweis, was jetzt eigentlich passiert noch.
Florian Bayer: Ein zweiter Fehler, Fragezeichen, den ich eventuell auch gemacht habe. Ich habe das Ding auf YouTube geguckt. Das YouTube-Ding ist von irgendeinem britischen Filminstitut restaurierte Fassung aus den 80ern, glaube ich. Und neu vertont. Also ich meine, es ist ein Sturmfilm, Sturmfilme werden immer wieder neu vertont. Da drin sind zwei Popsongs.
Johannes Franke: What?
Florian Bayer: Es gibt zwei romantische Szenen zwischen Daisy und dem Lodger, wo ein Song mit Gesang läuft. Ein wirklich, ich würde sagen, 70er, klingt so ein bisschen nach 70er ... Etwas düstererer Soulpop. Also jetzt nicht so komplett daneben, aber sehr verstörend, wenn du zum alten Setting drin bist. Und dann eigentlich auch die ganze Zeit das so, dich hast du reinsaugen lassen. Am gewissen Punkt verlässt man dann ja irgendwie so das 21. Jahrhundert. Es einfach akzeptiert das, was man da sieht. Und dann kommt aber plötzlich diese Musik, die definitiv jünger ist als der Film, als die Bilder. Es war sehr irritierend. Es hat mich doch ziemlich rausgerissen.
Johannes Franke: Hattest du auch Tinted Bilder? Also Sepia und Blau für Nacht und Tag und so? Ich hatte eine komplette Schwarz-Weiß-Version mit sehr, sehr guter Musik, muss man sagen, auf... Amazon.
Florian Bayer: Ich hab nicht auf Amazon geguckt. Wenn ich nach Stummfilm gucke, ist mein erster Blick meistens YouTube, weil man da auch manchmal mehrere Versionen findet. Und dann hab ich halt die angemacht, die ich gefunden habe und hab nicht weiter drüber nachgedacht. nicht komplett daneben. Es war okay, aber es war natürlich so, es hat sich dann nicht mehr angefühlt wie das, es hat sich nicht mehr angefühlt wie das echte Erlebt wie das Originelle, das Erlebnis von damals, sondern man hatte das Gefühl, okay, ich bin nicht in dem Lodger, den Hitchcock 1987 gedreht hat, sondern in dem, was die Restaurateure für die richtige Musik gehalten haben und Und das Krasse ist ja, ich finde die Wahl nicht mal so schlecht, das passt irgendwie in dem Moment, aber es ist halt überhaupt nicht authentisch. Es ist halt nicht zeitauthentisch, sondern du bist dann irgendwie raus aus diesem Setting. dann wirst du halt doch dir sehr gewahr, dass du hier eine modern restaurierte Fassung hast.
Johannes Franke: Ja, das ist blöde irgendwie. Ich weiß nicht. Finde ich eine schlechte Entscheidung, auch wenn vielleicht das so passt und man irgendwie innerhalb des Films, innerhalb der Filmlogik irgendwie bleibt.
Florian Bayer: Für mich ein positiver Gegenentwurf ist halt die Filmmusik von John Thorne. Ich glaube, ich habe das schon ein paar Mal erwähnt zu Caligari. Das ist natürlich auch, das ist wilder Extreme Free Jazz. der da gespielt wird und es passt trotzdem voll gut und ich nehme das total und akzeptiere das und die Immersion ist nicht weniger, sondern sogar mehr als wenn es historisch authentisch vertont ist. Aber hier hat es mich eher rausgerissen.
Johannes Franke: Übrigens überhaupt, wenn ihr wie Plur seid und das auf YouTube sucht, dann müsst ihr auch auf die Zeiten achten. Es gibt irgendwo eine Version, die 60 Minuten lang ist. Also muss man ein bisschen aufpassen, dass man die richtigen Längen findet. Das Problem ist allerdings, dass die Längen nicht unbedingt nur daran liegen müssen, dass vielleicht Szenen rausgecuttet wurden, sondern wie schnell das Ding abgespielt wurde. Weil das auch damals, als du damals ins Kino gegangen bist, jeder Projektor hat ein kleines bisschen anders schnell abgespielt.
Florian Bayer: Ist das nicht geil?
Johannes Franke: Das ist unglaublich.
Florian Bayer: Eigentlich müsste die Filmlänge in Bildern angegeben werden bei solchen Filmen.
Johannes Franke: Ja, ja, wurde es ja auch. Es wurde in Reels angegeben, in so und so vielen Rollen. Das heißt, Chaplin's The Kid wurde beworben mit Six Reels of Joy.
Florian Bayer: Cool, ja, total schön. Ach, die gute alte Zeit.
Johannes Franke: Jaja. Früher war alles früher. Egal. Also. Wo waren wir jetzt eigentlich?
Florian Bayer: Wir waren eigentlich bei der Figur des Lodgers.
Johannes Franke: Die Figur des Lodgers, ja, ganz wichtig.
Florian Bayer: Toll, einfach dieses Spiel zwischen... gruselig und dann wieder irgendwie auch romantisch und auch irgendwie so ein bisschen Emo.
Johannes Franke: Ja, sehr Emo, sehr Emo. Und ich finde leider, dass sein Spiel zu sehr gegen das clasht, was die Frau da spielt, weil die Ja. gespielt hat und er sehr exaltiert und sehr, sehr stark und sehr groß und Und selbst ein Seufzen ist bei ihm sehr groß. Und das ist schon...
Florian Bayer: Er ist der deutsche Expressionismus, Daisy ist der britische, müsterne, trockenes... Nicht Daisy, ich meine die Mutter. Achso, die Mutter. Aber ich fand die Mutter auch ganz schön groß.
Johannes Franke: Die war auch expressionistisch, aber die war viel realistischer. Die war wirklich, ich habe ihr viel mehr abgenommen und bei ihm habe ich die ganze Zeit gedacht, jetzt tu doch nicht so.
Florian Bayer: Also ich finde, sie hat auch schon eine spezifische Form von Overacting. Ja, es ist anders als bei ihm. Genau, exaltiert wirkt es bei ihm oft. Und bei ihr wirkt es... Bei ihr wirkt es halt schon sehr groß gespielt auch. Die Angst, die Paranoia.
Johannes Franke: Es ist vollkommen in Ordnung. Es ist halt ja auch in der Zeit verhaftet. Aber er macht halt wirklich... So einen drüber. Also ich meine, natürlich, er war ein großer Held, hat ganz viele tolle Sachen gemacht, war... Auch noch Musiker. Der Schauspieler war auf vielen Feldern unterwegs und hat viele tolle Sachen gemacht. Aber ich weiß nicht, irgendwie kommt der in diesem Film nicht so gut weg, wie ich gedacht hätte, dass er müsste. Mit seinem Status.
Florian Bayer: Ich finde, das ist einfach eine Präsenz. Wenn er da steht und er wirkt immer einen halben Meter größer als alle anderen.
Johannes Franke: Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Ich finde ihn toll. Ivo Novello. Ich finde ihn überzeugend mit seinen traurigen Blicken. Natürlich ist das Stummfilm. Das ist Stummfilm-Overacting. Das ist nicht das, was wir als realistisches Schauspiel von heute bezeichnen. Aber ich finde ihn überzeugend in diesem Setup. Der Londoner Nebel sieht auch nicht so aus wie das, was da auf den Straßen produziert. wird. Das ist nicht Londoner Nebel, das ist Studio Nebel.
Johannes Franke: Ja, natürlich.
Florian Bayer: Aber es ist überzeugend, weil alles in sich geschlossenen Sinn ergibt. Und ich finde, sein exaltiertes Spiel passt dann eben halt auch ganz gut zu dem übertriebenem, ängstlichen Spiel von der Hauswirtin zu dem übertrieben anhimmelnden Stil von Daisy. Zu dem übertrieben Deppchen von Joe. Das passt alles zusammen. Das ergibt für mich ein rundes Ganzes.
Johannes Franke: Okay. Das sehe ich ein bisschen anders. Ich glaube... Gerade die Kombination aus den verschiedenen Schauspielern macht das Problem aus. Wenn alle Schauspieler so einen Spielstil hätten wie er, fände ich es wieder in Ordnung. Wenn alle den gleichen Spielstil hätten wie die Haushalterin, Fände ich es auch gut. Aber dadurch, dass ich da durchaus Unterschiede sehe, macht das für mich leider ein kleines Problem. Ich finde, wenn er ganz, ganz starr ist, wenn er da an der Tür steht zum Beispiel und einfach nur guckt... Das ist toll. Das ist großartig. Das ist auch das, was Hitchcock immer gesagt hat, wenn er meinte, gute Schauspieler machen sehr gut nichts. Wenn die wirklich es schaffen, nur da zu sitzen und zu gucken und alles passiert... Das ist super.
Florian Bayer: Wenn wir bei Schwächen des Films sind. Das Schauspiel ist es für mich nicht. Am ehesten sehe ich ein bisschen problematisch mit dem Repetitiven, dass man so in der Mitte des Films hat, okay, jetzt haben wir nochmal eine Szene, wo die Hauswirtin nervös guckt, wo wir nochmal den Mieter rumschleichen sehen.
Johannes Franke: Ja, wobei jede Szene ein bisschen noch mehr Geschichte davor antreibt.
Florian Bayer: Ich hatte so das Gefühl, mindestens eine Szene ist so, wo ich dachte, okay, habe ich schon gesehen. Muss man nicht zeigen. Da hätte man kürzen können. Der Film hätte auch 70 Minuten dauern können.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Und dann hat der Film natürlich immer so ein bisschen das Versprechen des zukünftigen Hitchcocks und das ist total mein Fehler, weil ich weiß, was Hitchcock später drehen wird. Aber ich sehe in dem Film ganz oft so Blaupausen von dem, was er später macht und alles so eine Spur naiver, so eine Spur braver. eine Spur weniger drauf, dass die sexuellen Anspielungen, diese Kombination von Mordlust und Libido, Diese Unsicherheiten im Verhalten der Menschen zueinander, das hat Auch dieser schwarze Humor, der dabei eine Rolle spielt, das hat Hitchcock später natürlich deutlich pointierter gemacht, als er einfach seine Stimme als Regisseur mehr gefunden hatte.
Johannes Franke: Ja, und wo er auch mehr durfte.
Florian Bayer: Und wo er mehr durfte.
Johannes Franke: Also ich glaube, die hätten den komplett weggesperrt, wenn er mehr gemacht hätte. Wirklich. Dass er überhaupt das machen durfte, war ja schon strittig.
Florian Bayer: Und wie gesagt, das ist total meine Schuld. Ich sehe diese Badezene und denke, wow, das ist eine Proto-Hitchcock-Szene. Aber es ist halt eine Proto-Hitchcock-Szene. Und ich weiß, Hitchcock kann mehr. Und der Gedanke ist halt doch immer wieder da bei dem Film.
Johannes Franke: Ah, das ist dein Fehler.
Florian Bayer: Natürlich ist das absolut mein Fehler.
Johannes Franke: Ich finde es super so, wie es ist.
Florian Bayer: Ich befürchte halt, sehr viele werden genau damit in diesen Film gehen, weil es wird mit Sicherheit... für 90% unserer Zuhörenden nicht der erste Hitchcock-Film sein, den sie sehen.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Und wenn es das ist, herzlichen Glückwunsch. Gerne weiter in den Jahren voranschreiten.
Florian Bayer: Wenn ihr jetzt so angefangen habt, dann müsst ihr es durchziehen. In 20 Jahren sprechen wir uns dann wieder. Wenn ihr zu seinen besten Filmen kommt, davor echt viel Crap gesehen habt.
Johannes Franke: Oh nein. Mr. und Mrs. Smith dürfte gerne überspringen. Nein, aber ich finde tatsächlich alles das, was er da an Neuem reinbringt… Allein Dutch Angle, allein wenn er sagt, nein, ich muss aber auf die Leute hinabschauen. andere Kameramann in der Zeit hätte gesagt, warum machst du nicht Eye-Level ganz normal, stellst die Kamera hin und der kommt da rein. Nein, ich muss von oben runterschauen, weil das die Perspektive des vermeintlichen Mörders ist, der da steht und guckt. Und das gab es damals in der Form. Einfach, ja, in Deutschland, das kennen wir aus dem Expressionismus auch, aber nicht so ausführlich und nicht als Tradition, sondern als Novelität.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und es ist toll. Ich finde es ganz großartig, was da kommt von ihm.
Florian Bayer: Ganz viele fantastische Kameraeinstellungen. Um noch eine Sache hervorzuheben, zum Beispiel dieser Fußabdruck. Dieser, wenn Joe, wenn Daisy vom Lodger nach Hause gebracht wurde, Und nachdem Joe eingegriffen hat, sieht er diesen Fußabdruck des Mieters, des Lodgers. Und sieht dann Bilder im Fußabdruck, so eine Projektion, wie er sich vorstellt, was jetzt zu Hause ist. Großartig einfach. Also es ist wirklich... Ich habe die Fensteransicht schon erwähnt von den Menschenbeinen, die vorbeigehen, dass wir uns die ganze Zeit in diesem Souterrain befinden. Und irgendwie das Leben draußen haben. Das Spiel mit Nebel, mit Dunkelheit. Der Film hat fantastische Bilder.
Johannes Franke: Oder wie der Lodger das erste Mal auf die Tür zukommt. Wir haben ihn noch nicht mal gesehen, aber wir sehen seinen Schatten auf die Nummer 13 zugehen. Es ist so gut und die Kamera ist 1927 nicht so beweglich, dass man das mal eben easy machen kann. Aber sie haben eine ganz tolle Kamerafahrt, wie er zur Tür geht mit dem Schatten auf der Tür. Es ist toll.
Florian Bayer: Also offensichtlich ein Film, von dem wir beide angetan sind.
Johannes Franke: Ja, ich würde gerne noch weiter auf das Ende eingehen. Ja, bitte. Wie crazy wäre es gewesen, wenn dieser Mob diesen Typen wirklich umgebracht
Florian Bayer: hätte.
Johannes Franke: Das hat er sich nicht getraut, der Film. Und ich weiß nicht, ob das Hitchcock gerne gehabt hätte oder nicht, aber... Aber das wäre konsequent gewesen.
Florian Bayer: Das wäre konsequent gewesen. Er hängt da ja fast wie so einer christlichen Ikone. Ja, total krank.
Johannes Franke: Das ist ja ein unglaubliches Bild, was da entsteht.
Florian Bayer: Und das ist natürlich zusammen mit der Anfangsszene, wo erzählt wird, wie die Geschichte des Mörders weitergebracht wird und wo wir auch den Hitchcock Cameo haben. Wo das dann so geht von den Zeugen zu den Polizisten, zur Presse. Durch die Radios, wir sehen Menschen mit Kopfhörern, die das hören. Wir sehen Zeitungen, wir sehen einen ganz langen Telegraf, einen Telegraf tippen. der das erzählen muss, was passiert. Und zusammen mit dieser Mob-Szene am Ende haben wir hier so ein bisschen diese Amplau-Pause. Also wir haben diese aufgepeitschte, ängstliche, paranoide Gesellschaft, die überall den Killer sieht und die ihm dann natürlich ans Leder will. Und es ist wirklich, ja ... Auch wieder ganz krass so der expressionistische Stumpffilm. Da haben wir ganz oft diese Szenen, wo ein aufgebrachter Mob ein echtes Monster jagt. Also wir haben... Zumindest in Caligari haben wir diese Szene, wenn der Schlafwandler die Frau entführt hat und dann die Leute hinterherrennen. Ich glaube, in Nosferatu haben wir auch so eine Szene. Wir haben sowas natürlich auch im amerikanischen Horrorkino, irgendwie so Frankenstein. Menschen jagen ein Monster. Und... Es ist ein tolles Bild, vor allem, weil wir in dem Moment auch wissen, dass er nicht das Monster ist.
Johannes Franke: Ja, und ich mich auch... schon ein bisschen schmutzig fühle, weil Hitchcock es wirklich schafft, dass man zwischendurch so denkt, ja, fasst ihn, Mann. Sonst bringt da noch jemanden um, mach doch was.
Florian Bayer: Joe, rette uns alle.
Johannes Franke: Ciao, habe ich nichts zugetraut. Aber dass man wirklich dann denkt, scheiße, er war es ja gar nicht. Und was hab ich? Und man muss nur an die Zeit, die wir heute haben, denken. Der heutige Mob hat halt keine Mistgabeln und keine Fackeln. sondern eine Tastatur fürs Internet und Kommentarspalten. Es ist schon sehr aktuell eigentlich.
Florian Bayer: Auf jeden Fall total. Okay, ich bin auf deiner Seite. Es wäre ein geiles Ende, wenn er umgekommen wäre. Ja, krass, oder? Du hast mich überzeugt. Ich stell mir gerade diese Abschlussszene vor, wenn er einfach da tot hängt dann.
Johannes Franke: Total krass.
Florian Bayer: Und was für ein krasses Bild.
Johannes Franke: Und der Polizist nicht noch sagen kann, Gott sei Dank bin ich ja rechtzeitig gekommen. Genau.
Florian Bayer: Und der Polizist darf mit seiner Schulter stehen bleiben und sich schuldig fühlen. Was ja auch wirklich, weil dieser Epilog, den uns Hitchcock präsentiert, Entschuldigung, Alfred. Der ist echt lame. Also wenn wir nochmal sehen, der Lodger darf Daisy heiraten und die Vermieter, die ihm vorher misstraut haben, schütteln ihm nochmal die Hand, alles ist gut und alle sind reich. Die Hallen sind reich, woher kommt auf einmal das Geld? Wird irgendwann mal erzählt, dass er reich ist?
Johannes Franke: Ja, er ist glaube ich einfach reich, aber es wird nicht richtig erzählt. Es wird ein bisschen eingedeutet, weil er das Geld für das Zimmer einfach so hinwirft und es für ihn keine Bedeutung hat. Aber das ist nur so ein Nebenher. Und der Arzt, der dann kommt und sagt, die Ärztin, wer war das? Ja, ach, es ist schon ernsthaft, damit man wirklich weiß, okay, es war ernst. Aber seine Jugend und Vitalität wird ihn da schon durchbringen. Was für ein Satz. Geil.
Florian Bayer: Wie gesagt, Texttafeln hätten nicht immer sein müssen.
Johannes Franke: Ich denke die ganze Zeit, es wäre so krass gewesen, wenn er wirklich gestorben wäre. natürlich devastating gewesen und man hätte sehr schwer darüber wegkommen können und ich kann mir vorstellen, dass das Publikum damals echt Schwierigkeiten damit gehabt hätte, aber was für ein krasses Ende.
Florian Bayer: Ja, das wäre doch, also schade. Aber ja, das war offensichtlich das, worauf Hitchcock und das Studio sich dann einigen konnten.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Aber Hitchcock hatte ja nicht vor, ihn sterben zu lassen. Hitchcock wollte ihn in den Londoner Nebel fliehen lassen. Und dann wissen wir nicht genau, was passiert.
Johannes Franke: Wäre auch okay gewesen, aber ich finde es fast stärker, wenn das nicht war.
Florian Bayer: Ja. Es gibt sehr viele Varianten, die wir jetzt auslegen könnten. Von allen Varianten. Doch, du hast mich überzeugt. Die beste Variante ist, er ist unschuldig, er stirbt, weil der Mob ihn tötet. Krass. Ist das ein Moment, wo wir uns, wenn wir schon gerade so sehr viel über den Mieter gesprochen haben, wo wir uns mal noch anderen Mietern und MieterInnen widmen wollen? Oh, Plur will auf die Top 3. Ich sehe sie auf uns zuschweben.
Johannes Franke: Unsere Top 3.
Florian Bayer: Top 3 Mieter, Johannes freut sich gerade über sein Topic. Johannes hat es übrigens vorgeschlagen, ich bin irgendwie nicht mit einer Idee um die Ecke gekommen. komm, lass uns doch Top 3 Mieter nehmen und dann war ich so, ja, ja, mach mal.
Johannes Franke: Und ich hab's sofort wieder bereut, weil mir einfach nicht genug eigentlich Ich meine, natürlich gibt es überall auf dieser Welt in Filmen Mieter, die irgendwo zur Miete wohnen. Aber es hat nichts damit zu tun, nichts mit der Story zu tun und es hat keinen tieferen Sinn, dass der einfach zur Miete wohnt. Und deswegen ist es so schwer, Filme zu finden, die das irgendwie zum Thema haben. Und ich habe jetzt gerade noch in mir einen dritten Film für meinen Platz drei. aus den Fingern saugen müssen und hatte jetzt gerade wahnsinnig viel Spaß und du wirst mich köpfen dafür. Oh, ich bin voll gespannt. Weil es natürlich über fünf Ecken total dämlich ist.
Florian Bayer: Du musst anfangen tatsächlich. Ich muss anfangen. Das ist meine Liste bzw. mein Filmvorschlag.
Johannes Franke: Ich habe für einen klassischen Mieter, aber so Mietnomade mäßig, Alien.
Florian Bayer: Fantastisch. Ich bin auf jeden Fall gekauft.
Johannes Franke: Okay, gut, danke.
Florian Bayer: Großartig, ja. Mein Platz 3. Ich kann mich kaum noch an den Film erinnern, aber ich fand ihn echt gut, als ich ihn als Jugendlicher gesehen habe. Und ich will ihn mal wieder sehen. eigentlich so ein Standard-Thriller aus den 90ern, Anfang der 90er, Weiblich-Lädig-Jung sucht, von Barbed Schröder. Wo es darum geht, dass eine junge Frau, Bridget Fonda, sich eine Mitbewohnerin sucht, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hat.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Dann kommt Jennifer Jason Lee als neue Mitbewohnerin. Und das scheint auch erst mal ganz gut zu klappen. Die werden dann irgendwie Freundin. Und dann entwickelt aber die neue Mitbewohnerin so eine ganz merkwürdige, manische Hingezogenheit zu ihr, die... ist schon so ein bisschen so eine Borderline-Geschichte auch, aber es ist kein Psychodrama, es ist, wir haben hier kein realistisches Krankheitsbild, aber es ist Einfach ein verdammt guter Thriller, der daraus entsteht und der wirklich sehenswert ist aus dem Jahr 1992. Zumindest so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Vielleicht ist es auch 90er-Jahre-Trash und ich hab's falsch in Erinnerung.
Johannes Franke: Okay. Ich hätte auf meinem Platz zwei, ich hab auf Platz eins und zwei im Grunde den gleichen Film in anderen, aber es ist einfach mein Genre. Ich liebe es. Es ist auf Platz zwei erstmal The Odd Couple.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wo Jack Lemmon und Walter Matthau ... Sorry, jetzt hab ich kurz Reset, Reset. Walter Matthau und ... Jack 11. Ist das geil. Mein Hirn macht gerade gar nichts mit. Geil. Walter und Jack Lemmon, die zusammenwohnen. Am Anfang des Films noch nicht, aber der eine wird verlassen. geht dann runter zu seinem besten Freund oder mit dem er zusammen irgendwie Karten spielt. Und zieht dann für eine Weile ein, um wieder klarzukommen mit dem Leben. Und bleibt da. Und im Laufe des Films kommt der andere nicht mehr klar, weil er einfach in seinem Leben den größten Scheiß anstellt. Er kann nicht mehr Kartons rumliegen lassen. Er kann einfach nicht mehr ordentlich wohnen, weil Jack Lem einfach so neurotisch ist. Es ist großartig.
Florian Bayer: Ja, wunderschönes Paar. Das ist lange her, dass ich den gesehen habe.
Johannes Franke: Ganz toller Film. Es gibt auch eine Serie davon.
Florian Bayer: Die habe ich nicht gesehen, aber den Film kenne ich und habe ihn auch in guter Erinnerung. Neurotika trifft Chaoten.
Johannes Franke: Ja, und ich glaube, ich muss ihn dir mal geben.
Florian Bayer: Ja, das ist wirklich so ein Johannes-Film.
Johannes Franke: Ja, absolut.
Florian Bayer: Mein Platz 2, Barton Fink, habe ich, glaube ich, schon öfter genannt. 1991, ein Autor versucht irgendwie in Hollywood Fuß zu fassen und mietet sich dann halt in dieses komische Hotel ein, wo er auch wirklich schräge Nachbarn hat. Unter anderem einen von John Goodman gespielten, wirklich merkwürdigen Typen. Und dann passieren sehr viele schräge und bizarre Sachen. Und es ist wahrscheinlich der Kafka-eskeste Film von den Conan-Brüdern, der wirklich sehr bizarr ist, einen sehr schrägen Humor hat, eine sehr düstere Seite hat und ich will gar nicht so viel erzählen davon. 1991, oh ich bin heute wieder total in den 90ern unterwegs, Absolut sehenswert.
Johannes Franke: Okay. Ich habe auf Platz 1, was könnte dem ähnlich sein? Es ist The Apartment.
Florian Bayer: Ja, natürlich.
Johannes Franke: Es ist was anderes. Was könnte man anderes nehmen? Nochmal Jack Lemmon. Es ist halt wieder Jack Lemmon. Und Billy Wilder, es ist so der Hammer. Der vermietet sein Zimmer, in Anführungsstrichen vermietet, weniger freiwillig, aber naja. Er versucht in seinem Job nach vorne zu kommen und gibt deswegen an seine Chefs seine Wohnung, damit die ihre Tätertäts mit ihren Affären haben können.
Florian Bayer: Ganz toller Film. Es gibt eine Episode in unserem Podcast, in der wir uns diesem Film widmen. Und es ist, glaube ich, auch ein ganz schönes Gespräch geworden. Natürlich von Johannes vorgeschlagen. Das ist ein totaler Johannes-Film. Aber Billy Wilder lohnt sich immer. Und falls ihr den Film noch nicht gesehen habt, doch, guckt ihn euch auf jeden Fall an. Mein Platz 1 ist so naheliegend und er ist aber auch wirklich ein guter Film von Roman Polanski, der Mieter aus dem Jahr 1976. Wo Polanski einen Mieter spielt, der in einem Pariser Miethaus sich einmietet und dann erfährt, dass die... Die vorherige Bewohnerin offensichtlich gestorben ist und eventuell in den Tod getrieben wurde. Und ein wirklich dunkler und bizarrer Psychothriller über Angst, über Paranoia und sehr ... Sehr offen erzählt, sehr surreal. Einer von Polanskis besten Filmen. Und ja, Polanski ist ein dreckiges Arschloch. Aber der Film ist wirklich gut.
Johannes Franke: Okay. Ja, gut, dass du es einmal dazu gesagt hast. Das ist wie in einem Museum, dass man eigentlich immer zu Texttafeln...
Florian Bayer: Bei Polanski ist halt wirklich das Problem, dass der Mann noch lebt und dass der Mann sich seit Jahrzehnten der Justiz entzieht, weil er einfach halt wirklich... Mistkerl ist. Deswegen habe ich auch wirklich einen Fadenbeigeschmack dabei, einen Film von ihm zu empfehlen. fehlen, aber der Film ist so gut. Der ist wirklich gut.
Johannes Franke: Das große Problem ist natürlich, dass er nun auch der Filmemacher ist, der was davon hat, wenn man den Film guckt.
Florian Bayer: Genau. Deswegen kann ich, mache ich mit Bauchschmerzen und ja.
Johannes Franke: Okay, guter Film, schaut ihn euch nicht an.
Florian Bayer: Zurück zu unserem Alfred Hitchcock.
Johannes Franke: Das war Unsere, äh, Top 3. Alfred.
Florian Bayer: Ja, der Mann war nicht mal 30, als er diesen Film gedreht hat. 26. Ja, ist so jung. Und er haut sowas raus.
Johannes Franke: Das war schon wirklich krass, muss man wirklich sagen. Ja. Und es ist ein dritter Film und die ersten beiden waren noch nicht so thrillermäßig und die waren auch nicht so... wurden ja auch überhaupt nicht groß gehypt damals, sondern das kam ja erst durch diesen Film dann wirklich.
Florian Bayer: Dieser Film aber dafür.
Johannes Franke: Der ist so erfolgreich gewesen.
Florian Bayer: Riesiger Erfolg.
Johannes Franke: Sofort.
Florian Bayer: Und ich versuche gerade das eine Zitat zu finden. Es gibt so ein Zitat aus der britischen Presse, wo einfach mal gesagt wird, ja, einer der besten ...
Johannes Franke: Biascorp schrieb, it's possible that this film is the best British production ever made. Das ist schon krass.
Florian Bayer: Und Hitchcock wurde auch instant zum großen Registar und zum Hoffnungsträger für das britische Kino durch diesen Film. Und ein paar Jahre später war er einfach mal der bestverdientende Regisseur im englischen Kino.
Johannes Franke: Krass, ne? Und der Produzent hat immer noch jahrelang an ihm rumgezetert und gesagt, um Gottes Willen, das geht nicht. Das kannst du nicht machen, das kannst du nicht machen. Wieso so, wieso so, wieso so.
Florian Bayer: Und ja, spannend. Also ich hab mich total gefolgt, mein erster Stummfilm von Hitchcock.
Johannes Franke: Ja, meiner auch und ich bin echt... begeistert. Ich muss sagen, dass ich meine Stummfilmzeit, also meine persönliche Stummfilmzeit, dreht sich vor allem um Buster Keaton und Charlie Chaplin und so. Und ganz wenig, ein bisschen um die Expressionisten in Deutschland, aber ganz wenig um so... Ich habe nicht mal Birth of a Nation durchgeschafft. Ja, ich will das aber auch. Ja, aber das sind so ernste Themen, weißt du? Das habe ich irgendwie in Stummfilmform. Ernste Themen gab es für mich immer nur selten, die wirklich... so gut funktioniert haben. Für Comedy Slapstick Comedy ist Visual Comedy, das ist klar, da ist Stummfilm total geeignet für. Aber so richtig ernste, schwierige, schwere Sachen habe ich nicht so viele gesehen. Und das beeindruckt mich einfach jedes Mal nochmal. Und gerade in diesem Fall auch. Auch wenn viel sehr geradeaus erzählt ist und wenn die Figuren nicht 20 Layer haben, sondern vielleicht Zwei. Und so, es gibt viel, auch kleine Kritikpunkte, aber insgesamt muss ich sagen, hat der Film so... krasse Erzählweise und so zieht einen so rein, dass ich da wirklich beeindruckt bin.
Florian Bayer: Tolles Schlusswort. Ich traue mich gar nicht noch irgendwas hinzuzufügen. Was? Fantastischer früher Hitchcock-Film. Also es ist schön zu sehen, wo Hitchcock herkommt. Man sieht ja so viel von ihm schon... was er später etablieren sollte, was später zu seinem Markenzeichen werden sollte. Und es macht einfach Spaß, das hier so in der Urform zu sehen. Und ich glaube, wenn Wenn Leute mich fragen, was vom frühen Hitchcock kannst du denn empfehlen, dann würde ich jetzt ab sofort diesen Film nennen. Liegt aber auch daran, dass ich mich nicht so gut mit dem Hitchcock der 30er Jahre auch denke. Ich glaube, so seine ersten Tonfilme. wäre der nächste spannende Bezugspunkt mal zu schauen, so irgendwas aus den 30er Jahren, als er in Großbritannien wirklich erfolgreich war, zu gucken, weil Er hat ja nicht viele Stummfilme gemacht, dennoch. Und dann noch zwei weitere, glaube ich. Und dann war schon die Stummfilmzeit vorbei. Zu der Zeit, als der Film rauskam, kamen halt auch schon die ersten Tonfilmer raus. Chessinger war, glaube ich, 27? 27, ja. War Chessinger.
Johannes Franke: Oder, 29? Nee, ich glaube auch 27. 27, ja, ja, genau.
Florian Bayer: Und Hitchcock, um das vielleicht noch zum Abschluss zu sagen, war im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren kein Gegner des Tonfilms. Hitchcock hat sich sehr früh fasziniert gezeigt von den Möglichkeiten des Tonfilms und hat das sehr gerne angenommen und hat dann ja auch ab Anfang der 30er Jahre angefangen.
Johannes Franke: Der war ja auch unter 30, als das Ding hochkam.
Florian Bayer: Genau. Da ist man noch offen für alles. Progressiv. Schön. Danke, Johannes, dass wir den gucken konnten. Das war mir eine Freude.
Johannes Franke: Wahnsinnig gerne. Ich habe mich sehr gefreut darüber. Super Film.
Florian Bayer: Und wenn ihr wissen wollt, was Johannes mir nächste Woche gibt, dann bleibt noch dran. Ich bin schon sehr gespannt. Ansonsten euch danke fürs Zuhören.
Johannes Franke: Bleibt gesund, kommt gut durch die Woche und wir hören uns nächste Woche wieder.
Florian Bayer: Bis dann, ciao.
Johannes Franke: Bis dann, ciao. Bist du bereit?
Florian Bayer: Ich bin bereit.
Johannes Franke: Sehr schön, dann hör dir meine Vorschläge für nächste Woche an. Also der eine Vorschlag.
Florian Bayer: Wir sind schon bei der Aufnahme. Hilfe! Das klingt so, als ob das alles off wäre noch. Verdammt. Okay, Achtung. Podcast-Stimme. Johannes, was hast du für mich?
Johannes Franke: Also, lieber Plur, ich hätte gerne nächste Woche etwas aus den 90ern. Jetzt, wo wir so lange nach hinten gerutscht sind, möchte ich mal wieder nach vorne rutschen. Aus den 90ern, 1995 um genau zu sein. Und zwar... Dead Man.
Florian Bayer: Uh, Jarmusch.
Johannes Franke: Jim Jarmusch, der einmal Johnny Depp sterben lässt, einen ganzen Film lang. Und wer will nicht gerne Johnny Depp mal dabei zusehen, wie er stirbt. Wenn man ihm schon nicht persönlich in die Fresse schlagen kann.
Florian Bayer: Du hast das letzte Mal schon so fies über Johnny Depp geredet.
Johannes Franke: Ja, ich, ach, ach. Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu John Depp, einfach wie die Hälfte dieses Planeten wahrscheinlich.
Florian Bayer: Nein, ich befürchte ja nicht. Ich glaube, ja. Das wäre nochmal ein Thema für sich. Aber ich freue mich drauf, mit dir über Deadman zu reden.
Johannes Franke: Ja, gerne, sehr gerne. Guck dir den Film an, du kennst ihn wahrscheinlich schon. Ich kenn ihn schon.
Florian Bayer: Ich habe ihn aber schon sehr lange nicht mehr gesehen und ich habe ja zu Jim Jarmusch so ein wechselseitiges Ich finde Jammusch manchmal ganz schön... Oh Gott, dafür werde ich wieder von der gesammelten Indie-Film-Community geköpft. Manchmal ist Jim Jamo schon so ein bisschen eine Schnarchnase.
Johannes Franke: Eine Schnarchnase? Oh mein Gott, Plur sagt Schnarchnase.
Florian Bayer: Also spannendes Pacing ist nicht zwingend sein Ding? What?
Johannes Franke: Oh wow. Okay, wow, oh. Plot, du bist derjenige, der Einzige, den ich kenne, der so lange bei Filmen noch sagt, ja, das ist doch, das langsam erzählt ist doch auch jeden Fall auch spannend, hör mal.
Florian Bayer: Genau, und deswegen, ja, vielleicht kommen wir dem dann nächste Woche auf den Grund, warum ich manchmal Jim Chamusch für eine Schnarchnase halte. Und ich weiß ehrlich nicht mehr, wie es bei dem Film ist.
Johannes Franke: Ja, da bin ich auch gespannt. Oh mein Gott. Okay, das wird eine spannende Episode. Gut, dann bis nächste Woche. Bis nächste Woche, ciao. Bis dann, ciao.
