Episode 216: The Wild Boys – Sex, Gewalt und Genderfluidität
Irgendwo im nirgendwo irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben fünf reiche, verzogene Jungs, die versuchen, ihre Langeweile mit Exzess zu betäuben. Aus Begehren wird Raserei und die Bande begeht ein schreckliches Verbrechen. Sie werden verurteilt und sollen zur Resozialisierung mit einem bärtigen, ruppigen Kapitän auf See. Die Überfahrt soll sie zu neuen Menschen machen, so zumindest das Versprechen.
Über die rauhe See bringt sie der Kapitän zu einer Insel der Lüste, bevölkert von phallischen und vulvischen Pflanzen… und einem Dr. Moreau in einem Frauenkörper, der aber im Gegensatz zum viktorianischen Vorbild nicht an der animalischen Seite des Menschen interessiert ist, sondern seiner feminen. Und so erleben die Jungs einen Sex- und Genderswap, der sie in der Tat zu neuen Menschen macht… oder auch nicht.
The Wild Boys von Bertrand Mandico aus dem Jahr 2017 ist so etwas wie Clockwork Orange auf Aphrodisiaka. Eine hitziger, sexuell aufgeladener Fiebertraum, erzählt in schwarzweiß mit grellen Farbintermezzi. Gewalttätig, stilisiert, queer und provokant, so als hätten Alejandro Jodorowski, Judith Butler und Charles Baudelaire einen hypersexuellen Bastard gezeugt. Die Jungs werden ausnahmslos von Frauen gespielt, erleben irgendwann auch in der Handlung körperliche Transformationen und erleben das ganze, ähnlich wie das Publikum sowohl als Traum als auch Alptraum. Sehr surreal, sehr romantisch, sehr brutal und zugleich sehr eskapistisch.
Johannes, deine Skepsis gegenüber experimentellen, surreal opulenten Filmen hast du in der Vergangenheit des Öfteren bewiesen. Und ich kann mir vorstellen, dass die Vermengung von Sexualität und Gewalt in diesem Film für dich problematisch ist. Also komm doch einfach mal mit deinen ersten Eindrücken.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 216: The Wild Boys – Sex, Gewalt und Genderfluidität Publishing Date: 2025-02-19T09:15:23+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2025/02/19/episode-216-the-wild-boys-sex-gewalt-und-genderfluiditaet/
Johannes Franke: Die Ästhetisierung von sexueller Gewalt schon in dieser Szene ist massiv.
Florian Bayer: Ja, absolut.
Johannes Franke: Und damit eben auch sehr stark in Richtung Romantisierung, allein über die Ästhetisierung.
Florian Bayer: Ich sehe die Romantisierung tatsächlich nicht.
Johannes Franke: Floor, warum hast du mir einen Horrorfilm gegeben? Floor, was soll das? Hinterrücks, hinterrücks einen Horrorfilm. Oh, ich könnte dich sowas von umbringen, Floor. Das gibt's ja nicht.
Florian Bayer: Liebes Publikum, ich habe Johannes keinen Horrorfilm gegeben. Doch hast du. Johannes ist einfach zu sensibel. Das war zu viel für sein kleines Herz. Wir reden heute über Les Garçons Sauvages, beziehungsweise The White Boys von Bertrand Mandigot, ein französischer Film. Und veröffentlicht im... Und Deutschland, von dem, wir werden nicht dafür bezahlt, aber ich sage es immer wieder gerne, dem wirklich großartigen Label Bildstörung, die dafür sorgen, dass so exzentrische, gegen den Strich gebürstete, wirklich auch originelle und andersartige Filme im deutschen Sprachraum verfügbar werden.
Johannes Franke: Deswegen heißen sie Bildstörungen, weil wir verstört sind danach.
Florian Bayer: Genau. Ich habe ja schon öfter Bildstörungsfilme gegeben. Manchmal habe ich es erwähnt, manchmal nicht. Und ich glaube, ich habe noch keinen einzigen Film gefunden von diesem Label, der Johannes gefallen hätte.
Johannes Franke: Oh nein,
Florian Bayer: wirklich? Ist das so krass? Das letzte, was wir hatten von Bildstörungen, war The Painted Bird. Auf dem Osterösterreichischen Raum dieser Kriegsfilm.
Johannes Franke: Oh,
Florian Bayer: der war hart. Und Bildstörungen nimmt sich halt wirklich gerne die Filme. Und zwar nicht nur aktuelle Filme, sondern auch ältere Filme. die so ein bisschen in Vergessenheit geraten sind oder in Deutschland noch nie veröffentlicht wurden. Und die machen wirklich wunderschöne DVD-oder Blu-Ray-Boxen von diesen Filmen mit kleinen Broschüren, wo dann auch Interviews drin sind von den KünstlerInnen, die den Film gemacht haben, die wirklich gut aufbereitet sind. Und zum einen gehen die wirklich mit Liebe an die Filme ran. Man merkt, das ist sehr erlesen. Die haben Bock auf die Filme, die sie auswählen. Und dann haben sie natürlich ein Gespräch mit den Künstlern. Spür für das Außergewöhnliche. Und zwar außergewöhnlich nicht im Sinne von traditionellem Arthouse-Kino, sondern nochmal auch so ein bisschen gegen den Strich von Arthouse-Kino gebürstet. Also exzentrische Filme, wilde Filme, Filme, die irgendwie wirklich anders sind.
Johannes Franke: Ja, oder verstörend sind.
Florian Bayer: Oder verstörend, ja, auch verstörend. Bildstörung hat auch ein Faible dafür, wirklich die Filme zu greifen, die auch als kontrovers wahrgenommen werden. Und ich glaube, wir haben heute wieder einen Film, den man sehr... kontrovers wahrnehmen kann und über den man sehr viel streiten kann.
Johannes Franke: Kannst du einmal kurz unser Konzept erklären, während ich hier Tee eingieße? Möchtest du Tee überhaupt?
Florian Bayer: Oh ja, bitte. Das wäre sehr nett.
Johannes Franke: Dann würde ich dir eingießen und du erklärst, warum zur Hölle ich mich überreden lasse, von dir solche Filme zu gucken.
Florian Bayer: Ja, also wir sind der Muss man sehen Podcast und unser Konzept ist, dass wir uns gegenseitig Filme vorschlagen. Es gibt immer von einem in der jeweiligen Episode, in der jeweiligen Woche einen Filmvorschlag und der andere...
Johannes Franke: Das ist ein Euphemismus....muss den sehen. Das ist ja kein Vorschlag.
Florian Bayer: Es steckt schon im Titel des Podcasts, den musst du jetzt sehen, ob du willst oder nicht, aber auch so, Alter, den musst du sehen, der ist wirklich geil, dieser Film wird deinen Horizont erweitern. Das ist letzten Endes das Ziel, den filmischen Horizont des anderen zu erweitern und das fällt uns gar nicht so schwer, weil wir einfach einen total unterschiedlichen Filmgeschmack haben. Johannes kommt eher aus der Good Old Hollywood Ecke, steht auf die großen Dramen und Tragikomödien der Vergangenheit, auf Musicals, auf neue Komödien und Feel-Good-Filme.
Johannes Franke: Und die alten Stummfilme.
Florian Bayer: Und die alten Stummfilme, Johannes ist ein großer Chaplin-Fanatic.
Johannes Franke: Und Buster Keaton.
Florian Bayer: Und Buster Keaton und was sonst noch alles da rumkreucht und fleucht. Während ich ganz gerne auch mal so die etwas exzentrischeren Filme rauskramme, auch gerne die Horrorfilme. Wir hatten letztes Jahr ein, sehr zum Leid Johannes, ein... mehrwöchigen Horrormarathon.
Johannes Franke: Ja, das war der Monat November oder was war das? War das Oktober oder November? Sind wir auf Halloween zu oder von Halloween weg? Nein,
Florian Bayer: wir waren mittendrin. Wir waren im Halloween-Monat. Wir waren einfach komplett im Oktober. Und ich mag's, wenn Filme auch manchmal ein bisschen kratzen, beißen, wehtun. Ja,
Johannes Franke: ja, ich weiß. Ich weiß. Leider. Leider. Also wir werden jetzt viel über diesen Film reden müssen und warum der kratzt und beißt und warum es mir wehtut und dir nicht. Und das möchte ich wirklich wissen, Flor. Warum tut dir dieser Film nicht weh? Was ist los mit dir?
Florian Bayer: Dieser Film tut an ganz vielen Stellen weh, aber dieser Film ist vor allem auch eine groteske und ist einfach mal saukomisch, saunterhaltsam und dazu wunderschön. Aber worum es sich genau handelt,
Johannes Franke: das werde ich jetzt versuchen kurz zu erklären.
Florian Bayer: Also, irgendwo, im Nirgendwo, irgendwann, vielleicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Johannes Franke: Vielleicht überhaupt.
Florian Bayer: Wenn überhaupt. Leben fünf reiche, verzogene Jungs. die versuchen, ihre Langeweile mit Exzess zu betonen. Aus Begehren wird Raserei und die Bande begeht ein schreckliches Verbrechen. Sie werden verurteilt und sollen zur Resozialisierung mit einem bärtigen, ruppigen Kapitän auf See. Die Überfahrt soll sie zu neuen Menschen machen, so zumindest das Versprechen. Über die raue See bringt sie der Kapitän zu einer Insel der Lüste, bevölkert von fallischen und wulvigen Pflanzen und zu einem Dr. Moreau in einem Frauenkörper. der aber im Gegensatz zum viktorianischen Vorbild nicht an der animalischen Seite des Menschen interessiert ist, sondern seiner Feminin. Und so erleben die Jungs einen Sex-und vielleicht auch Gender-Swap, der sie in der Tat zu neuen Menschen macht. Oder auch nicht. The White Boys von Bertrand Mandigot aus dem Jahr 2017 ist so etwas wie Clockwork Orange of Aphrodisiaca. Oder Speed. Oder Meth. Oder Pilzen. Ein hitziger, sexuell aufgeladener Fiebertraum. Erzählt in Schwarz-Weiß mit grellen Farbintermezzi. Gewalttätig, stilisiert, queer und provokant. So als hätten Alejandro Jodorowsky noch so ein Regisseur von Bildstörung, den du nicht magst, Judith Butler und Charles Baudelaire einen hypersexuellen Bastard gezeugt. Die Jungs werden ausnahmslos von Frauen gespielt, erleben irgendwann auch in der Handlung körperliche Transformationen und erleben das ganz ähnlich wie das Publikum, sowohl als Traum als auch als Albtraum. Sehr surreal, sehr romantisch, sehr brutal und aber auch sehr eskapistisch. Johannes. Deine Skepsis gegenüber experimentellen, surreal-opulenten Filmen hast du in der Vergangenheit des... drin bewiesen. Und ich kann mir vorstellen, dass die Vermengung von Sexualität und Gewalt in diesem Film für dich auch problematisch ist. Aber vielleicht steigen wir mal ganz soft ein und werfen einfach mal den Bechtel-Test gegen dieses Ding. Gegen dieses Monster.
Johannes Franke: Der Bechtel-Test sagt einfach nur, Error, Error,
Florian Bayer: ich komme nicht damit klar. Was ist das?
Johannes Franke: Und da halten sich in diesem Film irgendwann zwei Frauen und reden sie nicht über andere Männer und haben sie ein eigenes Wollen oder haben sie eine eigene Agenda. Das fragt man sich sowieso bei manchen Figuren in diesem Film, aber das ist, ja, hm. Nee, du hast schon ganz viel Zucker drin, ich hab dir schon Zucker reingetan. Zu spät,
Florian Bayer: jetzt hast du Zucker reingemacht.
Johannes Franke: Jetzt hast du sechs große Klunzchen da drin. Ich möchte es auch mal fürs Publikum sagen, sechs große Klunzchen.
Florian Bayer: Und damit bin ich perfekt präpariert für diese Diskussion. Johannes, was waren denn deine ersten Eindrücke von dem Film?
Johannes Franke: Ach Gott, meine ersten Eindrücke von diesem Film waren die sexuelle Gewalt und das war auch der letzte Eindruck und damit frisst dieser Eindruck alles andere auf, was dieser Film hätte zu bieten haben können.
Florian Bayer: Das haben wir ja oft, wenn es Filme gibt, in denen sexuelle Gewalt dargestellt wird, du tust dich extrem schwer damit und es ist auch total nachvollziehbar, weil... Filme oft ganz falsch liegen, was die Darstellung von sexueller Gewalt betrifft. Das ist ein Problem vom alten Hollywood-Kino. Das ist auch ein riesiges Problem vom traditionellen Arthouse-Kino. Das stimmt, ja. Und von allem dazwischen, dass sexuelle Gewalt oft romantisiert wird oder dass sogar einfach Romantik gezeigt wird, in der die sexuelle Gewalt mitbringt, ohne dass es wirklich hinterfragt wird. Ja. Und du reagierst auf sowas krass sensibel. Ja, ja, ja. Das reißt dich raus.
Johannes Franke: Also ich muss dazu sagen, ich habe als Kind sexuelle Gewalt erlebt. Ja. Und auch im homosexuellen Kontext. Und deswegen gibt mir dieser Film andere Vibes als vielleicht anderen Zuschauern. Also ich sehe das anders. Ich habe jahrelang gute Therapie hinter mir und alles ist in Ordnung und ich komme damit klar. Also auch mit diesem Film. Aber ich habe tatsächlich einen anderen Zugang damit. Das heißt, ihr könnt, ihr da draußen, wenn ihr den Film nicht gesehen habt, meine Meinung ist nicht unbedingt maßgebend, weil ich habe wirklich einen sehr... anderen besonderen Zugang dazu, glaube ich.
Florian Bayer: Um das vielleicht dazu zu sagen, ich will Johannes nicht mit solchen Filmen drangsalieren. Nein, alles in Ordnung. Wir hatten dieses The Painted Bird Ding. Da habe ich den Film vorgeschlagen, ohne ihn gesehen zu haben, weil ich den einfach auf meiner Watchlist hatte und auf dem Stapel liegen hatte. Und dann habe ich den Film geguckt, bevor Johannes ihn geguckt hat. Und wir hatten ihn halt geplant für die Woche drauf im Podcast. Und ich habe zu Johannes gesagt... Ich mache das normalerweise eher nicht, aber in dem Fall erstmal so, ich haue dir jetzt mal eine Triggerwarnung hin und in dem Film kommt sexuelle Gewalt vor und es geht um Kindesmissbrauch und wir können total gerne einen anderen Film nehmen, nur dass du Bescheid weißt. Du hattest da gesagt, nee, ist okay, lass mal probieren.
Johannes Franke: Ich finde, also es ist eine Frage der Selbstentschätzung. Es gibt Leute, da wirkt das retraumatisierend und dann ist es ein Problem, aber ich habe das Gefühl, ich bin weit genug weg, um eine ganze Sache irgendwie anders zu machen. begegnen zu können und auch den Film als Film wahrnehmen zu können und nicht als persönliche Intrusion in meine Welt oder sowas. Also es ist sozusagen, wie soll ich sagen, bei The Painted Bird war es tatsächlich so grenzwertig, weil der ganze Film nur Gewalt, Gewalt, Gewalt war. Dieser Film hier geht ein bisschen in die Richtung, muss ich sagen, aber der hat natürlich noch mehr zu bieten als bei The Painted Bird, obwohl der Vergleich vielleicht gar nicht so schlecht ist. Den bringst du jetzt an. Ich habe daran gar nicht gedacht, aber Painted Bird hat auch diese Schwarz-Weiß-Bilder, die wirklich sehr schönen Schwarz-Weiß-Bilder teilweise, die aber von der Gewalt so überlagert werden, dass man damit nicht mehr viel anfangen kann. Und hier müssen wir ein ähnliches Gespräch führen teilweise. Ja,
Florian Bayer: es ist auf jeden Fall, also es ist nicht ähnlich wie The Painted Bird und ich glaube auch nicht, dass das jetzt eine Referenz ist, die dem Publikum viel sagt, weil The Painted Bird ist glaube ich kein populärer Film.
Johannes Franke: Nein, nein, nein.
Florian Bayer: Es ist kein realistischer Film, es ist ein extrem... stilisierter Film und der bedient sich sehr viel bei Bildsprache und bei Erzählhaltung beim traditionellen surrealistischen Kino. Aber man kann trotzdem auch einmal eine Triggerwarnung vorausschicken. In diesem Film wird sexuelle Gewalt dargestellt.
Johannes Franke: Ja, und nicht wenig.
Florian Bayer: Nicht wenig. Und die sexuelle Gewalt, wie sie in dem Film dargestellt wird, wird sehr stilisiert dargestellt. Das heißt, ich sehe auf jeden Fall den Kritikpunkt von jemandem, der sagt, dass das romantisiert ist. Ich glaube es nicht, aber ich kann das total sehen, dass man das sehen kann da drin. Aber es ist definitiv stilisiert. Die Art, wie mit sexueller Gewalt umgegangen wird, es ist nicht realistisch. und es ist weder aus der Täterperspektive noch aus der Opferperspektive realistisch und ja, dementsprechend hat es natürlich null Empathie und hat auch nicht diese klassisch, hat auch nicht das, was man sich eigentlich heutzutage wünscht, dass wenn sowas dargestellt wird, diese kritische Haltung oder diese kritische Sezierung. Die Reflexionsebene. Sondern es visualisiert Gewalt und sexuelle Gewalt und womit ich es vergleichen würde, so rein auf der Bildebene ist zum Beispiel sowas wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, wo sehr viel Gewalttätigkeit, sehr krasse Sachen gezeigt werden, aber es ist alles in so einem hyperstilisierten Raum, dass du einfach, du siehst nicht den Menschen dahinter, der leidet, sondern du siehst einfach so was Opulentes, Üppiges, was irgendwie brutal und gleichzeitig sexuell ist und gleichzeitig auch irgendwie schön. Und jetzt kann mir jeder widersprechen, der auf sowas nicht steht, aber ich mag sowas tatsächlich, dass auch diese... in diesem ambivalenten Raum stattfindet, was tatsächlich diese Grenzen verwischt. Und das hat was Unmenschliches, definitiv. Und da kann man ganz viel moralisch kritisieren und ganz viel moralisch drauflegen. Und das würden wir auch gleich gerne machen. Sollen wir uns einfach, weil es der Elefant in the Room ist, wollen wir uns mal angucken, was für Szenen wir hier von sexueller Gewalt haben?
Johannes Franke: Ja, gerne.
Florian Bayer: Und wie es abgebildet wird.
Johannes Franke: Ich finde es gerade spannend, weil du gleich alles vorweggenommen hast, was ich natürlich irgendwie an Kritikpunkten habe, weil dir das natürlich irgendwie klar ist. Vielleicht auch, weil du in mein Dokument reingeschaut hast.
Florian Bayer: Ich musste es.
Johannes Franke: Du hast mein Dokument in meine Notizen reingeschaut.
Florian Bayer: Aber nicht mit Absicht. Ich musste den Text von einem älteren Film kopieren, der jetzt veröffentlicht wird. Und dann mache ich dieses Ding auf und da steht dann oben und Johannes Recherche sieht so aus, der hat ein riesiges Textdokument, das heißt Filmnotizen ab 160 oder so. Ja. Und dann sind da alle Filme drin. Und ich kopiere, wenn ich die Episode veröffentliche, kopiere ich die Texte von ihm immer bei uns ins Blog rein und in die Episode, damit das alles da steht. Das heißt, ich muss das Dokument aufmachen und ganz oben ist der neueste Film. Das war in dem Fall The Wild Boys. Und dann steht da fett gedruckt mit Ausrufezeichen, warum tust du mir das an? Überall sexuelle Gewalt, das ist ja schrecklich. Was soll ich machen? Dann sehe ich den Schild.
Johannes Franke: Nein, das ist wie wenn man irgendwo neben Leuten steht. Man kann auch das Gespräch einfach nicht mithören. Das geht, Floor.
Florian Bayer: Ich kann es tatsächlich nicht. Ich kann es wirklich nicht. Und ich sag nicht gerne, aber das fällt mir super schwer.
Johannes Franke: Ich bin gespannt, wie viel du noch vorwegnehmen wirst von dem Text, den ich so geschrieben habe. Da wird sich nämlich zeigen, wie tief du reingelesen hast bei mir. Okay, also lass uns da mal reingehen, weil die sexuelle Gewalt... Wir kommen auch noch zu positiven Sachen, weil der Film hat sehr viele schöne Sachen zu bieten, vornehmlich auf der visuellen Ebene. Aber wenn du es schon nach vorne holst, sexuelle Gewalt und welche Szenen haben wir da? Und das fängt ja sehr, sehr, sehr früh an und macht den Einstieg in den Film schon so ein bisschen schwer. Weil wir am Anfang diese fünf Jungs haben, die da ihre Lehrerin einmal... Ja, sexuellen Missbrauch einfach betreiben und sie dann einfach stirbt auch, weil das Pferd davon rennt.
Florian Bayer: Aber was für eine absurde Szene ist das, ne? Sie schnallen, also wir sehen keine Vergewaltigung, also wir sehen eine Vergewaltigung. Natürlich! Wir sehen eine ganz merkwürdige Art von Vergewaltigung. Sie schnallen die nackte Lehrerin auf das Pferd und... packen dann ihre Schwänze raus und masturbieren.
Johannes Franke: Die wir auch volle Kanne sehen übrigens. Wer das nicht sehen möchte.
Florian Bayer: Es gibt sehr viele Schwänze in diesem Film zu sehen. Und es gibt sehr viel anderes zu sehen, was für Schwänze aussieht. Dieser Film hat sehr viel Penis.
Johannes Franke: Darf ich kurz dazu sagen, dass diese Schwänze nicht aussehen, als wären sie an 16-bis 20-jährigen Menschen dran, sondern eher an 50-jährigen Menschen dran.
Florian Bayer: Absolut. Ich glaube, das ist Absicht. Ich glaube, das ist ganz wichtig für... Ich weiß. Wir haben es ja schon gesagt, zum einen können sie es gar nicht, weil es sind Frauen, die die Jungs spielen. Keine von diesen Darstellerinnen hat einen Penis.
Johannes Franke: Ist dir das klar gewesen von Anfang an? Ja, ne?
Florian Bayer: Weil der Film damit...
Johannes Franke: Der fängt ja damit an, auch irgendwie mehr oder weniger, mit Tanguy. Ja,
Florian Bayer: und mit den Brüsten.
Johannes Franke: Da fängt das schon so an, das Thema, und dann sieht man das sofort durch, oder? Also natürlich durch die Masken am Anfang noch nicht, aber dann ja.
Florian Bayer: Ich wusste es, als ich den Film gestartet habe. Weil es einfach das ist, was der Film auch in seiner Erzählung nach draußen drin hat. Du siehst hier einen Film, wo die Jungs dargestellt werden und die werden alle von Frauen gespielt.
Johannes Franke: Achso, okay.
Florian Bayer: Das ist einfach das, was Bildstörungen dann auch macht. Das ist was Besonderes an diesem Film und es geht um Genderfluidität und so weiter. Also das ist ein Grund, aber ich glaube es ist tatsächlich auch, und das ist ein ganz wesentliches Thema in diesem Film, die Supermaskulinität. Diese Vergewaltigung am Anfang ist vor allem eine Farce. Wie die Jungs da stehen, das ist natürlich ein bisschen Clockwork Orange, also sehr stark. Und sich dann einen runterholen. Und in Clockwork Orange, übrigens da gibt es ja auch diese Vergewaltigungsszene, wo er auch einen künstlichen Penis in der Hand hat. Wo Alex mit diesem Kunstwerk, so ein riesiger Porzellan-Dildo, der bei der Frau in der Wohnung steht, dann auf sie einschlägt. Und das wirkt hier auch so, obwohl es echte Penisse sein sollen, aber es sind Prothesen. Und dann haben sie die Frau auf das Pferd geschnallt, masturbieren und das Pferd reitet mit der Frau in den Abgrund. Und es wechselt so von Horror zu... Das ist halt wirklich, das ist erstmal schwer zu schlucken. Zu einer fast schon schönen Szene, wie wir, und einer der ersten Farbeinsprengsel, wenn nicht sogar der erste, wo sie auf das Pferd gebunden ist und in Zeitlupe an den masturbierenden Jungs vorbeigetragen wird in diesen Abgrund. Und dann auch ihren Körper noch ausbreitet.
Johannes Franke: Also die Ästhetisierung von sexueller Gewalt schon in dieser Szene ist massiv.
Florian Bayer: Ja, absolut.
Johannes Franke: Und damit eben auch sehr stark in Richtung Romantisierung. Allein über die Ästhetisierung. Und das ist ein bisschen das Ding, was sich durch den Film für mich dann durchträgt, wovon ich auch echt nicht loskomme, den ganzen Film über nicht.
Florian Bayer: Ich sehe die Romantisierung tatsächlich nicht. Ich sehe in dieser Szene vor allem das Groteske. Ich sehe die Referenz auf Clockwork Orange und dann sehe ich ein Bild von hypermännlicher Grausamkeit. Ja,
Johannes Franke: ja, die Sache ist die, dass natürlich die Ästhetik dieses Films, wir müssen mal darauf eingehen, es ist schwarz-weiß und es ist... Teilweise sehr weich gezeichnet. Das sind alles Mittel einer Zeit, in der so romantische Komödien der 50er, 40er, vielleicht sogar noch ein bisschen früher gedreht wurden, die alle eine Romantisierung solcher Szenen vornehmen. Das heißt, du bedienst dich einer Ästhetik, die beladen ist mit so etwas. Also du kannst es nicht einfach so abschütteln und sagen, jetzt mache ich mal was ganz anderes. Du musst damit rechnen, dass die Leute erstmal mit diesem Rucksack auf dem Rücken in diesen Film gehen und diese sehr... weich gezeichneten Bilder sehen und diese sehr romantische Lichtsetzung und dann erstmal, naja, Romantik darin sehen.
Florian Bayer: Es ist Super 16, es ist analog gedreht. Bertram Mandigo sagt auch, er ist totaler Fan von analog und er mag das auch,
Johannes Franke: Effekte analog zu machen.
Florian Bayer: Er benutzt in diesem Film sehr viele Special Effects, die nicht digital sind. Sehr viel mit Blenden und sehr viel mit Doppelbelichtung und wo Gesichter gezeigt werden, die in das Bild reingebracht werden. gebracht werden, wo wirklich mit traditionellen filmischen Mitteln gearbeitet wird.
Johannes Franke: Was grandios gut funktioniert. Darauf müssen wir aber später nochmal eingehen.
Florian Bayer: Und die Aspect Ratio ist halt auch 1.66 zu 1, sprich traditionelles Kino, bevor...
Johannes Franke: Lass uns mal bei der sexuellen Gewalt bleiben.
Florian Bayer: Nein,
Johannes Franke: machen wir alles. Da muss ich nämlich auch noch was zu sagen.
Florian Bayer: Du hast jetzt aufgemacht, dass es diese historische Kategorie gibt. Der Film ist ästhetisch nicht an traditionellen Hollywood-Filmen interessiert, nicht an traditionellen Hollywood-Filmen orientiert, an diesen
Johannes Franke: Komödien. Die Technik ist die gleiche. Ja,
Florian Bayer: aber da guckt er eher so ins Arthaus des 20. Jahrhunderts. Da ist er eher so bei den Surrealisten, also Buñuel zum Beispiel.
Johannes Franke: Ja, stimmt, stimmt, natürlich.
Florian Bayer: Die Ästhetik und auch gerade genau dieses Arbeiten mit dem Trick-Effekt. um Sachen ineinander, was er auch am Anfang macht. Wir können das ruhig sagen, weil am Anfang blendet er ja auch die Jungs ein und dann hat er die Frau auf dem Pferd und dann wird es mal farbig. Das ist das, was man in so Filmen findet wie Un Chien Andalou. Ja, ja. In großen, surrealen
Johannes Franke: Stummfilmen. Aber Manuel hat nicht die Linse mit Vaseline vollgekleistert und das hat dieser Film schon irgendwie.
Florian Bayer: Du findest den wirklich so weich? Ja,
Johannes Franke: an ganz vielen Stellen total. Und auch im Hintergrund diese glitzernden, ich weiß gar nicht genau, wie der Effekt... in diesem Fall heißt, das ist ja kein Anamorphic, sondern das sind diese Sterne, die entstehen in der Unschärfe, wenn mal ein Lichtblitz irgendwo ist.
Florian Bayer: Reverse Lens Flare.
Johannes Franke: Ja, weiß nicht genau. Es ist ein Unschärfe-Effekt, der durch eine bestimmte Kamera, bestimmte Linse eigentlich entsteht. Und das ist sehr Romantik 50er.
Florian Bayer: Ja, ich finde, es wird halt ein bisschen aufgebrochen, weil der Film sich zur Dunkelheit traut. Was wir bei diesen weichgezeichneten Filmen viel haben, ist ja, dass eigentlich alles auch sehr matt ist. Wenn du einen Schwarz-Weiß-Film aus dieser Zeit, jetzt muss ich an diese Soft-Erotik-Filme auch denken, Hamilton, war das Hamilton? Nee, wie heißt der Typ nochmal? Es gibt einen richtig, ich weiß nicht wie er heißt, der so ganz schreckliche Soft-Erotik-Filme gemacht hat mit Minderjährigen in den 70ern. Wenn du siehst, das sind Filme, die trauen sich nicht was Schwarzes, Dunkles drin zu haben, sondern da ist der Kontrast auch komplett runtergefahren. Und hier hast du ja wirklich diese harten, schwarzen Töne. Du hast sehr kräftiges Schwarz und sehr helles Weiß.
Johannes Franke: Ja, und sehr große Flächen auch teilweise Schwarz. Ich finde das auch ein absolutes Qualitätsmerkmal des Films. Sprache her auch.
Florian Bayer: Das kontrastiert natürlich auch und ich glaube, das ist, um wieder zu dem Thema sexuelle Gewalt zurückzukommen, das ist das, was wir in dieser Szene haben und was wir noch stärker in anderen Szenen haben, dass die sexuelle Gewalt, die gezeigt wird, die auch immer so eine Stilisierung hat, immer mit Absurdem kontrastiert wird. Und hier ist es vor allem diese riesigen Schwänze der Jungs. Und dieses komplette, also keine Ahnung, was sie gegessen haben, aber so viel Kamm.
Johannes Franke: Ich nicht. Nein, Auf gar keinen Fall.
Florian Bayer: Also das ist eine Duschladung. Und es ist auch nicht Porno-Ästhetik, weil es ist auch mehr, als man in Pornos sieht. Das ist wirklich, es ist komplett drüber. Ich weiß nicht,
Johannes Franke: was für Pornos du guckst.
Florian Bayer: Jetzt musst du mir erzählen.
Johannes Franke: Es gibt ja eine komplette Kategorie dafür.
Florian Bayer: Ja, ich weiß. Und das ist vielleicht tatsächlich eine Referenz, die hier aufgemacht wird. Es ist Camshot, ne? Ja. Und zwar, offensichtlich finden es viele Männer extrem sexy. wenn gezeigt wird, wie eine Frau sehr viel Sperma abkriegt.
Johannes Franke: Ich will da nicht hin,
Florian Bayer: Flo. That's the reality.
Johannes Franke: Das sind so ein paar Abbiegen.
Florian Bayer: Das ist aber tatsächlich wichtig in dem Fall, weil das wird hier so absurd dargestellt. Deswegen, was ja wirklich ganz oft das Problem ist bei der Romantisierung von sexueller Gewalt, ist, dass sie nicht nur romantisiert, sondern vor allem erotisiert wird. Vergewaltigungen werden gezeigt, damit Männer es geil finden. Dieser Male Gaze, auch bis ins klassische Hollywood, wo die Frau sagt, nein, nein, nein, der Mann, doch, doch, doch, it's cold outside, baby. Und dann am Schluss lässt sie sich... gibt sie sich hin. Aber ich glaube,
Johannes Franke: dass die Romantisierung nicht zu unterschätzen ist. Die ist 50-50 gleichbedeutend da, weil die Romantisierung dafür sorgt, dass das eine Komponente bekommt, die Männer moralisch vertreten können. Das ist wichtig.
Florian Bayer: Auf jeden Fall, auf jeden Fall. Aber auch, dass es auch wirklich diese Männerfantasie erfüllt, dass ein Mann das geil findet. Und dass ein Mann sich vorstellt, ich krieg die Frau jetzt rum. Das ist dieses Rape-Culture-Ding einfach. Und das ist total schrecklich. Und das finden wir, meiner Meinung nach, viel schlimmer in Hollywood-Filmen als in Arthouse-Filmen. Ich sehe es hier nicht, weil hier komplett, also in dieser Szene und ich finde, dieser Film hat später auch erotische Szenen. Ich finde, es gibt krass erotische Szenen in diesem Film. Aber in dieser Szene ist es so absurd und so grotesk. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendjemand sexy findet.
Johannes Franke: Nein, also sexy kann ich es auch nicht finden, auf gar keinen Fall. Und das ist auch nicht, weiß nicht, mit dem Publikum muss man auch nicht unbedingt rechnen, die dann auf dieses Pferd aufspringen. Haha, pun intended. Aber, aber... Darum geht es nicht. Es geht sozusagen mir eher darum, dass der Unterton so unangenehm wird, weil eben diese Ästhetik der romantischen 50er, 40er, 30er Jahre Filme benutzt wird und das Ganze so von Licht durchflutet. Also gerade am Anfang eben, da sind die Schwarztöne auch noch nicht so da. Nein,
Florian Bayer: nein, diese Anfangsszene ist sehr hell.
Johannes Franke: Und sehr, sehr romantisches Licht gesetzt und so, dass mir das eben wirklich zusätzlich... noch unangenehmer wird, das anzuschauen. Was vielleicht auch ein legit Ziel sein kann, als Filmemacher. Du sagst, okay, ich geh jetzt all in und will so richtig auf allen Ebenen ein unangenehmes Gefühl dabei hervorrufen. Das ist okay. Das Problem ist bloß, dass mich das halt den ganzen Film über nicht lässt, weil das einfach immer so weiter geht. Immer so weiter geht. Und ich warte auf den Moment, wo ich einmal einen Gegenentwurf, eine Gegenthese bekomme und die bekomme ich nicht. Das ist ein Problem für mich.
Florian Bayer: Ich hoffe es. Ich glaube, ich habe die Gegenthese in diesem Film gefunden. Okay,
Johannes Franke: das freut mich. Das musst du mir noch verkaufen.
Florian Bayer: Aber ja, natürlich, was wir hier sehen, ist das Wilde, das Animalische, das Atavistische. Sie sagen ja auch, wir sind wilde Jungs und dann haben sie diesen Trevor, diesen merkwürdigen Totenkopf, der dann auch eingeblendet wird mit den Kristallen. So eine Art Gott. ist, den sie anbieten. Wir wissen es nicht genau.
Johannes Franke: Wir wissen es nicht ganz genau.
Florian Bayer: Irgendwas zwischen Dämon und Gott, der ihre, auf jeden Fall ihre düstere animalische Seite hervorkehrt. Sie sagen, Grévoix hat uns dazu gebracht. Wir können nichts dafür. Und da wird natürlich mit diesem Motiv gespielt, dass es die dunkle Seite des Menschen, vor allem des Mannes und es wird halt in dieser absurden, übersteigerten Szene gezeigt. Ich verstehe total, was du meinst. Ich sehe das auch. Also klar, natürlich, das ist eine Das ist krass. Das Thema ist hier sexuelle Gewalt und das Thema ist nicht sexuelle Gewalt aus der Opferperspektive. Das Thema ist auch nicht sexuelle Gewalt aus der Täterperspektive, sondern tatsächlich irgendwie fast so universell.
Johannes Franke: Ja, was du vorhin gesagt hast, dass es ein kleines bisschen empathielos daherkommt, weil es eben keine echte Perspektive gibt.
Florian Bayer: Es ist keine moralische Abbildung. Obwohl,
Johannes Franke: wenn es irgendeine Form von Perspektive gibt, dann ist es schon eher die Täterperspektive, weil wir den ganzen Film über nur Täter sehen. Also jede Figur, die wir... präsentiert bekommen, ist Täter. Es gibt einfach nichts anderes.
Florian Bayer: Jede Figur in diesem Film hat irgendwie eine gewisse Grausamkeit. Aber, und ich finde, das wird auch immer wieder in kleinen Sequenzen gezeigt, auch eine gewisse Zärtlichkeit. Wir kommen darauf zu sprechen, wir versuchen sie zu finden. Ich finde, es gibt diese zärtlichen Szenen. Ich finde, es gibt diese wirklich schönen und romantischen Szenen. Ja,
Johannes Franke: vielleicht gibt es die, aber ich kann die nicht mehr genießen. Also ich bin mir bis dahin so fertig mit den Nerven, dass ich überhaupt gar keine Chance habe, mich da rein zu begeben in sowas Romantisches. Weil ich habe die ganze Zeit... Angst, dass es gleich wieder losgeht mit dem Terror. Ja. Keine Zeit, mich auszuruhen und irgendwie in Romantik zu schwelgen. Kannst du voll vergessen.
Florian Bayer: Wir haben eine zweite Szene von radikaler sexueller Gewalt. Ja. Und zwar sehr weit fortgeschritten in der Handlung, wenn einer der Jungs seinen Penis verliert, der ins Meer fällt und weggespült wird. Er geht zum Strand zurück und der andere sieht ihn und sagt so, oh Moment, was ist denn mit dir passiert? Du bist ja ein Mädchen geworden. Oh, das macht mich scharf und fällt dann über ihn her.
Johannes Franke: Lass uns das feiern, in Anführungsstrichen.
Florian Bayer: Und, ähm,
Johannes Franke: schreckliche Szene. Und danach, kurz danach, wo der andere dann auch seinen Penis verliert, steigen die zusammen, stehen die auf, gehen den Strand entlang und unterhalten sich, als wäre nichts gewesen. Ich find's so krass, wie detached kann man sein, um das so zu inszenieren?
Florian Bayer: Auch in dieser Szene gibt es diese groteske Kontrastierung, die vor allem dadurch, dass dann der Junge, der vergewaltigt, als nächstes seinen Penis verliert. Und ich habe diese Szene zum Beispiel, also ich fand, ja natürlich, das ist auch eine Szene, die wie tut, aber ich fand... Ich fand nicht, dass der Regisseur bei der Inszenierung die Tatschtrack einfach, weil sie so albtraumhaft inszeniert ist. Wir haben diese enervierende Musik, dieses fast so kreischige, düstere.
Johannes Franke: Ja, die läuft ja den ganzen Film über.
Florian Bayer: Und dann ist das, das ist der Moment, wo ich denke, ja, wenn du sagst, warum hast du mir einen Horrorfilm gegeben, das ist eine Horrorszene. Ja,
Johannes Franke: definitiv. Und die wird aber auch zur Horrorfilmszene, weil der Horror nicht aufhört, weil der Typ nicht, es gibt keinen Moment der Kartasis. Du hast keinen Moment danach, in dem der eine, einmal richtig hart in die Fresse haut und sagt Alter, runter von mir. Sondern die gehen dann halt gemeinsam plaudernd den Strand entlang. Du hast keine Auflösung. Du kannst nicht irgendwann sagen, okay, jetzt hab ich mal von der Spannung einen Moment, wo sich das auflöst.
Florian Bayer: Dem fällt sein fucking Penis ab.
Johannes Franke: Ist das nicht genug? Überhaupt nicht. Gar nicht.
Florian Bayer: Und dann steht der da und hat diesen Penis in der Hand und versucht ihn irgendwie wieder an seinen Körper dran zu halten und guckt total irritiert. Übrigens auch tolle, tolle Penisprothesen.
Johannes Franke: Das ist so dämlich.
Florian Bayer: Nichts Realistisches. Und davor haben wir auch diese absurde Szene, wo der andere den Penis verliert und der dann so wegspielt.
Johannes Franke: Aber ich kann nicht lachen, muss ich sagen. Ich kann echt nicht lachen in der Szene. Obwohl, rein technisch und wenn man sich so erinnert, hat alle Ingredienzien eines Witzes, aber es funktioniert überhaupt nicht beim Gucken.
Florian Bayer: Ich finde, das ist so eine groteske, absurde Szene. Ja, also ich finde, es ist genug Katharsis, wenn der Vergewaltiger seinen Penis... Nein,
Johannes Franke: überhaupt nicht.
Florian Bayer: Und wenn er dann seinen Penis begraben muss und sagt, okay... Und natürlich auch, wenn er dann irgendwie ablässt und dann der andere nochmal sagen kann, naja, jetzt eröffnet sich eine neue Perspektive für dich, wa?
Johannes Franke: Ja, und das sagt er so, aber der Film ist nicht gut darin, das auch zu liefern. Diese
Florian Bayer: Perspektive. Das müssen wir gleich machen. Was Perspektive und was Geschlecht betrifft, was ein Rhythmus zu Geschlecht zu sagen hat.
Johannes Franke: Ja, ja, das ist noch ein großes, großes, großes weiteres Thema.
Florian Bayer: Aber das wäre die zweite sexuelle Gewaltszene.
Johannes Franke: Ja, viel mehr natürlich. Viel, viel mehr.
Florian Bayer: Ich hätte noch als große Szene und auch die wieder kontrastiert, wenn Tongui am Strand liegt, was wir ja ganz am Anfang sehen, und diese Matrosen sich auf ihn stürzen und sehen, oh, da liegt eine bewusstlose Frau. Und dann anfangen an ihm rumzutatschen, dann ziehen sie irgendwann die Hose runter und dann haben wir diesen Kontrast, dann sehen sie den Penis. Und... Und es ist so ein sehr merkwürdiger Moment. Also da finde ich auch wieder, wird dieses Brutale mit Groteskem aufgelöst. Einfach weil die Matrosen dann auch weitermachen, aber gleichzeitig nicht genau wissen, wie sie weitermachen sollen. Also es ist eine sehr merkwürdige Szene. Du sagst sehr viel.
Johannes Franke: Ja, es gibt ja so wahnsinnig viele kleinere Szenen, die alle aufgeladen mit sexueller Gewalt sind. Also wenn dieser Käpt'n das erste Mal kommt und hat diesen... dieses Mädchen dabei, das da singt. Oder ist das ein Junge? Ich weiß nicht, die sagen am Anfang Junge.
Florian Bayer: Es ist ein Junge. Also, es ist auch gespielt von einer Frau. Ja, ja. Aber sie sagen, es ist ein Junge.
Johannes Franke: Sie sagen, es ist ein Junge.
Florian Bayer: Und er definiert sich auch selbst noch als Junge, offensichtlich.
Johannes Franke: Okay. Singt da dieses Lied und wenn er das erste Mal mit den Jungs zusammen da in dieser Pagode ist, das ist voll sexualisierte Gewalt. Ja,
Florian Bayer: auf jeden Fall.
Johannes Franke: Und das ist ja auch, das ist noch nicht mal die kleinste Szene, sondern das ist ja auch noch schon eine der größeren Sachen.
Florian Bayer: Wobei die relativ wenig stilisiert wird, im Gegensatz zu den anderen. Also das ist wahrscheinlich so eine Szene, wo einfach sehr realistisch diese Rohheit der Jungs gezeigt wird. Und wenn sie ihn dann zwingen, den Stiefel zu lecken. Und das ist tatsächlich, das ist einfach Clockwork Orange. In Clockwork Orange gibt es ja auch diese Szene, wo der geläuterte Alex, der durch diesen schrecklichen Prozess gegangen ist, der gar keine Gewalt mehr ausüben kann. Und dann auch zu irgendwas Schrecklichem gezwungen wird und er kann sich nicht dagegen wehren, einfach weil er komplett umgepolt wurde, weil er komplett gehirngewaschen wurde. Und ich glaube, da gibt es, wenn ich mich richtig erinnere, auch so eine Stiefel-Leck-Szene, dass er das einfach machen muss.
Johannes Franke: Ja, das kann sein.
Florian Bayer: Und wird hier ein bisschen anders dargestellt, weil der sagt, das ist ein Teil davon, das ist ein Zeichen dafür, dass ich zivilisiert bin. Ich bin kein Hund, sondern ich leck jetzt deinen Stiefel, weil, seht ihr, ich bin ein anderer Mensch. Der Kapitän hat davor noch aufgezählt, naja, dieser Junge hatte... Das gemacht und das gemacht und das gemacht, während der Junge mit einer wunderschönen Stimme dieses Lied singt. Und genau dieser Kontrast, den finde ich auf jeden Fall interessant.
Johannes Franke: Also auf diese Figur müssen wir auf jeden Fall am Ende nochmal zurückkommen, weil ja diese Figur tatsächlich als Beispiel dafür dient, was mit jemandem passiert, der erfolgreich zur Insel und wieder zurückgekommen ist.
Florian Bayer: Oder? Does it? Aber dazu kommen wir gleich. Da kommen wir noch dazu. Zur Frage, wie sehr die Verweiblichung, die irgendwann während des Films stattfindet, die zu neuen Menschen macht oder zu anderen Menschen macht und inwiefern nicht, da müssen wir auf jeden Fall noch dazu kommen. Vor allem, wenn wir uns die Figur Severin betrachten, die meiner Meinung nach eine total spannende Figur in dem Film ist. Aber schauen wir uns doch mal die Jungs an jetzt. Weitere sexuelle Gewalt. Du willst noch mehr sexuelle Gewalt?
Johannes Franke: Es geht, es geht. Hau raus,
Florian Bayer: hau raus. Alle paar Minuten.
Johannes Franke: Na hallo?
Florian Bayer: Dann weiter, bitte.
Johannes Franke: Der Käpt'n, volle Kanne, absolut. In jeder Minute eigentlich. Allein wie er sie da anbindet und immer wieder sexuelle Untertöne in seinem Reden hat. Und dann wie er den einen Jungen neben sich da in seinem Kabuff auf dem Schiff hat. Du guckst doch drauf und so.
Florian Bayer: Eine Ochsenzunge haben sie genommen für den Penis des Kapitäns, der komplett tätowiert ist mit diversen Geschichten von was er angeblich alles erlebt hat. Und Severin sagt nach und er erzählt dann und dann hat mir da eine Frau in den Schwanz reingebissen. Das kannst du da noch sehen. Und dann Severin erzählt das, glaube ich, später. Da erfahren wir, dass der Kapitän wahrscheinlich doch Jungfrau ist. Und dass der sich ganz viel ausgedacht hat. Aber ja, der Kapitän, der wirklich so ein typischer grauer Seebär ist, ist hypermaskulin. Der ist krass männlich. Und das ist ganz spannend, wie mit der Figur des Kapitäns umgegangen wird. Da wird, glaube ich, später ganz viel aufgelöst. Dadurch, dass erklärt wird. dass der Kapitän halt auch auf der Insel war und dass der Kapitän ja auch was mitgenommen hatte. Der Kapitän hat eine schwarze Brust, hat eine weibliche Brust, also er hat auch weibliche Merkmale in seinem Körper.
Johannes Franke: Auf jeden Fall ist in dem Moment, wo das passiert mit dem Kapitän, für mich dieser Film wie der seltsame Onkel, den man in manchen Familien findet, dem noch zu jungen Sohn der Familie ein bisschen zu viel, also nicht nur ein bisschen, sondern... eindeutig viel zu viel über sein Sexleben erzählt und darüber, was es alles gibt und wie toll das alles ist und eine 50-50 Chance besteht, dass er nachher am Ende seinen Dödel rausholt.
Florian Bayer: So ist der Kapitän. Das ist doch nicht der Film. Das ist der Kapitän.
Johannes Franke: In dem Moment ist das für mich der Film. Weil ich denke, um Gottes willen, ich hab da nicht nachgefragt. Ich will das alles nicht sehen. Aber das liegt natürlich daran, dass du mir den Film gegeben hast und ich ihn sehen musste und nicht, weil ich mir den Film ausgesucht habe. Wenn ich ihn mir ausgesucht hätte, wäre er vielleicht noch ein bisschen anders geworden.
Florian Bayer: Aber der Film identifiziert sich doch nicht mit dem Kapitän, sondern schnaut drauf und der Film...
Johannes Franke: Das ist bloß meine Abwehrreaktion in dem Moment, wo ich den Film sehe, weil ich denke, um Gottes Willen, was machst du da mit mir? Ich will das alles nicht sehen, ich will das alles nicht wissen.
Florian Bayer: Und dann hat er dieses, also der Film stellt ja den Kapitän als Verkörperung von so einer sehr archetypischen, stereotypischen Männlichkeit dar, der die ganze Zeit diese Geschichten hat, der die ganze Zeit diese Machtspielchen fährt. Ja. Und der für den Macht vor allem bedeutet, körperliche Macht auszuüben. Dass er die Jungs fesselt, dass er die Jungs physisch angreift die ganze Zeit, dass er die ganze Zeit übergriffig und gewalttätig ist. Und ich habe so den Kapitän vor allem als eine Karikatur von einem spezifischen Männlichkeitsbild wahrgenommen. Es ist die einzige Figur in dem Film, die auch physiognomisch diese Männlichkeits-Klischees erfüllt. Weil sonst haben wir halt vor allem diese Jungs, die von Frauen gespielt werden und die... die auch von Anfang an sehr androgyn sind. Und der Kapitän ist aber halt wirklich mal, wir haben hier einen Bär und wir haben hier einen Kerl und mit Bart. Und der verkörpert, ja, das ist eine Karikatur. Also ich hoffe, es gibt keine Männer mehr da draußen.
Johannes Franke: Es gibt noch Männer, die so sind.
Florian Bayer: Aber dadurch, ja, natürlich wird der Kapitän so dargestellt, aber ich habe nicht das Gefühl, dass der Film in irgendeiner Weise sagt, ja, und das ist übrigens... das ist Männlichkeit, das ist gut, top.
Johannes Franke: Nein, das sagt der Film nicht.
Florian Bayer: Vor allem, weil das später halt wirklich aufgelöst wird, wenn wir so ein bisschen mehr über diesen Kapitän erfahren, der auch auf dieser Insel war und der auch seinen eigenen Gender Trouble hat und nicht genau weiß, wo er steht und was er ist und will.
Johannes Franke: Was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass dieser Film mit einer brachialen Gewalt daherkommt in seiner Erzählung und in dem, was er einem alles zumutet. Nachdem ich nicht gefragt habe, sozusagen. Ich habe natürlich danach gefragt, weil ich den Film angemacht habe. Okay, Pech gehabt, jetzt lebt er mit. Aber es ist sozusagen in dem Moment so, dass das... Sorry Onkel, dass ich gefragt habe. Ich wollte eigentlich nur wissen, wann du glaubst, dass es gut ist, das erste Mal zu haben. Warum erzählst du mir den ganzen Schmus? So ungefähr ist das in dem Moment.
Florian Bayer: Fair enough, aber das ist ein Film,
Johannes Franke: der nicht an Kindergerichte nicht an Jugendliche erinnert Das ist ein Film für erwachsene Menschen Ah, okay Okay, weiter. Der ganze Film steckt immer wieder von, ab jetzt auch an so mikroaggressiven sexuellen Inhalten Die Jungs sind wahnsinnig aggressiv miteinander Untereinander und sexuell aggressiv und es gibt nicht ein einziges Mal eine wirklich eine Sex Note in diesem Film, die irgendwie romantisch konnotiert wäre.
Florian Bayer: Was ist mit dieser Szene am Strand? Die Jungs haben den Sieg, haben ihn getötet und landen zum zweiten Mal auf der Insel. Einer fehlt, du Berg, weil der mittlerweile bei Severin ist. Und die Jungs sind am Strand und sagen so, ja, wir haben es geschafft, wir sind frei und dann feiern sie. Es ist einfach eine Gruppensexszene, wo sie sich betrinken und nicht übereinander herfallen. Sondern, ja, auch, aber zärtlich. Unglaublich zärtlich, finde ich, in diesem Moment.
Johannes Franke: Das ist vielleicht nur im Kontrast, aber wenn ich nur diese Szene sehen würde, würde ich auch immer noch sagen, oh, die sind aber ganz schön. Vor allem aber auch, weil der Film... sagt, dass die Insel das mit ihnen macht und dass die Insel, also es ist ja im Offtext, ist das ja alles drin, die Insel sorgt dafür, dass die erotisiert werden und dass das irgendwie den sexuellen Schub gibt und so. Und das hat für mich nichts Romantisches. Es gibt keine, es gibt einfach keine Romantik in diesem Film, sorry, selbst in dieser Szene nicht.
Florian Bayer: Ich finde, in dieser Szene gibt es diese absolute Romantik, weil es die Auflösung von Macht ist. Sex ist auch ganz viel in diesem Film mit Macht verknüpft. Ja. Und alle denken an Macht und es geht immer darum, das Gegenüber irgendwie zu unterdrücken. Und in dieser Szene passiert das gar nicht. In dieser Szene lösen sie sich auf in so einer Art Gruppenrausch. Ich fand, das war eine unglaublich romantische Szene und auch eine unglaublich erotische Szene. Ich finde diese Szene fantastisch. Ich finde die ganz großartig platziert und sie kommt extrem unerwartet. Sie kommt aber auch total schlüssig und logisch.
Johannes Franke: Also, dass ich darüber nachdenken musste, zeigt ja schon, dass die Szene... ein bisschen raussticht. Aber ich habe halt darüber nachgedacht und bin zu einem anderen Schluss gekommen.
Florian Bayer: Und dann sind diese Federn, die rumfliegen.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Süß.
Florian Bayer: Und es ist Farbe und wir haben diese Musik, diese schrille 80er-Jahre, whatever, irgendwo zwischen Pop und Oper. Ich finde es eine ganz großartige Szene. Ich saß da mit heruntergeklappter Kinnlade und dachte, boah, ist das schön.
Johannes Franke: Aber es ist auch vielleicht ein bisschen die Musik, die im ganzen Film selbst wenn es mal so ein leichtes Klassikstück ist zwischendurch, was so ganz seltsam plötzlich auftaucht, ist das bedrohlich. Es gibt einfach, finde ich, selbst in dieser Szene, hört das nicht auf, dass die Musik und der Soundteppich immer was Bedrohliches macht. Das hört auch an der Stelle nicht auf.
Florian Bayer: Ich finde, in diesem Moment hat sich jegliche Bedrohlichkeit aufgelöst. Da gibt es einfach dieses, also es ist wirklich einfach nur noch der Moment und es ist einfach nur noch,
Johannes Franke: okay,
Florian Bayer: nehmen wir das von Glück oder von Befreiheit.
Johannes Franke: Nehmen wir das mal als Option. Sagen wir mal, okay, es gibt vielleicht diese eine Oase in diesem Film von einer Minute, zwei Minuten oder sowas. Okay, was macht das? Was hilft das? Was macht das dem Film? Ist das für dich so ein Erholungsmoment, um dann wieder Anlauf zu nehmen, um den Rest durchzustehen? Oder was macht das dann?
Florian Bayer: Ich leide unter diesem Film nicht so wie du. Ich finde, dazwischen gibt es halt auch ganz viele Momente von, manchmal von einer ruppigen, aber auch ganz oft von einer romantischen Schönheit, die mir diese Oasen gibt. Ich kann auch gleich noch mehr Szenen nennen. Es gibt zum Beispiel, also ich finde grundsätzlich alle Szenen, das ist ein extrem stilisierter Film. Alle Szenen in diesem Film, egal wie brutal sie sind, haben eine gewisse Schönheit. Und darauf muss man klarkommen. Und das ist so ein Ding, wenn du sowas wie Hieronymus Bosch oder sowas wie Salvador Dalí oder sowas wie, genau, in der Bildenden Kunst oder sowas wie Baudelaire in der Literatur nicht magst, weil du sagst, diese Kombination von Schönheit. und Brutalität. Das klappt nicht. Darauf komme ich nicht klar. Ich brauche da eine klare Haltung. Dann ist das alles Kacke, weil das ist ganz viel in diesem Film. In diesem Film werden brutale Dinge gezeigt, in diesem Film werden schreckliche Dinge gezeigt. Und dieser Film hat trotzdem, der sucht immer nach schönen Bildern und auch nach der Schönheit in der Grausamkeit. Er sagt, die Menschheit ist schrecklich, die Menschen sind grausam, aber guckt mal, wie schön das alles aussieht.
Johannes Franke: Okay, also es ist die Ästhetisierung von Gewalt.
Florian Bayer: Es ist halt nicht nur die Ästhetisierung von Gewalt, sondern es ist auch ein Blick darauf, wie ambivalent das Leben ist. Das Leben ist brutal. Ja,
Johannes Franke: aber die Ambivalenz hörst du hier kaum. Weil das, was du jetzt gesagt hast, okay, diese eine Szene gebe ich dir vielleicht, weil ich konnte davon nicht loslassen, aber du konntest vielleicht. Das ist eine romantische Szene. Aber es gibt doch diese Gegenthesen sonst nicht. Es gibt doch, da kommst du vielleicht jetzt noch mit ein paar Sachen um die Ecke, aber dann musst du das jetzt auch machen. Weil ich sehe sonst nichts. Ich sehe sonst kaum Sachen, die irgendwie dir die Möglichkeit geben, den Kontrast auch herzustellen. Weil ich sehe nur auf der dunklen Seite so wahnsinnig viel, auf der hellen Seite kaum was.
Florian Bayer: Die Szenen auf dem Schiff. Wenn sie noch nicht auf der Insel waren, wenn sie auf dem Schiff rüberfahren und wenn der Kapitän sie komplett drangsaliert und festnimmt und wir haben ganz viele Szenen von ihnen als Gruppe, wie sie im Regen stehen und offensichtlich nur ums Überleben kämpfen, komplett durchs Nest. Und du hast so einfach eine Gruppenromantik. Du hast in diesem Leiden. Hast du eine gewisse Schönheit von der Gruppe, die zusammenhält und die gemeinsam da sitzt und auch konspiriert gegen den Kapitän? Wunderschön.
Johannes Franke: Ja, aber was ist das für ein Menschenbild? Du musst die Leute erstmal so richtig durch die Scheiße ziehen. Nein, nein, nein. Dann zusammen sich gegen ihr Martyrium auflehnen. Natürlich lehnt man sich gegen ihr Martyrium auf. Das ist ja auch keine Geschichte.
Florian Bayer: Du interpretierst wieder moralisch. Es geht nicht um das Moralische. Es geht nicht darum. Es geht einfach um die Schönheit der Situation an und für sich. Jede Traumsequenz, die wir haben, von Drevore oder von diesen, keine Ahnung, von diesen Körpern, die plötzlich da sind. Und dann haben wir einen bemasketen, halbnackten Körper, der auf ihn zuschaukelt. Und keine Ahnung, was das ist. Es ist irgendwie eine Traumsequenz. Wunderschön.
Johannes Franke: Also jetzt nur visuell, wenn wir wirklich das lösen voneinander. Rein visuell ist der Film der Hammer. Also das muss man schon mal sagen. Der hat eine wahnsinnig gute Entscheidung mit diesen 16 Millimetern getroffen und hat wirklich unglaublich tolle Bilder geschaffen. Diese Rückprojektionsbilder, die ich sonst immer so grenzwertig finde, hat der sowas von gut drauf. Es ist ja der Hammer. Die sehen ja richtig, richtig gut aus. Nicht im Sinne von, ich mache hier ein realistisches Bild auf und niemand sieht, dass es eine Rückpro ist, sondern... Das macht ästhetisch einfach was wahnsinnig Gutes mit dem Film. Also auch überhaupt dieser Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe, auch wenn ich das Konzept nicht unbedingt immer erkenne dahinter,
Florian Bayer: aber das muss es auch nicht. Kein Konzept, nein,
Johannes Franke: nein. Das ist einfach, okay, das ist so und das macht jedes Mal ein spannendes,
Florian Bayer: tolles Bild aus. Matt Romandigo hat gesagt, er hat versucht Schlüssel-Szenen farbig zu machen. Er wollte dem Publikum sagen, und jetzt kommt eine Szene, auf die ihr euch besonders konzentriert. Die ist wichtig,
Johannes Franke: okay.
Florian Bayer: Nicht unbedingt, die ist wichtig, sondern... Oder doch, ja doch, die ist wichtig. Ja, vielleicht ist es einfach das. Lass uns mal ganz kurz zu was anderem springen.
Johannes Franke: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik?
Florian Bayer: Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes. Ja? Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo.
Johannes Franke: Oh nein!
Florian Bayer: Shit! Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auf Spotify oder Apple oder sowas.
Florian Bayer: Theme, whatever, was ihr auch nutzt.
Johannes Franke: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer euer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes.mussmannsehen.de oder florian.mussmannsehen.de.
Johannes Franke: Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter. Boah, das soll schnell durchkommen.
Florian Bayer: Ja, jetzt schnell raus,
Johannes Franke: schnell wieder zurück ins Gespräch.
Florian Bayer: Lass uns mal ganz kurz zu was anderem springen. Wie Ronny muss Bosch.
Johannes Franke: Mag ich. Mag ich übrigens.
Florian Bayer: Du guckst dir doch so ein Bild wie die Gärten der Lüste an und siehst du da nicht auch? Also das ist es doch genau. Die Gärten der Lüste stellt viel Grausamkeit, sexuelle Grausamkeit dar. Und du siehst,
Johannes Franke: was der Unterschied ist. Ich kann vor Hieronymus Bosch mit eigenem Tempo stehen und überlegen, wann gehe ich zum nächsten über? Was will ich mir jetzt als nächstes anschauen? Ah, die Stelle, die ist mir ein bisschen, da brauche ich noch einen Moment. Dann muss ich erstmal nach links und noch die kleine Szene anschauen. Und kann in meinem eigenen Tempo... Und bestimmen, was, wann, wie für mich passt.
Florian Bayer: Ja, und du sagst, der Film, du sagst, die Bild, also klar, natürlich, die Ästhetik dieses Films ist großartig, aber du beschränkst das so auf diese visuelle Ebene. Ich finde, in dieser Stilisierung passieren halt auch inhaltliche Dinge und deswegen auch nochmal, Hieronymus Bosch, das ist halt auch so ein guter Vergleich. Das ist total absurd, wenn gezeigt wird, wie ein Typ von zwei Dämonen ausgepeitscht wird oder ein anderer daneben geköpft wird und so weiter. Ja. Aber wenn das in dieser merkwürdigen Stilisierung dargestellt wird, dann ist das ja mehr als nur, oh, das ist aber ein tolles Stilmittel, sondern dann ist das ja auch so, großes Wort, nicht nur eine Überhöhung der Gewalt, also für mich zumindest, ich nehme das dann nicht nur als Überhöhung der Gewalt dar, sondern auch als eine Art von Überwindung der Gewalt. Und nochmal, ich rezipiere diesen Film nicht als Horrorfilm, das ist ein Film, der wirklich der Momente der Schönheit hat und der zeigt, ey, es ist komplex. Es gibt diese wilde Seite des Menschen, es gibt diese bösen Seiten des Menschen und diese dunklen. Aber das ist ein Teil des Menschseins und das ist ein Teil auch der Schönheit des Menschseins. Das kannst du nicht moralisch beurteilen. Ja,
Johannes Franke: das ist halt das Problem. Ich habe einfach in diesem Film diese Schönheit nicht gesehen. Also diese Instanz der Schönheit jetzt vom visuellen rein visuellen weg. Und deswegen... geht das für mich alles in einem Brei von Düsternis unter und ich kann es nicht betrachten. Ich sehe nur ein schwarzes Bild von mir im Grunde. Also jetzt nicht visuell, sondern einfach inhaltlich. Ich sehe nur ein schwarzes Bild von mir und kann dann ja auch nicht zwischen Schatten und Licht unterscheiden. Dann ist das so ein riesiger Brei von Düsternis, wo ich einfach nur raus will, weil ich kann mich nicht an einem Kontrast festhalten. Und das ist echt ein Problem für mich beim Gucken.
Florian Bayer: Um vielleicht noch ein paar Szenen reinzuwerfen, du kannst ja einfach mal sagen, wie du das dann wahrgenommen hast. Ja, ja, ja. Wenn Tongui und Sloan, glaube ich, in diesem klebrigen Netz gefangen sind und dann ist über ihnen Hubert, der so ein bisschen der zu sein scheint, der die Schönheit der Insel am ehesten aufsaugen kann, weil er ja auch immer der Naivste und der ja auch als erstes bei Severin landet. Genau. Und dann pinkelt er auf sie, um sie zu befreien und sagt nochmal, ihr müsst euch einpinkeln, er hängt so über ihnen. Das ist ja auch irgendwie so der süßeste von ihnen, der als erstes bei Severin landet. Und das ist auch eine wunderschöne Szene, wenn er sie quasi befreit und gleichzeitig zeigt, dass er irgendwie akzeptiert hat, was jetzt mit ihm passiert ist. Und schön, wunderschön. Auch auf der Gefühlsebene.
Johannes Franke: Ja, da bin ich schon so abgestumpft für. Also kannst du mir jetzt sozusagen sagen und wie du es beschreibst, funktioniert es auch? Und dann sage ich auch, okay, es ist bestimmt ein schöner poetischer Moment gewesen. Ich habe ihn nur verpasst.
Florian Bayer: Wenn sie zum ersten Mal über die Insel gehen und sagen, es war wie auf einem... trägigen Frauenkörper zu laufen oder so. Sie gehen über diese Insel, ihre Augen sind verbunden, weil der Kapitän sagt, ihr müsst eure Augen verbinden und dann schlägt das Gras nach ihnen, beziehungsweise kraft nach ihnen und dann kommen sie an diesen dieser ganze Block und sie kommen an diesen Pflanzen an, an die hier, wenn ihr was trinken wollt, dann müsst ihr bei diesen Penisbäumen was machen. Und wenn ihr was essen wollt, müsst ihr euch wieder an die Hodenfrüchte halten. Und wenn ihr euch angespannt fühlt, hier habt ihr übrigens die wolvischen Pflanzen, mit denen ihr Sex haben könnt. Großartig. Also ich sehe da keinen Horror mehr, sondern ich sehe da wirklich eine faszinierende, mysteriöse Insel, die alle Lüste befriedigt. Wir wissen nicht genau, wo das hinführen soll, aber in diesem Moment. gibt es doch sowas wie Frieden, auch für die Jungs, auch für uns. Ja,
Johannes Franke: also das Ding ist, dass mir vorher sexuelle Lüste immer mit Gewalt verbunden wurden und dass ich inzwischen wie so einen pavlöfischen Reflex im Kopf das alles mit Gewalt verbinde, sodass ich da keinen Genuss drin sehe, sondern ich sehe dann halt so, ja gut, jetzt hast du die ganzen homoerotischen Sachen, die da einmal als Bilder abgeliefert werden, okay, ja... Könnte auch eine erotische Szene werden, aber das Problem ist halt der Kontext. Und der Kontext macht alles andere, zieht alles runter. Sorry, aber ich bin halt einfach von Anfang an da drin gefangen in dieser Gewalt, in dieser sexuellen Gewalt. Und ich krieg das nicht für diese Momente da raus, einfach so. Ich bin auf diesem Highway. Und das ist keine wirkliche Abfahrt.
Florian Bayer: Versuchen wir uns mal zum anderen Thema zu nähern. Oder beziehungsweise doch dem zweiten Thema in dem Film. Neben der Vermengung von Sexualität und Gewalt geht es hier natürlich auch um Geschlechtsfragen, um Gender und um Sexfragen.
Johannes Franke: Ja, okay. Jetzt wird es spannend. Hast du das Gefühl, dass da eine Konsistenz drin steckt? Nein,
Florian Bayer: überhaupt keine. Gar nicht,
Johannes Franke: oder? Okay, gut.
Florian Bayer: Aber das ist auch gewollt, ne?
Johannes Franke: Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht, was er will. Er sagt es mir ja nicht. Also insofern...
Florian Bayer: Bertram Mannigow hat 2012 zusammen mit der isländischen Filmmacherin Katrin... Olaf Stottir, das Inkoherenz-Manifesto geschrieben. Und hat gesagt, damit gründen wir das Kino der Inkoherenz. Und um das so ein bisschen zu beschreiben, es ist, sie schauen sich an, was es so gibt im Arthouse-Kino vor allem. Und was sie alles haben, was sie da dagegen stellen können. Und dazu gehört vor allem nicht mehr kohärent zu sein. Kohärenz sein. Und das bedeutet, dass wir romantisch sind, dass wir gewalttätig sind, dass wir verstörend sind, aber auch gleichzeitig traumhaft und dass wir das zusammenwerfen und dass es nicht wirklich Sinn ergibt. Und ich glaube, das ist auch zu dem Thema Geschlechtsfragen da drin. Und das finde ich ganz wichtig, weil das macht, das ist ein sehr allgemeines Thema, wie der Film es angreift, ist auch sehr allgemein. Was bedeutet Geschlecht und was bedeutet vor allem Geschlechtsfluidität? Und das ist inkohärent. Ja,
Johannes Franke: okay, aber da pflichtet man sich in die Meta-Meta-Meta-Ebene, damit man irgendwie sagen kann, naja, aber der Film ist ja wie die Geschlechterfluidität. Das ist halt so inkohärent. Pech gehabt.
Florian Bayer: Aber das erzählt der Film ja auch die ganze Zeit, weil er hat so viele Arten wie die Personen mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität oder mit dem vermeintlichen oder tatsächlichen Wechsel von Geschlechtsidentität oder von Sex umgehen. Vom Kapitän bis zu Severin haben wir wirklich... alle Facetten da drin.
Johannes Franke: Und wie sie darüber reden und was sie sagen und was wir sehen, bildet eine riesige Schere zwischen Geschlechteridentität, die anscheinend nicht zu trennen ist von Geschlecht, biologischem Geschlecht, also laut Film irgendwie oder weiß ich nicht, keine Ahnung. Nein,
Florian Bayer: überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil.
Johannes Franke: Also das Ding ist, es fängt damit an, dass sich Severin, oder wie heißt sie? Severin. Dass sie zum einen, muss ich sagen, Ich weiß nicht, wie beabsichtigt das ist, da sagst du bestimmt gleich, das ist wahnsinnig wichtig und sagt irgendwas Tolles, aber sie spielt einfach schlecht. Sie spielt schlecht den Mann, den sie mal war. Und dann denke ich mir, ja okay, das heißt also, sie denkt, dass die Welt eine bessere Welt wäre mit Frauen, aber ist eigentlich von der Identität her das geblieben? Oder sagt der Film, dass es eigentlich gar keinen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen, was ich auf einer anderen Ebene sympathisch finden würde. Aber... Aber da gibt es keine Konsistenz. Das sagt er ja nun auch, dass er keine Konsistenzen will in seinem Film, weil das irgendwie doof ist. Ich weiß nicht warum.
Florian Bayer: Du musst aufhören Severin zu misgendern. Severin ist ein Mann.
Johannes Franke: Genau, genau das ist es.
Florian Bayer: Severin sagt doch, dass er noch ein Mann ist. Und Severin ist...
Johannes Franke: Aber warum sagt Severin dann, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn alle wie ich zur Frau geworden wären?
Florian Bayer: Weil er einem Geschlechtsessentialismus folgt. Weil er glaubt, dass Frauen ganz eindeutig festgelegt sind. Und weil er das auch nach vorne pusht und weil er tatsächlich einfach dieser absurden Philosophie anheimgefallen ist. Aber er glaubt, dass die Welt mit Frauen besser wird und deswegen will er mit Frauen die Welt erobern. Und gleichzeitig erfüllt er damit ja ganz viele männliche Stereotype. Dieses Machtstreben und diesen Großmachtwahn und diesen Wahn, die Welt verändern zu können mit Gedanken, mit Worten und mit Taten.
Johannes Franke: Dann hast du aber wiederum andere... Stränge in diesem Film, die dem wieder konträr gehen und ich muss hier ganz hart mit meinen Notizen jonglieren, weil der Film mich so durcheinander bringt in seinen Ideen, dass ich denke um Gottes Willen, was steckt da alles drin und was steckt da nicht drin und wie konträr ist das alles. Man erkennt am Ende nur noch ein einziges Wollknäuel. Ich habe das Gefühl, dass der Film so ein Streitgespräch ist. wo jeder nochmal was reinwirft und sagt, nee, nee, aber das, und den Gedanken aber nicht zu Ende gedacht hat, sondern einfach reinwirft, damit er irgendwie ein Argument hat. Irgendwie so kommt mir dieser Film vor.
Florian Bayer: Wir haben so viele Formen. Von Geschlechtsfluidität. Wir haben Severin, der ist in einem Frauenkörper, aber ist ein Mann geblieben. Und der besteht sogar darauf, als Mann wahrgenommen zu werden und sagt gleichzeitig, Frauen sind irgendwie...
Johannes Franke: Da ist ja schon die erste Inkonsistenz, weil die Figur in sich ja schon gar nicht weiß.
Florian Bayer: Es gibt sehr viele Männer, die das sagen. Es gibt sehr viele Männer, die sagen, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie von Frauen regiert werden würde.
Johannes Franke: Ja, aber er sagt ja gleichzeitig, dass deswegen, weil er in einem Frauenkörper ist... Ja. Es funktioniert ja wiederum dann... nicht, weil die Argumentation ja ad absurdum geführt wird.
Florian Bayer: Severin ist einfach eine groteske Figur, genau wie der Kapitän. Der Kapitän kommt mit seiner weiblichen Seite gar nicht klar und kämpft mit Hypermaskulinität dagegen. Der Kapitän ist wahrscheinlich deutlich mehr Frau als Severin. Wir haben...
Johannes Franke: Ist er? Okay, okay.
Florian Bayer: Ich kann jetzt... Er versucht... Er ist eigentlich so ein bisschen die Darstellung von dem, der seine weibliche Seite überhaupt nicht akzeptieren kann und deswegen versucht so krass männlich und bärtig wie möglich zu sein.
Johannes Franke: Ja und damit ist er mehr Frau als alles, verstehe ich jetzt nicht ganz. Aber da müssten wir definieren können, was Frau und was Mann ist, was ja auch schon absurd ist.
Florian Bayer: Genau, genau. Und diese Absurdität stellt der Film ja auch dar. Und dann haben wir die verschiedenen Jungs, die auch sehr unterschiedlich sind. Ich meine, ich könnte jetzt anfangen aufzuzählen. Wir haben zum Beispiel Hubert, der... Nur ein Beispiel zu nennen, der in seinem Mädchenkörper voll aufgeht dann, der anscheinend auch tatsächlich nur eine Transition macht, wenn er nicht sich sogar vorher schon als weiblich gelesen hat. Und wir haben sowas wie Tanguy, der unglaublich gerne komplett transformieren würde und dessen Körper das nicht mitmacht. Und dann ist die Frage, was sie da setzt sich gerade. Wie ersetzt sich dein Körper? Wie ersetzt sich dein Geist? Können wir es überhaupt klar sagen? Und ich habe so das Gefühl, was der Film damit macht ist, dass er halt wirklich erzählt. Wie brüchig diese Grenzen von Sex und Gender sind. Und wie leicht es ist, auch drauf reinzufallen und zu sagen, Severin ist doch ganz klar eine Frau. Einfach weil sie ja wie eine Frau aussieht. Weil er wie eine Frau aussieht. Und diese Brüchigkeit und dieses Grundkonzept, dass Geschlecht ein Spektrum ist. Und zwar sowohl Sex als auch Gender. Und dass es da verschiedenste Ausformungen gibt. Ich finde, das hat der Film voll gegriffen.
Johannes Franke: Ich bin da viel zu hin und her geworfen zwischen Konzepten, die nicht zu Ende gedacht sind in meinem Kopf, dann auch keinen Sinn mehr ergeben, weil der eine sich dem gerade widerspricht, was er vorher gesagt hat. Deswegen komme ich dann inhaltlich nicht mit, weil ich dann denke, ja, was dann nun?
Florian Bayer: Die Auseinandersetzung mit Sex und Gender steckt aber auch voller Widersprüche, weil es einfach mal Kategorien sind, die wir als Menschen irgendwann beschlossen haben. Ich verstehe schon das Konzept nicht.
Johannes Franke: Wenn man sagt, ich will einen Film machen darüber, wie fluide... Geschlechterrollen sind. Warum mache ich dann einen Film, der so brachial, gewaltig, starre, also so Grenzen aufmacht? Der macht Grenzen auf in seiner Art und Weise, in seiner brachialen
Florian Bayer: Dramaturgie. Also Bertram Andigo hat dazu gesagt, er wollte einen Film machen, der vor allem Spaß macht. Er wollte einen Film machen, der ihm gefällt und der aber auch dem Publikum gefällt.
Johannes Franke: Gar keinen Spaß gemacht.
Florian Bayer: Indem er einfach fantastisches Erzählen erforscht. Ich glaube, es ist nicht der richtige Weg, nach der Motivation zu fragen. Der Film ist ja keine wissenschaftliche Abhandlung.
Johannes Franke: Nein, natürlich nicht.
Florian Bayer: Aber in dem Film steckt dieses Thema, dass Geschlecht auf unterschiedlichste Art und Weise interpretiert werden kann. Und dass es diese Frage, was körperliches Geschlecht ist und was seelisches Geschlecht ist oder gesellschaftliches Geschlecht, dass das extrem brüchig ist. Und dass diese Grenzen sich jederzeit auflösen können. in diesen Geschlechterrollen stecken, in diesen Geschlechterbildern.
Johannes Franke: Also ich muss mal sagen, ich musste an Orlando denken. Wir haben über Orlando geredet. Und der macht das viel, viel stärker und viel, viel besser, was ich eigentlich gedacht hätte, was in diesem Film stecken müsste. Diese Genderfluidität zu zeigen und auch wie Gesellschaft darauf reagiert und so. In Orlando haben wir eine Figur, die über Jahrhunderte lebt, die am Anfang einmal das Versprechen abgibt, nicht zu altern. Weil irgendein König, glaube ich, oder eine Königin sagt, du bitte alter nie. Und dann passiert das und die Figur ist am Anfang... männlich gelesen und am Ende weiblich gelesen. Und irgendwo inzwischen durch findet so eine Transition statt. Und irgendwie sind alle um sie herum der Meinung, ja okay, dann bist du jetzt halt eine Frau, aber dann musst du jetzt auch damit leben. Dann hast du jetzt auch keinen eigenen Besitz mehr und so weiter. Ich finde, dass das für mich halt greifbarer ist, weil es mit mehr tatsächlichem, obwohl es auch absurd ist und auch ein bisschen surreal ist, allein die Prämisse. Aber das, woran sich's abhandelt, woran es erzählt wird, ist halt viel greifbarer. Du hast eine Gesellschaft, die drumherum agiert und reagiert und so. Und du hast mehr Schwarz-und-Weiß-Punkte, die dir Kontraste aufmachen, während ich hier halt größtenteils schwarz sehe und deswegen keinen Kontrast sehen kann. Und ich suche die ganze Zeit in diesem Film nach Ambivalenz, weil ich denke, ich kann ja nicht einen Film von mir haben, der nur schwarz ist. Und dann fange ich an, in der Gewalt Ambivalenz zu sehen und die kommen mir ganz, ganz schmutzig vor. Weil du kannst in dieser Gewalt keine Ambivalenz sehen. Also das weiß ich nicht. Nee, will ich nicht. Das macht ein ganz schlechtes Feld für mich auf.
Florian Bayer: Ein wesentlicher Unterschied meiner Meinung nach zu Orlando ist ja, Orlando erzählt, es ist der gleiche Mensch. Egal ob Mann oder Frau, es gibt quasi keinen Unterschied. Und was dieser Film hier macht, ist halt mehr erzählen. Was bedeutet es, sich mit einem Geschlecht zu identifizieren? Und in dem Sinne ist vielleicht Orlando komplett geschlechtsblind und sagt quasi, es gibt einfach keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: Während dieser Film sagt, naja, sobald du irgendein Geschlecht zugewiesen hast, egal ob körperlich oder seelisch, mach das etwas mit dir. Das kann dich in diese Richtung drücken, dass du so krass maskulin bist, dass du sagst, du bist ein Mann, du hast diese Männerbedürfnisse, du machst das und du machst das und dazu gehört auch das Ausüben von Gewalt. Und dann wird das in Frage gestellt durch eine... banale körperliche Veränderungen, dann weißt du nicht mehr, wie viel Mann bist du jetzt noch, wie viel Frau bist du jetzt noch. Aber diese Kategorien, diese Rollen sind trotzdem in deinem Hinterkopf vorhanden. Wir können die nicht ausblenden. Und es sind zwei unterschiedliche Ansätze und Orlando ist definitiv utopischer und optimistischer, was das betrifft. Dass er sagt, wir schließen jetzt einfach mal die Augen davor und sagen, okay, es gibt kein Geschlecht oder beziehungsweise Geschlecht spielt keine Rolle für deine Persönlichkeit. Und der Film sagt halt eher, naja, wir können das nicht einfach ignorieren. Wenn wir jemanden auf der Straße sehen, ordnen wir ihm automatisch ein Geschlecht zu. Wenn wir uns betrachten, ordnen wir uns ein Geschlecht zu. Und wir glauben auch tatsächlich, uns total sicher zu sein, wenn wir jetzt nicht non-binär sind. Wir glauben uns total sicher zu sein, welches Geschlecht wir haben. Und das ist auch nicht mal eine Cis-Sache, sondern das ist ja auch eine Trans-Sache. Ein Trans-Mensch ist ja auch fest davon überzeugt, welches Geschlecht er hat. Und der Film sagt, okay, aber diese Kategorien, die existieren. Und wir können uns nicht von diesen lösen, aber schaut mal, wie brüchig sie sind. Und das ist dann wiederum der Unterschied zwischen einem Transmenschen und einem Cis-Menschen, dass ein Transmensch weiß, wie brüchig das ist, weil er einfach merkt, dieses Divergieren zwischen dem, wie er bei der Geburt wahrgenommen wurde und wie er sich selbst wahrnimmt und wie er jetzt wahrgenommen wird. Aber es geht darüber hinaus. Ich glaube, es ist auch nicht eine Debatte über Transidentität, sondern es ist...
Johannes Franke: Das ist halt das Ding auch so ein bisschen, weil der Film fühlt sich nicht so an wie jemand, der aus eigener Erfahrung Transidentität auf die Leinwand bringen möchte. Nein,
Florian Bayer: überhaupt nicht. Es ist viel zu philosophisch dafür und viel zu abstrakt. Das ist auch wieder die fehlende Empathie. Dann würde ich sagen, dieser Film ist nicht der Soziologe, der sich damit auseinandersetzt, wie Transmenschen in der Gesellschaft wahrgenommen werden, wie sie sich selbst wahrnehmen und so weiter. Er ist eher der Philosoph, so wie Judith Butler, der erstmal sagt, okay, wir stellen hier mal alles zur Disposition und dann gucken wir, ob wir irgendwo rauskommen und dann ist das inkohärent. Das ist ein ganz wichtiges Wort dabei.
Johannes Franke: Ich sitze halt in diesem Meeting dann und sage, ich möchte gerne Struktur. Können wir mal bitte ordentlich miteinander reden und sagen, okay, wir haben jetzt erstmal dieses Themenfeld und dieses Themenfeld und am Ende finden wir These, Antithese, Synthese, was auch immer. Ich bin da halt ein bisschen, ich brauch vielleicht ein bisschen mehr, als einfach nur alles reinwerfen und mal gucken, was passiert. Findet selber euren Weg durch den Film.
Florian Bayer: Es ist halt auch, und das ist seine eskapistische Seite, es ist halt ein sehr bildverliebter Film, es ist ein sehr opulenter Film und es ist ein surrealer Film. Teil des Surrealismus ist halt auch, wir haben keine Haltung, wir haben kein Ziel und wir haben keine versteckte Botschaft, sondern wir sind einfach da. Also bei der Lied...
Johannes Franke: Ist das ein wirklicher... unbedingt der Teil von Surrealismus? Ist das so?
Florian Bayer: Ins Wesentliche. Dali war immer stinksauer, wenn er gefragt wurde, was seine Bilder bedeuten würden, hat immer gesagt, ey, fick dich! Das ist Kunst! Ich will, ich hab keine versteckte Botschaft. Das ist kein Kreuzwort, Rätsel. Und ich würde behaupten, die meisten Surrealisten haben auch diese Haltung.
Johannes Franke: Ja. Also ich meine, mit Dali kann ich nicht so viel anfangen, aber das hat mit dem Surrealismus nichts zu tun, sondern einfach seine generelle Bildsprache ist für mich so ein bisschen so, naja, hä? Okay. Ansonsten... Ich finde ja... Also Jodorowsky fand ich furchtbar. Aber es gibt auch gute Surrealisten, muss man mal sagen. Aber ich kann dir gerade keinen nennen. Ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Rest in Peace David Lynch.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Das war traurig. Das ist sehr traurig. 78 ist er geworden. Ich war überrascht,
Florian Bayer: dass der schon so alt ist. Ich hab ihn irgendwie jünger gesehen. Ja,
Johannes Franke: total. Der war auch schon krank und so.
Florian Bayer: Hat ja auch schon sehr lange keine Filme mehr gemacht. eine Zeit lang wirklich mit bildender Kunst und mit Musik ganz viel gemacht.
Johannes Franke: Stimmt, ja. Hat er nicht auch Mode gemacht?
Florian Bayer: Er hat alles so ein bisschen probiert, ne? Krasser Typ. Wir müssen auf jeden Fall mal wieder einen Lynch-Film machen.
Johannes Franke: Ja, lass uns das mal machen, ja.
Florian Bayer: Du hast schon gesagt, dass du mit, und das ist natürlich auch so ein Teil des Surrealismus, dass das Spiel sehr speziell ist. Du hast schon gesagt, dass du das Spiel von Elina Löwenson nicht sonderlich toll fandst.
Johannes Franke: Aber es liegt auch im Drehbuch, muss man sagen. Gleich am Anfang sagt sie irgendwie bei dem ersten Treffen, ich will mal wieder einen ordentlichen Kampf machen. Ich will mal wieder richtig jemanden wirken. Oder keine Ahnung, was sie genau sagt. Eher genau sagt, Entschuldigung. Und für mich ist das so platt. So dieses, okay, wir versuchen jetzt hier zu erzählen, das ist ein Mann. Und jetzt geben wir da so einen schönen platten Satz. Ich will mal wieder richtig kämpfen. Denken ist scheiße. Ich will wieder kämpfen. Weißt du, irgendwie,
Florian Bayer: Also ich fand Severin cool. Ich fand ihn vor allem cool, weil er so eine wilde Mischung ist aus so ein bisschen dieser verrückte Doktor und dann dieser Kolonialherr und der Händler und das dann alles im Frauenkörper. Und Elina Löwenson hat gesagt, sie hat sich vor allem an Klaus Kinski, Fitzgerald und Akira orientiert und ich sehe das. Es ist nicht so drüber wie von Kinski, aber ich finde die Figur funktioniert in dieser Mixtur. Ich fand tolle Figur und auch toll gespielt. Wie fandst du es denn bei den Jungs, die Schauspielleistungen?
Johannes Franke: Ja, also, ich finde ganz gut, glaube ich. Ich fand sie tatsächlich ganz gut. Es sind natürlich trotzdem, es sind Mitte-20-jährige Frauen, die...
Florian Bayer: Teenager-Jungs spielen.
Johannes Franke: Teenager-Jungs spielen. Das ist an sich schon absurd und das hat an sich auch eine Überhöhung, die natürlich eine Comichaftigkeit irgendwie mitbringt. Aber ich glaube, grundsätzlich fand ich die schon ganz gut.
Florian Bayer: Ich fand sie alle ziemlich stark, ziemlich spannend. Ich habe das Gefühl, teilweise war es auch so ein Drüberspielen. Und es waren einfach Frauen, die Time of their Life haben,
Johannes Franke: weil sie jetzt mal die Schwänze auspacken und sie runterholen dürfen.
Florian Bayer: Und gerade im Zusammenspiel der Jungs, fand ich, steckte halt auch ganz viel eine Erotik in diesem Film. Es ist auch tatsächlich ein bisschen fetisch von mir. Ich mag Frauen, die so ein bisschen knabenhafter sind.
Johannes Franke: Tomboy.
Florian Bayer: Tomboy. Ich stehe da drauf. Und deswegen fand ich, war das halt auch einfach eine super attraktive Gruppe. Also die fünf zusammen. Was es mir sehr leicht gemacht hat, diese Strandszene total erotisch zu finden.
Johannes Franke: Okay, aber so weit komme ich halt nicht. Wie du weißt jetzt inzwischen, ich habe einfach so viel sexuelle Gewalt im Kopf, dass ich da keinerlei Erotik und keinerlei poetische Gefühlswelt sehen kann. Also da können die noch so erotisch als Menschen eigentlich sein, aber das kommt bei mir überhaupt nicht rüber.
Florian Bayer: Was ich vielleicht noch in dem Zusammenhang ganz geil finde, bei der Erzählhaltung des Films. Wir haben diese, sie erzählen die Story, die Jungs erzählen die Geschichte. Und wir haben so ganz oft, manchmal erkennen wir einzelne Stimmen, wissen wer jetzt gerade redet. Ganz oft scheint es fast wie so zum Chor zusammen zu fliegen. Wir wissen gar nicht, wer gerade erzählt.
Johannes Franke: Ja, ja, genau.
Florian Bayer: Und dann fehlen sie uns wieder zum Individuum. Ich kann es gar nicht groß interpretieren. Ich fand es einfach spannend, wie hier damit umgegangen wird, dass sie eine Gruppe sind und gleichzeitig Einzelpersonen.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ich weiß nicht, nach welchem Konzept das dann geschrieben ist, wer welchen Off-Erzähler macht und so. Vielleicht hat er auch keins, weil Inkohärenz dazu gehört. Maybe. Aber interessant ist auch, dass die Stimmen im Film, glaube ich, mit dem Computer zumindest bei vier von fünfen verändert wurden. Ja. Während sie die Jungen spielen. Das ist... Und in der Aufstimme glaube ich nicht. Ich bin mir nicht sicher.
Florian Bayer: Es ist alles Studio, ne? Ja,
Johannes Franke: ja, es ist alles...
Florian Bayer: Sie haben nichts, sie haben alles nochmal neu synchronisiert.
Johannes Franke: Wir können ja mal über die Entstehung überhaupt reden, ne? Dreharbeiten und wie er überhaupt, Mannico, wie er arbeitet und was seine... Drops sind. Ich fand's total spannend. Also wie gesagt, 16, Super 16 Film in Schwarz-Weiß, aber ich glaube, er hat in Farbe gedreht und dann in Schwarz-Weiß umgewandelt, sodass er dann gleich die Farbteile hatte, die er brauchte für die Zwischendinger.
Florian Bayer: Und vielleicht noch als dazu erwähnt, zu diesem Bild, das sehr quadratisch wirkt dadurch, dass es in dieser Ratio ist, also nicht so richtig quadratisch, aber schon, also definitiv nicht dein typisches 16 zu 9 Bild. Abgerundete Ecken.
Johannes Franke: Abgerundete Ecken, total schön.
Florian Bayer: Ganz wichtiges Designmerkmal. Ja,
Johannes Franke: ja, ja. Ich mag das total. Also ich finde die Entscheidungen total schön. Sie haben auf der Insel La Réunion gedreht. Da ist viel los mit Pflanzen und so. Da konnten sie sich gut austoben. Sieht auch tatsächlich wunderschön nach so einer exotischen Insel aus. Es ist wirklich gut.
Florian Bayer: Und es ist Bertrand Mandigauds Langfilmdebüt.
Johannes Franke: Das ist so das Krasse, wo ich gedacht habe, what? Der Typ ist über 40, warum macht er jetzt? Deinen ersten langen Film. Und er hat wahnsinnig viele Kurzfilme gemacht.
Florian Bayer: Er hat unglaublich viele Kurzfilme gemacht. In den 90ern schon auch. Also er hat auch in jungen Jahren gedreht.
Johannes Franke: Wie hat er eine Karriere daraus gemacht, Kurzfilme zu drehen? Du kannst mit Kurzfilmen kein Geld verdienen. Wie geht das?
Florian Bayer: Ich glaube vor allem mit, also Kunst, ne? Also so mit tatsächlich Fördergelder und dann in Galerien. Aber er scheint auch so Werbung und sowas gemacht zu haben. Also vielleicht hat er nebenbei immer so ein bisschen was gemacht, was Geld bringt. Und er war wohl... beeinflusst vor allem von einem Titel. Wohlgemerkt nicht von dem Buch selbst, aber es gibt ein Buch von William Burrough, The White Boys, A Book of Dead.
Johannes Franke: Und das spielt aber in der Zukunft irgendwo.
Florian Bayer: Genau, aus dem Jahr 1971 und ich kenne es nicht, ich habe es nicht gelesen, man kann es aber kaufen. Es geht offensichtlich um eine apokalyptische Welt und ein Haufen schwuler Jungs, die sagen, wir wollen die Welt erobern und komplett schwul machen. So ungefähr. Das Ding sollte verfilmt werden und... Für diesen Film wurde eine Sache fertiggestellt, nämlich der Song des Films. Und das ist von Duran Duran. White Boys.
Johannes Franke: Nein. Nein,
Florian Bayer: nein. White Boys. Großartiger 80er-Jahres-Song. Kennt ihr wahrscheinlich alle. Hat ihr ja schon mal gehört. Schrecklicher Ohrwurm.
Johannes Franke: Das ist das Einzige, was von dem Film übrig geblieben ist.
Florian Bayer: Weiter ist die Produktion nicht gegangen. Russell Mulcahy wollte diesen Film adaptieren. Und hat zu Duran Duran gesagt, ey Leute, ihr macht so Musik, die passt da voll gut drauf. Von der Bibliothek. Man kann sich auch im Jahr 2024 nochmal den Videoclip zu Wild Boys angucken von Duran Duran. Man sieht auch durchaus Einflüsse auf diesen Film. Und hat gesagt, komm lass uns das machen und dann hat sich das alles verlaufen und die haben aber schon fleißig geschrieben, sie sollten einen Soundtrack machen und das was dann übrig geblieben ist, ist dieser Song Wild Boys. Und dann haben sie gesagt, okay, dann machen wir halt unseren eigenen schwulen Videoclip.
Johannes Franke: Ja, also dazu ist es nicht gekommen, aber naja, die Inspiration... Ist jetzt nicht so riesig, anscheinend der Titel und so ein bisschen was vom Buch. Aber ja, es lohnt sich jetzt keinen Vergleich herzustellen, weil völlig anders im Grunde.
Florian Bayer: Ich wollte ein Steckling, eine Kreuzung von Jules Verne und Burrough kreieren. Ja. Einen unmöglichen Steckling. So als hätte Burrough eine Robinsonade aller Jules Verne kontaminiert.
Johannes Franke: Ich finde auch Jules Verne total, der spricht da voll raus. Das ist so beeindruckend, weil Jules Verne, ich denke jetzt an die Reise zum Mond von 1902 oder 1903. Ganz, ganz, ganz alter Film von Georges Méliès. Ah, ja. Und der hat ja auch dieses Jules Wernige.
Florian Bayer: Ja, voll.
Johannes Franke: Total. Und spannenderweise hat dieser Film, finde ich, voll die Gemeinsamkeiten mit die Reise zum Mond. Irgendwie in der Ästhetik und in der Art und Weise, ich will dieses Jules Wernige drin haben und dieses Entdecken von fremden, exotischen Kulturen und so, das ist ja, was sie da auf dem Mond für eine Rasse treffen und so, das ist ja auch total Exotismus. Ja, voll. Also ich finde es total spannend, weil das... ein ähnliches Grundgefühl macht, auch wenn der Weg jetzt sehr, sehr weit ist, muss man sagen. Von der Reise zum Mond zu diesem Film. Aber der Teil, den mochte ich an diesem Film auch. Auch wenn Exotismus vielleicht eher negativ behaftet ist.
Florian Bayer: Naja, Exotismus gibt's ja nicht wirklich viel in dem Film. Es ist etwas merkwürdig, dass diese, also wir haben dieses Kolonialismus immer so ein bisschen mitschwingend. Ja,
Johannes Franke: muss man sagen.
Florian Bayer: Bei der Gerichtsverhandlung, diese Diener da stehen, diese halben, halben, vierhunderten Sterne. Wo seid ihr gerade?
Johannes Franke: Ja genau, was ist das für ein Raum?
Florian Bayer: Und Severin ist natürlich voll der Kolonialherr vom ganzen Auftreten, aber wir haben sonst keine Menschen. Also es gibt keine exotischen, keine fremdländischen Menschen.
Johannes Franke: Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Es wirkt fast wie eine Welt, in der die Menschen das Fremde sind, weil alles wirkt leer. Selbst am Anfang, wo sie in der vermeintlichen Zivilisation sind, da ist nichts. Das ist einfach nur Leere.
Johannes Franke: Ja, ja,
Florian Bayer: ja. Und ich habe ja schon Clockwork Orange genannt. Ich habe ganz viel so Dekadence-Kunst drin gesehen, also Dekadence inhaltlich, weil das auch so sexuelle, die Mischung von Sexualität und Gewalt, Oscar Wilde natürlich und Robert Karls-Heussmann ist so ein Dekadence-Autor, der glaube ich nicht so bekannt ist, der aber auch sehr viel über Sex und Gewalt schreibt und dieses Gefühl, auf einer untergehenden Erde zu leben und alle klammern sich an Hedonismus und reiten da bei ihrem Untergang entgegen. Das ist so ein bisschen das Gefühl dieser Epoche, so Ende des... 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Und das habe ich da drin gelesen, auch genau, also Oskar Walz natürlich, von dem ist bekannt, halt auch mit dieser homoerotischen Note. Und auch mit dieser ästhetisierten Note, dass jugendliche Schönheit ganz viel besungen wird und aber auch gleichzeitig in ihrer Grausamkeit gezeigt wird. Das habe ich viel in diesem Film gesehen und dann natürlich die ganzen Surrealisten. Also Khodorovsky, finde ich, steckt da drin. Bono, Dalí, die stecken da alle irgendwie mit drin.
Johannes Franke: Ein bisschen Expressionismus. Auf jeden Fall auch,
Florian Bayer: ja.
Johannes Franke: Also solche Sachen. Anleihen davon gibt es überall. Und ich finde das, also rein ästhetisch muss ich wirklich sagen, also der Film ist voll auf meiner Linie. Ich mag das auch. Und ich finde auch die surreale Note auf der visuellen Ebene total gut. Also vielleicht ist es inhaltlich nicht immer was für mich, aber auf der visuellen Ebene finde ich toll. Mag ich.
Florian Bayer: Es bringt ja nichts, wenn du dann die Ästhetik des Films schätzen kannst, aber die ganze Zeit so richtig abgetört, dass du sogar angewidert bist von der Art der Inszenierung.
Johannes Franke: Das ist das Problem des Films für mich, ja. Aber ich versuche das so ein bisschen zu trennen, damit ich dir ein bisschen was überreichen kann. Damit ich so ein bisschen sagen kann, okay, ich komme einen Schritt auf dich zu, Floor.
Florian Bayer: Dann kommen wir noch einen ganz kleinen Schritt mehr, weil du bist von uns beiden der Shakespeare-Experte. Warum machen sie Macbeth? Warum ist Macbeth so wesentlich in diesem Film? Ich kriege das nicht zusammen.
Johannes Franke: Keine Ahnung. Nein, nein, es geht nur darum, dass es eine Literaturlehrerin ist. Und wer war nicht in seine Literaturlehrerin verliebt?
Florian Bayer: Aber Severin lässt sie dann ja am Schluss ja auch nochmal dieses Hexending von Macbeth. Macbeth zitieren. Am Flut stehen sie auf dem Schiff bei diesen Matrosen und dann machen sie nochmal dieses, ich krieg's gar nicht zusammen, wo die Hexen, die da sind und ihren Zaubertrank mixen, am Schluss sagt eine Something wicked this way comes und dann tritt Macbeth auf. Ich fand diese Referenz komplett merkwürdig. Ich hab nicht verstanden, ich hab's nicht reingekriegt.
Johannes Franke: Ich hab auch nicht drüber nachgedacht. Wenn ich jetzt ein bisschen recherchiert hätte, vielleicht hätte ich irgendwo einen Strohhalm gefunden, aber den finde ich spontan jetzt auch nicht.
Florian Bayer: Und was ist das mit dieser Bauchszene, wenn Severin sagt, übrigens wir müssen jetzt die Insel verlassen und dann sieht man plötzlich ihren leeren Bauch.
Johannes Franke: Das ist ein Zitat, oder? Es gab es doch irgendwo anders schon mal.
Florian Bayer: Help me. Ja?
Johannes Franke: Oh Gott, wo war das?
Florian Bayer: Und da ist der Schmuck drin, ne? Und äh...
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Aber vor allem wegen der Knarre, glaube ich. Es gibt die...
Florian Bayer: Von David Cronenberg gibt es einen Film, wo jemand... Lord of the Flies? Nee. Lord of the Flies? Oh, das ist übrigens auch... Herr der Fliegen ist auch in diesem Film drin, natürlich. Ja. Auch gerade so dieses... Urzustand und ums Überleben kämpfen.
Johannes Franke: Ja, hört uns beim Struggeln zu.
Florian Bayer: Ich habe zumindest, also es hat mir überhaupt nichts geholfen, das ist Surrealismus, man will es nicht interpretieren, aber ich will zumindest mal kurz, was ich noch einmal quer recherchiert habe. Trevor, der Gott, den sie anbieten, oder Dämon. Es gibt einen Oscar-prämierten amerikanischen LGBT-Kurzfilm, und zwar von Peggy Wachowski aus dem Jahr 1994, der Trevor heißt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und ansonsten bedeutet Trevor aber eigentlich einfach nur großes Dorf, Walisig.
Johannes Franke: Oh.
Florian Bayer: Severin. Severinus ist ursprünglich ein männlicher Vorname aus dem Lateinischen logischerweise. Und hat sich im Französischen aber vor allem zu der weiblichen Version Severin entwickelt. Und Severin, die männliche Form wird kaum benutzt in Frankreich. Tongui ist von einem bretonischen Namen, Tangui, der so viel heißt wie Feuer.
Johannes Franke: Also halten wir fest, dieser Typ hat sich ein paar Sachen dann doch gedacht.
Florian Bayer: Ich glaube, das ist der Punkt, wo es einfach nur Metatext ist. Wo du sagst, okay, und das finde ich noch spannend und das finde ich noch spannend. Yves Tangui, ein berühmter Tongui, den ich am ehesten mit dem Film zusammenbringe, hat ganz viele Strände gemalt. Das war so ein surrealistischer Maler. Sehr ähnlich wie Dali. Und der hat sehr viele Strände gemalt, die aber ganz merkwürdig entvölkert sind und so Störfaktoren drin haben. Und habe ich noch was Spannendes? Nein. Ich habe da noch ein bisschen was stehen, aber da müsste man sich sehr weit aus dem Fenster nehmen. Ah, Jean-Louis, der aggressivste und männlichste der Gruppe, der immer vorne dabei ist, wenn es darum geht, sexuelle Gewalt auszuüben. Es gibt einen französischen Kostümbildner. der Jean-Louis hieß, der sich einfach Jean-Louis genannt hat mit Kurznamen. Und der vor allem berühmt dafür ist, dass er die Kleider für unter anderem Rita Hayworth und Marlene Dietrich entworfen hat. Für ihre großen Filme. Das Kleid von Hayworth in Gilda hat er entworfen. Ja, das wären meine Metatext-Referenzen, die überhaupt nichts dazu beitragen, diesen Film in irgendeiner Weise mehr zu verstehen.
Johannes Franke: Womit ich wirklich so ein bisschen gestruggelt habe. Tanguy hat so ein hartes Problem damit, dass er nicht... zur Frau wird und dann auch irgendwie damit so ein kleines bisschen kolportiert, dass man ein sehr binäres System einfach.
Florian Bayer: Total.
Johannes Franke: Und das macht mich total fertig am Ende, weil das so einen großen Teil des Films einnimmt und ich diese Haltung nicht vom Film so richtig trennen kann, muss ich sagen. Weil ich so ein bisschen nicht verstehe, warum du kannst doch trotzdem dich als Frau begreifen. Was soll denn das? Nur weil du nur eine Brust hast. Was? Was sagst du da gerade über Frauen, die nur eine Brust haben? Was ist denn da los?
Florian Bayer: Aber Severin sagt ja sehr trocken, naja, lass ihn. Das Halbe ist offensichtlich nicht so sein Ding. Ich fand, Tonguy hat auf mich die ganze Zeit gewirkt wie der Nazi. Der hat ja diese Brille.
Johannes Franke: Ja, stimmt.
Florian Bayer: Und dann bei dem Gerichtsprozess ist er auch so der, der sagt, ich kann mich an nichts erinnern, wenn sie gefragt werden. Und er ist der, der immer flieht. Und ich finde, er hatte so eine... kalte, der wirkt auch immer als ob er Sachen untersuchen wollen würde und ich sehe ihn total als diesen Nazi, der grausam ist, weil er neugierig ist und so seine Grausamkeit auslebt.
Johannes Franke: Okay, ich habe Tange tatsächlich eher gelesen als derjenige, der moralisch noch am zugänglichsten ist, dem man noch sagen kann, das war jetzt nicht geil und deswegen sagt, ich kann mich an nichts erinnern, weil er nicht den vollen Weg gehen kann wie die anderen und zu sagen, die hat uns eigentlich vergewaltigt.
Florian Bayer: Nein, ich fand, er war der Böseste von allen. Genau deswegen, weil er war der, der sagt am Schluss, ich habe nur Befehle befolgt oder halt, ich kann mich nicht erinnern, was passiert ist. Der flieht, der Freikling, der aber total...
Johannes Franke: Es gibt eben eine andere Note natürlich, das stimmt schon. Aber ich habe es nicht so gelesen und deswegen war ich auch so ein bisschen verwirrt, warum er dann jetzt sagt, ich muss der Käpt' werden. Was auch so, was?
Florian Bayer: Aber das wird er ja nicht.
Johannes Franke: Ja doch,
Florian Bayer: natürlich.
Johannes Franke: Da kommt der Hund dazu, der eigentlich schon tot ist und dann ist doch klar, was seine Zukunft bedeutet.
Florian Bayer: Tongui ist der, der am ehesten zur Frau geworden ist am Schluss. Tongui ist der, der unbedingt den Frauenkörper will, weil sie, sag ich jetzt einfach mal, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich misgendern, die anderen auch beneidet um ihren weiblichen Körper.
Johannes Franke: Ja, das hat aber nur was mit Gruppenzwang zu tun.
Florian Bayer: Nein, doch. Doch. Nein. Doch. Nein. Diese Episode dauert jetzt noch 10 Minuten. Nein.
Johannes Franke: Doch.
Florian Bayer: Nein. Doch. Nein. Okay, einigen wir uns auf nein. Nein. Doch. Nein, nein, nein. Und tausendmal nein und eine Milliarde mal nein und du kannst nicht mehr doch sagen.
Johannes Franke: Immer einmal und endlich mehr als du.
Florian Bayer: Ich fand, ich fand, Hubert war tatsächlich der, der am ehesten auf mich wie jemand. Moralisches gewirkt hat und deswegen wird er auch glaube ich am ehesten von... Der Kapitän vertraut ihm am ehesten und deswegen landet er auch als erster bei Severin. Aber das ist halt auch... also ich fand es tatsächlich schwer die Jungs charakterlich auseinander zu halten.
Johannes Franke: Das ist das Ding, die sind so eine Gruppe. Das ist schwer da...
Florian Bayer: Sie versuchen es ja am Anfang zu etablieren und sagen als erstes kam Romual, der am wenigsten überzeugend ist. Dann kam Hubert und dann sagen sie zu jedem eine Eigenschaft, aber du... denkst du, okay, ja, und eigentlich sind sie aber so eine Gruppe von grausamen Jungs.
Johannes Franke: Genau. Und deswegen hab ich auch das Gefühl, dass sie am Ende keine moralische Wendung oder sowas machen. Es ist ja alles, die sind ja am Ende genauso, allein wie da in den Bauchraum reingreift und die Waffe rausholt, machtbesessen. So dieses, ich hab jetzt die Macht in der Hand und so. Das ist ja, da gibt's ja keinerlei... Wendung und keinerlei, ich hab jetzt irgendwas verstanden oder sowas.
Florian Bayer: Wir haben noch gar nicht drüber geredet, wie sie dann am Ende in ihren Frauenkörpern über diese Matrosen herfallen und mit denen Sex haben und irgendwie auch sowas zwischen sie vergewaltigen die und haben aber Sex, der auf Gegenseitigkeit beruht und dann haben wir Tongi, der währenddessen in den Dschungel flieht und wir hören die Schüsse und offensichtlich hat Severin einfach diese Gelegenheit genutzt der Matrosen, die sexuell abgelenkt waren um die... Abzucnölen. Und dann haben wir nur noch die Leichen am Strand liegen. Schräge Szene, aber auch irgendwie eine spannende Szene, weil diese Hypersexualität der Jungs jetzt im Frauenkörper ist und auch direkt mit einer sexuellen Begierde und die Sexualität des Frauenkörpers auskostend einhergeht. Fand ich ganz spannend.
Johannes Franke: Und dann kommt diese Stelle, wo sie ja fast die vierte Wand bricht, ne? Also, beziehungsweise er. Ja, Severance. Guckt in die Kamera und sagt, habe ich schon gesagt, dass du nie vulgär sein solltest?
Florian Bayer: Was für ein geiles Ende.
Johannes Franke: Und du denkst dir,
Florian Bayer: geistert davon. Der Film sagt ausgerechnet du mir gerade,
Johannes Franke: dass du nicht vulgär sein solltest.
Florian Bayer: Wir haben viel zu wenig drüber geredet, wie witzig dieser Film auch eigentlich ist. Ich weiß, es ist hart für dich und ich weiß, es ist ganz viel Gewalt und es ist so düster und Horror. Aber dieser Film ist auch eine groteske. Und dieser Film ist so überzeichnend und so komisch an so vielen Stellen. Egal ob die großen Penisse, egal ob... ob die Ejakulationspflanzen, von denen sie dann kosten, das ganze Verhalten von Severin und vor allem das Augenzwinkern Richtung Kamera. Wir haben noch ein paar andere Blicke Richtung Kamera im Film, die aber nicht ganz so krass Bruch der vierten Wand sind. Der Film ist auch witzig. Sorry, ich weiß, du leidest die ganze Zeit, aber ich finde den Film auch witzig und auch amüsant. Und ich kann verstehen, wenn Mandigo sagt, ich wollte einen Film machen, der Spaß macht. Ja, der Film macht auch Spaß.
Johannes Franke: Nee, null,
Florian Bayer: null.
Johannes Franke: Ich habe nicht ein einziges Mal gelacht. Ich habe ganz oft gesagt, um Gottes Willen, mach's aus.
Florian Bayer: Nee, gelacht habe ich auch nicht, aber es ist so ein absurdes, vielleicht manchmal so ein verlegenes und provoziertes Lachen. Aber das hat der Film.
Johannes Franke: Sorry. Nee, da kommt mein Witz.
Florian Bayer: Das ist ein sehr fahrzer und sehr bizarrer Humor. Ich weiß, wir kommen nicht zusammen.
Johannes Franke: Überhaupt nicht. Sorry. Wollen wir stattdessen lieber in einer Top 3 zusammenkommen, Flo? Ja,
Florian Bayer: lass uns mal in der Top 3 zusammenkommen.
Johannes Franke: Unsere... Top 3. Wir haben eine wunderschöne Top 3. Wir haben eine Top 3, die du ausgesucht hast. Wie heißt die?
Florian Bayer: Show me your aspect ratio.
Johannes Franke: Lass uns mal über Aspect Ratio reden, weil das wirklich etwas ist, was ich wahnsinnig spannend finde. Vielleicht kann ich es ganz kurz umreißen. Aspect Ratio bedeutet, wie ist das Verhältnis von der Länge des Bildes zur Breite des Bildes. Höhe, Breite, Tiefe. Du weißt es schon. Zwei Dimensionen, keine drei. Also, Fernseher früher, wenn ihr euch erinnert, 4 zu 3. Das heißt, wir hatten ein fast quadratisches Bild. Gute Beispiele aus der Filmgeschichte wären Citizen Kane oder Wizard of Oz, die ziemlich viel 4 zu 3 Bilder benutzt haben. Wizard of Oz geht in der Welt breit dann irgendwann, aber fängt 4 zu 3 an. Dann gibt es 1.37 zu 1, das ist die sogenannte Academy Ratio. Das ist so eine Version, die Casablanca und Singing in the Rain haben das benutzt, so 30er, 50er Jahre. Das alte Hollywood hat das viel benutzt. Dann kennt ihr garantiert 16 zu 9, das ist ganz normal. Das, was wir heute auf Bildschirmen sehen.
Florian Bayer: Der Standard.
Johannes Franke: Der Standard, den Netflix und Co. viel produzieren, weil sie genau wissen, dass ihr das auf euren Bildschirmen sehen werdet. Also nutzen sie euren Bildschirm 16 zu 9. Es gibt richtig Widescreen 1.1. 8,5 zu 1, das ist ja, das ist ein bisschen das Gängigste. Jurassic Park und Forrest Gump haben das benutzt.
Florian Bayer: Epische Kinofilme, die ein bisschen größer aussehen wollen, ein bisschen breiter für die Leinwand. Und richtig,
Johannes Franke: richtig breit wird's dann, wenn du Western hast. Also richtig, wenn die ganze Leinwand die Landschaft zeigen soll. Und dann hast du ein richtig breites Bild. Das lohnt sich dann nur noch im Kino, weil im Fernseher, wenn der Fernseher nicht richtig, richtig groß ist. hast du davon nicht viel. Ich glaube,
Florian Bayer: ich merke, wie du ein bisschen kämpfst, um nichts aus deiner Liste zufällig als Beispiel zu nehmen. Ja,
Johannes Franke: genau. Aber es gibt eben auch quadratische Filme, die wirklich eins zu eins sind. Und das finde ich auch spannend. Auch ein sehr spannendes Format. Ja. Und dann natürlich andersrum, 9 zu 16 Handys. Wenn ihr Hochkant-Videos auf dem Handy macht, dann ist es halt nicht 16 zu 9, sondern 9 zu 16 Hochkant.
Florian Bayer: Ja. Und das Geile ist, es ist alles so ein bisschen random, wie es entstanden ist. Es gibt keine Logik dahinter. Und manchmal versuchen Leute, 16 zu 9 zu rechtfertigen, indem sie sagen, ja, das kommt dem menschlichen, Blick am nächsten ist kompletter Bullshit. 16 zu 9 hat sich irgendwie entwickelt als Kompromiss aus dem 4 zu 3 und dem großen Widescreen-Ding.
Johannes Franke: 4 zu 3 hat sich vor allem aber auch beim Fernseher gut bewährt, weil die Technik, also diese Art und Weise, wie der Fernseher funktioniert, die Technik dahinter, die hat das irgendwie diktiert auch, dass das so sein muss. Also es gab von den ganzen alten Röhrenfernsehern, da gab es keine 16 zu 9 anderen Formate oder sowas. Das war immer 4 zu 3. Und man muss auch sagen, dass manche Filme, wenn du so Emotionen einfangen willst, dann bist du mit 4 zu 3 fast besser aufgehoben, weil du ein viel konzentrierteres Bild auf dem Gesicht hast. Wenn du dann aber die ganze Landschaft im Hintergrund wie beim Western siehst, dann bist du nicht so konzentriert aufs Bild, aufs Gesicht.
Florian Bayer: Man kann ja alles in der Unschärfe verschwinden lassen, was FilmemacherInnen heutzutage ja auch sehr gerne machen. Natürlich,
Johannes Franke: ja. Okay, und jetzt in den verschiedenen Aspect Ratios, was haben wir da für Filme und was sind deine Lieblingsfilme, die sich damit... auseinandersetzen.
Florian Bayer: Soll ich mal loslegen? Nee, du musst loslegen.
Johannes Franke: Ich muss loslegen. Ja, nein! Ja, dann fange ich an mit A Ghost Story.
Florian Bayer: Damn, das ist bei mir auch auf der 3.
Johannes Franke: Geil, wirklich? Cool.
Florian Bayer: Willst du was dazu erzählen? Nee, ich weiß genau, dass ich noch einen Film drin habe, den du auch drin haben wirst. Oh. Pass auf. Ghost Story habe ich Johannes gegeben. Und zwar in der Anfangszeit vom Muss-Man-Sehen-Podcast. Wirklich einer der ersten Filme, den ich dir gegeben habe. Mit einer Aspect Ratio von 1,33.
Johannes Franke: Zu 1.
Florian Bayer: Was fast, fast square ist.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, genau.
Florian Bayer: Und auch mit abgerundeten Ecken.
Johannes Franke: Ja. Total schön. Und ich mochte es total. Also hört euch die Episode an. Wir reden sehr viel über diesen Film, der auch alles andere als gewöhnlich ist. Der eine starke, deutliche Perspektive eines Hauses einnimmt und dann das Leben, beziehungsweise eines Geistes in einem Haus, der da gestorben ist. Sehr, sehr interessanter Film und wir reden da auch sehr viel drüber. Und eben auch über die Ästhetik und diese Aspect Ratio so ein bisschen.
Florian Bayer: Dann würde ich einfach einen anderen Platz reinbringen, weil ich befürchte auch... Flo recherchiert jetzt noch mehr. Nein, nein, ich hab's da stehen, ich muss nur einmal kurz gucken, dass ich das, weil ich dazu, also, The Hunger Games, gar nicht unbedingt einer meiner Lieblingsfilme. Okay. Und zwar Teil 2, glaube ich. Catching Fire. Der hat eine Sequenz, wo die Protagonistin in diese Spielarena gebracht wird. Ihr kennt bestimmt alle, jeder kennt die Tribute von Panem. Ja,
Johannes Franke: so ein bisschen.
Florian Bayer: Also die Teenager, die sich gegenseitig umbringen müssen. Sie wird da reingebracht, sie fährt da hoch und während sie hochfährt, wechselt die Aspect Ratio von 2,35 zu 1 zu, jetzt habe ich so viele Dokumente geöffnet.
Johannes Franke: Also White Screen.
Florian Bayer: IMAX Full Frame. Aha. Und es ist wirklich gut gemacht, weil es ist, also es ist davor sehr white und es wird dann ein bisschen mehr traditionell kinoformatig. Ja. Und während sie hochfährt, fährt das Bild hoch und runter. Also quasi ihre Aufzugsfahrt wird. von der Kartierung mitgenommen. Sieht ganz großartig aus. Googelt einfach Hunger Games Aspect Ratio Change oder wie auch immer. Dann findet ihr das. Großartig.
Johannes Franke: Okay. Dann auf meinem Platz 2 wäre hmmm The Hateful Eight.
Florian Bayer: I knew it.
Johannes Franke: Warum, Plur? Aber du hast es nicht auch drin, oder?
Florian Bayer: Nee, es ist aber, es ist quasi bei den Honorable Mentions. Ja.
Johannes Franke: Quentin Tarantino. Er hat diesen Film... als Western gedreht, auch wenn er im Schnee stattfindet. Im Grunde ist es ein Western, auch wenn er mehr oder weniger klostrophobisch in einem großen Raum stattfindet, in der Haberdashery. Aber es ist ein Western und das ist großartig. Und um die weite Landschaft eben da hineinzuholen ins Bild und irgendwie auch in diesem Raum drehen zu können, wo ja viel passiert, links und rechts, und du musst alles Mögliche mit an, also zumindest für Quentin Tarantino war es wichtig, dass er alles Mögliche an Hintergrund-Action mit abbildet. Wer, wo, wann steht, hat er das in Ultra Panel Vision gedreht. Und zwar 2.76 zu 1. Ihr wisst genau, wovon ich rede, wenn ich diese Zahlen sage.
Florian Bayer: Sehr breit und deswegen möchte ich auch kurz Ben Hur einwerfen. Ben Hur ist das selbe Format. Ah,
Johannes Franke: ja. Okay. Aber auch über The Head for Late haben wir geredet.
Florian Bayer: Haben wir geredet und es ist erstaunlich bei diesem Film, wie gut das funktioniert als Kammerspiel. Total. Du denkst, es ist eigentlich ein Bildformat für große Landschaften, weil du willst wirklich diese Breite einfangen. Und dann spielt das Ding die ganze Zeit in dem Saloon und es funktioniert, weil einfach an jeder Ecke was passiert. Wirklich gut. Ja gut, aber das ist deine Eins. Aber ich muss es jetzt trotzdem, du hast mir die drei schon weggenommen. Du sagst was dazu, ich sag's nur. The Lighthouse. Das ist meine 2.
Johannes Franke: Ich nehme was anderes auf meine 1, aber ich habe es mit in der Liste stehen, The Lighthouse. Sag du was über The Lighthouse.
Florian Bayer: Und auch The Lighthouse wieder, wir sind hier bei 1.19 zu 1. Auch wieder ein sehr quadratisches Format. Und auch hier wieder, das ist orientiert natürlich auch so an der Fotografie und der traditionellen Fotografie und an den alten Filmen. Und bei Filmen, die im 19. Jahrhundert spielen, funktioniert das sehr gut. Also ähnlich wie bei diesem Film, ähnlich wie bei The Wild. Es ist einfach, auch wie bei der Ghost Story, es erzeugt so ein Gefühl von
Johannes Franke: Alter, aber auch von Klaustrophobie.
Florian Bayer: Und von Enge, ja.
Johannes Franke: Wie die in ihrem Lighthouse da sitzen und immer irrer werden einfach mit der Zeit. Dieses enge Bild braucht das einfach. Weil wenn du da Raum erzählst und Weite, wo nehmen die ihren Gemütszustand her? Den nehmen die aus diesem Leuchtturm, aus dem sie nicht mehr rauskommen, weil sie einfach zusammengepfercht sind. Und dann auch noch irgendwelche Meerjungfrauen sehen.
Florian Bayer: Bei mir macht es vor allem das Gefühl auch von euch, ich sehe hier was, was 100 Jahre alt ist oder 150 Jahre. Ja. Und was irgendwie eine Geschichte aus der damaligen Zeit ist und was noch genau so erzählt wird. Was seit Jahrzehnten so weitergereicht wird und jetzt ist es bei uns angekommen.
Johannes Franke: Richtig alter Seemannsgarn.
Florian Bayer: Genau. Toller Film, The Lighthouse.
Johannes Franke: Ja, total. Ich habe auf Platz 1, sorry, damit musst du rechnen eigentlich. Eigentlich hättest du es wissen müssen, Wes Anderson.
Florian Bayer: Natürlich Wes Anderson.
Johannes Franke: The French Dispatch deswegen, weil er hier mit den verschiedenen Seitenverhältnissen spielt. Er geht von einem quadratischeren Bild in einen so eher IMAX-mäßigen, in ein wirklich breites Bild und wieder zurück. Er versucht halt in The French Dispatch verschiedene Geschichten zu erzählen und jede Geschichte braucht ihre eigene Aspect Ratio.
Florian Bayer: Und er macht das toll und ich mag das auch. Und ich mag es auch, wenn sich sowas sehr Technisches wie die Aspect Ratio in den Dienst... der Erzählung stellt.
Johannes Franke: Ja, voll.
Florian Bayer: Mein Platz 1, Scott Pilgrim vs. The World aus dem Jahr 2010 von Edgar Wright, der sehr viel Spaß damit hat, in Kampfsequenzen, Traumsequenzen, fantastischen Sequenzen, die unterschiedlichsten Aspect Ratios zu benutzen und ineinander fließen zu lassen, ohne dass es stresst. Schön.
Johannes Franke: Aber, also ich weiß nicht, wie du das siehst, hat das in letzter Zeit erst zugenommen? Ist das seit, sagen wir, 20 Jahren erst in die Ästhetik der Filme reingewachsen, weil gibt es vorher Filme, die... verschiedene Aspect Ratios in einem Film verwendet haben. Das ist selten.
Florian Bayer: Weniger, ich glaube, aber vielleicht liegt es daran, dass sich 16 zu 9 jetzt mehr, also 16 zu 9, wenn du sagst seit 20 Jahren, ja, das ist so die Zeit, in der sich 16 zu 9 endgültig durchgesetzt hat als Standard für zu Hause. Weil davor war es eine wilde Mischung, glaube ich, aus 4 zu 3, also 4 zu 3 Fernseher. Und wenn man es sich leisten konnte, hatte man dann vielleicht ein Breitbild. Und das erlaubt es vielleicht ein bisschen mehr.
Johannes Franke: Aber Wes Anderson macht keine Filme für den Fernseher. Nein, nein. Der macht das nicht, weil der Fernseher das zulässt.
Florian Bayer: Es ist natürlich auch leichter geworden mit digitaler Technik.
Johannes Franke: Ja, mit digitaler Technik. Das ist das ein bisschen, was mir so, ja, wo ich drüber nachdenke, weil du kannst dann einfach das Bild croppen. Du sagst dann einfach, okay, ich lege mir hier auf dem Monitor meine Linien, dann weiß ich, wo das Bild enden würde, wenn ich es so zuschneide. Und dann ist gut. Also die Drehtechnik ist einfach so weit, dass du das easy machen kannst. Aber das stimmt ja auch nicht ganz. Wenn du auf 16 zu 9 auf einer normalen Digitalkamera drehst heutzutage, dann hast du nicht das Feeling von Panavision von früher.
Florian Bayer: Nein, nein, nein, natürlich nicht.
Johannes Franke: Dann musst du das eigentlich in Panavision drehen, wie Quentin Tarantino. Und er hat das in diesem Teil gedreht, im Original mit dem Film Stockhorn damals. Und man sieht es dem Film an. Ich habe es in einem Film im Kino gesehen, wo man es abspielen konnte. Und es war der Hammer.
Florian Bayer: Es sah geil aus, das stimmt. Aber ich glaube, da spielt auch Nerdtune eine große Rolle. Ich glaube, man kann mit digitalen Möglichkeiten ganz viel analog, ganz viel von dem faken, was im analogen Film, was auch so als Unique Feature vom analogen Film betrifft. Ich glaube, es ist genau dasselbe wie mit CDs und Schallplatten. Weißt du, die spielen Leuten CDs und Schallplatten vor und du hast dann diese Snops, die sagen, es ist nur echt, wenn es von Vinyl kommt. Und die erkennen den Unterschied nicht. Und du erkennst auch den Unterschied nicht, ob was komprimiert ist als MP3 mit 320 oder 640 oder whatever. Ja,
Johannes Franke: der Unterschied bei MP3 ist früher stärker gewesen. Der ist inzwischen kaum mehr zu hören. Das stimmt schon.
Florian Bayer: Also ich glaube, da ist auch viel Snobismus dabei. Und ich finde digitale Filmtechnik schön. Er öffnet tolle Möglichkeiten.
Johannes Franke: Er öffnet viele Möglichkeiten, ja. Sagen wir es so.
Florian Bayer: Ich glaube, da ist auch viel Vergangenheitsromantisierung dabei, wenn gesagt wird, aber das geht nur auf 16 Millimeter, alles andere ist nicht das Echte.
Johannes Franke: Na gut. Okay, Aspect Ratio, vielen Dank für die Top 3.
Florian Bayer: Danke für deine Liste.
Johannes Franke: Geil. Dann gehen wir wieder zurück in den Film, wa?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das war unsere Top... 3.
Florian Bayer: Und zu Bert Romandigo, der ja auch so einer ist, der sagt, das kann ich nur in 16mm drehen. Alles andere ist nicht echt, das muss analog gemacht werden.
Johannes Franke: Ich bin total dankbar dafür, ich liebe das sehr. Also vielleicht bin ich auch der Snob oder sowas.
Florian Bayer: Geil. Also ich hab dir diesen Film gegeben. Wenn, dann bin ich der Arthouse-Snob. Ich finde, ich mag die Special Effects, die er in diesem Film hat. Diese wirklich alten Blenden, die auch ein bisschen cheesy sind, wenn das Gesicht des Kapitäns plötzlich hinter ihnen ist.
Johannes Franke: Alles gut, alles gut. Ich finde es total schön, weil er das auch so original dreht und auch so ein tolles Gefühl macht, wie er das macht. Ich hätte immer Angst, wenn ich sowas machen müsste, live in der Kamera, eine Doppelbelichtung. Ich hätte unglaublich Angst, dass ich das verhaue und dass das nicht stimmt und so. Ich würde es immer digital drehen, weil ich einfach zu ängstlich bin. Aber wenn er das hinkriegt und sagt, okay, ich weiß genau, was das rausbringt und was es am Ende ist und so muss es dann auch sein. Habe ich Respekt vor. Finde ich großartig.
Florian Bayer: Aber jetzt lebt ein Film natürlich nicht nur von seiner visuellen und von seinem technischen Können. Ja. Und damit kommen wir
Johannes Franke: Das Urteil. Zum Fazit?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Achso, der Jingle, das war ein Zeichen für das...
Florian Bayer: Ja, natürlich. Wenn ich sage, wir kommen zu... Und dann musst du einfach nur einspielen. Unser Urteil. Ja,
Johannes Franke: jetzt hast du es selber schon gesagt.
Florian Bayer: Ich gehe davon aus, dass du das davor gespielt hast.
Johannes Franke: Okay. Na gut,
Florian Bayer: also Johannes.
Johannes Franke: Okay, ich sag vielleicht erstmal mein Urteil und dann kannst du die Stimmung wieder hochziehen. Mein Problem ist, und ich bring's wirklich ganz schnell auf den Punkt, dass Sexualität in diesem Film für mich nur entweder ekelhaft, gewaltvoll, betrunken, rapey ist und dass es für mich keinerlei positiv Gegenentwurf gibt. Und das macht diesen Film für mich echt schwer ertragbar. Der Film hat so viel auf der Habenseite, was so Ästhetik und was auch vielleicht tatsächlich, darauf sind wir nicht eingegangen, auf die grundsätzliche Erzählweise und Dramaturgie dieses Films. Der ist dramaturgisch sehr gut geschrieben sonst. Es ist halt bloß dieser Unterton, der die ganze Zeit mitschwingt, wo ich die ganze Zeit ein ekelhaftes Gefühl im Mund habe und das will ich nicht. Und deswegen will ich vor diesem Film eigentlich die ganze Zeit flüchten, obwohl ich sehe, was er eigentlich haben könnte. Jetzt bist du drin. Ja,
Florian Bayer: I get it. Ich finde, es ist ein ganz fantastischer Film. Er ist brutal. Er ist definitiv nicht moralisch. Er ist wild. Er ist gewalttätig. Er ist brutal. Er ist düster. Aber er hat auch Momente der Schönheit. Er hat Momente der Romantik und seiner Art, wie er Sexualität darstellt. Habe ich an vielen Stellen so wahrgenommen wie du. Das Sexualität wirklich unangenehm und auch als Mittel der Macht und als... Gewalttätigkeit dargestellt wird, aber es gibt halt auch die Szenen dazwischen, wo Sexualität anders dargestellt wird. Insofern finde ich, es ist ein krass sexueller Film, der sehr viele Facetten von Sexualität beleuchtet und dabei natürlich auch sehr viele düstere, sehr viele dunkle, unangenehme. Es ist ein wilder, surrealer Film, ein wirklich absurder, bizarrer Film, der mal gruselig ist, mal unangenehm, mal witzig und mal erotisch und ich stehe einfach auf so opulenten Scheiß. Und natürlich ist das dabei auch ein bisschen prätentiös und natürlich ist es dabei auch ein bisschen selbstverliebt und Kunstkacke und so weiter. Ich stehe einfach auf diese Opulenz. Und daran habe ich Spaß.
Johannes Franke: Da können wir uns treffen, bei der Opulenz. Wenn du irgendwann mal noch einen surrealen Film findest, der diese Opulenz hat und vielleicht auch gerne technisch verliebt mit ich muss das aber alles in 16mm drehen oder was auch immer oder irgendwie ein geiles Bild hat. Versuch es gerne wieder. Aber diese sexuelle Gewalt, die da die ganze Zeit drin war, das ist halt leider für mich dann, da war ich dann zu sehr lost in diesem Düsteren.
Florian Bayer: Trotzdem danke, dass du ihn geguckt hast und danke für deine Einschätzung und dass du das mit uns geteilt hast.
Johannes Franke: Danke dir, dass du mir den Film gegeben hast und danke euch da draußen, dass ihr das mit uns durchgemacht habt. Ich bin mir sicher, ihr habt natürlich den Film alle gesehen, bevor ihr uns zugehört habt. Und ihr werdet auch den nächsten Film sehen,
Florian Bayer: der von Johannes kommt.
Johannes Franke: Genau. Was ist nächstes Mal? Achso, nein. Nein, ich sag's dir jetzt schon, wir machen einfach mal wieder einen Film aus unserem Publikum.
Florian Bayer: Okay, Publikumswunsch. Perfekt. Also wenn ihr wissen wollt, welchen Publikumswunsch von welchem Zuschauer oder welcher Zuschauerin wir hier erfüllen werden, bleibt noch kurz dran, das erfahrt ihr nach dem Jingle. Vielen Dank euch fürs Zuhören. Vielen Dank.
Johannes Franke: Bleibt gesund und munter und schaut euch nicht so viel Scheiß an. Wink,
Florian Bayer: wink. Wir hören uns nächste Woche. Bis dahin. Bis dahin.
Johannes Franke: Ciao. So, wir haben da noch was. Ja,
Florian Bayer: ein Publikumswunsch. Wir haben so viele Publikumswünsche. Und ich weiß, ihr vielleicht sitzen da draußen, weil die wirklich jetzt sehnsüchtig darauf warten, dass ihr Wunsch erfüllt wird.
Johannes Franke: Dennis, Dennis, wir werden uns kümmern.
Florian Bayer: Aber leider nicht. Aber was wir jetzt auf jeden Fall nehmen ist, und zwar der ist auch tatsächlich etwas jünger als manche andere, die wir noch nicht erfüllt haben, aber wir müssen auch so ein bisschen gucken, dass es zum Groove passt, unserer Episodenveröffentlichung, wenn das irgendwie Sinn macht.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Viel zu viel Vorrede. Hadi Nasrallah, Entschuldigung, wenn ich es falsch ausgesprochen habe, hat sich Karus Mäki Filme gewünscht und kommt mir damit voll entgegen, weil Karus Mäki finde ich voll geil.
Johannes Franke: Wir können aber nicht nur Publikumserwünsche erfüllen, die wir geil finden. Wir müssen da auch irgendwann mal...
Florian Bayer: Wir haben auch schon einiges erfüllt, was wir nicht so gut finden, oder?
Johannes Franke: Ja, oder wo wir nicht sofort gesagt hätten, okay, das machen wir.
Florian Bayer: Karus Mäki ist ein finnischer Regisseur, ein ganz großartiger finnischer Regisseur. Ja. Und das Tolle ist ja, dass Hadi einfach gesagt hat, irgendeinen. Das heißt, wir können auf das schießen, was wir mögen. Und wir nehmen den Mann ohne Vergangenheit.
Johannes Franke: Ich habe den Film noch nicht gesehen. Ich dachte,
Florian Bayer: das wäre auch so ein OG-WG-Film. Ich dachte, ich hätte dir den mal gezeigt.
Johannes Franke: Oh, vielleicht gucke ich mir den an und denke mir, ach, der ist das. Aber jetzt gerade, keine Ahnung.
Florian Bayer: Aus dem Jahr 2002. Aki Karus Meki, Tragikomödie, Finnland. Es geht im weitesten Sinne um Leben am sozialen Rand. in der Obdachlosigkeit.
Johannes Franke: In meinem Kopf sehr lange gehaltene Bilder, verschneit und irgendwann sagt mal jemand was und dann wieder lange nix.
Florian Bayer: Wenig Schnee, lange gehaltene Bilder, viel Rock'n'Roll meiner Meinung nach. Aber es ist lange her, dass ich den gesehen habe.
Johannes Franke: Ich bin sehr gespannt. Okay, ja gut, dann schaut euch alle den Mann ohne Vergangenheit an von Aki Karosmeky und viel Spaß, bis zum nächsten Mal.
Florian Bayer: Bis dann, ciao.
