Episode 28: Orlando, The Holy Mountain

Es ist immer ein Erlebnis, wenn Johannes mit einem von Florian vorgeschlagenen Film überhaupt nichts anfangen kann. Bei Alejandro Jodorowskys surrealem Psychedelicfest The Holy Mountain aus dem Jahr 1973 ist das ganz besonders der Fall. Und so diskutieren wir munter über Sinn und Unsinn dieses verworrenen Kunstfilmklassikers, darüber, ob bizarre, abwegige Filme unterhaltsam sein können und wer Johannes die verlorene Lebenszeit zurückgibt. Bei Johannes‘ Vorschlag sind wir uns dagegen ziemlich einig: Sally Potters Literaturverfilmung Orlando aus dem Jahr 1993 ist nicht nur ein faszinierender Ritt durch die Epochen sondern auch heute, fast 100 Jahre nach der literarischen Vorlage und fast 30 Jahre nach ihrer Verfilmung brandaktuell.

Es geht also zu wie immer: Wir lachen miteinander, diskutieren, streiten und versöhnen uns. Und Tee gibt es natürlich auch. Auch zwei Toplisten haben sich im Gespräch verirrt: Wir sammeln die besten Reisefilme und erfreuen uns an den spannendsten übernatürlichen Begebenheiten im Kino.

Orlando [Sally Potter]

(Großbritannien 1993)

Wir schreiben das Jahr 1603. An ihrem Sterbebett schenkt Queen Elizabeth I dem jungen Orlando Land und Schloss, mit den Worten „Do not fade. Do not wither. Do not grow old.“
Worte die der Film sehr ernst nimmt. Tilda Swinton darf sich als Orlando durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart spielen und beide Geschlechterrollen erfahrbar machen.

Eine echte Story heraus zu schälen würde dem, nach einer Vorlage des gleichnamigen Buches von Virginia Woolf entstandenen Film, vielleicht mehr schaden als helfen, deshalb sei nur gesagt: wir erleben einfach die Welt durch Orlandos Augen und durch sein/ihr wechselndes Geschlecht. Unaufgeregt aber nicht emotionslos.

Ein Film der heute wieder aktueller denn je ist, Plor, ODER??!!

The Holy Mountain [Alejandro Jodorowsky]

(Mexiko 1973)

Alejandro Jordowsky gehört zu den großen Ikonen des surrealistischen Kinos. In den frühen 1970er Jahren, als das von Louis Bunuel und den europäischen Arthaus-Filmen dominierte Genre eigentlich schon seinen Höhepunkt hinter sich hatte und nur noch ein filmhistorisches Phänomen war, schuf Jodorowsky cineastische Werke, die eng mit dem Geist Bunuels, Dalis und Eschers verknüpft waren und dem künstlerischen Genre neues Leben einhauchten. Der berühmteste davon ist Holy Mountain aus dem Jahr 1973.

Wie es sich für ein surrealistisches Werk gehört, gibt es zwar eine Handlung, diese besitzt jedoch weder Kohärenz noch durchgängige Logik. Im Mittelpunkt steht mal der Dieb, der auf einer Suche ist. Wonach wird sich dem Publikum wohl nie ganz erschließen. Dann steht im Mittelpunkt der Alchemist, der sehr genau weiß, wonach er sucht: Dem titelgebenden heiligen Berg. Warum dessen Geheimnis so wichtig ist, warum der Alchemist unbedingt dort hin will, das wird sich dem Publikum wohl nie ganz erschließen. Und im Mittelpunkt stehen die Gefährten der beiden, einer nach dem anderen vorgestellt in einem großen satirischen Kaleidoskop. Warum wir so viel über deren Leben und Wirken erfahren… auch das wird sich dem Publikum wohl nie so ganz erschließen. Und eine Rolle für den Fortlauf der Handlung scheint es auch nicht zu spielen.

Aber Holy Mountain ist auch kein Film, der eine stringente Geschichte erzählen will. Und – wichtig für sein surreales Moment – kein Film, der entschlüsselt werden will. Er ist ein emotionales und vor allem ein visuelles Erlebnis, fern von Logik und Realität: Vögel schlüpfen aus den Wunden erschossener Menschen, aus Scheiße wird im wahrsten Sinne des Wortes Gold gemacht, libidöse Maschinen wollen zum Orgasmus gebracht werden und am Ende löst sich alles in selbstreferenziellem Wohlgefallen auf.

Holy Mountain ist ein Spektakel der Bilder und Ideen: Kryptisch, verschlungen, sexuell aufreizend, gewalttätig, provokant, satirisch, bunt, elegisch, esoterisch und transzendental. Mal scheint er einer reinen LSD-Fantasie entsprungen, mal kommt er als gesellschaftskritisches Parabel daher, mal wirkt er wie das Werbevideo eines New Age Gurus.

Am Ende ist man vor allem ermattet. Vielleicht aber auch glücklich, einem derart speziellen cineastischen Ereignis beigewohnt zu haben. Warst du es, Johannes?