Episode 13: Much Ado About Nothing, The Fall
Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Frei nach diesem Prinzip wenden wir in unserer dreizehnten Episode ein wenig vom klassischen Film ab und wenden uns dessen geistigen Ahnen zu, den Brettern, die die Welt bedeuten. Die Shakespeare-Komödie Much Ado About Nothing erhielt im Jahr 2011 im Wyndham’s Theatre in London von Josie Rourke eine denkwürdige Aufführung, die für die Nachwelt Gott sei Dank auf Film festgehalten wurde. Abgefilmtes Theater, höchst professionell inszeniert, aber dennoch mit spürbaren Unterschieden zu unseren sonstigen cineastischen Erlebnissen. Dass dies keineswegs ein Nachteil sein muss, kommt nicht nur in unserem Gespräch zum Tragen, sondern wird auch in der dazu passenden Top 3 „Film trifft Theater“ mehr als deutlich. Ganz anders dagegen funktioniert das Fantasyepos The Fall von Tarsem Singh aus dem Jahr 2006. Die Ode ans Geschichtenerzählen fährt alles auf, was das Medium Film zu bieten hat, vielleicht sogar zu viel des Guten. In der dazu gehörigen Topliste beschäftigen wir uns mit den spannendsten Kind/Erwachsenen-Duos der Filmgeschichte, bei der wir sogar überraschend konsensuell unterwegs sind.
Much Ado About Nothing [William Shakespeare, Regie: Josie Rourke]
(GB 1599/2011)
Wir schreiben das Jahr 1599. Genauer gesagt: Shakespeare schreibt das Jahr 1599 und zwar unter die gerade fertiggestellte Komödie „much ado about nothing“. Shakespearetypisch dreht es sich um intrigen, Liebende die um ihre Liebe Kämpfen und deren Antagonisten, die dagegen arbeiten. Oder, wie in der spannenden Variante des zweiten Pärchens: Antagonisten, die sich um die Liebe der Protagonisten bemühen, während diese davon überzeugt sind, dass sie einander hassen.
Gerade dieser Nebenplot, macht für mich das Stück besonders sehenswert. Insbesondere aber auch wegen ihrer grandiosen Schauspieler, allen voran David Tennant und Catherine Tate, in der Inszenierung des Wyndham’s Theatre in London, im Jahre 2011 unter der Regie von Josie Rourke.
Das Stück kann man einfach bei Youtube finden. Einfach „much ado about nothing“ und „Catherine Tate“ oder „David Tennant“ eingeben. (ok, ok, hier ist der LINK) Und wer dann erschrocken feststellt, dass seine oder Ihre Englischkenntnisse nicht ausreichen, um Shakespeare zu verstehen und mir schon Kultursnobismus vorwerfen will, dessen Atem sei gespart, ich versteh auch nur die Hälfte der Worte. I Shit you not! Wer Shakespeare emotional nicht versteht, war in einer schlechten Inszenierung. Punkt. Danke, Plor, dass du dich darauf eingelassen hast, einen Ausflug ins Theater zu unternehmen.
Und jetzt wüsste ich gern, ob sich der Ausflug für dich gelohnt hat, oder ob du in Zukunft nicht mehr am all inclusive Sommertrip für Senioren teilnehmen möchtest.
The Fall [Tarsem Singh]
(USA 2006)
The Fall von Tarsem Singh aus dem Jahr 2006 gehört ein wenig zu den vergessenen Fantasyperlen der frühen 2000er Jahre. Von der Kritik wurde ihm damals vorgeworfen zu eskapistisch, zu sehr auf visuelle Reize aus zu sein, und in den folgenden Jahren wurde kaum noch über ihn geredet, nicht zuletzt auch weil Singh als Regisseur nicht mehr groß in Erscheinung getreten ist. Dabei gehört The Fall zu den schönsten Vertretern einer filmischen Gattung, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren immer wieder durch herausragende Produktionen aufgefallen ist: Das Loblied auf die kindliche Fantasie in einer Geschichte, die sich tendenziell eher an Erwachsene richtet.
Für den düsteren, erwachsenen Ton sorgt in diesem Fall der Protagonist Roy, ein Stuntman, der nach einem schweren Unfall am Set und dem Verlust seiner Freundin in einem Krankenhaus im Kalifornien der 1920er Jahre dahin vegetiert. Er hat jede Hoffnung und jeden Lebensmut verloren und will sich mit einer Überdosis Morphium das Leben nehmen. Um an dieses zu gelangen will er eine Mitpatientin, die 5jährige Alexandria, ein Kind rumänischer Einwanderer, das sich bei der Arbeit auf einer Orangenplantage den Arm gebrochen hat, ausnutzen. Sie soll ihm die weggschlossenen Medikamente für seinen Freitod beschaffen. Um sie auf seine Seite zu ziehen, beginnt er, ihr eine eklektische Geschichte von fünf Abenteurern zu erzählen, die unterwegs sind um den tyrannischen Gouverneur Odius zu stürzen. The Fall bleibt allerdings nicht bei der Erzählung von Roy stehen. Alexandria beginnt sich in die Geschichte einzumischen, um deren Brutalität und Düsternis – verursacht durch Roys Depressionen – aufzubrechen. Es entspinnt sich ein faszinierender Zweikampf zwischen dem naiven Kind und dem lebensmüden Stuntman um die narrative Hoheit in dem entworfenen Märchen. Das alles inszeniert in visuell beeindruckenden, pittoresken und opulenten Bildern.
Sind diese so dominant, dass Plot und Subtext verloren gehen? Oder steckt in diesem Film doch mehr als ein bloßer Bilderreigen eines in seinen Fantastereien Amok laufenden Werbefilmers? Was denkst du Johannes?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 13: Much Ado About Nothing, The Fall Publishing Date: 2021-03-31T19:29:41+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/03/31/episode-13-much-ado-about-nothing-the-fall/
Florian Bayer: Johannes, du glaubst wirklich, die Welt braucht einen weiteren Podcast?
Johannes Franke: Nein, eigentlich nicht, aber ich...
Florian Bayer: Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können.
Johannes Franke: Wie wäre es mit Filmen? Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee.
Florian Bayer: Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme.
Johannes Franke: Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde und du zeigst mir Filme, die du geil findest.
Florian Bayer: Das heißt so Musicals aus den 50ern?
Johannes Franke: Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme?
Florian Bayer: Mit russischen Untertiteln. Von mir, für dich.
Johannes Franke: Oh Gott, okay.
Florian Bayer: Aber du weißt, dass das für eine Menge Streit sorgen kann.
Johannes Franke: Definitiv. Das wird lustig. Herzlich willkommen, Plor, endlich wieder. Eine Woche ist vorbei und wir reden wieder über Filme. Sehr schön.
Florian Bayer: Über Filme?
Johannes Franke: Über Filme? Fragezeichen? Okay, okay, ich habe mich ein bisschen... bisschen weiter aus dem Fenster gelehnt, als wir das eigentlich wollten hier im Podcast. Wir wollten ja über Filme reden, aber ich habe eine... so wundervolle Inszenierung von Much It Do But Nothing von Shakespeare, die ich dir einfach aufs Auge drücken musste.
Florian Bayer: Ja, die Regeln, die Regeln.
Johannes Franke: Ich bin gespannt, ob du mal irgendwann mich so richtig außerhalb triffst.
Florian Bayer: Ja, wozu Regeln, wenn man sie nicht ordentlich brechen kann. Richtig. Ich bin schon die ganze Zeit überlegen, wie ich mich rächen könnte. Vielleicht mit so einem YouTube-Video. Einem Influencer-Clip auf Instagram. Ein Werbespot habe ich das letzte Mal vorgeschlagen. Oder ein Musikvideo. Mal schauen. Irgendwas wird mir einfallen. Aber total okay. Also ich meine, abgefilmte Theaterstücke. Es ist spannend und darüber kann man auch reden.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es ist ja auch nicht einfach nur ein ... Totale auf die Bühne und das war es dann. Richtig. Und das ist filmig inszeniert.
Johannes Franke: Genau, genau. Ich würde gerne an dieser Stelle einmal Marie danken. Marie hat damals... Für mich Shakespeare so, weiß nicht, meine Liebe zu Shakespeare geweckt. Das hatte ich vorher so gar nicht, aber dann habe ich Marie kennengelernt und es war... So ein Aha-Moment, als wir zusammen im Globe standen und uns Shakespeare angeschaut haben, live. Und einfach, ja, weiß nicht, da irgendwie eine Welt, die mir vorher echt verborgen geblieben ist, entdeckt. Wollen wir noch kurz klären, was du für mich hast diese Woche?
Florian Bayer: Einen Film. Einen Film. Der alles das macht, was das Medium machen kann. The Fall von Tarsem Singh aus dem Jahr 2006.
Johannes Franke: Der wirklich alles macht, was das ein bisschen viel macht. Aber egal.
Florian Bayer: Aber wir fangen an mit dem Theater.
Johannes Franke: Okay, na gut, dann fangen wir mit dem Theater an. Wollen wir noch ganz kurz klären, was wir überhaupt, wir reden so selten darüber, was unser Konzept eigentlich ist.
Florian Bayer: Wir reden, glaube ich, jede zweite Folge drüber, aber gerne.
Johannes Franke: Und ich habe auch das Gefühl, dass auch keiner mehr weiß, wer du eigentlich bist und wer ich eigentlich bin. Ich bin Johannes Franke, ich bin Schauspieler und Filmliebhaber. Und ich rede gerne mit Flo über Filme und wir haben uns irgendwann gedacht, wir können entweder im Garten rumlaufen und darüber reden oder uns einfach vor das Mikro setzen und reden.
Florian Bayer: Was angenehmer ist, als es auf den ersten Blick klingt.
Johannes Franke: Stimmt, ja. Ich habe nicht damit gerechnet.
Florian Bayer: Ich auch nicht, tatsächlich. Wer bist du?
Johannes Franke: Möchtest du dich nochmal kurz vorstellen?
Florian Bayer: Ich bin Florian bzw. Ploa, wie mich Johannes in 99% der Fälle nennt. Eher 100%. Und ich bin WebTV-Produzent und ich liebe auch Filme. Und ich liebe es, über Filme zu reden. Und ich liebe es vor allem, mit Johannes über Filme zu streiten.
Johannes Franke: Weil wir nicht immer der gleichen Meinung sind.
Florian Bayer: Und hoffentlich streiten wir heute auch ein bisschen. Mal schauen.
Johannes Franke: Ich glaube schon.
Florian Bayer: Mal sehen, wie kampfeslustig ich bin.
Johannes Franke: Oh, ja deine Woche war ein bisschen wirr, hast du erzählt.
Florian Bayer: Ach ja, wuselig.
Johannes Franke: Wuselig, das heißt, deine Kraft hast du schon verloren eigentlich die Woche über.
Florian Bayer: Let out some steam, Schwarzenegger sagen würde.
Johannes Franke: Ja, okay.
Florian Bayer: I will destroy you! Wenn ihr wissen wollt, was es damit auf sich hat, dann müsst ihr die letzte Folge hören. Da reden wir nämlich über Kommando mit Schwarzenegger.
Johannes Franke: Das war so schrecklich. Nein, es war nicht. Es war einfach wirklich sehr, sehr weird.
Florian Bayer: Aber diesmal sind wir nicht bei den großen amerikanischen Action-Kloppern, sondern bei den würdevollen Briten.
Johannes Franke: Wir sind bei Hochkultur.
Florian Bayer: Ja, und bei den würdevollsten Briten überhaupt, William Shakespeare.
Johannes Franke: Willst du William Shakespeare wirklich als würdevollsten Briten einstufen?
Florian Bayer: Ich weiß nicht, man könnte mal eine Umfrage machen, aber ich denke, er würde in den Top Ten landen.
Johannes Franke: Ich glaube, darüber müssen wir sehr ausführlich reden, sobald wir in der Inszenierung drin sind. Ich mache mal kurz das Intro, lese mal ein bisschen vor, was ich dazu geschrieben habe und dann kommen wir langsam rein.
Florian Bayer: Leg los.
Johannes Franke: Wir schreiben das Jahr 1599. Genauer gesagt, Shakespeare. Shakespeare schreibt das Jahr 1599 und zwar unter die gerade fertiggestellte Komödie Much Ado About Nothing. Shakespeare-typisch dreht es sich um Intrigen, Liebende, die um ihre Liebe kämpfen und deren Antagonisten, die dagegen arbeiten. Oder wie in der spannende Mariante des zweiten Pärchens, Antagonisten, die sich um die Liebe der Protagonisten bemühen, während diese davon überzeugt sind, dass sie einander hassen. Gerade dieser Nebenplot macht für mich das Stück besonders sehenswert. Insbesondere aber auch wegen ihrer grandiosen Schauspieler. Allen voran David Tennant und Catherine Tate. in der Inszenierung des Wyndham Theatre in London im Jahre 2011 unter der Regie von Josie Roque. Das Stück kann man einfach auf YouTube finden. Einfach Much A Do But Nothing und David Tennant eingeben. Oder Catherine Tate. Und wer dann erschrocken feststellt, dass seine oder ihre Englischkenntnisse nicht ausreichen, um Shakespeare zu verstehen, und mir schon Kultursnobismus vorwerfen will, dessen Atem sei gespart. Ich verstehe auch nur die Hälfte der Worte. I shit you not. Wer Shakespeare emotional nicht versteht, der war in einer schlechten Inszenierung. Punkt. Danke, Flor, dass du dich darauf eingelassen hast, einen Ausflug ins Theater zu unternehmen. Und jetzt wüsste ich gern, ob sich der Ausflug für dich gelohnt hat oder ob du in Zukunft nicht mehr am All-Inclusive-Sommertrip für Senioren teilnehmen möchtest.
Florian Bayer: Das ist so schrecklich. Tatsächlich hat mir die Inszenierung die wirklich Spaß gemacht hat, gezeigt, wie sehr ich Theater gerade vermisse. Und es ist nicht nur so ein Covid-Ding, weil ich war auch vor dem Lockdown, weil ich... Lange nicht mehr so, gerade in so klassischen Shakespeare-Aufführungen. Ich war mit meinem Kind viel im Kindertheater.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber so klassisches, erwachsenes Theater ist ein bisschen hinten übergefallen. Und die ganze Zeit, während ich das geguckt habe, dachte ich, Ach ja, das fehlt. Das ist wirklich schade. Ich muss wieder öfter ins Theater gehen.
Johannes Franke: Ja, und jetzt ist halt gerade überhaupt nicht die Zeit dafür. Corona verbietet es und wir merken alle schmerzlich, wie sehr wir es vermissen. Es ist wirklich traurig, wenn man ein Jahr lang ohne Theater auskommen muss. Das ist... Nur für mich als Schauspieler nochmal eine andere Perspektive auf die Sache, aber als Zuschauer eben auch. Es ist furchtbar einfach.
Florian Bayer: Auch generell Live-Veranstaltungen. Und es ist natürlich so... Und ich habe mich vorhin ein bisschen weiter aus dem Fenster gelehnt, als ich gesagt habe, es ist sehr filmig. Es ist natürlich ein abgefilmtes Theaterstück und man sieht das die ganze Zeit. Aber das macht den Schmerz umso stärker. Das fehlt mir einfach. Und auch Publikumsreaktionen zu hören, als Teil des Publikums zu fühlen. Übrigens... Um kurz über das Technische drüber zu bürsten, da haben die wirklich eine gute Arbeit gemacht. Es ist gut abgemischt.
Johannes Franke: Toll, oder?
Florian Bayer: Das Publikum ist hörbar. gut hörbar, aber nicht störend. Es gibt ein, zwei Szenen, wo sie so ein bisschen krass drüber lachen. Das ist aber auch der Inszenierung verschuldet, weil sie in ein, zwei Szenen sehr stark auf Slapstick-Humor setzt. Und es gab Momente, also du hast es bereits gesagt, ich verstehe bei Shakespeare auch nur die Hälfte. Ich hatte auch die Untertitel an, die automatisch generiert wurden. Ja, genau, ich auch. Und hab mich dann da so ein bisschen durchgehalten. Ja. Und es gibt ein, zwei Szenen, wo das Publikum dann einfach wirklich so laut wird und so ausrastet, dass man ... auf der auditiven Ebene nichts versteht. Es geht nicht nur mir so, sondern wahrscheinlich sogar ... Native Speakers aus Großbritannien.
Johannes Franke: Ja, das ist halt das Ding. Es ist halt nicht nur Englisch, sondern es ist auch nur Shakespeare. Das heißt... Selbst die Native Speaker in England sind ja nicht daran gewöhnt, an diesen... An dieser Art und Weise zu sprechen und viele sprachliche Bilder sagen ja auch als Native Speaker nichts. Überhaupt, genau. Woher? Wenn du dich nicht damit wahnsinnig viel beschäftigst. Und Shakespeare scheint ja jetzt gerade, und das lese ich immer wieder, gerade in Amerika, aber auch in England, so ein bisschen zu verschwinden aus dem Lehrplan. Also nicht gänzlich, aber die Wichtigkeit, die es mal hatte ... Scheint es gerade so ein kleines bisschen zu verlieren und es gibt immer wieder Artikel darüber, so Appelle von... Schauspielern, von Regisseuren und so weiter, die sagen, wir müssen wieder mehr Shakespeare reinbringen.
Florian Bayer: Shakespeare ist ja so ein bisschen für die Briten das, was für uns Goethe ist. Ja, Viele Schüler werden auf Shakespeare schimpfen, einfach weil sie wahrscheinlich viel zu früh da durchgequält werden, ohne den Spaß... den es auch in Shakespeare zu finden gibt, wirklich zu verstehen. Und dann wird das schnell zu so einer Fingerübung, dass man Textstellen interpretiert und Wortspiele interpretiert. und fast so ein Vokabelheft führt. Was hat er damit gemeint? Was hat er damit gemeint? Und das ist auch... Es ist auch tatsächlich schwierig. Wie man mit literarischen Klassikern umgeht, ist eine spannende Frage, denke ich, weil ... Ich weiß nicht, ob Shakespeare das Beste ist, um einem Neulernenden die Schönheit der englischen Sprache deutlich zu machen. Oder ob das nicht eher was ist für den Fortgeschrittenen, der sich schon ein bisschen damit auseinandergesetzt hat und einfach eine gewisse Grundkenntnis mitbringt.
Johannes Franke: Ich glaube, dass man bei einer guten Inszenierung, das habe ich ja im Intro auch schon geschrieben, bei einer guten Inszenierung Ist das Level deiner Englischkenntnisse eigentlich egal? Du kannst mit jedem Level, verstehst du natürlich nicht alles und bei weitem, du kannst die Geschichte vielleicht, wenn du ganz schlecht im Englischen bist, gar nicht wirklich folgen. Aber bei einer guten Inszenierung kommst du mit jedem emotional mit, weil Shakespeare das hinkriegt, weil Shakespeare das irgendwie alles so anlegt. Man muss sich nur draufsetzen als Regisseur.
Florian Bayer: Die Frage ist, was ist eine gute Inszenierung? Es gibt natürlich die Möglichkeit, und das macht dieses Stück auch, Nicht nur den Wortwitz hervorzuheben, sondern auch Situationskomik und auch das Emotionale. Und die Snobs und Literaturgummis werden dann natürlich sagen, naja, naja, naja, die haben aus Shakespeare eine Lachnummer gemacht. Shakespeare ist ein Komödiant, natürlich. Also gerade in dem Stück auch.
Johannes Franke: Shakespeare ist Volkstheater.
Florian Bayer: Aber man kann durchaus sagen, ja. Man kann Shakespeare auch zu sehr vulgarisieren. Dann ist es ziemlich enttäuschend für Leute. Der Hochkultur frönen.
Johannes Franke: Ja, aber da muss ich dann bei Kultursnobismus einmal einhaken. Das finde ich ganz schrecklich. Shakespeare ist eben nicht das, was immer alle glauben, dieses hochtrabende und schwülstige Intellektualisierte. Das ist Shakespeare nicht, also nicht gänzlich. Shakespeare hat das auch Shakespeare hat das vor allem in seinen Tragödien mehr, dass er mehr in dieses Philosophische und in dieses... Wie das eben auch bei Tragödien ist, du hast ernstere Themen und du sprichst da ganz anders die Themen an. Aber die Komödien von Shakespeare sind Volkstheater und das Publikum, was damals vor der Bühne gestanden hat und sich das angeschaut hat. Die haben keinen großen intellektuellen Hintergrund gehabt. Ja. Woher auch? Und dafür muss Shakespeare ja geschrieben haben.
Florian Bayer: Was es bei Shakespeare natürlich gibt ... ist das radikale Primat des gesprochenen Wortes. Shakespeare ist kein Dramatiker, der viele... Bühnenanweisungen gibt, der viele Schauspielanweisungen gibt, viel Bewegung macht, viel Raum erklärt, sondern bei Shakespeare steht das Wort. Und der Rest ist dann tatsächlich auch der Inszenierung überlassen. Und dann ist die Frage, wie man Shakespeare inszenieren will. Will man ihn so inszenieren, dass man sagt, ich bin am Urstoff ... am nächsten dran, wenn ich wirklich versuche, das so radikal minimalistisch wie möglich zu machen. Ich denke an so eine Hamlet-Aufführung, die ich mal im Berliner Ensemble gesehen habe, wo die Bühne kein dreidimensionaler Raum war, sondern wo sie wirklich nur die Rampe vorne hatten. Und dahinter Plain White, wenn ich mich recht erinnere. Die Schauspieler auch nicht kostümiert und dann haben die sich auf dieser zweidimensionalen Ebene bewegt. Und es war wirklich so, es gab keine große Bewegung im Raum.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ist was, was man machen kann, wenn man sagt, ich nehme Shakespeare's Text radikal ernst. Da steht nicht viel drin, dass die jetzt an der Lampe hängen soll oder er mit Farbe beschmiert wird. Also mache ich das so. Das gibt es alles nicht bei Shakespeare. Bei Shakespeare steht komplett das Wort im Mittelpunkt und ich will nicht von dem Wort ablenken.
Johannes Franke: Ich glaube aber, dass das, was Shakespeare da macht, auch dem geschuldet ist, dass er es ja alles selbst inszeniert hat. Also er hat das Stück ja nicht geschrieben, um es anderen Regisseuren in die Hand zu geben und zu sagen, guck mal, und da steht, hab ich jetzt noch reingeschrieben, wie er das machen sollt. Der hat genau gewusst, was er machen will. Und es kommt einem auch komisch vor, wenn man in einem Stück nun genau reinschreibt und alles erklärt und dann auch noch reinschreibt. Jetzt fühlt der das und der das. Nein, es steht alles im Text. Du musst den Text entsprechend interpretieren. Und dann kannst du natürlich Freiheiten haben, wie du es machen willst. Und wenn du es minimalistisch machen willst, finde ich auch spannend, muss ich schon sagen. Funktioniert wahrscheinlich eher mit Hamlet als mit Machado But Nothing. Mit Sicherheit. Naja.
Florian Bayer: Das ist dann die zweite Ebene. Und das ist tatsächlich auch die, zu der ich eher tendiere, zu sagen, er hat so wenig Anweisungen gegeben, wenn ich den Shakespeare-Text ernst nehmen will ... dann ist der Kern davon eigentlich, mach damit, was du möchtest. Bleib am Text dran. Mhm. Aber inszeniere selbst und finde deinen eigenen Inszenierungsstil. Und was du mit deinen Kostümen machst und was du mit deinen Kulissen machst, das ist komplett dir überlassen. Und diese Inszenierung... Geht definitiv in diese Richtung, dass er sagt, ich habe hier den Text liegen und jetzt schauen wir mal, was wir mit den Kostümen machen können und wie wir das Set aufbauen. wie wir diese Farce inszenieren, wie wir dieses Intrigenspiel inszenieren. Und das macht sie auch wirklich schön. Also die Kostüme sind toll.
Johannes Franke: Ich finde es großartig. Soll ich erstmal die Story einmal, dass wir einmal die Story rundum, dass jeder sich vorstellen kann, worum wir uns hier bewegen, worum wir kreisen. Es gibt eine A-Story und eine B-Story. Das ist ziemlich typisch für Shakespeare und auch allgemein damals und auch heute viel noch Komödien. Es gibt eine Hauptstory und eine B-Story. Die Hauptstory ist relativ simpel. Typisch Shakespeare, es kommen zwei Menschen zusammen, ein Soldat in diesem Fall kommt nach Messina zurück, das ist in Italien. Und Hiro, die Tochter des Gouverneurs, verliebt sich in Claudio.
Florian Bayer: Genau. Der große, heldenhafte Soldat.
Johannes Franke: Der zurückkehrt.
Florian Bayer: Der auch ganz toll in der Schlacht gekämpft hat und den alle lieben. Er ist der Star.
Johannes Franke: Er ist der Star. Und die sind so beide im heiratsfähigen Alter. Also ich nehme an, dass die irgendwie eigentlich so 20 sein sollen höchstens.
Florian Bayer: Ja, bei Shakespeare ist man mit 14 immer tatsächlich.
Johannes Franke: Ja, ist richtig, aber sie waren im Krieg, also nehme ich an, dass sie ein bisschen älter. Also 16, 17, 18, vielleicht höchstens 20. Würde ich sagen.
Florian Bayer: Ich muss gerade kurz an die tolle Zusammenfassung von Romeo und Julia denken, die ich vor kurzem gelesen habe. Romeo und Julia dreht sich darum, dass ein 17-Jähriger eine 14-Jährige verführt und 60 Leute sterben.
Johannes Franke: Geil. Okay. Nein, wir sind aber bei diesen, wir sind bei Much No But Nothing. Also... Claudia kommt zurück aus dem Krieg. Hiro verliebt sich, Hals der Überkopf in ihn, er verliebt sich in sie. Jetzt würde man als Shakespeare normalerweise machen, die Eltern haben was dagegen, aber nein... Überhaupt. Die Eltern haben gar nichts dagegen. Nein, der Vater sagt, ja, klingt doch super. Der Kriegsheld, warum nicht? Klar, macht mal. Wer was dagegen hat, ist allerdings der Bruder, also der Halbbruder von Don... Don... Pedro. Don Pedro, der heißt Don John.
Florian Bayer: Genau, das ist der illegitime Bruder des Prinzen Don Pedro. Und der ist... Der ist einfach der Bösewicht. Er sagt es einfach knallhart heraus. Ich bin der Bösewicht. Ich habe keine großen Intentionen, ich will Chaos stiften. Übrigens ein total spannender Bösewicht. Weil der auch ein bisschen abweicht von dem klassischen Bösewicht. Er ist kein Nebenbuhler. Er hat überhaupt kein Interesse an... an Hero. Er hat kein Interesse daran zu heiraten, er hat kein Interesse an Macht und Geld. Er will einfach Chaos sehen.
Johannes Franke: Ja, und er kann seinen Bruder nicht leiden.
Florian Bayer: Er kann seinen Bruder nicht leiden und will deswegen Chaos sehen. Er will die Welt brennen sehen. Er ist eigentlich der Joker.
Johannes Franke: Er ist eigentlich der Joker. Das finde ich auch spannend. Das Problem ist, dass er innerhalb des Stücks nicht... Also innerhalb dieser Inszenierung, ich weiß nicht, wie das in anderen Inszenierungen vielleicht möglich ist, kriegt er nicht genug Fleisch, als dass ich ihm genug irgendwie... Das ist ein bisschen schade, weil mit dem Joker kann ich mitgehen. Der ist geil, der will wirklich was.
Florian Bayer: Sein Fleisch ist, dass er nicht viel redet. Er kommt, sein erster Auftritt ist, er fährt da rein und hier ist mein Bruder, sagt Don Pedro und zeigt ihn und er steht auf und sagt, ich bin ein Mann weniger Worte.
Johannes Franke: Pause. Pause, Pause, Pause.
Florian Bayer: Und dann stammelt ja irgendwas und verschwindet wieder.
Johannes Franke: Ja. Was irgendwie schön ist, ja. Aber er kriegt innerhalb des Stücks dann nicht genug zu tun, um sich da ranhängen zu können als Zuschauer, leider.
Florian Bayer: Er spinnt mehrere Intrigen. Seine erste Intrige ist, dass er ... Also dann Petro ... der Feldführer, Vorgesetzte von Claudio, sagt, hey ... Wir machen das ganz klassisch. Ich werde für dich bei Hero um Hero werben. Und ich werde als ich um sie werben. Das fand ich tatsächlich etwas merkwürdig. Was macht er da genau? Er will um sie werben?
Johannes Franke: Mhm. Also nur zur Klärung, es geht gerade um Don Pedro, nicht um Don John. Don John ist der Bösewicht, Don Pedro ist der Bruder. Don Pedro schlägt... Claudio vor, weil er so verliebt ist, für ihn auf dieser Party, um Hiro zu buhlen. Formuliert das aber irgendwie komisch. Ich werde als ich für dich buhlen. Was dann später zu dem Missverständnis führt, dass Don Jong, glaube ich ... dem Claudio sagt, na, der will die ja selber.
Florian Bayer: Genau, das ist die erste Intrige. Don John sagt zu Claudio, hey, pass auf. Ich habe mitgekriegt, dass Don Pedro in sie verliebt ist. Der benutzt das. Der will gar nicht, dass du sie am Schluss kriegst, sondern der will einfach... den ersten Schritt machen und der will dich aus dem Weg haben.
Johannes Franke: Was aber ziemlich downplayed ist in diesem Fall, weil es relativ schnell aufgeklärt wird.
Florian Bayer: Wird auch tatsächlich im Originaltext. Ich habe einmal kurz reingeguckt, wird es auch schnell aufgeklärt. Das ist eine total... absurde Intrige, einfach weil sie keine großen Folgen hat. Es gibt dieses kurze Missverständnis dadurch. Und dann wird das Missverständnis geklärt und alles ist gut. Und Claudio und Tiro werden heiraten. Das ist ausgemachte Sache. Sie sind verliebt. Und hey, ganz toll.
Johannes Franke: Sag mal, wenn wir schon dabei sind, warum zur Hölle? Traut sich Claudio nicht zu, das selbst zu machen? Was ist los mit diesem Typen?
Florian Bayer: Also dieser Claudio ist sowieso so ein komischer Typ. Ja. Der ist ein Kriegsheld. Und der sieht gut aus. Sie haben einen Schauspieler genommen, der wirklich so ein typischer Schönling ist. Tom Bateman spielt den Claudio. Und das ist einfach mal so alles, was man halt von einem Claudio erwartet. Markantes Kinn, groß.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Heldenbrust oder Lühnerbrust. Er tritt gekleidet, er ist Soldat in seiner schicken Navy-Uniform.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und ja, es gibt eigentlich keinen Grund, warum er schüchtern sein sollte. Er kommt auch nicht schüchtern rüber in dem Stück. Er ist nicht großmäulig oder so, aber er ist selbstbewusst. Und nachdem das geklärt ist, ist er auch... Er weiß, was er will, und er sagt auch, was er will, frei heraus.
Johannes Franke: Ja, meine Erklärung, und das deckt sich mit dem, was später passiert, ist eigentlich einfach nur ... Er ist nicht die hellste Leuchte im Kerzenständer. Ja. Es ist einfach erst, weiß ich nicht, so knapp über Zimmertemperatur der IQ. Vom Gefühl her.
Florian Bayer: Claudio ist so ein Abziehbild von so einem dummen Helden, der macht was, was ihm befohlen wird und der nicht wirklich nachdenkt und der halt irgendwie so... Sehr gerade heraus sein Leben gestaltet.
Johannes Franke: Ja, und dann kommt halt jemand mit einem Vorschlag um die Ecke und er denkt, äh, okay.
Florian Bayer: Okay, genau. Er glaubt auch alles. Er ist auch ein totaler Naivling. Er wird was gesagt und er glaubt es. Er hinterfragt es nicht. Und es wird ihm von Don John gesagt, der wirklich von Anfang an wie so ein Abziehbild eines Bösewichten auftritt, auch wenn er nicht viel sagt, ist ja klein gewachsen.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Dann in diesem schwarzen Anzug und irgendwie mit so einem fiesen rattigen Blick die ganze Zeit. Ja. Ja, aber wie gesagt, Gott sei Dank wird diese Intrige schnell aufgelöst, beziehungsweise nicht als Intrige, es wird einfach, niemand weiß, dass Don John dahinter steckt, sondern es wird dann einfach ... Und Tiro und Claudia sind bereit zu heiraten und deswegen muss dann schon die nächste Intrige spinnen, die deutlich fieser ist und deutlich hinterhältiger.
Johannes Franke: Er sammelt Leute zusammen, mit denen er eine Art Schattenspiel inszenieren will, nämlich ... Im Fenster von Hiro, die derweil irgendwo anders abgelenkt wird, sollen zwei Menschen miteinander ... Ja, rummachen.
Florian Bayer: Koopulieren.
Johannes Franke: Und dann will er ihn, Claudio, ans Fenster führen und ihm sagen, guck mal, Hero hat jemanden anders.
Florian Bayer: Das macht er dann auch, ne? Er sprengt den Junggesellenabend.
Johannes Franke: Die A-Story ist schon fast vorbei damit, weil irgendwann wird es halt aufgeklärt, dass das nicht stimmte. Die Gauner, die das Ganze inszeniert haben, werden gefasst und
Florian Bayer: Es kommt noch zu dieser Hochzeit. Die Hochzeit wird vorbereitet. Claudio sagt vor der Hochzeit, okay, sie hat mich betrogen. Ich werde ihr am... Altar werde ich ihr das entgegenschleudern, dieses Miststück. Slutshaming, Slutshaming, Slutshaming. Und so kommt es dann auch und sie wird ohnmächtig und er zieht davon, nachdem er seine Worte gesagt hat, nachdem sie ohnmächtig wurde, noch von ihrem Vater ordentlich verdroschen wurde, kann es nicht anders sagen. Und dann wird das Ganze, wird kurz inszeniert, als ob sie tot wäre.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und übrigens, ganz kurz dazu. Sie haben eine Striptease-Tänzerin. bei ihrem Junggesellenabschied, die ordentlich mit Claudio abgeht. Und Claudio zeigt auch keinerlei Hemmnisse und macht da einfach mal mit. Und kurz darauf hat er wirklich die Eier zu sagen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Sie ist eine Schlampe. Sie hat mit jemand anderem geschlafen.
Johannes Franke: Das ist wirklich krass, die Inszenierung, die Macht der Inszenierung. Es steht ja nicht im Text drin, dass da irgendwie eine Strip-Distance drin ist. Sondern sie haben sich da einfach einmal draufgesetzt, um diese... dieses Problem einmal zu klären.
Florian Bayer: Ja, das war wirklich gut. Also es war einfach, sie haben diese Szene Claudio mit der Striptease-Tänzerin und direkt danach den vermeintlichen Das ist ein Betrug von Hiro. Und es ist einfach toll zusammengeschritten dadurch. Weil du hast einfach ganz klar diesen Slutshaming-Moment. Und du siehst einfach diese ...
Johannes Franke: Diese Doppelmoral. Also Hiro ist natürlich völlig am Boden zerstört. Sie fällt da in Ohnmacht auf der Hochzeit. Zeit, alle glauben erst mal, dass das wird ja wohl stimmen, der wird ja nicht lügen. Wenn er das gesehen hat, hat er das gesehen. Und selbst der Vater, der sofort erstmal zur Zirade ausholt und sie verbal wirklich in Grund und Boden... nur ihre beste Freundin, die in der B-Story jetzt noch mal gleich zum Tragen kommt, die... Hält zu ihr und der Pastor, ist das ein Pastor?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja. Und die sagen halt, der Pastor sagt dann, lass es uns so machen. Und sie stirbt jetzt, also wir tun so, als ob sie stirbt, vor Graben, dann wird er schon sehen, was er davon hat, das so zu machen. Aber er zeigt nicht wirklich Remorse, das muss man mal sagen.
Florian Bayer: Es gibt so eine absurde Szene, wo er nochmal rumlacht und rumspottet.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wo du denkst, what the fuck?
Johannes Franke: Was für ein Arsch. Sie ist gestorben und er zeigt überhaupt gar keine... Emotionen so richtig, also keine Trauer oder irgendwas. Und erst als dann die Gauner gefasst werden, die das Ganze inszeniert haben und klar wird, dass sie es nicht war, Also, dass sie das nicht gemacht hat, ist alles okay plötzlich wieder. Und er denkt sich, na, das ist ja schade.
Florian Bayer: Es gibt zumindest davor einmal diesen Remorse-Moment, der auch tatsächlich für mich der emotional starkste Moment des Stück war, wo er wirklich irgendwie trauert. Und auch, kurz gucken, sich fast umbringt, ne?
Johannes Franke: sich fast umbringt.
Florian Bayer: Ja, er sitzt da und er jammert darüber, dass sie tot ist. Und es ist auch so eine... wie so ein Grab aufgestellt für sie und er hat dann die Pistole auch in der Hand und hält sie sich an die Schläfe.
Johannes Franke: Ah ja, stimmt.
Florian Bayer: Und dann gibt es auch direkt danach nochmal diese bizarre Hochzeit, also der Vater... Der Eingeweilt ist in dem Plan und gesagt hat, dass seine Tochter tot wäre wegen dieser Schande. Der sagt dann, naja, ich habe eine Nichte, die sieht genauso aus wie sie.
Johannes Franke: Das ist so absurd. Vor allem, weil er sagt, so, und weil du das jetzt gemacht hast, musst du jetzt meine... nicht heiraten. Und er so, okay.
Florian Bayer: Genau, es ist Claudio.
Johannes Franke: What the fuck? Also Claudio ist wirklich der, also wirklich ein Depp.
Florian Bayer: Ein so dämlicher ... Und ein Sexist und ein Macho. Und er ist irgendwie kein geiler Held. Aber auf jeden Fall ... bei dieser bizarren Mischung aus Trauerfeier für Hiro und Hochzeitsfeier von Claudio mit der Nichte.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Macht dann die Nichte, die unter dem schwarzen Schleier war, ihren Schleier hoch und Claudio erkennt, ah, es ist Hiro, sie lebt. Da kommt raus, da Plot, Intrige und so weiter und tatsächlich... Es ist dann vorbei und alle sind glücklich und die A-Story ist eigentlich ein bisschen lahm, wenn ich jetzt nochmal so drüber gucke.
Johannes Franke: Also diese A-Story finde ich total lame. Also ich, das ist so, okay, wir machen hier, wir haben einen Punkt A und der muss zum Punkt C und es gibt so einen halbseitenen B-Punkt.
Florian Bayer: Und es ist irgendwie... Claudio ist halt auch wirklich ein Lama-Held.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ist ein Lama-Protagonist, weil er ist einfach so ein plasser Superheld. Ja. der dann immer arschiger wird im Laufe der Handlung.
Johannes Franke: den man überhaupt nichts grünnt eigentlich dann.
Florian Bayer: Also vor allem in der zweiten Hälfte, wenn so... Es gibt bei Shakespeare, das ist typisch Shakespeare eigentlich in den Komödien, oft diesen Moment, wo es so Richtung Tragödie kippt, wo alles wirklich kacke aussieht. Das ist hier auch in der zweiten Hälfte so inszeniert, wo der Humor deutlich zurückgefahren wird, beziehungsweise nur noch die lustigen Sidekicks sind für den Humor verantwortlich und Claudio und Hero haben einfach so eine tragische Handlung. Die sich dann aber doch in Wohlgefallen auflösten. Dann wird es wieder zur Komödie. Aber ja, Claudio ist eigentlich zu plass und zu doof. Um ein guter Protagonist zu sein. Und Hiro ist zu plass und zu ... Lea, sie macht ja nicht viel. Ich überlege gerade, ob es von Hero... Hero! Spielen sie wirklich einmal Hero an?
Johannes Franke: Ich bin mir nicht sicher.
Florian Bayer: Wirklich? I need a hero. Es ist die Melodie am Anfang. Also sie spielen ein Lied, was dazwischen gespielt wird.
Johannes Franke: Ach so, doch, natürlich. Du hast recht.
Florian Bayer: Aber mit einem anderen Text. Es ist ein sehr merkwürdiger Moment. Es gibt auch ein paar Wortspiele mit Hero. Ja, ja, ja. Eigentlich so ein Running Gag auch in dem Stück. Ja, genau, aber sie hat eigentlich keinen besonders starken Moment. Ja, er ist doof, sie ist plass und die A-Story ist... relativ vernachlässigungswert, würde ich sagen.
Johannes Franke: Ja, und das hat sich auch über die Zeit, also Shakespeare hat das geschrieben und soweit ich das weiß, Ich habe jetzt in der Recherche das nicht nochmal gefunden, aber ich hatte mich ja schon mal damit beschäftigt, weil ich das so geil fand. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Shakespeare am Anfang der A-Story viel mehr Bedeutung beigemessen hat und das nach und nach... Immer mehr im Hintergrund, auch über die Jahrhunderte in den Inszenierungen, immer mehr nach hinten geschoben. wurde und eigentlich die B-Story nach vorne geholt wurde, die auch wirklich viel, viel besser ist als die A-Story. Und
Florian Bayer: Und das macht diese Inszenierung auch. Also allein schon durch die Besetzung. Für die B-Story, für den Benedict.
Johannes Franke: David Tennant, es ist so großartig. Was der mitbringt, ein Power, ein Selbstverständnis vom Text, wie man... das Gefühl hat, dass er einfach den Text durchdrungen hat, in einem Verständnis Und sie auch, was ich bei ganz vielen Shakespeare-Inszenierungen nicht sehe, nicht finde. Ich habe extra noch mal ein bisschen weitergeguckt. Ich hab auch noch mal andere Inszenierungen reingeschaut und ich fand's immer im Vergleich lame.
Florian Bayer: David Tennant spielt das fantastisch, großartig, aber Catherine Tate rockt das Ding. Catherine Kane als Beatrice, die weibliche Protagonistin der B-Story. Sie ist das Herz des Stücks. Und ich finde David Tennant total großartig. Er macht das wirklich super. Er spielt diese Rolle fantastisch und mit dem richtigen Zynismus und dem richtigen Sarkasmus oder so. Aber sie toppt das immer noch. Und immer wenn die zusammen sind, sie haben viele, viele, viele Duelle, viele verbale Duelle. Sie geht immer als Siegerin hervor. Immer. Weil ihre Figur einfach so geil ist. Selbst wenn sie den Text nicht drinsteht. Selbst wenn der Text das nicht will.
Johannes Franke: Sie geht als Siegerin aus der Szene. Das ist großartig.
Florian Bayer: Kommen wir zur B-Story. Der beste Freund von Claudio ist Benedikt.
Johannes Franke: Benedikt, genau.
Florian Bayer: Auch ein Soldat, der sich geschworen hat, niemals zu heiraten.
Johannes Franke: I will die a bachelor.
Florian Bayer: Genau. Und er hat eine Vergangenheit in Messina. die nicht so richtig geklärt wird, aber offensichtlich kennt er diese Beatrice, die... Cousine ist von Hiro, von unserer Protagonistin.
Johannes Franke: Und sie wohnt da irgendwie im Anwesen von Leonardo, der es der Vater ist.
Florian Bayer: Und sie ist so, sie ist eigentlich, sie ist ein Spiegelbild. Sie ist genauso zynisch wie er, sie ist genauso sarkastisch wie er. Sie hat keinen Bock auf Männer, sie hält Männer für dumm, im besten Fall gefährlich, im schlimmsten Fall. Und die beiden kennen sich, haben eine Vergangenheit. Es wird nicht genau erzählt, welche, aber sie hassen sich.
Johannes Franke: Sie haben eine Vergangenheit, die so angedeutet wird, dass man John schon auch weiß ... Die hatten mal was miteinander.
Florian Bayer: Aber es wird nie explizit gesagt.
Johannes Franke: Nee, so richtig explizit. Aber in allen Zusammenfassungen, die ich nochmal... gelesen habe, wird angenommen, dass die beiden mal eine Beziehung hatten, die nicht funktioniert hat.
Florian Bayer: Ich denke, sie haben sich gegenseitig traumatisiert. Dass er nicht heiraten will, ist ihre Schuld. Und dass die Männer hassen, ist seine Schuld. Und wenn man diese beiden Charaktere sieht und wie sie agieren auf der Bühne, nicht nur miteinander, sondern auch drumherum, versteht man auch direkt, warum, weil sie sind beide... Sie sind die letzten zynischen Ärsche und sie sind so toll dabei.
Johannes Franke: Und sie sind... Und das Tolle ist, die sind von Anfang an, als Zuschauer denkt man, die sind füreinander geschaffen.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Absolut. Ganz eindeutig.
Johannes Franke: Also... Und dass die sich jetzt nur ausgerechnet hassen, macht natürlich so wahnsinnig viel Spaß.
Florian Bayer: Und es macht auch total Sinn. Die müssen sich hassen. Es geht gar nicht anders.
Johannes Franke: Ich muss mal raussuchen, ich habe mir aufgeschrieben, was er sagt über Frauen und was sie sagt über Männer.
Florian Bayer: Was ich sage über ihn. Weil ihr erster Auftritt ist ja, dass sie tatsächlich über ihn redet, ne?
Johannes Franke: Stimmt.
Florian Bayer: Beatrice, wir lernen diese Benedikt nicht... nicht als solchen kennen, sondern wir lernen ihn zuerst einmal durch sie kennen. Und zwar, indem sie den... indem sie den Boten ausfragt, der kommt und sagt, naja, die Schlacht ist jetzt vorbei und ... jetzt kommen sie zurück, jetzt kommt der Prinz zurück und Claudio und dann fragt Beatrice, ah, und ist da auch dieser Benedikt dabei? Und dann sagt der Butto, oh ja, dieser Benedikt, der ist doch ganz toll. Und dann legt sie los.
Johannes Franke: Und ich hab nur die Hälfte verstanden, aber das, was ich verstanden habe, war echt böse und bitter. Ja. Also sie nimmt jede Gelegenheit, um über ihn herzuziehen. Das macht sie auch später beim Maskenball, wo sie nicht weiß, dass sie gerade ausgerechnet vor ihm steht. Und ihm dann erzählt, wie scheiße sie ihn findet. Genau. Aber man weiß nicht genau, ob sie es vielleicht doch weiß, vor wem sie mir steht. Man könnte es so inszenieren.
Florian Bayer: Ja, könnte man. Hier war es eher nicht so inszeniert.
Johannes Franke: Es war nicht so inszeniert, ja.
Florian Bayer: Aber sie redet tatsächlich auch schlecht über ihn, wenn er nicht dabei ist. Also sie hasst ihn und jeder... Jeder, mit dem sie redet, jedem muss sie das mitteilen. Sie sind auch ungefragt. Ist übrigens Benedikt in der Armee? Moment, Benedikt, dazu habe ich doch ein, zwei Sachen zu sagen. Das ist toll.
Johannes Franke: Und ihr Kommentar zu Männern ist ...
Florian Bayer: Sie sagt zum Beispiel, he is no less than a stuffed man, but for the stuffing, well, we are all mortal.
Johannes Franke: Stuffing ist übrigens eine Pregnancy, ne?
Florian Bayer: Eigentlich. Wortspiele, ne? Wir müssen zum Titel kommen, aber vielleicht schieben wir das noch.
Johannes Franke: Das Spannende ist bei ihr, wenn sie was gegen Männer sagt, dass das Argument gar nicht so geil ist. Sie zieht das so aus dem Hut. Sie sagt, what should I do with him? Dress him in my apparel and make him my waiting gentle woman? He that has a beard is more than a youth. And he that has no beard is less than a man. Und er, der mehr als eine Jugend ist nicht für mich. Und er, der weniger als ein Mann ist nicht für ihn.
Florian Bayer: Ihr Männerhass funktioniert auf jeden Fall anders, als dein Frauenhass.
Johannes Franke: Ja, genau. Und das Schöne ist, er rasiert sich.
Florian Bayer: I see, the messenger, I see, lady, the gentleman is not in your books. Und sie antwortet, no, And if you were, I would burn my study. Das ist so großartig. Ich habe auch den Satz aufgeschrieben. Ganz toll. Und genau, das ist wirklich tatsächlich Beatrice, die werden wir erst mal dadurch kennen, dass sie einfach nur über Benedikt herzieht. Geil. Und dann werden wir Benedikt kennen und er ist ja auch... Arroganter Drecksack. Sie kann mit dem Golf fahren. Der kommt mit dem Golfwagen. Die genialste Idee für diesen Anfang überhaupt. Das ist so geil. Und der macht auch noch Piep. Also das ganze Ding hat natürlich auch so dieses ... 20. Jahrhundert Screwball Comedy Flair. Die Kulissen sind auch so ein bisschen, die Kostüme sind so. Sie ist am Anfang im blauen Badeanzug. Dann haben sie diese Navy-Uniformen an und wechseln aber auch ständig die Klamotten.
Johannes Franke: Das ist alles so 80er, 90er so angehaut. Ja, 80er.
Florian Bayer: Genau, 80er, 90er ist auch ganz viel drin. Und gerade bei den Masken, weil da haben sie so viele popkulturelle Referenzen, weil da mal Mario dazwischen rumtanzt.
Johannes Franke: Das Kind hat es als Super Mario verkleidet.
Florian Bayer: Das ist großartig. Und sie als Lady Di?
Johannes Franke: Oh, das habe ich nicht.
Florian Bayer: Ich weiß nicht, ob das eine Lady Dye-Maske war. Ich kann es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, aber in Verbindung mit dem Kostüm.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Könnte es eine Lady Di Maske sein, aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Johannes Franke: Na gut.
Florian Bayer: Genau, sie kommen mit dem Golfwagen an, das ist toll und er tritt halt, also sie treten alle drei total arrogant auf sich. Sie sind so eine richtige Dreier-Männer-Clicker. Also Don Pedro, der Prinz, ihr Vorgesetzter. Dann unser Claudio, über den wir jetzt genug gesagt haben. Der Dovi. Und dann der arrogante, aber intelligente Drecksack. Benedict.
Johannes Franke: Können wir von Claudio jetzt bitte als der Lappen reden? Der Lappen.
Florian Bayer: Da bin ich voll dabei.
Johannes Franke: Okay. Ja, dann haben wir den Maskenball, wo sich alle nochmal darüber auslassen werden, wie wen wo mag oder nicht mag. Vor allem nicht mag. Und dann kommt, dass Don Pedro sich Beatrice als Ehemann anbietet.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und es ist so hart inszeniert. Sie sitzt neben ihm, als sie versteht, was er meint. Du musst erst mal instinktiv tierisch loslachen. Und muss sich dann irgendwie konzentrieren, also wieder zurückkommen. versucht sich irgendwie da raus zu winden, irgendwie so, oh sorry, war nicht so gemeint, aber du bist einfach überhaupt nicht für mich, nee, ist, nee. Und Don Pedro sitzt da und oh nein, es tut einem so leid.
Florian Bayer: Don Pedro tut einem echt leid, weil, also ich meine, das ist so eine Dreier-Männer-Clique und das ist ein Echt so drei Kerle, die teilweise tierisch nerven, zusammen rumprollen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Höhepunkt ist wirklich der schon erwähnte Junggesellenabschied. Aber dieser Don Petro ist von den dreien irgendwie noch so der Anständigste.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: der irgendwie auch wirklich gute Absichten hat, auch, dass er Claudio helfen will, Hugh zu erobern. Entschuldigung, auch, dass er dem Lappen helfen will, Hugh zu erobern. Ja. Und genau, er macht sich an Beatrice ran, aber relativ ungelenk auch und auch wirklich... vorsichtig zurückhaltend und das klappt halt nicht. Und dann im Folgenden ist ja so ein bisschen der Trauerkloß auch. Immer so am Rand, gerade am Schluss, wenn es das Happy End gibt, steht Don Pedro echt so ein bisschen am Rand. Auch wenn sein Arschlochbruder festgenommen wurde. Ja. Er hat nicht so ein richtiges Happy End. Aber dass er so ein toller Kerl ist. Und so ein ehrenhafter Kerl zeigt sich halt darin, dass er, nachdem er von Beatrice abgelehnt wurde, einen anderen Plan hat. Und zwar ist es seine Idee, dass Beatrice... Und Benedict, die müssen wir verkuppeln. Es geht gar nicht anders. Und darum dreht sich eigentlich diese Behandlung. Ja, genau. Dass die Helden... Und Heldinnen jetzt eine Intrige spinnen vor der Hochzeit, um Benedikt und Beatrice zu verkuppeln. Und sie machen das, was natürlich am besten funktioniert. Sie erzählen einem von den beiden jeweils, dass der andere hoffnungslos verliebt wäre und dieser ganze Zweikampf eigentlich nur vorgeschoben wäre.
Johannes Franke: Ist das... Hast du das Gefühl, dass das so ein Gut ist von ihm oder ist das eher so eine Rache für den abgelehnten Heiratsantrag?
Florian Bayer: Das ist eine heldenhafte, gute Aktion.
Johannes Franke: Weil sie sagt schon krasse Sachen. Also sie sagt, your grace is too costly to wear every day. Okay. Sie ist danke.
Florian Bayer: Aber vielleicht ist es auch der Moment, wo er merkt, okay, diese Frau ist vielleicht nicht so das Richtige. Ich brauche vielleicht was ein bisschen Solideres.
Johannes Franke: Na gut, okay. Also du sagst, es ist eher heroisch gemeint.
Florian Bayer: Ich denke, es ist heroisch. Also ich kaufe mir das ab, dass es tatsächlich ein süßer Plan ist und sie wollen sich auch einfach die Zeit vertreiben. Ja, ja. Das ist jetzt noch ein bisschen bis zur Hochzeit hin. Was machen wir denn? Oh, pass auf. Ich habe hier einen Plan. Wir kriegen Beatrice und Benedikt zusammen. Wir erzählen, dass Beatrice in Benedikt verliebt ist, während Benedikt uns beobachtet. Und machen so, als ob wir das nicht mitkriegen würden. Und ihr macht dasselbe mit Beatrice. Das funktioniert garantiert. Das funktioniert ja auch.
Johannes Franke: Ich habe gerade noch den Monolog von David Tennant, was er sagt. warum er keine Frau will und und wie Frau sein müsste damit er
Florian Bayer: Der verkaterte David Tennant nach dem Maskenball.
Johannes Franke: Es ist so großartig. Er macht das so unglaublich gut. Ein absolutes Highlight.
Florian Bayer: Ganz tolle Szene auf jeden Fall. Es ist auch so stark mit dem Maskenball davor. Also dieser Maskenball und dieser Monolog danach, das sind einfach zwei großartige Szenen. Weil bei dem Maskenball, er macht das danach natürlich auch, weil er... Es sticht ihn ganz schön, dass sie so über ihn herzieht. Er ist verkleidet und Beatrice ist verkleidet. Er kennt Beatrice. Sie erzählt dann, dass sie Benedikt total zum Kotzen findet. Und erkennt Benedikt vermeintlich nicht hinter seinem Kostüm. Wir wissen nicht 100%, ob sie ihn erkennt. Aber sie zieht halt echt ganz schön böse über ihn her und das trifft ihn auch.
Johannes Franke: kommt noch dazu, dass er ganz schön frustriert ist, dass Claudio jetzt so verliebt ist, wobei beide eigentlich mal der Meinung waren, also Claudio war ja auch auf seiner Linie mehr oder weniger, ne? So, Frauen, nein, wir Best Buddies forever und so weiter. Und der dann so frustriert ist, dass Claudio so ekelhaft verliebt ist.
Florian Bayer: Er foppt auf. auch Claudio ganz schön.
Johannes Franke: Ganz schön, ja.
Florian Bayer: Und auch zu Recht, weil Claudio ist natürlich, wir haben festgestellt, Entschuldigung, nicht Claudio, der Lappen, ist ein ganz schöner Schwärmer.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und er ist dann auch so, und sie ist verliebt und ich bin verliebt und es ist alles toll. was jetzt so wunderbar wäre. Und dann haben wir einen Benedict, der hinten dran sitzt. Moment.
Johannes Franke: Die ganze Zeit nur kotzt und eigentlich... immer was dagegen zu sagen findet. Ja, genau. Also auch immer ein gutes Comeback auf den Lippen hat. May I be so converted? I cannot tell. I think not. One woman is fair, yet I am well. This is so schön. Rich, she shall be.
Florian Bayer: Yeah, rich.
Johannes Franke: That's certain. Wise. Virtuous, fair, mild und noble und of good discourse. An excellent musician. Weißt du, da kommt da eins nach dem anderen, noch drauf und noch drauf und noch drauf, sodass du am Ende ein Bild einer Frau hast, was niemand erfüllen kann.
Florian Bayer: Natürlich, und das ist ja auch sein Ziel. Also man kauft es ihm tatsächlich ab, er will eigentlich Junggeselle bleiben. Aber gleichzeitig ist es auch so, er will auch geliebt werden. Ja. Und es ist auch ... Es wird fast so ein bisschen ... Die Liebesgeschichte wird fast so ein bisschen ... kaputt gemacht, dadurch, dass sie durch diese Intrige dann zustande kommt. Eigentlich ist dieser Maskenball, wo sie ihn beleidigt, inkognito, und er danach so frustriert ist und dann diese Sachen raushaut, das ist eigentlich ein viel schönerer Start für die Liebesgeschichte. Und dann gibt es nochmal diese zusätzliche Starthilfe durch durch das Spiel, was die anderen mit ihnen treiben. Was so ein bisschen schade ist, weil man hätte diese Liebesgeschichte auch durchaus erzählen können, Ohne dass es diese Intrige braucht.
Johannes Franke: Naja, aber es ist Shakespeare. Es ist Shakespeare. Er braucht Intrigen, um da irgendwo hinzukommen.
Florian Bayer: Dieses Stück ist sowieso voll mit Intrigen. Und zwar hauptsächlich mit wohlmeinenden Intrigen. Der wirklich böse Intrigant in diesem Stück ist Don John. der halt diese Claudia-Höre-Geschichte macht. Aber ansonsten drumherum spinnen die Figuren ständig irgendwelche Intrigen, irgendwelche Ränkespielchen. Aber alle um ... nur um sich zu unterhalten. Die haben einfach Spaß da dran. Hey, wäre das nicht geil, wenn wir irgendwie Benedikt und Beatrice verkuppeln? Komm, lass uns mal ein bisschen Spaß haben.
Johannes Franke: Ja, das ist cool. Ja, das macht dieses Leichtfüßige, was Shakespeare in den Komödie dann einfach auch schafft. Das finde ich toll. Ja, dann durch die Inszenierung hat sich da auch eine Voll drauf gesetzt und das ist halt wirklich schön. Total. Ja. Ja, und dann gehört halt Benedikt die anderen darüber reden, dass sie so wahnsinnig verliebt. sei in ihn und das ist auch wunderschön inszeniert, weil er da im Hintergrund sich irgendwo versteckt und dann in Farbe reinfällt, weil er... Weil er es nicht glauben kann und dann fällt alles um. Das ist eine schöne... Slapstick. Sehr viel Slapstick. Ja, ich mag sowas.
Florian Bayer: Erst dann einmal komplett mit Farbe beschmiert und dann kommt Beatrice, die... Noch nicht weiß, dass er vermeintlich in sie verliebt ist. Die gebeten wurde, ihn zum Dinner abzuholen. Und sie ist natürlich wie immer drauf und sie sagt, Against my will, I am sent to bid you to come to dinner. Thea, Beatrice, I thank you for your pains. Groß in diesem Moment.
Johannes Franke: Und er grinst die ganze Zeit von einem aufs andere. Und es ist so großartig. Weil er glaubt, sie mag ihn und sie kommt da so, so schlurft er so daher, kratzt sich noch am Hintern, so richtig. möglichst so wenig Ladylike wie möglich.
Florian Bayer: Und ihr Zusammenspiel ist sowieso immer fantastisch. wenn ihre Sarkasmen aufeinander treffen. Und dann trifft aber ihr Sarkasmus auf seine wirklich ernst gemeinte Höflichkeit. Und sie hält es natürlich nach wie vor für Sarkasmus und haut ordentlich zurück. Und er sieht es aber nicht, weil er nur die Frau sieht, die vermeintlich in ihn verliebt ist.
Johannes Franke: Oh, so schön. Er sagt am Ende, wenn sie weg ist, this can be no trick. They seem to pity the lady. Komisch. Oh, man. Auch wie er da steht mit der Farbe bekleckert und dann sich fragt, love me? Guckt an sich ja runter, guckt wieder hoch, why? Ja. Ja. so ein gutes Timing dabei. Das ist wirklich toll.
Florian Bayer: Ja, und dann kommt die Szene, in der Hiro und ihre Zofa
Johannes Franke: Oh, wichtig, noch bevor wir weitergehen, ganz wichtiger Satz. Wenn ich gesagt habe, dass ich ein Bachelor sterbe, habe ich nicht gedacht, dass ich leben würde, bis ich heiratete. Shakespeare hat so tolle Sätze. Es ist so großartig. Wie nur ein ganz schön ab kann das sein.
Florian Bayer: Ich habe gar nicht so viele Sätze notiert. Ich komme nicht mit.
Johannes Franke: The world must be peopled. Ich finde es großartig. Und er grinst die ganze Zeit dämlich. Okay, jetzt hört Beatrice wie die anderen... sich gegenseitig erzählen, dass Benedikt so wahnsinnig verliebt in sie wäre.
Florian Bayer: Während sie am...
Johannes Franke: Ich finde es inszenatorisch eine wahnsinnig gute Idee, weil im Grunde wiederholt sich die Szene jetzt.
Florian Bayer: Ja, genau. Es ist wieder Slapstick. Im Vordergrund reden drei Frauen über Benedikt, der verliebt
Johannes Franke: Und du weißt schon, was die reden werden und deswegen achtest du am Ende gar nicht mehr darauf, was die sagen, sondern du siehst die ganze Zeit die Slapstick zu.
Florian Bayer: Du verstehst auch nicht, was sie sagen, weil das ist die Szene, die ich vorhin gemeint habe, wo das Publikum so laut drüber lacht, wie sie da an der Decke hängt und das sieht und total schockiert guckt die ganze Zeit dabei. Und ich habe tatsächlich nichts mehr verstanden. Und ich glaube, es war dann auch nicht nur ... Unverständnis des Textes, sondern wirklich Unverständnis der Worte, weil so laut drüber gelacht wurde, dass die komplett untergehen.
Johannes Franke: Und es ist auch Absicht, glaube ich, einfach. Weil du weißt als Regisseur, das interessiert jetzt einfach keinen mehr. Du weißt ganz genau, was kommen wird. Die Worte sind völlig egal. Ja. Das, was passieren muss, ist, dass sie das hört. Okay, das müssen wir zeigen. Also machen wir jetzt noch den Kniff, dass sie... Dass sie da irgendwie von den Malerarbeiten, die da irgendwie passieren, dass da jemand einen Haken an ihre Hose ranmacht und sie hochzieht und sie dann in der Luft hängt. Und da vor sich hin schwimmt.
Florian Bayer: Diese Szene wurde viel kritisiert tatsächlich, weil es zu viel Slapstick wäre. Ich finde, es passt total gut.
Johannes Franke: Ich finde es auch großartig.
Florian Bayer: Ich fand auch... es brauchte diese Spiegelung. Wir brauchten eine zweite Slapstick-Szene und sie ist die ganze Zeit so zynisch und so überlegen. Sie hat diese Slapstick-Zähne verdient. Einfach, um sie so ein bisschen physisch auch zu prägen, dass sie auch ihren Slapstick-Moment bekommt.
Johannes Franke: Ja, dass sie nicht immer nur würdevoll da ist, sondern dass sie nicht immer nur als Sieger aus allem rausgeht.
Florian Bayer: Um auch einfach... ihrem Zynismus zu begegnen. Es braucht diesen Moment, wo beide aus den Angeln gehoben werden. Er mit der Farbe und sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Haken.
Johannes Franke: Ja, ach schön, das freut mich, dass dir das, weil ich hatte auch kurz überlegt, ob dir das dann vielleicht zu viel Geblödel ist am Ende.
Florian Bayer: Ich habe auch zwischendurch darüber nachgedacht, aber ich fand es tatsächlich dann auch zu witzig und zu passend. Schön. Das war auch der Moment ... Es ist einfach eine Abfolge von Szenen, wo man viel lacht. Weil angefangen bei dem Maskenball, es wird kurz wirklich zur Farce. Und auch mehr als Shakespeare das wohl angelegt hat, weil Shakespeare hat seine Farcefiguren da drin und das sind halt diese beiden Wächter, die total dumm sind.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber in dem Moment wird es auch zu Fass in dieser Hauptnebenhandlung. Aber es passt gut, weil es ist natürlich auch so eigentlich zumindest aus unserer heutigen Perspektive so was total Abgedroschenes. Wir erzählen den Verliebten, wir erzählen den Nichtverliebten, dass sie ineinander verliebt sind und dann klappt das schon. Das hat man einfach schon oft gesehen. Und das muss nicht sprachlich dann komplett ausdividiert werden, sondern es reicht, wenn wir eine Vorstellung davon haben und Und wenn wir dann aber sehen, was mit den Verliebten passiert, wenn die im Zentrum stehen und durch die Slapstick-Szenen passiert das, dass das Publikum einfach seine Aufmerksamkeit auf den Zuhörenden lenkt. Und im Originaltext, wenn du diese beiden Szenen durchliest, die kommen einfach nicht vor. Die stehen am Rande. Und es gibt keine Anweisung weiter, für die wir hören, einfach nur ... was die Intrigierenden sagen.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und dann am Schluss dürfen sie nochmal sagen, oh, jetzt bin ich aber überrascht. Und dann ist die Szene vorbei.
Johannes Franke: Genau, ja.
Florian Bayer: Und diese Entscheidung der Inszenierung, die beiden so in den Mittelpunkt zu rücken, die zuhören, großartig. Ganz toll. Und sie sind ja auch die zentralen Figuren dabei. Was bei ihnen emotional passiert, Ist das Witzige.
Johannes Franke: Und das ist ja aber auch erst heute abgedroschen. Damals war abgedroschen, was er mit Hero und mit dem Lappen gemacht hat. Also diese Geschichten gab es ganz, ganz, ganz viel damals.
Florian Bayer: Intrigen gegen Hochzeiten.
Johannes Franke: Ja, aber... Also auch vor allem das Konzept, der Frau vorzuwerfen, sie hätte irgendwelchen Scheiß gemacht und dann irgendwie Remorse oder diese ganze Zirkel.
Florian Bayer: Und immer die Frau, die dann auch trotzdem noch leiden muss, obwohl wir alle wissen, dass sie unschuldig ist. eine merkwürdige Redemption-Arc, in dem sie durchs Leid geschickt wird, im wahrsten Sinne des Wortes stirbt, was auch oft genug vorgekommen ist, oder halt ... Wie hier im übertragenen Sinne des Wortes.
Johannes Franke: Und da gibt es auch irgendwelche italienischen Vorbilder, deswegen ist es auch in Italien das Stück und so.
Florian Bayer: Die Leute in Romantik haben das dann auch ganz viel gemacht. Bei Schiller und Goethe findest du auch diese ganzen Handlungen, wenn du sowas guckst wie Kabale und Liebe und blablabla.
Johannes Franke: Aber das Schöne ist eben, dass diese Benedikt- und Beatrice-Nummer, dass die relativ neu damals war.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also das ist echt nicht so. Vor allem auch mit dieser Schärfe und diesem krassen Sarkasmus, der da drin steckt. Das war damals noch nicht so.
Florian Bayer: Übrigens meine liebste gespielte Szene. Ohne viele Worte. Ich muss nicht viel Shakespeare zitieren. What? Nachdem Beatrice gelauscht hat und dann endlich runtergelassen wurde vom Haken und die anderen weg sind. Das Erste, was sie sagt, ist einfach nur ein richtig schönes, herzhaftes What? Und sie spielt es so on point. She nailed it. Großartig.
Johannes Franke: Aber du musst nicht vergessen, was sie vorher macht. Sie geht vom Haken runter... Genießt erst mal den Applaus der Szene und durchbricht die vierte Wand. Redet stumm mit dem Publikum darüber, was da gerade passiert ist, was für einen artistischen Akt den gerade hinter sich gebracht hat. Steigt vollkommen aus dem Stück aus, genießt kurz, richtet sich und steigt dann mit diesem Wort wieder in diese Geschichte rein.
Florian Bayer: Und das wird so stark dadurch. Ja. Weil für einen Moment wurde das alles aufgelöst, alle hatten Spaß, alle sind fröhlich. Pause und dann nochmal. Und das ist... Das ist die Pointe der Zähne und sie trifft es so auf den Punkt.
Johannes Franke: Und es ist nur ein einziges Wort.
Florian Bayer: Es ist nur ein einziges Wort und es trifft es so gut.
Johannes Franke: Toll. Oh Gott.
Florian Bayer: Und dann kommt tatsächlich die eigentliche Farce, nämlich dieses... Können wir zumindest kurz darauf eingehen, diese Wachmänner?
Johannes Franke: Ja, genau. Die Bürgerwehr quasi.
Florian Bayer: Die angeleitet sind, aufzupassen und vor allem auf den Prinzen zu achten. Und die für das Stück so ein bisschen den Deus Ex Machina nachher spielen, weil sie, die sind die Intriganten. Mhm. die diese Kopulation von Hiro, diese vermeintliche Kopulation, aufdecken. Weil sie die beiden, die das inszeniert haben, gefangen nehmen und dazu bringen, dann zuzugeben, dass das Ganze nur inszeniert war und dass Hiro unschuldig ist und der Lappensee heiraten kann.
Johannes Franke: Es hieß damals immer, dim as a constable. Also so doof wie so ein, naja, constable, naja... Hüter des Gesetzes, ne?
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also, weil damals wollte keiner diesen Job machen. Und er war schlecht bezahlt und du hattest keine Freunde mehr.
Florian Bayer: Ja, teilweise immer noch so.
Johannes Franke: Ja, und das Problem war, dass dann halt irgendwie die, die nie aus dem Dorf rausgekommen sind, diesen Job übernehmen mussten und dann... waren das halt auch nicht die Schlausten. Und das Geile ist, in der Szene, die jetzt kommt, der weist die dazu an, Hier hast du eine Taschenlampe, hier hast du, du musst jetzt das machen, du musst jetzt das machen. Und er fragt immer nach, was mache ich denn, wenn ich einen Dieb sehe? Und am Ende, alles was er an Eventualitäten raushaut, am Ende steht eigentlich immer, lass ihn in Ruhe. Lass ihn gehen, passt schon. Wir wollen uns damit nicht, wir wollen uns nicht groß einmischen.
Florian Bayer: Dogberry und Words, unsere beiden Wachleute.
Johannes Franke: Und ich finde der Schauspieler von Dogberry, ich habe das auch irgendwo den Namen aufgeschrieben, ganz toll. Ganz toll, ich muss den Namen raussuchen. John Rum. Ich finde, der hat das wirklich toll gemacht. Ja, ich...
Florian Bayer: Es war so karnevalesk. Ich fand es lustig. Es war einfach so drüber. Ich habe kein großes Schauspiel erkannt, sondern einfach nur... Eine lustige, typische, absurde Szene, die Shakespeare immer einbaut in seinen Komodien. Er hat immer diese bizarren Randfiguren. die meistens ziemlich dumm sind und die meistens so durch die Szenerie stolpern, ohne zu verstehen, was vor sich geht.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: und dann eventuell doch noch eine kleine Rolle spielen in dem Drama, in der Komödie. eigentlich vor allem zur Belustigung da sind, um wirklich so, ja, karnevalesk und so ein absurdes, wirklich bizarres Moment zu bringen.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und das hat die Szene auch funktioniert. Und sie haben sie auch ordentlich drüber inszeniert. Mit dieser Tafel, die er dann hat. Er hat so ein Whiteboard und blättert dann nach und nach die Bilder hoch. Was müsst ihr machen? Und ich würde sagen, die Dummheit der beiden Wachleute kommt ganz gut zur Gelderung.
Johannes Franke: Ich finde es wirklich schön, weil Shakespeare spielt ja viel damit, dass er die englische Sprache eigentlich mehr oder weniger zerhäckselt. Also der kann kein ordentliches Englisch und der versteht auch nicht, was mit bestimmten Worten gemeint ist und deswegen kommen auch bestimmte Wortspielereien wieder zum Tragen und so. Ich finde, das ist eine gut umgesetzte Figur auch, weil er das gut spielt. Auch diese Ambivalenz zwischen ich will... angesehen sein und ich bin aber strohdof.
Florian Bayer: Ja, genau. Ich will meine Pflichten erfüllen, so gut es geht. Was muss ich nochmal tun?
Johannes Franke: So, jetzt kommt dieser Striptease-Moment, oder?
Florian Bayer: Ja genau, der Junggesellenabschied.
Johannes Franke: Der Junggesellenabschied, genau. Und beinahe verplappert sich Benedikt, was gerade los ist mit Beatrice. Er sagt, I have a toothache. Und redet sich dann wieder raus. Er kann es also nicht öffentlich machen. Er kann es nicht sagen.
Florian Bayer: Aber umso schöner, wenn er es nachher öffentlich macht, wenn er es ihr sagt.
Johannes Franke: Ja, das ist dann wirklich toll später.
Florian Bayer: It's not that strange.
Johannes Franke: Oh wie toll. Ja und sie spekulieren alle schon, dass er verliebt ist und so und sie wissen ja im Grunde.
Florian Bayer: Natürlich, sie haben das perfekt eingefädelt. Ja. Und das ist der Moment, wo sich jetzt die B-Handlungen, die A-Handlungen kreuzen. Genau. Weil jetzt ist diese Hochzeiten tatsächlich, passiert das... was wir vorhin schon erwähnt haben, was bei Shakespeare immer passiert in so einer Komödie, dass es so einen Moment gibt, wo alles ins Tragische fällt. Und das ist tatsächlich in dieser Inszenierung sehr stark gemacht in der zweiten Hälfte, weil der Comedy-Aspekt kommt eben nur noch in diesen bizarren Randfiguren vor, in diesen Wachleuten. Und die Haupthandlung Sehr lange ohne Lacher. Es gibt jetzt wirklich auch tatsächlich dritte Geschichte von Beatrice und von Benedikt ein bisschen in den Hintergrund. bei dieser Hochzeit und bei dieser Anklage gegen sie und wenn sie dann in Ohnmacht fällt. Und dann hat Beatrice nochmal einen starken Moment. Und zwar einen starken Moment, der nicht komödiantisch ist, weil sie die Einzige ist, die ihre Cousine verteidigt. Sie ist die Einzige, die sagt, ey, Moment mal, ihr glaubt wirklich alles, was ihr hört, was soll das? Und Lass uns doch erst mal gucken, was da passiert ist. Und sie ... Noch einen Grund für mich, warum ich Catherine Tate ... grundsätzlich irgendwie noch stärker finde als David Tennant in dem Stück, weil sie auch diese emotionalen Parts die nichts mit ihrer Romanze zu tun haben, kriegt. Sie hat diesen starken emotionalen Moment, wo sie sich einfach für ihre Cousine einsetzt, wenn alle gegen sie sind.
Johannes Franke: Und auch die Szene zwischen den beiden dann. Ja. Wo sie dann irgendwann zum Schluss kommt, Benedikt... Du musst Claudio töten.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Und das wirklich von ihm fordert und das gut hergeleitet ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also sowohl textlich als auch emotional. Sie ist wirklich gut gespielt.
Florian Bayer: Ja. Das ist wirklich ein düsterer Moment, weil das ist der Moment, wo alles in sich zusammenstürzt. Es gab dieses große Drama in der Kirche und dann gestehen sie sich gegenseitig ihre Liebe. Also vor allem zuerst Benedict, der dann das kommentiert mit It's not that strange, was ich echt schön finde. Und dann reden sie über ihre Liebe und dann sagt sie irgendwann, okay, ja ... du musst für mich was tun. Und er würde alles für sie tun und sie sagt, kill Claudio, weil er hat sich wie der letzte Arsch verhalten und er hat meine Cousine total krass und vernünftigerweise angegriffen. Aber Benedikt weiß mittlerweile oder glaubt mittlerweile auch, dass das irgendwie eine Intrige war.
Johannes Franke: Er ist sich nicht sicher zumindest. In der Situation zumindest noch nicht ganz sicher. Seine erste Reaktion ist allerdings, not for the whole world, for my whole world. Wer sagt das? Ich weiß es nicht, ich habe es nicht aufgeschrieben. Aber er wird erst dahin geführt. Und irgendwann in der Szene sagt er dann, okay, ich gebe mich jetzt komplett in deine Hände. Und sage diese Männerfreundschaft ab, mehr oder weniger. Also diese Bro-Culture, die da bis jetzt herrschte. Dieses leicht toxic masculinity.
Florian Bayer: You kill me to deny it, farewell. sagt sie zu ihm, als er sagt, not for the white world, sagt er als Antwort, wenn sie sagt, kill Claudio, und dann sagt sie, you kill me to deny it, farewell. Und dann sagt er, Terry, sweet Beatrice. Und dann sagt sie, naja, ich sehe keine Liebe in dir. Also lass mich bitte gehen. Und dann gibt es wirklich dieses Hin und Her, was auch ganz interessant ist. Wir hatten davor wirklich tolle, witzige Wortduelle zwischen den beiden.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Wo sie sich einfach gegenseitig geneckt haben, die Spaß gemacht haben. Und jetzt haben wir das erste Mal ein wirklich ernsthaftes Wortduell zwischen den beiden.
Johannes Franke: Und dass dem auch nicht nachsteht. Also die sind wirklich gut. Und da zeigt sich auch das erste Mal, dass es ein Paar sein könnte, das viel Tiefe mitbringen könnte, aufeinander viel ...
Florian Bayer: Sie sagt übrigens, wenn sie ein Mann wäre, würde sie es machen. Oh Gott, that I wear a man I would eat his heart.
Johannes Franke: Wow.
Florian Bayer: Ich bin jetzt im Originaltext, ich weiß nicht, ob sie das gekürzt haben.
Johannes Franke: Ja, weiß man nicht genau, ja. Aber es kann sein, dass sie das sagt, ich weiß es nicht.
Florian Bayer: nicht mehr. Es ist ein super Wortduell zwischen den beiden und sie geht als Sieger hervor und es ist auch irgendwie convincing.
Johannes Franke: Ja, total gut.
Florian Bayer: Genau, Benedikt fragt sie dann auch nochmal, ob sie wirklich glaubt, tief in ihrem Herzen, dass das... dass Claudio falsch liegt und dass er sie zu Unrecht verdächtigt hat. Und dann antwortet sie, yeah, as sure as I have a thought or soul. Und dann sagt Benedict, enough. I'm engaged. I will challenge him.
Johannes Franke: I'm engaged. Das ist halt für ihn wirklich so der Turning Point seines Charakters, seiner Story, seiner Geschichte. Ist wirklich... Spannend. Ich finde es wahnsinnig gut hergeleitet.
Florian Bayer: Der Kontrast ist halt tatsächlich spannend. Weil, wie gesagt, wir hatten viele Kämpfe zwischen den beiden. Und das ist aber der erste ernsthafte Kampf. und ja, super Text und auch wirklich stark inszeniert in dem Moment, weil sie auf den Humor einfach verzichten, weil wir jetzt in der ernsten, in dem tragischen Teil des Stückes sind.
Johannes Franke: Was passiert denn jetzt dazwischen? Das nächste, was ich aufgeschrieben habe, ist schon wieder so lustig.
Florian Bayer: Dann wird es nämlich wieder lustig. Ich habe geschrieben, zwei Stunden, neun Minuten, der erste Lacher in der zweiten Hälfte. Aber ich habe nicht dazu geschrieben, was der Lacher ist.
Johannes Franke: Versucht Benedikt einen Song für Beatrice zu komponieren? Ist es das?
Florian Bayer: Wahrscheinlich ist es genau diese Szene.
Johannes Franke: Und die ist so großartig. Die ist schön, ja. Oh Gott, ist das toll.
Florian Bayer: Was spielte am Anfang?
Johannes Franke: Und vollständigt am Ende.
Florian Bayer: Ja, genau. Und stellt fest, scheiße, das gibt's schon.
Johannes Franke: versucht zu komponieren und er kommentiert auch, es ist nicht sein, er I was not born under a rhyming planet, glaube ich. Ja, genau. So ein beklopptes Kinderpiano, was er da vor sich hat. Und dann drückt er auf die falsche Taste und irgendein vorprogrammiertes Ding geht los und das Kind kommt, drückt einmal auf aus und geht wieder. Wortlos. So eine schöne Inszenierung.
Florian Bayer: Das Kind hat ja auch davor schon diesen schönen Auftritt in seinem Monolog, der da total verkatert und... Total abgefuckt liegt und dann kommt das Kind und er sagt, Junge, bring mir das Buch.
Johannes Franke: Ja, es ist toll. Sehr gut eingesetzt alles. Ja, und dann kommt Beatrice und er versteckt das Kinderpiano ganz schnell. Nix passiert. Und dann gehen die da zu der Hochzeit und auf der Hochzeit benehmen sich alle schon so ein bisschen seltsam. Hero wird dann revealed als ich lebe doch. Tada. Wahnsinn.
Florian Bayer: Gute Auflösung.
Johannes Franke: Und... Natürlich wäre Shakespeare nicht Shakespeare, wenn er nicht auch auf dieser Hochzeit quasi eine Doppelhochzeit draus machen würde. sagen würde, okay, jetzt macht Benedikt seiner Beatrice endlich öffentlich dann doch auch mal einen Heiratsantrag mehr oder weniger.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber es ist schwierig.
Florian Bayer: Es gibt diesen tollen Moment, wo er ein Gedicht für sich schreibt. Ich überlege gerade, wo das war. Und dann irgendwie so anfängt, so ansetzt, so, ah, und ich liebe sie mit meinem Herzen und so weiter. Und dann abbricht mittendrin.
Johannes Franke: Ich glaube, das ist das mit dem Kinderpiano.
Florian Bayer: Ja, ich glaube auch. Das fand ich tatsächlich schön.
Johannes Franke: Eine wirklich schöne Szene, ja.
Florian Bayer: Wie er mit den Worten kämpft und er ist kein Poet. Er ist kein Liebender. Nee, sie ist auch keine Liebende. Aber irgendwie schaffen sie es ja.
Johannes Franke: Ja, vor allem, weil er dann irgendwie auf der Hochzeit dann eben den Heiratsantrag stellt. Und sie fragt, ob sie ihn liebt und sie sagt, naja, ja, nee, nicht mehr als, ich weiß nicht, keine Ahnung. Und liebst du mich denn? Und er so, naja, ja, weiß nicht, nee, ja doch, nee, sie kriegen es nicht hin vor den anderen. Ja. zuzugeben, dass sie einander liegen.
Florian Bayer: Sie necken sich auch tatsächlich wieder. Es gibt wieder diesen Moment, wo sie in diese ganz alten Muster zurückfallen und einfach rein... Foppen, nach dem anderen raushauen.
Johannes Franke: Und dann kommen die anderen und sagen, nee, nee, nee, Moment, wir wissen das besser. Wir haben Sonette gefunden, die ihr jeweils über den anderen geschrieben habt. Weil das einfach in der Zeit so war. Man musste Sonette schreiben, um jemandem irgendwie sagen zu können, dass er ihn liebt.
Florian Bayer: Und die Gedichte lügen nicht.
Johannes Franke: Und genau, Sonette lügen nicht. Und sie gucken beide ihre Sonette an und der Gesichtsaustrag sagt alles. Nee, sie sind beide nicht gut in sowas. Schlechte Sonette, aber trotzdem, sie verraten es. Und ja, dann kommt einfach nur noch mal jemand und sagt, übrigens Don John ist gefasst.
Florian Bayer: Ja, hey.
Johannes Franke: Alle freuen sich. Benedikt, glaube ich, sagt noch, ja, das lässt uns dann morgen alles erledigen. Jetzt wird gefeiert. Dann machen sie noch Party. Und dann kommt, wie das immer bei Shakespeare-Inszenierung ist, ein Abschlusstanz-Song.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Was ich auch immer sehr schön finde, eine ganz tolle Tradition.
Florian Bayer: Genau, das Stück hat ja die ganze Zeit immer so diese musical-esken Einschübe.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber sie machen es nicht zu krass. Es war nie so, dass es mich gestört hätte, sondern es war einfach okay und hat zu der Inszenierung gepasst. Weil es immer gebrochen ist ein bisschen und weil es immer auch so im Dienste der Geschichte steht. Ja, eine sehr leichte Inszenierung dann letzten Endes, auch wenn es diesen tragischen Moment gibt. Auch wenn ich diese... Hochzeitsfeier, die inszeniert wird, toll düster inszeniert fand, weil sie hatte eben diese bizarre Totenfeierkomponente.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Was nicht im Originalstück unbedingt drin ist. Dass die Trauerfeier und die Hochzeitsfeier gekreuzt werden. Sie sind alle in schwarz gekleidet. Also es ist irgendwie eine Beerdigung. Es wird auch nicht mehr aufgelöst, sondern sie bleiben dann so und die Hochzeitsfeier findet dann in diesem Rahmen statt. Aber sonst drumherum ist das Ganze schon, ich habe aufgeschrieben als Screwball Comedy inszeniert und es passt auch irgendwie.
Johannes Franke: Ja, ja, total.
Florian Bayer: Und es passt auch, dass sie sich voll draufsetzen und die B-Handlung zur A-Handlung machen, weil wir jetzt auf viel länger gesprochen haben, weil der Lappen und Hiro einfach relativ langweilig sind. Ja. Und das, wie sie diese Behandlung inszenieren, ist einfach toll, was natürlich vor allem an den beiden Schauspielern liegt. Sowohl David Tennant als auch und insbesondere Catherine Tate sind so großartig und ihre Wortduelle sind super und versprühen einfach diesen Charme von Klassischen, kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht, Komödien, lieben sie sich oder hassen sie sich, wir wissen ja, dass sie sich lieben, aber Das wirkt die ganze Zeit so, als würden sie sich hassen. Und es ist so toll zu sehen, wie sie da drumherum spielen. Ja. Charles II., der König von Schottland, hat neben den Titel des Stückes geschrieben ... Benedict and Beatrice.
Johannes Franke: Stimmt, ja, ja, ja. Später, als er das rausgebracht hatte, nochmal. Genau. Ja, weil es einfach klar ist. Die Behandlung ist irgendwie geiler.
Florian Bayer: Catherine Tate rockt das Ganze. David Tennant rockt ordentlich mit.
Johannes Franke: Ja. Wirklich toll.
Florian Bayer: Und das Stück wäre auch, wenn ich nur die A-Handlung betrachten würde, würde ich zu dem Stück sagen, ja, okay, Shakespeare-Inszenierung, die... Sehr, sehr, das Leichte sehr betont.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber durch die Behandlung, dass die im Vordergrund ist und dass die auch ihre Slapstick-Momente kriegt, wird es zu einer wirklich, wirklich amüsanten Komödie.
Johannes Franke: Ja, das ist cool. Ich freue mich sehr, dass du das geguckt hast. Wir wollten noch über den Titel kurz reden.
Florian Bayer: Nothing, no thing. Ja.
Johannes Franke: Und noting.
Florian Bayer: Okay, möchtest du mit dem anatomischen anfangen? Oder mit dem Juristischen.
Johannes Franke: Ich mach mal mit dem Anatomischen. Nothing wurde damals auch als ... weibliches Geschlecht genutzt, weil sie hat ja nichts zwischen den beiden.
Florian Bayer: Genau. Im Vergleich zum Mann, der den Penis hat, hat eine Frau, nothing between her legs.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und das ist die Vagina.
Johannes Franke: Und damit haben wir das auch schon im Titel. Ja. Toll. Viel Lärm um, naja, nichts. Möchtest du einsteigen mit dem anderen?
Florian Bayer: Mit dem Noting. Ich gucke gerade, ob ich es überhaupt aufgeschrieben habe. Ich hab's tatsächlich nicht da stehen, deswegen würd ich mich jetzt verhaspeln. Also, es gibt dieses Wortspiel ... Noting, much about noting. Genau, dass sie etwas bemerken oder etwas beachten. Zum Beispiel der Lappen bemerkt die Schönheit von Hiro an.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Benedikt und Beatrice beobachten die Worte ihrer Freunde, die sie dazu führen, dass sie sich verlieben. Es geht sehr stark auch um den Blick um das Hinblicken und das Spannende an dem Stück ist tatsächlich, dass die Zuschauer von Anfang an von allem Mitwisser sind. Wir sind die krassen Voyeure, weil wir wissen von Anfang an, wer der Bösewicht ist, was der Bösewicht plant. Wir sehen alles noch einmal mehr von außerhalb. Und ich fand ein schönes Zitat von einer Kritikerin dazu. Ingeborg Bolz schrieb ... In Much A Do About Nothing wird der Voyeurismus auf die Spitze getrieben. In keinem anderen Stück Shakespeare's wird so viel belauscht, spioniert, weitererzählt, kolportiert bewusst fehlinformiert oder denunziert, wobei wir als Zuschauer die größten Voyeure sind. da wir alle sich bespitzende Parteien gleichzeitig im Blickfeld haben. Fand ich ziemlich schön auf den Punkt gebracht. Nicht zu dieser Inszenierung, sondern generell zu dem Stück. Es geht eigentlich die ganze Zeit darum, dass Leute sich überspitzeln, dass Leute sich hintergehen, dass Leute intrigieren. Und zwar sowohl die guten als auch die bösen, sowohl mit guten Absichten als auch mit bösen Absichten. Primär mit guten Absichten.
Johannes Franke: Was schön ist, weil ich glaube, das macht auch eines der großen schönen Dinge aus für mich an diesem Stück, dass es nicht... vom Negativen an der Komödie rüttelt, sondern eben von der positiven Absicht, auf dieser Bay-Story zumindest.
Florian Bayer: Ich würde in den Raum stellen, dass das Stück noch besser funktionieren würde, wenn die A-Story keinen Bösewicht hätte und nicht diese Tragik Und nicht dieses Missverständnis.
Johannes Franke: Aber du brauchst eine Tragik.
Florian Bayer: Ich würde die Tragik weglassen. Echt? würde ich die Tragik weglassen. In diesem Stück, das Komödiantische so stark ist und so gewaltig ist, dass die Tragik ein bisschen reingepfropft wirkt, auch weil Claudio und Hiro so blasse Charaktere sind.
Johannes Franke: Aber die beiden, also jetzt Benedikt und Beatrice, brauchen auch ernsthafte Momente. Und das bietet diese A-Story für die beiden?
Florian Bayer: Ich finde, für mich ist die A-Handlung so ein bisschen ... Die A-Handlung erinnert uns die ganze Zeit daran, wie toll die Liebesgeschichte der B-Handlung ist. Weil die Liebesgeschichte der A-Handlung so blöd ist.
Johannes Franke: Ja. Übrigens der Titel, nach meinem Dafürhalten, erstaunlich viel mit dem Stück zu tun für Shakespeare's Titel. Benennungen seiner Komödien. Weil wenn du solche Titel hast wie All's Well That Ends Well und Hier As You Like It und Comedy of Errors. Aber das sind ja keine ... Deswegen bringe ich die Titel von Shakespeare immer durcheinander. Weil das Titel sind, die nichts mit dem Stück zu tun haben. Und das war halt damals auch so oft so, dass tatsächlich so Titel für Komödien vor allem in so ... so sprachlichen Bildern, die sowieso in der Sprache gebräuchlich waren, gesucht wurden. Sodass man als Zuschauer sich denkt, ach, das klingt aber lustig. Das hat nichts mit dem Stück zu tun, aber es kommt dir irgendwie familiar vor. Irgendwie hast du das Gefühl, ah, das kenne ich. Und das klingt irgendwie gut und lass uns da reingehen.
Florian Bayer: Cheap Punts.
Johannes Franke: Ja, ja. Irgendwie.
Florian Bayer: Ja, also ich meine... Wenn man böse wäre, könnte man den Titel so interpretieren, dass es ja wirklich das ganze Stück is about nothing, weil irgendwie... Diese ganzen Intrigen sind so albern.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Und es passiert auch nicht wirklich was Schlimmes, es passiert fast was, also es passiert schon was Schlimmes, aber es kommen nicht zur großen Tragödie und es ist alles so, jetzt kann ich nur die deutsche Phrase nehmen, viel Lärm um nichts tatsächlich.
Johannes Franke: Ja, ja, ja, genau.
Florian Bayer: Ja. Aber ich hatte viel Spaß dran. Ich bin kein großer Fan der Shakespeare-Komödie. Sie machen mir Spaß. Es ist Shakespeare letzten Endes. Ich mag seine Tragödien einfach lieber. Aber sie ist toll. Und sie hat Spaß gemacht. Und die Inszenierung war auch großartig. Und ja, vor allem ... Dachte ich die ganze Zeit mal wieder ins Theater gehen und jetzt lass uns endlich unsere Top-Liste machen. Okay, okay. Moment, Moment, Moment. Achtung, seid ihr bereit? Seid ihr bereit? Jetzt kommt nämlich der Jingle, den Johannes komponiert hat. Auf drei, zwei, eins. Toll, oder? Hast du ihn dir auch vorgestellt? Weil wir spielen ihn natürlich nicht live ein. Der wird nachher in der Audio reingeschnitten. Hast du ihn dir aber auch trotzdem so vorgestellt und tatsächlich kurz die richtige Pause genommen dafür?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das war ein eindeutiges Nein.
Johannes Franke: Top 3. Theater trifft Film. Schön. Ein gutes Thema. Wer hat sich das ausgedacht? Ja. Weißt du, ich möchte kurz... Theater. Theater... Stücke, die seit Jahrhunderten immer wieder neu inszeniert werden. Das erste Mal, dass mir das aufgefallen ist, so sehr, so stark ... Das hat einen unglaublichen Vorteil Filmen gegenüber, die einmal gedreht werden und ist gut. Ich meine, es gibt so Remakes und so, aber da gibt es vielleicht drei Filme.
Florian Bayer: Ja, definitiv. Beim Film gibt es meiner Meinung nach auch viel zu wenig Filme, die Freude an eine Neuinterpretation.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Weil, wenn es Remakes gibt ... Es gibt viele Remakes. Wenn du Leute fragen würdest, würden die meisten sagen, die letzten zehn Jahre gab es viel zu viele Remakes. Weil alles irgendwie ... das erfolgreich war, und das ist der springende Punkt, kriegt irgendwann ein Remake spendiert, wenn's älter als 20 Jahre ist oder 30 Jahre oder manchmal auch nur älter als 10 Jahre. Oder wenn es aus einem anderen Land kommt und die Amerikaner wollen noch ein Remake drehen. Das Problem dabei ist, dass es zum einen darauf zielt, dass die Firmen, die erfolgreich waren, ein Remake kriegen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dass diese Remakes meistens unfassbar feige sind.
Johannes Franke: Ja. Ja, ja, weil sie versuchen, versuchen, diesen Erfolg irgendwie abzuschürfen, aber ohne eine eigene neue Idee.
Florian Bayer: Oder im schlimmsten Fall passen sie es noch mehr an die Bedürfnisse eines Mainstream-Publikums an. Was mir jetzt einfällt aus den letzten zehn Jahren, ist das Remake von Oldboy. einen koreanischen Film, der echt krass düster war. Und dann wurde ein amerikanisches Remake gedreht, wo sie einfach alle Ecken und Kanten abgeschliffen haben und wirklich einen laschen Film gemacht haben. Es gibt ein paar positive Gegenbeispiele. Ich würde mir viel mehr wünschen, dass filmische Remakes gemacht werden. die wirklich nochmal neue Ideen bringen und das machen, was das Theater halt macht. Neu inszenieren und komplett neue Ästhetik, komplett neue visuelle Reize. Naja, das Problem ist tatsächlich, dass unter Filmfans auch Remax so einen schlechten Ruf haben, was auch daran liegt.
Johannes Franke: Dabei hast du so eine schöne, weißt du, Shakespeare bietet dir so eine Fülle an Möglichkeiten und hat so viele schöne Möglichkeiten dir hingelegt. Die einfach jeder, wo sich jeder bedienen kann und sagen kann, ich leg jetzt meinen Fokus darauf, ich leg jetzt meinen Fokus darauf. Und es gibt so viele Filme, bei denen das eigentlich auch so ist. Bei denen du so viele Möglichkeiten hast, wo du sagst, ah, guck mal, aber lass uns doch mal auf die und die Sache mehr Wert legen und das neu inszenieren nochmal.
Florian Bayer: Was ganz interessant ist, weil gerade zumindest was klassischer Rahmen betrifft, gibt es ja durchaus... Gerade Shakespeare gibt es unzählige Verfilmungen. Und jedes Jahrzehnt hat seine Shakespeare-Verfilmungen, die auch noch mal komplett... aber auch meistens sehr klassisch sind. Wenn Shakespeare inszeniert wird, wird selten... Wenn Shakespeare in Filmen inszeniert wird, wird selten zum Beispiel das Ganze im 20. Jahrhundert verpflanzt. Was Aufführungen, Theateraufführungen ganz oft machen. Was zum Standardrepertoire gehört, dass du dein Bühnenbild nach 21. Jahrhundert aussehen lässt oder komplett anders. Und das passiert im Film ganz selten, wenn Shakespeare inszeniert wird, dann meistens klassisch. Oder wenn sie es mal eine andere Zeit verpflanzen, dann bloß nicht zu weit nach vorne, sondern eher, keine Ahnung, sowas wie... diese letzte Macbeth-Verfilmung von 2015, wo sie das, glaube ich, ins Mittelalter gepackt haben. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber irgendwie so, also es ist so ... Ja, sie trauen sich nicht so ganz, das mit Shakespeare zu machen, was die Bühne mit ihm macht. Mir fällt gerade nur Romeo und Julia ein und so ein Hamlet-Film, der in der Rave-Szene spielt, aber sonst fällt mir nicht viel ein.
Johannes Franke: Es gibt von Much A Do But Nothing was.
Florian Bayer: Hab ich gesehen. Von einem guten Regisseur auch.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ich hab den Namen gerade nicht im Kopf. Joss... Joss Whedon. Joss Whedon?
Florian Bayer: Ja. Ja.
Johannes Franke: Der hat das bei sich zu Hause gemacht.
Florian Bayer: Genau, das sah total spannend aus. Bin ich auch drüber gestolpert, als ich gesucht habe.
Johannes Franke: Ich habe ihn nicht gesehen, noch nicht. Ich muss ihn aber noch gucken.
Florian Bayer: 2012, ein Jahr nach der Aufführung, die wir gerade besprochen haben. Und Joss Whedon ist natürlich vor allem deswegen spannend, weil der hat viel gemacht. Er hat unter anderem an Toy Story mitgeschrieben. Der hat... an Cabin in the Woods von 2012 mitgeschrieben. Er hat einige Marvel-Filme inszeniert, z.B. Avengers und Avengers Age of Ultron. Und wenn ich jetzt ganz schnell die Filmografie finde, kann ich noch mehr nennen. So, Filmografie, Joss Whedon. Als Buffy, Buffy, Buffy.
Johannes Franke: Ich kenne ihn von Buffy. Ursprünglich kenne ich ihn wirklich von Buffy.
Florian Bayer: 1992, das ist der... Film, nicht die Serie.
Johannes Franke: Hat er nicht an der Serie auch mitgearbeitet?
Florian Bayer: Vielleicht auch.
Johannes Franke: Doch.
Florian Bayer: Kann gut sein.
Johannes Franke: Also, weil den Film, da wüsste ich jetzt gar nicht, ob ich den wirklich gesehen habe.
Florian Bayer: Television, ja, du hast recht. Buffy. Ja, okay. Ah, krass.
Johannes Franke: Ich kenne ihn von Buffy.
Florian Bayer: Er hat 25 Episoden geschrieben, aber nur bei einer Regie geführt. Er hat bei Roseanne mitgeschrieben.
Johannes Franke: Oh.
Florian Bayer: Bei Firefly hat er bei The Office in einigen Episoden richtig geführt. Ja, er hat einiges gemacht. Und auch als Co-Writer bei X-Men und Thor. Also offensichtlich hat er ... Ja, mit den Superhelden hat er es anscheinend. Hm. Ja, vor allem mit den Superhelden.
Johannes Franke: Ja, genau. Also ich finde jedenfalls das Theater sehr viel... Natürlich ist Theater freier, weil du nicht ein Box-Office von 100.000 Millionen haben musst. Du hast eine Spielzeit von ... 50 Vorstellungen, wenn es richtig gut läuft. Und das war's.
Florian Bayer: Die Kosten eines Theaterstückes im Vergleich zu den Kosten eines Films. Boah. Wenn wir uns auf die großen Bühnen mal bewegen. Wenn wir sagen, das, was da stattgefunden hat, für... Gesamtkosten. Das heißt, wir nehmen Proben, Kulissen, Inszenierung, alles zusammen. Wie verhält sich das zu einem Film? Kannst du dazu eine Nummer nennen? Kann man das vergleichen? Wo sind wir da? Sind wir beim Independent-Film? Sind wir mehr? Sind wir bei mehreren Millionen?
Johannes Franke: Also wir sind bei einem Independent-Film In Deutschland.
Florian Bayer: Nein, nicht in Deutschland. Pass auf, wir sind jetzt in England. Das ist eine englische Inszenierung. Lass es uns mal mit dem klassischen Kino made in USA oder meinetwegen auch made in GB in UK vergleichen.
Johannes Franke: Dann geht das schon gar nicht mehr.
Florian Bayer: Was kostet so eine Institution? 5 Millionen, wenn du alles nimmst?
Johannes Franke: Theaterinszenierung? 5 Millionen? Viel zu viel.
Florian Bayer: So eine große Inszenierung? Also ich meine, sie haben große Darsteller, sie haben eine große Bühne, sie haben bestimmt viele Leute da drin, die sie jeden Abend beherbergen.
Johannes Franke: Ich kann es dir echt nicht sagen, ich bin ganz schlecht mit sowas. Aber ich glaube 5 Millionen ist viel zu viel.
Florian Bayer: würde mich tatsächlich interessieren, was so eine Produktion frisst.
Johannes Franke: Also ich hätte jetzt spontan 500.000 gesagt.
Florian Bayer: Okay.
Johannes Franke: Aber das ist nur mein spontanes, ich habe keine Ahnung.
Florian Bayer: Meine spontane Schätzung wäre 5 Millionen, das ist auch meine spontane, ich habe keine Ahnung Schätzung. Weil ich denke, man hat halt... Sachen, die wegfallen, die beim Film anders sind, aber dann für ganz viele Sachen, die dazukommen, weil du hast halt dann allamtliche Inszenierungen, wo du sehr viele Angestellte hast. Also gerade weil du halt einfach Gäste hast. Du hast Barbetrieb, du hast Garderobe, du hast Licht und Ton und Ausstattung und so weiter und das dann für mehrere Abende.
Johannes Franke: Das hast du jeden Abend, genau.
Florian Bayer: Interessant, das wäre mal was Spannendes zum Recherchieren, was so ein Ding kostet. Gerade die Aufführung jetzt zum Beispiel, die man so als Top-Notch-UK-große Theater, große Aufführung nehmen könnte. Was kostet so ein Ding?
Johannes Franke: Das ist wirklich spannend. Es ist natürlich wahnsinnig schwer zu sagen, weil du nicht wissen kannst, wie viele Vorstellungen Sie gespielt haben. Ja. Das heißt, du kannst nur die Kosten nehmen und das hätte ich jetzt auch gemacht bis zur Aufführung. Also bis zum ersten Mal spielen.
Florian Bayer: Ja. Aber gerade das kannst du ja beim Theater nicht. Also wenn du Gesamtkosten nehmen willst, dann willst du ja auch die Kosten nehmen. Das ist schon richtig.
Johannes Franke: Ja, ja. Hm.
Florian Bayer: Werde ich vielleicht mal recherchieren in der freien Minute, weil es mich tatsächlich interessiert. Aber jetzt Theater, Film.
Johannes Franke: Theater, Film.
Florian Bayer: Soll ich loslegen?
Johannes Franke: Ich muss mir meine Liste aufmachen. Ah ja, ich habe wieder keine Nummern vergeben.
Florian Bayer: Sehr klassisch.
Johannes Franke: Dann fang du mal an.
Florian Bayer: Ja, meine Nummer drei, Theater trifft Film. Ich habe versucht, alles einmal unterzubringen. Also einmal abgefilmtes Theater, einmal Film über Theater und einmal Film mit Theaterstilmitteln.
Johannes Franke: Beeindruckend. Wow.
Florian Bayer: Danke.
Johannes Franke: Ja, aber das ist doch krass.
Florian Bayer: Film über Theater, meine Nummer 3, ist das Regiedebüt von Charlie Kaufman aus dem Jahr 2008, Synecdoche, New York.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ein wahnwitziges, größenwahnsinniges Projekt sowohl der Film als auch das Thema des Films. Und zwar inszeniert Charlie Kaufmann die Geschichte eines Theaterregisseurs. Der beschließt, sein Leben zu einem Theaterstück zu machen ... Und zwar in einer leerstehenden Lagerhalle in New York. baut er New York nach, engagiert Schauspieler und fängt an, mit denen zu proben, engagiert auch einen Schauspieler, der ihn selbst spielen soll. Und der soll ihm dann auf Schritt und Tritt folgen. damit er quasi sein Leben aufsaugen kann, damit er sich in die Rolle reinfühlen kann. So richtig klassisches Method-Acting.
Johannes Franke: Geil.
Florian Bayer: Aber es ist Charlie Kaufman, das heißt ... Realität und Fiktion verschwimmen mehr und mehr. Es gibt kein Theaterstück. Dieses Theaterstück wird nicht aufgeführt. Es geht um den Bau der Kulissen, um die Proben und das ist total größenwahnsinnig. Und der Film selbst ist aber auch so größenwahnsinnig. Und sehr surreal, sehr merkwürdig. Einfach ein Meisterwerk, einer meiner liebsten Filme der 2000er Jahre.
Johannes Franke: Klingt total nach typisch Kaufmann.
Florian Bayer: Ja, es ist auch typisch Kaufmann, es ist halt sein Regie-Debüt. Und es ist nochmal so ein bisschen entfesselter Kaufmann. In seinen Arbeiten mit Spike Jonze zum Beispiel ... ist viel mehr Humor drin. Und wenn man diesen Film sieht, merkt man, dass Spike Jonze oder die anderen Regisseure, mit denen er gearbeitet hat, viel Humor reingebracht haben in seine Filme. Ja. Weil der Film ist deutlich düsterer, deutlich tragischer und deprimierender als die anderen Filme. Hat auch seine lustigen Momente, auch seine bizarren Momente. Und er ist deutlich surrealer und konfuser.
Johannes Franke: Mhm, okay. Spannend. Ich glaube, den muss ich mal gucken, weil ich habe sowieso so eine große Lücke, so eine Kaufmannlücke, von der ich sehr schmerzlich weiß, dass ich sie... Dass ich sie brauche eigentlich, dass ich das mögen würde, was da alles auf mich wartet.
Florian Bayer: Sehenswerter Film und Ja, Kaufmann ist ja immer so ein bisschen Masturbation. Seine Filme sind ja immer so Auseinandersetzungen mit seinem Inneren und seinem Seelenleben.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Und der ist noch mal besonders krass, weil er halt niemanden hatte, der ihm Fesseln anlegt.
Johannes Franke: Okay, cool. Okay, das war dein Platz drei. Ja. Ich habe keine weiteren abgefilmten Inszenierungen auf der Liste.
Florian Bayer: Mhm.
Johannes Franke: Mein Platz drei ist Birdman. Bei Birdman, also der Film tut so, als wäre er in einem durchgedreht mit einer Kameraeinstellung. Man hat das Gefühl, dass nicht ein einziges Mal geschnitten wird. Mhm. was dem Ganzen natürlich eine wahnsinnige Kraft gibt. Dann hat er wahnsinnig viel Aufwand mit Special Effects betrieben, um die Kamera aus... aus dem Spiegel raus zu retuschieren, wo die Kamera eigentlich hätte sein müssen. Sodass du es schaffst, Perspektiven zu ermöglichen, die eigentlich nicht gehen, wo du wirklich da sitzt als Zuschauer und sagst, oh, was ist das denn? Weil man sieht das sonst nicht. Und spielt natürlich mit diesem Theater... Der Typ, der in einer Inszenierung ist und dann zum... Zum Birdman wird, den er eigentlich spielen soll. Den er gespielt hat. In dem alten Film. Richtig, den er gespielt hat und der immer sozusagen ihm nachhängt. Ja, einfach, der hat eine wahnsinnige Kraft, der Film.
Florian Bayer: Mit Michael Keaton, der hat der besten Rolle seines Lebens wahrscheinlich.
Johannes Franke: Ja, aber auch die anderen Schauspieler. Ja. Wirklich, wirklich, wirklich toll. Der von Fight Club? Edward Norton. Edward Norton, genau. Ja, auf jeden Fall. Und er spielt im Theater, die ganze Zeit im Theater. Und er geht nur einmal ... Draußen aus dem Personaleingang raus und vorne wieder rein? Oder wie ist das? Ich weiß nicht mehr ganz genau. Nackt rum, ja.
Florian Bayer: Und das fand ich total spannend, dieses Katakomben. Man sieht viel zu selten in Filmen das hinter der Bühne.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: er läuft so oft durch diese Katakomben und vorbei an den Garderoben und an seinen Mitschauspielern, Mitschauspielerinnen und es ist total spannend, weil dieser Film eigentlich so ein Pfad hinter der Bühne ist die ganze Zeit. Ja.
Johannes Franke: Wirklich, wirklich schön. Und ich mag sehr, sehr, sehr, sehr gerne die Szene, wo sie tatsächlich proben. Und verhandeln, was wie passieren soll. Und das ist nicht für den Film gemacht vom Gefühl her. Ich als Schauspieler gucke mir das an und denke mir, ja, ist genau so. Ja, und es ist toll, weil oft machst du das ja für ein Publikum. Dann sagst du, ja, und dann wird das, passiert da irgendwie so ein hochdramatischer... Erarbeitungsprozess, den wir jetzt für das Publikum zuschneidern und das irgendwie so erzählen, obwohl es gar nicht so ist eigentlich. Aber es ist genau so. Und das ist toll.
Florian Bayer: War auch ein ziemlicher Überraschungsabräumer bei den Oscars 2014. Bester Film, beste Regie. Bestes Original-Drehbuch.
Johannes Franke: Wow, krass, Mann.
Florian Bayer: Und beste Kamera. Und Michael Keaton war nominiert als bester Darsteller, aber hat nicht gewonnen. Und Edward Norton und Emma Stone waren als Supporting-Act. Dingen nominiert. Ja, super.
Johannes Franke: Emma Stone ist sowieso auch großartig. Ja, ist sie.
Florian Bayer: Ja, dein Platz Nummer... Platz zwei, jetzt kommen wir zum Abgefilmten. Die Zauberflöte aus dem Jahr 1975 von Ingmar Bergmann. Ach, Ingmar Bergmann dreht... inszeniert Mozarts Zauberflöte auf der Bühne und dreht es ab. Und zwar eine sehr klassische Inszenierung eigentlich. Und es ist auch, es macht keinen Hehl daraus, dass es abgefilmtes Theater ist. Wir sehen Publikum, das finde ich total toll. Er filmt Bei einigen Stücken filmt er ins Publikum, auch auf Kinder zum Beispiel, die das gucken und fängt ihren Blick ein, wie sie reagieren. Also wir haben ganz viele Reacting Shots.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es ist größtenteils abgefilmtes Theater, ähnlich wie ... In diesem Fall, wie in Machu Do About Nothing. Aber es bricht manchmal raus und manchmal geht es in die... geht es so weit nach hinten, dass klar ist, wir sind jetzt nicht mehr auf einer Bühne so wirklich. Jetzt bewegen wir uns irgendwie so in Kulissen, die nicht für ein Theaterpublikum sind, sondern für ein Filmpublikum. Wird ganz selten gemacht, wird sehr vorsichtig eingesetzt, hat aber, wenn es passiert, einen tollen Effekt, weil man sich plötzlich von der Bühne reingezogen fühlt in die Handlung. Und noch mal ein ganz neues Gefühl hat für die Zauberflötenhandlung.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich bin kein großer Operettenfan.
Johannes Franke: Aber ich mag die Zauberflöte tatsächlich sehr gerne.
Florian Bayer: Ja, das ist schön. Dann musst du das mal schauen. Ich mag das auch total. Ich glaube, er lässt seine Darsteller schwedisch singen.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und ich habe da vor allem lebhafte Erinnerungen dran, weil ich das als Kind geguckt habe, weil mein Vater davon so begeistert war und mein Vater hat immer versucht uns mit Hochkultur. zu quälen und hat uns das dann vorgeführt. Und ich fand es bestimmt auch ein bisschen kacke, aber ich Weiß auch Sachen, die ich einfach schön fand und auch Sachen, die ich wirklich bewegend fand und die mich auch wirklich mitgerissen haben. Hat auch dazu geführt, dass ich mir den Film jetzt noch mal gekauft habe.
Johannes Franke: Ah.
Florian Bayer: Und auf meiner Liste habe, ich hab so einen Stapel an DVDs, Blu-rays, die ich irgendwie noch gucken will. Und da liegt er relativ weit oben mittlerweile. Und ich freue mich auch richtig drauf, den zu sehen. Das wird bestimmt noch mal so ein kleiner nostalgischer Trip.
Johannes Franke: Ach, schön. Cool, das war ein guter Platz 2. Platz 2 bei mir, Limelight. Limelight ist ein Chaplin-Film. Charlie Chaplin, Charles Chaplin in diesem Falle wieder, weil er schon richtig erwachsene Filme gemacht hat und von seinem Slapstick-Zeug. Es geht um einen Clown, der verarbeitet im Grunde seine Lebensstory so ein kleines bisschen mit. Einen alternden Clown, der nicht mehr gefragt ist auf der Bühne.
Florian Bayer: Wir sind beim Tonfilm?
Johannes Franke: Wir sind beim Tonfilm. Und er rettet eine Frau, die sich umbringen möchte, eine junge Frau.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: und kümmert sich um sie und gibt ihr irgendwie Zeug und sie ist auch am Theater und ähm Und sie versucht ihn, weil sie das so tragisch findet, dass er so ... so sang- und klanglos verschwindet, obwohl er mal so bekannt und so berühmt und so wahnsinnig gefeiert war für seine Sachen. Versucht sie für ihn nochmal so einen Abend zu organisieren, an dem alle nochmal kommen und ihn toll finden.
Florian Bayer: Das klingt total schön. Habe ich nicht gesehen.
Johannes Franke: Und da gibt es eine ganz tolle Szene mit Basta Keaton zusammen.
Florian Bayer: Oh!
Johannes Franke: Die beiden zusammen in einem Film, es ist nur eine Szene, aber er kommt, Buster Keaton spielt Klavier Und er fiedelt. Also Chaplin. Und es ist eine ganz großartige Szene. Ich liebe diese kleine Szene, die sie da... Ja, ganz herzzerreißender Film. Wirklich toll. Habe ich jetzt lange nicht gesehen, deswegen stammle ich so ein kleines bisschen, weil ich nicht mehr... Alles so ganz genau weiß.
Florian Bayer: 1952, also ich habe es gerade aufgemacht, ich kenne den Film nicht und er klingt direkt so, als müsste ich ihn unbedingt auf meine Liste setzen.
Johannes Franke: Unbedingt, unbedingt. Ganz, ganz, ganz, ganz toll.
Florian Bayer: Okay, cool.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Schön. Mein Platz 1 könnte sich mit deinem Platz 1 überschneiden. Mein Platz 1 ist Dogville aus dem Jahr 2003 von Lars von Trier. Wir sind bei Filmen, der sich Theatermitteln bedient und dennoch sehr filmig rüberkommt. Und gerade bei dem Film ist es besonders krass, weil sowohl was Ästhetik betrifft, als auch was Inszenierung betrifft, ist er eigentlich ganz nah dran am Prächtchen-Theater, könnte man schon fast sagen, aber auch nur fast. Das ist minimalistisch, die Bühne und die Häuser sind nur aufgezeichnet in Aber dann inszeniert Lars von Trier so, dass du komplett drin bist im Geschehen. Und ich würde sogar behaupten, es ist sein filmigster Film, weil das ist eigentlich kurz nachdem er dieses Dogma 95 Ding gemacht hat, wo alles sehr dokumentarisch war und sehr trocken. Und dann inszeniert er mit so viel Pathos und so viel Gewalt, im wahrsten Sinne des Wortes. dass es total mitreißend ist und dass du nichts mehr von diesem Prächtchen-Verfremdungseffekt hast, sondern einfach, du bist voll drin und emotional aufgewühlt. Und dass das funktioniert, dass man so ... vermeintlich diese Bühne hat, die als Bühne identifizierbar ist, mit Häusern, die nur aufgezeichnet sind. Und dann bist du plötzlich trotzdem voll im Geschehen drin. Krass. Ist dein Nummer eins auch?
Johannes Franke: Ne, ist nicht meine Nummer eins, aber nur deswegen, weil ich wusste, dass ich bei dir Aber wirklich, weil Mandalay war doch auch eine Fortsetzung.
Florian Bayer: Mandalay war die Fortsetzung, sollte eigentlich eine Trilogie werden und Mandalay war aber nicht erfolgreich, fand ich auch nicht so gut. Und deswegen hat er es dann, glaube ich, gelassen, hat sich einfach um andere Sachen gekümmert.
Johannes Franke: Aber es ist wirklich, wirklich beeindruckend.
Florian Bayer: Einer der besten Filme von Lars von Trier, der echt viele gute Filme gemacht hat.
Johannes Franke: Absolut, ich stimme dir absolut zu. Und wie gesagt, ich habe noch was mit reingebracht, damit die Diversität noch gewahrt bleibt. Sehr gut. Mein Platz 1, sein oder nicht sein.
Florian Bayer: Ah, ja. Und zwar das Original. Okay, Lubitsch.
Johannes Franke: Bei Lubitsch kommt bei mir, finde ich, die Not des Theaters noch mehr raus als bei dem Remake. Obwohl natürlich im Remake, du kommst nicht drum rum, die Not des Theaters zu erzählen, aber da ist es irgendwie, finde ich es stärker.
Florian Bayer: Ja. Ich habe stärkere Erinnerungen an das Remake, weil ich das öfter gesehen habe. Und weil ich das auch als erstes gesehen habe vor dem Original.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und deswegen würde ich behaupten, also wenn ich mit einem Film mehr verbinde, dann verbinde ich eher mit dem Remake mehr, aber ich sollte das Original einfach auch nochmal gucken und vielleicht die Filme gegeneinander halten.
Johannes Franke: Ja, vielleicht. Spannend, auf jeden Fall. Ganz toller Film über die... Willst du das kurz zusammenfassen? Du bist besser darin.
Florian Bayer: Na, also der Film ist von 1942, wurde in den USA inszeniert ... Und spielt tatsächlich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und zwar in Polen, soweit ich weiß. Und es geht um ... Die Gruppe spielt halt irgendwie so eine antifaschistische Komödie und soll das dann aber absetzen und dann spielen sie stattdessen Hamlets und der Hauptdarsteller Dessen Frau hat eine Affäre.
Johannes Franke: Die Szene des Films.
Florian Bayer: Und wenn er den klassischen Monolog macht aus Hamlet, sein oder nicht sein ... dann trifft sie sich mit dem, mit ihrer Affäre, weil sie genau weiß, ähm,
Johannes Franke: Genau in dem Moment, wo er auf die Bühne geht und sein oder nicht sein sagt, haben sie besonders viel Zeit, weil er dann auf der Bühne ist, wenn ich das richtig ernähre.
Florian Bayer: Ja, genau, weil so ein langer Monolog. Und er findet es aber voll kacke, dass der Typ immer aufsteht.
Johannes Franke: Steht genau an dieser Stelle, steht immer dieser Typ auf und geht.
Florian Bayer: Er fühlt sich nicht respektiert.
Johannes Franke: Ganz toll. Genau.
Florian Bayer: Und dann viel drumherum und es ist eigentlich auch eine Auseinandersetzung mit der... Freiheit der Kunst, mit der Freiheit des Theaters.
Johannes Franke: Genau.
Florian Bayer: Und das wird alles rumgesponnen um diese Geschichte von der Affäre und von dem Schauspieler auf der Bühne, der damit nicht klarkommt und gilt als Klassiker und ich muss den unbedingt auch mal wiedersehen. Das ist echt lange her, dass ich den gesehen habe.
Johannes Franke: Ja. Dann spielen sie doch auch eigene Rollen. Also dann müssen sie sozusagen im Leben, im wahren Leben Rollen aufsetzen, um das Theater zu retten. um sich selbst zu retten. Ich weiß nicht mehr genau, wie das dann vonstatten geht, aber sie spielen quasi im wahren Leben die Rollen ihres Lebens, um sich zu retten.
Florian Bayer: Ja, genau. Vor den Nazis. Genau, weil die Nazis dann in Marschau einmarschieren und ihn... Ja, genau. Jetzt krieg ich's.
Johannes Franke: Ja, es ist schwierig. Es ist auch wirklich ein sehr komplexes Ding, fand ich immer. Vielleicht ist auch das Original deswegen für mich noch eindrucksvoller, weil es einfach näher an der... realen Welt dran. Also es ist von 42. Es ist von 42 und ganz drin im Grunde.
Florian Bayer: Ernst Lubitsch war ein Migrant aus Deutschland, der geflohen war. Er war Jude und war aber, nee, er war nicht geflohen. Jetzt bin ich bei Wikipedia. Er war schon 1922 in die USA ausgewandert. Aber 1922 ist er sehr früh, da wusste er noch gar nicht, was da ist. Er ist einfach ausgewandert, wie viele in der damaligen Zeit. Und Hat aber natürlich sehr hellhörig betrachtet, was da in Deutschland vor sich geht. Und genau, das war dann ja auch schon die Zeit des Krieges.
Johannes Franke: Also hast du quasi einen Film aus erster Hand, weil der so nah an der Realität dran ist, die gerade passiert.
Florian Bayer: Und ein ähnliches Schicksal übrigens wie Chaplin mit seinem Diktator. Er hat Probleme gehabt, Geldgeber für den Film zu finden. Warum? Als er den inszeniert hat im Jahre 1941. war das noch nicht so, dass die Nazis so offen angegriffen wurden aus den USA. Und Chaplin hatte ja auch das Problem, dass sein Diktator nicht gespielt wurde in einigen Kinos, weil die gesagt haben, wir haben zu viele Drogen. solche Zuschauer können wir nicht machen. Und offensichtlich hatte Lubitsch auch ähnliche Probleme. Schwierigkeiten, das Geld zu kriegen für den Film. Und ... Ja. Hm.
Johannes Franke: Jetzt haben wir schon wieder eine Stunde und 40 Minuten geredet.
Florian Bayer: Uff, wir sind aber auch durch, ne?
Johannes Franke: Plur, wenn wir jetzt nicht viel rauskürzen, das werdet ihr dann hören und wenn ihr abgleicht, wo ihr
Florian Bayer: Ja, das hatten wir bei der letzten Folge auch schon überlegt haben zu kürzen. Genau. Da wurde auch ein bisschen gekürzt und dann sagst du irgendwann noch so nach 59 Minuten. Flo, wir haben schon eine Stunde, zehn Minuten. Sehr viele Zuschauer sind da kopfkratzend. Wo sind diese zehn Minuten, die ihr uns gestohlen habt?
Johannes Franke: In diesen zehn Minuten war ich auf Toilette, haben wir neuen Tee eingegossen. Hat der Affe in unserem Kopf Pling, Pling, Pling, Pling, Pling gemacht, wie bei Homer.
Florian Bayer: Schlusswort.
Johannes Franke: Much Ado But Nothing. Eine der großartigsten Inszenierungen, die ich jetzt gesehen habe von diesem Stück. Natürlich habe ich bei weitem nicht alles gesehen, was man vielleicht sehen sollte. Es gibt bestimmt ganz viele andere, ganz tolle Inszenierungen davon. Ich bin einfach froh, dass es dieses Stück in der Form gibt, weil es mit diesem B-Plot einfach für mich einfach ganz, ganz, ganz großartig an so eine Liebesgeschichte rangeht.
Florian Bayer: Das nehme ich total gerne als wunderschönes Schlusswort, dass ich es unterstreichen kann. Ich habe kaum was davon ... Ich habe vielleicht eine Much-to-about-nothing-Inszenierung gesehen, wahrscheinlich irgendwann mal so ... In jungen Jahren. Und ich fand diese Inszenierung toll. Ich mag den B-Plot. Ich fände den A-Plot langweilig, aber das ist egal, weil der B-Plot im Vordergrund steht und Spaß macht.
Johannes Franke: Schön. Vielen Dank, dass du es geguckt hast.
Florian Bayer: Ja, danke, dass du es mir gezeigt hast. Das war wirklich eine Bereicherung.
Johannes Franke: Schön, das freut mich. Das ist ja das Ziel des Ganzen.
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Dann machen wir jetzt eine Pause und reden dann nochmal drei Stunden über das Nächste. Ja.
Florian Bayer: The Fall von Tarzan Sing nach der Pause.
Johannes Franke: Dann bleibt dran. Bis gleich.
Florian Bayer: Bis gleich.
Johannes Franke: Da sind wir wieder. Wir haben Pause gemacht. Gar nicht so viel wie sonst. Du hast immer sonst nochmal dreimal drei Zigaretten geraucht und ich war auf Toilette.
Florian Bayer: Ich rauche jetzt einfach, während wir aufnehmen.
Johannes Franke: Ich komme damit zurecht. Möchtest du noch Tee?
Florian Bayer: Oh ja, sehr gerne.
Johannes Franke: Möchtest du vielleicht auch dann einmal erzählen, was wir jetzt machen?
Florian Bayer: Wir schauen uns. Wir haben uns The Fall angeschaut. Oder was meinst du?
Johannes Franke: Jaja, wir haben uns The Fall angeschaut von Tarsem Singh.
Florian Bayer: Und ich werde einfach mal vorlesen, was ich geschrieben habe. Eine kleine Einführung. The Fall von Tarsem Singh aus dem Jahr 2006 gehört ein wenig zu den vergessenen Fantasy-Perlen der frühen 2000er Jahre. Von der Kritik wurde ihm damals vorgeworfen, zu eskapistisch, zu sehr auf visuelle Reize aus zu sein. und in den folgenden Jahren wurde kaum noch über ihn geredet. Nicht zuletzt auch, weil Singh als Regisseur nicht mehr groß in Erscheinung getreten ist. Dabei gehörte Fall zu den schönsten Vertretern einer filmischen Gattung, die in den letzten 10 bis 15 Jahren immer wieder durch herausragende Produktionen aufgefallen ist. Das Loblied auf die kindliche Fantasie. In einer Geschichte, die sich tendenziell eher an Erwachsene richtet. Für den düsteren, erwachsenen Ton sorgt in diesem Fall der Protagonist Roy. Ein Stuntman, der nach einem schweren Unfall am Set und dem Verlust seiner Freundin in einem Krankenhaus in Kalifornien der 1920er Jahre dahin vegetiert. Er hat jede Hoffnung und jeden Lebensmut verloren.
Johannes Franke: Entschuldigung, mein Handy hat reagiert.
Florian Bayer: Alexa, lass uns in Ruhe. Das ist dir schon aufgefallen, weil wenn das passiert, sagen wir was anderes. War das Google? Es war Google, ne?
Johannes Franke: Es war Google.
Florian Bayer: Hat Google einen Namen?
Johannes Franke: Nee, du musst okay Google sagen. Halt die Schnauze, ich sag's dir.
Florian Bayer: Aber Google braucht keinen Namen wie Siri oder wie Alexa, sondern es ist einfach nur okay Google.
Johannes Franke: Ja, es ist einfach nur okay Google.
Florian Bayer: Er hat jede Hoffnung und jeden Lebensmut verloren und will sich mit einer Überdosis Morphium das Leben nehmen. Um an diese zu gelangen, will er eine Mitpatientin, die 5-jährige Alexandria, ein Kind rumänischer Einwanderer, das sich bei der Arbeit auf einer Orangenplantage den Arm gebrochen hat, ausnutzen. Sie soll ihm die weggeschlossenen Medikamente für seinen Freitod beschaffen. Um sie auf seine Seite zu ziehen, beginnt er ihr, eine eklektische Geschichte von fünf Abenteurern zu erzählen, die unterwegs sind, um den tyrannischen Gouverneur Odious zu stürzen. The Fall bleibt allerdings nicht bei der Erzählung von Roy stehen. Alexandria beginnt sich in die Geschichte einzumischen, um deren Brutalität und Düsternis, verursacht durch Reus Depressionen, aufzubrechen. Es entspinnt sich ein faszinierender Zweikampf zwischen dem naiven Kind und dem lebensmüden Stuntman um die narrative Hoheit in dem entworfenen Märchen. Das alles inszeniert in visuell beeindruckenden, pittoresken und opulenten Bildern. Sind diese so dominant, dass Plot und Subtext verloren gehen? Oder steckt in diesem Film doch mehr als eine als ein bloßer Bilderreigen eines in seinen Fantastereien-Amok laufenden Werbefilmers. Was denkst du, Johannes?
Johannes Franke: Ja, sehr gute Frage, sehr gute Frage. Lass uns das am Ende beantworten. Bitte lass uns zu dieser Frage zurückkehren, die ist spannend.
Florian Bayer: Ja. Erste Frage an dich, Plur.
Johannes Franke: Habe ich das nur verpasst oder verrät uns der Film bis zum Schluss nicht, wer dieser Typ ist, was ihm widerfahren ist? Ich habe nicht verstanden am Anfang, was eigentlich ... Ich höre zwischendurch, dass der Arzt ihm sagt, du kannst dich nicht einfach umbringen wegen der Frau.
Florian Bayer: Mhm.
Johannes Franke: Da weiß ich, okay, der wollte sich umbringen wegen einer Frau.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Hat er deswegen sein Bein gebrochen? Weiß ich nicht, keine Ahnung. Ich kriege am Anfang eine opulente Szene in Schwarz-Weiß. wo ich denke, oh, worum geht's? Geht's um einen großen Raubzug, Überfall auf eine... Eisenbahn oder wird da jemand gerettet oder ist da irgendwas Schlimmes passiert? Ich weiß es nicht. Es wird mir auch nicht genauer erzählt, was jetzt eigentlich passiert ist. Und das, was danach folgt, schließt für mich in keiner Form an. Also ich kann das nicht in Verbindung bringen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich komme damit klar. Ich finde es okay. Ich finde es visuell auch spannend. Ich fand den Anfang sehr reizvoll visuell. Aber inhaltlich kann ich ihn nicht verknüpfen. Ja. Ähm... Und jetzt die Frage, habe ich das nur verpasst oder hat irgendjemand mal gesagt, dass das ein Stuntman war, der die Beine gebrochen hat bei einem Unfall?
Florian Bayer: Es wird im Laufe der Handlung gesagt, aber es wird nicht einfach so platt eingeführt. Der Charakter ist am Anfang im Krankenhaus. Es wird... viel im Verborgenen drüber geredet. Also so um die Ecke. Wir sehen oft auch Gespräche aus der Perspektive des Kindes eigentlich Ich habe jetzt Roy zum Protagonisten gemacht, aber eigentlich ist Alexandria die Protagonistin. Und ihre Erlebniswelt und auch ihre Eindrücke der Realität ... Und deswegen kriegen wir auch nur bröckchenweise Informationen, was mit diesem Mann geschehen ist. Weil wir es einfach durch ihre Augen sehen. Und sie kennt sich überhaupt nicht aus mit Stuntmen und mit Filmen. Er erzählt ihr ja am Anfang, dass er für Filme arbeitet. Und sie versteht das überhaupt nicht. Also er sagt Pictures und sie ist okay, Bilder. Und dann konkretisiert er nochmal Moving Pictures und versucht es zu erklären. Und wir merkten, dass sie ein Kind ist, das überhaupt keinen Kontakt damit hat. Das liegt nicht nur an der Zeit, das sind die 1920er Jahre. Kino hat noch einen gewissen Exotenstatus. Aber es liegt... Auch vor allem daran, dass sie einfach mal Kinderarbeit macht. Sie arbeitet auf einer Orangenplantage.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und sie hat sich auch offensichtlich beim Orangenpflücken den Arm gebrochen. Ja, es wird... Wirklich peu à peu und tröpfchenweise wird uns erzählt, was er gemacht hat. Aber es wird alles erzählt. Wir erfahren ... erfahren von ihm, dass er einen Film macht und wir erfahren von ihm auch irgendwann, dass er sein Geld damit verdient, dass er fällt und dass er springt. Und Diese Verknüpfung mit den Anfangsszenen kommt dann natürlich auch, wenn Sie ganz am Schluss seinen Film gucken, wo diese eine Szene ist. ist, wo er auf das Pferd springt und wo klar ist, okay, ist er dieser Stuntman? Dann erzählt sie auch nochmal und sie hat die Filme gesehen und da hat sie ihn immer wieder erkannt, wie er was abgekriegt hat auf den Kopf.
Johannes Franke: Beziehungsweise sich immer vorgestellt hat, dass jeder Stunt von ihm gemacht wurde, was vielleicht nicht unbedingt der Fall war.
Florian Bayer: Ich glaube schon viele. Also er hatte ja tatsächlich gesagt, das sind meine Stunts und ich bin ein Stuntman. Und das stimmt, der Film fällt überhaupt nicht mit der Tür ins Haus, was seine Protagonisten sind, was sie antreibt.
Johannes Franke: Und auch nicht, dass sie das eher verlassen würde von der Frau für irgendeinen anderen Typen.
Florian Bayer: Genau, das wird auch so nach und nach erzählt.
Johannes Franke: Das kommt auch irgendwo eingetröpfelt und ich habe vieles davon verpasst.
Florian Bayer: Du hast es verpasst tatsächlich. Ach, das ist schade. Ich muss dazu sagen, ich habe den Film jetzt natürlich auch schon mehrmals gesehen. Ja, das ist halt das Ding. Das gehört zu den Filmen, die ich gerne wieder sehe. Weil er mich damals wirklich beeindruckt hat beim ersten Sehen. Und gerade weil er eben so in dieses Genre fällt ... kindliche Geschichten oder kindliche Fantasie und deren düsteren Seiten. Und da gibt es mittlerweile wirklich eine ganze Handvoll hervorragender Filme. Ja. Und ich finde, er gehört immer noch zu den Stärksten. Und er macht das auf eine ganz starke Art und Weise, gerade weil er uns ... in diese Perspektive des Kindes entführt und auch teilweise reinzwingt. Und auch diese Naivität, die das Kind hat, in seiner Vorstellung ... in den Vordergrund rückt. Also eine wirklich schöne Sache, die ganz banal ist, ist, dass der Roy, wenn er seine Geschichte anfängt, von dem Indien erzählt. Und Roy ist ein Western-Stuntman. Er hat offensichtlich in vielen Western, die damals viel gedreht wurden, gespielt ... Und natürlich meinte ein Indianer, sie kennt überhaupt keine Indianer. Sie hat keine Vorstellung davon, was das sein soll. Sie kennt kein Kino und wenn du 122 lebst, kennst du keine Indianer, wenn du nicht... irgendwo in der Nähe eines Reservates lebst. Und deswegen stellt sie sich einen Inder vor, weil ein Inder bei ihr auf der Orangenplantage arbeitet.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und das fand ich so einen netten Twist. Und von diesen Twists gibt es mehrere, dass er Sachen erzählt und sie das nicht richtig versteht.
Johannes Franke: Und sie macht halt ihre Sache draus.
Florian Bayer: Sie macht ihre Geschichte draus. Und davon lebt der Film. Wir haben drei Perspektiven. Wir haben zum einen die Perspektive von Roy. der dieses Märchen entwirft und der dabei total eklektisch vorgeht. Er sammelt einfach wild zusammen. Er ist kein Geschichtenerzähler. Und dann nimmt er halt das, was er kennt. Dann sagt er, okay, da kommt Charles Darwin vor. Das ist der Wissenschaftler, der mit dem Affen unterwegs ist. Und dann haben wir einen Indianer und... noch einen Sklaven, also offensichtlich irgendwie so zusammengeklaubt aus der Geschichte und packt sich selbst noch als Banditen mit rein. Und sie macht dann daraus ihr naives Märchen. Und die dritte Figur, die dann natürlich auch drin ist, unfreiwillig ist der Regisseur, der darüber seine opulenten Bilder spannt. Weil die Bilder, die wir sehen in dem Film, sind nicht nur die Bilder, die sie sieht. Sondern das sind auch einfach die Bilder von Tarsem Singh. Und das sind natürlich krasse Bilder. Und das sind auch erschlagende Bilder. Und das sind eskapistische Bilder. Und das ist natürlich einfach mal so ... hey, was haben wir visuell drauf? Womit kann ich das Publikum reizen? Und das ist Ich weiß ja nicht, wie du es empfunden hast, aber das ist natürlich das, was total hervorsticht, diese krassengewaltigen Aufnahmen.
Johannes Franke: Absolut. Wenn man dem Film nichts abgewinnen kann, aber das ist es hundertprozentig. Also ich kann dem Film mehr abgewinnen als nur das, aber es ist wirklich... Selbst wenn man in der Geschichte nichts anfangen kann oder überhaupt nichts versteht, du guckst dir das an und denkst so, wow. Ja. Genau. Crazy Shit, Alter. Wahnsinn.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich Tassim Singles Werbefilmer gewesen. Und er hat, wie gesagt, nicht viel inszeniert. Also das selber so sein größter Film und auch sein erfolgreichster Film, der bei der Kritik komplett durchgefallen ist, auch zu Recht.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Hast du den gesehen?
Johannes Franke: Nee, aber ich habe eine kleine Kritik dazu gesehen und die fiel nicht gut aus. Das ist, ich muss dir der Kritik auch zurecht geben, auch wenn sie natürlich biased ist, wenn ich mir das angucke, das erste Mal, wenn gleichzeitig jemand sagt, dass das scheiße ist, dann finde ich das natürlich auch scheiße.
Florian Bayer: Kritik gelesen oder zu The Cell?
Johannes Franke: To The Cell.
Florian Bayer: Ah, okay. Weil The Cell war wirklich kein guter Film. Der ist visuell auch total beeindruckend. Da macht er genau dasselbe. Allerdings ist die Story Mist. Das ist ein Mystery-Thriller mit Jennifer Lopez. Die nicht das Schlechteste an dem Film ist.
Johannes Franke: Oh, genau.
Florian Bayer: Aber Jennifer Lopez hat auch ein, zwei Mal ganz gut gespielt. In Out of Side war sie ganz gut. Aber genau, es ist ein Film mit einer schwachen Story und es ist so eine typische Mystery-Thriller-Serienkiller-Geschichte halt mit diesem Twist, dass sie in die ... in den Kopf dieses Killers reißt und dann gibt es diese beeindruckenden Bilder da und die sind auch wieder toll. Aber der Film ist Müll.
Johannes Franke: Aber im Grunde ist es doch das gleiche Konzept, oder? Du hast eine reale Welt und dann das eigentlich große opulente Fantasy-Element. Genau. Und dann versuchst du irgendwie ... Versucht er den Realismus irgendwie, weiß ich nicht ganz genau, versucht er den Realismus wirklich realistisch dann darzustellen, um dann den Eskapismus produzieren? bringen zu können? Oder wie ist das?
Florian Bayer: Naja, seine Bilder in der realen Welt sind ja auch schön inszeniert und beeindruckend inszeniert. Also ich meine, es spielt zwei in diesem Krankenhaus. Und das ist eher ein trister Ort. Aber er findet ja trotzdem immer wieder so Szenen, die visuell reizen, diese Schattenspiele, wenn sie irgendwas durch die Tür buchen. beobachtet, da fällt Licht ein bisschen rein, dann sehen wir sich nur in Schatten bewegen, wenn sie den Typen, der die Röntgenaufnahmen macht, sieht und der für sie wie ein Ritter aussieht und dann auch in Zeitlupe kommt und durch den Raum stolziert. Und sie hat total Angst vor ihm und versteckt sich. Die Realität ist auch permanent durchflossen von dieser kindlichen Vorstellungskraft.
Johannes Franke: Das wäre auch ein kleines bisschen meine Kritik, muss ich sagen, meine erste Kritik.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Weil ich das Gefühl habe, er hat sich nicht entscheiden können. Er konnte nicht aus seiner Haut. Entweder ich mache ... diesen Kontrast auf von Realität und Fiktion und versuche, die beiden sich an einer, also einander informieren zu lassen, du weißt schon, sich gegenseitig zu befruchten. Aber dann musst du halt auch ... dann kannst du aus einem Schlüsselloch keinen Projektor machen. Die Idee ist total süß, dass durch das Schlüsselloch das Licht fällt und plötzlich wie so ein Filmprojektor dass das Pferd auf dem Kopf irgendwie da an der Wand hängt. Ja. Finde ich total toll. Aber er wird ja dann abgefahren, noch abgefahrener, wenn er in die Traumwelt reingeht und dann irgendwie, weiß ich nicht, dann hätte ich vielleicht mir gewünscht, dass er den Kontrast durchzieht.
Florian Bayer: Ich glaube, es geht dem Film nicht um Kontrast von Realität und der Fantasie. Weil der Film die Perspektive des Kindes einnimmt. Und das Kind sieht die Welt einfach mit den Augen eines Phantasten. Das Kind sieht immer merkwürdige Dinge und fantastische Dinge. Und sehr vieles ist für das Kind neu. Deswegen macht es für das Kind auch keinen Unterschied in der Bedrohungslage. ob da jetzt ein Kind, ein anderes Kind geröntgt wird von einem komischen Typen mit einem Metallhelm auf dem Kopf, wie es halt damals einfach aussah.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: oder ob da düstere Ritter kommen. Das ist beides gleich erschreckend. Und dieser ... Diese Fluidität zwischen realem Erleben und fantastischem Erlebnis. Das, finde ich, hat der Film getroffen und das kaufte ihm auch ab, dass das auch sein Ziel war, dass er nicht die Realität irgendwie als harten Kontrast machen wollte. zu der Fantasie. Das ist eher das, was zum Beispiel auch ein Film, der in diese Gattung fällt, Pan's Labyrinth. Das ist ein Film, der das gemacht hat. Der hat die Realität auf der einen Seite, Hartkrieg und dann die Fantasie auf der anderen Seite und auch da überlappen sie sich ein bisschen, aber es gibt einen deutlicheren Cut zwischen der Fantasiewende. Welt und der realen Welt.
Johannes Franke: Da fand ich es sehr, sehr gut gemacht. Das Labyrinth war großartig.
Florian Bayer: Naja, der ist... Also was diese Gattung Film betrifft, gehört Pranzlabyrinth natürlich zu den Referenztiteln, die immer wieder erwähnt werden. Ich finde tatsächlich The Fall ... ist für mich auf einer Ebene mit Panzer-Behrendt. Und ich kann auch nicht verstehen, dass ihm so viel vorgeworfen wurde, dass er so eskapistisch wäre. Ich finde, er trifft die kindliche Wahrnehmung teilweise viel besser, eben weil er diese Naivität immer wieder ins Spiel bringt, dieses Unschuldige, das das Kind hat. Das hat Pan's Labyrinth, der auch eine ältere Protagonistin hat, ein bisschen... ein bisschen verzockt, indem er zu sehr dem Kind auch einen düsteren Blick auf die Welt gegeben hat. Und dieser Film schafft es besser, das naive und das düstere parallel existieren zu lassen und auch immer wieder miteinander ringen zu lassen.
Johannes Franke: Ich verstehe, das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht, was die Kehrseite der ganzen Sache ist. ist, dass die Geschichte, die er erzählt, die dann in der Fantasiewelt erzählt wird,
Florian Bayer: Die ist so konfus. Nicht nur die Geschichte in der Fantasiewelt.
Johannes Franke: Ja, nicht nur die Geschichte in der Fantasiewelt.
Florian Bayer: Was du zur Realität gesagt hast, das stimmt auch total. Die Inszenierung... Ich glaube, die Art des Erzählens ist teilweise, ich glaube, man könnte clumsy sagen im Englischen, tollpatschig. Es stolpert so ein bisschen hin und her. Es hat keine klare Stringenz. Und ich glaube, das ist auch eine Schwäche von Tarzan Singh. Dass er nicht klar, kohärent inszenieren kann. Es passt halt in diesem Film so gut. weil die Wahrnehmung des Kindes auch keine Kohärenz hat. Und die Geschichte, die er sich zusammenwürfelt, die hat auch keine Kohärenz. Er improvisiert, er will an das Morphium. Er will nichts anderes als diese scheiß Tabletten haben. Und natürlich fängt er dann an zu überlegen, was mache ich denn jetzt? Okay, pass auf, da sind fünf Leute, da ist Darwin. Und da ist der Sprengmeister. Und man merkt das Improvisierte, merkt man dieser Geschichte an. Und das finde ich auch wiederum stark, weil es ist ... Es ist natürlich ein komplett durchinszenierter Film, aber dadurch, dass das so ein bisschen tollpatschig, ein bisschen stolpernd wirkt, hat es diesen Improvisationscharme, den so eine Geschichte hat.
Johannes Franke: Aber an irgendwas möchte ich als Zuschauer mich festhalten können. An irgendwas will ich mich langhangeln. Irgendein roter Faden oder irgendein, es kann auch ein Tau sein, aber irgendwas, wo ich... einmal festhalten kann und sagen, vertrauen kann, der schiebt mich über alles, durch alles durch und ich habe die Möglichkeit, Zu verstehen, wo er hin will oder wo ich gerade bin in der Geschichte oder was. Du brauchst so ein paar Stationen wenigstens, an denen du Etappen und das Gefühl hast, du kommst voran in dem Film. Aber du kommst in diesem Film eigentlich nicht wirklich... etappenweise voran, sondern du hast das Gefühl, du bist irgendwo verloren, erzählerisch. Finde ich, ich bin irgendwie die ganze Zeit verloren gewesen erzählerisch, was mich irgendwann auch genervt hat. Ja, neben der anderen Sache, die mich genervt hat, von dem wir auch noch reden müssen. Aber lass uns mal ganz kurz wenigstens einmal würdigen, dass dieses Kind so toll ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Dieses Kind spielt super.
Florian Bayer: Die Fünfjährige.
Johannes Franke: Das war, glaube ich, sechs, als das gedreht wurde.
Florian Bayer: Das ist großartig.
Johannes Franke: Und sie haben genau das gemacht, was man mit Kindern machen muss. Sie drauf losreden lassen. Also ich weiß nicht, wie es tatsächlich war, aber das Gefühl, was mir der Film vermittelt ist. Die haben... Zwar Text gegeben, aber ihr einfach, sie hat manchmal Textstellen vergessen, dann ist sie ihr später nochmal eingefallen, dann hat sie sie nochmal gesagt und dann hat sie sie vielleicht nochmal... später eingebaut oder weiß ich nicht, sie sollte sich da so durchhangeln. Und sie haben sie einfach gelassen. Sie haben nicht gesagt, nee, Katz, der Text war so.
Florian Bayer: Sie haben Versprecher von ihr, haben sie teilweise Indie-Story mit eingebaut. Ja. Dieses Ding mit dem Morphin, wo sie das eher als eine 3 liest. Das haben sie einfach, das fanden sie witzig und haben das reingelassen, haben das sogar zu einem wesentlichen Story-Element gebracht. gemacht, nämlich, dass sie ihm am Anfang erst mal nur drei Morphium-Tabletten bringt, weil sie gedacht hat, Morphin-free. Und dann fragt ihr, was hast du mit den anderen gemacht? Naja, die hab ich das Klo runtergespült. Und sie haben teilweise ... Sie hatten wenig Crew am Set, wenn sie mit ihr gedreht haben. Und sie haben ... sie soweit es ging in dem glauben gelassen, dass Roy sich tatsächlich nicht bewegen kann. Dass der tatsächlich ans Bett gefesselt ist. um ihr diesen Rahmen zu geben, dass das glaubwürdig ist, dass sie das glaubwürdig spielen kann, dass sie ... dass er von ihr abhängig ist. Und das hat wirklich offensichtlich gut funktioniert. Schön.
Johannes Franke: Ja, weil sie ist wirklich wahnsinnig authentisch. Das ist fast gar nicht zu toppen, wie authentisch die ist. Ja, ich weiß nicht, ich glaube, sie haben nicht so wahnsinnig viel Schauspieltraining mit ihr durchgemacht. Ich glaube, das hätte sie eher blockiert. Ich glaube, sie haben sich einfach machen lassen und es ist super. Es hat super funktioniert, auch wenn ich sie oft nicht verstehe.
Florian Bayer: Das gehört aber auch dazu. Sie ist halt auch ein kindrumänischer Einwanderer. Also die Rolle, die sie spielt, kann nicht gut Englisch und kann nicht gut reden. und lispelt und nuschelt sich was zurecht und versteht auch teilweise nur die Hälfte. Wenn du nach einem roten Faden suchst, für mich ist der rote Faden ganz klar die Beziehung zwischen Roy und Alexandria.
Johannes Franke: Ja. Und
Florian Bayer: Das wird auch in dieser Geschichte wieder gespiegelt, dass Roy ist lebensmüde und Roy will sterben und Roy hat eigentlich keinen Kopf für eine schöne, putzige Geschichte. Schichter. Und das ist ja... Und dadurch ist das... Das Spiel in der Geschichte ist eigentlich permanent dieses Spiel zwischen ihnen beiden. Teilweise... Zuerst ist sie nur passiv, dann fängt sie irgendwann an mit ihm zu kooperieren in der Geschichte und irgendwann wird die Geschichte auch zu einem Kampf zwischen den beiden.
Johannes Franke: Ja und sie steigt mit in die Geschichte ein.
Florian Bayer: Sie steigt mit in die Geschichte ein. Das ist der Kampf. Sie sagt jetzt, okay, es gibt diesen Moment, wenn die fünf Helden gefangen genommen sind. Und er sagt, es gibt keine Hoffnung und alles ist verloren. Und dann sagt sie, nein, doch, wir müssen da raus. Pass auf, ich bin's, deine Tochter. Und dann kommt sie aus diesem Sack raus, der da stand. Und dann ist sie in der Geschichte drin. Und dann rettet sie ihn.
Johannes Franke: Und er wollte so verzweifelt sterben, auch in der Geschichte. Und sie kommt halt, nee, nee, das ist auch meine Geschichte. Ja. Sagt sie, verbalisiert sie ja auch. Das ist auch meine Geschichte.
Florian Bayer: Und es ist nicht nur diese Szene, das ist schon ganz am Anfang. Wir haben diese fünf Helden, die unterwegs sind und der Dieb der zuerst, als ihr Vater inszeniert wird. Und dann sagt sie, mein Vater ist aber tot. Und dann sagt er, okay, dann bin ich das jetzt. Und dann schreibt Roy sich selbst in die Geschichte, weil ihr Vater tot ist. Und sie wollen eigentlich, er will seinen Bruder retten. Und parallel passiert im Krankenhaus, dass Roy will, dass sie seinen Zeh anfasst, weil er wissen will, ob er noch was spürt im Bein, weil er hat irgendwie Angst, dass er nicht mehr laufen kann. Und dann sagt sie, ich habe deinen Zeh angefasst und er glaubt ihr nicht und ist dann sauer auf sie. Und deswegen macht er der Geschichte ein schlechtes Ende. Und deswegen lässt er den Bruder hängen. Das ist diese Szene, wo sie ihm den Zeh anfasst und sagt, ich hab dein Zeh angefasst. Und er ist total sauer, er hat nichts gespürt. ziemlich angefasst, du hast gelogen. Okay, ich erzähle dir die Geschichte jetzt weiter. Sie kommen in den Palast des Bruders an, da hängt der Bruder. Und dann sehen wir das, wie der Bruder quasi geopfert wurde und blutend da hängt. Und diese... Parallelisierung von Realität, von ihrer Beziehung und der Geschichte gibt es ständig, dass er auf sie reagiert. wütend auf sie und deswegen knallt er ja einfach mal so ein krass böses Ende von diesem ersten Subplot dahin.
Johannes Franke: Also es ist auch ganz toll gemacht, wie sie dann bei dem ersten Erzählen fragt sie... Warum? Weil der König Alexander das Wasser ausschüttet. Genau. Und sie fragt, hä? Warum? Wenn er gerecht wäre, würde er jetzt jedem ein kleines bisschen Wasser geben. Und die Transition von Geschichte, der Visualisierung der Geschichte und ihr... Das ist toll, weil...
Florian Bayer: Der Wachmann fragt ihr warum.
Johannes Franke: Genau, mit ihrer kindlichen Stimme quasi. Das finde ich schön. Solche kleinen Dinge macht er immer mal wieder und das finde ich wirklich eine tolle Idee.
Florian Bayer: Da gibt es auch diese Beerdigung von seinem Bruder dann, von Roy. von den Banditen in der Geschichte und er sagt, ich werde jetzt Odios vernichten und alles Spanische. Und dann schnitt zu ihr, wie sie sagt, ich dachte, der wäre spanisch. Nein, er ist französisch. Und dann redet er kurz mit französischem Akzent weiter. Also es ist ständig auch, wenn er... in seiner Geschichte durcheinander kommt, was ihm halt auch passiert, weil er diese Tabletten hat und weil er durcheinander ist und kaputt ist, dann hinterfragt sie das auch. Und er versucht, die Geschichte ad hoc anzupassen. Ich finde, diese Momente sind total toll und davon lebt... lebt halt auch diese Fantasy-Geschichte. Natürlich hat sie diese opulenten Reize und diese komplett chaotische Story, die keine richtige Story ist.
Johannes Franke: Ja ...
Florian Bayer: Aber sie lebt davon, dass sie halt ständig hinterfragt wird und dass ständig das, was zwischen ihr und ihm passiert, in diese Geschichte mit eingeflochten wird. Wenn er wütend auf sie ist, wird die Geschichte düster. Wenn er verzweifelt ist, wird die Geschichte tragisch. Und wenn sie keinen Bock mehr darauf hat, dann wird die Geschichte noch mal kurz heroisch oder kriegt sogar eine ironische Note.
Johannes Franke: Aber ich finde, dass all das, all diese tollen Ideen man auch so inszenieren können, dass man eine fokussiertere Story hat.
Florian Bayer: Du meinst jetzt vor allem diese Fantasy-Geschichte.
Johannes Franke: Ja, das ist das Fantasy-Element. Also zu dem Rest kommen wir später. Aber das Fantasy-Element, das war für mich einfach... irgendwann anstrengend, weil ich nicht mehr wusste, was, wie, wo, wer, ach, das habt ihr jetzt geändert, okay.
Florian Bayer: Also das ist ja eine ganz banale Geschichte, ne? Die beiden sind unterwegs, um den bösen Gouverneur zu töten. Treffen unterwegs auf eine Frau, in die sich der Bandit verliebt. Die Frau stellt sich als der Verlobte des Gouverneurs heraus. Und er will sie deswegen töten, aber dann heiraten sie. Und dann schließlich beschließen sie den Gouverneuren... zur Strecke zu bringen und brechen bei ihm ein. Und dann bricht das Chaos aus.
Johannes Franke: Und so eine simple Geschichte, mich dann noch zu verwirren, das musst du erst mal schaffen.
Florian Bayer: Ich glaube, es ist zum Teil wirklich der Tollpatschigkeit der Narration von Tarsem Singh verschuldet. Ich glaube aber auch, dass es teilweise Konzept ist. Oder zumindest passt es einfach zu dem Rahmen der Geschichte. Es passt wie Arsch auf einmal, dass sie ... Dass das eine Geschichte ist, die ein lebensmüder Typ im Krankenhaus einem kleinen Mädchen erzählt, das ihn ständig unterbricht und ... dass die Geschichte auch ständig ändert und dass diese Geschichte ständig angepasst wird.
Johannes Franke: Es kommt aber noch dazu, dass ja in den Fantasy-Elementen So viel Symbolik und so viel hochtrabendes, intellektuelles Hier.
Florian Bayer: Hat der so viel Intellektuelles drin?
Johannes Franke: Ja, naja, also zumindest in den Bildern versteckt er so viel, wo du dich dann... fragen sollst, was bedeutet es. Ich weiß nicht. Ich habe den Film, muss ich dazu sagen, Ich habe den Film mit Maya zusammen.
Florian Bayer: Hat Maya gelästert.
Johannes Franke: Maya saß die ganze Zeit neben mir, ist auf und ab gehüpft und hat gesagt, interpretier mich, interpretier mich, ich bin cool. Kunst? Ich bin Kunst.
Florian Bayer: Das ist nur, weil Maja die Duck-Walker-Kritik zu The Cell geguckt hat. Da macht Duck Walker das. Ja, ja. Maya hat zu viel Channel Awesome geguckt.
Johannes Franke: Und ich muss aber Maya an manchen Stellen einfach Recht geben. Ich mag das. Ich mag Kunst. Ich mag, wenn man Bilder sieht, die man nicht komplett versteht. Ich mag auch das Gefühl von ... Ich muss nicht alles erzählen, aber manchmal war es doch ein bisschen dolle.
Florian Bayer: Ich fand tatsächlich, bei Dassel, geb ich dir total recht, da hat er versucht, einmal so ... Ich mache jetzt Psychoanalyse. Guckt euch die Bilder an. Hier ist das Trauma, hier ist das Bild. Versteht das, versucht das zusammenzubringen. Ich finde, er macht das überhaupt nicht in diesem Film. Diese Bilder sprechen einfach für sich und zwar in dem Sinne, dass sie, und das ist ja auch das, was ihm viel vorgeworfen wurde von der Kritik, dass sie einfach nur purer Eskapismus sind. Dass sie einfach nur auf die visuelle Kacke gehauen sind. Ich habe da nicht große intellektuelle Anspielungen gesehen, sondern einfach nur wunderschöne Bilder. Wenn der Priester... der sie verrät, böse lacht. Und dann gibt es den Schnitt auf die Wüstenszene, wo sie liegen. Aber das wird von dem Gesicht des Priesters auf die Wüste geschnitten. Das ist cool. Antlitz hat.
Johannes Franke: Das ist ganz toll.
Florian Bayer: Ja, aber das muss man nicht interpretieren. Das ist keine groß symbolische Kunst.
Johannes Franke: Darum geht es auch nicht.
Florian Bayer: Und wenn die Tänzer dann bei der Hochzeit da rumtanzen und er vorher einmal gewedelt hat und dann wedeln die Tänzer auch so. Ich finde, da gibt es keine großen doppelten Böden, sondern dem Film geht es da einfach um die schönen Bilder.
Johannes Franke: Naja.
Florian Bayer: Was es natürlich gibt, es gibt diese Anspielungen auf reale Persönlichkeiten. Also Herr Charles Darwin zum Beispiel... dabei, was ganz süß ist, der den Affen namens Wallace hat. Das soll Alfred Russell Wallace sein, der auch Evolutionsbiologe war und der mit Darwin ... sich viel ausgetauscht hat und der eigentlich so der zweite große Evolutionsbiologin neben Darwin war und von der Geschichte so ein bisschen vergessen wurde.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Aber auch, weil er sich irgendwann zum Spiritisten und zum religiösen Menschen entwickelt hat. Oh, okay. dann von Darwin und den anderen Evolutionstheoretikern so ein bisschen verstoßen wurde. Dann gibt es den Sklaven, den nennt er Otter. Das ist inspiriert von Otterbänger, einem einem Afrikaner, kurz gucken woher der ursprünglich kam, von einem Sklavenhändler verkauft wurde für die Völkerschau von New York im Jahr 1906 und der später traurige Bekanntheit erreicht hat, weil er in New York im Zoo ausgestellt wurde, im Affenhaus, zusammen mit einem Orang-Utan. Und im Käfig. Und dann irgendwann gab es ganz große Proteste von verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen.
Johannes Franke: Und...
Florian Bayer: Er durfte sich dann irgendwann im Zoo frei bewegen, hat das aber auch total kacke gefunden und hat dann wohl auch angefangen, sich mit Besuchern anzulegen und war ziemlich aggressiv. Ist dann schließlich komplett raus und war kurze Zeit wieder zurück in Afrika, hat aber da keinen Anschluss gefunden und hat dann in Amerika weitergearbeitet zu den verschiedenen kleinen Jobs. Irgendwie so eine total traurige Geschichte von einem modernen Sklaventum in Verbindung mit Rassismus, mit völkischem Denken. Aber auch diese Anspielungen sind jetzt nicht besonders intellektuell, sondern es ist so ganz klar der Roy, der Geschichtenerzähler, nimmt halt Personen, die er irgendwie so im Kopf hat, an die er sich erinnert. Er hat offensichtlich mal von Darwin gehört, wer hat das nicht.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Er hat von diesem Uta Benga gehört, das war halt auch in der Zeit damals, also es war damals einfach eine Berühmtheit, die man kannte, wenn man ein-, zweimal Zeitungen gelesen hat. Und er baut die in seine Geschichte ein. Aber das waren für mich keine großen Symbolismen. Das ist für mich kein, schau mich an, ich bin ein Kunstwerkding, sondern einfach nur ... Ja, wenn jemand eine Geschichte improvisiert, wenn ich BLA eine Geschichte improvisiert erzähle, dann bediene ich mich auch bei allem möglichen, was mir einfällt. Dann ist da auch Indiana Jones, der im Star Wars Universum rumhüpft oder so.
Johannes Franke: Es gibt eine Stelle, wo so Vögel aus dem Mund fliegen. Ja. Das ist das arzi-fazi-ste, was ich jetzt aufgeschrieben habe. Aber das ist auch so eine Stelle, wo man denkt, ja, ja, ja.
Florian Bayer: Es muss nicht groß interpretiert werden. Und zwar nicht in dem Sinne von, es ist so Realismus, sondern einfach, es ist ein Bild, ein spannendes Fantasy-Bild.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich meine, es ist doch viel öfter die Knallhart dieses kindliche Ding reingehauen. Zum Beispiel ... wenn sie den Zauberspruch lernt, mit dem man das Böse verschwinden lässt. Der Zauberspruch geht googly, googly, googly. Weil der alte Mann hier sagt, es gibt diesen Zauberspruch, damit machst du alles wieder gut. Das ist googli, googli, googli. Google. Und dann merkt sie sich den und dann wird der auch in diese Geschichte eingeflochen. Und Also ich finde, da ist einfach der Punkt, wo man sieht, dass ich diese Geschichte selbst nicht zu ernst nimmt und nicht große intellektuelle Kunst sein will, sondern einfach mal die Geschichte eines kleinen Kindes mit einem Erwachsenen.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Wenn die Schwester Nies zum Beispiel, oder noch besser, wenn die, wenn die, wenn, ähm, Es gibt einmal diese Szene, wo sie niest. Und dann wird auch tatsächlich kurz in der Geschichte genießt. Und dann gibt's die Geschichte, wo er die Prinzessin rettet, also der Bandit, der Roy ist. Und er redet dann mit ihr und sagt, hey, ich weiß, dass du den Priester mit Orangen ... Nee, sie sagt zu ihm, ich hab ... heimlich den Priester mit Orangen beworfen, sagt die Prinzessin in der Geschichte. Und das ist natürlich eine Anspielung auf das kleine Mädchen, weil das den Priester mit Orangen beworfen hat und das Mädchen sagt dann auch Nee, das habe ich nicht gemacht. Wie kommst du denn darauf? Das stimmt doch gar nicht. Es ist einfach niedlich. Es wird diese... Dieses Kindliche wird die ganze Zeit reingeflochten und nein, ich sehe da keine große, sieht mich an, ich bin... intellektuelle, surreale Kunst oder kryptische Kunst, sondern ich seh da einfach nur, ich bin ein schönes Bild und ich bin übrigens das Produkt von einem lebensmüden Mann, der diese Geschichte erzählt. und einer kindlichen Vorstellung und naja, hoppla, ungewollt und die ... der opulente Größenwahn von Tarsem Singh, der wundervolle Bilder inszenieren will.
Johannes Franke: Naja, also ich habe das immer mal wieder gedacht. Also ich kann ja halt jetzt außer diese Vögel da aus dem Mund, was, naja, relativ... Ja, das ist nicht so krass, aber mir sind immer mal diese Momente gekommen. Ich habe immer mal gedacht. Ach ja, ja, zu viel, zu viel I am art, it means stuff.
Florian Bayer: Der Film schreit die ganze Zeit, it means nothing. Echt, ja? Ja, I'm art, but... Eskapistische Kunst halt. Einfach Ästhetizismus. Es will vor allem gut aussehen und es will visuell beeindrucken. Tarsem Singh übrigens war Werbung. Werbefilmer, ne?
Johannes Franke: Ja, ja, ja.
Florian Bayer: Und war unterwegs in Europa und hat dann bewusst... Jobs angenommen, die ihn nach Paris gebracht haben und nach Rom. Weil er hat gesagt, er will dieses Zeug, diese Bilder... Will er nicht im Studio drehen, sondern er will Bilder vor Ort haben und hat dann extra die Darsteller aus dem Film besetzt, damit er die günstig nach Europa kriegt. Und das alles für eine Szene, die 30 Sekunden dauert. Es gibt diesen tollen Zeitraffer. unterwegs zu Odeos und dann laufen sie durch die Wüste und durch den Dschungel und dann laufen sie am Eiffelturm vorbei und am Kolosseum und es ist Es ist so eine schöne Szene. Und es ist so übertrieben. Und man kann sich das auch so bildlich vorstellen, wie er da sitzt und das erzählt. Und wie er einfach sagt, und dann kamen sie ja noch an einem großen Turm vorbei. So nach und nach irgendwie so, was ihm halt gerade einfällt, womit er das Kind beeindrucken könnte.
Johannes Franke: Das stimmt. Finde ich toll. Die Darstellung des Schwarzen war mir teilweise... Sehr, sehr knapp an Rassismus vorbei.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das fand ich irgendwie nicht so, ich hab kein richtig konkretes Beispiel dafür, aber ich dachte die ganze Zeit, oh, oh. Jetzt wird es knapp.
Florian Bayer: Ja. Es gibt auch dieses exotistische Moment, wo sie die Eingeborenen zeigen. Ja, ja. Wenn der Mystiker die Karte isst und dann in diesem Ritual geopfert wird.
Johannes Franke: Wobei ich dieses Ritual noch kindlicher Fantasie natürlich... hingeben kann und sagen kann, ja, okay, ja. Das ist, wahrscheinlich hatte ich als Kind sowas auch im Kopf.
Florian Bayer: Wohlwollend könnte man sagen, er kolportiert Vorstellungen der damaligen Zeit über Sklavenhandel und wie schwarz behandelt wurden und Bös will ich vielleicht nicht, aber kritisch könnte man definitiv anmerken, dass er damit natürlich Klischees und Stereotype reproduziert, die eigentlich überholt sind. Also das war halt so ein bisschen mein... Du meinst, dass er so halbnackt rumläuft zum Beispiel? Ja, und wie er sich gebärdet.
Johannes Franke: Und er redet... Wie redet er überhaupt? Er redet ja gar nicht richtig. Und er hat irgendwie so... eine Kommunikationsform, die einfach, wo du denkst, ist das jetzt der Wilde aus dem, weiß ich nicht, was soll das?
Florian Bayer: Ja, eine relativ kleine Rolle, genau. Und er ist der Wilde und er ist nicht sehr zentral. Kann ich verstehen.
Johannes Franke: Naja, es gab sozusagen immer mal wieder so Dinge, die mich da ein bisschen rausgezogen haben, wo ich zu viel angefangen habe nachzudenken, was man ja bei einem Film möglichst nicht mag.
Florian Bayer: möchte. Ja, gerade bei dem Film, der natürlich so ein Film ist, der eigentlich will, dass man sich dem Ganzen hingibt. Genau.
Johannes Franke: Und dann kommen wir zu dem Teil der Realität, der mich auch schwer gestört hat ab einem bestimmten Punkt. Es wird irgendwann zu einem Jammerfilm.
Florian Bayer: Jammerfilm, okay.
Johannes Franke: Der Mensch möchte sterben. Er möchte, dass sie ihm Morphium bringt. Ist okay. Gut. Gute Voraussetzung für einen Film und für eine... für so Situationen, die gerade mit einem Kind keine offenen Konfliktsituationen sind, weil er versucht, sie da reinzutricken. Problem für mich irgendwann, ich will nicht dauerhaft einer Figur zugucken, die eigentlich aufgegeben hat. Ja. Keine Lust als Zuschauer jemanden zuzusehen, der nichts will. Also er will sterben. Aber das Ich will sterben ist noch nicht einmal so stark inszeniert, dass er wirklich... Alles daran setzt, dass er sie immer wieder dazu bringt, das zu holen. Sondern diese Geschichte wird dann übermächtig, sodass ich diesem Strang das... seines Drängens nach Sterben, dass der so klein gehalten wird, dass es mich einfach irgendwann nervt und ich denke, jetzt hör auf zu jammern, Mann. Du bist irgendwo runtergefallen und die hat mal eine Frau gesagt, ich will nicht mehr. Was soll das? Also natürlich, wenn mir die Geschichte erzählen würde, wie das mit der Frau war, Und mir eine emotionale Bindung zu der Frau geben würde, zu seiner Beziehung zu der Frau. Dann könnte ich verstehen, was bei ihm los ist. Dann könnte ich ihm auch folgen. Oder die Wichtigkeit seines Jobs. Er kann nicht mehr als Landmann arbeiten, wenn sein Bein nicht mehr funktioniert. Das ist scheiße. ich muss es erzählt bekommen, um an ihm dran zu sein, emotional dann. Also wird mir nie so richtig eine Möglichkeit gegeben, da anzudocken, Und zu sagen, ach du Scheiße, ich kann voll verstehen, dass der sterben will. Und ich will mit ihm mitfiebern. Schafft das oder schafft das nicht? Also ich muss ja nicht mal sagen, ich will, dass er sterben darf, sondern ich muss wenigstens emotionally invested sein. Und das bin ich nicht.
Florian Bayer: Für mich ist das emotionale Epizentrum nicht seine Geschichte, sondern ganz klar ihre Geschichte. Und das gibt es auch in einem ganz zentralen Moment auch ein bisschen kryptisch erzählt. wirklich im Zentrum des Filmes, nachdem er zum ersten Mal viele Tabletten genommen hat und Und ... Moment, ich muss kurz schauen. Genau. Und zwar, er hat vermeintlich viele Tabletten genommen. Er wollte, dass sie von seinem Zimmernachbarn Tabletten stiehlt. Und es stellt sich dann heraus, dass das nur Zucker war. Und er rastet total aus. Und sie kriegt das ein bisschen mit und ist total traurig. Und ... will dann für ihn noch mal die richtigen Tabletten holen. Und dann gibt es diesen Horrormoment, wo sie den ... wo sie den Ritter sieht, den vermeintlichen Ritter. Und das ist ja eigentlich nur der Mensch, der das Röntgengerät bedient. Und dann greift sie zu dem Morphiumglas und fällt dabei. Und dann fällt sie auf den Kopf und dann gibt es diese Traumsequenz. Und wir erfahren zum ersten Mal so ein bisschen stärker, Zusammen auch mosaikhaft, was ihre Geschichte ist. Und offensichtlich wurden sie in Rumänien von Dieben überfallen. wo sie herkommen. Und dabei ist ihr Vater gestorben. Also man sieht irgendwie, das Haus hat gebrannt. Es sind Diebe. Sie ruft auch Papa, they steal our horse. Und offensichtlich war ein Pferd damals verdammt viel wert, insbesondere da, wo sie gelebt haben. Und man sieht, wie die wütenden Menschen das Haus abbrennen. Das ist so eine Mischung aus Erinnerung und Albtraum. Und dann sehen wir ja auch, wie dieser Puppe das Papier aus dem Kopf genommen wird, das offensichtlich sie ist. Also sie ist gefallen und sie hat irgendwie eine Vision, wie ihr das Gehirn rausgenommen wird. Und für mich ist das emotionale Epizentrum zum einen, dass sie eine viel tragischere Geschichte erlebt hat als er. Du hast vollkommen recht, er ist ein Jammerer. Und er, sein Todeswunsch ist auch sehr merkwürdig ausdekliniert, weil er, genau, er ist halt vom Pferd gefallen, er ist eventuell querschnittsgelähmt. und hat seine Freundin verloren, aber das mit der Freundin verloren ist kein großer relevanter Plot, der spielt eher eine Rolle in der Geschichte. Aber was für mich emotional viel stärker ist, ist, was mit dem Kind passiert. Zum einen, was dieses Kind schon für Scheiße erlebt hat in ihrem Leben.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und wie sie lebt, ich meine, sie arbeitet, sie geht in keine Schule, sondern sie muss auf der Orangenplantage arbeiten.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und zum Zweiten, wie für sie so eine Geschichte eine Möglichkeit ist, rauszukommen und eine eigene Welt aufzubauen. Und wie viel aber auch durch seine Schuld in ihr kaputt gemacht wird, in ihr Angst erzeugt wird. Sie ist ein traumatisiertes Kind. Und in dieser Geschichte erlebt sie ja noch mal fast so was wie eine Traumatisierung. Und ich fand das total stark. Und ich finde am Schluss ... Wenn die letzte Version der Geschichte kommt, werden sie einbrechen. Wird das besonders ... dass man mit ihr mitfiebert und dass man ihr wünscht, dass sie da irgendwie rauskommt, dass sie da irgendwie einen Ausweg findet. Ja, das stimmt, absolut. Also ich ... Ich habe mich total von ihr emotional mitreißen lassen. Und auch in so wenigen Momenten, so kleine Momente, die in Kindern viel auslösen können. Und das ist der letzte Teil der Geschichte, wenn sie in den Palast einbrechen. Und er dann anfängt, er ist betrunken und er ist sauer, dass das nicht geklappt hat mit dem ... mit dem Selbstmord und er ist betrunken und er erzählt ihr, dass die Story nur ein Trick war und sie will unbedingt die Geschichte und er sagt, aber die hat kein Happy End, aber sie will trotzdem die Geschichte und dann fängt ihr an zu erzählen, wie sie da reinstürmt Und dann fängt er an, alle umzubringen. Und ich leide da so mit ihr.
Johannes Franke: Ja, absolut.
Florian Bayer: Und sie gehen zusammen in diesen Palast und einer nach dem anderen wird umgebracht. Und sie sagt, nein, du kannst doch nicht den auch noch umbringen. Was machst du da? Warum lässt du alle sterben? Und er sagt, alle müssen sterben. Und sie sagt, ich mag die Geschichte nicht mehr. Und es hat mich emotional total berührt und bewegt und Ich fand's richtig krass, wie das Kind verletzt wird in der Geschichte und wie das Kind gleichzeitig dagegen aufbegehrt. Für mich war das ein totaler emotionaler Anker. und der ist natürlich in diesem moment am krassesten aber den hatte ich auch vorher schon ich fand ihre geschichte Wie wir so nach und nach erfahren, was sie erlebt hat, wie sie lebt, das hat mich die ganze Zeit gehalten. Ich bin einfach bei ihr, ich bin nicht bei ihm. Ich gebe dir vollkommen recht, dass er rumjammert und dass seine Selbstmordabsichten auch irgendwie merkwürdig sind. Ja, okay, genau, stell dich nicht so an, ist eine blöde Aussage, aber irgendwie ist er einfach nicht der Typ, an dem man sich emotional festhält, aber dafür ist sie das umso mehr. Und das kulminiert in diesem letzten Moment, wenn sie wirklich gegeneinander kämpfen und sie sagt, nein, du kannst doch nicht alle umbringen und er bringt sich trotzdem alle um. Das ist wirklich ein tragischer Moment, der mich total festlegt.
Johannes Franke: Das stimmt. Also ich bin da vollkommen bei dir, wenn es um diese Szene geht, Ich bin voll bei ihr. Sie hat mich auch den ganzen Film von Anfang an, hat mich dieses Kind auf jeden Fall auf ihrer Seite.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Total. Ich leide auch voll mit ihr mit, wenn der Typ alle nach und nach Aber er ist zu präsent und zu wichtig für den Film, als dass ich ignorieren könnte, wie schlimm er da in der Gegend ist. Also wie du sagst, stell dich nicht so an, ist keine Aussage, die man macht. Depressionen oder was auch immer sind ein ernsthaftes und wichtiges Thema und ein Problem, das man nicht wegwischen kann. Aber der Film erzählt das nicht. Der Film erzählt diese Geschichte nicht. Und das ist... Das wird dem also nicht gerecht. Also kann ich da auch nicht andocken. Und dann denke ich die ganze Zeit, ja ... Nee.
Florian Bayer: Da bin ich ganz bei dir. Ich brauche seine Geschichte nicht. Ich muss an seine Geschichte nicht andocken können, weil ich an ihre Geschichte genug andocken kann und vor allem an dieses ... An dieses Gefühl, als Kind eine Vorstellung davon zu haben, wie Geschichten funktionieren, wie Fantasie funktioniert. Und das auch erfüllt, die Erfüllung davon zu wollen. Und dann, was für eine Irritation das auslöst, wenn das nicht erfüllt wird. Und was für eine Irritation das auslöst, wenn man plötzlich mit einer ... Erwachsenenwelt konfrontiert ist und mit Erwachsenenängsten und mit Erwachsenenproblemen. Weil Er ist natürlich, also es ist eigentlich total düster, was da ja auch erzählt wird. Er nutzt sie total aus. Er erzählt diese Geschichte, weil er, er trickst sie eigentlich nur aus, weil er unbedingt die Tabletten haben will. Und wenn das nicht klappt, was er vorhat, dann wird er nochmal richtig arschig und macht hier wirklich albtraumhafte Geschichten. Und sie ist da drin und sie kämpft dagegen und will da raus. Ja, das hat mich einfach bewegt.
Johannes Franke: Ja, ja, also bewegt hat es mich am Ende ja, wie gesagt, eben auch... Ja, mir war das dann insgesamt einfach wirklich... zu konfus, was in der erzählten Geschichte passiert und was im Film an sich passiert, ist ja auch relativ konfus erzählt. Und der Typ hat mich irgendwann zu sehr genervt, dass er sich da wirklich...
Florian Bayer: Ich finde, der Protagonist wird halt eigentlich erst stark dadurch, dass er mit dem Kind interagiert. Es ist die Paarung, also das Kind ist das emotionale Epizentrum des Films. Und der Typ gewinnt einfach in der Paarung mit ihr. Also Erwachsene, Kind-Konstellation.
Johannes Franke: Da gibt es ja auch in der Filmgeschichte ein paar schöne Beispiele. Also als hätten wir es verabredet, haben wir vielleicht auch da eine Bestenliste.
Florian Bayer: Haben wir, haben wir, haben wir.
Johannes Franke: Oh mein Gott. Wie heißt denn die Bestenliste, Plur?
Florian Bayer: Die Bestenliste heißt... Ähm... Ganz, ganz, ganz, ganz klassisch. Ich muss kurz einmal scrollen. Unsere Bestenliste ist heute ... Erwachsenen-Kind-Duos müssen nicht unbedingt Eltern und Kind sein, können natürlich Eltern und Kind sein. Ich habe versucht, tatsächlich auf Eltern-Kind-Konstellationen zu verzichten. Vor allem, weil wir auch schon... Top-Mütter hatten. Ich hatte übrigens bei Kommando kurz überlegt, ob ich eine Top-Väterliste mache. Was? Wäre auch ganz interessant gewesen, so als Kontrast zur Top-Mutterliste. Aber genau, wir haben Eltern-Kind-Konstellationen in jeder... vorstellbaren Variante. Ja, du musst loslegen.
Johannes Franke: Ich muss loslegen. Stimmt, ich muss loslegen. Auf Platz 3, obwohl der Film eigentlich immer auf Platz 1 landen muss ... Aber in diesem Fall, in dem Gespann, ist es auf Platz drei und zwar Jojo Rabbit. Darüber haben wir ja schon mal gesprochen. Ich finde Adolf und das Kind ist ein super Gespann. Ich finde es großartig.
Florian Bayer: Ja, sind sie auf jeden Fall. Wenn ihr mehr zu Jojo Rabbit hören wollt, unsere erste Episode überhaupt, da reden wir sehr lange.
Johannes Franke: Das hat sehr viel Spaß gemacht.
Florian Bayer: Nicht so lange wie jetzt, wie wir im Moment über Filme reden, aber 45 Minuten reden wir über Jojo Rabbit und über die Rolle von Hitler in dem Film und wie Hitler mit dem Film interagiert.
Johannes Franke: Ganz tolles Gespräch.
Florian Bayer: Ich würde heute gerne mal was Ungewöhnliches machen bei meiner Top 3. Ich würde meinen Platz 3 gerne zurückhalten.
Johannes Franke: Oh, okay.
Florian Bayer: Weil ich dir nicht nehmen will, weil ich dir den Platz 1 nicht nehmen will.
Johannes Franke: Ach, weil du da auf meinen...
Florian Bayer: Ich spekuliere darauf, dass mein Platz 3 dein Platz 1 ist und ich würde dich bitten, deinen Platz 2 zu machen. und ich mache dann meinen Platz 2.
Johannes Franke: Das ist sehr interessant, weil Platz 1 und Platz 2 bei mir unsicher sind, welcher wo ist.
Florian Bayer: Okay.
Johannes Franke: Und ich spekuliere jetzt mal darauf, welchen Film du glaubst, dass ich auf Platz 1 habe. Und sage erstmal den Platz 2 The Kid.
Florian Bayer: Das ist mein Platz 3. Verdammt. Den hätte ich dir auf D1 gesetzt. Also hätte ich gedacht, dass du den auf D1 setzt. Okay. Aber ja, The Kid.
Johannes Franke: Ja, ich hätte ihn wahrscheinlich auf die Platze... Es ist ein Teil einfach.
Florian Bayer: Eins sind zwei. Oh, dann bin ich gespannt, was dein Platz eins ist. Dann ist das auf jeden Fall was, was ich gerade nicht auf dem Schirm habe.
Johannes Franke: Nee, das ist vor allem etwas, was nicht in meinen typischen... Chaplin, Buster Keaton, Debbie Reynolds, Dingfeld.
Florian Bayer: Ja, Platz 2. Dein Platz 2, mein Platz 3. The Kid. The Kid.
Johannes Franke: Ein unglaublicher Film. 1921. Doch, 1921. 1921, wow. Ach, was ich alles im Hinterstübchen noch weiß.
Florian Bayer: Gerade mal in Originalfassung 67 Minuten, Neufassung von 1971 gerade mal 53 Minuten.
Johannes Franke: Es ist ein unglaublich toller Film.
Florian Bayer: Jede einzelne Sekunde wert. Fantastisch. Für mich Chaplin, ja, Peak Chaplin.
Johannes Franke: Peak Chaplin, ja, vielleicht. Der ist wirklich, guckt ihn euch an, The Kid, wir sagen nicht zu viel dazu. Er hat einfach ein Kind adoptiert und diese Beziehung zwischen dem Kind und ihm wird einfach dargestellt einmal.
Florian Bayer: Das ist ein klassischer Tramp-Film. Das könnte man auch dazu sagen. Stummfilm. Chaplin ist Trampin. Und wird wunderbar ergänzt durch dieses...
Johannes Franke: Das Kind, was wirklich toll ist. Das Kind musste an einer Stelle weinen. Im Film, also sollte weinen, weil es weggefangen wird, also von Authorities weggezogen werden soll von ihm. Und das Kind soll weinen und es weint und weint nicht. Es kriegt es nicht hin am Set. Und sie haben es zum Weinen gebracht, indem sie gesagt haben, wenn du jetzt nicht weinst, kannst du nicht weiter drehen.
Florian Bayer: Das würde heute, glaube ich, so nicht mehr passieren. Übel.
Johannes Franke: Und allein die Vorstellung davon, dass man nicht mehr mit Charlie Chaplin am Set sein darf, hat ihn zu meinen gebracht. Ja, naja. Okay, dein Platz 2.
Florian Bayer: Genau, dann wäre das jetzt mein Platz 2. Fahrraddiebe. aus dem Jahr 1948 von Vittorio De Sica, ein Klassiker des italienischen Neorealismus. Du guckst mich total fragend an und ich kann nur sagen, schau dir diesen Film an, es ist großartig. Es ist ein Film, der sich ganz stark mit Armut beschäftigt Und ein sozialistischer Film zu sagen, ist vielleicht ein bisschen viel, aber er beschäftigt sich mit der Arbeiterschaft, mit dem Proletariat. Und vor allem mit den Tagelöhnern in Rom. Es geht darum, dass ein... Oh, ich habe ja doch eine Eltern-Kind-Konstellation drin. Antonio, der Protagonist, der erwachsene Protagonist, arbeitet als Tagelöhner, als... Und kriegt einen Job als Plakatkleber und braucht dafür sein Fahrrad und sein Fahrrad wird ihm gestohlen. Und dann ist er mit seinem Sohn in Rom unterwegs, um die Fahrraddiebe zu schnappen, um das Fahrrad zurückzukriegen. Und ich will jetzt auch nicht spoilern, was passiert. Also es ist ein sehr trauriger Film, sehr bewegender Film. Und es ist toll, wie ... wie der Sohn auf seinen Vater blickt und wie der Vater auf seinen Sohn blickt. Weil das wird nach und nach erzählt, während sie unterwegs sind, in der verzweifelten Suche nach dem Fahrrad. Das ist ihre Lebensgrundlage ist. Es geht einfach mal ums Überleben. Toller Film. Ja, also wenn man den ultimativen neorealistischen Film sehen will aus dieser Zeit, dann muss man diesen Film sehen.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Auch hochgelobter Klassiker. Also ich glaube, wenn du Neorealismus und Italien googelst, kommt das als allererstes. Sehr bewegender Film, sehr spannender Film und Nach wie vor politisch auch brisanter Film.
Johannes Franke: Cool. Mein Platz 1.
Florian Bayer: Dein Platz 1.
Johannes Franke: The Kid. Nein. Leon, der Profi.
Florian Bayer: Oh, ja, gute Wahl. Ja, schön.
Johannes Franke: Warum hast du daran nicht gedacht?
Florian Bayer: Den hatte ich gar nicht. Zum einen hätte ich den nicht als Johannes-Film auf dem Schirm zwingt. Ich weiß, dass du den Film magst, weil wir haben uns schon über den Film unterhalten. Vielleicht haben wir ihn sogar schon zusammen geguckt.
Johannes Franke: Kann auch sein, ja.
Florian Bayer: Aber es ist jetzt einfach kein klassischer Johannes-Film. Also ich würde, wenn ich sage, welcher Film ist eher Johannes? Leon der Profi oder The Kid? Dann würde ich sagen, The Kid...
Johannes Franke: Ja, ist richtig, aber Leon der Profi hat eine Kraft, die einfach... Unglaublich.
Florian Bayer: Mit einer ganz jungen Natalie Portman, ne?
Johannes Franke: Die so viel Energie versprüht in diesem Film und so eine Spiellust und so eine... Und er macht das so großartig. Jean Reno, genau. Nimmt das so auf und... dieses Gespann und diese Gegensätze, die sie da aufeinandertreffen und sie zusammenraufen.
Florian Bayer: Ein tödliches Duo.
Johannes Franke: Ja, ja. Sehr tödlich. Wirklich toller Film. Wirklich krass.
Florian Bayer: Anfang 90er, ne? Muss ich googeln?
Johannes Franke: Habe ich nicht im Kopf.
Florian Bayer: 1994.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und ist ein... amerikanischer Film, aber von Luc Besson, der viele gute Filme gedreht hat.
Johannes Franke: Dann mal dein Platz 1.
Florian Bayer: Mein Platz 1 ist, ich bin schon wieder in Italien, Cinema Party. Paradiso aus dem Jahr 1988. Du nix. Ich hoffe, du kennst den Film. Na, du kennst den nicht? Ah, schade. Das ist ein Johannes-Film.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Es wird erzählt von dem Filmregisseur Salvatore, der sich an seine Kindheit... in einem kleinen Fischerdorf in Italien erinnert. Und es geht darum, dass er ... Er fährt an den Ort seiner Kindheit zurück und erinnert sich, wie es als Kind war. Und im Zentrum dieser Kindheit steht seine Freundschaft. mit einem Filmvorführer. Mit dem Filmvorführer Alfredo. Und er darf als Kind bei ihm arbeiten, weil der nicht mehr sehen kann. Und darf die Filme vorführen und bekommt durch ihn die Liebe zum Kino gezeigt. Und es ist eine erwachsenen Kind Kombi. die vor allem die Liebe zum Film und die Liebe zum Kino erzählt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und es ist ... Der Film ist die schönste Liebeserklärung an das Kino, die man sich vorstellen kann.
Johannes Franke: Schön.
Florian Bayer: Ganz nostalgisch, ganz romantisch, teilweise vielleicht auch ein bisschen romantisiert. Aber toll erzählt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und immer wieder mit der Liebe zum Film. Und wie diese Liebe zum Film in einem Kind durch einen Erwachsenen geweckt wurde. Großartiger Film. 1988 kann ich nur empfehlen. Schön.
Johannes Franke: Ja, dann kommt er auf die Liste. Die Liste.
Florian Bayer: Irgendwie habe ich das Gefühl, jede einzelne meiner Top-3-Filme hätte dir besser gefallen als The Fall. Ja.
Johannes Franke: Ja, ich glaube auch. Was traurig ist, weil The Fall, um mal wieder zurückzukommen, war... war schön anzusehen. Und ich hatte das Gefühl, dass alle diese Ideen ... ganz wunderbar hätten passen können und sich zusammenfügen können, wenn ... Wenn er nicht so ein paar Fehler gemacht hätte, die mich da immer wieder rausgerissen haben. Wie eben, dass wirklich der... die Hauptfigur nichts will und nicht ausreichend genug sterben will, um das voranzutreiben. Irgendwie... Weiß nicht. Es gibt, um mal den Hintergrund zu erzählen, warum mir das jetzt gerade so wahnsinnig wichtig ist. Ich bin als Schauspieler Es gibt eine Technik, die heißt Chabak, von Ivana Chabak, ins Leben gerufen, wo so Hauptbedürfnisse entstehen. von Figuren, die man als Schauspieler spielt, nach vorne gedrückt werden, dass du sozusagen hauptsächlich darüber spielst, dass ein Hauptbedürfnis in deinem Leben befriedigt wird, damit du... damit du eine klare Linie spielen kannst, einen Film über, damit der Zuschauer daran andocken kann an diesem Hauptbedürfen. Also du kannst verstehen, Wenn jemand nach Sicherheit sucht im Leben zum Beispiel, kannst du als Zuschauer super verstehen. Du weißt sofort, aha, okay, ja, das kenne ich. Ja, ja. Und dann willst du da andocken. Dann machst du es natürlich alles komplexer, du spielst es komplexer, aber der Hintergrund, du hast ein Hauptbedürfnis, an dem du dich abarbeitest. Und wenn die Figur kein Hauptbedürfnis hat, was soll ich denn andocken? Und wenn das Hauptbedürfnis ist, ich will sterben, dann muss das aber auch eine Rolle spielen.
Florian Bayer: Ich glaube, du hast dich an der falschen Figur festgehalten. Du hast zu sehr versucht, dich am Erwachsenen festzuhalten. Ich mache dir keinen Vorwurf.
Johannes Franke: Ich bin ein bisschen enttäuscht. Nicht wütend, enttäuscht.
Florian Bayer: Nur enttäuscht. Ja.
Johannes Franke: Was ist denn dein Fazit?
Florian Bayer: Für mich einer... Eine der schönsten Liebeserklärungen an die kindliche Fantasie und an die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen und Geschichten zu variieren. das visuell atemberaubende, alles zur Seite gekehrt, auch einfach eine tolle Auseinandersetzung damit, was passiert, wenn Erwachsene und kindliche Bedürfnisse aufeinandertreffen und die auch die Stärke erzählt, die Kinder haben, wenn sie ihre Bedürfnisse durchsetzen wollen, im Fantastischen. Eine tolle Fantasterei, ein bisschen gesponnen, ein bisschen konvolutet. Auf jeden Fall geb ich dir vollkommen recht. aber in seinen emotionalen Momenten, in den wichtigen emotionalen Momenten so stark, dass das alles vergessen ist. Und zwar die emotionalen Momente des Kindes.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und visuell beeindruckend genug, dass man über sehr viele kleinere Storyputzer hinwegseht. Plus die Storypatzer passen auch einfach zu der Art der Geschichte. Ja, ein Fünfjähriger oder eine Fünfjährige kann keine klar strengende Geschichte erzählen.
Johannes Franke: Aber ausgerechnet in dem Moment realistisch erzählen zu wollen, dass ein Kind das halt nicht kann. Da ist nichts realistisch. Und alles andere ist unrealistisch.
Florian Bayer: Ja, es passt einfach. Der einzige Treffer von Tarsem Singh... Der hat ja sonst nichts gemacht. Das zählt halt noch und irgendwie so ein paar Auftragsarbeiten und viel Werbung. Aber hier hat er in Volltreffer gelandet und wir werden von dem nichts mehr sehen, was diese Qualität hat. Und es ist schade, dass dieser Film vergessen wurde, weil ich glaube, dieser Film hat eigentlich das Zeug zum Klassiker, auch wenn viele, viele Leute, das weiß ich, anderer Meinung sind. Schaut ihn euch an, bildet euch selbst ein Urteil.
Johannes Franke: Danke, Flor, dass du mir diesen Film gezeigt hast.
Florian Bayer: Danke, Johannes, dass du... Dass du ihn geschaut hast. Nein, wir brauchen mehr Kontroversen. Das Tolle bei Siskel und Ibert ist ja, dass sie ständig unterschiedlicher Meinung sind und sich dabei gegenseitig beleidigen. Wir sind eigentlich viel zu nett zueinander und zu unseren Verhältnissen. Wen meinst du, Cisco und Evert? Ja. Was ist das? Nein, das müssen wir rausschneiden. Das ist eine große Wissenslücke. Roger Ebert und Gene Siskel. die Filmkritiker Amerikas der 60er, 70er, 80er, 90er, 2000er. Und die haben zusammen ... Google auf YouTube. Siskel and Ebert at the Movies.
Johannes Franke: Können wir einfach das literarische Quartett als Variante nehmen, deutsche Variante? Ja, genau.
Florian Bayer: Aber Siskel und Ibad ist geil. Also guckst du dir an, das sind fünf Minuten, wo sie sich über Filme streiten.
Johannes Franke: Fünf Minuten? Ja, wir reden... Eine Stunde ohne Dreiviertel.
Florian Bayer: Fürs amerikanische Fernsehen aktuelle Filme. Und sie hatten dann immer so zehn Filme pro Sendung. Und jeder hat... Aber jeder hat auch so fünf ausgesucht. Und sie waren oft unterschiedlicher Meinung. Und das Geile ist ... Sie sind die geachtetsten Kritiker in Amerika. Ihr Wort ist Gold.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Aber sie haben ganz oft auch daneben gehauen und auch so zukünftige Klassiker total falsch eingeschätzt. Und dann so was gesagt wie Taxi Driver ist totaler Müll. Fiktives Beispiel. Taxi-Trainer waren sie sich wahrscheinlich einig. Aber es gibt so einige Filme, wo sie echt drüber herziehen. Und so im Nachhinein haben die sich als totale Klassiker entpuppt.
Johannes Franke: Okay, spannend. Na gut, wir müssen also öfter daneben liegen.
Florian Bayer: Das ist die Konklusion dieser Folge. Okay. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie es nächste Woche weitergeht.
Johannes Franke: Oh, ich bin schon gespannt.
Florian Bayer: Ich freue mich drauf. Bis dahin. Tschüss.
Johannes Franke: Soplor, wir müssen ja noch fürs nächste Mal besprechen. Ja, müssen wir ja. Oh Gott, nach dem Gespräch kann ich gar nicht mehr denken. Was heißt denn für mich für nächste Woche?
Florian Bayer: Ich kann leider keinen sächsischen Akzent machen.
Johannes Franke: Das war noch nicht mal mein Sächsisch.
Florian Bayer: Bring mal dein Sächsisch.
Johannes Franke: Was haben wir denn?
Florian Bayer: Ich habe für dich einen Film aus den 70ern wieder. Ich mache ja gerade meine 70er-Liste.
Johannes Franke: Okay, verstehe.
Florian Bayer: Und einen Film, den ich auf meiner noch zu sehen Liste habe. Das heißt, einen Film, den ich selbst auch noch nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: der aber zum einen als Klassiker des Historienfilms gilt und zum anderen von einem Regisseur ist, den ich sehr schätze, sowohl für seine visuelle Stärke, also auch für seine Narrative Stärke, 1900 von Bernardo Bertolucci aus dem Jahr 1976.
Johannes Franke: Der berühmte 1900. Ja, ja. Okay.
Florian Bayer: Also Hinto ist tatsächlich nicht so ein berühmter Film. Ist auch ein bisschen in Vergessenheit geraten eine Zeit lang und hat jetzt... vor einigen Jahren ein neues Release gekriegt als Blu-Ray oder DVD im Directors Cut. Hätten wir jetzt eine Kamera, würde ich das Ding in die Kamera halten. Es ist nämlich eine wirklich total schöne Edition, die ich jedem Philippaba ans Herz legen kann. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie der Film selbst ist, ist es einfach eine wunderschöne DVD-Box von Koch Media, soweit ich weiß.
Johannes Franke: Okay, dann werden wir nächste Woche einfach über die Box reden, weil der Film war nicht so doll.
Florian Bayer: Den hast du auch noch nicht gesehen?
Johannes Franke: Ich kenne diesen Film nicht, nein.
Florian Bayer: Okay. Was hast du denn für mich?
Johannes Franke: Ich habe für dich... Ein Film, den du wahrscheinlich von mir schon öfter mal gehört hast, weil das eigentlich der Film ist, der am meisten Einfluss in meiner Jugend auf mich hatte und meinen Stil und alles und überhaupt, mein ganzes Leben hängt nur von diesem Film ab. Benni und June. Kennst du sicher, oder?
Florian Bayer: Diesen Film habe ich zum ersten Mal mit dir zusammen gesehen, vor zehn Jahren wahrscheinlich. Oh, wirklich?
Johannes Franke: Ja. Das heißt, ich habe auch dich infiziert?
Florian Bayer: Du hattest damals auch mich infiziert.
Johannes Franke: Ach, wie schön ist das denn? Aber es ist cool.
Florian Bayer: Ich habe ihn das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen. Zusammen mit dir. Und ich bin sehr gespannt, was der Rewatch sagt.
Johannes Franke: Sehr schön. Ach, wie cool. Ja, dann, ich freue mich sehr auf nächste Woche. Vielen Dank für diese Woche.
Florian Bayer: Ich freue mich auch. Vielen Dank für die Episode und bis nächste Woche. Ciao.
Johannes Franke: Bis dann. Ciao.
