Episode 294: There will be Blood – Kapitalismus, Religion, Gier
Im Mittelpunkt von There will be Blood steht der unabhängige Unternehmer Daniel Plainview, der im frühen 20. Jahrhundert in den USA umherreist, um nach Öl zu bohren. Von einem gewissen Paul Sunday erhält er den Tipp, dass es in Kalifornien in einem kleinen Städtchen namens Little Boston noch ein riesiges, nicht erschlossenes Erdölgebiet gibt. Zusammen mit seinem Sohn H.W. gelingt es Daniel relativ schnell, den dort ansässigen Farmern ihre Grundstücke abzukaufen und Bohrtürme zu errichten. Sein ambitionierter Plan: Eine Pipeline, die direkt von den Türmen zum pazifischen Ozean führt, um unabhängig von Rockefellers Standard Oil und deren horrenden Transportpreisen zu sein.
Aber er stößt auch auf Widerstände: Pauls Zwillingsbruder, der evangelikale Pastor Eli Sunday, will ein Stück des Kuchens abhaben, sowohl monetär als auch spirituell. Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Zweikampf um Land, Seelen und die Deutungshoheit über Sinn und Zweck des amerikanischen Traums. Als schließlich HW bei einem Unfall seine Hörfähigkeit verliert und Daniels unbekannter Halbbruder Henry auftaucht, spitzt sich die Lage zu, und der prophetische Filmtitel findet seine Erfüllung: Es wird Blut fließen.
There will be Blood, Baby! Paul Thomas Anderson, der große Visionär und Sezierer des amerikanischen Traums, 2007 mit seinem wohl mainstreamtauglichsten Film: Ein opulenter Abgesang auf den Kapitalismus und die Religion im Amerika des 20. und vielleicht auch 21. Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu Andersons vorherigen großen Filmen kein Ensemblestück, sondern ein Blick in die düstere Seele eines einzelnen leidenschaftlichen Menschens.
Johannes, was denkst du? Wie viel Daniel Plainview steckt in dir? Steckt in jedem von uns?
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 294: There will be Blood – Kapitalismus, Religion, Gier Publishing Date: 2026-08-19T07:39:37+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2026/08/19/episode-294-there-will-be-blood-kapitalismus-religion-gier/
Johannes Franke: Ich werde bei Danny DeLuis in jeder Minute daran erinnert, dass er spielt.
Florian Bayer: Ich bin Schauspieler. Und da hat diese Stimme sich angeeignet. Die Stimme ist so geil. Alter, sag nichts gegen diese Stimme. Ich... Drainage, pure drainage. Get out of here, ghost. Get out of here, ghost.
Johannes Franke: Du weißt, dass das übersteuert ist, oder?
Florian Bayer: I will fight you and I have, if I have no teeth, I will... I will gum you as long as ... Du hast angefangen.
Johannes Franke: I will gum you. Das ist wirklich so die seltsamste. Das ist so voll schräg. Oh Mann, aber ist geil. Das ist das Konzept, was wir hier fahren und ich verfluche es immer wieder.
Florian Bayer: There Will Be Blood aus dem Jahre 2007, der fünfte Langfilm von Paul Thomas.
Johannes Franke: Ist das so, dass man das zählt bei ihm auch? Bei Tarantino zählt man, ne? Der sagt ja immer, oh, der zehnte Film von... Nein, es ist nicht... Wie viel wollte er machen? Er wollte doch nur zehn, oder?
Florian Bayer: Ich glaube, er wollte zehn machen.
Johannes Franke: Aber bei Paul Thomas Anderson ist das auch so, dass man sagt, das ist der fünfte, das ist der sechste.
Florian Bayer: Tarantino macht so einen großen Fass drumherum. Es ist immer, wenn der neue Tarantino angekündigt wird, im Trailer steht schon, es ist der achte Film von ihm. Ich glaub ... KritikerInnen machen es teilweise. Ich mache es auf jeden Fall. Ich finde es auch ganz spannend, um das zu sehen... Wo steht die Person gerade in ihrem Oeuvre? Und bei Paul Thomas Anderson ist aus dem Jahre 2026, in dem wir uns befinden, betrachtet das Ding irgendwie halbzeitlich.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Das ist der fünfte von, sind es schon zehn? Es sind, glaube ich, sogar mehr als zehn... Das sind genau zehn. Das ist der fünfte von zehn Filmen. Und das ist ganz spannend, einmal kurz im Kopf zu haben. Paul Thomas Anderson, den ich unglaublich schätze als Regisseur,
Johannes Franke: Dein Lieblingsfilm aller Zeiten, das scheint ja von Paul Thomas Anderson zu sein.
Florian Bayer: Mein Lieblingsfilm aller Zeiten, den ich... vor vielen, vielen Jahren hier im Podcast präsentiert habe. Magnolia, der ist von Paul Thomas Anderson. Aber ich mag auch noch sehr viele andere Filme von ihm. Und ich glaube, diese Zeit so zwischen Boogie Nights, der 97 war, und der WB Platt, der 2007 war ... ist meiner Meinung nach so ein bisschen Peak Anderson. Also da hat er einfach seine besten Filme gemacht. Nicht, dass seine Filme danach... schlecht wären, aber so gut wie in der Zeit sollte er meiner Meinung nach nie wieder werden. Und Der Will Be Platt ist nicht nur sein erfolgreichster Film, sondern meiner Meinung nach auch so sein, wie soll ich sagen, publikumswirksamster Film. Sein Film, der am ehesten ins Popcornkino ranreicht.
Johannes Franke: Ist das was Gutes oder ist das ein Qualitätsmerkmal?
Florian Bayer: Werden wir herausfinden.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ich würde einfach mal kurz erzählen, worum es in dem Film geht und dann steigen wir ein in die Debatte.
Johannes Franke: Und los.
Florian Bayer: Im Mittelpunkt von There Will Be Blood steht der unabhängige Unternehmer Daniel Blainview, der im frühen 20. Jahrhundert in den USA umherreist, um nach Öl zu bohren. Von einem gewissen Paul Sunday erhält er den Tipp, dass es in Kalifornien in einem kleinen Städtchen namens Little Boston noch ein riesiges, nicht erschlossenes Erdölgebiet gibt. Zusammen mit seinem Sohn H.W. gelingt es Daniel relativ schnell, den dort ansässigen Fahrmann ihre Grundstücke abzukaufen und Bohrtürme zu errichten. Sein ambitionierter Plan? Eine Pipeline, die direkt von den Türmen zum Pazifischen Ozean führt, um unabhängig von Rockefellers Standard Oil und deren horrenden Transportpreisen zu sein. Aber er stößt auch auf Widerstände. Pauls Zwillingsbruder, der evangelikale Pastor Eli Sunday, will ein Stück des Kuchens abhaben. sowohl monetär als auch spirituell. Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Zweikampf um Land, Seelen und die Deutungshoheit über Sinn und Zweck des amerikanischen Traums. Als schließlich H.W. bei einem Unfall seine Hörfähigkeit verliert und Daniels unbekannter Halbbruder Henry auftaucht, spitzt sich die Lage zu, Und der prophetische Filmtitel findet seine Erfüllung. Es wird Blut fließen. There will be blood, baby. Paul Thomas Anderson, der große Visionär und Sezierer des amerikanischen Traums. 2007 mit seinem wohl Mainstream-tauglichsten Film. Ein opulenter Abgesang auf den Kapitalismus und die Religion im Amerika des 20., und vielleicht auch 21. Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu Andersons vorherigen großen Filmen kein Ensemblestück, sondern ein Blick in die düstere Seele eines einzelnen leidenschaftlichen Menschens. Johannes, was denkst du? Wie viel Daniel Plainview steckt in jedem von uns? Beziehungsweise wie viel Daniel Plainview steckt in dir? Ja.
Johannes Franke: Äh, puh, das ist eine fiese Frage. Ich glaube, also, da muss ich ja gleich mit der Sprache rausrücken. In mir steckt so wenig Daniel Plainview, dass ich null Interesse an ihm habe.
Florian Bayer: Krass, ja.
Johannes Franke: Ich will ihm nicht zusehen.
Florian Bayer: Du willst ihm nicht zusehen?
Johannes Franke: Ich will diesen Film nicht sehen. Es tut mir wahnsinnig leid, aber ich wollte diesen Film nicht sehen.
Florian Bayer: Weil dir der Protagonist so unsympathisch ist oder weil du so wenig mit ihm verbindest und so wenig Empathie mit ihm verbindest?
Johannes Franke: Also all of the above. Es gibt keine Sympathie, die ich mit ihm habe. Es gibt kein Interesse an seinem Weltbild. Es gibt kein Interesse daran, dass er vorankommt oder sowas. Und Spoiler, die zweite Figur, die auftaucht, die interessant sein könnte, hat genau das gleiche Problem.
Florian Bayer: Ich finde es voll spannend. Sein Weltbild ist natürlich total gezeichnet von sowas, was wir amerikanischer Traum nennen oder was wir das große kapitalistische Heilversprechen nennen. Oder wie auch immer. Und wenn du schon nicht persönlich mit ihm anwandeln kannst, was dir auch irgendwie nachvollziehbar ist, weil wir hier einen krassen Öl-Mogul nicht, aber einen Kapitalisten vor uns haben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Hat es funktioniert auf dieser allegorischen Ebene, dass er irgendwie so ein Sinnbild ist für eine bestimmte Art Gesellschaft zu betrachten, für eine bestimmte Art sein Leben leben zu wollen?
Johannes Franke: Ja, also das sind ja zwei Ebenen. Das eine ist, während ich den Film gucke, habe ich natürlich das Bedürfnis, an den Figuren anzudocken. Wenn ich dann über den Film nachdenke, was im Idealfall danach passiert, weil währenddessen zu sehr über den Film nachzudenken, dann hat der Film auch was falsch gemacht, weil ich dann ja nicht mehr im Film bin. In der Nachbetrachtung ist es natürlich total interessant, über diese Allegurien nachzudenken, über das nachzudenken, was da... Und warum das verhandelt wird und was Paul Thomas Anderson für einen Blick auf diese Welt hat und auf diesen Gründungsmythos und diesen Kapitalismus. Aber während des Films, sorry.
Florian Bayer: Du bist einfach verloren.
Johannes Franke: Ich will nicht. Ich will ihn die ganze Zeit ausmachen.
Florian Bayer: Verstehe ich. Ich versuche mal ein Hot Take, weil Daniel Plainview gilt ja als eine der großen diabolischen Gestalten des jüngeren Kinos, als eine der großen, wirklich dunklen Figuren. Ich glaube, dieser Daniel Plainview, den wir hier sehen, der hat ein paar Redeeming Qualities. Und ich hoffe, dass wir die ein bisschen finden. Was natürlich nichts daran ändert, dass wenn man insgesamt auf ihn drauf guckt, wir haben hier einen Mörder vor uns. Wir haben hier einen wirklich gierigen... rachsüchtigen, rücksichtslosen, teilweise einfach nur bösartigen Menschen, der einfach auch nur aus Macht und nur um Macht zu demonstrieren, bösartige Dinge tut.
Johannes Franke: Aus Menschenhass?
Florian Bayer: Ein absoluter Menschenhasser.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Wir haben hier sehr viel, was man draufpacken kann auf den Stapel, um zu sagen, das ist kein Mensch, mit dem man einen trinken gehen möchte. Das ist kein Mensch, mit dem man seine Zeit verbringen möchte. Und doch finde ich, es gibt so ein paar Dinge und das ist, was ich so genial an Paul Thomas Anderson finde, wo er tiefer guckt. Wo er hinter die Fassade blickt und wo er tatsächlich Momente in dieser Figur findet, die ihn nicht nur einfach menschlich machen, weil das, was er hat, diese Gier ist ja auch schon menschlich leider. sondern auch nachvollziehbar und vielleicht sogar dazu führen, dass man sieht, so ein bisschen was von dem, was dieser Mensch hat, hat jeder von uns. Ich glaube, du auch.
Johannes Franke: Aber die Nachvollziehbarkeit ist, kannst du mir vielleicht über fünf Ecken verkaufen, aber mindestens fünf oder sechs Ecken. Weil also nachvollziehbar... Der Film erzählt einem nicht, warum er macht, was er macht.
Florian Bayer: Nein, er erzählt es nicht direkt, aber ich finde, es gibt ganz viele subtile kleine Hinweise darauf, die seine... Die seine Emotionen offenbaren, die offenbaren, nicht nur wovon er idealistisch angetrieben ist, das erfahren wir immer mal wieder auch in Gesprächen. sondern die auch seine Verletzlichkeit zeigen und die auch zeigen, dass es Dinge gibt, die ihm wichtig sind, die ihm am Herzen liegen.
Johannes Franke: Ich bin sehr gespannt darauf. Ja, also wir reden ja über die Figur dann sicherlich ausführlicher, wenn wir so ein bisschen vielleicht auch ein paar andere Eckpfeiler gesetzt haben, damit wir wissen... was die Geschichte genau soll und so und wo wir da landen und in welchen Verbindungen zu anderen Figuren er sich verhält, um dann herauszufinden, warum er das macht.
Florian Bayer: Na wir kommen natürlich nicht drum herum über die beiden großen Figuren in dem Film zu sprechen und das sind einmal Daniel der von Daniel Day-Lewis gespielt wird und Eli Sunday, der von Paul Dano gespielt wird, die irgendwie so das Zentrum des Films ausmachen. Und wie du schon sagst, zwei äußerst schwierige Persönlichkeiten sind. Ja, allerdings. Aber wollen wir vielleicht erst mal uns anschauen, wie dieser Film überhaupt entstanden ist. Wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass dieser Film das Licht der Welt erblickt hat.
Johannes Franke: Es gab ja ein Buch. Ja. Fast Food Nation von Eric Schlosser. Und Eric Schlosser wurde immer wieder angesprochen. Ach. Das hat ja Parallelen zu The Jungle. Und er so, hä, was? The Jungle? Und zwar aus dem Jahre 1906. Und dann hat er gesagt, ah, da muss ich doch mal ein bisschen was lesen von diesem Typen noch. Also er hat schon ein bisschen was von ihm gekannt, glaube ich, aber er hat dann auch noch... Eul gelesen und fand das Buch total spannend.
Florian Bayer: Der Typ, von dem wir sprechen, ist Abton Sinclair. von dem ich selbst nichts gelesen habe, aber so einer der großen amerikanischen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, Genau, 1906 The Jungle und Eul ist aus dem Jahre 1926, 1927, als dieses ganze Erdüberfall Ölgewinnungsding in, vor allem in Kalifornien, aber grundsätzlich in Amerika noch ein großes Ding war und auch noch ein großes Thema war.
Johannes Franke: Es ist ja immer noch ein bisschen ein großes Thema.
Florian Bayer: Es ist immer noch ein großes Thema. Vielleicht nicht mehr ganz so krass, aber zur Bedeutung von RTL werden wir bestimmt auch noch gleich kommen. Eric Schlosser hat Eul gelesen und hat gedacht, das Ding sollte verfilmt werden und ich brauche einen Regisseur dafür.
Johannes Franke: Beziehungsweise er hat einfach mal die Rechte gekauft und ins Blaue hineingesagt, komm, irgendwie machen wir das schon. Unabhängig davon hat dann Paul Thomas Anderson auch dieses Buch in einer Buchhandlung entdeckt, zufällig. Und hat das dann irgendwie gelesen und hat gesagt, oh, das ist gut, da kann man was draus machen. Also zumindest aus den ersten 150 Seiten.
Florian Bayer: Tatsächlich hat Paul Thomas Anderson damals an einem anderen Skript gearbeitet über so einen Kampf zwischen zwei Familien und der war so sehr beeinflusst von diesen großen amerikanischen Erzählungen, vor allem so giant. diesen großen Filmen Mitte des 20. Jahrhunderts, die irgendwie versucht haben, so amerikanische Geschichte zu verdichten in so einem kleinen Krieg. Und das hat er natürlich auch in Oil gefunden, weil im Mittelpunkt steht eine Person, Achtung, Spoiler, es ist nicht der Typ, der im Film im Mittelpunkt steht, sondern sein Sohn. Aber es wird halt auch amerikanisch Geschichte erzählt, verdichtet auf das Leben von einer Person. Und Paul Thomas Anderson hat die ersten 150 Seiten zu einem Drehbuch gemacht und hat dann Eric Schlosser kontaktiert und zu ihm gesagt, ich hab da Was? Lass uns zusammenarbeiten.
Johannes Franke: Und Schlosser war tatsächlich sehr überrascht und hat gesagt, what? Dieser Typ, der fragt mich jetzt noch irgendwo. Gott sei Dank habe ich mir die Filmrechte gesichert und hat natürlich dankend sofort angenommen und hat gesagt, ja klar, also wenn du dich dafür interessierst, ja hier machen wir was draus. Das ist super.
Florian Bayer: Und Eric Schloss hat dann vor allem produktionstechnisch an dem Film mitgearbeitet. und hat sich aber aus dem inhaltlichen relativ rausgehalten, was auch einfach daran liegt, dass Paul Thomas Anderson so ein ... Er ist ein Auteur. Paul Thomas Anderson ist jemand, der sehr perfektionistisch in seinen Filmen versucht, über alles Kontrolle zu haben.
Johannes Franke: Und man muss sagen, der Film heißt ja nicht Oil, sondern der Film heißt ja There Will Be Blood.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und der heißt natürlich deswegen nicht mehr Eule, weil Paul Thomas Anderson irgendwann festgestellt hat, ich bin sehr weit weg von dem Original. Ja. Ich bin irgendwo gelandet, wo vielleicht so ein paar Sachen noch daran erinnern, was im Buch steht, aber eigentlich hat sich der Fokus völlig verschoben. Weil auch man sagen muss, dass Sinclair, der das Buch eigentlich geschrieben hat, dass der überzeugter Sozialist war.
Florian Bayer: Mhm.
Johannes Franke: Und dass der eigentlich eine Parabel auf dieses Gesellschaftssystem schreiben wollte und auf das Wirtschaftssystem. Und eben die Hauptfigur Bunny... was der Sohn von unserem Ölmagnaten ist, zu so einem Sozialisten wird und eben gegen den Vater. arbeitet und die ganzen, die Arbeiterbewegungen nach vorne bringt und so, dieses ganze Zeug.
Florian Bayer: Also die Kapitalismuskritik bei Abden Sinclair ist deutlich mehr im Vordergrund. Ja, ja, ja. Das Buch erzählt die ganze Zeit aus der Geschichte von Bunny und wir erfahren halt auch, wie Bunny sich von seinem Vater löst. und dann studiert und dann mit Sozialisten in Kontakt kommt und mehr und mehr sich dazu hingezogen fühlt. Wir lernen was über die Arbeiterkämpfe der damaligen Zeit, wir lernen was über die sozialistischen Bewegungen in den USA, auch was die für Schwierigkeiten haben, auf welche Höhen die getroffen sind. So der klassische Klassenkampf, der damals im frühen Kapitalismus stattgefunden hat.
Johannes Franke: Man muss auch sagen, das ist ein kleines bisschen Lehrstück. Also, dass er auch wirklich so eine Erzählerstimme hat, die immer wieder reinkommt und sagt, übrigens... Das ist die symbolische und die ökonomische Bedeutung dessen, was ich gerade beschrieben habe. Ich sortiere das nochmal für euch ein, damit ihr versteht, was gemeint ist. Also so richtig lehrerhaft fast.
Florian Bayer: Abton Sinclair ist in seiner Gesellschaftskritik viel mehr auf die Fresse.
Johannes Franke: Ja, ja, genau.
Florian Bayer: Ich finde, bei Paul Thomas Anderson ist noch ganz viel davon da. Aber ganz anders, ja, viel versteckter. Und irgendwie auch ein bisschen mehr verwoben. Ich finde das... Es ist ein guter Kniff, den Paul Thomas Anderson macht, dass er dieses religiöse, was offensichtlich in der Vorlage eher so eine Seitendeutung, Linie ist. Der eine ist ein Prediger im Radio und es wird offensichtlich sehr satirisch überspitzt dargestellt. Dass er das Satirische da rausnimmt, Und den zum Zentrum der Geschichte macht, weil diese Verwebung von Kapitalismus und Religion. Ja. Natürlich ganz wesentlich auch ist für die Geschichte der USA volle Kanne.
Johannes Franke: Da müssen wir auf jeden Fall genauer drauf eingehen. Möchtest du Tee, Plot?
Florian Bayer: Oh ja, sehr gerne, bitte. Und der Titel Der Will Be Platt macht das natürlich deutlich, weil wir haben hier einfach mal fett einen religiösen Titel. Wir haben ein Bibelzitat als Titel.
Johannes Franke: Ach, das ist ein Bibelzitat? Das wusste ich nicht.
Florian Bayer: Mose. Exodus.
Johannes Franke: Ach du, ich bin nicht bibelfest.
Florian Bayer: Das gehört eigentlich zu den berühmteren Zitaten aus im Exodus und zwar geht es darum, dass die Ägypter lassen die Israeliten nicht ziehen. Die klassische Geschichte, Moses sagt, let my people go und der Pharao sagt, nö. Und dann sagt Gott, wir können das Ganze auf die leichte oder auf die harte Tour machen. Und dann kommt es zu den berühmten ägyptischen Plagen. Und eine von diesen Plagen ist, dass das Wasser Ägyptens in Blut verwandelt wird. There will be blood throughout the land of Egypt. There will be blood everywhere in Egypt. Und das ist quasi die Ankündigung dieser Plagen. Und Aaron, der Sohn Moses, streckt seinen Stab über den ägyptischen Gewässern, also über dem Nil aus und spricht diesen Spruch. Und genau, das Wasser verwandelt sich in Blut. Das ist eine der göttlichen Strafen für die Ägypter. weil sie die Israeliten nicht ziehen lassen. Und das Bild des Wassers, das verdorben ist mit Blut, das nicht mehr trinkbar ist, das ist natürlich... Dann hast du schon diese Ölmetapher, weil das Erdöl, das ins Wasser sickert.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Genau, das ist vielleicht noch ganz interessant, also das Wasser ist nicht mehr trinkbar und die Fische sterben. Auch die zweite Nahrungsquelle neben dem Wasser. Du hast dann die ganzen toten Fische, die in diesem Blutwasser, in dieser Blutlache nach oben treiben.
Johannes Franke: Okay. Typisch Bibel.
Florian Bayer: Muss ich gleich übertreiben. Es wird Blut fließen und Blut fließt sehr viel in der Bibel.
Johannes Franke: Ja, okay. Das heißt, wir haben eine dritte Bedeutungsebene in diesem Film, über die ich nicht so richtig nachgedacht habe. Das wirst du nachher dann vielleicht nochmal machen.
Florian Bayer: Wobei damit das Größte schon dazu gesagt ist und wenn es dann um die Verwebung von Religion und Gesellschaft geht, sind wir ja auch. raus aus dem mythologischen und einfach bei den handfesten Auswirkungen, die Prediger auf die Menschen haben, mit denen sie arbeiten.
Johannes Franke: Aber wenn Paul Thomas Anderson dieser Sozialismus nicht interessiert oder die offensichtliche Kapitalismuskritik nicht so interessiert, was interessiert ihn denn dann?
Florian Bayer: Ihn interessiert die offensichtliche Kapitalismuskritik. Das ist ein zutiefst kapitalismuskritischer Film.
Johannes Franke: Ja, aber nicht auf die Art und Weise von Sinclair.
Florian Bayer: Der große Unterschied ist... dass Paul Thomas Anderson in diesem Film kein positives Gegenbild dem Ganzen entgegenstellt. Gleich zum Buch ist der Film viel pessimistischer. Es gibt keine Erlösung und zwar gibt es weder Erlösung für die Arbeiterklasse, noch für die Großunternehmer. Am Ende sind alle einsam und am Ende sind alle verloren. Ja. Und ich glaube, das ist der wesentliche Unterschied. Das ist natürlich ein düstereres, pessimistischeres Bild. Wenn wir uns die Geschichte anschauen der USA im 20. Jahrhundert und auch im 21. Jahrhundert. ist es natürlich das viel realistischere Bild. Und man könnte auch sagen, dass Abton Sinclair ein Utopist war. Ja. Und Paul Thomas Anderson stellt dem Ganzen auch einen harten Realismus entgegen. Wozu eben auch gehört, dass er diese Vermenschlichung macht mit seinen Protagonisten.
Johannes Franke: dass er einen Realismus da reinbringt. Ich finde, dass er einen absoluten Pessimismus reinbringt und zwar einen hoffnungslosen. Du hast am Ende... Wir haben das immer mal wieder gehabt, dass wir gefragt haben, hat der Film ein hoffnungsvolles Ende? oder überhaupt ein hoffnungsvolles Moment. Für mich hat dieser Film eigentlich keinen hoffnungsvolles Moment.
Florian Bayer: Ich glaube, man könnte was aufmachen, dass die Figur des HW ein hoffnungsvolles Ende könnte.
Johannes Franke: suchst also. Nein, nein, ich suche nicht danach.
Florian Bayer: Dieser Film ist total pessimistisch. Dieser Film ist total düster. Ja. Und das hat der Film gemein mit einem anderen Film über das Amerika... über den amerikanischen Traum, der in der Zeit rauskam, No Country for Old Men, mit dem auch immer verglichen wurde. Weil die auch gleichzeitig gedreht haben.
Johannes Franke: Am gleichen Ort.
Florian Bayer: Am gleichen Ort und zumindest es gibt eine Legende, dass die Dreharbeiten von No Country for Old Men... sabotiert wurden, unfreiwillig von den Dreharbeiten von WB Platt, weil ein bisschen zu viel Rauch entstanden ist. Ja. Ist halt Hellchen needed, aber ist ganz witzig. Und die haben sich auch gebettelt bei der Oscar-Verleihung. Und ich weiß auch noch, damals haben alle drüber geredet, welcher ist der bessere Film von den beiden.
Johannes Franke: Und es gibt Positionen in beide Richtungen?
Florian Bayer: Es gibt Positionen in beide Richtungen. Ich hatte damals übrigens die Position, dass No Country for Old Men der bessere Film ist, der dann auch bei den Oscars zumindest, bei den großen, bei den Academy Awards, hat er gewonnen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber der macht es genauso, ne? Der ist genauso pessimistisch, der ist genauso düster und der ist genauso hoffnungslos und trostlos. Mhm. Und es war auch so ein bisschen die Zeit, was ganz spannend ist, Moment, lass mich einmal ganz kurz was raussuchen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Es war die Zeit vor Obama. Und es war die zweite Amtszeit von George W. Bush. Und der Krieg gegen den Terror war vorbei, quasi. Also der lief natürlich ständig weiter im Hintergrund, aber es war nicht mehr so akut wie in den Jahren davor, wie Anfang der 2000er nach 9-11. Sechs Jahre ist es her, dass die Twin Towers zerstört wurden. Und es gab wirklich beängstigende Bewegungen in den USA, vor allem was diese ganze Tea Party Bewegung betrifft, was dieses... diese Rückkehr des Religiösen in die Gesellschaft. Wir haben eine Zeit, in der die Kreationisten wieder extrem Aufwind hatten, gekämpft haben dagegen, dass Evolution in der Schule gelehrt wurde.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wir hatten eine Zeit, in der plötzlich die USA als religiöser Staat wieder ganz präsent war. Und dann haben halt natürlich Leute drauf geguckt und gesagt, wo stehen wir gerade in der Geschichte und was? Was ist das für eine USA, in der wir uns befinden und ist das die USA, in der wir sein wollen und wo läuft das hin?
Johannes Franke: Das ist ein sehr guter Punkt, auch für die Motivation von Paul Thomas Anderson, das zu machen. Ich möchte den Vergleich natürlich zu heute ziehen, wo wir auch wieder in der Situation sind, wo wir uns fragen, wo stehen wir da? Oder vielleicht haben wir die Antwort längst und wir brauchen uns schon gar nicht mehr zu fragen, wo. die USA stehen. Aber das schlägt sich natürlich immer in der Kunst nieder und in diesem Fall in diesem Film. Insofern ist es in der Betrachtung danach Finde ich auch total spannend und total wertvoll, sich darüber Gedanken zu machen.
Florian Bayer: Paul Thomas Ernassen? Als er das geschrieben hat, diesen pessimistischen Blick auf Amerika mit einer sehr zentralen Figur, hatte von Anfang an Daniel Day-Lewis im Kopf.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und er hat es so geschrieben, dass wirklich Daniel Day-Lewis fast die ganze Zeit präsent ist. Es gibt quasi... Kaum Szenen ohne ihn. Es gibt drei Szenen, in denen er nicht auftaucht und die sind relativ klein und vor allem hat eine davon Ila im Zentrum. der ja irgendwie auch so ein Spiegelbild von Plainview ist. Und eine, wo wir halt so ein bisschen diesen Gegenentwurf haben, nämlich HW. der am Schluss irgendwie so Momente für sich kriegt tatsächlich, wir haben die Hochzeit.
Johannes Franke: Das ist ja gar nichts, also das ist ja ein Postskriptum, das gehört ja fast nicht zum Film.
Florian Bayer: Genau, also Daniel Day-Lewis steht ganz klar im Zentrum und dieser Film ist ganz klar fokussiert auf diesen Daniel-Plainview von Anfang bis Ende.
Johannes Franke: Und ich möchte fast sagen, dass er mit diesem Drehbuch Daniel Day-Louis in den Arsch gekrochen ist, damit Daniel Day-Louis das überhaupt spielen will. Vielleicht. Und er hatte wirklich Angst, auf ihn zuzugehen. Und dann... Hat aber Daniel D. Lewis später gesagt, ja, ich bin aber auch total großer Fan von deinem Film. Punchdown Club war großartig. Und dann haben die sich sozusagen irgendwie als zwei Größen sich... Fast nicht getraut, miteinander zu arbeiten, weil sie gedacht haben, ja, der große Tolle und hier der große Tolle.
Florian Bayer: Die Ehrfurcht, die beide voreinander hatten, war enorm groß und es ist voll witzig, weil es ist natürlich ein Drehbuch, das danach schreibt, ey, ich schreib dir hier einen Film, vor allem in den 2000ern, wo du einen Oscar gewinnst, weil das ganze Ding schreit, das ist eine Oscar-Darstellung. Ja, absolut. Papier schon auf den Drehbuchseiten.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und es ist einfach was, also jeder Schauspieler träumt natürlich davon, sowas mal spielen. spielen zu können, wo er so im Fokus steht und vor allem, wo er so die Sau rauslassen kann.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja, ja. Anderson hat, um das alles zu schreiben, sich auf Forschungsreise begeben, wie man das so sagt. Er ist durch Museen gereist und geguckt, wie war das damals, wie sind die Gerätschaften, was... Wofür ist das nötig? Was muss man da alles machen, um das Öl aus dem Boden zu holen? Wie schlimm ist das wirklich? Und hat da wirklich sich tief reinbegeben und hat dann eben so seine Drehbuchversion davon geschrieben. die sich dann eben immer weiter entfernte vom Originalbuch.
Florian Bayer: Am Schluss war nicht mehr viel davon übrig. Es ist die Geschichte von Daniel Plainview geworden. Nicht von seinem Sohn. Das ist ja auch das, womit wir einsteigen in den Film. Die ersten 15 Minuten.
Johannes Franke: Als Stummfilm?
Florian Bayer: Als Stummfilm. Und dieser Film hat auch über diese ersten 15 Minuten hinaus ganz viele Momente, die so eine Stummfilmästhetik mit sich bringen. wo man das Gefühl hat, es wären gar nicht so viele Worte notwendig, die Bilder reichen und die Art, wie es erzählt wird. Es gibt so einige Montagen auch dazwischen. Wo du das Gefühl hast, ja, da werden Dinge erzählt, ohne dass Text notwendig ist. Ja, total. Und auch diesen Nahen und natürlich auch das, ja. Art zu spielen, die hier gemacht wird. Diese sehr große Art und diese sehr exaltierte Art, mit der beide Hauptdarsteller arbeiten. hat sehr viel vom Stummfilm, von der Stummfilm-Ästhetik.
Johannes Franke: Ich finde, man merkt dem Film an Und den Schauspielern in dem Fall, weil die ja im Mittelpunkt stehen, dass der Film sich fast weigert, Worte zu verlieren. Denn selbst die Worte, die er sagt und die Dialoge, die er hat, sind so schleppend. Da ist so viel Raum dazwischen. Zwischen den einzelnen Worten. Zwischen den Antworten, zwischen den Leuten ist so viel Raum. Die ganze Landschaft, die da ist, hat man so das Gefühl, diese Weite drängelt sich auch in die Diskussion.
Florian Bayer: Ja, es ist ganz viel auch, thematisch geht es um Sprachlosigkeit und und auch um Probleme in der Kommunikation. Es gibt zwei, drei Momente, wo laut und schnell übereinander geredet wird. Und einer, der so ganz signifikant ist, wenn der erste Arbeiter bei der Bohrung gestorben ist und Daniel zu Eli geht. Und ihm eigentlich sagen will, der, der gestorben ist, war jemand, der bei deinen Gottesdiensten ist. Die Leute sind abgelenkt und deswegen können sie nicht vernünftig arbeiten, wenn sie bei deinen Gottesdiensten sind. Und Egei will Daniel sagen, das ist alles passiert, weil wir nicht vernünftig gesegnet haben, ich hätte gerne mehr Zeit mit den Leuten gehabt, du hast mir die nicht gegeben und so weiter. Und diese beiden Menschen reden einfach parallel übereinander und gegeneinander. Es gibt Momente, wo keine Pause zwischen den Worten ist. Und es ist komplett, niemand hört dem anderen zu. Kein Verstehen in diesem Moment.
Johannes Franke: Das ist krass, wie beide einfach nur ihre Position loswerden wollen und auch nicht darauf achten, ob das bei den Männern jetzt ankommt oder so. sondern es ist einfach, ich muss das jetzt loswerden und so ein Pimmelvergleich, weißt du, wäre lauter Ja, absolut.
Florian Bayer: Komplettes männliches Protzverhalten. Und dann die anderen Momente, in denen sie laut werden, sind natürlich diese Predigten. Und die sind komplett inhaltslich. Eli schreit sich die Seele aus dem Leib und spricht von Geil. und Dämonen und von Heilungen und so weiter. Und das hat ja keine, das hat nicht mal eine Basis in der Bibel oder in der Religion, sondern das ist einfach sein Gewäsch, was er da raushaut, womit er quasi seine eigene Religion gründet und es ist frei improvisiert und es ist komplett inhaltsleer. Ja. Das sind die Momente, in denen viel geredet wird.
Johannes Franke: Ja. Und ich finde es spannend, weil wir sehen ja zwischendurch, wie er probt. Ja.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Der Kirchenmensch.
Florian Bayer: Er macht seine Show.
Johannes Franke: Und er übt seine Show. Und offensichtlich übt er ja nicht, was er sagt. Sondern wie er es sagt. Also es geht nicht um Inhalt. Nein. Es ist einfach komplett vom Inhalt entkoppeltes Show.
Florian Bayer: Ja. Das ist so krass. Es geht um die Gesten, es geht um die Mimik, das ist das, was er vor allem übt. Wann muss er die Hände rausstrecken, wann muss er groß werden, wann muss er klein werden. Und das ist natürlich eine ganz spannende Frage, wenn wir so viele Inhaltslehre haben und so viele Momente, in denen Quatsch geredet wird oder Momente, in denen… in denen offensichtlich vielleicht gelogen wird, müssen wir uns natürlich die Frage stellen, woran glauben unsere Protagonisten? Und was treibt sie an? Und vielleicht fangen wir mal an mit Daniel. Also wirklich mit der Hauptfigur und versuchen mal herauszufinden, was diesen Daniel Plainview antreibt.
Johannes Franke: Also woran er glaubt oder was ihn antreibt? Weil das sind ja unterschiedliche Dinge durchaus noch.
Florian Bayer: Beides auf jeden Fall. Also die Frage, was ihn antreibt, es gibt ja Momente, wo er versucht, das zu beantworten und zwar vor allem, wenn er sich Henry gegenüber öffnet, seinem vermeintlichen. einen halben Bruder, der irgendwann vorbeikommt. Und dann sitzen sie irgendwann zusammen und trinken. Und dann erzählt Daniel, dass er eigentlich nur so schnell wie möglich so viel Geld haben will. Dass er mit niemandem mehr was zu tun haben muss, weil er die Menschen einfach hasst, weil er nichts mit den Menschen zu tun haben will. Er will einfach seine Ruhe haben.
Johannes Franke: Aber das Wichtigere, glaube ich, weil das Geld hat er längst, eigentlich. Das Wichtige daran ist der Teil, den er vorher sagt. Ich trage einen Wettkampf. In mir und ich will nicht, dass andere gewinnen.
Florian Bayer: Ja, das ist krass.
Johannes Franke: Und nicht ich will, dass ich gewinne, sondern ich will, dass andere nicht gewinnen.
Florian Bayer: Ja, ich will andere scheitern sehen quasi.
Johannes Franke: Das ist krass.
Florian Bayer: Das ist hart und brutal.
Johannes Franke: Und das ist seine, ich glaube, das ist sein Antrieb. Es geht nicht nur darum, von den Menschen wegzukommen, was er ja am Ende schafft. Er baut sich ja sein Schloss da und dann hat er seine Ruhe. Aber da geht es ihm ja nicht gut. Ja, und ich glaube, das ahnt er auch schon. Das ist nicht das, worauf es hinausläuft, was eigentlich das Richtige ist. Sondern der eigentliche Antrieb ist, ich will andere scheitern sehen und mich erheben.
Florian Bayer: Und dann kommen wir, glaube ich, zu dem Punkt, warum er diesen Gedanken hat. Das sagt er nämlich auch zu Henry, genau in diesem Moment. Und zwar sagt er, ich sehe das Schlechteste in den Menschen. I see the worst in people. Und ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Satz, um zu verstehen, wie dieser Dengel funktioniert. Ich glaube, dieser Daniel hat auf seinem Weg irgendwie ... Es ist ja wirklich ein Selfmade-Millionär. Also wenn wir drauf gucken, ist es wirklich der amerikanische Traum. Wir sehen den mal am Anfang in diesem Loch stehen, alleine. Mit einer Spitzhacke. Da ist niemand, der den Rücken deckt. Er ist bewaffnet, weil es offensichtlich gefährlich ist. Und er hackt das Silber raus.
Johannes Franke: Ja, genau. Vielleicht hat da schon jemanden umgebracht, wir wissen es nicht.
Florian Bayer: Wir wissen es nicht und vor allem wissen wir nicht, was für Gefahren er erlebt hat und vor allem was für eine Gier er erlebt hat. Er ist jemand, der von wenig kommt und der sich nach oben gearbeitet hat. Und der wahrscheinlich mit unglaublich vielen gierigen, skrupellosen, bösartigen Menschen zu tun hat. Und wir können sogar noch einen Schritt zurückgehen und sagen, wir erfahren nichts über Daniels Vater. Aber offensichtlich hatte Daniels Vater quasi eine zweite Frau und hat dann ... mit der Kinder gezeugt.
Johannes Franke: Ja, das stimmt, ja.
Florian Bayer: Und es gibt zumindest Momente, wo wir das Gefühl haben, finde ich, Dass Daniel sich so verhält, als würde er es besser machen wollen als ein brutaler Vater. Als ein Vater, der nicht da ist. Und vor allem als ein Vater, der sein Kind misshandelt und seinem Kind keine Liebe gibt. Weil es gibt die Momente, in denen Daniel gegenüber H.W. führt. Es gibt Momente, wo wir merken, sein Sohn liegt ihm am Herzen und er will das Beste für seinen Sohn.
Johannes Franke: Ja, der ganze Film schafft es immer wieder, einen hin und her zu werfen. Am Anfang... Wenn er sich da rausarbeitet 15 Minuten lang aus diesem Loch und Silber findet und aber mit gebrochenen Beinen da irgendwie noch hinkriecht irgendwo. um zu sagen, übrigens, ich habe es selber gefunden, um das irgendwie hinzukriegen. Da sind wir ja erstmal auf seiner Seite, ne? Wir wissen ja nichts über ihn, wir wissen nicht, was los ist und so. Das heißt, wir haben 15 Minuten lang Zeit mit ihm... zu hoffen, dass er es schafft, dass er da rauskommt.
Florian Bayer: Dieses krasse No! Wenn er da unten liegt, quasi an irgendeiner nicht existenter Entität geschrien...
Johannes Franke: Ich werde hier nicht sterben. Ich schaffe das jetzt. Das darf nicht passieren. Und das finden wir erstmal bewundernswert.
Florian Bayer: Total.
Johannes Franke: Wir denken erstmal, ja geil, da hat jemand die Kraft und die Energie und das ist auch Teil des großen amerikanischen Traums. sich gegen alle Widrigkeiten hochzuarbeiten. Und da kommt das erste Problem natürlich durch. Also nicht das Problem des Films, sondern einfach das Problem des amerikanischen Traums. Dass so... Dass das aber auch die Mindestvoraussetzung ist. Du musst durch die Hölle gegangen sein, damit dir das gehört.
Florian Bayer: Du musst fast sterben. Du musst fast sterben. Wie krass. Dieses Bild, ich finde das auch wirklich, also wenn man sich das vorstellt, wir sind 1898 ist dieses erstes... Du bist irgendwo in der Prärie, in der Wildnis. Und der nächste Ort, der wahrscheinlich keinen vernünftigen Arzt hat ... ist vielleicht Meilen entfernt und dann stürzt du darunter, hast ein gebrochenes Bein und musst dich wirklich über mehrere Meilen dahin schleppen. Mit wertvollem Gut, mit der Angst, dass du überfallen wirst, mit der Angst, dass du getötet werden könntest, mit der Angst, dass du einfach Blackout hast und ohnmächtig wirst und verdurstest. Ja, es ist schon ziemlich krass.
Johannes Franke: Und es ist so, dass er ja vollkommen... wehrlos ist dann irgendwann. Und man trotzdem sagt, er hat es aus eigenem Kraft heraus geschafft. Aber man ignoriert völlig, dass er ein gehöriges Glück dabei hatte, nicht beim Sturz sich geschnickt zu brechen. Nicht draußen von der Hitze einfach dahin gebrutzelt zu werden. Nicht einfach überfallen zu werden. Das sind alles Sachen... die ihm in die Karten spielen und die er überhaupt gar keinen Einfluss hat.
Florian Bayer: Absolut und das ist Teil dieses amerikanischen Traums, der ignoriert wird. Was für einen riesigen Batzen glückt. du hast? Ja. Und was er natürlich macht, also wenn man es runterbricht, ist es natürlich auch einfach pure Überlebenswille, der in Gang gesetzt wird, wenn du irgendwie verletzt im Nirgendwo bist. Du machst alles, um nicht zu sterben. Du bist kein Held. Du bist wirklich der Urtrieb schlechthin. Ich will nicht sterben, ich versuche irgendwie zu überleben.
Johannes Franke: Was nicht heißt, dass das jeder schafft, so wie er das schafft. Ich kann ihm auch schon einen außergewöhnlichen Willen umsetzen. den sehen wir ja auch im Rest des Films, muss man dazu sagen. Aber trotzdem ist so diese ... auf diesen unbedingten Willen zum Erfolg und das dann zu sagen, okay, aber das musst du auch mindestens mitbringen. Und wenn du es nicht schaffst, dann hattest du nicht genug Willen. Das ist das, was der amerikanische Traum so krass mitbringt. Und was diese Szene so illustriert.
Florian Bayer: Er hat ja von Anfang an diese düstere Seite, weil wir auch schnell sehen, es sterben Menschen auf diesem Weg. Und es sterben öfter Menschen, als dass sie reich werden. Oder es bleiben Menschen öfter arm, als dass sie reich werden. Und es werden einfach... Familien zerstört, es bleiben Kinder zurück, die Waisen sind. Und das sind aber die Momente, Wo wir dann so ein bisschen ein Stück von Daniels Menschlichkeit sehen. Er kümmert sich um das Baby. Wir erfahren wenig, was passiert ist, aber wie er das Baby anguckt, wie er dann mit dem Baby im Zug sitzt, wie er wirklich das Baby schaukelt und beruhigt. Ja. Es gibt da so einen menschlichen Funken, der sagt, nein, da ist jemand, der meine Hilfe braucht, ich kümmere mich jetzt um dieses Kind und ich weigere mich, sein Narrativ vom Ende zu anzuschauen. dass er sagt, ich habe nur ein süßes Gesicht gebraucht, um meine Erdölgeschäfte zu machen. Nein, nein. Er sieht dieses wehrlose, hilflose Kind, Und er will dieses Kind schützen. Und wir kriegen nicht erklärt, warum.
Johannes Franke: Nee, aber das ist auch nicht nötig. Das ist eine urmenschliche Sache.
Florian Bayer: Naja, wir können uns aber auch halt wirklich vorstellen, dass das irgendwie auch in seiner Vergangenheit liegt, dass er jemand ist, der ignoriert wurde, dass er jemand ist, der nicht... um den sich nicht gekümmert wurde. Dass es jemand ist, dem genau diese Bindung fehlt. Weil ... Wenn er von was anderem angetrieben wird als dieser kapitalistischen Gier, ist es dann doch immer diese Suche nach einer festen Bindung. Als er die Bindung zu seinem Sohn verliert, stürzt er sich voll auf seinen Bruder.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Aber das ist eine andere Nummer. Ich glaube, da gibt es einen anderen Haken dahinter. Haken gibt es nicht. Zu Henry kommen. Das ist eine andere Nummer.
Florian Bayer: Aber Haken gibt es da ganz viele dahinter, aber trotzdem glaube ich, dass dieses Grundgefühl, dieses Grundbedürfnis bei ihm da ist.
Johannes Franke: Ja, aber es ist ein anderes, glaube ich.
Florian Bayer: Und das ist auch ein Stück Fürsorglichkeit, dass sie da drin steckt.
Johannes Franke: Bei Henry... Vielleicht ein bisschen.
Florian Bayer: Vielleicht bei Henry sogar mehr als bei HW. Ah, okay.
Johannes Franke: Kommen wir zu Henry dann. Machen wir später. Genau, wir sind bei Plainview.
Florian Bayer: Ja, wir sind bei Plainview. Es ist total spannend, weil er sagt ja genau, er will reich werden, um... um Ruhe zu haben. Und du sagst, er ist in dem Moment schon reich. Und er müsste das eigentlich nicht mehr machen. Er könnte sich zurückziehen und könnte das Ding stehen lassen.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und das finde ich total geil, weil ich finde diese Ambivalenz und diese Fragezeichen, das bleibt bei mir irgendwie stehen. Weil ich stimme dir zu und ich weiß noch, als ich den Film das erste Mal gesehen habe, ein Grund, warum ich den nicht so gut fand wie No Country for Old Men war, dass ich das Gefühl hatte, ich bin nicht glücklich damit, wie... Daniel am Schluss endet, weil ich mir diesen Mann, den ich die ganze Zeit im Film sehe, den sehe ich 120 Minuten, sich dreckig machen, auf dem Feld kämpfen und wirklich seine Kriege austragen und diskutieren mit Standard Oil und Verhandlungen machen mit... Union Eulen, der scheint das alles irgendwie auf eine pervertierte Art zu genießen und ich kann mir ihn nicht vorstellen als einen Menschen, der komplett zurückgezogen in seinem Haus sitzt und sich zu Tode langweilt und säuft.
Johannes Franke: Ja, ich glaube aber, dass wir dafür zumindest halbe, also so 50-50 Gründungen finden. Ich finde es interessant, weil ich glaube, jetzt habe ich mich da reingequatscht und jetzt muss ich es durchziehen. Kapitalismus ist es nicht. Und ich glaube, das erklärt auch Donald Trump und Elon Musk genauso. Es geht am Ende ab einer bestimmten Akkumulation von Reichtum geht es nicht um den Reichtum, es geht um Macht. Und da ist der Kapitalismus nicht am Kapital mehr, sondern da ist der am soziopathischen. an der Macht und das finde ich so krass und das finde ich eine gute Beobachtung für diesen Film. Dass er eben tatsächlich nicht, er wird ja nicht durch das Reichtum glücklich am Ende. Das, was ihm bricht am Ende, ist nicht, dass er da weggekommen ist oder sowas, sondern dass er eben... Zum einen, dass er seinen Bruder, der nicht sein Bruder war, nicht gefunden hat und warum die Verbindung so wichtig ist, klären wir gleich noch. Und dass er im Leben keine bedeutsame Verbindung herstellen konnte. Ich glaube, das ist es, was ihn am Ende zerstört.
Florian Bayer: Find ich einen total spannenden Punkt und find ich auch einen total nachvollziehbaren Punkt, dass das Macht eine ganz große Rolle spielt. Deswegen ist ja auch dieser Kampf zwischen ihm und Eli entsteht ja nur da... her, weil er diese Machtdemonstration braucht. Es wäre ein leichtes gewesen, Eli das Ding segnen zu lassen, bevor sie anfangen zu Und es wäre ein leichtes gewesen, den einfach zu einem Komplizen zu machen, aber er sieht ihn nicht auf seiner Stufe aus. Und er will seine Macht demonstrieren. Er will zeigen, du bist da unten und ich bin da oben. Und nachher haben wir das Gespiegelte, dass Eli nämlich sagt, nee, nee Junge, ich bin hier oben und du bist da unten. Und dann haben wir nochmal das Gespiegelte später. Genau. Und dieser Machtwille, der spielt dabei auf jeden Fall eine ganz große Rolle.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich glaube, da kommt der Facettenreichtum von dieser Figur rein. Dass der Machtwille eine Rolle spielt. Aber dass es auch nicht nur das ist, dass die kapitalistische Gier eine Rolle spielt und dass der Menschenhass, eine Rolle spielt, aber dass es auch nicht nur das ist.
Johannes Franke: Der Menschenass, ganz stark der Menschenass.
Florian Bayer: Der Menschenass spielt eine große Rolle, aber es ist nicht nur das, Sondern ich glaube, es ist auch ein Teil die Suche nach einem Sinn. Und das ist jetzt so sehr allgemein gesagt und ich kann das auch ein bisschen konkreter fassen.
Johannes Franke: Sehr allgemein, ja, ja.
Florian Bayer: die Suche nach einem Halt und ich glaube, da spielen ganz wesentlich die Figuren eine Rolle. auf die er sich einlässt. Das sind nur zwei in diesem Film. Das sind H.W. und das sind Henry. Es gibt für mich die Momente, in denen das ganz stark wird, dass diese Verbindung zu ihnen wichtiger ist als was anderes. Und zum Beispiel, ich bring dir ein Beispiel. Du wirst sagen, das ist der Machtwille jetzt. Wenn sie die Bohrung geschafft haben und da sitzen abends zusammen und essen und feiern, Und Mary, die Tochter von Sunday, von dem alten Sunday, rennt an Daniel vorbei und er greift sie und sagt so, hey, du wirst von deinem Vater geschlagen, wir sorgen dafür, dass das nicht mehr passt. Und der Vater sitzt stumm daneben. Davor hat sich HW mit Daniel unterhalten und ihm gesagt, dass der Vater scheiße ist. Man kann das natürlich interpretieren, dass das eine Machtdemonstration ist, aber ich glaube, in dem Moment, bei so einer Nichtigkeit, bei so einer Trivialität, er macht etwas für seinen Sohn. Er macht es nicht für diesen Mary.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Er macht es vielleicht auch, weil er das erlebt hat, dass er geschlagen wurde und er will nicht geschlagen werden. Wir sehen nicht einen Moment der körperlichen Gewalt von Daniel gegen H.W., Und wie diese Figur gezeichnet ist und mit Machtwillen usw., wäre das total leicht gewesen, das einzubauen. Paul Thomas Anderson verzichtet darauf, in irgendeiner Form physisch gewalttätig zu machen. Sogar eher im Gegenteil. Wir sehen, wie HW auf ihn einschlägt.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und deswegen glaube ich, das ist nicht nur Macht, sondern das ist wirklich ein Moment, wo er ein Wertesystem hat und zu diesem Wertesystem gehört, du kümmerst dich vernünftig um deine Kinder. Natürlich ist er total bigott und er bricht das nachher. Aber er hat das verankert. Und er macht das für HW und er macht das auch für Mary.
Johannes Franke: Ich sehe das, glaube ich, auch so wie du. Auf jeden Fall. Aber wir haben ja durchaus zwei Sachen, die gleichzeitig wahr sind, ne?
Florian Bayer: Ja, ja, auf jeden Fall. Ich will nur diesen Punkt stark machen, das ist halt nicht nur die Geldgier. Ich glaube, Geldgier spielt auch eine Rolle.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Wenn er einfach nur Ruhe haben wollte, würde er sich nicht eine fucking Villa mit fucking Bowlingbahn bauen. einfach nur, ich will Reichtum protzig und ich hab einen Butler und er hat einen Butler, der sich um ihn kümmert. Es ist nicht nur, ich will alleine sein.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Also Geldgier spielt eine Rolle. Aber natürlich will er auch alleine sein. Er hat diesen riesigen Palast, er hat keine Freunde. Er feiert für sich allein und besäuft sich.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Er will Macht haben, definitiv. Er ist viel zu lange auf dem Feld. Aber er sucht auch nach irgendetwas, was ihm einen Sinn darüber hinausgibt. Es ist zu viel gesagt zu sagen, dass er ein guter Mensch sein will. Aber er hat... Er hat irgendwie einen Care-Job und er sieht diesen Care-Job.
Johannes Franke: Ich glaube, du hast recht, er hat diesen Care-Job. Den sieht er auch und den muss er am Ende verneinen, damit er wieder in seinem Selbstbild stimmt. Aber ich glaube, er hat vor allem die Verbindungen auf der Suche nach einem Spiegel.
Florian Bayer: Finde ich gut, ja.
Johannes Franke: Weil er, glaube ich, sowohl beim Sohn als auch bei seinem Bruder nach Blut, sind wir beim Titel, nach Blut. Familie, nach einer familiären Gemeinsamkeit sucht. Und zwar vor allem auch darin begründet, dass er versucht rauszufinden, wieso bin ich so, wie ich bin? Ich verstehe nicht, warum ich in solchen Situationen diese Entscheidungen treffe. Warum habe ich meinen Sohn weggegeben? Was ist da los? Warum kann ich nicht einfach bei dem bleiben, sondern muss mir das Feuer anschauen von dem Ölfeld? Er ist mit sich selbst total irritiert.
Florian Bayer: Das Interessante ist, ich glaube, das Spiegelbild, das er sucht, ist ein starker Mensch. Weil er sagt, ich bin ein starker Mensch. Ja. Die Verbindung zu HW bricht in dem Moment, in dem HW sein Gehör verliert. und plötzlich irgendwie behindert ist und die Beziehung zu Henry bricht. als er zum einen erkennt natürlich, der ist nicht mit mir verwandt, das ist ein Betrüger, aber vor allem, als er erkennt, das ist nicht nur ein Betrüger, sondern das ist ein schwacher Mensch. Er sagt zu Henry irgendwann mal, als er noch glaubt, dass es sein Bruder ist, wenn ich es in mir habe, hast du es auch in mir. Genau. Er sucht in Henry danach.
Johannes Franke: Und das ist es. Das ist der Moment, der mir sagt, aha... Das ist deine Motivation für überhaupt menschlichen Kontakt. Du willst jemanden finden, in dem du das sehen kannst, was du bei dir nicht verstehst.
Florian Bayer: Ja, vielleicht auch jemanden, den du mögen kannst, weil er so ist, wie du bist. Und das sind einige Charaktereigenschaften, die ich
Johannes Franke: nicht so leicht möglich machen. Genau. Und dann würde das vielleicht auch das entschuldigen und so. Er hadert ja mit der Entscheidung jetzt. Es wird im Film eben einfach an H.W. festgemacht, dass er ihn wegschickt und dass er es nicht schafft... sich ordentlich zu kümmern und so, wenn es eigentlich dran gewesen wäre, das macht ihn fertig. Das macht ihn einfach fertig, dass er das nicht in der Lage ist, das ordentlich durchzuziehen. Und dass irgendwas in ihm, nämlich auch dieser Menschenhass und auch dieser... unbedingte Wille, dass andere verlieren, während er gewinnt, dass der so stark ist. Und dafür ist eine gehörige Portion Selbsthass in ihm.
Florian Bayer: Ich will ihm zugutehalten, bei dieser Geschichte mit HW, als der Turm explodiert. Er rennt direkt zu HW, er kümmert sich als erstes um ihn, er lässt ihn dann alleine, aber er kümmert sich als erstes zu ihm und guckt nach ihm.
Johannes Franke: Und das ist ein wichtiger, wichtiger Hinweis, der uns der Film gibt. Für das Leben von, oder für den Charakter von ihm. Weil er tatsächlich ja erstmal, der erste Impuls ist ja... sich kümmern. Aber dann kommt das Öl. Also als Stand-in für seinen Antrieb, seinen kapitalistischen Antrieb oder seinen Menschenhass und so weiter. Und dann gewinnt das Öl wieder zurück und zieht ihn da wieder weg.
Florian Bayer: Es gibt die Momente, wo er, also danach hat er ja auch diesen, finde ich eine ganz krasse Szene, wo er im HW so in der Löffelchenstellung im Arm hält. Und HW macht diese Geräusche und er sagt dann irgendwie, jetzt reicht's, aber jetzt reicht's. Und wir merken, dass da diese extreme Nähe ist, weil ich meine, das ist... Auch für Anfang 20. Jahrhundert ein Vater, der so bei seinem Sohn liegt und so physisch ist, im Sinne von kuscheln, das ist ungewöhnlich. Ich glaube, das war einfach nicht das Männlichkeitsbild von damals. Und genau, gleichzeitig ist er halt verstört von dieser Behinderung. Also ich glaube wirklich, diese Schwäche, die HW plötzlich hat, der vorher so sein eiserner Kumpane war und der ja auch so von Blicken her gewirkt hat. Er würde sich zu einer Art Daniel entwickeln.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Finde ich übrigens ein ganz spannender Moment, dass das HW eigentlich seine eigene Stimme in dem Moment gewinnt, indem er seine Lautsprache verliert.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Diese Schwäche, diese Veränderung der Beziehung, die spüren wir in diesen Momenten und das tut Daniel natürlich auch total weh, dass er diesen Kontakt zu seinem Sohn verloren hat. Und natürlich möchten wir ihm so auf die Fresse hauen dafür, dass er nicht dieses, was nicht viel verlangt wäre, dass er es nicht schafft diese neue Art der Kommunikation für seinen Sohn zu lernen.
Johannes Franke: Super krass.
Florian Bayer: So das ganz Basale.
Johannes Franke: Ja, du weißt ja offensichtlich, dass es... eine Sprache gibt, die lernbar ist. Sonst würdest du den Sohn nicht dahin schicken. Du hast so viel... fucking viel Geld. Warum holst du nicht einfach jemanden, den du fest anstellst, der vor Ort für das Kind da ist und allen in der Familie Gebärdensprache beibringt? Was ist da los? Warum kann er das nicht? Er ist so stinkreich. Er sagt irgendwann mal schon am Anfang, dass er aus dieser einen kleinen Sache da 5000 Dollar die Woche kostet. Das ist wahnsinnig viel Geld.
Florian Bayer: Unfassbar viel Geld. Denk nicht an 5.000 Dollar von heute, was schon verdammt viel Geld wäre für die Woche. 5.000 Dollar im Jahre 1900, noch was, 1907 oder so, wann auch immer das ist.
Johannes Franke: Total viel Geld.
Florian Bayer: Es ist total krass. Ja und ich glaube, also ich weiß das wirklich zu schätzen, ich glaube es bleibt bei dieser Ambivalenz stehen. Wir kriegen diesen Daniel gegriffen. Aber in diesem Daniel kämpfen einfach verschiedene Antriebsfedern und auch irgendwie begeisterte, unter sehr viel Gier begrabener Idealismus und ein Wertesystem. Ja. Und er weiß, dass er dieses Wertesystem immer und immer wieder bricht. Zu diesem Wertesystem gehört übrigens auch, dass er diese... diesen religiösen Sermon von Eli total zum Kotzen findet. Wir haben die erste Szene, in der Daniel in der Kirche ist bei Eli und zuschaut. Er ist wirklich schockiert, wie die Menschen hier verarscht werden. Also ich finde, wir sehen in seinem Blick, dass er richtig auch erbost darüber ist und zwar nicht nur, weil er hier einen Gegenspieler hat. Sondern auch, weil er das richtig kacke findet. Weil das gehört nicht zu seinem Weltbild, dieses Wertesystem.
Johannes Franke: Jaja, aber natürlich auch, weil er sieht, weil er hier doch einen Spiegel vor sich hat.
Florian Bayer: In Eli hat er eigentlich den Sohn, den er bräuchte.
Johannes Franke: Derjenige, der halt auf andere Art und Weise, nicht indem er... auf die Erde einkloppt, sondern indem er auf die Köpfe der Menschen einkloppt und ihnen irgendwelchen Schwachsinn erzählt. Und er verachtet die Menschen umso mehr dafür, dass sie da immer wieder in die Kirche hineinrennen. Und er verachtet natürlich Eli dafür, dass er das... auf diese Art und Weise macht und sich nicht körperlicher Art der Arbeit hingibt, sondern dass er mit Worten die Leute irgendwie an sich gebunden kriegt. Ja, absolut. Also wenn Plainview dasteht das erste Mal und den Leuten erzählt, Kinder sind das Wichtigste. Wir müssen Schulen bauen, wir müssen Straßen bauen. Wo wird die Straße denn hinführen? Zur Kirche? Jaja, als erstes zur Kirche. Das ist so... Das ist ja auch sein Geschäft, den Leuten zu erzählen, was sie hören wollen.
Florian Bayer: Und jetzt kommt der erste Punkt, ich glaube, wir können gleich zu Ila schwenken. Ja, ja, ja, genau. Und jetzt kommt der wichtige Punkt, aber die Frage würde ich noch einmal beantwortet gerne haben, von dir, wie deine Perspektive ist. Wenn Daniel das zu den Leuten sagt, wir brauchen Schulen, wir kümmern uns um Bildung, wir lassen diese Stadt wachsen, glaubt er das?
Johannes Franke: Also es ist nicht sein Bedürfnis, aber er kann das den Leuten durchaus geben, wenn das der Preis ist. Er gibt ja noch viel mehr. Als Preis dafür, dass er seine Pipeline bekommt und so. Also er wäre auch bereit, diesen Preis zu zahlen dafür, dass er das Land bekommt.
Florian Bayer: Und das ist natürlich dieses Heilversprechen des Kapitalismus, dass der Eroismus des Einzelnen der Gesellschaft zugutekommt. dass er daran glaubt. Er ist in dem Sinne ein waschechter Kapitalist. Er weiß, dass er hier egoistisch handelt, aber er glaubt fest daran, was ich mache, sorgt dafür, dass es allen Menschen da besser geht.
Johannes Franke: Es wird Gold regnen, Eli. Das ist krass, ne? weil er auch das so als Argument immer wieder benutzt und auch immer wieder das rausbrüllt. Ich mache hier den Mehrwert, nicht du.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: So krass.
Florian Bayer: Eli Sunday, gespielt von Cal O'Neill.
Johannes Franke: Oh, wait. Ja, leider nicht. Cal O'Neill sollte eigentlich ursprünglich diese Figur spielen. Die haben auch ein paar Wochen lang gedreht oder Tage, Wochen, ich weiß nicht wie viel. Auf jeden Fall ist leider das Ganze dann geendet, indem... Ja, einfach gekündigt wurde, ganz banal. Paul Thomas Anderson hat einfach gesagt, sorry, funktioniert nicht, ich suche mir jemanden anders. Und die Presse hat sofort gesagt... Dieser Schauspieler kommt nicht mit Daniel Day-Lewis klar, weil der so ein krasser Method-Actor ist.
Florian Bayer: Er war eingeschüchtert von Daniel Day-Lewis groß im Verhalten. Alle haben danach gesagt Bullshit. Was ist denn los mit euch? Glaubt nicht der Yellow Press.
Johannes Franke: Ja, die Presse, die muss natürlich eine Sensation finden und die findet sich da schnell und leicht und so. Was ich aber besonders, also jetzt aus Perspektive des Schauspielers, muss ich sagen... Er hat nicht mehr viel danach gemacht. Und es kann sein, dass es genau daran gelegen hat, Dass er von Paul Thomas Anderson gefeuert wurde und dann alle gedacht haben, ja, wenn der es nicht bringt, dann brauche ich ihn auch nicht in meinem Film. Und das ist so bitter, das ist so gemein, weil das ja gar nicht das ist. Und Paul Thomas Anderson ist vielleicht auch nicht unbedingt das Nonplusultra für einen Regisseur. mit dem man zusammenarbeiten will, der hat eine bestimmte Art und Weise zu arbeiten, die nicht jedem passt und die auch nicht mit jedem Schauspieler irgendwie das beste Ergebnis bringt. Mit Daniel Day-Lewis, ja, okay. Und hier vielleicht auch mit Paul Dano, wie heißt er? Paul Dano. Nicht jeder Schauspieler kann damit arbeiten, kann aber trotzdem ein guter Schauspieler sein und an anderen Sets super funktionieren. Was soll denn das?
Florian Bayer: Ich glaube, der überschätzt so ein bisschen den Einfluss, den PTAs Entscheidungen in Hollywood und in der Filmindustrie haben. So groß war der ja damals nicht, dass das quasi... Das hat nichts mit Paul Thomas Anderson zu tun.
Johannes Franke: tun, sondern es hat was damit zu tun, dass er gefeuert wurde aktiv von einem Set. Egal, ob es jetzt Paul Thomas Anderson ist oder nicht, aber das ist ein harter Einschnitt für einen Schauspieler.
Florian Bayer: Ja, kann ich mir vorstellen. Vor allem, wenn schon alles geplant ist, schon geschrieben ist und gefilmt ist und natürlich, wenn es so eine Prestigerolle ist, weil es ist eine Es ist ähnlich wie die Rolle von Daniel Day-Lewis. Es ist eine Rolle, wonach sich jeder Schauspieler die Finger lecken würde. Paul Dano, der ursprünglich nur den Paul Sunday spielt, den Zwillingsbruder. Damals im Originaldrehbuch eben nicht Zwillingsbruder, sondern einfach nur Bruder. von Eli, wurde dann für diese Rolle kurz gecastet.
Johannes Franke: Er hat sieben Tage Zeit gehabt.
Florian Bayer: Ein riesiger Brocken, weil das ist natürlich so eine wesentliche Rolle in diesem Film.
Johannes Franke: Natürlich nimmst du die Chance sofort an, ne? Ja. Egal, ob du glaubst, dass du das schaffst oder nicht, aber du sagst, natürlich, kein Problem, ich hab die Hauptrolle, mach ich. Und das dann aber irgendwie hinzukriegen und das ist wirklich krass. Also ich finde, dass er es wirklich sehr gut macht und wir können auch über Tarantino reden, was der so für eine Meinung dazu hat. Aber ich finde, Paul Dano macht das sehr gut.
Florian Bayer: Wir hatten Paul Dano vor kurzem vor ein paar Wochen in Little Miss Sunshine besprochen.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Ich finde, Paul Dano ist ein unglaublich guter Schauspieler und was ich richtig krass finde in diesem Film, ich kann mich nicht entscheiden, welche Leistung ich besser finde. Ich hab tatsächlich das Gefühl, Paul Dano besteht nicht nur neben Daniel Day-Lewis. Daniel Lewis wurde von der Kritik sowas von gefeiert für diesen Film. Und die haben sich alle auf ihn einen runtergeholt. Und ich sehe ihn und denke... Vielleicht ist Paul Danus' Spiel das Intensivere.
Johannes Franke: Ich finde, dass sie genau die richtige Entscheidung getroffen haben. Das, was Tarantino kritisiert, finde ich, ist der absolute Meisterstrich dieses Films.
Florian Bayer: Was kritisiert Tarantino?
Johannes Franke: Tarantino sagt, dass Paul Dano das schwache Glied dieses Films ist. Und dass es dadurch kein auf Augenhöhe Krieg zwischen zwei Menschen in einem Film sein kann.
Florian Bayer: Fuck you, Quentin.
Johannes Franke: Fuck you, Quentin. Wirklich. Was Quentin Tarantino nicht sieht oder nicht sehen will oder keine Ahnung... ist, dass die Figuren nicht nur unterschiedlich sind in ihrer Ausgestaltung als Charaktere in dem Film. Sondern, dass sie auch noch den Geniestreich gemacht haben, die nicht schauspielerisch gegeneinander ausspielbar zu machen, indem sie unterschiedliche Ansätze haben zu spielen. Das finde ich so geil. Er spielt auf ganz andere Art und Weise und hat einen ganz anderen Ansatz, an seine Figur ranzugehen und an die Szenen ranzugehen, als... als Daniel Day-Lewis. Und ich muss sagen, ich habe ein paar Kritikpunkte, was Daniel Day-Lewis betrifft.
Florian Bayer: Ja, okay, sehr spannend erklärt. Wir haben ganz viel über den Charakter geredet, ohne über das Schauspiel von Daniel Day-Lewis zu reden. Machen wir gleich nochmal kurz.
Johannes Franke: Machen wir gleich nochmal. Aber ich finde, Paul Dano hat dadurch, dass er wirklich ganz anders an seiner Rolle rangeht und die Figur wirklich durch eine andere Linse sieht ... kommen wir gar nicht in die Verlegenheit, also ich nicht in die Verlegenheit, das wirklich zu vergleichen. Sondern einfach zu sagen, ja, da sind einfach zwei Welten, die aufeinandertreffen.
Florian Bayer: Ich finde... Also was mich vor allem zu diesem Urteil bringt, dass Paul Dano vielleicht sogar besser spielt als Daniel Lewis in diesem Film. ist, dass er die größere Bandbreite hat. Dass er von komplett devot, hündig, brav und nett lächelnd Über passiv-aggressiv bis hin zu apokalyptisch wütend.
Johannes Franke: Aber dafür kann er nichts. Also Daniel Day-Lewis kann nichts dafür, dass die Rolle das nicht hergibt. Also das ist halt im Drehbuch nicht so drin und die Figur ist... Wir haben es beim... Wir haben es beim Dude gehabt, Big Lebowski. Der beginnt den Film im Bademantel und er endet den Film im Bademantel. Er hat quasi keine Entwicklung durchgemacht. Und hier, er macht irgendwie hier und da so kleine Szenenentwicklungen durch, aber durch die Szenen Aber wenn du es im Groben und Ganzen anschaust, habe ich das Gefühl, er ist ein Arschloch und Misanthrop am Anfang und er ist ein Arschloch und Misanthrop am Ende. Und das war's. Was hat er für Möglichkeiten, das zu spielen, was Paul Denno spielt? Paul Denno hat ja viel mehr... hin und her. Und er ist auch der junge Mensch, der sich versucht, irgendwie hier und dort reinzudrängeln und zu bestehen. Wir haben zwar die gleichen Szenen, gespiegelten Szenen mit Ohrfeigen und so und Daniel Day-Lewis soll auch zwischendurch mal sagen, you are forsaken your son. Aber da ist er trotzdem fest in seinem Charakter und da passiert nicht das gleiche wie bei Paul Dano. Weil Paul Dano am Ende dann auch noch so verzweifelt da sitzt und sagt, Gott hat mich nicht darauf hingewiesen, dass wir eine Wirtschaftskrise haben, was soll das? Das ist eine völlig andere Nummer, weißt du?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das finde ich so krass.
Florian Bayer: Ich finde das geil. Es ist eine riesige Bandbreite. Und es ist natürlich auch in die Figur reingeschrieben. Ich würde gerne zu der Figur starten, wie wir bei der Figur Daniel geendet haben. Nämlich mit der Frage ... Glaubt Ila an das, was er da tut? Glaubt er, dass er der Prophet ist? Glaubt er, dass er wirklich heilen kann und dass er den Menschen hilft?
Johannes Franke: Oh mein Gott, was ist das für ein Musik? Was war das? Wo sind wir? Oh mein Gott, ich glaube... Oh nein, wir sind in einer Self-Promo.
Florian Bayer: Nein, shit, ganz schnell, damit wir zurückfinden.
Johannes Franke: Ihr da draußen, es gibt wahnsinnig viele Wege, wie ihr uns unterstützen könnt. Und wir brauchen Unterstützung, glaubt uns.
Florian Bayer: Wenn ihr uns ein bisschen Trinkgeld da lassen wollt, macht das doch bitte über buymeacoffee.com. Den Link findet ihr auch in der Episodenbeschreibung. Danke.
Johannes Franke: Könnt ihr uns gerne ein paar Euro geben, gerne auch gleich monatlich einstellen, nicht wahr? Denn Kosten haben wir genug.
Florian Bayer: Wenn ihr uns mit Geld zwingen wollt, einen bestimmten Film zu besprechen, Ist das eure Chance? Das könnt ihr nämlich über dieses Formular auch machen.
Johannes Franke: Oder ihr schickt uns einfach so einen Filmvorschlag ohne Geld und Feedback gerne an johannes. muss man sehen.de und Florian at muss man sehen.de.
Florian Bayer: Außerdem freuen wir uns natürlich Jedes Abonnement, egal ob bei Spotify, Apple Podcast, Deezer, Amazon Music, whatever.
Johannes Franke: Was uns total helfen würde, ist, wenn ihr uns... so 5 Sterne oder Herzchen oder sonst irgendwas, was auch immer euer Podcatcher anbietet, gibt und am besten auch noch gleich eine Review dazu schreiben. Ah, super. Fehlt noch irgendwas? Nee, ich glaube, wir haben alles, wa?
Florian Bayer: Okay, dann ganz schnell zurück in die Episode. Yes! Glaubt Ila an das, was er da tut? Glaubt er, dass er der Prophet ist? Glaubt er, dass er wirklich heilen kann und dass er den Menschen hilft?
Johannes Franke: Bei ihm finde ich es eine schwerere Frage. Und ich würde sagen, er sagt sich das zwischendurch, dass er den Leuten hilft, aber im Ursinne glaubt er nicht dran.
Florian Bayer: Ich glaube, ich bin ganz nah bei dir. Er zweifelt dran, aber er hasst diesen Zweifel. Dieser Zweifel macht ihn richtig fertig und fühlt ihm richtig weh. Und deswegen ist es so eine Qual, wenn ihn Daniel am Ende zwingt, diesen Zweifel frei auszusprechen. Weil er... Weil es gibt diese zwei Stimmen in ihm. Die eine Stimme sagt zu ihm, du machst das jetzt nur, um an dieses Geld zu kommen und du musst halt tun, was zu tun ist. Und die andere Stimme sagt ... Nee, vielleicht ist da was dran. Und natürlich, wir haben so viel mit Spiegelbildern geredet, aber es ist natürlich ein Spiegelbild zu diesem Was Daniel in der Kirche macht, wenn er getauscht wird, dass er ruft, ich habe meinen Sohn verstoßen. Das erste Mal sagt er es nur, weil er es sagen soll. Und das zweite Mal sagt er, ist lauter, weil er es sagen soll. Und beim dritten Mal hat ihn niemand mehr aufgefordert. Und er schreit es trotzdem heraus und er weiß, dass es stimmt.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und ähnlich bei Eli, wenn er dazu gezwungen wird zu sagen, dass er ein falscher Prophet ist. Glaubt er nicht daran, aber wenn er es zwei, dreimal gesagt hat, dann stellt er fest, shit, da ist vielleicht doch was dran, vielleicht bin ich doch ein Lügner und Heuchler.
Johannes Franke: Das glaube ich aber nicht. Also, er weiß es. Er weiß es auch schon beim ersten Mal sagen. Er will es beim ersten Mal nicht so sagen, dass es echt rüberkommt, weil er ihm die Genugtuung nicht geben möchte. Aber es ist ihm klar, er hat so viel Scheiße gemacht, er hat vorher... Er kommt doch da auch hin und sitzt dann weinend da und sagt, ich habe Sachen gemacht, die hätte ich niemals machen sollen. Ich habe mich vom Teufel ver... Und das ist ja bloß so eine Floskel vom Teufel. Natürlich, er ist der Geistliche, also muss er vom Teufel reden, aber das stimmt doch alles nicht.
Florian Bayer: Ich glaube, er glaubt daran. Was für mich ein Zeichen davon ist, ist unter anderem, dass er halt wirklich, dass ihm diese Kirche, natürlich hat das mit Macht zu tun, wie bei Daniel. Aber dass ihm diese Kirche wirklich am Herzen liegt und dass ihm diese Menschen in der Kirche auch irgendwie am Herzen liegen. Auf eine pervertierte Art und Weise. Er ist der Hirte und so weiter und er macht hier seine Show.
Johannes Franke: Er hat auch Verachtung für die Leute übrig. Er hat fast nur Verachtung für die Leute, habe ich das Gefühl.
Florian Bayer: Dysanthropie bei ihm.
Johannes Franke: Wo ist so die Verachtung für die Leute? Allein seine Haltung, das überhaupt zu machen, zeigt doch die Verachtung. Also du würdest das ja so in der Form nicht tun, wenn du die Leute wirklich mögen würdest.
Florian Bayer: Du meinst diesen Gottesdienst oder was?
Johannes Franke: Ja, die Leute, die da drin sitzen und dir zuhören und dir den Scheiß glauben, den du da veranstaltest.
Florian Bayer: Den du probst. Ja, natürlich probst du. Aber das ist doch normal. Natürlich probst du. Riesterproben auch. Wenn irgendwie ein Metapriester probt, dann ist es sogar eine putzige Szene.
Johannes Franke: Ist richtig, aber der Film haut das da nicht rein, weil er zeigen will, dass Priester nur mal proben.
Florian Bayer: Aber... Ich weiß es nicht, wir reden so viel über Scharlatan in unserer heutigen Zeit und kurz Background für die, die nicht so oft bei uns zuhören, Johannes und ich sind beide keine spirituellen Menschen, wir sind beide eher Atheisten. Und wir reden auch sehr viel über falsche Propheten, über Scharlatane und Bedrüger und so weiter. Ich glaube, was man dabei leicht vergisst, wenn man so das Gefühl hat, drüber zu stehen und zu beobachten, dass sehr viele von den vermeintlichen Betrügern wirklich an den Scheiß glauben, den sie machen. Egal, ob es religiöse Betrüger sind oder allgemein spirituelle Betrüger, ob es Sektenführer sind. Ich glaube, man ist zu schnell dabei zu sagen... Das sind Betrüger. Und es geht gar nicht darum, das zu entschuldigen, was sie tun, weil es ist schlimm genug, auch wenn sie daran glauben, aber Dafür ist das Bedürfnis der meisten Menschen zu groß, auf der richtigen Seite zu stehen und das Richtige zu machen. Hey, nein, ich weiß, wie es aussieht. Ich glaube nicht an Gott, aber ich erzähle dir jetzt irgendwas. Dann fühlst du dich nicht auf der richtigen Seite stehen.
Johannes Franke: Aber das ist doch eine Geschichte, die man sich selbst erzählt.
Florian Bayer: Das gehört auf jeden Fall dazu. Bei ganz vielem spielt das eine große Rolle, was so in das religiöse, spirituelle, esoterische geht, dass man sich das selbst einredet. Aber ändert nichts daran, dass man es glaubt. Das Gehirn ist flexibel genug. Natürlich redet man sich sowas ein. Wir reden uns ständig irgendwelchen Scheiß ein. Auch wir reden uns ständig Scheiß.
Johannes Franke: Aber es ist auf einer anderen Ebene. Ich glaube, es gibt da durchaus zwei Ebenen. Das eine ist, sich selbst zu betrügen und irgendwie durchaus zu wissen, dass man sich selbst betrügt. Und das andere ist, nicht zu erkennen, wie das Hirn einen austrickst.
Florian Bayer: Und ich glaube, es befindet sich auch bei Eli irgendwo dazwischen. Der glaubt an ganz viel von dem, was er macht. Er geht auf Missionsarbeit. Und wir können viel über ihn lästern und auch über seine kapitalistische Gier, die in seinem Glauben verborgen liegt. Ja. Aber Missionsarbeit ist scheiß anstrengend. Das macht keinen Spaß. Du läufst umher und klopfst bei Leuten an den Türen und vielleicht war ja in Afrika oder so, das wird glaube ich nicht erzählt und dann hast du... bist du plötzlich in regionale Konflikte reingezogen und musst um dein Leben fürchten und so weiter.
Johannes Franke: Aber ist das die Form von Missionsarbeit, die er macht? Du meinst die Beziehungsarbeit in dem Zeitfenster, das wir nicht erzählt bekommen, ne?
Florian Bayer: Genau, und das ist eine längere Zeit.
Johannes Franke: Kurz bevor sozusagen wir in die 16 Jahre später oder wie viele das sind springen. Der ist doch in dem Moment schon... Der große Radioprediger.
Florian Bayer: Genau, das ist aber danach passiert. Er hat irgendwas gemacht, was nach Missionsarbeit klingt. Und ich glaube, das war schon ... So der klassische Missionarismus damals, der ist umhergereist. Vielleicht in den USA, vielleicht in Südamerika, wer weiß wo. Aber er hat bestimmt...
Johannes Franke: Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er seine Radioauftritte als Missionsarbeit bezeichnet hat.
Florian Bayer: Ich glaube nicht. Und ich glaube, er hatte nicht die geilste Zeit. Aber das ist natürlich auch wieder dieses amerikanische Versprechen. Er konnte dasselbe wie bei Daniel. Er musste erst durch den Dreck warten. um an diese Position zu kommen. Und Eli ist genau wie Daniel auch sehr viel durch den Dreck gewartet, um das zu schaffen. Und das rechtfertigt das nicht, um das nochmal ganz klar zu sagen. Der amerikanische Traum wird hier auf einer... pervertierte Art und Weise dargestellt, weil der amerikanische Traum pervertiert ist und weil ganz viele Faktoren eine Rolle spielen und weil ... viele dabei auf der Strecke bleiben und weil du dabei deinen Wertekanon komplett verlieren kannst und so weiter. Aber es ist bei ihm glaube ich auch so. Er macht es trotzdem so.
Johannes Franke: Was ich übrigens total spannend finde, dass dieser Film so hoch gefeiert ist bei den Amis, dafür, dass er wirklich zwei absolute Grundpfeiler des amerikanischen Lebens angreift. Also die Religion und den Kapitalismus an sich. Und auch auf eine wirklich unschöne Art und Weise. Und das ist schon krass, dass die Leute... Kannst ja auch reflektiert genug sind, das so anzunehmen und zu sagen, okay. Oder, weiß ich nicht, vielleicht hat auch... Jemand hat den Film gesehen und gesagt, geil, aber nicht verstanden, worum es geht. Aber ich glaube eigentlich, das Publikum für diesen Film, die verstehen das schon.
Florian Bayer: Ich glaube, du kannst schon mal die Frage stellen, wie der Film bei der konservativen Rechten oder bei den Evangelikalen ankommt. Und ich glaube, da schneidet er nicht ganz so gut ab, wie bei uns versnobbten linken Filmkritikern.
Johannes Franke: Okay. Aber an sich ist es ein gefeierter Film.
Florian Bayer: Es ist ein total gefeierter Film. Aber das ist ja auch nur, weil Hollywood zu woke ist.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ich finde, Eli ist eine super spannende Figur. Also es ist nicht nur Paul Danos Spiel, sondern ich finde ihn super spannend, weil ich in ihm... ähnliche Ambivalenzen sehe wie in Daniel. Dieser Eli... versucht es tatsächlich auf die gute Art. Er will Daniel gewinnen. Er will irgendwie ... Und zwar von Anfang an will er eigentlich, kommt nicht als Bedrohung zu Daniel und ich glaube, es ist nicht nur Strategie, es ist nicht nur Show, sondern er ist wirklich... Er versucht diesen Mann irgendwie auf seine Seite zu ziehen, weil er sieht, dass da was möglich ist, wovon seine Kirche auch profitiert. Und er ist cleverer als die meisten Menschen, die dort leben, weil er durchschaut ja Daniel ziemlich direkt. Er sieht ja, dass der nach Öl sucht.
Johannes Franke: Weißt du, ich glaube, das ist es, was mich auch überzeugt, dass Eli das sehr gut genug weiß, was er da tut. Nur ein Bullshitter erkennt einen Bullshit.
Florian Bayer: Vielleicht.
Johannes Franke: Und die beiden erkennen sich einfach. Die stehen voneinander und könnten jetzt eigentlich beide sagen... Alter, ich weiß genau, was für einen Scheiß du machst, nämlich genau den gleichen, den ich auch mache. Also hör auf, das ist mein Gebiet hier. Schürf da hinten nach Geld. So stehen die oft voreinander. Ich glaube es nicht.
Florian Bayer: Ich glaube, also dieser Moment, wie Eli darauf reagiert, dass er nicht den Turm segnen darf, bevor Geburt wird. Er ist richtig verletzt.
Johannes Franke: Ich bin überhaupt...
Florian Bayer: nicht Fan von Eli. Ich finde Eli einen schrecklichen Menschen, aber in diesem Moment habe ich tiefstes Mitleid mit ihm, weil es wirklich eine traurige und große Enttäuschung für ihn ist. Eli glaubt an den Scheiß und Eli geht da hin und redet mit den Leuten, weil er die wirklich für seine Kirche gewinnen will. Und wenn Eli in dieser berühmten Gottesdienstszene, wo Daniel getauft wird, sagt, leider können wir nicht alle recht retten. Ich wünschte, ich könnte alle retten. Das glaubt er. Der will Seelen retten.
Johannes Franke: Weißt du, es gibt auch diese andere Szene kurz davor, bevor er da eben nicht diese Pumpe segnen darf. Da kommt er ja einfach zu Plainview und sagt also folgendes, ich werde dann vortreten, ich werde das machen, ich werde das machen, dann darfst du meinen Namen sagen. Ich gebe dir jetzt auch noch ein Skript in die Hand, was du alles sagen könntest. Bitte mach das so und so. Das ist natürlich eine geile Szene, weil Plainview die ganze Zeit sagt, ach so, ja, wann werdet ihr denn recht?
Florian Bayer: Er ignoriert ihn so böse, ohne ihn zu ignorieren. Und Illa checkt es nicht.
Johannes Franke: Das ist so krass, weil die hatten ja auch noch nicht genug Zeit, wirklich sich kennenzulernen. Das heißt, das ist so die erste Szene, wo sie sich so abchecken. Und Eli glaubt wirklich, dass das jetzt so abgemacht ist. Und das Ding ist, er kommt ja nicht hin und sagt, wollen wir das so und so machen? sondern er kommt hin und hat ein Gefühl von Entitlement.
Florian Bayer: Ja, definitiv.
Johannes Franke: Ich bin derjenige, der das so machen darf. ich gehöre in diese Position und du darfst meinen Namen sagen. Und es ist nicht nur ein Machtkonzept, was er da ausspielt. Er versucht nicht nur, die Oberhand zu gewinnen, indem er sagt, du machst das so, ich mach das so, sondern es ist wirklich ein In ihm tief verwurzeltes Entitlement.
Florian Bayer: Ich glaube, er hat dieses Entitlement, weil er glaubt, dass er wirklich berufen ist, von Gott diesen Shit zu machen.
Johannes Franke: Okay, let's agree to disagree. Ich glaube, da bin ich nicht... Okay. Wir haben eine Figur noch... ignoriert. HW.
Florian Bayer: HW und Henry.
Johannes Franke: Und Henry sind ja auch noch da. Und HW haben sie ja tatsächlich irgendwie versucht, über so ein Kindercasting zu kriegen und dann festgestellt, die ganzen... in Hollywood lebenden Kinder sind viel zu aufgedreht. Das sind keine echten Kinder, das sind alles Schauspielerkinder. Das können wir alles überhaupt nicht gebrauchen. Und dann haben sie wirklich in irgendwelchen, ich glaube texanischen oder wo war denn das? Jedenfalls haben sie irgendwo... eben nirgendwo gesucht und Familien besucht und geschaut, wo könnten wir denn ein Kind finden. finden, dem man auch abnimmt, dass es eine Waffe in die Hand nimmt und einfach mal drauf losschießt. Was ich schon eine krasse Voraussetzung finde. Absolut. Und dann haben sie eben diesen Jungen gefunden.
Florian Bayer: Dellen Frazier.
Johannes Franke: Und die Mutter... Arbeitet als Polizistin. Und als die Kasterin auf dem Weg war durch die Stadt, wurde sie angehalten von einer Polizistin. Rate mal, welche Polizistin. Und dann hat er gesagt, sie sind zu schnell gefahren, was ist denn hier los, kann ich meinen Ausweis und so weiter? Und dann hat sie sich den Ausweis angeschaut und gesagt, hm, ich glaube, ich habe sie heute Abend bei mir zu Hause. Und dann hat sie sie weiter durchgewogen.
Florian Bayer: Amerikanische Kleinstädte. Alter.
Johannes Franke: Geil. Und dann... Haben sie aber gesagt, hier, guck mal, wir haben dir so einen Film vor und Daniel Day-Lewis wird übrigens die Hauptrolle spielen. Und mit der Erwartung, dass alle sagen... Geil, Daniel Day-Lewis. Und die Familie so, hä, wer?
Florian Bayer: Und dann haben sie ihren Film gegeben. Ja, genau. Und den dümmsten Film, den man einer besorgten Helikoptermutter aus Texas geben kann, nämlich Gangs of New York.
Johannes Franke: Ist das geil.
Florian Bayer: Wo Daniel Day-Lewis den abgefucktesten Gangster-Kannibalen spielt, den man sich vorstellen kann.
Johannes Franke: Ist das geil. Dann gucken die den Film und sagen, nope, mein Kind geht da nicht mit diesem Typen durch die Gegend. Nicht mit diesem Mann. Und dann haben sie sich beeilt, ihnen noch einen anderen Film zu schicken. Nein, nein, nein, es gibt auch noch diesen Film, The Age of Innocence, das spielt ja ein ganz... Lieben, kultivierten Aristokraten, der kann das auch anders. Und dann haben sie den Film noch geguckt und haben gesagt, na gut, okay, dann darf mein Sohn das machen.
Florian Bayer: Es ist so schrecklich, ich find's so süß. Ich stell mir diese Frau vor, die wirklich einen Film sieht wie Delia Lewis und nicht unterscheiden kann zwischen dem und seiner Rolle. und diesen Film sieht man da ist er wirklich hart drüber und so und dann sagt, nein Nein, nein, nein, nein, nein Oh, geil
Johannes Franke: Naja, und dann durfte er doch und so. Und sie haben ihm fast keinen Text gegeben. Er redet kaum. Ganz, ganz wenig. Ich finde das, was er macht, wie er spielt, total gut. Und er hätte vielleicht auch mehr Text gewinnen können, irgendwie so kriegen können, aber ich... Ich nehme so ein bisschen an, dass sie auf Nummer sicher gegangen sind, weil sie nicht sicher wussten, ob das Kind das wirklich gut hinkriegt. Aber in der Szene, wo er sein Gehör verliert, finde ich, ist er wahnsinnig gut, wenn er was sagt. Er sagt ja dann so, ich kann meine Stimme nicht hören, ich kann meine Stimme nicht hören. Und das sagt er sehr eindringlich und sehr, sehr gut. Ohne zu schreien, ohne auszurasten, sondern wirklich wie ein richtig guter Schauspieler eigentlich in dem Moment. Das fand ich toll.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Ich finde es total spannend, dass er wirklich am Anfang rüberkommt wie so fast wie ein Hund. Er ist das Anhängsel von Daniel. Er steht dabei, wenn Daniel darüber redet, dass er ein Familienunternehmen hat, der ist so ein bisschen das Gimmick, was er mitgebracht hat, um anzukommen und es funktioniert ja auch.
Johannes Franke: In dem Moment ist wirklich das, was er am Ende sagt, ne? Bastard from a basket. Der einfach nur das schöne Gesicht ist, um das Land zu kaufen.
Florian Bayer: Und doch gibt es halt ganz viele... Momente zwischen Daniel und HW, wo man merkt, die hängen aneinander.
Johannes Franke: Ja, auf jeden Fall.
Florian Bayer: HW wird dann natürlich vor allem auch spannend, nachdem er sein Gehör verloren hat. Es gibt nämlich zwei große Momente von ihm. Zum einen, dass er... Henry von Anfang an misstraut, vielleicht auch eifersüchtig auf Henry ist, dass dann jemand Neues ist und den anzünden will. Also da sehen wir vielleicht am ehesten, dass H.W. was von seinem Vater Wenn er versucht, einen Menschen lebendig zu verbrennen und nicht daran denkt, dass ja sein Vater direkt daneben in dem anderen Bett ist. Und dann, wenn er von dieser Schule, bei der er war, zurückkommt und die haben diese geile, diese sehr, sehr weit, die Kamera müssen wir nachher noch reden. wie Daniel ihn begrüßt und umarmt und er ist wie so ein nasser Sack, lässt sich halt umarmen, aber macht sonst nichts. Und dann kommen sie näher an die Kamera und wieder dieser Umarmungsversuch und dann schlägt er auf ihn ein. Also HW schlägt auf Daniel ein. Und wo wir merken, es findet jetzt diese Loslösung statt. Und dann haben wir ja diese Montage auch, die... auch übrigens sehr stumpfemäßig, sehr stumpfemähnlich ist, wo er Gebärden lernt, wo er seinen Gebärdensprachlehre hat, wo er anbandelt mit Mary. Und dann erfahren wir auch, dass er sie dass er sie heiraten wird irgendwann und das sind Momente, wo wir merken, diese Emanzipation von seinem Vater und das ist finde ich, ist spannend erzählt. Also wir haben einfach einen anderen Henry, einen anderen HW in der zweiten als in der ersten Hälfte des Films.
Johannes Franke: Ja. Und im ganz letzten Teil als erwachsener Mensch. Ich bin so dankbar, dass sie einen wirklichen gehörlosen Schauspieler genommen haben.
Florian Bayer: Yes! Ach, ist das gut.
Johannes Franke: Das ist so selten so.
Florian Bayer: Russell Harvard.
Johannes Franke: Die Geschichte der Gehörlosen-Darstellung in Filmen ist keine rühmliche, aber dieser Film hat es wirklich gut geschafft. Und sie haben sogar es geschafft, nicht moderne Gebärdensprache zu benutzen, sondern sich wirklich historisch zu bewandern. Zu schauen, welche Gebärden gab es damals und das zu benutzen.
Florian Bayer: Oh krass, okay. Das ist wieder super gut. wieder so typisch P.T. Anderson und sein Perfektionismus. Ja, ja, ja.
Johannes Franke: Wirklich toll. Und ich freue mich auch darüber, dass der Interpreter, also der Übersetzer, nicht die große Rolle bekommt. Es gibt oft Filme, wo dann über Bande gespielt wird, wo der Übersetzer derjenige ist, der dann auch nochmal in... emotionale Bedrängnis kommt, weil der sagt was, was ich nicht übersetzen will und so. Und ein großes Bild auf ihn, wie er da irgendwie Emotionen hat und so. Und wir bleiben wirklich bei den beiden. Vater und Sohn, die sich unterhalten und der Übersetzer ist tatsächlich am Rand, wie es ein richtiger Übersetzer sein sollte. Nur Sprachrohr zu sein, das ist sein Job. Das finde ich sehr gut.
Florian Bayer: Ich finde es total spannend, weil wir in diesem Moment zum ersten Mal wirklich von HW hören, was er will. Und HW hat das offensichtlich total genossen zu bohren, weil er sagt ... Ich gehe nach Mexiko und mache mein eigenes Unternehmen auf, weil ich hasse, ich vermisse es draußen zu arbeiten, ich vermisse es in den Ölfeldern zu sein, ich vermisse das Bohren. Diese ganzen Sachen, die er zusammen mit seinem Vater gemacht hat. Was er offensichtlich so ein Bonding erstellt hat. Dieses wirklich draußen sein. und sich schmutzig machen. Das ist das, was ihm fehlt und das ist das, was er jetzt selbst machen will. Finde ich total großartig, dass wir sehen, ja, er hat total viel von seinem Vater mitgekriegt Und es ist diese Leidenschaft, auf dem Feld zu stehen und mit den Arbeitern zu arbeiten und sich schmutzig zu machen. Ja. Das vielleicht noch so grundsätzlich. Daniel und HW sind halt wirklich unabhängige Ölbohrer. Die sind nicht bei so einem großen Unternehmen. Das heißt, die machen sich selbst schmutzig, die stehen selbst auf dem Feld. Daniel ist der, der die Seile von dem Turm kappt, nachdem sie die Ader angestochen haben, nachdem der Brunnen was rausschießt. Daniel ist ständig mit Öl beschmiert, teilweise mit Öl und mit Blut. Der macht sich einfach dreckig, weil... Weil er halt nicht groß Standard Oil ist, sondern weil er ein kleiner Unternehmer ist.
Johannes Franke: Kleiner Unternehmer, naja.
Florian Bayer: Er wird zum großen Unternehmer, aber zum großen Unternehmer, weil er den ganzen Pipeline-Shit und so macht.
Johannes Franke: Ja, ist richtig, ja. Und das finde ich total cool, dass HW das gerne gemacht hat.
Florian Bayer: Was ... Wo über Daniel sagt, dass er es nur macht, damit er endlich genug Geld hat, um alleine zu sein. H.W. hat das total genossen. Ich glaube, er hat es auch genossen, weil er es zusammen mit seinem Vater gemacht hat.
Johannes Franke: Einmal noch den Schauspieler nennen, Russell Harvard, der gehörlose Schauspieler.
Florian Bayer: Henry. Gehen wir noch ganz kurz auf Henry. Der zweite zu dem ... zu dem Daniel eine emotionale Bindung aufbauen könnte. Sein vermeintlicher Halbbruder, der sich später als Betrüger entpuppt, und der dann ziemlich schnell nach dieser Entlarvung von Daniel eiskalt ermordet wird. Total krass.
Johannes Franke: Es ist ja von Anfang an jemand, der mit gedämpfter Stimme dasteht, ganz, ganz ruhig ist, ganz, ganz wenig nur Emotionen zeigt und Und im Wesentlichen sich da versucht irgendwie anzuhängen. Ja. Und auf eine Art und Weise... Die ich total ihm abnehme, nämlich wirklich ein Bruder sein zu wollen für diesen Menschen. Also nicht nur einfach als Ekel da ranzugehen und rauszuzutschen, was er kriegen kann. Sondern wirklich zu sagen, ich bin jetzt der Bruder, den du leider eben nicht mehr haben kannst. Ich habe meine Vorteile davon, aber dafür möchte ich auch dir wirklich was bieten.
Florian Bayer: Ich finde, das ist vielleicht ein bisschen böse jetzt dem Charakter gegenüber. Ich finde, seine Stimme klingt vor allem wie jemand, der zu oft vor Gericht gestanden hat. und irgendwie sagen musste, was er getan hat, weil er irgendeine kleine Ganoverei gemacht hat, Irgendeinen kleinen Diebstahl oder so und der dann mit so halblauter Stimme vor dem Richter steht und sagt, naja und dann bin ich in den Laden gegangen. So klingt er für mich die ganze Zeit. Und ich sehe diese Skepsis, die H.W. ihm gegenüberbringt. Natürlich wirkt sowas sehr schnell wie eine Strategie, aber ja, ich stimme dir zu, er ist auch jemand, der irgendwie einen Platz sucht. Er ist dann ja auch, es gibt dann ja auch wirklich die Momente, wo er ehrlich zu Daniel ist. Und zwar sofort.
Johannes Franke: Nachdem er gestellt wird, sagt er sofort, du, ich hau ab, ist in Ordnung. Ja. Er versucht gar nicht erst irgendwie zu sagen, nein, nein, ich bin doch dein Bruder, sondern sofort sagt, ist okay, wenn du nicht willst, ich mache mich auf den Weg.
Florian Bayer: Und das ist, glaube ich, genau das, was Daniel so richtig wütend macht, dass er diese, er hofft seinen Bruder zu finden. Und dann findet er dieses, wie er es ausdrücken würde, Würstchen. So einen ganz schwachen Menschen, der auch sagt so, Ich will eigentlich gar nichts mehr. Ich will eigentlich nur noch durchkommen. Ich will nur noch überleben, der überhaupt keinen Trieb in sich mehr hat, überhaupt keine Leidenschaft oder für irgendein Ziel oder so kämpft, sondern wirklich einfach nur irgendwie durchkommen will. Und ich glaube, das ist der Moment, wo so eine radikale Distanz zwischen Daniel und ihm entsteht und Daniel einfach sagt, das hat nichts mit mir zu tun. Und das ist diese Frustration, die ihn dann zum Mörder macht.
Johannes Franke: Ja. Und auch diese narzisstische, diese Kränkung, ne? Ja. reingefallen ist und so und die Wut auf sich selber, dass er irgendwie sich da hat reinziehen lassen und das nicht dreifach geprüft hat, ob das wirklich sein Bruder ist und so weiter. Weil er einfach diese Schwäche hat, also zumindest das, was er als Schwäche sieht, andocken zu wollen. an diesem Menschen andocken zu wollen, um auch zu verstehen, was wir vorhin hatten, sich selbst zu verstehen und irgendjemanden zu haben, der so ist wie er, damit er... jemanden hat, der auf Augenhöhe und auf eine bestimmte Art und Weise reden kann.
Florian Bayer: Ich weiß nicht, ob es gekränkter Stolz ist oder ob Narzissmus da eine Rolle spielt, weil seine erste Frage, die er an Henry stellt, als er ihn entlarvt hat, habe ich einen Bruder? Das ist ihm unglaublich wichtig. Darum geht es ja. Und es ist vielleicht wirklich dieses, er verliert in diesem Moment so viel. Er verliert wirklich, es war die Hoffnung, da jemanden zu haben. Das ist ein zutiefst frustrierender... Trauriger Moment für ihn.
Johannes Franke: Aber das ist eine Autoaggression. Aber er geht ja raus. Also er mordet ja.
Florian Bayer: Das ist, wie er immer damit umgeht. Deswegen, pass auf, deswegen kriegt Eli auch so oft auf die Fresse. Eli kommt immer zu ihm, wenn er eigentlich wegen was anderem frustriert ist. Eli kommt zu ihm, nachdem HW sein Gehör verloren hat, kommt Eli aufs Feld zu ihm und fragt, wann kommt. kriegen wir dann das Geld für unsere Kirche und wird verprügelt und noch mit so Ölschlamm getauft von ihm. Da reagiert er nicht wütend auf Eli, weil der nach dem Geld fragt. In jedem anderen Moment würde er sagen, irgendwann kriegst du dein Geld. Nein, nein, er ist wütend, weil er diesen Frust von was anderem in sich trägt, nämlich dass er seinen Sohn verloren hat.
Johannes Franke: Genau, ja. Was heißt verloren? Er hat ihn weggeschickt.
Florian Bayer: In seinen Augen hat er ihn verloren. Er hat ihn an die Behinderung, an die Gehörlosigkeit verloren. Und genau dasselbe, wenn er Eli am Ende in der Bowlinghalle erschlägt. Natürlich erschlägt er ihn nicht, weil er Eli hasst, sondern weil er total frustriert und wütend ist wegen ... Weil er total traurig ist, weil er seinen Sohn verloren hat und das ist offensichtlich, und zwar in diesem Moment wirklich, weil sein Sohn ihn verlassen hat und gesagt hat, ich bin froh, dass ich nichts von dir habe.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und das ist den Zorn, den er nach draußen trägt.
Johannes Franke: Aber da ist doch auch noch eine... Hörige Portionen Menschen hast dabei allgemein, oder? Also es ist jetzt nicht nur, dass er seinen Sohn verloren hat, das ist nicht das Einzige. Da steckt noch viel mehr dahinter.
Florian Bayer: Er hat diesen Menschenhass, aber ich glaube, wir erleben ihn als impulsiven Menschen. Und der aber nur in so Frustmomenten impulsiv ist. Ansonsten kommt er mit Konkurrenz und mit Bedrohung extrem gut klar. Also er ist... Er ist ja ständig im Kampf. Er redet mit den Farmern, die nicht verkaufen wollen. Er verhandelt mit ihnen und so weiter. Und ist dann auch wirklich gestellt und schafft es irgendwie. Und dann gibt es aber diese krassen Momente... wo er emotional tangiert ist und dann ausrastet. Zum Beispiel auch im Restaurant. Wenn die von Union Oil, von die Großen, ne ... Der große Konzerne da sitzt und er dann zu diesem Typen sagt, ich schneide dir die Kehle durch.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Das ist nicht, weil er hier mit einem Konkurrenten Angst machen will, sondern es ist einfach der Frust, der rauskommt wegen seinem Sohn, weil er hat gerade seinen Sohn weggeschickt.
Johannes Franke: Jaja, und wenn ihn jemand darauf hinweist, dass er Zeit mit seinem Sohn verbringen soll, Und jemand ihm sagt, eigentlich nur als Floskel, also gar nicht wirklich ernst gemeint. was er mit seinem Sohn machen soll, dann stößt ihn das darauf, dass er da gerade einen Fehler gemacht hat und dass er seinen Sohn verstoßen hat und so. Also das ist schon krass. Ich glaube aber, dass wir das Ende, nur um das noch mal zu sagen, ich glaube, das Ende müssen wir gesondert betrachten, weil das ist 16 Jahre später oder so. Und B, ist er da schon seit Wochen zugesoffen?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das ist eine andere Nummer.
Florian Bayer: Ist wahrscheinlich eine andere Nummer. Was ich nur sagen wollte, ich glaube, der Menschenhass von Daniel ist ganz oft eiskalt und sehr kalkuliert. Ändert nichts daran, dass er weiß, wie er sich zu verhalten hat. Und diese impulsiven Ausbrüche passieren immer, wenn er emotional irgendwie tangiert wird. Ja. Weil sein Sohn sein Gehör verloren hat, weil er erfahren hat, dass Henry ein Betrüger ist, weil er seinen Sohn wegschicken musste und damit konfrontiert wird, dass seine Familie nicht mehr das ist, was sie nach außen scheint. Das sind die Momente, die ihn emotional brechen und in denen rastet er aus. Ansonsten ist er eigentlich jemand, der trotz Menschen hast, ziemlich kühl und ziemlich berechnend bleibt.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Aber es gibt so ein, zwei Hinweise, die das Ganze ein bisschen schwieriger und komplexer machen. Ganz besonders zu sehen eben am Schluss, wenn Eli nochmal kommt ... Und er hat ja offensichtlich sich jahrelang schon in dieses Haus zurückgezogen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das heißt, er hatte keine... keinen Kontakt zu diesen Konkurrenten und diesem Kampf, den er früher hatte. Mit Eli zum Beispiel. Es war ja richtig... Ein erbitterter Kampf, den er da hat. Und ich glaube, das hat ihn auch ein bisschen am Leben erhalten. Und das war schon auch gut für ihn, diesen Kampf zu haben. im Leben zu stecken und sich auch dadurch ein bisschen zu spüren mehr und so. Der Alkohol betäubt ihn ja auch und das macht er ja nicht umsonst. Ich nehme an, dass das auch damit zu tun hat, dass er nicht mehr in dem Leben steckt, dass er sich da aufgebaut hat.
Florian Bayer: Wobei er schon immer gesoffen.
Johannes Franke: Er hätte schon immer gesoffen, das stimmt ja. Aber nicht auf diese exzessive Art und Weise. Weil hier sehen wir ihn schon in einem Zustand, wo wir denken, wow, okay, das ist jenseits von gut und böse. Und dann kommt Eli und wenn er ihn dann erschlägt, Drainage und so weiter, kommen wir gleich noch. Aber der Monolog, der da hinführt, aber wenn er ihn erschlägt, der erste Schlag ist impulsiv. Dann siehst du aber in seinen Augen, er... Hält kurz inne und entschließt sich dann sehr bewusst, ihn wirklich tot zu schlagen. Das heißt, es ist keine impulsive Handlung mehr, sondern es ist jetzt wirklich der Moment, wo er sagt, okay, Aber es könnte auch was damit zu tun haben, dass er am Ende sich umdreht und einmal sagt, es ist vollbracht. Um mal die Jesus-Referenzen nochmal mit reinzubringen.
Florian Bayer: Überlege ich, müsste ich nochmal gucken, wie viel Zögern da drin steckt. Aber natürlich spielt es auch eine Rolle, dass er den Kampf gegen Eli eigentlich verloren hat, weil die letzte Szene davor, die wir von ihm zusammen sehen, ist ja diese... krasse Taufe, ne? Wo Eli eine radikale Machtdemonstration einfach mal macht.
Johannes Franke: die letzte Szene, von der wir sehen haben.
Florian Bayer: Es ist der letzte Moment von den beiden.
Johannes Franke: Ah, okay.
Florian Bayer: Und zwar, wir sehen, es gibt noch eine Szene, wo beide drin sind. Und zwar, wenn Eli aussieht. auf Missionen geht und sich von den Leuten verabschiedet. Und Daniel sitzt neben dem Zug, der losfährt mit Glättrin. Und Daniel atmet erleichtert auf. Daniel hat den Kampf gegen Eli verloren. Eli ist der Sieger aus diesem Duell und ich glaube, das hat Daniel bei allem, was passiert ist, bei dem ganzen Reichtum, den er gesammelt hat, das hat er 20 Jahre lang nicht überwunden. Und deswegen erschlägt er ihn 1927. Ja.
Johannes Franke: Ja, also ja, auf jeden Fall, das stimmt. Er kann diesen Verlust nicht... Aber ich glaube auch, dass dieses Erschlagen etwas hat von ... Ich kann nicht mehr. Ich muss das alles, ich muss alle losen Enden jetzt einmal, wie so mit dem Feuerzeug das Ende von der Schnur, noch einmal veröden und dann ist gut. Der überlebt den Tag nicht. Das war's. Also das ist seine letzte Stunde, die er da eingeläutet hat. Sein Leben ist vorbei. Deswegen sagt er das auch so. Und deswegen bringt er ihn auch um, weil er muss das jetzt zu Ende bringen. Es geht so nicht weiter.
Florian Bayer: Ja, finde ich absolut zutreffend als Überlegung für diesen Moment. Weil wir sehen einfach einen Mann am Ende seiner Kräfte. Er schleppt sich ja durch dieses Anwesen. Er ist komplett verkatert, komplett durch, wenn Eli ihn weckt.
Johannes Franke: The house is on fire!
Florian Bayer: Oh, Paul Dayner, du bist so großartig. Was der für eine Stimme rausholt zwischendurch, das ist so geil. Es ist so würdelos auch. Und ich finde das so geil, dass er sich das traut und sagt, nee, Das muss hässlich sein. Also ich finde diese beiden Predigten, also zum einen die Taufe von Daniel. Und dann zum Zweiten diese gezwungene Predigt, wenn er wie in einer Predigt sagen muss, ich bin ein falscher Prophet auf der Bowlingbahn.
Johannes Franke: Das sind so stark.
Florian Bayer: Schauspieltechnisch, dramaturgisch, wie das sich langsam aufbauscht, wie es höher wird, wie es stärker wird, wie es mehr wird. Wie es auch umschwenkt von dem tatsächlich einfach realistischen Priesterverhalten zu so einer kompletten Theatralik. Also diese Bowlingbahn hat dann ja auch eine absurde Komik, wenn er wie jagt wird mit den Kugeln. Und auch die Messen, beide Messen, haben so eine absurde Komik, wenn er ihn schlägt und dann darf Daniel noch einmal machen, nachdem er getauft wurde. Das hat ja auch was sehr bizarres. Zares und Absurdes. Und diese Kombination von diesem Pathos und von diesem Aufbauschen, von diesem theatralischen Bisschen zum überspitzt Satirischen. Das ist fantastisch. Also ich bin da echt hin und weg. Und vielleicht müssen wir jetzt auch, oh Gott, wir haben schon viel zu lange geredet.
Johannes Franke: Wir müssen noch ganz viel reden. Also da gibt es noch so viel.
Florian Bayer: Ja, wir müssen irgendwie zur Inszenierung finden. Es gibt diesen Moment, wo wir über Bilder und Töne reden müssen.
Johannes Franke: Ach so, nee, lass uns mal erst mal.
Florian Bayer: Du willst noch bei den Figuren bleiben?
Johannes Franke: Nee, ich will vor allem die Probleme einmal auf den Tisch packen.
Florian Bayer: Okay, du willst jetzt meckern.
Johannes Franke: Ich will jetzt einmal kurz sagen, okay, was sind denn die Sachen, die mich wirklich stören? Weil wenn wir in die Bilder kommen, dann wird es wieder positiv. Okay, dann ziehen wir es am Ende wieder ein bisschen hoch.
Florian Bayer: Du kriegst deinen Block. Ich hasse diesen Film. Bitte.
Johannes Franke: Also erstmal das Spiel von Daniel Day-Lewis.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es gibt so eine ganz tolle Geschichte von Ephraim Kichon. Da handelt es sich um einen Schauspieler. Und der Schauspieler ist die ganze Zeit am Grübeln. Wie kann ich diese Figur spielen? Und er macht einen Haufen absurde Vorschläge. Ich könnte ihn hinkend spielen. Ist der große Satz, der mir hängen geblieben ist. So dieses, ich muss mich da reinbegeben und ich könnte ihn und dann gebe ich ihm noch ein... ein Stotterer oder sowas. Und dann überlädt er diese Figur mit allem Möglichen und am Ende ist es völliger Zirkus. Es geht nicht mehr. Und daran muss ich denken. Sorry, aber was Daniel Day-Lewis da macht... Er überfrachtet die Figur mit seinem Schauspiel. Im Idealfall, wenn ich einen Film gucke, vergesse ich, dass ich Figuren vor mir habe, Schauspieler vor mir habe, die das machen. Ich werde bei Danny DeLewis in jeder Minute daran erinnert, dass er spielt. Ich bin Schauspieler. Und da hat diese Stimme sich angeeignet. Die Stimme ist so geil.
Florian Bayer: Alter, sag nichts gegen diese Stimme. Übrigens, Leute, falls ihr die deutsche Synchronisation gesehen habt, guckt euch das Original an. Daniel Day-Lewis Stimme. Es ist ein tiefes Grollen. Du kannst ja das Gefühl, dass da irgendwie so ein Verstärker noch mit dran hält.
Johannes Franke: Ja, genau, genau. Aber bist du nicht die ganze Zeit daran erinnert, dass es ein Schauspieler ist, der gerade diese Stimme macht?
Florian Bayer: Ich weiß es nicht.
Johannes Franke: Und er drückt so sehr.
Florian Bayer: Ja, ja, ich weiß, er drückt. Ich glaube, ich bin einfach zu sehr hin und weg davon. Das ist ähnlich wie, wenn ein Film, und das macht dieser Film teilweise auch mit Bildern so beeindruckt, dass man trotzdem drüber nachdenkt, die ganze Zeit sagt, Oh, das sind beeindruckende Bilder, wird man ja auch rausgerissen aus der Immersion. Das habe ich hier eh nicht. Es reißt mich raus aus der Immersion, aber es beeindruckt mich trotzdem.
Johannes Franke: Es kann beeindruckend sein, ja, okay. Das Problem ist bloß, dass eben ... er seiner Figur komplett den Naturalismus verweigert, den sie eigentlich haben könnte, den Paul Dano total hat. Finde ich.
Florian Bayer: Aber Paul Dano ist doch teilweise auch voll drüber.
Johannes Franke: Aber weil er theatralischer Prediger ist. Das ist eine andere Nummer, das, was er da macht und weil er sich auch eine Person angegeben hat und vielleicht ist es auch bei Daniel Day-Lewis. Der sich auch eine Persona gegeben hat. Also die beiden geben sich irgendwie eine Persona und vielleicht kann man sich auch vorstellen, dass sich die Figur, diese Stimme...
Florian Bayer: Er hat doch ganz viel auch diese Krummelmomente, wo er wirklich so in sich reinquatscht. Klar, natürlich hat er die Stimme auch in diesen Momenten, aber ist es dann hauptsächlich die Stimme?
Johannes Franke: Es ist großer Teil die Stimme, aber ich finde auch, dass er ganz allgemein, wie er teilweise... So, ich weiß nicht, es ist so Schauspiel und irgendwie...
Florian Bayer: fucking großes Schauspiel.
Johannes Franke: Ja, also folgendes. Es geht in eine Richtung, die ich sonst eigentlich mag. Nämlich, dass die Figur selbst eine Art magischen Realismus bringt.
Florian Bayer: kommt.
Johannes Franke: Also, dass man keine realistische Figur mehr vor sich hat, sondern eine Version... die durch ihren Abstand vom Naturalismus wieder was Neues erzählen kann. Und das finde ich an sich nicht schlecht.
Florian Bayer: Ich würde gerne nochmal den Begriff stumpf im Schauspiel reinwerfen. Ah. Das theatralische Exaltierte sehe ich sowohl bei Dano als auch bei Louis. Und das hat für mich diese Sturmfilm-Ästhetik. Und ich weiß, Paul Thomas Anderson hat gesagt, nein, nein, wir wollen hier einen Film... der nicht die Vibes hat von damals. Der soll nicht aussehen, als er damals inszeniert worden wäre. Aber ich finde, dieser Film hat unter anderem auch im Schauspiel ganz oft diesen Rückgriff, diesen Rekurs auf Anfang des 20. Jahrhunderts. Dieses Theatrale. Wie sahen Filme damals aus? Wie haben sich Filme damals angefühlt? Griffith, unser Kuckucksklan-Regisseur, der hat das... Weißt du, wen ich meine?
Johannes Franke: Ja, W. D. Griffith. D. W. Griffith.
Florian Bayer: D. W. Griffith. Der hat das auch drin. Wenn du dessen Filme siehst, siehst du genau dieses Spiel und auch genau diese Art, sich draußen zu bewegen und Und diese Art, mit Gewalt umzugehen und auf Gewalt zu reagieren, ich sehe das da ganz viel drin. Und ich finde ... Ja, es ist nicht 100% realistisch. Es gibt diese realistischen Momente auch. dieses Theatralische ist, das ist jetzt sehr groß gesagt, transzendiert den Film so ein bisschen in diese universelle Richtung.
Johannes Franke: Ich verstehe, was du meinst und deswegen sage ich es ja auch selber, das hat so einen magischen Realismus oder so eine Überhöhung, die wiederum was anderes aufmacht, wo man wieder was anderes erzählen kann. und was mir als Zuschauer mal wieder durch den Abstand was anderes erzählen kann. Irgendwie stört es mich dann doch über die Länge des Films. Und ich denke, der ist so tief drin. Und irgendwie... Jeder Mensch hat mal leichte Momente in unserem Leben. Wo sind die? Was soll das?
Florian Bayer: Wenn er sich die Serviette über den Kopf macht.
Johannes Franke: So ein Arschloch-Move. Das Kind kann nicht mal mehr Lippen lehnen, weil es überhaupt nicht mehr passiert. Und das Kind muss sich so verarscht vorkommen in dem Moment. Was ist das?
Florian Bayer: Nee, er macht das ja nicht gegen das Kind, er macht das, weil er so böse redet, dass er nicht will, dass sein Kind das hört. So habe ich es zumindest gedeutet, weil er so böse gegen Union Oil redet.
Johannes Franke: Das habe ich noch nicht verstanden, aber vielleicht ist das so.
Florian Bayer: Gegen Standard Oil.
Johannes Franke: Aber aus der Perspektive des Kindes ist es hart, oder?
Florian Bayer: Ja, aus der Perspektive des Kindes ist es schräg.
Johannes Franke: Und ich habe auch das Gefühl, und jetzt wird es vielleicht nochmal ein bisschen schwerer zu erklären, ich habe das Gefühl, dass der Filmemacher keine seiner Figuren lieb hat. Und das ist immer eine schwierige Voraussetzung für einen Film, finde ich.
Florian Bayer: Das glaube ich nicht. Aber ich weiß, also liebhabend finde ich vielleicht, ich weiß, was du meinst. Ich glaube, er empfindet Empathie mit ihnen. Und das finde ich viel wichtiger, als sie lieb zu haben. Weil wenn du deine Figuren zu lieb hast, oder wenn du deine Figuren einfach nur lieb hast, dann...
Johannes Franke: Es geht ja nicht um einfach nur liebhaben.
Florian Bayer: Okay, dann sag es anders.
Johannes Franke: Aber mit Empathie bist du schon ganz gut. Ich sehe die nämlich nicht so richtig. Ich sehe nur in ganz kleinen Momenten, wenn die Figur dann doch mal mit... wenn die Vater-Sohn-Beziehung dann doch mal irgendwie ein bisschen erklärt wird und so weiter. Aber im Wesentlichen hebt sich der Film und auch die Schauspieler über die Figuren hinweg.
Florian Bayer: Das sehe ich nicht. Ich finde, da stecken so viele Momente drin. Das sind die, die ich versucht habe gerade so herauszuheben. Ich finde, ich habe schon ein paar genannt. Wo erklärt wird, warum möglicherweise Daniel so sein könnte, wie er ist. Warum Eli so sein könnte, wie er ist. Und das sind nicht nur menschliche Abgründe. sondern das ist auch einfach Menschliches, allzu Menschliches.
Johannes Franke: Weiß ich nicht. Irgendwie finde ich... Er rennt sich da sehr stark in diese misantropische und... Vielleicht geht er auch in die Falle, die die Rolle selbst geht, dieses Menschenhass.
Florian Bayer: Ich finde, dieser Film ist nicht misantropisch. Ich sehe, dieser Film ist pessimistisch.
Johannes Franke: Ja, sehr.
Florian Bayer: Aber ich finde nicht, dass dieser Film misantropisch ist. Dafür gibt er seinen... Dafür gibt er seinen beiden Hauptcharakteren, die wirklich düster sind, zu viele Nuancen.
Johannes Franke: Du kannst trotzdem dreidimensionale Charaktere erzählen, ohne dass du deine Charaktere nicht passt oder dass es irgendwie… Das kann trotzdem misantropisch sein.
Florian Bayer: Positive Nuancen ergibt im Moment, wo sie wirklich ehrlich, offen, nicht sympathisch, aber...
Johannes Franke: Aber ist das so wirklich? Weil ich kann nicht dadurch in sie reinschauen und sagen, okay, ich verstehe, wo das herkommt und ich will da vielleicht… Jetzt will ich ihn in den Arm nehmen, wenigstens einen Moment. Das ist ganz selten so.
Florian Bayer: Ich will ihn nie in den Arm nehmen, dafür ist der zu dreckig. Es gibt mehrere Momente, wo ich sowohl mit Daniel als auch mit Eli traurig bin.
Johannes Franke: Ich weiß nicht. Das habe ich ganz wenig. Ganz, ganz, ganz gewinnt. Bis gar nicht.
Florian Bayer: Aber wir haben natürlich, es ist natürlich, also es ist insofern ein blödes Verteidigungsmuster von mir jetzt, weil ich natürlich auch sage, das muss nicht unbedingt sein im Film. Wir haben diesen Streit ganz oft, diese Diskussion. wie viel muss man andocken können bei den Charakteren in einem Film. Und wir vertreten tatsächlich gegensätzliche Positionen, was das betrifft. Weil Johannes, du bist der Meinung ... Es muss irgendwas sein, um anzudocken. Man braucht irgendwas, woran man sich festhalten kann. Und ich bin der Meinung, es kann auch möglich sein, dass ein Film das gar nicht macht und trotzdem funktioniert.
Johannes Franke: Also natürlich will ich das nicht in Abrede stellen, dass es Filme geben kann. Dieser Film ist offensichtlich ein Film. Ganz eindeutig. Dein Anfang, ein Ende, Mittelteil. Sehr schön dich. Aber er ist halt nicht für mich. Weil ich an keiner Figur andocken kann. Und der Film auch aus irgendwelchen komischen Gründen mir das Gefühl vermittelt, dass diese beiden Typen einfach nur Naturkatastrophen sind, gegen die man nichts machen kann. Weil es gibt keinen Moment, wo irgendwo irgendein Arbeiter mal sagt, Moment mal, was passiert denn hier? Können wir mal vielleicht darüber reden, was hier passiert? Nicht ein einziges Mal gibt es irgendwo Widerstand oder sowas.
Florian Bayer: Das wäre aber auch, glaube ich, wenn du... Aber wenn du dir die Erdölindustrie Anfang des 20. Jahrhunderts anschaust, dann ist der Widerstand da so. Also ich glaube, das wäre sehr naiv, das Bild reinzuzeichnen.
Johannes Franke: Aber wenigstens jemanden, der mal auf die Idee kommt, mit seiner Frau darüber zu reden, dass das gerade echt nicht das Geilste ist.
Florian Bayer: Das ist natürlich eine Perspektivefrage, aber selbst da würde ich behaupten... Nein, das ist schwierig, weil die Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts so funktioniert.
Johannes Franke: Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass das auch nur in irgendeiner Zeit, auch nur über drei Monate oder sowas, nicht ein Mensch einmal darüber nachdenkt, das besser zu machen und es selbst in die Hand zu nehmen, damit es besser wird. Es gibt keinen Hoffnungsmoment.
Florian Bayer: Okay, versuchen wir diesen Moment auszumalen. Also du, ein Arbeiter, ne? Davon gehen wir. Und ein Arbeiter sagt, ich gründe jetzt eine Gewerkschaft?
Johannes Franke: Ja, so weit muss es ja noch nicht mal gehen. Aber Gewerkschaften sind ja nicht umsonst entstanden. Die sind ja entstanden auch in der Zeit. Ja, die sind entstanden.
Florian Bayer: Aber die sind vor allem im urbanen Raum entstanden.
Johannes Franke: Ja, aber weil du da auch andere Mittel hast, sich zu verbünden und so. Aber du kannst mir doch nicht erzählen, dass im ländlichen Raum nicht ein einziger den Gedanken mal hatte.
Florian Bayer: Hobby eher nicht und ich glaube, die Leute tatsächlich, die wahrscheinlich, und das jetzt auch nochmal, die Leute, die für Daniel arbeiten, denen geht es vielleicht besser als den Leuten, die für Standard Oil arbeiten. Weil bei ihm ist alles ein bisschen kleiner, ein bisschen überschaubarer, ein bisschen familiärer.
Johannes Franke: Also egal in welcher Situation du startest, du hast immer den Blick nach oben als Mensch. Das ist in dir drin. Du willst immer, dass es besser wird.
Florian Bayer: Das stimmt. Und du hoffst auch immer, dass es besser wird. Das ist ja dieses Verführerische an dem amerikanischen Traum, beziehungsweise dem amerikanischen Albtraum. Du rackerst dir jetzt den Arsch ab und dann wird es besser. Und guck doch mal, wie in Amerika, welche Macht haben Gewerkschaften in Amerika?
Johannes Franke: Eine ziemlich große.
Florian Bayer: Ziemlich kleine, würde ich behaupten.
Johannes Franke: Also wenn ich in die Filmindustrie gucke, dann darf, also als der Streik von den Autoren passiert ist, durfte überhaupt gar nichts mehr gewesen sein. gemacht werden.
Florian Bayer: Ja, genau. Dann bist du bei der Filmindustrie und bei den Intellektuellen. Guck dir mal an, wie es ist, wenn du irgendeine, keine Ahnung, du hast ein... Ein Warenlager irgendwo in Vermont und jemand sagt, wir gründen eine Gewerkschaft.
Johannes Franke: Dafür kenne ich mich nicht gut genug aus, das weiß ich einfach nicht.
Florian Bayer: Gewerkschaften. Amerika ist keine Sozialdemokratie.
Johannes Franke: Nein, nein, das stimmt.
Florian Bayer: Amerika, also ich meine in Deutschland könntest du sowas vielleicht erzählen, aber in Amerika ist es glaube ich wirklich schwierig.
Johannes Franke: Aber das ist eine urmenschliche Sache, die kannst du miterzählen. Egal, ob es da jetzt irgendwie tatsächlich große... starke Gewerkschaften gibt, aber das Bedürfnis des Menschen. Und das wird nicht ein einziges Mal erzählt. Das heißt, wir haben auch niemanden, für den wir hoffen können oder eine Idee. für die wir hoffen können. Es wird nicht einmal die Idee eröffnet, an die wir... glauben können, an die wir hoffen können, okay, das ist das, wo es hingehen könnte. Was ist mit HW? HW. Da ist ja überhaupt nicht entwickelt genug. Ganz am Ende wird einmal gesagt, ich gehe nach Mexiko. Das ist ein Hoffnungsmoment für diese Figur.
Florian Bayer: Und die Hochzeit? Und dass er eine Frau findet, die mit ihm zusammen Gebärden lernt.
Johannes Franke: Wir reden von zwei Minuten Film?
Florian Bayer: Ja, wir reden von zwei Minuten Film.
Johannes Franke: Was ist denn das? Das gehört ja fast gar nicht zum Film. Das ist ja fast schon so ein kleiner Zusatzfilm, der denn noch gezeigt wird.
Florian Bayer: so eine zweite Debatte von uns, nämlich wie hoffnungsvoll muss ein Film sein und ich finde, ein Film kann seine kathartische Aufgabe komplett erledigen, wenn er... absolut pessimistisch ist.
Johannes Franke: Es ist genau der gleiche Streitpunkt, den wir da haben. Es geht nämlich mir darum... dass ich an irgendwas mich festhalten will. Und wenn es nur Hoffnung ist, dann kann jeder ein Arschloch sein. Aber wenn ich irgendwo eine kleine Hoffnung habe, an der ich mich festhalten kann, funktioniert es auch wieder.
Florian Bayer: Wir hatten diese Diskussion echt schon oft, diese Frage, wie viele Hoffnung braucht man und wo muss Hoffnung platziert sein und wie muss sie platziert sein, damit du... damit für dich der Film rund ist. Und ich weiß, du sagst so, null Hoffnung, das ist es nicht. Und du willst ja gar nicht, du willst... Ich hab dich richtig verstanden, du willst kein kitschiges Ende, du willst kein Happy End, du willst nicht, dass alles gut wird und dass dann eine Gewerkschaft gegründet wird und dann ... Wird er am Schluss erschlagen und jemand läuft mit einer roten Fahne. Das willst du nicht, aber du sagst so, irgendwas muss es geben. Wenigstens so einen kleinen Schimmer von Hoffnung. Ja, genau. Ich glaube, dann ist dieser Film tatsächlich der falsche. Das geht nicht.
Johannes Franke: Überraschung. Und dann kommt noch dazu, dass ich auch noch in einem völlig anderen Kulturraum bin. Ich bin nicht Amerikaner genug, um mir das irgendwie auch noch Die Ursprünge des Kapitalismus anzuschauen und zu denken, ja, es ist ein Stück Geschichte, vielleicht sollte ich das mir mal angucken. Nein, das hat nichts mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin nur depressiv.
Florian Bayer: Aber dieser Film ist doch perfekt gemacht für uns Linke, europäische Snobs, damit wir so richtig herabflucken. herabblicken können auf die Amerikaner. Was machen die denn da mit dem Kapitalismus?
Johannes Franke: Das machst du wahnsinnig gerne, aber so bin ich nicht drauf.
Florian Bayer: Du könntest wenigstens den Anschluss haben, mich nicht auszulachen. Entschuldigung. Aber das war echt eine geile Aussage. Ich habe jetzt versucht, den Zuschauern zu verkaufen, dass ich der bessere Mensch bin. Johannes, jeder, der drei Folgen von unserem Podcast gehört hat, weiß genau, dass du das unglaublich gerne machst. Scheiße. Aber ich bin ja auch schuldig. Also definitiv schuldig im Sinne der Anklage. Paul Thomas Anderson ist Amerikaner, der darf das machen. Das ist keine kulturelle Aneignung, wenn er das macht und so auf diesen amerikanischen Traum blickt.
Johannes Franke: Okay, okay. Damit ist mein Rant einigermaßen vorbei.
Florian Bayer: Danke. Und dann reden wir mal drüber, wie er auf den amerikanischen Traum blickt. Und ja, du hast schon gesagt, es wird... Es ist natürlich schwierig, über die Bilder und über die Töne und über die Musik zu reden. Also ich habe kein kritisches Wort dazu, vielleicht um das einmal reinzuwerfen. Hast du irgendwas Negatives an den Bildern und der Musik und den Tönen?
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja, ja. Nervt dich die Musik? Ja.
Florian Bayer: Johnny Greenwood?
Johannes Franke: Äh, äh, Johnny, ganz toll, ne? Radiohead? Ich... Ich finde, dass der Film von Anfang an eine Horrorfilm-Ästhetik hat, im Ton, aber im Bild nicht. Und deswegen macht er bei mir eine Schere im Kopf auf, die sich nie schließt so richtig. Und dadurch, dass sie nicht ein einziges Mal übereinander liegen, die Bilder und die Musik, nervt mich das irgendwann. Ich finde die Schere am Anfang irgendwie interessant. Aber irgendwann schreibe ich auf, jetzt nervt's aber.
Florian Bayer: Übrigens, du hast es bestimmt auch in den Notizen stehen, ich finde die Dracula-Interpretation ist so ziemlich the worst take, den man auf diesen Film nehmen kann.
Johannes Franke: Ich fand es schon ein bisschen witzig, aber es ist natürlich, also ja, es ist Dracula, der da in der Gegend rumläuft.
Florian Bayer: Er saugt das Blut des Bodens aus, wie Dracula das Blut sei. Er ist ein Vampir.
Johannes Franke: Ja, ja. Aber das ist die Allegorie, die man mit dem Kapitalismus so oder so haben kann. Der Vampir, der den Menschen die Lebensenergie aussaugt.
Florian Bayer: Ich finde es eine extrem gute Entscheidung, keine historische Musik zu nehmen, weil das wäre ja so eigentlich bei so einem... Period Peace irgendwie naheliegend, dass man sagt, okay, wir nehmen jetzt irgendwie sowas, was nach der damaligen Zeit klingt. Ich stimme dir vollkommen zu, es gibt diese Schere durch diese Horrorfilmmusik, Ich finde, sie erzeugt ein permanentes Unwohlsein. Und vor allem liegt sie über dem gesamten Film wie so ein Teppich. Und auch wie so ein Teppich, der so ein bisschen was... Randomisiert klingt so hart und willkürlich klingt noch härter, aber es hat was davon. Also klar, es gibt so diese Spannungsmomente. die gesetzt sind, aber die sind auch manchmal willkürlich gesetzt. Manchmal wird so eine Spannung aufgebaut und es passiert gar nichts. Es ist gar kein spannender Moment. Für mich auch wieder ein Teil, der diese... diese Stummfilm-Asthetik rüberbringt, wo ja auch die ganze Zeit Musik drüber gespielt wurde über den Film und ganz klassisch natürlich live. Und die MusikerInnen, die da waren, sich halt selbst was überlegt haben, also orientiert an Noten manchmal, aber manchmal auch improvisiert. wie sie den Film unterlegen und dann ist sowas passiert und das finde ich stark. Das finde ich cool und das finde ich vor allem originell, ganz banal gesagt. Und Johnny Green wurde das einfach eine coole Socke.
Johannes Franke: Also ich fand es halt nervig, weil sich das nie auflöst, weil ich nie irgendwann mal eine Übereinstimmung zwischen dem Ton habe. Ansonsten, also wenn ich jetzt nur isoliert nur die Musik anhören würde, würde ich wahrscheinlich sagen, interessant. Irgendwie als tonal und musikalisch irgendwie interessant.
Florian Bayer: Übrigens, Paul Thomas Anderson hat sich bei diesem Film in Johnny Greenwood verliebt und... Drei Filme danach noch mit seiner Musik gemacht. Vier Filme. The Master, Inherent Vice, Phantom Threat und One Battle After Another, der neueste von ihm. Wurden alle mit der Musik von Johnny Greenwood gemacht. Wenn wir bei der Musik sind, zumindest kurz das Sounddesign hervorheben. Ich finde es echt krass, wie hier Also gerade in diesen Momenten, in denen sie in den Brunnen drinstehen, in denen irgendwas gearbeitet wird, dieses Knarren von Holz, dieses Zerbrechen von Holz, dieses Klirren von Metall, diese... Es ist eine unglaublich krasse Geräuschkulisse, die wirklich einnehmend ist.
Johannes Franke: Ja, das stimmt, das stimmt. Ja, ja. Ich kann dir nicht widersprechen. Du kannst mir nicht widersprechen. Ansonsten, die Bilder sind absoluter Hammer. Also das kannst du einfach, also jedes einzelne Bild kannst du ausdrucken, an die Wand hängen und dich freuen. Es ist so gut.
Florian Bayer: Ja. Robert Eiswit hat die Kamera gemacht, auch ein Weggefährte von Paul Thomas Anderson vor allem in der damaligen Zeit. Fantastische Bilder, die haben diese ... Diese Kombination aus der epischen Weite und aus diesen sehr nahen Szenen, wo wir so wirklich fest nah dran sind an den Gesichtern, Das Spiel mit Licht und Schatten, die Tiefe des Raums, das Spiel mit Unschärfen, das ist schon ... Und es fühlt sich alles so sehr analog an. Greifbar. Sie haben tatsächlich ein Objektiv aus der damaligen Zeit genommen dafür, ne?
Johannes Franke: Ach so, ja, ja, ja.
Florian Bayer: Auch wenn Anderson sagt, nein, nein, wir wollten neue Bilder schaffen. Sie haben von einer Pathé-Kamera von irgendwie aus den 1910er-Jahren... ein Objektiv genommen und das wurde umgebaut, dass es dann auf die Kamera, auf die moderne Kamera gepasst hat.
Johannes Franke: Als Normalo sieht man sowas eigentlich nicht so richtig, aber es macht schon echt was aus für das Gefühl, wie man so ein Bild anschaut. ob das wirklich durch so eine alte Linse gefilmt wurde. Also ich habe da einen kleinen Fetisch für. Ich finde das schon wirklich toll.
Florian Bayer: Ich finde, letzten Endes zählt dabei das Ergebnis. Und das ist halt wirklich stark. Also ich finde, die Bilder sind einfach nur ... die ziehen mich auch rein. Und vielleicht auch gerade das, was du vielleicht sagst, was die Charaktere an reinziehen, vermissen lassen. Ich finde, die Bilder machen da Überstunden.
Johannes Franke: Ja. Wir haben über den Milchshake noch nicht geredet.
Florian Bayer: Tatsächlich weiß ich nicht, warum die alle so abgefallen sind. Aber leg los. Die Milchshake-Szene.
Johannes Franke: Dieses Milchshake-Ding... ist nicht für den Film speziell erfunden worden, sondern das wurde tatsächlich vorher schon mal von jemandem gesagt so. Und zwar, als es um den Fall ging, der die Vorlage irgendwie für dieses Buch auch gegeben hat. Ja, nämlich Albert Fall, der damals bestochen wurde von Dohenny, das ist ein Typ, der auch Vorlage für die Hauptfigur in diesem Film ist. der in einer Anhörung irgendwann mal versucht hat, eben zu erklären, was Drainage ist. Dieses, was hier im Film eben auch erklärt wird ... Sir, if you have a milkshake and I have a milkshake and my straw reaches across the room, I'll end up drinking your milkshake. Milkshake. Und dieses Bild ist, das ist so infantil. Es ist so ein albernes Bild. Und das finde ich geil, weil der Film das sehr gut einsetzt, weil er... Daniel Plainview Paul Dano einmal infantilisieren will.
Florian Bayer: Mhm.
Johannes Franke: Weil er ihn auch so auf eine Art und Weise ihm das so erklärt. Ja. Übrigens, da gehe ich da rüber, ganz weit da drüben und dann kommt Timmy. Das ist so absurd gemacht, dass er ihn so richtig hart von oben klein macht. Ja. Deswegen finde ich das Bild tatsächlich gut und deswegen finde ich es auch berechtigt, dass die Leute sich darüber das so abfeiern.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil das Bild einfach genau zu dem passt, was der Schauspieler da macht. Das finde ich wirklich ganz gut.
Florian Bayer: Ich finde, es gehört zu diesen merkwürdigen Albernheiten, die manchmal so reingeworfen werden. Ja, ja, ja.
Johannes Franke: Es ist ja auch overacted und so.
Florian Bayer: Ja, total.
Johannes Franke: Hast du auch das Gefühl, dass die beiden eigentlich ein Comedy-Duo sind?
Florian Bayer: Durchaus. Die können eine gute Comedy-Routine auf der Bühne zusammen machen.
Johannes Franke: Und zwar dieses alte Konzept, was wir immer mal schon wieder besprochen haben, dieses der Straight Man, in diesem Fall eben Plainview und derjenige, der die ganze Theatralik macht und der die ganze Zeit Zauber macht. Eli. Und das finde ich so lustig, weil eigentlich könnten die ein komplettes Comedy-Duo sein. Und der Film ist ja auch für viele durchaus sehr lustig. Ich habe jetzt nicht gelacht, weil ich nicht so viel Spaß mit dem Film hatte. Ja. Aber wenn man in einer bestimmten Stimmung ist und den Film geil findet, dann kann man bestimmt auch viel lachen.
Florian Bayer: Ich finde, also ich lache bei diesem Film auch nicht viel. Das Gefühl, was bei mir erzeugt, ist eher so, es ist eine gewisse Größe und zwar tatsächlich eine Größe im Schmutz. Weil unglaublich viel Schmutz in diesem Film umherfliegt. Wir haben wirklich, wir haben Dreck, wir haben Blut, wir haben Blut im Dreck, wir haben Dreck auf Gesichtern, wir haben eine Haufe mit Öl und wir haben die ganze Zeit diese klebrige, zähe Masse, die überall klebt und dann den Rauch und dann das Feuer.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und das hat so was Opulentes. Ich finde, das ist eines der großen Eben des 21. Jahrhunderts, vielleicht sogar das erste große Epos neben den Herr-der-Ringe-Filmen.
Johannes Franke: Okay, ja.
Florian Bayer: Und auch, weil es halt auch macht, was halt eigentlich ein Epos immer machen will, diese in der Einzelgeschichte das große Universelle erzählen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und hier natürlich sehr einfach in der Geschichte von Daniel Blanview und Eli Sunday, die Geschichte des Kapitalismus und der Religion.
Johannes Franke: Ja und ich glaube aber, dass um es wirklich auf alles zu beziehen und die große Geschichte zu erzählen im Kleinen fehlt eben, und das habe ich ja eben schon ein paar Mal gesagt. Die andere Perspektive darauf, nämlich dieses Hoffnungsmoment und was machen die anderen damit?
Florian Bayer: Scheiß auf die Hoffnung. Der Film wurde 2007 gedreht. Es gibt keine Hoffnung. Dann gab es wieder Hoffnung. Yes, we can. Und dann ist alles in Bach runtergegangen.
Johannes Franke: Aber hast du nicht auch das Gefühl, dass dadurch, dass der Film das so macht und das ja auch sehr viel, fast schon fetischisierend, dieses Durchbeißen und nicht aufgeben und weitermachen? und so macht, dass er das gleiche Problem hat wie manche Kriegsfilme, was du immer wieder sagst. Dieses... Ich bin zwar gegen Krieg, aber irgendwie tappe ich dann doch in die Falle, das ein bisschen zu sehr zu fetischisieren und zu zeigen.
Florian Bayer: Nein, dafür ist er zu trostlos. Dafür gibt es einfach keinen Triumphmoment. Es gibt keinen richtigen Triumphmoment von Daniel. Am ehesten wäre das ja, wenn das Öl rausgeschossen kommt und er davor sitzt. Ja. Aber da wissen wir, sein Sohn hat gerade sein Gehör verloren und liegt da. Und sein Gefährte kommt zu ihm und fragt, ist... HW okay und er sagt, nein, er ist nicht okay. Und dann sitzt er einfach da sitzen. Und es gibt keinen großen Triumph im Moment. Deswegen gibt es keinen Moment, wo ich irgendwie das Gefühl habe, dass da sowas wie eine Kapitalismus-Apologetik stattfinden würde oder so. Überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Ich glaube sogar, wenn man Hoffnung mit Arbeitern reinbauen würde, die eine Gewerkschaft gründen oder so, dann würde diese Kapitalismuskritik eher entschärft werden. Oder dieser düstere Blick auf den Kapitalismus eher entschärft werden. Und plötzlich hätte man einen Moment von, ach, ist doch gar nicht so schlimm. Guck mal. Sie organisieren sich.
Johannes Franke: Das glaube ich nicht. So weit muss man ja nicht gehen. Aber ja, okay, ich verstehe deinen Punkt total. Aber so dieser Anfang ist schon so, ne? Die ersten 15 Minuten sind schon so, dass du auch unter Umständen denken könntest, wow, geil, harte Arbeit lohnt sich.
Florian Bayer: Du fieberst mit ihm mit, aber ich denke jederzeit, ich würde das nie im Leben machen. Und wir haben ja auch gleich den ersten Toten. Es dauert nicht lange, bis jemand einen Metallblock auf den Kopf kriegt und stirbt und Blut irgendwo im Öl rumschwimmt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Lass uns mal in unsere Top 3 springen.
Johannes Franke: Unsere Top 3. Eine Top 3. Wir haben eine Top 3. Du hast dir gewünscht... Oh Lord! Oh, Lord. Rituale.
Florian Bayer: Zeremonien. Alles, was religiös irgendwie so in diese Richtung geht.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Religiös oder spirituell. Das ist schon auch wichtig. Okay, muss ich anfangen?
Florian Bayer: Du musst anfangen.
Johannes Franke: Fuck. Was mache ich denn da hier als erstes? Was absurd religiöses? Pulp Fiction.
Florian Bayer: Ah, ja, genau sowas wollte ich hören.
Johannes Franke: Das ist so geil.
Florian Bayer: Der Fahrt der Gerichten.
Johannes Franke: Wie er immer diesen blöden Zitat bringt, was ja auch völliger Quatsch ist, was so nicht existiert. Was er auch mit so einer Wucht, weil er einfach etwas braucht, woran er sich festhalten kann und woran sich auch sein Gegenüber festhalten kann. Aber darüber reden wir. Wir reden über Pulp Fiction ganz lange und ausführlich. Die Hälfte davon habe ich leider schon wieder vergessen. Aber so ist das in diesem Podcast. Wenn man jede Woche einen neuen Film macht, dann weiß man irgendwann die Sachen nicht mehr so. Was ich sehr, sehr schade finde. Ist eine der Tragik, der großen Tragik in unseres Podcasts.
Florian Bayer: Ja, ist es definitiv. So viel lernen. Für so wenig. Mein Platz 3. Die Cones. Serious Man aus dem Jahre 2009. Da haben wir eine Bar Mitzvah. von dem Sohn der Familie, Danny, der halt diese typische Bar-Mitzvah-Zero-Romanie macht, wo man offensichtlich 50 Seiten aus dem Talmud lesen muss. Gott sei Dank bin ich kein Jude. Und er ist bekifft die ganze Zeit dabei. Aber er schafft es. Aber es ist sehr trippig, wie er da halt steht. in der Synagoge und alle gucken gespannt auf ihn und dann muss er halt wirklich komplett high aus dem Talmud vorlesen.
Johannes Franke: Ich habe auf Platz 2 etwas, wo ich es nicht ganz genau erinnere, aber so ein Gefühl davon habe. Hexan. Von 1922, so eine Pseudodokumentation. Und das ist krass, 1922 so eine Mockumentary. Das Konzept ist ja erst in den 90ern irgendwie groß geworden oder in den 80ern vielleicht. Eine Mockumentary, die so tut, als wäre es eine Doku über Hexen und so Hexenrituale und so. Und das ist so krass. Ganz viel Text, der auf dem Bildschirm ist, den man lesen muss. Und ganz viele Standbilder, die da irgendwie als Belege hingehen. Das ist so geil. Du hast mir den Anfang unseres Podcasts irgendwann mal gegeben.
Florian Bayer: Relativ früh, ne? Du fandst ihn gut.
Johannes Franke: Ich fand ihn wirklich, wirklich, das hat so viel Spaß gemacht. Und das bei einem Stumpffilm, wo man so viel lesen muss und trotzdem war es geil. Das war toll.
Florian Bayer: Cool. Mein Platz 2, einer deiner Lieblingsfilme, über die wir geredet haben. Das siebte Siegel aus dem Jahr 1957 von Uma Bergmann. Wo wir einer Prozession von Flagellanten, also von sich selbst geißelnden Christen beiwohnen dürfen. die auch sehr schmutzig und sehr deftig und sehr derb inszeniert ist. Großartiger Film, großartige Szene.
Johannes Franke: Ich hab auf Platz eins ... König der Löwen. Ja.
Florian Bayer: Oh ja, das ist echt eine geile religiöse Prozession.
Johannes Franke: Wie sie alle kommen, Fressfeinde nebeneinander stehen und sich verbeugen vor dem neuen König, dem zukünftigen König der Löwen.
Florian Bayer: Fantastisch.
Johannes Franke: Mit dieser Sonne, die da noch drauf scheint. Es ist geil. Und dieses Rituelle, was der Affe dann macht. Ja, voll absolut.
Florian Bayer: Absolut. Vor allem christlicher Mythos. Dann so draufgeflanscht auf Kinia, wo das ja offensichtlich spielt. Eine Honorable Mention von meinem Platz 1 in Titanic aus dem Jahr 1997 gibt es eine ganz großartige Szene, wo das Schiff untergeht und ein Priester. eine letzte Messe hält und sich mehrere Leute an ihm festklammern.
Johannes Franke: Oh ja, krass.
Florian Bayer: Und während das Schiff wirklich sinkt und sich in die Vertikale bewegt. Krasse Szene.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber mein Platz 1 ist die Totenmesse in Wer hat Angst vor Virginia Woolf, die der Vater für einen imaginären Sohn hält, während die Mutter verzweifelt sagt, dass er den Sohn nicht töten soll.
Johannes Franke: Krass.
Florian Bayer: Und dann sagt er tatsächlich diese lateinischen Verse einer Totenmesse auf.
Johannes Franke: Voll vergessen. Wir haben auch drüber gesprochen.
Florian Bayer: Werde Angst vor Welt, Junior Wolf. Ein sehr krasser Film, über den wir letztes Jahr, glaube ich, geredet haben.
Johannes Franke: Wenn ihr da draußen eine Filmempfehlung für heute Abend braucht, guckt euch, wer hat Angst vor Virginia Woolf an.
Florian Bayer: Aus dem Jahre 1966. Mit Elisabeth Taylor und Richard Barton.
Johannes Franke: Ja, sehr, sehr gut. Das war unsere Top 3, oder?
Florian Bayer: Ja, schöne Listen.
Johannes Franke: Schön.
Florian Bayer: Ich bin glücklich.
Johannes Franke: Dann gehen wir wieder zurück in unseren Film There Will Be Blood. Das war unsere Top 3.
Florian Bayer: Ich bin glücklich mit unseren Listen. Ich bin nicht glücklich mit dem, was du, wie du den Film bisher rezipiert hast. Auch wenn du das Bild offensichtlich cool fandst und auch wenn du wirklich interessante Gedanken dazu hattest. Wie kannst du diesen Film nicht mögen?
Johannes Franke: Was interessieren mich zwei Arschlöcher, die gucken, wer den größeren Penis hat? Was soll das? Das will ich nicht sehen. Das ist mir so wurscht.
Florian Bayer: Prestige von Christopher Nolan magst du, oder? Ja, ja, scheiße. Scheiße.
Johannes Franke: Was ich geil finde, ist das PTA, wie sie alle sagen, wenn sie ihn kennen, Paul Thomas Anderson. Paul! Was er gut hinkriegt ist tatsächlich, Szenen zu inszenieren. Und tatsächlich mir auch diese Langsamkeit zu verkaufen, wo ich ab und zu mal denke, kann ich denn auch in zweifacher Geschwindigkeit gucken? Sie reden sehr langsam und sehr viel Pause dazwischen. So viel Gravitas. Und ich finde, dass er diese Szenen tatsächlich so inszeniert, dass der Faden nicht reißt. Und das muss man erstmal schaffen, bei diesem Thema und bei dieser Art und Weise der Inszenierung und bei dieser Lamsamkeit. Und deswegen komme ich auch durch den Film durch. Also ich sag gerade was Positives, nur falls es nicht verstanden wird.
Florian Bayer: Ich weiß es durchaus wahr zu nehmen. Ich strafe dich trotzdem nachher mit einem vernichtenden Blick.
Johannes Franke: Ich finde, dass Paul Thomas Anderson es schafft, Szenen gut zu inszenieren. Und ich freue mich wahnsinnig darüber. Und ich freue mich auch, dass er in den Szenen selbst... Figuren aufeinandertreffen lässt, die etwas miteinander verhandeln, ohne dass das alles im Text stecken muss. sondern der inszeniert das so, dass ich das in Blicken und in Emotionen sehe und ich finde das sehr, sehr, sehr gut und ganz toll gemacht. Aber insgesamt frage ich mich, warum sollte ich mir das anschauen? Verstehe. Ich will es nicht sehen. Es tut weh und die Leute sind mir wurscht. Was interessiert mich, wer den längeren Schwanz hat? Es ist mir egal.
Florian Bayer: Nein, das ist ja nicht die Frage in diesem Film. Die Frage ist ja, warum dieser Schwanzvergleich das Problem ist. Ja, ja.
Johannes Franke: Ich bin so deprimiert danach. Ich habe keine Hoffnung mehr. Ich bin so fertig, dass ich denke, nee, jetzt erstmal Therapie für drei Wochen und dann ist gut.
Florian Bayer: Dann hat er ja auch was bewirkt. Emotional berührt. Das finde ich ganz toll.
Johannes Franke: Okay, du darfst jetzt den Film nochmal hochholen.
Florian Bayer: Ich hole ganz klein wenig aus. Das ist tatsächlich der erfolgreichste Film von Paul Thomas Anderson. Acht Oscar-Nominierungen 2008 bei der Oscar-Verleihung. Er hat aber nur zwei gewonnen, für die beste Hauptdarsteller. Daniel Day-Lewis und beste Kamera. Und er hat praktisch alle, in allen anderen Kategorien hat er gegen... gegen die Cones-Fallung, gegen No Country for Old Men. Und damals, als ich den Film gesehen habe zum ersten Mal, I get it. Habe ich es genauso gesehen. Habe ich auch gesagt, No Country for Old Men war der bessere Film, der bessere abgefuckte, düstere Kommentar zum abgefuckten, düsteren Amerika, so wie wir es gerade erleben. Und jetzt voll lame, ich bin denselben Weg gegangen wie die meisten anderen Kritiker, die das nämlich damals auch so gesehen haben. Und die den Film auch eher so durch Wachsen rezipiert haben und dann irgendwie fünf Jahre später gesagt haben, ah, wenn wir jetzt die besten Filme der 2000er Jahre machen müssen, dann ist der wahrscheinlich doch ganz weit oben und zwar bis auf Platz 1 hoch. Und ich bin tatsächlich wirklich so ganz lame in der Herde diesen Konsens mitgegangen, nachdem ich ihn Irgendwie dann so zwei Jahre später oder so noch mal gesehen habe, hab ich gedacht, wow, nein, das ist wirklich ein verdammtes Meisterwerk. Das ist ein unglaublich guter Kommentar auf ganz viel, was schief läuft in Amerika. Ein unglaublich gutes Porträt zweier krasser Menschen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Mit sehr viel... mit sehr vielen Nuancen, mit sehr vielen allegorischen Möglichkeiten, wie man das Ganze deuten will. Und es ist ein Film, der unglaublich gut aussieht, sich unglaublich gut anhört und die ganze Zeit diese... diese Opulenz mit sich bringt, diese Schwere mit sich bringt, dass er halt irgendwie auch nochmal ein Stück mehr ist. Also im besten Sinne des Wortes ein Epos. Und wahrscheinlich für mich das beste Epos des bisherigen 21. Jahrhunderts.
Johannes Franke: Und du willst sagen, nur Country for Old Man ist scheiße.
Florian Bayer: No Country for Old Men ist ein großartiger Film, aber kein Epos, sondern ein richtig geiler Spätwestern, den wir auch nochmal gucken müssen, aber er erwartet keine Hoffnung. Hast du den gesehen?
Johannes Franke: Ich glaube, den habe ich gesehen, ja. Und es war auch nicht viel Hoffnung, ja.
Florian Bayer: Es ist ziemlich abgefuckt und düster. Er ist nicht mein Lieblingsfilm von Paul Thomas Anderson oder P.T., wie wir unseren Freund nennen. Ich darf P.T. zu ihm sagen. Ach so. Aber er ist einer seiner besten Filme. Er ist ein absolutes Meisterwerk, ich finde. Absolut sehenswert. Und gerade was so Kino des frühen 21. Jahrhunderts betrifft. Ein absoluter muss man sehen Film.
Johannes Franke: Weißt du, das Problem, was ich vielleicht auch ein bisschen habe, ist, dass es total folgerichtig ist, dass in diesem Film keine Frauenfiguren zu sehen sind. Aber das ist... Muss ich das heute sehen? Ich lebe in einer Zeit, wo das irgendwie uninteressant geworden ist, so Männerfilme zu sehen.
Florian Bayer: Wenn sowas erzählt wird, gerade was so Männlichkeit thematisiert. Ja, ja. Und die Art, wie Männer miteinander gekämpft haben Anfang des 20. Jahrhunderts und wie sie wahrscheinlich heute immer noch kämpfen, weil sie sich nicht weiterentwickelt haben, dann ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Du hast eine monothematische Perspektive.
Florian Bayer: Natürlich, es sind drei Themen in diesem Film drin. Kapitalismus, Religion, Männlichkeit.
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und gerade wenn man auch dieses Kräftemessen, dieses männliche Kräftemessen im Kapitalismus verstehen will, ich glaube, der ist ein richtig wichtiger Beitrag dazu.
Johannes Franke: Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber irgendwie interessiert es mich nicht. Ach, Mann.
Florian Bayer: Dabei bist du doch so gut dabei, über Amerika abzulästern und über den amerikanischen Traum und den Kapitalismus. Es sollte doch ein gefundenes Fressen für dich sein.
Johannes Franke: Also ich meine, nicht falsch verstehen, ich habe mich sehr über dieses Gespräch gefreut.
Florian Bayer: Ja, das Gespräch war toll.
Johannes Franke: Weil wir eben auch darüber reden konnten, über genau diese Themen. Und ich bin eben derjenige, wie du sagst, der wahnsinnig gerne... auf diesen amerikanischen Traum raufscheißen will und sagen will, Alter, guckt euch doch mal an, was da passiert, was das soll und wie wir uns da in die Scheiße reiten mit. Aber der Film an sich, ich wollte ihn mir nicht angucken. Aber egal, habe ich jetzt tausendmal gesagt. Wir gucken mal, was wir nächste Woche machen. Da holen wir uns dann aus der Scheiße wieder raus. Oder wir gucken No Country for Old Men. Mal gucken.
Florian Bayer: Du bist dran, ne?
Johannes Franke: Ich bin dran. Oder das Publikum ist dran.
Florian Bayer: Das Publikum ist dran.
Johannes Franke: Haben wir zufälligerweise jemanden, der No Country for Old Men sich gewünscht hat?
Florian Bayer: Das schaue ich jetzt nach. Das wäre es nämlich dann.
Johannes Franke: Dann haben wir nämlich ein Double Feature quasi.
Florian Bayer: Nein, No Country for Old Men kommt nicht in unserer Liste vor. Lass mich mal schauen, was wir hier haben. Während wir hier nachschauen, was wir hier haben, wie immer euch vielen Dank fürs Zuhören. Vielen Dank, Johannes, dass du den Film geschaut hast.
Johannes Franke: Vielen Dank.
Florian Bayer: Ich hasse dich dafür, dass du ihn so fertig gemacht hast.
Johannes Franke: Toll, ich habe mich noch nie so gerne gehasst.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, was es nächste Woche gibt, wahrscheinlich Publikumswunsch. Bleibt noch kurz dran. Ansonsten wie immer, lasst es euch gut gehen. Lebt euer bestes Leben. Seid nicht wie Daniel. Bis dahin, ciao. Bis dahin, ciao.
Johannes Franke: So Plur, es gibt da etwas und zwar tatsächlich nicht von mir und nicht von dir, sondern wir haben einen Publikumswunsch. Es hat sich leider niemand No Country for Old Men gewünscht.
Florian Bayer: Ja, aber den müssen wir irgendwann mal machen. Aber wir haben auch, also die Cones haben wir ja auch schon ordentlich durchgenommen, ne?
Johannes Franke: Das stimmt. Das klingt... Aber ja. Nein, wir nehmen einen Wunsch von ...
Florian Bayer: Nele, und zwar via Instagram hat sie geschrieben. Hallo ihr beiden, erstmal herzlichen Dank für euren Podcast. Jetzt kommt sehr viel Honig ums Mord. Ich bin vor ca. zwei Wochen auf euren Podcast gestoßen und habe jetzt schon fast alle Folgen zu den Filmen, die ich kannte, durchgesuchtet Klassisches Schema.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Wir haben zu viele Menschen, die einfach nur die Episoden hören von den Filmen, die sie kennen. Aber macht das ruhig weiter, alles gut. Ihr macht das einfach mega gut, vor allem, wenn ihr sowas schreibt dann. Und nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch auch direkt einmal einen Film vorzuschlagen, nämlich... Das Millionenspiel aus dem Jahr 1970. Einfach ein genialer Film und vom Thema her irgendwie total zeitlos. Was meint ihr dazu? Fragezeichen.
Johannes Franke: Ich habe den noch nicht gesehen. Ich weiß es nicht. Es ist endlich mal wieder ein deutscher Film.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und es ist wohl irgendeine Form von Skandalfilm.
Florian Bayer: Ich habe ihn gesehen, aber ist schon sehr lange her und ich habe ihn nur einmal gesehen. Skandalfilm, ich glaube, weil es gibt zumindest die Gerüchte, dass Menschen ... Das damals ernst genommen haben, als das im Fernsehen lief.
Johannes Franke: Es ist eine Art Mockumentary. Also wir tun so, als ob das, was da jetzt auf dem Fernsehbildschirm passiert, wirklich passiert.
Florian Bayer: Genau und es geht um eine Fernsehshow, bei der der Protagonist, der eine Million gewinnen kann, wenn er sich jagen lässt. Also kennt man auch als Motiv von Stephen King aus Running Man, über den wir dann bestimmt auch reden werden.
Johannes Franke: Stimmt.
Florian Bayer: Ich bin sehr gespannt, weil es wirklich lange her ist. Ich habe kaum noch Erinnerungen an diesen Film, außer dass ich noch weiß, dass Dieter Thomas Heck nicht sich selbst spielt, aber den Showmaster gibt.
Johannes Franke: Und noch ein anderer Dieter, nämlich Hallervorden.
Florian Bayer: Dieter Hallervorden, der einige merkwürdige Ansichten in den letzten Jahren entwickelt hat.
Johannes Franke: Ja, wir haben Spaß mit das Millionenspiel. Diesen Spaß könnt ihr auch haben. Guckt euch den Film an. Es gibt ihn auf. YouTube.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Tatsächlich, einfach YouTube anschmeißen, das Millionenspiel, das sind 95 Minuten, das ist bestimmt keine verschenkte Zeit. Schaut euch den Film an und dann kommt nächste Woche wieder an diese Stelle. Und dann sitzen wir ja schon, warten auf euch. und besprechen den Film Das Millionenspiel.
Florian Bayer: Wir freuen uns. Bis dahin. Tschau.
