Episode 14: 1900, Benny & Joon
In unserer vierzehnten Episode beschäftigen wir uns mit dem opulenten Historienepos 1900 aus dem Jahr 1976 sowie der nostalgischen Romcom Benny & Joon aus dem Jahr 1993. Wieder einmal zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein großes, überlanges, überambitioniertes politisches Werk aus Europa, das den Sozialismus und das einfache Bauernleben feiert und versucht die Geschichte eines halben Jahrhunderts nachzuzeichnen. Auf der anderen Seite ein wilder und herzlicher Feel Good Movie, der den Humor und die Ästhetik der klassischen Stummfilmcomedy zelebriert und sich bemüht, ein ganz intimes, menschelndes Porträt zweier Liebenden am Rande der Gesellschaft zu zeichnen. Auf der einen Seite zu viel, auf der anderen Seite zu wenig? Für Gesprächsstoff ist gesorgt…
Wie immer gibt es auch wieder zwei passende Bestenlisten. Wir suchen nach den stärksten Historienfilmen, die im 20. Jahrhundert spielen. Und wir werden einmal ganz persönlich, mit den Filmen, die uns in unserem Leben am meisten beeinflusst haben. Dabei springt dieses Mal sogar gleich ein Filmvorschlag für nächste Woche heraus.
1900 [Bernardo Bertolucci]
(Italien 1976)
Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci wurde ziemlich überraschend in den 80er Jahren so etwas wie ein kleiner Darling des epischen Historienfilms. Mit Werken wie Der letzte Kaiser, Himmel über der Wüste oder Little Buddha inszenierte er prachtvolle, visuell beeindruckende Filme, die sowohl Publikum als auch Kritik ins Schwelgen brachten. Dabei stand der Regisseur die Jahrzehnte zuvor eigentlich noch für kompromissloses und radikales Kino, irgendwo zwischen politischer und persönlicher Revolte. Verantwortlich für die plötzliche Entdeckung des Historischen Epochalen war nicht nur Bertoluccis Enttäuschung über die Entwicklung der italienischen Politik und Gesellschaft sondern vor allem auch ein Film: 1900 beziehungsweise Novecento aus dem Jahr 1976. Dank des unerwarteten Erfolgs des Films Der letzte Tango in Paris konnte Bertolluci hier seine schon lange bestehende Vision wahr werden lassen, ein Gesellschaftsporträt über das Italien der ersten Jahrhunderthälfte zu verfilmen.
Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die am selben Tag im Jahr 1901 geboren werden und deren Leben – so verschieden sie sind – immer wieder miteinander verknüpft werden. Alfredo (gespielt von Robert DeNiro) ist Sohn einer reichen Gutsherrenfamilie und soll irgendwann Grund und Gut seines Vaters und Großvaters erben. Olmo (gespielt von Gerard Depardieu) ist ein einfacher Bauernsohn, dessen Familie als einfache Landarbeiter für den Gutsherrn arbeiten. Alfredo und Olmo werden Freunde, aber auch Kontrahenten und Feinde. Sie durchleben die wilden Jahre im Italien des frühen 20. Jahrhunderts: Von der Belle Epoque über den erstarkenden Sozialismus, die Wirrungen des Ersten Weltkriegs bis zur Geburt der faschistischen Bewegung und der Herrschaft des Nationalismus. Bertolucci erzählt ihre Geschichte jedoch nicht als komplexes, monumentales Gemälde, sondern als schlichte Fabel, die stets an einem Ort verharrt und im ländlichen Norditalien alle Konflikte dieser Zeit verhandelt.
Persönliche Lebensgeschichte, historisches Panorama, politische Kampfschrift? Darüber kann man sicher geteilter Meinung sein. Fest steht jedenfalls, das 1900 Bertoluccis Opus Magnum ist: Über fünf Stunden Laufzeit, viel Geschichte, viele Anekdoten, viel sozialistische Leidenschaft. Zu viel von alledem, Johannes?
Benny & Joon [Jeremiah S. Chechik]
(USA 1993)

DER Film meiner Jugend. Ich kann diesen Film mitsprechen.Auf deutsch UND auf englisch. Die 1993 erschienene Komödie von Jeremiah S. Chechik erzählt die Geschichte des namengebenden Geschwisterpaars Benny und Joon Pearl und dem, beim Poker in die Familie gewonnenen Sam. Die Besonderheit: Joon hat eine oder mehrere nicht näher definierte psychische Krankheiten, die Sam und Joon aber nicht davon abhält sich ineinander zu verlieben. Benny allerdings ist davon nicht so begeistert, und so müssen die Liebenden ganz klassisch dramatisch um ihre Liebe kämpfen und finden, weil es eben doch eine Komödie ist, am Ende zusammen.Ein Film über… ja worüber eigentlich? Plor?
Vor allem Hoffnung würde ich sagen, Hoffnung, dass Menschen jeder Ausgangslagen den sprichwörtlichen Deckel zum Topf finden können – und ist damit hoffnungslos romantisch. Oder was würdest du sagen, Plor?
Transkript
Um den Zugang für Menschen mit Behinderungen zu erleichtern und um eine Volltextsuche nach Themen zu ermöglichen, haben wir beschlossen unsere Gespräche auch als Transkription zur Verfügung zu stellen.
Allerdings muss man dazu sagen, dass die heutigen Techniken automatisiert Transkriptionen herzustellen, doch immer wieder an ihre Grenzen stoßen und streckenweise unlesbare Texte hervorbringen. Eine händische Korrektur der Texte, ist ein Aufwand, der die Möglichkeiten dieses Podcasts bei weitem übersteigt. Trotz dieser Nachteile, überwiegen für uns die Vorteile einer (wenn auch fehlerhaften) Verschriftlichung.

Sie können das Transkript aktivieren und mitlesen, indem sie oben im Player auf dieses Symbol klicken.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 14: 1900, Benny & Joon Publishing Date: 2021-04-07T14:16:06+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/04/07/episode-14-1900-benny-joon/
Johannes Franke: Zu Milch oder nicht? Nee, Unmilch ist gut.
Florian Bayer: Ich finde es so schön, auch unabhängig davon, ob wir kommen, einfach das Zusammensitzen, Tee trinken und überführen. Ja, das ist total schön.
Johannes Franke: Aber haben wir ja schon ein paar Mal gesagt, dieser Leuchtturm-Effekt, der dieser Termin in der Woche hat. Ja, total. Johannes, du glaubst wirklich,
Florian Bayer: die Welt braucht einen weiteren Podcast? Nein, eigentlich nicht, aber ich. Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können. Wie wäre es mit Filmen?
Johannes Franke: Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee.
Florian Bayer: Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme.
Johannes Franke: Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde und du zeigst mir Filme, die du geil findest.
Florian Bayer: Das heißt so Musicals aus den 50ern? Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme? Mit russischen Untertiteln? Von mir, für dich. Oh Gott, okay. Aber du weißt, dass das für Menge Streit sorgen kann. Äh, definitiv. Das wird lustig.
Johannes Franke: Herzlich willkommen zurück, eine Woche wieder vorüber. Endlich sehen wir wieder. Ja, Gott sei Dank. Ach, ich liebe diese Gespräche.
Florian Bayer: Schön, eine Corona-Woche hinter uns. Und jetzt wirklich Abwechslung, Ablenkung, zwei spannende Filme.
Johannes Franke: Sehr spannende Filme. Ja. Und zwei sehr unterschiedliche Filme. Übrigens herzlich willkommen beim Muss-Man-Sehen-Podcast. Wir drücken hier dem jeweils anderen einen Film auf und in der Hoffnung, dass der den Horizont des anderen erweitert. Ja. Im besten Falle ein bisschen Streitmaterial mitbringt.
Florian Bayer: Manchmal streicheln wir uns mit den Filmvorschlägen. Manchmal quälen wir uns auch ein bisschen. Und ich glaube, ich habe dich diese Woche ein bisschen gequält. Verdammt, eigentlich wollte ich einsteigen mit, Flur, was hast du getan? Aber es gab eine Cheat-Möglichkeit. Hast du die Cheat-Möglichkeit wahrgenommen?
Johannes Franke: Die Cheat-Möglichkeit wahrgenommen. Moment. Du meinst die erste Minute anschauen, fünf Stunden vorspulen und die letzte Minute einschauen?
Florian Bayer: Nein. Es gibt ja durchaus auch eine andere Fassung für den amerikanischen Markt von diesem
Johannes Franke: Es gibt eine kürzere Fassung, die aber nur, weiß ich nicht, 20 Minuten kürzer ist? Nee, vier Stunden noch war es, glaube ich. Echt? Ja. Wow.
Florian Bayer: Aber das genau, mein Film, den ich vorgeschlagen habe, ist 1900 von Bernardo Bertolucci. Und er ist fucking fünf Stunden noch was lang. 316 Minuten. Oh, Blor, warum? In Deutschland als Zweiteiler. Vermarktet irgendwie logischerweise. Ja, tut mir leid. Schiere Länge, schiere Größe. Aber ich hoffe, es war trotzdem ein Film, der konsumierbar war. Weil auch wenn er sehr lang ist, ist es nicht so ein komplizierter Film wie zum Beispiel Der Spiegel, mit dem ich dich wirklich böse gequält habe vor kurzem.
Johannes Franke: Ja, den ersten Teil, also bevor du irgendwas sagst dazu, ich muss das loswerden. Den ersten Teil habe ich geschafft, zu gucken in einem durch.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: So. Das waren zweieinhalb Stunden. Ja. Oder zwei, dreiviertel Stunden. Dann habe ich gedacht, ich weiß, Blor guckt denn auch in Zweiteilen. Will ich angeben und sagen können, ich habe ihn in einem Rutsch durchgeschaut. Da war es aber schon Mitternacht. Und da habe ich gedacht, nee, vielleicht doch nicht. Da habe ich es am nächsten Morgen weitergeguckt, weil ich hatte nur 48 Stunden Zeit, weil online gekauft und so und dann darf man ja nur 48 Stunden. Und ich habe den ganzen Tag gebraucht für den zweiten Teil, weil ich immer wieder zwischendurch Pausen machen musste, weil das schon wirklich, es war wirklich anstrengend. Oh krass, okay. Es tut mir echt leid, aber es war furchtbar anstrengend.
Florian Bayer: Bevor wir schon in die Kritik und in den Streit reinspringen. Ich habe 1900 für Johannes, wie bereits erwähnt, die fünf Stunden, den wir uns jetzt in den nächsten drei Stunden widmen werden. Johannes, was hast du denn für mich?
Johannes Franke: Ich habe für dich die Gefälligkeit schlechthin im Gegensatz. Benni und June, eine romantische Komödie aus dem Jahre 1993, viel, viel leichter konsumierbar als das, was du mir da aufgedrückt hast.
Florian Bayer: Wir haben sehr unterschiedliche Filme. Hollywood-Romcom-Material trifft auf episches Historienkino aus Europa.
Johannes Franke: Okay, wir steigen mal ein. Du gibst mal eine Einführung, die wahrscheinlich auch schon drei Stunden dauert.
Florian Bayer: Ich lege mit der Einführung los und dann hoffen wir, dass wir irgendwo einen Punkt finden, an dem wir uns treffen können. Ich gehe sehr bald auf Toilette. Ach ja, 1900. Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci wurde ziemlich überraschend in den 80er Jahren so etwas wie ein kleiner Darling des epischen Historienfilms. Mit Werken wie Der letzte Kaiser, Himmel über der Wüste oder Little Butter. Butter. Buddha. Buddha. inszenierte er prachtvolle, visuell beeindruckende Filme, die sowohl Publikum als auch Kritik ins Schwelgen brachten. Dabei stand der Regisseur die Jahrzehnte zuvor eigentlich noch für kompromissloses und radikales Kino. Irgendwo zwischen politischer und persönlicher Revolte. Verantwortlich für die plötzliche Entdeckung des historischen Epochalen war nicht nur Bertoluccis Enttäuschung über die Entwicklung der italienischen Politik und Gesellschaft, sondern vor allem auch ein Film. 1900, beziehungsweise Novecento aus dem Jahr 1976. Dank des unerwarteten Erfolgs des Films Der letzte Tango in Paris konnte Bertolucci hier seine lang bestehende Vision wahr werden lassen. Ein Gesellschaftsporträt über das Italien der ersten Jahrhunderthälfte. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die am selben Tag im Jahr 1901 geboren werden und deren Leben, so verschieden sie sind, immer wieder miteinander verknüpft werden. Alfredo, gespielt von Robert de Niro, ist Sohn einer reichen Gutsherrenfamilie und soll irgendwann Grund und Gut seines Vaters und Großvaters erben. Olmo, gespielt von Gérard de Patieu, ist ein einfacher Bauernsohn, dessen Familie als Landarbeiter für den Gutsherren arbeiten. Alfredo und Olmo werden Freunde, aber auch Kontrahenten und Feinde. Sie durchleben die wilden Jahre im Italien des frühen 20. Jahrhunderts. Von der Belle Epoque über den erstarkenden Sozialismus, die Wirrungen des Ersten Weltkriegs bis zur Geburt der faschistischen Bewegung und der Herrschaft des Nationalismus. Bertolucci erzählt ihre Geschichte jedoch nicht als komplexes, monumentales Gemälde, sondern als schlichte Fabel, die stets an einem Ort verharrt und im ländlichen Norditalien alle Konflikte dieser Zeit verhandelt. Persönliche Lebensgeschichte, historisches Panorama, politische Kampfschrift? Darüber kann man sicher geteilter Meinung sein. Fest steht jedenfalls, dass 1900 Bertolucci's Opus Magnum ist. Über fünf Stunden Laufzeit. Viel Geschichte, viele Anekdoten, viel sozialistische Leidenschaft. Zu viel von alledem, Johannes?
Johannes Franke: Kurze Antwort, ja. Ich dachte, ich gebe mal eine klare Antwort. Ja, das ist nicht schön. Ich habe an diesem Tag, ich habe jetzt mein Handy rausgeholt und einen Chatverlauf rausgesucht. Ich habe an diesem Tag mit einer Freundin gechattet, so zwischendurch, in den Pausen, die ich dann einlegen musste. Und ich wurde gefragt, und eine Zusammenfassung in einem Satz bitte. Meine Zusammenfassung war, zwei Männer schleppen sich durch einen Film, ohne mir zu sagen, was sie wollen. Oh, ich weiß, dass man, ich habe nach einer möglichst fiesen Zusammenfassung gesucht, weil ich in dem Moment doch ein bisschen frustriert war.
Florian Bayer: War das Teil zwei? Teil zwei mit sechs? Das war dann Teil zwei, ja. Tatsächlich ist Teil eins leichter als Teil zwei. Wesentlich leichter. Hatte ich auch das Gefühl. Beschwinglicher und auch romantischer. Aber es spielt natürlich auch in einer Zeit, die nicht so krass ist, wie die, in der Teil zwei spielt.
Johannes Franke: Ist richtig. Also wenn man der Zeit gerecht werden möchte, dann ist natürlich klar, dass der zweite Teil schwerer sein muss. Und auch krassere Themen bringt und so, naja.
Florian Bayer: Ich glaube, das Problem an diesem Film ist tatsächlich, dass man über total viel reden kann. Und wenn ich jetzt so meine Notizen durchsuche und durchscrolle, stelle ich fest, es gibt eigentlich viel zu viel, über das man reden könnte. Und das ist so die Frage, worauf konzentriert man sich? Konzentriert man sich auf die Geschichte des Italiens des 20. Jahrhunderts, die hier dargestellt wird? Konzentriert man sich auf das Filmkonzept Bertolucci, was ja durchaus auch ungewöhnlich ist? Für einen epischen Historienfilm? Ja. Konzentriert man sich auf die Zeiten, in der Bertolucci gelebt hat, auf seine politische Einstellung, die die ganze Zeit ja auch in diesem Film präsent ist? Weil es ist einfach mal ein sozialistisches Epos.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Dieser Film, also ich habe nicht ohne Grund sozialistische Kampfschrift geschrieben. Bertolucci ist totaler Fan des Proletariats, beziehungsweise des einfachen Bauernlebens. Dass er hier auch in nicht nur schönen Bildern porträtiert, sondern auch in Bildern, die zum einen das Leben des einfachen Bauern glorifizieren, zum anderen aber auch zeigen, in welchen Konflikten sich der einfache Bauer bewegt und wie er in diesen Konflikten letzten Endes auch siegt mit Hilfe des Sozialismus.
Johannes Franke: Es ist schwer. Ich hatte die ganze Zeit, eigentlich wollte ich die ganze Zeit meinen alten Geschichtslehrer Herrn Niese anrufen und meinen, den Telefonjoker, weißt du, alle 20 Minuten Pause machen und dann erzählt er mir, übrigens, das mit den Partisanen war so. Ja. Weißt du, mein Geschichtswissen reicht nicht aus, um einen Podcast zufriedenstellend damit zu füllen, um zu sagen, liebe Zuhörer, ihr müsst diesen Film so und so sehen. Das funktioniert für mich überhaupt nicht. Ja. Also die geschichtliche Sache muss man natürlich irgendwie mit bedenken, aber wir können da glaube ich keinen, also ich, ich, wir können keinen Historien-Podcast machen.
Florian Bayer: Das schaffe ich nicht. Ich glaube, das müssen wir auch gar nicht machen. Ich habe bei meinen Notizen einmal stehen, es ist kein überkomplexer Film. Ich habe aber das Gefühl, dass der Film die ganze Zeit voraussetzt, dass ich das alles weiß. Ja, das ist, das ist auf jeden Fall, der Film hat natürlich, der Film ist von einem Italiener gemacht, aber gar nicht so zwingend für ein italienisches Publikum. Echt? Ich habe das Gefühl, man kann sich recht gut durch diesen Film hangeln, wenn man die, wenn man die grundsätzlichen, die grundsätzlichen Marker kennt. Wenn man weiß, 1900 irgendwie so beginnende Moderne, man weiß 1914 Erster Weltkrieg, man weiß ungefähr, dass das in Italien das frühen 20. Jahr, ich habe auch keine Ahnung von italienischer Geschichte, ich habe Geschichte studiert, aber ich habe mich nie dezidiert mit italienischer Geschichte auseinandergesetzt, aber es reicht schon, wenn man weiß, es gab irgendwie einen Konflikt zwischen Modernisierung und dem traditionellen Leben auf dem Land. Es gab auch ein Gefälle zwischen Norditalien und den Städten, die in der Mitte Italiens waren. Das reicht eigentlich schon für den Anfang, dass man weiß, es gab irgendwie so eine bäuerlich, eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft und es gab da ganz klar einen Klassenunterschied, zwischen den großen Gutsherren und den einfachen Bauern.
Johannes Franke: Du kommst aber mit diesem Wissen natürlich nicht weiter, als dir der Film sowieso erzählen kann. Weil im Grunde erzählt dir das auch, erzählt dir klar, dass es einen großen Unterschied zwischen ländlichem und städtischem gibt und dass es einen Kampf zwischen Faschisten und Sozialisten gibt und das wird ja alles erzählt. Aber diese ganzen echten Zusammenhänge, die ich eigentlich gerne gewusst hätte, die mir nicht nur über die Figuren erzählt wird, sondern wo ich einfach selber gerne einen Schritt zurück gemacht hätte und wissen würde gerne, wie die Abläufe waren, um das einzusortieren, das fehlt mir leider.
Florian Bayer: Das ist so ein bisschen schade und ich kann es auch nachvollziehen. Ich glaube tatsächlich, dieser Film ist ein Versuch Bertolucci's, einen Film für den einfachen, für den kleinen Mann zu machen. Ich glaube Bertolucci hatte im Kopf, ich will die Leute nicht überfordern mit krassen, komplexen Politischen zusammenhängen, sondern ich will das so schlicht wie möglich halten. Ich möchte, dass die Menschen begreifen, wie die Gesellschaft damals funktioniert hat und ich möchte vor allem, dass die Menschen begreifen, wie die Arbeitenden ausgebeutet wurden und wie sie sich dagegen aufgelehnt haben. Und deswegen reduziert er das natürlich auch. Wir erfahren keine großen politischen Zusammenhänge, weil Bertolucci im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren, die Historienfilme machen, nicht ausschweift. Er zeigt uns keine Politiker. Es gibt keinen Darsteller für Mussolini, es gibt keinen Darsteller für Marinetti oder für irgendwelche anderen Politiker, es findet die ganze Zeit in diesem Mikrokosmos statt. Und deswegen finde ich, es ist auch sehr schwierig, 1900 einfach als Epos zu betrachten. Man wirft das ja einfach so raus und sagt, es ist ein epischer Film, Epos, Historienfilm. Weil er die ganze Zeit in diesem Mikrokosmos bleibt. Es gibt zwar die Reisen von Alfredo zu seinem Onkel dann in die Stadt, aber da wird auch nicht viel erzählt, was drumherum stattfindet. Und stattdessen konzentriert sich es auf das Leben der einfachen Leute. Und er zeigt ganz viele Bilder, in denen einfach Alltag dargestellt wird von denen, die, wenn es um Geschichtsschreibung geht, oft auch ignoriert werden.
Johannes Franke: Ja, ich finde tatsächlich das Konzept, ich habe die ganze Zeit gedacht, das ist ein ganz tolles Konzept und eine tolle Idee. Aber manchmal, wie es eben so ist, trägt das Konzept, so geil es klingt, am Ende den Film, das Endprodukt doch nicht so, wie man es gerne gehabt hätte. Weil ich hätte sowas auch gerne, also wenn ich sowas im Kopf habe, ich kenne mir großartig vor, wenn ich diese Idee gehabt hätte, das so zu erzählen und wirklich alle Politik rauszulassen, sondern wirklich nur die Handelnden, die das so erleben, wie sie es erleben. Und du hast keine übergeordnete Instanz, die das irgendwie, sondern du bleibst wirklich an den Menschen dran. Aber am Ende, um fünf Stunden durchzuhalten, brauche ich vielleicht doch die Einordnung.
Florian Bayer: Brauchst du vielleicht doch, ja. Er lässt die Politik ja nicht raus, natürlich. Nein, die Politik findet statt. Das ist ein hochpolitischer Film. Natürlich, klar. Und es ist auch so ganz eindeutig ein sozialistischer Film. Also ich glaube, darüber braucht man gar nicht zu debattieren. Ja, ja, das ist klar. Und sowohl in der Liebe zu den Bauern und zu den einfachen Leuten, das ist ganz spannend, das ist tatsächlich, Bertolucci war kein Bauer. Bertolucci stammt nicht aus einer Bauernfamilie, aber er ist in Norditalien groß geworden und er war, seine Mutter war Lehrerin und sein Vater war Dichter, ein relativ bekannter Dichter sogar. Und die haben lange Zeit in diesem ländlichen Norditalien gelebt, das er hier darstellt. Und dann sind sie irgendwann nach Rom gezogen und da sind sie dann quasi ins Großbürgertum hineingewachsen, ins urbane Großbürgertum der damaligen Zeit. Und das war eigentlich so ein ganz klarer gesellschaftlicher Aufstieg. Das war so ganz klar markiert, als du kommst vom Land und jetzt hast du es geschafft, jetzt bist du in der Stadt. Und retrospektiv hat Bertolucci immer gesagt, er hat das als Riesenverlust wahrgenommen, weil er das alles verloren hat, was er auf dem Land erlebt hat. Und gerade das, was er im ersten Teil erzählt, diese Kindheitsgeschichte, ich gehe fest davon aus, dass da auch viele persönliche Erinnerungen dran sind, wie dieser junge Alfredo, der aus besserem Haus kommt, ganz viel Zeit mit diesem Olmo verbringt und zum einen schockiert ist über die Ruppigkeit der ländlichen Bevölkerung, aber zum anderen auch total fasziniert davon ist und dem ja auch nacheifert. Und ich denke, Bertolucci, zumindest in diesem ersten Teil identifiziert sich Bertolucci ganz stark mit diesem Alfredo, weil er auch der Sohn war aus besserem Haus, vielleicht keine Gutsherrenfamilie, aber trotzdem Bildungsbürgertum und dann einfach angetan war von dem Leben der Bauern. Und diese Liebe zum Leben der Bauern, die hat er teilweise wirklich toll auf die Leinwand gebracht, also sowohl visuell als auch narrativ. Das stimmt, ja.
Johannes Franke: Er walzt sich da auch ziemlich aus, also er gibt dem wahnsinnig viel Raum und gibt auch, da singt halt mal jemand wirklich fünf Minuten lang nur, oder man läuft übers Feld mit der Kamera für fünf Minuten und es passiert auf der narrativen Ebene nicht viel. Ja. Manchmal denkt man dann schon, jetzt, was willst du? Erzähl mir vielleicht noch was.
Florian Bayer: Ja, es stimmt, er verlässt sich in vielen Momenten, verlässt sich sehr stark auf diese Bilder. Ja. Ich finde, es gibt eine beeindruckende Szene in dieser Kindheit, die ich ganz toll finde und zwar, als sie das Gegeneinanderschneiden, das Essen im Gutsherrenhaus, das sehr kalt und sehr geordnet ist und da essen sie Froschbeine. Die vorher Olmo gesammelt hat. Genau, die vorher Olmo gesammelt hat und Alfredo findet die widerlich, wahrscheinlich auch, weil er Olmo dabei beobachtet hat, wie er die gesammelt hat und parallel wird dann erzählt, wie die Bauern zusammen essen und das ist ein riesiges Haus, in dem die alle zusammensitzen an einer langen Tafel und sie lästern halt über Olmo und sie schimpfen und fluchen und es ist ein drunter und drüber, auch so dieses, es gibt keine klare Trennung zwischen einzelnen Familien und sie fühlen einen unglaublichen familiären Zusammenhalt. Ja. Das ist eine tolle Szene, wie diese Kälte des Großbürgertums gegen die Einfachheit, die Schlichtheit des bäuerlichen Lebens gehalten wird.
Johannes Franke: Ja, das ist super. Ich muss sofort an Woody Allen denken, der Stadtneurotiker. Ich glaube, das war in dem Film, wo sie, wo die jüdische Familie geschnitten wird gegen die neue, die von der Freundin.
Florian Bayer: Genau, und sie diskutieren die ganze Zeit am Tisch. Ja, auf jeden Fall. Und für ihn ist so ein Kulturschock, dass er bei diesem, bei diesem sehr, sehr ruhigen Essen dabei ist. Und kein einziger Witz zündet. Wo alles seine Ordnung hat. Genau, kein Witz, kein Gefluche. Diese Szene ist auch tatsächlich deswegen spannend, weil ein Motiv aus dem Film angedeutet wird und zwar Olmos Vater existiert nicht. Olmos Vater ist vor vier Jahren gestorben und darüber wird die ganzen, also Olmos Vater ist vier Jahre vor seiner Geburt gestorben und darüber wird immer wieder geredet, er ist ein Bastard. Er wird auch als Bastard beleidigt und dann sagt Olmos Onkel, na, Olmo ist ein Kind von uns allen. Das ist total schön. Also dieser bäuerliche Zusammenhalt und sie stehen zu ihm. Aber viel spannender ist die Frage, wer ist denn Olmos Vater? Und wir wissen aus anderen Szenen, dass der Großvater von Alfredo, der ebenfalls Alfredo heißt, ziemlich viel rumgehurt hat offensichtlich auf dem Land und dabei auch sehr missbräuchlich war gegenüber den Bäuerinnen. In einer ziemlich schlimmen Szene, in der er ein kleines Mädchen missbraucht. Es gibt die Möglichkeit, dass Alfredo und Olmo Halbbrüder sind, beziehungsweise sowas wie Halbneffen, dass sie aus der gleichen Familie stammen. Er erzählt marxistisch, er erzählt ganz klassisch, dialektischer Materialismus, das Sein bestimmt das Bewusstsein. Also im Gegensatz zur klassischen Dialektik von Hegel. Also er sagt hier, diese Leute sind eigentlich verwandt, die beiden sind beide Menschen. Das erzählt er sowieso die ganze Zeit, aber die sind vielleicht wirklich richtig verwandt, die teilen dieselben Gene und schaut euch mal an, wie der eine wird und schaut euch mal an, wie der andere wird, einfach weil die in unterschiedlichen Familien groß werden. Und das auf dem gleichen Gut. Und das auf dem gleichen Gut und trotzdem so unterschiedlich, so krass voneinander getrennt. Und das erzählt er ja auch die ganze Zeit, wenn sie miteinander spielen, wenn sie miteinander toben. Hey, sie sind wie Brüder teilweise und sie haben auch ganz viele Bezugspunkte zueinander und sie mögen sich ja auch offensichtlich. Alfredo wird nie zu einem fiesen Gutsherrenbesitzer, sondern er hat immer diesen Link noch zum einfachen bäuerlichen Leben, vielleicht auch dadurch, dass er eben als Kind mit Olmo gespielt hat.
Johannes Franke: Ja, natürlich deswegen. Das zerreißt ihn ja auch ein bisschen. Aber er wird ja trotzdem, also um mal vorauszugreifen, er wird ja, entwickelt sich ja dann innerhalb dieser fünf Stunden, entwickelt er sich ja dann doch zum Gutsherren. Und auch zu einem, der erzählt wird als, naja, der neue Padrone. Und das Wort allein bringt ja schon mit sich, dass er nicht so geil immer mit seinen Leuten umgeht und dass er auch fragwürdige Entscheidungen trifft und dass er sich dann doch als dieses typische Gutsherren gebaren, was man so im Kopf hat. Ja, definitiv. Und es wird aber auch gar nicht so viel gezeigt, sondern mehr erzählt, finde ich, von den Figuren. Also ich hätte mir gewünscht, dass ich mehr von ihm, seiner Entwicklung sehe, weil eigentlich frage ich mich schon, warum ist er jetzt so geworden? Ich sehe nicht so oft seine Schlüsselmomente. Das ist ein bisschen schade. Aber er wird nie so richtig fies, ne?
Florian Bayer: Bertolucci will eben auch diesen Ausweg lassen, weil...
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Er braucht ihn ja auch am Ende. Genau, er braucht ihn am Ende. Und es hat natürlich auch dieses utopische Moment, diese Versöhnung ist bei Bertolucci immer möglich und zumindest in diesen zwei Figuren, Alfredo und Olmo, so sehr sie sich entfremden zwischenzeitlich, dieses Versöhnungsmoment ist immer da. Sie können sich auch wieder versöhnen und sie können irgendwie da ansetzen, wo sie als kleine Kinder waren. Wir müssen nicht chronologisch vorgehen, das macht bei diesem Film keinen Sinn. In der Schlussszene sehen wir einen alten Alfredo und einen alten Olmo, die sich wie Kinder auf dem Gutshof beigen. Und das ist eine alberne Szene. Es ist immer albern, wenn junge Darsteller altgeschminkt sind. Es ist in diesem Fall besonders albern, weil wir wissen, wie der alte Robert De Niro und der alte Gerard de Patu aussehen. Und sie sehen nicht so aus, wie die mit 20er Robert De Niro und Gerard de Patu, die hier auf altgeschminkt sind.
Johannes Franke: Weil sie einfach einen grauen Kopf bekommen haben, einen grauen Bart und das war's.
Florian Bayer: Weißt du, das ist so ein bisschen... Aber Bertolucci konnte nicht absehen, dass Gerard de Patu so in die Breite gehen würde. Ja, das stimmt. Und dass sich Robert De Niros Gesicht zu einer solchen Kraterlandschaft entwickeln würde. Das war nicht abzusehen damals.
Johannes Franke: Aber ich hätte gerne De Niros Kraterlandschaft gesehen, weil ich mag De Niros Kraterlandschaft einfach sehr. Der hat so viel... Da steckt so viel drin. Der ist großartig.
Florian Bayer: So gut aussehend im Alter. Wahnsinn, oder? Der ist auch mittlerweile... Ist ja über 70, über 80 vielleicht schon. Weiß nicht. Du bist derjenige mit dem Laptop. Ich bin der mit dem Laptop. Ich gucke mal ganz kurz, wann Robert De Niro geboren ist.
Johannes Franke: Wir haben heute gedacht, du bist der Rechercheur. Gibt es das Wort? Bitte schreibt uns. Gibt es das Wort Rechercheur? Also im Englischen gibt es das ja, ne? So, wie heißt das im Englischen? Researcher. Researcher. Das ist ein schönes Wort.
Florian Bayer: Ich bin der Researcher. Ja. 78 Jahre ist der alt. 78. Robert De Niro. Ja, ja. Und er ist einfach... Man sieht ihm sein Alter an und er sieht unfassbar gut aus. Und jedes Mal, wenn ich ihn nochmal sehe in einem Film, denke ich, wow. Man kann wirklich mit sehr viel Würde altern. Gerard Departure vielleicht nicht so ganz, wenn man aufs rein visuelle gehen. Nein, überhaupt nicht. Gerard Departure hat ja auch irgendwie politisch, glaube ich, in den letzten Jahren hin und wieder daneben gebraucht.
Johannes Franke: Ja, das ist ja ein bisschen, ja, so hast du seine Verbindung zu Russland und so, ne? Ja. Ja, ja.
Florian Bayer: Aber in diesem Film ist Gerard Departure, spielt eine tolle Figur, Olmo, der einfach der Inbegriff des mutigen und rebellischen Bauern ist, der wirklich seinen eigenen Weg geht, der schon als Kind, als Rebell dargestellt wird. Ja. Und zessen Rebellentum, unglaublich sympathisch, ist teilweise auch ein bisschen erschreckend. Also er hat diese Ruppigkeit des Bauern, er zwingt ein kleines Mädchen, zwingt er Froschbeine zu essen in einer Szene als Kind und hat dann diese ganzen Frösche am Hut hängen, das ist vor diesem Essen. Und dann macht er diese Mutprobe, also er neckt dann Alfredo und sagt so, naja, und ich guck mal, was ich mich traue und legt sich dann auf die Schienen und lässt den Zug über sich drüber fahren.
Johannes Franke: Also so dazwischen, also da liegt sich nicht quer drauf, sondern schon, sodass der Zug dann so ganz knapp über ihm lang rauscht, was dann am Ende des Films nochmal aufgegriffen wird.
Florian Bayer: Und man sieht einfach, Bertolucci hat für diesen Olmo Bewunderung vor allem übrig.
Johannes Franke: Ja, genau. Natürlich ist auch Olmo beeinflusst von eben dem Gegenpart von Alfredo, dieser Mut. Ich glaube, der Mut kommt auch so ein bisschen daher, weil er das Gefühl hat, ich kann da andocken, andere Bauern haben das nicht. Andere Bauern haben nie diesen intimen Kontakt zu der anderen Gesellschaftsschicht gehabt.
Florian Bayer: Sein Onkel, interessanterweise. Sein Onkel versteht sich sehr gut mit dem Alfredo, mit dem Großvater. In der ersten Szene, wenn die beide Kinder geboren werden, geht der alte Alfredo auch gleich zu dem Onkel von Olmo, um das zu feiern und bringt dann die Sektflaschen mit und sagt seinen Bauern auch noch, sie sollen auch mit anstoßen und mit trinken. Und die necken sich ähnlich gegenseitig, wie Olmo und Alfredo sich später necken. Also da merkt man auch, es gibt so dieses Feind-Freund-Verhältnis. Es ist ganz klar, die Machtverhältnisse sind geklärt, aber dieser Onkel von Olmo ist auch so einer, der die Schnauze aufreißt. Ja. Was auch immer wieder für witzige Momente sorgt, weil man merkt, das sind Leute, die sich nicht einfach nur unterordnen, sondern die einen Stolz haben. Sie sagen, ey, wir sind Bauern. Das sagt einmal der Onkel von Olmo ganz klar, ich bin Bauer, du bist Bauer, du wirst immer Bauer sein, du wirst jetzt in den Krieg ziehen, du wirst irgendwann in den Krieg ziehen, du wirst irgendwann in die Stadt gehen und aufs Internat, wirst eine Ausbildung haben und so weiter, aber du wirst immer ein Bauer bleiben, vergiss es nicht. Du bist ein Bauer. Diesen Bauernstolz trägt er mit sich und benutzt den auch im Zweikampf mit den Gutsherren.
Johannes Franke: Und da gibt es diese eine Szene, wo Olmo etwas irgendwie geschenkt bekommen hat, das hat er dann in der Faust und sagt, nee, das ist meins. Und die Bauern, beziehungsweise sein Vater, der sagt dann, nee, das gehört uns, das gehört nicht dir, das gehört uns, allen, wir, wir als Gemeinschaft. Und das wird ja später in der Definition des Sozialismus nochmal aufgegriffen, ganz am Ende, wo einer irgendwie, der einen was klaut. Was war denn das? Ich weiß nicht, irgendwas hatte in der Hand eine Gans, glaube ich. Ja. Und er sagt, wir leben im Sozialismus, wie kann es dann sein, wenn es uns allen gehört? Und sie sagt, ja, aber warum muss denn ausgerechnet meins von euch uns allen gehören?
Florian Bayer: Es ist, ich glaube, es ist tatsächlich auch deswegen eine super spannende Zeit, weil es spiegelt auch so ein bisschen die Zeiten, in der Bertolucci lebt. Es gab Anfang des 20. Jahrhunderts in Italien gab es diese krasse, dieses Zusammenspiel und dieses Gegenspiel von Kommunismus und von Monarchie, als sich der Kommunismus entwickelt hat. Und in der Zeit Bertolucci gab es das auch ganz viel. Und in Westeuropa war der Kommunismus ja in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg so ziemlich verpönt. Aber Italien nicht. In Italien gab es tatsächlich ziemlich starke Kommunisten und die kommunistische Partei Italiens, die hat dann auch eine Zeit lang mit den Christdemokraten zusammen koaliert. Wie gesagt, mein Wissen, was italienische Geschichte betrifft, ist relativ schlecht ausgeprägt. Das heißt, wenn ihr irgendwas habt, schreibt uns in die Comments und das hast du überhaupt nicht verstanden, das hast du falsch gesagt. Aber was ich rausgezogen habe aus der italienischen Geschichte, gerade aus der Zeit Bertolucci's, ist, dass es eine Zeit lang diese Utopie gab, dass sich Sozialismus und klassische konservative Christdemokratie miteinander versöhnen können. Die haben miteinander koaliert. Die kommunistische Partei Italiens hat sich sehr kritisch mit dem Stalinismus auseinandergesetzt. Aus der Zeit stammt auch diese Idee des Eurokommunismus beziehungsweise des dritten Weges, dessen Grundinhalt war, wie können wir die Wertvorstellungen des Ostens und die Wertvorstellungen des Westens am besten zusammenbringen und vielleicht wirklich was Neues schaffen und wirklich eine utopische Gesellschaft schaffen. Und diesen utopischen Raum gab es einfach politisch und gesellschaftlich im Italien Bertolucci's. Und ich glaube, er greift ihn da auch ein bisschen auf, weil er zeigt, es ist kein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bürgertum und Sozialismus bei ihm. Und der unversöhnliche Konflikt entsteht nachher, wenn das Bürgertum sich mit dem Faschismus gemein macht. Und den Faschismus stellt er dann ja auch in Form einer Person dar, die dann wirklich ein Bösewicht ist, in der er wirklich so alles Düstere reinbringt. Aber er redet auch darüber, dass das Bürgertum teilweise blind ist vor den Gefahren des Faschismus. Aber dennoch erzählt er nicht von unversöhnlichen Gegensätzen, sondern es gibt immer diese Möglichkeit, dass sich die einfachen Bauern und die Gutsherren irgendwie auf eine merkwürdige Ebene vertragen und dass es sogar Konflikte gibt, aus denen die Bauern als Sieger hervorgehen können und dass das Leben auch weitergeht. Und erst der Faschismus, unterstützt vom Bürgertum ganz klar, bringt eine neue Form von Gewalt in diesem Konflikt.
Johannes Franke: Ja, aber dennoch würde ich jetzt nicht sagen, dass Bertolucci da sagen würde, dass das ein gutes Abkommen war zwischen Bauern und Gutsherren.
Florian Bayer: Nein, auf keinen Fall. Er zeigt auch ganz klar, die Bauern, in den Gesprächen der Bauern hört man einfach viel, wie sie nicht nur über die Gutsherren ablästern, sondern auch wie sie darunter leiden, einfach wenn Einsparungen gemacht werden. Ein großes Thema ist ja die Automatisierung.
Johannes Franke: Es fängt gleich am Anfang an, wo so ein rotes neues Monstrum aufs Feld kommt und natürlich die Bauern sagen, um Gottes Willen. Ja, schaut euch mal an, was ich hier habe. Ihr seid bald nicht mehr notwendig. Ganz toll. Ja, und dann auch im Laufe des Films später eine Schlüsselszene, wo der neue Padrone dann kommt und sagt, die Ernte ist mies, die Hälfte ist uns davon geschwommen, ihr müsst jetzt mit der Hälfte des Lohns klarkommen. Ja, genau.
Florian Bayer: Was auch, also geht ja mal gar nicht. Es ist ganz klar, das Gesellschaftsmodell, was wir hier sehen, die Gutsherren bestimmen und die Bauern müssen sich fügen. Es gibt einige Mutige, die die Klappe aufreißen, aber letzten Endes ist klar, sie müssen sich fügen. Auch eine ganz tolle Szene fand ich, als der alte Alfredo stirbt, der hängt sich im Stall und sagt dann dem Mädchen, geh zu den anderen und sag ihnen, dass ich tot bin und sag ihnen, sie sollen feiern und sollen nicht traurig sein. Und dann geht das Mädchen halt da hin und richtet das aus und die Reaktion der Bauern ist, boah, selbst in seinem Tod will er uns sagen, was wir zu tun haben. Das gibt's doch nicht. Der kann einfach nicht aufhören zu befehlen. Und natürlich ist es kein romantisches Gesellschaftsmodell, das er hier zeichnet, aber er behält diese Möglichkeit der Versöhnung. Er sagt, es gibt diese Schnittmengen, wie sich Gutsherren und Bauern treffen können und dann natürlich braucht es diesen gesellschaftlichen Umschwung. Es braucht diesen gesellschaftlichen Umschwung, dass wir tatsächlich in einer utopischen Gesellschaft leben. Aber der Mensch, der hat die Ansätze dazu. Der Mensch kann sich versöhnen. Und deswegen ist Alfredo einfach kein Unsympath. Es gibt ganz viele Momente, wo wir Alfredo sympathisch finden. Das stimmt.
Johannes Franke: Die Probleme, die Alfredo mit sich bringt, weswegen der Film auch meiner Meinung nach nicht sich so richtig entscheidet und keine ordentliche Schlagrichtung vorgibt, ist, dass Alfredo im Grunde genau dann unsympathisch wird, wenn er inaktiv bleibt. Wenn er sich nicht aktiv gegen etwas ausspricht. Wie zum Beispiel, wenn Olmo verprügelt wird oder fast totgeschlagen wird. Oder wenn die Frau umgebracht wird von Attila und er da sich nicht, also er weiß eigentlich, was los ist. Also ich möchte Alfredo unterstellen, dass der genau weiß, was los ist. Ja. Aber er kümmert sich nicht ausreichend. Und das erzählt aber der Film so, so überhaupt, wie fast alles in diesem Film wird das alles so nonchalant, so, so, weiß ich nicht. Beiläufig? Ja. Alles wird so, dadurch, dass so viel Alltägliches passiert, sind selbst die Peaks, selbst Sachen, Leute, die umgebracht werden, sind irgendwie alltäglich erzählt. Ja. Was auch ein Konzept sein kann, was aber, wie gesagt, über fünf Stunden dann schon ganz schön krass ist.
Florian Bayer: Das ist natürlich, also die Passivität Alfredos ist der Hauptkritikpunkt, den Bertolucci am Bürgertum übt. Das ist auch in der Szene, in der Olmo am Schluss fast so seinen Chaplin-Kleinen-Diktator-Moment hat und zu uns spricht. Ja. Und das dann nochmal sagt, es ist ganz klar, das ist die Anklage gegenüber dem Bürgertum. Ihr wart blind gegenüber den Faschisten und ihr habt euch mit den Faschisten gemein gemacht, weil ihr dachtet, dass eure Situation sich dadurch verbessert. Und ihr habt gesehen, dass sie schlimme Sachen gemacht haben und ihr habt es einfach zugelassen. Das ist das Verbrechen Alfredos. Und das wird auch erzählt. Ich glaube, was du, was du kritisierst, diese Nonchalance, diese Alltäglichkeit der Gewalt, die vor allem ja im zweiten Teil dann eine Rolle spielt. Und das ist natürlich auch eine Möglichkeit zu erzählen, dass Gewalt im Faschismus dann irgendwann zum Alltag wurde. Es gibt diese krasse Szene, in der Attila, wir müssen ganz kurz zu Attila kommen, das ist nämlich der Moment, in dem ein Bösewicht eingeführt wird, gespielt von Donald Sutherland und zwar groß und gewalttätig. Und tatsächlich ist er fast schon ein bisschen zu viel Game of Thrones Bösewicht, weil er wird eingeführt als, er ist erst der Vertreter des Faschismus, er ist der Anführer der Schwarzhemden, er ist der, der die Bauern bei ihren Aufständen niederknüppeln lässt. Und bei einer Hochzeit tötet er ein Kind auf brutalstmögliche Weise. Oh, das ist so eine schreckliche Szene. Und da zeigt er wirklich so komplett so alles, was am Faschismus verdorben ist, wird in dieser einen Person kulminiert. Es gibt diese eine echt krasse Szene, die ich eigentlich noch krasser fand, weil die hat auch diese Beiläufigkeit, diese Nonchalance, von der du geredet hast, wenn ziemlich gegen Ende des Films hat Attila sich quasi sein eigenes KZ gebaut für die Bauern, die sich nicht fügen. Und dann läuft er rum und geht zu ihnen und provoziert sie und sagt zu ihnen, ey, du hast das zu tun, was ich dir sage und du darfst keine Widerworte geben, dann fangen die Bauern an zu pfeifen und er erschießt dann die, die pfeifen, auch so nebenbei fast und dann geht er zum Nächsten und sagt, was ist mit dir? Und es sind dann wirklich einige Bauern dabei, die einfach in ganz banalen Dingen den Mund aufmachen und pfeifen und sich so gegen ihn widersetzen. Er schießt die nach und nach, aber auch wirklich so komplett undramatisch. Es ist wirklich, er geht von einem zum anderen. Und natürlich ist das, hier wird erzählt, Gewalt wird zum Alltag. Gewalt wird ein, Gewalt passiert einfach nebenbei. Die Faschisten, für die Faschisten ist Gewalt einfach ein Lebenskonzept. Und das, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, wenn sie die Macht dazu haben, ziehen sie das knallhart durch.
Johannes Franke: Naja, kann man erzählen, aber ich glaube eben, dass genau das vielleicht in einem Film von anderthalb Stunden eine andere Kraft hätte, als in einem Film von fünf Stunden. Weil du in diesen fünf Stunden, du verlierst dich einfach zu sehr. Ich habe das Gefühl, es verliert seine Kraft, das Erzählen dieser Gewalt. Ein Fünf-Stunden-Film ist an sich natürlich schon mächtig. Und du bist am Ende wirklich, ich war am Ende wirklich wie nach einem Marathon. Du sitzt dann wirklich dran und denkst erst mal, soll ich jetzt erst mal rausruhen? Erst mal gucken, wo bin ich, wer bin ich eigentlich? Im Moment, ist noch alles dran. Ja. So, aber leider verliert der Film an manchen Stellen einfach seine Kraft. Und am Ende bleibt mir natürlich die Kraft von Gérard de Badiou, wie er seinen Monolog in die Kamera hält. Das ist ein sehr kraftvoller Moment. Den finde ich auch toll. Und ich bin ja sowieso, ich will mich dem Filmemacher vollkommen anschließen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch.
Florian Bayer: Bertolucci hat übrigens betont in einem Interview, dass das 1900 ein kommunistischer Film ist. Und dass er ihn auch gemacht hätte, um die rote Fahne in die USA zu tragen. Ach, geil. Es gibt ja auch diese, es gibt ja wirklich eine amerikanische Version und eine italienische Version. Und es sind beide Versionen sind dubbed. Sie haben die, für die italienische Version haben sie die amerikanischen Darsteller gedubbt und für die amerikanische Version die italienischen Darsteller. Und es gab ja eine Menge Kämpfe mit seinem Produzenten Alberto Grimaldi, der unbedingt eine kurze Version haben wollte für den amerikanischen Markt. Und natürlich hat Bertolucci gesagt, ey, das ist mein Baby, das fasst du nicht an. Geil. Woraufhin Grimaldi ihn aus dem Schnittraum ausgesperrt hat und einfach eigenhändig innerhalb von kürzester Zeit eine Drei-Stunden-Version dahin gesaut hat. Und dann hat er gesagt, so, lieber Bernardo, das ist meine Version. Guck mal, so will ich das für den amerikanischen Markt. Und Bertolucci war schockiert. Ja. Es war natürlich ein Trick von Grimaldi. Das Ding war, er hat da wirklich was zusammengesaut. Und das muss wohl so schlimm gewesen sein, dass Bertolucci gesagt hat, okay, okay, ich mach die vier Stunden. Aber bitte, das nicht. Und das war dann der Kompromiss. Also so hat er ihn zum Kompromiss gekriegt. Ja, okay. Und ja, es ist natürlich, die Länge ist krass. Die Länge ist erschlagen. Und es ist auch tatsächlich ein bisschen schade, weil ich hab schon gesagt, ich glaube, Bertolucci wollte hier eigentlich einen einfachen Film machen. Bertolucci wollte einen Film, der die sozialistischen Ideale, die er hat, so einfach wie möglich erzählt. Er konzentriert sich auf zwei Personen im Grunde genommen und dann noch ein paar Nebencharaktere. Ja. Aber es ist kein großes gesellschaftliches Panorama, was er hier erzählt. Und wenn ich das vergleiche mit anderen Historienfilmen, die machen das ganz anders. Die erzählen mal hier und mal da. Die springen zwischen verschiedenen Personen hin und her. Die haben so ein Ensemble von 20 oder 30 Leuten oder sogar noch mehr. Und bringen dann noch ein paar tatsächliche Persönlichkeiten aus der damaligen Zeit. Und das macht er alles nicht. Er macht hier wirklich einen radikalen Schnitt und zeigt nur das Leben auf dem Land. Wir kriegen keine großen Bilder aus Rom. Wir kriegen keinen Mussolini präsentiert. Wir kriegen keinerlei Kriegsbilder. Wir sehen, wie sie mit dem Zug wegfahren in Soldatenuniform. Wir sehen, wie sie zurückkommen. Das ist alles reduziert auf diesen Orten. Ich glaube, das gehört zu dem Konzept, dass es schlicht erzählt ist. Im Gegensatz zu anderen Historienfilmen, die groß erzählen. Ja, ist richtig. Historienfilme.
Johannes Franke: So viele Historienfilme. Oh mein Gott. Meinst du, wir sind wieder an diesem Punkt angelangt? Ja, es kommt. Oh nein, da ist sie.
Florian Bayer: Top 3 Liste.
Johannes Franke: Unsere Liste. Oh mein Gott. Top 3 Historienstoffe. Aber mit der Eingrenzung, die du gebracht hast. Ja, 20. Jahrhundert will ich sehen.
Florian Bayer: Oh mein Gott. Was es deutlich schwieriger macht. Und ich bin auch total gespannt, was du hast. Ich habe mich schwer damit getan. Ich bin tatsächlich nicht der größte Historienfilm-Fan. Also mir ist es total leicht gefallen. Was ihr jetzt nicht wisst, als ich gekommen bin, das Erste, was Johannes gesagt hat, das Erste, was er gemacht hat, war rumzujammern, dass diese Top 3 Liste so schwer war.
Johannes Franke: Aber ich bin sehr froh, dass das für dich jetzt auch nicht so leicht war wie für mich.
Florian Bayer: Und er hatte mehrere Recherchen geöffnet und Listen und dann waren da Filme dabei und es war so offensichtlich so, fuck der S19. Jahrhundert, fuck der S19. Jahrhundert, weil tatsächlich, ich glaube, das 19. Jahrhundert ist mein Lieblingsjahrhundert, was historische Stoffe betrifft und es sah aus, als ob deins das auch sein könnte.
Johannes Franke: Ja, es ist halt wirklich schwieriger. Du hast halt, 20. Jahrhundert sind halt alles Kriegstramen. Also, oder? Fast ausschließlich.
Florian Bayer: Das 20. Jahrhundert war auch fucking viel Krieg. Ja, es ist halt leider so. Ja. Ich habe versucht, keinen Kriegsfilm reinzupacken. Ich habe tatsächlich versucht, das zu finden, was ich als Historienfilme bezeichnen würde, was sauschwer ist, weil irgendwie Filme, die ins 20. Jahrhundert gepackt sind, erzählen halt daneben immer was anderes. Ich meine, jeder Mafia-Film ist ein Historienfilm. Ja, das stimmt. Aber in erster Linie ist der Part ein Mafia-Film, kein Historienfilm. Und Titanic ist in erster Linie ein Liebesfilm. Aber es ist ein Historienfilm. Du bist immer auf der Liste. Ja, nein, ich bin nicht auf der Liste. Titanic gehört nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Ich glaube, welcher ist ein guter Film? Ja, wir hatten schon mal drüber geredet. Ja, wir haben mit James Cameron geredet und wir haben festgestellt, dass wir unterschiedliche Ansichten zu ihm haben. Ich habe mich echt schwer damit getan, weil ich wollte eigentlich versuchen, auf Kriegsfilme, Mafia-Filme, Liebesfilme und all das ganze Zeug zu verzichten. Und das hat das schwieriger gemacht. Aber es war auch sowieso, es war von Grund auf schwer. Ich bin trotzdem ganz zufrieden mit meiner Liste.
Johannes Franke: Fang an. Ich fange an. Okay, na gut. Ich habe ein, zwei Honorable Mentions. Da wäre der Film über Frida Kahlo. Frida heißt er einfach nur. Ja. Ganz toller Film über eine Künstlerin. Ja, vielleicht irre ich mich jetzt sogar und es ist gar nicht ein 20. Jahrhundert. Wann ist Frida?
Florian Bayer: Frida, Frida, Moment, ich muss auch noch mal kurz gucken, aber Frida Kahlo ist ziemlich sicher 20. Jahrhundert. Ja, tatsächlich, aber knapp. Geboren, 1907 gestorben, 1954. Du hast so geguckt, dass ich gedacht habe, ach scheiße. Nein, ich habe völlig daneben gelegen. Ich habe so geguckt, weil ich über den Namen der Darstellerin nachgedacht habe und darauf gekommen bin. Und jetzt muss ich doch noch mal einmal ganz kurz Google anwerfen und die Darstellerin ist nämlich ganz toll. Selma Hayek.
Johannes Franke: Selma Hayek, ja, ja, genau. Selma Hayek. Super, super Schauspielerin. Ja, aber nur Honorable Mention. Ich fand den Film über J. Edgar Hoover eigentlich auch nicht so schlecht, aber in der Bestenliste würde ich ihn halt auch nicht packen. Und Saving Mr. Banks ist eigentlich auch ein historischer Film. Ja, definitiv, auf jeden Fall. Ja, obwohl, also ich meine, es ist keine große historische, also ich meine, es kommt nicht in Geschichtsbüchern vor oder sowas. Das ist das, was mir bei Historiendrama so einfällt. Sachen, die in Geschichtsbüchern weitergetragen werden, aber ich glaube, dass Travis nicht unbedingt
Florian Bayer: Ich wette mit dir, wenn du in einer Datenbank historische Forschung Disney eingibst, findest du verdammt viele Bücher, verdammt viele Werke, verdammt viele Aufsätze, die sich mit der Geschichte Disneys auseinandersetzen. Das ist einfach ein Stück amerikanische Kulturgeschichte, also absolut gekauft. Ja, okay.
Johannes Franke: Dann hättest du ja doch in die Liste gekonnt. Manohe. Nein, also mein Platz drei ist The King's Speech über den stotternden König, die ich einfach beide Schauspieler wahnsinnig, wahnsinnig gut fand.
Florian Bayer: Geständnis habe ich noch nicht gesehen. Ist schon lange auf meiner Liste und sollte ich auch unbedingt mal gucken und du guckst mich gerade so sehr entgeistert an. Ja, du musst ihn gucken. Das war vollkommen zu Recht. Du musst ihn gucken. Ja, genau.
Johannes Franke: Stimmt das 20. Jahrhundert? Ich bin nämlich auch wieder unsicher. Ja. Stimmt, ne?
Florian Bayer: Georg, George, der Sechste. George vor ... Der Sechste? Der Sechste. Und es spielt Anfang 20. Jahrhundert, irgendwie so 20er Jahre offensichtlich bis dann Krieg. Ja. Also bis Zweiter Weltkrieg.
Johannes Franke: Ja. Ganz ... Also ich fand's großartig. Wundervoll gespielt von beiden. Der Typ, der ihm dann das Stottern abgewöhnen soll und eben der König selbst. Die beiden Schauspielernamen gerade nicht im Kopf. Der war auch hochgelobt und er hat ja auch abgeräumt.
Florian Bayer: Er hat 2011 hat er bester Film bei der Oscarverleihung, beste Regie, bestes Originaldrehbuch, bester Hauptdarsteller und noch einige Nominierungen. Ich war wahrscheinlich der Abräumer bei der Oscarverleihung. Cool. Ja, dein Platz 3. Zwei Honorable Mentions. Okay, okay. Titanic. Nein, wirklich. Weil er wirklich für mich Ende der 90er Historienfilm nochmal auf ein neues Level gehoben hat, was Detailverliebtheit betrifft. Wie gesagt, ich hab ihn nicht reingenommen, weil es ein Liebesfilm ist, vor allem primär. Aber er hat einfach, was Details betrifft und was schieren Produktionsaufwand betrifft, hat er das gemacht, was seit den 60ern beim klassischen Monumentalfilm nicht mehr stattgefunden hat. Er hat wirklich, wirklich viel Geld in die Hand genommen und einfach mal eine Titanic nachgebaut. Ja, ja, ja. Okay. Und der zweite wäre Papillon. Papillon weiß ich gerade nicht. Der Gefängnisfilm. Und der spielt, glaube ich, jetzt muss ich auch nochmal nachgucken, von 1973 und der spielt halt auch, aber der ist halt kein richtiger Historienfilm, weil zwischen den Geschehnissen und der Verfilmung liegt nicht so viel Zeit, aber es ist ein Film über Steve McQueen, der spielt den Papillon, der in einer Strafkolonie gefangen gehalten wird und sich da rumschlagen muss. Toller Film. Mein Platz drei hingegen ist There Will Be Blood von Paul Thomas Anderson, den man gar nicht genug loben kann. Stimmt, den hätte ich eigentlich auch mit reinnehmen können. Ganz knapp Anfang 20. Jahrhundert. Ja, okay. Und ich liebe Paul Thomas Anderson und ich liebe diesen Film und der ist groß, episch und auch politisch spannend.
Johannes Franke: Gehörst du den Filmen, bei denen ich in der Liste, glaube ich, gedacht habe, zu lange her, dass ich ihn gesehen habe? Deswegen weiß ich gar nicht mehr genau, ob der wirklich in die besten Liste reingehört oder nicht, aber ich erinnere mich daran, dass ich den auch gut fand.
Florian Bayer: Mit einem fantastischen Daniel Day-Lewis. Oh ja, stimmt. Und einem ebenso fantastischen Paul Dano, der den Kontrahenten spielt, den Priester, mit dem sich Daniel Day-Lewis als Öl-Mogul anlegt. Unbedingt sehen. Fantastischer Film. Okay, cool.
Johannes Franke: Platz zwei bei mir wäre Inglourious Bastards.
Florian Bayer: Oh, wir haben Krieg und wir haben Territory. Hattest du den schon mal?
Johannes Franke: Den habe ich bestimmt schon mal in der besten Liste gehabt. Aber wenn es um Historie-Sachen geht, natürlich überhaupt nicht akkurat und überhaupt nicht, also es ist einfach nur, wir erzählen einfach mal, was wir gerne gehabt hätten, was passiert. Er sollte im Geschichtsunterricht nicht gezeigt werden.
Florian Bayer: Aber ich finde es einfach sehr befriedigend. Und die Goebbels-Darstellung ist toll, ist sehr akkurat, weil es gibt diese großartige Szene im Kino, wenn Goebbels und Hitler nebeneinander sitzen und Hitler sagt irgendwas zu ihm, er lobt ihn irgendwie, ich weiß nicht mehr was. Und dann hat Goebbels fast so einen epiphanischen Orgasmus, ich weiß nicht, er so wie ein Verliebter, da schaut der Hitler an. Das ist echt geil. Dieser Moment ist am stärksten hängen geblieben von dem Film, weil es so lustig ist. Das habe ich gar nicht mehr im Kopf. Und dann werden sie alle abgeknallt. Ja, genau, das habe ich im Kopf. Das ist schön. Und wie es explodiert am Ende, oder? Ja, genau, das ganze Kino wird verbrannt. Und sie hat ihren großen Auftritt auf der Leinwand und sagt, ich bin die Rache, die jüdische Rache. Und dann kommt auch noch der wärende Jude und darf noch einmal Hitlers Gesicht wirklich zu Prei schießen mit einem Maschinengewehr. Oh Gott.
Johannes Franke: Geil, Mann. Okay, also ich bin kein großer Verfechter von Gewaltdarstellung, aber in diesem Fall, ich weiß nicht, ist sehr befriedigend. Ja, ja.
Florian Bayer: Okay, dein Platz zwei. Mein Platz zwei ist Fitzcarraldo von Werner Herzog aus dem Jahr 1982. Wo Klaus Kinski einen verrückten, also was soll der sonst spielen, einen verrückten Abenteurer spielt, der im peruanischen Dschungel ein Opernhaus bauen will und dann mit einem riesigen Flussdampfer unterwegs ist. Und ja, es trifft eigentlich ziemlich gut den Wahn des Kolonialismus. Ja. Und der ja auch bis ins 20. Jahrhundert gehalten hat und es spielt auch irgendwie, es ist glaube ich eine diffuse Zeit. Also es wird nicht so konkretisiert, aber es ist ziemlich eindeutig 20. Jahrhundert. Ich muss dazu sagen, dass Plur vor sich hin stottert, weil er nochmal nachschaut, ob es jetzt wirklich stimmt. Ja, ich war jetzt tatsächlich auch unsicher und ich finde es hier auch auf Anhieb nicht, aber die Inspiration war irgendjemand Anfang des 20. Jahrhunderts. Okay. Inspiriert von Carlos Fermin Fitzcarraldo, der 1897 gestorben ist. Fuck, ich muss gucken, ich weiß, ich war mir sicher, dass es 20. Jahrhundert ist. Und es kann sein, dass ich jetzt voll versagt habe. Nein. Also, ja, frühes 20. Jahrhundert. Diffus, aber frühes 20. Jahrhundert. Wir tun jetzt einfach so, als ob. Ja. Vollkommen egal.
Johannes Franke: Werner Herzog und Klaus Kinski. Ja. Schaut euch den Film an. Zu meiner Scheinung muss ich gestehen, dass ich am ehesten die Back-Behind-the-Scenes-Szenen im Kopf habe, als den Film selbst. Das ist halt einfach krass, was da alles abgegangen ist und diese, ich weiß nicht, das guckt man irgendwie öfter an als den Film selbst.
Florian Bayer: Am besten ist diese Szene, in der Werner Herzog ganz ruhig dasteht und Klaus Kinski komplett ausrastet, weil er davor hat sich irgendjemand am Set verletzt und Kinski stand nicht im Mittelpunkt mal für fünf Minuten und war deswegen tierisch sauer und hat irgendwas gesucht, um sich aufzuregen. Ich glaube, es ging dann ums Catering und er schreit dann ganz laut rum und daneben stehen die Natives, mit denen sie gedreht haben und die sind ganz ruhig und gucken so irritiert. Und fragen ihn dann später, ob sie ihn umbringen können. Ja, genau. Das zum einen. Und zum zweiten haben sie dann gesagt, sie waren nicht irritiert, weil es Klaus Kinski so rumgeschrien hat, weil sie dachten, Gott, das ist einfach nur ein Verrückter. Total bekloppt. Sie waren irritiert, dass Werner Herzog so ruhig geblieben ist und dachten, wirklich, er will ihn umbringen, weil für sie, wenn einer so total ausrastet und der andere ganz ruhig bleibt, ist klar, das, was kommt, ist physische Gewalt nach der verbalen Attacke. Sonst würde er mit verbaler Gewalt antworten. Krass, Mann.
Johannes Franke: Ja. Eui, eui, eui.
Florian Bayer: Ja, mein bester Feind. Toller Film. Schaut ihn euch an. Auch ein historischer Film.
Johannes Franke: Okay. Wo waren wir jetzt? Platz zwei waren wir jetzt. Ja, du bist Platz eins. Mein Platz eins. Mein Platz eins. Und der wird auch immer ganz oben landen. Also nicht ganz, ganz oben, aber immer auf solchen Listen. Immer in die höheren Ränge steigen, ist Casablanca. Weil Casablanca ist einfach, ja, ich weiß, es ist eigentlich ein Liebesfilm. Aber es ist ein historisches Setting und ich finde, dass dieses historische Setting, der durchaus der tragende und wichtige Rolle spielt und das irgendwie ein Gefühl aufgreift, was ich nicht kenne, was mir aber irgendwie so nahe gebracht wird, dass ich damit wirklich was anfangen kann und weiß, so ein Gefühl dafür bekomme. Es ist wirklich gut gemacht. Ganz toll.
Florian Bayer: Ich nicke heftig. Casablanca ist für mich ist auch tatsächlich das historische Setting und das politische Setting in Casablanca viel stärker als die Liebesgeschichte, die erzählt wird. Ja. Ich liebe die Szene, wenn sie in der Bar die Marseillais anstimmen. Ja. Einfach mal die Nazis in Grund und Boden singen. Das ist so toll. Ganz toll. Mein Platz eins ist eine deutsche Kindergeschichte. Oh. Das Weiße Band von Michael Haneke mit dem Untertitel Eine deutsche Kindergeschichte spielt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und behandelt, wie der Faschismus durch das Großbürgertum bzw. durch das Kleinbürgertum, durch das Bürgertum im Allgemeinen an die Macht kommen konnte. Weil er zeigt, wie die konservative Erziehung der Erwachsenen die Kinder zu Faschisten erzieht.
Johannes Franke: Oh Gott. Ich versuche die ganze Zeit mich zu erinnern. Ich weiß, dass ich den Film gesehen habe, aber es ist lange her. Ja. In unfassbar guten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt. Und ich weiß, dass das einer der Filme ist, die mich sehr von Haneke überzeugt haben, aber ich weiß nicht mehr, warum. Das heißt, ich muss ihn nochmal gucken. Danke, Plur, für diese Erinnerung.
Florian Bayer: Ja. Gerne. Also, es ist so ein Film, diese Detailversessenheit, die Haneke hat, die hätte ich auch gerne bei sowas. Es ist unglaublich, wie er es schafft, in jeder Szene das perfekte Bild zu machen. Und dann gleichzeitig erzählt er noch diese wirklich krasse, parabolische Geschichte, wie der Faschismus einfach stark werden konnte, ohne das Wort Faschismus zu benutzen, ohne überhaupt auf den Faschismus zu referieren, weil es spielt vor der Zeit der faschistischen Bewegung. Mhm. Und vor allem viel besser als Bernardo Bertolucci bringt er auf den Punkt, wie der Konservatismus der damaligen Zeit schuld war am Erstarken des Faschismus und Nationalismus. Könnte es daran liegen, dass er sich nicht fünf Stunden Zeit genommen hat?
Johannes Franke: Das war aber auch ein langer Film, ne? Ja, ist auch ein langer Film.
Florian Bayer: 144 Minuten.
Johannes Franke: Ja, aber keine 300. Also, ich meine, das ist dann wirklich weniger als die Hälfte. Naja.
Florian Bayer: Ja, Bertolucci hätte sich weniger Zeit nehmen können. Das wäre durchaus was, was ich unterschreiben würde. Er hat viele Nebenhandlungen, die, und zwar nicht mit anderen Charakteren, wie gesagt, er entwirft kein großes Ensemble, sondern er bleibt eigentlich stets bei seinen Leuten, bei dem Set an Charakteren, was er aufgebaut hat. Aber er erzählt da sehr viel und er macht sich dann auch manchmal etwas leicht und ist auch manchmal, ja, er ist öfter mal etwas zu romantisch, was die sozialistische Bewegung betrifft und was die Möglichkeiten des Sozialismus betreffen.
Johannes Franke: Ach, naja, ich bin da, ich glaube, ich bin da voll auf seiner Linie. Aber natürlich, du hast recht, es bleibt für mich auch oder vielleicht sogar mehr als für dich der Beigeschmack von, naja, da hat jemand eine einseitige Version im Kopf, die, natürlich kann man Faschismus nicht romantisch erzählen, will man auch nicht und will man auch keine, man will kein gutes Haar dran lassen, aber man könnte dem Sozialismus mehr Dreidimensionalität geben, also mehr Ecken und Kanten.
Florian Bayer: Es ist tatsächlich so, dass sich in diesem Film wird sich nicht auseinandergesetzt mit dem Terror des Stalinismus. Ja, genau. Es wird sich nicht auseinandergesetzt mit den dunklen Seiten des Kommunismus, sondern es ist sogar, es ist ein langlebe Stalin relativ am Anfang des Films und es ist klar, die Kommunisten, der Kommunismus ist die Befreiung, aber natürlich auch mit diesem, mit dieser düsteren Kehrseite, die dann erzählt wird, ganz am Schluss, wenn sie sagen, der Patrone ist tot, sagt Alfredo, der Charakter von Robert De Niro, nochmal in einem sehr persönlichen Moment zu Olmo, der Patrone lebt und es ist natürlich schon so ein Vorgeschmack darauf, dass sich die Verhältnisse nicht sonderlich ändern werden. Die Bauern werden entwaffnet, nachdem sie befreit haben, nachdem es den großen Tag der Befreiung gab, nachdem sie mithilfe des Sozialismus, zumindest im Norden Italien, dafür gesorgt haben, dass jetzt erstmal Ruhe ist, werden sie entwaffnet und es ist klar, es wird wieder zu einer Art bürgerlichen Herrschaft kommen.
Johannes Franke: Also das ist dem Film absolut zugutzuhalten, dass du im Grunde, vielleicht ist es auch einfach die Absicht, dass man zwischendurch den Sozialismus nicht infrage stellt und ganz am Ende dann den Hammer kommen lässt, dass die Leute kommen und sagen, so, jetzt bauen wir hier eine neue Gesellschaftsordnung auf und gebt mal eure Waffen her.
Florian Bayer: Ja, genau.
Johannes Franke: Wir sind jetzt diejenigen. Genau. Und dann eben der Satz, ja, der Patrone ist tot, aber der Patrone lebt. Und das ist wirklich ein ganz, ganz krasser Moment und ein toller Moment und ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr starker Moment. Ich hätte den Film den auch nach zwei Stunden schon abgekauft, aber ist in Ordnung.
Florian Bayer: Es sind ja auch tatsächlich, es sind ja schon so ein bisschen zwei Filme. Wir haben den Film über die Kindheit. Ja, das stimmt. Der eigentlich ein Film für sich ist, der erzählt einfach die Kindheit in Italien des frühen 20. Jahrhunderts. Und dann haben wir den Film über das junge Erwachsensein, über das alte Erwachsensein. Es wäre eine Person, eine Figur, die ich gerne noch kurz hervorheben würde, die ich am spannendsten fand, aber die ich auch kritisch sehe, auch schwierig sehe. Und zwar ist das Ada, die Geliebte von Alfredo, die dann seine Frau wird. Und in ihr entwirft Bertolucci auch einen utopischen Entwurf. Und zwar, sie fühlt sich in der Ehe dann von Alfredo entfremdet und schaut mit Abscheu auf die Faschisten. Und sie solidarisiert sich dann radikal mit dem Bauerntum. Zuerst findet Olmo das nicht so geil, dass sie zum Beispiel seiner Tochter Lesen beibringt und sie sagt, hey, in der Bildung liegt die Zukunft. Und ich will, dass ihr Chancen habt und Möglichkeiten habt. Und Olmo, der stolze Bauer, sieht das total kritisch, aber freundet sich dann mit Ada an. Ada ist deswegen ein spannender Charakter, weil Alfredo permanent eifersüchtig ist auf ihre Beziehung mit Olmo. Diese Szene, die du schon erwähnt hast, in der Olmo verprügelt wird, weil er für den Tod des Kindes verantwortlich gemacht wird, das eigentlich von den Faschisten von Attila umgebracht wurde. Da ist Alfredo unter anderem deswegen still, weil er wütend ist, weil er vor Eifersucht kocht. Weil bei ihrer Hochzeit ist Ada mit dem Pferd ausgeritten und ist dann mit Olmo zusammen zurückgekommen. Und das ist so der erste, wo der erste Keim ihrer Freundschaft gesetzt wird. Und es ist wirklich eine unschuldige Freundschaft. Die beiden haben nichts zusammen. Es ist einfach nur eine Freundschaft. Was ganz spannend ist, ist, dass Bertolucci hier so ein bisschen die kulturelle Avantgarde, die kulturelle Moderne der damaligen Zeit darstellt. Und diese Versöhnung mit dem Kommunismus ist von dieser Avantgarde eigentlich überhaupt nicht ausgegangen, sondern die hat sich sogar eher an den Faschismus angelehnt. Und zwar ist Ada vor allem am Anfang, wenn Alfredo sie kennenlernte, sie ganz klar markiert so als Futuristin. Sie fährt Auto, sie liebt schnelle Gedichte, sie sagt irgendwie, ach, das Gedicht ist jetzt gelesen, das ist nichts mehr wert und zerreißt dann das Papier, wo das Gedicht drauf stand. Und deswegen ist Alfredo auch so von ihr fasziniert und verfällt ihr, weil sie halt wirklich eine moderne Frau ist, die in Künstlerkreisen herumgeht und die sich mit Kunst und Kultur auseinandersetzt und irgendwie avantgardistisch ist von ihren Ideen. Das Lustige ist, die Futuristen, die haben damals ganz viel mit den Expressionisten zusammen gemacht, die ja alle eher dann so zur Linken tendiert haben. Aber die Futuristen in Italien, die sind alle nach rechts gewandert oder fast alle. Der berühmteste Futurist, das war Marinetti, das war ein Dramatiker und Regisseur, der das Manifest des Futurismus geschrieben hat, wo stand, alles muss sich bewegen. Das Vergangene, es totzuschlagen, die Zukunft regiert und so weiter. Und der wurde später Politiker unter Mussolini, der war einfach mal ein harter Faschist später. Scheiße. Und die kulturelle Armung, gerade der damaligen Zeit, die waren so angetan vom Faschismus, weil der Faschismus auch Bewegung gepredigt hat und auch Gewalt gepredigt hat und gesagt hat, wir schlagen das alte Tod. Also gerade der Faschismus italienischer Prägung. Und da ist Bertolucci so ein bisschen zahm fast, weil ich hätte es spannend gefunden, wenn er diesen Konflikt zwischen der Linken und der kulturellen Avantgarde stärker gezeigt hätte.
Johannes Franke: Ja, aber da ist ihm irgendwie, glaube ich, seine Position zu wichtig. Also weißt du, was ich meine? Das, was er erzählen möchte, sein romantischer Sozialismus. Wahrscheinlich.
Florian Bayer: Der Film romantisiert sehr viel und der Film, um nochmal zu dem Punkt zu kommen, der Film will, glaube ich, schlicht sein. Und das gelingt ihm nicht, weil er fünf Stunden lang ist und weil er auch Längen hat und weil viele ihn auch vollkommen zu Recht oft als langatmig empfinden werden. Gerade wenn er in diesen Landschaftsaufnahmen schwelgt, die wunderschön sind, aber die auch sehr lange gehalten werden. Und das macht es ihm so ein bisschen kaputt, ein schlichter Film zu sein. Das ist auch so ein bisschen, ja, das ist die kleine Tragödie dieses Films, dass Bertolucci einen Film für das einfache Publikum drehen wollte, um zu zeigen wollte, hey, hier habt ihr ein großes, monumentales Setting. Das ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts und das ist die Vision, die ich damit verknüpfe. Und diese Vision ist eine marxistische Vision. Und jetzt frisst das. Ihr findet das alles geil, was da erzählt wird und so werde ich euch alle zu Sozialisten machen. Aber dafür ist der Film dann wahrscheinlich doch zu groß und zu erschlagend geworden.
Johannes Franke: Ja, und ich würde von jemandem erwarten, der einen Fünf-Stunden-Film raushaut, dass der wirklich diese fünf Stunden auch durchhält. Also ich meine, du guckst dir doch in deinem Schnitt deinen Film an und denkst dir, kann ich diese fünf Stunden rechtfertigen? Und das will ich dann auch wirklich. Ich will dann auch, wenn ich schon so einen Hammer raushaue, will ich auch, dass der Hammer funktioniert und dass er trifft. Und irgendwie vielleicht auch seiner Zeit geschuldet oder sowas. Vielleicht ist es auch so, dass ich als Zuschauer 2021 natürlich eine andere Sehgewohnheit habe als in den 70ern. Und ein wirklich anderes Gefühl für Timing und für Dramaturgie habe. Aber irgendwie, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Er wurde damals schon dafür kritisiert. Er wird tatsächlich eher, heute wird er wohlwollender rezipiert als damals. Damals wurde er viel dafür kritisiert, dass er sich so in Nebensächlichkeiten verliert. Dass Bertolucci vielleicht ein bisschen zu sehr in seinen Bildern schwelgt. Dass er einfach was wirklich Monumentales machen will. Er hat das Budget auch gnadenlos überzogen. Von diversen Filmstudios, alle aus Amerika, das Geld zusammengeklaubt. Wow. Und dann um drei Millionen Dollar oder so überzogen, was damals gewaltig war, was echt viel war. Was heute fast gar nicht mehr so viel ist. Und zwar, es galt eine Zeit lang als der teuerste und ambitionierteste Film Italiens. Auch wenn er das wahrscheinlich nicht war. Aber er hatte dann einfach diesen Ruf. Und was war jetzt mein Punkt? Ja, er verliert sich vielleicht ein bisschen in Nebensächlichkeiten. Aber ich finde, in diesen Nebensächlichkeiten sind halt auch ganz viele tolle Momente zu finden tatsächlich. Also es gibt so viele kleine Szenen. Angefangen von der Mutprobe zum Beispiel von Olmo. Einfach eine schöne... Eine schöne kleine Nebengeschichte ist. Über diese Szene, wenn Ada mit Alfredo in der Kneipe ist und dann so total theatralisch was spielt. Und dann regen sich die Bauern über sie auf. Also Olmo vor allem. Weil er sagt so, ey, du verstehst uns überhaupt nicht und du willst hier ein bisschen Landluft schnuppern. Und du bist einfach keine von uns. Egal wie du dich anstrengst, liebe Avantgardistin. Und sie entschuldigt sich dann dafür und kriegt so einen hysterischen Anfall in dieser Kneipe. Die Frau ist so abgefahren. Das ist unglaublich. Aber sie ist toll, oder? Also ich finde sie total spannend. Ja, das Problem ist, irgendwann nervt sie leider. Sie nervt. Ich fand, sie war im zweiten Teil, war sie die spannendste Figur, an der ich mich festgehalten habe. Weil, auch weil Alfredo halt eben dann plötzlich nicht mehr als Sympathieträger taugt. Und weil Attila als Bösewicht zu wenige Nuancen hat. Der wird zu sehr Game of Thrones, zu sehr, er ist einfach in allem böse. Er tötet die Katze, er tötet das Kind.
Johannes Franke: Boah, können wir ganz kurz darüber reden. Ich weiß, das sind die 70er und damals hat man das noch so gemacht. Aber die haben die Tiere wirklich echt... Sie haben ein Schwein geschlachtet. Sie haben ein Schwein geschlachtet. Ja. Und sie sind nicht gut mit Katzen umgegangen.
Florian Bayer: Ja. Und, oh. Es gibt mehrere problematische Szenen. Uffu. Also im ersten Teil, der erste Teil war lange ab 18 freigegeben, gibt es diese Szene, wo die Kinder miteinander, also Olmo und Alfredo, sich ihre Penisse zeigen.
Johannes Franke: Mhm. Das fand ich auch schon ein bisschen grenzwertig.
Florian Bayer: Ja, ihm wurde vorgeworfen, dass er kinderpornografisch wäre. Ja. Das war unter anderem ein Grund, warum er in Italien zu der damaligen Zeit beschlagnahmt wurde. Oh. Weil ein Bibliothekar hat das gesehen und hat gesagt, naja, das ist alles zu hart, zu viel Sexualität, zu viel Kinderpornografie. Ja. Und es gab ein Gesetz nach, das aus der Mussolini-Zeit noch stammte, dass wenn es eine einzelne Beschwerde gibt, dann kann ein Film indiziert werden, eingezogen werden. Oh, wow. Und das hat tatsächlich dazu geführt, dass der kurze Zeit eingezogen war. Mhm. Und das Gesetz wurde dann auch geändert. Aber ja, es gibt diese schwierigen Szene. Also das ist tatsächlich, ich gehe davon aus, dass das eine Szene ist, über die sich jeder Pädophile freuen würde, weil wir sehen die erigierten Penisse von 10-Jährigen, 9-Jährigen, ich weiß nicht. Weiß ich nicht.
Johannes Franke: Und erigiert ist vielleicht auch ein bisschen zu viel gesagt, aber ja, weiß ich nicht genau.
Florian Bayer: Das war eine Erektion, was ich da gesehen habe und eine zurückgezogene Fort und eine Erektion. Also ich dachte auch so, hoppla, was ist da auf einmal los?
Johannes Franke: Und ich, naja, okay, 70er ist damit ein bisschen weniger, aber auch damals, oder? Ich meine, wenn der Bibliotheker sich beschwert hat. Ja. Klar sind die 70er freigebiger gewesen, was das betrifft und sind noch naiver damit umgegangen. Aber irgendwie, Bertolucci wurde immer dafür kritisiert, wie er Sexualität darstellt.
Florian Bayer: Und Bertolucci, das ist das, was Bertolucci aus seinen früheren Filmen so ein bisschen rübergerettet hat, in dieses Gemälde, was er irgendwie schlicht halten wollte oder eher gefällig machen wollte, dass er diese krassen sexuellen Bilder hat. Also das mit den Kindern ist wahrscheinlich das härteste, einfach weil wir heute direkt denken, krass, das ist Kinderpornografie. Dann diesen Missbrauch von dem Mädchen im Stall, wenn der alte Alfredo sie zwingt, ihn zu masturbieren.
Johannes Franke: Und die Szene ist nicht gut gedreht, sodass man sagen könnte, das ist einfach nur irgendwie gut geschnitten oder sowas. Nein.
Florian Bayer: Das Thema dieser Szene ist auch überhaupt nicht der Kindesmissbrauch, sondern das Thema dieser Szene ist der Alfredo, der nicht mehr das kann, was er früher können würde, weil er ist dann frustriert, dass er offensichtlich nicht, dass es ihn nicht befriedigt. Und deswegen hängt er sich dann ja auch. Und es ist einfach, es ist kein Blick auf das Opfer und es ist keine Darstellung, wo man sagen würde, das setzt sich kritisch damit auseinander.
Johannes Franke: Überhaupt nicht. Und das war wirklich, ich habe, glaube ich, echt lange gebraucht, darüber hinwegzukommen.
Florian Bayer: Das ist eine wirklich unangenehme Szene und zwar nicht, weil sie unangenehm sein will, sondern weil sie so beiläufig inszeniert ist und was anderes zum Thema hat als das Opfer, weil sie quasi fast mit dem Täter sympathisiert. Weil es geht darum, dass uns dieser Alfredo in dem Moment leidtun soll, weil er eben nicht mehr die sexuelle Kraft hat, die er früher hatte. Ja, bei mir ist das scheißegal. Natürlich ist uns das scheißegal. Er ist einfach mal ein Pederast in dem Moment.
Johannes Franke: Ja, das war also wirklich, wo ich dann auch, natürlich ist es in einem Moment in einem Film, wo ich noch nicht genau weiß, was der Film eigentlich will. Das weiß ich auch sehr lange sowieso nicht, aber das ist in dem Moment, habe ich noch ein kleines bisschen Benefit of a Doubt, dass ich sozusagen das Gefühl habe, okay, da kommt vielleicht noch was in die Richtung, was einen Standpunkt klar macht, aber das kommt dann halt nicht.
Florian Bayer: Nee, es setzt sich damit nicht auseinander. Und Bertolucci ging es auch, glaube ich, tatsächlich in diesen Momenten um, das ist einfach die Art, wie Bertolucci inszeniert. Also, der letzte Tango in Paris, das war ja sein großer Erfolg davor.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und das ist ein Film, in dem es um eine Affäre geht zwischen einem sehr alten Mann, nee, nicht sehr alten Mann, Marlon Brando war damals noch nicht so alt, aber er ist mit Marlon Brando, mit einem älteren Mann, kurz gucken, wie alt er in diesem, naja, er war so 50. Und mit einer sehr jungen Frau. Und der ist voll mit krassen Sechsszenen. Die berühmteste ist wohl die, wo es zu einem, zum Analverkehr kommt und Butter verwendet wird als Gleitmittel. Das habe ich sogar gehört. Die ist deswegen berühmt, weil angeblich ein Zuschauer im Kino einen Herzinfarkt hatte, weil ihn die Szene so geschockt hat. Okay. Aber der ist unter anderem auch deswegen berühmt, berüchtigt mittlerweile, der Film, weil die Darstellerin, die in diesem Film mitgespielt hat, sich im Nachhinein ziemlich krass geäußert hat über Bertoluccis Regiemethoden. Und es gibt auch eine Vergewaltigungsszene, die man durchaus als, naja, es ist eigentlich Rapeculture, man kann sie fast als Glorifizierung der Vergewaltigung lesen. Die Frau wird überwältigt und will nicht und gibt sich dann aber irgendwie hin. Und es ist, der Film wurde im Nachhinein oft kritisiert und die Darstellerin, Maria Schneider, die hat sich auch mehrmals ziemlich kritisch darüber geäußert, wie dieser Film verwirklicht wurde, weil sie einfach, weil sie einfach jung war und zu Sachen mehr oder weniger genötigt wurde am Set, die sie eigentlich nicht unbedingt machen wollte. Scheiße. Ja, also das, und um nochmal auf den Punkt zu kommen, Bertolucci ist ein Regisseur, der sich sehr viel radikale sexuelle Darstellungen, der sehr einfach in seiner Filmhistorie radikale sexuelle Darstellungen hatte und was heute vollkommen zu Recht deutlich kritischer gesehen wurde als damals.
Johannes Franke: Ja, na, das geht jetzt, das stößt jetzt so ein bisschen ins gleiche Horn wie mein, also viel weniger problematisch, aber ins gleiche Horn. Irgendwie mein Eindruck, dass eben Gewalt und diese ganzen krassen Sachen so beiläufig erzählt werden in dem Film. Irgendwie hat er keine Haltung dazu. Und das stört mich so ein bisschen in dem ganzen Film.
Florian Bayer: Also, ich will ganz kurz nochmal Maria Schneider aus der Letzte Tango in Paris. Also, Bertolucci, diese Szene, es geht um diese Analverkehrszene mit Butter. Und Bertolucci hatte beschlossen, dass sie, Maria Schneider, nicht wissen dürfte, was passieren sollte, damit sie, damit das einfach realistischer wirkt, wie sie reagiert. Und sie muss wohl auch, äh, und Bertolucci hat im Nachhinein auch nochmal gesagt, ich weiß nicht, ob ich das nochmal so machen würde. Es war, es war für Maria Schneider, auch wenn keine Präsentation stattgefunden hat, wahrscheinlich wirklich wie eine echte Vergewaltigung, weil sie wirklich überwältigt wurde. Und sie war total verstört nach dem, äh, Tränen dieser Szene. Es war eine unglaubliche Anniedrigung, das sind echte Tränen. Fuck. Ja. Und genau, das ist irgendwie, ja, und der Film, genau, dann hat der Film natürlich die Schlachtung des Schweines. Die ich allerdings tatsächlich überhaupt nicht als problematisch empfinde, weil Schweine wurden, Schweine wurden und werden geschlachtet. Also, ich weiß nicht, und dann, ich gehe davon aus, dass sie nicht das Schwein nur für den Film geschlachtet haben, sondern dass sie es danach gegessen haben.
Johannes Franke: Ja, äh, ich nehme an, dass das, was da dann als Requisite rumhing, das war ja auch alles echt Schwein und vielleicht war es einfach das gleiche Schwein und gut ist. Ähm, aber, aber nein, nein, nein, also selbst wenn es nicht für den Film nur gemacht wurde, ich bin, ich will das nicht sehen.
Florian Bayer: Ja, das kann ich verstehen. Du bist auch Vegetarier, ne?
Johannes Franke: Ja, ich bin auch Vegetarier und das, äh, vielleicht ist das, aber auch wenn ich nicht Vegetarier, ich weiß ich nicht. Will man das angucken?
Florian Bayer: Es ist wahrscheinlich, Bertolucci's Art hat auch Gesellschaft darzustellen und er sagt, diese Sachen gehören auch zur Gesellschaft und diese Sachen haben auch was Alltägliches. Wahrscheinlich zeigt er es deswegen auch als alltägliches Schweine werden geschlachtet auf dem Bauernhof.
Johannes Franke: Ja, du kannst es genauso alltäglich erzählen, wenn du nicht genau siehst, was passiert. Dass du kannst, ganz im Gegenteil, dir wird ja im Kopf, deine Fantasie ist ja stärker, als das, jedes Bild, was du tatsächlich zeigen kannst und dann kannst du es doch auch einfach dem Zuschauer überlassen, sich das vorzustellen.
Florian Bayer: Das ist vielleicht ein bisschen dokumentarischer Eifer. Ich weiß nicht. Ja, ja, ja. Es gibt ja auch diese Szene im Bordell, wo sie beide als junge Männer sich von einer Prostituierten masturbieren lassen.
Johannes Franke: Das ist auch, auch ein bisschen, für mich so ein bisschen, naja, komm, da hättest du auch was inszenieren können, statt nur die Kamera aufzustellen. Ich weiß nicht, irgendwie. Hat mich jetzt auch nicht so gestört, weil ich bei dieser Szene das Gefühl hatte, dass alle drei irgendwie Spaß hatten. Ja, das ist auch in Ordnung, wenn es, wenn es consensual ist, aber irgendwie finde ich, finde ich, ja, vielleicht ist es das, was du sagst. Also, dieses, der dokumentarische Eifer, der auch den ganzen Film mitbestimmt, der ja natürlich auch dafür sorgt, dass er eben drei Stunden aufs Feld blickt und so. Naja, klar, okay, wenn man das als Konzept hat, aber irgendwie, weiß ich nicht, befriedigt es mich als Zuschauer eines Films nicht unbedingt diesem dokumentarischen Blick zu sehr ständig zu folgen. Irgendwie nicht. Ja, ja. Kann ich verstehen, auf jeden Fall. Okay. Okay. Gibt es noch Szenen, ganz bestimmte Dinge, auf die du eingehen möchtest? Weil es gibt zu wahnsinnig viel eigentlich. Es gibt zu viel. Aber die Frage ist, ob man auf so viel Einzelheiten eingehen möchte.
Florian Bayer: Ich glaube, es ist ein Film, den man gesehen haben sollte. Er steht übrigens auch in dem Buch der tausend Filme, die man gesehen haben sollte. Einfach, weil er so eine krasse Auseinandersetzung ist mit der frühen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und auch für mich ein Musterbeispiel von einem wirklich, wirklich gut gemeinten. Ja. Und in einigen Sachen auch scheiternden sozialistischen Films. Der versucht, der wirklich was Einfaches sein will. Und dem das auch in ganz vielen Momenten gelingt. Dass er epochal ist, erzählt, aber wirklich im einfachen kleinen Rahmen bleibt. Und das kann ich dem Film total zugute halten. Dass es ihm einfach gelingt, da nicht komplett amok zu laufen. Und ja, er ist langatmig und er ist groß und gewaltig. Aber er bleibt ganz klar konzentriert auf seine beiden Hauptfiguren. Ja. Und das macht den Film auch, auch wenn er fünf Stunden dauert, konsumierbar. Ich finde diesen Film konsumierbarer als so manches, was das Monumentalkino amerikanischer Prägung eher so davor verbrochen hat. Also das ist, für mich ist das definitiv der einfachere Film, wenn ich ihn zum Beispiel mit Ben Hur vergleiche oder die Zehn Gebote. Ja. Weil es nicht so ein krasses Sittengemälde sein will, sondern sich konzentriert und zusätzlich halt auch irgendwie noch parabolisch vom Aufstieg des Faschismus erzählt, vom Klassenkampf, von den Problemen der Bauern im Italien des frühen 20. Jahrhunderts. Ohne als Geschichtsstunde daherzukommen, weil viel Geschichte lernt man daraus nicht. Also wenn man davon fasziniert ist, was da passiert, dann muss man sich einfach ein Geschichtsbuch nochmal greifen, weil der Film bringt einem nicht viel bei. Der Film zeigt das Leben der einfachen Leute und welcher König wann an der Macht war und welcher Politiker wann zum Krieg aufgerufen hat und so weiter, das wird alles ausgespart. Wir erfahren nichts über den politischen Rahmen, außer dass wir irgendwann wissen, jetzt sind die Faschisten an der Macht.
Johannes Franke: Ja, genau. Und die grausamkeit der Faschisten an sich und man erfährt viel über die Liebe des Filmemachers zum Sozialismus. Die ich ja größtenteils teile, also ich liebe die Idee des Sozialismus. Natürlich ist die Ausführung nicht so geil gewesen bisher, aber naja.
Florian Bayer: Roger Ebert fand ihn damals richtig doof. Er sagte, because 1900 is a film out of control, a film conceived on such an epic scale that it just doesn't fit, a film which Bertolucci struggles for hours to make his statement about the class struggle in Italy, only to end on a note of throwaway goofiness. Dann meint er wahrscheinlich die letzte Zähne, wenn diese beiden Senioren sich balgen.
Johannes Franke: Ja, genau. Die ich übrigens ganz süß fand eigentlich, ne? Also ich liebe so goofy Momente, die kann man von meinem Dafürhalten durchaus immer erzählen.
Florian Bayer: Ich mochte auch die Chemie zwischen den meinen. Ich finde, es ist, weil es wird nicht, es wird nie zu einem krassen, einfach nur Konflikt zwischen Gutsherr und Bauer, sondern es bleibt immer diese persönliche Ebene und dieses Visionäre, dass sie sich doch auch auf ihre eigene Art vertragen können. Und dass die gesellschaftlichen Umstände einfach kacke sind.
Johannes Franke: Ja, also wirklich will dem Film viel zugute halten, was die Idee und das Konzept und die, die einfach das Vorhaben, so ein zwei Leben von der Wiege bis zur Ware einmal komplett zu erzählen, ist schon wirklich toll. Und an manchen Stellen gelingt es und an manchen Stellen eben nicht.
Florian Bayer: Und ich mag diesen marxistischen Rahmen, einfach dieses dialektisch-materialistische, dass er wirklich sagt, ich zeige, wie das Sein das Bewusstsein formt, wie die Menschen in dem Wertesystem, in dem sie leben, geformt werden. Ja, das stimmt.
Johannes Franke: Tja, mich würde interessieren, was die Drei-Stunden-Version von dem Cutter war, der ihm das vorglichsteht.
Florian Bayer: Würde mich auch interessieren. Ich glaube, ich werde mir auch nochmal die Vier-Stunden-Version geben, um zu gucken, ob die, das ist ein Film, den ich auf jeden Fall nochmal gucken würde. Ich fand ihn auch, ich fand in der zweiten Hälfte hat er Längen, definitiv, in der ersten überhaupt nicht. Ich fand, die erste Hälfte hat sich total krass weggeguckt. Und es war wirklich so, dass ich dachte, wow, okay, das war schon die erste Hälfte. Und in der zweiten Hälfte, die ich einen Tag später geguckt habe, nee, zwei Tage später, ich habe dazwischen nämlich Benni und June geguckt. Ach, okay. In der zweiten Hälfte haben sich dann einige Längen eingeschlichen. Und deswegen finde ich auch, die erste Hälfte des Films ist deutlich stärker, auch die zweite, als die zweite.
Johannes Franke: Für mich stellt sich die Frage, ob die zweite Hälfte, wenn ich die erste nicht gesehen hätte, weniger Längen hätte. Möglich.
Florian Bayer: Die zweite Hälfte war politischer als die erste. Vielleicht ist es auch ein bisschen in der zweiten Hälfte, was mich in der zweiten besonders gestört hat, war dieser Attila, obwohl er toll gespielt ist von Donald Sutherland. Wir haben ja zu sehr Bösewicht, zu eindimensional.
Johannes Franke: Eindimensional, sehr.
Florian Bayer: Und in der zweiten Hälfte ist auch viel passiert. Das ist das, was du wahrscheinlich auch meintest, wo man nicht genau weiß, wo es hingeht und ob es überhaupt was will. Und dann will es auch relativ wenig. Genau. Weil die Konfliktlinien sind sehr schnell gesetzt und dann werden sie halt einfach nur noch ausgespielt, aber auch nicht so zur vollen Stärke. Ja.
Johannes Franke: Na ja. Ja. Ja. Es ist schade, finde ich. Ich hätte dem Film mehr Kraft gewünscht am Ende.
Florian Bayer: Ich finde es nicht schade, weil ich den Film tatsächlich alles in allem als überwältigendes Erlebnis wahrgenommen habe und ich froh bin, dass ich ihn gesehen habe. Okay, überwältigend fand ich ihn auch. Ich weiß nicht, welche Wertschung das mitbringt, aber überwältigt hat er mich auf jeden Fall. Ich habe mich danach nicht so zermatert gefühlt. Das war so, ja, es gab die Länge in der zweiten Hälfte, aber es gab immer genug, was groß war, was stark war. Es gab immer noch immer genug kleine Anekdoten, wo ich dachte, ja, die kriegt mich jetzt.
Johannes Franke: Ja. Ja, ja, also der Film hatte mich auch immer wieder und auch vor allem, was du vorhin gesagt hast, in der Figur Ada auf jeden Fall hat er mich, der Film, ganz, ganz viel und hat mich erst am Ende wieder verlassen, weil ich sie irgendwann zu nervig fand, weil sie auch das nicht so, weiß ich nicht. Die Entwicklung, die sie erzählt haben von ihr, war nicht toll genug.
Florian Bayer: Ja, dieser Alkoholismus, der dann irgendwann von ihr erzählt wird, wird so ein bisschen, puh. Ja. Und dann sitzt sie halt in Bauernkneipen und trinkt und Alfredo ist deswegen tierisch wütend, aber irgendwie, weiß ich nicht.
Johannes Franke: Vielleicht will der Film besonders alltäglich sein, aber er war dadurch auch eben einfach nicht, das Leben schreibt nicht unbedingt die besten Geschichten. Maybe. Okay. Hast du noch ein Schlusswort? Aber das war schon das Schlusswort, oder? Haben wir noch irgendwas? Ennio Morricone ist ein Traum. Oh, oh ja, Ennio Morricone ist ein großartiger Musiker. Hat sich viel bei Verdi bedient für die Musik und es klingt tatsächlich nicht wie so ein Morricone-Score. Es ist ganz toll, weil am Anfang rennt jemand durchs Bild und ruft, Verdi ist tot, Verdi ist tot. Und dann klingt der ganze Film ein bisschen nach Verdi.
Florian Bayer: Das ist auch schön, der Tod des Romantikers in der Beginn der Moderne. Ja. Bam. Hier haben wir 20. Jahrhundert, Tod Verdi, das steht am Anfang. Aber ich fand die Musik vor allem deswegen toll, weil ich liebe Morricones Musik. Ja. Und hier war das nochmal ein Beweis für mich, warum ich sie liebe. Weil es klang nicht nach Morricone. Ich finde, Morricone hat einen sehr typischen Klang und den habe ich in diesem Film gar nicht so wahrgenommen. Und trotzdem war die Musik total toll.
Johannes Franke: Ja. Ich weiß gar nicht, wie, ich kann das nicht einsorten, ob es jetzt so typisch oder nicht typisch war, aber ich könnte mich dir anschließen, wenn ich das nochmal, weiß ich nicht, Revue passieren lasse. Aber ganz tolle Musik auf jeden Fall.
Florian Bayer: Cool. Danke, dass du ihn gesehen hast. Danke, dass du die 5 Stunden durchgestanden hast und nicht auf die Cheat-Version der 4 Stunden gegangen bist.
Johannes Franke: Ich danke mir, dass ich es geschafft habe, dich nicht niederzuschlagen gleich am Anfang dieser Episode. Aber ich mache echt 5 Stunden, meine Güte. Bloah. Okay. Aber du hast einen Film von der Liste Filme, die man gesehen haben, muss abgehackt.
Florian Bayer: Einen Film? Einen Film von dieser... What? Da du vorhin Casablanca genannt hast, ich gehe davon aus, dass der auch auf dieser Liste steht. Also hast du schon zwei Häkchen. Ganz toll, danke.
Johannes Franke: Oh Gott. Von der 1.000-Filmeliste oder von der 100-Filmeliste? Wahrscheinlich ist er auf der 1.000-Liste. Ich weiß nicht, ob er auf der 100-Liste steht. Nein, Manuel. Okay. Aber das ist ja nicht unser Ziel. Wir werden ja nicht die 1.000-Filmeliste abarbeiten jetzt hier im Podcast. Oh Gott, du siehst so aus, als ob du die 1.000-Filme abarbeiten willst.
Florian Bayer: Wir machen eine kurze Pause und kommen zu einem Film, der wahrscheinlich nicht auf dieser Liste steht. Doch, der muss aber. Der aber auf Johannes' persönlicher Liste offensichtlich ganz weit oben steht. Ganz weit oben. Benni und June, nach der Pause. Bleibt dran, bis gleich. Bis gleich.
Johannes Franke: So, herzlich willkommen zum zweiten Teil. Da sind wir wieder. Willkommen zurück.
Florian Bayer: Willkommen zurück, Plor. Ich drücke den Aktualisieren-Button in meinem Mail-Postfach, wenn ich auf irgendwas warte, was Johannes mir schicken wollte.
Johannes Franke: Ich, Plor, ich werde dir jetzt etwas schicken. Du darfst dir aussuchen, wen von beiden du sprechen möchtest. Oje. Dieser Film, den wir jetzt haben, Benni und June, hat einfach großartige Dialoge, meiner Meinung nach. Und deswegen werden wir jetzt einen davon lesen.
Florian Bayer: Okay. Ist das unsere Einführung?
Johannes Franke: Das ist unsere Einführung. Nein, ich habe da noch einen extra Einführungstext. Aber das müssen wir gleich erstmal machen. Und zwar, ich habe dir zwei Texte geschickt. Wir nehmen den ersten. Okay. Müsstest du June oder Benni sein? Da ich als großer Bruder groß geworden bin, würde ich den Benni übernehmen. Okay. June ist die kleine Schwester. Und diese kleine Schwester ist mentally ill, wird gesagt. Aber es wird nicht definiert, was. Und in der Szene davor, vor dem Gespräch, kurzen Gespräch, was wir jetzt haben werden, macht Sam mit Bügeleisen Sandwiches. Statt mit einem Toaster und mit Pfanne oder was auch immer. Käse Sandwiches. Und June ist wahnsinnig beeindruckt von Sam, dass er mit... Und ihr Satz ist, ihr erster Satz ist. He really can cook, can't he?
Florian Bayer: Yeah. Although for grilled cheese, I might have used a wool setting. That's what I told him. Really? What did he use?
Johannes Franke: Rayan. Silk would have been too soggy. Cotton would have... Would have burned it. Right. Fortunately, he consulted me before giving it steam. I was full square against it. Benni und June. Benni und June. Ich finde, diese Dialogzeilen fassen diesen Charakter Sam und die Beziehung der beiden ganz wunderbar zusammen. Es ist so toll. June, die so begeistert ist von Sam, der mit... Der einfach... Der kochen... Natürlich kann er kochen, weil er mit einem Bügeleisen... Ja. Und irgendwie das so ernst nehmen und so. Ich finde es wunderschön. Es gab eine Kochszene, die rausgeschnitten wurde, ne? Ja, da hat er auch noch irgendwas anderes gemacht, was ich aber dann vergessen habe aufzuschreiben. Es war ganz spannend.
Florian Bayer: Jetzt muss ich kurz suchen, weil ich fand das... Tatsächlich fand ich es bei den Facts ganz witzig. Ich glaube, ich habe es bei IMDb gelesen. Ja, genau. Bei IMDb gibt es immer diese nette Section, did you know? Ja, Trivia. Trivia. Und da findet man dann ganz viele Sachen, die meistens ohne große Quellenangaben rausgehauen werden. Wo aber wirklich tolle Anekdoten dabei sind. Und zwar, genau, there was a scene where Sam made grab in the dishwasher. It was cut for time. Das ist schade. Das hätte ich gerne gesehen. Und das hätte diese Szene mit den Mashed Potatoes, die er mit seinem Tennisschläger macht. Und mit den Grilled Cheese Sandwiches, die er mit dem Bügeleisen macht, hätte das sehr gut ergänzt. Sehr gut ergänzt. Oh, es ist so schade, dass das weggefallen ist. Und wenn man das hat, ich... Also, ich meine, sie haben das offensichtlich ja gedreht. Wie kann man eine Szene haben, die man dann nicht zeigt, in der in der Spülmaschine ein Hummer zubereitet wird. Und das nicht in den Film einbauen. Das ist mir ein Rätsel. Mir auch. Ich hatte den ganzen Film um diesen Hummer gespannt.
Johannes Franke: Okay. Sollen wir mal in den Film, soll ich mal einführen in unseren Film? Benny und June. Okay. Benny und June. Der Film meiner Jugend. Ich kann diesen Film mitsprechen. Auf Deutsch und auf Englisch. Die 1993 erschienene Komödie von Jeremiah S. Chachik erzählt die Geschichte des namengebenden Geschwisterpaars Benny und June. Pearl. Und dem beim Poker in die Familie gewonnenen Sam. Die Besonderheit? June hat eine oder mehrere nicht näher definierte psychische Krankheiten, die Sam und June aber nicht davon abhalten, sich ineinander zu verlieben. Benny allerdings ist davon nicht so begeistert. Und so müssen die Liebenden ganz klassisch dramatisch um ihre Liebe kämpfen und finden. Weil es eben doch eine Komödie ist, am Ende zusammen. Ein Film über, ja worüber eigentlich, Plor, vor allem Hoffnung würde ich sagen. Hoffnung, dass jeder Mensch jeder Ausgangslage den sprichwörtlichen Deckel zum Topf finden kann. Und ist damit hoffnungslos romantisch. Oder was würdest du sagen, Plor?
Florian Bayer: Meine erste Frage tatsächlich, ich muss eine Gegenfrage stellen.
Johannes Franke: Ja?
Florian Bayer: Wenn du diesen Film heute schaust, wenn du sagst, es ist der Film deiner Jugend, der dich stark beeinflusst hat. Ja. Siehst du den, wie du ihn damals gesehen hast? Siehst du eine rosa-rote Brille, die dazwischen hängt und die du auch mal kurz abnehmen kannst? Oder wie ist dein Gefühl? Weil, kleiner Spoiler, wir haben natürlich wieder eine Top-3-Liste, die erst später kommt. Und da geht es um Filme, die uns beeinflusst haben. Und ich habe bei ganz vielen Filmen festgestellt, dass ich die früher mit einer rosa-roten Brille gesehen habe. Und heute, wenn ich die so ein bisschen hochziehe, denke, oh, ja, okay.
Johannes Franke: Also, ich sehe diesen Film auch heute noch mit einer rosa-roten Brille, bin mir dieser bewusst, kann sie aber nicht abnehmen. Das funktioniert nicht. Also, es gibt so einen kleinen Spalt, durch den ich zum Beispiel die psychischen Krankheiten sehe, was ein bisschen problematisch vielleicht sein könnte. Aber ich sage auch wiederum nur könnte, weil ich es nicht, ich komme da nicht raus. Ich komme da nicht raus aus meiner jugendlichen Perspektive.
Florian Bayer: Aber das ist doch die beste Art, auch Filme zu genießen. Wenn man weiß, okay, ich sehe den natürlich auch aus nostalgischen Gründen so fantastisch, aber ich kann ihn trotzdem noch genießen.
Johannes Franke: Das macht es mir nicht kaputt. Überhaupt nicht kaputt, überhaupt nicht. Ich sitze immer noch davor und grinse wie ein kleines Kind. Ich liebe diesen Film einfach. Es ist unglaublich, was dieser Film mit mir macht. Es ist krass.
Florian Bayer: Also, ich musste auch oft grinsen bei dem Film. Nachdem ich ihn, wie gesagt, nach zehn Jahren zum zweiten Mal oder zum dritten Mal wahrscheinlich auch gesehen habe. Ich hatte auch viel Spaß dabei, aber es gab einfach Momente, wo ich gemerkt habe, er hat mich damals, und ich war älter, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Du hast ihn mir gezeigt, da war ich wahrscheinlich irgendwie Anfang, Mitte 20. Ja. Es gab Sachen, die mir damals nicht so aufgefallen sind, die mir heute ein bisschen stärker aufgefallen sind. Sachen, die auch dazu geführt haben, dass ich mein Urteil von damals, wo ich eigentlich einfach nur dachte, oh, was für ein toller, schöner, liebes Film. Ja. Was für eine tolle, schöne, liebes Komödie. Was ich heute so ein bisschen relativieren würde, er ist definitiv kein schlechter Film, aber es hat doch ganz oft zwischendurch so das Gefühl dominiert, Gott, ist dieser Film seicht und brav. Ja, ja, ja, ja, ja. Und dieser Gedanke, der ließ sich nicht so ganz wegschieben und der war immer präsent und der wurde auch zwischendurch dann auch mal ein bisschen stärker, der wurde auch mal wieder ein bisschen aufgefangen und auch mal ein bisschen abgeschwächt. Mhm. Auch nicht nur, weil der Film unglaublich viele Sachen echt gut macht, sowohl was Humor betrifft, als auch das Zwischenmenschliche. Ja. Aber er war manchmal auch sehr stark präsent. Ja, den konnte ich nicht ganz abwerfen.
Johannes Franke: Okay, das können wir ja mal spezifizieren, wenn wir dann so an bestimmten Stellen sind, wo du dann sagen würdest, naja, da hätte man vielleicht ein bisschen mehr Pfeffer gebraucht oder was meinst du?
Florian Bayer: Ja, ich glaube, es ist auch weniger, es ist weniger an einzelnen Zähnen festzumachen, sondern es betrifft eher so das Ganze, du hast schon erwähnt, es ist die Darstellung der psychischen Krankheit.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Habe ich mir schlimmer vorgestellt. Tatsächlich finde ich, sie treffen sie ganz gut, sie zeigen auch eine gewisse Alltäglichkeit in der psychischen Erkrankung, die angenehm ist. Weil sie, weil sie es nicht zu sehr, zu krass dramatisieren, sondern es ist klar, sie ist krank, sie nimmt ihre Tabletten, sie soll ihre Tabletten nehmen, sie weiß nicht, ob das richtig ist, es ist so, diese Art der Medikation ist auch, ist auch schwierig, einfach weil sie durch ihren Bruder erfolgt und weil der so sehr mit eisernen Klauen über ihr ist. Aber das wird glaubwürdig erzählt. Also er ist, er kümmert sich wirklich um sie und es ist ihm wirklich wichtig, dass es ihr gut geht und er glaubt wirklich, dass das Setup, in dem sie leben, dass das das Beste ist. Ja. Und seine große Kontrahentin, mit der er öfter aneinander gerät, die sagt, so, Jun gehört jetzt aber wirklich mal in eine Einrichtung, die will auch nur das Beste für Jun und die sieht die Probleme, die sich in diesem Zusammenleben entwickeln. Ja. Ein Punkt ist zum Beispiel, dass sie die Probleme in diesem Zusammenleben, Stärkheiten herauskehren können.
Johannes Franke: Ja, das sehe ich auch. Da bin ich voll bei dir und in der Recherche danach ergab sich so für mich das Bild, dass ich das Gefühl hatte, dass damals das sehr wohlwollend aufgenommen wurde, die Darstellung der psychischen Krankheit, dass man gesagt hat, ist nicht zu seicht, aber heute, in der Perspektive von heute, dass schon eher gesagt wird, dass man so ein bisschen, das was ganz, ganz problematisch bei manchen Filmen ist, wo es viel schlimmer bei anderen Filmen, aber wo du so das Gefühl hast, der psychisch Kranke oder der mit anderen Krankheiten Behaftete oder der irgendwie andere Mensch mit anderer Ausgangslage, wird so ein bisschen adorable.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: So, ne, so dieses von oben herab, so dieses, ach wie süß und dann kann ja auch noch alle Streichhölzer zählen. Ah, genau. Pat, pat. Ja. Das, ah, und das wird oft in Filmen ganz problematisch und ich finde in diesem Film, der Film umschifft das so ein bisschen, dass er es schafft, das nicht zu adorable zu machen, nicht zu sehr, aber die Ansätze sind da und, und das liegt auch daran, dass sie eben diese Probleme, wie du sagst, nicht, nicht so dolle erzählen, wie sie es hätten können.
Florian Bayer: Das Schwierige daran ist halt auch, dass es mit so was einhergeht, was im Kino sehr beliebt ist und zwar diese fundamentale Psychiatrie und Therapiekritik, weil wir haben natürlich, irgendwie sind unsere Sympathien vom Film so gelenkt, dass sie auf Benni sind, wenn er sagt, nee, meine Tochter kommt nicht in eine, kommt nicht in eine Einrichtung. Und es ist natürlich das große Happy End, wenn sie am Schluss sagt, ich will nicht in die Einrichtung, ich will das versuchen mit dem alleine leben und dieser Konflikt wird so sehr stark reduziert, weil da gibt es die Behörden, die Bösen, Großen im Hintergrund, die sagen, es gibt nur diesen einen Weg, sie muss jetzt in eine Einrichtung und ja, das ist eine Kritik am System drumherum und so mit Glorifizierung der Kernfamilie, die das natürlich schwierig macht, weil zum einen wären Behörden nicht so und waren wir damals auch nicht so, weil die würden auch sagen, hey, wir können euch auch einen Helfer zur Verfügung stellen, wir können mal gucken, was wir hier machen können, wir können also nicht diese absoluten, gerade bei ihrer Erkrankung, nicht dieses absolute, das muss jetzt aber wirklich mal passieren und das machen sie, glaube ich, um eben das zu romantisieren, wie sie jetzt lebt und um diese Freiheit zu romantisieren, dann müssen sie diesen starken Gegenpart haben, der sagt, wir wollen nicht in ein Gefängnis stecken. Ich weiß nicht, ja, das ist halt schon so eine pauschale Kritik an den Bemühungen der Gesellschaft oder des Staates, sich auch kranken Leuten anzunehmen und zu gucken, dass es denen am besten geht.
Johannes Franke: Also ich muss dazu sagen, dass ich schon den Eindruck habe, dass wir in einer Gesellschaft leben heute vielleicht sogar noch stärker als damals, in der sehr pauschal mit psychisch Kranken in geschlossenen Einrichtungen gespielt wird. Also natürlich nicht so, dass jemand sagt, so ich muss dich jetzt zwangseinweisen, also das gibt es natürlich auch, aber das sind andere Voraussetzungen, als jetzt in diesem Film dargestellt wird. Das macht sie ja auch nicht, aber es ist schon so, dass du einen starken Pauschalisierungsgedanken für eben diese Behandlungsmethode hast. Du sagst, okay, dann hast du hier erstmal drei Monate geschlossene und dann gucken wir weiter. Und in der geschlossenen hast du auch heute noch das Problem, dass du manchmal problematischer rauskommst, als du reingekommen bist. Das ist wirklich so.
Florian Bayer: Ich kann natürlich nur mit anekdotischer Evidenz dienen und nur das Beispiel aus Deutschland bringen und nur was ich aus dem persönlichen Umfeld kenne. Deswegen ist es schwierig, das so zu generalisieren. Aber was ich so die Erfahrung gemacht habe, gerade mit Schizophrenie-Erkrankungen und das, was sie hat, wird ja auch irgendwie als eine Art von Schizophrenie offensichtlich verkauft.
Johannes Franke: Ja, sie sagen es absichtlich nicht und ich finde es sehr gut, dass sie das nicht sagen, aber ja.
Florian Bayer: Meine Erfahrungen damit sind eher, dass sich sehr viel darum bemüht wird, von staatlicher Seite, welche Alternativen haben wir, welche Möglichkeiten gibt es, Leuten zu helfen. Und ich kenne einige Fälle von Angehörigen von Schizophrenen oder von Schizophrenen selbst, bei denen die Mechanismen halt nicht so waren, wie sie in dem Film dargestellt werden, sondern wo wirklich geguckt wurde, okay, wir haben diese Alternative, wir haben diese Alternative und den Erkrankten auch mit einbezogen, das familiäre Umfeld mit einbezogen und wo sehr sensibel darauf geachtet wurde. Ist heute mit Sicherheit auch anders und besser als in den frühen 90ern. Aber es ist für mich ein Grund, immer so sehr kritisch auf so Pauschalisierung zu schauen, wenn so pauschal gehetzt wird gegen den bösen Staat, der Familien auseinanderreißt und Leute wegsperrt, weil er nicht mit ihnen umgehen kann.
Johannes Franke: Ist richtig. Jaja, das ist auf jeden Fall richtig. Ich habe bloß, ich habe natürlich jetzt, was Schizophrenie betrifft, tatsächlich keine persönlichen Anekdoten, also die ich wirklich aus erster Hand oder so hätte, da habe ich eher in anderen Krankheitsbildern irgendwie so ein paar Sachen im Kopf. Und ich, bei mir überwiegte schon so der Eindruck, dass versucht wird, das Geld eher zu sparen, was eben in Deutschland viel natürlich kaputt macht und das auch in die Richtung, naja, eben auch für die Pauschalisierung zuständig ist. Aber vielleicht bin ich auch einfach im falschen, in den falschen Bereichen unterwegs.
Florian Bayer: Ja, wir argumentieren ja beide mit anekdotischer Evidenz. Ja, ja, ja, das ist richtig. Was glaubt ihr, wie ist das heutzutage, was für Erfahrungen habt ihr vielleicht damit gemacht, wie wird mit Schizophrenie umgegangen von staatlichen Behörden? Wäre sehr spannend. Schreibt es uns in die Comments, das interessiert mich total, das ist auch ein spannendes Thema.
Johannes Franke: Ja, oder wenn ihr es nicht in die Comments schreiben wollt, weil es zu persönlich ist, vielleicht auch per Mail und wir anonymisieren euch dann und vielleicht reden wir mal drüber.
Florian Bayer: Ja, total gerne.
Johannes Franke: Also, das wäre spannend, auf jeden Fall. Nun geht es in dem Film natürlich nicht nur um psychische Krankheit, sondern eben auch um die Liebesgeschichte, die dann entsteht.
Florian Bayer: Ja, zwischen June und Sam auf der einen Seite und zwischen Benny und Ruth auf der anderen Seite. Und es sind zwei schöne Liebesgeschichten, die dieser Film erzählt. Ganz wundervoll. Und tatsächlich war es das, was ich vom ersten Schauen nicht mehr so in Erinnerung habe, dass die Liebesgeschichte zwischen Benny und Ruth auch so ihre eigene Stärke hat und auch ihre eigene Tragik und wirklich schön, wenn auch mit deutlich weniger Leinwandzeit parallel erzählt wird zu der Liebesgeschichte von June und Sam. Ja. Aber eigentlich geht es in dem Film ja darum, das erfahren wir schon in den ersten Minuten, dass jemand wirklich, wirklich, wirklich 500 Meilen gehen würde. Und zwar, und zwar mit bestem schottischen Akzent.
Johannes Franke: Dieser Song ist so großartig.
Florian Bayer: Echt, jedes Mal, wenn ich ihn höre, habe ich so einen schrecklichen Ohrbaum davon. Ja. Und dieser Song passt so perfekt auf diese Eingangsszene mit dem Zug und wenn sie malt und Sam sehen wir auch kurz.
Johannes Franke: Wie er das Buch The Look of Buster Keaton guckt und wir sofort wissen, was wir da, was wir zu erwarten haben. Das ist toll.
Florian Bayer: Und dieser wunderschöne schottische Pop-Songwriter-Song, der so eine ganz eigene Goofiness hat. Sind das Schotten? Sind das keine Iren? Schotten. Es sind Schotty Proclaimers. Ich dachte, das sind Iren. Nein, nein, das sind Schotten. Und die hatten auch tatsächlich, das war ihr großer Hit und auch wirklich dank dieses Films. Es gibt eine ganz großartige Episode von Todd in the Shadows, der macht auf YouTube One-Hit-Wonderland, wo er sich mit One-Hit-Wandern auseinandersetzt. Und es gibt da eine Episode in 10 oder 15 Minuten zu den Proclaimers. Geil. Und dieses Lied ist, es ist nicht mein Musikgeschmack, aber das Lied ist einfach fantastisch, weil es so fucking eingängig ist. Hast du dieses Musikvideo von damals mal angeschaut? Sie springen da so rum mit ihren überdimensionalen Brillen.
Johannes Franke: Ja, und sie sehen echt, also so ein bisschen, ich weiß nicht, wie Cousins. Ich weiß, keine Ahnung. Sie sind, glaube ich, Brüder. Ah, sie sind Brüder. Eineiige Zwillinge. Eineiige. Okay, okay. Auf jeden Fall sehen sie so ein bisschen, ich weiß nicht, so ein bisschen verwachsen.
Florian Bayer: Nein, aber die sind großartig und ich will überhaupt nichts Negatives. Und die haben ewig Musik gemacht. Die haben danach auch noch ganz viele Alben rausgebracht. Die machen seit 1987 Musik. Das letzte Album ist von 2018. Und wenn sie eingeladen werden, müssen sie immer dieses Lied singen. Es ist wirklich ein bisschen tragisch, muss man mal sagen. Aber ich habe auch, es gab kein, ich habe mal so ein bisschen so quer gehört, da steht Diskografie dann. Und bei Totten the Shadows werden auch ein paar Sachen gezeigt. Und ja, das ist so sehr speziell immer. Es ist halt sehr schottische Musik. Okay. Zwei schottische Nerds mit Gitarre, die irgendwie Pop machen. Okay. Aber I'm Gonna Be 500 Miles ist einfach mal ein Hit. Und er bleibt hängen und du wirst ihn nicht los. Und er leitet diesen Film so wundervoll ein. Okay, Flor. Und bitte. Nein.
Johannes Franke: Ich werde es nicht singen. I would walk 500 Miles and I would walk 500 more. Sehr schön. Ja, man hat sofort gute Laune. Ja, definitiv. Der Film fängt so an, dass man sofort gute Laune hat und man sieht dann irgendwie, wie sie malt und man hat sofort da einen künstlerischen Eindruck und man sieht Sam und und so weiter. Also es ist wirklich ein...
Florian Bayer: Es ist auch einfach ein Feel-Good-Movie. Es ist wirklich es ist. Von Anfang bis Ende. Es ist eine 90er Jahre Rom-Com, aber eher so aus dem nicht so ganz krassen Hollywood-Bereich. Es ist weniger Pretty Woman und mehr... Ja, es ist jetzt auch kein krasser Independent-Film, aber er hat was Kauziges an sich. Und deswegen funktioniert er auch als Feel-Good-Movie, ohne zu sehr nach Standard generischer Rom-Com auszusehen.
Johannes Franke: Und das finde ich halt, jetzt beim nochmal gucken, ist mir das eben aufgefallen. Ich habe vorher diese Kontexte nicht so... Ich habe Filme nicht so kontextualisiert mit anderen Filmen und mit Kultur und so weiter. Und ich finde, dieser Film, gerade dieser Film schafft es mit seiner Quirkiness, mit seiner Verschrobenheit, sich sehr stark abzusetzen von all den anderen Filmen, die in diesem Genre gemacht wurden. Also mein Eindruck. Und vielleicht ist es auch nur die rosa-rote Brille, aber ich finde, dieser Film macht so viele Sachen so gut, so viel besser als so manche andere Rom-Com, die ich auch toll finde, die aber irgendwie so generisch wirkt. Und das tut dieser Film eben nicht.
Florian Bayer: Ich würde sagen, das ist ein bisschen die rosa-rote Brille. Oh Mann! Es gibt ja durchaus dieses Genre der Feel-Good-Rom-Com mit kauzigen Elementen. Egal, ob die Protagonisten oder Protagonistinnen die kauzigen Personen sind oder die Nebencharaktere. Aber davon gibt es schon sehr viel, nicht nur in den 90ern, aber auch sogar schon in den 80ern. Und dann Anfang des 21. Jahrhunderts haben die dann nochmal so ein kleines Revival erlebt. Generisch würde ich nicht sagen, das wäre wirklich viel zu hart. Ja. Aber es ist jetzt auch kein einzigartiger Film für mich. Ich sehe ihn irgendwie in so einem Genre stehen, wo es einige Filme gibt, die ich auch sehr mag. Und er gehört auch definitiv zu den guten Filmen in diesem Genre. Ich würde ihm keine Einzigartigkeit attestieren, aber ich glaube dir sofort, dass du ihm eine Einzigartigkeit gibst. Allein schon, weil der natürlich ganz viele Dinge hat, die du toll findest. Und das ist natürlich wahrscheinlich vor allem in dieser Person Sam zu finden.
Johannes Franke: Vielleicht muss ich mal ausholen. Ich war 15. Ich weiß nicht, wie das in die Zeit reinpasst. Wie alt war ich, als der rausgekommen ist? 93 ist er rausgekommen. Das heißt, ich war da gerade 10. Das heißt, ich habe fünf Jahre zu spät diesen Film gesehen.
Florian Bayer: War ich im Fernsehen dann? Also weil du 10er warst, du nicht in so einem Film im Kino. Und dann macht es Sinn, dass der, wenn der das zum ersten Mal...
Johannes Franke: Bist ganz schlecht am Mikro plort. Du buselst die ganze Zeit rum, um deinen Tee hinzukriegen. Ich brauche Zucker. Ja, dann also... Koffein. Dann trink mal kurz. So, und jetzt dein Kommentar.
Florian Bayer: Wahrscheinlich. Macht total Sinn. Also ich habe auch ganz viele Filme aus der Zeit, die mich als Jugendlicher beeinflusst haben, die Anfang 90er im Kino liefen. Und dann einfach drei Jahre später TV-Auswertung. Ja.
Johannes Franke: Ich habe ihn auf VHS gesehen, weil, die Geschichte ist so, ich habe mit 13, 14, 15 angefangen, Hut zu tragen. Und zwar immer Hut. Und also wirklich so dauerhaft Hut zu tragen, dass das sehr auffällig wurde für mein Umfeld. Und irgendwann mal jemand sagte, ah ja, du hast bestimmt Benny und June gesehen. Und ich dachte, Benny und June? Keine Ahnung. Sag mal. Und dann fiel der Person alles aus dem Gesicht. Wie, du hast Benny und June nicht gesehen? Weil ich habe dann noch dazu weißes Hemd getragen, Hosenträger. Okay. Weißt du, so. So. Ich habe mich in diese Richtung entwickelt, die dann irgendwo alle gedacht haben, ach, das ist doch Sam. Aber nur, weil sie Buster Keaton nicht kannten, oder? Ja, wahrscheinlich. Ich hatte das halt irgendwie eher so aus eben genau dieser Richtung Chaplin mehr als Buster Keaton, weil Buster Keaton habe ich ein bisschen später erst richtig ausführlich kennengelernt. Aber dann kam halt diese Empfehlung, diese Filmempfehlung. Und ich habe den damals dann gesehen und habe am Bildschirm geklebt. Also richtig geklebt. Und ich war von der Figur Sam so wahnsinnig beeindruckt und beeinflusst für den Rest meines Lebens.
Florian Bayer: Aber es ist cool, dass diese Figur offensichtlich dann nicht deine Liebe zu Buster Keaton und Charlie Chaplin und so geweckt hat,
Johannes Franke: sondern dass du die schon vorher hattest. Ja, ja, das war alles vorher. Ja, das kam alles. Ich bin meinem Papa wahnsinnig dankbar, dass er mir so wahnsinnig früh Buster Keaton und Charlie Chaplin, vornehmlich Chaplin und Life of Brian und so. Okay, das ist aber einige Zeit später. Aber dieses ganze Slapstick-Zeug einfach, das lässt sich so unter der Klammer Slapstick irgendwie vereinen. Und das hat mein Papa mir gezeigt und ich war hin und weg und ich fand es so großartig. Und dann kam auch noch dieser Film, der für mich die Verbindung zur moderne, zur damaligen Moderne gegeben hat. Weißt du so, dass ich das Gefühl hatte, okay, ich bin nicht nur anachronistisch, sondern es gibt Leute, die das auch mögen. Und ich bin nicht der Einzige, der irgendwie so ein Gefühl dafür hat, dass das irgendwie geil ist und es cool ist. Und dann auch noch dieser Stock und ich musste unbedingt diesen Stock haben, der sich so beweglich, den Chaplin hatte und den auch Sam in diesem Film hat. Und irgendwie war er modisch für mich ein Vorbild. Er war von einer Figur, von einer Verschrobenheit ein Vorbild. Und ich glaube, ich war einfach absichtlich noch verschobener, als ich sowieso schon war. Einfach nur deswegen.
Florian Bayer: Gespielt von Johnny Depp, der in das Leben von Benni und June trifft. Und zwar, weil er beim Poker gewonnen wird, beziehungsweise er verloren wird. Und June spielt Poker in der Poker-Runde, in der sonst Benni immer spielt. Und Benni gewinnt auch eigentlich immer. Benni zieht immer irgendwelche Sachen ab, die dann June zu Hause benutzt. Zum Beispiel den Schnorchel. Ja, ganz, ganz toll. Ich setze einen Schnorchel an. Aber dann spielt June und der, der eigentlich immer verliert beim Poker, sagt dann, okay, ich setze, sie setzen immer Sachen. Irgendwelche komischen Sachen. Ich setze eine Autoreparatur, ich setze Saubermachen und so. Du musst mein Haus streichen. Genau. Genau, solche Sachen. Ich setze meinen Cousin. Wenn ich gewinne, musst du dich um meinen Cousin kümmern, der mir tierisch auf die Nerven geht.
Johannes Franke: Er hat davon vorher erzählt, dass er nicht mal lesen und schreiben kann. Und dass er ihnen tierisch auf den Zeiger geht, weil er irgendwie ständig alte Filme guckt. Für mich als 15-Jähriger total sofort. Ich muss ihn noch nicht mal sehen. Da war schon meine Identifikationsfigur aus laut dieser Beschreibung.
Florian Bayer: Und June sieht ihn auch ganz kurz, als sie zu dem Haus von dem Freund fahren, auf dem Baum sitzen. Stimmt, da haben wir ihn schon mal gesehen, ja. Und genau, sie verliert dann, weil sie verliert mit einer, mit einem Flasch gegen Full House, was echt hart ist. Was echt hart ist. Was ich als Pokerspieler sagen kann. Das tut weh. Und ja, dann zieht Sam. Nach einigem Streit zieht dann Sam ein. Sam zieht bei ihnen ein. Und sie findet das erstmal nicht so geil, weil er macht die Musik zu laut.
Johannes Franke: Und da müssen wir gleich noch zukommen. Moment, wir überspringen zu viel. Es gibt einfach zu viele tolle Sachen. Diese Folge wird mindestens fünf Stunden. Wir gehen chronologisch vor. Auch rein. Nein, wie lernen wir Sam kennen? Der spielt mit den Radkappen von dem Typen rum und balanciert diese Radkappe drehend auf dem Zeigefinger, wirft sie hoch und die kommt halt nicht wieder runter. Und das ist so eine tolle Szene.
Florian Bayer: Sam ist die Verkörperung von diesem klassischen Stummfilm Slapstick. Er macht es ständig zwischendurch und er macht es irgendwie zwischen bewusst und unbewusst. Es gibt immer diesen Moment, wo man denkt, okay, jetzt brauche ich ein bisschen Suspension auf Display. Weil er macht einfach mal eine klassische Slapstick-Nummer mit dem Hut. Und es sind ganz viele Momente, wo klar ist, was er hier macht. Er jongliert mit dem Hut und spielt ganz toll, wie der Hut ihm wegfliegt. Und dann gibt es diese eine Sekunde, wo der Hut wirklich wegfliegt. Und es ganz klar ist, er hat da hier nichts präpariert, weil sie sind mitten im Park. Und plötzlich ist die Realität ganz kurz aus den Angeln gehoben.
Johannes Franke: Aber es ist wunderschön. Es ist schön. Ich finde es ganz, ganz toll, weil das seine Perspektive und ihre Perspektive... Ihre Perspektive habe ich da vor allem gesehen. Ja, stimmt. Vor allem ihre Perspektive irgendwie so erzählt und ihre Weltsicht. Aber auch seine Weltsicht, man muss es schon sagen.
Florian Bayer: Und es ist nicht so, dass man das Gefühl hat, plötzlich im Märchen oder in einer Fantasy-Geschichte zu sein. Sondern es sind wirklich nur so ganz kurze Sekunden, wo das passiert. Aber es ist immer schön, weil es irgendwie auch zu diesem Setting passt, in dem er sich bewegt. Absolut.
Johannes Franke: Und wenn du schon diese Sache im Park ansprichst, das ist ja so eine ganz, ganz klassische Straßenshow im Grunde. So ein Straßenclown, der sein Zeug macht. Wo auch wiederum ich andocken konnte, weil ich mit zwölf schon angefangen habe, auf der Straße zu stehen und zu jonglieren. Und irgendwie Leute zu unterhalten und so Straßenshows zu spielen. Und es war einfach so großartig zu sehen, so eine Identifikationsfigur zu haben in einem Film. Wie viel Geld verdient man als Zwölfjähriger, indem man sowas macht auf der Straße? Nicht so viel, wie man das gerne hätte. Also es gibt natürlich ganz viele Leute, die dann da stehen und sagen, oh wie süß, hier komm, gib ihm mal so. Aber gib ihm mal zehn Cent, weißt du. Ah ja, ja, okay. Und dann lernt man ganz schnell zu sagen, waren ja auch noch Pfennig, als ich angefangen habe. Zehn Pfennige. Ein paar Pfennig und dann nimmt man so ein Kleingeld hoch und sagt, ich will davon leben und nicht telefonieren. Und dieser Job kommt heute überhaupt nicht mehr. Es gibt einfach keine Telefonzellen mehr, in die man das Geld reinstecken könnte.
Florian Bayer: Ich finde Straßenkünstler immer toll. Also ich freue mich auch immer, wenn ich irgendwo so einen richtigen, ehrlichen Straßenkünstler sehe. Und man merkt einfach, sein Herz hängt daran und er macht das für ein paar Pfennige.
Johannes Franke: Das ist auch wirklich toll. Aber irgendwann, wenn man das lange macht, ich habe dann am Ende nur noch einmal im Jahr auf Rügen in Binz gespielt. Und da habe ich 100 Euro in einer Show gemacht. Das ist schon krass. Das war dann schon viel. Das war natürlich ein Urlaubsort. Das würde ich dann in, weiß ich nicht, wenn ich irgendwo in Berlin auf dem Kuhdamm stehe, dann hast du keine Chance. Alle rennen an dir vorbei. Aber im Urlaubsort, wo alle einfach nur unterhalten werden wollen und es eigentlich so ruhig ist, dass du schon denkst, oh Gott, hoffentlich passiert mal was. Und wie lange hast du das dann gemacht? Also wenn du sagst, du hast 100 Euro verdient. In einer Show. Eine Show hat ungefähr halbe, dreiviertel Stunde gedauert. Wow. Und dann habe ich zwei, maximal drei Shows am Abend gemacht, weil die Leute nur in einem bestimmten Zeitfenster so zu haben waren quasi. Nach drei Shows war es schon so spät, dass dann die Leute zu alkoholisiert waren, dass es wirklich sinnvoll war. Aber das war ziemlich cool. Ich habe da Urlaub gemacht und mir den Urlaub verdient und dann noch ein bisschen dazu. Krass. Das war schon cool. Das habe ich irgendwann aufgehört. Ja. Irgendwann ist das Straßenkünstlerleben dann doch, vor allem weil du dann irgendwann Leute hast, die dann kommen und das nur hauptberuflich machen. Ja. Die davon leben müssen und die ganz bitter schlecht mit anderen Leuten umgehen, weil die so einen Ellenbogen, so ein kapitalistisches System für sich daraus gemacht haben. Das hier ist meine Straße.
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Hier trittst du nicht auf. Ganz genau. Krass. Ganz genau so. Und das ist einfach kein schönes Gefühl.
Florian Bayer: Ja, nee, natürlich.
Johannes Franke: Und dann willst du da irgendwann nicht mehr mit den ganzen Leuten irgendwie kämpfen um irgendwelche Plätze, wo man besonders gut spielen kann.
Florian Bayer: Das Tolle an Sam ist natürlich, dass er sich überhaupt keine Gedanken um das Geld oder um die Show macht. Er macht das einfach, weil es ihm Spaß macht. Er denkt auch gar nicht an das Publikum. Ja, gar nicht. Das ist schön. Und das Publikum sammelt sich dann plötzlich um ihn in dieser Parkszene, die ja wirklich so eine zentrale Szene ist, wo Benni eigentlich wütend ist und auch irgendwie nicht so glücklich wie June und Sam sich anfreunden.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dann schafft es aber Sam, ihn aufzulockern, indem er diese Show abzieht und zuerst seinen Hut fallen lässt und dann dem Hut hinterherläuft und den immer wieder wegschießt und dann ein bisschen mit dem Hut jongliert und dann schließlich mit Benni so einen Tanz aufführt. Wo er macht, als würde er an Benni festhängen und sie versucht zu lösen. Und es ist übrigens auch toll von dem Benni-Darsteller gespielt, wie er sich, wie er dann auflockert und wie er dann das einfach genießt und einfach auch schön findet, wie da mit ihm gespielt wird.
Johannes Franke: Überhaupt, sowohl Benni als auch June, dieses Leuchten in den Augen, was plötzlich kommt, so nach dem Motto, wow, da steckt was in diesem Typen, was wir gar nicht erwartet haben, was so ganz krass ist. Weswegen ja Benni dann sofort darauf springt und sagt, da müssen wir was draus machen. Ich muss Sam irgendwie eine Agentur vermitteln, damit der irgendwie landauf, landab irgendwie Leute entertaint. Weil das ist für ihn, für Benni, der einen ganz normalen Job hat, den er nicht immer mag, das Gefühl von Freiheit. Ja. Was auch ein bisschen trügerisch ist, was auch ein kleines bisschen durchklingt, was für mich noch ein bisschen besser durchklingen könnte, dass das eine Romantisierung von diesem Job ist, der natürlich eigentlich gar nicht funktioniert. Also diese Romantisierung funktioniert so nicht.
Florian Bayer: Es ist ja auch einfach nicht Sams Job. Genau. Sam ist ja wirklich nur, Sam hat wirklich tatsächlich gar keinen Stil. Sam hängt ja tatsächlich auch ganz viel rum. Deswegen ist sein Onkel, nee, sein Cousin, ist auch so genervt von ihm, weil er hängt halt wirklich rum und guckt diese alten Filme und liest ein bisschen. Und ab und zu einfach so, wenn es sich ergibt im Alltag, lässt er halt mal Prötchen tanzen.
Johannes Franke: Das ist übrigens eine alte Nummer von Chaplin ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das ist aus, aus, jetzt höre ich den Namen des, ich habe es mir nicht aufgeschrieben, weil ich gedacht habe, jetzt, das weiß ich. Goldrausch, Goldrausch heißt der Film. Und Johnny Depp hat das alles selbst gemacht, ne? Ja. Sowohl die Stunts in dem Park, als auch dieses Brötchen-Dings, natürlich, man sieht ihn das machen, aber er hat ganz viele, ganz tolle Sachen selbst, einfach, gab kein Stuntman dafür.
Florian Bayer: Das ist total schön, weil es ist, also, ich könnte es nicht. Ich weiß, du kannst es, weil ich habe schon gesehen, so eine Hutnummer hattest du auch. Genau, ja. Und ich, es ist unglaublich viel Körperbeherrschung notwendig, um sowas zu machen. Ich weiß es einfach, weil, wenn ich mal versucht habe, sowas auch zu machen, habe ich gesehen, wie schwer es ist, diese kleinen Bewegungen zu machen, die diesen großen Effekt haben, ohne dass die kleine Bewegung auffällt. Ja. Und es ist, ich finde es total beeindruckend, wie Leute so gut mit ihrem Körper umgehen können, dass sie sowas aus dem Hut zaubern.
Johannes Franke: Ja, ich bin wahnsinnig beeindruckt, auch damals eben gewesen von Johnny Depp. Und ich habe, ich habe daraufhin tatsächlich auch Salto geübt und so, ne. Das war, bevor ich auf die Artistenschule gegangen bin. Da habe ich dann angefangen, weil er das in dieser Szene im Park macht, so Salto vorwärts auf dem, er landet zwar nicht wieder auf den Beinen, sondern eher auf dem Arsch, aber das ist ein Programm, das gehört ja dazu. Und das habe ich gnadenlos geübt. Das ist einfach eine ganz tolle Szene.
Florian Bayer: Dieser Sam will ja eigentlich kein Künstler werden, dieser Sam will ja eigentlich in der Videothek arbeiten, ne?
Johannes Franke: Beziehungsweise ist das der Job, den er dann für sich rausholt, was ich ganz toll finde, weil auf dem Schild, was er rausholt, steht, Help Wanted. Und er geht rein und sagt, I wanna help. Was ein schönes, kurzes, weiß ich nicht, ich habe mich sehr gefreut darüber. Und dann kann er leider das gar nicht richtig ausfüllen, diese Application Form, die er da bekommt.
Florian Bayer: Es ist ja auch tatsächlich, also dieser Sam ist, genau, er hat es auch schwer, ne? Er ist kein kluger Mensch, oder zumindest ist er kein gebildeter Mensch, er kann nicht lesen und schreiben. Und er ist auch sehr naiv. Es stellt sich mir immer die Frage im Film, weil June wird ganz klar von Anfang an als psychisch Krankheit erzählt. Ihre Pillen werden thematisiert, es wird thematisiert, wie Benni mit der Frau vom Gesundheitsamt diskutiert darüber, ob sie jetzt in eine Einrichtung kommen soll. Und Sam wird eher als sympathischer Sonderling erzählt, soll er auch irgendeine psychische Auffälligkeit haben? Ich glaube, er soll eine haben. Aber sie wird überhaupt nicht ausdefiniert und er bleibt immer so in dieser Kauzrolle. Das fand ich tatsächlich ganz interessant, dass es diesen Kontrast gibt, dass sie auf der einen Seite die psychische Krankheit ganz klar erzählen. Und auf der anderen Seite dann so einen Kauz daneben stellen, weil oft machen es die Filme entweder so, dass sie sagen, wir haben hier zwei psychische Kranke und das erzählen wir jetzt alles, das ist Teil unseres Dramas. Oder sie sagen, wir haben hier zwei Menschen, die als lustige Kauz rüberkommen und das Publikum soll die einfach sympathisch finden. Und niemand soll darüber nachdenken, ob die vielleicht irgendeine Krankheit haben und vielleicht Hilfe bräuchten, vielleicht Tabletten nehmen sollten, vielleicht eine Therapie machen sollten oder so. Und der Film macht einfach mal beides. Das ist toll, oder? Das ist ganz interessant als Kontrast.
Johannes Franke: Weil das ja auch die Frage aufwirft, wie wichtig ist es, etwas zu definieren als solches. Wollen wir Sam definieren als psychisch krank? Hätten wir sie als psychisch krank definieren müssen? Wahrscheinlich schon, weil sie den Verkehr zwischendurch einfach mal mit einer Tischtenniskelle regelt und durchaus gefährliche Situationen vorbeiführt. Aber solange solche Sachen nicht passieren, wie wichtig ist es, sowas zu definieren und zu kategorieren? Schublade aufzumachen, jemanden reinzustecken, wieder zuzumachen?
Florian Bayer: Das ist ja tatsächlich was, was sich in unserer Gesellschaft im Vergleich zu den frühen 90ern sehr verbessert hat. Dass es jetzt oft von Spektrum die Rede ist, dass man nicht einfach nur sagt, der ist Autist. Wahrscheinlich wäre das, was Johnny Depp verkörpert, könnte man als autistisch bezeichnen. Vielleicht irgendwie auf dem Spektrum, eventuell. Und da wird heute ja deutlich sensibler auch damit umgegangen und geguckt, wie hoch ist der Leidensdruck von den Menschen? Wo brauchen sie Hilfe? Und genau, wir müssen vielleicht gar nicht sagen, der kriegt jetzt das Label Autist mit Aufmerksamkeitsdefizit.
Johannes Franke: Wobei man natürlich sagen muss, dass so ein Label für viele Betroffene trotzdem gut ist. Ja, definitiv. Du hast das Gefühl, ah, okay, es gibt einen Namen für das, was ich habe und ich bin nicht allein. Das löst sehr viel, das macht sich viel besser. Aber was du sagst, dass man eher eine Spektrumsdiagnose stellt als ein, du bist jetzt das und du gehörst jetzt genau da rein. Und so sind alle deiner Sorte. Also, das funktioniert ja nicht. Und das wurde damals eher gemacht als heute und das ist schon wirklich ein Fortschritt.
Florian Bayer: Ja, und können wir schon, also ich weiß nicht, willst du mal weitermachen? Ich glaube, du springst jetzt wieder zum Anfang zurück, deswegen frage ich so, können wir, machen wir, wo sind wir?
Johannes Franke: Wir gehen dort weiter, wo du vorhin schon hin wolltest. Musik. Die Musik ist zu laut. Sam ist das erste Mal länger da und aus ihrer Perspektive schwebt er in der Küche rum, durchs Fenster. Sie guckt von außen ins Haus rein, durchs Fenster und er schwebt da in der Gegend rum und macht irgendwas. Musik ist laut, mit lauten Geräuschen kann sie anscheinend nicht so gut. Sie geht rein, er ist auf so einem Rollsofa und putzt einfach in der Küche rum. Die Ecken oben in der Decke, überall, wo es eigentlich... Er räumt auf. Und dann rennt sie zu dem Radio, was viel zu laut ist, zieht den Stecker und guckt ihn ganz entgeistert an und ein bisschen verängstigt fast und geht raus. Schnitt. Der Bruder kommt nach Hause, Sam ist nicht mehr da und sie sitzt völlig überfordert am Küchentisch und sagt, ich wollte ihn nicht rauswerfen, ich wollte nicht, er hat, er hat, ich glaube, er wollte es nicht. Und, und, und, Benni fürchtet natürlich, das Schlimmste ist, was wollte er nicht, was hat er getan, was hat er getan? Er hat das ganze Haus geputzt.
Florian Bayer: Und dann gibt es auch diesen schönen Blick von Benni, der einmal rumwandert und festgestellt, es sieht verdammt ordentlich aus und sauber.
Johannes Franke: Und dafür hast du ihn rausgeworfen? Und es ist sehr schön und dann gucken sie und Sam sitzt auf dem, auf dem Briefkasten und, und Benni sagt, naja, sollst du ihn vielleicht wieder reinholen, sonst klebt ihm jemand eine Briefmarke auf die Stirn und schickt ihn nach Guam. Und es ist wirklich schön und er hat so ein kleines Wiedergutmachungsgeschenk, Jack in the Box. Er sollte eigentlich nur trockene Blumen hinlegen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das war im ursprünglichen Skript so und dann haben sie im letzten Moment diese Jack in the Box, was ganz, ganz toll ist, was eine ganz tolle Szene mit sich bringt.
Florian Bayer: Und dann geht es auch ziemlich schnell mit der Anfreundung. Sie sagt dann auch zu Benni, dass sie will, dass er ihre neue Smail wird. Das war die, die sie als letztes vertrieben hat.
Johannes Franke: Ich habe ein Zitat, das war eine der ersten Zitate, die ich aus diesem Film wirklich immer konnte, war, when a ship runs ashore, the sea has spoken. Ja. Ja, mein Sprichwort in Irland. Ja, und mit diesen Worten rennt sie am Anfang des Films raus und sagt, das geht nicht mehr, ich kann mit dieser Frau nicht mehr arbeiten.
Florian Bayer: Es gibt offensichtlich eine Geschichte von Haushaltshilfen, die June wegen ihrer Krankheit vertrieben hat. Ja. Oder auch einfach wegen ihrer Exzentrik, die gar nichts mit ihrer Krankheit zu tun hat.
Johannes Franke: Ja, vielleicht, ja. Jedenfalls heißt diese Frau, ist Fräulein Smail. Miss Smail. Und seitdem heißt jede Haushaltshilfe, die sie vielleicht kriegen könnten, Smail. Ja. Find a new Smail. Ja, und das finden sie mit Sam im Grunde.
Florian Bayer: Ja, und es wird dann ja auch so eine Gegenseitigkeit, weil sie hilft ihm dann auch beim Briefschreiben. Einen sehr eloquenten Brief und der sitzt da und sagt, habe ich das geschrieben? Ich wusste gar nicht, dass ich so gut schreiben kann. Ja. Und das ist dann ja auch der Moment, wo sich die zweite Romanze entwickelt zwischen Roof und Benny. Ah, schön. Roof ist eine, arbeitet in einem Café und findet, und das ist eigentlich, wenn Benny, Sam und June zum ersten Mal allein unterwegs sind, sind sie in diesem Café und dann zieht halt Sam so ein Programm ab mit den tanzenden Brötchen, macht irgendwelchen Quatsch und Roof ist total genervt davon und sagt, ey, wirklich, ich muss hier arbeiten, ich habe keine Zeit für so was. Und dann fängt Sam an, einen Film zu zitieren, in dem sie mitgespielt hat und zwar eins zu eins. Er kennt den gesamten Dialog und ist total beeindruckt von ihr, weil sie vor Jahren in Hollywood versucht hat, was nicht geklappt hat und sie hat in einem furchtbar albernden Horrorschinken mitgespielt und Sam liebt diesen Film, wahrscheinlich, weil er jeden Film liebt und steht da mit strahlenden Augen vor ihr und rezitiert diesen Film und sie ist total angetan, weil das natürlich so ein Rückgriff in ihre Vergangenheit ist. Und dadurch wird sie ein Teil dieser kleinen Gruppe und es entwickelt sich sehr schnell eine Romanze zwischen Roof und Benny, die auch sehr süß erzählt wird, weil die beide, naja, offensichtlich, ja, sie haben beide ihre Probleme und sie sind beide so ein bisschen verklemmt und es gibt diesen schönen Are You Married Moment zwischen den beiden, wo klar ist, dass diese Annäherung sehr vorsichtig vonstatten geht.
Johannes Franke: Ja, das ist übrigens eine ganz tolle Szene, weil sie ihn quasi mit in die Wohnung noch so, er kommt noch mit rein, aber auch nur so halb, weiß nicht genau und läuft dann nervös, völlig übergriffig in ihrer Wohnung rum, geht nach hinten, guckt durch die Küche, setzt sich mal auf ihr Bett. Aber nicht übergriffig, sondern einfach nur hilflos. Ja, völlig hilflos. Und er weiß nicht, was er machen soll mit sich und sie sitzt da und sagt dann irgendwann, komm, setz dich. You're making me nervous. Ganz toll. Und dann setzt er sich hin, will seine Füße auf den Tisch hauen, stellt im nächsten Moment fest, ach nee, das ist vielleicht keine gute Idee, setzt sie wieder runter. Es ist so richtig schön inszeniert, ganz, ganz toll. Und dann geht er aber schnell wieder, weil er irgendwie so, weil einfach beide zu überfordert sind.
Florian Bayer: Und genau, das ist auch der Abend, an dem sich die Freundschaft zwischen June und Sam zu einer Romanz entwickelt, wo sie sich beim gemeinsamen Malen küssen. Und er dann auch einen Luftballon aufblässt. Das ist das erste Mal, wo ich hingeschrieben habe, Gott, Ausrufezeichen, ist dieser Film brav. Weil es alles, alles so dieser Feel-Good-Moment ist. Wir haben hier zwei Leute, die es schwer hatten und die finden sich und jeder kriegt seine Romanze ab. Und es ist erst mal, es ist, und es bleibt dann auch auf diesem Level, es bleibt in diesem Feel-Good-Moment, auch wenn es kleine Konflikte gibt, zum Beispiel das Roof von Benny Mervel. Und sie sitzen dann im Auto und sie will ihn eigentlich reinbeten. Und er fängt dann an, rumzustammeln, dass sein Leben so kompliziert ist. Und sie sagt, naja, ich wollte dich nur reinbeten auf ein Bier oder auf einen Kaffee. Und dann ist sie ziemlich sauer, weil er so eine Geschichte draus gemacht hat. Aber das ist der große Konflikt erst mal. Ja, ja, das ist kein krasser... Also diese Romanze ist irgendwie so, ja, es ist sehr brav, seicht. Und es bleibt auf diesem seichten Level. Und es ist ja auch irgendwie okay. Ich meine, der Film will ja auch nichts anderes sein. Ich finde es schwierig, das diesem Film vorzuwerfen, weil der Film ist genau das, was er sein will. Aber es piekst dann natürlich immer so ein bisschen, wenn man denkt, ja, so eine Geschichte von einer psychisch Kranken mit einem Kauz und mit ihrem Bruder und Probleme mit Beziehungen, das kann man auch einfach schärfer und würziger erzählen. Da kann man ein bisschen mehr Konflikt reinbringen. Da kann man auch ein bisschen mehr reflektieren. Und das passiert nicht, weil der Film so in seinen Schwägen vertieft ist, dass alles so schön ist.
Johannes Franke: Ja, aber ich komme halt, im Gegensatz zu dir, ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken, ob mir das jetzt zu viel oder zu wenig ist oder ob ich irgendwie mehr gewünscht hätte oder ob das Drama zu groß oder zu klein ist. Also zu groß sowieso nicht, aber es ist einfach, man schwimmt mit ihm mit, mit dem Film. Es ist einfach, du fährst dich überhaupt nicht und denkst dir die ganze Zeit, ach, wie schön. Und dann nachher hat man Diabetes.
Florian Bayer: Einfach zu viel Zucker.
Johannes Franke: Ja, und das ist natürlich erstmal beleidigt und das Auto hat nicht mehr funktioniert. Das heißt, das ist jetzt bei Benni in der Werkstatt und wir wissen, naja, dadurch, dass das Auto jetzt bei ihm in der Werkstatt ist, müssen die sich wieder treffen. Aber es gibt dann halt eben die Szenen ohne sie, wo sie einfach deprimiert sind, dass Ruth nicht dabei ist.
Florian Bayer: Ja, da gibt es auch diese Parkszene. Deswegen kommt es eigentlich zu dieser Parkszene, weil sie fragen, wo ist Ruth und Benni sagt, keine Zeit und man merkt, er ist schlecht gelaunt deswegen. Ja. Und dann geht Sam da eigentlich total süß drauf ein, indem er diesen Parkstunt macht, indem er mit dem Hut spielt und dann schließlich mit Benni spielt.
Johannes Franke: Ja. Und dann gibt es irgendwann die zweite Szene, wo die beiden aneinander kommen und wirklich tatsächlich miteinander schlafen, ne? Ja. Also Sam und June.
Florian Bayer: Und es ist auch tatsächlich so ein bisschen diese Naivität dann aufgebrochen, weil eigentlich sind die bis dahin sehr asexuelle Wesen. Ja. Und das fand ich ganz schön, dass die beiden eine Sexszene kriegen, weil... Ja, das ist wichtig. Ich fand es unglaublich wichtig. Weil sie sind halt in diesem zuckersüßen, kindlich-naiven Setup und dann ist aber klar, hey, wir haben hier erwachsene Menschen vor uns und die haben natürlich auch körperliche Bedürfnisse.
Johannes Franke: Und dann ist, ja, man muss das auch... Und der Song dazu.
Florian Bayer: Ja. Have a little faith in me. Also es ist dann, dann haut es aber natürlich auch, ich meine, es ist keine Sexszene, ne? Nein. Es ist so eine klassische, romantische... Ja. Und der Wind weht in die vorhängigen...
Johannes Franke: Wir sehen nichts. Genau. Genau. Und das endet einem Gläff nur dadurch, dass sie beide einander in den Armen liegen und sie dann in dem Moment, wo sie die Tür hört, dass Benni nach Hause kommt, packt sie ihre Decke und sagt, ich muss gehen, sagt Benni erstmal nichts. Und sie sagen einander, dass sie einander lieben. Ja. Was auch sehr schön, eine sehr, sehr schöne Szene ist.
Florian Bayer: Und auch glaubwürdig. Ich finde die Beziehung zwischen den beiden, trotz aller Sentimentalität, trotz aller Zuckersüßheit, es ist eine total glaubwürdige Liebesgeschichte. Sowohl zwischen Benni und Sam, äh, zwischen Sam und June, als auch zwischen Benni und Roof. Ja. Diesen Namen, warum heißt dieser Film eigentlich nicht Sam und June? Jetzt mal ehrlich. Nein, weil es um die Geschwister geht. Ja. Ja, ich weiß. Ja. Benni und Sam wäre auch gegangen. Okay. June und Roof hätte vielleicht nicht so gut funktioniert. Nee, eher nicht.
Johannes Franke: Und dann gibt es eben diese ganz tolle Szene, wo dann irgendwann Benni, wo sie Benni gestehen müssen, dass sie einander lieben. Und das ist auch ganz wundervoll gemacht, weil die sitzen zu dritt am Küchentisch und sie sagt irgendwann, du Sam, wir müssen es ihm sagen. Und, und Sam sagt, ähm, Benni, you know, ähm, ähm, ähm, June and I, we, we are, you know, ähm, ähm, ähm, ähm, ähm, äh, und das, der Blick, den, den dann Benni drauf hat, dieses, was ihm aus dem Gesicht fällt und er dann einfach sich Sam greift und ihn rausschmeißt. Benni rastet komplett aus. Richtig, komplett ausrastet und ihn rausschmeißt. Oh, das ist devastating. Ja. Und dann gibt es natürlich den Streit zwischen June und Benni, weil June natürlich sagt, ich habe ihn gewonnen, du kannst ihn nicht rausschmeißen. Und, und er sagt, hier, guck, guck, guck, dass, dass, dass, die Broschüre für das Heim, in das du dich reinstecken musst, weil so weit ist es gekommen. Und dann rasten halt alle einmal aus.
Florian Bayer: Ja, das ist tatsächlich der Moment, also, dieser, dieser Konflikt nicht mal so krass, aber dann, dass dann natürlich danach im Bus passiert, ist der Moment, wo tatsächlich zum einzigen Mal, wirklich das einzige Mal in dem Film, dieses Feel-Good-Ding aufgebrochen wird. Ja. Und, ja, eigentlich hat ja natürlich, fast jeder Feel-Good-Film hat so einen Moment, wo das aufgebrochen wird. Ja. Und, aber das ist gut und das braucht er auch. Und das macht er auch gut. Deringend, ganz dringend. Und es ist, es ist tatsächlich vor allem gut, weil in dem Moment ihre Erkrankung auch ernst genommen wird. Ja. Weil es funktioniert einfach nicht. Sie will mit Sam abhauen und sie sitzt in einem Bus und dann hat sie einfach mal einen psychotischen Anfall.
Johannes Franke: Sie hört Stimmen und versucht sie zu übertönen irgendwie, indem sie selbst Geräusche macht. Und das irgendwie, ja, müssen sie den Bus anhalten, der im Trupp Pfleger kommt, um sie abzuholen, damit sie sie erstmal ruhig stellen. Und es ist schon irgendwie.
Florian Bayer: Und es ist tatsächlich das einzige Mal in dem Film, dass wir wirklich an ihr was sehen, wo man sagt, okay, da ist eine psychische Erkrankung mit Leidensdruck, wo wirklich Hilfe notwendig ist. Weil davor sind letztlich immer, es wird über ihre Krankheit geredet, aber das, was von ihr gezeigt wird, könnte man auch einfach als neurotisch, exzentrisch deuten.
Johannes Franke: Ja, naja, wenn sie den Verkehr regelt mit ihren Tischtennissschlägern. Ja, aber selbst das ist irgendwie so Charming inszeniert. Ja, Charming inszeniert, aber wenn man sich die Ernsthaftigkeit der Situation einmal kurz vergegenwärtigt, was man ja durchaus kann als Zuschauer.
Florian Bayer: Macht der Film aber in dem Moment ja nicht. In dem Moment ist es irgendwie so lustig, okay, guck mal hier, was Benni mit dieser Frau für Probleme hat, ist das nicht lustig. Aber in dem Moment ist nichts lustig in dieser Szene, in der sie dann im Bus ausrastet, weil sie hat einfach mal einen Schub und sie wird dann auch eingewiesen. Und Benni kommt auch nicht an sie ran, Sam kommt nicht an sie ran.
Johannes Franke: Und sie ist irgendwie einfach weggesperrt und es gibt dann eben diese Montage, wie das eben so im Film ist, wenn man erzählen will, dass Zeit vergeht. Und dass es allen schlecht geht, gibt es erstmal eine traurige Musik und... Es ist nicht, aber dass wir dann gut passen, ist es aber nicht, nee, nee. Es ist was 90er-Würdigeres. Ich weiß es gar nicht mehr. Ich weiß es auch nicht mehr, verdammt!
Florian Bayer: Lass mich mal auf den Soundtrack gucken. Ja, aber es bewegt sich ganz klar in diesen Genre-Konventionen dabei. Also es gibt einfach diesen traurigen Moment. Es gibt einfach diesen Moment, wo ein Konflikt, der in diesem Fall kein Missverständnis ist, sondern einfach tatsächlich was real geschehen ist. Was auch schon gut ist, meistens sind es in diesen Filmen ja so klassische Missverständnisse. Und es sackt auch jedes Mal.
Johannes Franke: Ja, genau. Aber in diesem Fall passt es wirklich sehr gut. Und Benni muss das wirklich sehr intensiv erstmal sacken lassen und verarbeiten, was da eigentlich passiert ist. Can't find my way home? Joe Cocker? War es das? Joe Cocker, ja, bestimmt. Klingt auf jeden Fall in meinem Kopf nach Joe Cocker. Und ja, Benni muss erstmal verarbeiten und läuft da zwischen Schienen rum, ganz romantische Bilder. Und Sam auch verarbeiten und so weiter. Und übrigens nochmal, weil mir das gerade eingefallen ist, die Verbindung zwischen Sam und June, ihre psychische Krankheit und seine eher nicht benannte psychische Besonderheit, sagen wir es so, wird mir am eindrücklichsten erzählt, wenn, nachdem er da im Park war, Benni duscht und gibt Sam Antworten auf seine Fragen. Sam fragt nämlich, außer dass sie ein bisschen psychisch krank sein scheint, wirkt sie ganz normal. Was ist denn mit ihr? Und er dann nicht wirklich eine gute Antwort drauf hat und er ihm sagt, ach nee, das sagte er ihm früher, er sagt ihm, sie braucht ihre Routine, unterbricht sie nicht oder spricht sie nicht an, wenn sie gerade malt oder sowas. Und manchmal hört sie Stimmen. Und in dem Moment, wo er das sagt, hält sich das Gesicht von Johnny Depp so ein bisschen auf und hat einen Ansätzen von, ach, das kenne ich. Ja, okay, hab ich gar nicht so gesehen, die Szene. Und dann sagt Benni, das gehört auch zum Krankheitsbild. Und dann fällt sein Gesicht wieder in sich zusammen, oh, krank, verdammt, Mist.
Florian Bayer: Ah, okay, das ist so ein Wiedererkennen, dass er vielleicht auch ähnliche Probleme hat.
Johannes Franke: Genau, und das steht überhaupt nicht im Skript, aber Johnny Depp spielt das in dem Moment, in einem kleinen Blick. Und das erzählt mir so eine große Welt vom Charakter Sam. Und ich muss zugeben, dass mir das beim ersten Mal gucken nicht aufgefallen ist, sondern beim dritten oder vierten Mal erst. Aber das war für mich so eine ganz tolle Stelle, wo ich das Gefühl hatte, Johnny Depp ist wirklich, auch als Schauspieler, der durchdringt alles, was er da tut, so stark. Und hat kommentiert so gut und subtil in seinem Spiel. Das fand ich ganz toll.
Florian Bayer: Ähm, es gibt ja, es gibt ja in den filmischen Tropes, gibt's den Charakter des Manic Pixie Dreamgirls. Das wird ganz oft in Feelgood-Movies kritisiert, dass sie so eine Romanze erzählen, wo es einen Menschen gibt, der, ähm, einen Mann, der irgendwie Probleme mit dem Leben hat und, keine Ahnung, Misserfolg mit den Nerven am Ende ist, dem's irgendwie schlecht geht. Und dann tritt eine Frau in sein Leben, die so seine absolute, seine absolute Traumfrau ist, die sehr manig ist, sehr fröhlich, ein bisschen verzaubernd. Ja. Und in ihrer eigenen Welt schwelgt. Ich glaube, lass mich einmal kurz überlegen, das krasseste Beispiel ist wahrscheinlich Garden State. Natalie Portman in Garden State ist sowas. Und das nennt man Manic Pixie Dreamgirl. Okay. Und das sind immer Frauen. Das ist bei 1900 aber auch so, oder? Ja, naja, 1900 erzählt, ja, aber 1900 erzählt ja nicht so eine Liebesgeschichte, die so zentral wäre. Ja, okay. Und Ada hat ja auch einen eigenen Charakter. Oder das Problem bei den Manic Pixie Dreamgirls ist halt, dass sie tatsächlich nur gestaltet sind, um den Mann, den männlichen Protagonisten aus ihrem Loch rauszuholen und sonst keine besonderen charakterlichen Eigenschaften haben.
Johannes Franke: Öh, okay.
Florian Bayer: Ja, es ist tatsächlich auch so ein genau sexistisches Trope. Und, ähm, Johnny Depp ist so ein bisschen ein Manic Pixie Dreamboy. Also, so hab ich ihn ganz viel gelesen. Und zwar nicht im negativen Sinne, weil, wie gesagt, meistens ist es andersrum von einer Konstellation. Aber er ist natürlich der, der dieses traumhafte Spiel macht und damit so ihre Schizophrenie, in der die, in der, ähm, die Auflösung der Realität sowas Unheimliches ist und sowas Beängstigendes, verkehrt in was Verträumtes. Deswegen gibt's auch so diese Momente, wo wir ihn sehen durch ihre Augen und es ist halt einfach so was Träumerisches. Am krassesten, genau, du hast die Küche genannt, am krassesten natürlich in dieser Schlussszene, wenn er, wenn er am, am Dach, vom Dach pendelt, runter pendelt vor ihrem Fenster, wenn sie sich entscheiden muss, ob sie in eine Einrichtung will oder alleine wohnen. Eine Vision, die eigentlich für dich irreal ist. Und das ist er so ein bisschen, er ist so ein bisschen Manic Pixie Dreamboy. Okay. Also, für mich war das auch so, dass er, dass er das ist, was ihre Schizophrenie auflockert, weil für sie ist, wie gesagt, der Realitätsverlust was Beängstigendes. Und hier haben wir jemanden, der ständig mit der Realität spielt, der die Realität auch irgendwie aus den Angeln hebt, wenn er seinen, wenn er den Hut aufheben will, der Hut entwickelt ein Eigenleben und springt weg. Ja. Und plötzlich ist diese Realitätsaufhebung nichts Gruseliges mehr, sondern etwas Märchenhaftes, etwas Tolles, Romantisches. Ja. So habe ich ein bisschen seinen Charakter im großen Kontext gelesen. Ja, cool. Ja.
Johannes Franke: Naja, und dann haben wir natürlich jetzt vor allem die Auflösung. Du sprichst ja jetzt schon an, dass er da vor dem Fenster rumschwebt. Benni geht irgendwann zusammen und sagt, komm, lass uns das mal, lass uns das Kriegsbeil begraben. Und uns eher darum kümmern, dass wir June da wieder rausholen. Und ich will, dass sie ihr eigenes Leben führen kann und ihre eigenen Entscheidungen treffen und so. Und ich will sie dabei unterstützen, soweit es geht. Und da wird der Film vielleicht auch ein bisschen unrealistisch. Also es ist, ich kann mir nicht vorstellen, also es kommt dann dazu, dass die beiden zusammenziehen am Ende, Sam und June. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Happy End so happy bleibt. Wahrscheinlich nicht. Das ist schwierig.
Florian Bayer: Aber das ist halt auch, ja, der Film will nicht, dass wir uns darüber Gedanken machen, was danach passiert. Es ist ein Happy End in diesem Moment, wo sie sagt dann, sie ist ja tatsächlich nur so eine Letargie versunken nach dem Streit und sagt dann, sie will eigentlich in die Einrichtung. Und dann sagt Benni, ach komm, lass uns nochmal versuchen, ich weiß, ich habe Fehler gemacht und so. Und dann, und diese, was ist sie eigentlich, ist sie Psychologin? Diese Frau vom Gesundheitsamt oder von... Psychiaterin. Psychiaterin, ich denke. Die dann nebendran sagt, hey, ja, ich finde auch, Einrichtung ist das Beste. Und Benni sagt, überlege es dir nochmal. Und sie ist halt so hin und her gerissen. Und dann kommt dieser große Moment, Johnny Depp, der das Haus hochgeklettert ist und dann am Fenster vorbeischwingt. In Zeitlupe, eine wirklich, wirklich schöne Szene. Total verträumt, total verkitscht. Aber das ist klar, der Film will uns das volle Happy End geben. Das ist ein Feel Good Movie. Und dann sagt sie, nein, ich will es allein versuchen. Ich will eine eigene Wohnung. Und er ist ihr Rettungsanker.
Johannes Franke: Genau. Ja, sie glaubt ja auch die ganze Zeit nicht, dass er da ist. Wirklich, Benni sagt ja, Sam ist da, Sam ist irgendwo im Gebäude und sie glaubt ihm halt nicht. Weil sie glaubt, dass Benni nicht will, dass es ihr gut geht. Und er will, dass sie niemanden hat, weil er ihre Krankheit braucht.
Florian Bayer: Sie kann sich auch gar nicht vorstellen, dass Sam noch was von ihr will, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass er das gesehen hat. Und immer noch in sie verliebt ist. Sie denkt, sie hat ihn komplett verschreckt. Ja, aber genau.
Johannes Franke: Womit der Film sein hoffnungsvolles Element voll ausspielt. Was ich am Anfang gesagt habe, diese Hoffnung darauf, dass jeder noch so andere Mensch, anders im Sinne von der Norm abweichende Mensch oder jeder mit besonderen Ausgangslagen irgendwie seinen Deckel findet. Und da ist, darf man vielleicht nicht zu viel an Realismus denken dann? Aber, weiß ich nicht genau.
Florian Bayer: Also es ist halt zuckersüß, es ist viel gut und ja, es ist natürlich auch eine schöne Botschaft. Und Benni und Ruth vertragen sich dann auch irgendwie wieder und er bringt ihr noch Hosen und dann endet es damit, dass sie halt Creed Cheese Sandwiches machen. Und das ist mit dem Bügeleisen.
Johannes Franke: Mit dem Bügeleisen, ja. Das habe ich übrigens als Jugendlicher dann auch angefangen.
Florian Bayer: Und funktioniert das? Kann man das machen?
Johannes Franke: Es funktioniert. Es funktioniert. Hattest du ein Dampfbügeleisen? Nein, ich hätte kein Dampfbügeleisen. Gut. Ja, ich habe wirklich, ich habe ja danach, ich bin ja nach Berlin gezogen, dann mit 16 und die erste eigene Wohnung ohne richtigen Grill, ohne richtigen Herd und so weiter. Da war das Bügeleisen tatsächlich auch sinnvoll.
Florian Bayer: Ja. Für mich gehört, ich habe seit Jahren kein Bügeleisen mehr benutzt. Oh. Wir sind ein bügeleisenfreier Haushalt. Okay. Also das noch dazu zu sagen, das liegt nicht daran, dass Karen für mich bügelt. Das möchte ich betonen. Das wäre meine Frage gewesen als nächstes. Sie benutzt auch kein Bügeleisen. Doch, sie hat, sie hat, sie hat, sie hat ein, zweimal hat sie eins rausgeholt. Das letzte Mal, als wir ein Bügeleisen rausgeholt haben, waren, um die selbst gemalten T-Shirts von Bela zu, die Farbe festzubügeln. Ja. So, wir müssen zu unserer Top 3 kommen. Wir kriegen sie sonst nicht untergebracht. Wir hätten sie gleich am Anfang unterbringen können, theoretisch. Aber ich wollte es da nicht auseinanderreißen, weil wir so im Film drin waren. Und Top 3. Unsere Liste. Top 3 Filme, die dich am meisten beeinflusst haben.
Johannes Franke: Die dich am meisten beeinflusst haben. Und das ist in jedem Bereich zu sehen. Also es ist nicht nur filmisch beeinflusst, Filmgeschmack beeinflusst, sondern eben auch zum Beispiel Frauengeschmack oder Männergeschmack, je nachdem. Implor. Na? Na. Oder auch, weiß ich nicht, so philosophische Einflüsse. Ja. Ich bin sehr gespannt, was bei dir so rausgekommen ist.
Florian Bayer: Ich bin nicht glücklich mit Männern. Es ist mir vieles echt schwer. Also Frauen-Männergeschmack habe ich beides nicht drin, weil ich auch tatsächlich nicht auf einen Film zeigen könnte. Mhm. Nummer 3. Ich habe auch keine Honorable Mentions und ich habe lange gekämpft, um diese Liste zusammenzustellen. Okay. Meine Nummer 3 ist kein Film. Was? Meine Nummer 3 ist eine Episode der Sesamstraße.
Johannes Franke: Du bist, nein, Plor. Du bist derjenige, der mich immer ermahnt, wenn es darum geht, dass in Top 3 Listen bitte die Filme sein sollen. Und dass wir uns um Filme drehen. Weil als ich Theater vorgeschlagen habe, hast du mich fast gekillt.
Florian Bayer: Das muss ich einfach unterbringen. Ich muss auch dazu sagen, meine Top 3 ist sortiert nach dem Alter, wo ich die Dinger gesehen habe. Oh. Und diese Folge der Sesamstraße habe ich, ich habe lange gesucht, ich habe sie nicht mehr gefunden. Oh nein. Ich weiß nicht genau, wo sie ist.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und zwar ist es eine Episode der Sesamstraße, die ich wahrscheinlich gesehen habe, als ich 5 war. Okay. Ich weiß es nicht. Wenn man halt Sesamstraße guckt. Wo Samson und Tiffy beschließen, nichts zu tun. Und dann sitzen sie in diesem klassischen Sesamstraßen-Setup, so auf ihren Hockern und überlegen, wie sie nichts tun können und kommen auf die Idee, Moment mal, wir machen doch gerade was, wir sitzen. Dann mache ich jetzt gar nichts mehr. Und dann sitzt sie ganz still da und dann sagt er, doch, du machst was, du hältst die Luft an. Und dann entspinnt sich ein philosophischer Dialog darum, ob man denn nichts tun kann. Geil. Ich glaube, das ist mein erster Kontakt mit der Philosophie. Und es hat mir damals sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Und wenn ich drüber nachdenke, bereitet es mir heute noch Kopfzerbrechen. Ja. Und ich habe wirklich lange als Kind über diese Episode nachgedacht und über das Phänomen des Nichtstun und das Phänomen des Nichts. Geil. Und das hat mich bis zum heutigen Tag begleitet.
Johannes Franke: Darf ich mal sagen, das erklärt einiges. Damals wurde ein kleiner Philosoph geboren. Okay, Filme, die mich beeinflussen. Also das Problem ist, ich will Benni und Jun nicht in die Liste packen, aber die ist nun mal auf Platz 1.
Florian Bayer: Ja, okay.
Johannes Franke: Also mache ich eine Top 4. Mach eine Top 4, perfekt. Was ist dein Platz 4? Mein Platz 4. Mein Platz 4 ist, ich möchte auch Manche mögen es heiß nicht in diese Liste packen, weil den hatten wir ja auch schon hier. Und ich möchte auch American Beauty nicht in diese Liste packen.
Florian Bayer: Warum Manche mögen es heiß?
Johannes Franke: Manche mögen es heiß ist auf jeden Fall volle Kanne. Hat mich unglaublich beeinflusst. Wegen der Filmgeschmack und der Humor und die Ästhetik. Also alles. Und was du gerade dann nachgesagt hast? American Beauty. American Beauty, ah ja. Allein der Satz, also natürlich ich als Philosophie, oh ich fühle mich so hochtrabend und philosophisch. Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens. Weißt du, allein dieser Satz für mich als Jugendlicher, oh ja, ja, gib mir mehr. Das ist halt, weiß ich nicht, irgendwie hat dieser Film sehr viele.
Florian Bayer: Ja, kann ich total nachvollziehen, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Ja. Aber, aber alles nicht, weil das alles schon zur Sprache und wir schon so oft darüber geredet haben, möchte ich lieber neue Filme dazu packen. Sehr gut. Aber es ist Love and Death von Woody Allen.
Florian Bayer: Ah, schön. Okay, das ist der Boris Groschenko.
Johannes Franke: Genau, genau. Die Boris Groschenko Sache. Ja, weil der Film einfach vom Humor, von der Philosophie, von dem, was er, wie er teilweise so, so Intellektualität, aber auch zu häckselt. Ich weiß nicht, so ein typischer Woody Allen und der, ich habe jetzt extra nicht Annie Hall genommen, weil Annie Hall halt ansonsten an der Stelle stünde.
Florian Bayer: Oh Gott, wir haben schon über zu viele Filme geredet. Ja. Wenn wir keine Listen mehr bauen können, weil wir alle Filme, die wir in die Listen packen
Johannes Franke: würden, schon benutzt haben. Ja, aber dass wir an diese Stelle kommen würden, war uns ja eigentlich schon klar. Wir hatten das schon ein paar Mal, das Problem.
Florian Bayer: Ja, ja.
Johannes Franke: Wir reden halt immer wieder über dieselben Filme, weil einfach das so die Filme sind, die uns am nächsten. Wir brauchen Vorschläge von unseren Hörerinnen. Ja. Schickt uns was.
Florian Bayer: Das ist das Problem. Wir dürfen nicht uns, sonst wäre das wirklich so ein Circle Jerk irgendwann, wo wir uns gegenseitig unsere Lieblingsfilme zuschmeißen. Ich will herausgefordert werden.
Johannes Franke: Ja, danke. Ich kann dich also nicht mehr herausfordern. Gut, danke. Ich weiß nicht. Ich habe es schon mitbekommen. Du bist angekommen, Florian.
Florian Bayer: Dein Platz zwei? Ja, Platz zwei. Zwei. Ich war fünf bei Sesamstraße, jetzt bin ich wahrscheinlich acht oder neun. Und wir schreiben das Jahr 1989. Und das ZDF hat eine Reihe, die heißt Wunschfilm. Okay. Und, ah nee, genau, ich bin sieben. Ich weiß, wie alt ich bin, weil das 1989 ist. Ich habe extra recherchiert, wann diese Folge war. Beim ZDF Wunschfilm werden drei Filme vorgeschlagen, abends um sechs.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und um acht soll einer von diesen Filmen gezeigt werden und die Zuschauer dürfen abstimmen, indem sie da anrufen. Und wir haben, wir als Familie sehen diese drei Filme und meine Mutter sagt, den müsst ihr sehen. Wenn die beiden anderen Filme gezeigt werden, dann könnt ihr nicht aufbleiben, dann müsst ihr ins Bett, weil das ist noch nichts für euch. Aber der Film ist gut und zeigt auf einen Film, der einfach nur heißt Die Fantastische Reise. Und ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich weiß, ich muss diesen Film sehen. Ich will wach bleiben. Und wir rufen da an. Und in meiner Erinnerung, die wahrscheinlich etwas verschwommen ist, haben wir tausendmal da angerufen. Wir haben immer wieder die Nummer gewählt, damit dieser Film rankommt. Die Fantastische Reise ist ein Film aus dem Jahr 1966, in dem ein Politiker einem Attentat zum Opfer fällt. Und das Leben dieses Politikers ist unglaublich wichtig. Der Weltfrieden hängt dran, wie das immer war in den 60er Jahren. Und aber er ist durch das Attentat so schwer verletzt, dass man ihn nicht mehr einfach operieren kann. Deswegen wird eine Crew von Wissenschaftlern und einer Wissenschaftlerin auf mikroskopische Größe geschrumpft und mit einem U-Boot in den Körper dieses Mannes geschickt, um ihn von innen zu heilen. Was sie nicht wissen, ist, dass sie einen Verräter an Bord haben. Oh, ich glaube, ich kenne den. Der das Ganze sabotieren soll. Ich kann mich gar nicht mehr so viel an den Film erinnern. Aber ich würde sagen, das ist der Moment, in der meine Liebe für das Genre-Kino geweckt wurde. Fantasy, Science-Fiction. Und das ist ein Film, wo ich zum ersten Mal wirklich dafür gebrannt habe, einen Film zu sehen. Einfach, weil es diesen Kampf gab. Dieser Film muss jetzt drankommen. Du hast die Pointe noch nicht verraten. Ist der Film denn gekommen? Der Film ist gekommen. Und wir haben diesen Film geguckt. Wir durften wach bleiben. Wir durften diesen Film gucken. Und es war toll. Wir hatten alle Spaß. Und den Film habe ich dann noch mal ein paar Jahre später geguckt und festgestellt, dass das ein netter Fantasy-Film ist. Aber unglaublich alles Klischees aus der damaligen Zeit. Die einzige weibliche Mitarbeiterin an Bord ist natürlich knapp begleitet. Oh Gott. Und sie fliegen dann im Körper, also sie schwimmen im Körper rum. Und es gibt diesen Superbösewicht, der wahrscheinlich ein Russe ist. Aber es war toll, für diesen Film zu brennen. Und es war toll, diesen Film zu wählen. Und es war toll, dass wir ihn gucken konnten. Und meine Liebe zu Science-Fiction und Fantasy wurde in diesem Moment, glaube ich, so richtig geweckt. Und das Gefühl, für den eigenen Geschmack sich einzusetzen. Was, glaube ich, jedem, der sich als Kritiker versteht, unglaublich wichtig ist, dass er sagen kann, das mag ich, das will ich sehen. Und ja, das hat sich gelohnt zu gucken.
Johannes Franke: Okay. Cool. Okay. Also da wurde der Kritiker geboren. Mein Platz drei, beziehungsweise zwei, also du weißt schon, wäre dann Life of Brian. Oh, ja.
Florian Bayer: Jehova, Jehova, Jehova. Warum Life of Brian?
Johannes Franke: Und der lange Schreibfehler an der Wand. Das schreibst du jetzt richtig ran, die Wand, und zwar tausendmal.
Florian Bayer: Romane, Eum, Domus, in einem Trömer geht ins Haus. Hattest du Lateinunterricht in der Schule? Ja, ich hatte Latein. Ich auch. Katholisches Privatgymnasium. Oh nein.
Johannes Franke: Nee, ich war auf dem Gymnasium in Leipzig. Da, ja, das war halt so ein Latein-Gymnasium. Nee, und ich habe den vorher gesehen, bevor ich Latein hatte, bei meinem Papa. Und das war für mich total weird, weil ich eigentlich, glaube ich, den Humor noch nicht so ganz verstanden habe. Irgendwie, aber es war so beeindruckend, so krass. What? What? Was passiert da?
Florian Bayer: Es funktioniert irgendwie auch, wenn man, die Witze nicht so, es ist ähnlich wie bei Simpsons, es gibt die Witze für die Älteren, aber als Kind findet man genug Albernheiten und Slapstick,
Johannes Franke: der einfach toll ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich verstanden habe, wir sind alle Individuen, ich nicht. Aber das sind so diese ganzen tollen, diese ganzen tollen Sachen. Zitate, die irgendwie später Sinn ergeben haben, die aber damals schon sehr viel Eindruck geschunden haben.
Florian Bayer: Ja, dein Humor wurde da.
Johannes Franke: Ja, genau. Dein filmischer Humor. Filmischer Humor. Vor allem die Ergänzung zum Slapstick, die ich vorher schon hatte, die Slapstick, die mich quasi in dem Film abgeholt hat und mich dann zur Intellektualität noch mal dazu zu, weißt du, zu so intellektuellem Blödsinn geschoben hat. Ja. Genau.
Florian Bayer: Schön. Schöne Wahl. Ich weiß noch, wie wir das Leben des Brian wollten, wir hatten einen Religionslehrer und wir wussten, der guckt manchmal mit den Schülern das Leben des Brian und dann haben wir gesagt, wir wollen den gucken, wir wollen den gucken. Jeder von uns kannte den Film, wir haben auch immer die Dialoge nachgesprochen, nachgespielt auf dem Schulhof. Und er meinte, nee, das kann ich nicht machen mit euch, da müsste ich ja ein halbes Jahr Unterricht machen vorher, wo ihr alles lernt über die damalige Zeit und über die Konflikte, die da besprochen werden. Weil der Film tatsächlich, der steckt ja wirklich voll mit von politischen und religiösen Subtexten. Ja. Aber das war so ein Bummer irgendwie dann, dass der Lehrer gesagt hat, nee, ihr müsst erst mal zwei Jahre Theologie studieren, bevor ihr diesen Film gucken könnt.
Johannes Franke: Gott, wie doof.
Florian Bayer: Nummer 0. Meine Nummer 1.
Johannes Franke: Ja, deine Nummer 1.
Florian Bayer: Deswegen habe ich das mit der rosa-rotten Brille gesagt, weil ich damals den Film sehr mit einer rosa-rotten Brille gesehen habe und heute immer noch zu schätzen weiß. Aber viele, viele Flors sehe, die der Film hat. Es geht um einen Film, der das Arschgeweih unter den philosophischen Sinsprüchen populär gemacht hat. Weißt du, was das Arschgeweih ist unter den philosophischen Sinsprüchen? Ähm, was? Carpe Diem.
Johannes Franke: Oh Gott, ja.
Florian Bayer: Okay. Der Club der Toten Dichter aus dem Jahr 1989 habe ich als, ja, wahrscheinlich bin ich jetzt 14, 15 und hat ganz viel Begeisterung für Poesie geweckt, Begeisterung auch für Rebellentum und für Auseinandersetzungen mit Literaturgeschichte und vor allem damit aus der klassischen Literatur Dinge für ein progressives, aber grandistisches Leben rauszuziehen. Keine Ahnung. Fand ich total toll. Hat mich total bewegt. Auch wie einfach diese Grundbotschaft, wie du bei American Beauty gesagt hast. Einfach nutze den Tag. Genieße den Tag. Mach das Beste aus deinem Leben. Wenn ich ihn heute sehe, sehe ich ganz viele Schwächen, die der Film hat, wie er die Romantik darstellt. Dann sollte ich den nicht nochmal gucken. Wie er auf die realistische Literatur schaut, mit welcher Abscheu, wie er subtil manipulatives Verhalten verharmlost. Ah. Aber er hat sogar eine Rape-Culture-Szene, in der einer von den Protagonisten ein schlafendes Mädchen küsst. Oh. Fuck. Und sie verliebt sich natürlich in ihn. Okay. Aber es ist trotzdem immer noch ein starkes Drama und ja, er ist so schlicht in seiner Botschaft. Und er ist so naiv und sentimental, aber er hervorragend spielt, tolle Bilder und vor allem so schlicht diese Botschaft ist. Und ja, das Carpe Diem ist irgendwie so ein Ding, man kann es nicht mehr hören seit 20 Jahren. Aber es ist so eine simple Botschaft, die halt trotzdem ihre Wahrheit hat.
Johannes Franke: Definitiv. Also ich erinnere mich wirklich nur an die tollen Sachen dieses Films. Es ist auch lange her, dass ich den gesehen habe und ich glaube auch sehr jung, dass ich sehr jung gewesen bin und wahrscheinlich den gleichen Effekt hat er bei mir wie bei dir. Mit der Liebe zum Theater.
Florian Bayer: Ja, genau. Ja, genau. Mit Sommernachtstraum spielen sie auf der Bühne und er will unbedingt Theater spielen. Der Film ist großartig. Ich glaube, eine zynische Phase, die ich Anfang meiner 20er hatte, hat mir den Film so ein bisschen kaputt gemacht. Oh, okay. Aber eigentlich hat dieser Film ganz viele großartige Momente. Aber es ist auch ein sehr naiver Film und es ist ein Film, den man durchaus in ganz vielen Momenten kritisch lesen kann. Oder um die Simpsons zu zitieren, da gucken sie sich, da gibt es einen Lehrerwettbewerb und es geht um den Lehrer des Jahres und dann gucken sie sich die Videos an von den Bewerbern und dann kommt einer und sagt, ich versuche meine Schüler mit Humor zu gewinnen und macht dann irgendwie so eine Robin Williams Incarnation, eine schlechte. Okay. Und dann schaut eine von der Jury, schaut dann zu ihrem Kollegen und sagt, der Club der Toten Dichter hat eine ganze Generation von Lehrern kaputt gemacht. Okay.
Johannes Franke: Ganz toller Film. Ganz toller Film. So. Meine Nummer eins ist kein einzelner Film. Es tut mir leid, aber da muss ich jetzt einfach pauschal werden. Nicht jeder Chaplin-Film. Okay. Einfach jeder Chaplin-Film. Nenn mir irgendeinen, der ist es. Monsieur Verdura. Ja, definitiv. Aber auch die ganzen Kurzfilme, die einfach nur Slapstick sind, alles in Richtung, diese Richtung ist. Es hat mich einfach geprägt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Volle Kanne. Volles Rohr. Jeder. Jeder Einzelne. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich auch einfach jedes Mal, wenn ich bei meinem Vater zu Besuch war, meine Mama und mein Papa waren getrennt zu der Zeit schon lange und ich war bei meinem Papa zu Besuch und jedes Mal habe ich dick und doof Charlie Chaplin, Buster Keaton diese Sachen gesehen. Und auch Laurel und Hardy waren wirklich, wirklich toll. Die habe ich gar nicht so richtig erwähnt bisher. Vielleicht muss ich hier mal einen Laurel und Hardy Film geben.
Florian Bayer: Oh krass. Laurel und Hardy habe ich gesehen teilweise Filme auf dem Projektor von meinem Onkel. Oh. Der wirklich alte Filmbänder gesammelt hat und der auch einige Filme, der war so ein bisschen Kamera und fotonah und der hatte auch eine eigene Kamera, soweit ich mich erinnere und hat einige Sachen selbst gedreht mit so einer alten Kamera und hatte das dann auf Filmbändern. Und der hatte diesen Projektor und hat dann alte Filmbänder aufgezogen und hat uns dann drei Minuten oder so von Laurel und Hardy gezeigt. Geil. Oh. Und ich bin nicht der größte Laurel und Hardy Fan. Auch wenn das schöne Erinnerungen sind. Danach ist das so, ich habe da von dem Phänomen schon mal erzählt, wenn ich an Laurel und Hardy denke, denke ich auch an meinen Vater, der neben mir auf der Couch sitzt und sich über den Slapstick tierisch kaputt lacht. Und ich sitze eher so nebendran und denke, naja, ja, okay, finde ich jetzt nicht so witzig. Okay, verstehe. Ach schade. Aber ich bin total froh, wenn du mir, ich weiß nicht, ob ich jemals einen Laurel und Hardy Langfilm gesehen habe. Ich glaube, das müssen wir mal machen.
Johannes Franke: Ja, sehr gerne. Das machen wir mal. Da muss ich noch den richtigen raussuchen, weil das ist schon, Go West wäre vielleicht eine Möglichkeit. Ja, ja, ja, ja, okay. In meinem Kopf macht jetzt schon Werke, so Feuerwerk, der Film, der Film, nein, der Film, der Film. Ich suche was raus. Ja, sehr schön. Ja, dann hätten wir unsere Top 3 beendet. Ja, und Benni und June sind wir schon beim Schluss. Wir sind ziemlich am Ende von Benni und June. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir dem Film so richtig gerecht geworden sind, leider. Ja, das ist blöd. Ja, ich weiß nicht, was fehlt. Ich bin, ich habe das Gefühl, dass wir nicht begeistert genug sind. Ich weiß nicht. Der Film hat so viel Liebe zu geben und so viel Detailverliebtheit und so viel liebendes Auge für alle möglichen Menschen mit allen möglichen kleinen Macken. Und ich finde es einfach toll. Einfach wirklich ganz, ganz toll.
Florian Bayer: Lass ich dir gerne als Schlusswort stehen.
Johannes Franke: Ich weiß noch gar nicht, ob ich schon Schluss machen will. Ich habe so viel aufgeschrieben, aber ich habe ganz viele Zitate aufgeschrieben. Ja, bring, bring, bring. Komm, hau es raus. Und auch diese Szene, wie sie über die Rosinen reden. Sie sind in der Bar von Ruthie. Ja, ja. Und sie essen Tabioca mit Raisins.
Florian Bayer: Das ist wirklich eine schöne Szene. Ach, das ist so wunderschön. Sie sagt, dass sie Rosinen so schrecklich findet und ich fühle total mit ihr. Ich mag nämlich auch keine Rosinen. Ja, ihnen wurde das Leben genommen.
Johannes Franke: Sie sind einfach nur zusammengeschrumpelte Trauben. Ja, they used to be fat and juicy and now they are twisted. They have their life stolen. Und Johnny Depp reagiert so mit, ah, I had them too oder so. Ja, did you see those Raisins on TV, the ones that sing and dance and stuff? They scare me. Yes. Und sie reden dann einfach irgendwie über Rosinen, die Trauben, denen das Leben gestohlen wurde. Das ist wirklich eine tolle Szene. Ja. Ist das. Ja, also auch der Satz, you know, it seems to me that, I mean, except for being a little mentally ill, she's pretty normal. Auch so ein toller Satz, der auch größer ist, als der Film das in sich verpackt. Also der Satz ist einfach größer, fürs Leben irgendwie geschaffen. Weil kein Mensch lässt sich auf seine Mentally Illness reduzieren. Und du bist die meiste Zeit pretty normal. Ja. So ist das. Wichtige Botschaft auf jeden Fall.
Florian Bayer: Und ein ganz toller Satz. Und definiert Sam natürlich auch schön, weil es seinen einfachen Blick auf das Leben zeigt, der so, der vielen verloren gegangen ist. Auch einfach anzuerkennen, wie vielfältig das Leben ist. Ja. Und dann, wenn man das anerkennt, dann ist halt auch ganz vieles, was June macht, einfach pretty normal. Ja.
Johannes Franke: Ich glaube, jetzt haben wir dem Film ein bisschen mehr. Das war vielleicht noch wichtig. Okay. Danke, Flo, für diese Möglichkeit, das noch unterzubringen.
Florian Bayer: Ja. Ich habe das Gefühl, ich bin gerade sehr unfair mit Club der Toten Dichter umgegangen. Ja. Aber das ist so retrospektiv. Vielleicht wäre das auch mal was, was wir nochmal gucken könnten, um nochmal auf die schwierigen Momente dieses Films einzugehen. Ja. Und auch auf die tollen Momente, weil ich weiß, der Film hat ganz viele tolle Momente. Und ich weiß, dieser Film hat nicht nur mich beeinflusst, sondern ganz viele Leute. Ja. Nicht nur in ihrem Filmgeschmack, sondern auch in ihrem Blick auf die Welt. Ja, dann hätten wir aber eigentlich schon zwei Filme für nächste Woche, ne? Ja, das könnte durchaus was sein. Ja, lass uns das doch machen. Nächste Woche kommt dran irgendein Laurel & Hardy Film. Genau. Und Club der Toten Dichter. Club der Toten Dichter. Ich bin gespannt. Oh, Plur. Aber mit Club der Toten Dichter werden wir uns dann wirklich kritisch auseinandersetzen müssen. Und werden den Zorn von sehr vielen Zuhörerinnen und Zuhörern auf uns ziehen.
Johannes Franke: Ja. Wir werden ihn erst verreißen und dann einmal noch in den Himmel hüben.
Florian Bayer: Es ist ein so viel geliebter Film und vielleicht macht es mir das schwer, ihn auch unkritisch zu sehen.
Johannes Franke: Ja, um den Gegenimpulsen zu, willst du den Gegenentwurf bringen oder was? Nee, weil er hat tatsächlich diese, er hat diese Flaws einfach.
Florian Bayer: Und er hat ganz viele Interpretationsebenen, die man, wenn man, ich weiß nicht, ob das böswillig ist, aber die, wenn man, wenn man sie kritisch interpretiert, die den Filmen nicht so gut im Licht dastehen lassen. Na, bin ich mal gespannt. Und zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Wie gesagt, ich liebe diesen Film, er hat mich total beeinflusst. Ich habe ihn auf Platz eins dieser Liste gesetzt. Und gleichzeitig sehe ich aber, dass, ja, was hat mich dabei beeinflusst? Und was ist in diesem Film vielleicht ein bisschen schräg, was man ohne rosa-rote Brille sieht? Okay. Maybe. Maybe.
Johannes Franke: Gut, ich bin gespannt. Sehr schön. Cool. Dann freue ich mich auf nächste Woche. Ich mich auch. Und vielen Dank für Benni und Schuhe. Vielen Dank für den fünfstündigen Epos. Ach Gott, ich wünschte, ich könnte mit meinem Geschichtslehrer Herrn Niese noch mal darüber reden. Mach das mal.
Florian Bayer: Gibt es ihn noch?
Johannes Franke: Ich weiß es nicht. Er war damals schon in Rente gegangen, als ich gerade von der Schule gegangen bin. Das heißt, wir sind beide in Rente gegangen.
Florian Bayer: Ich hatte einen ganz tollen Mathematiklehrer, der unglaublich streng war und den ich so mit den Jahren, den ich am Anfang viel zu streng fand und mit den Jahren mehr und mehr habe schätzen lernen. Ja, so war das beim Herrn Niese auch. Und vor einigen Jahren schon habe ich von seinem Tod erfahren. Das war echt traurig. Das war echt so ein Schock. Und der war alt. Und der war damals, als er mein Lehrer war, war er ja schon alt. Das heißt, der ist, ja, der war wahrscheinlich 80 oder so dann auch am Schluss, als er gestorben ist. Ja. Aber es war trotzdem, ich war echt in dem Moment traurig, weil das einfach ein Mensch war, der mich sehr lange begleitet hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und bei dem ich viel gelernt habe, nichts über das Leben und so weiter, sondern wirklich einfach nur viel Mathematik gelernt habe. Wofür ich aber immer noch dankbar bin, weil es mich einfach, weil es einfach so Grundlagenwissen gesetzt hat, das total wichtig ist für mich. Ja. Und das war wirklich traurig, weil es einfach ein einflussreicher Mensch für mich war. Nicht auf der emotionalen, psychischen Ebene, sondern einfach ganz banal. Dieser Mensch hat es geschafft, mir viel beizubringen.
Johannes Franke: Toll. Sehr schön. Ja, bei Herrn Niese war es schon so, dass die meisten mit ihm nicht viel anfangen konnten. Und für mich war es der einzige, einer der wenigen Lehrer in meiner ganzen Laufbahn und der einzige in dieser Schule, wo ich dann war, denen ich wirklich so viel Respekt entgegengebracht habe, dass ich gesagt habe, ich nehme einfach alles, was du mir entgegenwirfst. Schön. Weil ich wirklich sehr schlecht war mit Autoritäten.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also meine Schulzeit war geprägt davon, dass ich eigentlich die ganze Zeit den verbalen Mittelfinger rausgestreckt habe. Also nicht verhaltensauffällig bösartig, sondern eher so, Alter, ich mache, was ich will. Mir egal, ob du willst, dass ich jetzt Mathematik lerne. Ich lerne, was ich will. Und wie ist dieser Herr Niese damit umgegangen? Ganz wunderbar. Ich weiß nicht genau. Er war sehr streng, aber er war auch immer, es war, er hat mich damit gekriegt, dass er die soziale Notwendigkeit von dem Wissen, was er vermittelt hat, nach vorne gestellt hat. Und es war ihm wichtig, dass wir wirklich was davon haben, gesellschaftlich und sozial gesehen. Ja. Und er war nur Geschichts- und Geografielehrer. Aber gerade aus der Geschichte kann man ja viel, viel mitnehmen. Deswegen war es auch nicht ganz unbegründet. Also ich glaube, als Mathelehrer hätte er mir vielleicht nicht so viel oder als Physiklehrer.
Florian Bayer: Herr Dietz war staubtrocken. Herr Dietz ist übrigens mein Lehrer. Ah ja, sehr schön. Der Mathelehrer. Und der hat seine Stunden immer so gestaltet, dass er einen Projektor hatte. Und dann hat er diese transparenten Folien, auf die er alles per Hand geschrieben hatte. Der Overhead-Projektor. Genau, Overhead-Projektor. Und dann hat er die abgedeckt. Dann hat er die Folie draufgelegt und Papiere verschoben, dass man am Anfang nur den Anfang der Formel sah. Und dann hat er das langsam hin und her geschoben, um nach und nach alles aufzudecken, bis am Schluss dann eben die ganze Folie zu sehen war. Und es ging nicht darum, dass man was fürs Leben lernt oder dass wir daraus irgendwie mehr ziehen können, als es ist. Es ging darum, es ging um Mathematik. Aber er hat es geschafft, so eine Schönheit da reinzubringen. Einfach, weil er gesagt hat, wir fangen hier an bei einem einfachen Ding wie A². Und jetzt schauen wir mal, wie wir von Punkt zu Punkt schließlich zu einer echt komplexen Kurvendiskussion kommen. Und es war einfach eine tolle Art, Wissen zu vermitteln, weil sie so trocken war. Aber wenn man sich darauf eingelassen hat und gesagt hat, ich gehe jetzt diesen Weg mit, auch wenn es vielleicht nicht mein Weg ist als Jugendlicher, aber ich gehe diesen Weg trotzdem mit. Und am Schluss war es so befriedigend, dann am Ende das Ergebnis zu sehen und zu wissen, hier hat sich ein ganzes Universum eröffnet und am Schluss haben wir unser Ergebnis. Ja. Herr Dietz, vielen Dank für alles.
Johannes Franke: Herr Niese, vielen, vielen Dank für alles. Auch wenn ich nicht weiß, was mit ihm gerade ist. Ich hoffe, er hatte noch sehr viel Spaß und hat auch noch sehr viel Spaß. In diesem Sinne. In diesem Sinne. Vielen Dank, Plur, und wir sehen uns nächste Woche. Danke. Bis nächste Woche. Bis dann. Ciao.
Florian Bayer: Wir müssen noch ganz kurz sagen, wir müssen konkretisieren, was wir nächste Woche machen.
Johannes Franke: Wir wollten es nicht jetzt irgendwo untergehen lassen, sondern der Tradition folgen und am Ende noch einmal sagen, worum es in der nächsten Woche geht. So Cliffhanger-mäßig.
Florian Bayer: Genau. Aber wir haben es schon gesagt, wenn ihr aufgepasst habt, das ist so wie bei Checker Tobi. Habt ihr aufgepasst bei der Mitmachfrage? Welche Filme schlagen Johannes und Florian dem anderen jeweils vor? Ob wir wirklich richtig stets sind, wenn das Licht angeht. Nächste Woche gibt es von mir den Film meiner Jugend, würde ich eher sagen, nicht meiner Kindheit, der Club der Toten Dichter aus dem Jahr 1989.
Johannes Franke: Ich freue mich voll drauf.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ich bin auch gespannt. Ich als Jugendlicher gesehen und ich glaube, ich erinnere mich einfach zu wenig. Ich bin einfach sehr gespannt auf dieses wieder nochmal gucken.
Florian Bayer: Ich kenne den Film noch sehr gut. Also ich habe ihn auch wirklich oft gesehen. Das heißt, ich bin mal gespannt, ob er mich nochmal überraschen kann, weil es ist lange her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe und da eher mit einem etwas kritischeren Auge.
Johannes Franke: Ach so. Stimmt, du hattest ihn ja nochmal gesehen und noch ein paar Mal und hattest, naja. Okay, für mich, von mir, für dich, gibt es dann dafür die Gundehof. Yay, Stan und Oli. Genau. Wer hat noch nicht festgelegt, welchen Film, aber ich habe mich jetzt mit mir selbst geeinigt auf den, an der Universität. A Champ at Oxford heißt er, glaube ich, im Original und in der deutschen Fassung diverse Titel, wie immer. Dick und Doof gehen wieder zur Schule oder sowas. Ich glaube, unter so einem Titel an der Art habe ich ihn gesehen damals als Kind. Ich kenne mich ja wirklich nicht viel aus mit Dick und Doof Filmen, aber ich weiß, dass
Florian Bayer: das titeltechnisch im Mass ist, weil die so oft re-released wurden. Ja, total. Und es gibt für jeden Lauren Hardy Film gibt es zehn deutsche Titel.
Johannes Franke: Es ist unglaublich, tatsächlich. Und ich bin sehr gespannt, wo wir ihn finden, wenn ich glaube, es gibt auf YouTube eine Variante, es gibt, glaube ich, sogar eine kolorierte Variante. Oh, ja. Also, ihr kannst ja mal schauen, was du dann überlegst.
Florian Bayer: Ja, ich bin voll gespannt. Ich bin kein Stan Laurel-Experte und auch kein Slapstick-Experte und ich kenne von denen, glaube ich, auch wirklich nur die Shorts. Ich habe noch nie einen Dick und Doof Langfilm gesehen. Crazy Shit, Alter. Na dann, ich freue mich. Ich bin gespannt. Bis dann. Bis dann. Ciao. Ciao.
