Episode 142: Dead Man – Die längste Sterbeszene der Filmgeschichte
Wir lieben ja alle das amerikanische Indepenpendent Kino der 90er Jahre… okay, zumindest Johannes und Plor lieben es. Und eine seiner größten Ikonen ist Jim Jarmusch mit seinen melancholischen wie trockenen Dramen und Tragikomödien. In Dead Man aus dem Jahr 1995 begleitet er einen sterbenden – besser gesagt, wie der Titel schon verheißt – einen bereits toten Mann.
Wir sprechen über die Atmosphäre dieses düsteren Spiritual Western, über seine kafkaesken Seiten, seine Referenzen an klassische Poesie und darüber wie er seinem Protagonisten im Laufe der Handlung eine Entwicklung gibt.
In unserer Top 3 geht es passenderweise um die besten, oder viel mehr die längsten Sterbeszenen der Filmgeschichte.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 142: Dead Man – Die längste Sterbeszene der Filmgeschichte Publishing Date: 2023-09-20T09:08:29+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/09/20/episode-142-dead-man-die-laengste-sterbeszene-der-filmgeschichte/
Johannes Franke: To nobody, Daddy. Why art thou silent and invisible father of jealousy? Why dost thou hide thyself in clouds from every searching eye? Why darkness and obscurity in all thy works and laws that none dare eat the fruit but from thy willy serpent's jaw? Or is it because secrecy gains females' loud applause?
Florian Bayer: Sie hörten Johannes Franke, wie er William Blake zitierte. Und damit herzlich willkommen, liebe ZuhörerInnen, zu einer neuen Folge vom Muss-Man-Sehen-Podcast, wo wir uns gegenseitig Filme zuwerfen.
Johannes Franke: Wo wir uns gegenseitig Gedichte empfehlen. William Blake ist diese Woche dran. Ich möchte gerne Interpretationen dieses gerade vorgetragenen Gedichtes von dir hören. Also. Roses are red.
Florian Bayer: Violets are blue. Und mir ist egal, was du zu sagen hast. Wie heißt es nochmal? It's a great place. Ja, genau. A good place. Big Fish. Wir haben vor zwei Episoden drüber geredet. Shit. Wir wissen nicht mehr, wie das Dorf hieß, in dem er gelandet ist. Spectre. Spectre. Genau. Bond-Bösewicht-Dorf. Ja, stimmt. Denn ein Dichter war, der nicht 10% der Begabung von William Blake hatte, aber trotzdem das beste Gedicht überhaupt schreiben wollte. Und damit nochmal herzlich willkommen. Für heute hat mir Johannes einen Film aufgegeben und zwar Deadman von Jim Jarmusch.
Johannes Franke: Aus dem Jahr 1995, also schon ein Weilchen her, mit einem Johnny Depp in der Hauptrolle, der damals noch ein kleines bisschen vertretbarer war als heute. Ja, eindeutig.
Florian Bayer: Um das vorsichtig zu formulieren. Johnny Depp als William Blake, aber nicht als der historische William Blake, dessen Gedicht wir gerade gehört haben, der von 1757 bis 1827 gelebt hat. Oh, das hast du gut recherchiert. Wie ich das jetzt aus dem Kopf heraus erinnere. Sondern als eine Reinkarnation, zumindest glaubt sein Begleiter, er wäre eine Reinkarnation dieses William Blagues. Ja.
Johannes Franke: Wollen wir ganz kurz ein kleines bisschen darüber reden. Wir hatten letzte Woche in deiner Top 3 sogar, da hatten wir auch einen Filmemacher, den wir eher nicht mehr so empfehlen können, wollen sollten. Und zwar Roman Polanski. Mhm. Und ich glaube, es gibt einen kleinen Unterschied zu heute, zu Johnny Depp. Und der Unterschied liegt nicht in der Schwere der Taten oder sowas. Das kann ich nicht beurteilen. Das will ich nicht beurteilen. Das ist natürlich mein Feld. Sondern darin, dass Johnny Depp in diesem Film eine Rolle spielt für einen Filmemacher, dessen Film ich nicht verdammen will. Nur weil der Hauptdarsteller Jahre später angefangen hat, Scheiße zu bauen. Ja.
Florian Bayer: Das Ding bei Johnny Depp ist ja, das ist einfach eine riesige Shitshow. Ja. Also tatsächlich, ich hasse es so, sich zu so Justizfällen zu äußern. Und zu Gerichtsfällen, wo dann vor allem so He-Set, She-Set-Situationen. Und in dem Fall will ich mich vor allem nicht dazu äußern, weil ich so widerlich finde, wie sich die Öffentlichkeit dazu geäußert hat. Leider eben vor allem mit extremen Hass gegen Amber Heard. Ja. Die mit Johnny Depp halt wirklich einen Rosenkrieg vor Gericht ausgetragen hat. Und sie sagt, er hätte sie misshandelt. Er sagt, sie hätte ihn misshandelt. Und es hat sich halt eine große Johnny Depp-Fan-Community gebildet, die letzten Endes dann halt auch so von ganz vielen Antifeministen und Sexisten gekapert wurde, die das halt zu gerne nutzen, um wieder das Narrativ aufzumachen vom Mann, der halt unschuldig ist und von der Frau in den Dreck gezogen wird. Und diese Shitshow finde ich total ätzend. Also ganz unabhängig davon, wer jetzt Recht hat. Ob Johnny Depp Recht hat oder Amber Heard, ich kann das nicht beurteilen. Ich will das auch nicht, weil das einfach alles so dreckig ist. Aber mich nervt das drumherum. Und mich nerven vor allem diese fanatischen Johnny Depp-Fans, die halt wirklich mit Heugabeln und Fackeln in den Krieg ziehen. Woran er auch seinen Anteil hat. So wie er sich in der Öffentlichkeit präsentiert und wie er mit der Sache umgeht, ist er daran auch nicht unschuldig. Aber ja, ich stimme dir zu. Es ist irgendwie ein Unterschied, ob er der Filmemacher ist oder ob der der Darsteller in diesem Film ist. Und ich bin immer ein großer Fan davon, Kunstwerk von ErschafferInnen zu trennen und zu sagen, ey, wir können das betrachten, wir können über diesen Film reden und wir müssen uns gerade in diesem Fall nicht weiter über diese Johnny Depp-Amber Heard-Geschichte auslassen. Ich will es auch ehrlich gesagt nicht.
Johannes Franke: Ich wollte es bloß einmal am Anfang aus dem Weg räumen, damit wir darüber reden können und trotzdem klar ist, welche Haltung wir dazu haben. Weil es durchaus ein Faktor ist, wenn man sich den Film anschaut und sich Johnny Depp anschaut und so. Es ist wie früher der große Vorteil von so alten Filmstars, wo Marlon Brando ausgerechnet einer der letzten war, die ein großes Problem auch dargestellt haben, aber auf der anderen Seite gesagt haben, jeder Schauspieler, dessen Privatleben öffentlich wird, stellt die Glaubwürdigkeit seiner Rollen infrage. Weil jeder mit einem Ballast ins Kino geht und diese Figur im Grunde nur noch mit dem Ballast dieses Schauspielers anschaut. Und das ist die große Scheiße, die noch dazu kommt. Und ich wünsche euch da draußen, dass ihr den armen Jim Jarmusch nicht spüren lasst und dass ausgerechnet Johnny Depp jetzt der Depp war. Lasst es den Film nicht spüren.
Florian Bayer: Jim Jarmusch, der Gott sei Dank nie große öffentliche Skandale hatte, was vor allem daran liegt, dass sich die Öffentlichkeit relativ wenig für Jim Jarmusch interessiert. Er gehört, obwohl er zu den großen amerikanischen Regielegenden gehört, des amerikanischen Independent Kinos vor allem, einer der großen Autorenfilmer unserer Zeit ist, war ihm nie der große Erfolg vergönnt. Zumindest was Box-Office betrifft. Aber er hat sich wirklich einen Namen erarbeitet und dieser Film steht auch relativ früh in seiner Vita. Er ist seit zehn Jahren schon unterwegs, als er diesen Film macht. Er hat auch seine ersten großen Erfolge betreut.
Johannes Franke: Also ich meine, der Cast sagt einiges.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Wer alles zugesagt hat, diesen Film zu machen, da muss man sich einen bestimmten Ruf erarbeitet haben, um die Leute ranzukriegen dafür.
Florian Bayer: Wie andere große Filmemacher aus den USA hat es Jim Jarmusch immer so ein bisschen geschafft, an der Seite von Hollywood daneben herzulaufen, großartige Filme zu machen, die von der Kritik her extrem gelobt wurden und dann halt irgendwie viele Fans zu gewinnen in Hollywood, die sich freuen, bei ihm zu spielen.
Johannes Franke: Um ein paar Namen zu nennen. Johnny Depp natürlich, klar. John Hurt, Iggy Pop, Gary Farmer, darüber werden wir später reden, den kannte man damals, glaube ich, noch nicht so.
Florian Bayer: Billy Bob Thornton, Lance Henriksen und die Musik von Neil Young. Also ich meine, hey, hier ist so wirklich Indie-Stardom Robert Mitchum, um noch kurz die Altmeister zu nennen. Also ja, es ist wirklich, der Film ist vollgepropft mit großen Namen. Vor allem großen Namen, die vor allem wegen ihrer Schauspielkunst damals schon einen Geruf hatten.
Johannes Franke: Dead Man, worum geht es? Im Wesentlichen geht es um einen Accountant, einen, wie sagt man? Verdammt. Einen Buchhalter. Oh, scheiße. Wenn man alles auf Englisch vorbereitet, weißt du, sich die ganzen englischen Sachen durchliest darüber, dann hat man irgendwann keine Worte mehr auf Deutsch. Es ist so scheiße und es tut mir sehr leid, wirklich. Dieser Buchhalter fährt mit einer Eisenbahn in eine Stadt namens Maschine, um dort eine Stelle anzutreten, die leider schon vergeben ist. Er hat den Brief vor zwei Monaten bekommen. Er macht sich aber auf den Weg, weil das damals auch ein bisschen üblich war, dass sowas einfach eine Weile dauert und dass man ein Stellenangebot per Brief bekommen hat. Und dann hat er alles, weil seine Eltern gestorben sind und seine Freundin ihn verlassen hat, alles hat er auf diese eine Karte gesetzt, hat alles andere verkauft, um mit der Eisenbahn hinfahren zu können, um diese Stelle anzutreten. Die Stelle ist schon vergeben, er hat keine Chance und er landet mit einer Frau, die er dann da irgendwie kennenlernt in diesem seltsamen Ort in ihrem Zimmer, wo sie wohnt. Und dann kommt ihr Ex-Freund vorbei und er schießt sie und ihn mit an. Und er erschießt den Typen.
Florian Bayer: In einer ziemlich awkward Erschießungsszene, weil er erstmal zweimal daneben schießt und der Typ sich gar nicht bewegt dabei. Reden wir gleich noch drüber.
Johannes Franke: Er schießt ihn jedenfalls. Hast du noch Tee, Johannes? Aus Notwehr? Oh ja, sehr gerne. Oh, du bietest mir Tee an? Geh ich bitte dir Tee an, während du weiter uns den Film zusammenfasst. Wow. Bringt diesen Typen um und ist dann auf der Flucht. Die ersten, weiß ich nicht, 20 Minuten, eine halbe Stunde gibt es die Vorgeschichte und dann ist er im Grunde noch den letzten Teil des Films, den restlichen Teil, auf der Flucht. Und an seinen Wunden, die er davongetragen hat, stirbt er. Den ganzen Film ist eine elaborierte Sterbeszene. Er ist eine elaborierte Sterbeszene und trifft einen Native American, Nobody genannt, he who talks loud saying nothing und wird auf eine Art spirituelle Reise mitgenommen. Der kümmert sich um ihn, versucht seine Wunden ein bisschen zu versorgen, kann aber das Metall aus seiner Brust nicht raus operieren, was da drin steckt, also die Kugel. Und ja, versucht ihn dann noch irgendwie lang zu kriegen und ihn auf seinen Tod vorzubereiten, mehr oder weniger den ganzen Film lang. Und dann schickt er ihn irgendwann im Kanu auf den See und der Film ist zu Ende.
Florian Bayer: Ja, das war sehr schön zusammengefasst.
Johannes Franke: So, das war relativ einfach, anders als bei anderen Filmen, die wir besprochen haben, das war relativ einfach zusammenzufassen. Umso spannender wird es, wenn man versucht, das auseinanderzunehmen, was da drin steckt. Ja. Weil auf der Oberfläche ist es leicht, aber dann wird es interessant. Hast du irgendeinen Take, den du uns mitgeben willst in dieses Gespräch? Ja, gerne. Okay, erzähl.
Florian Bayer: Ich möchte von meiner Geschichte mit diesem Film erzählen, die eine sehr kurze Geschichte von diesem Film ist. Ich bin dir total dankbar, dass du mir diesen Film gegeben hast. Ich glaube nämlich, ich habe ihn zum ersten Mal richtig komplett gesehen.
Johannes Franke: Nein, nein, nein, Moment, Moment, Moment.
Florian Bayer: Du hast ihn schon vorher versucht zu sehen und nicht geschafft? Nein, nein, genau. Das kommt meiner Geschichte, wie ich diesen Film gesehen habe. Okay. Ich bin mir ziemlich sicher, aber nicht hundertprozentig, dass ich gekifft hatte, als ich diesen Film zum ersten Mal geguckt habe. Okay, verstehe. Ja, gut. Ich habe diesen Film in einem Dämmerzustand geguckt. Ihr kennt das bestimmt alle, wenn man müde ist oder irgendwie erschöpft und sich noch was anmacht zum Gucken oder was zum Hören. Ja. Und dann merkt, während man etwas guckt, wie man langsam wegdämmert. Und dann vielleicht sogar den Sekundenschlaf hat während eines Films. Und irgendwie alles so in einem Dämmerzustand stattfindet, wo man manchmal sogar so die Gedanken, die wegschweifen, in die Filmhandlung einbaut.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und alles so sehr merkwürdig ist und man nicht mehr genau weiß, was man geträumt hat und was man wirklich gesehen hat. Ich wage jetzt zu behaupten, es ist einer der besten Zustände, diesen Film zu gucken. Das wollte ich gerade sagen. Das ist bei fast jedem anderen Film, würde ich sagen, oh Gott, nee, das kann man nicht machen. Den muss man dann nochmal in Ruhe gucken, den muss man nochmal ernst gucken. Ich habe den Film in diesem Dämmerzustand, wo ich mit Sicherheit minutenweise Inhalt verschlafen habe, total fantastisch in Erinnerung gehabt. Es war ein tolles Gucken dieses Films. Es hat richtig Freude gemacht. Und umso cooler war es jetzt, diesen Film unter komplett anderem Vorzeichen zu sehen. Ich gucke einen Film für einen Podcast, ich kiffe nicht davor, ich trinke keinen Alkohol davor. Ich setze mich hin, konzentriere mich auf den Film, habe was beiseite, um hin und wieder ein paar Notizen zu machen. Und natürlich hat mich das immer wieder an diesen Zustand erinnert und auch mit so ein bisschen Wehmut. Ach ja, als ich den damals geguckt habe, war es irgendwie anders, weil das so ein schönes Gefühl war. Was aber in diesem Film tatsächlich total präsent ist, dass dieses Gefühl des Wegdämmerns ist in diesem Film, auch wenn man es selbst nicht hat, dieses Wegdämmern, dieser Film scheint einem die ganze Zeit so wegzudämmern. Ich habe letzte Woche gesagt, Jim Jarmusch ist manchmal eine Schnaschnase. Dafür möchte ich mich bei allen Jim Jarmusch-Fans wirklich entschuldigen. Sehr gut, danke. Auch wenn ich zu meinen Worten nach wie vor stehe, Jim Jarmusch hat Filme gemacht, die vom Pacing vielleicht manchmal ein bisschen schleppend sind.
Johannes Franke: Ich kann es nicht ganz beurteilen, weil ich ja nicht alles von Jim Jarmusch gesehen habe. Ich habe auch nicht alles von ihm gesehen. Jim Jarmusch ja auch ein schwieriger Regisseur ist manchmal.
Florian Bayer: Ich weiß, dass ich mich manchmal bei seinen Filmen gelangweilt habe. Das war bei diesem Film, das war diesmal nicht der Fall, um dir gleich mal so einen Stein vom Herzen zu nehmen. Und der Film schafft es, eine Immersion zu schaffen, mit dem Gegenteil von Spannung, aber trotzdem darin eine Intensität zu haben und auch nur Anspannung zu haben. Das ist eine Anspannung, die ein Gegenteil von Spannung ist. Und das war sehr faszinierend, das nochmal zu sehen. Also vielen Dank erstmal, dass ich den nochmal unter diesem anderen Vorzeichen sehen konnte. Ich glaube, ich muss den nochmal bekifft gucken.
Johannes Franke: Weißt du was? Ich glaube, wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den Film zum ersten Mal auch gesehen. Spätnachts, wenn man richtig fertig ist. Aber ich bin nicht weggedämmert, sondern ich hatte mehr so dieses, ich mache jetzt was an und vielleicht schlafe ich auch ein, aber dann war ich so, was das für ein krasser Film. Das ging mir damals bei American Beauty so, was ein völlig anderer Film ist. Okay, ja. Wo ich aber auch total geflasht war in der ersten Minute, nicht in der ersten Minute, aber so im ersten Drittel des Films gemerkt habe, oh mein Gott, ich glaube, ich werde nicht schlafen, sondern ich werde diesen Film sehr aufmerksam gucken. Und das ging mir bei diesem Film auch so, dass ich irgendwie eigentlich körperlich fix und fertig war, aber dann gemerkt habe, okay, der Film braucht einfach meine Zuschauerschaft.
Florian Bayer: Ich glaube, um damit nochmal einen Gegenentwurf dazu zu entwerfen, wir müssen ja streiten. Wir haben das letzte Mal schon nicht so viel gestritten. Wir müssen mal ein bisschen mehr streiten. Ich glaube nicht, dass das, was diesen Film auszeichnet, seine inhaltliche Tiefe ist. Ich finde den eigentlich inhaltlich, wenn du es runterbrichst, relativ oberflächlich. Also der hat natürlich so seine Bezüge zu William Blake. Unser Protagonist heißt William Blake und er wird für eine Reinkarnation von William Blake gehalten. William Blake hat viel so mit dem Spirituellen und mit dem Entrückten experimentiert in seinen Gedichten, war seiner Zeit auch voraus, war ein Romantiker. Das ist da auch alles so ein bisschen drin, aber das ist halt auch alles so ein bisschen oberflächliche Referenz. Und dann haben wir halt vor allem so einen Film, der sehr stark auf die Gefühlsebene zielt.
Johannes Franke: Ja, klar.
Florian Bayer: Der sehr stark dieses Gefühl der Entrückung geben will und dieses Gefühl des Sterbens und des Weckdämmerns, des langsamen Todes. Aber es gibt jetzt nicht großen inhaltlichen Subtext darunter, sondern es ist alles so ein bisschen spirituell angehaucht, es ist alles so ein bisschen romantisch angehaucht und irgendwie faszinierend und schön, aber intelligent und besonders tiefgreifend? Ich weiß nicht.
Johannes Franke: Du wolltest gerade irgendwas sagen, was ein Streitgespräch lostritt, aber du sagst wieder nur was, wo ich dir zustimmen kann. Das ist voll doof. Aber das ist eine harte Kritik an diesem Film. Dieser Film ist auch...
Florian Bayer: Okay, jetzt streiten wir. Ich finde, es ist keine Kritik. Kunst um seiner Selbstwillen. Natürlich, es ist vollkommen richtig. Es ist auch ein bisschen prätentiös. Der Film darf das. Es ist Ästhetizismus, es ist Eskapismus auch irgendwie. Wir fliehen in den Tod und machen das auf der Bühne eines Anti-Westerns. Eines Acid-Westerns. Ja, genau. Ey, dieser Film schreit gerade zu einem Drogen, oder? Total. Ich finde es total großartig. Und wenn Nobody zu ihm irgendwie in der Mitte sagt, ja, und ich nehme jetzt diese Drogen, aber die sind noch nichts für dich, dann denkst du als Zuschauer doch auch, gib mir auch was davon, bitte.
Johannes Franke: Ich habe nie in meinem Leben Drogen genommen, außer Alkohol. Ich habe auch nie geraucht und nie gekifft und nie irgendwas in der Richtung gemacht. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich diesen Film gucke, dann habe ich eine Ahnung davon, was es bedeutet.
Florian Bayer: Oh, ich glaube, ich muss dir mal als Filmvorschlag irgend so einen Kifferfilm geben und davor ziehen wir einen durch. Was? Würdest du das mitmachen?
Johannes Franke: Nein, das mache ich nicht mit. Nein, nein, nein. Und würdest du Kekse nehmen? Ich habe irgendwann mal Kekse angeboten bekommen, ohne zu wissen, was drin ist. Oh. Und? Ich habe es gegessen und ich habe nichts gemerkt. Das tut mir sehr leid. Verdammt.
Florian Bayer: Okay. Egal, das ist auch später verschoben. Ich überlege mir was. Das nächste Mal komme ich mit so ein paar Pilzen, ein bisschen LSD und so weiter. Dann machen wir so einen Psychonautentrip. Aber jetzt sind wir erstmal hier und bei diesem William Plague und bei dem Western-Szenario. Ich finde das Western-Szenario super. Ich mag Western, in denen die alte Welt schon so ein bisschen auf die neue Welt trifft. Das ist ein Ding, der spielt eigentlich zu früh, um das zu machen. Aber ich finde es total geil, wenn wir ein Western-Szenario haben und dann kommt plötzlich ein Auto vor. Weil hey, das gibt es. Der wilde Westen hat halt ins 20. Jahrhundert reingewirkt und es gibt diese Überschneidung von Zivilisation und dieser anarchischen Welt. Das macht der Film aber auch. Das macht der Film auch. Nicht so mit der technischen Moderne, sondern vielmehr mit unserem William Plague, der irgendwie so ein Städter ist, der da eigentlich nichts verloren hat. Ja, und die Stadt heißt Machine.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Wir haben so ein bisschen diese Steampunk-Vibes, diese großen, elaborierten Dampfmaschinen, die da irgendwie werkeln. Niemand weiß genau, was sie tun.
Johannes Franke: Es spielt auch gar keine große Rolle. Ja, aber Metall scheint eine wahnsinnig wichtige Rolle zu spielen. Es wird Metall verarbeitet. Wir hören ständig metallene Klänge. Neil Young ist auf einer elektrischen Gitarre mit dem Soundtrack. Es ist alles irgendwie so dieser Stahl und dieses...
Florian Bayer: Und Neil Young macht ja auch nicht viel. Der spielt auch immer nur so seine zwei, drei Saiten an, die dann so ring, ring und... Es ist großartig. Also über die Musik müssen wir auch noch reden. Aber der größte Störfaktor ist natürlich dann doch dieser William Plague, dieser Städter, der so sehr schick aussieht, der auch viel sauberer ist als alle anderen Menschen, der als Clown bezeichnet wird, wenn er seinen Anzug hat. Wir sehen ihn im Zug ankommen, er sitzt da im Zug und er ist komplett deplatziert. Er weckt anders als alle anderen, die da sitzen. Und er zieht auch alle Blicke auf sich und kann dann auch nur schockiert reagieren, wenn dann die Leute plötzlich an die Fenster gehen, um die Büffel zu erschießen, weil das offensichtlich Programm vom Staat ist, das jetzt erstmal nochmal auf die Büffel geballert werden darf. Das ist so krass, oder?
Johannes Franke: Ja. Also allein diese Fahrt zur Hölle. Also ich sage Hölle, weil dieser Typ, der da in der Bahn arbeitet, offensichtlich als Maschinist oder was auch immer. Maschinist, gibt es das in der Bahn? Ich weiß nicht. Auf jeden Fall derjenige, der da hart dafür arbeitet, dass diese Bahn langfährt. Der fragt ihn, was er in der Hölle will. Ja. Was bringt dich auf den Weg zur Hölle? Was soll das? Du siehst nicht so aus, als ob du da hingehörst. Und der fährt da echt lang. Und das ist so krass, wie die Leute, die da drinnen sitzen in dem Zug, immer wieder sich ändern. Es gibt ja immer diese Auf- und Abblenden. Und es sitzen halt andere Leute und es wird immer härter, immer schäbiger, immer schlimmer. Die Leute rotzen dir vor die Füße, weißt du, so in der Richtung. Solche Leute sind das dann nach und nach.
Florian Bayer: Und William wirkt immer mehr Fehler am Platz. Ja. Und wir sehen schon, das ist alles so, er ist da irgendwie mit Hoffnung hin, aber wir sehen schon, oh shit, das ist kein guter Weg, den er da einschlägt.
Johannes Franke: Das war keine gute Idee. Immer wieder werden so Todesbilder hochgeholt, gerade wenn er in der Stadt ankommt und da durchläuft. Ja. Es ist ja wirklich schlimm. Wer kommt da an diesem Haus vorbei, wo nur Totenschädel von irgendwelchen Tieren hängen? Es ist, und die Felle und so, ne? Ja. Es ist ein unglaubliches Bild und ganz, ganz viele kleine Hinweise, die alle irgendwie totschreien, die am Wegesrand liegen.
Florian Bayer: Und dann ist es ja wirklich, dann haben wir wirklich das große Kafka-Moment dieses Films, wenn er halt in dieses, in das Büro geht, um seine Stelle anzutreten und dann sagen sie ihm, nee, die Stelle ist vergeben, du bist zwei Monate zu spät und er versucht sich noch zu rechtfertigen und sagt dann, nee, ich will mit dem Chef reden. Und dann lachen sie ihn aus.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es ist so wirklich, er ist die einzige irgendwie vernünftige Instanz da und alles, um ihn herum scheint irre zu sein. Ja. Und es ist schon klar, er kommt mit dem, was er will, nicht durch. Er ist Josef K. oder Franz K. oder wie auch immer, der auf der Suche nach dem Schloss ist oder der auf der Suche nach Gerechtigkeit ist und wir wissen, der kriegt die hier nicht, weil keiner ihm zuhört.
Johannes Franke: Ja. Auch da, wenn er dir zu dem Chef reingeht und der ihm erstmal die Knarre vor die Nase hält. Dickinson, gespielt von Robert Mitchum. So gut gespielt. Ja. Super geil. Oh mein Gott.
Florian Bayer: Der auch so in den ersten Sekunden schon klar macht, der interessiert sich einen Scheiß für dich und der würde auf dich schießen. Er hat das Gewehr ja nur zu drungen, er würde schießen. Ja, genau. Das ist der richtige Move, da jetzt rauszugehen und nicht weiter auf irgendwas zu insistieren.
Johannes Franke: Ja. Dieser Bär, der da steht. Meine Güte. Ja. Dieser ausgestopfte Bär. Fuck. Haben wir erzählt, dass der Film in schwarz-weiß ist? Der Film ist in schwarz-weiß. Der Film ist in schwarz-weiß.
Florian Bayer: Und hat sehr klare Bilder eigentlich dafür, dass die Handlung die ganze Zeit so dreckig ist. Ja. Und auch so wegwehend alles. So entrückt. Ja. Dafür sind die Bilder ziemlich scharf und ziemlich gestochen.
Johannes Franke: Es ist kein großes Film-Grain zu sehen. Es gibt keine Rauschen oder so, sondern es ist wirklich ein sehr brillantes Schwarz-Weiß-Bild. Aber er inszeniert das sehr, sehr gut, sodass diese Schmutzigkeit auf allen anderen Ebenen da ist. Ja. Und auch die ist realistisch.
Florian Bayer: Das ist natürlich auch so eine Stärke von den Anti-Western. Also gerade so was in den 90ern an Anti-Western entstanden ist, dass sie es schaffen, diese Romantik aus dem wilden Westen komplett rauszunehmen. Ja. Und den einfach schmutzig zu machen. Dass es einfach kein schöner Ort ist, an dem du als zivilisierter Mensch eigentlich nicht willst. Mhm. Ja. Und auch der Tod kennt in diesem Film dann weder Glorie noch Tragik. Das ist ja dieser Moment, wir haben den ersten Mord von ihm.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und den ersten Mord gegen ihn.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der Mordversuch. Und das ist halt auch, das ist einfach ganz trocken, lakonisch. Diese Schüsse werden ausgetauscht. Sie fällt dann tot auf ihm zusammen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Er schießt nochmal, rennt weg. Es ist vorbei.
Johannes Franke: Wie er da steht. Es gibt kein großes Drama. Es ist so krass, weil wir in der Szene, wo der Freund kommt, um sie dann irgendwie vorzufinden. Ich finde das wahnsinnig gut inszeniert. Klar soll man immer so machen, dass Figuren dann in der Szene in ihrem eigenen Film sind. Und wir schauen halt in dieses Leben in dem Moment rein. Aber das ist wirklich stark gemacht, finde ich, von Jim Jarmusch. Dass dieser Typ reinkommt und man sieht den ganzen Ballast, den er aus der Beziehung mitgebracht hat, die er vorher mit ihr hatte. Wir wissen natürlich nicht, was alles vorgefallen ist, aber ich kann ihn sofort verstehen. Ja. Ich weiß sofort, was los ist mit ihm. Es ist so gut gemacht und er spielt das so gut und er ist so tragisch in dem Moment. Er schießt sie dann und bleibt dann einfach stehen, um sich erschießen zu lassen.
Florian Bayer: Ja, er will, er will, genau. Er will sterben. Er will sterben, er will sich erschießen lassen, ganz eindeutig. Und er wirkt sogar eher irritiert, als er feststellt, dass die ersten beiden Schüsse von Plague daneben gehen. Ja. Weil damit hat er nicht gerechnet. Er hat gedacht, er kriegt jetzt eine Kugel in den Kopf und dann ist es vorbei. Ja. Und dann gehen diese Schüsse von diesem Buchhalter, der keine Ahnung hat, wie man eine Pistole bedient, gehen halt einfach erstmal in die Wand. Und William Plague hat diese Pistole auch wie ein Fremdkörper in der Hand. Und das können wir jetzt ruhig nochmal so ausbauen, weil es wird spannend, wie er das später macht und wie er später durch die Welt geht. Ja. Und schießt halt auch so hilflos, weil man hat noch nicht mal das Gefühl, dass da große Leidenschaft hinter seinen Schüssen ist. Sondern er hat das Gefühl, das muss jetzt gemacht werden. Das ist jetzt irgendwie das, was von ihm erwartet wird.
Johannes Franke: Naja, aber er muss sich auch verteidigen. Also er muss auch zumindest dafür sorgen, dass er nicht nochmal eine weitere Kugel in den Kopf geschossen bekommt.
Florian Bayer: Ja, aber es ist eine ganz merkwürdige, awkward Szene, weil es wirkt nicht so, als ob er Angst um sein Leben hätte. Ich finde, es wirkt fast so ein bisschen, als ob er, ja, das ist halt die Situation und irgendwie glaube ich, das ist das, was gemacht wird jetzt. Und deswegen mache ich das, aber es wirkt alles so ziellos. Ja, stimmt, ja. Er schießt daneben und es ist auch, er macht sich wahrscheinlich gar keine Gedanken drüber, ob er ihn umbringt. Er macht sich glaube ich auch gar keine Gedanken über diese Fälle, er versucht nicht sie zu rächen oder so, er ist nicht total erschüttert über ihren Tod, sondern es ist einfach, es stolpert alles so durch diese Szene. Und fühlt sich total komisch an, wenn man halt die klassischen Western-Stereotype kennt, wo keiner so schießen würde und kein Schussduell so aussehen würde.
Johannes Franke: Total krass. Ich glaube, er ist schon in dem Moment von der Menschlichkeit entkoppelt, weil er ja schon nicht mehr darüber nachdenkt und nicht mehr, wie du sagst, ich erschieße ihn jetzt, mir ist das gar nicht so bewusst, was ich da jetzt gerne genau mache und was das für menschliche Implikationen hat. Sondern das ist einfach, okay, das ist jetzt der Ablauf der Dinge und dann springe ich da aus dem Fenster und als er dann aus dem Fenster springt und auf dem Boden aufkommt, schneidet Jim Jarmusch noch eine Sternschnuppe rein, die im Grunde bedeuten könnte, dass er in dem Moment die Seele seinen Körper verlässt und er nur noch sterbend in der Gegend rumläuft und nichts mehr von dem hat, was er mal war.
Florian Bayer: Wir haben ja schon davor diese Blenden die ganze Zeit. Jim Jarmusch blendet gerne ins Black, blendet wieder auf. Wir haben die ganze Zeit diese. Und das ist natürlich auch so dieses Entrücken, dieser Sterbeprozess. Es fühlt sich eigentlich, bevor er diese Kugel schon abkriegt, fühlt sich schon wie so ein Sterbeprozess an. Du hast gesagt, er ist unterwegs zur Hölle. Ja. Und es fühlt sich schon nicht mehr lebendig an, wenn er in diesem Dorf ankommt, weil wir ständig, Black, es geht wieder auf, Black, es geht wieder auf, Black, es geht wieder auf und dann sitzt er vor diesem Native American, der ihn verarztet. Ja. Gary Farmer. Jim Jarmusch besetzt. Ja, wie möchtest du, wir können ihn beide dafür feiern. Danke, danke. Yes. Keiner versteht es in Hollywood. Aber er. 90er Jahre und Jim Jarmusch besetzt einen Native American mit einem fucking Native American.
Johannes Franke: Ja, und er macht das sehr gut und recherchiert ordentlich, was die Kleidung betrifft, was die Sprache betrifft. Das ist ordentlich alles, es stimmt alles. Ja. Und das Geilste finde ich, dass er die Sprache, sie sprechen lässt und keine Untertitel runterhaut. Ja. Und wer es versteht, weil er aus dem Tribe oder aus der Ecke kommt, der versteht es. Der versteht auch die Gags, die da drinstehen anscheinend. Ja. Ich habe sie nicht verstanden. Ich auch nicht. Ich habe sie auch nicht recherchiert, sondern das gehört da einfach, das gehört nicht zu mir, das gehört zu denen. Ja. Anscheinend sind es aber Gags über einen dummen weißen Mann.
Florian Bayer: Ja, dummer weißer Mann, stupid white man, wird diese Figur des Nobody, spielt von Gary Farmer, sehr oft sagen in dem Film. Ja. Und ich finde es großartig.
Johannes Franke: Er hat jedes Mal recht. Er hat jedes Mal recht und es ist wirklich toll. Und ich muss sagen, eine der wichtigsten Figuren dieses Films, die die Stimmung des Films ausmachen. Ja. Seine Stimme, wie er spricht, den Rhythmus, den er reinbringt, es hängt alles an ihm.
Florian Bayer: Ja, ich bin so dankbar dafür, dass Jim Jarmusch nicht aus ihm so einen mystischen Obermännchen gemacht hat, sondern dieser Mann hat eine Geschichte, dieser Mann hat eigene Interessen. Ja. Wir dürfen ihn auch mal auch würdelos sehen mit runterhängendem Pimmel, nachdem er eigentlich vögeln wollte und von William Plague gestört wurde. Ja, er hat diese Momente, dieses typische, diese mystische Romantik und wir reden zu unseren Ahnen und wir öffnen unseren Geist und so weiter. Aber er ist halt auch einfach ein Dude, der hier unterwegs ist und der durch Zufall über diesen stupid white man gestolpert ist und ihm jetzt hilft, weil der verletzt ist.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und der aber auch gerne einen Tabak hätte, weil er echt gerne nochmal rauchen würde. Er braucht was zu rauchen.
Johannes Franke: Ach, es ist aber auch so gut. Also Jim Jarmusch hat ja selbst im Interview gesagt, dass es ihn so genervt hat, dass in diesen ganzen Western der Native American so sehr mystifiziert wurde. Es ist so, er war wirklich, also man merkte, dass er wirklich genervt davon war und dass er das einfach anders machen wollte.
Florian Bayer: Und er schafft es, diese mystische Komponente mit reinzubringen, weil die auch einfach wichtig ist für die Geschichte, weil wir brauchen hier, wir haben hier den Sterbebegleiter von William. Ja. Aber gleichzeitig, wie gesagt, er gibt ihm ein Leben und er gibt ihm auch eine Geschichte. Wir haben ja auch den Moment, wo er ihm dann, wo er William Plague wirklich genau diese Geschichte erzählt. Wir haben keinen Allwissenden, der reagiert total geschockt und hält das für einen dummen Scherz, als William ihm sagt, dass er William Plague heißt. Ja, ja, ja. Also so viele Momente, wo er einfach ein Mensch ist und nicht so ein Stereotyp, nicht ein mystisches Abbild, sondern einfach ein Mensch.
Johannes Franke: Ja, er ist einfach nicht der edle Wilde, wie man das so sagt, ne? Der mit dem reinen, mit der reinen Seele, aber eben der Wilde.
Florian Bayer: Genau. Der immer alles antizipiert, der immer allen überlegen ist, sondern er ist halt auch, wie gesagt, er ist ein Dude.
Johannes Franke: Er ist einfach ein Dude und er ist einfach toll. Er kommt einfach aus der Kultur, aus der er kommt. Er hat eine Geschichte mit der westlichen Kultur, die echt traurig ist, die echt hart ist, weil er irgendwie ausgestellt wurde und irgendwie ins Bildungssystem gedrängelt wurde. Und da irgendwie, ja, es muss...
Florian Bayer: Er wurde verschleppt, das ist wirklich eine krasse Geschichte, die er hat. Er sagt, er ist zwischen den Stämmen. Ich versuche gerade die Namen zu finden. Ich habe die Namen, aber ich kann sie nicht aussprechen. Ja, das ist wirklich ein Problem. Er wurde auf der Büffeljagd, wurde er von Engländern verschleppt und dann zuerst nach Philadelphia gepackt und von Stadt zu Stadt gebracht. Und er erzählt irgendwie so ziemlich spannend, wie das war und dass er immer das Gefühl hatte, dass die Menschen vor ihm da waren. Er ist in diese Stadt gekommen und dann waren plötzlich diese ganzen Menschen da und als ob sie das für ihn vorbereitet hätten. Und dann wird er weiter verschleppt und wird nach Europa gebracht und wird da wohl ausgestellt als Teil von so einer Exhibition von Wilden. Hier schaut euch die Indianer an, so nach dem Motto. Gott, Gott, Gott. Und gleichzeitig erkennen sie aber, dass er relativ intelligent ist und dann kommt er da auch an eine Schule. Er sagt, er hatte da eine Bildung und da fängt er an, William Blake zu lesen und identifiziert sich mit diesem Dichter, der 100 Jahre, nicht ganz 100 Jahre, 50 Jahre vor seiner Zeit gestorben ist.
Johannes Franke: Ja, Jim Jarmusch hat ja tatsächlich ein Verhältnis zu, quasi zu William Blake. Also er hat ihn sehr früh gelesen, angefangen zu lesen und Jim Jarmusch war auch selbst Poet. Er wurde auf der Uni, er hat da studiert und dann haben mehrere Professoren ihn ermutigt zu schreiben. Also wirklich Gedichte zu schreiben und er hat William Blake gelesen. Und als er für diesen Film sich zurückgezogen hat irgendwo, um das zu schreiben und hat ganz viel Literatur von Native Americans gelesen und hatte gedacht, ja, ich brauche mal kurz eine Pause, um mein Hirn wieder runterzufahren und hat dann William Blake zur Hand genommen und hat da gelesen. Und hat dann festgestellt, Moment, es klingt recht ähnlich, muss man mal sagen. Und fand dann die Parallele sehr spannend und hat deswegen William Blake mit eingebaut.
Florian Bayer: William Blake war ja so ein krasser Mystiker und so auch ganz naturverbunden in seiner Poesie und dann auch so sehr stark mit diesem Bezug auf die hellen und dunklen Seiten in der Natur finden und eigentlich fast so ein Proto-Romantiker. Ich meine, der war im 18. Jahrhundert, der war wirklich seiner Zeit einfach voll voraus. Der hat eigentlich Gedichte geschrieben, die dann so Anfang des 19. Jahrhunderts oder vielleicht sogar eher Mitte des 19. Jahrhunderts von den Düsterromantikern geschrieben wurden. Und hatte auch immer so ein Stück Wahnsinn drin und war einfach, hat sich, obwohl er auch ein politischer Mensch war und sich so sehr viel mit Rationalismus und Aufklärung auseinandergesetzt hat, war ja tendenziell eher so ein Kontrapunkt zur Aufklärung, einfach weil er die Ratio in seinen Texten und in seinen Gedichten und in seinen Visionen, er hat ja ganz viel von seinen Visionen erzählt, so zur Seite gekehrt hat und stattdessen halt wirklich rumgesponnen hat. Und es gibt wohl sehr viele LiteraturwissenschaftlerInnen, die sich ausgiebig damit auseinandersetzen, wie krank William Blake war und ob er krank war und wie sehr er Visionär war und wie sehr er Schizophrener war oder was auch immer. Und ich bin kein William Blake-Experte, deswegen kann ich nicht viel dazu sagen.
Johannes Franke: Ja, ja, aber ich fand, was ich gelesen habe, fand ich schon wirklich toll. Es gab eine Zeit. Muss ich sagen, ich bin ja auch ein Fan von Romantikern.
Florian Bayer: Ja, es gab eine Zeit in meinem Leben, wo ich sowas extrem gerne gelesen habe. Also so gerade diese düsteren Seiten der Romantik und vor allem Baudelaire zum Beispiel.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: So, auf sowas habe ich vollgestanden. Hat sich so ein bisschen gegeben. Und William Blake hat damals halt auch irgendwie zu dem Cocktail-Mix gehört, aber ich habe mich nie intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Fand das aber ganz geil. So dieses düstere und dieses Visionäre und großer Pathos. Das ist schon ganz cool. Das kann man auch sehr gut vorlesen als Schauspieler. Ja, auf jeden Fall. Du kannst ja beide Gedichte nehmen. Du kannst ja jetzt einfach zwischendurch mal das zweite reinschneiden. Johannes hat nämlich am Anfang dieser Episode überlegt, er will mit einem Gedicht von William Blake starten und hatte dann eins da liegen. Und dann habe ich gesagt, ah, ich habe hier noch eins und will das nicht vorlesen, weil mein deutscher Akzent so schrecklich ist. Und dann hat Johannes einfach beide eingelesen. Und wenn ihr das jetzt hört und habt am Anfang eins gehört, dann hört ihr jetzt vielleicht das zweite.
Johannes Franke: Oh, Rose, thou art sick. The invisible worm that flies in the night in the howling storm has found out thy bed of crimson joy. And his dark secret love does thy life destroy.
Florian Bayer: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen. Aber wohin? Oh mein Gott, Johannes. Ja? Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein. Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify oder Apple oder sowas. Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Florian Bayer: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen. Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau. Und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de. Genau. Schickt uns Filmvorschläge und so weiter.
Johannes Franke: Boah, wir sind schnell durchgekommen.
Florian Bayer: Ja, jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Johannes Franke: Es war nicht leicht, eine Finanzierung dafür zu finden für den Film und auch das überhaupt zu drehen, weil du erstmal diese ganzen, mit wenig Geld diese ganzen Orte finden musst, die Locations dafür zu kriegen und das dann zu drehen. Und da ist noch zwei Meter weiter ein Auto und da ist eine Autobahn, die muss man irgendwie auch umgehen. Es ist wirklich anscheinend schwer gewesen, gerade weil er einfach nicht das riesige Budget dafür bekommen hat. Neun Millionen hat der Film dann letzten Endes doch gekostet. Ja, immerhin. Also es ist schon, also für amerikanische Verhältnisse, es ist wenig. Aber davon kannst du schon drei, vier, fünf, sechs, sieben, vielleicht einen neuen Tatort zu drehen.
Florian Bayer: Und es war auch für einen Jim Jarmusch-Film relativ viel. Also seine Filme davor, zum Beispiel Night on Earth hat zwei Millionen gekostet. Mystery Train, zwei Millionen. Also der hat offensichtlich sein Budget für diesen Film nochmal ordentlich vergrößert. Und ich habe immer so das Gefühl, sein großer Hit, aber das war auch kein Hit, aber es war wohl, nee, genau. Sein großer Hit war, sollte danach kommen, das war Ghost Dog. Der hat nur zwei Millionen gekostet wieder, aber hat das vierfache eingespielt im Box Office. Und für Jim Jarmusch ein ziemlich großer Hit. Davor hatte der quasi budgetlose Filme. Down by Law, der so als sein erster großer Wurf gilt, hat 500.000 gekostet. Stranger in Paradise, noch älter, hat 100.000 gekostet. Alter, war der Film günstig. Und hat zweieinhalb Millionen eingespielt, mehr als Deadman. Krass. Das ist eigentlich traurig, weil ich meine, mit Johnny Depp hatte er damals einen jungen Star, ne? Johnny Depp war damals schon ein Name.
Johannes Franke: Ja, aber also hier stehen eine Million zum Start, zum Kinostart, in der ersten Woche oder sowas gemessen. Ich weiß nicht, wie viel er wirklich insgesamt eingespielt hat, der Film. Der ist ja dann wirklich zum Klassiker geworden fast, also zum Kultklassiker. Ich kann mir schon vorstellen, dass da noch ein bisschen mehr Geld rumgekommen ist über die Zeit.
Florian Bayer: Ja, hoffentlich. Ja, hoffentlich. Die Sets sind wirklich on point, ne? Sie bewegen sich in diesem staubigen, dreckigen, so ein bisschen nördlicheren Wilden Westen. Zumindest, es wird nie so exakt gesagt, wo sie sind, aber er kommt ja von Cleveland. Das heißt, er kommt tendenziell eher so ein bisschen nördlich daher. Und der Schauspieler vom Nobody, also Gary Farmer, ist ja auch eigentlich ein Kanadier. Er stammt von einem Tribe, der auch in Nordamerika unterwegs ist, oder auch in Nordamerika unterwegs war, aber vor allem in Kanada. Kennst du die Geschichte, wie er die Rolle bekommen hat? Nee. Bitte.
Johannes Franke: Erzähl sie mir. Jim Jarmusch wollte ihm die Rolle anbieten, irgendwie kannte er ihn. Und dann sagt Gary Farmer, ja, ach, ich schick mir jetzt kein Drehbuch oder sowas, sondern komm einfach her und erzähl es mir. Nach Kanada, in der Nähe von der nächsten großen Stadt. Also er hat dann wirklich am Telefon ihm gesagt, so, du steigst dann ins Flugzeug dorthin, dann steigst du da aus, fährst 500 Meilen in die Richtung mit dem Auto und dann findest du mich schon irgendwie. Da die Hütte, da. So. Das muss sehr vage gewesen sein. Und dann hat er sich zwei Tage später wirklich ins Flugzeug gesetzt, ist da hin geflogen, ist ja mit dem Auto dahin und hat ihn da irgendwo gefunden, wie er da irgendwo in der Hütte, oh Gott. Und dann hat er zwei Tage gesessen und hat ihm die Story halt erzählt und hat gesagt, ja, ich muss mal drüber schlafen. Nächsten Morgen sagt er, ja, komm, wir machen das. Er hat kein Drehbuch gelesen, er hat nur die Story erzählt bekommen und es hätte auch schief gehen können. Also natürlich, Jim Jarmusch ist Jim Jarmusch, aber ich weiß nicht, wie viel Vertrauen man in jemanden haben kann, der einfach nur erzählt, ja, es geht ungefähr darum und es geht so und es läuft so. Ohne das Drehbuch wirklich gelesen zu haben, dann zu sagen, ja gut, machen wir so.
Florian Bayer: Ja, ist schon krass, ne?
Johannes Franke: Wahnsinn. Voll cool. Und er fliegt da extra hin und erzählt dann das in irgendeiner einsamen Hütte, die so ein bisschen vage erzählt wurde, wo das ist.
Florian Bayer: Und aber diese Vibes, die bringt er dann ja auch in den Film mit, weil er wirkt immer so ein bisschen auch, naja, lakonisch. Auch manchmal sogar fast desinteressiert, aber dann sehr schnell, spätestens nachdem er gehört hat, dass William Plague William Plague heißt, scheint er davon überzeugt zu sein, dass dieser William Plague auf einer Mission ist und ab sofort nicht mehr die Worte sprechen lässt, wie in seinen Gedichten, sondern seine Waffe sprechen lässt. Und er zieht ihn zum Mörder von weißen Menschen, oder?
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Eigentlich ist das so. Aber voll. Mal schauen, wie viele von den Wichsern noch mit in die Hölle ziehen kannst, während du stirbst.
Johannes Franke: Ja. Did you kill the man who killed you?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ne? Und Johnny Depp kann nur sagen, I'm not dead. Ja. Und man weiß aber schon vor dem Fernseher sitzend, ja, ja, nein, du bist tot. Ah, sehr krass.
Florian Bayer: Die Gegenspieler, ne? Wir haben hier einmal den Begleiter, den Schutzengel oder wie auch immer man ihn nennen will. Und dann haben wir unsere drei Gegenspieler, die drei Kopfgeldjäger, die von Dickinson angehört werden, weil der Typ, den Blake erschossen hat, war Dickensons Sohn durch einen einfach dummen Zufall. Und da haben wir dann Johnny the Kid Pickett, Conway Twill, den ich ja eigentlich am witzigsten finde von den drei. Und, ähm, Cole Wilson, der einfach mal so fucking gruselig ist, von Lance Henriksen gespielt. Ja. Der, ähm... Total krass. He fucked his parents. Ja. Und dann hat er sie gekocht und gegessen. He fucked and killed his parents. He fucked and killed and ate his parents. Und man glaubt sofort, man sieht das Gesicht von diesem Typen. Ja, ja, ja. Und ja, es ist kein Zweifel, dieser Mensch ist ein Kannibale.
Johannes Franke: Und das Geile ist, also wo ich wirklich gefeiert habe, obwohl es wirklich keine lustige Szene ist eigentlich, aber er ist das so inszeniert. Er hat schon den Jungen erschossen. Mhm. Und dann reiten die zusammen weiter und irgendwann gibt's so eine Szene, wo sie einfach an der Kamera vorbeireiten und der eine redet einfach die ganze Zeit auf den einen.
Florian Bayer: Oh, und man denkt auch so, halt die Fresse, echt.
Johannes Franke: Ja, halt die Fresse.
Florian Bayer: Hast du wirklich, oh ja, hast du das gemacht? Er fragt ihn nach seinen, ist das der Grund für den Schuss? Er fragt ihn nämlich nach seinen deutschen Vorfahren.
Johannes Franke: Und es gibt, es gibt, aber ich weiß nicht, ob das der Grund für den Schuss ist. Ich glaube, der Grund ist einfach, dass er nicht aufhört zu reden. Aber es ist so geil, weil er ihm Fragen stellt und die nicht beantwortet werden und er redet einfach weiter, redet weiter, redet weiter und dann ist halt die Blende zum Schwarzen und pfff. Und der nächste Schnitt ist einfach nur, wie er eine Hand gerade so ist. Ja. Er sitzt da und isst.
Florian Bayer: Es ist wirklich krass, meine Güte. Wirklich spannend ist, wir haben diese zwei Morde von dem Kopfgeldjäger, der ja so ein bisschen der Antagonist, der Bösewicht ist in diesem Film. Und die finden aber immer genau dann statt, wenn davor William Plague jemanden umgebracht hat. Wir haben drei große Morde von William Plague. Einmal diese drei Verrückten, ich sag's jetzt einfach mal so, die er trifft, die sich an ihn ran machen und die ihn offensichtlich vergewaltigen wollen. Oder hast du das anders interpretiert? Ich finde, das ist ziemlich eindeutig, was die vorhaben.
Johannes Franke: Ja, das kann gut sein, ja.
Florian Bayer: Also der eine sitzt so an seinen Haaren und spielt an seinen Haaren und sagt so, hey, schöne Haare. Und dann sagt der eine, hey, der gehört mir, du hattest schon den letzten. Die tötet er dann und kurz darauf erschießt Cole, also unser kannibale Johnny, the kid. Dann haben wir das Treffen mit den beiden Marshals. Ja, stimmt. Do you know my poetry, wo er die beiden erschießt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und genau darauf erschießt Cole Twill. Also es ist so, die Morde von Johnny Depp, von William Plague gehen immer den Morden des Antagonisten voraus. Das hab ich gar nicht so richtig geschreit. Also es ist wirklich diese Szene Johnny Depp tötet jemanden, kurz darauf Cole tötet jemanden. Okay, krass.
Johannes Franke: Ja, wenn wir gerade bei Iggy Pop sind, ich finde die drei Stooges da schon ziemlich geil, muss ich sagen. Auch wenn die ziemlich creepy sind gegenüber Johnny Depp. Die sind voll gruselig, Alter. Ich finde es so krass. Ich finde es so krass.
Florian Bayer: Die haben das so gut gespielt und die hatten auch viel Spaß am Set. Total, aber man kann sie überhaupt nicht durchschauen, weil ich finde, da sind wir voll in der Apokalypse gelandet. Und diese Typen sind einfach nur durch und es ist überhaupt nicht klar, was sie da machen, was die vorhaben, wie ihr Leben aussieht. Das sind, keine Ahnung, das sind so drei Reiter der Apokalypse. I don't know.
Johannes Franke: Ja, also bei Iggy Pop, ich bin mir nicht ganz sicher, warum er Drag trägt, ob sie sich immer abwechseln. Einer muss immer die Frau sein und einer muss immer die Kochen und entsprechend herhalten, sexuell vielleicht. Weiß ich nicht. Das ist so bizarr, weil es überhaupt keine Erklärung kriegt.
Florian Bayer: Und weil die Art, wie sie reden, halt auch so schräg ist. Ja, ja. So zwischen freundlich, zwischen Grooming und, aber du weißt genau, du kannst jederzeit sterben. Ich meine, der Tod liegt da so in der Luft und die Gewalt liegt da so in der Luft. Und ich fand das eine richtig unangenehme Szene, wie er da zwischen ihnen sitzt und sie so belauern und anfangen mit ihm zu reden. Und ja, krass.
Johannes Franke: Aber ich fand es auch ein bisschen witzig, muss ich sagen. Weil die einfach so, man hat irgendwie gemerkt, dass die auch echt viel Spaß hatten. Ich habe das danach irgendwie im Interview nochmal genauer gesehen, dass er das erzählt hatte.
Florian Bayer: Das ist ja diese Geschichte von den drei Bären, die sie da so erzählen, während er zu ihnen kommt. So diese total pervertierte Version des Kindermärchens. Und das sind sie für mich so ein bisschen. So eine pervertierte Version von Figuren, die in einem Märchen der Grimm-Brüder vorkommen können. Aber halt so ins Extrem gebracht, du willst diesen Menschen nicht begegnen.
Johannes Franke: Im Gottes willen. Niemals. Auf gar keinen Fall. Aber ist krass, ne? Also auch gerade, wie sie da an ihm ran, sich so rangewanzt haben und seine Haare so. Und genau. Und fragen, na, wie kriegst du die so weich? Und, oh, so richtig ekelhaft. Richtig gruselig.
Florian Bayer: Aber da haben wir natürlich, in diesen Morden haben wir natürlich diese echt spannende Entwicklung von William Blake, der halt da noch sich irgendwie so, irgendwie versucht zu helfen und schon ein bisschen gezielter ist, schon ein bisschen besser ist in seinem Killing. Aber dann spätestens, wenn er auf die beiden Marshals trifft.
Johannes Franke: Ja, ja. Da kommt er ja richtig aus dem Gebüsch raus und sagt, so, you know my poetry, bam, bam und weg ist er. Ja. Also, das ist schon krass.
Florian Bayer: Und es wird in so vielen, auf so vielen Ebenen wiedergespiegelt, ne? Die Verhandlungsplakate von ihm verändern sich.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das letzte Verhandlungsplakat stellt ihn wirklich als eiskalten Killer dar. Und dann sagt ja auch Nobody zu ihm, hey, du bist gut getroffen da. Und wie er die Waffen hält, wie er dann auch mit geschminktem Gesicht da sitzt. Also er wird nach und nach, wird aus diesem total unsicheren Buchhalter, wird ein eiskalter Killer, der seinem Tod entgegen geht, ohne mit der Wimper zu zucken.
Johannes Franke: Und ich kann es voll nachvollziehen. Ich kann diese Wildnis, diese Art und Weise, wie das Leben mit ihm umgeht, kann ich total verstehen, dass sie ihn so in der Form formt auch.
Florian Bayer: Ich sehe da keine plausible psychologische Entwicklung drin, das brauchst du aber auch nicht. Ich sehe da keine plausible Charakterentwicklung drin. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt psychologisieren würde, aber gefühlt. Gefühlt, ja. Ich finde eigentlich das plausible Szenario ist, dass er krepiert an Ort und Stelle irgendwo, weil er zu schwach ist, irgendwo hinzugehen. Und also nicht nur zu schwach, weil er eine Kugel in sich stecken hat, die kurz vorm Herzen ist, sondern auch zu schwach, weil er einfach zu sehr von seiner Angst und von seiner Schwäche getrieben ist. Er passt da einfach nicht hin. Und was sie mit ihm machen, ist halt wirklich so ein mythologisches Narrativ. Also keine plausible Charakterentwicklung, aber eine plausible Narrativeentwicklung. Macht das Sinn?
Johannes Franke: Ja, ich würde gerne aufs Emotionale gehen. Also eine plausible emotionale Entwicklung.
Florian Bayer: Aber er wirkt ja schon relativ stoich, auch in seiner Angst und in seiner Verzweiflung. Am Anfang wirkt er immer so sehr, wir sehen keine Träne von ihm, wir hören kein Schreien von ihm, kein verzweifeltes Irgendwas, sondern er bewegt sich halt einfach.
Johannes Franke: Ich könnte mir vorstellen, dass so ein kleines bisschen da eine erste Interpretationsebene noch mit reinkommt. Nämlich als ich gesagt habe, dass dieser, nachdem er aus dem Fenster gefallen ist, nachdem er die Frau umgebracht wurde und er den Typen umgebracht hat, die Sternschnuppe da kommt, dass alles, was danach kommt, ein halluzionierter Abgesang auf sein Leben ist. Also im Grunde liegt er da und krepiert einfach vor sich hin. Und dann versucht er Stärke zu finden, zu sterben.
Florian Bayer: Ja, also zumindest auf einer metaphorischen Ebene würde ich da mitgehen. Genau. Es gibt ja immer noch, also Heldengeschichte, Heldenreise, es gibt ja eigentlich in ihm sehr lange auch noch dieses Widerstreben. Auch nach diesem Schuss, wenn er zum Beispiel seine ersten Fahndungsplakate sieht, wo der Preis noch relativ niedrig ist, sagt er ja so, ich habe sie nicht umgebracht, das muss irgendwie geklärt werden. Ich weiß gar nicht mehr, wie er sagt, irgendwie, ich habe sie nicht umgebracht. Ja, das können sie nicht einfach behaupten. Ja, und er ist dann wirklich empört darüber.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und da sieht man, er widersetzt sich noch dieser Idee, dass er jetzt kämpft auf seinem Sterbebett. Und selbst wenn er auf die drei Verrückten trifft, ist es noch so, dass er irgendwie, genau, das ist ja sogar vor dem ersten Plakat, das er sieht, ist es noch so, dass er sich auch irgendwie so widerstrebend da hinsetzt, auch so ein bisschen Angststarr ist ganz lange zwischen ihnen, bis er dann handelt und dann kommt es ja wirklich so im letzten Drittel, dass er plötzlich diese Stärke findet, wie auch immer die entsteht, weil diese Stärke ist ja eigentlich auch nur die Stärke eines auf seinem Trip herumstolpernden. Er ist da ja schon so total benebelt die ganze Zeit.
Johannes Franke: Ja, ist richtig, aber das ist der Moment, wo er von Nobody für einen Moment alleingelassen wird. Ja, das ist geil, oder? Ja, ja. Und die Grille kriegt er genau aus, der arme Kerl. Ja, er zieht nichts mehr, wie er dann die beiden erwischen konnte überhaupt beim Schießen. Aber, weißt du, ich glaube, darin muss man dann Stärke finden, wenn man eigentlich jemanden hat, der die ganze Zeit so ein bisschen drauf aufpasst, der wenigstens das Pferd noch in die richtige Richtung zieht und du brauchst nur da zu sitzen und zu versuchen, es auszuhalten, was da wehtut, die Kugel, die im Körper steckt. Und wenn der dann abhaut, dann musst du deine letzten Energiereserven zusammennehmen und irgendwie hart werden, oder?
Florian Bayer: Ja, aber hart ist auch fast das falsche Wort vielleicht. Schönste Zehne des Films, wenn er sich neben dieses tote Reh liegt.
Johannes Franke: Ja, Wahnsinn, oder?
Florian Bayer: Dass dieser Film purer Ästhetizismus und Romantik ist, es hat ja keinen tieferen Inhalt, kannst du mich gerne korrigieren. Es ist vor allem einfach ein schönes Bild.
Johannes Franke: Es ist einfach wirklich ein schönes Bild, ja. Und natürlich kann man darin sehen, dass er den Tod anfängt zu akzeptieren und sich gemein macht mit dem toten Tier, mit der Wunde. Und der stochert ja noch in der Wunde rum und dann in der eigenen, das eine Verbindung herstellt. Ja, er ist ja auch irgendwie ein Reh, ne? Ja, ja, ja. Er ist ein Reh, der zum Wolf geworden ist vielleicht so ein bisschen, wenn man so sehr platt das Ganze in Bilder passen will. Wollen wir einen Kalender draus machen? Okay. Natürlich kann man in diesem Film auch ganz viel Metaphorik irgendwie sehen und ganz viel reininterpretieren und anfangen, da alle möglichen Bilder auseinanderzunehmen. Aber ich glaube, das muss man gar nicht. Weil man einfach das Gefühl, was der Film die ganze Zeit mit vermittelt, was der aufmacht über alle Ebenen, über die Musik, über die Ereignisse, über das Bild, über der Kameramann hat einen unglaublich geilen Job gemacht. Das ist wirklich krass und da muss man nicht unbedingt alles interessieren.
Florian Bayer: Und Robby Müller, um den Namen noch einmal zu nennen, des Kameramannes, der unter anderem auch mit Wim Wenders zusammengearbeitet hat. Ah, toll. Und Wim Wenders ist ja, Jim Jarmusch hat mit Sicherheit seinen Wim Wenders studiert. Der ist nämlich ähnlich wie, Wenders ist Jim Jarmusch, ein Fan der lakonischen, sehr trockenen Erzählweise. Und um noch mehr Hass von Filmenthusiasten auf mich zu ziehen, Wim Wenders ist auch ganz schöne Schnarschnase manchmal. Aber er hat dann ganz viel mit, nachdem er mit Wim Wenders gearbeitet hat, hat er ganz viel mit Jim Jarmusch gearbeitet hat. Bei Down by Law hat er gedreht und Mystery Train war er hinter der Kamera. Und dann zum Beispiel auch bei Wim Wenders bis ans Ende der Welt. Das sind die Regisseure, mit denen er gut zusammenarbeiten kann. Da weiß er, was für Bilder er hat. Und um noch einen Film zu nennen, über den wir gesprochen haben, Dancing in the Dark und Breaking the Waves. Er hat auch mit Lars von Trier zusammengearbeitet. Was vielleicht im gleichen, also on brand ist ein bisschen. Vielleicht, wobei Lars von Trier ja weniger der Mann der lakonischen Bildsprache und mehr der Mann der große Nüge ist.
Johannes Franke: Ja, aber sehr artsy. Ja, auf jeden Fall voll artsy. Was ich spannend fand, war, wie Jim Jarmusch dann erzählt hat, dass er mit dem Kameramann in der Gegend rumgelaufen ist, sich die ganze tolle Natur angeschaut hat. Und der Kameramann stand da vor diesem beeindruckenden Panorama und hat gesagt, wow, sieht das geil aus. Wir drehen uns um und schießen genau in die andere Richtung. Und ich glaube, das ist so on point auch das, was Jim Jarmusch wollte. Und dann nehmen die sich irgendeinen Stein, der da liegt und der ist es dann. Während man in der anderen Richtung das krasseste, geilste Panorama sieht. Ja, das ist super. Großartig und passt total zum Geist dieses Films. Natürlich, ja, ja. Aber es ist trotzdem noch beeindruckende Natur, muss man sagen. Total, die Bilder und die Umgebung sind einfach fantastisch mitreißend.
Florian Bayer: Wir haben auch so ganz banale zehn, eine Baumgruppe und wir sehen dann zuerst Blake und Nova, die durchreiten. Und dann exakt dieselbe Einstellung und wir sehen ihre drei Verfolger durchreiten. Ja, ja, ja. Es ist einfach cool, weil es ist diese, nicht Symmetrie, aber dieses ganz banale Bild von wir sehen Baumstämme, die ins Nirgendwo ragen und wir sehen Menschen drunter durchreiten. Und dann das Ganze nochmal. Toll.
Johannes Franke: Ja, das sind so viele tolle Bilder. Was sagen wir dazu, dass Roger Ebert gesagt hat, Jim Jarmusch is trying to get something here and I don't have a clue what it is. Und hat ihm nur one and a half Stars gegeben von vier. Naja, wir wissen ja, wie Roger Ebert drauf ist.
Florian Bayer: Oh Gott. Ich würde sagen, Roger Ebert hat das nicht verstanden, weil eigentlich Jim Jarmusch is not trying to get at something here. Das ist nämlich der entscheidende Punkt, das hat Roger Ebert nicht verstanden. Und er sucht nach irgendeinem Sinn, den er gar nicht suchen muss in diesem Fall. Weil der Sinn ist, es gibt nicht, man muss den nicht entblättern, um tiefere Ebenen hervorzuziehen. Man kann ihn einfach nehmen für das, was er zeigt und das ist das Sterben eines Mannes, das sehr lange und sehr ausgedehnt gezeigt wird in tollen Bildern. Mit schönen Bildern, also mit schönen Metaphern und mit schönen Allegorien und so weiter. Und es einfach diese Stimmung perfekt auf den Punkt bringt. Kannst du mich einmal fragen, welchen Hut Johnny Depp trägt? Johannes, welchen Hut trägt Johnny Depp?
Johannes Franke: Einen John Bull Topper. Ist das nicht toll? Nein. Ich finde es großartig. Keine Ahnung.
Florian Bayer: Hast du so einen? Natürlich habe ich so einen.
Johannes Franke: Ah, sehr gut. Zeig ihn doch mal bitte unseren HörerInnen.
Florian Bayer: Ha, got you.
Johannes Franke: Du kannst mich mal am Povo schmatzen. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine Hutsammlung habe von mindestens, weiß ich nicht, zwei Millionen? Ja, ungefähr. On Display sind es immer so 20 oder sowas oder 30 Hüte. Und natürlich habe ich einen John Bull Topper. Das ist wie eine Art, also wie der Name schon sagt, Top Hat, also ein Zylinder. Bloß sehr viel kürzer als ein normaler Zylinder. Der wohl auch für so Accountants und so weiter, für Leute, die diesen Job hatten.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Passte das einigermaßen, aber schon auch im, in Anführungsstrichen, wilden Westen.
Florian Bayer: Es ist halt so wie Johnny Depp, den er in diesem Film trägt, hat er auch voll diesen Outlaw-Look. Und das passiert wahrscheinlich einfacher auch durch das Spiel von Johnny Depp und durch das Szenario. Aber ich sehe in diesem Hut die ganze Zeit eben nicht den einfachen Buchhalter, sondern den Outlaw, der ums Überleben kämpft.
Johannes Franke: Aber es ist schon ein feiner Hut. Also dadurch, es ist ein Zylinder, darf man nicht vergessen. Aber der Film macht natürlich eine andere Konnotation.
Florian Bayer: Johannes, frag mich doch bitte, auf welchem Instrument Neil Young den Soundtrack gespielt hat.
Johannes Franke: Flora, auf welchem Instrument hat denn Neil Young diesen Soundtrack gespielt? Old Black, seine elektrische Gitarre.
Florian Bayer: Und er hat improvisiert dabei offensichtlich.
Johannes Franke: Meine Güte, er hat den Film angeschaut und hat den Soundtrack einfach improvisiert. Aber über den Rough Cut, nicht über den Original, über den finalen Film, sondern über den Rough Cut. Und dann hat Jim Jarmusch genommen, was er gebrauchen konnte.
Florian Bayer: Ja, und es ist halt so einfach und so banal, was da passiert musikalisch.
Johannes Franke: Es ist so effizient. Es ist genau das, was zu diesem Film passt. Der Film, also die Filmmusik ist der Hammer, der absolute Hammer. Ich kann mir nichts besseres vorstellen dafür. Und ich habe ihn echt eine Weile bei mir auch immer laufen gehabt. Einfach nur diesen Soundtrack. Der Soundtrack für meinen Alltag eine Zeit lang.
Florian Bayer: Totale Stimmungsmusik für die persönliche Apokalypse. Ja, total krass. Von Pitchfork auf Rang 15, der bei den besten Movie Scores of all time. Und ja, sehe ich. Kann man machen. Also es passt halt perfekt zu diesem Film. Ich glaube nicht, dass es was ist, was ich mir ständig anhören würde. Auch wenn ich einen Softspot für so Post-Druck und so auch so einfache, sehr lang gedehnte Musik habe. Aber es ist halt mit den Bildern, es ist einfach eine super Mischung.
Johannes Franke: Wollen wir uns langsam in unsere Top 3 vorrobben? Ja, bitte. Unsere, äh, Top 3.
Florian Bayer: Top 3 Sterbezzenen. Also aber lange Tode, ne? Genau, Top 3 lange Sterbezzenen. Lange Sterbezzenen. Das war das Entscheidende. Nicht gute Sterbezzenen, sondern lange Sterbezzenen. Und Deadman ist natürlich der unangefochtene Weltmeister. Der längste Sterbezzenen in der Filmgeschichte, Punkt. Das würde ich nicht sagen. Was? Du hast was Längeres gefunden? Ich habe was Längeres. Oh geil, ich bin super gespannt. Ich habe nämlich nichts Längeres gefunden. Ich habe nur so ollen Kram. Okay, wenn man es genau nennt, ist Enter the Void. Was mein Platz 3 wäre. Auch eine sehr lange Sterbezzene von Gaspar Noé, der für radikale Filme bekannt ist. Eine unserer ersten Podcast-Episoden hat sich um einen Gaspar Noé-Film gedreht, den du nicht gut fandst, wo sie tanzen. Ja, um Gottes Willen, der war nicht gut. Enter the Void aus dem Jahre 2009. In diesem erzählt er von einem Menschen, der getötet wird. Ein Film aus der POV unseres Protagonisten. Und nach dem Tod geht die POV weiter. Das heißt, wir sehen, wie die Seele dem Körper entweicht. Und genau genommen ist das eine längere Sterbezene, weil dieser Film dauert 161 Minuten. Siehst du? Und wir sehen die Seele den Körper verlassen. Irgendwie zwischen Vision und Schmutz und teilweise auch unfreiwilliger Komik. Ein krasser Film, ein übertriebener Film. Ein Film, den ich dir unbedingt mal noch geben muss irgendwann.
Johannes Franke: Ja. Ich würde mal noch ein, zwei Honorable Mentions unterbringen. Oh ja, bitte. Honorable Mention Nummer 1. Ich liebe es, fünf Minuten lang zu sehen, wie Leonardo DiCaprio in Titanic stirbt.
Florian Bayer: Gross. Du musst mir versprechen, ein gutes Leben zu führen. Wir machen keine Debatte darüber auf. Er hätte noch drauf gepasst. Wir machen keine Debatte auf. Mann, Noah. Fuck you. Du nimmst die ganze Romantik raus. Er muss sterben in diesem Moment.
Johannes Franke: Und ja, er hätte noch drauf gepasst. Okay, wir haben noch eine weitere Honorable Mention und zwar Life of Brian. Ich liebe es, wie sie am Kreuz sterben und singen.
Florian Bayer: Und so wie sie festgemacht sind, wie sie festgebunden sind und wie sie auf ihren Dingern stehen, die man sehen kann, wird es ein sehr langer Tod sein. Das wird lange dauern, ja. Sie werden verhungern, nicht verbluten oder sowas. Dann kann ich zumindest noch eine Honorable Mention reinwerfen, die ganz knapp Platz 3 verfehlt hat. Magnolia. Ist auch eine lange Sterbe-Szene in die Episoden eingebettet. Und einer der Protagonisten in dem Episodenfilm Magnolia von Paul Thomas Anderson, mein Lieblingsfilm wahrscheinlich aller Zeiten, ist ein alter Medienmogul, der im Bett liegt und nach und nach stirbt.
Johannes Franke: Wir haben darüber geredet, unsere zweite, dritte Episode, irgendwas in der Richtung. Ja. Ein sehr guter Film tatsächlich, ja. Dein Platz 3. Mein Platz 3 ist Anakin Skywalker. Oh nein. Der stirbt mehrere Episoden für Filme lang.
Florian Bayer: Okay, bist du ein Tod, der sich über mehrere Filme zieht.
Johannes Franke: Finde ich gut, ja. Irgendwann ist er dann als Darth Vader doch am Ende und stirbt.
Florian Bayer: Darth Vader ist eigentlich nur lebenserhaltende Maßnahmen im Star-Wars-Universum. Insofern, das ist das längste, was ich gefunden habe. Das ist gut. Über mehrere Filme, ja, das passt. Wir sehen, oh, pass auf, jetzt hab ich's. Ja? Fluch der Karibik. Wir sehen über fünf Filme hinweg die Karriere von Gore-Werbinski sterben. Okay, okay, okay, okay, du hast gewonnen. Sehr schön. Mein Platz 2, gar nicht so lange, aber sehr intensiv durch ihre Länge, Platoon, die Sterbe-Zähne. Und zwar haben wir in dem Film Platoon von Oliver Stone aus dem Jahr 1986 eine Szene, wie ein Sergeant, nämlich Sergeant Elias, gespielt von William Dafoe, zurückgelassen wird, unten im Dschungel. Oh Gott. Und dann von Vietcong verfolgt wird. Also der Film spielt den Vietnamkrieg. Und er rennt dann und wir sehen, wie er von, keine Ahnung, 20, 30 Vietcong verfolgt wird und alle schießen auf ihn. Er rennt einfach weiter, streckt die Arme aus, fällt hin, rennt nochmal los und wir sehen einfach nur, wie er von Kugeln durchsiebt wird, aber einfach weiter rennt und es ist total hoffnungslos. Keine zwei Minuten dauert diese Szene, aber sie ist sehr intensiv und fühlt sich sehr lange an. Scheiße, okay.
Johannes Franke: Mein Platz 2 ist, haben wir neulich besprochen, Liebe. Oh ja. Von Hannecke. Sie stirbt einfach den ganzen Filmen lang im Grunde auch, also nicht den ganzen Film, weil wir haben ein kleines Intro, aber irgendwann hat sie halt ein, war es ein Herzinfarkt? Nein, ein Schlaganfall. Ein Schlaganfall, genau. Und dann ist sie halt mit jedem bisschen, was dazukommt. Sie hatte dann noch einen weiteren und so und dann sitzt sie im Rollstuhl und dann liegt sie im Bett und dann, er pflegt sie halt, bis sie dann irgendwann gestorben ist. Also er ist nicht ganz unschuldig daran, dass sie dann am Ende tatsächlich stirbt, aber ganz in ihrem Sinne quasi.
Florian Bayer: Ja, ein krasser Film. Wir haben eine Episode dazu und es war ein sehr, sehr intensives Gespräch damals. Das ist keine unserer lustigen Episoden, sondern einfach eine ernste und wirklich gute Episode, wo wir beide sehr involviert sind in den Filmen. Ja. Dein Platz 1? Mein Platz 1 ist Blade Runner, der auch eine lange Sterbe-Szene ist, nicht des Protagonisten, sondern des Antagonisten, dauert 120 Minuten, von 1982 und zwar ist der, der stirbt in diesem Film, ist der, der, der Android, Roy, der von Rutger Hauer gespielt wird und dessen Lebenszeit läuft einfach ab. Okay. Genau, der stirbt während dieses Films und es gibt aber auch dann eine ganz konkrete Sterbe-Szene, wenn er nämlich von unserem Protagonisten, gespielt von Harrison Ford, schließlich gefangen wird, dann sitzt er im Regen und philosophiert nochmal über, über das, das Sterben und über, über die Welt, über seinen Platz in der Welt und es ist einfach eine krasse Szene, wie Rutger Hauer da im Regen sitzt und die Regentropfen an ihm runterlaufen.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Tolle Szene.
Johannes Franke: Mein Platz 1 ist Soul. Uh. Ja. In dem der Protagonist am Anfang in einen Gulli fällt und dort stirbt, seine Seele allerdings nicht ins Jenseits hineingeht, sondern er sich dann noch auf dem Weg dorthin fragt, wo bin ich denn hier? Ach nee, das geht nicht, das kann auch nicht sein, heute, ich habe einen wichtigen Termin und sich dann in eine Zwischenwelt begibt, also nicht stirbt und nicht lebt und da irgendwie versucht wieder in seinen Körper zurückzukommen, der im Krankenhaus liegt. Gibt es auch von uns eine Episode dazu? Ja, ganz, ganz, ganz toller Film, wirklich einer der besten Disney-Pixar-Filme, die ich, also ich habe es sehr bewundert, was die da gemacht haben, für die Musik, für die Animationskunst, da steckt so viel Tolles drin.
Florian Bayer: Sehr runder Film auf jeden Fall.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Cool. Ja, schön. Tolle, tolle Spannlisten.
Johannes Franke: Spannlisten, ja.
Florian Bayer: Lasst euch inspirieren, guckt euch die Filme an.
Johannes Franke: Das war unsere Top 3. Und wir gehen wieder zurück in unseren Film. Ich habe das Gefühl, dass wir gar nicht alles besprechen konnten so richtig, aber ich habe das Gefühl, dass wir auch nicht alles richtig fassen können, was dieser Film zu bieten hat.
Florian Bayer: Es fließt halt so vor sich hin, wir haben dann nichts zu der Szene bei dem Missionar gesagt, der unbedingt ein Fahndungsfoto, der unbedingt ein Autogramm haben will.
Johannes Franke: Naja, aber der ja auch eigentlich das Autogramm haben will, um abzulenken, damit er dann einmal zuschlagen kann. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn er wirklich einfach nur das Autogramm haben wollen würde. Das finde ich einfach sehr lustig.
Florian Bayer: God damn your soul to the fires of hell you already has. Ja. Und dann haben wir auch nochmal diese Szene, wo Nobody Blake zu seinen Leuten bringt. Und dann dieses endgültige, dieses Begräbnis, dieses ganz ruhige Ritual, was da eigentlich stattfindet, wenn er vorbereitet wird für seine Fahrt auf das Wasser hinaus. Und wie finden wir es denn, dass wir dann, wenn er im Boot liegt, nochmal Nobody und Cole sehen, wie sie sich gegenseitig erschießen? Ich finde es dämlich. Ich auch, ne? Es ist so, warum muss denn das jetzt noch sein? Nobody muss nicht sterben. Das ist einfach, ich hätte das einfach aus, das ist doof, ich kann nicht Jim Jarmusch sagen, wie er seine Filme besser macht. Nee. Aber, stellen wir uns die Szene vor, wie Cole einfach da kommt und Blake ist auf dem Boot und wird ins Wasser rausgetrieben und Cole rennt, weil er natürlich sein Kopfgeld haben will, ins Wasser hinein und wartet so halb durchs Wasser und sieht dann aber irgendwann, dass er Plague nicht mehr erreichen kann. Wir sehen Plague, wie er aus den Augenwinkeln ein bisschen sieht, wie Cole versucht, ihn noch zu erreichen, aber feststellt, dass er es nicht mehr kann und dann wegtreibt. Ja, absolut. Ich finde diesen Shootout zwischen Nobody und Cole, der ist komplett deplatziert.
Johannes Franke: Völlig unnötig. Jim Jarmusch hat gesagt, dass die Figuren sich am Ende selbst schreiben. Also er ist nur derjenige, der das Ganze dann aufschreibt und er fand es auch total doof, dass er sterben muss, aber er musste sterben. Also mystizistischer Bullshit.
Florian Bayer: Jim Jarmusch ist ein Autorenfilmer und er ist verantwortlich für den Shit.
Johannes Franke: Aber so zieht man sich aus der Affäre und sagt, ja, die Figuren haben Eigenleben und dann sagen die einem, was sie wollen und was sie nicht wollen.
Florian Bayer: Nein, ich finde es echt plump ein bisschen. Das ist eigentlich zu plump für diesen Film, weil der Film wirklich gut ist.
Johannes Franke: Genau. Ja, spannend, dass wir da genau auch wieder das gleiche Gefühl dafür hatten, weil ich wirklich, ich mich echt geärgert habe am Ende und gedacht habe, ach nein, das muss doch nicht sein. Warum? Ich blende das jetzt einfach aus. Der Rest des Films ist großartig. Das vergesse ich jetzt einfach. Auch wie er da einfach raustreibt. Das ist wirklich toll. Fantastisch. Weil er einfach nur da liegt und dann noch ein bisschen guckt und so ein bisschen, schon noch ein bisschen verloren ist, aber eigentlich die Fassung gefunden hat.
Florian Bayer: So habe ich mich die ganze Zeit gefühlt, als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe und ich glaube, ich kann mich sogar noch erinnern, wie ich dann, es kann sein, dass ich beim ersten Mal gucken zum Beispiel verpasst habe, wie Nobody und Cole sich erschießen. Ja, ich kann mich auch, ich kann mich nie erinnern, dass ich das gewusst hätte, dass das passiert. Und ich kann mich auf jeden Fall an dieses Gefühl erinnern, auch so wegzudämmern, die Augen aufzumachen, zu sehen, dass sie auf dem Boot sind, zu denken, ah, jetzt ist der Film bestimmt gleich vorbei. Ja. Und dann vielleicht noch so halb aus dem Augenwinkel die Credits sehen, wenn man wieder wegdöst. Und dann diese Musik dazu zu haben, super, das ist toll. Es gibt Ulysses von James Joyce, großer Roman, der Moderne, da wird am Schluss in einem inneren Monolog erzählt, wie eine Frau wegdriftet, beim Schlafen, Einschlafen einfach und so verschiedene Gedanken und es ist ganz anders, aber das Gefühl ist dasselbe, auch so dieses Dude, der Film schafft es als Kunstwerk, dich da voll reinzuziehen, in dieses Wegdriften, wir schließen mit dem Protagonisten irgendwie so nach und nach die Augen und gehen irgendwie so im Wasser verloren und es ist vorbei.
Johannes Franke: Ja. Krass, ne? Meine Güte. Ja, dann werden wir jetzt einfach diese Episode... Wir werden auch so ein bisschen wegdriften. Wegdriften lassen.
Florian Bayer: Jetzt musst du eigentlich auf der Ukulele so ein bisschen improvisiert was anspielen. Genau so, sehr gut. Ja, weiter. Hast du noch was zu sagen?
Johannes Franke: Gute Nacht, ihr da draußen. Danke, dass ihr zugehört habt. Bis zum nächsten Mal.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, was ich Johannes beim nächsten Mal aufgebe, dann, ja, bleibt einfach noch kurz dran. Genießt jetzt das Outro und die Stimmung. Das Wegdriften.
Johannes Franke: Bis dann. So, Plur. Was ist denn jetzt noch bei dir?
Florian Bayer: Ja, ich muss aus dieser komischen wegdämmernden Stimmung so ein bisschen raus jetzt. Also.
Johannes Franke: Ich weiß schon, was du mir geben willst.
Florian Bayer: Johannes wird die nächsten 14 Tage in New York sein. Und macht eine große Reise.
Johannes Franke: Es wird der Hammer.
Florian Bayer: Es wird unglaublich. Aber keine Sorge, wir nehmen ja immer ein bisschen voraus auf. Das heißt, es gibt kein Delay zwischen den Episoden, sondern die kommen wöchentlich raus. Aber ich will Johannes für diese New York-Zeit einen New York-Film geben. Und der New York-Film schlechthin, der mir als erstes Sinn kommt, ist einfach mal...
Johannes Franke: Kevin allein zu Hause.
Florian Bayer: Wo spielt Kevin allein zu Hause? Nicht in New York, aber der Kevin allein in New York spielt in New York. Nein, es ist Taxi Driver natürlich von Martin Scorsese aus dem Jahr 1976. Ich hoffe sehr für dich, dass das New York, was in diesem Film gezeigt wird, nicht das New York ist, das du da kennenlernen wirst. Ich glaube es auch nicht. Das ist nämlich ein sehr dreckiges und sehr kaputtes New York. Naja.
Johannes Franke: New York hat sich doch etwas gewandelt. Sind wir ehrlich, New York ist immer noch sehr laut, schnelllebig. Und, naja, schwer zu ertragen teilweise wahrscheinlich. Mal gucken. Ja, aber genau.
Florian Bayer: Schaut ihr den an.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Schaut ihr ihn euch auch an und dann lasst uns drüber reden. Und ich wollte noch was zweites sagen zu der New York-Ankündigung. Johannes hat nämlich ein altes Super Nintendo ausgegraben. Und wir haben, bevor wir jetzt diese Episode aufgenommen haben, haben wir eine Runde Tetris Attack gespielt. Also das Spiel meiner Kindheit, das Spiel meiner Jugend und das Spiel meiner jungen WG-Jahre dann. Ja. Und das Spiel, das mich mein ganzes Leben begleitet hat. Und ich habe jetzt gerade zweimal gegen Johannes verloren, weil der seit einer Woche spielt und ich total aus der Übung bin.
Johannes Franke: Und meinst du zu sagen, ich habe immer verloren gegen dich, Kloa.
Florian Bayer: Genau, Johannes hat immer gegen mich verloren, weil ich das Spiel einfach aufgesaugt habe und wirklich gut war in diesem Spiel. Und jetzt habe ich gerade gegen Johannes verloren und das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Das heißt, wir werden jetzt nochmal rüber gehen und nochmal eine Runde Tetris Attack spielen. Yes.
Johannes Franke: Okay. Besorgt euch Tetris Attack und macht es uns nach. Es ist ein großartiges Spiel. Man kann sich sehr gut gegenseitig ärgern und sagen, nein, Kloa.
Florian Bayer: Mehr davon demnächst in unserem Podcast mussmanspielen.de, wo wir über Tetris Attack reden, aber auch über Schach und natürlich.
Johannes Franke: Und über den Moonwalker. Diese Moonwalker Tetris, nein, die Moonwalker NES Version. Kennst du nicht?
Florian Bayer: Es gibt, Moonwalker gab es für Megatrive, beziehungsweise Genesis. Ah, okay. Sega, das ist der Konkurrent von Nintendo. Sowas und viel mehr werdet ihr in unserem Muss-man-spielen-Podcast lernen, den ich mir jetzt gerade komplett ausdenke. Macht euch keine Hoffnung.
Johannes Franke: Okay, gut. Ja, dann, wir hören uns nächste Woche wieder mit Taxi Driver und bis dahin eine wunderschöne Woche. Bleibt gesund. Wir hören uns. Ciao. Ciao.
