Episode 123: The Painted Bird (2019) – Wie viel Grausamkeit verträgt ein Film?
Wir sprechen über Václav Marhouls radikale Tragödie „The Painted Bird“ aus dem Jahr 2019. Auf dem kontroversen Roman von Jerzy Kosiński basierend erzählt er die Geschichte eines kleinen Jungen, der in den 1940ern durch das vom zweiten Weltkrieg verheerte Osteuropa irrt.
Um die Diskussion ein wenig vorwegzunehmen: Selten waren wir bei unserem Podcast so sehr unterschiedlicher Meinung. Während Plor in dem Film ein radikales Meisterwerk sieht, dass sowohl realistisch als auch parabolisch menschliche Abgründe darstellt, sieht Johannes darin einen übertriebenen Torture Porn, dessen pessimistisches Menschenbild ihn unzumutbar macht. So oder so, es handelt sich um einen speziellen, einen krassen Film, der Sehgewohnheiten herausfordert und dem Publikum einiges abverlangt.
Passend dazu listen wir in unseren Top 3 Filme auf, die uns gequält und zermartert haben, im guten wie im schlechten Sinne.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 123: The Painted Bird (2019) – Wie viel Grausamkeit verträgt ein Film? Publishing Date: 2023-05-10T08:24:38+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/05/10/episode-123-the-painted-bird-2019-wie-viel-grausamkeit-vertraegt-ein-film/
Johannes Franke: Ja, aber Osteuropa der 40er Jahre hatte auch glückliche Menschen. Also, was ist denn das für ein Bild? Was ist denn das für ein Bild von der Menschheit? Flo, wollen wir es wagen? Geht es los?
Florian Bayer: Wir wagen es. Herzlich willkommen, liebe ZuhörerInnen, zu einer neuen Episode vom Muss-Man-Sehen-Podcast. Wo wir uns gegenseitig Filme zuwerfen und sagen, hey, den musst du sehen, den habe ich gesehen. Oder auch mal, hey, den musst du, glaube ich, sehen. Ich glaube, weil... Ich den auch sehen muss und weil ich den schon lange auf meinem, ich muss den unbedingt sehen, stapeligen habe.
Johannes Franke: Seit 2019 hat der da wahrscheinlich rumgelungert, kann das sein?
Florian Bayer: Ne, seit 2021. Ne, noch nicht mal so lange. Die Blu-Ray von Bildstörung. denen wir es zu verdanken haben, dass es diesen Film überhaupt im deutschsprachigen Raum gibt, zu kaufen gibt und sogar einen Kinorelease hatte. Die wurde, glaube ich, 2021, wenn nicht sogar 2022 veröffentlicht. Ich habe die relativ kurz nach der Veröffentlichung gekauft. Bildstörungen gehören zu den wenigen Newslettern, die ich wirklich gerne kriege, wo ich mich immer über neue Mails freue, weil... Für die Leute, die es nicht wissen, ist ein Filmlabel und die haben sich auf das spezialisiert, was man wahrscheinlich am ehesten als extreme Filme bezeichnen würde. Also experimentelle Filme, amogadistische Filme, auch mal so ein bisschen trashige Filme. Auf jeden Fall Filme, die irgendwie so neben der Spur laufen. Der Name ist ja schon... Ja, ziemlich bezeichnend. Und die schaffen es tatsächlich sehr, sehr spezielle Filme aus dem Ausland. auf den deutschen Markt zu bringen, die sonst hier gar nicht rezipiert werden würden. Und ich freue mich über deren Newsletter und in deren Newsletter war dann drin, hey, wir haben hier diesen Film... Von Vaclav Mahul, The Painted Bird, eine elegische, düstere Odyssee, keine Ahnung, so in diese Richtung. Und ich dachte, oh ja, das klingt wirklich interessant. Hab mir was ein bisschen drüber durchgelesen, dann gedacht, den Film muss ich unbedingt gucken und ja, hab dann wahrscheinlich vor einem Jahr ungefähr die
Johannes Franke: Du hast mir vor allem begeistert den Trailer gezeigt, der dich so ein bisschen an Tarkovsky erinnerte anscheinend.
Florian Bayer: Ja, ich habe ja so ein Faible für so langsame Erzählungen, für gewaltige Bildsprache im sogenannten Independent-Kino. Also wenn ein Film nicht mit viel Budget gemacht wurde ... Und nicht diese Hollywood-mächtige Bilderklischees hat, aber trotzdem eine eigene, mächtige, kunstvolle Bildsprache hat. Und genau der Trailer vermittelt das glaube ich schon so, dass der Film das hat. Das ist ja auch ein Cinema Scope Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Also wir haben sehr viel Rahmen oben und unten. Ein sehr breites Bild in Schwarz-Weiß und es gibt sehr viele Landschaftsaufnahmen, düstere Bilder, allegorische Bilder. Das ist einfach Zeug, auf das ich stehe. Ich wusste aber tatsächlich auch nicht so genau, worauf ich mich einlasse, als ich den Film dann geguckt habe und als ich ihn dir vorgeschlagen habe.
Johannes Franke: Also nur zur Erklärung, warum wir diese Episode ein bisschen mit einem Seufzen eröffnen. Ich glaube, wenn ihr den Film gerade gesehen habt und danach das... Bedürfnis habt, euch einen Podcast dazu anzuhören, um zu schauen, was andere dazu sagen oder denken oder fühlen dann geht man nicht mit dem großen Partyereignis rein, sondern man ist eher, naja, wir schauen mal, ob wir uns da langsam annähern können, was da passiert.
Florian Bayer: Ich habe Johannes nochmal, nachdem ich den Film dann gesehen habe, nochmal geschrieben, ey Johannes, nur zur Vorwarnung, da sind teilweise echt krasse Szenen drin und so mit dem Wissen... Ich gebe dir das jetzt einfach einmal mit und ich habe totales Verständnis dafür, wenn du den Film nicht gucken willst. Weil so viel kann ich schon vorwegnehmen, mich hat der Film erschlagen. Also mich hat der echt mitgenommen und mich hat der auch ziemlich lange beschäftigt.
Johannes Franke: Dann lass uns doch mal nach und nach rausfinden, warum der Film erschlägt. warum der Film vielleicht auch länger Spuren hinterlässt und ob der Film Ob gut ist oder nicht gut ist, ob er in die Liste gehört, muss man sehen oder nicht. Worum geht es denn eigentlich?
Florian Bayer: Also The Painted Bird ist aus dem Jahr 2019 und basiert eigentlich auf einer Vorlage von einem Roman aus den 60ern. Goschinski hat 1965 einen vermeintlichen autobiografischen Roman geschrieben. Und zwar über seine Kindheit in Polen während des Zweiten Weltkriegs. Und das Buch hat schon ziemlich schnell nach der Veröffentlichung für ganz schön festgestellt. viel Wirbel gesorgt, weil ihm vorgeworfen wurde, er würde Geschehnisse extrem ausschlachten mit seinen brutalen Schilderungen. Er würde so eine Art Torture auch wenn das Wort Torture-Porn damals noch nicht benutzt wurde für solche Schilderungen von Gewalt, die sehr explizit sind, wurde vorgeworfen, er wäre feindlich gegenüber der polnischen Bevölkerung. weil es geht sehr viel um die polnische Landbevölkerung in dem Roman, wie die sich verhält und die kommt dabei nicht besonders gut weg. Kleiner Spoiler. Und dann kam aber der Hauptvorwurf, dass nach und nach rauskam, dass das Ding eigentlich Fiktion ist und dass er relativ sicher auf dem Land war in Polen, wo er war während des Zweiten Weltkriegs. Und er musste dann selbst auch irgendwann eingestehen, ja, Es ist eine Autofiktion, so war der es dann genannt. Ich habe Ideen, aber auch Sachen, die wirklich passiert sind, die ich von anderen gehört habe, habe ich verwoben zu einem Roman. Ja, es ist nicht so wirklich eine Autobiografie. Und dadurch ist der Roman selbst irgendwie so ein bisschen auch in die Geschichte eingegangen als einer der Chronologen. großen literarischen Schwindel der modernen Literatur. 1991 hat Koschinski Selbstmord begangen. Er hat... Ich glaube, er hat sich tatsächlich nie so ganz erholt von diesen Diskussionen um den Roman, wobei das ein bisschen zu viel Psychologie Das ist in Erinnerung geblieben von ihm und von seinem Werk. Und wenn man heute was über ihn liest, kommt das immer mit der Fußnote, naja, der hat die diesen Roman geschrieben. Der Roman war sehr kontrovers, wurde kontrovers rezipiert und hat sich als Schwindel entpuppt, obwohl der Autor das als Autobiografie verkauft hat. Wie gesagt, es geht um eine Kindheit in Osteuropa. Das ist schon mal eine große Änderung vom Film. Vaclav Mahul heißt der Regisseur, der den Stoff vor... über zehn Jahre für sich entdeckt hat und der dann sehr begeistert von dem Buch versucht hat, die Verfilmungsrechte zu sichern, offensichtlich selbst auf so eine kleine Odyssey gegangen ist, um die sich... um die irgendwie zu kriegen und hat es dann geschafft und hat dann eben diesen Film umgesetzt und hat von Anfang an gesagt, es ist keine Eins-zu-eins-Adaption des Romans. Ich versuche irgendwie auch ein bisschen was anderes zu erzählen. Es soll auch kein historischer Film über den Zweiten Weltkrieg sein, sondern ich will irgendwie was anderes erzählen. Und er hat dann diesen dreistündigen Film gedreht. Der drei Stunden lang behandelt wie ein junger, unser junger, ganz langer namenloser Protagonist, am Ende des Films kriegt er einen Namen. ein nicht näher spezifiziertes Osteuropaland, Hinterland in der Zeit des Zweiten Weltkriegs irrt. Und zwar geht es damit los, dass er das Heim verliert. Er ist ein Kind von Juden, wie wir später erfahren. Und die Eltern haben ihn auf dem Land untergebracht, weil sie Angst hatten, dass er in die Hände von den Nazis gerät. Und das Heim verliert er aber, weil seine Pflegemutter da stirbt. Und dann zieht er eben los auf diese Odyssee und Kommt dann von Bezugsperson zu Bezugsperson. Der Film ist auch sehr, sehr episodisch unterteilt in die einzelnen Bezugspersonen, die er trifft. Jede einzelne Episode hat als Titel einfach nur den Namen dieser Bezugsperson. Er trifft auch verschiedene Menschen, die ihn aussprechen. die sich um ihn kümmern, die aber vor allem böse sind und ihn ausnutzen. Und um das nochmal stark zu machen, der Film ist, ich glaube, unabhängig davon, ob man ihn gut findet oder schlecht. Ist der Film extrem harter Tobak, weil man weiß einfach in 95 Prozent der Fälle, hinter den Menschen, auf die er trifft, steckt nichts Gutes. Und wir kriegen ein... einmal in fast drei Stunden alles präsentiert, was es an menschlichen Abgründen so... zu sehen gibt. Wir erleben sexuelle Gewalt, wir erleben Extrembrutalität, wir erleben Mord. noch und nöcher jegliche erdenkliche Form von Vergewaltigung und es ist eine einzige Tortur. die dieser Junge durchlebt, während er dann selbst auch nach und nach abstumpft und irgendwann anfängt, das auch einfach als Realität zu akzeptieren. Und mitzuleben und einfach versucht darin irgendwie zu überleben. Johannes, mich hat der Film echt mitgenommen. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Sag mal was dazu.
Johannes Franke: Ich habe dich jetzt einfach mal reden lassen. Damit wir einmal einen Überblick haben darüber, was passiert. Der Überblick ist auch... Eigentlich relativ klar, weil der verliert halt sein Zuhause und dann kommen halt die ganzen schlimmen Situationen, in die er gerät. Der Krieg findet statt am Rande. Was muss man dazu sagen? Die Frage schwebt im Raum, ob es ein Kriegsfilm ist. beziehungsweise Antikriegsfilm. Aber das werden wir auch noch beantworten. Mich hat der Film, um die Frage zu beantworten, Sehr, sehr mitgenommen und beschäftigt. Aber er hat mich auch sehr, sehr wütend gemacht. Auf den Film. Und auf den Autoren und auf den Filmemacher und auf alle, die irgendwie gedacht haben, das wird was. Und jetzt wird es wahnsinnig schwierig, das auseinander zu klamisern, warum ich wütend geworden bin.
Florian Bayer: Versuchen wir es mal so mit dem Offensichtlichen, was man den Film natürlich vorwerfen kann, ist, dass er eine Art von Torture-Porn ist. Weil wir erleben sehr viel Gewalt und es wird sehr viel Gewalt erzählt und zwar wirklich brutale Gewalt. Ja, wie gesagt, auch sexuelle Gewalt. Auch sowas wie Folter und wirklich einfach menschliche Abscheulichkeiten.
Johannes Franke: Ich würde gerne, um den Bogen besser zu spannen, tatsächlich mit dem Positiven anfangen und dann ins Negative reinrutschen. Also ich glaube sonst, dass ich abrutsche in eine... In etwas, wo ich nicht mehr rauskomme. Also lieber erstmal das Positive. Was ich sehr gut finde und sehr spannend finde, ist die Sprache, die ihr benutzt. Es gibt kein Polnisch, es gibt kein Tschechisch, sondern es gibt eine... ja, interslawische Sprache, die einfach wie so ein Esperanto funktioniert.
Florian Bayer: Marul hat es selbst als Esperanto bezeichnet. Er versucht, einen ein Esperanto aus verschiedenen slawischen Sprachen und Dialekten zu formen.
Johannes Franke: Was ich sehr, sehr gut finde... Allein aus der Warte heraus zu sagen, es soll keine Nation sich damit identifizieren und sich angesprochen fühlen. Bitte. Nicht ganz im Gegensatz zum Buch, wo Polen sich eindeutig angesprochen fühlen sollte offenbar. Weil das auch einfach unter dich dort spielt und die Polen alle furchtbar schlecht dabei wegkommen. Und der Regisseur hat gesagt, nein, es geht nicht darum, das festzumachen an einer Nation. Und die zweite Entscheidung, den Krieg, weiß nicht wie viel im Buch der Krieg vorkommt, aber hier auch den Krieg. Gar nicht zum zentralen Element zu machen, sondern nur zum Hintergrund sozusagen. Das Hintergrundrauschen ist der Krieg. Was aber auch ein großes Problem mit sich bringt, weil das bedeutet, dass die Botschaft des Films keine Ausflucht in Kriegsausnahmen. Situationen zulässt.
Florian Bayer: Je weniger der Krieg gezeigt wird, umso mehr hat man das Gefühl, der Film hat ein universell pessimistisches Menschenbild.
Johannes Franke: Ganz genau das. Also universell pessimistisches Weltbild ist fast ein bisschen zu zahm gesagt. Also er ist so kulturpessimistisch. so extrem in seiner Aussage, dass der Mensch einfach nicht in der Lage ist, Empathie zu entwickeln und nicht in der Lage ist, einem Kind Unschuld zuzugestehen, worauf wir uns alle eigentlich universell geeinigt haben in dieser Gesellschaft. Das wird alles über Bord geworfen und das ist, glaube ich, einer der Gründe, warum ich diesem Film irgendwann nicht mehr folgen will. Warum mich das dann nur noch foltert, aber nicht mehr betrifft.
Florian Bayer: Die Frage ist ja, wie zeigt er seine Sachen? Und da gibt es offensichtlich auch einen großen Unterschied zur Vorlage? Die ich nicht gelesen habe, ich habe es noch ein paar Auslösungen angeguckt. Offensichtlich ist die Vorlage sehr explizit, wenn es darum geht, Gewaltanwendungen zu schildern. Und der Film arbeitet im Gegensatz dazu auch sehr viel mit Auslassungen. Also es gibt Szenen, die wirklich drastisch sind, in denen wir auch ziemlich drastisch Gewalt sehen. Es gibt aber auch sehr viel, was außerhalb der Kamera stattfindet, was teilweise... Wir sehen, dass es der Junge wahrnimmt, aber wir selbst nehmen es nicht wahr. Oder es ist sogar so extrem, dass der Junge es selbst auch nicht wahrnimmt. Und dass es fast so ein Hintergrundgeräusch ist. Also gerade die krassen Dinge, die passieren, zum Beispiel die sexuelle Gewalt, die der Junge irgendwann erfährt. Wird eher so als Nachklang gezeigt. Ich fand die Szene ziemlich krass. Er kommt irgendwann bei einem Pederasten unter. Und dann haben wir diese Szene, wo der Pederast die Tür öffnet und steht da halt nackt und wir sehen im Hintergrund den Jungen auf dem Bett liegen und weinen, so in der Unschärfe. Das ist was, was im Roman offensichtlich deutlich drastischer geschildert wurde. Oder ganz krass der Angriff der Kosaken. Es gibt diese eine Szene, wo Kosaken in ein Dorf einfallen. und mohren und vergewaltigen und Menschen anzünden und Häuser anzünden. Und da sehen wir auch sehr viel so geschehen einfach, aber halt auch ganz viel im Hintergrund. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Moment. Dafür auch, um für mich zumindest so eine potenzielle Wut auf den Film, dass er das ausschlachten könnte, abzudämpfen. Weil der Film mit diesen Auslassungen und mit diesen... mit diesen weißen Flecken im Visuellen, ja, eigentlich die ganze Zeit dem, entgeht, irgendwie sensationalistisch zu sein und da großen Spektakel draus zu machen aus der Gewalt und aus dem Schrecken.
Johannes Franke: Ich glaube, wir haben zwei unterschiedliche Filme gesehen. Also im Sinne von in der Wahrnehmung, nicht in dem, was er tut. Er lässt viel aus, das ist richtig. Aber ich empfinde das ganz im Gegenteil als ein großes Problem. Weil, und ich verstehe, dass man das versucht, dadurch irgendwie abzudämpfen und zu sagen, okay, ich zeig hier nicht alles und so, aber Er macht es an der falschen Stelle. Und damit kommen wir schon zum großen Problem des Films. Er wird zum Setzkasten der Grausamkeiten.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Man hat im Grunde nur noch eine Vitrine in der die ganzen Ausstellungsstücke stehen und man kriegt keinen Hintergrund mehr. Man hat im Grunde nur noch... Die Abläufe, da steht das Teil, da steht das Teil, da steht das Teil und es sieht sich... Von außen, jetzt beim Setzkasten eigentlich schön, aber es ist halt grausam. Man schaut auf die Oberfläche, kann sich was denken, aber... Aber nichts davon wird wirklich tiefgehend untersucht. Sodass ich... am Höhepunkt meiner Wut auf den Film bin, wenn diese Szene mit dem Pederasten kommt. Weil... Der Junge sowieso schon nicht viel reagieren kann. Er kriegt nicht viel Emotionen, das ist auch in Ordnung. Aber dann die Szene einer Vergewaltigung so zu zeigen, dass das Die Tür aufgeht, er zieht sich die Hose hoch, hinten weint das Kind und die Tür geht wieder zu und das war's. Und die nächste Szene geht los. Das reduziert es für mich auf so ein unerträgliches Maß an Oberfläche, dass ich dem Film das nicht verzeihen kann. Das funktioniert überhaupt nicht. nicht für mich. Ich finde es ganz, ganz gruselig, weil das bedeutet, dass nichts von dem in der Realität ankommen kann, was passiert. Sondern es ist alles nur Oberflächen. Und nichts von dem, was der Film zeigt, hat verdient, dass man es nur oberflächlich zeigt.
Florian Bayer: Ich sehe in dem, ich verstehe, was du kritisierst, ich sehe darin eher eine Radikalität der Bildsprache, die meiner Meinung nach ziemlich stark ist. Und zwar, um das näher auszuführen, ich sehe da einen sehr subjektiven Blick. Und in diesem subjektiven Blick liegt auch das Abstumpfen. Ich habe nochmal so drüber nachgedacht, was ist eigentlich die krasseste Szene, was ist die... schlimmste Szene, die wir sehen, wenn wir als Junge das Geschehen betrachten. weil der Film ist ja die meiste Zeit über in dieser sehr subjektiven Perspektive von dem Jungen mit einigen Ausnahmen abgesehen, die ich auch ganz spannend finde.
Johannes Franke: Möchtest du Tee?
Florian Bayer: Ja, sehr gerne.
Johannes Franke: Ein bisschen Friedenspfeifentee.
Florian Bayer: Und die radikalste Szene, die Szene, die am grausamsten wahrgenommen wird in dieser subjektiven Perspektive, ist ganz am Anfang, wenn die anderen Jungs, ohne dass wir wissen warum, diesen, was ist es, ein Wiesel? Frettchen oder so. Dieses Tier verbrennen. Und der Junge wollte das eigentlich beschützen. Das ist ja das, womit wir einsteigen. Der Junge rentt weg vor den anderen Kindern. Sie greifen ihn an und verbrennen das Tier. Das ist die grausamste Szene, weil alles, was danach stattfindet, sehen wir durch die Perspektive des Jungen. Und das ist irgendwann von einer unfassbar schmerzhaften Nüchternheit geprägt. Weil dieser Junge sich komplett an das Geschehen gewöhnt hat und dieses Geschehen auch einfach akzeptiert. Und Mahul selbst hat dazu gesagt... Er will nicht, dass wir diese Figuren mögen, die er zeigt oder dass wir deren Schicksal beweihen, sondern wichtig ist, dass wir sehen und dass wir bezeugen. Und das passiert in dieser radikalsubjektiven Perspektive. Ja, natürlich wirkt das irgendwie oberflächlich, das wirkt aber auch oberflächlich, weil wenn du persönlich, vor allem als Kind, ganz viel mit Gewalt konfrontiert bist, noch und nöcher, dann wirst du irgendwann abgestumpft. Das ist das, was mit Kindersoldaten passiert. Das ist das, was mit... Kindern passiert, die auf der Flucht sind, die Krieg und Leid erleben. Und ja, wir müssen diesem Blick auch beiwohnen. Absolut. Absolut stark in seiner Radikalität.
Johannes Franke: Aber hast du eine Entwicklung gesehen?
Florian Bayer: Von dem Jungen?
Johannes Franke: Der Junge? Ich habe keine Entwicklung gesehen. Er hat von Anfang an diesen hinnehmenden Blick. Nein. Nein, es ändert sich überhaupt nicht.
Florian Bayer: Auf jeden Fall.
Johannes Franke: Nee.
Florian Bayer: Also ganz am Anfang, wenn er flieht und wenn er von den Kindern flieht?
Johannes Franke: Ja, okay, das sind die ersten fünf Sekunden.
Florian Bayer: Ja, und dann, wenn er feststellt, dass diese Frau tot ist, die sich um ihn gekümmert hat
Johannes Franke: Und wenn er dann erschrickt, geht er rückwärts raus aus dem Haus und zündet aus Versehen das Haus an.
Florian Bayer: Ja, er erschrickt total und stolpert zurück. Hilflosigkeit.
Johannes Franke: Aber erschrecken ist keine Emotionen.
Florian Bayer: Nein, aber es ist eine verständliche Reaktion in dem Moment.
Johannes Franke: Ja, aber es ist keine Emotion.
Florian Bayer: Dann ist es keine Emotion. aber dann sehen wir ihn doch vor diesem brennenden Haus stehen und es ist doch dieser Moment von absoluter Verlorenheit.
Johannes Franke: Das interpretierst du rein. Es wird nichts gezeigt in seinem Gesicht, das irgendeine Entwicklung zeigt.
Florian Bayer: Wenn er in dem Dorf ist, die nächste Szene... Und sie ihn alle angreifen und er einfach nur schreit, ich will nach Hause, ich will nach Hause. Das ist doch diese absolute Sehnsucht nach irgendeiner Art von Schutz, die da noch in ihm drin steckt. Wirklich dieses... Und das lernen wir ja nach und nach, dass er immer mehr vergisst, was überhaupt sein Zuhause ist und das Zuhause irgendwann nur noch so eine fixe Idee ist, die irgendwo in seinem Kopf existiert, ohne dass er... eine Erinnerung daran hat. Aber da ist es noch da. Da hat er doch absolut diese Sehnsucht, dass er da raus will, dass er irgendwie was anderes finden will.
Johannes Franke: Also spätestens, wenn er von den Raben angegriffen wird in diesem Schwitzkasten. Also... Keine Reaktion mehr, total abgestumpft und es bleibt den Rest des Films über so. Wenn wir von einem dreistündigen Film reden, Flo. Funktioniert es leider nicht, die ersten fünf Minuten anzuführen als Entwicklungs... Nein, ich sehe da auch noch viel mehr Abstumpfung.
Florian Bayer: Auch tatsächlich eine Entwicklung, nicht nur eine Abstumpfung, sondern auch eine Entwicklung zum Gewalttäter.
Johannes Franke: Das ist was anderes.
Florian Bayer: Und das ist ja auch eine Entwicklung, die da stattfindet. Und wir haben zum Beispiel, wenn er bei dem Müller ist, was auch eine ziemlich drastische und ziemlich laute Szene ist, Übrigens die einzige Szene, in der ich auch so ein bisschen Probleme habe, weil ich das Gefühl habe, dass sie fast unfreiwillig komisch wird, als wenn Udo Kier als der gewalttätige Müller seinem Hilfsarbeiter, der offensichtlich mit seiner Frau flirtet, zumindest sieht er das so, mit einem Löffel die Augen rausreißt und ihn dann vorwirft. Dadurch, dass diese Szene so bizarr übersteigert ist und gleichzeitig haben wir den Jungen, der sich dann versteckt, haben wir eine komplett andere Wahrnehmung auf das, was geschieht. als später, nach später hinaus, zum Beispiel, wenn der Junge bei dem Soldaten dann ist, mit dem Soldaten unterwegs ist und einfach nur zuguckt, beziehungsweise hilft, dabei hilft, Leute zu töten. Oder als der Junge zu dem fast toten Kind geht, nur um ihm die Schuhe zu kaufen. Also ich sehe da sehr wohl eine Abstumpfung. Und auch eine Entwicklung in eine andere Richtung, dass sich irgendwie das Böse in dem Kind offenbart. Die Unschuld wird geraubt und dann haben wir ein sukzessives Abstumpfen.
Johannes Franke: Ich sehe tatsächlich bei dem Kind nicht die Unschuld am Anfang. Die hätte ich gerne mehr gesehen, weil dann hätte ich die Entwicklung abkaufen können. Aber er fängt gleich, er geht ja gleich mit der ersten Gewalttat rein. Ja. Und ich hätte viel, viel mehr gerne gesehen, das ist ein ganz normaler Junge, der hat ganz normale Probleme. Man hätte... Zum Beispiel das, was der Film die ganze Zeit will, nämlich möglichst wenig Dialoge und einfach nur die Bilder wirken lassen und so. Man hätte das auch in eine Entwicklung packen können. Ein Film ist ein Gesamtding. Du kannst viel, viel, viel unterstützen. Ja, auf vielen Ebenen und ich glaube, dass es nur auf die Entwicklung seiner Abstumpfung Das muss dann viel Heavy Lifting machen und du hättest es vielleicht darüber machen können, dass am Anfang viel mehr Dialog stattfindet und das immer mehr verstummt. Das hätte ein Symbol sein können, das mich in den Film hineinträgt. Auf vielen Ebenen, mit der Kamera, mit verschiedenen Mitteln kann man so eine Entwicklung noch unterstützen. Und ich will ja am Anfang mit dem Kind erstmal, ich will ja erstmal sehen, wie er eigentlich lebt. Was ist das für ein Kind? In welcher Situation lebt das Kind? ohne dass ich gleich die erste Gewalttat, die mich sofort abschreckt und sagt, okay, gut, das ist jetzt der Film, der will mir also einen Haufen Gewalt zeigen. Und ich stumpfe nach den ersten zwei, drei Dingern auch selber schon ab. Bin aber leider nun in der Lage, dass ich hypersensitiv bin. Und ich schaffe es sozusagen nicht rechtzeitig die Mauern hochzuziehen, sodass ich völlig fertig nach dem Film bin, gerädert bin. Aber die ganze Zeit denke ich, das stimmt alles nicht.
Florian Bayer: Ich glaube, was du erwartest, ist so ein bisschen eine Herangehensweise, die... Also wenn ich es hart sagen wollte, würde ich sagen, so ein bisschen das Wohlfühlkino, was man viele aus Amerika kennt. Wir bieten dir eine Identifikation, wir führen dich hier rein. Wir geben dir so ein kleines Tutorial für die... für die Charaktere, die jetzt agieren werden.
Johannes Franke: Tutorial ist ein gutes Stichwort. Ich habe ja mit moderner Kunst auch so meine Probleme, weil ich glaube, dass moderne Kunst oft vergisst, ein kleines Tutorial mitzugeben, wie man sie lesen soll. Was heißt vergisst? Also viele machen das bewusst, aber es gibt auch ganz viele Künstler, die einfach pretentious in der Gegend rumkünsteln und einfach nicht wissen, ob sie jetzt ein Tutorial machen. mitgeben oder nicht. Aber ich mag das. Ich mag kleine Tutorials. Das müssen keine intellektualisierten Tutorials sein, wo jemand da steht und sagt, so und folgendermaßen ist es so passiert und deswegen ist das so.
Florian Bayer: Ein emotionales Tutorial habe ich das Gefühl, oder? Du willst so ein bisschen an die Hand genommen werden und deine Emotionen darauf vorbereitet werden, was als nächstes geschieht.
Johannes Franke: Das ist genau das, ja.
Florian Bayer: Ja, ich glaube, das verstehe ich. Also das ist natürlich auch immer so ein bisschen eine Erwartungshaltung. Mit welcher Erwartungshaltung geht man an einen Film und was will man? Ich find's stark, wenn ein Film dich reinzieht und wenn ein Film dich eiskalt erwischt. auch, wenn ein Film, ich finde, das ist fast so eine Art von Respekt von dem Kunstwerk dem Rezipienten gegenüber, wenn es sagt, okay, ich habe hier einen Fahrplan und der wird jetzt vielleicht nicht so sein, wie das, was man aus einer klassischen Drei-Akt-Struktur kennt, sondern ich ziehe diesen Fahrplan durch und du kommst entweder mit oder du kommst unter die Räder. Das ist natürlich ein krasser Kunstansatz und man kann durchaus auch einwenden, dass das auch ein egomanischer Kunstansatz sein kann und sehr viele Egomanen fallen damit auch auf die Schnauze. Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Film zu den Egomanen gehört. dabei auf die Schnauze fallen, sondern dem gelingt es wirklich, mich in diesem Moment mit reinzuziehen.
Johannes Franke: Also ich würde sagen... Dass man das vieler Kunst durchaus zugestehen kann. Dass man sagen kann, okay... Dann gib halt kein Tutorial mit, dann verlierst du ein paar Leute links und rechts, auch in Ordnung, passt schon. Bei dem Film wird das Ganze schwieriger, weil... Du hast einen Haufen Minderheiten, die du gleichzeitig mit beleidigst. Und einen Haufen Schicksale, die du gleichzeitig mit den Füßen trittst. Zum Beispiel Menschen, die als Kind Missbrauch erlebt haben. Und ich spreche da aus Erfahrung und das ist das Problem.
Florian Bayer: Das glaube ich auch sofort. Das ist sowieso grundsätzlich ein Problem mit Kunst, die provokant ist, mit Kunst, die Gewalt abbildet. Oder Kunst, die sexuellen Missbrauch verarbeitet oder Gewalterfahrung. Du bewegst dich immer auf diesem schmalen Pfad. dass du als unangenehm wahrgenommen wirst von Leuten, die das tatsächlich erlebt haben. Oder dass Leute das Gefühl haben, dass ihre Erfahrung damit... irgendwie so ausgeschlachtet wird. Das, was man dem klassischen Exploitation-Kino vorwirft, dass es Vergewaltigung zum Beispiel als Unterhaltung benutzt. Ich kann es nicht sagen, weil ich diese Erfahrung nicht gemacht habe. Deswegen kann ich nicht als jemand sprechen, der damit konfrontiert ist. Ich glaube, das ist ein Film, der auf jeden Fall eine Triggerwarnung verdient hat. Wenn man irgendwie sexuelle Gewalt erlebt hat oder als Kind auch Missbrauch oder auch Verwahrlosung erlebt hat, Dann sollte man sich sehr genau überlegen, ob man diesen Film gucken will, weil ich kann mir vorstellen, dass es viele Momente gibt, die Menschen triggern können, die irgendwie Erfahrungen in der Richtung gemacht haben. Ich habe ihn nie als Exploitation wahrgenommen. Und das kann ich, wie gesagt, ich kann es nur als jemand sagen, der nicht betroffen ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass der Film solche schrecklichen Geschehnisse ausschlachtet. Unter anderem eben durch diese Perspektive, unter anderem durch dieses Auslassen. Aber... Ich kann nicht für Menschen reden, die diese Erfahrung gemacht haben. Also es ist einfach ein Punkt, wo ich dann abbrechen muss und sagen muss, nee, stopp, da kann ich nicht weiterreden, da kann ich den Film nicht verteidigen. Weil ich kann den Film nicht vor jemandem verteidigen, der diese Erfahrung gemacht hat. Das funktioniert einfach nicht, weil ich die nicht habe.
Johannes Franke: Wir können auch versuchen, diesen Punkt ein bisschen zur Seite zu nehmen, weil das ja tatsächlich eine sehr spezielle Sicht auf den Film dann ist. Also ich habe da natürlich einen ganz anderen... Ansatz dann beim Gucken. Ich glaube dennoch, dass die Masse dieses Setzkastens, nenne ich ihn mal wieder, einfach dazu führt, dass jedes Mal, wenn etwas Neues passiert, es beliebiger und fast unfreiwillig komischer wird. Weil du natürlich jedes Mal, wenn der Junge zum Nächsten flüchtet, denkst, okay, was passiert jetzt? Was haben wir denn noch nicht auf der Checkliste? Irgendwie muss ja jetzt noch sexueller Missbrauch kommen, jetzt muss noch irgendjemand... Narben auf dem Rücken haben, jetzt muss noch, weißt du, es muss immer weitergehen. Was willst du denn jetzt noch... Und dann denkst du irgendwann, ja jetzt hat er aber alles. Und dann denkst du das nächste Mal, ah ja stimmt, das hätte ich jetzt noch nicht, das habe ich übersehen, das stimmt, das ist auch noch, das kann man eben auch noch antun. So filmemacherisch, wenn man jetzt einen Film versucht dramaturgisch aufzubauen, versucht man natürlich ... zu schauen, dass man die Hauptfigur immer mehr in Bedrängnis bringt und was ist das Schlimmste, was ihm passieren könnte. Aber so ernsthaft das durchzuziehen, einfach nur auf dem Level der Grausamkeiten... macht alles, was danach kommt, nach dem dritten Mal kommt, beliebig.
Florian Bayer: Gab's den Moment, wo du ihn unfreiwillig komisch fandst?
Johannes Franke: Ja, natürlich. Ganz viel. Also Udo Kier zum Beispiel.
Florian Bayer: Ja, der ist ja relativ früh. Udo Kier ist ja tatsächlich die...
Johannes Franke: Das stimmt.
Florian Bayer: zweite Episode, also nachdem der Junge bei der Heilerin war, ist er bei diesem Müller. Die fand ich auch absurd. Ich glaube, es liegt auch ein bisschen an Udo Kier, weil Udo Kier kann nicht anders Das ist unfreiwillig komisch, so mit so diesem dämonischen Blick, den er dann immer drauf hat. Und krass, dieser Mensch sieht seit 30 Jahren gleich aus. Der ist irgendwie ganz abrupt, ist er 70 geworden und seitdem ist er aber auch 70. Ich frage mich nicht, wie alt Udo Kier ist. Gab es noch andere Szenen?
Johannes Franke: Ich kann es dir gar nicht so genau sagen. Was haben wir denn eigentlich? Ich müsste mal da hinscrollen bei mir. Was haben wir denn hier? Vielleicht gehen wir mal kurz durch den Film durch. Das erste ist Martha.
Florian Bayer: Diese Heilerin. Nee, Martha ist die Bauersfrau, die ihm sagt, dass er selbst schuld ist, dass das Tier getötet wurde.
Johannes Franke: Ach, Mann. Was ist das? Und du hast auch wirklich, das Kind hat keinen Moment der Unschuld. Es gibt einfach keinen Moment der Unschuld, weil du anfängst mit dem ersten Gewaltakt und... Da keinen Kontrast aufzumachen, sondern immer nur auf dem, das ist glaube ich das Problem, der Film macht keine Kontraste auf, du bist immer nur auf der schwarzen Seite. Du brauchst aber Kontraste. Du brauchst wenigstens einmal einen glücklichen Moment zwischendurch oder so. Irgendwas, wo du sagst, okay, jetzt könnte er links abbiegen. Schade, er schafft es nicht.
Florian Bayer: Aber es gibt doch Kontraste. Es gibt natürlich nicht Momente des reinen Glücks, aber wir haben gerade auch in diesen Naturzehen, wenn der Junge unterwegs ist, Ich weiß gar nicht, ob man es unbedingt Unschuld nennen muss. Der Film ist ja auch offensichtlich sehr darum bemüht in seiner Allegorie, die er aufmacht, so ein bisschen dieses... naive Mysterium der kindlichen Unschuld auch so ein bisschen zu dekonstruieren einfach, weil das Kind... wird ja selbst zum Täter und andere Kinder werden auch zum Täter. Wir erleben sehr viel dann schließlich wie durch das Geschehen das Kind selbst böse wird und auch böse Dinge tut. Und ja, wir sehen nicht komplettes Glück, aber wir sehen immer wieder Momente der Ruhe und fast schon der Geborgenheit. Ich finde, die stärksten geborgenen Momente gibt es dann eben, wenn er irgendwie in der Natur unterwegs ist und wenn wir einfach diese Naturaufnahmen haben von Ja, fast schon mystisch überhöhten Wäldern. Auch so ein bisschen so ein märchenhaftes Ambiente, was da mitspringt. Ich sehe da sehr viel den Blick unseres Protagonisten. und in diesem Blick sehr viel auch diese kindliche Unschuld, die die Welt auch eigentlich immer so ein bisschen als ein Märchen wahrnehmen will, aber die Welt sagt dann halt, nee Junge, das Märchen ist vorbei.
Johannes Franke: Ja, also natürlich haben die Bilder oft was düster Märchenhaftes. Ist schon richtig. Und das ist vielleicht tatsächlich die Perspektive des Kindes, was ich ganz gut finde als Entscheidung, als Überlegung. Das Problem ist nur, wir sind ja nur als Erwachsene vor dem Bildschirm. Wir sortieren alles ein, was wir sehen. Das heißt, es gibt da keinen... Selbst wenn für ihn die Wälder da irgendwie... vielleicht noch die Geborgenheit geben, wissen wir, zwei Nächte in der Natur ohne Hilfe hält ja nicht aus. Also es gibt nichts ohne negativen Rattenschwanz.
Florian Bayer: Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Und das ist halt einfach so draining.
Florian Bayer: Ja. Was ist das denn? Es ist kein leichter Film. Also ich glaube, über den Punkt sind wir hinweg, dass der Film harter Tobak ist. Da sind wir von Anfang an, wenn das Wiese verbrannt wird. Das ist klar.
Johannes Franke: Und es ist auch wirklich auf dieser Farm, selbst auf dieser glücklichen Farm in Anführungszeichen. Das ist nicht glücklich, natürlich nicht. Auch das ist nicht glücklich. Also er hat nichts... Er musste Huhnschlachtungen mitmachen und alles.
Florian Bayer: Aber du erlebst ja auch ein Kind, dem zu deiner Heimat schon entrissen wurde. von seinen Eltern abgegeben wurde und das gar nicht so genau weiß, warum und gar nicht so genau versteht, warum. Es ist ja auch sieben, acht Jahre alt, würde ich mal behaupten, das Kind. Mir blut das Herz, wenn ich das sehe, was vielleicht auch mit dem Grund ist, dass ich mich in den Film so reinziehen lasse. Ich habe ein Kind in dem Alter. Der hat ja schon so krass... so eine krasse Verlorenheit erlebt. Wir starten ja in dieser Verlorenheit. Das ist ja das, was du auch kritisierst. Hättest du gerne gesehen, wie er mit seiner Familie zusammen ist? Gehütetes Leben im Im Ghetto, bevor das evakuiert wird. Das kann es ja eigentlich auch nicht sein. Das willst du ja nicht noch an diesen Film ran. Das macht dem Film, finde ich, die Stärke auch irgendwie kaputt. Du startest in diesem ... in diesem unheilvollen, mysteriösen, ich weiß nicht, ich wurde meiner Heimat entrissen, ich will eigentlich nach Hause, aber ich weiß nicht, genau wo ich hin muss. Naja, ich stapfe los, ich versuche irgendwas zu finden. Das hat ja diese Stärke. Es gibt eben keine Anker und das Kind hat halt auch keine Anker mehr. Das trägt ja dazu bei, dass wir in diese Erfahrung reinkommen.
Johannes Franke: Aber muss das so sein? Muss ein Kind, das solche Sachen später erlebt, vorher schon keinen Anker haben? Ist das so ein Muss für eine Erzählung in der Richtung?
Florian Bayer: Nee, es ist kein Muss für eine Erzählung, aber ich würde... In diesem Fall macht es die Erzählung deutlich stärker, weil es eben nicht diesen Wohlfühlmoment gibt und nicht dieses... Was uns jeder Hollywood-Horrorfilm der 70er-Jahre präsentiert, wir nehmen eine Mittelstand-Familie, Die sind alle glücklich, die sind zufrieden und dann fahren sie in die Einöde und dann werden sie von Zombies gefressen. Und dann kriegen wir halt 20 Minuten diese Mittelstandsfamilie gezeigt, damit wir mitfühlen können mit denen. Ich finde das auch ehrlich gesagt ein bisschen lame. Das ist so einfach. Wir schaffen Identifikation, indem wir die Normalität zeigen. Ja, wir sind halt auch im Osteuropa der 40er Jahre.
Johannes Franke: Ja, aber Osteuropa der 40er Jahre hatte auch glückliche Menschen... Also, was ist denn das für ein Bild? Hatte es. Hatte es. Von der Menschheit.
Florian Bayer: Dann lass das Osteuropa der 40er-Jahre weg. Wir sind sowieso schon in einer Ausnahmesituation. Und ich muss da nicht noch sehen, dass der Junge irgendwann mal ein normales Leben hatte. Es ist halt auch ein siebenjähriges Kind. Ich will da reingezogen werden. Ich will nicht an die Hand genommen werden. Ich will geschubst werden. In diesem Fall werde ich sehr gerne geschubst.
Johannes Franke: Okay, dann kann man vielleicht das so machen, dass man das Kind von Anfang an ohne Anker zeigt. Aber dann gib ihm doch wenigstens unterwegs immer mal wieder so eine Möglichkeit, irgendwo die Chance auf dem Anker zu haben. Wie gesagt... In egal welcher Zeit, ob das damals ist oder heute, es scheint ja universell sein zu wollen, es gibt... Auch sehr, sehr viele sehr, sehr glückliche Menschen und es gab sie auch zu Kriegszeiten und es gab sie auch in Osteuropa in den 40ern und es gibt sie auch heute und morgen. Es gibt auch nicht nur Arschlöcher, die ein Kind aufnehmen. Es gibt auch Leute, die tatsächlich was Gutes wollen. Und dieses Bild... Macht mich so fertig, dass der Film da einem anempfiehlt und zeigt und sagt, ja, es gibt halt einfach... Wir als Menschheit sind einfach verloren. Wir haben keine Empathie und wir haben keine Chance, Kindern ihre Unschuld zu lassen. Wir müssen aus allem unseren Vorteil ziehen und exploiten. Und in diesem Fall das Kind. Das ist ein Weltbild, das mich so fertig macht über drei Stunden. Ich habe das Gefühl, die ganze Zeit, dass ich einen Filmemacher dabei zusehe, wie er... verzweifelt, versucht den Kurzfilm, mit dem er mal einen Preis auf einem Festival gewonnen hat, der irgendwie... 10 Minuten lang war, wo alle am Ende aufgestanden sind und applaudiert haben, weil er die ach so tragische Welt gezeigt hat, jetzt in drei Stunden zu zeigen.
Florian Bayer: Aber der Film zeigt Sachen, die auf der Welt passieren. Wie viele Kriege und wie viele Konfliktsituationen haben wir aktuell in der Welt?
Johannes Franke: Es wird vergewaltigt.
Florian Bayer: Es wird gemordet. Kinder kommen unter die Räder. Kinder müssen Soldaten sein. Kinder verhungern. Das sind Sachen, die passieren. Es ist nicht so, dass dieser Film hier irgendwie überzeichnet, sondern genau das sind Sachen, die passieren in der Welt.
Johannes Franke: Aber nicht umsonst. haben die Leute, die das Buch das erste Mal gelesen haben, gesagt, hm, vielleicht überlege ich nochmal und denke nochmal dreimal darüber nach, ob das wirklich eine authentischer Biografie sein kann in der Masse, in der Zusammenstellung.
Florian Bayer: Aber der Film ist anders als das Buch. Der Film behauptet zu keinem Zeitpunkt autobiografisch zu sein. Der Film verkauft sich auch nicht als Autobiografie.
Johannes Franke: Aber wenn du sagst, es gibt es alles, und das stimmt ja, es gibt es alles, dann implizierst du, dass es Das alles auch in dieser Masse und in dieser Reihenfolge, also nicht in der Reihenfolge, aber die ist ersetzbar, aber das ist... dass es Kinder gibt, die so einen weiten Weg machen und so vielen Leuten begegnen und dass es dann einfach Oft genug so ist, dass kein einziger Mensch dabei ist, der irgendwie was Gutes will.
Florian Bayer: Kondensierte Wirklichkeit. Und das ist ein Kondensat des Schreckens, der passiert.
Johannes Franke: Aber dann soll er auf ein Kurzfilmfestival gehen und das 10 Minuten lang zeigen.
Florian Bayer: Ja, aber dann hat es nicht diese Intensität. Die Wut, die du hast, die kanalisiert sich natürlich wundervoll gegen den Film. Weil es viel leichter ist, auf den Film wütend zu sein, als darauf wütend zu sein, dass diese Dinge wirklich passieren.
Johannes Franke: ich bin total wütend darauf, dass diese Dinge wirklich passieren. Aber ich bin auch wütend auf dem Film, dass er es nicht, nein.
Florian Bayer: Wir wollten Schritt für Schritt vorgehen. Gehen wir einmal kurz, weil wir sind jetzt schon wieder ins Allgemeine gerutscht. Wir haben Olga, die Heilerin. Was macht die eigentlich da mit ihm? Warum gräbt die ihn ein?
Johannes Franke: Ich hab eigentlich gedacht, der kriegt jetzt irgendwie so ein Spa-Spa-Spa. Und dann kommen die Krähen und ich denke, ah ja, die kommt gleich und sagt, oh, sorry, hab vergessen, dass das da vielleicht mit den Krähen passieren könnte. Aber nein, sie kommt ja nicht.
Florian Bayer: Es ist eine bizarre Szene, oder?
Johannes Franke: Sie hat ihn einfach dem Tode überlassen.
Florian Bayer: Aber auf so eine bizarre Art und Weise. Also es gehört zu den Momenten und es haben Später nicht mehr. Ich finde, später gibt es dann eher so einen realistischeren Ton für das brutale Geschehen, was wir erleben. Wir haben Olga und den Müller, die ich fast so zusammennehmen würde, die noch so eine märschenhafte Grausamkeit mit sich tragen. Wir haben ja auch in diesen Momenten so am stärksten den Mystizismus der Dorfbewusstsein. Ja, ja. Bis die Olga ihn dann kauft. Und dann auch diese Szene mit dem Müller, die hat ja auch sowas Surreales mit dem Augenausreißen und so. Ja, ja, total. Da ist die Gewalt irgendwie noch so fantastisch überhöht. Und was sie macht, wirkt fast wie so ein Ritual mit ihm.
Johannes Franke: Ja, voll. Ich muss an den Vogel denken, aber das haben wir später. Lass uns erstmal da hinkommen.
Florian Bayer: Ja, da kommen wir gleich hin. Das ist ja die zentrale Parabel des Films, die dann kommt.
Johannes Franke: Weil darin kulminiert das für mich dieses Märchenhafte. Und da kommt es tatsächlich zu einem Moment, den ich ganz gut finde im Film, weil der tatsächlich eine gute Metapher findet.
Florian Bayer: Ja, bei Leck, dem Vogelzüchter. Leck und Ludmilla werden sie genannt. Ludmilla ist die Geliebte des Vogelzüchters. Und der Vogelzüchter, also weil du gesagt hast, es sind keine wohlwollenden Menschen da, der ist ja durchaus irgendwie auf seine merkwürdige Art wohlwollend dem jungen Gegenüber.
Johannes Franke: Abgefuckt.
Florian Bayer: Na gut. Willst du die Vogelparabel kurz erzählen?
Johannes Franke: Was ich ganz gut finde, ist, weil der Film heißt ja Painted Bird. Man fragt sich natürlich, ja, Painted Bird, okay. Und spätestens dann stellt man sich die Frage, ah ja, okay, gut, klare Parabel, der Junge soll der angemalte Vogel sein. Und dafür, dass es so eine Parabel ist, die nur einmal gezeigt wird, tatsächlich einmal ausgespielt wird, finde ich sie sehr gut. Weil er nimmt sich so einen Vogel, er hat irgendwie viel mit Vögeln zu tun, er verkauft die und reißt damit rum oder was? Malt den Vogel einmal die Flügel an? lässt ihn los und der Vogel versucht zurück zu seiner Hood zu kommen, zu seiner Peergroup. Und die akzeptieren ihn aber nicht mehr, weil er jetzt irgendwie, naja, painted ist. Und attackieren ihn und dann fällt er halt runter und ist tot. Und das ist natürlich eine gute Allegorie für das, was der Film zeigt. Wir haben ein Kind, das... irgendwie painted ist, irgendwie markiert ist von dem, was ihm passiert ist und keiner will ihn so richtig aufnehmen. Und keiner will so richtig mit ihm zu tun haben, weil wir einfach alle, sagt der Film irgendwie, alle fremdenfeindlich sind.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja, und das ist die nächste...
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Der nächste Punkt des Films, der mir einfach alles... Moment, lass uns halt in 10 bleiben.
Florian Bayer: Sag's ruhig, sag's ruhig noch.
Johannes Franke: Wenn der Film mir auch noch um die Ohren haut, dass wir alle fremdenfeindlich sind und keinen Ausweg lässt, dann soll mich das auch nicht glücklicher machen.
Florian Bayer: Ja, also das Bild ist eigentlich ein relativ simples Bild mit diesem bemalten Vogeljahr. Ich wüsste auch gar nicht, was ich jetzt noch groß dazu sagen sollte, was du nicht schon gesagt hast. Wir haben einfach einen gezeichnet, in dem der Weg in die Gesellschaft nicht gelingt. Ich finde in dieser Szene ganz spannend, mit welcher verspielten, sadistischen Fröhlichkeit leckt diesen Vogel. Und sich darüber beömmelt, dass der Vogel gerade von seinen Artgenossen totgehackt wird. Der Junge betrachtet es interessiert bis neugierig, würde ich sagen. Ich mache das nochmal stark, weil du ja sagst, es gibt keine Entwicklung bei dem Jungen. Aber ich finde schon, er verhält sich in dieser Szene auch anders. Also er... beobachtet Dinge später anders, als er die da beobachtet.
Johannes Franke: Also ich meine, er beobachtet die Dinge natürlich je nachdem, was passiert. Natürlich hat er eine Reaktion auf Dinge.
Florian Bayer: Na, auch nicht so abgestumpft, würde ich sagen. Er hat nicht so eine abgestumpfte Reaktion, sondern es ist noch... Es ist noch so eine Neugier in ihm. Er reagiert auch auf den Tod von Leck. Also Leck erhängt sich, nachdem seine Frau, seine Geliebte misshandelt wurde. Da versucht der Leck dann noch zu retten, indem er ihn hochkriegt. Und die Kraft reicht aber nicht. Das ist das erste Mal, da ich dran geschrieben habe, Ohnmachtserfahrung fett gedruckt. Was mich in dem Film sehr mitgenommen hat, dass wir ständig diese Unmachtserfahrungen haben, diese Schwäche, diese Unmöglichkeit, irgendwie auf das Geschehen einzuwirken. weil es fast so einen Fatalismus eben gibt. Der Tod ist da, du kannst ihm nicht entkommen, du kannst nichts machen, vor allem du nicht, weil du ein kleines Kind bist und hilflos bist.
Johannes Franke: Aber es ist ja nicht die erste Unmachtserfahrung. Da hören wir ja den ganzen Film über. Das fängt mit dem Frettchen an, geht mit dem Huhn weiter und mit dem Tod der Frau und dem verbrennenden Haus. Also alles Situationen, in denen du als Kind nicht viel machen kannst.
Florian Bayer: Oh mein Gott, was ist das für eine Musik? Was war das? Wo sind wir? Ich glaube, wir wurden rausgerissen.
Johannes Franke: Aber wohin?
Florian Bayer: Oh mein Gott, Johannes.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Ich befürchte, wir befinden uns in einer Self-Promo. Oh nein.
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Shit. Ganz schnell, ganz schnell, damit wir zurück zum Gespräch können. Was müssen wir machen? Was müssen wir sagen?
Johannes Franke: Wir müssen den Leuten unbedingt sagen, dass sie uns abonnieren sollen, wo auch immer sie sind. Also auch Spotify oder Apple oder sowas.
Florian Bayer: iTunes, Beam, whatever, was ihr auch benutzt.
Johannes Franke: Also abonnieren und anderen sagen, dass sie uns abonnieren sollen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Wenn euch die Folge gefällt, gebt uns gerne Sterne, Herzchen, Daumen hoch, was auch immer. neuer Podcatcher anbietet.
Johannes Franke: Genau, und wenn sie euch nicht gefällt, dann schickt diese Episode weiter an eure Feinde oder eure Nachbarn oder sowas.
Florian Bayer: Und wenn ihr uns Feedback geben wollt, wir freuen uns total über jeden Kommentar an johannes-at-mussmann-sehen.de oder florian-at-mussmann-sehen.de Genau, schickt uns Filmvorschläge und so weiter.
Johannes Franke: Boah, wir sind schnell durchgekommen. Jetzt schnell raus, schnell wieder zurück ins Gespräch.
Florian Bayer: Hans, von Stellan Skarsgård gespielt, vielleicht nochmal kurz als... Erwähnung, dass in diesem Film doch einige prominente Schauspieler dabei sind. Die deutschen Soldaten.
Johannes Franke: Der übrigens mitbekommen hat, dass das Projekt ein echt großes Problem mit der Finanzierung hat und dann gesagt hat, gib mir 100 Dollar. Er hat das ganze Ding für 100 Dollar gemacht.
Florian Bayer: Krass. Ist ja auch eine kurze Szene. 100 Dollar ist es nicht wert.
Johannes Franke: Also schon krass.
Florian Bayer: Ja, total cool. Stellan Skarsgård spielt einen deutschen Soldaten, der ähm, der ähm, Das lahme Pferd, da versucht der Junge zu helfen. Du sagst, der Junge ist am Anfang abgestumpft, aber da ist so viel Entwicklung drin. Da kümmert er sich noch um das Pferd und dann einige Zeit später klaut er einem sterbenden Jungen die Schuhe. Das ist ein Unterschied. Das ist eine Entwicklung.
Johannes Franke: Alles, was du anbringst, sind grafische Dinge. Der Film ist ein visuelles Medium, verdammt noch mal. Ja, ja, ja, ist schon richtig. Dinge, die er tut. In seinem Gesicht sehe ich nichts. Das ist das Ding. Ich als Empath möchte gerne... Durch eine gezeigte Emotion in einen Menschen hinein. Ich will nicht grafisch... oberflächlich gezeigt bekommen, was passiert, sondern ich will einen emotionalen Zugang. Ich weiß. Das findest du in dem Film nicht so, wie du es suchst.
Florian Bayer: Das findest du da nicht so. Das, was du suchst, findest du in dem Film nicht so.
Johannes Franke: Und ich finde natürlich, dass grafische Darstellung eine total gute Sache ist, also so Aktionen, die passieren, ohne dass man jetzt immer in die Emotionen reingeht. Aber einen Film nur darauf abzustellen, macht bei mir halt nicht Klick.
Florian Bayer: Verstehe.
Johannes Franke: Naja. Ich finde Ceylon Skarsgård total gut. Er macht das sehr gut und er hat eine schöne Szene, wo das Kind dann erschießen soll und die ganze Zeit mit dem Kopf nickt und sagt, hier rüber, da, da, hau ab, hau ab, ich schieße da, weil in die Luft... Und das Kind nimmt das nur zögernd an, weil er gar nicht glauben kann, dass er davonkommt.
Florian Bayer: Und dann denkst du kurz, das fand ich ganz spannend gemacht und ich glaube, das war eine Szene, die Mahul reingemacht hat danach. Um das von der Vorlage abzuheben, weil du hast kurz einen Moment, wo du denkst, so really? Das ist der Moment, jetzt zeigt ihr Menschlichkeit bei einem Nazi-Soldaten? Das ist der erste, der wirklich so krasse Menschlichkeit zeigt. Und das wird dann aber sehr radikal gebrochen, wenn wir nämlich in einer Szene kurz darauf den Deportationszug sehen. aus dem Menschen, wahrscheinlich Juden, springen, um zu fliehen, weil der Zug wahrscheinlich auf der Fahrt zu einem Konzentrationslager ist. Und dann werden die aus diesem Zug heraus von der SS erschossen. Und das ist echt eine krasse Szene.
Johannes Franke: Das stimmt, da komme ich auch total rein. Also das muss ich sagen, an der Stelle komme ich voll wieder in den Film.
Florian Bayer: Auch die reale Perspektive, das ist eine der wenigen Szenen, wo wir nicht dieses Bild des Jungen sehen.
Johannes Franke: Das kann sein, dass es auch ein bisschen hilft. Da kann ich mir auch alles denken dazu. Da kann ich auch in die Emotionen reingehen, ohne dass mich das... die Figuren mir das zu sehr spiegeln müssen emotional. Irgendwie ist die Situation gut aufgebaut, wie die da rausgehen. wie die da eintreten, die Wand eintreten, um da rausspringen zu können. Und ich denke die ganze Zeit, oh ja, sehr gut, mach das, mach das, mach das.
Florian Bayer: Angstlosigkeit, wenn sie nach und nach erschossen werden.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann haben wir diese Frau mit dem Baby. Das ist ja eigentlich die Szene, wo wir mit so krass, mit am krassesten Sadismus erleben. Diese Frauen mit dem Baby jagen mit ihr Spielen, um sie dann beide zu erschießen.
Johannes Franke: Natürlich denke ich auch ganz oft, wenn das Kind dann wieder in der Gegend rumläuft und dem Jungen die Schuhe klaut. Denke ich die ganze Zeit, ja gut, bleibt ihm anderes übrig.
Florian Bayer: Das ist ja auch wirklich passiert so im Krieg. Die Leute wurden erschossen. Und danach sind die Plünderer gekommen. Danach kamen die Landbevölkerung und die haben gesehen, da gibt es Schuhe zu holen und die hatten ja nichts. Ja, natürlich kann man ihnen in dem Moment keinen Vorwurf machen. Nein, überhaupt nicht.
Johannes Franke: Es ist einfach der Kampf ums Überleben.
Florian Bayer: Das ist halt nur so krass, weil wir davor, 20, 30 Minuten davor diese Szene mit dem Pferd hatten, wo er wirklich darum bemüht war, das Pferd zu retten und hier sieht er den Jungen, der nur noch so ein bisschen kriecht und er klaut ihm halt die Schuhe und lässt ihn dann da liegen zum Sterben, ne?
Johannes Franke: Was soll er machen?
Florian Bayer: Was soll er machen, natürlich. Aber es ist ein starkes Bild. Es zeigt auch, was mit dem Jungen passiert ist in dieser Zeit.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: haben wir die zentrale Episode des Films, der Priester und Gabosch. Das war der Moment, wo meine Freundin dann gesagt hat, ich kann den Film nicht mehr gucken, der Priester ist doch garantiert ganz schlimm und
Johannes Franke: gegangen ist.
Florian Bayer: Und ich hab ihr dann danach gesagt, es war gut, dass du gegangen bist.
Johannes Franke: Ich verstehe es voll. Ich wäre auch gerne gegangen.
Florian Bayer: Harvey Keitel als Priester. Und auch als jemand, der es eigentlich gut meint erst mal.
Johannes Franke: Das stimmt. Ausgerechnet der Priester, bei dem man denkt, jetzt kommt die pädophile Geschichte mit dem Priester. Aber nein, der Pädophile ist der andere.
Florian Bayer: Ja, der Priester gibt den Jungen bei diesem Päderasten, bei diesem Gabosch ab, der von Julian Sands gespielt wird. Und ja.
Johannes Franke: Wobei wir noch vorher die Szene mit dem Nazi haben, der dann den einen Typen erschießen lässt, der ihn erstmal beschimpft. Ja. I feel you, klar. Ich weiß ja, ich werde sterben, also beschimpfe ich den Typen mal noch. während unser Kind sich ihm an die Stiefel wirft und die Stiefel putzt. Auch voll nachvollziehbar. Natürlich, wie viel Leben also mache ich das im Buch anscheinend. wird das sehr mit Bewunderung für diesen Nazi erzählt.
Florian Bayer: Im Buch gibt es das wohl ganz viel, dass der Junge die Nazis als... Befreier und Erlöser wahrnimmt. Mit dem Grund, warum das Buch so kontrovers rezipiert wurde. Weil die Perspektive des Jungen auf die Nazis ist, das sind irgendwie zivilisierten, kultivierten Menschen. Und ich bin lieber bei den Nazis als bei diesen Dorfbewohnern, die so rückständig sind und so abergläubig. Ich habe das Buch nicht gelesen, deswegen... Kann ich nicht genau sagen, wie viel da dran ist. Ich finde, der Film macht es nicht so. Der Film macht es irgendwie anders.
Johannes Franke: Ja, der Film schafft es, dass alle gleich scheiße sind.
Florian Bayer: Aber ja, es ist einfach eine Szene, wo man das Gefühl hat, jetzt wird der pure Überlebensinstinkt des Jungs aktiviert und er schmeißt sich dann an die Schuhe und Ja, ja. Es hilft dir auch und dann, ja, kommt, es ist wirklich, es ist so hart. Diese Geschichte mit dem Gabosch. Du fandst, Du hast gesagt, du findest es problematisch, wie es gezeigt ist.
Johannes Franke: Total, absolut. Weil du keinen Background hast. Das Kind hat so viel gelitten. Und jetzt in der Situation, jede andere Situation ist genauso grausam gewesen wahrscheinlich, aber... In der Situation einfach die Tür aufgehen zu lassen, der zieht sich noch die Hose hoch, was so das billigste Bild ist, was man sich vorstellen kann für sowas. Und dann in The Distance, hinten, liegt das Kind und das erste Mal in diesem Film weint das Kind tatsächlich. Aber ohne, dass ich einen Bezug zu dem habe, was da passiert ist. Also ich kann keinen emotionalen... Zusammenhang herstellen zwischen dem, was offensichtlich passiert ist und dem, was ich gerade sehe, nämlich, dass das Kind im Hintergrund weint, ohne dass ich wirklich bei ihm bin. Ich bin ja bei dem Päderasten. Das heißt, ich habe da so eine ganz ungute Perspektivverschiebung auf den Täter. Und das Opfer, dass ich nicht wirklich emotional, wo ich nicht andocken kann, weil es da sehr grafisch einfach nur weint. Und... Ich kann er nicht andocken. Und es gibt auch keine genauere Untersuchung der Situation und seines Emotionales. emotionalen Zustandes und seiner Reaktion auf so etwas. Das zieht sich natürlich den ganzen Film durch. Also insofern bleibt er einfach auf seinem Zug, in den er einmal eingestiegen ist. Aber... Gerade bei der Situation hat es mich halt besonders geärgert und mich besonders getroffen, dass das so schlimm oberflächlich gezeigt wird. Einfach, weil ich es selber erlebt habe und deswegen das mich besonders trifft. Hätte es jemanden anders, der andere Sachen aus dem Film erlebt hat, vielleicht... in anderen Situationen so getroffen. Aber das finde ich ganz schrecklich, ganz furchtbare, schlechte Darstellung.
Florian Bayer: Wie hast du den Mord an Garbosch danach wahrgenommen? War es dir dann sowieso auch egal, weil du sowieso schon so distanziert warst von dem Geschehen? Für mich war es ein Moment, wo ich dachte, ja, weil es der erste Moment ist der Selbstermächtigung des Jungen.
Johannes Franke: Ja, ja, voll.
Florian Bayer: Der hat dich da schon noch getroffen. Ich hatte tatsächlich auch den Moment, wo ich total froh bin, dass dieser Gabosch so einen grausamen Tod hat. Und zwar fällt er in einen alten Schutzbunker, wo die Leiter weg ist und wo ganz viele Ratten unten sind. Und wir sehen nichts davon, aber wir können davon ausgehen, dass er von diesen Ratten zerfressen wird.
Johannes Franke: Er fällt eher als Ratte zu den anderen Ratten.
Florian Bayer: Und das ist so ein sehr befriedigender, kathartischer Moment. Wo du denkst, oh krass, wie gut uns in diesem Moment die Gewalt tut, die passiert.
Johannes Franke: Das stimmt.
Florian Bayer: wir hier auch zum ersten Mal eine Aktion von dem Jungen haben. Und das ist etwas, dem wir dann in der Folge jetzt begegnen werden, dass der Junge... in jeder einzelnen Episode so zum Handlungsträger wird, aber seine Handlungen eigentlich immer gewalttätige Handlungen sind.
Johannes Franke: Insofern ist die Entwicklung natürlich...
Florian Bayer: Aber da hatte ich emotional doch, zumindest das hatte ich emotional wieder gekriegt.
Johannes Franke: Ja, ja, das stimmt. Ja, ja, absolut. Natürlich, du hast einen Haufen Background im Hintergrund, bist ja kulturell auch irgendwo aufgewachsen und hast was... Eine Erfahrung, die dich dann da reinbringt, dass du dann sagst, okay, egal ob ich jetzt andocken konnte an das, was vorher passiert, ich weiß, wie der Typ ist und das ist... sehr kathartisch ist, diesem Typen einmal das Genick zu brechen.
Florian Bayer: Labina ist unsere nächste Episode. Da geht es eigentlich mit dem sexuellen Missbrauch auch schon gleich weiter bei dieser Frau. Aber wir sind fast wieder in so einem bizarren, surrealen Raum. in dem Moment in ihrer Episode. Sie kommt daher wie so ein Succubus, wie so ein weiblicher Dämon. der nur von Sexualtrieb getrieben ist. Sie lebt bei ihrem Vater. Sie hat Sex mit ihrem Vater, ist der Junge im Vordergrund schläft.
Johannes Franke: Absolut.
Florian Bayer: Und dann stirbt der Vater. Und dann hat sie Sex, sie missbraucht den Jungen. Auf jede erdenkliche Weise.
Johannes Franke: Wie cool ist das, das zu drehen mit einem neunjährigen Kind?
Florian Bayer: Da hat tatsächlich Mahl gesagt, dass er die Zehn... Also ja, das Fußküssen ist... Da dachte ich auch so schwierig. Mahul selbst hat gesagt, er hat sehr genau darauf geachtet, dass so Szenen von Missbrauch nicht mit dem Jungen gedreht werden.
Johannes Franke: Okay, sehr gut.
Florian Bayer: Und sie hatten wohl auch einen Psychologen am Set, die mit dem geredet haben. Der Junge selbst war, unser junger Schauspieler selbst, hat überhaupt keine Dreherfahrung. Den hat er offensichtlich irgendwie so einen auf der Straße mehr oder weniger entdeckt.
Johannes Franke: Und hat ihn tatsächlich von einem Psychologen durchchecken lassen, ob er das emotional mitmachen könnte, ob das wirklich funktionieren würde. Und er hat irgendwie den psychologischen Test, den er dann machen sollte, irgendwie bestanden und dann ging das.
Florian Bayer: Er hat noch nie vor einer Kamera gestanden. Und es war auch so ein bisschen, Marul hat selbst gesagt, es war für ihn so ein bisschen mit einer Unsicherheit. Aber der Junge muss wohl sehr extrovertiert gewesen sein und so sehr begeistert und voll lustig. gezeigt haben und das hat Mahul wohl eine gewisse Sicherheit gegeben, dass er dann gesagt hat, okay, das schaffen wir. Aber ja, es war auf jeden Fall ein Risiko und sie haben sehr viel mit ihm gearbeitet, also sowohl mit dem Psychologen als auch mit einer Schauspielerin, die ihn betreut hat. Tipps gegeben hat und ihm geholfen hat. Ja, die Zähne ist echt krass. Es gibt ja diese richtige Vergewaltigungsszene, wo sie auf ihm sitzt, wo klar ist, da ist der Schauspieler nicht vor Ort, sondern da sehen wir einfach nur die ihre Perspektive, die Kamera von unten auf sie drauf. Unangenehme Zähne, aber ich fand tatsächlich die Zähne mit dem Fußküssen noch unangenehmer, weil es, ich weiß nicht... Ich hatte das Gefühl, es war so sehr gut gezeigt, wie so sexueller Missbrauch sich so langsam anschleicht. Keine Ahnung.
Johannes Franke: Ja, natürlich auch kondensiert, muss man sagen. Ist natürlich auch als Film, aber das ist okay. Ähm... Ich war an der Stelle halt schon sehr abgestumpft, muss man sagen.
Florian Bayer: Du hast das ja auch schon zwei Stunden ertragen, was da passiert ist.
Johannes Franke: Also ich meine, ich habe mich natürlich trotzdem weiter runtergezogen und weiter in die Hölle gebracht. Aber ich hab dann einfach gedacht, ja gut, okay, dann passiert das jetzt halt auch noch. Also es ist schlimm und es ist vielleicht auch gar nicht so schlecht inszeniert, obwohl es schon sehr... Ja, wie du sagst, das ist so eine riesige Halluzination quasi, so ein Höllentrip, irgendwie so ein LSD-Trip.
Florian Bayer: auch dass sie dann diese Ziege drin haben, also sie hat dann auch, also sie macht dann mit der, sie hat nicht Sex mit der Ziege, aber sie simuliert so Sex an der Ziege, um ihn zu provozieren, woraufhin er wiederum total wütend reagiert und die Ziege so aufhängt, wie er davor von seinem Vergewaltiger aufgehängt wurde. an diesen Stöcken und ihr dann auch ins Fenster werft. Das Höllige, finde ich, trifft es ganz gut. Es hat irgendwie sowas Dämonisches, diese ganze Szene, weil sie auch so unwirklich wirkt. Und dann gibt's... Und dann wird aber auch gezeigt, wie er verführt ist von ihr, also was auch so total unangenehm ist, dann gibt es ja diese Szene, wie sie auf der Wiese liegen, so nebeneinander, wo wir fast so eine romantische Perspektive haben. Und irgendwie gezeigt wird, wie sie mit ihrem Missbrauch ihn einfach komplett hörig gemacht hat. Halt so, dass er dann auch... eifersüchtig auf diese Ziege reagiert. Super unangenehm, ganz merkwürdige Szene.
Johannes Franke: Ich sehe gerade in meinen Notizen, dass ich an der Stelle geschrieben habe, irgendwann bin ich innerlich tot und starre nur noch auf einen Punkt. Das trifft es voll, weil ich irgendwann in dieser Situation bin ich einfach echt so weit, dass ich so fertig bin mit den Nerven, dass einfach nichts mehr... wirklich in irgendeinem Detail oder in irgendeiner Form dezidiert behandelt werden kann von meinem Hirn, sondern einfach nur noch, okay, okay. okay, gut, jetzt auch das noch. Es ist halt wirklich die Folter, die ja quasi den Film über erleidet. Erleide ich als Zuschauer, einfach weil es so viel ist. Und natürlich will der Film das auch. Ja, okay, hast du geschafft. Herzlichen Glückwunsch. Aber irgendwie...
Florian Bayer: Nachdem der Junge von Labina geflohen ist, landet er bei den Soldaten von der Roten Armee.
Johannes Franke: Die da gesellig zwischen hängenden Leuten rumstehen.
Florian Bayer: Es ist wieder so ein Katar-Tier-Moment. Wir sehen ja diese Kosaken, die mit den Nazis ganz viel zusammengearbeitet haben, die dieses Dorf überfallen. wo wir einmal so sehr kondensiert wirklich diesen Albtraumkrieg haben. Das ist so eine der wenigen Kriegsszenen, aber es ist auch kein... Das ist auch eine zivile Kriegsszene, weil wir sehen Soldaten, die gegen Zivilisten kämpfen und Zivilisten ermorden und Zivilisten vergewaltigen. Dann haben wir aber die Rote Armee, die quasi, die das Dorf rettet mehr oder weniger, indem sie die Kosaken erschießt. Also wir haben, eigentlich haben wir da nur noch Chaos, ne? Wir haben Leute schießen aufeinander, du weißt auch gar nicht mehr genau, wo du bist, aber wir sehen irgendwie, das Dorf wurde überfallen. Die Zivilisten wurden vergewaltigt und gequält und gefoltert. Und dann kommt die Rote Armee und kämpft gegen die Angreifer und es ist einfach nur... Kurzzeit komplettes Chaos und dann landet er bei diesen Soldaten, bei dem Mietcar und wird tatsächlich von der Roten Armee aufgenommen und darf mit dem Scharfschützen unterwegs sein. Oh, wie schön. Es ist der Moment, wo er wirklich zum ersten Mal so was wie eine Vaterfigur findet, auf die er sich verlassen kann.
Johannes Franke: Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Es ist total traurig und total düster, weil er steht dann mit dem Mitka zusammen vor einem Bauernhof und hilft ihm einen Mann und sein Kind zu erschießen. Und dieser Mietger, der auch sehr gerne Marx zitiert und Stalin, sagt ihm dann nochmal so, ja, so ist es halt, ne? Auge um Auge. So wird das gemacht. Und Aber er fühlt sich wohl in diesem Moment.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Es ist total düster, aber irgendwie ist es auch so, naja, ich finde, es zeigt ganz gut, wo der Junge halt irgendwie gelandet ist durch das, was er erlebt hat. Ich finde es ziemlich stark, dass das die ersten behüteten Szenen sind, wenn er mit einem Scharfschützen unterwegs ist, mit einem Killer.
Johannes Franke: Was ist daran stark? Möchtest du mir das genauer sagen?
Florian Bayer: Naja, was Leid und Verlorenheit aus einem Menschen machen können, diese Entwurzelung.
Johannes Franke: Das macht es nicht aus dem Kind. Das Kind hat auch überhaupt gar keine andere Chance, als dort zu sein. Das macht im Grunde, egal was aus ihm wird oder was emotional wird. für eine Entwicklung stattfinden und so weiter. Auf der rein technischen Ebene wird das Kind von einem zum nächsten gereicht. Ja. Es hat ein paar eigene Aktionen, aber eigentlich hat das Kind immer nur das getan, was dafür sorgt, dass es weiterleben kann.
Florian Bayer: Das war's. Ich finde es wirklich spannend, dass du diese Charakterentwicklung nicht siehst, die ich sehe.
Johannes Franke: Das ist eine Interpretationsfrage auch.
Florian Bayer: Natürlich ist es eine Interpretationsfrage. Wir reden über einen Film.
Johannes Franke: Ja, natürlich, aber der Film bietet gar nicht so viel an. Doch, genau das.
Florian Bayer: Der Film bietet sehr viel an, finde ich. Wir sind es doch gerade durchgegangen. Wir haben erlebt, wie der Junge zum ersten Mal gewalttätig wurde. Seine erste Gewalttat ist gegen diesen Pederasten. Und die ist irgendwie in einer viel impulsiveren Art als die Gewalttat gegen die Ziege dann, die fast so was Rituelles hat. Und dann als dritte ist die mechanische Gewalttat. als Scherge eines Killers. Wir haben die Entwicklung von, wie er sich um das lahme Pferd kümmert, um darauf den Stuhl... sterbenden Jungen zu ignorieren, um seine Schuhe klauen zu können. Das sind doch Entwicklungen.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja. Ich will bloß darauf hinaus, dass er dann bei Mietkarl ist. Dass das keine Entwicklung heraus aus, dass das macht Krieg aus einem oder das macht die Situation aus diesem Kind. dass er jetzt bei Midgar ist. Bei Midgar ist er vor allem, weil Midgar ihn nicht sofort erschießt. Sondern weil Midgar sich um ihn kümmert. Das hat nichts damit zu tun, dass das Kind irgendwie eine bestimmte Entwicklung durchgemacht hat, sondern der ist halt einfach jetzt da, weil sein Leben ihn dort hingespült hat.
Florian Bayer: Nein, das ist nicht das Entscheidende, was ich meinte, als ich gesagt habe, was der Krieg aus ihm macht. Was der Krieg aus ihm macht, ist, dass er sich wohlfühlt in dem Moment, wo er auf der Täterseite stehen kann und wo er... unterstützen kann beim Morden, ohne selbst in Gefahr zu kommen.
Johannes Franke: Ja, okay, das stimmt wohl. Ja, das stimmt. Und ja, die Entwicklung ist da, aber vor allem eben auf der grafischen oder der Handlungsebene. Ich kann es nicht emotional mitspüren, aber das hat...
Florian Bayer: Ein Film ist ein visuelles Medium.
Johannes Franke: Ja, aber das ist nur ein Auferzähler, der uns das sagt. Und an diesem Abend erkannte der Junge plötzlich... Nein, er muss es emotional mir zugänglich machen, indem er es spielt. Aber natürlich verstehe ich auch die Entscheidung zu sagen, ich will, dass das Kind keine Reaktion mehr im Gesicht groß hat, weil er das alles stoisch hinnimmt. Verstehe ich auch total. Aber dann funktioniert das Konzept halt als Erzählung irgendwie nicht so richtig so, dass ich damit...
Florian Bayer: Bewertet ist das Schauspiel des achtjährigen Hauptdarstellers sehr negativ, hab ich das Gefühl.
Johannes Franke: Nein, nein, nein. Es geht um die Inszenierung. Ich glaube, dass das Kind sehr viel mehr spielen könnte, als ich hier sehe. Und er macht es auch gut, was er machen soll. Ich kritisiere eher das, was der Regisseur ihm gibt, was er machen soll.
Florian Bayer: Aber das heißt, du fändest es stärker, wenn er mehr Emotionen zeigen würde, wenn er mehr weinen würde, mehr schreien würde. würde, mehr.
Johannes Franke: Wenn er am Anfang, wenn ich am Anfang stärker in seinen Kopf reingucken könnte, um rauszufinden, wer ist dieses Kind, wie ist dieses Kind drauf. Was ist bei diesem Kind an sich los? Um dann den Kontrast zu haben zur Abstumpfung, die passiert. Also was ich immer wieder sage, Film ist nur Kontraste zeigen. Auf jeder Ebene. Kamera sind Kontraste zwischen Licht und Schatten. Erzählung ist immer Kontrast zwischen Situation A und Situation B. Beziehungen zeigen ist immer Kontrast zwischen Person und Person B. Kontraste. Und wenn dieser Film in dieser Figur keinen Kontrast zeigt, dann habe ich keine... Keine Entwicklung und keinen Grund zu sagen, guck, was aus ihm geworden ist, weil ich weiß ja nicht, was vorher war.
Florian Bayer: Diesen Kontrast siehst du nicht, tatsächlich. Okay, ich sehe einen Kontrast, den du nicht siehst. Ich sehe seine Reaktion auf den Tod des Weasels. Ich sehe seine Reaktion auf den Tod der Babersfrau. Ich sehe Reaktionen, die kontrastiert sind durch die... Reaktion später.
Johannes Franke: Schon bei dem Tod der Bauersfrau sehe ich nicht mehr so viel Reaktion von dem Kind.
Florian Bayer: Wenn er vor der Dorfgemeinschaft steht und schreit, ich will nach Hause.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Aber es ist mir nicht genug.
Florian Bayer: Ist dir nicht genug.
Johannes Franke: Und natürlich bin ich auch einfach abgestumpft als Zuschauer von den ganzen Gewalttaten, die passieren. dass ich auch selber schon nicht mehr in der Lage bin, das alles ordentlich aufzunehmen. Also, ja...
Florian Bayer: Wir kommen zur letzten Episode. Nachdem er bei Midgar war, ist klar, er kann dann nicht die ganze Zeit bleiben bei der Roten Armee und sie bringen ihn dann in ein Kinderheim. Wo noch ganz viele andere Kinder sind. Und er beobachtet diese traumatisierten Kinder, die sich dann selbst auch noch mal Gewalt antun gegenseitig.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und ich finde, es gibt diese, also in dieser Szene nochmal ganz kurz, wie gesagt, in den letzten Episoden ist immer eine Gewalttat des Jungen und hier ist es ein ganz klarer Mord. gegen einen antisemitischen Händler. Es gibt diese eine krasse Szene in dieser Episode, wie er... Wie diese Bullis da, diese Heimbullis da stehen und ihn dann sehen. Und sie stehen da so, als würden sie den... Gang abdecken und er schaut sie einfach nur an. Dann machen sie Platz und lassen ihn vorbei. Und es wird nicht näher erzählt. Film ist ein visuelles Medium. Möchte ich nochmal stark machen. Ich finde es eine großartige, starke Szene.
Johannes Franke: Ja, die finde ich auch stark tatsächlich.
Florian Bayer: Also auch so unheimlich, weil er Er hat eine Präsenz gewonnen. Genau, Präsenz. Sie haben irgendwie eine Art von krankem Respekt vor ihm, weil er durch die Hölle gegangen ist und selbst die Hölle. in seinem Blick hat. Das ist das Abgrundbild von Nietzsche. Du blickst lange genug in deinen Abgrund und dann blickt der Abgrund in dich.
Johannes Franke: Jaja, das stimmt auch. Da der Film ein visuelles Medium ist, schafft er es mit nur Bildern zu zeigen, was da passiert. Das kann ich auch wahrnehmen und finde es auch vollkommen in Ordnung. Also das finde ich wirklich eine gute Szene. Und ich finde auch tatsächlich die Ermordung dieses antisemitischen Händlers sehr gut erzählt. Ja. Und da kommt auch der Bogen rum, den der Film ja die ganze Zeit laut deiner Beschreibung besonders hat und laut meiner Beschreibung nur sehr wenig hat. Aber da ist der Bogen mal da. Finde ich tatsächlich auch sehr gut.
Florian Bayer: Und dann haben wir diese Szene, den Abschluss, der mir als Vater wirklich das Herz bricht, wenn tatsächlich sein Vater dann zurückkommt.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott, oh Gott.
Florian Bayer: Irgendwie so liebevoll, ratlos und versucht sich irgendwie bei dem Jungen zu entschuldigen, dass sie ihn aufs Land gelassen haben und irgendwie an ihn ranzukommen. fragt ihn dann so, weißt du wenigstens noch, wie du heißt? Und der Junge ist einfach nur komplett stoich und guckt einfach nur so zwischen Wut und Stoizismus ins Nichts. Und dann fahren sie nach Hause. Und der Vater schläft im Bus und dann sehen wir, dass er die KZ-Nummer auf dem Arm hat. Der Junge sieht das und beobachtet das kurz und dann schreibt er seinen Namen auf die Scheibe des Busses. Und dieser Film steckt doch voller Hoffnung.
Johannes Franke: Naja, am Ende ist natürlich die Chance wenigstens, dass wir das Gefühl haben, okay, er öffnet sich... auf die eine oder andere Art und Weise, wie viel das passieren kann und wie viel Arbeit da drinsteckt, die da irgendwie irgendwo hinzubekommen, wo es gesund ist, wahrscheinlich wird das nie wieder, also nach dem, was er erlebt hat, wird ja nie wieder gesund durchs Leben laufen können, also psychisch gesund.
Florian Bayer: Also um vielleicht nochmal kurz meinen emotionalen Werdegang bei diesem Film zu rekapitulieren. Mich hat das die ganze Zeit belastet, was da passiert ist. Ich war die ganze Zeit belastet. Es gab eigentlich... Diese Udo-Kir-Szene ist Gott sei Dank so früh, dass ich die dann schalten konnte. Die fand ich tatsächlich Tatsächlich eher albern und so bizarr. Und ansonsten war ich die ganze Zeit belastet und aufgerieben. Und dann diese letzte Szene, wenn der Vater kommt und irgendwie versucht, wieder an das Kind ranzukommen, die hat mich innerlich zerrissen. Die hat mich fertig gemacht. Dann war ich echt durch. Mit der Welt. Und dann saß ich da und hatte auch Tränen in den Augen und war auch wirklich so, shit, es zerreißt mich. Und das war in dieser Dichte davor und in dieser Zerrissenheit dann in diesen letzten Minuten, das war einfach stark. Das hat mich einfach komplett mitgenommen. Der Film hat mich einfach umgehauen, emotionalisiert. Jenseits jeglicher Interpretation, was heißt dieses Bild, was heißt diese Allegorie, das universell Böse verhandelt und so weiter, hat mich der Film emotional einfach... extrem bewegt.
Johannes Franke: Ja, ich finde auch, dass die Vater-Szene tatsächlich am Ende einen sehr guten... inszenatorischen Kniff macht und das auch wirklich sehr gut erzählt und die Schauspieler sind sehr gut. Und der Stoizismus des Jungen ist hier wirklich auf einem sehr, sehr guten Höhepunkt, der den Kontrast aufmacht, den ich die ganze Zeit will.
Florian Bayer: Ich geb dir Kontraste. Der Film steckt voller Kontraste. Oh Gott. Also wir haben hier so eindeutig ganz viel inspiriert vom... traditionellen Naturalismus. Diese Bilder, die einfach nur sehr banal, fast schon dokumentarisch Gewalt und schmerzvolles Erleben zeigen. Und das haben wir kontrastiert durch diesen teilweise mystizistischen, fast schon märchenhaften Blick.
Johannes Franke: Nein, Moment, stopp, stimmt alles nicht. Also, die Kamera ist die ganze Zeit sehr artifiziell. Nein. Es gibt keine... dokumentarische Wackelkamera oder sowas?
Florian Bayer: Nein, dokumentarisch heißt nicht Wackelkamera, dokumentarisch heißt nüchtern was zeigen.
Johannes Franke: Das ist die Inszenierung. Das ist nicht das, was die Kamera macht.
Florian Bayer: Das macht auch die Kamera.
Johannes Franke: Ich sehe einen Haufen, und dafür bin ich sehr dankbar, einen Haufen sehr gut gestellte... Bilder, die sehr künstlerisch sind. Für mich wirkt da kaum was Dokumentarisches durch. Das, was dokumentarisch ist, ist die Inszenierung der Personen, der handelnden Personen vor der Kamera. Aber die Bilder sind sehr gut komponiert und gemacht. Dazu kommt der Schwarz-Weiß-Look, der auch wiederum eine artifizielle künstlerische Ebene hinzufügt. Das heißt, alles an der Kamera schreit, ich bin Kunst. Im positiven Sinne. Aber da kannst du keinen Kontrast zum Mystizischen aufmachen. Das bedient die Kamera volle Kanne.
Florian Bayer: Du siehst keine realistischen Kamerabilder?
Johannes Franke: Nee.
Florian Bayer: Also ich finde, wir haben auf jeden Fall diese artifiziellen Bilder, definitiv, die auch mit... mit Vordergrund, Hintergrund arbeiten, die so ein bisschen so eine allegorische Note haben. Aber ich finde, wir haben auch ganz oft diese wirklich ruhig gehaltenen Bilder, wo Dinge geschehen und diese Dinge... von der Kamera, vom Bild, von der Bildinszenierung nicht kommentiert werden, sondern einfach gezeigt werden, wo du irgendwie so ein rauen Dokumentarchen du hast einfach, weil es keinen direkten Fokus gibt, weil du einfach ein großes Bild hast und es passieren Dinge. Würdest du das nicht als dokumentarische Kamera bezeichnen? Was würdest du als dokumentarische Kamera bezeichnen, wenn es wackelt? Das kann es doch nicht sein.
Johannes Franke: Aber es ist ein guter Indikator. Aber das stimmt, nicht jede dokumentarische Kamera muss eine Wackelkamera sein, obwohl das der To-Go-Ansatz ist meistens. Aber eine dokumentarische Kamera überlegt nicht vorher. Das ist die Definition von... Dokumentarischem. Überlegt nicht vorher, was wird in zwei Minuten passieren. Und alle Bilder, die länger gehalten werden und die Personen gehen nicht aus dem Bild aus Versehen Oder wenn du das Gefühl hast, okay, jemand hat hier vorne einen Punkt gehabt, damit er genau jetzt... in eine Nahe hineintritt, die wunderschön aussieht. Und dann... eine halbe Minute später, weil das Bild sehr lang gehalten ist, zurück in den Raum geht, wo die zwei Katzen da irgendwie genau an der richtigen Stelle sitzen. Das ist keine dokumentarische Kamera.
Florian Bayer: Ja, definitiv. Auf jeden Fall. Was ist zum Beispiel mit der Szene, wenn Ludmilla von den Dorffrauen vergewaltigt wird mit der Flasche? Chaos, heftig, nah, wenig inszeniert.
Johannes Franke: Das ist eine ganz normale POV, also ein Point of View von ihr, die gerade vergewaltigt wird.
Florian Bayer: Es ist ja nicht nur ihre POV, es wird ja auch von hinten gezeigt. Und Frauen stolpern durchs Bild und stürzen übereinander und Chaos.
Johannes Franke: Das stimmt. Ja. Das könnte ein dokumentarischer Moment sein. Das würde ich dir geben, wenn ich mich jetzt so richtig erinnere. Das stimmt. Aber die POV von ihr, die auch relativ wackelig ist und so, das ist einfach eine ganz klassische POV, wie man sie immer macht.
Florian Bayer: Das ist definitiv, ein POV ist nicht dokumentarisch. Wenn die Kosaken in das Dorf einfallen, zu künstlerisch, zu sehr, mit Fokus auf spezifische Momente.
Johannes Franke: Ja, das ist ganz genau inszeniert und gestellt.
Florian Bayer: Ich finde, das sind Momente, wo viele Dinge geschehen und wo es auch keinen richtigen Fokus gibt. wie du sagst, wo man das Gefühl hat, dass auch was so halb aus dem Bild raus passiert, was nicht ganz direkt eingefangen wurde. Also ich finde, ich sehe da eine dokumentarische Note auch im Bild, aber auch darüber hinaus einen naturalistischen Grundton einfach, weil Sachen teilweise sehr rau sind. sehr dreckig gezeigt werden.
Johannes Franke: Ja, das ist was anderes. Aber du hast trotzdem, also ich meine, rau und dreckig gezeigt ist, wie die Katzen die Augäpfel noch anknabbern.
Florian Bayer: Das ist aber ein wunderschönes Bild. Ja, aber das würde ich nicht beim naturalistischen, sondern beim bizarren, fantastischen einordnen oder beim mystizistischen. Du hast diesen permanenten Kampf, finde ich, in diesem Film zwischen dem realistischer Zelten Weil es sind einfach Dinge, die wirklich geschehen und zwischen diesen parabolischen Überhütten, das was du wahrscheinlich auch artifiziell nennen würdest.
Johannes Franke: Gibt es ein Konzept dahinter? Weil das habe ich nicht richtig erkannt. Weil ich gedacht habe, aha, das ist jetzt irgendwie realistischer und das ist irgendwie... parabolisch, keine Ahnung. Ich verstehe es nicht. Wann macht er das und wann macht er das?
Florian Bayer: Ich finde, der Film macht einen unglaublich guten Job darin. dieses universell Böse zu erzählen auf einer parabolischen Ebene. Und gleichzeitig ... nimmt er uns die Möglichkeit, uns auf diesen akademischen Elfenbeinturm zu fliehen. Also normalerweise würde man ja sagen, wenn du eine Parabel erzählst, dann... sitzen da die geschalten Rezipienten und können drüber diskutieren und so und sind emotional überhaupt nicht tangiert, weil sie halt die ganze Zeit drüber diskutieren, wie Was bedeutet dieses Bild? Wie analysiere ich diesen angemalten Vogel? Dem Film gelingt es das... uns damit zu konfrontieren, dass wir das nicht können. Wir sehen den Vogel sterben, wir sehen die Menschen leiden, wir sehen Blut, wir sehen Mord, wir sehen Vergewaltigung, wir sehen Verweselung. Und wir können uns nicht die ganze Zeit auf diesen Versuch der Interpretation fliehen, weil wir einfach zu sehr reingezogen werden. Das heißt, wir werden die ganze Zeit emotional belastet. Dem Film gelingt es, beides zu sein, sowohl parabolisch ... als auch extrem wahr und extrem intensiv dabei. Und das finde ich echt stark. Das hat man nämlich selten.
Johannes Franke: Ich frage trotzdem nochmal, gibt es ein Konzept dahinter, wann das passiert?
Florian Bayer: Ja, das Konzept dahinter ist zu zeigen, ja, es gibt eine höhere Ebene. Ja, es gibt etwas, was du darin sehen kannst, was das über den Menschen aussagt. Aber du musst es trotzdem erleben, weil es passiert trotzdem. Unabhängig von deiner Interpretation sterben trotzdem die Menschen. Das hilft dir nichts.
Johannes Franke: Ja. Ich war halt bloß irgendwie während des Films beim Gucken so irritiert. Okay, jetzt passiert das so und jetzt wird das so erzählt und das ist völlig überhöht und das ist halt einigermaßen realistisch. Ich hatte halt nicht den Eindruck, dass ich als Zuschauer irgendwie ... mich irgendwo festhalten kann und sagen kann, okay, das verstehe ich jetzt, das wird jetzt deswegen so gezeigt und das wird jetzt deswegen so gezeigt, sondern es war für mich so beliebig. Wann welches Mittel gewählt wird?
Florian Bayer: Ich hatte das Gefühl, die Mittel waren fast immer irgendwie beide so spürbar. Ja, so wenige Momente, wo... Also ich hatte nicht so das Gefühl, Parabel wechselt ab mit realistischer Schilderung. Sondern es ist beides irgendwie so präsent.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Und...
Florian Bayer: Der Film erzählt eine höhere Wahrheit, natürlich. Oder er will eine höhere Wahrheit erzählen. Ja, irgendwas anderes. Er will versuchen, ein Bild zu entwerfen, eine Parabel, eine Allegorie für das, wie funktioniert der Mensch, zu was ist der Mensch in der Lage. Er zeigt halt auch wirklich, wozu der Mensch in der Lage ist und er zeigt es so, dass wir wirklich, dass wir es halt nicht nur auf einer intellektuellen Ebene machen. reflektieren, sondern auch auf einer emotionalen, also zumindest ich auf einer emotionalen und zwar im ganz banalen Sinne, dass wir halt einfach so sehr gematert werden von diesem Film, dass wir uns dem nicht entziehen können.
Johannes Franke: Ja, das stimmt allerdings. Also ich kann mich dem Film nicht entziehen. Also ich könnte natürlich sagen, ich mache ihn jetzt aus, aber leider hast du mir ihn aufgegeben. Aber ja... Der Film lässt einen ja nicht los. Also er gibt einem ja keinen Ausflucht. Bis zum Schluss nicht. Nach dem Film nicht mehr, weil man dann erstmal fix und fertig ist und erstmal drei Wochen braucht im Retreat, um sich wieder zu sortieren.
Florian Bayer: Ich kann ja mal kurz von Mahul, nicht das ganze Statement, aber so abschnittweise ein paar Sachen aus dem Statement, die er geschrieben hat. Übrigens eine sehr schöne Blu-Ray-DVD von Bildstörungen. Bildstörungen macht das immer hervorragend. Die haben ein ganz dickes Booklet dabei und da gibt es Texte vom Regisseur. Interview mit dem Regisseur und verschiedene Bilder aus dem Film und von den Dreharbeiten, Bildstörungen, DVDs und Blu-Ray sind. immer wert, gekauft zu werden. Auf jeden Fall ist in diesem Booklet ein Statement des Regisseurs. Ich lese mal ein paar Ausschnitte vor. Bei der Verfilmung dieses Romanklassikers war es mein Ziel, eine Reihe von Tableaus zu entwickeln, die in ihrer Abfolge und Steigerung unseren Protagonisten auf die Reise ins Herz der schwarzen Menschen. Beabsichtigt war eine Art stufenweises Abtragen von Schichten. sodass sich am Ende dem Zuschauer der innerste Kern unserer Hauptfigur offenbart, die eine hart erkämpfte Wahrheit entdeckt hat. Poesie bildet die Seele von The Painted Bird. Das sind übrigens Sachen, die ich nicht unbedingt zustimme. Sie findet sich im balladenhaften Geist der Geschichte, ihrer stillen Dringlichkeit, der lebendigen Innenwelt unserer Hauptfigur. Dem Jungen, dessen Wesen wunderschön ist, trotz des Schreckens um ihn herum. Er hat aber versucht, jedem Pathos eisern auszuweichen und abgedroschene Klischees und plakatives Melodrama zu vermeiden. Ebenso wie Musik, die versucht künstlich Gefühle zu erwecken. Totale Stille kann genauso eindringlich und emotional sogar aufgeladener sein als jede Musik. Wir drehten den Film auf 35 mm in Schwarz-Weiß und einem Bildformat von 1 zu 2,35 in das Cinemascope. Cinema Scope ist ein äußerst gefühlsgeladenes Format. Kein anderes Format kann mit einer solchen Genauigkeit und Kraft sowohl die Schönheit als auch die Grausamkeit einfangen. Ja, da würde ich ihm zustimmen. Rhythmus und Geschwindigkeit verändernd. Dieser Regieansatz zwingt den Zuschauer, mit den Ereignissen auf der Leinwand mitzufiebern. die Momente großer emotionaler Anspannung wie deren Auflösung selbst zu durchleben.
Johannes Franke: Mhm. Mit dem Fluss finde ich auch ein super Bild dafür, das stimmt. Und es passt auch zu dem Film, absolut.
Florian Bayer: Ich glaube, man kann sehr wohl, und da bin ich voll bei dir, also ich habe deine Kritik gehört, Man kann sehr wohl die Frage stellen, will man sowas sehen? Ganz banal, selbst unabhängig. ich davon, ob man es intelligent findet oder emotional mitreißend, will man sowas überhaupt sehen, so ganz grundsätzlich?
Johannes Franke: Äh, ja, ähm, Ich glaube, da ist jeder in einer anderen Lebenssituation. Es gibt bestimmte Situationen in meinem Leben, wo ich das mal mehr hätte sehen wollen und mal weniger hätte sehen wollen. Auch Situationen, in denen ich es mehr ertragen kann und in Situationen, wo man es nicht so ertragen kann. Insofern gibt es da keine universelle Antwort. Also das muss jeder für sich entscheiden. Und es muss auch jeder Regisseur für sich entscheiden, ob er sowas zeigen will oder nicht. Und das ist auch vollkommen in Ordnung, dass sich zu sagen, okay, ich will das jetzt so zeigen. Tja, ich glaube, wenn es um Krieg geht, Sollten wir als Gesellschaft uns das leisten, sowas zu zeigen? Durchaus. Ich glaube bloß, dass sein Job ein kleines bisschen neben der Spur gelaufen ist. Weil ich glaube, die Aufgabe des Kriegsfilms oder des Films der... vor dem Hintergrund von Krieg Grausamkeiten zeigt, sollte dem Zuschauer mehr Möglichkeiten bieten, anzudocken, Und auf ein Maß des Erträglichen zu kommen, des Unerträglichen Erträglichen. Du weißt, was ich meine, ne? Also, dass man... das noch schafft. Dass man sozusagen nicht so weit abstumpft und so weit zumacht, dass man am Ende sagt, der Film war wertlos. Weil ich konnte gar nicht mitgehen. Ich will also... Ich will auf ein Maß von Schindlers Liste.
Florian Bayer: Aber Schindlers Liste ist natürlich sehr viel Hollywood, sehr viel Pathos und sehr viel... Emotionalisierung.
Johannes Franke: Das ist jetzt auch ein bisschen überspitzt.
Florian Bayer: Der wurde ja auch hart kritisiert teilweise, gerade von Nachfahren, von Holocaust-Überlebenden.
Johannes Franke: Du hast vollkommen recht. Aber um mal ein anderes Ding in den Raum zu werfen, ich will irgendwo dazwischen landen können.
Florian Bayer: Zwischen Spitz? Spielberg und Mahul. Ja, genau. Verstehe, okay. Eine Sache muss ich noch vorlesen, weil ich das ganz interessant finde, was er zum Thema Kind gesagt hat, weil da sind wir ja uns auch so ein bisschen in die Haare gekommen, wie wir das Verhalten des Kindes und seiner Leben reflektieren. Also zu der Frage, zu seinem Protagonisten und dessen Perspektive. Erwachsene haben ihre Vergangenheit, derer sie sich bewusst sind und können sich gleichzeitig eine Zukunft vorstellen. Bei einem Kind ist das aber nicht so. Ihre Vergangenheit ist ein extrem leichtes Gewässer, in dem man nicht schwimmen kann. Und die Zukunft ist für sie völlig unvorstellbar. Ein Kind kann im Grunde nur wenige Tage vorausdenken. Was in einem Monat passiert, ist unwissbar. Mehrere klinische Psychologen sind zu dem Schluss gekommen, dass Kinder paradoxerweise schwierige Gegebenheiten viel einfacher akzeptieren als Erwachsene. Sie nehmen es, wie es kommt. Und natürlich ist das die Eigenschaft, die Kindern hilft zu überleben, indem sie sie glauben lässt, dass die schrecklichen Dinge um sie herum normal sind. Ja. die ihn das Grauen hat ertragen lassen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass es immer einen zurückgibt. Im Buch wie im Film ist der Junge eine Art Symbol, ein Stellvertreter all der Hunderttausenden von Kindern, die den Krieg durchgemacht haben. durch zerstörte Europa geirrt sind, ihre Eltern verloren haben und sie vielleicht nie wieder sahen. Und es ist immer noch dasselbe. Heute, überall auf der Welt, wo immer militärische Konflikte herrschen.
Johannes Franke: Jaja, er hat absolut recht. Um mal ein seltsames Beispiel zu nennen, Als ich als Zauberer gearbeitet habe, habe ich mich immer geweigert, für Kinder zu zaubern. Weil das das scheiß fucking schwerste ist überhaupt. Kinder gucken sich einen Zaubertrick an und denken, Ja gut, ich weiß sowieso nichts von der Welt. Also ist das anscheinend auch möglich. Was ist jetzt so beeindruckend.
Florian Bayer: Ja, stimmt. Das ist total krass. Und dann gibt es auch immer so ein bisschen die Gefahr, dass die Kinder dann verdorben sind, weil sie halt Zauber im Film sehen. Und dann ist halt so ein einfacher Trick per Hand gar nicht mehr so beeindruckend.
Johannes Franke: Überhaupt nicht. Überhaupt nicht, weil es ist ja, du hast jetzt tausendmal gesehen, Harry Potter kann das auch, also was soll das, was interessiert mich das jetzt? Deswegen habe ich ihn für Kinder gezaubert, weil die mich einfach immer angeschaut haben und gesagt haben, und jetzt? Und jetzt auf der grausamen Seite, dieses Kind hat natürlich überhaupt die Chance zu überleben. Genau deswegen, was er sagt, weil er einfach das einsortiert und sagt, okay, so ist also die Welt und ich muss mich entsprechend verhalten. Während Erwachsener viel mehr mit Vergangenheit und weiß, was geht und was nicht geht und was kann ich und wie kann ich mit Dingen umgehen oder nicht umgehen und dann eben daran scheitert.
Florian Bayer: Wollen wir zu unserer Top 3 springen?
Johannes Franke: Ja, auf zu unserer Top 3. Unsere Top 3. Was haben wir denn als Top 3 Plan?
Florian Bayer: Top 3, Filme, die dich zermatert haben. Filme, die dich fertig gemacht haben. Filme, nach denen du dachtest, das will ich nicht mehr sehen. Oh, das war hart.
Johannes Franke: Ich habe jetzt die ganzen bösartigen Platze rausgelassen. Ich habe jetzt nicht... Jodorowsky mit reingenommen.
Florian Bayer: Nein, es sollte auch wirklich, pass auf, im positiven Sinne.
Johannes Franke: Ja, im positiven Sinne. Das gibt es doch auch.
Florian Bayer: Kunst, die dich mitnimmt.
Johannes Franke: Ja, gut. Okay. Bin ich dran als erstes?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Okay, ich hätte auf Platz 3 Pans Labyrinth. Der bessere kriegsproblematisch Kind-Film ist als dieser hier.
Florian Bayer: Ein ganz anderer Film. Okay, ich, ja.
Johannes Franke: Ich schaue ihn euch einfach an. Also ein Kind, das einfach durch traumatische Situationen geht und das mit Fantasie irgendwie löst oder auch nicht löst. Also es ist einfach, es ist ein Film, wo man auch die ganze Zeit sagt, ach du scheiße Ufa, oh Gott. Und die ganze Zeit so einen emotionalen Rucksack mit sich rumträgt und denkt, ach... Ja. Fuck. Man ist froh, wenn der Film vorbei ist, aber man ist wirklich sehr gut auch.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Absolut sehenswerter Film von Guillermo del Toro.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Mein Platz 3, The Road. aus dem Jahr 2009 von John Hillcote. Ein Vater und sein Sohn ziehen durch eine postapokalyptische Welt und versuchen irgendwie zu überleben und es ist Alles so trostlos und düster und sie sind einfach nur unterwegs, immer wieder auf der Suche nach der nächsten Nahrung. Wir erfahren auch nicht so genau, was passiert ist, aber es... Die Wälder stürzen zusammen. Es gibt kaum noch Leben. Und die paar Menschen, die sich herumtreiben, sind alle gefährlich. Kannibalen und... Wer weiß was für gefährliche Leute und das ist einfach mal so fast zwei Stunden absolut deprimierend, Vater und Sohn wollen irgendwie überleben und es gibt... Es gibt kaum Hoffnung.
Johannes Franke: Oh Gott. Diese Frage, will man sowas sehen? Eine sehr gute Frage von dir, muss ich sagen. Darüber muss ich länger nachdenken. Also auch solche Filme, wo man denkt, ja... gibt es irgendwo einen Punkt, wo ich andocken kann, wo ich sagen kann, da will ich vielleicht hin? Weil ich glaube, dass für Filme Hoffnung ein wahnsinnig wichtiger Faktor ist. Weil du willst ja irgendwo hin. Du willst ja als Zuschauer, dass irgendwas gut wird. Und du kannst es nur wollen, wenn es Hoffnung gibt.
Florian Bayer: Ich weiß nicht, ob mir das ein bisschen zu eingeengter Blick auf Storytelling ist. Weil es gibt... einfach auch andere Arten, Dinge zu erzählen. Es muss nicht Hoffnung sein. Ich meine, die ganze Tragödie, das ganze Genre der griechischen Tragödie, Von Sophokles über Shakespeare bis zu Goethe. Basiert auf dem Prinzip ... Es geht alles Kacke aus. Es gibt keine Hoffnung.
Johannes Franke: Nein, nein, nein, das stimmt nicht. Die Figuren bei Shakespeare. Handeln nur, weil sie Hoffnung haben. Wenn sie keine Hoffnung hätten, würden sie nicht mehr handeln. Dann würden sie sich hinsetzen und sagen, ach, alles scheißegal.
Florian Bayer: Ja, aber sie sterben alle. Und am Schluss steht einer und sagt, seht euch an, was passiert ist, alles im Tod.
Johannes Franke: Ja, aber Hoffnung ist nicht daran gekoppelt, was am Ende tatsächlich passiert. Hoffnung ist ein losglölöstes Ding, was die Aussicht auf ein positives Ende aussieht. mit sich trägt. Aber nicht unbedingt bedeutet, dass es am Ende wirklich gut ausgehen muss.
Florian Bayer: Wenn du so einen losen Begriff von Hoffnung hast, dann steckt in dem Film aber auch einiges an Hoffnung.
Johannes Franke: In diesem jetzt hier? Ja. Ja, ja, durchaus. Das ist schon richtig, das stimmt. Aber, naja... Das hilft mir leider nicht, weil er einfach zu grausam ist, weil er von einer Grausamkeit in die nächste kommt und das einfach so ein Kettenkarussell ist.
Florian Bayer: Dein Platz zwei.
Johannes Franke: Mein Platz zwei ist Liebe von Hanneke. Uff, ja. Schön, gute Reaktion. Uff. Ein großartiger Film. Fantastischer Film. Aber du gehst halt auch wirklich raus und denkst dir... Okay, ich brauche erst mal zwei Wochen Urlaub.
Florian Bayer: Hannecke ist so ein Regisseur, in Liebe fällt gar nicht so sehr da rein, aber Hannecke ist grundsätzlich so ein Regisseur, der ist sehr hoffnungslose, sehr nihilistische Filme faszinieren kann, die trotzdem stark sind. Wenn mich jemand fragen würde, kannst du mir sagen, kann ein Film überhaupt funktionieren, wenn sie kein bisschen Hoffnung erhalten, dann würde ich auf Haneke verweisen und sagen, guck dir Funny Games an.
Johannes Franke: Ja, Funny Games, genau. Funny Games hat noch weniger Hoffnung als Liebe, würde ich sagen.
Florian Bayer: Ja, Liebe hat Hoffnung. Liebe hat so ein warmes Zentrum, weil es geht ja um die Liebe von ihm zu ihr, obwohl sie dahin siegt und das ist ja eigentlich, also der Film hat auch seine Romantische Schönheit.
Johannes Franke: Na, total. Volle Kanne. Während Funny Games wollte ich eben auch auf die Liste setzen ursprünglich und hab dann gedacht, ja, weiß ich nicht, ähm, hm. Ist vielleicht fast zu formelhaft dafür, weil man dann zu sehr diese Abarbeitung an der Formel sieht.
Florian Bayer: Funny Games, finde ich, ist ein gutes Beispiel für einen Film, der es einem erlaubt, auf die Meta-Ebene zu fahren. Ja, geht total. Fanny Games kann dich emotional kalt lassen. Du kannst dich wunderbar dahinter fliehen und sagen, ah, das ist eine interessante Reflexion. Filme funktionieren und wir als Publikum, wie wir auf Horrorfilme reagieren und dann bist du komplett raus und es ist dir einfach egal, was da passiert, weil es zu viele Metaebenen dazwischen gibt.
Johannes Franke: Genau, aber nur, das musst du aber auch erst schaffen. Also du musst schon aktiv dafür sorgen, dass du den Schritt zurück machst, weil sonst packt er dich wirklich.
Florian Bayer: Ich kenne auch viele, die sagen, dass Fanny Gems ein echt schwer zu ertragener Film ist. Ja, ist er auch.
Johannes Franke: Aber du hast sozusagen diese Meta-Ebene, an die du immer wieder rangehen kannst und sagen kannst, okay, kurze Pause, ich geh mal kurz in die Meta-Ebene und dann steig ich wieder in den Film ein.
Florian Bayer: Mein Platz zwei. Es ist schwer ein Gott zu sein aus dem Jahr 2013. Ich glaube in Deutschland auch über Bildstörung veröffentlicht. Drei Stunden Russland, Alexei Germann erzählt, jetzt nenne ich wieder die Prämisse und ich muss dir den Film auch irgendwann mal vor den Latz knallen. Irgendwann kriegst du den Film mal von mir. Ich erzähle die Prämisse und dann sagt jeder wieder, oh, das klingt nach einem coolen Science-Fiction-Film. Die Menschheit entdeckt einen Planeten, die Menschen kolonialisieren das Weltall und entdecken einen Planeten, wo Menschen leben. Die allerdings noch im Mittelalter sind, so von der zivilisatorischen Entwicklung. Ja. Während so ein Raumschiff dann um diesen Planeten kreist, werden zwei, drei Forscher runtergeschickt. Und sie sollen nicht in das Geschehen eingreifen, sondern sollen einfach beobachten, um Erkenntnisse über diese Zivilisation, die sie da gefunden haben, zu ziehen.
Johannes Franke: Klingt nach einer super ABC-Sitcom.
Florian Bayer: Ach echt? Ich hätte jetzt gesagt, klingt nach einer Star Trek-Episode.
Johannes Franke: Ja, auch das. Aber es könnte auch eine super Sitcom werden. Eine sehr interessante Fish-Out-of-Water-Komödie.
Florian Bayer: Eher so ein bisschen Rowan Atkinson aus den 70ern, der coole Rowan Atkinson, der Blackadder Rowan. Es gibt eine Verfilmung aus den 80ern, die einfach so ein Science-Fiction-Film ist, wie man das erwartet. Und es gibt diese Verfilmung aus dem Jahr 2013, die einfach nur 180 Minuten Dreck und Schmutz und Tod und Leid ist. Oh Gott. Wirklich dreckig inszeniert mit Statisten, Menschen, die in die Kamera stachen und debil grinsen dabei. Und dieser Film würde es diesen Film so hassen. Und irgendwann gebe ich ihn dir mal, aber noch nicht, weil der Film ist echt, also ich kann den Film, ich habe den Film gesehen und dachte danach auch so, weil es einfach nur so, du hast halt einfach drei Stunden Schmutz. Und keine Hoffnung und nichts und einfach nur Menschen, die im Schmutz dahin vegetieren und sterben und nackte Ärsche und Dreck und ja. Ja, mein Platz zwei.
Johannes Franke: Mein Platz eins ist Ginger und Rosa.
Florian Bayer: Nein, den habe ich dir erst vor kurzem gegeben. War der so hart? Wow. Wir haben darüber geredet. Ja, ich weiß. Du warst auch echt fertig. Ich war ziemlich fertig. Ich habe mich auch mehrmals dafür entschuldigt, dass ich ihn dir gegeben habe.
Johannes Franke: Ja, aber ich bin dir natürlich im Nachhinein dankbar dafür, weil ich ihn wirklich sehr gut fand. Er war halt bloß nicht im richtigen Zeitpunkt. Ich hatte eigentlich gesagt, wir wollen Girls-Night-Filme. Und dann hast du mir diesen Film von Latz geknallt und ich war völlig fertig danach.
Florian Bayer: Ja, weil er von einer Regisseurin war und zwei Protagonistinnen hat und den Bestelltest besteht.
Johannes Franke: Ja, toll, aber das macht sie noch nicht zu einem Girls-Night-Film. Girls-Night-Filme sind... positiv und machen ein gutes Gefühl.
Florian Bayer: Liebes Publikum, wenn ihr eine Episode haben wollt, wo wir sehr lange drüber diskutieren, was bei einer Girls' Night geguckt werden soll. als zwei Zestos mit 50 Schwanzträger-Dudes, dann hört euch auf jeden Fall unsere Episode zu Ginger and Rosa an.
Johannes Franke: Aber toller Film, also, ne? Ja.
Florian Bayer: Sally Potter, ne? Ja.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Mein Platz 1, Pierre Paolo Pasolini, die 120 Tage von Sodom.
Johannes Franke: Die ihr bitte nicht guckt. Einfach nicht gucken. Jede Beschreibung, ich habe ihn auch nicht gesehen, jede Beschreibung von Plur sagt, also jedes Wort sagt, guckt diesen Film nicht.
Florian Bayer: Ja, die Geschichte von Marquis de Saat, der 120 Tage von Sodom. wo es darum geht, wie reiche Leute sich an jungen Menschen verhallustieren. erzählt vor dem Hintergrund des Faschismus in Italien einfach nur ein abgefuckter, brutaler, Unangenehmer Film, nachdem man echt fertig ist. Und er ist nicht im geringsten unterhaltsam. Er hat auch keine Hoffnung. Es ist einfach nur abscheulich, misantropisch, zynisch. muss ich nicht nochmal sehen. Ich weiß nicht mal, ob ich den Film als gut bezeichnen würde. Ich glaube, ich finde ihn gar nicht gut, den Film. Also ich glaube, irgendwie gehört er so zum Filmkanon und irgendwie ist es interessant zu sehen, wie in den 70ern kontroverse Filme gedreht wurden und natürlich ist dieser Twist, dieses hedonistische... Und die Sadistische mit dem Faschismus zu spiegeln, ist natürlich ganz interessant. Aber der Film ist halt vor allem zwei Stunden lang Sadismus pur.
Johannes Franke: Toll. Gut, gehen wir zurück zu unserem total unsadistischen Film. Das war unsere Top 3.
Florian Bayer: Ja, ich weiß nicht, warum ich den Film selbst nicht... Wie gesagt, der Film hat mich total mitgenommen.
Johannes Franke: Findest du, dass es ein guter Film ist?
Florian Bayer: Es ist ein fantastischer Film. Ich bin der Meinung, es ist Also wenn ich das Filmjahr 2019 überblicke, würde ich sagen, er gehört für mich mindestens in die Top 3 dieses Jahres, wenn nicht sogar noch weiter nach vorne.
Johannes Franke: Weil er dich hinter den Ohren gepackt hat und nicht wieder losgelassen hat.
Florian Bayer: Weil er mich sowohl emotional als auch intellektuell berührt hat.
Johannes Franke: Okay. Ja gut, mein Fazit, ich möchte jemanden zitieren. Ich hasse, hasse, hasse diesen Film. Roger Ebert, glaube ich, war das.
Florian Bayer: Ja, es war Roger Ebert zu North.
Johannes Franke: Ich verabscheue diesen Film wegen seiner... Oberfläche, die er benutzt, um Dinge zu erzählen, die viel mehr jedes einzelne Ding, was diesem Kind passiert, braucht wesentlich mehr Beachtung. Und dann mach meinetwegen ein sechsstündiges E-Post raus, 1900 oder sowas. Das hat keine sechs Stunden gedauert, oder?
Florian Bayer: Nee, doch, das war ziemlich lang. Das waren vier oder fünf Stunden vielleicht.
Johannes Franke: Aber dann mach das, gerne. Aber dann gib jedem, jedem Ereignis genug Gravitas, genug... eigene Aufarbeitung, damit das nicht so trivialisiert wird. Ja, das ist meins.
Florian Bayer: Ich finde nichts trivial an dem Film. Ich finde, er schafft es wirklich das Böse zu zeigen, das Böse spürbar zu machen und gleichzeitig das Böse zu reflektieren.
Johannes Franke: Ich verachte auch das Weltbild. Das ist es. Ich verachte auch das Weltbild. Also das Weltbild, was mir hier gezeigt wird, ist einfach so, ich find's so schlimm und ich will mir das nicht, ich, oh. Ich will nicht mal daran denken, dass das irgendjemand ernsthaft so auf die Welt guckt. Das geht einfach nicht. Du hast keinerlei... Du unterstellst der Menschheit keinerlei Empathie.
Florian Bayer: Manchmal ist die Welt so. Und das, was wir sehen, was in diesem Film passiert ist, sind Dinge, die passieren. Und Menschen tun Menschen schlimme Dinge an. Und ja, natürlich ist es hart, damit konfrontiert zu werden. Und ich möchte auch nicht mit einem Weltbild rumlaufen. Ich möchte nicht... permanent mit einem Weltbild rumlaufen, das dieser Film ja wohlmöglich anbietet. Aber ich find's gut, dass ich mit diesem Weltbild konfrontiert werde, weil... Weil es eben auch damit konfrontiert, was auf der Welt geschieht.
Johannes Franke: Ja, aber muss ich... Also ich meine, Moment...
Florian Bayer: Wir liegen in so einer leichten Blase, wir machen es uns so leicht und dann gibt man immer noch eine Prise Hoffnung rein und noch ein bisschen Fröhlichkeit und setzt ein paar schöne Kontraste.
Johannes Franke: Das stimmt ja gar nicht. Also ich brauche das nicht nochmal zu hören. Ich weiß... Aus Dokumentarfilmen und so weiter, die tatsächlich passiert sind. Sachen, die gut aufbereitet sind, dass es solche schlechten Menschen gibt. Das weiß ich. Und ich brauche nicht eine Abfolge von zehn Leuten, die in allen Varianten zeigen, wie schlecht Menschen sein können. Brauche ich nicht. Das ist nicht nötig, weil ich das weiß. Und wenn ich immer mal eine Grund auf schlechte, böse Figur in einem Film habe... Finde ich das gut als Kontrast und will ich auch sehen, aber ich will keinen Film sehen, der mir das in 20 Varianten einmal nochmal und nochmal und nochmal um die Ohren haut.
Florian Bayer: Das unter die Haut gehende ist für mich, die Perspektive, mit der gearbeitet wird. dass das in einer sehr radikalen, subjektiven Wahrnehmung gezeigt wird. Dass das im... teilweise sehr nüchternen Realismus gezeigt wird und teilweise im Allegorischen. Und dass das zusammenspielt. dass es eben mehr ist als nur eine Darstellung und mehr ist als nur eine Dokumentation, sondern dass es auch einen Raum eröffnet, darüber nachzudenken. Und ich glaube, das ist das, was Kunst auch als Aufgabe haben kann, wirklich wehzutun, wirklich ans Eingemachte zu gehen. Und dabei irgendwie den Horizont zu erweitern. Denk an Pablo Picasso's Garnica. Sowas.
Johannes Franke: Ich hätte gerne noch einen kleinen Ausflug ins Buch. Wir haben das Buch nicht gelesen, aber was halten wir denn von dem Ansatz des Autoren zu sagen, ich beöffentliche ein Buch und sage, es ist eine Autobiografie Um dann nach und nach sagen zu müssen, naja, ich habe da ein paar Sachen gehört und dann zusammengeschrieben.
Florian Bayer: Das ist total daneben, ne?
Johannes Franke: Sie ist total daneben, oder nicht?
Florian Bayer: Es ist einfach Betrug. Es ist einfach Betrug und es geht auch in die Richtung von Exploitation.
Johannes Franke: Genau. Und ich finde, dass der Film sich da anschmiegt.
Florian Bayer: Ich finde, dass der Film nicht den Autor rehabilitiert, aber den Roman rehabilitiert, indem er... Diese Diskussion, die in dem Roman drin ist, über Fiktion und über Lug und Trug und Realität, indem wir die... Ich sage so ein akademisches Wort, aber er transzendiert hier irgendwie, er hebt die auf eine höhere Ebene, indem er das mit reinbringt, indem er eben das Realistische mit dem Parabolischen, mit dem Abstrakt. vermählt. Deswegen ist es eine Verfilmung, die... Im Film kann ich das Buch retten, aber ich glaube, ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich kann mir vorstellen... Allein vom Ansatz ist die Verfilmung schon stärker als das Buch, auf einem höheren Level. Wahrscheinlich muss ich das Buch gar nicht lesen. Ich will das Buch auch gar nicht lesen. Ich will nicht einen erschwindelten Roman über... über Groll, die jemand angeblich erlebt hat, aus dem Zweiten Weltkrieg lesen. Aber der Film macht das eben nicht. Der Film schwindelt nicht.
Johannes Franke: Tja, na gut. Okay, let's agree to disagree on this one. Ich glaube, das ist einer der Filme gewesen, die wir je besprochen haben, bei denen wir wirklich am weitesten auseinanderhalten.
Florian Bayer: liegen. Glaube ich auch. Sowohl vom Gesamturteil als auch was die Schritte dahin betreffen.
Johannes Franke: Ja, ja, total krass. Und dafür bin ich dankbar, Plur.
Florian Bayer: Ich auch. Ich finde es sehr schön. Es geht doch nichts über einen herzhaften Streit.
Johannes Franke: Und das hat was Katatisches, weil dieser Film so viel Spannung in mir aufgebaut hat, dass ich das jetzt endlich mal loswerden konnte.
Florian Bayer: Ich bin froh, dass ich endlich über diesen Film reden konnte, weil er hat mich... Er bewegt mich immer noch.
Johannes Franke: Ja, mich auch, natürlich.
Florian Bayer: Mit jeder Warnung, die ich da vorschicke, ich muss es nicht wiederholen, aber ich hatte sehr viel Ballast auf mir, nachdem ich den Film geguckt habe. Und ich bin froh, mit jemandem zu reden, der den Film auch gesehen hat. Aber sonst kenne ich niemanden, der diesen Film gesehen hat.
Johannes Franke: Und ich kenne auch niemanden, den du überzeugen konntest, diesen Film zu gucken, nach diesem Podcast. Ja.
Florian Bayer: Das lassen wir das Publikum entscheiden.
Johannes Franke: Schreibt uns, wenn ihr wegen dieses Podcasts diesen Film geguckt habt. Zirp, zirp, keine E-Mail. Warum nur?
Florian Bayer: weil du stinkst. Wenn ihr wissen wollt, womit sich Johannes nächste Woche revanchiert bei mir. Bleibt dran. Ansonsten euch eine schöne Woche. Vielen Dank fürs Zuhören.
Johannes Franke: Vielen Dank fürs Zuhören, ja.
Florian Bayer: Wir hören uns.
Johannes Franke: Gerade bei dieser Episode. Danke, Plur, dass du mir den Film gegeben hast.
Florian Bayer: Danke, dass du mit mir drüber gesprochen hast. hast.
Johannes Franke: Bis nächste Woche.
Florian Bayer: Ciao.
Johannes Franke: Ich brauche eine Pause, Plur. Ich brauche einfach die nächste Woche, was einfach nur schön ist. Naja, nicht nur schön. Also ich werde keine wunderbaren Jahre oder sowas mit dir gucken. Nichts gegen wunderbare Jahre. Überhaupt nicht, aber es ist einfach viel gut.
Florian Bayer: What would you do?
Johannes Franke: Also, ich möchte gerne etwas, was mir einfach wieder Kraft und Mut und Energie gibt, einfach zu createn und zu machen.
Florian Bayer: Tolle Frage, die ich mir jedes Mal stelle. Entschuldigung, wenn wir irgendwas singen, um den Podcast einzuleiten. What would you do when I sang out of tune? So geht das Lied doch. Stimmt. We will let the head from my friends. Entschuldigung, weiter geht's.
Johannes Franke: Okay. Nein, ich will einfach was, wo mein Herz so ein bisschen dran hängt, was ich irgendwie cool finde, was ich irgendwie geil finde und was ich lange nicht gesehen habe. Also gebe ich dir Exit Through the Gift Shop. Einen Film, den du schon gesehen hast.
Florian Bayer: Den haben wir zusammen geguckt. Ah fuck, wirklich? Ich weiß es nicht ganz sicher. Ich hab den auf jeden Fall nicht allein geguckt, sondern mit einem Kumpel. Es kann auch sein, dass jemand anderes war.
Johannes Franke: Es kann auch sein, dass wir den zusammen gesehen haben. Meine Güte, ist das lange her. Scheiße.
Florian Bayer: Doch, den haben wir zusammen geguckt.
Johannes Franke: Das kann echt sein.
Florian Bayer: Ja, aber geil. Ich freue mich drauf.
Johannes Franke: Ja, aber seitdem hast du ihn auch nicht gesehen?
Florian Bayer: Doch, bestimmt.
Johannes Franke: Oh nein! Bitte lüg einfach.
Florian Bayer: Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen. Ich habe auch überhaupt keine Erinnerungen mehr dran. Ich glaube, es geht um so einen Künstler. Wie heißt der nochmal?
Johannes Franke: Banksy? Nie gehört. Ja, okay. Gut, wir sehen uns nächste Woche. Bitte schaut den Film, macht eure Hausaufgaben und du auch, Plur.
Florian Bayer: Natürlich.
Johannes Franke: Sehr schön. Bis nächste Woche.
Florian Bayer: Ciao.
