Episode 24: Rosamunde Pilcher: Wie verhext, Tatort: Murot – Wer bin ich?

In Folge 24 befinden wir uns wirklich in einer kompletten „Fish out of Water“-Episode. Weder Florian noch Johannes sind große Liebhaber der deutschen Fernsehunterhaltung, egal ob es sich um eine von Kritikern und Fans geschätzte Krimireihe wie den Tatort handelt oder um eine Romantikserie für ein sehr spezifisches Publikum wie Rosamunde Pilcher. Trotzdem wollen wir versuchen uns beiden Phänomenen unvoreingenommen und sachlich zu nähern. Zumindest mit „Murot – Wer bin ich?“ haben wir auch einen eher experimentellen Vertreter der deutschen TV-Landschaft vor uns, spielt dieser doch mit Metaebenen und Selbstreferenzialität und könnte so durchaus auch Anschauungsmaterial für einen Hochschulkurs in postmoderner Kulturwissenschaft sein. Wie verhext dagegen ist ein traditioneller Pilcher-Film mit viel Herz Schmerz an der Südwestküste Englands.

Passend zu den beiden Werken reden wir über unsere liebsten deutschen Filme und unsere liebsten deutschen TV-Produktionen, sowohl was Fiction als auch Non-Fiction betrifft. Wir listen einige Meisterwerke des selbstreferenziellen Kinos auf und kommen auch auf den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die GEZ zu sprechen.

Rosamunde Pilcher: Wie verhext [Käthe Niemeyer]

(DE 2021)

Mein ursprünglicher Impuls war es diese Einführung mit folgendem Satz zu starten: Ihr Name ist [ˈɹɒzəmənd ˈpɪltʃə]! Mit Ausrufezeichen, um der Germanisierung der 2019 verstorbenen britischen Autorin entschieden entgegen zu treten. Jetzt habe ich mich aber doch für etwas anderes entschieden; und zwar die Frage: Ist ihr Name [ˈɹɒzəmənd ˈpɪltʃə]? Denn auch wenn Pilcher weltweit mit ihren romantischen Liebesromanen und Kurzgeschichten unfassbar viel Geld verdient hat, wird sie der Nachwelt doch vor allem durch ihre deutsche Rezeption in Erinnerung bleiben. Und in dieser ist der eingedeutschte Name Rosamunde Pilcher nunmal berühmt geworden für zahllose für das ZDF produzierte Verfilmungen ihrer Beststeller. Über 100 Filme kennt die entsprechende Reihe und löste einen gewaltigen teutonischen Touristenboom nach Cornwall und Devon im Südwesten Englands, für den selbst die dort beheimateten Briten sehr dankbar sind.

Wie verhext aus dem Jahr 2021 ist eine derartige deutsche TV-Verfilmung der Kurzgeschichte “Tea with a witch” … und viel mehr muss dazu auch eigentlich nicht gesagt werden. Oder viel mehr sollte ich vielleicht dazu nicht sagen. Denn seien wir mal ehrlich: Ich bin nicht im geringsten Zielpublikum dieser Art von TV-Schnulze. Natürlich wäre es bequem, sich über den Kitsch, den Pathos, die simple Geschichte, die generische Bildsprache ezetrera pepe lustig zu machen. Vielleicht zu bequem. Also fasse ich mich hier kurz und gebe erst einmal zu Protokoll, dass ich den TV-Film Kostümbildnerin, die wegen einer astrologischen Vorhersage zurück in ihr Heimatdorf reist, um dort den ihr prophezeiten Traummann zu gewinnen, wirklich schlecht fand. Dass er so ganz und gar nicht meinen Geschmack getroffen hat, weder narrativ, noch dramaturgisch, noch ästhetisch. Aber wie gesagt, ich bin nicht die Zielgruppe. Und auch wenn ich mit Sicherheit gleich nicht drumherum kommen werde, über das ein oder andere Detail dieses Neunzigminüters zu schmunzeln, zu lästern oder zu lachen (und darauf freue ich mich auch ein wenig) ist es vielleicht spannender, bevor wir in gehässige Kritik abrutschen, zu schauen, was die Faszination von Rosamunde Pilcher ausmacht, warum sie so gut im deutschen TV-Markt funktioniert und was dies über die Sehgewohnheiten des (deutschen) TV-Publikums aussagt.

Oder was denkst du Johannes?

Tatort – Murot: Wer bin ich? [Bastian Günther]

(DE 2015)

Der Tatort. Speerspitze des deutschen Fernsehens und mit mehr als 1100 Filmen und mit teils über 10 Millionen Zuschauern bei der Erstausstrahlung, eine der beliebtesten oder gar DIE beliebteste Fernseh-Reihe in Deutschland überhaupt.

Dabei gibt es gar kein richtiges durchgezogenes Konzept. Es gibt im Idealfall einen Kriminal-Fall und einen oder mehrere Ermittler die ihn lösen. Das könnte auch die SOKO und den Polizeiruf umschreiben. Warum ist der TATORT der mit dem guten Ruf? Und wie oft wird er ihm gerecht? Zeit wenigstens mal eine Stichprobe zu nehmen. Wir haben uns willkürlich den Tatort mit dem Titel „Wer bin ich?“ ausgesucht, in dem Ullrich Tukur, der Schauspieler des Kommissar Murot, der normalerweise im Film die Morde aufklärt, selbst des Mordes verdächtigt wird. Wir steigen zwar in den eigentlichen Film ein, aber gleich wieder aus. Der Regisseur ruft “CUT” und wir verfolgen Ulli, wie er vom Mord erfährt, wie die Dreharbeiten zum Tatort unterbrochen werden, wie er verdächtigt wird, wie er versucht sich zu verteidigen und verzweifelt versucht sich zu erinnern, was verdammt nochmal letzte Nacht passiert ist.

Ein Film der für deutsche Verhältnisse sehr waghalsig auf Metaebenen hochseilaktös balanciert. Die Frage ist: Tritt er daneben? Was meinst du Plor?