Episode 23: Wo die wilden Kerle wohnen, The General
Episode 23, mit etwas älterem und etwas neuerem Material. Wir sprechen über den Fantasyfilm Where the Wild Things Are von Spike Jonze aus dem Jahr 2009 und loten aus, ob dieser als Verfilmung eines Kinderbuchklassikers überhaupt für Kinder geeignet ist. Und wir reden über The General von Buster Keaton aus dem Jahr 1927 und ob dieser seinen Platz im National Film Registry zurecht verdient hat.
In unseren dazugehörigen Toplisten geht es um die besten Kinderfilme überhaupt und das Beste, was die Stummfilmzeit zu bieten hat.
Wo die wilden Kerle wohnen [Spike Jonze]
(USA 2009)
Max ist laut, wild und unberechenbar. Er liebt Abenteuer und Geschichten, er liebt seine Mutter und seine ältere Schwester. Max versteht andere Menschen manchmal nicht, ignoriert sogar ihre Bedürfnisse. Er hat Angst nicht gesehen und gehört zu werden, er ist egoistisch, eifersüchtig, ängstlich und oft wütend. Max ist eben einfach ein typisches Kind. Nachdem er mit seiner Mutter über tiefgefrorenen Mais zum Abendessen in einen heftigen Streit gerät, läuft er von zu Hause weg und fährt mit einem Segelboot zur Insel wo die wild things wohnen. Dort freundet er sich mit den übergroßen Monstern an und wird zu ihrem König. Im folgenden wird getobt, gewütet, geschrien, ein Fort gebaut und eine große Schlacht mit Dreckklumpen veranstaltet. Aber auch die wilden Kerle haben ihre Launen, ihre Ängste und ihre Unsicherheiten… und Max muss fetststellen, dass es alles andere als einfach ist, Herrscher über eine ganze Monstergruppe zu sein.
Gerade einmal 338 Wörter umfasst der Kinderbuchklassiker “Where the wild things are” von Maurice Sendak aus dem Jahr 1963. 2009 verfilmte Spike Jonze die minimalistische Geschichte für die Kleinsten und machte etwas ganz erstaunliches daraus: Einen Kinderfilm, der nicht unbedingt für Kinder gedacht ist, sondern viel mehr die Gefühlswelt eines Kindes in fantastische Bilder taucht: Er nimmt sich all die Freude, die Abenteuerlust, aber auch die Unsicherheit, die Wut und die Traurigkeit, die die Kindheit mit sich bringt und packt sie in eine Grupper neurotischer und exzentrischer Monster. Er ist düstere Fantasygeschichte, Parabel und Psychogramm und damit der wahrscheinlich mutigste Kinderfilm überhaupt… allein schon, weil er die Emotionen von Kindern im Gegensatz zu seinen Genregeschwistern wirklich ernst nimmt. Er vermittelt Freude, aber auch Traurigkeit, Wut und Angst und ist damit ein emotional extrem wuchtiges Erlebnis.
Oder was denkst du, Johannes?
The General [Buster Keaton]
(USA 1926)
1926 war Buster Keaton schon ein gefeierter Star mit allen Freiheiten, die man sich als Schauspieler-Regisseur damals so erarbeiten konnte. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Einflusses geriet auch er, wie so viele seiner Zunft, in einen Größenwahn, für den die damaligen Produzenten eines finanziellen Flops sehr viel weniger dankbar waren, als WIR, die wir mit Abstand sagen können: Dieser Film, The General, ist Buster Keatons absolutes Meisterwerk.
Buster Keaton war bis dato vor allem für leichte Slapstick Comedy bekannt und nimmt sich hier einen Stoff, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Eine Eisenbahnjagd im amerikanischen Bürgerkrieg. Keaton spielt einen Lokführer dem die geliebte Lokomotive vom feindlichen Lager geklaut wird. Und dieser fährt er ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben hinterher. Natürlich will er auch eine Frau beeindrucken und natürlich geht sehr sehr viel bei dieser Verfolgungsjagd schief.
Das National Film Registry nahm den Film in die Liste der erstklassigen Filme, die für die Nachwelt gesichert werden, auf. Dort wird er als “Kulturell, historisch und ästhetisch bedeutsam” beschrieben.
Plor, würdest du dem zustimmen?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 23: Wo die wilden Kerle wohnen, The General Publishing Date: 2021-06-09T13:19:11+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/06/09/episode-23-wo-die-wilden-kerle-wohnen-the-general/
Florian Bayer: Johannes, du glaubst wirklich, die Welt braucht einen weiteren Podcast? Nein, eigentlich nicht, aber ich. Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können. Wie wäre es mit Filmen? Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee. Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme.
Johannes Franke: Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde und du zeigst mir Filme, die du geil findest.
Florian Bayer: Das heißt so Musicals aus den 50ern?
Johannes Franke: Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme?
Florian Bayer: Mit russischen Untertiteln, von mir, für dich. Oh Gott, okay. Aber du weißt, dass das für Menge Streit sorgen kann.
Johannes Franke: Äh, definitiv, das wird lustig. Diesmal ohne irgendein komisches Jukuleen-Intro oder sowas.
Florian Bayer: Ja, aber ich hab dir doch gesagt Dixie.
Johannes Franke: Ja, aber ich kann das nicht.
Florian Bayer: I wish I was in Dixie, hooray, hooray. Wir haben nämlich heute Konfederierten-Propaganda von Johannes. Was er mir letzte Woche nicht gesagt hat.
Johannes Franke: Okay, wir haben doch mit dem ganzen Kram nichts zu tun. Wir sind in Deutschland, wir haben diese ganzen... Ich hab das nie so richtig verstanden und hab mich nie noch richtig auseinandergesetzt. Das können wir nachher mal nochmal genauer besprechen. Was das Problem mit den Konfederierten und den anderen da, mit der Union oder was? Wer ist da gegen wen? Ich weiß es nicht. Bei den Ami ist ganz großes Thema. Das heißt, wir machen nachher große Geschichtsstunden. Ja, bitte. Und ich würde aber sagen, wir fangen mit dem anderen Film an, von dir. Ja, genau, wo die wilden Kerle wohnen.
Florian Bayer: Also, zurückgespult. Das war ein gutes Zurückspülgeräusch, oder? Herzlich willkommen beim Muss-man-sehen-Podcast. Diese Woche mit einem Film aus den 20er Jahren, 1926, mit The General von und mit Basta Keaton.
Johannes Franke: Und mit Wo die wilden Kerle wohnen, von Spike Jonzee, Jones. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.
Florian Bayer: Okay. Das sollten wir noch einmal Google kurz befragen, bevor wir reingehen in die Filme. Ich sag, glaube ich, ich sag meistens Jonzee, weil ich irgendwie so das Bedürfnis habe, das eh hinterherzuziehen. Aber ich glaube, es ist falsch. Ja, es ist falsch, glaube ich. Google? Spike Jonzee. Spike Jonzee. Spike Jonzee. Google ist so paternalistisch. Ja. Wenn Google mir sagt, ob ich was aussprechen soll. Na gut. Spike Jonzee. Wo die wilden Kerle wohnen. Und das ist auch der Film, mit dem wir loslegen.
Johannes Franke: Sehr schön. Vielen Dank, Plur, für diesen Film. Ich bin gespannt, wie du ihn einführst, weil es würde mir schwerfallen. Zu Recht.
Florian Bayer: Okay. Max. Max ist laut, wild und unberechenbar. Er liebt Abenteuer und Geschichten. Er liebt seine Mutter und seine ältere Schwester. Max versteht andere Menschen manchmal nicht. Ignoriert sogar ihre Bedürfnisse. Er hat Angst, nicht gesehen und gehört zu werden. Er ist traurig, egoistisch, eifersüchtig, ängstlich und oft wütend. Max ist eben einfach ein typisches Kind. Nachdem er mit seiner Mutter über tiefgefrorenen Mais zum Abendessen in einen heftigen Streit gerät, läuft er von zu Hause weg und fährt mit einem Segelboot zur Insel, wo die Wildfings, die wilden Kerle, wohnen. Dort freundet er sich mit den übergroßen Monstern an und wird zu ihrem König. Im Folgenden wird getobt, gewütet, geschrien, ein Fuhr gebaut und eine große Schlacht mit Drecklumpen veranstaltet. Aber auch die wilden Kerle haben ihre Launen, ihre Ängste und ihre Unsicherheiten. Und Max muss feststellen, dass es alles andere als einfach ist, Herrscher über eine ganze Monstergruppe zu sein. Gerade einmal 338 Wörter umfasst der Kinderbuchklassiker Where the Wild Things Are von Maurice Sendak aus dem Jahr 1963. 2009 verfilmte Spike Jonze die minimalistische Geschichte für die Kleinsten und machte etwas ganz Erstaunliches daraus. Ein Kinderfilm, der nicht unbedingt für Kinder gedacht ist, sondern vielmehr die Gefühlswelt eines Kindes in fantastische Bilder taucht. Er nimmt sich all die Freude, die Abenteuerlust, aber auch die Unsicherheit, die Wut und die Traurigkeit, die die Kindheit mit sich bringt und packt sie in eine Gruppe neurotischer und exzentrischer Monster. Er ist düstere Fantasygeschichte, Parabel und Psychogramm und damit der wahrscheinlich mutigste Kinderfilm überhaupt. Allein schon, weil er die Emotionen von Kindern im Gegensatz zu seinen Genregeschwistern wirklich ernst nimmt. Er vermittelt Freude, aber auch Traurigkeit, Wut und Angst und ist damit ein emotional extrem wuchtiges Erlebnis. Oder? Was denkst du, Johannes?
Johannes Franke: Absolut. Das ist kein Kinderfilm, das ist ein Film über Kind sein. Über Kindheit. Über Kindergefühle, über Kinderemotionen. Und ich hab halt ein Kinderfilm erwartet. Und es hat sich das bestätigt, was auf dem Plakat irgendwie schon zu sehen war. Dieses riesige, große, runde, eher gräulich braune Monster, das irgendwie eine tiefe Traurigkeit mit sich bringt. Und das bringen diese ganzen Figuren so mit. Und das zieht mich persönlich echt ein ganzes Stück runter. Oh Mann, tut mir leid. Ja, es ist, ich hab tatsächlich, mir kommt ein bisschen die fröhliche Kindheit zu kurz, muss ich schon sagen.
Florian Bayer: Ja, ich hab mit meiner Freundin immer die Diskussion, was wir unserem Kind zeigen an Filmen. Ja. Und jetzt haben wir uns halt, wo die wilden Kerler wohnen, angeguckt nochmal für diese Episode. Und dann meinte sie nochmal, ach nee, den würde ich Bilder noch nicht zeigen. Ich glaub, das ist wirklich zu hart und das ist echt krass. Und das sind so viele negative Gefühle, die thematisiert werden. Ich glaube halt, es sind Dinge, die zur Kindheit gehören. Und ich find's auch gut, die zu thematisieren. Und ja, ich geb dir vollkommen recht und ich geb auch ihr recht. Wahrscheinlich ist das nicht unbedingt was, was man einem Fünfjährigen schon zeigt. Nein. Aber ich glaub, das ist ein Film, den man einem siebenjährigen, achtjährigen, neunjährigen zeigen kann. Weil es auch einfach, also ich find's wichtig, auch sowas zu gucken, um sich mit dieser Gefühlswelt, dieser überbordernden, teilweise heftigen, teilweise negativen Gefühlswelt auch auseinanderzusetzen.
Johannes Franke: Der kommt im gleichen Moment in ein Kinder, in einem Alter zum Tragen wie der Disney-Film Alles steht Kopf. Es geht darum, sich damit auseinanderzusetzen, dass es positive Erinnerungen gibt, dass es aber auch negative Aspekte gibt. Und die Mischung davon ist diese Melancholie. Und diese Traurigkeit, die trotzdem irgendwie positiv sein kann. Und da grätscht dieser Film auch rein, finde ich. Ja. So, und das ist aber erst ab einem bestimmten Alter so. Und ich glaube, mit fünf ist dann einfach wirklich zu früh. Und ich weiß nicht, vielleicht ab sieben, neun? Neun ist der Protagonist im Film, ne?
Florian Bayer: Also auch der Schauspieler Max Records, der den Max spielt, ist neun. Dann heißt er auch noch Max. Ja, er ist tatsächlich. Ja. Ja, ich glaube aber auch, das gibt's auch schon früher. Also wenn ich mein Kind betrachte, das jetzt fünf ist. Ja. Dann seh ich ganz viel, was in diesem Film durch die Monster, durch die Wild Things, ich finde übrigens Wilde Kerle eine schreckliche Übersetzung, weil es die Männlichkeit betont. Und Wild Things im Original finde ich viel besser. Und es sind ja auch weibliche Monster dabei. Das, was die verkörpern, sehe ich in ganz vielen Dingen bei meinem Sohn. Zum Beispiel, wir haben den Alexander, das ist so eine Art Ziegenbock. Und der wird nicht gesehen und wird nicht gehört. Und der thematisiert es auch, der kriegt das mit, dass er nicht gehört wird und sagt immer mal, mir wird nicht zugehört. Und hat dann auch ein Gespräch von Max und redet mit Max drüber. Max sagt, hey, dir hört niemand zu, ne? Und die anderen Monster sagen teilweise, ja, der macht immer eine Show, ignorieren ihn einfach. Das ist so ein Gefühl, was ich von meinem Sohn, der fünf ist, eins zu eins kenne. Und zwar auch ein Gefühl, was mit Traurigkeit verbunden ist und was mit Wut verbunden ist. Dann haben wir den quasi Hauptakteur der wilden Monster, Carey, der extrem wütend ist, weil seine beste Freundin, KW, neue Freunde gewonnen hat, diese Eifersucht. Das ist eins zu eins das, was ich auch bei meinem Kind sehe. Und all diese negativen Gefühle, die diese Monster verkörpern, die finden sich, glaube ich, schon in ganz jungen und ganz kleinen Kindern wieder. Natürlich auch die positiven Gefühle, aber auch die negativen. Kinder sind egoistisch, Kinder sind extrem wütend, Kinder sind extrem ängstlich und traurig. Ja, das sind negative Gefühle, aber die gehören zur Kindheit dazu. Und ich finde es wichtig, also zum einen mutig, dass das überhaupt mal im Film so stark, so radikal thematisiert wird. Aber ich finde es auch wichtig, das zu thematisieren, weil ich glaube, wir wollen unsere Kinder oft schützen und klammern dann solche Dinge vielleicht zu sehr aus.
Johannes Franke: Ja, du hast vollkommen recht. Natürlich, die Frage ist bloß, ab welchem Alter kann man das auch verarbeiten als Kind? Ab welchem Alter kann man das auch in dieser Darreichungsform verarbeiten?
Florian Bayer: Also ich finde es bis heute schwer zu verarbeiten. Ich sehe diesen Film und er macht mich sehr traurig. Und ich sehe, also ich sehe diese Gefühle in diesem Film auf mich niederprasseln. Und das ist total krass. Also der Film ist emotional extrem stark. Der hat extrem starke Wirkung auf mich. Aber ich liebe ihn dafür auch. Das ist natürlich das, was für mich auch Kunst ausmacht. Dass es so dieses kathartische Moment gibt, dass du überrumpelt wirst von düsteren, traurigen, krassen Sachen und dass du darin aber auch irgendwie so ein Stück Hoffnung findest. Und auch wenn der Film im Gegensatz zu Alles steht Kopf nicht diese krasse, positive Stoßrichtung hat, gelingt ihm das trotzdem. Er lässt mich mit einem sehr positiven Gefühl zurück. Weil er es schafft zu zeigen, wie dieses Überangefühlen, wie das irgendwie akzeptiert werden kann. Wie das als Teil des Lebens, als Teil des Menschseins akzeptiert wird.
Johannes Franke: So richtig positiv lässt er mich nicht zurück. Er tut ja auch nichts dafür. Er sagt dann nur so, ich fahre jetzt wieder zurück. Und vielleicht gibt es den Moment der positiven Entwicklung, weil er sich entscheidet, wieder zurückzufahren. Also es braucht ja einen positiven Impact, um ihm das zu klären, dass er sagt, okay, jetzt bin ich bereit. Und auch seine Mutter irgendwie dann, wenn sie, sie schläft am Ende ein, oder?
Florian Bayer: Ja, sie sitzt bei ihm am Tisch und beobachtet ihn, wie er ist. Das Essen war noch warm.
Johannes Franke: Ja, und irgendwie ist es schon, wenn ich jetzt zurückdenke, ja positiv, aber mein Grundgefühl bleibt nicht wirklich positiv. Irgendwie zieht er mich einfach runter dann und dann bleibe ich da.
Florian Bayer: Für mich sind es zwei ganz wesentliche Momente für das Positive. Und zwar zum einen, wenn das große, düstere Monster quasi keinen Namen hat, der aber immer dabei ist und der Max am meisten Angst macht, die ganze Zeit so im schwarzen, dunklen Fell und guckt einfach nur böse, wenn der am Schluss zu ihm geht und den einzigen Satz sagt, der dieses Monster im Film hat, when you go home, will you say good things about us? Und Max sagt einfach, ja, mach ich. Weil das, dieses, dieses, dieses Positive, das positive Gefühl, was da für mich mitschwingt, ist dieser Gedanke, das sind diese ganzen Neurosen, das sind diese ganzen Tics und diese Wut und Ängste und alles Schräge und Laute und Unkontrollierbare, aber es ist gut. Sag, sag was Gutes darüber, das ist Kindheit. Ja, das stimmt schon. Es ist nicht schlimm, wütend zu sein, es ist nicht schlimm, laut zu sein und unkontrollierbar zu sein. Du musst dich hier nicht anpassen, sondern das bist du. Das ist nicht schlecht. Und ich glaube, es ist so schrecklich, dass Kindern so oft gesagt wird, sei ruhig, setz dich hin, dreh nicht am Rad, sei nicht verrückt. Ach, du willst dich doch nur wichtig machen. Jetzt sei mal nicht so eine Drama-Queen. Das ist total schrecklich, weil das sind die ganzen Sachen, die Kinder ständig zu hören bekommen. Aber für Kinder sind das ernsthafte Gefühle und wenn ein Kind total frustriert ist, weil sein Lieblingslöffel nicht da ist, dann ist das wichtig. Ja, ja, ja. Dann muss das ernst genommen werden. Ja. Dann ist das für das Kind genauso schlimm wie für uns, keine Ahnung, wenn wir unseren Job verlieren oder wenn jemand stirbt. Und es ist eine Schande, dass das so oft dann runtergetan wird und wird, ach, die Kleinen. Ja, ja, ja. Das ist eine ganz wichtige Botschaft davon. Und das Zweite, wenn KW, die ja irgendwie so die positivste von diesen Monstern ist, am Schluss zu ihm sagt, I'll eat you up, I love you so. Weil dieses Fressenthema die ganze Zeit das Bedrohliche war und er beißt seine Mutter, das ist ja der Ursprung des Streits. Und dann wird das einmal umgedeutet, diese Wut auf andere, wenn du jemanden wirklich liebst, dann bist du halt wütend auf ihn. Wenn du auf jemanden wirklich wütend bist, ist das ein Zeichen dafür, dass du ihn auch liebst. Ja. Und das finde ich eine total schöne Umkehrung. Deswegen, und dann natürlich klar die Schlussszene, wenn er nach Hause kommt, seine Mutter ist total aufgelöst, nimmt ihn in den Arm, er war wahrscheinlich, keine Ahnung, eine Stunde, zwei Stunden weg. Ja, also wird gar nicht gesagt, aber. Das ist halt irgendwie am Abend noch. Ja. Und sie nimmt dann ihm in den Arm und dann macht sie ihm das Essen warm und dann sitzt sie neben ihn am Tisch und beobachtet ihn. Wer ist? Mir kommen jetzt schon wieder die Tränen, wenn ich drüber rede. Das ist so schön. Weil das einfach so diese Akzeptanz von dem Monster Kindheit ist. Und das Kindheit ist, und nicht nur die Kindheit, sondern das Menschsein ist halt einfach ein verfluchtes Monster. Und dieser ganz, das alles gehört halt irgendwie dazu. Und das schafft dieser Film zu sagen, ja, es gehört dazu.
Johannes Franke: Ich weiß nicht genau, ob ich so ein Kind war, das so viel mit Aggressionen zu tun hatte. Ich habe mich viel mit meiner Schwester geprügelt. Das stimmt schon. Aber meine Erinnerung ist nicht so, dass ich so viel mit Aggressionen zu kämpfen hatte. Ich weiß nicht, ob es um Aggressionen geht.
Florian Bayer: Ich glaube, es geht einfach um Wut.
Johannes Franke: Und Wut ist, glaube ich, was sehr natürlich ist. Naja, also Carol hat schon sehr große Aggressionsbewältigungsprobleme. Allein wenn Max das erste Mal sieht, was da passiert. Carol zerstört alle Behausungen, rennt da durch und macht alles gewütet. Ja. Also, schon krass. Deswegen war ich auch ganz lange im Film eben auf dieser Aggressionsbewältigungsschiene, dass ich darüber nachgedacht habe. Und das hat mich in meiner Erinnerung für mich als Kind nicht unbedingt so sehr betroffen. Für mich war eher sehr krass, dass alle Figuren, ausnahmslos, alle Figuren so animiert und so designt sind, dass sie tief traurig aussehen. Und das zieht einen auf die Dauer des Films so weit runter. Also mich ... Also ich fand den Film gut, so ist es nicht. Aber es ist schon wirklich hart. K.W. ist irgendwie so ein bisschen die Fröhliche von Ihnen, finde ich. Ja, schon. Aber auch sie hat diese tiefe Traurigkeit, diese Melancholy. Die sind ja wirklich bei den Designs von den Gesichtern. Ja, ja, ja. Was ich übrigens ganz toll gemacht finde. Ich finde es ganz, ganz wahnsinnig beeindruckend, wie sie Live-Action und dann darüber animiert. Also er spielt ja wirklich mit diesen Fel-Dingern da am Set, oder?
Florian Bayer: Es war geplant, dass es Animatronics sind. Die Gesichter sollten eigentlich komplett animiert sein. Und dann haben sie die Kostüme gekriegt. Ja. Und dann haben sie die Kostüme angezogen. Und dann konnten die Schauspieler sich nicht bewegen, die da drunter waren. Weil die Apparatur für die Bewegung von den Augen und von den Mündern so komplex war, dass diese Masken, diese Helme einfach unfassbar schwer waren. Und dann haben sie sie halt auseinandergenommen und gesagt, okay, machen wir im Studio. Spike Jonze wollte eigentlich alles Animatronic machen. Okay. Dem war das auch wichtig. Ich glaube, es war auch ein ziemlicher Downer am Set, dass sie dann gesagt haben, wir kriegen es nicht anders hin, wir müssen CGI machen. Mhm. Okay. Und das Studio wollte auch tatsächlich komplett CGI haben. Also Spike Jonze hat sich da auch eher durchgesetzt, dass er gesagt hat, nee, es gibt doch diesen Jim Henson. Ja. Und lasst uns hier mal da was nehmen und das passt besser. Und das finde ich, das sieht man auch im Film. Das ist, ich finde die Kostüme toll. Ganz toll. Ja, auf jeden Fall. Und ich finde die CGI auch tatsächlich nicht störend. Ich finde es, es fügt sich sehr angenehm harmonisch ein.
Johannes Franke: Absolut. Absolut. Wirklich toll. Ich habe gelesen, dass sie dann wirklich im Nachgang wahnsinnig viel noch gemacht haben, dass das zwischendurch fast schon auf der Kippe stand, dass Spike Jonze irgendwie noch mal und noch eine Runde und da noch mal. Im Schnitt haben sie gemerkt, sie müssen da noch mal was und dann haben sie was nachgedreht und irgendwie noch mal im Jahr verschoben. Was war denn da los?
Florian Bayer: Das Studio war ziemlich unzufrieden damit, ne? Die haben gesagt, ey, das können wir so nicht vermarkten. Die haben eigentlich damit gerechnet, dass er einen Kinderfilm macht. Nun ist die Vorlage ja wirklich ein Buch für die ganz Kleinen.
Johannes Franke: Kennst du die Vorlage? Nein, wenn das nur 300 Wörter sind, können wir die nicht vorlesen irgendwie? Oder ist das technisch?
Florian Bayer: Radikale Urheberrechtsverletzung. Ja, okay. Es ist tatsächlich, also die Vorlage. Die Vorlage hat nur das Thema Wut. Es geht darum, dass Max laut ist und dass er durchs Haus stürmt und dass er übertreibt und dann sagt seine Mutter so, du gehst jetzt ohne Abendessen ins Bett. Max geht ins Bett und träumt sich den Wald und träumt sich dann das Boot und fährt mit dem Boot zur Insel, wo die Wildfings leben. Die kriegen keine Namen und keine Persönlichkeiten, sondern die sind alle wild und laut.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Sie knurren ihn an, er knurrt zurück und weil sein Knurren lauter ist, er nennen sie ihn zum König. Weil er es schafft, ihnen damit Angst zu machen. Und dann toben sie. Dann gibt es so drei, vier Seiten, das ist ein Bilderbuch. Ja. Und die Umsetzung ist übrigens sehr nah an den Bildern vom Original. Okay, cool. Dann toben sie ganz viel und sind wild und dann wird Max aber, dann schlafen sie und dann wird Max aber einsam und stellt fest, dass er eigentlich zu Hause sein will. Mhm. Und dann fährt er los und die wilden Monster heulen und er kommt nach Hause, wieder mit dem Boot übers Wasser, durch den Wald und kommt wieder in sein Zimmer und da stand das Abendessen und der letzte Satz ist und es war noch warm. Ende. Okay. Und das Ganze ist halt ein sehr bildlastiges Buch und ich würde behaupten Zielpublikum zwei bis fünf Jahre. Okay. Ich glaube, Bela wäre es ein bisschen zu wenig Fleisch, wenn ich es ihm jetzt abends vorlesen würde. Mhm. Und es gilt als Kinderbuchklassiker, aber es ist ganz eindeutig ein Bilderbuch, was Eltern ihren Kindergarten und Kita-Kindern vorm Schlafengehen vorlesen, was nicht viel Zeit in Anspruch nimmt. Und Spike Jonze hat offensichtlich da drauf geguckt und hat einmal gesagt, okay, Wut ist ein bisschen zu wenig als Thema, packen wir noch Traurigkeit rein, packen wir noch Feindseligkeit und Sarkasmus rein, packen wir noch Phlegma rein. Also diese Monstergruppe sind insgesamt sechs, sieben Monster sind es insgesamt. Ja, sieben Monster sind es insgesamt. Und wir haben, und die verkörpern alle so ein bisschen bestimmte emotionale Zustände. Mhm. Aber nie zu flach. Es ist nicht so, dass du sagen kannst, da ist die Wut, da ist die Fröhlichkeit, da ist die Traurigkeit.
Johannes Franke: Das kann man schon zuordnen, oder? Ich habe es jetzt nicht geschafft, aber so ein bisschen. Es gibt doch bestimmt irgendwo eine Auflistung.
Florian Bayer: Ich habe nochmal gesucht, aber nee, ich habe keine direkte Auflistung gefunden.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und ich finde es, mir fällt es auch schwer. Und ich, weil teilweise, weil die dann auch teilweise andere Sachen verkörpern, zum Beispiel KW, finde ich, ist auch ganz stark seine Schwester. Am Anfang ist ja eine Szene, ist noch in der realen Welt, wo er eigentlich mit seiner Schwester was machen will und die ist eher so genervt und sagt, hau ab. Und dann ist sie mit ihren Freunden unterwegs und er versucht da kurz so reinzukommen, indem er sie mit Schneebellen bewirft und ist dann total verzweifelt, weil sie sein Iglo kaputt machen. KW ist so ein bisschen auch diese Schwester irgendwie. Ja. Und es gibt eine Streitszene zwischen KW und Carol, die Max aus dem, aus diesem Vor, was sie gebaut haben, beobachtet. Ja. Und es sieht fast aus, wie so ein kleines Kind, das durch einen Türspalt beobachtet, wie seine Eltern streiten. Mhm. Und ich habe die Szene so interpretiert, dass in dem Moment, zumindest in dieser Szene, KW und Carol seine Eltern verkörpern, die sich ja offensichtlich getrennt haben, weil seine Mutter hat ein Date. Ja. Und irgendwie mal so, sie ist ziemlich sicher alleinerziehend und sein Vater kommt nicht vor. Das heißt, da war vielleicht eine Scheidung davor. Es könnte sein, dass das so ein Bild ist. Also der Film gibt nicht eins zu eins in eine Figur diese Emotion oder diesen Archetyp oder dieses Spiegelbild aus der realen Welt, sondern er mischt das alles so ein bisschen. Ich kann mal vorlesen, was ich so mir zusammengestellt habe. Mach mal. Also Carol ist die Wut und ich glaube auch am nächsten an der Vorlage damit. Dann haben wir das Paar Ira und Judith. Ira ist der mit der großen Nase und Judith ist die mit den hässlichen Zähnen. Und Ira ist so ein bisschen das Phlegma. Der ist immer sehr ruhig und der hat auch so was leicht Depressives und der macht halt die Löcher in die Bäume. Mhm. Und Judith ist komplett anders. Sie ist so sehr sarkastisch und sehr feindselig. Sie ist so das Feindselige irgendwie, die ständig Max in Frage stellt und ihn ständig provoziert. Dann haben wir Alexander, den ich irgendwie die traurigste Figur finde, dass der total liebesbedürftig ist, der immer gesehen werden will und ständig ignoriert wird. Und der dann sagt, hey, guck mal, was ich da mache. Ach, naja, okay, das sieht ja keiner. Das ist, der ist so ein Ziegenbock. Ja. Dann haben wir Douglas, das ist ein Vogel. Und der steht irgendwie so für Freundschaft. Der ist so ein bisschen streng und ist der beste Freund von Carol. Also der scheint irgendwie so eine Verkörperung von Freundschaft zu sein. Ja, ja. Dann haben wir Kate W., die für mich am ehesten so die Positivität verkörpert, weil sie ist verspielt, sie ist lustig, sie ist total nett. Sie ist auch total offen für Max und hilft ihm ganz oft. Und dann haben wir The Bull, der einfach Dunkle, der gar nichts sagt. Und der könnte so ein bisschen die missverstandene Seite von Max verkörpern, weil vor dem hat Max die ganze Zeit Angst und Respekt und kann ihn nicht so richtig einschätzen. Er könnte aber auch die Außenwelt verkörpern, weil Max ja ganz viele Dinge in der Außenwelt Angst machen und er sie nicht versteht. Ja, wie gesagt, also ich finde so eine klare Zuordnung hat einem der Film nicht vor die Füße gelegt. Und das rechne ich ihm sehr hoch an, weil ich finde dieses Eins-zu-Eins-Spiegeln flach. Wenn du so eine Fabel hast, wo du ganz klar eine X-Achse und Y-Achse hast, dann hast du deine Kurve und kannst sagen, ach ja, Rot steht für Wut und Grün für Hoffnung. Geil, hab alles entschlüsselt, gute Arbeit. So ein Film soll ja kein Rätselraten sein, sondern so ein Film soll irgendwie Facetten haben.
Johannes Franke: Ja, was dieser Film allerdings dadurch eben, also mit dadurch und er zieht es halt auf anderen Ebenen auch durch, macht, ist, dass er einem nicht besonders viel Material mitgibt, Werkzeug mitgibt, den Film zu entschlüsseln. Also er verzichtet sehr weitreichend darauf, Erklärungen zu liefern, einem zu sagen, was er will, der Film, was Max soll, was er wollen soll, wo er hinwollen soll. Also er hat keine Ziele und die klassischen Sachen von, ich erzähle in einem Superheldenfilm am Anfang, das ist der Plan und das wird jetzt durchgezogen. Und tada, der Film ist ein Erfolg, wenn folgende Sachen passieren. Das gibt es in dem Film überhaupt nicht.
Florian Bayer: Er hat überhaupt keine lineare Hand. Gar nicht.
Johannes Franke: Er ist ein Psychogramm, er ist eine Seelenschau. Ja. Er zeigt uns, also was der Film will, er zeigt uns das Innere von Max. Weswegen aber der Film auch unter Umständen eben schwer zugänglich ist, dass man irgendwie sich die ganze Zeit fragt, was will der Film denn jetzt eigentlich? Also ich kann verstehen sozusagen, wenn man dann nicht die breite Masse damit erwischt. Ich weiß nicht, wie erfolgreich war der Film. Kannst du das sagen? Wahrscheinlich nicht so erfolgreich.
Florian Bayer: Also ich müsste einmal nachschauen. Ich würde behaupten, dass der Film wahrscheinlich nicht so viel Erfolg hat. Es gab, wie gesagt, ziemlich viel Streit mit Warner Bros., die gesagt haben, nee, das ist so ein Film, der ist too much. Wir wollen, das ist kein Film für Kinder. Naja, okay, Budget 100 Millionen, Box Office 100 Millionen. Null-Null-Rechnung. Ja, wahrscheinlich eher Verlust dann. Ja. Budget musst du immer noch ein bisschen was drauf rechnen. Und kein Erfolg. Was ja für Spike Jonze jetzt auch nicht ungewöhnlich ist.
Johannes Franke: Dass er keinen Erfolg hat? Oh.
Florian Bayer: Naja, seine Filme sind alles andere als Mainstream-tauglich. Und ich glaube, der hat das oft so, dass er was pitcht und dann sagt Warner Bros. oder welches Studio auch immer, mit dem er gerade arbeitet, ey, geile Idee, Mann verliebt sich in KI. Klingt super, wird eine tolle romantische Komödie. Und dann sagt Spike Jonze, nimm das. Und dann hast du einen Film wie Hör da liegen. Und dann sitzen alle da, die verantwortlich sind, kratzen sich am Kopf und sagen, ey, was, wie soll das funktionieren? Aber Hör war so großartig. Natürlich. Ah, war das großartig. Spike Jonze, stellt euch vor, wir machen einfach einen Film um ein Cameo von einem großen Darsteller. Wir lassen Leute in seinen Kopf reisen. Und dann denken alle, wow, was für eine irre witzige Fantasy-Geschichte. Und dann sagt Spike Jonze, guck mal, nimm das. Und dann liegt da Being John Malkovich und du hast so ein total depressives Anti-Marschen. Und dann sitzen sie wieder da und kratzen sich am Kopf. Also sie lernen es ja offensichtlich. Ja, genau. Weil er kriegt immer wieder Geld für seine Projekte. Und ja, natürlich, es war ihm zu wenig Kinderfilm, es war ihm zu wenig positiv, es war ihm zu wenig fröhlich und bunt. Aber genau diese Ehrlichkeit, die bewundere ich an diesem Film so sehr. Ja, das stimmt schon. Und diesen Mut auch zur Ehrlichkeit.
Johannes Franke: Ja. Aber eben auch ein bisschen sperrig dadurch, weil er eben nichts erklärt und nicht sagen will, hier, das ist das, was ich erzählen will. Sondern er sagt einfach, guckt einfach mal, ob er irgendwann mal rausfindet, was es soll.
Florian Bayer: Vielleicht ist Motivfilm der richtige Begriff in dem Fall. Es ist halt ein Film über Kindheit. Spike Jonze hat auch gesagt, er wollte keinen Kinderfilm machen, sondern einen Film über Kindheit. Es ist auch geworden. Und das ist das Thema und es geht nicht um eine lineare Geschichte und es geht auch nicht um einfache Lösungen. Weil in dem Film bei den Wild Things tauchen die ganze Zeit Probleme auf. Und kein einziges dieser Probleme wird einfach gelöst. Und manchmal gibt es den Versuch, Probleme zu lösen, Konflikte zu entschärfen. Und es funktioniert aber nie so 100 Prozent. Also zum Beispiel gibt es ja dieses, äh, ne, ähm, eigentlich eine sehr krasse Szene, als sie, ähm, als sie ihre Schlacht machen. Ne? Als sie, als, als, als, äh, Max sagt, okay, und jetzt, jetzt machen wir die. Ihr seid die Guten und wir sind die Bösen. Genau, und er will, er will ja eigentlich die schlechte Stimmung damit wegmachen, weil davor ist diese Eifersuchtszene, wo Carol wirklich wütend ist, dass Bob und Terry plötzlich da sind, diese Heulenfreunde, die KW hat. Und dann sagt Max, okay, was machen wir? Wir machen eine Schlacht. Und dann erstmal, okay, jetzt könnte der Konflikt gelöst werden. Und dann kommt aber das, was halt Kinder machen. Also, ihr seid die Bösen. Und so ganz klar, wir machen, zu den Bösen machen wir Bull, der nix redet. Und wir machen, packen Alexander, den niemand hört. Und da, okay, Ira hat sich freiwillig gemeldet. Und zu den Guten gehören natürlich Carol, KW und, äh, Douglas, die ihr total cool findet. Und dann, äh, und dann führen die diese epische Schlacht, die auch zuerst Spaß macht. Aber das Ganze ist natürlich so voll, bis einer heult. Ja. Und so funktioniert Kindheit. Ja, absolut. Man hat eine coole Idee, man spielt zusammen, das macht Mords viel Spaß. Aber irgendwann wird jemand heulen. Und dann kommt es halt zu diesem Streit zwischen Carol und KW. Und KW haut ab, weil es einfach, weil es ja, weil es einfach zu viel ist. Es ist so on point, finde ich. Es ist so gut, so viele Sachen in diesem Film treffen einfach, wie Kinder funktionieren. Wie Kinderspiele funktionieren, wie Kinderkonflikte und Konfliktlösungen funktionieren.
Johannes Franke: Ja, und wie, wie Kinder das dann langsam lernen. Also jetzt dieser Streit zum Beispiel zwischen Carol und KW dann. Und KW sich auf den Boden legt und sagt, hier, tritt mir auf den Kopf, ich bin dir auf den Topf getreten. Und er dann danach, alle sind weg und er kommt und setzt das so an und will das, dann reden sie so ein bisschen und dann. Ja. Also das Sein-Mitgefühl mit ihr und mit der Situation und zu lernen, okay, es gibt so Perspektiven, was Kinder ja wirklich schmerzhaft lernen müssen. Es gibt Perspektiven. Es gibt nicht nur mich, sondern es gibt auch den und da muss ich mich reinversetzen und gucken, wie fühlt sich denn der andere, damit ich meine Aktion entsprechend anpassen kann. Also es ist ein schwieriger, schmerzhafter Prozess.
Florian Bayer: Das ist, glaube ich, eine der krassesten Lernerfahrungen der Kindheit, dass man seinen Egoismus überwindet und zur Empathie kommt. Ja. Kinder sind nämlich eigentlich nicht zur Empathie in der Lage und Empathie zu lernen dauert wirklich lange. Und wie gesagt, mein Kind ist fünf und da merkt man schon, dass es Empathie gibt auch. Aber es ist trotzdem noch immer im Kampf mit den eigenen Bedürfnissen und zwar wirklich auch krass bis zu dem Punkt, dass die eigenen Bedürfnisse über alles gestellt werden, was ständig passiert. Ja. Und das ist natürlich auch so toll, dass diese Konflikte mit der Erwachsenenwelt, dieses Nicht-Verstehen der Erwachsenenwelt und der Erwachsenenbedürfnisse, dass es auch immer wieder vorkommt. Auch so dieses, er glaubt dann ja, dass alle ihn als böse ansehen von seinen Erwachsenen. Und dann projiziert er natürlich diese Wahrnehmung auf Carol. Und dann gibt es diese tolle Szene, wo Carol wirklich zur Bedrohung wird, wo er wirklich Angst hat vor Carol. Und wo Carol total außer Kontrolle ist und dann sogar Douglas den Arm abreißt. Wo nur so Sand rauskommt. Ja, super. Und dann rennt Max weg und versteckt sich in KWs Bauch. Und dann kommt Carol und unterhält sich mit KW und fragt sie, bin ich wirklich so böse, wie er sagt? Am I as bad as he says? Und das ist auch so ein trauriger Moment, weil das natürlich auch das ist, was Max ganz oft empfindet. Bin ich wirklich so schlimm, wie die sagen? Die sagen ständig, ich bin außer Rand und Band, ich bin außer Kontrolle.
Johannes Franke: Und das sagt er ja dann auch irgendwann zu Carol, glaub ich, ne? You're out of control.
Florian Bayer: Ja, genau. Das ist so, glaub ich, Originalzitat. Und dann sagt Max, aber dann kommt Max raus und sagt zu ihr, zu KW, als Carol weg ist. Er meint es nicht so. He's just scared.
Johannes Franke: Das ist ein ganz toller, wichtiger Satz. Ja. Euiui. Aber wenn wir vorhin schon bei Alles steht Kopf gewesen sind, wollen wir unsere Liste mal machen? Unsere Top. Was wollten wir machen? Moment, Moment. Erst Jingle. Jingle. Und welche Liste haben wir denn Pro? Kinderfilme. Ja, das viel, viel generischer könnte es gar nicht sein, Floor. Warum Kinderfilme?
Florian Bayer: Du wolltest Top-Schauspielleistungen vor kurzem haben. Ja. Ich finde, dafür ist Kinderfilme noch ziemlich konkret. Aber tatsächlich auch mit dem Doppelgedanken, Filme über Kinder, Filme für Kinder, Filme mit Kindern. Ach so. Okay, hättest du mal sagen können. Kann ja sagen sollen.
Johannes Franke: Na toll.
Florian Bayer: Ich lasse es doch so allgemein, damit es Interpretationsraum gibt. Damit du sagen kannst, hey, ich mache was komplett anderes draus, als du gedacht hast. Und ich nehme jetzt drei Horrorfilme, in denen Kinder aufgefressen werden. Verdammt. Passend zu Where the Wild Things Are.
Johannes Franke: Okay. Was hast du denn? Also, ich habe, es sind so, ich weiß nicht, welche ich auf die Honorable Mention schieben soll und welche in die rein sollen. Ich versuche so divers wie möglich die Plätze zu verteilen. Und alles andere ist im, Fantastic Mr. Fox wäre in der Honorable Mention, weil er nicht wirklich ein Kinderfilm in der Form ist, aber eigentlich ja aus diesem Genre kommt. Ja. Aber ganz, ganz toller Film. Dann wäre auch, den ich jetzt reinhauen möchte, Soul, den wir auch gesehen haben, den wir schon besprochen haben, sehr ausführlich, den ich wirklich ganz, ganz großartig fand, auch als Kinder- und Erwachsenenfilm. Was dieser Film ja auch nicht nur Kinderfilm ist, sondern eben eher Erwachsenenfilm. Dann, den Rest muss ich nachher festlegen. Hast du Honorable Mention? Ja, ich habe ganz viele Honorable Mentions.
Florian Bayer: Ähm, es ist tatsächlich eine lange Liste geworden bei mir und ich weiß, also es ist auch eine bunte Mischung aus Filmen für Kinder und Filme, die eher Kindheit behandeln. Also meine Honorable Mentions, ein Film, der beides schafft, Ronja Räubertochter. Tolle Literaturverfilmung, Astrid Lindgren, ganz fantastisch. Ganz toll, ja. Und ein zweiter Film, der das auch gut schafft, der so ein bisschen unterschätzt ist, habe ich das Gefühl, weil der wird selten genannt, Amy und die Wildgänse, Anfang der 90er Jahre, kleines Mädchen verliert seine Mutter bei Autounfall. Zeichentrick? Nee, Realfilm. Oh. Wächst beim Vater auf, also nicht wächst beim Vater auf, kommt zum Vater, nachdem es die Mutter verloren hat, den es jahrelang nicht gesehen hat. Ja. Und der hat, und bei ihm in der Nähe sind Wildgänse, die da halt ihr Sommerquartier haben und da bleiben Eier übrig, weil ich glaube, irgendwas wird abgeholzt und die fliehen dann und lassen ihre Eier zurück und Amy zieht diese kleinen Wildgänse auf. Und dann wird es halt Winter und es wird Zeit, dass sie in ihr Winterquartier ziehen und ihr Vater ist Ingenieur und baut ihr dann ein Fluggerät und Amy fliegt mit diesen Wildgänse Richtung Süden, weil sie ihre Mama ist, weil sie als erster Kontaktperson da war. Total toller, liebenswerter, auch sehr trauriger Film, der auch keine Angst hat, Traurigkeit zu behandeln. Wähler fand ihn langweilig. Oh, schade. Dann habe ich noch als Honorable Mention Chiyurus Reise ins Zauberland, stellvertretend für ganz viele Ghibli-Filme, die toll für Kinder sind. Ja. Valhalla, auch ein deutscher Zeichentrickfilm und Stand by Me als Film über Kindheit. Okay, ja, ja, ja. Den man aber auch Kindern zeigen kann, den ich total liebe. Und meine letzte Honorable Mention, um endlich zur Liste zu kommen, wäre E.T., der einfach ein wunderschöner, wunderschönes Science-Fiction-Märchen ist. Warum kommt der nicht in die Liste? Weil es so viele andere Filme, weil es so zu viele gute Kinderfilme gibt.
Johannes Franke: Ich habe die ganzen Astrid Lincoln-Sachen zum Beispiel überhaupt nicht mitbedacht. Die hätten eigentlich rein müssen, wenn du jetzt so Ronja Räubertochter sagst, Kinder von Bullerbü oder diese ganzen Pippi Langstrumpf.
Florian Bayer: Ja, aber bei Astrid Lincoln sind die Bücher auch, glaube ich, oft besser als die Filme. Ich weiß nicht, ob ich unbedingt einen Pippi Langstrumpf, also Pippi Langstrumpf ist toll, sowohl im Buch- als auch Serienformat. Ich wüsste nicht, ob ich unbedingt einen Pippi Langstrumpf-Film drin haben müsste. Doch. Vertragen wir diese Fragen.
Johannes Franke: Okay. Nummer drei, Johannes, dein Platz drei. Mein Platz drei wäre dann... Who Framed Roger Rabbit?
Florian Bayer: Okay. Du beschwerst dich über einen Film mit Schietraurigkeit, nimmst dann aber als Kinderfilm diesen Film mit der obszönen, wie heißt sie, Jessica Rabbit, der voll ist mit Film-Noor-Anspielung und der garantiert eine Altersfreigabe ab zwölf hat. Lass mich mal gucken. Ja, okay, okay. Who Framed Roger Rabbit? Family Comedy, ist er ab zwölf? Ach, wer interessiert sich für US-Freigaben? Da, FSK zwölf. Ha! Sag ich doch.
Johannes Franke: Toller Film.
Florian Bayer: Bei zwölf bist du noch Kind. Toller Film, ich liebe ihn. Ganz großartig.
Johannes Franke: Vielleicht müssen wir den mal gucken. Wir haben solche Sachen haben wir noch gar nicht, Bloor. So diese Blockbuster Ende 80er, Anfang 90er? Ja, mit so ganz völlig kaputten, weiß ich nicht, aber das ist ein ziemlich einzigartiger Film, muss man mal sagen. Ja, absolut. Also, das ist wirklich krass. Ihr habt neulich wieder so einen Zusammenschnitt zwischen den Originalaufnahmen, die sie vor Greenscreen und Bluescreen gemacht haben und der entsprechenden Bearbeitung dann mit Comic gesehen. Und es ist ganz großartig, weil die Schauspieler wirklich mit nichts spielen und das dann eingebaut wird. Geil.
Florian Bayer: Er war seinerzeit so meilenweit voraus. Oh, wahnsinnig. Wenn man sich heute anguckt, Filme, die vor zehn Jahren gemacht wurden, mit CGI und Realfilmen gemixt, die sehen schlechter aus. Ja. Der Film hat es wirklich geschafft, so mit krassen Special Effects zeitlos zu wirken. Das muss man erst mal hinkriegen. Mhm.
Johannes Franke: Liegt aber auch daran, dass sie, naja, Zeichentrick benutzt haben und das gar nicht erst versucht, real zusammenzuhauen. Weißt du? Wenn man CGI versucht, dann versuchst du ja zu erzählen, dass das wirklich da ist. Und bei Zeichentrick ist es halt einfach so offensichtlich, dass du nichts verstecken wirst.
Florian Bayer: Ja, das stimmt. Meine Nummer drei, CGI-Realfilm. Ich glaube, wir haben ihn schon öfter auf Listen genannt, aber ich finde, das ist einfach so eine perfekte Mischung für die ganze Familie. Wirklich für die ganze Familie. Der einzige Film in der Liste, der für die ganze Familie ist, von 3 bis 99, Paddington. Ah. Fantastischer Film. Scheiße, ich habe ihn auch genau jetzt. Wir haben die gleiche. Das ist so schwer, einen Film zu machen. Der sowohl einem Dreijährigen gefallen kann, als auch einem 16-Jährigen, als auch einem 60-Jährigen. Ja. Und dieser Film schafft es.
Johannes Franke: Absolut. Absolut. Ja, war auch mein Platz 2. Ganz, ganz, ganz großartig. Da muss ich jetzt meinen Platz 2 nennen. Nee, Platz 1 müsstest du dann nennen. Nee, das war mein Platz 3. Das war mein Platz 3?
Florian Bayer: Ja, E.T. war meine 4 und du hattest 3 genannt. Ich glaube, wir sind jetzt zueinander gekommen, weil mein Platz 3, dein Platz 2 war. Verdammt.
Johannes Franke: Und. Okay. Willst du noch was zu Paddington sagen? Ich meine, ein ganz toller Bär mit ganz viel Liebe gemacht und ganz tolle Figuren und ganz viele schöne Ideen drin. So eine tolle Mischung aus Abenteuerfilmen, Komödie, Actionfilmen. Ja. Es ist so viel drin. Und es funktioniert alles so gut. Der Bär ist so gut eingebaut. So gut eingebaut. Ich war wahnsinnig beeindruckend, vor allem, weil ich ja nichts erwartet habe, als ich den gesehen habe. Ich habe damals wirklich nicht erwartet, dass da so, so viel Liebe drin steckt.
Florian Bayer: Mir wurde er als Kinderfilm empfohlen und ich habe ihn zum ersten Mal gesehen dieses Jahr an Silvester, glaube ich tatsächlich.
Johannes Franke: Das ist spät.
Florian Bayer: Ja. Ja, Plur, ich bin enttäuscht. Und ich wusste nicht, was auf mich zukommt und es war so toll, weil ich habe ihn mit meinem Kind gesehen und diese Begeisterung in seinem Gesicht habe ich nur selten bei einem Film gesehen. Schön. Es gibt so eine Top-Liste Filme, die mein Kind komplett strahlen lassen. Toll. Und der ist drin. Ich habe ein Video davon. Ich kann mal ganz kurz gucken, ob man das, wenn ich das vor das Mikro halte. Das ist so toll.
Johannes Franke: Ist das süß. Ja. Oh, ich weiß nicht, ob wir das jetzt in voller Länge drin lassen oder ob wir es zusammengeschnitten haben.
Florian Bayer: Dieses Ja ist, glaube ich, das ist vor allem der schöne Moment in der finalen Szene, wenn Paddington es gerade so noch schafft, von ihnen aus dem Schacht gerettet zu werden, während der Abstütze in einer Hand greift nach ihm. Und in diesem Moment ruft Bela ganz laut, ja, der wirklich ganz angespannt dasteht. Ja.
Johannes Franke: Es ist wirklich ein toller Film.
Florian Bayer: Paddington, meine Nummer drei, deine Nummer zwei. Meine Nummer zwei ist auch ein Film, bei dem Bela viel strahlt. Ich hoffe, es ist nicht deine Nummer eins. Was denn? Alles steht Kopf. Es tut mir so leid, ist deine eins. Ich habe noch genug andere Sachen. Aber es ist meine Nummer eins. Ja, es ist auch ein unglaublich schöner Film. Ja. Der mich zum Weinen bringt.
Johannes Franke: Ja, aber wirklich. Und das ist eine unglaubliche Leistung. Also ich weiß nicht, ob wir das schon mal ordentlich hier gesagt haben. Ich glaube, wir haben ja über den Film ja schon mal gesprochen hier. Aber ich finde, es ist eine unglaubliche Leistung, über Vorgänge im Kopf eines Kindes so dezidiert, so korrekt und so unterhaltsam gleichzeitig eine Geschichte zu erzählen. Denn ich hätte es nicht für möglich gehalten. Wenn du mir das gepitcht hättest als Produzent, ich wäre wahrscheinlich der Idiot gewesen, der gesagt hätte, die gibt es kein Geld für. Das kriegst du nicht hin.
Florian Bayer: Also wirklich Wahnsinn. Und er schafft es. Er schafft es vor allem, zwei Geschichten parallel zu erzählen. Das, was in ihrem Inneren stattfindet und das, was bei ihr in ihrem Äußeren stattfindet. Und man fiebert bei beiden Geschichten mit. Man fiebert sowohl mit ihr mit, als auch mit ihren Emotionen, auch unabhängig voneinander. Und dann wirken die natürlich auch noch zusammen. Und dann gibt es diesen fantastischen Schlussmoment, wenn Glück erkennt, dass Trauer total wichtig ist. Und bei Glück hat die ganze Zeit Trauer irgendwie niedergemacht, weil Glück wollte halt keine Trauer. Und dann erkennt sie, dass Trauer aber total wichtig ist. Und dann versöhnen sie sich quasi in diesem Moment, wo dann eine Erinnerung geschaffen wird, die wohl, ich muss schon wieder heulen, die sowohl glücklich als auch traurig ist. Die beide Färbungen hat, so grün-blau. Und in diesem Moment wird dann halt parallel geschnitten, wie sie bei ihren Eltern weint und sie sie in den Arm nehmen. Das ist einfach total toll. Wunderschöne Szene, wunderschöner Film.
Johannes Franke: Ja. Oh Mann. Also, wenn ihr diesen Film noch nicht gesehen habt, unbedingt. Also, wenn es eine Empfehlung in 22 Folgen Podcast gibt, dann alles steht Kopf.
Florian Bayer: Wahrscheinlich der beste Pixar-Film.
Johannes Franke: Wahrscheinlich, ja. Neben Soul. Ich fand Soul jetzt wirklich auch sehr, sehr gut.
Florian Bayer: Und es gibt so viele gute Pixar-Filme.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Okay. Mein Platz 1. Und dann darfst du noch, oder willst du vorher noch mal, weil ich hab dir jetzt gerade die ganzen Plätze weggenommen, indem ich immer zu früh gekommen bin.
Johannes Franke: Ja, das ist Plot, das ist typisch für dich.
Florian Bayer: Ja, ne? Freude zunichte gemacht. Pre-Major-Toplissing.
Johannes Franke: Das ist ein ernsthaftes Problem. Fünf von sechs Männern haben dieses Problem, Flor. Du bist nicht der Einzige. Hast du noch eine Honorable Mention, die du drauf handelst? Ich hab noch, auf jeden Fall darf nicht Mary Poppins fehlen. Ah, ja. Weil Mary Poppins auch mit dieser Kindheit und wie Kindheit funktioniert so ein bisschen spielt, aber eben eher aus der anderen Perspektive, eher über Mary Poppins, aber über die, also ist noch nicht so psychologisch, wie Wild Things Are oder sowas. Das ist halt eine ganz andere Angehensweise, aber toll. Wirklich, wirklich sehr schön. Toller Film. Ja, definitiv. Wir haben ja über die Fortsetzung gesprochen, lange, die leider nicht so geil wurde, aber das Original war immer sehenswert. Klassiker. Ja, absolut.
Florian Bayer: Meine Nummer eins. Momo aus dem Jahr 1986.
Johannes Franke: Oh, wie gut.
Florian Bayer: Michael Ende-Verfilmung.
Johannes Franke: Ich hab voll vergessen. Oh, ist die so gut. Das ist so toll.
Florian Bayer: Der schafft es nämlich auch zu zeigen, was Kindern wichtig ist, was Kindern was bedeutet. Es geht darum, dass die Kinder, vor allem ein Kind, eben ein besonderes Kind, diese Momo gegen die Zeitdiebe kämpft, die den Erwachsenen die Zeit klauen, indem sie ihnen sagen, ihr habt keine Zeit für andere Sachen, ihr könnt ja eure Zeit sparen und keiner hat plötzlich mehr Zeit zu spielen und Spaß zu haben. Und die Kinder sind die einzigen, die das durchschauen und sie kämpfen dann dagegen. Und Momo lernt den Meister der Zeit kennen und kämpft mit diesem zusammen gegen die Zeitdiebe und ganz tolles Märchen und in Romanform toll, aber auch eine fantastische Verfilmung, die auch sehr nah an dem Buch ist. Und im Gegensatz zur unendlichen Geschichte, die sehr weit von der Vorlage wegweicht, abweicht, mit der auch Michael Ende alles andere als zufrieden war. Mit Momo war er zufrieden, also er war beteiligt und hat sogar mitgespielt als der Erzähler ganz am Anfang, der die Geschichte erzählt. Und es ist einfach ein wunderschöner Film, irgendwie so zwischen Italien und Deutschland, so vom Gefühl her, weil er spielt in Italien und er ist einfach fantastisch und es gibt so viele Momente, die zeigen, warum Kinder manchmal auch einfach wissen, worauf es im Leben ankommt. Und ich bin nicht der Kinder-an-die-Macht-Typ, weil Kinder sind, wie wir bei, wo die wilden Kerle wohnen, erfahren, verdammt egoistisch, verdammt wütend, verdammt unberechenbar. Und dumm. Und dumm. Aber manchmal haben Kinder auch einfach recht und manchmal sollte man einfach ein bisschen mehr Kind sein.
Johannes Franke: Ja, definitiv. Ja. Neulich irgendwo wieder gelesen, dass rein psychologisch Männer erst mit 40 erwachsen werden. Dann haben wir noch ein paar Jahre. Also, nicht viel, aber ein bisschen. Zwei. Nicht mehr ganz zwei. Plor, nutzen wir das. Wo ist das Bällebad?
Florian Bayer: Der geneigte Hörer, die geneigte Zuhörerin kann sich jetzt ungefähr denken, in welchem Alter wir sind, aber ich glaube, wir haben auch schon mal unsere Geburtsjahrgänge genannt. Ja, wir haben das schon mal. Können leider kein Mysterium mehr drumherum machen. Ja, Kinder an die Macht, manchmal vielleicht auch nicht, weil Kinder tragen eben viel Wut, viel Schmerz, viel Angst in sich.
Johannes Franke: Moment, eine Honorable Mention noch, a series of unfortunate events. Den mit Jim Carrey? Ja. Okay, weil die Serie habe ich nicht gesehen. Ah ja, okay. Die Serie ist ein Versuch, an den Film irgendwie ebenbürtig zu werden. Man hat große Schwierigkeiten reinzukommen eine ganze Weile, aber dann, wenn man einmal drin ist in der Serie, dann ist die auch cool. Okay. Aber die Vorlage ist einfach großartig. Nie gelesen? Gehört, ich habe sie nur gehört.
Florian Bayer: Ah, okay, aber das zählt.
Johannes Franke: Als Hörspiel, Buch, Buchspiel und ganz großartig gelesen. Rätsel auf der Ereignisse, glaube ich, heißt es im Deutschen. Und die Verfilmung Jim Carrey ist einfach großartig. Jim Carrey ist cool. Aber der Film war irgendwie so, dass er so, er ist nicht abgeschlossen, oder? Doch, der Film an sich ist abgeschlossen. Das ist ein Film für sich, in sich. Okay.
Florian Bayer: Ich habe nicht mehr so viele Erinnerungen dran. Aber ich weiß, dass ich ihn unterhaltsam fand. Und ich weiß auch, dass er ziemlich düster war für einen Kinderfilm. Und ziemlich fiese Sachen passieren. Ja, ja, ja. Was der Erzähler ja auch schon am Anfang klar macht, wenn er sagt, dieser Film ist nicht über ein nettes Einhorn oder über eine nette Fee, sondern in diesem Film passieren echt schlimme Dinge.
Johannes Franke: Und er sagt, noch kannst du in Kino 3 gehen, wo die Geschichte über den kleinen Elfen erzählt wird, der fröhlich in der Gegend rumläuft. Vielleicht eine Warnung, die bei Wilder Wild Fings auch angebracht gewesen wäre. Ja, und zwar in Ernst gemeint. Ich weiß nicht, wer jetzt darauf reingefallen ist und als Kind das gesehen hat. und jetzt verstört da rausgegangen ist. Aber ich glaube ja eher nicht, weil, weiß ich nicht, dafür ist sozusagen in der Besprechung schon genug passiert, dass man nicht glaubt, dass man einen Sechsjährigen da reinschießt und wirft, ohne dass man es selbst gesehen hat vorher mal. Das Studio hatte offensichtlich ziemlich Angst davor, dass genau das passiert.
Florian Bayer: Und wie gesagt, Warner Bros. hat sehr viel mit Spike Jonze gekämpft, dass der Film anders aussieht. Und ich glaube, Spike Jonze musste auch ein bisschen umschreiben und vielleicht wäre der Film, es kann durchaus sein, dass der Film noch ein bisschen düsterer hätte werden können. Maurice Sendak, Autor des Originalen, was übrigens auch ein sehr nettes Kinderbuch ist, gehört nicht zu meinen liebsten Kinderbüchern. Ich bin auch nicht wirklich damit groß geworden, aber es ist schön allein von den Bildern. Der wurde gefragt, wie er den Film fände und vor allem, was er dazu sagen würde, dass manche Eltern sich beschweren würden, dass der Film zu disturbing sein könnte für Kinder. Und er hat dazu gesagt, go to hell.
Johannes Franke: Also offensichtlich auf seine Kindheit bezogen. Ja, er hat selber Sachen schon gesehen, die einfach nicht geeignet gewesen wären und hat überlebt. Aber das ist ein ganz schlechtes Argument, ehrlich gesagt. Ist ein scheiß Argument, stimmt.
Florian Bayer: Aber, um seinen Punkt nochmal stark zu machen, ich glaube, gerade was Medienkonsum betrifft, werden Kinder notorisch unterschätzt. Ja, das stimmt. Was Filme betrifft, was Bücher betrifft, was schwere Themen betrifft. Kinder haben ein Recht darauf und Kinder machen sich sowieso Gedanken über die Themen. Und wenn du mitkriegst, worüber Kinder reden, wenn Erwachsene nicht dabei sind, auch schon in jungen Jahren, auch schon im Alter von vier, fünf, sechs, worüber sie reden, was sie spielen, dann ist das deutlich krasser als das, was es an Themen gibt, was ihnen Eltern vorenthalten wollen. Kinder machen sich Gedanken über den Tod, Kinder machen sich Gedanken über Angst, über Wut und so weiter. Und ich glaube, es ist auch nicht gut, wenn man dann sagt, wir klammern das komplett aus, weil Kinder sollen sich damit auseinandersetzen und Medien, egal ob Bücher oder Filme oder Hörspiele, helfen dabei, sich damit auseinanderzusetzen, weil sie Perspektiven eröffnen darauf. Ja.
Johannes Franke: Nun hat dieser Film das nur wirklich sehr stark drin. Für mich, für ein Kind, zum Davor setzen, hat er die Balance nicht. Zu wenig Fröhlichkeit? Ja. Also ich finde, dass es in Ordnung und legitim und wichtig ist, dass man Kindern eben auch die Kehrseite zeigt, aber eben nicht nur die Kehrseite. Und ich weiß nicht, wo du vielleicht eine positivere, du hast es inzwischen den Zeilen oder wenn sie am Ende sagen, wirst du gut über uns reden und er sagt ja, aber das zählt für mich nicht als fröhliche Kehrseite. Nee.
Florian Bayer: Es ist kein fröhlicher Film, aber es gibt, also ich als Erwachsener mag auch traurige Filme gucken. Ja. Und ich glaube, ein Kind hat auch ein Recht drauf, traurige Filme zu gucken. Ein Kind hat ein Recht drauf, von Filmwerke zu rezipieren, die es traurig machen, die ihm Angst machen. Ja, absolut. Weil das wollen wir doch auch teilweise. Wir wollen doch von Filmen nicht nur gekitzelt werden oder gestreichelt.
Johannes Franke: Ist richtig, aber dieser Film handelt nun ausgerechnet genau von der Erlebniswelt eines Kindes. Und wenn ich dem Kind sage, deine Erlebniswelt ist nur traurig. Es handelt von der Erlebniswelt von diesem Kind in diesem Moment. Aber es kann auch kein Kind auseinanderhalten. Doch, ich glaube, das schaffen Kinder. Ja, aber das ist doch Perspektivwechsel, von dem ich rede. Den brauchst du denn, das... Aber das Kind bezieht das... Dazu musst du den erstmal erlernt haben. Das Kind bezieht das sowieso nicht auf sich.
Florian Bayer: Das Kind sieht nicht diesen Film und sagt, ach genau, so sieht es in meinem Inneren aus. Ich wusste gar nicht, dass da so viel Trauer und Wut ist. Okay, okay. Ich dachte, da wäre viel mehr Fröhlichkeit. Ja, okay. Übrigens, aber also, ich meine, das ist das, was ich meine. Das macht nämlich Max auch. Diese Vampirgeschichte, die er seiner Mutter erzählt, das ist der beste Beweis für meine Theorie. Kinder sind das sowieso viel krasser als wir Erwachsene, als das, was wir ihnen zumuten. Kinder denken sich Geschichten aus, wo Vampiren die Zähne ausfallen und sie dann feststellen, dass sie nie wieder Vampir sein können und Ende. Also, das ist das, was Kinder auch in ihrer Fantasie erzählen. Und wenn ich überlege, was Bela teilweise an gruseligen Geschichten erzählt, das ist einfach Teil des Kindseins. Und warum sollten wir ihnen das dann vorenthalten, wenn sie das sowieso in sich tragen? Ja, ist richtig. Dann geben wir ihnen die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen. Ich hasse es, wenn unser Erzieher aus dem Kindergarten sagt, oh, ich weiß nicht, ob das schon was ist für Bela, ob ihr das mit ihm vorlesen solltet. Doch, natürlich. Es ist, es gibt. Aber es muss ordentlich begleitet werden. Natürlich, es muss ordentlich begleitet werden. Total wichtig. Ich glaube, das ist auch ein Fehler. Die meisten Eltern begleiten das nämlich nicht ordentlich, weil die wirklich dann so medialen Konsum einfach nur als Zerstreuung sehen, wo sie eine halbe Stunde Ruhe haben und das Kind macht das. Ich bin dafür, dass, also, weil wenn du Kindern beibringen willst, wie man Kunst und Kultur wahrnimmt und wie man da was rausziehen kann, dann gibt es zwei Sachen, die man machen muss. Zum einen ihnen nicht belanglosen Shit zeigen und der läuft ständig im Kinderfernsehen oder zumindest nicht nur belanglosen Shit. Belangloser Shit ist manchmal auch ganz gut. Und zum Zweiten das auch begleiten. Dann kann man auch sowas zeigen. Aber natürlich, dass Kinder müssen lernen, dass Kunst mehr ist als nur berieseln lassen. Kunst ist Auseinandersetzung mit sich, mit der Welt. Weil ich meine, sonst könnten wir den ganzen Tag irgendwelche, was du halt so gerne magst, Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen gucken.
Johannes Franke: Was hast du nur mit Rosamunde-Pilcher und mir? Ich habe nie einen einzigen Rosamunde-Pilcher-Film gesehen. Dass du das jederzeit dazu schierst. Das ist total okay. Denunziation. Voll gemein.
Florian Bayer: Du James-Bond-Fan, du. Ich glaube, ich lage mal für eine der nächsten Episoden den berühmtesten Rosamunde-Pilcher-Film vor, weil wir die ganze Zeit Rosamunde-Pilcher so als abschreckendes Beispiel nehmen und darüber lässt. Und wir kennen das gar nicht, ne, Leute? Also, falls jetzt ein erboster Rosamunde-Pilcher-Fan hier zuhört, tut mir leid, es ist einfach nur ein Platzhalter. Ich kenne nichts von ihr. Vielleicht ist sie eine ganz großartige Autorin. Ich glaube, das müssen wir demnächst mal machen. Wir gucken Rosamunde-Pilcher.
Johannes Franke: Oh Gott, ist das gemein.
Florian Bayer: Dann werfen wir uns gleichzeitig ins kalte Wasser und schauen mal, was dabei rumkommt. Okay, ich glaube, das sollten wir wirklich machen. Ja, ich auch.
Johannes Franke: Okay, aber da sind wir an einem Punkt, den ich ganz toll finde, dass das Kind wirklich von Anfang an als sehr fantasievoll erzählt wird. Die Mutter fragt extra, erzähl mir mal wieder eine Geschichte und schreib das auf, weil das offensichtlich eine feste Größe ist zwischen den beiden. Und das ist toll. Und dass das Kind dann auch zwischen den Monstern steht und eine Geschichte erfindet, warum er jetzt der Gruseligste und der Machtvollste von allen ist und der König sein sollte. Ja. Das ist wirklich toll und das Kind zieht da Sachen aus dem Ärmel, wo man davor sitzt und sagt, oh yeah, geil, clever, nicht schlecht. Und das ist, glaube ich, auch einigermaßen realistisch, wenn man, also nicht für jedes Kind, aber zumindest doch das eine oder andere wirklich sehr clevere. Ja, das glaube ich auch. Er hat ja ein Sadness-Shield. Ja.
Florian Bayer: Was die Sadness draußen hält. Ja. Aber das tut es ja nicht.
Johannes Franke: Der Film ist so traurig.
Florian Bayer: Ja, der Film ist wirklich traurig. Der Film hat sehr viele traurige Momente und dafür liebe ich ihn. Es ist, ja, also ich glaube, wir sind, wir kommen schon so zum Endfazit, ne? Ja, ja, ja, ja, ja, ja. Hast du was, was sag du erstmal? Ich kann nur nochmal sagen, es ist mein, der Film über Kindheit, der mich am meisten bewegt hat und mich am meisten wirklich emotional bewegt hat. Und ich hab immer Tränen in den Augen. Es ist ein ganz tolles Erlebnis dieser Film und ich weiß, er hat viel Traurigkeit, er hat viel Wut und er hat viel Angst in sich und dafür schätze ich ihn, weil er diese Gefühle so ernst nimmt und das machen Kinderfilme und Kindergeschichte haben oft einen easy exit und das hat dieser Film nicht. Und das finde ich mutig und wichtig und er ist ein Unikat dadurch.
Johannes Franke: Ja. Ich kann ihm gar nicht so viel noch hinzufügen. Ich kann nur sagen, dass er mir ein kleines bisschen zu eingleisig gefahren ist auf dieser Sadness- und Wutschiene und zu düster, ohne Licht kein Schatten. Also für mich war zu viel Schatten und zu wenig Licht. Und mich hat er ein bisschen erschlagen damit, sodass ich auch gar nicht wirklich dazu kam, echte Tränen in den Augen zu haben, was ich gerne gehabt hätte, um das Kathartische zu haben am Ende, weil er mich einfach einmal platt gewalzt hat. Aber trotzdem wirklich ein guter Film. Also auf jeden Fall empfehlenswert, guckenswert, bloß vielleicht nicht für einen Fünfjährigen. Danke, Johannes, dass du ihn gesehen hast. Danke, dass du ihn durchgestanden hast. Danke, dass du ihn vorgeschlagen hast. Das hat wirklich genau das gemacht, was wir hier wollen, meinen Horizont erweitert. Das ist schön.
Florian Bayer: Wir gehen kurz in die Pause und danach wird es ein bisschen beschwingter und ein bisschen leichter. Wir kümmern uns nämlich um einen Slapstick-Klassiker aus dem Jahr 1926. Von Buster Keaton. Nach der Pause The General.
Johannes Franke: Sehr schön. Bis gleich. Bis gleich. Guck den Film. Gucken. Vorher gucken. Ne? Nein. Nicht. Pause machen. Gucken. Gut. So. Plur. Wir sind wieder da. Beide mal Pipi gemacht. Ich möchte am Anfang kurz nochmal Danke sagen. Mir ist das jetzt nochmal aufgefallen. Ich wusste, nachdem ich den Film gesehen habe, den wir gerade besprochen haben, nicht, wie ich den Film finde. Ach. Jetzt weiß ich, wie ich den Film finde. Durch die Gespräche mit dir kriege ich dann nochmal überhaupt einen ganz anderen, ich kann das nochmal anders reflektieren und das nochmal überlegen und deswegen finde ich, Film ist so ein wahnsinnig, so ein Medium, wo es so wahnsinnig wichtig ist, dass mindestens zwei Leute nebeneinander sitzen und sich den anschauen.
Florian Bayer: Das hast du schön gesagt. Und da stimme ich dir vollkommen zu. Film gewinnen enorm, wenn man sich darüber unterhalten kann. Ja. Und das mag ich auch total am klassischen Kinoerlebnis, dass man mit Freundinnen und Freunden im Kino ist und zusammen guckt und am besten Fall danach noch zusammen zum Bier sitzt oder
Johannes Franke: was auch immer und sich über den Film austauscht und unterhält und streitet. Ich weiß nicht mehr genau, wer das war, aber irgendjemand sagte, Theater passiert genau dann, wenn einer durch den Raum geht und ein anderer guckt zu. Und ein Freund von mir hat das erweitert und meinte, eigentlich wird es erst dann Theater, wenn neben dem, der zuschaut, noch jemand sitzt, mit dem man sich dann darüber unterhalten kann, was man da gerade gesehen hat und das Theater erst dann entsteht durch den Austausch über die Rezeption. Und das finde ich einen spannenden Gedanken. Ja, auf jeden Fall. Und das ist das, was ich so toll finde an dem, was wir hier tun.
Florian Bayer: Kulturkritik hat ja oft einen schlechten Ruf und den Kritikern wird ja manchmal vorgeworfen, dass sie selbst keine Werke machen und deswegen über andere Werke sich unterhalten müssen oder über andere Werke lästern müssen. Ich finde, das ist unglaublich wichtig. Tatsächlich lese ich auch gerne Rezensionen zu Filmen, die ich schon gesehen habe, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen. Ich finde, das ist einfach auch nicht einfach nur eine Ergänzung, sondern auch wirklich ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur, sich über sie auszutauschen.
Johannes Franke: Ja, genau. Ja, auch erst in der Rezeption entstehen ja auch neue Dinge, also um mal mit Kleist zu reden. Selbst wenn dein Gegenüber von dem, was du sagst, keine Ahnung hast, Hauptsache du wirfst das mal rein. Und nur durch den Prozess des Aussprechens kann überhaupt irgendwas passieren. Ach, jetzt noch einen philosophischen Diskurs einmal.
Florian Bayer: Stürzen wir uns ins Abenteuer und ins 19. Jahrhundert, beziehungsweise Anfang 20. Jahrhundert.
Johannes Franke: Ja, Anfang 20. Ja, ganz am Anfang sind wir schon gar nicht mehr. Wir sind, ja. 1926, The General von Buster Keaton. Bevor wir es loslegen, wie viel kennst du von Buster Keaton? Vor diesem Film hast du jemals einen langen Buster Keaton Film gesehen?
Florian Bayer: Ich habe keinen Buster Keaton Langfilm gesehen. Ich kenne Buster Keaton von Bildern und von einzelnen Szenen, wenn, keine Ahnung, wenn ich auf YouTube ein Filmsay gucke, wo über Filmbeschichte geredet wird oder über Slapstick und dann Szenen von Buster Keaton gezeigt werden. Und natürlich ist die berühmteste, wir haben das schon zwei, dreimal erwähnt, das, wo das Haus auf ihn fällt und er das übersteht, weil er genau richtig im Rahmen steht und nicht erschlagen wird. Und ansonsten, ja, tatsächlich kenne ich mich mit Buster Keaton nicht gut aus. Ich kenne mich mit Slapstick um im Allgemeinen nicht gut aus, weil es nie so groß mein Genre war, was Filme betrifft. Ja, schade, schade, hast du einiges verpasst, wie du vielleicht jetzt bemerkt hast.
Johannes Franke: Was voll gut ist, dafür machen wir das ja auch. Ja, um dir endlich mal nahe zu bringen, Slapstick-Humor ist nicht nur seelenloser Blödsinn, sondern hochintellektuell.
Florian Bayer: Okay, okay, okay, okay. Dann gibst du uns eine kleine Einführung und dann diskutieren wir darüber, wie intellektuell Buster Keatons Humor ist.
Johannes Franke: Okay. 1926 war Buster Keaton schon ein gefeierter Star. Mit allen Freiheiten, die man sich als Schauspieler-Regisseur so erarbeiten konnte. Auf dem Höhepunkt seiner Kraft und seines Einflusses geriet auch er, wie so viele seiner Zunft, in einen Größenwahn, für den die damaligen Produzenten des finanziellen Flops dann sehr wenig dankbar waren, weniger dankbar jedenfalls als wir, die wir mit Abstand sagen können, dieser Film ist Buster Keatons absolutes Meisterwerk. Buster Keaton ist bis dato vor allem für leichte Slapstick-Comedy bekannt und nimmt sich hier einen Stoff, zum ersten Mal, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Eine Eisenbahnjagd im amerikanischen Bürgerkrieg. Buster Keaton spielt einen Lokführer, dem die Lok geklaut wird, vom feindlichen Lager, der er ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben oder irgendwelche anderen Verluste hinterher fährt. Mit einer anderen Lok. Natürlich will er eine Frau beeindrucken und natürlich geht sehr viel schief. So. Das National Film Registry nahm den Film in die Liste der erstklassigen Filme, die für die Nachwelt gesichert werden müssen, auf. Dort wird er als kulturell, historisch und ästhetisch bedeutsam beschrieben. Plor. Ist diese Agglomeration von Worten für dich bestätigenswert? Kulturell, historisch und ästhetisch bedeutsam?
Florian Bayer: Ja. Ich glaube, ich könnte bei allem ein Ja erstmal hinsetzen. Sehr schön. Ich kenne keine anderen Buster Keaton Filme. Ich war tatsächlich überrascht davon, dass der Film keine Aneinanderreihung von Slapstick-Humor ist, weil ich eigentlich eher sowas erwartet habe. Wir haben ja Laurel & Hardy geguckt vor einiger Zeit auf deinen Vorschlag hin und das war genau das, eine Aneinanderreihung von Slapstick ohne große Handlung. Ja. Aber The General ist einfach mal natürlich auch Komödie, aber vor allem auch einfach ein Action-Abenteuerfilm.
Johannes Franke: Ein epischer Abenteuerfilm. Ja, epischer ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. Aber für das, was es damals war und was sie für Mittel und Möglichkeiten hatten, ist es, finde ich, ein epischer Film.
Florian Bayer: Und er wirkt nie episodisch, was mich wirklich überrascht hat. Ich habe einen Film erwartet, der eine Aneinanderreihung ist, der episodisch wirkt, weil auch bei Chaplin kann das auch, Chaplin kann auch abendfüllende Filme erzählen, aber selbst bei Chaplin hat man oft das Gefühl so, ah, diese Slapstick-Szene musste jetzt noch hier drin sein. Da hast du irgendwas genommen, was du kanntest, was du konntest und hast die jetzt noch da reingebaut. Die hat nichts mit der Geschichte zu tun. In The General gibt es keinen einzigen Slapstick-Moment, der reingedrückt wird, sondern jeder Anflug von Physical Comedy steht ganz klar in der Geschichte und ist Teil der Geschichte. Es sorgt im besten Fall sogar für Spannung und für Tension. Und das ist alles im Fluss. Der Film ist permanent in Bewegung. Es ist total anmaßend, einem Film, einem Klassiker von 1926 zu sagen, wie er besser sein könnte. Aber wenn sie es geschafft hätten, die wenigen Texttafeln, die sie haben, auch noch loszuwerden und komplett gar keinen Text zu haben, dann wäre er perfekt. Oh ja, da hast du vollkommen recht. Und es hätte, glaube ich, sogar funktionieren können, weil es gibt ja wirklich wenig Story. Die Story ist ganz klar und wirklich, es ist einfach nicht viel Geschichte. Es ist einfach mal hauptsächlich eine Jagd nach einer Lok und eine Flucht mit einer Lok. Du hast gesagt, natürlich will er eine Frau beeindrucken. Die Frau ist ihm eigentlich ziemlich egal. Er will seine geliebte Lok retten. Und durch Zufall sitzt dann auch noch seine geliebte Frau da drin. Aber der Film macht ja schon in der ersten Einstellung klar, dass die Lok eigentlich die große Liebe ist. Und die muss er vor den Feinden retten und dafür nimmt er sehr viel in Kauf. Und was wir dann erleben, ist halt einfach mal pures Action-Abenteuer. Ein Mann fährt den Dieben hinterher, ein Mann ist kurz im feindlichen Lager, ein Mann flieht vor den Dieben. Und tatsächlich auch relativ streng von seiner Erzählweise, weil er wirklich die Vorgeschichte nimmt 15 Minuten ein, dann nimmt die erste Verfolgungsjagd 15 Minuten ein, dann haben wir 15 Minuten hinter feindlichen Linien und dann haben wir nochmal 15 Minuten Verfolgungsjagd, großes Finale und der Film ist vorbei. Also es ist tatsächlich, es gibt eine sehr klare Struktur, die den Film in Portionen packt, aber wie gesagt, die Portionen sind nicht wahrnehmbar, weil sich spätestens nach dem Intro, nachdem wir unseren Protagonisten kennengelernt haben, alles in permanenter Bewegung findet. Ja. Es hat wirklich Spaß gemacht, ja.
Johannes Franke: Schön. Ach, das freut mich. Es ist ja so, dass dieser Film wirklich eine Ausnahme darstellt und der Film war leider auch ein Flop. Ein großer Flop, ne?
Florian Bayer: Ein ruinöser Flop.
Johannes Franke: Ja, viel Geld gekostet und wenig eingespielt und er wurde damals ganz schlecht besprochen und erst, naja, so richtig in den 70ern ist er wieder raus, also in die große Rezeption wieder reingekommen, die heute sagt, er ist das absolute Meisterwerk von Buster Keaton.
Florian Bayer: Ja, Keaton seine Unabhängigkeit gekostet? Keaton konnte danach nicht mehr selbst Filme produzieren, sondern musste dann erstmal wieder Tagesgeld verdienen als Schauspieler und musste in dem Scheiß mitspielen, der ihm halt vorgesetzt wurde?
Johannes Franke: Ja, es war wirklich ein bisschen traurig. Und er hat dann danach noch einen Film gemacht, der noch nicht mit MGM, aber er ist dann in die Fesseln von MGM gegangen und konnte dann nicht mehr selbst entscheiden, was er denn nur eigentlich... Was für eine traurige Geschichte für einen solchen Film. Und es hat ihn lange beschäftigt und es hat ihn eigentlich so weit ruiniert, dass er auch lange Pause hatte und dann später, wo er dann älter war und auch die Tonfilmsachen und so weiter waren, dann ist er irgendwie wieder aufgetaucht und sie haben ihn von einer Sache in die nächste weitergereicht, weil sie ihn, so typisch amerikanisch, so quasi der Veteran der Stummfilmzeit. Und dann wurde er nochmal hoch gefeiert und hat nochmal ganz viel Aufmerksamkeit bekommen, aber die Zeit, der Stummfilmzeit, die war einfach vorbei.
Florian Bayer: Und das ist krass, dieser Kontrast, ne? Also eine der teuersten Komödien der Stummfilm-Ära? Ja. Und dann dieser Misserfolg, nicht nur was Publikum betrifft, was Einspielergebnis betrifft, sondern auch die Kritik, ist offensichtlich damals ganz schön hart mit ihm ins Gericht gegangen.
Johannes Franke: Die waren nicht zufrieden damit, überhaupt nicht. Wahrscheinlich haben die alle eine Slapstick-Komödie erwartet. Ja, ja, ja, klar. Was du auch erwartet hast.
Florian Bayer: Was ich auch erwartet habe und ich war sehr dankbar, dass es keine war. Weil mit so einer episodischen Slapstick-Komödie, da hätte die Physical Comedy noch so gut sein können, dann hätte ich auf einem gewissen Punkt gedacht, okay, ja, das ist halt eine Nummern-Revue, was, ja, man kann verstehen, dass man das lustig findet, muss auch nicht sein.
Johannes Franke: Also, wenn ich mich richtig erinnere, war er vorher auch nicht wirklich dafür bekannt, so Nummern-Revues zu machen. Also, überhaupt nicht wie Oliver Hardy und Stan Laurel, die wirklich so Wortwillen-Nummern aneinander gereiht haben und eine Story drumherum gefadenscheinig drumherum gebaut haben. Bei ihm war es schon immer so, dass er sich interessiert hat, wie komme ich von A nach B? Und wie kommen, wie, wie, wie, der Gag muss immer in der Geschichte stehen. Also, so hundert Prozent kann ich es nicht bestätigen, weil ich nicht genau weiß, ab wann er tatsächlich so viel Verantwortung selbst übernehmen durfte, dass er das alles umsetzen konnte, was er wollte. Aber, also, soweit ich das von ihm kenne, stehen seine Gags immer irgendwie mehr in der Geschichte als bei anderen. Man sieht diesem Film halt auf jeden Fall die Ambitionen an. Ja.
Florian Bayer: Also, was ich gelesen habe, sie haben drei, teilweise vier Kameras benutzt. Ja. Eine Kamera nur für die ist negativ für Deutschland und für Europa für die europäische Auswertung.
Johannes Franke: Und die sind alle davon, glaube ich, kaputt gegangen sogar.
Florian Bayer: Und man sieht diesem Film an, dass er Großes will, einfach weil er dieses, weil er wirklich krasse Sachen macht mit, wie Mensch mit Maschine kämpft. Mhm. Wenn Keaton so auf dem Zug vorne drauf liegt, auf der Lokomotive. Wahnsinn.
Johannes Franke: Und er hat so viel, es gibt drei große Szenen, in denen er wirklich mit auch nur der kleinsten Ungenauigkeit hätte sterben können.
Florian Bayer: Und die eine ist so ganz unspektakulär, ne? Es gab diese Szene, wo er da sitzt und das sich in Bewegung setzt und wäre das zu schnell gegangen, wäre runtergefallen.
Johannes Franke: Genau, genau. Und es gibt diese, ich weiß nicht, ob das ist die, worauf du jetzt hinaus willst. Die Lok, die er verfolgt, kriegt natürlich mit, dass sie verfolgt wird. Und die Leute, die auf dieser Lok sind, werfen dann Holz auf die Schienen, um ihn aufzuhalten. Das eine Holz wird von einem Waggon entschärft, die vor ihm fährt. In dem Moment, wo er nicht hinguckt, entgleist dieser Waggon und nimmt das Holz mit sich. Das heißt, er bekommt gar nicht mit, in welcher Gefahr er ist. Dann haben sie wieder Holz draufgeworfen. Dieses Holz entdeckt er dann wiederum, rennt der eigenen Lok voraus, holt dieses Holzscheit aus diesem, also Holzscheit ist gemeingesagt, ist ein riesiges, schweres Holzding, aus den Schienen raus. Dann kommt aber die Lok von hinten und er setzt sich vorne auf die Lok rauf, um dann mit diesem Holz das nächste kommende Holz, was auf dem Ding liegt, einmal zu bewerfen, damit es das eine wegkickt. Und es ist eine unglaublich halsbrecherische Sache und es sieht gar nicht so spektakulär aus, aber man weiß, wenn man es guckt, oh my fucking God. Das ist verdammt gefährlich. Das ist krass und dafür ist Buster Keaton absolut bekannt. Er hat das selbst gemacht alles, ne? Er hat das alles selbst gemacht. Der hat sich in diesem Film wahrscheinlich mehrmals in Lebensgefahr gebracht. Ja, und das nicht nur in diesem Film. Es gibt wahnsinnig viele Filme, wo das mit dem Haus, was du gesagt hattest am Eingang, da fällt die Front des Hauses, des Holzgerüstes da einmal um und er steht genau dort, wo das Fenster ist und wird deswegen nicht erschlagen. Und sie mussten ihn am Boden fest tackern, damit er nicht auch nur einen Millimeter an der falschen Stelle steht. Und du musst so viel Vertrauen in einen Mathematiker haben, der das vorher berechnet hat, welcher Winkel. Es ist der Hammer, es ist der Wahnsinn. Und Buster Keaton hat das halt von Kindesbeinen an gehabt, um mal einmal auszuholen, wenn das okay ist. Ja, natürlich. Buster Keaton ist Kind einer Woodville-Familie. Die Eltern waren schon irgendwie im Showbusiness und die haben das alles schon ganz früh gemacht. Sind rumgefahren mit Harry Houdini übrigens. Und die haben nebenher noch Medizin verkauft. Also so typische Jahrmarktsquacksalber, weißt du, als Side-Business neben der Show, die sie hatten, haben sie noch Zeug verkauft. Ja, das hilft gegen Wartzen oder weißt du, keine Ahnung. Was für eine chlorreiche Zeit. Fahrendes Volk, toll. Und das heißt, der ist da sowieso schon reingeboren. Und dann haben sie ihn auf der Bühne von einer Ecke in die andere geworfen als Kind, als kleines Kind ist er da irgendwie artistisch in der Gegend rumgeworfen worden. Und der ist natürlich auch, die wurden immer wieder verklagt von irgendwelchen Zuschauern, die gesagt haben, Gott, das könnt ihr mit dem Kind nicht machen. Das Jugendamt hat sich auch eingeschleift, oder?
Florian Bayer: Ja, genau. Und es ging wirklich so, wird hier Missbrauch betrieben.
Johannes Franke: Und er konnte immer irgendwie beweisen, er hat keine gebrochenen Knochen, es war keine Bruises, es war alles in Ordnung. Und dann sind sie immer wieder irgendwie rausgekommen aus der Sache. Aber es muss von außen wirklich krass ausgesehen haben.
Florian Bayer: Sie haben teilweise sein Alter falsch angegeben dann, nachdem sie so viel Ärger hatten, haben sie gesagt, naja, das ist ein Kleinwüchsiger, der ist schon über 18.
Johannes Franke: Und sein Make-up war auch so, er hat dann irgendwie, auf manchen Fotos sieht er wirklich sehr, sehr weird aus, wie so ein Erwachsener, der irgendwie, obwohl es war ein Kind. Sie haben ihn extra Erwachsenen geschminkt, also sie haben ihn geschminkt wie ein Erwachsener, der wie ein Kind aussehen soll. Genau, genau. Und der hatte so viel Spaß dabei, in der Gegend rumzufliegen. Am Anfang hat er irgendwie gelacht dabei und dann hat er irgendwann festgestellt, das Publikum hat aber weniger gelacht, wenn er gelacht hat. Und dann hat er sich dieses Stoneface quasi angewöhnt. Das ist die Geburt dieses Kennzeichens, dieser Marke. Ja, quasi. Als er zum Film kam, hat er das aber nicht sofort benutzt, sondern hat schon auch noch rumexperimentiert. Es gibt ganz viele Filme von ihm, wo er tatsächlich auch lacht und so weiter, wo er nur als Schauspieler in einer Truppe einfach in einem Film ist. Und als er dann angefangen hat, so wirklich, wo es mehr in die Richtung ging, dass er selber entscheiden konnte, was er machen will und wie, hat er halt überlegt, welche Comedy-Figur funktioniert denn am besten für mich. Und dann kam irgendwann das Stoneface auf. Also dieses unbewegliche, ne, Deadpan, dieses, äh, ich reagiere nicht mit großer Mimik auf das, was passiert, sondern es ist halt irgendwie, äh, berührt mich das jetzt oder bin ich einfach nur irritiert oder was, ähm, sag deinem Gesicht Bescheid, was für Emotionen hast du denn da?
Florian Bayer: Und hat er im Vergleich zu Chaplin, hat er auch so eine konkret ausgestattete Figur wie den Tramp oder war das wirklich dieses Stoneface, war so sein Hauptmerkmal und das hat er in verschiedene Figuren reingebracht? Weil Chaplin ist ja, also der Tramp ist ja schon irgendwie so eine isakierende Kunstfigur, die auch mehr und mehr Charakter kriegt, je mehr man von ihr sieht.
Johannes Franke: Mhm. Der Tramp ist, ist immer der arme Schlucker, aber auch der Tramp hat, wenn man genau hinguckt, in jedem Film nochmal eine andere Konnotation, um den Film zu, zu unterstützen, ne, und das, das bei Buster Keaton natürlich ein bisschen freier. Ja, der hat vor allem eben dieses Stoneface gehabt, das war sein Markenzeichen und die Figuren waren aber trotzdem irgendwie immer gleich, die hatten vielleicht unterschiedliche Berufe oder sowas, aber im Grunde.
Florian Bayer: Seine Figur in diesem Film jetzt hat ja auch tatsächlich nicht viel Charakter, ne? Nein. Wir wissen, er liebt die Lok. Genau. Und er liebt seine Frau, also er liebt seine Freundin, die er auch heiraten will. Und das, nur wegen dieser Liebe versucht er sich ja auch als, als, äh, Soldat einberufen zu lassen für den Bürgerkrieg. Und wird dann abgelehnt, was ganz traurig ist, aber dann ist er halt wieder bei seiner Lok. Ja. Seine Lok liebt er dann aber wirklich so sehr, dass er ihr auch hinterher rennt, wenn sie entführt wird von den Unions, äh, Soldaten. Ja. Und das, das war eigentlich, ist eigentlich sein Charakter, ne? Also, er will was erreichen und aber eigentlich, eigentlich ist seine Motivation ist ziemlich simpel und es gibt auch keinen, das Glück fliegt ihm dann ja am Schluss auch irgendwie zu. Also, er hat, er hat nicht dafür gekämpft, dann am Schluss doch noch zum, äh, General ernannt zu werden. Nee. Aber es passiert halt, weil er für seine Lok gekämpft hat. Genau. Und damit ist der Charakter ja eigentlich erzählt und der Rest ist halt einfach, wie dieser Charakter auf die, in diesem Abenteuer unterwegs ist und wie er versucht, seine Lok zurück zu erobern und das Abenteuer steckt vor.
Johannes Franke: Und schon noch die Frau rettet, muss man schon noch. Ja, aber das ist eher so ein Zufall. Ja, so ein bisschen, ein bisschen Zufall. Oh, die ist auch hier. Na, dann nehme ich sie mal mit. Ja, ähm, ich finde die, die Aufhängung natürlich ein kleines bisschen schwach dann, äh, und auch schade, dass er am Ende dann doch auch noch wieder in die Armee kommt. Weil am Anfang habe ich es so gelesen, als, als Kritik, Armeekritik, so ein bisschen, alle müssen sich einberufen lassen und sie guckt ihn an, willst du nicht auch? Du musst. Du musst. Ich komm, kannst mir nur an die Nase kommen, wenn du eine Uniform anhast. Ähm, aber ich habe zwar den ganzen Film über das Gefühl, dass es eine Kritik ist, aber am Ende wird er dann halt doch in die Armee gelassen und freut sich. Und dann denke ich, ach, scheiße, schade.
Florian Bayer: Naja, zumindest diese Szene ganz am Ende, wenn er dann mit seiner Freundin da sitzt und sie sich einfach nur küssen wollen, aber er muss die ganze Zeit salutieren, weil die Soldaten vorbeiziehen. Das war schon so ein bisschen, ist so ein kleiner böser Stich, also auch gerade für sie, weil sie dann voll genervt davon ist. Sie hat sich die ganze Zeit einen Soldaten gewünscht und jetzt hat sie ihn und er hat gar keine Zeit, sich ihr zu widmen, weil er die ganze Zeit salutieren muss.
Johannes Franke: Und das ist auch so schön gemacht, jetzt haben wir den Schluss am Anfang, aber egal. Weil am Anfang kommt so einer aus dem Zelt, geht an ihm vorbei und der denkt, oh, grüßen. So, und jetzt widme ich mich an meiner Freundin. Da kommen so zwei aus dem Zelt. Ah ja, okay, gut, okay, da kommen noch zwei. Dann kommen so drei aus dem Zelt und dann im nächsten Moment alle aus allen Zelten, hunderte von Leuten.
Florian Bayer: Dann gibt es immer so eine Eskalation. Das ist ja auch mit dieser Szene, die du schon erwähnt hast, wo dieser Waggon plötzlich vor ihm fährt und er ist genervt davon und leitet die dann auf dem Nebengleis und ist dann mit irgendwelchem Zeug beschäftigt und dieser Nebengleis führt wieder auf das Hauptgleis und er sieht, kriegt das nicht mit und plötzlich ist der Waggon wieder da und er kann sich das überhaupt nicht erklären und dann fängt der Waggon Feuer und ein Gleis und auch das kriegt er nicht mit und er kann sich das auch nicht erklären. Plötzlich ist er da und plötzlich ist er wieder weg. Genau. Schön, also gerade diese Eskalation, insbesondere was den Kampf, was seinen Kampf mit der Technik betrifft, fand ich immer fantastisch. Also mein liebster Gag aus dem Film ist wahrscheinlich diese Kanone mit dem Minischuss, die er lädt und dann gibt es diese Kanonenkugel und dann macht es plopp und die Kugel landet in seiner Lok. Er will eigentlich auf die Feinde stießen und die Kugel landet halt wirklich einen Meter, einen halben Meter fliegt sie nach vorne in seine Lok wieder rein. Ohne, dass groß was passiert. Das ist einfach so ein großer Moment. Alle erwarten, jetzt gibt es die riesige Explosion, die fliegt weit und dann macht die halt einmal plopp und dann liegt sie da wieder auf dem Boden. Das war eine super Szene.
Johannes Franke: Und das mussten sie übrigens, ich meine, die Technik war anders damals, die haben wirklich eine Kanone gehabt und die hat wirklich geschossen. Und die mussten genau überlegen, wie viel Körner, wie viel Schießpulver tue ich da jetzt rein. Das heißt, es ist auch schief gegangen am Anfang. Und ich finde es auch sehr süß, weil er tatsächlich so einmal, er wirft erstmal einmal rein und dann, wenn er Zeug reingeworfen hat, fällt ihm auf, oh, ich sollte mir vielleicht überlegen, wie viel. Macht er noch so zwei Körner oder sowas hinterher? Und als die Kanunde dann halt nur so kurz schießt, wirft er dann halt alles, was er hat, einfach rein. Aber auch in diesem Kanister, was völlig, was ja eigentlich nicht geht, ne? Er wirft einfach diesen Metallkanister da rein und wie soll der dann das auslösen alles? Aber egal. Ich glaube, nach Realismus darf man da nicht fragen. Nee, aber der Gag ist gut.
Florian Bayer: Der Gag ist super. Ich mochte total den Gag mit den konfederierten Soldaten. Er fährt dann ja ganz am Anfang, fährt er ja tatsächlich, kommt er bei den konfederierten Soldaten vorbei, als er noch zu Fuß unterwegs ist. Also er verfolgt seine Lok ja zuerst mit dem Fahrrad kurz. Und dann kommt er bei diesen konfederierten Soldaten vorbei und sagt ihnen, los, los Leute, los, alle schnell auf den Zug, wir müssen jetzt losfahren, wir müssen dem Zug hinterher. Und springt in die Lok, die da ist, fährt los. Und es ist nichts angehängt. Und er kriegt das natürlich auch nicht mit, weil er zu sehr halt damit beschäftigt ist, nach vorne zu schauen und zu jagen. Und die Konfederierten, da laufen alle wütend hinterher, nach dem Motto, ey, du hast uns vergessen, was machst du da?
Johannes Franke: Aber das ist schön, weil das ist dann wiederum eine Charakterisierung, die durchaus stattfindet, die aber nicht so auserzählt wird, sondern es ist halt einfach, er hat so Scheuklappen auf, er muss einfach da hinterher. Es gibt nichts anderes mehr. Und auch wenn er das Holz hackt, um das zu befeuern, es gibt nichts anderes mehr. Er fährt da an Haufen Soldaten, an Riesenhundertschaften, an Leuten, an Pferden vorbei, bekommt das alles nicht mit. Das ist auch so toll, inszeniert er wirklich in diesem Führerhaus.
Florian Bayer: Und dann immer wieder der Blick nach vorne, hektischer Blick nach vorne, hektischer Blick nach unten. Aber genau, das ist so sein Horizont, auf dem er sich gerade bewegt. Es gibt das vor ihm, die Schienen und die Lokomotive, die er antreiben muss und das war's.
Johannes Franke: Und das musst du dir mal vorstellen, diese Dreharbeiten mit den Kameras, die es damals gab, riesige, krasse Kameras, Apparaturen, auf einer Lok, die hatten irgendwie drei Loks, die sie da verwendet haben. Die eine haben sie dann gesprengt, da müssen wir auch gleich nochmal drüber reden. Und dann haben sie diese Schmalspurbahn gefunden, da irgendwo im Nirgendwo und dort gedreht. Was das für ein Aufwand gewesen ist, der absolute Wahnsinn und diese Gefahr, der sich Buster Keaton, aber auch alle anderen, diese Frau zum Beispiel auch, die er da rettet und dann mitholt. Was für eine Gefahr, die sich ausgesetzt haben im fahrenden Zug, heute wird das alles am Computer gemacht. Du hast bis heute irgendwo in einem grünen Studio, rennst und siehst aus, als ob du in vollem Gefahr wärst. Und dann wird das alles drum rum gebaut und es sieht halsbrecherisch aus. Aber es ist es nicht. Und der hat alles gemacht. Es ist alles original. Und es sieht nicht so halsbrecherisch aus wie bei Filmen heute. Also diese Kamerafahrten und so sind ja alle nicht möglich damals gewesen. Deswegen ist es einfach nur, die Kamera steht da, wahrscheinlich auch noch auf dem Track, der daneben ist, um wenigstens eine bewegte Kamera zu haben, um mit dem Zug mitfahren zu können. Das war es aber. Ja. Er geht nicht. Und es ist einfach alles fucking realistisch gemacht. Wahnsinn.
Florian Bayer: Es gibt tatsächlich Momente, wo, also es ist natürlich nicht so spektakulär wie Actionfilme heutzutage, aber es gibt viele Momente, wo man wirklich das Gefühl hat, so Blut, Schweiß und Tränen, die bei der Produktion entstanden sind, zu spüren. Ja. Also gerade in diesen Momenten, wo Mensch sehr nah an Maschine und sehr nah in Gefahr ist, insbesondere wirklich einfach dieses Bild von Buster Keaton, der vorne auf der Lok drauf ist, während sie fährt. Ja. Man spürt den Boden unter ihm, man merkt, das ist irgendwie eine gefährliche Szene. Ja. Uh, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war, okay.
Johannes Franke: Aber er hat das, er schafft das, verdammt nochmal, er schafft das. Wie kann er nicht 50 Takes brauchen dafür, diesen Holzbalken auf diesen anderen Holzbalken raufzuwerfen, damit der weggeht. Der macht das in einem Take und das war's. Ja, krass. Absoluter Wahnsinn. Und es sind ganz viele andere Sachen noch so. Es gibt diesen Wasser, ähm, äh, Wasservorratsdinger, diesen Wasserspeicher. Da hat er übrigens auf dem Rückweg, als sie die Lok dann haben. Ja. Und sie ist dabei. Dann holen sie nochmal Wasser und, und das funktioniert ja erst nicht. Und dann ziehen sie den Wasserdingens da aus Versehen raus aus dieser, aus dieser Öffnung. Und dann macht er das an in der Hoffnung, dass es eben aus diesem Rohr rauskommt, was sie da für die, für die Lok haben. Und es kommt halt aus diesem entstandenen Loch und, und trifft sie volle Kanne und wirft sie da voll um. Äh, lustige Situationsproblems. Die Schauspielerin wusste nichts davon. Ehrliche Reaction. Ehrliche Reaction, wie sie da einfach rüber, von dem Wasser einfach erwischt wird und da in den Zug reinfällt. Marion Mack heißt die Schauspielerin übrigens, gestorben, 1989. Und sie haben ihr echt viel zugetraut, muss ich mal sagen. Echt krass, was die alles mitgemacht hat. Wow. Mhm. Ja. Und dann haben sie eben dieses andere, ne, die, die, ähm, diese andere Lok, die von den, von der Union kommt, ne. Und der soll ja, die sollen ja über diese, diese bestimmte Brücke rüber. Ja. Und die muss dann halt, um das aufzuhalten, gesprengt werden. Die haben eine ganze, die haben das Original, die haben kein Modell benutzt oder sonst irgendwas. Die stellen auf eine fucking Brücke, die sie selbst gebaut haben dafür, diese Lok und sprengen das Ding. Krass. Wie krass ist das denn bitte? Ja, krass. Das Dorf, wo die es gedreht haben, die haben ein National, ähm, äh, oder nicht National, aber jedenfalls ein Feiertag daraus gemacht. Die haben extra einen Feiertag ausgerufen, damit sie dabei sein können alle. Mhm. Und waren Teil der, der, der, der Statisten einfach. Und die Lok wurde da liegen gelassen, ne? Ja, genau.
Florian Bayer: Und die wurde dann ganz lange noch besucht. Als Touristenattraktion lag die Lok da unten, wo sie halt abgestürzt war. Ja, genau. In diesem, unter der Brücke in diesem kleinen Tal. Ja, krass. Du lässt halt dein Set da liegen. Ich hab euch mal Müll mitgebracht. Was sollst du sonst machen? Und dann wurde es abgetragen für den zweiten Weltkrieg, ne? Als sie Stahl für den, für den Krieg brauchten. Ja. Und da wurde es dann erst, erst alles geplündert.
Johannes Franke: Der, ah, total krass. Der, der, der, der Shot hat 42.000 Dollar gekostet. Damals 42.000 Dollar. Kannst du Inflation rechnen? Ich kann das nicht für die Zeit rechnen, aber das muss Wahnsinn gewesen sein. Richtig teuer, ne? Richtig teuer. Ein Hut, der Buster Kickenhut hat einen Dollar gekostet. Damals. Ja, 42.000 Buster Kistenhüte. Also richtig, genau. Und der wäre in heutiger Dingens, wäre der 30 Dollar. Kann man ja rechnen, 42.000 mal 30.
Florian Bayer: So, 42.000. Aber das kann ja schon gar nicht mehr sein. Eine Million, 260.000 hat die Szene gekostet. Nein. Nach heutigen Maßstäben. Das wäre schon krass. Ja, das wäre teuer.
Johannes Franke: Das wäre sehr, egal.
Florian Bayer: Ja, wir haben genau, Krieg. Für den Krieg mussten sie dann abtragen. Und Krieg, was hältst du denn von der Kriegsthematik? Also, wir haben hier ja, also, Buster Keaton entscheidet sich in diesem Film, das andersrum zu machen. Wo die Union, die Union, da die Guten sind. Ja. Aber was auch unserer heutigen historischen Perspektive entspricht, entscheidet er sich dafür, den Konföderierten zum Guten zu machen.
Johannes Franke: Und aber auch, er hat gesagt, er hat es gemacht, weil er gedacht hat, dass die Sympathie eher dort liegen wird. Ja.
Florian Bayer: Weil, weil die sowieso schon die Verlierer sind, ne? Er hat nicht gesagt, dass er glaubt, dass die Sympathie bei denen liegt, weil die Konföderierten die Sklavenhändler waren und die... Nee.
Johannes Franke: Aber, aber, aber, aber das ist schon eine seltsame Entscheidung. Ja.
Florian Bayer: Ist das problematisch? Also, ich meine, ich will jetzt nicht ein großes Fass aufmachen, aber zumindest einmal kurz erwähnen sollten wir es, weil es gibt ja, also, wir leben ja in einer Zeit, und das war damals auch so, damals war es noch viel krasser. Wir leben in einer Zeit, in der die Rechte manchmal in Amerika diesen, naja, diese Konföderierten Nostalgie sehr hegt und pflegt. Und in den Zwanzigern des zwanzigsten Jahrhunderts war das deutlich stärker. Ich muss jetzt einmal kurz gucken, wann der Ku Klux Klan auch seine Hochphase hatte und ich glaube, die Zwanziger waren auch so eine Phase, wo der nochmal...
Johannes Franke: Ja, ja, ja, das, das fing, es fing, aber der Ku Klux Klan gibt's den erst seit den Zwanzigern, oder?
Florian Bayer: Nein, nein, den gibt's schon seit, seit Ende des Bürgerkriegs. Also, die sind tatsächlich seit 1865 sind die aktiv, aber die hatten natürlich immer mal wieder so Hochs und Tiefs und wo sie weniger populär waren und wo sie mehr populär waren und ja, auf jeden Fall war das auch eine Zeit, in der die aktiv waren und es gab einfach diese, diese Romantik, diese, diese Sehnsucht nach dem, nach dem Konföderierten Staaten, nach den, nach der Unabhängigkeit vor dem, vor dem Bürgerkrieg. Ja. Und mit allem, was dazugehört natürlich, wir wollen wieder, wir wollen wieder Sklaven halten, wir wollen die, wir wollen die Schwarzen wieder da haben, wo sie hingehören. Boah, fuck, man.
Johannes Franke: Kennst du dieses Video? Oh Gott, da gab's so ein ganz krasses Video. Oh, wo sich ein, ein, ein Typ mit so einer blöden, konföderierten Fahne, äh, in Amerika, sehr modern, also irgendwie vor, weiß ich nicht, vor zwei Jahren oder sowas, steht ja da auf einer Demo und fängt an zu diskutieren mit jemandem, der einfach mit dem Filmteam kommt und fragt, was, so. Und der dann, äh, dem dann gesagt wird, äh, weißt du, was für Sachen die durchgemacht haben, was, was, was, was, was, was, was Sklaven für Scheiße erlebt haben. Und sein Argument, weißt du, wie, wie, wie teuer Sklaven damals waren? Ja. Dieses Argument raushaut. Ja. Und ich weiß überhaupt nicht, was ich, was ich fühle, was ich fühlen soll in dem Moment. Da, da, da, das ist, ich will ihn gleichzeitig erwürgen und ich muss irgendwie irre lachen wie der Joker, weil ich nicht weiß, wie ich damit umgehe.
Florian Bayer: Das ist so absurd. Wahnsinn. Aber der, also, kommen wir zu dem Film kurz. Ja, ja. Und zu seiner, zu seiner Haltung zu dem, zu den Konföderierten. Ja, aber er hat keine Haltung. Er ist, er ist absolut unpolitisch, ne? Ja, total. Es ist, es ist, es ist, es ist, was, was wir sehen, sind halt die konföderierten Soldaten. Also es gibt halt die Soldaten, die die braunen Uniformen tragen und die die blauen Uniformen. Ja, genau. Und die die braunen Tragen sind als die, die, die guten konnotiert, aber auch nicht besonders groß, weil wir haben halt unseren, unseren Protagonisten, der seine Lok zurückhaben will. Ja. Aber es ist schon eine seltsame Entscheidung. Es ist eine seltsame Entscheidung. Ich hab das Gefühl, Buster Keaton hat sie tatsächlich, das war eine rein dramaturgische Entscheidung. Hm. Und wahrscheinlich, weil er diesen, diesen einsamen Helden haben wollte. Es gab ja tatsächlich Proteste dagegen, ne? Ja, und zwar sollte eigentlich ursprünglich, sollten die Original-General-Lokomotiven verwendet werden. Ja, genau. Genau. Und dann haben sich, äh, und als dann bekannt wurde, dass Keaton diesen historischen Vorfall zu einer Komödie aus der Sicht der Südstadtler machen wollten, haben sich Nachkommen der damaligen Lokentführer beschwert. Und haben gesagt, das geht nicht. Ja, haben sie gesagt, nee, machen wir nicht. Revisionismus ist Geschichte komplett falsch dargestellt. Und daraufhin hat die Bahngesellschaft dann die Zusammenarbeit beendet. Und sagt, okay, dann nicht. Ja, ich tatsächlich, es ist keine Sache, wo ich, wo ich sagen würde, das ist, also man muss tatsächlich kein großes Fass deswegen aufmachen, weil die Politik wird nicht thematisiert. Es wird nicht hier irgendwie, es findet kein Revisionismus statt. Es wird nicht gesagt, hey, und der kämpft für das Gute der Südstaaten. Genau. Da sind andere Filme wie Vom Winde Verweht oder, ähm, keine Ahnung, deutlich krasser dabei, was, oder Fackeln im Sturm auch, den ich bei meinen Guilty Blätschers vor kurzem genannt habe, sind deutlich krasser dabei, was, was, äh, Romantisierung dieses, dieses, des Lebens, des Südstaatenlebens und auch der Sklavenhaltung betrifft.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Also insofern eben, ich hab mich das nur gefragt ab und zu während des Guckens, äh, weil ich dann plötzlich durcheinander war, wie jetzt, Moment, die haben, welche Fahne? Ach, ach so, auf der, auf der Seite? Oh mein Gott! Damit hab ich nicht gerechnet, weißt du? Dann war ich irgendwie erstmal ein bisschen durcheinander und dann hab ich mich darüber kurz, aber dann irgendwann geht's auch wieder weg, weil es kein, was keine Relevanz hat.
Florian Bayer: Es hat gar keine Relevanz. Es könnte auch, es könnte auch jedes andere Szenario sein im 19. Jahrhundert. Er könnte auch, die Lokomotive könnte auch von Banditen geklaut sein. Ja, genau. Obwohl dann natürlich diese wirklich schöne Episode im feindlichen Gebiet fehlen würde, die auch einige tolle Momente hatte. Also zum einen, wenn er sich unterm Tisch versteckt. Ja, das ist toll. Wirklich spannender Moment mit diesem Zigarrenloch dann, wo du die Gesellschaft beobachtest.
Johannes Franke: Das finde ich filmisch so schön gemacht, filmisch wirklich ganz hervorragend, ganz tolles Bild. Wie er da irgendwie, also er sitzt unterm Tisch, nur um das mal zu erklären, er ist im feindlichen Lager und er entdeckt dieses Haus und dann will er, er hat Hunger, geht da durchs Fenster ein, holt sich schnell Essen und dann kommen die da aber und er muss sich verstecken und er versteckt sich unterm Tisch. Und dann setzen die sich aber an diesen Tisch und der eine raucht und brennt da aus Versehen ein Loch in die Tischdecke und hebt dann die Tischdecke so hoch, dass wir sehen, wie Buster Keaton völlig verängstigt unter diesem Tisch sitzt und wir Angst haben, dass sie ihn jetzt entdecken, aber sie entdecken ihn nicht. Sie reden bloß über dieses Loch, was da reingebrannt hat und tun es wieder runter. Und dann sieht er durch dieses Loch und in einer ganz tollen Einstellung sehen wir sein Auge und einen Gegenschuss, wie dann seine Freundin reingeführt wird. Und das finde ich rein ästhetisch und von der Technik und von der Idee her wirklich sehr schön gemacht. Ich fand, es war auch tatsächlich eine spannende Szene.
Florian Bayer: Und das muss ein Film aus dem Jahr 1926, der 100 Jahre alt, es erstmal schaffen, eine spannende Szene zu entwickeln. Weil es ist halt immer noch ein Stummfilm, es ist immer noch ein Film mit Humor, Humor basiert und halt einfach aus der Zeit, aber er hat es in diesem Moment wirklich geschafft, die Szene spannend zu gestalten, auch für meine heutigen Sehgewohnheiten. Das ist schön, ne? Das ist toll. Und dann daran anschließend die ganz wirklich witzige Szene der Rettungsaktion, wenn er seine Freundin dann weckt und dann versucht er zu fliehen und dann mit dem Fenster kämpft und zuerst kurz überlegt, wie er sie wecken soll, was auch total süß ist.
Johannes Franke: Das ist so süß. Er kommt ins Fenster rein und will sich draufstürzen, hält sich dann noch ab und überlegt, Moment, Moment, wie mache ich das jetzt? Überlegt, ob er pusten soll oder ob er irgendwie was. Und dann entscheidet er sich halt wahrscheinlich für das Richtige, einmal den Mund zuzuhalten, damit sie nicht gleich losschreit, wenn sie aufwacht.
Florian Bayer: Und dann wollen sie aus dem Fenster raus und er hält das Fenster eigentlich auf für sie, aber für sich ist es nicht so ganz klar, wie er es machen soll. Er ist halt einfach ein bisschen tölpelhaft und es ist eine schöne Szene, wie dieses Fenster immer wieder runtergeht. So ein klassisches Schiebefenster, was man halt nach oben schiebt und es fällt dann immer wieder runter. Auch einfach, weil er sich nicht unsicher ist, lässt er sie jetzt vor, geht er zuerst, guckt er, machen sie es. Tolle Slapstick-Szene.
Johannes Franke: Und dann übrigens auch, worüber ich ganz kurz reden möchte, weil das eine interessante Sache ist für die Technik von damals. Es gibt dort die Stelle, wo einer einmal das Licht ausmacht. Und einmal der Wechsel passiert zwischen gelbem Schwarz-Weiß, also Sepia-Ton, ich weiß nicht, welche Version du den gesehen hast, und einer blauen Version von Schwarz-Weiß, also einfach Tint. Also es ist eingefärbt einmal. Und das war eine Technik, die sie damals ganz viel benutzt haben. Sie haben, um Nacht darzustellen, das Ganze blau gefärbt und um Tag darzustellen, war es eben so, ja, was wir ja heute als Sepia bezeichnen würden. Und ich habe nochmal recherchiert, weil ich gedacht habe, vielleicht ist es auch etwas, was wir jetzt heute gemacht haben, also oder in den 50er oder in den 70er, als die Sachen wieder rausgeholt wurden, um dem irgendwie noch Farbe zu geben. Aber nein, es wurde damals schon mit den Anfängen des Films wurde das gemacht.
Florian Bayer: Die Stummfilmzeit war durchaus teilweise eine bunte Zeit.
Johannes Franke: Ja, das fand ich sehr spannend.
Florian Bayer: Viele Experimente mit Farbe, auch mit verschiedenen farbigen Folien. Und ja, es gibt einfach Stummfilme, die, obwohl sie genau dieses Alter haben, sehr, ja, sehr bunt wirken. Also man kann es nicht anders sagen. Die wirklich einfach so ein Look und Feel haben von Farben.
Johannes Franke: Und das ist natürlich sehr aufwendig. Das heißt, das haben nicht so wahnsinnig viele gemacht, weil das irgendwie einfach dann sehr teuer wurde. Da hast du irgendwie, die haben die Produktion tatsächlich nach Europa ausgelagert. Die haben einen fertigen Film gehabt und haben sie die Kolorierung von bestimmten Sequenzen und so nach Frankreich verlegt, weil es billiger war in Frankreich. Wir waren, also Europa war die, das Billiglohnland von Amerika für Kolorierung von Filmsequenzen. Total krass. Krass. Weil es sind, na natürlich, du hast 24 Bilder die Sekunde. Mhm. Die müssen alle irgendwie, also wenn du Minuten, mehrere Minuten koloriert haben willst oder im besten Fall einen ganzen Film von anderthalb Stunden, das ist wahnsinnig aufwendig, per Hand zu kolorieren alles. Und dann ist es noch nicht immer so, dass du wirklich jedem Gegenstand eine Farbe gibst und so, das wirklich so nachkoloriert ist, dass du das Gefühl von einem Farbfilm hast, sondern es geht wirklich nur darum, dass sie bestimmte Farben für bestimmte Szenen haben wollten. Und das ist der Aufwand.
Florian Bayer: Was aber auch tatsächlich total viel ausmacht bei diesen Filmen, ne? Ja. Absolut. Wir sind gerade so im historischen Exkurs, wollen wir unsere besten Listen reinhauen? Oh, das ist eine gute Idee. Jingle. Jingle. Du hast mir vorhin vorgeworfen, meine besten Listen-Idee wäre zu generisch. Und jetzt hast du die besten Stumpffilme. Rechtfertige dich.
Johannes Franke: Du hast es vorgeschlagen.
Florian Bayer: Fuck. Hey, die besten Stumpffilme.
Johannes Franke: Kann man viel rausholen. Ja, ja, ja. Vor allem, wenn man auch noch, es gibt ja auch noch moderne Stumpffilme, ne? Oh ja, hab ich auch überlegt. Ist keiner drin bei mir. Bei mir auch nicht.
Florian Bayer: Aber, ähm, wenn es um moderne Stumpffilme geht, Silent Movie von Mel Brooks, tolle Komödie. Ja, genau. Also modern ist sehr viel gesagt, weil der Film mittlerweile auch schon 50 Jahre auf dem Komödie hat oder so.
Johannes Franke: 70er ist der, glaube ich, oder?
Florian Bayer: Ja, ich glaube auch 70er. Toller Film, großartig. Tolle Hommage an die Stumpffilmzeit. Ja, ja. Ich hab leider die Artist immer noch nicht gesehen. Hast du nicht gesehen, aber den musst du sehen. Ja, ich weiß, das sagst du mir ja jedes Mal, wenn wir drüber reden. Ja, ja, ja. Ich muss ihn unbedingt gucken.
Johannes Franke: Der ist wirklich sehr lohnenswert. Und der ist wirklich jung. Der ist von 2016 oder so, ne? Äh, fuck. Hab ich nicht mit aufgeschrieben. Ja, weiß nicht. Aber ich hab ihn an meine Honorable Mention einfach reingepackt. Weil wirklich ganz toll, diese Chutzpah muss man erstmal haben, das wirklich durchzuziehen. In der heutigen Zeit ein Stumpffilm, schwarz-weiß und wirklich gut erzählt. Also, es ist nicht der allerbeste Film aller Zeiten, aber es ist wirklich toll, dass sie es gemacht haben und es ist wirklich schön.
Florian Bayer: Ja, ich finde die Idee auch, ich finde es total, ich mag das, wenn sowas gemacht wird.
Johannes Franke: Ja. Okay. Ähm, hab ich noch weitere Honorable Mentions? Ich würde The Great Train Robbery nennen. Ja. Hast du den in deiner Liste? Nee. Nee, hab ich nicht. Aber The Great Train Robbery ist halt wirklich einer der ersten Filme, die wirklich lang im Format versucht haben, eine Story zu erzählen.
Florian Bayer: Wie lang ist der? Der ist eine halbe Stunde oder so lang, ne? Aber er fühlt sich ja. Entschuldigung. Wir reden von dem Film, wo am Schluss in die Kamera geschossen wird, ne? Von dem... Ist das am Schluss tatsächlich erst? Ich weiß nicht. Es gab... Ach, ich weiß es nicht. Wir sind im Jahr 1903 und der Film dauert zwölf Minuten.
Johannes Franke: Wirklich? Ich hab ihn so lang in Erinnerung. Oh mein Gott.
Florian Bayer: Und die finale Szene ist, äh, Close-Up von einem der Outlaws. Okay. Wie er direkt in die Kamera schießt. Ah. Zwölf Minuten? Ich hätte jetzt auch gedacht, der wäre länger. Ja. Aber totaler Klassiker natürlich. Ja. Meine Honorable Mention wäre, und zwar einfach aus dem Grund, weil wir ausführlich in einer anderen Episode drüber reden, Hexan, den, äh, einer der ersten, Mockumentary ist zu viel gesagt, aber einer der ersten Filme, die Fiktion und Dokumentation miteinander kombiniert haben über die Zeit der Hexenverfolgung. Und toller Film, wenn ihr mehr darüber wissen wollt, hört euch die Episode an, schwedischer Film, 20er Jahre, Sturmfilm, Klassiker.
Johannes Franke: Ich hatte ihn bis gerade noch in der Liste, aber du hast recht, vielleicht sollten wir nicht, ich, dann, ja, ja, okay.
Florian Bayer: Ähm, ich muss mit meiner Nummer 3 anfangen. Ja, mach mal. Ich hab so ein bisschen Angst, dass ich dir schon wieder was wegnehme. Bestimmt, ich bin mir ganz sicher. Also meine Nummer 3 ist tatsächlich The Kid aus dem Jahr 1921, Charlie Chaplin, mein liebster Chaplin-Film.
Johannes Franke: Ja, es tut mir leid. Warum ist der nur auf Platz 3? Ach so.
Florian Bayer: Ja, ja, warum ist der nur auf Platz 3? Weil ich, ähm, im Gegensatz zu dir, Johannes, nicht der größte Komödien-Fan bin und bei mir einfach Filme weiter vorne landen, die eher ein bisschen ernster sind. Ich mag Komödien, aber ich glaube, das...
Johannes Franke: Aber The Kid ist ja wirklich eine sehr tragische Komödie, also wirklich die Definition von Tragikomödie eigentlich.
Florian Bayer: Und toller Film einfach. Die Beziehung von dem Tramp mit einem kleinen Waisenkind, mit einer ganz zentralen, krassen Traumszene, die ich jetzt nicht mehr so wirklich zusammenkriege, die aber einfach auch heute noch einen total umhaut und mit einem wirklich wunderschönen Pathos gegen Ende, mit einem guten Gefühl aber entlässt. Es ist ein trauriger Film, aber es ist auch ein optimistischer Film und es gibt, ja, es gibt einfach ein Happy End, ne? Toller Film. Entschuldigung. War das dann Platz 1? Ja, das ist mein Platz 1. Ja, absolut nachvollziehbar. Ist auch mein liebster Film von Charlie Chaplin. Okay. Nicht nur mein liebster Stummenfilm von ihm, sondern auch tatsächlich mein liebster Film von ihm. Okay.
Johannes Franke: Ja, ich liebe diesen Film. Es ist unglaublich. Und der Schauspieler des Kindes, Cogan, wer hieß er, glaube ich? Jackie Cogan? Jackie Cogan. Oder Cogan. Der hat das so gut gemacht. Und ich glaube, das habe ich schon mal erzählt, es gibt eine Szene, wo er weinen muss, weil er abgeholt wird von den Behörden und er konnte einfach nicht weinen. Das Kind konnte nicht weinen. Es hat es nicht geschafft und es hat erst geweint, als man ihm gesagt hat, wenn du nicht weinst, kannst du nicht mehr hier weiterdrehen. Wird schön in der Biografie von Chaplin, also in seiner Autobiografie, die er geschrieben hat, erzählt er das so emotional. Was ist dein Platz drei? Mein Platz drei wäre Metropolis. Metropolis, ja. Ja. Ich habe auch in der Liste keine außergewöhnlichen Sachen. Hexan wäre drin gewesen. Was wäre drin gewesen? Hexan. Hexan wäre drin gewesen, genau. Aber ich sage, Metropolis ist einfach, ikonischer geht es nicht mehr. Also so bombastisch und so riesige Aufbauten und riesige epische Ideen und wird einfach toll gemacht. Wahnsinn Film. Ja. Immer lohnenswert und auch immer wieder lohnenswert in den unterschiedlichen Scores. Live am besten. Ja.
Florian Bayer: Scores ist nochmal so ein Thema für sich. Ja. Es gibt so viele Möglichkeiten.
Johannes Franke: Total krass.
Florian Bayer: Wir reden in unserer Podcast-Episode, in der wir über Hexan reden, reden wir relativ ausführlich über Stummfilm-Scores und auch was es für ein Stummfilm bedeutet, noch mal komplett andere und neue Musik zu kriegen. Hört da auf jeden Fall rein, weil da gehen wir glaube ich beide ziemlich abzug auf Stummfilm- Musik und was möglich ist und wie toll es ist, heute Stummfilme zu sehen mit Live-Musik-Untermalungen, egal ob Orchester oder so diese klassischen, wie heißen die nochmal, diese Pianos, die dann teilweise auch nur da waren. Die gibt es ja auch.
Johannes Franke: Einfach nur Pianomusik. Ja, ja. Genau. Es gab manchmal eben diese Sheet-Music, die sie mitgegeben haben und manchmal musste jemand improvisieren. Und dann gab es eben auch so Leute, die Geräusche gemacht haben dafür. Fantastisch. Live vor Ort. So geil. Okay.
Florian Bayer: Mein Platz zwei. Genau. Mehr als ein Propagandafilm. Panzerkreuzer Potemkin. Ein wirklich spannender und mitreißender Film, der wegweisende Aufnahmen hat, die auch heute noch funktionieren. Montage und Kamera in diesem Film ist so unglaublich gut, obwohl er eigentlich, obwohl er ein ganz einfaches Thema hat und tatsächlich auch nicht viel Story. Er ist auch nicht sonderlich lang. Aber die Art, wie das umgesetzt ist und es ist krass, wenn man muss sich diesen Film angucken, auch immer mit dem Hintergedanken, was sehen wir in heutigen Actionfilmen, in Kriegsfilmen, in großen historischen Dramen für Einstellungen. Man entdeckt das alles schon in diesem Film wieder. Er hat einfach ganz stark das Fundament gesetzt für heutige historische Filme, für Ebenen, für Dramen und so weiter. Und ganz gewaltiger Film, sowjetischer Film, wo es halt um den Matrosenaufstand geht und natürlich mit dieser Revolutionsattitude und natürlich auch ein politischer Film und natürlich auch irgendwie ein Propagandafilm. Aber absolut sehenswert. Fantastisch.
Johannes Franke: Ich glaube, ich hatte damals, als ich ihn gesehen habe, mit 16, 15, nicht genug Geduld. Ich habe den Film zu sehr daran erinnert. Ich erinnere mich zu sehr daran, dass ich gedacht habe, ja, jetzt reicht es auch langsam wieder. Vielleicht war er mir, ich weiß nicht, wie lang der ist, in meiner Erinnerung ist er ewig. Eine Stunde. Naja, immerhin eine Stunde dann doch, ja.
Florian Bayer: Es ist halt so, ich meine, es ist für unsere Sehgewohnheiten heute, es ist immer eine Herausforderung, einen Stummfilm zu sehen. Da kommen wir nicht drumherum. Und es ist auch immer, du befindest dich immer so ein bisschen in dem Zwischbald, du hast zum einen natürlich die historische Bedeutung vom Film, zum zweiten aber natürlich auch die Frage, wie viel kann er heute noch vermitteln, weil natürlich hat sich die Kultur weiterentwickelt und wie wir Filme heute, wie Filme heute gemacht werden, das ist natürlich in Anführungszeichen besser, Farbe, Ton, Bild, einfach wie Geschichten erzählt werden im Kino. Da gab es eine Evolution, ganz klar. Ja. Und da kommst du nicht ganz raus. Es ist einfach, ein Stummfilm heute zu sehen, ist immer, dass du dich auch, dass man sich auch daran erinnern muss, dass das eine historische Bedeutung hat. Ja. Weil es natürlich technisch nicht mit modernen Produktionen mithalten kann. Ja. Das stimmt.
Johannes Franke: Wo sind wir jetzt eigentlich? Platz zwei. Platz zwei? Weil ich dir eins geklaut habe, ich habe ein schlechtes Gewissen.
Florian Bayer: Du musst gleich improvisieren. Du musst gleich irgendwas zum anderen Chaplin-Film sagen oder so. Was ist dein Platz zwei? A Trip to the Moon. Oh, ja. Du hast die kurzen Filme genannt. A Trip to the Moon ist, glaube ich, auch nicht länger als 15 Minuten. Nö, nicht viel länger als 15 Minuten. Das ist ein toller Film. Ganz, ganz toller Film. Und wo wir bei Farben waren, wie der mit den Farben arbeitet. Genau.
Johannes Franke: Das ist unfucking fassbar. Voll gut. Und ich bin jedes Mal euphorisch, wenn ich den Film sehe. Weil ich denke, wow, die haben sich wirklich, die haben sich hingesetzt und haben gesagt, okay, komm, wir machen das.
Florian Bayer: Und so viel Liebe mit den Kulissen und den Special Effects. Toll. Und ich würde eigentlich gerne heute mal einen epischen Fantasy-Film sehen, der versucht, das so ein bisschen aufzugreifen, aber halt moderner zu machen. Aber trotzdem so diese Freude an diesen Kulissen, die auch teilweise so wie Bühnen wirken.
Johannes Franke: Ja, ganz toll. Aus welchem Jahr war der eigentlich? Irgendwie zwischen 10 und 20 wahrscheinlich. Oder noch früher? Wie? Früher? 1902. 1902? Wahnsinn.
Florian Bayer: Und der geht 18. 20 Minuten. Naja. Wenn man ihn mit 12 Frames abspielt. Das war ja damals auch noch so eine Sache, ne? Das ist total krass. Spielt man den Film mit 12 Frames die Sekunde ab oder mit 24 Frames die Sekunde, dann dauert er nur noch 9 Minuten.
Johannes Franke: Und weißt du, was sie gemacht haben? Die haben, es gab so Programmierungsschwierigkeiten, ne? Dann kommt der Film, dann kommt der Film. Wie können wir den noch dazwischen schneiden? Und dann haben die echt im Projektor einfach eingestellt, wir spielen den schneller ab. Ja. Und dann haben sie irgendwie Filme hintereinander gehauen, weil es war nicht genug. Zeit, also musste der schneller abgespielt werden. Das würde heute jeder Filmemacher, das würde ein Riesenskandal werden.
Florian Bayer: Und das ist wahrscheinlich wirklich der Film, der das am besten macht mit den Farben. Also wirklich so toll, wie er mit Farben spielt. Ein wirklich, ein bunter Film.
Johannes Franke: Oh, den müssten wir auch mal wieder gucken. Dringend, dringend. Ganz, ganz, ganz toll. Und ich, einfach, weil ich den, den, die Aufbruchsstimmung und den Pioniergeist in diesem Film spüre.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Was Film betrifft.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und was dieses Medium und die Begeisterung für dieses Medium und diese Möglichkeiten. Auf jeden Fall. Und wer es nicht weiß, unser Logo von, ne, vom Muss-man-sehen-Podcast und auch von deiner, von dem, vom Blog, ist einfach dieser Mond, zu dem sie hinreisen. Und das ist die.
Florian Bayer: Die Rakete im Mond, im Auge des Mondes landet die Rakete. Und der Mond hat entsprechend. Schwierigkeiten zu gucken. Ganz verbeultes Auge.
Johannes Franke: Ja. Ach, schöner Film. Ganz, ganz toll.
Florian Bayer: Mein Platz 1, ich hoffe, dir fällt gleich noch was ein. No pressure. Mein Platz 1, stellvertretend für alle expressionistischen Horrorfilme der damaligen Zeit. Und trotzdem fiel die Auswahl nicht schwer, das Kabinett des Dr. Caligari. Ja. Mein absolut liebster Stummfilm. Einer meiner absolut liebsten deutschen Filme. großartig zwischen Kunst und Palp. Hat sehr viele, wirklich diese expressionistischen Momente alleine in den Kulissen, die total krass sind. Ja. Aber dann auch diese wirklich tollen Horrormomente. Einfach auch mal mit dem Monster, das die Frau entführt. So wirklich klassisch, palpige Horror. Er hat einen Mordsplottwist. Er hat wirklich einen geilen Plottwist. Er hat sogar, eigentlich hat er sogar zwei Plottwists. Soll ich jetzt einen Film von 1920 spoilern?
Johannes Franke: Die Leute hatten genug Zeit, den Film zu gucken. Stimmt.
Florian Bayer: 100 Jahre hatte die Zeit. Jetzt spoiler ich das Ende. Er ist tot. Im Mittelpunkt steht ja dieser, also der Film ist ja gerahmt von einer Erzählung, wo ein Typ einem vermeintlichen Bekannten erzählt, was damals Schreckliches passiert ist. Und dann erzählt er von dem Dr. Caligari, der mit seinem Kabinett als fahrender Typ zur Stadt kommt. Die auch ganz abstrakt einfach die Stadt heißt und wirklich diese komischen Gebäude hat. Und er präsentiert da den Schlafwandler. Und dieses schlafwandelnde Monster bringt dann Leute um und dann führt eine Frau. Und es kommt aber raus, dass das alles, das dahinter Caligari steckt, der wirklich ein böser Wissenschaftler ist, der irgendwann wahnsinnig geworden ist. Und unbedingt dieser Caligari werden wollte. Aber der große Plottwist ist dann, dass diese ganze Geschichte einfach nur im Kopf des Menschen stattfindet, der die Geschichte erzählt. Und sie befinden sich in einem Sanitarium. Und sie sind alle psychisch krank. Und alle Figuren, die in dem Film vorkommen, laufen auch in diesem Sanitarium rum. Und Dr. Caligari ist einfach einer von den betreuenden Psychologen, der dann feststellt, ah, jetzt weiß ich, wovor dieser Mann Angst hat. Und er glaubt, ich wäre ein verrückter Wissenschaftler. Und jetzt kann ich ihm helfen und ihn heilen und Ende. Und vielleicht noch so ein bisschen mit dem Wagen. Ist das so? Was ist da? Könnte es auch sagen. Eigentlich Schatter-Eile.
Johannes Franke: Aber ich wollte gerade sagen, es wurde so oft aufgegriffen, diese Methode. Also ganz toll.
Florian Bayer: Und damals war es halt wirklich noch originell. Und es ist wirklich ein harter Plottwist. Es wurde viel über den Film geredet. Es gibt Interpretationen, die sagen, dass dieser Film dadurch, dass er diese Auflösung hat, was Proto-Faschistisches hat, weil sich der Tyrann, der dieser Caligari ist, am Ende ist der eigentlich Unschuldige und der Retter entpuppt. Und dass das wohl gar nicht so unbedingt intendiert war. Siegfried Krakauer hat ein Buch geschrieben, das heißt von Caligari zu Hitler. Und in diesem Buch setzt sich Krakauer, das ist aus dem Jahre 1947, und in diesem Buch setzt sich Krakauer damit auseinander, wie der Film der damaligen Zeit das Aufkommen der Nationalsozialisten spiegelt oder vielleicht sogar begünstigt hat. Das bleibt so sehr klassisch poststrukturalistisch vage. Es geht nicht um eine politische Anklage, aber es geht darum, wie man Motive der aufkommenden Tyrannei in diesen Filmen schon findet. Der große Gegensatz, den manche moderne Kritiker aufmachen, ist, dass sie sagen, Faschismus und Nationalsozialismus haben die Politik zu Kunst gemacht oder haben die Politik künstlerisch gemacht. Okay. Das heißt mit diesen Gebäuden, die sie gebaut haben, mit diesen Inszenierungen, die sie gemacht haben, dass sie so viel auf diese Ästhetik gesetzt haben, dass sie, sie haben eine ästhetische Politik gemacht. Und unser Gegenentwurf sollte eigentlich sein, dass die Ästhetik, die Kunst politisch werden muss. Und das ist total simplifiziert, aber sehr viele linke Kulturtheoretikerinnen der damaligen Zeit sind diesem Gedanken gefolgt, dass wir diesen krassen Gegensatz haben, einmal künstlerische Politik und einmal politische Kunst. Und wir, die Linken, stehen auf der Seite der politischen Kunst. Deswegen war auch im Sozialismus der Realismus so beliebt. Ja, ja, ja. Weil die gesagt haben, alles andere ist halt problematisch, weil das Leben irgendwie, weil das nicht darstellt, wie das Leben ist und weil das nicht zeigt, wie der Mensch in der Gesellschaft funktioniert, sondern weil das Leben romantisiert wird, verzerrt wird und so weiter. Und deswegen haben die auch die Expressionisten gehasst und so. Und deswegen hat auch zum Beispiel, also man kann da total viel draufpacken. Und deswegen hat Precht gesagt, mein Theater bricht die ganze Zeit mit der vierten Wand und sagt die ganze Zeit, ich bin Kunst, ich bin Kunst, ich bin Kunst. Um gar nicht erst den Versuch, um gar nicht erst diese Illusion aufkommen zu lassen. Und ja, großes Thema und natürlich vereinfacht, aber spannend, sich da rein zu begeben. Und von Caligari zu Hitler zu lesen, ist auch heute noch lohnenswert. Weil auch wenn es überholt ist, zu viel gesagt, aber auch wenn es ein bisschen aus der Zeit gefallen ist, einfach weil es ein Buch seiner Zeit ist, ist es trotzdem ein spannender Blick auf frühe Filmrezeption und Kunstrezeption.
Johannes Franke: Okay, spannend. Gerade dieser Gedanke, der für mich jetzt eben mich gerade so unvorbereitet trifft, dieses künstlerische Politik oder Kunst, die politisch ist, dieser Gegensatz, finde ich gerade sehr spannend und sehr nachvollziehbar. Und ich glaube, ich muss mich wirklich mit beschäftigen. Danke. Okay, cool. Okay, dann würde ich jetzt meinen Platz 1 von The Kid einmal umschwenken und ich ärgere dich, weil das stimmt nicht ganz. Es ist kein Stummfilm, sondern es ist ein Stummfilm trotz Tonfilm. Lichter der Großstadt von Chaplin. Natürlich wieder ein Chaplin-Film, weil es muss ja der gleiche so. So, Lichter der Großstadt hat eine Tonspur, aber er ist ein Stummfilm eigentlich. Den habe ich nicht gesehen, glaube ich. What?
Florian Bayer: Ich überlege gerade ganz kurz, aber Fabrik und Zahnräder und so ist moderne Zeiten, wo es ja auch viel mit Ton gemacht wurde. Genau. Und Lichter der Großstadt ist 1931 und nein, den habe ich nicht gesehen.
Johannes Franke: Verliebt sich in ein blühendes Blumenmädchen. Genau, also die Story ist die, dass er sich in einen, also er ist der Trump, er hat kein Geld. Er hat ganz lange an dieser einen Szene rumgedoktert und überlegt, wie kann das passieren, dass er dieses Mädchen kennenlernt und dass sie sich in ihn verliebt. Sie ist blind. Ja. Sie verkauft Blumen. Wie kann es sein, dass er tramp? So, ne? Und es ist so, ein Auto, ein reiches Auto, es schon vom Klang her reich ist, weißt du, kommt, bleibt da stehen, die Tür geht auf, ein reicher Typ kommt raus und irgendwie muss der Trump durch dieses Auto auf die andere Straßenseite, damit er da hinkommt. Und das heißt, er steigt auch aus diesem Auto aus und wirft die Tür hinter sich zu und sie hat das Gefühl vom Klang her, hier, da kann ich jemandem eine Blume andrehen. Und so lernen sie sich kennen. Ah, toll. Und er hat aber kein Geld, aber er verliebt sich sofort Schock in sie und kauft ihr irgendwie die Blume ab und gibt ihr viel zu viel Geld, glaube ich sogar, ich weiß es nicht ganz genau, das Letzte, was er hat und will sich einfach dann irgendwie kümmern und nimmt Jobs an und versucht, ihr eine Operation zu finanzieren für die Augen. Oh, okay, das klingt cool. Und was heißt Tonspur? Ich weiß es nicht genau, hier steht, in Wikipedia steht, es gibt eine Tonspur, die er ergens dafür produziert hat, aber ich weiß nicht mehr genau, inwiefern die zum Einsatz kommt.
Florian Bayer: Ah, okay.
Johannes Franke: Oh, okay, das klingt tatsächlich, ich hab den nicht gesehen, ich muss den sehen. Das ist ganz toll und er versucht sich als Boxkämpfer, was eine ganz, ganz tolle Szene gibt, wie er hinter dem, wie so ein Ballett mit dem Boxer, mit seinem Gegner und dann hinter dem Schitzrichter steht und hinter dem, damit er nicht geboxt wird und dann, das ist eine ganz, ganz, ganz tolle Szene, eine der besten Slapstick-Szenen überhaupt. Okay, krass. Und das war tatsächlich vor Moderne Zeiten, der irgendwie so sein letzter Stummfilm war? Ja, das muss vor Moderne Zeiten gewesen sein.
Florian Bayer: Ja, interessant. Es war genau, es war direkt der Film vor Moderne Zeiten, 1931, 1936 war Moderne Zeiten, was sein letzter Stummfilm war.
Johannes Franke: Ja, und der wäre schon kein Stummfilm mehr gewesen, weil die Zeiten waren vorbei. Also mit Lichter der Großstadt, da hätte er so auch schon einen, weil der Jazzsänger, glaube ich, war auch in den Anfang der 30er, 31 oder vielleicht sogar schon 29, weiß ich nicht genau. Das war der große Erfolg für einen Tonfilm. Und dann wollten alle nur noch Tonfilme. Und dann hat er halt mit Moderne Zeiten irgendwie gedacht, ich will aber den Trump nicht reden lassen. Es geht nicht, es funktioniert nicht. Und hat dann irgendwie so eine halbseitende Tonspur drunter gelegt mit so ein paar Gesprächen vom Chef und von der Sekretärin und so ein paar kleine andere Sachen. Aber eigentlich ist es ein Stummfilm auch. Ja.
Florian Bayer: Und der Trump konnte reden. Also der große Diktator hat das Reden des Tramps wunderbar von dieser Rede.
Johannes Franke: Ja, aber das war für ihn wirklich so ein Anletzte. Das ging gerade so. Das war schon schmerzhaft für ihn. Und er hat auch gesagt, es ist nur so halb der Trump. Es ist der Barbier, der da irgendwie, aber der hat die Trademarks vom Trump. Aber es ist nicht wirklich der Trump.
Florian Bayer: Halbauftritt dann auch, oder?
Johannes Franke: Okay. Ja. Krass. Ja, und das Tragische an diesem Film ist, dass er ihr die Operation auch irgendwann bezahlt. Und dann sehen sie sich aber nicht mehr wieder. Unter welchem Umständen, weiß ich nicht ganz genau. Und dann geht er eines Tages an dem Blumenladen vorbei, ohne es zu wissen. Und sie sieht ihn. Er kennt ihn aber nicht. Okay. Okay. Und er ist Schock. Oh Gott, was mache ich jetzt? Scheiße. Sagt nichts. Und sie nimmt dann seine Hand und gibt ihm die Blume in die Hand, weil sie irgendwie das Gefühl hat, sie muss ihm das geben. Ich weiß nicht mehr, mit welchen Umständen. Und dann stellt sie fest, wer es ist. Durch diese taktile, weißt du, Hand nehmen und ganz emotionale Szene. Oh mein Gott. Happy End. Oh. Sie finden sich am Schluss. Naja, ob es ein Happy End ist, weiß ich nicht mehr. Ich glaube nicht. Ich glaube nicht. Sorry. Also. Also, der Tramp ist ja eigentlich die Maßgabe, dass der Tramp immer alleine in den Horizont reitet am Ende.
Florian Bayer: Aber bei The Kid nimmt er auch das Kind in den Arm am Schluss, ne?
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Aber die alten, frühere Filme sind alle irgendwie so. Das Schlussbild ist. Der Einsame. Er geht mit seinem Stock und seinem Watschelgang in den Sonnenuntergang. Ja. Genau. Das war mein Platz 1. Und wieder zurück in den Subasta Keaton.
Florian Bayer: Tatsächlich bin ich jetzt froh, dass ich als Platz 3 The Kid genommen habe, weil so wurde mir gerade ein neuer, ein Chaplin-Film heiß gemacht, den ich noch nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Ja, eigentlich musst du die ganze Videografie einmal durchgehen. Also zumindest bei den langen Filmen, die Kurzfilme muss man nicht alle gesehen haben, aber die sind alle trotzdem sehenswert. Das sind über 80 Filme. Ja, das mache ich am Wochenende. Gut. Wir sind wieder bei Buster Keaton.
Florian Bayer: Und natürlich mit diesem Höhepunkt der einstürzenden Brücke, was einfach krass ist und wo man auch, man sieht das Budget. Ja. Weil es ist einfach, ja, es ist einfach ein Zug, der eine Brücke, auf einer einstürzenden Brücke steht und mit ihr in den Abgrund fällt.
Johannes Franke: Unglaublich. Und die Massen an Statisten, die da sind zu Pferde und so, die in dem Wasser rumstarksen und dann wieder raus und es ist unglaublich.
Florian Bayer: Buster Keaton schafft es ja tatsächlich am Schluss, was ich echt ganz cool fand. Oh, ganz kurz zu den Statisten. Ja. Er hat gesagt, er hat den Leuten die Konfederierten-Uniformen angezogen und sie in die eine Richtung geschickt und dann hat er ihnen die Unions-Uniformen angezogen und sie in die andere Richtung geschickt. In einem Taker. Sie mussten durchs Bild schnell umziehen und wieder zurück. Es ist großartig, dass er es schafft, am Schluss eine Schlacht noch zu zeigen dann, weil die Konfederierten kämpfen dann gegen auch die Unions-Leute und er kämpft auch mit und er schafft es, ihn erfolgreich kämpfen zu lassen, ohne dass er seine Unschuld verliert. Ja, ja, ja. Ganz schön, wie er mit diesem Degen, er kämpft mit dem Degen und versucht ihn aus der Scheide zu ziehen und dann schafft er es und dann fliegt der Degen durch die Luft und dann trifft er den Oberfluss.
Johannes Franke: Er hat nur noch den Griff in der Hand und das ein paar Mal und immer in der richtigen und ich finde das ganz toll, weil der Kampf mit der Kanone, die da ist, die ist super. Ich finde es ganz, also natürlich ist es sehr makaber, weil sie sind im Krieg und da hat sich gerade einer von den Feinden irgendwie rangerobbt und kann ganz gut schießen und er steht da mit drei anderen Soldaten an dieser Kanone. Der Feind erschießt einen von denen, der fällt plötzlich um und alle wundern sich, hä, wieso fällt er um, was ist denn los? Und dann ist er wieder irgendwo dran und der Nächste fällt um und der Nächste und da steht er hilflos, alleine, da, was jetzt? Und dann kommt das mit dem Säbel, wie der einfach wegfliegt und aus Versehen halt den Feind dann tötet. Ja, es ist makaber und es ist tatsächlich das, was auch damals gesagt wurde, Buster Keaton war anscheinend der Einzige, der gesehen hat, dass in Krieg Komik liegt. Und es ist auch ein bisschen weird, aber es funktioniert.
Florian Bayer: Und er gibt ja auch tatsächlich dann, also was ich auch ganz nett finde, dem Anführer von der Unionsarmee, der noch in dieser Lokomotive ist, gibt er dann ja auch einen heldenhaften Abgang. Ja, das ist schön. Wenn er dann endlich auf seine geliebte Lokomotive kommt und dann liegt da der Unionsgeneral und dann nimmt er ihn in Gewahrsam und führt ihn quasi ab und er wird gefangen genommen.
Johannes Franke: Ja, was auch sehr schön ist, weil die sind auf der Lok vorne und Buster Keaton hat keine Erfahrung darin, wie man jemanden gefangen nimmt. Die gucken sich ein bisschen seltsam an, der Soldat versteht sofort, okay, ich bin irgendwie in der Klemme. Es lohnt sich jetzt nicht, jetzt einen Krieg anzufangen, ich bin, glaube ich, geschlagen. Und Buster Keaton macht halt ja den einen auf, ah ja, ich habe hier jemanden, ich habe ihn gefangen und will dann als erstes rausgehen, stellt dann aber fest, keine gute Idee. Ich lasse dir den Vortritt. Also wie er das einfach spielt und welche Gedankengänge er mit seinem Spiel transportiert, ist einfach wunderschön.
Florian Bayer: Buster Keatons Humor funktioniert wirklich so gut, wenn er nicht genau weiß, was er machen soll. Dann einfach so ein bisschen Töpeler fällt, das ist genau wie in der Szene, wenn er seine Freundin rettet, wo es ja auch offensichtlich, es gibt so ein Schema, wonach die Helden vorgehen sollen und er will das erfüllen und er versucht es, aber er schafft es nicht so ganz, weil er diese Unsicherheit hat. Und das ist da auch, diese Szene ist natürlich auch toll, weil er führt ihn dann tatsächlich ab und es ist wirklich eine heldenhafte Szene. Der feindliche General salutiert noch einmal vor den anderen, wird dann in Gewahrsam genommen und dann geht die Pistole los, die er die ganze Zeit in der Hand hat. Und er wird dann auch von dem feindlichen General einmal böse angeguckt.
Johannes Franke: Ja, es ist wirklich schön. Ich finde Buster Keatons Humor ganz, ganz, ganz wundervoll. Natürlich in der Tradition von ganz vielen Slapstick-Komikern, wie eben Chaplin oder wie Laurel and Hardy, ja das ist später dann, aber wie so viele andere Wutwil-Leute, Harold Lloyd und so weiter. Weißt du, ob es eine Beziehung gab zwischen Keaton und Chaplin? Ja, die haben ja in einem Film tatsächlich auch in Limelight später, hat Buster Keaton dann mit ihm zusammen eine Szene, in Limelight geht es um einen alternden Clown, der nicht mehr, der einfach abgemeldet ist. Und die Frau, die er kennenlernt, der das Leben rettet, die will ihm nochmal so einen großen, die will ihm nochmal zu Ruhm verheifen und organisiert einen Abend, wo alle nochmal den großen Clown feiern, der früher erfolgreich war. Und dann gibt es eben, hat er eben Buster Keaton als Kianisten, der ihn bei einer Szene begleitet. Und es ist eine ganz tolle Szene, wirklich sehr schön, die beiden zusammen. Das gab es vorher nicht so, aber die waren miteinander irgendwie, ich glaube, befreundet tatsächlich.
Florian Bayer: Also keine Konkurrenz oder kein, das war nicht so ein Beatles, Rolling Stones. Weil ich auch nicht glaube, dass die Beatles und die Rolling Stones miteinander verfeindet waren.
Johannes Franke: Nein, nein. Kann ich mir nicht vorstellen. Ja, zwei meiner absoluten Lieblingskomiker aus der Zeit, Chaplin und Buster Keaton. Buster Keaton einfach auf eine ganz andere Art und Weise, mit ganz anderen Qualitäten. Ich glaube, wenn man das so auseinandernehmen möchte, Chaplin ist derjenige, der einen zu Tränen rührt. Und Buster Keaton ist derjenige, der mit einer unglaublichen Courage für allen möglichen Kram einen einfach beeindruckt, massiv beeindruckt.
Florian Bayer: Buster Keaton hat auf jeden Fall die Spannung mehr drauf als Chaplin. Ja, ja. Diese Tension in den Slapstick-Szenen. Ja. Wenn man das Gefühl hat, also ich kann nur diesen Film beurteilen, aber man hat das Gefühl, es steht jederzeit ein bisschen mehr auf dem Spiel. Und bei Chaplin sind es auch oft die Momente, wo es wirklich einfach nur nett ist und... Ja, das stimmt. ...und Spaß macht. Und bei Keaton war es halt, ja, die Slapstick in dem Film ist zu großen Teilen, passt zur Geschichte, weil es steht wirklich was auf dem Spiel und die Slapstick entsteht ziemlich natürlich einfach in der Action. Ja, genau. Schön. Ja, danke Johannes, dass du ihn mir gezeigt hast und danke für diese Buster Keaton-Einführung. Ich habe heute wirklich sehr viel über einen der wohl wichtigsten Slapstick-Comedians überhaupt kennengelernt und das ist total gut. Orson Welles übrigens war ein ganz großer Fan.
Johannes Franke: Orson Welles hat nur Gutes über, also wenn jemand, also wie Orson Welles was Positives sagt, dann, das ist die Adelung schlechthin.
Florian Bayer: Ja, Orson Welles war wirklich begeistert. Also ich glaube, man kann, also wenn man jetzt anfangen würde aufzuzählen, wie oft The General bei diversen Publikationen und Würdigungen genannt wird, als einer der wichtigsten Filme überhaupt, wird man nicht fertig. Der ist einfach, der hat mittlerweile, obwohl seine Rezeption damals so schwach war, hat er mittlerweile einen ganz festen Stand in der Filmgeschichte und gilt als einer der wichtigsten Stummfilme überhaupt.
Johannes Franke: Ja, also gucken, gucken und dann noch andere Sachen von Buster Keaton gucken, weil nicht alles ist so, das ist der einzige Film, der wirklich mit einer wahren Begebenheit spielt und so und so, so straightforward wirklich eine Geschichte erzählt. Die anderen Sachen sind also auch für diese Verhältnisse relativ nah an der Geschichte dran, aber nicht so massiv wie bei diesen.
Florian Bayer: The General findet man in diversen Versionen auf YouTube. Wenn man das bei YouTube eingibt, findet man zig verschiedene Anbieter, die den drauf haben und es gibt einige in wirklich guter Qualität. Ich habe tatsächlich, glaube ich, drei oder viermal geklickt und dann den genommen, der am besten aussah.
Johannes Franke: Genau, es gibt eine wirklich gute HD-Version und in Farbe, also in Farbe im Sinne von Sepia oder eben Blau und die ist wirklich die beste und auch wirklich sehr sehenswert. Vielleicht kannst du den Link in die Shownotes packen. Werde ich machen, auf jeden Fall.
Florian Bayer: Ja, ich kann mich nur noch mal wiederholen. Vielen Dank, Johannes.
Johannes Franke: Vielen Dank dir, Plur, dass du das geguckt hast und für deine Empfehlung des anderen Films. Welchen Film hatten wir jetzt davor? Where the world's wild things are. War wirklich toll. Vielen, vielen Dank. Und ich habe schon eine Idee, was wir beim nächsten Mal machen. Rosamunde Pilcher.
Florian Bayer: Rosamunde Pilcher.
Johannes Franke: Oh mein Gott, Plur.
Florian Bayer: Wir haben gerade Off-Record, haben wir ja kurz drüber geredet und da hat Johannes gemeint, wir haben kurz geguckt, was es an Rosamunde Pilcher-Verfilmungen gibt und da ist die Antwort einfach vom englischen Wikipedia ZDF. Und dann meintest du ja, lass uns doch einfach mal gucken, was es gibt und die ZDF-Mediathek ist voll mit Rosamunde Pilcher-Filmen und die dauern alle so 89, 90 Minuten. Und ich glaube, ich würde einfach den nehmen, der vom Titel am spannendsten klingt. Okay. Und das ist nicht Lizenz zum Seitensprung und auch nicht Anwälte küsst man nicht. Was ist das? Und plötzlich war es Liebe und aus Liebe und Leidenschaft. Oh. Und Erdbeeren im Frühling klingt jetzt auch nicht so interessant, aber der aktuellste heißt Wie verhext. Was? Und das kann ja nur ein Meisterwerk sein. Also wir gucken eventuell das nächste Mal Rosamunde Pilcher, aber es ist noch nicht ausgemachte Sache. Wenn ihr wissen wollt, was wir das nächste Mal gucken, zwei Vorschläge, einer von mir, einer von Johannes. Wir müssen noch mal reden, Plur. Nach dem Outro. Und ansonsten sehen wir uns nächste Woche wieder, hören uns nächste Woche wieder.
Johannes Franke: Sehr schön. Gut, dann schöne Woche euch, bis zum nächsten Mal. Bis dann. Ciao. Sag mal, Plur, warum haben wir jetzt eigentlich eine Pause gemacht, wenn wir doch schon wissen, was wir als nächstes machen? Das ist eine voll gute Frage, aber wir wissen ja nur eine Sache. Ja, du willst dieses Konzept durchziehen, dass wir am Ende noch mal Pause machen, der Jingle kommt noch mal und dann kommen wir noch mal, um zu erzählen, was nächste Woche passiert. War das nicht das Konzept, auf das wir uns allgemein geeinigt hatten?
Florian Bayer: War das nicht dein Vorschlag? Okay. Okay. Ruten wir ganz kurz zurück. Also wir haben jetzt tatsächlich, um ehrlich zu sein, off-record ganz lange überlegt, was wir machen. Und es war aber schon ziemlich schnell klar, dass wir Rosamunde Pilcher machen wollen, was wir beide nicht kennen. Ja. Und weil wir uns wirklich nicht auskennen, habe ich das gerade, habe ich das gerade beim, als das Mikro noch an war, vorgelesen, die verschiedenen Titel, ja, ne? Ich weiß nicht genau. Hast du? Hast du? Ich weiß nicht. Ich glaube, ja. Also ich habe gesagt, ich denke, es wird ein Rosamunde Pilcher-Film und dann bin ich die Liste durchgegangen und habe vorgelesen und Johannes hat gejammert. Ich hoffe, es ist eine Aufnahme. Es könnte auch sein, dass es off-record passiert ist. Auf jeden Fall sind die Titel sowas wie Anwälte küsst man nicht und Liebe in Ferien und so. Und ich habe mich für das entschieden, was am jüngsten ist und den verheißungsvollsten Titel hat. Wie verhext. Das ist ein verheißungsvoller Titel? Wie hoch sind deine Standards gerade? Das ist das Aktuellste, was es gibt von Rosamunde Pilcher. Der neueste Scheiß vom 2.05.2021 und wird bis 2022 auch in der ZDF-Mediathek verfügbar sein. Das heißt, ihr könnt das auch alle gucken. Wir gucken das zum ersten Mal.
Johannes Franke: Ist das unser erster Rosamunde Pilcher-Film? Wir wollen aber nicht in die Falle tappen, einfach nur billig Bashing zu betreiben, oder? Nein, auf keinen Fall. Es geht schon so darum, dass wir sagen, okay, wir haben ein Bild davon im Kopf, das ist ziemlich schlecht. Aber eigentlich wollen wir mal wissen, worüber wir da reden. Weil eigentlich, ich kenne keinen Rosamunde Pilcher. Ich habe ihn nie gesehen. Ich auch nicht. Ich weiß nicht, ob er vielleicht Qualitäten hat, von denen ich nichts weiß.
Florian Bayer: Und wir sind tatsächlich, spielt es ja auch eine ganz große Rolle, dass wir, Rosamunde Pilcher ist so ein Platzhalter für schlechter, kitschiger Liebesfilm. Das ist das, was ich weiß. Genau. Mehr weiß ich nicht dafür. Und das ist natürlich total ungerecht, weil, keine Ahnung, vielleicht hat es Rosamunde voll drauf. Wir wissen das nicht.
Johannes Franke: Wir werden es herausfinden. Man guckt, wie sie so rumpilchert. Aber es ist ja auch irgendwie eine Speerspitze des deutschen Fernsehens für eine bestimmte Zielgruppe, muss man schon sagen. Definitiv.
Florian Bayer: Genau. Und diese Zielgruppe braucht auch ihre Filme. Man kann sich viel drüber lustig machen, was das deutsche Fernsehen zeigt. Aber natürlich, ey, nicht jeder hat unseren Filmgeschmack.
Johannes Franke: Ja, ja, absolut. Und ich würde sagen, wenn wir schon dabei sind, wenn wir schon sagen, wir gucken uns die Speerspitze, diese Speerspitze des deutschen Fernsehens ans, müssen wir uns noch eine andere Speerspitze des deutschen Fernsehens angucken. Die auf anderer Seite immer hochgehalten wird. Und ich würde sagen, dass wir dann wirklich den Tatort nehmen, den wir gerade besprochen haben.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Interessant tatsächlich, weil Tatort ja wirklich als Speerspitze hochgehalten wird. Tatort hat einen interessanten Ruf und es gibt immer wieder Tatortfolgen, die als total hochwertig bezeichnet werden. Ich kenne Tatort fast gar nicht. Ich habe ein paar Folgen gesehen und es gibt nur einen Tatort, den ich geil fand und das war im Schmerz geboren, also den ich wirklich geil fand. Und wir haben uns auch jetzt für einen hessischen Tatort entschieden. Wir wollten eigentlich das Murmeltier nehmen, von dem Johannes erzählt hat.
Johannes Franke: Ja, das ist eine ganz tolle Folge, wo er immer wieder und immer wieder zum Tatort geht, weil er morgens wieder aufwacht und genau der gleiche Tag wieder losgeht. Also, ne, Murmeltier-Tag, nur der Täter im Gebäude, wo er dann immer wieder reingeht, weiß auch davon, dass es immer wieder der gleiche Tag ist. Und sie nähern sich halt irgendwie an die Lösung des Falls.
Florian Bayer: Es klingt so großartig und ich hätte so Bock auf diesen Tatort, aber dieses verfluchte Ding findet man nicht. Wir haben jetzt einmal geguckt, wir haben beide einmal recherchiert und wenn wir uns nicht auf illegale Tauschbörsen begeben wollen, wo wir dann Radateien einzeln runterladen, dann finden wir diesen Film online nicht. Und da unser Konzept ja auch ist, dass ihr euch das Zeug auch angucken könnt, egal ob vor der Sendung, um euch mit uns Gedanken zu machen oder nach der Sendung, weil es spannend klang, fällt der einfach raus. Leider. Deswegen nehmen wir einen anderen Tukur.
Johannes Franke: Ich bin übrigens voll dafür und wer irgendwie Kontakt hat, bitte klärt, warum die Tatorte nicht, verdammt nochmal, nicht auf Netflix gelandet sind. Weil der Tatortreiniger ist auf Netflix, es gibt ein paar andere Speerspitzenproduktionen deutschen Fernsehens, die auf Netflix gelandet sind, wo auch Geld mitverdient wird, wo das deutsche Fernsehen, wo die Fernsehanstalten auch nochmal Geld einsammeln mit. Warum nicht der Tatort? Ich verstehe es nicht.
Florian Bayer: Ja, ich verstehe es auch nicht. Ich habe das Gefühl, es ist ein rechter Albtraum, was mit dem Tatort geschieht, weil das sind natürlich sauteure Produktionen und da sind viele Interessen dran beteiligt und es ist einfach ein Albtraum. Es gab doch sogar, war das nicht auch so ein Riesending, so ein Riesenskandal, diese Tatort-Koproduktion mit Sky zusammen und dann war das Ding im Kino und nur exklusiv bei Sky, war das nicht ein Schweiger-Tatort oder werfe ich da was durcheinander? Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, es gab so eine Koproduktion mit groß Big-Budget-Action mit Til Schweiger und dann durfte das aber nicht im Öffentlich-Rechtlichen laufen, weil die Absprache war, dass zuerst Sky das Ding zeigen darf oder so, aber ich kriege es nicht zusammen, ich will jetzt nichts Falsches erzählen. Aber es gibt auch andere gute Two-Core-Tatorte. Ja. Und bei unserer Recherche sind wir auf einen eingestoßen aus dem Jahr 2015, der voll vielversprechend klang.
Johannes Franke: Ja, also ich habe ihn noch nicht gesehen, aber ich würde sagen, wenn wir schon Pilcher haben und wir kennen es beide nicht, dann sollten wir einen Tatort nehmen, den wir beide nicht kennen. Der einfach, wo man, der vielleicht gut klingt, aber der einfach random, wo wir sagen, okay, wir gucken mal da rein, wie wir auch in Pilcher einfach mal so reinschauen. Mal gucken, was passiert.
Florian Bayer: Genau, und dieser Tatort ist, wer bin ich, in der Tukur nicht nur den Ermittler, jetzt habe ich den Namen vergessen, wie heißt der? Mono. Mono spielt, sondern auch sich selbst, den Schauspieler Tukur, der das Mordes verdächtigt wird. Mehr weiß ich auch nicht, das war die Beschreibung vom ZDF oder von der ARD. Klingt unglaublich.
Johannes Franke: Das klingt total spannend und total abgefahren und ich würde mir wünschen, dass es viel mehr solche Tatorte gibt, aber es ist vielleicht nicht allen, dem Zielpublikum, das über 60 ist oder über 70, ist es vielleicht nicht zuzutrauen, das ständig zu machen. Wie alt ist das Zielpublikum vom Tatort? Das ist eine spannende Frage. Der Durchschnitt lag tatsächlich irgendwo bei 70. Wirklich, ein echter Durchschnitt. Da sind die Jüngeren schon mit dabei.
Florian Bayer: Ich hätte gedacht, der ist viel, viel, viel, viel jünger, der Tatort, weil es ja mittlerweile wirklich, es gibt ja einfach Hipster, die Tatort lieben und das richtig zelebrieren.
Johannes Franke: Kannst du das kurz googeln nochmal, weil das ist eine Zahl, die ich irgendwann mal am Set, wenn man sich unterhält mit dem und dem und mit dem und dem, dann sagt einer mal diese Zahl. Die wurde sehr ernsthaft reingeworfen, aber ich weiß nicht, vielleicht sind das auch falsche Informationen.
Florian Bayer: Altersstruktur der Zuschauer 2010. Da finde ich keinen Schnitt, aber das sind tatsächlich nur 25 Prozent 60 Jahre und älter. Aha. Von 25 Prozent 45 bis 59.
Johannes Franke: Das kann ich mir fast nicht vorstellen, aber für den Tatort, ja? Nicht für das ZDF oder für das ARD allgemein, sondern der Tatort.
Florian Bayer: Warte mal, an der Befragung insgesamt nach Altersgruppen, die häufig die Krimi-Serie Tatort schauen. Das macht keinen Sinn, was hier ist. Das ist merkwürdig. Warte, das ist eine schlechte Statistik. Ich gucke mal kurz weiter. Stimmt. Ich bin auch sehr neugierig und das interessiert mich natürlich auch, weil ich hätte gedacht, dass tatsächlich das, mittlerweile das Durchschnittsalter vom durchschnittlichen Tatort-Zuschauer deutlich niedriger liegt als noch vor 20 Jahren. Einfach, weil es diese, diesen Kultrum herum gibt. Und, ja, also, ich meine, hier in Berlin, wenn du durch die Straßen gehst, findest du ohne Probleme innerhalb kürzester Zeit eine Kneipe, die einen Tatort-Abend macht. Und ich glaube, das Publikum da dürfte eher nicht jenseits der 60 sein, sondern das dürften eher jüngere Zuschauer sein.
Johannes Franke: Ja. Hm. Also, die Zahlen, die ich damals gehört habe am Set, wenn man sich unterhält, die waren erschreckend.
Florian Bayer: Ja, ich habe gerade gesagt, das klang total krass.
Johannes Franke: Ja. Man ahnt es aber, das dann wirklich zu hören ist, uff. Autsch. Ja. Und die Beschwerden, also, wenn ich am Set bin und wir etwas drehen, von dem ich weiß, das sind die älteren Zuschauer, dann muss ich bestimmte Sachen einhalten. Es gibt eine freiwillige Selbstkontrolle, was die Sachen, was mit Fluchen betrifft. Ich darf bestimmte Sachen nicht sagen, ne? Also, scheiße ist okay, aber so moderneres Fluchen, heftigeres Fluchen geht nicht. Ich weiß, ich muss eigentlich relativ deutlich reden. Krass. Obwohl Film nun eigentlich, wenn man es realistisch machen will, dann musst du viel mehr, also jetzt nicht, nicht wie Til Schweiger vor sich hin nuscheln und man versteht nur so ein Drittel. Aber, dass man mal etwas wegspricht oder dass man etwas, dass man nicht die Endungen betont und wie Theater rüberkommt, das sind die häufigsten Beschwerden, soweit ich das weiß, von Zuschauern, von Tatort und Co. Dass die Schauspieler schwer zu verstehen sind. Krass. Weil, weil einfach, naja, natürlich, die Altersstruktur. Du hast eben Zuhörer, die dann, die ein schlechtes Gehör haben dann und dann, wenn du nur noch Fernsehen dafür machen möchtest, dann musst du natürlich auf bestimmte Sachen achten.
Florian Bayer: Krass, krass, krass. Und das ist dann tatsächlich, das ist dann einfach die Ansage, die du kriegst. Die sagen dir, hey, denk dran, du musst jetzt deutlich reden. Wir machen hier einen Tatort.
Johannes Franke: Und die Ironie, die dabei verwindelt wird, ist dann, das ist ja dann der Satz, an Tante Erna, Oma Erna muss es ja auch noch beim Bügeln verstehen. Wenn sie mal fünf Minuten nicht hingeguckt hat, muss sie wieder reinkommen. Die Ehre des deutschen Fernsehens in a nutshell. Das heißt, alle fünf Minuten muss nochmal erklärt werden, was bis jetzt geschah. Fuck. Oh, ist das traurig.
Florian Bayer: Oh Mann, mit dieser Vorfreude gehen wir ans deutsche Fernsehen heran.
Johannes Franke: Ich möchte trotzdem gerne verteidigen, wie schön es ist, als Schauspieler in dieser Fernsehlandschaft zu arbeiten. Es macht wahnsinnig viel Spaß. Es ist trotzdem schön. Ich habe trotzdem sehr viel Spaß dabei, das zu machen und ich liebe diesen Beruf. Aber es gibt einfach Aspekte, die einen ein bisschen traurig stimmen. Irgendwie sowas. Shit. Naja. Okay.
Florian Bayer: Große Vorfreude. Wir widmen uns nächste Woche, nachdem wir jetzt wirklich viel und ausgiebig in internationalen Gewässern gefischt haben, widmen wir uns dem deutschen Fernsehen. Einmal ZDF, einmal ARD, einmal Rosamunde Pilcher, einmal Tatort.
Johannes Franke: Es wird auch Zeitplor. Wir haben jetzt irgendwie 20 Episoden ohne verbracht. Be prepared. Be prepared. Bis nächste Woche. Bis nächste Woche. Ciao. Ciao.
