Episode 79: Conceiving Ada – Ada Lovelace im Cyberspace
Conceiving Ada: Ich muss so 19 gewesen sein, als mir dieser Film von einer großen und tragischen Liebe anempfohlen wurde. Der gerade in seiner philosophischen Adoleszenz befindliche junge Mann in mir, schaut den Film wie einen Fiebertraum, der nur selten auf der erzählerisch/logischen Ebene Sinn ergibt, aber in Weltschmerzkerben, Weltverständniskonzepte und Weltgeschichtserforschungsdrang hineinsticht und darin rumstochert.
Die faszinierende in Vergessenheit geratene Persönlichkeit der Ada Lovelace, die als erste programmiererin der Geschichte gehandelt wird, wird hier porträtiert und durch den Spin der Zeitreise auch dem Science Fiction Nerd näher gebracht. Oder man versucht es zumindest. Ob das und warum das gelingt oder nicht, wäre nun zu besprechen. Es ist nicht ganz leicht, finde ich, die Fäden des Films in der Hand zu behalten.
Plor, wo laufen denn für dich die Hauptfäden des Films entlang und wolltest du ihnen gerne folgen?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 79: Conceiving Ada – Ada Lovelace im Cyberspace Publishing Date: 2022-07-06T16:00:25+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/07/06/episode-79-conceiving-ada-ada-lovelace-im-cyberspace/
Johannes Franke: Natürlich stolpert man dann die ganze Zeit, das gehört dazu zum Spielen und zum Experimentieren. Ja, aber dann bist du nicht wirklich in einem Spielfilm, sondern dann bist du in einer Kunstinstallation und das ist vielleicht dieser Film. Man muss vielleicht diesen Film als Kunstinstallation sehen und nicht als Spielfilm. Bist du bereit? Ja, ich bin bereit. Sehr schön, dann herzlich willkommen, liebe ZuhörerInnen, zu einer neuen Ausgabe vom...
Florian Bayer: Muss man sehen, Podcasts, wo Johannes und ich uns gegenseitig Filme vorschlagen, vorgeben und uns gegenseitig mit Filmen schlagen. Ja, genau. Mit dem Ziel, den Horizont des anderen jeweils zu erweitern. Ja, schlagen ist ein gutes Stichwort. Ich bin gespannt, ob wir uns heute schlagen werden.
Johannes Franke: Diese Woche war Johannes dran und hat mir einen Film vorgeschlagen, den ich nicht kannte. Conceiving Ada und ich gehe davon aus, dass sehr viele von euch den Film auch nicht gesehen haben, beziehungsweise hoffentlich doch gesehen haben, weil wir ihn angekündigt haben, damit ihr irgendwie mitdenken, mitreden könnt. Nein, ihr könnt nicht mitreden, aber ihr könnt uns Kommentare schreiben oder so.
Florian Bayer: Es gab ihn Gott sei Dank auf YouTube zu finden, weil das ist so ein Film, es gibt einfach mal Filme, die sind schwer zu finden. Und es ist nicht mehr so wie in den 20ern und 30ern, Gott sei Dank, dass Filme komplett verloren sind, dass wir von Lost Media reden.
Johannes Franke: Aber die Qualität, was wir vorfinden, ist wirklich leider sehr gering und sehr schlecht und ich habe mich sehr geärgert. Und es gibt irgendwo eine DVD offensichtlich über Amazon zu beziehen, aber ich habe es nicht geschafft.
Florian Bayer: Genau, DVD bei Amazon, aber ansonsten ist es wirklich schwer, in den Film zu kommen. Und das ist auch so ein Film, wo man sich vorstellen kann, wenn der nicht durch Zufall nochmal so ein bisschen Cult-Following kriegt und dann irgendwie von irgendeinem Arthouse-Verbreiter nochmal eine Sonderedition auf Blu-Ray kriegt, dann landet der nicht bei den Streaming-Servers. Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Film auf Netflix oder Amazon nochmal groß gepusht wird. Und das trotz Star-Besetzung.
Johannes Franke: Ja, trotz Star-Besetzung. Das ist schon krass. Also wenn Tilda Swinton irgendwo mitspielt, dann würde ich ja wohl als Distributor sagen, alles, was sie gemacht hat, irgendwie her damit. Es kostet ja nicht wahnsinnig viel wahrscheinlich.
Florian Bayer: Und auch die Regisseurin ist als Künstlerin ziemlich bekannt. Ja, sehr bekannt.
Johannes Franke: Lynn Hershman-Leason. Die ist einfach auch ein alter Hase, muss man sagen. Die ist 1941 geboren und die hat auch viel Zeit gehabt, Zeug zu machen.
Florian Bayer: 80 Jahre mittlerweile alt und hat viel, viel Kunst gemacht. Viel mit Videos, mit Feminismus, mit Cyber, Space etc.
Johannes Franke: Die hängt ja im Museum of Modern Art in New York. Also nicht sie hängt dort. Also sie wird ausgestellt. Und sie hat wirklich eine Reputation, eine große.
Florian Bayer: Hoffen wir, dass es vielleicht doch mal irgendwann so eine Criterion-Collection gibt von diesen Filmen. Weil es ist wirklich schade, wenn solche Filme, die unabhängig davon, ob man sie jetzt mag oder nicht, aber so komplett verloren gehen und so obskur irgendwie dann im Hintergrund wabern. Johannes, du hast bestimmt einen Text vorbereitet. Willst du uns einfach mal einführen? Ich bin wahnsinnig stolz, dass ich einen Film gefunden habe, den du nicht kennst
Johannes Franke: und der auch so ein bisschen, naja, sagen wir mal, deine Kunstverliebtheit bedient. Ob jetzt gut oder nicht gut oder was. Ob du das jetzt magst oder nicht magst, ist eine andere Frage. Aber ich hatte so eine Ahnung von, dass du allein wegen der künstlerischen Ambitionen den Film vielleicht ein bisschen was abgewinnen kannst. Conceiving Ada aus dem Jahr 1997. Mein Text dazu. Ich muss so 19 gewesen sein, als mir dieser Film von einer großen und tragischen Liebe empfohlen wurde. Der gerade in seiner philosophischen Adoleszenz befindliche junge Mann in mir schaut den Film wie einen Fiebertraum, der nur selten auf der erzählerisch-logischen Ebene Sinn ergibt, aber in Weltschmerzkerben, Weltverständniskonzepte und Weltgeschichtserforschungsdrang hineinsticht und darin rumstochert. Die faszinierende, in Vergessenheit geratene Persönlichkeit der Ada Lovelace, die als erste Programmiererin der Geschichte gehandelt wird, wird hier porträtiert und durch den Spin der Zeitreise auch dem Science-Fiction-Nerd nähergebracht. Oder man versucht es zumindest. Ob das und warum das gelingt oder nicht, wäre nun zu besprechen. Es ist nicht ganz leicht, finde ich, die Fäden des Films in der Hand zu behalten. Kloa, wo laufen denn für dich die Hauptfäden des Films entlang und wolltest du ihnen gerne folgen? Also, I live for this shit.
Florian Bayer: Ein obskurer Film aus dem Jahr 1997 mit Tilta Swinton in der Hauptrolle von einer Videokünstlerin, die sonst eher Experimente im Museum macht. Mit Timothy Leary, dem LSD-Guru, als Computersimulation, der als so eine Art Mentor immer mal wieder auftritt, der die Geschichte von einer Mathematikerin aus dem 19. Jahrhundert behandelt. Für sowas grabe ich gerne in der Filmgeschichte. Ganz grundsätzlich. Sowas zu entdecken, das ist so wie wenn man, ich stelle es mir so vor, wenn ein Freak von Mineralien irgendwo in einer Höhle ist und rumgräbt und dann irgendeinen Stein findet, der vielleicht gar nicht viel wert ist, aber einfach sagt, boah, die sind so selten. Und ey, guck mal, wie der geformt ist. Also, diese Befriedigung empfinde ich grundsätzlich, wenn ich auf so etwas stoße. Also, erstmal grundsätzlich, vielen Dank, Johannes, dass du mir diesen Film vorgeschlagen hast. Schön. Ich beanspruche mindestens 100 Punkte dafür. Auf jeden Fall kriegst du. Definitiv. Okay, gut. Wie gut war dieser Film? Ja, wie, ach Gott. Oder wie laufen die Fäden zusammen? Es gibt für mich so ein grundsätzliches Zusammenlaufen der Fäden und so eine grundsätzliche Erkenntnis, die ich auch aus diesem Film mitgenommen habe. Okay, jetzt bin ich gespannt. Und zwar ist dieser Film ein absolutes Kind seiner Zeit. Ja. Wir sind Ende der 90er, Cyberspace, Computertechnologie, Blue Screen, Greenscreen, Photoshop-Pixel, hässliche Websites. Und wir schauen da drauf und wir machen uns drüber lustig. Ja, absolut. Es ist total naiv, es sieht plump aus. Also dieser Film hat rein auf der technischen Seite, der arbeitet extrem viel mit Blue Screens und extrem viel mit pixeligen Animationen, die dann irgendwo reingebracht wurden und man merkt einfach so dieses, wir experimentieren mit diesem Medium. Und wenn wir das heute sehen aus unserer Perspektive, denken wir, oh Gott, ist das albern. Ist das kitschig, sieht das scheiße aus. Ich glaube, das liegt daran, dass wir da zu nah dran sind. Ja. Ich glaube, dieser Film ist aus einer Epoche, die vergleichbar ist mit der Epoche, die er darstellt, nämlich dem Viktorianismus. Ja. Und wenn wir ein bisschen mehr Abstand haben, vielleicht so in 100 Jahren, werden Leute da drauf gucken und sagen, was für eine geile Ästhetik. Stell dir vor, wie Anfang des 20. Jahrhunderts Leute auf den Viktorianismus geguckt haben, gesagt haben, Gott, ist das albern und kitschig, diese Dampfmaschinen und diese Apparate, das geht auch viel eleganter und wir mit der Elektrizität machen das viel cooler heutzutage.
Johannes Franke: Ja. Und jetzt gucken wir darauf. Und jetzt gucken wir drauf und sagen, wow, ist das schick.
Florian Bayer: Aber man kann sich vorstellen, wie diese Epoche damals, kurz darauf, so kitschig wahrgenommen wurde, wie wir jetzt gerade diese Cyberspace-Epoche wahrnehmen. Ja, ja, ja. Das macht es natürlich schwierig. Ich sehe das und denke, wow, das ist ein Kind seiner Zeit und irgendwie ist das alles so albern und naiv. Ja, genau. Und alle denken, sie brechen, sie sind im Aufbruch und das sind sie ja auch. Ja, das sind sie auch, das muss man schon sagen. Ja, aber Photoshop-Ästhetik aus dem Jahre 1997 und Cyberspace-Ästhetik aus dem Jahre 1997. Jeder kennt irgendeinen Film, der in dieser Zeit gemacht wurde und mit geiler Computertechnik
Johannes Franke: gemacht wurde. Und dieser Film wurde halt nicht mit viel Geld gemacht und mit Leuten, die wirklich monatelang an einem Frame sitzen konnten, sondern einfach, naja, also einfach alles ausprobiert und gesagt, okay, ich finde irgendwie virtuelle Welten spannend, ich finde Blue Screen spannend, ich finde das irgendwie alles, diesen virtuellen Raum mit dem animierten Hund irgendwie spannend. Ich weiß nicht.
Florian Bayer: Dieser geile, pixelige Hund, der so ein bisschen die Geschichte voranbringt, indem er hier immer mal wieder was zubillt. Ja, irgendwie. Und es ist ja auch nicht nur die Ästhetik, sondern es sind auch die Themen, wie sie sich KI vorstellen und wie sie das Gefühl haben, wie man im Cyberspace agiert. Damals war es das Wort Cyberspace. Wir leben ja eigentlich immer noch in dieser albernen Zeit. Heute ist es Virtual Reality oder Milta, jetzt ganz aktuell. Wir leben eigentlich immer noch in dieser albernen Zeit. Google Classes sind noch nicht so lange her. Das stimmt, ja. Und da wurde sich auch viel drüber lustig gemacht, auch zu Recht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und jetzt kommt Meta und alle werden sich über Meta lustig machen. Über Second Life wurde sich auch viel lustig gemacht. Es ist irgendwie spannend, diese naiven Versuche, virtuellen Raum zu denken, zu sehen. Und ich glaube, dieser Film hat Potenzial, in 50 Jahren nicht nur als Kuriosum seiner Zeit wahrgenommen zu werden, sondern als ästhetisches Musterbeispiel und vielleicht sogar wieder entdeckt zu werden. Und ich hoffe, dass auch so albern ich ganz vieles an diesem Film finde, hoffe ich, dass in 50 Jahren die Leute diese Ästhetik nochmal neu zu schätzen wissen und das, was wir jetzt gerade so cheesy finden und dumm sagen, hey, wir machen Nostalgie, wir tauchen ein, wir gestalten unsere Websites so, wir programmieren Computerspiele, die so aussehen.
Johannes Franke: Ja, aber das Traurige daran ist, dass natürlich die Ästhetik hin oder her, das kann man in 50 Jahren nochmal toll finden wieder und kann ich auch von ausgehen und würde mich da sogar selbst nicht ausnehmen, sondern ich könnte mir vorstellen, dass ich dann auch in der Zeit da drauf springen würde. Das Problem ist, der Film hat ja ganz viele erzählerische Schwächen. Ja, das ist halt das Problem. Wenn der erzählerisch einwandfrei wäre und man da irgendwie emotional gut durchgeleitet werden würde durch den Film, dann würde es einem, glaube ich, leichter fallen, ihn einfach als ästhetisches Kuriosum seiner Zeit zu betrachten.
Florian Bayer: Aber die erzählerischen Schwächen sind natürlich auch seiner Zeit geschuldet, ne?
Johannes Franke: Na, aber nicht, nee, streckenweise, aber nicht, da kannst du nicht alles drauf abstellen, aber dieses Abstellgleis.
Florian Bayer: Also erstmal gibt es diese, ja, diese ganz naive Prämisse, die auch absolut keinen Sinn ergibt oder ich habe sie nicht verstanden. Ich weiß nicht, ob ich zu dumm bin oder... Jetzt bin ich mal gespannt, was hast du verstanden? Naja, dieses Eintauchen in die Vergangenheit mittels Cyberspace und dann auch irgendwie, also es wirkt ja fast so, als würde sie die Vergangenheit auch beeinflussen. Und dann diese Kombination mit der, mit noch so ein bisschen DNA mit reingebracht, dass sie aus der Vergangenheit was in ihre Zeit bringen kann und was in die Vergangenheit bringen
Johannes Franke: kann. Also, also was ich als 19-jähriges Ich, was mein, also blow your mind, ne? So dieses, oh mein Gott, okay, du nimmst also DNA, dann kannst du daraus die gesamte Geschichte dieser Personen lesen und diese Geschichte abspielen in mehreren Perspektiven. die so Kamera sehr gut aufgelöst sind in einer nahen, einer totalen, einer Western-Perspektive. Das ist ganz toll, das ist ja super. Und dann kannst du das abspielen, aber was der Film ja erzählen will, ist eigentlich schon, dass du nicht wirklich in die Vergangenheit reist. Das ist ja der Zeitreiseansatz, der ja nicht durchgezogen wird, sondern es ist bloß, du liest das aus, die Erinnerung aus der DNA und kannst damit interagieren, weil das Programm das zum Leben erweckt. Und du dann natürlich ganz spannend am Ende die Nachricht von Ada Lovelace bekommst, ich will eigentlich gar nicht, dass dann Leute im Nachhinein alle meine Erlebnisse angucken können und sagen können, ah ja, okay, und das hat sie in dem Situation gemacht und das hat sie in der Situation gedacht und gefühlt. Und da sind vielleicht auch peinliche Momente dabei, liegt da drunter. Also das hat mich natürlich als 19-Jährigen total, oh mein Gott, wie geil, was ist das für eine Welt? Uh, Explosion im Kopf. Das ist natürlich heute ein bisschen anders, wenn ich mir den Film mit Abstand nochmal anschaue, aber ich finde den Grundgedanken immer noch irgendwie geil.
Florian Bayer: Ich finde es grundsätzlich spannend, weil diese Ada Lovelace ist ja eine historische Figur. Sie hat wirklich existiert. Wir sehen, also die Grundhandlung ist, wir haben unsere Protagonisten Amy, die halt mit ihrer Computertechnik, das schafft, in das Leben von Ada Lovelace reinzugehen und dann auch mit ihr zu interagieren und sie auszufragen, erzähl mir, was du erlebt hast. Das heißt, wir haben parallel, haben wir zwei Geschichten erzählt. Zum einen sie, die eine Programmiererin ist und die sich offensichtlich gebremst fühlt durch ihr Leben und die mit ihrem Boyfriend dann auch immer so ein bisschen Schwierigkeiten hat deswegen. Und zum Zweiten diese Ada Lovelace, deren Leben als historische Figur da so ein bisschen widergespiegelt ist, weil Ada Lovelace war eine Frau, die in einer Männerdominierten Welt versucht hat, wissenschaftlich zu agieren.
Johannes Franke: Die sollen ja beide quasi das gleiche Leben haben. Also die sollen die gleichen Themen und Probleme gerade haben in ihrer jeweiligen Zeit. Also beide haben so eine nagging Mother, wie man das sagt. Die Mutter, die überall, das machst du falsch und das machst du falsch. Und die Schauspielerin ist ja sogar die gleiche, die die Mutter im Jetzt spielt und die Mutter von Ada Lovelace spielt. Was vielleicht ein bisschen plump ist, auch streckenweise.
Florian Bayer: Der Symbolismus, der hier zu tragen kommt, ist teilweise wirklich, wirklich flach. Aber es ist auch so ein Spiel die ganze Zeit damit. Du hast die ganze Zeit das Gefühl, du schaust einer Künstlerin zu, wie sie mit dem Medium spielt und ich kann mir richtig vorstellen, ich kenne auch solche Künstlertypen, die irgendwie ein neues Medium haben und neues Spielzeug haben und dann anfangen zu überlegen, was können wir damit für ein Shit machen. Und meistens ist es auch wirklich so, dass diese Leute dann auf was treffen, was im großen Big Budget Bereich schon eingesetzt wird, viel besser aussieht. Aber die sagen, okay, was kann ich damit machen, wie mache ich damit jetzt Kunst? Und dann nehme ich mir halt so ein Bluescreen und gucke mal, was ich da so hinten dran packen kann. Und hey, schau mal, wenn ich hier was einfüge und dann hat das natürlich immer so ein bisschen diese Amateur-Ästhetik.
Johannes Franke: Ja, na klar, natürlich. Aber das kann man, ich finde, man kann da irgendwie drüber wegsehen, beziehungsweise das als Mittel des Films irgendwie akzeptieren auf eine Weise. Weil es eben dieser Experimentierkasten ist. Ja, genau.
Florian Bayer: Denke ich auch, der Film ist ein Experimentierkasten, obwohl er sich bemüht, eine Geschichte zu erzählen und er hat eine einigermaßen stringente Handlung grundsätzlich, auch wenn er sich so sehr stark im Episodischen verliert irgendwann, wenn Ada Lovelace aus ihrem Leben erzählt.
Johannes Franke: Es gibt ja immer wieder Sprünge, wo du denkst, oh, jetzt sitzt sie also plötzlich in diesem Raum an ihrer Harfe und erzählt irgendwie eine nächste Episode oder einen Gedanken, den sie hat.
Florian Bayer: Aber es gibt irgendwie eine stringente Handlung, der man folgen kann und die auch zu einem gewissen Ergebnis kommt, nämlich, dass dieses Leben von Ada Lovelace durchgespielt wird und dass sie stirbt, wie sie wirklich gestorben ist und dass es dann eben diesen Twist gibt, dass unsere Protagonistin Emmy die DNA extrahiert und ihre Tochter die neue Ada Lovelace ist.
Johannes Franke: Wollen wir mal einen kleinen Lexikon-Eintrag aufmachen über Ada Lovelace, damit wir so ein kleines bisschen wissen, von wem wir überhaupt reden. Sehr gerne. Das muss man sehen. Lexikon. So, ich habe natürlich angefangen, darüber ein bisschen zu lesen, weil die natürlich auch eine faszinierende Persönlichkeit ist, die viel, wie das eben so ist, unsere männlich dominierte Welt hat sehr viele weibliche, große Entdeckerinnen dieser Welt einfach verschluckt.
Florian Bayer: Ja, unsere Geschichtsschreibung, nicht nur was Wissenschaftsgeschichte betrifft, aber besonders Wissenschaftsgeschichte, aber auch Kulturgeschichte ist extrem männlich geprägt.
Johannes Franke: Ja, und dann gab es halt Ada King, Countess of Lovelace, wie sie dann hieß, nachdem sie geheiratet hat, sie hieß vorher Byron, weil sie die Tochter von Lord Byron war. Lord Byron, den wir kennen als eigentlich eine der größten englischen Schriftsteller, Poeten dieser Zeit.
Florian Bayer: Und der prototypische Romantiker schlechthin. Und seine Art, sein Umgang mit romantischer Dichtung hat auch sehr stark die Kindheit von Ada Lovelace geprägt, auch wenn er sehr lange, wenn er keinen großen Kontakt mit ihr hatte, hat er indirekt ihre Kindheit geprägt, weil seine Frau hat sich von ihm getrennt, also die Mutter von Ada. Er muss wohl gewalttätig gewesen sein und Alkoholiker, viele Affären, nachdem sie erfahren hat, dass er eine andere Tochter hat mit einer anderen Frau, mit seiner Halbschwester. Und dieser Lord Byron war halt einfach ein wüster Romantiker und sauge das Leben in dir auf und scheiß drauf, was alle anderen dabei fühlen. Und das muss wohl mit ein Grund gewesen sein, dass die Mutter dieses Romantische und Dichterische, was eigentlich Mädchen vor allem beigebracht wurde, die sollten sich nicht mit Technik und Mathematik beschäftigen, das von ihr fernzuhalten. Da ging es um Ratio, um Mathematik und darum, dass sie lernt, die Naturwissenschaften zu schätzen, das Rationale, nicht das Romantische.
Johannes Franke: Was natürlich auch daher kommt, dass die Mutter das auch selbst in ihrer Kindheit viel beigebracht bekommen hat, viel Mathematikunterricht bekommen hat und viel so Naturwissenschaften. Nur um die Zeiten und Zahlen nochmal zu nennen, 1815 bis 1852 hat Ada Loveless gelebt. Und dann ist der Vater irgendwann gestorben, als sie acht war, hat keine richtige Beziehung mit ihr aufbauen können, hat aber immer noch als letzten Wunsch gehabt, neben ihrem Vater begraben zu werden. Das heißt, sie hat irgendwie irgendeine Form von Beziehung, auch wenn sie nicht auf tatsächlichen Begebnissen beruht, irgendwie gehabt und eine Sehnsucht. Es gab wohl eine sehr romantisch verklärte Beziehung auch von ihm zu ihr, der sie immer
Florian Bayer: so als Sehnsuchtsobjekt benutzt hat und der immer das Gefühl hatte, dass seine Ex-Frau sie von ihm fernhält, was wahrscheinlich auch wirklich der Fall war, was wahrscheinlich auch zu Recht der Fall war, weil wie gesagt, Lord Byron war ein großer Dichter, aber wohl kein besonders umgänglicher Mensch, mit dem man zusammenleben möchte. Und als Kind wurde Ada Loveless, beziehungsweise Ada King, wie sie damals noch hieß, dann wohl wirklich ordentlich unterrichtet und ordentlich getriezt. Also es gibt da so Berichte von, sie bekam die Hände irgendwie mit Sachen beschwert, damit sie nicht so viel rumzappelt und hat dann diese Lehrerinnen und Lehrer, die sie die Furien genannt hat und die haben ihr knallhart Mathe und Naturwissenschaften eingeprügelt.
Johannes Franke: Ja, aber sie war auch sehr talentiert, muss man sagen. Das hat sich sehr, sehr früh gezeigt. Sie hat sehr früh so Flugmaschinenüberlegungen gehabt als Kind mit 13.
Florian Bayer: Sie wollte eine Flugmaschine bauen, das ist nicht großartig.
Johannes Franke: Ja, es ist so schön und dann gibt es so kleine Anekdoten in diese Richtung und das ist wirklich toll.
Florian Bayer: Und das fand ihre Mutter wiederum so kacke. Die Mutter wollte, dass sie die Sachen lernt, aber sie wollte nicht, dass ihre Fantasie zu sehr beflügelt ist, es gab wirklich einen strengen Rahmen. Du lernst das, sie hat dann diese Fleißkärtchen gekriegt und dann gab es Belohnungen dafür, wenn sie fleißig genug war.
Johannes Franke: Aber sie ist trotzdem Tochter ihres Vaters, muss man sagen. Also sie hat einfach die Fantasie und was ihr Jahr später das eingebracht hat, was sie berühmt gemacht hat oder dann nicht mehr so berühmt, weil sie einfach unter den Teppich gekehrt wurde. Aber was ihr ihr Vermächtnis überhaupt ermöglicht hat, die Fantasie und die Begabung über den Tellerrand hinaus zu schauen und nicht nur mathematisch ranzugehen, sondern eben auch mit Überlegung, was kann man mit Dingen anstellen, außer jetzt Mathematik.
Florian Bayer: Sie hatte eine sehr starke romantische Ader, was das betrifft und wir befinden uns natürlich auch in einer Zeit, wir befinden uns in der Zeit des Viktorianismus, in einer Zeit, in der das so ein bisschen auch immer zusammengeflossen ist. Sie war ja auch mit Mary Shelley befreundet, mit der Autorin von Frankenstein. Das Frankenstein wurde geschrieben, ich glaube zwei Jahre nach der Geburt von Ada Loveless oder so soll das entstanden sein. Und angeblich war es so ein Zusammenschluss von ganz vielen Dichtern und Dichterinnen, die sich halt irgendwie getroffen haben und bei Byron sogar auf dem Landsitz, also Lord Byron auf jeden Fall dabei. Und da ist Mary Shelley halt auf die Idee von Frankenstein gekommen, in so einem Moment, wo alle so ein bisschen rumgesponnen haben. Es gab also diese engen Verknüpfungen von Adel, von reichen Leuten, von Wissenschaftlern und Dichtern, die irgendwie sich in diesem Kreis bewegt haben. Und davon hat sie natürlich auch profitiert dann.
Johannes Franke: Und dann hat sie das mitbekommen von Charles Babbage, der diesen quasi Computer erfunden hatte, diese Analytical Engine, die wirklich rein physikalisch, das muss man sich anschauen, ich kann es schwer beschreiben, das Ding, einfach googeln. Das Ding ist nie wirklich richtig gebaut worden. Das ist ein reines theoretisches Konzept, weil es auch riesig gewesen wäre. Ja, und weil auch die Mechanik so fragil und so diffizil gewesen wäre, haben sie es damals noch nicht geschafft, das Ding wirklich zu bauen.
Florian Bayer: Was ganz spannend ist, er hat sich an den Webstühlen orientiert. Die Webstühle hatten damals schon das, was später in der Programmierung wirklich benutzt wurde, so Lochkarten, mit denen Muster quasi vorprogrammiert wurden und die Maschine konnte das dann abspielen. Und Babbage war irgendwie davon inspiriert und hat sich halt überlegt, wie könnten Rechenautomaten aussehen, der vielleicht auch irgendwie so arbeitet. Aber Babbage war offensichtlich eher so ein Hardware-Bastler. Ja, ja, genau.
Johannes Franke: Das war dann nämlich ein Ada Loveless-Beitrag. Ja, und er hatte halt wirklich an diese ganzen, wie es das halt damals ganz viel gab, so Möglichkeiten, Dinge zu berechnen über so, was man so als Aberkus oder sowas. Ja, er wollte Mathe machen damit. Er wollte Mathe machen damit. Und Ada Loveless war die Software-Entwicklerin. Das ist so krass. Also ich meine, er hat tatsächlich auch Programme schon geschrieben, muss man sagen. Er hat schon für dieses Ding, was er da beschrieben hat, was er erfunden hat, schon so kurze Beschreibungen, wie man etwas programmieren kann damit, was so Abläufe betrifft, dass man individuelle Sachen berechnen lassen kann. Aber sie hat echt so ein riesiges Programm dafür geschrieben, weil sie die Fantasie hatte, was man damit machen kann. Und dann auch gesagt hat, man kann damit Musik schreiben im Grunde. Man könnte damit Kunst machen. Das ist schon ihre Fantasie darüber hinaus, über die eigentliche Funktion, die es haben sollte hinaus, war ein unglaublicher Beitrag für die Wissenschaft.
Florian Bayer: So dieser grundsätzliche Gedanke, okay, wir können mit diesen Maschinen, können wir irgendwie mit Zahlen arbeiten. Aber was ist, wenn wir jetzt es schaffen, alle Objekte, die wir uns vorstellen können, in eine Sprache zu übersetzen, die ähnlich funktioniert. Dann können wir damit so viel mehr machen. Das war tatsächlich dann auch ein sehr symbiotisches Verhältnis zwischen Babbage und Loveless. Also natürlich hat er ihren Einfluss sehr geschätzt. Sie war, mittlerweile hatte sie auch in Adel geheiratet. Sie hat den, als sie 19 war, hat sie William King geheiratet, der sie auch sehr unterstützt hat. Es war wohl eine, also zumindest am Anfang eine sehr gute Ehe, weil er ist ihr zuliebe, ist er in die Royal Society eingetreten und hat für sie Bücher abgeschrieben. Sie durfte als Frau nicht in die Bibliothek gehen. Oh Mann. Und dann hat er die Bücher abgeschrieben und dadurch konnte sie weiterarbeiten.
Johannes Franke: Und dann hat sie halt auch Kinder bekommen, was sie wiederum nicht so geil fand, was aber in der Zeit einfach so, das gehört dazu und es wurde sogar fast verschrieben, weil sie irgendwie Probleme hatte, gesundheitliche. Und dann hieß es von dem Arzt, ja, bekommen Sie mal noch ein Kind, dann wird das schon. Was ist das bitte? Also wirklich, sie hat drei Kinder bekommen, die sie fast durchgängig so beschrieben hat als Ablenkung von dem, was sie eigentlich wollte. Nämlich diese mathematische Richtung und diese Programmiersprache und dieses Überlegen, wie kann man mit diesem Instrument mehr machen.
Florian Bayer: Und für Wissenschaftler war es ja damals durchaus üblich, dass sie sich so Spender gesucht haben, also dass sie sich an die reiche Gesellschaft rangehängt haben und da war Ada Loeffleys natürlich für Babbage ein gefundenes Fressen. Ein Katalysator im Grunde. Aber er hat sehr schnell auch erkannt, wozu sie in der Lage ist und sie war dann für ihn nicht nur die Geldgeberin, sondern er hat dann auch wirklich mit ihr zusammengearbeitet und er hat sie unter anderem gebeten, eine Übersetzung zu schreiben, ne?
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Und dann war das Ding irgendwie dreimal so lang wie das Original, weil sie so viele Notizen und so viele Anmerkungen hatte.
Florian Bayer: Ja, und sie hat, also es ist mittlerweile wohl wieder umstritten unter WissenschaftlerInnen, wie groß ihr Anteil war. Ja. Das ist Teil von wissenschaftlichen Debatten, die, sie übersteigen meine Kenntnis. Ich kann dazu nicht so viel sagen, aber es gibt auf jeden Fall viele, die sagen, sie hat, sie hat ganz viel von diesem Softwaregedanken da reingebracht. Also Babbage war irgendwie der Hardwarebastler, der hat diese Maschine entworfen, zumindest also in seinem Kopf entworfen und sie hat dazu die Softwaregedanken gebracht.
Johannes Franke: Ja, vor allem der große Gedanke überhaupt zu unterscheiden zwischen Hardware und Software, den Gedanken hatte Babbage nicht, er hat das als eine Einheit gesehen und das überhaupt zu trennen im Kopf und zu sagen, okay, das eine ist zwar die Hardware, die das physisch mitbringt, aber die Software bringt die Varianz und die Möglichkeiten und die unterschiedlichen Anwendungen davon, den Gedanken überhaupt zu haben. Der ist halt wahnsinnig wichtig, um überhaupt starten zu können.
Florian Bayer: Ja, Konzepte, die 100 Jahre später erst wieder eine Relevanz haben sollten, also im Computerzeitalter.
Johannes Franke: Total krass. Also ich war jedenfalls sehr fasziniert von dieser Frau, die ist leider mit 37 gestorben dann, sie war auch als Kind schon wahnsinnig viel krank und hatte immer wieder irgendwie Probleme und dann, ich glaube Krebs, uterrotes Krebs oder sowas, ich weiß nicht mehr, irgendein Problem in der Richtung war das. Und dann ist sie gestorben und das ist so traurig, weil sie noch so viel hätte machen können.
Florian Bayer: Ja. Eine total faszinierende Persönlichkeit, die lange in der Wissenschaftsgeschichte ignoriert wurde und die erst so Mitte des 20. Jahrhunderts neu entdeckt wurde und deren Beitrag für die Entwicklung der Mathematik und Computertechnik wieder mehr honoriert wurde. Ja.
Johannes Franke: Das war, das muss man sehen, Lexikon. Und um den Film wieder zurückzukommen, wenn wir jetzt dabei sind, ist der Film natürlich konzeptuell wahnsinnig gut vernetzt. Diese ganzen Ideen, die Gedanken von Ada Lovelace tauchen alle immer wieder im Film auf. Die Fragen, die die Hauptfigur stellt nach dem Gehirn und wie Erinnerungen gespeichert werden, hat auch viel mit Computertechnik zu tun und hat auch diese Fragen überhaupt, kann man sowas auslesen aus einem menschlichen Gehirn und wie kann man Erinnerungen mathematisch beschreiben oder wie kann man die Arbeit des Gehirns allgemein mathematisch beschreiben? Das sind ja alles Fragen von Ada Lovelace im Grunde. Und das ist spannend, was der Film damit macht, aber dummerweise schafft er es nicht so gut, das zu präsentieren.
Florian Bayer: Ja, das Problem ist dann wieder, dass der Film ein Kind seiner Zeit ist und diese frühe Internet- und Cyberspace-Zeit, ich muss nochmal das Wort Cyberspace benutzen. Da ging es ja ganz stark um Vernetzung, deswegen macht der Film das ja auch so groß, dass es eben nicht nur um die mathematischen Hintergründe geht, sondern er will auch das Biologische mit reinbringen. Wie können Mensch und Maschine miteinander fusionieren? Wie kann DNA in eine maschinelle Sprache übersetzt werden? Wie kann DNA ein Computerprogramm schaffen? Wie kann ein Computerprogramm DNA schaffen und DNA verändern?
Johannes Franke: Ja, und die große Frage, die Ada Lovelace ja für sich geklärt hatte, nämlich, dass die Maschine an sich nicht in der Lage ist, etwas zu kreieren, sondern dass die Grenze der Maschine im Grunde die Grenze des Menschen davor ist. Die Maschine kann nur so viel wie der Mensch, der sie bedient.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und das ist ja die Frage, die wir jetzt gerade aktuell sehr stark bearbeiten, AI und so weiter, ist, können wir in der Lage, eine Maschine in die Lage bringen, selbst kreativ zu werden, selbst etwas zu schaffen? Das hat ja damals Turing schon mal so ein bisschen angefangen in Frage zu stellen, ob dieses Gesetzte von Ada Lovelace bis dahin Gesetzte irgendwie vielleicht, ob das noch stimmt. Und das ist heute auch eine interessante Frage und die Frage stellt natürlich auch der Film.
Florian Bayer: Ja. Ab wann kann man von einem maschinellen, digitalen Bewusstsein sprechen? Ja. Ab wann ist es mehr als nur eine Umsetzung von komplexen Algorithmen? Und das versucht der Film mit diesem Hund so ein bisschen. Ja. Aber irgendwie geht es auch in die Hose, finde ich. Das ist sehr naiv. Ja. Es ist sehr simpel. Aber es ist natürlich auch simpel von unserem heutigen Standpunkt. Wenn wir vielleicht nochmal so in dieser Zeit denken. Ja. Das war, also dieser Film ist ja auch so ein bisschen eingerahmt von unter anderem Matrix, kam 1999 raus. Ah, ja. Das ist zwei Jahre später. Davor gab es von Cronenberg zum Beispiel Existenz, der auch ähnliche Fragen mit der Verquickung von Realität und Computer gestellt hat. Die wirft der Film auch auf. Also zum einen die Frage, wie real ist eine virtuelle Realität? Zum zweiten auch die Frage, wie bewusst ist ein künstliches Bewusstsein? Ab wann können wir von einem künstlichen Bewusstsein sprechen? Eine Frage, die, ehrlich gesagt, die wir bis heute noch nicht hundert Prozent beantwortet
Johannes Franke: haben.
Florian Bayer: Wir sehen Fortschritte in der Computertechnik. Wir sehen die Grenzen vielleicht ein bisschen besser. Aber wir schlingern da immer noch ein bisschen. Was unterscheidet den Menschen von einer künstlichen Intelligenz? Gibt es überhaupt einen wesentlichen Unterschied? Oder ist das, was wir Menschen machen, nicht auch irgendwie eine Abarbeitung von Algorithmen, die in unserem Gehirn stattfinden? Und wir versuchen irgendwie sowas Metaphysisches wie eine Seele reinzudeuten und reden dann von Bewusstsein. Aber letzten Endes sind wir auch nur Maschinen.
Johannes Franke: Ja. Und dann ist jede Szene so ein bisschen, also es wurde beschrieben, dass jede Szene wie ein DNA-Modell strukturiert ist. Ja. Und das ist natürlich hochkonzeptuell. Ja. Und ich habe eben die ganze Zeit beim Gucken des Films das Gefühl, dass all das Konzeptding diesem Film so im Weg steht dann aber auch. Dass es leider nicht schafft, was andere Filme super schaffen, über ein Konzept dann auch in der Musik vielleicht, die Musik so zu machen, so entstehen zu lassen, dass sie irgendwie konzeptuell eben sich einbettet. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, die stolpert immer so viel über ihre eigenen Beine, über eigene Konzepte.
Florian Bayer: Ja. Das ist, weil er diese Konzepte natürlich auch nur anteasert. Auch das, ja. Dieser Film arbeitet mit Fragezeichen und dieser Film ist keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema künstliche Intelligenz, zum Thema DNA. Ja. Wahrscheinlich auch einfach, weil die Regisseurin Lynn Hirschman-Leason ist auch eine Künstlerin. Ja, genau. Die ist keine Wissenschaftlerin. Ja. Das heißt sie, und das ist total wichtig, finde ich, dass Künstler in Ideen aus der Wissenschaft aufgreifen und sagen, wie können wir die weiterspinnen. Und das kann ja auch wirklich Impulse nochmal in die andere Richtung geben. Das ist ja durchaus auch ein Wechselspiel zwischen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Aber natürlich haben künstlerische Abhandlungen davon immer so einen Schuss Naivität dabei. Das heißt, wenn irgendeine Wissenschaftlerin, Informatikerin oder so diesen Film guckt, dann denkt sie sich wahrscheinlich auch, oh nee, wir sind aber technisch und wissenschaftlich deutlich weiter. Und ja, das ist ja ganz nett, aber eigentlich machst du gerade so ein bisschen Metaphysik mit dem, was für uns harte Wissenschaft ist. Ja, ja, genau. Und das ist die Gefahr, die die Kunst immer so ein bisschen hat und das hat dieser Film ganz stark, dass sie Metaphysik werden und dieses Wissenschaftliche nehmen und daraus wieder so das Ganze in so einen religiösen Rahmen pressen.
Johannes Franke: Aber kann man dem verzeihen, wenn sonst die Geschichte zum Beispiel gut erzählt ist? Weil das ist mein größtes Problem. Die Geschichte an sich ist einfach nicht gut erzählt. Diese Beziehung zu ihrem Typen da und was der Typ dann plötzlich am Computer soll und so diese ganzen, das ist alles nicht gut erzählt. Das ist nicht alles, alles nicht elegant und nicht verständlich genug erzählt. Es wabert alles so zwischen verschiedenen Situationen und du weißt nicht genau, was es
Florian Bayer: soll. Aber das liegt zu großen Teilen einfach daran, dass der Film Konzeptfilm ist, Kunstfilm, Experimentalfilm und er hat für einen Experimentalfilm eine sehr starke narrative Struktur. Deswegen ist es auch so, also wann ist ein Film Experimentalfilm, ist immer so schwer zu sagen. Ja, genau. Aber, also ich kann bei solchen Filmen deutlich mehr Story-Schwächen verzeihen, wenn ich sehe, dass die Story wirklich nicht das Wesentliche ist, sondern dass es darum geht, Konzepte und Ideen in Filmformen weiter zu spinnen. Es hätte dem Film definitiv gut getan, wenn er weniger Story gehabt hätte. Ja, vielleicht auch das. Das hätte ich eher gerne gesehen, dass der Film mehr zu seiner experimentellen Herkunft steht und weniger versucht, eine klassische filmische Narrative zu bedienen. Weil natürlich kann man das nicht vergleichen mit den Cyberspace-Visionen von einem Matrix oder von einer Existenz, weil das sind Filme, die darauf aus sind, das Publikum zu unterhalten und eine spannende, temporeiche Story zu erzählen oder eine spannende, unheimliche Story. Das will dieser Film ja alles nicht. Dieser Film will ja Konzepte darstellen.
Johannes Franke: Und sobald er eine Narrative aufmacht, wirft er Fragen auf. Und wenn die Fragen nicht ordentlich behandelt werden oder bearbeitet werden, sie müssen ja nicht mal beantwortet werden. Hauptsache, sie werden ordentlich behandelt. Und wenn du dann keine Drehbuchautorin bist und es alles ein bisschen clumsy ist, so Diskussionen, Pärchendiskussionen, die einfach nicht realistisch geschrieben sind und auch nicht gut gespielt sind am Ende. Das stolpert dann so sehr.
Florian Bayer: Ja, man sieht diesem Film eben sowohl sein Budget an, als auch, dass die Regisseurin, die ja hier klassisch als Auteur arbeitet, das ist einfach ihr Baby. Dass sie eher aus der Kunst kommt und weniger aus dem Filmmedium. Ja, ja, ja. Und dass die DarstellerInnen halt alle so, also abgesehen von Tilda Swinton. Ja. Die wirklich, die glänzt natürlich als Ada Loeffler. Absolut, absolut. Aber ansonsten sind so ziemlich alle, die wir hier sehen, eher stolpern so ein bisschen durch das Szenario. Also ich habe niemanden gesehen, den ich überzeugend fand.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es hat mir auch ein bisschen wehgetan. Ich finde es total geil, dass Timothy Leary da drin ist. Das ist so großartig. Ich kenne ihn gar nicht. Das ist der LSD- und Cyberspace-Guru schlechthin aus den 60er, 70er Jahren, der so was Verbindungen betrifft, was Gedanken betrifft, wie kann ich meinen Geist erweitern, ist er so der Vertreter. Er tritt hier auf als künstliche Intelligenz, als Sim, der Amy berät in ihrer Suche nach der Wahrheit. Und Timothy Leary, um ganz kurz, ich mache kein Lexikon dafür auf, der hat, er ist eigentlich ein Psychologe. Und der wurde dann in den 60ern, als dieser ganze Hippie-Hype war, wurde er als Advokat von bewusstseinserweiternden Drogen, wurde er bekannt. Und er hat sich sehr viel damit beschäftigt, wie können Drogen den Geist verändern und wie können wir unser Bewusstsein damit erweitern. Er hat dann wirklich, er hat quasi geworben für LSD und Pilze und nimmt halluzinogene Substanzen, um euren Geist zu erweitern. Und hat sich dann auch grundsätzlich mit Bewusstsein beschäftigt. Wie kann Bewusstsein beeinflusst werden? Wie kann Bewusstsein verbessert werden? Wie können wir neue Stufen des Bewusstseins erreichen? Zwischen zwei Gebote, die er dazu aufgestellt hat, die, glaube ich, das ganz gut zusammenfassen. Du sollst das Bewusstsein deines Nächsten nicht verändern. Du sollst deinen Nächsten nicht daran hindern, sein oder ihr Bewusstsein zu verändern. Also ein Advokat für eine sehr liberale Drogenpolitik. Ja, okay. Er war kein, nicht so ein Hedonist. Also diese ganzen LSD-Gurus aus der damaligen Zeit waren ja oft auch so, hey, genieße den Rausch, Party und so weiter. Ihm ging es immer darum, neue Zustände zu erreichen und irgendwie die Wahrnehmung zu verändern und neue Ideen in der Wahrnehmung zu finden. Und damit wurde er eben auch so ein bisschen nicht nur zum Drogenguru, sondern auch zum Guru für das technische Zeitalter, für Cyberpunk, Cyberspace, Virtual Reality. Viele, die sich irgendwie damit beschäftigt haben, wie kann der Cyberspace, das Wort Cyber wird in dieser Episode noch sehr oft fallen, wie kann der Cyberspace unser Bewusstsein erweitern? Die beziehen sich teilweise darauf, wie können Drogen unser Bewusstsein erweitern? Naja, okay. Und ich finde es witzig, er passt total rein in diesen Film.
Johannes Franke: Ja, es ist so ein bisschen Orakel. Ja. Ein bisschen seltsam und ich weiß immer nicht so genau, was ich damit anfangen soll. Ist das irgendwie, ich habe auch nicht so richtig verstanden, ob da jetzt eine AI ist oder ob das jetzt wirklich jemand ist, mit dem sie über Webcam kommuniziert oder was? Nein, es gibt keine Webcam. Es ist echt ein bisschen seltsam und man versteht viel davon nicht.
Florian Bayer: Und er ist Klammsi, das wollte ich nochmal sagen.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Ich stehe total auf Timothy O'Leary und ich finde ihn in diesem Film, aber es tut mir so ein bisschen leid, ihn zu sehen, weil er ist halt auch sehr alt. Ja. Und er wirkt so ein bisschen, als würde er improvisieren vor der Kamera. Und das hätten sie halt das genommen, was sie gefunden haben. Oh Mann. So ein bisschen daneben auch immer. Also er sitzt da nicht mit großem Bewusstsein, sondern er ist so ein bisschen alter Tatterkreis. Ja, oh Mann.
Johannes Franke: Traurig. Aber ich habe Tilda Swinton gesagt und haben deine Augen geleuchtet. Ja, Tilda Swinton. Aber ich liebe sie auch einfach. Also Tilda Swinton, sie hat Orlando vorher gemacht, glaube ich. Orlando war ja 97. Im Moment, nein. War 93. Es war ungefähr dieselbe Zeit, ja. Naja, man muss dazu nicht viel sagen, Tilda Swinton ist einfach großartig. Sie spielt großartig, sie hat immer einen Mehrwert in der Szene, sie schafft es immer einem genau das zu vermitteln, was sie gerade rüberbringen muss an Gefühl, an neuen Ideen, an Drängen. Sie hat wahnsinnig viel Energie, einem zu erzählen, dass sie wirklich was will in der Szene. Das finde ich einfach ganz toll.
Florian Bayer: Und ergibt ihr ja tatsächlich gar nicht so viel zu tun, der Film, weil meistens besteht der Film eigentlich aus Reaction Shots von ihr auf die Umgebung. Ja. Und wir sehen sie eigentlich oft beim Nachdenken. Stimmt, ja. Und beim Versuch, was zu verstehen. Ja. Aber innere Spannung, die ist die ganze Zeit da. Ja, ja, ja. Und es gibt viele Interaktionen mit der Kamera, also weil logischerweise hinter der vierten Band befindet sich unsere Protagonistin Amy. Das heißt, Ada Loveless redet mit ihr und redet dann direkt mit uns, mit der Kamera.
Johannes Franke: Was auch ein bisschen weird ist, weil es wird ja established, dass sie als Stimme irgendwo im Raum ist. Warum sucht dann ausgerechnet Tilda Swinton genau in der Kamera die Stimme? Ja. Das ist ein bisschen seltsam. Aber sie ist halt präsent die ganze Zeit. Ja. Sie ist einfach so eine präsente Darstellerin. Ja, unglaublich. Ja, ist toll. Sie ist der Lichtblick des Films und sie schafft es, einen irgendwie dran zu halten. Vielleicht ist es tatsächlich, wenn man böse sein will, sie die Rettung der Aufmerksamkeit. Dass man wirklich dran bleibt und nicht sagt, naja, jetzt mach ich langsam mal aus.
Florian Bayer: Was für mich den Film gerettet hat, war ganz viele Entzückten über die Ästhetik, über die es verspielte. Ja. Ich kannte Lynn Hershman Leeson vorher gar nicht. Ich auch nicht. Ich habe zum ersten Mal durch den Film auf sie gestoßen. Aber die scheint ja wirklich eine große und spannende Künstlerin zu sein, die, wie es in den 90er Jahren sehr viele gab, eben diese künstlerische Vernetzung ganz viel gedacht hat. Wie kann ich Themen der Virtual Reality, des Cyberspace, des Feminismus und der Biologie zusammenbringen? Und wie kann ich die zusammen erzählen? Wie kann ich hier ein ideelles Netzwerk schaffen, irgendwo zwischen Wissenschaft und Poesie und Romantik? Sie hat zum Beispiel 1983 hat sie dieses Projekt Lorna gemacht. Eine interaktive Geschichte von einer Frau, die an Agoraphobie leidet. Und das Publikum darf mitbestimmen, wie sich diese Frau Lorna verhält. Also es gibt dieses interaktive Element. Und dafür hat sie dann so einen Raum geschaffen, wo Gegenstände nummeriert sind und die ZuschauerInnen dürfen durch eine Fernbedienung auf Zahlen klicken, mit welchen Objekten interagiert werden soll. Und dadurch, also die Zuschauer haben dann entschieden und dann wurden neue Sequenzen geöffnet und dann quasi so eine Art interaktiven Film im Jahr 1983. Das ist schon krass. Ja, ja, ja, genau. Also dass sie immer, also sie ist schon auch eine Visionärin, die auch so ein bisschen weiterdenkt und versucht hat, neue Ideen einzubringen. Im Prinzip wie Ada Loveless. Ja, ja, genau. Was haben wir hier an Technik? Okay, was können wir damit noch mehr machen? Lass uns mal ein bisschen experimentieren und spielen. Das ist in diesem Film auch total stark. Ja. Und ich kann das aber auch schätzen, weil dieses Spielerische, natürlich stolpert man dann die ganze Zeit. Das gehört dazu zum Spielen und zum Experimentieren. Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Das geht nicht ohne Tollpatschigkeiten. Ja, aber dann bist du nicht wirklich in einem Spielfilm, sondern dann bist du in einer Kunstinstallation und das ist vielleicht dieser Film. Man muss vielleicht diesen Film als Kunstinstallation sehen und nicht als Spielfilm, oder? Ich glaube, ich weiß, worauf du dich nachfällst. Vielleicht. Vielleicht. Entschuldigung. Unsere Top 3. Wir haben die Top 3 Filme, die vielleicht besser im Museum aufgehoben werden als als Spielfilm im Kino. Das ist so witzig.
Florian Bayer: Du hast mir diese Liste geschickt und ich habe sie, ich habe drauf, diesen Listenvorschlag geschickt. Ich habe drauf geguckt, kurz nachdem ich den Film gesehen habe, nachdem ihr ja nailed it.
Johannes Franke: Es ist wirklich krass. Und ich habe mir ganz viele Sachen aufgeschrieben und noch nichts nummeriert und auch gar nicht so viel Konkretes, sondern eben auch so irgendwie einfach Gedanken aufgeschrieben. Vielleicht kriegen wir eine Top 3 draus gebastelt. Ich weiß es noch nicht.
Florian Bayer: Und doch würde ich sagen, dieser Film gehört für mich nicht unbedingt in eine solche Liste. Echt nicht? Nee, weil er dafür zu viel Narration hat. Er ist eben doch ein Spielfilm. Ja, er will es zumindest sein. Es gibt einfach Sachen, die krasser sind. Und es gibt auch, ich würde auch so reine Motivfilme nicht unbedingt dazu zählen. Es gibt auch Motivfilme, die man wunderbar im Kino gucken kann. Auch wenn sie wirklich so high conceptual art, ohne große Narration sind. Ich glaube, ich habe eine Liste zusammengekriegt und eine ganz interessante Liste, glaube ich. Wenn ich jetzt so drüber gucke, weiß ich nicht, ob ich alles unterschreiben würde.
Johannes Franke: Aber ich muss unbedingt verteidigen, dass das vielleicht kein Spielfilm, sondern eine Kunstinstallation ist, weil das nämlich bedeutet, dass ich es endlich mal geschafft habe, ein Genre in diesen Podcast reinzubringen und zu sagen, Plor, wir müssen uns mal eine Kunstinstallation anschauen. Oh, das ist gut.
Florian Bayer: Das hatten wir bis jetzt auch noch nicht. Also wir hatten schon sehr abstrakte Filme, aber doch Filme, die alle so narrativ waren, dass man sagen würde, ja, das funktioniert irgendwie als Film. Auch wenn die Narration wie zum Beispiel bei den Surrealisten komplett drunter und drüber ist.
Johannes Franke: Aber es ist trotzdem ein Film tatsächlich, ein Spielfilm.
Florian Bayer: Die Grenze ist auch wirklich fließend. Wann ist ein Experimentalfilm so experimentell, dass er mehr Experiment als Film ist? Wann ist er Ausstellungsstück und hört auf, diese filmische Bewegung zu haben? Ah, das ist spannend. Wir hatten ja mal eine Episode über Andy Warhol, wo wir uns diesen Blumenmovie angeguckt haben. Ja, und der für mich sehr stark auf dieser Grenze hängt. Für mich auch. Und Andy Warhol habe ich so ein bisschen, also Andy Warhol Filme grundsätzlich würden natürlich toll in diese Liste passen. Ja. Aber ich will sie nicht reinpacken, weil Andy Warhol keine Filme fürs Kino gemacht hat. Seine Filme sind ja wirklich im Museum gelaufen. Bis auf Blue Movie. Bis auf Blue Movie, genau. Und deswegen habe ich ihn mit aufgeschrieben. Du hast ihn drin? Ich habe ihn drin. Blue Movie passt rein, genau, weil er ein Kinofilm war. Aber ansonsten sind einfache Antworten, die Filme, die ins Museum gehören, sind die Filme, die meistens auch im Museum laufen. Richtig, ja. Jeder von uns, der ab und zu mal zur Ausstellung geht oder so, ist schon an so Videoinstallationen vorbeigelaufen, wo irgendwas passiert. Und man sieht einfach ganz klar, das ist was anderes als das, was man im Kino sieht. Und das ist ganz klar für diesen Moment gemacht. Und wenn es nur daran liegt, weil er, weil das, was läuft, auf Loops setzt oder auf eine schiere, unfassbare Länge.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, genau. Naja, ich habe versucht, die Liste ein bisschen bunt zu füllen mit Dingen, die ein bisschen den Listen-Namen ein bisschen verraten, aber auch mit Filmen, die tatsächlich im Museum sind. Ah, okay. Ja, ich hätte auf Platz 3 eben den Blue Movie gehabt. Dann könnte, was hattest du auf Platz 3 dann?
Florian Bayer: Also mein Platz 3 wäre, und ich kämpfe mit der Liste gerade immer noch, merke ich, eigentlich alle Filme von Godfrey Reggio. Und ich würde einen hervorheben, unaussprechlicher Titel. Ja. Koyaanis Katsi. Ah ja, okay, ja. Der berühmte. Der hat, Godfrey Reggio hat mit der Katsi-Trilogie, hat er Filme gedreht, die Eindrücke von Welt zeigen. Er beschäftigt sich damit, wie bewegt sich die menschliche Zivilisation in der Natur und in der Welt und macht das Ganze mit, einfach mit Bildern aneinandergereiht, Bildmontagen, die so anderthalb Stunden dauern.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Teilweise Zeitlupe, teilweise Zeitraffer, Landschaft, Stadt, Natur und aneinander geschnitten und komponiert. Das sind halt keine narrativen Filme und auch keine wirklichen Dokumentarfilme, weil es keine Kommentare gibt. Ja. Und ja, das sind Kinofilme. Aber vielleicht sind es Filme, die eher in den Museum gehören, ich weiß nicht. Also es ist so ein bisschen, wenn man die guckt, also für mich ist es so ein Film, der nicht ins Kino gehört, weil er nach einer gewissen Zeit setzt eine Müdigkeit ein, die es schwer macht, den Film weiterzugucken. Und das haben seine Filme. Sie sind total faszinierend, wie er Bilder komponiert, aber es wirkt auch so ein bisschen beliebig. Dann musst du aber deinen Platz zwei gleich anschließen.
Johannes Franke: Ich muss meinen zwei nennen.
Florian Bayer: Mein Platz zwei gehört einfach nicht ins Kino, weil er viel zu lang ist fürs Kino und weil man dann, weil man irgendwann die Geduld verliert. Ich habe den Film noch nie ganz am Stück geguckt, den kann man nicht ganz am Stück gucken. Ich habe ihn noch nicht oft geguckt. Ich glaube, habe ich nur einmal geguckt. Satan Tango von Belatar. Ich muss dir irgendwann mal einen Belatar-Film vorsetzen. Belatar ist ein osteuropäischer Regisseur, er kommt aus Ungarn und er ist berühmt dafür, dass er sich sehr von der Langsamkeit von Tarkowski unter anderem hat inspirieren lassen. Das Ganze nochmal so Tarkowski on steroids. Satan Tango ist sein längster Film, soweit ich weiß. Der dauert 450 Minuten. Ach du Scheiße. Und er handelt von einem Dorf irgendwo in der Einöde in Ungarn und es gibt einen, jemanden, der in das Dorf nach Heimkehrt und aber das Dorf eigentlich verraten will und aber es passiert ganz lange nichts. Also der Film besteht einfach aus unfassbar langen Einstellungen, in denen nichts passiert. Und er ist in schwarz-weiß gehalten und auch so ein bisschen dreckig und er ist wirklich eine Geduldsprobe. Und das sind die Filme von Belatar alle. Die sind krasse Geduldsproben und leben einfach von diesen langen Takes. Er hat keine, 150 Schnitte sind es ungefähr im gesamten Film. 450 Minuten. Okay. Also man kann sich vorstellen, wie das ist und die Kamera bewegt sich ganz langsam und die Eröffnungssequenz, wo einfach durch eine Herde von Kühen die Kamera sich bewegt, die dauert acht Minuten. Es ist ein sehr krasser und extremer Film und ich könnte den Film glaube ich nicht im Kino sehen, auch wenn ich Belatars Werk total schätze. Ja, okay.
Johannes Franke: Also es ist etwas, was man für sich episodisch gucken muss, wenn man irgendwie sagt, okay, jetzt nehme ich mir mal eine schöne Zeit, dann morgen nochmal zwei.
Florian Bayer: Und der Film ist eine Herausforderung. Also ich meine, kein Filmsnob kann mir erzählen, dass er diesen Film genießt und sagt, yeah, ich bin da die ganze Zeit super unterhalten. Der Film ist anstrengend, der Film ist langsam. Der Film ist eine Herausforderung und es ist auch so ein Trockenmann, ist froh, wenn man es geschafft hat. Okay. Aber es lohnt sich trotzdem.
Johannes Franke: Okay. Schön. Bei meinem Platz zwei bin ich ein bisschen auf dein Wissen angewiesen und ich hoffe, dass du dazu ein bisschen was hast. Das wäre nämlich der andalusische Hund, der ja wirklich im Museum gezeigt wird, weil er mit Dali und mit dem anderen Typen, da bin ich wieder angewiesen auf dein Wissen. Louis Bonoel. Bonoel, genau. Ja, also im Grunde ja wirklich auf Kunst irgendwie.
Florian Bayer: Der wurde im Kino gezeigt, Premiere im Kino. Ah ja, okay. Louis Bonoel. Nach eigener Aussage, ich kann es jetzt nicht verifizieren, ich habe nicht recherchiert dafür, stand hinter der Leinwand bewaffnet mit Steinen. Was? Und zitternd und bereit, gegen das Publikum zu kämpfen. Und der Film dauert ja nur so zehn Minuten oder so.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann war der Film fertig und er war bereit für alles und dann haben die applaudiert und er stand wohl da und hat den Kopf geschüttet und gesagt, ich verstehe es nicht. Die haben jetzt echt alles getan, um die Leute zu provozieren und fertig zu machen. Ich war bereit, den Zorn des Publikums auf mich zu nehmen. Und jetzt applaudieren die. Geil.
Johannes Franke: Oh, wie schön. Eine tolle Anekdote. Ja. Oh Mann. Ja, aber das ist es. Ich glaube, das ist es so in a nutshell. Ich hatte so gehofft, dass der im Kino gelaufen ist. Ich wusste es nämlich nicht und ich hatte nicht die Zeit nochmal zu recherchieren. Nein, aber das freut mich total, weil das ist genau das. Es ist ein Film, der im Kino gelaufen ist und der aber eigentlich fürs Museum gemacht ist. Also eigentlich für die Rezeption eines Museumsgängers. Sagen wir so rum. Ja, auf jeden Fall.
Florian Bayer: Dein Platz eins. Mein Platz eins, absolut nicht fürs Kino geeignet, weil man sich nicht angucken kann, ohne Kopfschmerzen zu kriegen, wenn man im Kinosaal sitzt. Ein Film, den ich auch irgendwann abgebrochen habe, weil mir echt zu krass war. Von Bruce MacDonald aus dem Jahr 2007, The Tracy Fragments. Mit Elliot Page. Oh. Und zwar spielt Elliot Page einen 15 Jahre alten Teenager, nämlich Tracy. Und deren Leben wird so gezeigt und deren Gedanken. Und sie hat offensichtlich irgendeine Persönlichkeitsstörung.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und das setzt der Film visuell um, indem er fragmentiert. Nicht nur die Handlung, nicht nur die Gedanken, sondern auch das Bild und den Ton. Und wir haben eigentlich, wir haben, ich glaube, es gibt keinen Frame, wo man nur ein Bild sieht, sondern es ist immer so, dass in der Kartrage finden zehn Bilder gleichzeitig statt. Oh, okay. Und Geräusche finden gleichzeitig statt. Und das Bild ist zersplittert, so ein bisschen wie Comic-Panels. Ja. Und du hast dann mehrere Bilder gleichzeitig und mehrere Sachen, die gleichzeitig passieren. Und wirklich so einen Blick in eine gespaltene, aufgewühlte Persönlichkeit. Und manchmal sind es Bilder alles aus einer Szene, also so eine Nahaufnahme, klein unten in der Ecke und oben drüber dann groß die Totale. Und manchmal sind es aber auch gefühlt unterschiedliche Szenen oder Sachen, die sie sieht.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und das läuft alles gleichzeitig ab und du siehst das, du bist komplett überfordert. Weil du einfach, du kannst, du kannst nicht jeden einzelnen Frame passen.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Wenn in einem Bild zehn Frames stattfinden und die sich alle bewegen und alle Geräusche machen, dann denkst du, wow, wohin? Ja. Und dadurch ist es ein super anstrengender, für ein spannendes Experiment. Aber ich habe ihn nicht im Kino gesehen, sondern irgendwie auf dem Fernseher. Und das war mir auch zu viel. Okay. Das ist einfach too much, auch wenn ich es total zu schätzen weiß, dass hier was Neues versucht wurde oder was anderes versucht wurde, so mit der Kartrage zu spielen. Es ist einfach eine komplette Überforderung. Aus dem Jahr 2007 wurde auch, glaube ich, von der Kritik nicht so doll aufgenommen, weil alle gesagt haben, das ist zu anstrengend. Ich glaube, so ein Film, wo sich Kritik und Publikum einig waren, so, oh Leute, echt zu viele Kopfschmerzen.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Aber ja, trotzdem interessant. Also, wenn ihr einen obskuren Film aus den frühen 2000ern haben wollt, wo sehr viel mit filmlicher Kartrage gespielt wird und einen Film, der Kopfschmerzen verursachen kann, guckt den an.
Johannes Franke: Okay. Mein Platz 1 verrät ein kleines bisschen das Konzept, was ich eigentlich eingeführt habe mit Top 3 Filme, die eigentlich ins Museum gehören und nicht ins Kino, weil die Filme durchaus ins Kino gehören, aber eben auch ins Museum. Ja, ein Klassiker? Nee, kein Klassiker, sondern wo die Bilder einfach so sind, wie sie sind. Loving Vincent wäre der, den ich jetzt stellvertretend mal dafür nehme, weil er am extremsten daran ist, dass er das Werk eines Künstlers nimmt und das visuell so stark macht, dass man eigentlich sagen will, okay, das muss ich jetzt Dauerschleife im Museum laufen lassen, um ein Gefühl dazu zu bekommen, eine Lebendigkeit, die sowieso in den Bildern von Van Gogh drin ist, aber die einfach nochmal ausgearbeitet ist und Leuten, die vielleicht nicht so viel Zugang haben, nochmal ein neues Bild davon und einen anderen Zugang liefert zu den Bildern. Ja. Das ist ganz toll. Also Loving Vincent ist nämlich sonst, muss man sagen, von der Geschichte her und von der Erzählung her, nicht der beste Film, aber er ist einfach wunderschön. Das ist ein impressionistisches Gemälde als Zeichentrickfilm, oder? Naja, sie haben halt, genau, sie haben ganz viele Maler beschäftigt, die wirklich im Vincent-Van Gogh-Stil die Bilder, die er gemalt hat, weitergedacht haben. Die haben sozusagen diese Bilder in Bewegung gesetzt und daraus dann eine Geschichte entwickelt. Man muss den Film einfach sehen, um zu verstehen, wie das funktioniert und wie großartig das ist. Es guckt sich sehr gut weg, einfach visuell von der Geschichte her. Naja, gut. Und in diese Kategorie fallen halt mehrere Filme. Wir hatten French Dispatch, wo man vielleicht sagen möchte, alle paar Sekunden einmal anhalten und fünf Minuten lang angucken das Bild und dann weiter zu spielen und zum nächsten guten Frame zu kommen.
Florian Bayer: Wes Anderson-Filme würden auch gut als Comic funktionieren, mit sehr schönen Panels.
Johannes Franke: Oh, das stimmt. Das wäre vielleicht mal eine Kunstaktion, dass man irgendwie guckt, dass man Wes Anderson-Filme auseinandernimmt und dann als Panels zusammenbaut. Macht das, ihr da draußen, wer auch immer das hört und sich angesprochen fühlt, macht das und schickt es uns.
Florian Bayer: Das macht er ja eigentlich schon auf der Leinwand. Er macht im Grunde, ja. Seine Filme sind eine Aneinanderreihung von Comic-Panels.
Johannes Franke: Ja, es ist einfach, er hat so viele tolle Bilder. Es ist unglaublich. Ja, und vielleicht fällt noch The Fall darunter, den ich inhaltlich gar nicht so richtig geil fand und den ich so ein bisschen kritisch. Ja, da haben wir uns ein bisschen gestritten. Aber visuell passt er natürlich auch ins Museum, weil er einfach tolle Bilder hat.
Florian Bayer: Von Tarsem Singen, ja. Schöner Film. Den fand ich auch inhaltlich sehr stark. Der gehört ins Kino.
Johannes Franke: Aber ich glaube, du würdest auch sagen, French Dispatch gehört ins Kino. Ja, natürlich, genau. Deswegen, also, ja. Schön. Oh, wir haben eine schöne Top 3 zusammenbekommen. Ja, tolle Top 3. Cool. Das war unsere Top 3. Dann gehen wir zurück in unseren Film. Ja. Und mir fällt auf, wir haben gar nicht so richtig darüber geredet, was nur auf der inhaltlich-erzählerischen Ebene passiert. Ja, was passiert auf der inhaltlichen Ebene.
Florian Bayer: Ja, wir haben eigentlich so ein Rap-Up über Loveless Leben, aber auch nicht so wirklich, weil alles wird nur so angeteasert.
Johannes Franke: Ihre Affäre mit ihrem Mathematiklehrer, ihre Ehe, ihre Leidenschaft zu Hafe spielen, ihre Leidenschaft zum Pferdewetten, wo sie ganz viel Geld verloren hat.
Florian Bayer: Ja, der Zorn über Babbage, der sie nicht so hundert Prozent versteht. Genau.
Johannes Franke: Und sie sagt eigentlich, sie denkt viel weiter als er. Ja. Das wird alles so angeteasert und man muss ganz, ganz viel einfach nachlesen dann am Ende. Genau.
Florian Bayer: Dieser Film funktioniert deutlich besser, wenn du die Biografie von Ada Loveless vor dir liegen hast, weil es sind eben nur Impressionen. Mhm. Und wenn Amy von ihr wünscht, sie sagt ja, tell me what you remember most. Das stimmt. Und zeigt mir, wie dein Leben aussieht. Ja. Und es gibt sehr viel Sex.
Johannes Franke: Das ist, damit fängt das Ding an und ich denke die ganze Zeit, oh Bubis, okay, die ganze Zeit?
Florian Bayer: Das gibt die Eröffnungssequenz schon vor, dass Sex eine sehr große Rolle spielt.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber auch immer so ein bisschen verknüpft mit sowas Transzendentalem. Also Sex scheint irgendwie in diesem Film immer so dieses metaphysische Element mit sich zu bringen. Ich meine, im großen Finale ist dann ja auch ihre Tochter, also es ist einfach mal das Ergebnis, es ist wieder Ada Loveless. Also das Ergebnis der Fortpflanzung ist eben auch tatsächlich so eine Transzendenz von der früheren Zeit in unsere Zeit. Ja. Aber auch darüber hinaus sehen wir halt, sie reden über Infinity und kurz darauf gibt es eine Sexszene. Ja. Also so eine ganz klare Verknüpfung davon. Genau. Und ich glaube, der Film will auch zumindest so eine ästhetische Erotik transportieren.
Johannes Franke: Ja, wie gut das gelingt, weiß ich nicht. Ja, es ist halt so 90er Jahre Soft-Erosik. Ja, das ist es vielleicht, ja, genau. Wie es geschrieben ist, ist halt so, sie hat einen Freund, wie Ada Loveless auch, einen Mann hat, der manchmal sehr kritisch über ihre Schulter guckt und auch so ein bisschen genervt ist von ihren Dingen, die sie so anstellt, die sie so macht. Und so dieses, ich glaube, null Chemie miteinander.
Florian Bayer: Ja, das ist echt. Das ist ganz schrecklich. Ich fand, die Szenen zwischen den beiden haben so steif gewirkt.
Johannes Franke: Ja. Und eigentlich geht es die ganze Zeit nur darum, dass sie in verschiedenen Szenen zeigen will, dass unsere Hauptfigur obsessed ist mit ihrer Arbeit und mit Ada Loveless. Und dass sie ihren Sex unterbricht dafür und dass der Typ dann irgendwie, ja, in Verzweiflung eigentlich auch gerät, weil sie nichts anderes mehr tut. Und dann versucht er auch, sie hier und da zu unterstützen, aber dann eben auch dazwischen funkt und reinpfuscht. Ja. Und ich denke die ganze Zeit, ach, lass es einfach weg, erzähl mir das gar nicht erst, sondern ...
Florian Bayer: Diese narrative Ebene, die geht auch so ein bisschen verloren, ne? Ja. Weil du bist die ganze Zeit mit den Bildern konfrontiert und die Bilder sind halt so, also zum einen diese Photoshop-Ästhetik. Ja, genau. In 90er Photoshop-Ästhetik, dieser Pixel-Look, dann diese Cyberspace-Reminiscenzen, wenn wir einfach mal so einen Raum sehen, der mit grünen Linien aufgemacht wird, mit diesem grünen Raster. Und dann steht da irgendwie sowas wie Save Me. Ja, genau. Und ein Pixel-Hund läuft durchs Bild. Es ist, es ist, ich übertreibe nicht, es ist genau das. Ada Lovelace sagt, can you save me? Und sie drückt auf Save im Programm. Und dann dieser Metallvogel, der reingeschnitten wird in das Bild und dann immer Blue Screen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Die ganze Zeit diese Blue Screens im Hintergrund, sehr lange Blenden.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Es ist schon so krass. Es ist eine Ästhetik, die für uns auch irgendwie antiquiert wirkt, weil wir zu nah dran sind. Aber das wird irgendwann wiederkommen. Genauso wie wir heute, keine Ahnung, vielleicht haben die Expressionisten von dem Impressionismus auch total kitschig und albern.
Johannes Franke: Ja. Was würdest du denn jetzt mal als Philosoph oder eben in der Verquickung mit Wissenschaft, wie wir sie heute sehen, Könntest du dir das vorstellen, dass das möglich ist, dass DNA Erinnerungen speichert? Vielleicht nicht in der Detailreiche, wie das in dem Film dargestellt wird, aber es gibt ja so Ansätze.
Florian Bayer: Ich glaube, ich kann das als Philosoph nicht beantworten, weil ich sagen würde, das ist eine Aufgabe für die Biologie. Ja. Weil alles, was darüber hinausgeht, geht dann in den metaphysischen Bereich. Und ich glaube, es ist ziemlich Bullshit-Seins.
Johannes Franke: Ich fand das so faszinierend und so geil damals als 19-Jähriger. Und ich war so, oh mein Gott, okay. Und jetzt werden wir, oh, aber die Zukunft wird großartig.
Florian Bayer: Also ich bewege mich jetzt auf dünnes Eis, weil ich einfach, keine Ahnung, kein Biologe bin. Ja. Wir wissen, dass DNA sich verändert. Genau. Und dass DNA Informationen speichert. Aber wenn wir von Informationen reden, die in DNA gespeichert sind, ist nicht das gemeint, was wir als Informationen in unserem Alltagsempfinden entwickeln. Das ist es halt. Das Bewusstsein ist die, also wie gesagt, ich bewege mich auf sehr dünnem Eis. Deswegen, falls jemand von euch sich in Biologie auskennt, ihr dürft gerne wütende Mails gleich schicken. Bewusstsein ist letzten Endes ja das Zusammenspiel von Nervenzellen und das, was in dieser Dynamik passiert, wenn Nervenzellen Informationen ans Gehirn senden und das Gehirn Informationen zurücksendet. Das heißt, es ist diese Dynamik, das, was wir eigentlich lebendes Bewusstsein von uns nennen. Und wenn du tot bist, wenn dein Gehirn stirbt, existieren diese Informationen nicht mehr. Und du kannst, glaube ich, nicht ein Gehirn an irgendeine Maschine anschließen und dann nochmal ein Bild rausholen, wenn da keine, wenn diese elektrischen Impulse nicht mehr da sind. Dann diese Gehirnströmungen und so weiter, wenn die nicht mehr da sind, dann kannst du nichts da rausholen. Dann ist das Bewusstsein tot.
Johannes Franke: Ja. Tut mir leid. Sie sagt es ja noch krasser. Sie sagt ja, sie holt es aus der DNA raus, also aus irgendeinem Teil ihres Körpers. Genau, genau. Naja.
Florian Bayer: Ich glaube, es ist ein ziemlicher Bullshit-Seins, aber es ist natürlich ein spannendes Gedankenexperiment. Und der Film ist keine wissenschaftliche Arbeit.
Johannes Franke: Richtig. Ach, ja. Der Film ist eine Meditation über die Themen, die sie abspricht. Und das finde ich schon am Ende sehr intriguing und interessant, wenn der Film ein bisschen besser erzählt wäre. Hast du noch irgendein Fazit?
Florian Bayer: Mein Fazit wäre, er ist auf einer visuellen Ebene faszinierend. Und ich glaube, dass wir gerade zu nah dran sind, um das schätzen zu können. Und auch auf einer gedanklichen Ebene ist er sehr spannend und wir sind auch zu nah dran, um das schätzen zu können. Und so wie wir heute als Steam, zum Beispiel Steampunk cool finden und uns vorstellen und uns in fantastischen Welten Geräte vorstellen, die nur mit Dampf funktionieren, kann ich mir vorstellen, dass es in 50 Jahren vielleicht so eine Art kulturelle Cyberpunk-Renaissance gibt. Und die Leute sich quasi so eine Art Retro-Science-Fiction auf die 90er drauffropfen und sagen, hey, wir vermischen das alles, was in dieser Zeit stattgefunden hat, in dem Cybers-Zeitalter. Wo alles so ein bisschen naiver war und alles ein bisschen schöner war, als es heute ist. Ja, ja, genau. Und der Film könnte dann wieder entdeckt werden. Ich glaube, es ist ein Film, der es verdient, in Erinnerung gehalten zu werden. Und es ist ein Film, bei dem ich befürchte, dass er in Vergessenheit geraten wird.
Johannes Franke: Ja, ist er ja quasi irgendwie. Ja. Dass ich den jetzt erinnere und dass mir das mal glücklicherweise jemand empfohlen hat. Naja.
Florian Bayer: Er hat zwei Fortsetzungen, Geschwister im Geiste nach sich gezogen. Strange Culture aus dem Jahr 2007 und Technolust aus dem Jahr 2002. Also beide auch von Hirschman-Leason. Ja, und auch mit Tilda Swinton. Auch mit Tilda Swinton, genau. Und die sich auch eben mit den Themen, also ich meine Technolust sagt schon ziemlich alles, die sich auch mit den Themen Technik und Biologie und Metaphysik auseinandersetzen. Strange Culture offensichtlich über Steve Kurtz, ein Künstler aus New York. Aber vielleicht auch nochmal sehenswert. Und Technolust dann über eine Wissenschaftlerin, die Rosetta Stone heißt. Und mit DNS und mit Klonen experimentiert. Also das Thema Biologie war wohl offensichtlich ziemlich stark bei Hirschman-Leason. Und sie hat sich in der Zeit wohl sehr viel damit auseinandergesetzt.
Johannes Franke: Spannend. Also schaut euch das an und schaut euch gerne auch die anderen Sachen von Hirschman an, weil das natürlich eine Welt eröffnet. Und wenn man sich so ein Leben lang damit beschäftigt, die Frau ist jetzt 80 und hat immer wieder die gleichen Themen bearbeitet, dann ist es bestimmt spannend zu sehen, wie auch die Entwicklung von diesem Film dann in spätere Werke ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und insofern finde ich es sehr spannend. Und wenn ihr irgendwelche Erkenntnisse in der Richtung habt, schreibt uns gerne. Wir treten auch gerne in Kommunikation und haben neue Erkenntnisse und neue Ideen und so.
Florian Bayer: Ja, ich bin total froh, dass du mir gezeigt hast, weil wie gesagt, das ist einfach allein dadurch, dass es schon so eine Obskurität ist. Ja. Und dass wir Timothy Leary da drin haben, dass wir Tilda Swinton da drin haben, dass der aus dem Jahr 1997 ist und wirklich einmal so diesen ganzen Cyber-Space-Virtual-Reality-Pulk nimmt und da irgendwie reinpackt und total ambitioniert und ein bisschen albern, ein bisschen trashig. Toll, großartig.
Johannes Franke: Schön. Ach, freut mich. Vielen Dank, dass du den angeschaut hast. Und vielen Dank euch da draußen, dass ihr zugehört habt. Und schickt uns, wie gesagt, gerne immer Mails mit Hinweisen oder mit Wünschen, falls ihr bestimmten Filmen besprochen wissen wollt. Und wenn ihr wissen wollt, was als nächstes drankommt, dann bleibt noch einen Moment dran, dann erzählt mir Plor, was er mir das nächste Mal antut. Das werde ich. Bis dann. Bis dann. Ciao. So, Plor.
Florian Bayer: So. Was willst du mir antun, ja? Nachdem wir so was Experimentelles hatten, was so ein Bilderrausch war, der sehr ein Kind seiner Zeit ist, will ich dir nochmal einen Bilderrausch geben, der sehr ein Kind seiner Zeit ist, aber kein Experimentalfilm, sondern ein erzählter Film. Okay, okay. Ja, aber ich bin total gespannt, was du davon hältst. Das heißt, Excalibur aus dem Jahr 1981, Moment, ich muss einmal nochmal schauen, ob ich richtig bin, ja, 1981 von John Borman. Kenn ich den, kenn ich den nicht, ich weiß es nicht. Eine große, epische Umsetzung der Arthussage, ich habe ihn sehr gut in Erinnerung, also ich habe ihn geliebt als Jugendlicher. Es kann sein, dass er mir mittlerweile alberna und kitschiger vorkommt, weil er ist halt so voll Sword and Sorcery Pathos. Die Ritter reiten zu Camina Burana in die Schlacht. Okay, gut. Okay, okay. Ich mache mich auf Pathos gefasst. Ja, das kannst du auf jeden Fall. Na gut, okay, dann gucken wir Excalibur. Ich bin gespannt. Wir werden über König Arthus reden, über die klassische Arthus-Legende und über 80er Jahre Fantasy.
Johannes Franke: Oh, das ist auch ein großes Feld. Oh ja. Gut, okay, na dann schaut ihn euch an und dann hören wir uns nächste Woche wieder, wenn wir Excalibur auseinandernehmen. Bis dann. Bis dahin. Ciao. Ciao.
