Episode 70: Stalker – Science Fiction als Reise ins Innere (Gast: Marcus)
1979, das ist ein Jahr nach George Lucas’ Space-Oper Star Wars und das Jahr in dem Rildey Scott uns in einer Art Antithese zu Star Wars mit Alien das fürchten lehrt. Während ersterer Science Fiction Klassiker unverhohlen auf Effekt, Action und Dynamik setzt, ist letzterer schon zurückhaltender.
Das Visuelle, die Cinematografie ist eindrücklich aber nicht aufdringlich. Fast die gesamte Dynamik, die in Alien transportiert wird, beschränkt sich auf die fremde Körperhaftigkeit eines unbekannten Wesens aus dem All einerseits und auf die Angst, die innere Bewegtheit, die uns Scott lehren will, andererseits. In diesem Sinne ist Alien auch ein inneres Erlebnis, ausgelöst durch eine Begegnung mit dem Fremden.
1979 erschien aber auch noch ein weiterer Science Fiction Klassiker, einer der kulturell nicht weniger Wirkung erzielte, sich aber nie inmitten eines Franchise-Getöses wiederfand. Die Rede ist von Andrei Tarkowskis Stalker, der gewissermaßen noch antithetischer ist. Als Gegenentwurf zur effekthascherischen Blockbuster-Aufdringlichkeit, entfaltet Stalker in seiner Ruhe und Verschlossenheit eine Sogwirkung, der man, ist man einmal von ihr erfasst, nicht mehr entkommen kann.
Nach Solaris ist es Tarkowskis zweiter Science Fiction Film, nur… fast ohne Science Fiction.
Man begegnet hier nichts Fremden, keinem Wesen aus einer anderen Welt, sondern sich selbst, vielleicht.
Stalker spielt in der Nähe der sogenannten Zone, die ein Überbleibsel eines unbekannten Ereignisses ist, oder sein soll. Sei es ein Meteoriteneinschlag, oder die Landung einer Außerirdischen Zivilisation. Ein als Stalker bezeichneter Abenteurer, der dafür bezahlt wird Menschen in und durch die Zone zu leiten, wurde von zwei Männern angeheuert, sie in ein Zimmer zu bringen, welches sich in der Zone befindet und in welchem Wünsche bzw. die insgeheimen Wünsche in Erfüllung gehen sollen. (Dieser Unterschied ist wichtig.) Bei den Männern handelt es sich um einen Schriftsteller, dem die Inspiration abhanden gekommen ist und einen Wissenschaftler, der, so scheint es zunächst, nach dem Nobelpreis strebt.
Merkwürdige Dinge sollen in der Zone geschehen, gefährlich soll es in ihr zugehen, der kürzeste Weg sei nicht der schnellste, überall lauerten tödliche Fallen, die es aufzuspüren gilt.
Aber… so viele Anzeichen, die darauf schließen ließen, dass wir uns hier in einer fremden und gefährlichen Umgebung befinden, gibt es gar nicht. Keine Effekthascherei, keine Action, vielmehr wird der Weg zum Wunschzimmer zu einer Reise ins Innere.
Stalker ist kein dynamischer Film, zumindest nicht in physischer Hinsicht aber er bewegt viel tiefgehender, weil Tarkowski hier etwas berührt, was in uns selbst stattfindet und was sich in weitestem Sinne als Conditio humana oder Psyche bezeichnen ließe und selbst nichts festes, sondern etwas dynamisches ist.
Diese Dynamik ist im Film verborgen, man muss sie sich erschließen, sie entdecken. Sie entfaltet sich in dem Augenblick, wenn man sich selbst dem Film öffnet und beginnt hinter die Fassade zu blicken, die uns Tarkowski hier vorspielt.
Denn es ist keineswegs eindeutig, was hier die Zone ist! Ist es wirklich das Gebiet, das von der Natur zurückerobert wird und in dem es gefährlich sein soll? Oder ist es vielleicht doch die in Sepia getauchte karge Welt, die eindeutig die Anzeichen von Ideologie trägt und in der Soldaten oder Polizisten mit Waffengewalt verhindern wollen, dass man hinter die Grenze gelangt? Was meint Ihr? Was ist die Zone?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 70: Stalker – Science Fiction als Reise ins Innere (Gast: Marcus) Publishing Date: 2022-05-04T17:48:26+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/05/04/episode-70-stalker-science-fiction-als-reise-ins-innere-gast-marcus/
Johannes Franke: Meine Frage ist jetzt, darf ich mir was wünschen? Ich war ja jetzt im Zimmer. Warst du im Zimmer? Na klar, die Kamera war im Zimmer. Wir waren ja alle im Zimmer. Hast du dir was gewünscht?
Florian Bayer: Ich habe mir gewünscht, dass der Film vorbei ist. Ich wollte gerade sagen, du wünschst dir einen Michael Bay Cut von dem Film. Oh nein.
Johannes Franke: Jetzt würde es laufen.
Florian Bayer: Markus, kann ich dir einen Tee eingießen? Nein. Ich habe Bier. Oh Gott. Herzlich willkommen, liebe ZuhörerInnen,
Johannes Franke: zum Muss-man-sehen-Podcast. Du kannst nicht gleichzeitig eingießen und reden. Ich merke das doch.
Florian Bayer: Du kriegst das hin. Keine Sorge. Mit einem Very Special Episode. Wir haben nämlich wieder einen Gast zu Besuch. Einen ganz besonderen Gast. Einen ganz besonderen Gast, den wir auch schon seit Ewigkeiten kennen. Herzlich willkommen, Markus. Hi, ihr beide. Ich muss ganz kurz was zu Markus sagen. Das habe ich mir jetzt extra zurechtgelegt. Markus ist so ein bisschen mein, was Filmrezeption betrifft, ein bisschen mein jenen zu dir als Young. Oh. Quasi. Dann mach doch mit Markus ein Podcast. Wenn ich irgendwelche Musicals und Komödien aus den 50ern haben will und Screwball-Comedy, dann frage ich dich. Ja. Und wenn ich denke, ey, was ist denn gerade so ein wirklich weirder asiatischer Film, der ein bisschen surreal ist und am besten 50 Jahre alt, dann frage ich Markus. Der ist nämlich die beste Adresse für diese berühmten koreanischen Filme mit russischen Untertiteln, weil der da einfach auch ein gutes Gespür dafür hat, was sehenswert ist. Und ich sage dann meistens immer Hausu. Ach du Scheiße, von dir kommt Hausu. Oh, ich habe ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Und Hausu gehört tatsächlich, glaube ich, noch zu den bekömmlicheren Filmen, die ich mit Markus zusammen geguckt habe. Oder wenn ich mit Markus geredet habe. Das stimmt. Markus, willst du kurz was zu dir sagen? Zum Beispiel, ob du Ponys magst. Ponys, ja. Die guten alten Ponys, die mag ich sehr. Aber ich finde auch große, sehr, sehr schön. Schön, dass ihr das von letzter Woche alles gemerkt habt. Wir haben bei der Probeaufnahme letzte Woche, die dann ins Auto übergegangen ist, hat Johannes vollkommen aus dem Nichts die Frage gestellt, magst du Ponys? Und das hat dann eine einstündige Debatte ausgelöst, die wir aber rausgeschnitten haben, weil das einfach zu lange ging und es war auch etwas blutig. Vielleicht machen wir mal eine Special-Episode nur mit dieser Diskussion um die Pony-Frage. Ponys, ja. Wir sollten auf jeden Fall eine Pony-Episode machen. Top 3 Pony-Filme. Ach du Scheiße, warum haben wir aber keine Top 3 Pony-Filme für heute? Filme über Pferde. Ja. Gibt es einen guten Pferde-Film? Naja, ich fühle mich da nicht so aus. Es gibt diesen Blinde-Pferde-Film. Blinde-Pferde? Ja. Aber The Rider ist ein richtig guter Film.
Johannes Franke: Liebe ZuhörerInnen, ich bin sehr stolz, dass ihr noch da seid. Wir fangen dann auch demnächst an mit dem Film, versprochen. Wir reden noch ein bisschen über Ponys, aber dann fangen wir an.
Florian Bayer: Wir haben keinen Pony-Film da diese Woche. So viel kann ich schon mal verraten. Markus, was hast du uns denn mitgebracht? Und zwar André Tarkowskis Stalker. In der deutschen Übersetzung oft Stalker als Stalker bezeichnet. In der ostdeutschen Synchronisation. Ich glaube, das ist eine ostdeutsche Synchronisation. Da wird er als Stalker bezeichnet. Ich würde ihn auch Stalker nennen, weil ich dachte, Stalker klingt für mich so amerikanisiert. Ja.
Johannes Franke: Aber es ist tatsächlich das Wort Stalker, oder? Und ich glaube, dass die Russen das einfach Stalker aussprechen. Weil Sprachausprache und so weiter. Was wir alles eingedeutscht haben aus dem Englischen. Da greifen sie sich auch alle an die Stirn. Ja, Stalker. Ich finde auch, Stalker passt irgendwie besser zum Film. Als Aussprache jetzt. Ja, finde ich auch. Ja, es hat halt einfach diesen russischen Flair. Hat bloß dazu geführt, dass ich lange gebraucht habe, rauszufinden, welchen Film ihr meint.
Florian Bayer: Ja, du hast mir mal Stalker dann mal so mit A.
Johannes Franke: Ja, Stalker habe ich geschrieben. Wie man es spricht. Und habe gedacht, wo finde ich den denn? Und es war echt ein bisschen, ups, okay. Ja, aber das hat mich ein bisschen entlarvt in die Richtung, dass ich Markus enttäuschen werde. Weil ich das Gefühl hatte, Markus war so begeistert von dem Film und hat schon so komisch geguckt, als ich gesagt habe, ich habe ihn nicht gesehen, ich kenne ihn nicht. Und dann schreibe ich ihn auch noch falsch und weiß nicht, was es ist, was es damit auf sich hat. Und ich habe auch nur einen Tarkowski gesehen bis jetzt. Und zwar den, den du mir aufgegeben hast, Blor. Ja. Den Spiegel.
Florian Bayer: Stalker haben wir es tatsächlich, glaube ich, mit dem bekanntesten Tarkowski-Film zu tun. Also vielleicht noch Solaris daneben, aber wenn von Tarkowski geredet wird, wird meistens Stalker so als erstes genannt. Und ich glaube, es ist auch der Film, den die Leute am ehesten gesehen haben, wenn sie einen Tarkowski-Film gesehen haben. Und ich glaube, viele Leute haben dann auch danach gesagt, jetzt, ja, jetzt mag ich Tarkowski nicht mehr.
Johannes Franke: Das reicht für die nächsten zehn Jahre erstmal. Ja, okay.
Florian Bayer: Ich weiß nicht. Wie ist deine Verbindung zu Tarkowski? Ja, ich weiß gar nicht, wie ich da reingeschlittert bin, aber also Stalker, ich habe den mal gesehen und vor vielen Jahren zum ersten Mal. Und es war einfach die Ruhe, die er ausgestrahlt hat. Und diese Langsamkeit hat einfach so eine sehr heftige Sogwirkung auf mich. Und ich war davon einfach mein erster Tarkowski-Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und seitdem habe ich Tarkowski auf dem Schirm. Und ja, ich bin nach wie vor einfach fasziniert davon. Und ich hatte auch immer so das Gefühl, dass Tarkowski so ein bisschen so der Lieblingsregisseur deines Lieblingsregisseurs ist. Ja. Also so in diese Richtung.
Johannes Franke: Ah, verstehe.
Florian Bayer: Tarkowski, der ist halt so ein bisschen, der schwebt so ein bisschen über den Dingen, so seine Filme, habe ich den Eindruck. Auf jeden Fall, wenn du zum Beispiel jemanden wie Lars von Trier zum Beispiel fragen würdest, wer inspiriert dich, würde er mit Sicherheit Tarkowski sagen. Also gerade Regisseure unserer Zeit, die so das Langsamkeit als Erzählprinzip haben, würden bestimmt einige sagen, natürlich ist Tarkowski eine große Inspiration für mich.
Johannes Franke: Ich glaube, das inspiriert mich gerade dazu, ganz viele ganz schreckliche Actionfilme zu machen. Und wenn man mich fragt, wer meine Inspiration ist, Tarkowski zu sagen.
Florian Bayer: Dabei fällt mir ein, also Mini-Exkurs, viele Comedians, die sagen ja immer, dass Andy Kaufman ihr Vorbild ist. Und dann hörst du halt jemanden wie Stefan Raab sagen, dass ihn Andy Kaufman sehr geprägt hat. Und das ist dann irgendwie ein bisschen strange, weil das komplett zwei verschiedene Universen sind an Comedy.
Johannes Franke: Aber da sieht man mal wieder, dass man zwar das eine mögen, aber das andere nur vermögen kann. Also man ist dann halt vielleicht, es sagen ja auch viele Künstler, ich wollte das und das, aber das Einzige, was ich zustande bekommen habe, ist das hier. Und dann siehst du dann ein Meisterwerk vor dir und denkst dir, wie jetzt ist das Einzige, was du geschafft hast. Hallo? Das ist so unglaublich.
Florian Bayer: Bübermann würde ich ohne jeden Zweifel abkaufen, dass er von Kaufmann inspiriert ist. Weil der hat auch dieses Anarchte drin, dass er dieses Publikum gerne herausfordert. Und das, was Kaufmann ja gemacht hat, das Publikum auch gerne ärgert und so ein bisschen trollt. Indem er zum Beispiel, also ganz klassisch, es gibt diese eine Neo-Magazin-Episode, wo er quasi wirklich in der Episode dann so ein Bildstörungsding macht. Und dann ist eine Programmstörung, das ZDF sagt, gleich geht's weiter. Und das ist ja eins zu eins Kaufmann, der auch in einigen Segmenten so absichtlich Störeffekte eingefügt hat, damit das Publikum denkt, ihr Fernseher wäre kaputt. Aber wollen wir mal zu Tarkowski kommen? Markus, du hast bestimmt was Kleines vorbereitet, einen kleinen Text. Ja, tatsächlich. Und dann steigen wir in den Film ein. Okay, ich lese dann einfach mal meinen Text vor. 1979. Das ist ein Jahr nach George Lucas' Space-Oper Star Wars und das Jahr, in dem Ridley Scott uns in einer Art Antithese zu Star Wars mit Alien das Fürchten lehrt. Während ersterer Science-Fiction-Klassiker unverhohlen auf Effekt, Action und Dynamik setzt, ist letzterer schon zurückhaltender. Das Visuelle, die Cinematografie ist eindrücklich, aber nicht aufdringlich. Fast die gesamte Dynamik, die in Alien transportiert wird, beschränkt sich auf die fremde Körperhaftigkeit eines unbekannten Wesens aus dem All einerseits und auf die Angst, die innere Bewegtheit, die uns Scott lehren will, andererseits. In diesem Sinne ist Alien auch ein inneres Erlebnis, ausgelöst durch eine Begegnung mit dem Fremden. 1979 erschien aber auch noch ein weiterer Science-Fiction-Klassiker, einer der kulturell nicht weniger Wirkung erzielte, sich aber nie inmitten eines Franchise-Getürzes wiederfand. Die Rede ist von André Tarkovskys Stalker, der gewissermaßen noch antithetischer ist. Als Gegenentwurf zur effekthascherischen Blockbuster-Aufdringlichkeit entfaltet Stalker in seiner Ruhe und Verschlossenheit eine Sogwirkung, der man, bis man einmal von ihr erfasst, nicht mehr entkommen kann. Nach Solaris ist es Tarkovskys zweiter Science-Fiction-Film, nur fast ohne Science-Fiction. Man begegnet hier nichts Fremden, keinem Wesen aus einer anderen Welt, sondern sich selbst, vielleicht. Stalker spielt in der Nähe der sogenannten Zone, die ein Überbleibsel eines unbekannten Ereignisses ist oder sein soll, sei es ein Meteoriteneinschlag oder die Landung einer außerirdischen Zivilisation. Ein als Stalker bezeichneter Abenteurer, der dafür bezahlt wird, Menschen in und durch die Zone zu leiten, wurde von zwei Männern angeheuert, sie in ein Zimmer zu bringen, welches sich in der Zone befindet und in welchen Wünsche bzw. die insgeheimen Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Dieser Unterschied ist wichtig. Bei den Männern handelt es sich um einen Schriftsteller, dem die Inspiration nach Pannen gekommen ist und einen Wissenschaftler, der, so scheint es zunächst, nach dem Nobelpreis strebt. Merkwürdige Dinge sollen in der Zone geschehen. Gefährlich soll es in ihr zugehen. Der kürzeste Weg sei nicht der schnellste. Überall lauerten tödliche Fallen, die es aufzuspüren gilt. Aber so viele Anzeichen, die darauf schließen ließen, dass wir uns in einer fremden und gefährlichen Umgebung befinden, gibt es gar nicht. Keine Effekthascherei, keine Action, vielmehr wird der Weg zum Wunschzimmer, zu einer Reise ins Innere. Stalker ist kein dynamischer Film, zumindest nicht in physischer Hinsicht, aber er bewegt viel tiefgehender, weil Tarkowski hier etwas berührt, was in uns selbst stattfindet und was sich im weitesten Sinne als Kondition Humana oder Psyche bezeichnen ließe und selbst nichts Festes, sondern etwas Dynamisches ist. Diese Dynamik ist im Film verborgen. Man muss sie sich erschließen, sie entdecken. Sie entfaltet sich in dem Augenblick, wenn man sich selbst dem Film öffnet und beginnt hinter die Fassade zu blicken, die uns Tarkowski hier vorspielt. Denn es ist keineswegs eindeutig, was hier die Zone ist. Ist es wirklich das Gebiet, das von der Natur zurückgeobert wird und in dem es gefährlich sein soll? Oder ist es vielleicht doch die in Sebia getauchte karge Welt, die eindeutig die Anzeichen von Ideologie trägt und in der Soldaten oder Polizisten mit Waffengewalt verhindern wollen, dass man hinter die Grenze gelangt? Was meint ihr? Was ist die Zone?
Johannes Franke: Oh, gleich die tiefste Frage des ganzen Films eigentlich.
Florian Bayer: Oh ja. Ah, was ist die Zone? Gibt es die Zone überhaupt? Es ist vielleicht sogar ein Hirngespinst. Also, ich hab mal so versucht aufzuzeichnen, wie viele Anzeichen es dafür überhaupt gibt, dass wir uns hier in einer sehr eigenartigen Welt befinden. Weil vieles wird ja nur so artikuliert. Oh, man muss das so und so machen, man darf nicht den geraden Weg gehen. Man muss irgendwie, es gibt ja diese Schraubenmuttern, die man da so wirft, um zu testen, ob sich da eine Falle befindet. Aber es gibt gar nicht so viele Anzeichen. Es kommt alles sehr so wie eine Fantasie, als wäre das eine Fantasie des Stalkers oder vielleicht auch einer von mehreren Menschen, dass es so eine Fantasiewelt ist, die sie von sich irgendwie abspalten und dass man da nicht hingehen soll. Was natürlich ein radikales Zeichen dafür ist, dass es sich um wirklich eine andere Welt handelt, ist das, was uns der Film offeriert. Einfach indem er fast schon im Rückgriff auf Zauberer von Oz diesen Wechsel hat. Wir haben diese in Sepia getauchte reale Welt und sobald sie dann in diese Zone kommen, springen uns die Farben entgegen. Zwar auch nicht im Sinne, also nicht so wie bei Zauberer von Oz, dass es wirklich so knallbunte Farben sind. Genau, ganz und gar nicht. Aber trotzdem schon starke Farben. Also der Kontrast ist deutlich spürbar. Man merkt, man hat jetzt irgendwie einen Schritt in eine andere Wirklichkeit gemacht oder in eine andere Welt. Also das offeriert uns ja der Film zumindest, dass wir hier irgendwie was anderes für uns haben, als das, wo wir uns davor bewegt haben. Ja, aber wie ernst du das meint,
Johannes Franke: damit das wirklich als physische Zone zu etablieren oder eher für Interpretationen freie Zone ist natürlich trotzdem noch nötig den Kunstgriff der Farbe. Da macht er natürlich einen bestimmten Raum auf, aber der muss nicht physisch sein. Ich gebe mal eine ganz kleine Vorwarnung. Ich habe gedacht, ich werde hier zwei Fans vor mir haben und wir können uns nicht gegenseitig die ganze Zeit nur Honig ums Maul schmieren. Ich werde die ganze Zeit ein kleines bisschen den Antagonisten spielen, wenn das in Ordnung ist. Immer, sehr gerne. Ich weiß nicht, wie sehr ich deine Träume zerstören darf, Markus. Aber... Da gibt es nicht mehr so viel zu zerstören. None|Oh nein!
Florian Bayer: Die wichtige Frage ist, willst du den Antagonisten spielen oder hattest du tatsächlich dieses antagonistische Gefühl beim Schauen des Films? Du bist ja auch der Einzige, der den Film noch nicht kannte.
Johannes Franke: Ich habe den Eindruck, der Film macht es einem sehr leicht, sich lustig darüber zu machen, wenn man sich eine gewisse Distanz beibehält. Aber das ist das Wesen der Satire. Wenn du dich satirisch über irgendwas äußerst, dann machst du ja einen Schritt zurück und baust eine Distanz auf dazu. Und ich muss sagen, nach anderthalb Stunden, spätestens hat der Film es geschafft, mir diese Distanz auch sehr leicht zu machen. Weil ich irgendwann gedacht habe, ja, jetzt erzählst du mir ganz viel, dass die Zone gefährlich ist, aber es passiert einfach nichts. Also, liefer mal. Zeig mir mal, dass die Zone gefährlich ist. Sonst glaube ich dir kein Wort mehr und dann interessiert mich auch nicht mehr, was das Ganze soll. Ich fand den Film trotzdem sehr gut, weil mich auch die Bilder mich sehr dabei behalten haben und weil mich die Spannung insgesamt trotzdem gehalten hat. Aber es ist mir doch immer wieder passiert, dass ich sehr, sehr viele Sprüche auf den Lippen hatte, die das Ganze sehr ironisch verarbeitet haben.
Florian Bayer: Aber interessant, dass du darin so diese Ironie siehst oder die Satire. Weil, ja, also, ich sehe das nicht als satirischen Kommentar, sondern halt einfach ...
Johannes Franke: Nee, den satirischen Kommentar habe ich dann auf den Lippen, nicht der Film. Ja, ja. Das ist so ein bisschen ... Aber lass uns mal über diese Zone weiterreden. Ich finde den Gedanken spannend und ich finde, wir können den Gedanken auch am Ende noch mal aufgreifen, um mal zu klären. Vielleicht ändert sich auch unsere Sicht auf die Zone im Laufe des Gesprächs. Aber hast du eine These dafür, was die Zone ist? Was ist die Zone für dich?
Florian Bayer: Nein, ich habe dafür keine These. Also, ich sehe das Ganze ... Ich sehe diesen Film halt durchaus ... Also, er ist nicht so in diesem klassischen Sinne postmodern, aber irgendwie hat das halt einfach so einen Spielcharakter, dass uns Tarkowski ja irgendwie ein bisschen hinters Licht führt. Also, man muss vielleicht dazu sagen, dass der Film basiert ja auf einem Roman. Also, es ist kein sehr langer Roman. Es ist ein Science-Fiction-Roman von den sogenannten Strugatzky-Brüdern. Ich habe den auch noch mal im Vorfeld gelesen. Ich habe den auch vor vielen Jahren gelesen. Fand den damals langweilig eigentlich. Und jetzt fand ich ihn sehr, sehr, sehr viel stärker. Kann ich auch wirklich nur empfehlen. Und die haben auch zusammengearbeitet, die Gebrüder mit Tarkowski. Aber im Laufe der Entwicklung des Films ist aber eine ganz andere Geschichte entstanden. Also, die haben noch quasi den Roman gewissermaßen ein bisschen noch mal geschrieben und auch noch mal neu veröffentlicht als die Wunschmaschine, glaube ich. Ja, genau. Der Originalroman heißt übrigens Picknick am Wegesrand. Ja, und Tarkowski nimmt da halt Themen raus, um da seine Sachen zu erzählen. Und in der Filmgeschichte oder in der filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung und auch in Tarkowskis Aufzeichnung findet man halt sehr viele Hinweise darauf, dass es alles eine sehr religiöse Thematik beinhaltet. Und ich würde ungern, ich will gar nicht so über Religiosität hinaus, aber ich würde viel lieber, das Wort ist noch schwieriger eigentlich, auf Transzendenz irgendwie. Das finde ich irgendwie ein bisschen angebrachter dafür. Ist aber dann wiederum auch schwieriger. Also, das findet man halt. Dass das wohl thematisiert wird. Aber irgendwie, wie wir ja schon gesagt haben, ist, dass es gar nicht so, also, wenn es ein Hollywood-Film wäre, dann wäre das zum Beispiel auch noch eine Person dabei, die irgendwann wahrscheinlich sterben würde, weil sie in irgendeine sogenannte Falle läuft.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und wir würden halt sehr viel mehr Effekte sehen und haste nicht gesehen. Und das sehen wir ja alles nicht. Und deswegen sehe ich das irgendwie halt so als Spiel Tarkovskis an, dass es eigentlich so ein bisschen alles andersherum ist. Dass eben diese Naturwelt, in die sie da hineingehen, einfach sozusagen eigentlich gar nicht so die Zone ist, sondern nur als Zone erklärt wird. Aber da, wo sie herkommen,
Johannes Franke: so,
Florian Bayer: dieses ist ja eine sehr industrielle Welt, eine karge Welt, dieses Haus, wo er lebt, mit seiner Frau und seinem Kind, da gibt es ja auch mindestens zweimal und dann auch noch mal am Ende diese Ton, dass da ein Zug vorbeifährt, mit so einer Propagandamusik. Also, ich interpretiere das als Propagandamusik. Und das ist ja eindeutig als eine Collage zu hören. Also, es ist ja kollagiert, weil wenn da ein Zug vorbeifahren würde, wenn es sozusagen eine natürliche Aufnahme wäre, und die Musik auf diesem Zug abgespielt werden würde, dann würde man ja sowas vernehmen wie einen Doppler-Effekt. Also, der Ton müsste sich verändern. Aber Tarkowski hat halt einfach dieses Zuggeräusch und die Propagandamusik zusammengebaut. Der Zug fährt und man hört diese Musik. Und das ist für mich halt einfach ein sehr starkes Anzeichen dafür, dass wir uns hier in so einer ideologisierten Zonenwelt befinden, dass das eigentlich sozusagen die Zone ist. Ja. Die dann sozusagen sagt, ja, ihr Menschen dürft nicht hier rausgehen und in diesen anderen Bereich gehen, denn der andere Bereich ist die Zone und die ist gefährlich. Ihr müsst hier bleiben. Also so in diese Richtung. Es wird ja auch tatsächlich als Polizeistaat inszeniert. Es gibt wenige, wirklich wenige Personen, die mir begegnen außerhalb von unseren drei Protagonisten. Aber wenn, dann sind es ja eigentlich, es sind einfach feindselige Menschen. Sie versuchen in die Zone zu kommen und sie sind unter Dauerbeschuss. Und zwar nicht große Warnung, sondern es wird einfach auf sie geschossen. Sie begeben sich schon in Lebensgefahr allein, um eben diesen Ort zu verlassen. Ich finde das mit dem Industriellen ganz spannend, weil ja, es stimmt, sie kommen in die Zone und sie sind dann erst mal in dieser Natur. Aber tatsächlich bewegen sie sich ja auch sehr schnell dann in architektonischen Räumen. Ja. Also sie verlassen diesen natürlichen Raum, in dem sie sich bewegen, diese große Wiese, wo man dann so im Hintergrund ein paar Panzer sieht, die stehen gelassen wurden. Sie verlassen diesen Ort ja sehr schnell und dann sind sie doch wieder eigentlich in so einem klassischen, auch so einem sowjetischen oder fast schon eher post-sowjetischen Raum, wo sie durch diese langen Gänge gehen, diese Tunnel, wo dann der Wasserfall runterfällt, diese Mosaikböden, die mit Wasser übersät sind. Also sie bewegen sich ja tatsächlich dann sehr schnell auch in einer Welt, die von der Architektur gar nicht so viel anders ist, als die Welt, wo sie herkommen. Weil es auch verlassene alte Fabrikanlagen sind. Oder sie haben es ja gedreht an einem, was war das denn, alte Atomkraftwerke, ne? Ja, Atomkraftwerke, nicht, aber irgendwie ein Kraftwerk in Tallinn-Östland ist das. Genau. Und es gibt die Theorie, dass Tarkowski dadurch krank geworden ist. Der ist ja sehr jung gestorben. Oh Gott, ja. Ja, in dieser Szene.
Johannes Franke: Die hatten da so eine Chemiefabrik und das war an dem Fluss und dann haben die den Fluss gedreht. Die Chemiefabrik war ein bisschen weiter weg, aber das ging alles in den Fluss hinein und dann ist hier halt die Theorie, dass nicht nur er, sondern eben auch viele Krebs bekommen haben oder krank wurden auf irgendeine Art und Weise.
Florian Bayer: Auch der Dichter-Schauspieler, glaube ich. Ja, genau. Und es gibt diese Szene, wo es aussieht wie fast so ein Schnee oder was wir als nuklearen Niederschlag wahrnehmen würden und man denkt so, oh, geiler Effekt, sieht super aus. Und da finden wir heraus, das war einfach diese Umgebung,
Johannes Franke: diese feindliche Umgebung,
Florian Bayer: in der sie sich bewegt haben. Und Mitarbeiterinnen hatten wohl Ausschlag am Set und mussten medizinisch behandelt werden. Also es ist auf jeden Fall, diese Zone, in der sie sich bewegen, ist ja nicht nur so ein erlösungsversprechender Naturraum, sondern es ist eben auch einfach auch zurückgelassene menschliche Architektur, in der sie sich bewegen. Eben diese Tunnel, sie kommen an diesen Panzern vorbei. Also es ist so krass, unterscheidet sich die Zone vom Äußeren jetzt nicht, von der Welt, aus der sie kommen. Naja, in der Welt, aus der sie kommen, da gibt es keine Natur. Also es sind ja auch mehr Innenräume, die gezeigt werden in der industriellen Welt, nennen wir sie mal.
Johannes Franke: Ja, und es gibt ja auch gar keine Notation von irgendeinem Naturerreignis in der Welt davor. Und auch Schwarz-Weiß und Farbe, der große Unterschied. Ich meine, es ist schon augenscheinlich, dass es darum geht, dass auch die Natur sich einen bestimmten Teil wiederholt. Dann dort. Aber ich glaube, dass Plotter eine Sache auf der Spur ist, dass man eben nicht sagen kann, das ist eher die Freiheit, als das, was außerhalb der Zone ist. Weil der Film das schon sehr deutlich erzählt, dass es schon mal alles industrialisiert war und dass das alles Zivilisation hatte und dass es nur eben durch die Natur wieder hergeholt wurde. Und was da nun alles passiert, was dem nun angedichtet wird, was da alles passieren soll, was aber nie passiert. Das ist dann wieder eine andere Frage.
Florian Bayer: Das ist halt ganz spannend. Die Regeln in der Zone sind ja offensichtlich super streng. Du darfst dir keinen Fehltritt leisten. Ganz am Anfang haben wir diesen Moment, wo sie schon das Haus sehen, wo der Raum drin sein soll. Der Dichter geht drauf zu und dann hören wir dieses Halt, gehen sie nicht weiter. Was offensichtlich nicht von den anderen beiden Protagonisten kommt, sondern von der Zone selbst. Und dann sagt der Starker, sie hatten Glück, sie wurden gewarnt, sie hätten auch sterben können. Und wie du schon gesagt hast, der wirft immer diese Muttern. Also es gibt offensichtlich ganz strenge Regeln, wie du dich bewegen darfst und bewegst dich auf ganz engen Bahnen, um überhaupt zu dem Ziel zu kommen, zu dem du willst. Also die Zone ist jetzt kein Raum der Freiheit, sondern schon ein Raum der sehr genauen Kontrolle. Seitdem der Starker übt die Kontrolle aus.
Johannes Franke: Das ist natürlich die Frage. Das ist halt die Frage. Und das stelle ich mich natürlich auch die ganze Zeit die Frage, weil einfach nichts passiert. Weil wirklich, und ich weiß nicht, ob ich das als Kritik oder als guten Punkt sehen soll. Ich bin einfach unentschlossen. Ich weiß es einfach nicht. Weil ich einfach nie sehe, was für Tribute fordert es denn, wenn man sich einen Fehltritt erlaubt. Es gibt einfach keinen. Und der kommt da so easy durch mit diesen Muttern, was ich nie verstehe, was er da eigentlich genau macht. Gut, okay, der findet damit raus, dass da keine Falle ist. Aber auf dem Weg dorthin zur Mutter könnte ja trotzdem noch eine Falle sein. Was ist denn los? Ich verstehe es nicht.
Florian Bayer: Aber bei dir würde ich gerne echt noch mal wissen, wie, du hast ihn erst zum ersten Mal gesehen. War dieser Change von Sepia zu Farbe, war das eindrücklich für dich? Weil ich meine, dieser Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe ist bei Sauber of All-Side super intensiv. Und das habe ich, ich kann mich halt dann im ersten Anschauen des Films nicht mehr daran erinnern, wie eindrücklich das bei mir war.
Johannes Franke: Ach so. Also man merkt es natürlich. Man hat keinen, man sitzt nicht da und denkt sich nach zehn Minuten erst, ach ja, stimmt Farbe. Sondern man merkt es schon. Es ist einem schon klar. Aber man hat zwischendurch dann irgendwann das Gefühl, dass man nicht ganz genau weiß, wann eigentlich Schwarz-Weiß und wann Farbe eingesetzt wird. Weil das auch ein kleines bisschen mehr randomisiert wirkt auf den ersten Blick. Man muss dann darüber nachdenken sehr viel, um das so ein bisschen Konzept zu finden.
Florian Bayer: Ja, ich gehe auch die Brüche, ne? Ja, es gibt so einen Einfänen, ne? Ja. So das Farblichen. Als sie noch in dem Industriegelände sind und sich auf die Dresine quasi setzen, so, da ist es, glaube ich, so ein Mischmasch. Da ist es nicht richtig Sepia und noch nicht richtig Farbe, glaube ich, wenn ich mich richtig erinnere.
Johannes Franke: Ich hab's Schwarz-Weiß im Kopf jetzt, aber ... Ja, okay.
Florian Bayer: Ich hab auch, ich meinte mit Brüchen auch tatsächlich, also wenn sie in der Zone sind, gibt es so ein, zwei Momente, wo sie sich hinlegen, wo wir die Schwarz-Weiß, die Sepia-Einschieber haben. Genau. Und dann ganz signifikant am Schluss, wenn wir die Tochter von Starca sehen, kriegt sie auch noch mal eine Farbaufnahme. Genau. Was natürlich darauf anspielt, dass sie von dieser Zone beeinflusst ist.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Das ist ja eigentlich das große Finale, was dann so ein bisschen präsentiert wird, dass sie offensichtlich durch diese Zone so beeinflusst ist, dass sie telekinetische Fähigkeiten hat. Aber sie kriegt auch noch mal eine Farbszene.
Johannes Franke: Meine Interpretation der Farbe während des Films gucken, war halt zu sagen, alles, was Potenzial hat, bekommt Farbe. Alles, was schon hoffnungslos verloren ist, ist Schwarz-Weiß. Also, dass man irgendwie auch sie am Ende ist farblich hervorgehoben, weil sie jung, Potenzial, sie kann noch irgendwo hin und hat diese Fähigkeit und so und alles was. Und die Zone hat im Grunde auch Potenzial. Also, da liegt ja ganz viel ungenutztes Potenzial rum quasi. Interessant. Weil die Außenwelt sehr, sehr starr und ohne irgendwelche Beweglichkeit ist.
Florian Bayer: Ich möchte noch ganz kurz darauf hinweisen, dass diese Sepia-Farmen, die in der Zone gezeigt werden, das sind ja eigentlich Traum-Szenen, ne? Ja. Das ist irgendwie noch mal wichtig. Das finde ich nämlich super spannend. Warum ausgerechnet das Traumhafte in diesen Kargen-Farmen sozusagen gezeigt wird? Das sind eher so subjektive Szenen, ne? Das ist eigentlich die Starker-Perspektive, die wir in dem Moment haben. Ich glaub, für mich war das so ein bisschen so ein Symbol davon, dass er so zerrissen ist zwischen der Zone und der realen Welt. Weil er ist ja ständig auf dem Sprung in diese Zone, aber er geht nicht in den Raum. Er weiß ganz klar, es gibt Regeln. Er darf nicht in diesen Raum gehen. Aber es zieht ihn immer wieder dahin. Er weiß aber auch noch nicht, wie lange er das machen soll. Er liebt die Zone irgendwie. Und gleichzeitig ist sie dafür verantwortlich, dass ganz viel in seinem Leben schiefgegangen ist. Und ich glaub, diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass der Zone entgegen, die ist damit so ein bisschen ... Er ist immer so ein bisschen in der Zone und auch immer so ein bisschen draußen. Er ist wirklich irgendwie so ein Zwischenwesen im Gegensatz zu den anderen Menschen, die halt einmal als Touristen dahin gehen, sich ihren Wunsch abholen und dann wieder verschwinden. Können wir einmal darüber reden, dass Tarkowski diesen Film dreimal gedreht hat? Ja, ne? Also mindestens zweimal. Also es gibt dieses eine Video-Assay, der spricht tatsächlich von dreimal. Ja, genau. Aber ja, also mindestens zweimal.
Johannes Franke: Das ist schon krass, oder? Also ich mein, du hast sowieso einen riesen Aufwand und du hast da sehr unwirkliche Gegenden, die überhaupt nichts Gutes mit deinem Team machen. Du kannst nicht irgendwo zwei Meter weitergehen und du bist auf asphaltiertem Boden und kannst irgendwie den ganzen Trailer abstellen und so. Nee, du bist die ganze Zeit in Matsch. Und wer war schuld? Der Kameramann.
Florian Bayer: Georgi Rehrberg. Echt? Der erste Kameramann für den ersten Tränen. Da gibt es auch verschiedene Theorien. Also das war ein neuer Kodak-Film, der da benutzt wurde. Und es gab wohl so nicht die technischen Fähigkeiten, in den sowjetischen Filmentwicklungsstudios den angemessen zu entwickeln. Und da ist dann wohl ein sehr heftiger Grünstich entstanden. 5247. Tatsächlich interessanterweise derselbe Kodak-Film, der für Aliens, Star Wars und für Plattnummer benutzt wurde. Ach, guck mal. Und die Sowjets konnten damit nicht so gut umgehen. Und dadurch ist es passiert, dass das alles grün war. Es gibt ein paar Bilder noch von diesen. Ein bisschen was wurde gerettet davon. Oder irgendwie nochmal abfotografiert. Und die hatten alle einen ganz krassen Grünton, weil die einfach bei der Entwicklung Mist gebaut haben.
Johannes Franke: Aber weißt du, es gab auch damals Möglichkeiten, sowas zu retten. Also es ist nicht so, dass man es am Computer einfach dann hier Farbkorrektur, Grünstich raus und buff, fertig ist die Laube. Aber du hast auch damals Möglichkeiten gehabt. Ich bin ein bisschen, muss ich sagen, intrigued von dem Gedanken, dass der Regisseur gemerkt hat, ach, ist nicht so geil geworden, ich muss es nochmal tun. Und dann wirklich einfach forciert hat,
Florian Bayer: dass das Ding einfach vernichtet wird und gut ist. Deswegen habe ich dem Kameramann die Schuld gegeben, der natürlich nicht schuld ist. Aber tatsächlich war der erste Dreh, den er gemacht hat, war mit diesem Kameramann Georgi Rärberg. Und die hatten extreme Konflikte. Er und Tarkowski, die hatten unterschiedliche Vorstellungen. Das Spannende ist, mit Rärberg hatte Tarkowski vorher schon zusammengearbeitet. Der hat mit ihm zusammen Serkalo gedreht, der Spiegel. Ja, was hervorragende Bilder hat. Ja, und zu dem Film hat Rärberg gesagt, na ja, Tarkowski hatte so seine Vision von seiner Kindheit, die er da umsetzen wollte. Und ich hatte meine Vision von meiner Kindheit, die ich umsetzen wollte. Gott sei Dank hat das zusammengepasst in dem Fall, in dem Film. Zum Glück hat mir den gleichen Film im Kopf. Und in Stalker hat es aber nicht mehr gepasst. Und in Stalker haben sie sich deswegen unglaublich gestritten. Und die zwei Leute, die lange zusammengearbeitet haben, haben sich komplett zerworfen an diesem Film. Und dadurch kam es zum Bruch mit diesem Kameramann. Dann wurden die Filmaufnahmen vernichtet. Es gibt tatsächlich die Verschwörungstheorie, dass Tarkowski selbst für die Vernichtung verantwortlich ist, weil er nicht diese Bilder wollte von Rärberg, die einfach falsch waren für ihn. Und der wurde dann ersetzt durch Alexander Kraschinski. Aber auch der erscheint nicht in der offiziellen Stabliste des Films. Weil Tarkowski hat dann mit ihm gedreht, in diesem alten Gebäude in Estland. Und das hat auch technisch alles funktioniert. Dann hat Tarkowski sich die Bilder angeguckt. Und hat gesagt, die Bilder sind kacke. Die feiern mir überhaupt nicht. Wir müssen das alles noch mal drehen. Insofern noch mal zu der Frage, dreimal, zweimal zurückzukommen. Zweieinhalb mal könnte man sagen. Also viele Momente aus der Zone wurden da gedreht. Aber nicht der ganze Film. Und Tarkowski hat sich das dann angeguckt. Und hat gesagt, das sieht alles kacke aus. Das sind nicht die Bilder, die ich im Kopf habe, die ich mir vorstelle. Und dann kam es eben zu dem dritten Dreh.
Johannes Franke: Aber stell dir das mal vor, als Tarkowski, du hast wahnsinnig lange Aufwand gehabt, mit dem vorbereiten Drehbuch, mit den Leuten alles vorzubereiten, da hinzugehen, das zu drehen, unter schlimmsten Bedingungen zu drehen. Und dann guckst du das an und dir rutscht das Herz in die Hose. Und du denkst, ach du Scheiße, das funktioniert gar nicht. Aber ich glaube, dazu müssen wir sagen,
Florian Bayer: Tarkowski war auch echt ein kleiner Tyrann. Ja, gut. Also man muss ein Tyrann sein wahrscheinlich. Oder zumindest kann es hilfreich sein, ein Tyrann zu sein, um großartige Kunstwerke zu erschaffen. Bei Kubrick haben wir das auch. Oder bei Coppola. Aber du kannst auch ein Tyrann sein und Scheiße bauen. Er hat wahrscheinlich alle so damit ein bisschen in den Wahnsinn getrieben. Es gibt ja auch diese nette Anekdote, dass er ursprünglich die Frau des Tarkas mit seiner Frau besetzen wollte, die seine Mutter spielt in Serkalo. Und das war unter anderem ein Grund, warum er sich mit Rärberg so verstritten hat. Weil Rärberg hat dann gesagt, guck dir das noch mal genau an, was sie da spielt. Willst du das wirklich? Willst du das? Woraufhin die Rollen dann umgesetzt wurden. Tarkowski sagt dann, na ja, vielleicht sollte man doch nicht immer so.
Johannes Franke: Und sie war echt nicht begeistert.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also die Frau von Tarkowski.
Florian Bayer: Aber genau, der dritte Kameramann war dann Alexander Knyaschinski. Das war der dritte. Und der zweite war Leonid Kalaschnikov, der mit den Bildern ihm nicht gefallen hat. Ah, okay. Und die Bilder sind großartig, oder? Also können wir das einmal kurz festhalten, dass das unfassbar gute Bilder sind, die wir in diesem Film sehen? Ja.
Johannes Franke: Ja. Nicht 100 Prozent, aber ja. Sehr, sehr viele. Er drückt sehr viele Schnöpfe bei mir, die ich sehr gut finde. Ja. Das stimmt. Er hat aber auch sich das sehr geleistet, sehr rausgenommen, was manchmal nicht so gut funktioniert, ein bisschen gegen den allgemeingültigen Strich zu fotografieren. Muss man schon sagen. Er hat sehr ungewöhnliche Bildaufteilungen benutzt und so, wo nicht jede funktioniert, finde ich. Aber größtenteils auf jeden Fall sehr gut.
Florian Bayer: Was ich auf jeden Fall am Besondersten fand, und da sind wir auch bei diesen Anzeichen, dass wir uns in der Zone befinden. Ja. Dieses Kraftwerk oder diese Ruine, in der sie sich bewegen oder auch außerhalb. Und das hängt dann halt zusammen mit der Cinematographie. Die sind da an oder in der Ruine, und im Hintergrund ist halt dieser Wasserfall. Und es sieht halt auch aus, als wäre das fast schon ein Special-Effekt irgendwie, dass das irgendwie aufeinander so gepappt oder zusammengebaut wurde. Aber das ist halt ein reales Bild, das einfach nur durch Perspektive entsteht. Ja. Und das ist einfach wundervoll. Das stimmt.
Johannes Franke: Ja. Die haben sowieso, wir haben wirklich wahnsinnig gute Perspektiven immer wieder drin gehabt. Wenn wir schon beim Technischen sind, was mich ein kleines bisschen irritiert hat, was ich nicht genau weiß, ob das zum Konzept gehört, oder ob das einfach in dem Moment entschieden wurde, relativ häufig antizipiert die Kamera, was vor der Kamera passiert oder passieren wird. Normalerweise würde man das so machen, also heute jeder Kameramann lernt in der Schule, du kannst nur auf das reagieren, was im Bild passiert. Du kannst nicht schon zum Beispiel, was in dem Film viel gemacht wird, die Schärfe schon mal vorverlegen, weil dann gleich jemand ins Bild kommt, der dann im Schärfebereich ist. Weil der Zuschauer ja eigentlich durch die Kamera miterleben soll, was passiert. Und du reagierst ja nicht, bevor etwas passiert, sondern du reagierst, wenn etwas passiert. Das heißt, es kommt jemand ins Bild, dann wird die Schärfe nach vorne gezogen. Und dieser Film macht das ganz oft, dass du eine Kamerabewegung zum Beispiel hast und dann von Subjekt A weg und dann zieht der die Schärfe nach vorne, damit derjenige, der dann ins Bild kommt, in der Schärfe steht. Würde man heute eigentlich nicht so machen. Meinst du?
Florian Bayer: Also, ich hab mich jetzt keine Beispiele im Kopf, aber ich kann mich an Bilder erinnern, wo genau mit sowas gespielt wird. Wo du irgendwie, sagen wir mal, einen Raum oder Raum siehst und dann ist irgendwas unscharf und dann kommt jemand in den Raum und dann zieht die Schärfe. Ja, aber die liegt schon da. War ich der Auffassung zumindest. Also, ich hab das jetzt so vom Lehrbuch jetzt noch nicht so gehört, weil ich das so nicht weiß. Aber das wird doch auch eher spannend, wenn man halt genau damit spielt, sozusagen. Genau, und dann müsste der Film damit spielen
Johannes Franke: und dafür kann ich nicht so richtig ein Konzept in dem Film erkennen. Also, mich hat's ein kleines bisschen irritiert, weil das so ein bisschen, es ist klar, man kann das anders machen, man kann das so machen, man kann damit spielen, aber ich hab kein Konzept erkannt. Er platziert ja tatsächlich sehr oft die Leute im Raum.
Florian Bayer: Also, er hat, meistens haben wir irgendwie so eine Verteilung, einer ist vorne. Genau. Einer, meistens der Stalker ist in der Mitte, jemand anderes bildet die Nachhut und dann hat er so ein Raumkonzept und dann nimmt die Kamera sehr oft in diesen Totalen das Raumkonzept auf, indem sie halt wirklich einmal so drüber schwenkt und dann es auch sehr lange hält, dann vielleicht mal rausfährt und so. Also, 142 Shots sind's in 163 Minuten. Das heißt, wir haben hier sehr, sehr lange Kameraeinstellungen. Also, Stalker ist zur Langsamkeit, werden wir bestimmt gleich noch mal kommen, ist wirklich ein langsamer Film. Und da nimmt sich unfassbar viel Zeit, dann diese Räume zu erfassen. Und ich hab die Bewegung eigentlich immer sehr organisch wahrgenommen da drin. Also, ich hatte nicht das Gefühl, dass da was gepatzt ist, sondern dass da immer sehr bewusst Dinge in die Perspektive gesetzt werden,
Johannes Franke: wie sie in die Perspektive gesetzt werden sollen. In der Bewegung, finde ich auch, in der Bewegung haben sie auch wahnsinnig viel Mut bewiesen. Sowas über Plansequenzen von zwei Minuten oder sowas gefühlt, weiß ich nicht genau, wie lang so die längste Szene ist, aber wahrscheinlich das über der Pen über dem Wasser ist wahrscheinlich das längste, was sie gedreht haben. Ja, die Schlusseinstellung, wenn sie zu dritt da sitzen vor dem Raum,
Florian Bayer: ist auch unfassbar lang.
Johannes Franke: Die Kamera hört wirklich langsam raus und es wird langsam dunkler. Aber das ist gar nicht so beeindruckend, weil das Beeindruckende eigentlich ist, wenn du von A nach B nach C über D irgendwo von einer Totalen in eine Nahe kommst. Sowas ist halt dann spannend. Wie zum Beispiel, wenn sie mit der Dreisine ankommen und da erstmal stehen und sich umschauen und der Stalker erstmal irgendwie ein bisschen was erzählt zur Geschichte oder die sich überhaupt unterhalten, warum sie jetzt hier sind. Und dann sind wir in der Totalen. Und dann geht die von einem Objekt in die Nahe und dann wieder ein bisschen raus und dann wieder ein bisschen zur Seite und dann rüber. Und das ist so eine krasse Kamerafahrt, wo ich auch nicht genau weiß, wie sie es gemacht haben, weil ich nirgendwo in der Totalen Anzeichen dafür sehe, dass die ganze Wiese, die da drum rum ist, auch nur einmal betreten wurde. Und dann müssen die ja da durch und alles. Und das müssen die ja nicht nur einmal machen. Und das ist schon beeindruckend. Das ist gut gemacht.
Florian Bayer: Darf ich mal, ich weiß gar nicht, ob das meine Haltung zu dem Film ist, aber ich finde es ganz interessant, den Film als Musical zu lesen. Weil er hat auch diese Totalen, diese Räume, die er sehr groß inszeniert. Und wir waren beim Zauberer von aus, das ist auch ein Musical. Was ich sehr krass finde, ist, dass es diese Gedichtsunterbrechungen gibt, die dem Ganzen so einen Charakter verleihen, wie, okay, wir hatten Handlung und jetzt wird in dieser Handlung wird jetzt was eingebaut, was zum Beispiel eine Traumsequenz ist. Das Äquivalent wäre beim Musical eine Tanzeinlage. Oder eben, wir haben ein Gedicht. Wir haben einfach, wir sehen Szenen, wir sehen Bilder und es werden Gedichte gelesen. Und Markus, du hast gesagt, du hast dir die Gedichte sogar noch mal rausgesucht, die Texte dazu. Ja, habe ich. Von Arseni Tarkowski, von dem Vater von Tarkowski und von Fyodor Tchutchev. Es tut mir so leid. Bei der russischen Aussprache tut mir wirklich leid. der ein Dichter im 19. Jahrhundert war. Und es gibt so drei, vier Gedichte, die gibt vorgelesen werden. Zwei. Zwei. Also mindestens zwei und wenn da noch ein drittes war, ist es mir entgangen. Aber ich glaube, das waren zwei. Du hast den Text da, ne? Möchtest du uns das mal einfach vorlesen? Welches möchtest du haben? Das Apokalyptische, das von der Frauenstimme vorgelesen wird? Oder? Also das ist das, was während der Traumszene rezitiert wird. Ja. Hau das mal raus. Okay, ich probiere es gut vorzulesen. Da geschah ein großes Erdbeben und die Sonne wurde finster wie ein hehrendes Gewand und der Mond war wie vom Blut und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde wie ein Feigenbaum vom starken Wind geschüttelt seine unreiften Feigen abwirft und der Himmel verschwand zu einer Rolle gewunden und Berge und Inseln gerieten in Bewegung. Dann kommt die Stelle, wo sie lacht. Die kichert ja dann immer so. Und die weltlichen Herrscher und die Würdenträger, die Reichen, die Oberhäupter über Tausende, die Knechte und jeder freie Mann verbargen sich in den Höhlen und Felsspalten und sie sprachen zu den Bergen und den Steinen. Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Antlitz dessen, der auf dem Thron sitzt und vor dem Zorn des Slums, denn der große Tag seines Zorns ist gekommen. Wer kann da bestehen? Und dann lacht sie wieder. Das fand ich super verstörend, dieses Lachen. Ja. Also ich hab halt, ist das nicht so ein Moment des Innerhaltens, wo die Atmosphäre der Geschichte nochmal ein bisschen erweitert wird, wie es eben in einem ganz traditionellen Hollywood Musical auch passieren würde?
Johannes Franke: Absolut. Du hast natürlich vollkommen recht. Das ist so ein typisches Trope, dann auch zu sagen, wir halten einmal alle inne, kreieren eine leicht absurde Situation, in dem entweder alle anfangen zu singen oder einer anfängt zu rezitieren, was auch normalerweise nicht passiert. So, ne, klar, auf jeden Fall. Bringen die Frage, die große Frage ist, bringt dieses Gedicht die Story voran?
Florian Bayer: Naja, also ich bin darauf hängen geblieben, also das hat ja so einen religiösen Kontext, ne, diesen, also erstmal ist es eine Apokalypse, eine apokalyptische Szene, also die da rezitiert wird und dann halt, hab ich jetzt leider gemisst, nochmal zu googeln oder zu registrieren, das Zorn des Lams und dieses Lamp of God. Ich weiß gar nicht so richtig, was Lamp of God überhaupt ist und ich weiß noch viel weniger, was das Zorn des Lams ist, aber ich weiß, dass es einen religiösen, christlichen Background hat.
Johannes Franke: Ja. Weil normalerweise würde für das Musical dann nur sprechen, wenn tatsächlich auch der Inhalt, der vermittelt wird, die Story voranbringt. Das ist ein klassisches Trope von Musicals. Nur sehr wenige Musicals haben Musiknummern, die nichts mit dem Inhalt des Films zu tun haben. Dann ist es dann schon sehr seltsam. Ich hab von Musicals überhaupt gar keine Ahnung.
Florian Bayer: Ich hab probiert, dieses Ryan Gosling, La La Land. La La Land, ja. Ja, und ich hab das zweimal probiert anzuschauen und nach ein paar Minuten musste ich halt aufhören. Oder auch dieses andere. Ich bin sehr stolz auf dich, dass du es versucht hast. Nee, ist auch jedem das Seine und das ist nicht so, ich komm dann überhaupt nicht rein. So und sowas. Ich finde tatsächlich, das aber zu wenig, aber das war zu wenig Gedicht vom Stalker. Das bringt die Story zumindest so voran, dass wir den Stalker ein bisschen besser verstehen. Also vielleicht können wir das auch noch mal hören. Ja, ich finde das zweite auch besser. Wie gesagt, das eine ist ja von seinem Vater und das andere von einem anderen Dichter. Ich weiß leider nicht, welches welches sozusagen ist. Ich gehe davon aus, dass tatsächlich das Gedicht mit dem Zorn des Lammes, dass das von dem anderen Dichter ist, von Tchutchev, weil der hat offensichtlich so, also kein Dichter, mit dem ich groß Kontakt hatte, aber offensichtlich für die russische Kulturgeschichte ein relativ wichtiger Dichter, der auch mehrfach geehrt wurde und der hat wohl so sehr oft so düster religiöse Texte geschrieben. Also deswegen würde ich vom Gefühl her sagen und dieses, aber das war zu wenig Gedicht, erinnert mich auch ein bisschen an die Gedichte, erinnert mich mehr an die Gedichte aus Serkalu, die ja alle von Arseni Tarkowski waren. Ich kann es mal vorlesen. Ja. Der Sommer ist vorbei, als wäre er nie gewesen. Eine Sonnenstelle ist noch warm, aber das ist zu wenig. Alles, was ich erfüllen konnte, hat sich wie ein fünffingriges Blatt auf meine dürstende Hand gelegt, aber das ist zu wenig. Es war nie etwas Vergebens, weder Gutes noch Böses. Alles hat hell gebrannt, aber das ist zu wenig. Das Leben räumt die Steine fort, beschützte und pflegte mich. Ich hatte zweifellos Glück, aber das ist zu wenig. Die Blätter wurden nicht versenkt, die Zweige nicht gebogen. Der Tag ist klar gewaschen wie Glas, aber das ist zu wenig. Dieses Gefühl, dass das, was man erreicht oder was man versucht zu erreichen, dass das nicht ausreicht.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Dieses Unglück verbunden mit einer Sehnsucht nach irgendwas anderem, ohne das klar definieren zu können. Ich finde, das gibt dieser Person, des Stalker, weil es ja auch relativ spät im Film kommt, noch mal viel mehr Tiefe. Also ich habe das Gefühl, nachdem dieses Gedicht vorgetragen wurde, verstehe ich den Stalker in seinem merkwürdigen Verhalten zur Zone ein bisschen besser.
Johannes Franke: Aber ich muss dazu sagen, dass das, was in diesen Gedichten drin ist, für mich die ganze Zeit dieses sowjetische, dieses Gefühl, dieses Grundgefühl, der, was immer, diese viel zitierte russische Seele, weißt du, so mitatmet. Und das macht der ganze Film so ein bisschen und irgendwann bin ich auch ein bisschen genervt davon, muss ich sagen. Also es ist jetzt, ohne jetzt irgendwelche Rassismen rauszuholen, darum geht es nicht, sondern dass man das Gefühl hat, man atmet eine gewisse Zeit, eine gewisse Tragik einer gewissen Zeit, man atmet die ganze Zeit so ein, ich habe zwischendurch angefangen, das als Allegorie auf, den Kalten Krieg zu sehen. Und so, weißt du, solche Sachen. Irgendwie atmet es das alles. Ich finde,
Florian Bayer: also der Film hat auf jeden Fall sehr viel Allegorisches. Ich sehe den nicht als Kriegsallegorie und ich sehe den auch nicht als explizit sowjetischer Film, weil er einfach so viele Momente beinhaltet, die komplett gegen den Strich der Kultur- und Staatstroktrin der Sowjetunion gingen. Wir haben auf der einen Seite das, was den geforderten Realismus...
Johannes Franke: Es geht mir nicht um den Staat, die Staatstroktrin, es geht mir um die russischen, die Bürger des... Die russische Seele. Ja, die russische Seele, also wirklich, der auch überhaupt völlig unabhängig davon ist, was Putin oder Jelzin früher oder wer auch immer gemacht hat, die haben eine gewisse Art und Weise auf das Leben zu schauen, habe ich das Gefühl.
Florian Bayer: Ja, Johannes, erzähl uns mehr von dem Russen.
Johannes Franke: Ja, Mann, du bist... Du weißt aber, du weißt, was ich meine. Man hat dann... Er kommt und klaut uns unsere Häuser und macht uns kommunistisch. Aber Kulturkreise kann man ja durchaus ein kleines bisschen für sich so sehen und spüren. Man kann ja...
Florian Bayer: Ich würde auch ein bisschen in die Richtung gehen und in Johannes-Richtung und zwar, also finde ich, ich würde sie gerne viel mehr über russische Kultur und auch diese ominöse russische Seele wissen. Ich weiß nur, dass ich halt Tarkovsky großartig finde und super gerne Dostoevsky gelesen habe. Und wir haben ja gerade so eine Situation in Europa und ich habe heute einen Text dazu gelesen von Marina Weisband, die eine jüdische Ukrainerin ist oder ihre Roots hat. Und die erklärt er halt so ein bisschen über die russische Mentalität und ich habe mir halt gemerkt, dass da gibt es halt seit dem 13. Jahrhundert einfach so eine so eine Untertan-Mentalität. Und der Mensch ist sozusagen, also sie hat halt das Wort benutzt, dass der Mensch da nur so Staub ist. Und wir wissen halt aus der Geschichte, dass einfach, wenn ein Zar einen Krieg geführt hat und das sieht man ja auch im Zweiten Weltkrieg, dass halt russische Soldaten sozusagen eigentlich immer wie Kanonenfutter reingeballert wurden. Ja, ja. Und das, also ne, dieses Staubsein und Untertansein und das ist da irgendwie drinnen. Ich möchte jetzt auch nicht so aktuell werden, aber, ähm, ja, es gibt halt bestimmte, nach dem Zusammenfall der Sowjetunion gab es halt bestimmte, also es sind verschiedene Sachen weggefallen und der normale russische Mensch konnte sich sozusagen an nicht, also eine Orientierung ist weggefallen. Und was übrig geblieben ist, ist halt so ein sehr komischer, kleptomanischer Kapitalismus, so ein, ein, ein, ein, ein putinischer, äh, Nationalismus und die, äh, orthodoxe Kirche. Und das ist jetzt das Einzige, was da noch irgendwie Orientierung bietet. Ja, und eine, eine Sorte Mensch oder halt, äh, eine große Gruppe an Menschen sind halt so auf Putins Seite und, äh, eine nicht so große Gruppe an russischen Menschen, ähm, sind gegen diesen Krieg.
Johannes Franke: Also, äh, nur um das mal ganz kurz nochmal einzusortieren, natürlich wollen wir hier keine Stereotype, äh, herstellen. So habe ich das auch nicht verstanden. Ne? So, dass man, dass man irgendwie sagt, der Russe, so, äh, der Russe kommt jetzt und klaut uns unsere Frauen. Was ist das für ein Bild? Das ist, das ist, also darum geht's nicht. Natürlich nicht. Ähm, sondern es geht so ein bisschen ein Gefühl, ein Gefühl für eine Mentalität zu bekommen, die ja einfach, also sowas existiert ja nur unbenommen, oder? Kurz zum Kontext dieses Podcasts, liebe ZuhörerInnen aus der Zukunft.
Florian Bayer: Oh, bloß. Wir, nein, wir müssen, jetzt müssen wir es tatsächlich kurz sagen, weil es schwebt ja jetzt total im Raum. Elephant in the room. Wir nehmen das Ganze am 8. März 2022 auf und es tobt seit zwei Wochen ungefähr ein Krieg, ein Angriffskrieg, man kann es nicht anders nennen, von Putins Russland gegen die Ukraine. Gerade sind wir an dem Status, äh, in dem Stadium, dass, äh, mehrere Ostteile der Ukraine besetzt wurden, dass die russische Armee Richtung Kiew vorrückt und dass es mittlerweile Gott sei Dank härtere Sanktionen gibt von der Weltgemeinschaft gegen Russland. Gerade heute kam die Nachricht rein, dass Russland jetzt, äh, auf Platz 1 gerückt ist mit dem Land mit den meisten, äh, Sanktionen, gegen das die meisten Sanktionen feindlich sind. Die haben heute den Iran überholt. Ah. Der war vorher das Land, mit dem, gegen den die meisten Sanktionen wirksam waren. Und, also wir sind gerade, wir sind, wir leben gerade, wir sind gerade in einer Situation, in der wir mit einem Angriffskrieg von Russland gegen ein anderes osteuropäisches Land, das früher zur Sowjetunion gehört hat, konfrontiert sind. Ähm, ja. Das ist einfach der Elephant in the Room. Ja. Das muss einmal kurz erwähnt werden, weil wir wissen auch tatsächlich nicht, wenn wir das, diese Episode jetzt zum ersten Mal ausstrahlen, das wird ja in mehreren Wochen sein, da wird es wieder komplett anders aussehen. Wir wissen nicht, wie es dann aussehen wird und wir hoffen das Beste. Aber im Moment haben wir ja echt eine komplette Krisensituation mit sehr vielen Geflüchteten, die, ähm, in alle möglichen Länder in Europa fliehen. Und auch bei uns am Hauptbahnhof gibt es offensichtlich krasse Szenen mittlerweile. Ja, ja, ja. Wo Geflohene verzweifelt nach Unterkunft suchen oder nach was zu essen. Es ist einfach eine krasse, schlimme Situation und, ähm, auch eine Situation, in der die Emotionen, glaube ich, gerade ziemlich hochkochen. Also, mir geht es auch so. Mhm. Ja. Und, äh, ja. Das vielleicht einfach an der Stelle einmal so als Punkt reingeworfen, das ist die Elephant in the Room. Ja. Und es ist tatsächlich einfach purer Zufall, dass wir heute einen russischen Film beziehungsweise einen sowjetischen Film besprechen. Ja. Aber es passt natürlich gerade irgendwie in die Zeit und es bietet sich dann natürlich an zu sagen, hey, lass uns den auch mal interpretieren in Bezug auf das, was wir aktuell sehen, was aktuell passiert. Was wir ja nicht machen, ne? Wir interpretieren das ja nicht in irgendeine Richtung so. Ja. Also, es gibt Mentalitäten, es gibt auch eine deutsche Mentalität, würde ich halt sagen. Ja, auf jeden Fall. Aber wir sind weder irgendwie Spezialisten für Geopolitik und noch viel weniger und also gar nicht irgendwie rassistisch oder sonst irgendwas hier unterwegs, sondern einfach, ähm. Ja, genau. Es gibt Dostoevsky und Dostoevsky ist großartig.
Johannes Franke: Ja, genau. Ich mag Palmini. Und deswegen würde ich auch wahnsinnig gerne das eigentlich losgelöst von irgendwelchen politischen Sachen sehen, weil der Film natürlich keine, also hat natürlich vielleicht auch eine politische Unternote in der einen oder anderen Form, vielleicht, weiß ich nicht genau. Darf ich versuchen, uns rauszuführen? Ja. Aus dem Politischen.
Florian Bayer: Ich sehe den Film nämlich tatsächlich auch als Allegorie, aber als viel universeller Allegorie. Und zwar macht der Film das mit seiner Geschichte und mit seinen Personen drückt er uns das ja schon sehr drauf, dass er sagt, wir haben hier einen Schriftsteller und wir haben einen Wissenschaftler und die kriegen auch keine Namen. Das sind einfach der Schriftsteller und der Wissenschaftler und wir haben den Starker, den Fährtensucher, Pfadfinder, wie auch immer man ihn nennen will. Und dieser Fährtensucher führt die beiden halt in die Zone. Und natürlich bietet es sich da total an, dass wir es hier offensichtlich mit einer Art spiritueller Sinnsuche zu tun haben und dass geschaut wird, wie Wissenschaft und Kunst, der Schriftsteller als Vertreter für die Kunst allgemein, auf das nicht Übersinnliche, aber zumindest auf, du hast Transzendental gesagt, ich glaube, das trifft es ganz gut, auf das Transzendentale reagieren, wie sie damit umgehen, wie sie das suchen, wie sie dabei Hilfe brauchen, weil sie es allein nicht schaffen können und wie sie darauf reagieren. Also es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Film uns die Geschichte dann auch erzählt, dass der Wissenschaftler letzten Endes den Raum zerstören will, weil er ihm Angst macht, weil er damit nicht klarkommt. Und der Film erzählt uns auch, dass der Starker, der offensichtlich der spirituelle Leiter ist in dieser Expedition, dass er daran verzweifelt, dass weder der Wissenschaftler noch der Schriftsteller, also weder die Wissenschaft noch die Kunst, Glauben haben, dass sie ihren Glauben einfach verloren haben und dass sie einfach was anderes gesucht haben. Insofern ist es natürlich auch eine ganz klassische, universelle, moderne Parabel, so Transzendentale Obdachlosigkeit, der Mensch hat irgendwie seinen Glauben verloren, aber sowohl Wissenschaft als auch Kunst streben nach mehr, lassen sich irgendwie auch leiten, reagieren entweder mit Zynismus darauf, wie der Literat, der die ganze Zeit der Zone sehr zynisch gegenübersteht, oder eben mit blanker Furcht, wie der Wissenschaftler, der sagt, wir müssen das ganze Ding in die Luft sprengen. Ja, da würde ich auch gerne darauf einspringen und zwar, wir haben ja schon öfter gesagt, sowjetischer Film und so. Was an dem Film sowjetisch ist, ist, dass er irgendwie zu einer Zeit entstand, als es die Sowjetunion gab. wenn, empfinde ich den, empfinde ich den eigentlich als Kritik an Sowjet, an Sowjettum, oder wie man das auch nennen will. Aber das ist dann die politische Ebene, oder? Ja, ja. Also welchem Nationalismus meinst du, oder? Ja, also es ist eigentlich, also es ist kein, also es ist ja kein Propagandafilm. So, das ist schon mal klar. Ja, das ist schon mal sehr klar, ja. Und er legt auch keinen Fokus darauf, irgendwie einen sehr heftigen, starken, starke Kritik zu erzählen gegen Sowjetunion.
Johannes Franke: Wäre vielleicht auch schwierig gewesen.
Florian Bayer: Ja, deswegen so. Und ich finde, wenn es da einen politischen Ton gibt, ist das halt ein Marginal, aber man kann ihn finden. Und zwar halt auch zum Beispiel in dem Wissenschaftler, der halt den Raum, also man erst sagt, er will den Nobelpreis sich wünschen, sozusagen. Und aber dann stellt sich halt am Ende heraus, dass er den Raum zerstören will. Und zwar, ja, vielleicht macht das ihm Angst, aber er sagt ja auch explizit so, ja, stellen Sie sich mal vor, also es ist jetzt so ein bisschen paraphrasiert, stellen Sie sich vor, wenn alle an diesen Raum glauben oder wissen, dass der existiert, dann kommen ja alle angestürzt, die ganzen, und das ist dann fast schon wortwörtlich, die ganzen vermeintlichen Führer, die Menschheitsverbesserer und so weiter. Und das ist ja schon ein starker Zug oder eine starke Tendenz gegen, gegen einen, gegen welchen Führer, gegen welches Führertum auch immer. Ob es nun sowjetisch ist oder faschistisch oder sonst irgendwas. und ja, das ist so eine kleine politische Ebene, die der Film auf jeden Fall hat und aber auch, ja, steht halt nicht im Vordergrund.
Johannes Franke: Ja, naja, so Filme aus der Zeit, aus der Civilization mit einer bestimmten politischen Lage, wo dann auch viele Kunstwerke abgeklopft werden auf Tauglichkeit, ist das, passt das in so Ideologie und so weiter, kann ich mir schon vorstellen, dass man, wenn man sich den Film anschaut, als, weiß ich nicht, als Staatsdiener, der dann gucken muss, ob der Film dann okay ist, ob man den auch zeigen darf, dass man dann den Stalker zum Beispiel nicht unbedingt so sehr als, nur als Religion, sondern auch als Arbeiter sieht, als Vertreter für die Arbeiterklasse. Das ist ja ja auch gewissermaßen. Und dann funktioniert das natürlich auch wieder in der Ideologie der, der Zeit, was ich sozusagen nicht, nicht Tarkovsky unterstellen will, sondern eher der Möglichkeit, also auch zu gucken, wie muss ich denn einen Film machen, damit der durchkommt?
Florian Bayer: Aber der Stalker ist doch viel zu wenig geerdet, um einfach ein Arbeiter zu sein. Aber es ist der,
Johannes Franke: der da verzweifelt an dem, was drumherum an Zauber passiert und der eigentlich der geerdetste von allen sein soll. Aber er ist der,
Florian Bayer: der am ehesten nach Spiritualität sucht und am stärksten an der Spiritualität festhält. Willkommen in der Zone. Und das ist es, dieses Spiel, das ist halt einfach so, das ist diese Bewegtheit, finde ich, die dieser Film auslöst, weil man einfach überhaupt nicht genau sagen kann, was was ist. Ja, das stimmt. Also auf jeden Fall finde ich schon, dass der Stalker einfach ein Vertreter, ich sag jetzt mal Arbeiterklasse ist, aber zumindest, heute benutzen wir Wörter wie, also eine Zeit lang wurde das Wort benutzt, Unterschicht, Finanzschwache und so weiter, was es da nicht alles gibt. Also es gibt den Wissenschaftler und den Schriftsteller und die sind ja auch eine Bürgerlichkeit und er gehört auf jeden Fall nicht dazu. Also so ein mehr oder weniger einfacher Mensch, der halt aber auch spiritueller ist, das schließt sich ja nicht aus, ist da so ein Leiter für die Kunst, für die Wissenschaft und hast du nicht gesehen. Aber er gehört nicht zu der von der marxistischen oder leninistischen Ideologie gefeierten Proletariat. Er ist doch viel mehr, seine Art zu leben ist doch viel prekärer. Also ich glaube, er ist sogar eher der Typus, auf den der ganz klassische Sozialismus hinabblicken würde und sagen würde, Lumpenproletariat oder so. Jemand, der im Gefängnis war, jemand, der sich nicht an Gesetze hält, jemand, der nach Glauben sucht, nach transzendentaler Erlösung. Also ich finde, er hat nicht viel von dem strahlenden Bild der Arbeiterschaft, wie sie die kommunistische
Johannes Franke: Ideologie zeichnet. Das ist richtig. Aber ich habe das Gefühl, vor allem durch das letzte Bild, also nicht das ganz letzte Bild, aber das, wo er im Bett liegt und seine Frau dann noch kommt und sagt, ach komm, das war doch alles in Ordnung, hast du gut gemacht, soll ich dir helfen, soll ich mit dir in die Zone gehen? Und der die ganze Zeit nur jammert und sagt, ich verzweifle an der Menschheit. Und das ist ja das, was so diese ganze marxistisch-leninistische Bewegung immer so für sich, wir verzweifeln an der furchtbaren Menschheit, die uns immer wieder Steine in den Weg lief, die irgendwie weltliche Güter wollen und wir wollen pur leben. Und also das hat mir das sehr nahe gebracht. Ich hatte immer das Gefühl bei dem dann, dass das so einer ist, der diese Propaganda irgendwie einfach nach vorne bringt, dieses Getriebene.
Florian Bayer: Aber man kann es auch genau gegen den Strich lesen, dass eben genau der Kommentar ist zu dieser sowjetischen Ideologie. Und deswegen halt auch diese industrielle Welt mit diesem Zug und dieser Propagandamusik. Das ist ja so, das ist doch super sowjetisch, oder? Ja, auf jeden Fall. Dieses Lied, das da irgendwie abgespielt wird. Und genau, das umgibt ihm so, als würde der Zug immer so im Kreis herumfahren. So ist das Gefühl. Und dieser Glaube, das ist nämlich auch das große Thema. Er sagt ja am Ende nämlich, dass er halt so enttäuscht ist, dass die Menschen den Glauben verloren haben. Aber ich sehe das eben auch wieder genau andersrum. Der Schriftsteller und der Wissenschaftler gehen ja nicht in den Raum. Und jetzt muss man halt fragen, gehen die da nicht rein, weil sie den Glauben verloren haben? Oder gehen die da nicht rein, weil sie eben genau glauben? Weil in dem Raum sollen halt Wünsche wahr werden. So und es ist also einmal gibt es ja so dieses ich gehe da rein und wünsche mir dann Millionär zu werden. Aber es ist auch davon die Rede, dass die insgeheimen Wünsche wahr werden. Und die insgeheimen Wünsche sind ja höchstwahrscheinlich auch unbewusste Wünsche. Warte ganz kurz. Da wird von diesem Stachelhaut geredet. Stachelschwein. Stachelhaut. Stachelschwein? Ja okay, im Buch heißt er vielleicht den Stachelhaut. Also egal. Und der hat da seinen Bruder verloren. Irgendwie. Und der wollte sich den vielleicht zurückwünschen. Aber dann wird er nur reich. so und und das ist ich finde es halt super interessant, weil beide benutzen den Raum nicht.
Johannes Franke: Ich kann dir sagen warum.
Florian Bayer: Warte. Und es ist jetzt quasi, weil weil sie eben Angst haben vor ihrem Unbewussten und ihren wahren Wünschen und und deswegen irgendwie also keine Linie haben, also kein Glauben, keine Linie, wenn man das auch interpretieren will. oder ist es eben weil sie eben denken, weil sie eben die gehen eben genau deswegen nicht rein, weil sie glauben. Weil sie nämlich glauben, dass es etwas Besseres geben muss als irgendwelche insgeheimen unbewussten oder egoistischen Wünsche. Und die wollen das irgendwie halt erhalten, dass die Welt halt so von mir aus so bleibt, wie sie ist, aber nicht, dass irgendwie ihre verschromene ihr verschromener Egoismus irgendwie sich bewahrheitet. Das könnte man ja auch irgendwie als Glauben darstellen oder ansehen. Bist du religiös? Ich weiß es nicht.
Johannes Franke: Hast du eine klare, du hast keine klare Meinung davon, ob es jetzt einen Gott gibt oder nicht?
Florian Bayer: Ich weiß, das ist halt schwierig. Ich habe halt Philosophie studiert und es ist halt einfach so, dass ich weiß nicht, es ist super schwierig darüber zu reden. Also ich bin kein Christ, ich bin kein Jude,
Johannes Franke: ich bin kein Moslem,
Florian Bayer: ich bin so da gar nicht so, aber man könnte vielleicht sagen, dass ich spirituell bin in dem Sinne, dass ich irgendwie, ich weiß nicht, wir reden ja auch, wir erzeugen ja irgendwie in unseren Gesprächen, also in allen menschlichen Gesprächen so etwas, was wir irgendwie als Gott oder sonst was bezeichnen und es hat ja dann irgendwie eine Wirkung in der Realität. Also deswegen wurden auch Kriege geführt. Also irgendwie ist da ja quasi irgendwas, auch wenn es nur so eine Fantasie ist. So und also mit dem Philosophen sollte man vielleicht nicht. Flur,
Johannes Franke: dann hast du das gleiche, die gleiche Antwort, also wie ist das? Ich weiß, Flur ist Hardcore-Atheist.
Florian Bayer: Und ich bin glaube ich das, was man als Agnostiker bezeichnet. Ah ja, okay. Das ist ja auch tatsächlich, das habe ich ja auch schon bei Serkalo gesagt, ich habe tatsächlich, ich liebe Tarkowski, aber für mich ist Tarkowski immer eine ganz große Provokation, weil er halt so spirituell ist, weil er so eine transzendentale, spirituelle Herangehensweise an den Film hat und weil ihm das Spirituelle auch so wichtig ist,
Johannes Franke: weil er auch das Spirituelle hervorhebt. Ja. Ich will was auf was hinaus. Hast du dich als Kind oder als Jugendlicher mal dabei erwischt, wie du gebetet hast, einfach nur für den Fall, für den Fall, dass es Gott gibt?
Florian Bayer: Das funktioniert bei mir nicht, weil ich hart katholisch erzogen wurde. Ich war, ich habe alles mitgemacht. Ich war, ich hatte Kommunion, ich war bei den Messdienern und so weiter. Also mein Atheismus beginnt eher so in meinem 16. Lebensjahr, würde ich behaupten. Und hast du dich seitdem
Johannes Franke: irgendwann dabei erwischt? Weil ich kenne das von mir nur so, dass man, dass man sagt, eigentlich glaube ich nicht dran, aber also inzwischen nicht mehr, aber so mit, weiß ich nicht, mit Anfang 20 oder sowas, dass man denkt, für den Fall, dass es so ist, würde ich jetzt vielleicht mal hier. Nee, nicht wirklich. Weiß ich nicht. Und ich glaube, das ist das, was diese beiden Figuren haben. Die gehen da lang, erst mal in der Überzeugung, also wenn es das gibt, dann muss ich es zerstören. Und dann fängt es an, ihn zu dämmern. Dann kommt dieses, dieser Zweifel, diese Überlegung, bin ich, darf ich? Und dann gehen sie nicht rein, aus Angst, dass dabei etwas passieren könnte, was sie eigentlich nicht glauben. Zum Beispiel.
Florian Bayer: Oder der, also das ist ja diese, diese, diese Zuspitzung, ne? Der, also der baut ja erst die Bombe so zusammen, der, der Wissenschaftler. Und währenddessen erzählt ja der, der, der Stalker die ganze Zeit so, ja, das ist das Einzige, was ich noch habe. Die ganze Welt ist sonst nur hoffnungslos. und, und danach baut er die Bombe auseinander. Also irgendwie trifft ja eine Entscheidung, um, um den Glauben des Stalkers zu bewahren. So, und, und das ist ja sozusagen sowas wie ein humanistischer Akt. Ist es das? Es ist, es ist, tatsächlich ist dieser ganze Move des Wissenschaftlers total merkwürdig, weil die Entscheidung, die Bombe zu machen, und die Entscheidung, die Bombe dann auseinanderzunehmen, und den Raum nicht zu sprengen, die fallen sehr schnell, und es gibt keine, es gibt keine große Epiphanie bei dieser Entscheidung. Ja. Es findet dieser Dialog statt, wie du schon gesagt hast, wo der Stalker dann verzweifelt ist und fleht. Und, ähm, dann fragt der Dichter ihn ja auch nochmal, ähm, woher weißt du überhaupt, dass der Raum funktioniert? Hast du dafür überhaupt einen Beweis? Und dann ist der Stalker auch total, total am Boden. Das ist übrigens, ähm, ein Moment, wo er komplett seine Stärke verloren hat. Der Stalker ist irgendwie eigentlich die ganze Zeit so ein starker Charakter, auch wenn er sich Schwäche offenbart in Bezug auf die Zone, weil er Angst hat vor der Zone. Und da verliert er ja komplett diese Stärke und ist dann einfach ein gebrochener Mann und heult und fleht. Und diese Entscheidung vom Wissenschaftler, finde ich, ist ganz merkwürdig. Die wirkt fast so, als ob das eine Fake-Bombe wäre, die er gebaut hätte. Also ob das doch nicht sein Plan war und er hat das jetzt einmal gemacht, er hat ihn einmal provoziert und jetzt baut er sie wieder auseinander. Es ist, ja, fast schon irreal. Es ist kein, es gibt nicht diesen logischen Moment, wo man merkt, ah, jetzt macht das beim Wissenschaftler Klick und er entscheidet sich dagegen, weil er es für richtig hält, den Raum nicht zu zerstören. Für mich ist dabei auch die entscheidende Frage, wem gilt unsere Sympathie und unsere Identifikation während dieses Films? Da würde ich behaupten, am ehesten dem Stalker. Bis auf die Abschlussszene, wenn jetzt seine Frau noch mal redet. Aber bis dahin ist es eigentlich immer der Stalker, auf dessen Seite wir sind, weil der Film uns auch auf seine Seite zieht.
Johannes Franke: Definitiv. Ja, ja. Und das sagt auch ganz eindeutig diese Szene, wo er im Bett liegt und sein Leid noch mal klagt. Und wir sollen irgendwie Mitleid haben oder wir sollen verstehen, dass er ja nur das Beste will und dass er die Menschheit retten will oder was, keine Ahnung, was er dafür ... Aber mich nervt das, ehrlich gesagt, ein bisschen dann am Ende.
Florian Bayer: Ja, und ich sehe das irgendwie so distanzierter in dem Sinne, dass er irgendwie entblößt, er sich halt so als armer Tropf, der nur noch so einen Glauben hat, der relativ oberflächlich ist oder relativ einfach. Und ich weiß nicht, also das ist so eine ... Ich hab das in meiner Offenarszeichnung als so Oszillation so bezeichnet. Also es schwingt ständig, und zwar an einer hohen Frequenz. Also geht es um Glauben, geht es nicht um Glauben. Gibt es die Zone, gibt es nicht die Zone. Also es gibt Anzeichen dafür, es gibt Anzeichen dagegen. Und ich möchte nur noch mal kurz sagen, also wie gesagt, da muss ich noch mal kurz drauf zurückkommen, ich bin nicht übertrieben gläubig oder religiös, aber das ist irgendwie ... Ich finde, das ist so was, was so das Ultima ... Also es gibt nichts Intimeres in der Welt, als genau das so über Gott und solche Sachen zu sprechen, finde ich. Also ich kann da überhaupt gar keine richtige Stellung annehmen, aber ich kann auch ... Also ich sag auch nicht, dass es Gott gibt. Ich glaube eigentlich so, ja, weiß nicht, jeder hat so eigentlich sein eigenes Göttliche in sich. Ich glaube, ich muss darüber noch mal nachdenken, aber also ich hab jetzt, ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen hab, ein paar Mal. Ich hab nie diese Zwischentöne wahrgenommen, sondern für mich ist der Film ein ganz klares Manifest für das Spirituelle. Allein schon dadurch, dass wir am Schluss sehen, dass das Spirituelle existiert. Der Film zeigt uns am Schluss ganz klar, es gibt diese ... Es gibt dieses Übersinnliche in der Verkörperung des Kindes vom Stalker. Wenn diese Telekinese gezeigt wird, ist alles klar. Was da passiert ist, ist real. Und es gibt diese spirituelle Ebene. Und ehrlich gesagt, seh ich auch die Zwischentöne davor nicht, sondern ich seh davor wirklich einen spirituellen Menschen, der zwei Zyniker, beziehungsweise Skeptiker, versucht, in diese Welt hineinzuziehen. Und der daran scheitert, weil sie es einfach nicht schaffen, über ihren Horizont hinauszublicken. Unterschiedlich drauf reagieren, wie gesagt. Der Schriftsteller reagiert eher mit Zynismus und auch mit Angst, was am Schluss ja so klar wird, dass er nicht in den Raum will, weil er sagt, meine Erinnerungen würden mich nicht zu einem besseren Menschen machen. Und ich will nicht, dass das ... Also er hat Angst davor. Und der Wissenschaftler reagiert eigentlich auch mit Angst, weil er will den Raum dann zerstören. Und ich seh, ja, ich seh das als Manifest für das Spirituelle. Und das scheitert aber daran, dass die Menschen nicht bereit sind. Und gerade deswegen auch zum einen eine Provokation für mich, nicht, weil ich kein spiritueller Mensch bin, aber auch eine Provokation im ... Was ich dem Film hoch anrechne, im sozialen Kontext, in dem er entstanden ist. Genau. Weil das ist natürlich damit ein ... Das steht damit im krassen Gegensatz zum Blick auf Kultur, den die Sowjetunion hatte. Weil genau das sollte Kultur nicht machen. Genau. Also da war ja einfach so Religionsverbot. Das Opium fürs Volk und so weiter. Und in diesem Sinne ist er dann wieder antisowjetisch, wenn man so will.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, ja. Also man muss halt in der Sowjetunion seine Kritik gut verpacken. Das ist halt das Ding. Deswegen ist er ja auch nicht sehr offen mit diesem Thema, sondern es ist halt alles sehr verschwurbelt inzwischen Zeilen gepackt.
Florian Bayer: Ich glaub, Tarkowski haben sich auch ganz viel durchgehen lassen, weil er einfach ein großer Regisseur war. Weil Tarkowski hat schon mit der Spiegel, hat er schon sowas gemacht, was auch sehr skeptisch gesehen wurde von den Filmaufsichtsbehörden der Sowjetunion. Also da hat er sich keine Freunde gemacht mit der Spiegel. Aber der hatte, glaub ich, einfach so ein bisschen Stein im Brett in der russischen Kultur, weil die natürlich auch gesehen haben, wie seine Filme im Ausland rezipiert wurden.
Johannes Franke: Und beziehungsweise dieser Film wurde ja lange nicht ins Ausland gebracht, oder? Also ich hätte ja irgendwo gelesen, dass die den die ersten Jahre erst mal nicht im Ausland gegründet haben.
Florian Bayer: Ja, ich glaub, zwischen drei, also noch vor 86 kamen die nach Deutschland. Also auf jeden Fall schon ein bisschen zeitversetzt. Ja, okay. Ja, das ist ja schon einige Zeit dann. Genau, das ist ja dann ein paar Jahre. Ich liebe diesen Film. Aber das ist natürlich was, womit ich zu kämpfen habe. Und das schätze ich auch sehr an dem Film, dass er mich eben damit kämpfen lässt, mit seiner spirituellen Seite. Weil sie halt auch, wenn ich finde, dass sie sehr offensiv angeboten wird, dass sie trotzdem tief genug erzählt wird, dass ich nicht das Gefühl habe, hier ist so ein, keine Ahnung, so ein Religionspropagandawerk. Das sehe ich halt nicht drin. Aber es ist schon ein sehr eindeutig offensiv, transzendentaler, spiritueller Film. Also kann man doch irgendwie schon sagen, dass der Film halt den Zuschauer auf sich selbst so zurückwirft und auf sein Denken, Empfinden fühlt. Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Er lässt es offen genug, dass man nicht sagt, ah ja, okay, der will mir jetzt also das verkaufen und fühlt sich nicht gedrängelt in irgendeine bestimmte Richtung. Ich habe das Gefühl, vielleicht könnte ich ein bisschen mehr gebrauchen davon. Also ich könnte sogar ein bisschen gebrauchen, dass der Regisseur mir zeigt, was er so für Gedanken hat. Mehr als die Ode an die Freude,
Florian Bayer: wenn dann das Kind telekinese kann. Freude, schöner Götterfunken. Also tatsächlich ist es wirklich, es steckt im Schluss, steckt schon so eine sehr starke Portion auch Optimismus. Ja, das stimmt. Also es ist ein Film, der mich, obwohl er deprimierende Momente hat und gerade dann nochmal vor dieser Schlussszene, die Frau, die dann ja zu uns redet, und uns nochmal sagt, wie schrecklich sie das findet und dass sie, beziehungsweise nicht, dass sie, also die einfach nochmal ihre Liebe zu ihm sagt und sie hat ihn geheiratet, obwohl alle gesagt haben, mach das nicht, weil du kannst, der ist der Stalker und du weißt doch, was mit seinen Kindern passiert und du weißt doch, dass er ins Gefängnis kommt und so weiter. Und sie hat es trotzdem gemacht und sie hat viel Leid auf sich genommen, um mit ihm zusammen zu sein. Und dann gibt es halt eben doch nochmal diese grenzenlos optimistische Szene, wenn das Kind da liegt. Wir sehen, wir sehen, wie sie Sachen bewegt und wir hören dann die Ode an die Freude. Also Freude, schöner Götterfunken. Blick in die Kamera und das Ansprechen des Zuschauers gibt es, also den Blick gibt es mindestens dreimal mit der Frau. Auch die anderen, die blicken ja auch irgendwie zwischendurch immer wieder in die Kamera. Kurz nachdem das erste Gedicht rezitiert wurde mit dieser Traumszene, also der Schriftsteller und der Wissenschaftler liegen ja erst so an zwei verschiedenen Plätzen. Auf einmal sind die so, liegt der Kopf des Schriftstellers auf dem Wissenschaftler und mindestens der Wissenschaftler guckt direkt in die Kamera. Und dann gibt es nochmal die Szene, da ist der Schriftsteller in diesem Raum, der mit diesen kleinen Sandhügeln gefüllt ist. Genau. Und der guckt ja auch in die Kamera und ja, egal was ich mache, entweder feiern sie mich oder sie hassen mich. Ich kann sogar Dreck abgeben und die finden es gut so. Ich wollte die Welt verbessern, aber ich habe das nicht geschafft. Und da guckt er, es ist halt auch so der Bruch der dritten Wand. Nennt man das dritte Wand? Ja. Der vierte. Der vierte. Der vierte. Dann machen wir noch ein drauf. Eins, zwei, drei, vier.
Johannes Franke: Ja, ich muss sagen, an der Stelle, wo der diesen Monolog nochmal in die Kamera hält und auch später, wenn sie das macht, bin ich ein bisschen schon müde. Müde von dieser ganzen Qual, die da die ganze Zeit gezeigt wird. Man hat ja keinen hoffnungsvollen Moment oder sowas. Es ist ja nur, beziehungsweise die einzige Hoffnung soll sein, am Ende der Reise steht dieses Zimmer und die können sich irgendwas wünschen. Ich weiß nicht, ob ich das nicht zu dünn finde für mich als Zuschauer, eigentlich auf der Geschichtenebene, wenn ich das erzählen würde, irgendjemandem, ah ja, okay, die laufen da halt lang. Das sind Episodenfilme, die laufen, stumm, dann sitzen sie irgendwo, unterhalten sich, philosophieren rum, dann laufen sie wieder, bleiben irgendwo stehen, philosophieren und dann laufen sie weiter. Das ist irgendwie so ein bisschen Konzept verstanden. Es ist tatsächlich vielleicht
Florian Bayer: für alle den Film, eine große Sehempfehlung für den Film. die noch nicht gesehen haben. Es ist aber tatsächlich, es ist kein leichter Film und zwar nicht so im Gegensatz zu Serkalo, nicht weil er so surreal merkwürdig wäre, sondern einfach, weil er wirklich das Konzept Langsamkeit sehr krass auszieht. Er hat diese langen Einstellungen, er besteht eigentlich nur aus Momenten, die nicht passieren, also aus Bewegung. Wir sehen halt Menschen von A nach B laufen und miteinander reden und er halt auch einfach dadurch, dass er so antiklimaktisch ist, dadurch, dass sie am Schluss eben nicht in diesen Raum gehen, wir kriegen nicht diese Katharsis, dass wir wissen, was es mit diesem Raum auf sich hat, sondern die Schlussszene ist, sie sitzen vor dem Raum und wir sehen sie sehr lange vor diesem Raum sitzen und dann geht es wieder zurück in unsere Welt. Wir sehen auch keinen Rückweg, es ist einfach,
Johannes Franke: es ist dann einfach vorbei. Ja. Es ist ein Science-Fiction-Film ohne Science und sehr wenig Fiction, muss ich mal sagen.
Florian Bayer: Oder viel Fiction, also wenn die Zone vielleicht fiktional ist oder ein Hirngespill ist. Zählen wir mal ganz kurz die übernatürlichen Sachen auf. Ja, genau. Einfach um einmal eine Liste zu haben. Wir haben diese Zone, die mit dem Schriftsteller redet und sagt, halt, nein.
Johannes Franke: Wir gehen davon aus,
Florian Bayer: dass die Zone mit ihm redet. Okay. Wir haben den Hund, der da überlebt hat. Das ist kein Science. Nicht übernatürlich genug, nicht Fiction genug. Nein. Wir haben das Telefon, das funktioniert. Ein funktionierendes Telefon haben wir. Ja. Ich habe schon diese Ruine genannt mit diesem Wasserfall im Hintergrund. Also es ist nicht übernatürlich, aber es hat einfach so ein... Es ist ein surrealer Moment,
Johannes Franke: aber ich würde es nicht unter übernatürlichen Abrufen. Was ist mit diesem Sandraum? Nee, der Sandraum funktioniert. Das ist vollkommen in Ordnung. Das ist ein ganz normaler... Ein ganz normaler Raum mit vielen Dünen. Ja, wenn so eine Sache jahrelang, jahrzehntelang da irgendwie vor sich hin siegt, dann passiert das mal.
Florian Bayer: Okay, dann wird es für mich auf drei... Ja, dann wird es auf weiter. Okay, du hast eine längere Liste. Also ich habe auch nicht so viel gefunden, aber dieses Telefon, gleich nach dem Telefon gibt es, der Schriftsteller betätigt einen Schalter und eine Glühbirne beginnt dann halt aufzuleuchten und verbrennt dann. Also die blinkt auf. Genau, die räumlich verschobene Architektur habe ich angesprochen. Und was ich halt super cool finde und ich würde sagen, da haben sich die Wachowski-Geschwister dann auch bedient, gibt es dieses Matrix-ähnliche Déjà-vu, als dieser Vogel durch diesen Sandraum fliegt. Und das macht er ja zweimal hintereinander. Ja, das recht, ja. Und das ist tatsächlich... Ich dachte erst, dass es eine wieder... Also die identische Szene ist, aber der fliegt aus einem anderen Winkel. Ja, genau. Das war so ein bisschen spooky. Mit der räumlichen Verschiebung ist vor allem dieser Moment, wo sie durch diesen ewig langen Tunnel gehen und der Dichter, der Wissenschaftler zurückgeblieben ist und dann kommen sie da irgendwo ganz anders raus und der Wissenschaftler steht da und wartet auf sie. Und es macht... Also wenn man dann eine Karte zeichnen würde davon, es macht topologisch keinen Sinn, dass sie sich da bewegt haben. Und er sagt ja nämlich auch... Aber wie war das? Er ist nur zurückgegangen. Ja, genau. Er ist zurückgegangen. Wie konnten sie uns überholen? Oder sowas sagt der Stalker. Und er sagt, ja, ich bin doch nur umgekehrt.
Johannes Franke: Ja, ja. Genau. Okay, das stimmt. Das ist auch eine übernatürliche Sache, die mir auch den Raum ein kleines bisschen verkauft tatsächlich.
Florian Bayer: Und?
Johannes Franke: Bis dahin habe ich das Gefühl, es wird einfach nie irgendwas passieren und ich werde nie glauben können, dass dieser Ort irgendwie verwunschen läuft oder sonst irgendwas. So, warte, dann geht es noch weiter.
Florian Bayer: Sie sitzen dann vor dem Zimmer, also so dann zum Ende hin und die Kamera fährt quasi in das Zimmer rein. Wir sehen nie in das Zimmer, sondern aus dem Zimmer heraus. Und da ist es so, dass es an den Rändern sieht man quasi, dass da immer so ein bisschen Licht aufgeblendet wird und abgeblendet wird. Dann regnet es in dem Zimmer, obwohl es halt ein geschlossener Raum ist.
Johannes Franke: Naja, das ist eine Ruine. Da kann oben ein Loch sein. Aber nicht so regelmäßig dann Wasser runterkommen. Ja, wenn du da ein Gitter hast, wenn du da ein ganz normales Gitter hast, was oft in solchen Basen von so Militäreinheiten ist, da kannst du auf jeden Fall erklären.
Florian Bayer: Genau, aber auf jeden Fall das waren die wesentlichen Punkte. Okay, also wir haben schon, wir haben ein paar übernatürliche Phänomene, die auf jeden Fall anbieten, dass mehr passiert als nur im Kopf der Reisenden. Meine Frage ist jetzt, darf ich mir was wünschen?
Johannes Franke: Ich war ja jetzt im Zimmer. Warst du im Zimmer? Na klar, die Kamera war im Zimmer. Stimmt, wir waren ja im Zimmer. Der Zuschauer war im Zimmer, stimmt. Hast du dir was gewünscht?
Florian Bayer: Ich habe mir gewünscht, dass der Filmfall vorbei ist. Ich wollte gerade sagen, du wünschst dir einen Michael Bay Cut von dem Film. Oh nein.
Johannes Franke: Gott, das ist gemein. Aber stellt euch,
Florian Bayer: daran habe ich auch wirklich, das ist eine Horrorversion, wenn Hollywood das nochmal neu auflegt. Weil wir lieben, ich schätze mal, wir lieben ja alle schon durchaus Oldboy, oder? Und es hat Hollywood auch nochmal neu aufgelegt. Und es ist das Schlimmste, was ich jemals aus Hollywood gesehen habe. Ja, das war wirklich schlimm.
Johannes Franke: Und das Schlimme ist, das war Spike Lee.
Florian Bayer: Ja, genau. Spike Lee macht sowas. Tatsächlich nicht Hollywood. Aber das Gaming-Äquivalent davon hat sich ja Stalker gepackt. Es gibt Stalker-Videospiele, Ego-Shooter. Genau. Was? Ja, ich habe die gespielt. Das kam 2007 raus. Okay. Stalker 1. Und dann gab es so zwei Add-ons. Und es ist ein sehr gutes, atmosphärischer Ego-Shooter. Mit so Rollenspielelementen, wo man dann ... Man müsste eigentlich auch noch ein paar Worte über den Roman verlieren. Und da ist es ziemlich eindeutig so, dass Außerirdische quasi da ihre Spuren hinterlassen haben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber die Menschheit so unbedeutend ist, dass es sozusagen nur ein Picknick am Wegesrand war. Und ... Und deswegen heißt der Picknick am Wegesrand, weil das für die Außerirdischen so ... Ja, genau. Das ist aber süß. Das gefällt mir. Das ist total toll. Und da sind halt so Gegenstände übrig geblieben und die sind dann Artefakte. Genau. Das war ja das Eigentliche. Und Stalker oder ich ... Im Roman heißen die, glaube ich, nicht Stalker. Die heißen ... Ich weiß nicht. Also Abenteurer auch nicht. Die Schatzsucher, glaube ich sogar. Ja, okay. Und die holen die halt raus und verticken die dann einfach so. Und es gibt auch um die Zonen herum halt so wissenschaftliche Einrichtungen, die die Artefakte untersuchen. Mhm. Und so. Und das Spiel ist tatsächlich ... Und du spielst dann so ein Stalker auch? Ja, du spielst ... Naja, ja ... Ja, ja, sowas. Aber Stalker ist da so ein ... Nennt man das Akronym. Also die einzelnen Buchstaben stehen für etwas. Steht dann für Taktik, irgendwas. Scavengers, Trespassers, Adventurers, Loners, Killers, Explorers and Robbers. Und du kannst da Artefakte finden. Und die leveln deinen Charakter halt auf. Und tatsächlich ist es so, dass dieses Jahr kommt Stalker 2 raus.
Johannes Franke: Ach, wie geil.
Florian Bayer: Also verschoben. Sollte er jetzt rauskommen, kommt am Ende des Jahres, soll es irgendwie rauskommen. Und du kämpfst gegen andere Stalker? Also es ist doch ein Ego-Shooter. Es ist ein First-Person-Shooter. Genau, also das wird noch ein bisschen irrer. Und zwar wurde ja dann auch Tarkovskys Stalker oft gelesen als so Antisipationen von so Tschernobyl-Unfällen, wo eine Zone dann auch entsteht. Und Stalker, das Videospiel, spielt tatsächlich in Pripyat und Tschernobyl. Also sogar der Sarkophag. Und Pripyat ist halt, ich weiß nicht ob eins zu eins, aber es gibt einfach Gebäude, die in Pripyat genau so existieren. Also es ist sehr identisch abgebildet. Okay. Und, ähm, ja, krass. Und ist es jetzt, genau, weil du gesagt hast, Gott sei Dank hat sich Hollywood dem Film nicht angenommen. Wird es der Vorlage gerecht? Oder ist es so, dass du denkst, oh Gott, das ist ein Sakrileg, was die da betreiben? Naja, das ist kein Sakrileg, ich weiß nicht. Es ist einfach ein, einfach ein, die nehmen halt einfach eine, etwas, ein existierendes Narrativ, ein existierendes Universum, eine existierende Welt und machen da halt ihr eigenes Ding draus. Und es ist echt ein sehr gutes Spiel. So, ich, ähm, aber, ja, es ist auch, ich bin da rausgewachsen. Ich finde die Vorstellung so ein bisschen absurd, wenn man mir gesagt hätte, vor, als ich Starker zum ersten Mal gesehen habe, und übrigens, dazu wird noch ein First-Person-Shooter. Moment. Wie passt ein First-Person-Shooter in diese Art der Erzählung, ohne das komplett kaputt zu machen? Das ist so ein bisschen, als würde jemand sagen, und übrigens hat Ingmar Bergmanns Persona, wurde zum Point-and-Click-Adventure. Also, ähm, es gibt in dem Spiel halt auch, äh, da im Sternobyl-Sarkophag dann halt, ähm, so eine, sowas wie eine Wunschmaschine. Und ich hab nochmal nachgegoogelt, aber das leider nicht gefunden. Wenn man da sich zum Ende des Spiels hin bewegt, gibt's halt permanent eine russische Stimme, die da, die dir halt irgendwas erzählt. Aber ich hab nirgends von ne Übersetzung davon gefunden. Ah, so, und, ähm, ja, das, äh, ansonsten ist es halt, du kämpfst gegen andere Fraktionen. Und, und so Mutanten-Zeugs, Hunde und Viecher. Äh, es ist gut angekommen, ne? Also, es ist ein Spiel, das relativ gut angekommen ist. Es ist super atmosphärisch, es ist ein wirklich gutes Game. Von THQ veröffentlicht. Developer ist GSC Game World, von denen ich tatsächlich kennengelernt habe. Das waren eigentlich auch alles Polen oder irgendwelche Ausgaben. Ukraine. Ukraine. Kiew. Ja. Ja, dieses, äh, genau. Ja, interessant. Ja, die haben halt, äh, da kommen eine Menge gute Spiele her aus der Ecke. Auch, äh, dieses Metro 2033, das war ja auch erst ein Buch. Das geht auch so in die Richtung. Also, ne, so Post-Apokalypse-Zone und so. Okay. Ich wollte nur noch eine Sache sagen, über die ich gestolpert bin. Und zwar sind wir uns einig darüber, dass sozusagen der Film sozusagen auch sehr verschlossen ist und es dem Rezipienten nicht einfach macht zu deuten, was das alles bedeuten soll. Ja, relativ verschlossen. Ja, relativ verschlossen. Definitiv. Er gibt nicht sehr viel Preis, ja. Und weil, ähm, ich musste halt dann auch immer ein bisschen an Kafka denken und ich hatte halt so ein paar Kafka-Zitate noch im Hinterkopf und hab da nochmal gegoogelt und ich fand da was ganz cooles auch. Ähm, also, Walter Benjamin hat über Kafka halt gesagt, ähm, dieser habe, Zitat, alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung seiner Texte getroffen. So, aber jetzt kommt es noch viel, noch viel coolere. Und zwar, mit Umsicht, mit Behutsamkeit, mit Misstrauen muss man ihrem Inneren, ihrem Inneren sich vorwärts tasten. Ich glaub, da fehlt ein Wort. Also, man muss sich auf jeden Fall in den Texten vorwärts tasten. Und was macht ein Stalker endlich anderes? Also, dieses, dieses Experimentelle. Experimentelle. Ja. So gucken, ah, ich mach Schmeister was hin, was passiert da? Und da wir, wir bewegen uns ja tatsächlich mit ihm auch in diesem experimentellen Rahmen. Wir bewegen uns auch extrem langsam und extrem behutsam durch die Zone. So wie Johannes wahrscheinlich werden viele beim, beim Zuschauen diesen Ungeduldsmoment haben, den ja auch der Schriftsteller ganz oft hat. Der sagt, Allah, können wir jetzt nicht einfach da zum Raum gehen? Das sind 200 Meter. Lass uns endlich in den scheiß Raum gehen und unsere Wünsche erfüllen und nach Hause gehen. Dann würde der Film nur eine halbe Stunde dauern.
Johannes Franke: Ja, ich glaub, es gibt, es gäbe einen super, super Cut von, von diesem Film. Man könnte trotzdem jede Einstellung untergebracht haben und in einer halben Stunde durchsagen.
Florian Bayer: Aber, und Markus wird mir da bestimmt zustimmen, die wesentlichen Momente würden verloren gehen, nämlich Glaube, Liebe und Hoffnung.
Johannes Franke: Oh, Flo, ganz schlecht, ganz schlecht übergeleitet auf unsere Top 3. Schengel. Unsere Top 3. So, da sind wir. Du hast gerade gefragt, was wir da mischen. Ich mische Hafermilch mit schwarzem Tee. Ach, interessant. Ja, das, weil schwarzer Tee ja meistens nur mit, egal. Glaube, Liebe, Hoffnung.
Florian Bayer: Das war zu laut, Plur. Unser Gast soll ja immer uns seine, seine, ein Thema für die Top 3 vorschlagen und von Markus kam, Glaube, Liebe, Hoffnung. Was, einfach so, boah, gewaltig ist.
Johannes Franke: Wo ich dann dachte, kann ich jetzt einfach jeden Film nehmen oder, weil, also, um das mal zu, mein Problem mit dieser Top 3, mein Problem damit wirklich was zu finden, zu erklären. Und dann, jede Motivation eines Leben, eines Menschen lässt sich auf diese drei Begriffe runter reduzieren. Und damit auch jeder Film, weil jeder Film auf, bloß, guckt die ganze Zeit so komisch. Was ist, du hast was dagegen, dass es immer um Glaube, Liebe und Hoffnung geht? Oh, bitte. Also, wenn es nicht, wenn es kein Porno ist, wo man auch hofft, dass es gut ausgeht. In welchen Filmen geht es nicht um Glaube, Liebe oder Hoffnung?
Florian Bayer: Keine Ahnung. Also, es gibt einfach mehr. Also, Glaube, Liebe, Hoffnung sind einfach drei christliche Buzzwords. Human Centipede.
Johannes Franke: Wenn der mich nicht gesehen hat, ich hab den wirklich nicht gesehen.
Florian Bayer: Dann hast du wirklich was verpasst. Ich glaub nicht. Oh mein Gott. Also, Glaube, Liebe, Hoffnung sind vor allem drei christliche Buzzwords einfach für eine bestimmte Form von Tugend.
Johannes Franke: Aber Glaube kann doch auch völlig religionslosgelöst funktionieren. Ja, klar. Und Hoffnung ja nun auch total und Liebe ja sowieso. Was ist mit Freude, Spaß? Ja, es gibt ja, klar können wir jetzt über Terminologie reden, aber was soll das? Es gibt einfach mehr als Glaube, Liebe und Hoffnung. Ja, du kannst auch andere Worte dafür finden, aber das sind drei große Worte, die einfach sehr viel abdecken. Die denken, ja, sie decken viel ab, das stimmt. Das geb ich euch. Ja, gut. Deswegen konnte ich eigentlich, hätte ich jeden Film reinnehmen wollen, aber ich könnte auch, ich könnte auch keinen reinnehmen, weil keiner speziell das alles bedient. Also, es gibt so ein paar Filme. Du musst ja nicht unbedingt alles auf einmal bedienen, sondern... Ich hab's versucht und deswegen war ich so frustriert. Aber gut, wir können ja mal anfangen. Plur, ich würde sagen, du fängst an. Juhu.
Florian Bayer: Oh, ich hab eine Honorable Mention gefunden. Oh. Und ich muss einmal ganz kurz in meine Liste gehen. Eine Honorable Mention, das hab ich nicht gedacht. Musst du auch nicht. Das ist, ähm, es sind einfach vier am Schluss rausgekommen. Und ich würde als Honorable Mention gerne einfach einmal, weil's so obvious ist, die Trilogie von Ulrich Seidel erwähnen. Glaube, Liebe, Hoffnung. Und zwar hat Ulrich Seidel, ein, ähm, ähm, österreichischer Regisseur, äh, drei Filme gemacht, die alle Paradies heißen. Der erste ist Paradies Liebe, der zweite ist Paradies Glaube und der dritte ist Paradies Hoffnung. Und da setzt er sich halt mit diesen christlichen Tugenden auseinander und macht das auf wirklich hervorragende Weise. In Paradies Liebe geht's um Sex-Touristinnen in, äh, Afrika. In Paradies Glaube geht's um eine extrem, eine extrem religiöse Frau, die von ihrem Ex-Mann besucht wird, der nicht so religiös ist. Und damit irgendwie zu kämpfen hat. Und in Paradies Hoffnung geht's um ein, ähm, jugendliches Mädchen, das in einem Camp ist, um Gewicht zu verlieren. Und sich da in, und sie verliebt sich da in ihren Sportlehrer. Und, äh, Ulrich Seidel schafft es, diese, diese großen Themen mit einer wirklich, wirklich passenden Mischung zu erzählen aus, so, äh, zynische, satirische Spitzen. Dazu aber auch so große Emotionalität. Und, ähm, einfach mit einer guten Mischung aus Humor, der auch so ein bisschen subtil daherkommt. Und wirklich bewegenden Alltäglichkeiten. Drei tolle Filme. Aus den Jahren 2012 und 2013.
Johannes Franke: Das ist auch ein bisschen spröde erzählt, so vom Gucken her. Ich, ich glaube, ich hab da irgendwann mal, als bei meinem Papa zu Besuch war, abends kam ein Film, wo ich dachte, äh, ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn gut oder richtig schlecht finde. Also, das ist so.
Florian Bayer: Ja, Ulrich Seidel erzählt sehr spröde. Tatsächlich ist Paradies Liebe noch ziemlich dokumentarisch erzählt. Also der erste, wo es um den Sextourismus geht, der ist auch sehr realistisch gehalten. Aber Paradiesglaube und Paradieshoffnung sind deutlich widerspenstiger und teilweise auch so, leben auch so ein bisschen von, von, äh, Langsamkeit und so ein bisschen Awkwardness, die sich durch den ganzen Film zieht. Ja, okay. Dann hab ich den einen Teil gesehen, ja. Ich hab den nie gesehen.
Johannes Franke: Nein, sowas. Also, ich bin ganz enttäuscht.
Florian Bayer: So, Johannes, jetzt will ich von dir eine Honorable Mention oder einen Platz drei haben. Jetzt skippst du mir mein... Nein, nein. Ja, dem Gast gebührt auf jeden Fall das letzte Wort. Dass wir quasi, dass die Nummer eins von Markus am Schluss steht. Deswegen bist du dran.
Johannes Franke: Ich würde gerne eine Frage in den Raum stellen, weil ich bei Glaube, Liebe, Hoffnung ganz seltsamerweise die ganze Zeit an Better Call Saul denken muss. Okay. Und ich das Gefühl habe, dass diese Begriffe wahnsinnig wichtig für diesen Typen sind, obwohl er keine große Religiosität vor sich her trägt, aber er glaubt die ganze Zeit irgendwie an das Gute, in Anführungsstrichen, im Menschen, dass das irgendwie noch rauskommt, um ihm irgendwie ein Leben zu ermöglichen, was irgendwie lebenswert ist. Ich weiß nicht, deswegen baut er ja so viel Scheiße, weil er irgendwie so eine seltsame Form von Glauben an sein Umfeld und an sich selbst auch irgendwie dann doch oder doch nicht hat. Tatsächlich finde ich bei Better Call Saul ist die Hoffnung immer so stark.
Florian Bayer: Man hofft immer, dass er doch gut ist. Weil es gibt diesen wirklich traurigen Moment, wo er dann, wenn er seine Lizenz zurückhaben will, seine Anwaltslizenz, und dann erzählt er von seinem toten Bruder. Ja. Und wirklich eine rührende Szene, und danach kommt seine Freundin zu ihm und sagt so, hey, das war toll, total bewegend. Und er so, ha, ich hab sie erwischt, sie haben mir das abgekauft. Und das ist wieder so ein Moment, wo die Hoffnung zerpleichert, dass er doch was Gutes in sich trägt. Ja.
Johannes Franke: Das ist ein gutes Beispiel, finde ich. Ich finde es auf eine gute Art und Weise sehr spannend, weil genau diese Begriffe irgendwie dann einfallen, wenn ich an ihn denke. Ist doch super. Ist so ein sehr, sehr ambivalenter Team.
Florian Bayer: Ja, ich freu mich so hart auf die neue Staffel. Ja, die letzte Staffel, ne. Oh, ich bin gespannt. Das wird cool. Es kommen jetzt sowieso wieder einige Staffeln raus von Serien, auf die ich warte. Und Strange of Things geht bald weiter. Und natürlich Cobra Kai. Mein Guilty Flecher der letzten Jahre. Ich gucke weder das eine noch das andere. Also ich hab die erste Stranger Things Sache geguckt und die zweite, glaub ich, auch. Aber es ist irgendwie ... Also halt sehr, sehr auf den Nostalgie-Faktor gepusht. Aber es macht Spaß.
Johannes Franke: Ist nicht so meins. Ja, ich bin gespannt auf die letzte Staffel, ob die dann so abfällt, wie ich befürchte. Weil eigentlich die letzte davor war schon ... Die war zwar gut gemacht, aber irgendwie kannte man schon alles und dachte sich, ja, jetzt erste Staffel nochmal in anderer Form oder was oder wie. Weiß ich nicht genau.
Florian Bayer: Ich glaub, ich muss jetzt gleich als nächstes meinen Platz drei nennen, damit wir das Format nicht sprengen, damit Markus seine Eins als erstes hat.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Deswegen mach ich's ganz kurz. Ja. Platz drei bei mir, Beasts of the Southern Wild, der sich damit auseinandersetzt mit einem kleinen Mädchen, das in Louisiana, glaub ich, lebt mit seiner Familie und die gehören definitiv eher so zum Präkariat und leben so in der Natur und haben es schwer so zu überleben. Und sie träumt sich dann so ein bisschen eine andere Welt mit Monstern, die da rumlaufen. Und gleichzeitig ist halt ihr Lebensraum bedroht einfach, weil da gebaut wird und weil ihre Häuser abgerissen werden könnten. Und ein ganz schöner Film, der sich so mit der urtümlichsten, natürlichsten Form des Glaubens auseinandersetzt, weil sie einfach an die ... weil ihr Glauber sich einfach aus dem speist, was sie sieht in der Natur. Und daraus entwächst eben auch die Hoffnung, dass es besser werden kann, dass sie einen Ausweg finden aus dieser prekären Lage. Ja, Markus, jetzt darfst du, Platz drei. Ich hab das gar nicht so richtig gerankt, aber ich sag, also ob das erstens oder zweitens ist, coole Reihenfolge übrigens. Ja, also ich sag einfach mal Silence von Martin Scorsese. Das ist tatsächlich ein Film, wo es über Religiosität geht. Und zwar geht's darum, dass christliche Missionare versuchen, in Japan zu missionieren. Und das klappt halt überhaupt gar nicht. Ich fand dann ... also der Film hat mich super bewegt und echt gut mitgenommen. Und da gibt's halt einfach so ein paar Szenen, wo wirklich so Glaubenssysteme wirklich gewalttätig sich gegenüberstehen. Und halt dann auch letztendlich christliche Missionare sozusagen so unter Druck oder so, ja, ja, auch gefangen genommen werden, dass dann andere neue Missionare dann irgendwie wieder versuchen, zu denen Kontakt herzustellen. zu stellen so, aber die sind absolut sozusagen von ihrem eigenen christlichen Glauben dann abgetreten, um einfach nur, um ihr Leben so dann auch zu retten. Und das ... also da gibt's so ein paar Szenen, die einfach so stark sind, wo man wirklich richtig reinblicken kann, was Glaube machen kann, wie stark und wie schwach er sein kann. Und das fand ich super beeindruckend. 2016, ne? Ja, nicht so alt. Mit Andrew Garfield und Liam Neeson. Hab ich leider noch nicht gesehen, aber hab ich auf meiner Liste einer jüngeren Martin Scorsese-Filme. Ja, Adam Driver. Ja, genau. Okay. Und allerdings auch, ne? Dieser Andrew Garfield war auch dabei, oder?
Johannes Franke: Andrew Garfield war auch dabei, ja. Dann hast du doch bestimmt Marriage Story in deiner Liste. Ja, klar. Nee. Nicht? Hm. Okay. Hm.
Florian Bayer: Zu wenig glaube. Also waren einfach so, ich weiß nicht, ich war da so fasziniert von ein paar Szenen, die so stark sind.
Johannes Franke: Heißt das, wir haben eine sehr schwere Top 3 immer, weil das Thema ist natürlich sehr ... das lädt dazu ein, tragische Filme zu machen, oder?
Florian Bayer: Also bei mir kommen jetzt zwei eher weniger tragische Filme, weniger schwere Filme. Oh, das ist gut. Bin mal gespannt. Darf ich raten? Oh, ein Raterversuch hast du, du kommst nicht drauf. Ein Punch Drunk Love. Nee, ich hab tatsächlich die Liebe gar nicht so ... Doch, doch, obwohl ... Also Platz Nummer zwei ist auf jeden Fall ein Film, der alles beinhaltet. Glaube, Liebe und Hoffnung. Und wirklich ein großartiger, sehr exzentrischer Film. Love Exposure von Sion Sono. Einem japanischen Regisseur. Der Film ist aus dem Jahr 2008 und Sion Sono macht immer sehr exzentrische Filme. Ja, ich hab davor Strange Circus gedreht, was so ziemlich das abgedrehteste, die abgedrehteste Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch war, die ich je gesehen habe. Auch ein guter Film, aber ein total kaputter Film. In Love Exposure geht's um einen jungen Mann, der sich in ... Mehr oder weniger so aus perversen Antriebsgründen als Frau verkleidet und dann in eine Frau verliebt, die sich auch in ihn zurückverliebt, aber nicht weiß, dass das ein Mann im Kostüm ist. Und die dann aber, genauso wie die Familie des jungen Mannes, in den Fängen einer Sekte landet, so durch eine durchstriebene Sektenanhängerin, die sie da reinzieht. Und unser Protagonist versucht sie dann aus dieser Sekte zu befreien, indem er irgendwann halt alles in die Luft sprengt.
Johannes Franke: Es klingt so, als ob der Film ganz viel falsch machen könnte mit so ganz komischen Identitätsfragen und Cross-Dressing und ...
Florian Bayer: Nee, das spielt nicht so eine große Rolle tatsächlich. Okay. Aber nee, nee, es ist ... Ja, man, ich glaube, wenn ich den jetzt noch mal jüngst sehen würde, würde ich bestimmt sehen, ah, vielleicht funktioniert das doch nicht so gut. Aber er ist so als pervers markiert, und zwar nicht, weil er die Frauenklamotten trägt, sondern weil er sie eigentlich nur trägt, weil er eine Wette verliert. Aha, okay. Weil seine Freunde, die sind alle pervers. Es ist ziemlich durchgeknallt. Aber das ist gar nicht das große Thema. Dieses Cross-Dressing spielt gar nicht so eine große Rolle. Oder viel wichtiger ist dieser Kampf gegen die Sekte dann, die alle so Gehirnwäsche gemacht hat. Und er versucht, sie zu retten. Und dann, ach, ja, es ist ... Ich kann den für mich gut zusammenfassen. Ich muss den mal wieder gucken. Vielleicht muss ich dir den mal aufgeben. Der war ganz lange auf YouTube. Den gibt's auf YouTube. Ich hab den auch als Plurin, glaube ich, zu Hause. Ja, ich hab den auch versucht zu gucken. Ah. Und der geht drei Stunden. Ja, der ist lang. Und ich hab halt irgendwann aufgegeben. Ja, der ist voll dürr. Ich hab komplett den Zorn verloren. Aber der war, also das, was ich gesehen hab, war halt super lustig. Aber irgendwann wurde es einfach so ... Ich hab den Faden verloren und irgendwann ... Es ist eine ganz spezielle Art von Humor. Es ist total ... Also, exzentrisch trifft's, glaube ich, ganz gut. Absolut. Absolut schräg. Aber er beinhaltet alles, ne? Es geht um Glaube, also um den verfehlten Glaube in dieser Sekte. Es geht um Liebe, weil er, unser Protagonist, ist letzten Endes ein Held, der nur seine Freundin retten will, die gar nicht weiß, dass er ihre Liebe ist. Und es geht natürlich um Hoffnung, weil am Schluss denken wir, dass alles gut wird. Irgendwie auf eine Schreie. Es ist ein wirklich merkwürdiger Film. Aber ich finde, der fasst Glaube, Liebe und Hoffnung sehr gut zusammen.
Johannes Franke: Okay. Ich versuche auch mal was zu finden, was alles Dreis drin hat. Good Omens.
Florian Bayer: Oh ja.
Johannes Franke: Platz zwei bei mir. Glaube natürlich, weil das ganze Thema ... Also ich meine, das sind Dämonen und ... Also hier gefallene Engel und Engel. Ja, ist das eine Serie, ne? Genau. Okay, genau. Von Terry Pratchett und Neil Gaiman geschriebenes Buch eigentlich. Und dann ... Oder Serie? Weiß ich nicht. Buchserie? Ist das ein Buch? Ist das ein Buch, ne? Ein Buch. Ein relativ gar nicht so langer Roman. Aber es ist sehr, sehr erfolgreich gewesen damals und vor Neil Gaimans großem, großem Solo-Erfolg. Aber der hat das irgendwie mit ihm zusammen geschrieben. Und hat Terry Pratchett damals auch noch, bevor er gestorben ist, versprochen, dass es mal umgesetzt wird als Film oder Serie. Und es eignet sich auch total gut dafür. Ja, es ist total gut.
Florian Bayer: Das ist mein Lieblings-Terry-Pratchett-Buch. Oh. Ich hab auch Terry Pratchett nie gelesen und ich hör immer nur gute Sachen über Discworld und so. Ja. Ja, die Discworld-Sachen. Ich finde, es ist so wirklich Geschmackssache. Also ich bin nicht so ein großer Fan von den Discworld-Büchern. Ich finde, manchmal sind sie echt gelungen. Manchmal sind sie einfach öde. Aber er hat schon einen coolen Humor. Und wenn man so was mag wie ... Wenn man Douglas Adams mag, findet man Terry Pratchett, glaub ich, auch ganz cool. Weil es in eine ähnliche Richtung ist. So Fantasy mit sehr viel bizarrer Comedy und so ein bisschen Satire und so ein bisschen Anspielungen auf unsere Politik.
Johannes Franke: Ja. Wer es nicht weiß, Discworld-Scheibenwelt-Romane im Deutschen. Ja, Good Omens. Es geht natürlich um das religiöse Thema. Der Kampf, ewiger Kampf zwischen Gut und Böse. Die beiden, die sich irgendwie lieben gelernt haben. Die irgendwie so ein homoerotisches Paar quasi bilden. Was natürlich nicht groß ausgespielt wird. Was die beiden aber sehr doll in ihr Spiel aufgenommen haben.
Florian Bayer: Der Teufel, der Hengel, die sich immer zusammensetzen und über das Ende der Welt diskutieren. Das ist so schön.
Johannes Franke: Ganz toll.
Florian Bayer: Also sollte ich unbedingt gucken. Ja, unbedingt.
Johannes Franke: Ich hab jetzt mal gedacht, es ist ... Ja, okay. Hat sich sehr gelohnt. Und es ist mit ... Jetzt hab ich den Namen nicht. Michael Keaton und ... Moment, Moment, ich hefte dich. David Tennant. Michael Sheen und David Tennant. Michael Sheen. Ja, Keaton ist das gemein. Und Francis McDormand als Stimme Gottes. Das ist so großartig. Und sie macht das wirklich toll. Michael Sheen. Der oft bärtig daherkommt. Und die haben zusammen auch so eine Webserie gemacht. Als Corona aufkam, haben sie zusammen ...
Florian Bayer: Wie heißt denn der Vater von Charlie Sheen? Martin Sheen. Ach, Martin, okay. Ich war so verworfen.
Johannes Franke: Okay, okay. Das Problem hat er oft. Und die machen das ganz großartig. Das wird wirklich getragen von den beiden. Die machen das richtig, richtig gut. Also ich glaube, Liebe und Hoffnung, Hoffnung natürlich, dass das Ende der Welt nicht
Florian Bayer: kommen muss. BBC 2019 gibt's auf Amazon Prime. Sechs Folgen. Absolut. Und dann ist es auch zu Ende erzählt.
Johannes Franke: Naja, sie machen gerade eine zweite Staffel. Sie machen wirklich eine zweite Staffel. Okay, das ist schade. Weiß ich noch nicht.
Florian Bayer: Mal gucken. Das ist eigentlich eine Miniserie, die er zu Ende erzählt sein soll. Ja. Okay. Und vielleicht ... Das Buch ist doch besser als diese. Vielleicht ist die zweite Staffel besser als das Buch. Vielleicht. Aber vielleicht sind es auch zwei völlig unterschiedliche Entitäten und man kann das eine nicht mit den anderen vergleichen. Oh. Jetzt bin ich dran. Du bist dran, ja. Platz zwei. Ja, dann sag ich mal Children of Men. Oh, ja. Also da ist ja das Glaubensthema, das Hoffnungsthema ganz groß. Und zwar, es ist eine, ja, es ist eine postapokalyptische Welt. Es ist auf jeden Fall eine Welt, eine totalitäre Welt, ein totalitäres System. Und, ja doch, postapokalyptisch, genau, da sind Frauen können keine Kinder mehr bekommen. Oh. Und dann ist es aber so, dass es da auf einmal eine junge Frau gibt, die schwanger ist. Und der Film geht dann sozusagen darum, sie zu einem Hafen oder zu einem Ort zu bringen, um sie sicher durch diese Welt zu bringen, bevor sie von anderen Parteien irgendwie okkupiert. Oder, ich weiß, ich weiß gar nicht genau. Ich hab einfach nur aufgeschrieben. Ja, aber das trifft's ganz gut. Also aus dem Jahr 2006.
Johannes Franke: Das war Alfonso Cuaron, oder? Alfonso Cuaron, ja. Und am Ende stellt sich heraus, dass sie nur ein Kissen unterm Shirt hat.
Florian Bayer: Nein, tatsächlich. Es ist auf jeden Fall, es ist ein sehr gut inszenierter, ja, postapokalyptischer Thriller mit Action-Elementen auf jeden Fall. Und sehr dicht und atmosphärisch. Und ich mochte die Nummer. Ja, es gibt diese wirklich tolle Szene, so eine Kriegsszene, also er hat auch ganz viele Kriegsfilm-Momente, wo das klassische Kriegsfilm-Ding passiert, dass Blut gegen die Kamera spritzt. Das haben wir so seit den 90ern in den Kriegsfilmen, ich glaub, Steven Spielberg hat damit angefangen, mit Soldat James Ryan, dass wir so den Schmutz und das Blut auf der Kamera sehen und dann ist aber ein Schnitt zur nächsten Szene. Und in diesem Film ist dann so, dann klebt Blut an der Kamera und dann gibt's eine wirklich lange Kamerafahrt, die bestimmt eine Minute dauert und das Blut klebt die ganze Zeit davor. Und er fährt durch dieses Schlachtengemälde und erzählt die Geschichte weiter und folgt unseren Protagonisten, während halt die ganze Zeit dieser Blutdreck mich mal auf der Kamera klebt. Das ist bei mir am stärksten in Erinnerung geblieben von diesem Film, weil das wirklich eine fantastisch gedrehte Szene war. Und ich das so noch nicht gesehen habe, dass das eine lange, lange Planeinstellung kombiniert wurde mit diesem Kriegseffekt hascherich und es hat super gut funktioniert. Da wollte ich auch noch kurz sagen, dass vor allem in technischer Hinsicht ist der Film extrem gut, ist echt, ist Koron, ist einfach ein sehr geiler Techniker. Und dann gibt's zum Beispiel eine Szene, die, ja, da ist so eine Art Verfolgungsjagd, wo die da so durch den Wald fahren und dann werden die von links und rechts angegriffen, die kommen so von so Hügeln runter. Und die Technik, das ist halt so geil gelöst, weil die Kamera ist im Auto und das Auto wurde dazu quasi eigentlich oben aufgesägt und die Kamera nach unten reingehangen. Ah, okay. Und die dreht sich halt immer im Auto zu den einzelnen Personen. Ah, das hab ich gesehen, ja. Und der arbeitet ja viel mit so sehr langen Sequenzen und so und dadurch erzeugt der halt einfach super intensive Erlebnisse. Auch halt das mit dem Blutspritzer und so und das, daran ist der Elb war auch ganz groß.
Johannes Franke: Das hab ich noch nicht gesehen, da gab's ein krasses Video auf YouTube, weil ich mich mit dieser Kameratechnik und so weiter, wie kann man bildstabilisierende Maßnahmen ergreifen, dass die Kamera, wenn man im Auto fährt, nicht jeden Bump mitmacht, ne. So, dass man irgendwie eine smoothen Kamera hat und keine, die die ganze Zeit rumwackelt. Und da war dieses Video als Beispiel für ein gutes. 2008 oder so? 2006.
Florian Bayer: Ah, so früh schon. Krass. Geil. Ein wirklich sehenswerter Film. Mhm. Cool. Dann dein Platz 1, Blor. Mein Platz 1, Liebe ist, glaube ich, gar nicht so stark ein Thema, aber Glaube und Hoffnung vor allem, aus dem Jahr 2005, Adams Äpfel. Oh. Eine schwarze Komödie aus Dänemark, in der es darum geht, dass ein Skinhead, ein Nazi-Skin, bei einem Pfarrer landet, weil er bei dem resozialisiert werden soll. Und dieser Pfarrer ist aber so komplett durch. Der ist irgendwie, lebt in so einer eigenen Scheinwelt. Und der Skinhead, der tatsächlich auch der Protagonist ist, mit dem wir dann irgendwann Sympathie entwickeln sogar. Ach du Scheiße. Er versucht ihn herauszufordern in seinem Glauben und in seinem, in seinem absurden Aberglauben. Und der Priester versucht ihn, versucht gleichzeitig den Skinhead herauszufordern.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Ähm, und das Ganze dreht sich dann um einen Apfelkuchen, den der Skinhead backen soll. Und dafür soll er sich halt um die Äpfel kümmern. Und dann werden sie herausgefordert von Gott. Und es passieren sehr viele schräge Sachen. Und es ist wirklich ein großartiger Mix aus makaberer Satire und aber auch tatsächlich bewegendem Drama.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Das ist grandios, ja. Und Glaube und Hoffnung sind sehr stark in diesem Film. Und auch irgendwie ein bisschen Liebe zwischen den beiden. Es ist wirklich ein schöner Film.
Johannes Franke: Okay. Schön. Äh, mein Platz eins wäre, ich kann, ich komme nicht drum rum, ich kann es nicht, ich, The Elephant in the Room, Life of Brian. Hallo, natürlich. Glaube, Liebe, Hoffnung, alles sehr, sehr präsent im Film. Vielleicht der Glaube ein bisschen stärker. Aber die Liebe zu Gott. Das ist super. Und die Hoffnung. Und die Hoffnung.
Florian Bayer: Always look on the broad. Side of life. Da hatte ich immer wieder Bock. In diesem Film wurde der, wurde, glaube ich, ich weiß nicht, ob der, aber einer meiner absoluten Lieblingswitze erzählt. Ja, genau. Wo er aus dem Fenster guckt und so verfolgen und so. Ihr seid doch alle individuell. Oder? Ja, ja, ja, ich nicht. Ich nicht.
Johannes Franke: Aber ich glaube, das ist das, was alle zitieren aus diesem Film. Das ist großartig. Das ist der Hammer. Das ist so großartig. Ja.
Florian Bayer: Platz eins, Markus. Markus, dein Platz eins. Okay. There will be blood. Oh.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Mehr oder weniger schwere Kost, kann man sagen. Aber von dem großartigen Paul Thomas Anderson. Ich weiß nicht, 2009? 2007. Eigentlich bin ich immer recht gut mit Zahlen. 2007. Na gut. Ja, und es ist halt ein zutiefst amerikanischer Film, der schon wie, ich weiß gar nicht, Erwanis, also der Giganten gemacht hat. Also dieses alte Thema, Geld, Öl und Glaube. Und darum geht es in Serbo Biblatt. Da geht halt Daniel Day-Lewis. Das ist einer dieser vielen Schauspieler, die drei Namen haben. Aber gleichzeitig auch von allen, die drei Namen haben, der großartigste ist.
Johannes Franke: Ja, das wäre dann meine Top-3-Wert. Top-3-Schauspieler mit drei Namen.
Florian Bayer: Ja, der ist halt ein, ja, eigentlich ein Gold, ein Nuggetsucher, ein Goldschürfer, der dann irgendwie so auf eine Ölquelle stößt und dann irgendwie ganz komische Lier-Songs eingeht mit Paul Dano, der da seine Kirche gründet. Und der Film erzählt halt einfach so über diese Verbandlung von Glaube und dieses Petrodollar, könnte man es nennen, der das einfach so in die amerikanische DNA eingeschrieben ist. Und das ist halt gemacht von Paul Thomas Anderson zu dem Score von Johnny Greenwood. Da war schon Johnny Greenwood, der das gemacht hat, glaube ich, oder? Ja. Ich bin ziemlich sicher. Ja, es ist einfach Greenwood von Radiohead. Das ist einfach ein unfassbar schöner Film. Ja, großartiger Film. Tatsächlich wenig Glaube, wenig Liebe und wenig Hoffnung in diesem Film.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Weil sehr viele kaputte Menschen, ja, eine Antithese auf jeden Fall, aber ein cooler Platz eins dafür, weil eigentlich sind das alles unglaublich schreckliche Menschen, die sich in diesem Film bewegen.
Johannes Franke: Ich würde gerne zurück zu unserem Film mit einem Zitat. Okay, bitte. Aus der Liste raus, vielen Dank für die Liste. Jingle. Das war unsere Top 3. Aus dieser Liste zurück in den Film mit dem Zitat von unserem Herrn Regisseur, der da sagte, es gibt hier keine Allegorie. Ich bin mehr interessiert daran, das Leben selbst aufzudecken, als mit einfachen Symbolismen zu spielen. Wie viel glauben wir ihm?
Florian Bayer: Das ist eine gute Frage. Ich glaube ihm kein Wort. None|Ja. Den hat es geärgert, dass alle gesagt haben, ach, deine Allegorie ist so offensichtlich. Ja. Ja, der spielte auch seine Spielchen mit den Zuschauern, denn... Ja, das ist es ein bisschen, ne?
Johannes Franke: Auf jeden Fall. Deswegen verklausuliert er auch so viel und deswegen macht er sich auch so schwer deutbar und haut das rein und noch das rein und noch den Dornenkranz, den keiner bis jetzt erwähnt hat.
Florian Bayer: Ja doch, ich hab's mir tatsächlich interessiert. Da sagt der Schriftsteller nämlich zu dem Stalker, ja, ich glaube, ich hab... Also ich paraphrasiere, ich hab ihr Gedicht verstanden. Es ist eine große Entschuldigung. Und dann setzt er sich den Dornenkranz auf und sagt, aber machen Sie sich keine Hoffnung. Ich vergebe Ihnen nicht.
Johannes Franke: Also es ist stark irgendwie. Inwiefern ist das alles ein kleines bisschen romantisch verklärt? Also ich hatte so ein bisschen den Eindruck, dass dieses ganze Kriegs... Also dieses ganze Zeug, was da rumsteht, diese ganzen Kriegsmaschinerien und dieses ganze Militärische, was da sehr prominent ist, was aber runtergekommen ist und lange überwuchert wurde, dass das ein kleines bisschen sehr romantisch inszeniert ist. Und sehr, sehr romantisch. Also mit Pathos und allem. Was wollte ich davon halten?
Florian Bayer: Das ist einfach, ich weiß nicht, ist für mich einfach so eine Motivik. Also halt auch das Herumlaufen in den Ruinen. Die Ruine ist einfach ein großer Turbus in der romantischen Literatur. Und beim nochmaligen Gucken gestern ist mir halt noch was Interessantes aufgefallen. Ich weiß nämlich immer, wann genau das stattfindet. Ich glaube, nachdem er das zweite Gedicht rezitiert, gibt's so einen Shot auf den Wissenschaftler, der da so ein bisschen guckt und dann geht die Kamera in so einen Flur rein und dann liegt da am Ende irgendwas und da sind halt zwei Skelette, die umschlungen da liegen. Zwei Liebende, die verstorben sind. Und das ist auch nochmal so ein starkes Bild. Das ist auch ein sehr starkes Bild. Ich glaube, die Romantik entsteht auch eher dadurch, dass die Panzer aufgegeben sind. Dass die Menschen, dass das, womit sie versucht haben, dieser Zone irgendwie Herr zu werden, dass das zurückgelassen wurde und aufgegeben wurde. Und die sind ja auch schon so ein bisschen überwuchert. Also ich sehe da keine Romantik für die Artillerie. Ich sehe da nichts martialisches drin, sondern eher so eine Romantik. Der Natur. Die Natur, genau. Die Natur hat gesiegt in diesem eigenständigen, eigensniglen Raum.
Johannes Franke: Okay. Noch eine kleine Frage mit einem Zitat verbunden vom Regisseur selbst. Wer gefallen will und die Geschmäcker bedienen will, der will am Ende nur das Geld aus den Taschen der Zuschauer. Also er ist gegen dieses Geschmäcker bedienen und deswegen, das sieht man dem Film auch an, und sagt dann, wir erziehen das Publikum dann nicht mit hoher Kunst, sondern wir wollen ihn zu selbstkritischem Verhältnis gegenüber seinem eigenen Urteil erziehen. Er will das Publikum erziehen. Das merke ich auch im Film und das stört mich auch ein kleines bisschen, muss ich sagen. Mich stört ein kleines bisschen, dass er mir sehr stark was zeigt, interpretiere mich und ich verlage dir jetzt was ab. Ja, ich weiß, was du meinst. Er schreit, ich bin Kunst, interpretiere mich. Und das geht mir irgendwann auf den Sack.
Florian Bayer: Das ist ja auch immer so ein Thema, dass mich halt, also ich liebe Arnhaus und alles, aber ich gucke halt auch ganz gerne wirklich hirnerweichende Filme, einfach nur um eine Pause zu haben. Also das läuft dem bei, bla bla bla und so. Genau. Und dann gibt es halt so Filme, von denen ich weiß, dass sie halt mindestens gut, wenn nicht sehr gut oder großartig sind, aber ich schiebe die auch immer so vor mir her, weil es einfach halt oft schwere Kost ist. Ja, ja, genau. Und Tarkowski gehört zweifelsohne dazu. Aber in Bezug auf Erziehung finde ich, dass er das irgendwie angenehmer macht als, also ich will jetzt niemanden vor den Kopf stoßen, aber er macht es angenehmer als zum Beispiel Personen wie Brecht. Ja, ja, ja. Definitiv.
Johannes Franke: Aber auch Brecht hätte der Wissenschaftler, der keinen eigenen Namen hält und der Schriftsteller.
Florian Bayer: Also, naja. Also alle Brecht-Fans, es tut mir leid, aber. Nein, es ist voll gut. Heilige Kühe schlachten ist voll wichtig. Also das Zitat von Tarkowski ist natürlich irgendwie so ein bisschen Bullshit und das mit dem Erziehen ist totaler Nonsens, weil ich finde, wenn du ein gutes Kunstwerk machst, solltest du Leute nicht erziehen, dass sie erkennen, dass das ein gutes Kunstwerk ist im Gegensatz zu anderen Kunstwerken. Ja. Aber ich finde, er hat tatsächlich einen Punkt damit, dass er sagt, naja, wir wollen es uns nicht zu leicht machen, weil es ist, ich finde, so eine Musikallegorie funktioniert immer ganz gut. Wenn du einen Popsong hörst, der total eingängig ist, wo du nach einem Mal hören einen Ohrwurm hast, das ist witzig und das ist cool und der hört sich schnell weg, aber der wird auch unglaublich schnell langweilig. Und im Gegensatz dazu sind so komplexere Stücke, wo du mehrmals hören musst, bis du überhaupt verstehst, was da für, was da alles drin stattfindet, an denen hast du viel länger Freude. Und ich finde, bei Filmen ist es auch ähnlich, dass natürlich, natürlich ist ein Film von Michael Bay unterhaltsamer und guckt sich schneller weg als ein Stalker. Nein, nicht Michael Bay, sagen wir irgendwas anderes. Michael Bay, Transformers ist unterhaltsamer und guckt sich schneller weg und man langweilt sich wahrscheinlich, oder die Gefahr, dass man sich langweilt, besteht nicht so, nee, das stimmt eigentlich auch. Nein, das stimmt auch nicht. Nee, nee, bei Michael Bay, aber es guckt sich leichter weg, man hat eher einen Ohrwurm davon, keine Ahnung. Ich weiß, was du meinst. Aber Stalker ist, also was ich ganz gut finde, ist der Kommentar von ihm, er will nicht unterhalten, sondern er will irgendwie reinziehen oder er will, ich weiß nicht mehr, wie er es formuliert hat. Und das, finde ich, funktioniert bei dem Film. Du bist nicht unterhalten bei diesem Film, das ist einfach die falsche Kategorie. Aber du wirst reingesogen und es hat dann halt so was krass Meditatives. Du gehst dann irgendwie, wie sie in der Zone verloren gehen, gehst du in diesem Film irgendwann verloren. Und dann stört es auch plötzlich nicht mehr, dass ein Bild zwei Minuten anhält. Absolut nicht. Und nochmal zu dem Erziehen. Ich hatte, also ich habe nicht das Gefühl, dass da irgendwie mir irgendwas, mich erziehen will oder irgendwie dieses ästhetische Erziehung des Menschen und so weiter. Naja, genau. Habe ich gar nicht. Aber was ich halt bei Tarkowski und auch bei vielen anderen Arthouse Filmen so geil finde, ist, dass ich halt einfach als Mensch ernst genommen werde. Und das macht Michael Bayhem definitiv nicht. Und viele andere Leute aus Hollywood auch nicht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Einfach so, ja, den Zuschauer, Zuschauerinnen ernst nehmen.
Johannes Franke: Aber es muss ja einen Unterschied geben, also es muss irgendwas dazwischen geben, zwischen ich verkaufe den Zuschauer für dumm, indem ich ihm alles fünfmal erzähle, wie im deutschen Fernsehen oder wie Michael Bayhem, einfach nur, ich baller drauf los ohne Inhalt. Ähm, und jetzt Tarkowski oder Jodorowsky oder diese ganzen Opskis.
Florian Bayer: Jodorowsky macht voll Spaß. Das ist das falsche Beispiel. Ja, okay. Ähm, ja, ich weiß, was du meinst. Was gibt's dazu? Natürlich gibt's Sachen dazwischen. Das sind die natürlich, also wahrscheinlich würden viele Alfred Hitchcock dazwischen platzieren. Ja, zum Beispiel, genau. Ja. Wahrscheinlich würden einige Stanley Kubrick dazwischen platzieren, wobei man darüber wahrscheinlich streiten kann. Ja. Martin Scorsese vielleicht. Aber come on, wir waren schon bei Cuaron heute, also bei Cuaron, Paul Thomas Anderson, oder? Also es ist doch auch, also der seine Fahnen, äh, etc., das ist doch alles. Oder Boogie Nights, Boogie Nights.
Johannes Franke: Weiß ich nicht genau, das hab ich jetzt nicht im Kopf.
Florian Bayer: Magnolia. Ja, Magnolia. Also es gibt auf jeden Fall Filme, die irgendwie dazwischen sind. Aber ich glaube, es, aber das darf diesen Film nicht die Berechtigung nehmen. Nein, um Gottes willen. Also dass es Filme dazwischen gibt, die unterhaltsamer sind, darf es solchen Filmen nicht die Berechtigung nehmen. Und ich find auch, also Tarkovsky hat ja einen enormen Einfluss auf diese ganzen Regisseure, die wir genannt haben. Aber es gibt auch heute noch Regisseure, die so radikale Filme machen wie Tarkovsky. Also ich find so, der, das passendste Beispiel ist natürlich, ähm, Belatar. Der hat so Filme gemacht, die auch so krass mit der Langsamkeit spielen. Also sowas wie, ähm. Satan Tango. Satan Tango, der hat sechs Stunden oder so geht. Oder aber auch Turin Horsky, ich mein, der geht nur drei Stunden oder so. Ja. Aber selbst der ist so extrem, extrem krasse Planeinstellungen. Aber das ist das, was ich meine, diese Sorgwirkung, die da erzeugt, das ist der Hammer. Also das bin ich, also voll mein Film einfach. Ja. Man muss wissen, worauf man sich einlässt. Und ich kann total verstehen, dass es ganz viele Leute gibt, die sagen, boah, das ist mir zu langweilig. Da schlafe ich irgendwann ein. Es ist halt irgendwie nochmal eine andere Form von, ähm, von Film, die halt auf, die auf was anderes abzielt als Unterhaltung oder auch, ja, die halt einfach, die halt auf einer anderen Ebene begeistern will. Und ich finde, Tarkowski gelingt das, ich finde Belatar gelingt das auch. Es gibt auch Richtersöre, denen das nicht gelingt. Und also, um jetzt mal ein Negativbeispiel zu bringen, dass das nicht immer hinhaut, zum Beispiel, ähm, Gus Van Sand, ein amerikanischer Richtsführer, der hat Filme gedreht, die auch ähnlich inspiriert sind davon, die auch sehr langsam erzählen. Und der hat dabei einige Filme rausgehauen, die wirklich einfach flach sind. Und die werden nicht dadurch gerettet, dass sie sehr langsam erzählt sind. Ich finde die teilweise auch so, also ich will auch niemandem zu nahe treten, aber so ein bisschen plump. Ja, plump, genau. Und, und, und, aber so, natürlich versuchen sie die Plumpheit auch so zwischen, da ganz viel Arthouse zu packen. Also eben langsames Erzählen, Slow Pace, lange Planeinstellungen und so weiter. Das reicht nicht. Also es gibt, also, ein Film wird nicht automatisch gut dadurch, dass er so ein Prinzip, so ein Drehprinzip hat. Also ich kann dazu noch mal ein extrem aktuelles Beispiel nennen. Und ich finde nicht, ob das ich unbedingt in Werbung machen will. Ist ja nicht für mich auch. Aber Matt Reeves The Batman ist einfach grandios. Und der geht drei Stunden und der lässt sich halt auch für super viele Einstellungen sehr viel Zeit, was halt ein Michael Bay niemals machen würde oder andere Hollywood, also sogenannte Blockbuster-Regisseure, wo auch, ich hab ja auch irgendwie die neuen Star Wars Filme geguckt und teilweise war ich sogar im Kino oder auch ein paar diese Marvel-Filme und irgendwie fängst du diesen Film an, dann wird man irgendwie da, da hab ich oft wirklich das Gefühl, so durchgeprügelt zu werden und ist der Film vorbei. Und ich hab irgendwie, nichts ist da geblieben. Ich hab, also, es gibt, also kein Konflikt. Es gab, es gab ja gar keinen Konflikt. Es war doch klar, dass der Superheld nicht stirbt und also es gibt gar keine Gefahr und so weiter. Und, ähm, ja und Matt Reeves ist halt jetzt zum Beispiel ein super geiles, äh, gutes Beispiel für, naja, es hat keine Art, also hat Arthouse-Elemente. So. Spannend. Da, es gibt einen Unfall und, naja, und dann Dinge explodieren und normalerweise ist es ja dann so, dass es eine Totale gibt und der Held geht in Zeitlupe von dem Auto weg und so weiter, in groß, aber da ist es halt so, dass das von der Perspektive, also in dem Fall des Pinguins, der aus dem Auto rausguckt und die Kadrierung ist dann so, dass du, also du siehst aus dem Fenster und du hängst ja quasi als Pinguin noch so angeschnallt über Kopf und dann siehst du halt Batman über Kopf auf dich zulaufen. Und das ist einfach, also, und viele andere ganze Kleinigkeiten, wo die sich wirklich zeitlasten haben, ist super schön.
Johannes Franke: Einer der Momente, wo ich es schade finde, dass wir keine Videoübertragung haben, du hast das gerade sehr gut nachge-re-enacted, wie der Pinguin im Fenster hängt. Welches Genre hat dieser Film?
Florian Bayer: Das ist ein Tarkowski-Film. Ah ja, okay.
Johannes Franke: Ist es eine Tarkowski-Variante von einem Buddy-Road-Movie? Es ist ein Road-Movie vielleicht?
Florian Bayer: Es ist kein Science-Fiction. Tja, also da tue ich mich auch wirklich schwer, also das irgendwie einzuordnen. Und ich weiß auch gar nicht, ob es so notwendig ist. Ich will deinen Begriff nochmal aufgreifen. Ich nenne es, es ist ein Transcendental-Fiction-Film.
Johannes Franke: Okay. Ich würde Tarkowski sein eigenes Genre durchaus geben. Passt schon. Was soll's.
Florian Bayer: Okay. Eigentlich ist es eine Screwball-Comedy. Wenn man sich anschaut, wie der Dichter und der Wissenschaftler sich die ganze Zeit so...
Johannes Franke: Das ganze Ding fängt wie ein Witz an. Treffen sich ein Stalker, ein Schriftsteller und eine Wissenschaftler in der Bar. Das ist auch so ein bisschen Clickbait, ne? Und was dann passiert ist, werdet ihr nicht glauben.
Florian Bayer: Bei der 90. Minute musste ich weiden.
Johannes Franke: Ja gut. Okay. Irgendwelche Abschlussstatements. Möchtet ihr nochmal leidenschaftlich dafür werden, dass man den Film guckt? Guckt ihn. Das war sehr leidenschaftlich.
Florian Bayer: Wer nicht guckt, ist selber schuld. Ganz einfach.
Johannes Franke: Also, wenn ihr wollt, guckt ihn halt. None|Aber... Nein, also, ich glaube, man hat einen Mehrwert davon, diesen Film gesehen zu haben. Worin der Mehrwert liegt, ist wahrscheinlich sehr individuell. Wenn man sowieso diese Art von Film mag, hat man sicherlich einen anderen Mehrwert, als wenn man sowas sonst nicht konsumiert und vielleicht erstmal reinkommen muss und überhaupt erstmal verstehen muss, wie sowas funktioniert als Film.
Florian Bayer: Ich glaube, er lohnt sich auf jeden Fall qualitativ. Also, er ist ein großartiger Film. Und wenn man davon nicht überzeugt ist, allein aus filmkanonischen Gesichtspunkten sollte man ihn gesehen haben. Weil ich glaube, der taucht auch regelmäßig in Filmlisten auf der besten Filme des 20. Jahrhunderts. Filmen, die man unbedingt gesehen haben sollte. Er ist auch einfach, ganz unabhängig davon, dass es ein fantastischer Film ist, ist es ein Stück Filmgeschichte, die einem einfach was mitgibt über die Zeit und über die Art, Filme zu machen. Allein dafür lohnt sich's auch. Und die russische Seele. Und die russische Seele. Und Ponys. Ja, sehr schön. Okay. Schön. Markus, vielen Dank, dass du da warst.
Johannes Franke: Sehr gerne. Das war großartig. Hat mir auch gefreut.
Florian Bayer: Sehr viel Spaß gemacht, mit dir über diesen Film zu reden. Und hat auch nochmal neue Perspektiven eröffnet. Und mich vielleicht sogar ein bisschen mit der Spiritualität dieses Films versöhnt. Wow, große Dinge passieren in meiner Küche.
Johannes Franke: Der Hammer. Ja, und ihr da draußen, wenn ihr irgendwas habt, was wir unbedingt sehen sollten, dann schreibt uns einfach eine Mail an florian.musmansehen.de oder an johannes.musmansehen.de Oder schreibt Markus privat an, der soll sich mal einen Film angucken. Von Michael Bay. Ich hab leider zu viele Michael Bay Filme gesehen. Ja, und wir sehen uns, hören uns nächste Woche wieder. Wenn ihr wissen wollt, was nächste Woche dran ist, dann bleibt noch kurz dran und hört uns dabei zu, wie wir darüber diskutieren, was wir nehmen sollten.
Florian Bayer: Bis dahin, euch eine schöne Woche und bis dann. Ciao. Das war eine Mindfuck-Episode. Ich hab das Gefühl, wir haben einmal den kompletten philosophischen Ballast, den es gab auf dieser Welt, genommen und in diesen Film reingepackt. Aber der Film hat ihn ja auch selbst mitgebracht.
Johannes Franke: Ich finde, wir sollten was in Kontrastprogramm bringen. Jetzt, wo Markus wieder weg ist, können wir uns um die leichten Dinge kümmern. Purer Eskapismus? Ich glaube nicht, nein. Ich glaube, ich muss mal wieder was ... Ich bin dran, oder? Du bist dran, ja. Jetzt mit dem Rhythmus, wir sind mit dem Rhythmus total durcheinander, weil Markus jetzt dazwischen war.
Florian Bayer: Bevor wir Stalker gemacht haben, hatten wir meinen Film, und zwar Tiger and Dragon. Drudging Tiger and Hidden Dragon. Das heißt, du musst mir jetzt auch so was Ebenwürtiges geben, was Filmgeschichte geschrieben hat, mindestens.
Johannes Franke: Oh, was Filmgeschichte geschrieben hat. Flo, da fällt mir was ein, was ich noch nicht gesehen habe. Ich würde gerne mit unserem Format ein kleines bisschen brechen und etwas nehmen, was ich tatsächlich noch nicht gesehen habe, was aber voll in meinem Gebiet liegt. Ein Stummfilm. Oh, okay, ich bin gespannt. Ja, und zwar ein Stummfilm aus dem Jahre 1927. Ende der Stummfilmzeit so ein bisschen. Und zwar keine Komödie, wie ich sonst immer bringe. Oh, kein Chaplin, kein Keaton. Kein Chaplin, kein Buster Keaton, kein Dick und Doof. Die ist auch in der Zeit noch nicht so viel. Egal. Aber einen Fliegerfilm. Aviation. Der heißt Wings. In deutschen Flügel aus Stahl, glaube ich. Okay, das heißt, wir haben tatsächlich eine Premiere, weil ich habe den Film auch noch nicht gesehen. Wir haben einen Film, den wir beide noch nicht gesehen haben. Haben wir sowas noch nicht gehabt? Du hattest schon mal was vorgeschlagen, was du noch nicht gesehen hattest. Ja, ich glaube auch. Nein, wir verkaufen das jetzt als Premiere.
Florian Bayer: Alles gut. Premiere. Wir schauen einen Film, den wir beide noch nicht gesehen haben.
Johannes Franke: Aus dem Jahr 1927 sagst du Stummfilm und Fliegerfilm. Ja, du musst dir das mal... Ich kenne nur eine Szene aus einem Café und ich weiß, dass es um Flieger geht. Aber mehr weiß ich auch nicht. Keine Ahnung. Okay, weil wenn ich Flieger denke, dann denke ich an Johannes, ganz klar.
Florian Bayer: Ich bin voll gespannt. Also super. 1927. Schaltet ein, wenn ihr wissen wollt, worum es geht.
Johannes Franke: Und schaut euch den Film vorher an. Ja. Oder so, ne? Oder ausnahmsweise. Oder guckt euch nur die Titelkarten an. Keine Ahnung, ob da genug Informations drin sein wird. Egal. Gut. Sehr schön. Bis nächste Woche. Bis dann. Ciao. Ciao. None|Ciao.
