Episode 66: Das Fenster zum Hof – Alfred Hitchcock und der Voyeurismus
Mit gebrochenem Bein muss der Fotograf Jeff in seinem Hinterhofappartment der Langeweile trotzen und einen Weg finden sich zu beschäftigen, während er sehnsüchtig den Tag erwartet, an dem sein Gips abgenommen werden soll. Eine Woche noch. Dann ist es geschafft.
Aber was macht man mit so einer Woche?
Jeff beschließt seine Nachbarn zu bespitzeln, die wegen einer Hitzewelle alle Fenster weit offen stehen lassen. Und damit Einblicke geben in ihr mehr oder weniger spannendes Leben.
Besonders bei einem Nachbarn wird Jeff im Zuge seiner Beobachtungen misstrauisch. Hat der Typ etwa seine Frau umgebracht? Jeff steigert sich in diesen Gedanken und zieht seine Freundin und einen befreundeten Detective mit in die Sache rein.
Die ganze Zeit sieht man Jeff am Fenster sitzen das nicht zufällig Cinemascope-Format hat. Er schaut wie auf eine Leinwand ins leben der anderen. Ist „Rear Window“ in Deutschland bekannt als „Das Fenster zum Hof“ aus dem Jahr 1954 etwa ein Film über das Filmemachen? Was meinst du Plor?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 66: Das Fenster zum Hof – Alfred Hitchcock und der Voyeurismus Publishing Date: 2022-04-06T15:51:14+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2022/04/06/episode-66-das-fenster-zum-hof-alfred-hitchcock-und-der-voyeurismus/
Florian Bayer: In dieser großartigen Szene, wo sie dann irgendwann zu dritt am Fenster stehen und alle drei gucken, schockiert rüber und versuchen irgendwie herauszufinden, was hat es mit diesem suspekten Nachbarn auf sich.
Johannes Franke: Sind das vielleicht die Produzenten, die Hitchcock über die Schulter schauen, während er seinen Film macht, die alle gucken und sich das Maul zerreißen, nee, ich würde das anders machen, ach, und dann müssen wir das machen und so muss es sein. Ist das Hitchcock, der sich beschwert über die Filmlandschaft? Klar, es läuft. Ja, wo sind wir denn? Wo sind wir denn? Wir sind in meiner Küche. Ja, wir sind in deiner Küche und wir sind bei Sir Alfred Hitchcock. Oh, wollen wir wenigstens kurz die Leute ein bisschen, hallo liebe Leute.
Florian Bayer: Los geht's.
Johannes Franke: Also ich bin ja der Meinung, dass seine psychische Verfassung ganz eindeutig ein wesentlicher Faktor auch für Grace Kellys Rolle ist. Willkommen hier zum Muss man sehen Podcast. Wir sind gerade noch dabei, uns Tee einzuschenken und Zucker in den Tee zu werfen, möglichst viel, um die Probleme der letzten Tage zu vergessen.
Florian Bayer: Ja, es ist ja toll, es hat ja so ein bisschen Live-Atmosphäre, das ist so wie so ein Twitch-Stream, wenn der anfängt, hast du auch die Leute, die noch labern und dann funktioniert irgendwas mit der Technik nicht und dann ist nochmal so Test, Test, Test und sowas. Und das hat hier jetzt auch so diese Live-Atmosphäre. Wir bereiten noch alles vor. Natürlich könnte Johannes das alles rausschneiden nachher, aber das machen wir nicht, weil wir wollen euch das authentische Erlebnis geben, das wir hier haben beim Aufzeichnen. Genau.
Johannes Franke: Und falls jetzt ein Schnitt war, es kann sein, dass wir jetzt noch zwei Stunden über irgendwie mit Scheiß geredet haben, vielleicht gehen wir in die Episode langsam rein. Wir haben ja das Konzept, nur für die, die es noch nicht wissen, dass wir dem jeweils anderen einen Film aufgeben als Hausaufgabe, den der andere im Idealfall noch nicht gesehen hat und vielleicht mal sehen sollte, um den Horizont desjenigen zu erweitern. Wahrscheinlich, meistens hat er den aus guten Gründen nicht gesehen, weil er zum Beispiel keine Horrorfilme mag, Plor.
Florian Bayer: Aber gut, dann muss man halt gucken, was der andere will. Und diese Woche ist Johannes dran, hat mir was aufgegeben, was auch vorkommen kann. Ein Film, den der andere schon kennt. Ja. Weil es einer der berühmtesten Thriller der Filmgeschichte ist, Johannes. Wobei Thriller ja fast schon zu viel gesagt ist. Die Genre-Frage, die müssen wir auf jeden Fall nachher beantworten, weil es gibt offensichtlich eine große Debatte darüber, zu welchem Genre dieser Film gehört. Es handelt sich dabei um Das Fenster zum Hof. Rear Window im englischen Original. Aus dem Jahre 1954 von Alfred Hitchcock. Ein amerikanischer Film von ihm. Und so seine mittlere Schaffensperiode, die von vielen als seine, mit seine stärkste gesehen wird.
Johannes Franke: Ja, seine potenteste, wenn man so sagen will. Hat er auch selber gesagt, er war über diese Zeit, in der jetzt Rear Window und so weiter entstanden ist, hat er mal gesagt, dass wirklich eine sehr, sehr kreative Zeit für ihn war. Und dass er da nur Kraft in Erinnerung hat von seiner Seite. Es war die Zeit der Unabhängigkeit.
Florian Bayer: Es war, er hat von Warner Brothers, weil er sich von denen dann auch irgendwann zu sehr gegängelt gefühlt hat. Das ist so ein Stable in Hitchcocks Karriere, dass er seine eigenen Filme drehen will. Und dann fühlt er sich immer von den Studios, mit denen er zusammenarbeitet, irgendwann zu sehr gegängelt und wechselt. Und er hat von Warner Brothers zu Paramount gewechselt. Anfang der 50er Jahre. Und das ist auch sein erster Paramount-Film. Es ist markiert zu dem Beginn einer sehr erfolgreichen Zeit für Hitchcock, der nach das Fenster zum Hof kam, über den Dächern von Nizza. Immer Ärger mit Harry, der Mann, der zu viel wusste. Ein Remake von einem etwas älteren Film. Es war einfach eine Zeit, in der er sehr viele Filme gedreht hat, die so ziemlich genau in seinem Genre lagen. Was er gerne gemacht hat. Thriller mit ironischer Brechung und tiefen Psychologie ein bisschen.
Johannes Franke: Ein bisschen.
Florian Bayer: Und auch so die Zeiten, in der die Hitchcock-Blondine nochmal ganz stark gemacht wurde. Der wird mir auch in diesem Film begegnen. Und es ist eine spannende Zeit von Hitchcock. Also wie gesagt, ich kenne den Film schon die meisten von euch. Werden ihn vielleicht auch kennen, keine Ahnung. Es ist halt ein Klassiker.
Johannes Franke: Ja, ich bin froh, dass wir darüber mal reden. Ich habe den auch lange nicht gesehen, obwohl ich sagen muss, dass das tatsächlich mein liebster Hitchcock ist. Natürlich Vertigo und wie sie alle heißen, die sind alle gut. Aber irgendwie, finde ich, hat dieser Film sehr viele Trademarks, die er später nicht so gewinnbringend einbringt wie hier. Aber wir können ja mal reingehen.
Florian Bayer: Ja, wir gehen einfach mal rein. Du hast einen bestimmten Text vorbereitet, den du uns jetzt vorlesen kannst. Und danach steigen wir einfach mal ein in die Debatte. Und stellen und beantworten die Frage, ob es sich denn tatsächlich um den besten Hitchcock-Film handelt. Ich ahne schon, dass du anderer Meinung bist.
Johannes Franke: Okay. So, Rear Window. Mit gebrochenem Bein muss der Fotograf Jeff in seinem Hinterhof-Apartment der Langeweile trutzen und sich beschäftigen. Während er sehnsüchtig den Tag erwartet, an dem sein Gips abgenommen werden soll. Eine Woche noch, dann ist es geschafft. Aber was macht man mit so einer Woche? Jeff beschließt, seinen Nachbarn zu bespitzeln. Die wegen einer Hitzewelle alle Fenster weit offen stehen lassen und damit Einblicke geben in ihr mehr oder weniger spannendes Leben. Besonders bei einem Nachbarn wird Jeff im Zuge seiner Beobachtungen misstrauisch. Hat der Typ etwa seine Frau umgebracht? Jeff steigert sich in diesen Gedanken hinein und zieht seine Freundin und einen befreundeten Detective mit in die Sache. Die ganze Zeit sieht man Jeff am Fenster sitzen, das nicht zufällig Cinemascope-Format hat. Er schaut wie auf eine Leinwand ins Leben der anderen. Ist das Fenster zum Hof etwa ein Film übers Filme machen? Was meinst du, Flor?
Florian Bayer: Da hast du jetzt gleich noch ein weiteres Genre reingemorfen. Die Debatte ist ja offensichtlich ganz oft, ob es sich um einen Thriller oder vielleicht sogar um einen Liebesfilm handelt. Ja. Ich würde mich tatsächlich auf die Seite von denen stellen, die man auch oft hört, dass es sich um eine Komödie handelt. Ja, genau. Also für einen Thriller ist es ein unglaublich lustiger Film. Aber natürlich, also wenn du schon die Frage so stellst, natürlich hat es diese Metafilmaspekte. Wobei ich glaube, Hitchcock will nicht unbedingt über Filme machen erzählen, sondern vielmehr über das Beobachten an und für sich, über den Voyeurismus, der in jedem von uns schlummert. Und dieser Voyeurismus wird dann ja auch teilweise wirklich ganz gekonnt, ironisch inszeniert, indem die Leute, die sich über den Voyeurismus unseres Protagonisten Jeffrey aufregen, selbst, selbst, total diesem Voyeurismus anheimfallen. Und zwar wirklich alle. Und es gibt wirklich ein paar super süße, witzige Szenen zwischen ihm und seiner Freundin Lisa und eigentlich noch mehr ihm und seiner, der heimlichen Hauptdarstellerin, Hauptprotagonistin Stella. Ja. Wo sie sich furchtbar drüber aufregen, was für ein perverser Spanner er ist. Ja, und selber gucken und reden und quatschen. Und dann anfangen mit dem Gossip und reden und gucken und dann sind sie irgendwann voll drin und dann in dieser großartigen Szene, wo sie dann irgendwann zu dritt am Fenster stehen und alle drei gucken, schockiert rüber. Und versuchen irgendwie herauszufinden, was hat es mit diesem suspekten Nachbarn auf sich.
Johannes Franke: Sind das vielleicht die Produzenten, die Hitchcock über die Schulter schauen, während er seinen Film macht, die alle gucken und sich das Maul zerreißen, nee, ich würde das anders machen, ach, und dann müssen wir das machen und so muss es sein. Ist das Hitchcock, der sich beschwert über die Filmlandschaft?
Florian Bayer: Ich glaube, dafür mag er seine Protagonisten zu sehr. Ja, vielleicht. Ich glaube, Hitchcock sieht auch schon sich so ein bisschen selbst in diesem Chef. Ja. Der ein netter Kerl ist, ein Künstler, auch so ein bisschen ein Lebemann, der sich nicht so recht binden will. Dieses Thema, er will sich nicht binden, wird ganz stark im Film thematisiert und wird ganz spannend auch immer wieder projiziert in seine Beobachtungen, weil es gibt ja so ein paar Nachbarn, die er beobachtet, die sehr stark so seinen Zwiespalt darstellen, also zum einen das frisch verheiratete Pärchen und zum zweiten die Miss Lonely Heart und dann natürlich auch zum dritten der Mann, der seine Frau umbringt. Also alles drei so Figuren, die irgendwie Jeffreys Dilemma, er weiß nicht so recht, ob er sich binden will, auf den Punkt bringen. Und er sagt ja, ganz am Anfang diskutiert er mit Stella ganz viel drüber, ob er jetzt diese Lisa heiraten soll, ob das was Ernstes werden soll und sie ist ihm zu perfekt. Und ich glaube, Hitchcock hat sich so ein bisschen selbst auch in dieser Rolle gesehen, der auch vielleicht so Sachen, die ihn nerven in seinem Privatleben oder die ihn stören, auf die Leinwand projiziert. Und der vielleicht auch so ein bisschen lieber in diesem Blick verschwindet, als dass er sich tatsächlich um das reale Geschehen um sich herum kümmert.
Johannes Franke: Das ist so ein bisschen das Ding und deswegen glaube ich schon, dass Hitchcock das sehr deutlich als Film über Filme machen oder den Prozess des Leute beobachtens und dann einen Film draus machen für sich begreift.
Florian Bayer: Es ist ganz spannend, wie er dann auch so ein bisschen in dieser Aktion die Widersprüchlichkeiten aufgreift, weil er findet es teilweise romantisch. Er romantisiert das tatsächlich, wie Leute beobachtet werden. Also dieser Jeffrey wird nie, auch wenn manche über ihn meckern, dass er das macht, also Lisa und Stella regen sich ja doch öfter über seine Beobachtungen auf, aber er wird nie als so ein schlimmer Spanner gezeigt. Er ist nicht der unsympathische, unangenehme Spanner.
Johannes Franke: Es ist manchmal knapp an der Grenze. Also, da gibt es zwei Sets, auf die er schaut. Das eine ist die Ballerina von gegenüber, die Amateur-Tänzerin ist und irgendwie sich da Männer einlädt, um ihre Karriere anzuschieben. Die bewegt sich auf eine Art und Weise, wo man heute ein bisschen Schmerzen hat bei, muss man sagen, weil so bewegt sich kein Mensch allein in seiner Wohnung. Ja, selbst als Tänzerin, da hast du als Tänzerin sowieso ganz anders, weil du ganz anders Disziplinen an den Tag legst und bestimmte Sachen wiederholt repetitiv übst und nicht einfach nur in der Gegend rumtänzelst und mit dem Arsch wackelst für denjenigen, der gerade ins Fenster schaut. Für denjenigen, der ins Fenster schaut. Für Jeffrey? Für uns? Ja, ein bisschen mehr für uns sogar. Das ist halt so Eye-Candy. Und das ist das, was das eine, wo er hinschält immer und wo mir wirklich ein bisschen schlecht wird, weil er immer wieder hinschält und auch auf eine bestimmte Art und Weise reagiert. Wir haben ja immer Schuss gegen Schuss und dann sehen wir, was er sieht und dann wie er reagiert. Das ist ja ein wiederholtes Pattern, was den Film überbestimmt. Und das andere ist das verheiratete Pärchen. Er schaut immer wieder rüber auf das Fenster, wo er genau weiß, die haben dahinter jetzt gerade sehr, sehr viel Sex.
Florian Bayer: Aber die Beobachtung des verheirateten Pärchens habe ich zumindest eher als so eine Widerspiegelung seiner Sehnsucht gelesen. Und sein, wie Lämmer das da mit sich rumträgt. Es gibt diese ganz tolle Szene, wenn Lisa beschließt, bei ihm zu bleiben abends und dann sagt sie, ja, ich bleib bei dir, ich mach dir noch was zu essen, es wird schön und so. Und er freut sich darüber und dann guckt er rüber und dann sehen wir, das verheiratete Pärchen hatte die ganze Zeit den Fensterladen runter. Und man hat nicht gesehen, was da passiert. Und dann sehen wir aber, wie er mal hochgezogen wird und der junge Mann sich aus dem Fenster lehnt und ziemlich genervt und gestresst eine Zigarette raucht. Und es ist so toll, dass genau dieser Moment kommt, wenn das mit Lisa wieder so ein bisschen enger wird. Weil das ist natürlich auch seine Angst, in einer Beziehung gefangen zu sein und nicht weiterzukommen und sich dann doch zu früh gebunden zu haben. Und die ist ja in diesem Verhalten wiedergespiegelt. Und man könnte die Frage aufwerfen, wie viel von dem, was er sieht, ist tatsächlich einfach Projektion und auch ein bisschen Einbildung.
Johannes Franke: Da sind wir wieder beim Kino, weil ich glaube nämlich, dass man, wie ja nun in vielen Filmtheorien genau auseinandergenommen wird, man sitzt als Zuschauer vor der Leinwand und projiziert seine eigenen Wünsche und Träume in das, was auf der Leinwand geschieht. Ein guter Film schafft es, jedem irgendwie mit Projektionsfläche zu bieten, ohne zu unkonkret zu werden. Das schafft der Film übrigens auch, finde ich. Und das hat Jeff mit seinem Fenster natürlich. Der projiziert einen Haufen seiner Wünsche und Träume auf dieses Fenster, beziehungsweise auf die ganzen Szenerien, die da passieren.
Florian Bayer: Ja, was natürlich so herausragend funktioniert, weil wir das hier mit einer wirklich radikal subjektiven Perspektive zu tun haben. Ich finde, der Film ist ein Konzeptfilm, man könnte auch sagen ein Gimmickfilm, der, nicht böse gemeint, nicht abwertend gemeint, der das wirklich straight durchzieht. Also vor allem beeindruckend für seine Zeit. Wir haben ja heutzutage immer mal wieder Filme, die mit Perspektiven spielen. Man kennt es aus der Zeit eher so aus dem Experimentalkino. Das hier ist ein großer Film für ein Mainstream-Publikum, der sich ein Gimmick ausgesucht hat. Und das ist dieser Blick, diese Beobachtung und diese subjektive Beobachtung vor allem. Und er zieht das wirklich konsequent durch. Es gibt eine große Perspektivwechselszene, auf die wir glaube ich später erst zu sprechen kommen, die super spannend ist. Aber ansonsten, wir sind komplett im Blick unseres Protagonisten und wir sehen, was er sieht. Und wir wissen auch nur, was er weiß. Und es ist toll, es ist wirklich großartig. Es ist wirklich gut gemacht und es sorgt für eine Menge Spannungseffekte. Und das klassische Hitchcock-Suspens-Thema ist ja, dass eigentlich Suspens dadurch entsteht, dass wir als Zuschauer mehr wissen, als die Protagonistinnen oder Protagonisten. In dem Fall entsteht die Suspens dadurch, dass er, wie die Zuschauer, mehr weiß, als zum Beispiel natürlich in der spannendsten Szene des Films Lisa, die gerade im Apartment des vermeintlichen Mörders ist und da alles durchsucht und er sieht halt, wie der Mörder kommt. Und wie er nach ihr sucht und sie hat sich irgendwo versteckt und er guckt sich in der Wohnung um, weil er weiß, dass da jemand ist. Und das ist ein ganz interessantes Spiel, weil Hitchcock-Suspens lebt sonst immer davon, dass wir als Zuschauer mehr wissen, als die, die wir beobachten.
Johannes Franke: Aber er hat das Konzept ja nicht geändert. Er hat ja bloß gesagt, er verlagert ja bloß den Wissensvorsprung auf eine andere Person. Genau. Also sein To-Go-Suspens-Moment ist immer der Wissensvorsprung, egal ob wir den haben oder ob das eine andere Figur hat im Film. Und das finde ich sehr spannend. Aber wir wissen natürlich auch ganz lange nur so viel wie Jeff weiß und da hat keiner wirklich einen Wissensvorsprung, außer der Mörder vielleicht. Aber naja. Ja, es bleibt ja auch ganz viel ungeklärt. Wir erfahren auch den ganzen Film, wir erfahren nichts über die Vorgeschichte.
Florian Bayer: Wir wissen nicht, warum dieser Mord stattgefunden hat. Genau. Wir wissen nicht, was mit der Leiche konkret passiert ist, wo er die Leiche hingeschafft hat. Wir wissen bis zum Schluss nicht, was im Garten vergraben ist, was ja so ein ganz, ganz wichtiger Moment für die Detektivarbeit von ihm ist. Es bleibt ganz vieles vage, weil wir eben an diese subjektive Perspektive gebunden sind. Und weil es eben keine Detektiv-Story ist in dem Sinne.
Johannes Franke: Es ist nicht who done it, sondern hat er es getan oder nicht? Und das finde ich spannend. Das heißt, wir kommen an den Moment, er robbt sich an den Moment ran, an dem normalerweise die Detektiv-Geschichten anfangen. Also bis zu dem Moment, wo feststellt, okay, da ist Ermittlungsarbeit nötig. Wieso ist das passiert und was passiert? Aber das wird ja dann alles ausgeblendet, das passiert ja nicht mehr.
Florian Bayer: Das meine ich auch mit Konzept straight durchziehen. Er ist natürlich ein Zivilist, er ist kein Polizist. Und die Ermittlungsarbeit, die gemacht wird, die kriegen wir ja von seinem Freund präsentiert, von diesem Doyle. Und wir erfahren die ganzen Ergebnisse der Ermittlungen nur aus dritter Hand. Und selbst dann, wenn sie ermitteln als Dreiergruppe, dann ist es auch nicht er, der ermittelt, sondern es ist halt Lisa, die noch beide Beine hat, die in das Apartment rübergehen kann. Und er ist halt tatsächlich den ganzen Tag im Rollstuhl. Er kann sich nicht bewegen. Es ist auch wirklich, er ist nur in dieser Wohnung, nur an diesem Fenster. Und er hat keine Möglichkeit wirklich zu ermitteln. Er kann nur spekulieren und mit seinen Spekulationen arbeiten. Und das, was er sieht, halt irgendwie versuchen, daraus irgendwie einen Sinn zu machen. Ja, ich habe einen Schrei gehört. Ich sehe, dass der Typ mehrmals aus der Wohnung rausgeht. Ich sehe, dass da ein toter Hund liegt und so weiter. Aber es gibt nur diese Bruchstücke der Handlung.
Johannes Franke: Ich finde es ganz toll gemacht, dieses zu wissen, vielleicht ist der Typ einfach nur verrückt geworden, weil er so vor Langeweile gar nichts mehr machen kann und einfach nur da sitzt. Und man sieht es ihm ja auch wirklich an. Die Langeweile nagt an ihm. Und das ist das Starke an dem Film, dass man wirklich die ganze Zeit überlegt, ist der einfach nur verrückt geworden? Ist da irgendwie, hat der Detektiv recht, dass er immer wieder sagt, nein, aber es ist völlig normal, was da passiert. Jeder geht mal nachts raus und jeder hat mal irgendwie so. Ja. Und das ist cool. Also natürlich habe ich den Wissensvorsprung jetzt beim Gucken wieder gehabt. Ich wusste, wie es ausgeht. Aber ich merke während des Films, dass man diesen Gedanken hat. Ja. Dass man darüber nachdenkt, ist da wirklich was oder nichts?
Florian Bayer: Das ist ganz spannend, weil wir hier natürlich auch zwei Protagonisten haben. Zum einen diesen Jeffrey, der irgendwie so ein bisschen für uns Zuschauer einfach der zweite Blick ist. Die beobachtende Instanz. Also wir sehen einfach alles, was im Film geschieht, durch seine Augen. Und er wird tatsächlich, dafür wird er tatsächlich schon uns sehr viel vorgestellt. Wir erfahren einiges über ihn. Er ist halt ein Fotograf. Er hat einen Unfall gehabt, weil er das beste Foto auf der Rennbahn machen wollte. Und wir sehen auch an seinen Fotos, dass es offensichtlich mag, sich in Gefahren zu begeben für seine Fotos. Das sind super Einstiefe. Dieser Schwenk über die verschiedenen Fotos, die er gemacht hat.
Johannes Franke: Toll. Es ist Hitchcock. Es ist wirklich großartig. Ich weiß nicht, worauf du hinaus wolltest, aber ich muss jetzt kurz mal den Schwenk noch mitnehmen.
Florian Bayer: Wir erzählen einen Charakter in wenigen Dialogen, in wenigen Bildern. Aber dafür erfahren wir tatsächlich viel über den Charakter. Ein ganz wesentliches Thema bei ihm ist, dass er halt nicht weiß, ob er sich an seine Love Interest, seine Freundin Lisa binden will. Und wir merken halt einfach, dass er gelangweilt ist von diesem Rumsitzen. Der zweite Protagonist, der uns durch diese Augen präsentiert wird von ihm, ist dieser Hof. Der bevölkert ist von lauter interessanten Figuren. Und wir kriegen ganz viele Geschichten erzählt. Und zwar eben total unvollständige, rudimentäre Geschichten durch diese Perspektive. Und es sind aber tolle Geschichten. Es sind sympathische Menschen, es sind interessante Menschen, es sind traurige Menschen. Zum Beispiel haben wir da ganz banale Geschichte, dass Paar das auf dem Balkon schläft. Das finde ich so süß. Die einfach total süß zusammen sind, die dann ihren Hund immer mal wieder runterlassen in den Garten. Und die sich nachts auf den Balkon legen, um zu schlafen, weil es offensichtlich zu heiß ist. Die Herzen wird sehr oft thematisiert durch einen Thermometer. Und man muss immer mal wieder gucken, wie Fahrenheit in Celsius umgerechnet wird. Und das ist einfach putzig. Die machen nicht viel. Wir wissen auch nicht, wie ihr Leben aussieht. Aber wir lernen, sie lieb zu gewinnen. Einfach, weil sie da auf dem Balkon liegen. Dann fängt es an zu regnen. Dann gehen sie mal rein. Dann lassen sie wieder ihren Hund runter. Dann unterhalten sie sich so ein bisschen durchs Fenster. Und wir kriegen nur Bruchstücke von diesem Leben mit. Aber wir fühlen irgendwie mit. Das sind so Nebencharaktere. Und dann daneben haben wir natürlich noch große Geschichten. Wir haben die größte emotionale Geschichte. Mit Sicherheit ist diese Miss Lonely Heart. Die sehr traurig Dates für sich selbst. Organisiert quasi Dinner for One. Und sich schick macht. Und sich dann den Tisch herrichtet. Und dann da sitzt am Tisch, als ob sie jetzt gerade ein Date hätte.
Johannes Franke: Ja. Und sich wirklich unterhält mit Luft. Und da irgendwie Wein anbietet. Und dann in Tränen ausbricht.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ach Gott, das ist traurig. Ja, das ist eben auch wieder eine der Geschichten, die natürlich ihm wiederum zeigen soll. Oder ein Teil von ihm einfach darstellt. Will er einsam bleiben oder nicht? Welche Konsequenzen hat das vielleicht oder nicht? Will er heiraten oder was? Und kann er sie halten oder nicht? Und halt diese ganzen, die Abgründe des Lebens, die dann auf ihn warten könnten. Ja. Die da unten dargestellt werden.
Florian Bayer: Ist das meine Zukunft, wenn ich so weitermache? Ja. Wenn ich es nicht schaffe, mich an eine Person zu binden, sitze ich dann vielleicht auch irgendwann da und habe nur noch mich oder schlechte Dates.
Johannes Franke: Und sie geht ja irgendwann aus und holt sich jemanden. Das ist so schrecklich. Und das ist so schrecklich. Und dann geht die Vorhänge zu, beziehungsweise die Blinds. Aber da kann man noch so ein bisschen durchsehen. Und dann sieht man, wie er sich sexuell sehr viel Freiraum schafft, sagen wir so. Das ist total übergriffig. Es ist unglaublich übergriffig. Also es ist einfach, es ist ein Vergewaltigungsversuch. Ja. So. Und sie schmeißt ihn irgendwann raus, schafft es irgendwie. Was mich ein kleines bisschen verstört, ist, dass Jeff in dem Moment nicht die Polizei ruft. Mhm. Beziehungsweise er ruft die Polizei. Aber nicht deswegen, sondern wegen des Mordes oben drüber.
Florian Bayer: Ja. Es wird auch tatsächlich, also wie es inszeniert wird, ist, wenn man nach einem Musterbeispiel für Rape Culture einen Hollywood-Film der 50er Jahre sucht, ist es das. Es ist ein Vergewaltigungsversuch, der da ist, den wir da sehen. Aber er wird nicht als Vergewaltigungsversuch inszeniert, sondern als misslungenes Date. Und natürlich fühlen wir mit mit ihr. Also wir sollen mitfühlen mit ihr. Aber letzten Endes wird uns erzählt, dass, oh Gott, ihre Einsamkeit ist noch schlimmer, weil jetzt auch noch so komische Typen in ihr Leben kommen. Aber es wird tatsächlich nicht als das erzählt, was es ist aus unserer heutigen Perspektive. Ja.
Johannes Franke: Und das ist wirklich eine, das möchte ich gerne anpinnen, einmal an unsere Fallwand. Das ist ein Punkt, der dem Film nicht so gut tut. Ja. Der wirklich ein bisschen, wo man denkt,
Florian Bayer: ah, das ist ein Punkt, wo man einfach sieht, dass es ein Film aus den 50ern ist. Ja, genau. Und zwar auf unangenehme Weise. Es gibt so ein paar putzige Momente, wo man sieht, dass das ein Film aus den 50ern ist. Zum Beispiel, als er mit Lisa diskutiert und mit Doyle über seinen Nachbarn. Und dann wird der Punkt gebracht, Moment, erzählst du eigentlich alles deinem Vermieter? Und dann ist klar, dass damit gemeint ist, hey, er hat hier Damenbesuch und er ist nicht verheiratet. Ja, genau. Und damit verstößt er gegen mehrere Sittengesetze der 50er Jahre. Das ist irgendwie ganz putzig, wo wir wissen, das ist eine wilde Ehe, die die da eigentlich führen.
Johannes Franke: Ja, ja, genau. Allerdings, wenn du das schon ansprichst, wieder die andere Seite, die sprechen mit dem Detective gerade und sie sagt, sie würde doch ihren Schmuck nicht zurücklassen. None|Ja. Wo ich so denke, was hast du für Sorgen, wenn du deinen Schmuck ins Krankenhaus mitnehmen willst? Oder weiß ich nicht, wo die da annehmen, was hier ist. Aber das ist doch bescheuert. Also was sie da anbringt an Argumenten dafür, dass diese Frau mit ihrer Handtasche und ihrem ... Hitchcock will in dem Moment einfach nur erzählen, ihr Männer habt keine Ahnung, was Frauen in ihren Handtaschen haben. Das Problem ist bloß, Hitchcock hat selber keine Ahnung, was Frauen in ihren Handtaschen haben und was da irgendwie passiert mit. Und blöfft. Blöfft sich da durch. Also das meiste davon ist Blödsinn, würde ich mal sagen. Behaupte ich jetzt mal so.
Florian Bayer: Für mich fällt es tatsächlich in den Bereich auch putzig 50er Jahre. Dieses Feminine Intuition wird dabei ganz oft thematisiert. Und dann gibt es diesen Moment, wo sein Freund, der Detective, dann sagt, ach, das Feminine Intuition Stuff, der ist übrigens Doyle. Doch, Doyle heißt der. Und dann meckert er darüber und regt sich darüber auf, dass sie das benutzt und sagt, ja, sowas verkauft Magazine, aber das löst doch keine Kriminalfälle. Und er rantet dann so wirklich gegen die Frauen, die keine Kriminalfälle lösen können. Ich fand es in dem Moment einfach witzig. Ich finde, das kann man so ein bisschen mit dem Augenzwinkern sehen, weil es natürlich ist Sexismus und natürlich ist es so ein sehr männlicher Blick auf Thriller, auf Kriminalfälle und auf die Rolle, die Frauen dabei stehen. Ich konnte mir es in dem Moment nicht verkneifen, einfach zu lachen, weil es so niedlich, unschuldig 50er Jahre Sexismus war. Aber es ist schon so ein bisschen, wo man denkt, ah, komm. What the fuck. Dann haben wir den Pianisten noch. Ah, der Pianist, ja. Der versucht,
Johannes Franke: der versucht, einen guten Song zu schreiben. Und das Schöne ist, und es ist nicht so vordergründig, aber er erzählt das so mit Hitchcock, habe ich das Gefühl, dass die Musik sich entwickelt, wie die Beziehung von Jeff zu Lisa sich entwickelt. Also am Anfang noch unsicher. Ich habe eine Energie, das so umzuprobieren. Dann zwischendurch beim Sorgen ist er ein bisschen klimper, klimper. Ach, scheiße, funktioniert nicht. Und so. Und am Ende des Films hat er den Song dann. Ja. So. Zwischendurch gibt es noch die Freunde, die kommen und ihm versuchen zu helfen. Die ganzen Sachen,
Florian Bayer: die in der Beziehung vorliegen. Und es gibt natürlich die Geschichte mit der Miss Lonely Heart, die sich versucht umzubringen. Und seine Musik ist es, die sie vom Selbstmord abhält. Und sie kommen danach am Schluss zusammen. Also da gibt es auch eine sehr süße, die Endgeschichte.
Johannes Franke: Und es ist seine fucking Musik und nicht Jeff, der die Polizei ruft, um ihr das Leben zu retten. Was zur Hölle? Das ist das andere. Nicht nur, dass er nicht das Rape-Ding irgendwie meldet, sondern er sieht auch noch, wie sie einen Haufen Pillen auspackt, um die dann ziemlich sicher totbringend zu schlucken irgendwann. Und er schafft es nicht, mal den Hörern in die Hand zu nehmen und zu sagen, Leute, kommt mal vorbei, da unten passiert was, was vielleicht schlecht sein könnte für die Frau.
Florian Bayer: Immerhin, Stella ist in diesem Moment die Stimme der Vernunft, die sagt, jetzt ruft die Polizei ganz schnell. Es gibt diesen einen Moment, wo sie das zu ihm sagt, als sie das beobachten. Als sie sie beobachten, wie sie die Pillen nimmt.
Johannes Franke: Aber sie beobachten auch oben drüber, das, was mit Dings passiert. Und da rufen sie die Polizei. Es geht nicht um die Frau da unten. Aber sie will tatsächlich, dass er wegen ihr die Polizei ruft. Bist du sicher? Nicht 100 Prozent, jetzt, wenn du das klarkst. Ich habe den Eindruck, dass es irgendwie eher darum ging, dass oben, weil es in dem Moment ist ja Lisa oben in der fremden Wohnung und wird erwischt von dem Typen, von dem Mörder. Und da sagt sie, ruft die Polizei. Und natürlich rufen sie die Polizei.
Florian Bayer: Ja. Aber nicht wegen der Frau da unten. Ich suche mal im Drehbuch kurz nach, ob ich es nochmal zusammenkriege. Aber möchte an dieser Stelle noch eine Sache anbringen, dass ich, als ich den Pianisten gesehen habe, als er zum ersten oder zweiten Mal zu sehen ist, dachte ich, huch, wird da eine homosexuelle Beziehung erzählt? Weil da steht so ein Mann im Hintergrund und lauscht einfach diesen Piano. Und man denkt, oh, interessant. Und dann stellt man fest, ach nee, das ist Hitchcocks Cameo. Das ist einfach nur Hitchcock, der da steht, um sein Gesicht in die 20. Minute Roundabout. Auch komplett, wirklich so komplett random, wie Hitchcock das irgendwann immer gemacht hat. Wir haben einfach Hitchcock, der im Hintergrund steht, während der Pianist übt. Ja. Aber auf den ersten Blick dachte ich, aha, interessant. Aber nein,
Johannes Franke: natürlich nicht. Leider nicht. Hitchcock hat ja immer versucht, sein Cameo dann immer weiter nach vorne zu verlagern. Am Anfang war das wirklich was für ihn, wo er Spaß dran hatte, sich irgendwo zu verstecken. Und dann hat er festgestellt, dass die Leute gar nicht mehr richtig auf den Film geachtet haben. Weil die immer nur noch gesucht haben, wo ist denn Hitchcock in dem Film. Und dann hat er angefangen, seine Auftritte immer weiter früher in den Film hineinzulegen, sodass die Leute gesagt haben, ah, da war er und jetzt kann ich mir den Rest des Films konzentrieren.
Florian Bayer: Und um noch einmal kurz diese Selbstmordszene zu retten, ja, Stella sagt ganz eindeutig, also wir haben Miss Lonely Hearts, die die Pillen nimmt und eine, ein Glas Wasser in die Hand nimmt. Und dann sagt Stella aus dem Off, ruf die Polizei, call the police. Und dann geht auch Jeff ans Telefon, will die Polizei anrufen. und in diesem Moment hören wir die Musik aus dem Pianisten-Apartment und Miss Lonely Hearts hält kurz inne und bringt sich nicht um. Es gibt, also das ist definitiv Stella, die in dem Moment als Stimme der Vernunft sagt, so jetzt musst du die Polizei rufen, da bringt sich gerade jemand um. Aber du hast im Drehbuch nachgeschaut. Ja, aber es war auch im Film so. Ich habe es jetzt im Drehbuch nachgeschaut, um meine Beobachtung aus dem Film zu bestätigen, die du mir nicht glauben wolltest. Stella! Und auch einfach, weil Stella ist fantastisch. Stella ist eine Pflegerin.
Johannes Franke: Ja, Stella ist auch wirklich eine fantastische Person. Wenn wir gleich am Anfang das Gespräch haben, im Einstieg des Films, bin ich so bei ihr und freue mich so über jeden Kommentar, den sie hat. Ich finde es super. Sie ist eine wirklich tolle, starke Person in dem Moment. Sie ist voll cool.
Florian Bayer: Sie ist definitiv, für mich ist sie die heimliche Protagonistin dieses Films. Gespielt von Thelma Ritter, die auch einen großartigen Job macht, so eine ... Sie ist einfach eine, die frei heraus sagt, was sie denkt, die ihn auch ordentlich öfter in die Mangel nimmt, zum Beispiel, weil er sich nicht an Lisa binden will, weil er auch wegen seiner Spannertätigkeiten ... Sie sagt immer mal wieder, ey, irgendwann wirst du verhaftet deswegen. Und dann aber gleichzeitig hat sie schon Bock auf diesen Gossip. Sie lästert dann auch mit ihm und fragt, ey, was gibt es Neues in der Nachbarschaft? Erzähl mal so ein bisschen ihre Yellow Press. Ja. Und wir erfahren gar nicht so viel über sie. Sie wird einmal gefragt, ob sie je ihren Ehring abnehmen würde. Und da sagt sie so ein sehr schönes, resolutes, den würde ich nicht mal abnehmen, den verliere ich erst, wenn ich im Grab lande. Ja, okay. Sonst erfahren wir nicht viel über sie, aber sie ist einfach toll. Sie ist da, sie ist präsent und es gibt einfach wunderschöne Momente auch zwischen ihr und ihm, wo sie sich streiten. Ja, das ist toll. Er echt, jedes Gespräch, ich habe das Gefühl, jedes Wortgefecht verliert. Ja, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Sie ist ihm so dermaßen überlegen. Sie ist allen in diesem Film überlegen. Es gibt diesen Schlagabtausch, ich weiß nicht genau, ob das mit ihr ist oder ob das mit Lisa ist. Da geht es darum, dass diese Frau gegenüber, es gibt dieses Wort Nagging, also dieses mit Worten Nerven. Das hat man früher viel für Frauen, die so Nerven benutzt, was ziemlich fies ist, also einfach sexistisch oft verwendet wurde. Und selbst in diesem Film im 50ern wird, sagt er schon, Wives don't nag anymore, they discuss. Das heißt, es gibt das Bewusstsein so ein bisschen darüber, dass das ein problematisches Ding ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber irgendwie wird es trotzdem befördert. Ja. So, es wird auch in diesem Film immer mal wieder gesagt, he's a nagging wife, in welchem Zusammenhang auch immer, aber das ist schon schwierig. Ja.
Florian Bayer: Dieser Chef ist halt auch so ein Typ der alten Schule, ne? Ja. Also sein Argument auch für Lisa, warum sie wahrscheinlich mit ihm nicht glücklich werden würde, ist, naja, könntest du dir vorstellen, mit dem Koffer mit mir mitzureisen und dann irgendwo in irgendeinem Krisengebiet zu sitzen und da, oder da irgendwo einen Berg hochzuklettern, nichts zu essen zu haben, dich nicht schminken zu können. Das sind die großen Themen für ihn.
Johannes Franke: Ja. Ja, Mann. Aber es ist trotzdem, es sind natürlich die 50er, die sich langsam, vielleicht so langsam ranrobben und so irgendwo auf einem nicht so guten Feld stehen, was das Ranrobben an Feminismus betrifft.
Florian Bayer: Die Beziehung zwischen ihm und Lisa lebt natürlich auch davon, dass sie ihm auch Widerworte gibt, dass sie, und sie auch teilweise die Initiative dann übernimmt, das ist eigentlich sehr schön. Sie glaubt ihm am Anfang nicht so ganz, wenn er das erzählt und dann beobachtet sie aber mit und dann sehen sie ja, wie der vermeintliche Mörder diesen großen Koffer hat und den zumacht und dann sagt sie, okay Chef, erzähl mir nochmal ganz genau, was du gesehen hast und dann übernimmt sie tatsächlich auch diese Detektiv- und Voyeurarbeit mit und ihn macht das total heiß. Es bekommt plötzlich fast so eine sexuelle Komponente. Wenn sie nämlich plötzlich auch zur Voyeurin wird, dann gibt es kurz darauf diese Szene, wo sie sich dieses Niglischee gekauft hat, das sie ihm dann auch präsentiert. Stimmt. Und plötzlich brodelt es. Diese Aufklärungsarbeit, diese Frage, hat da jemand seine Frau umgebracht, wird plötzlich fast zum erotischen Spiel zwischen ihnen beiden.
Johannes Franke: Aber das kennt man auch irgendwie, oder? Dass so eine Beziehung, wenn man so ein gemeinsames, eine gemeinsame Aufgabe findet, die irgendwie, dieser Voyeurismus hat natürlich was Verbotenes. Und dann hat man ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Geheimnis. Ja. Und ich glaube, das macht viel aus und irgendwie kenne ich das auch aus Beziehungen, wenn man irgendwie einen gemeinsamen Feind oder eine gemeinsame irgendwas hat, wo man, was sich so, was so, was man nicht so erzählen würde irgendwie Leuten. Ja. Und das verbindet auch auf eine sexuelle Art und Weise, habe ich das Gefühl.
Florian Bayer: Das ist so süß, weil dieser Film, man natürlich immer ein bisschen balancieren muss damit, weil es ist halt ein Film, ein amerikanischer Film aus den 50ern. Es gibt da einfach diese klaren Regeln, an die sich Filmstudios halten müssen. Was dürfen sie zeigen, was dürfen sie nicht zeigen? Das heißt, die Sexualität, die in diesem Film untergründig vorhanden ist, ist total unschuldig die ganze Zeit. Ja. Also ich glaube, es ist schon, es ist so das Maximum an Hotness, die der Film bringt, wenn sie ihn sehr lange küsst oder wenn sie sich etwas länger küssen. Ansonsten gibt es dieses Versprechen, ich bleibe über Nacht, aber es gibt keine, keine direkten Bilder, die irgendwie auf eine Sexualität zwischen den beiden hindeuten, obwohl ihr ganzes Verhalten schreit danach, wir schnacken zusammen. Ja, ja, natürlich. Grace Kelly als Lisa. Grace Kelly ist großartig. Sie ist verdammt hübsch. Aber sie ist so eine typische
Johannes Franke: Hitchcock-Blondine in diesem Film. Ja, leider, leider. Aber ich finde sie toll. Sie hat auch, sie hat glücklicherweise nicht nur diesen blonden Kopf, sondern eben auch einen Blick, der oft hinter sie nicht wirkt und mehr verrät, also mehr intelligenten Hintergrund verrät.
Florian Bayer: Ja, das ist halt so, dieses Hitchcock-Blondine-Ding auch. Das ist natürlich immer so, du, es sind intelligente Frauen. Ja. Und der Film macht klar, dass sie intelligente Frauen sind. Ja. Also in dem Fall macht klar, dass sie eine intelligente Frau ist. Aber sie bewegt sich doch in einem sehr engen Rahmen, in einem sehr engen Rahmen der Perspektive des Films und des Protagonisten. Sie, ihre Intelligenz wird dann doch eher so als netten Bonus mitgegeben.
Johannes Franke: Ja, ja, das ist der nette Bonus, natürlich. Sie trägt hier und da mal was bei, aber nichts Wesentliches, wenn ich mich richtig erinnere. Nicht, dass ich sagen würde, oh ja, jetzt hat sie, obwohl, naja, aber das ist ihre Aktion, das ist nicht ihre Intelligenz, sondern das ist ihre Aktion, ihre Dummheit eigentlich. Ja, genau. In den Raum hinein zu klettern. Weibliche Intuition.
Florian Bayer: Sie klettert dann nochmal rein, um zu untersuchen, was gibt es da und sie wird dann natürlich auch prompt ertappt. Ja. In einer tatsächlich wirklich spannenden Szene. Ja. Wenn der Mörder, der vermeintliche Mörder zu dem Zeitpunkt noch, oder sagen wir, der mutmaßliche Mörder, Juristen, meldet euch bitte. Wenn er sie ertappt und dann mit ihr diskutiert und dann ruft Jeffrey die Polizei und dann lässt sie sich natürlich verhaften, weil das einfach die Möglichkeit gibt, da rauszukommen.
Johannes Franke: Und das finde ich ganz gut. Das ist ein guter Moment eines Realismus, den ich fast gar nicht erwartet hätte in dem Moment. Ich dachte, sie entkommt dann irgendwie auf irgendeine schlaue Art und Weise wieder oder so. Aber nein, es gibt diese Konfrontation mit dem Typen und die Polizei kommt gerade rechtzeitig, um sie da rauszuholen. Und das finde ich irgendwie gut. Das ist immer ein guter inszenatorischer Hergang,
Florian Bayer: finde ich. Ja, und das ist halt wirklich einfach eine spannende Szene, eben weil wir an die subjektive Perspektive von ihm gefesselt sind. Wir sehen, wir sehen diese Konfrontation zwischen ihr und dem Mörder und das Streitgespräch zwischen denen und wie sie versucht, sich zu rechtfertigen. Und wir wissen nicht, was sie in dem Moment sagt, weil Jeffrey es auch nicht weiß. Wir sehen einfach nur durch seine Augen beziehungsweise durch das Vergrößerungsglas, was da in der Wohnung passiert. Es gibt dann einen schönen Moment, wo der Verdächtige im Spiegel gezeigt wird, wo wir wirklich eine Nahaufnahme haben, die dann möglich ist dadurch, wo wir wirklich auch mal seinen Blick sehen. Weil sonst ist unsere Perspektive halt schon eigentlich immer eine totale Perspektive. Wir können erahnen, was passiert. Wir sehen Abläufe, aber ganz viel von den Dialogen und von dem Wesentlichen bleibt uns verschlossen. Und wir können es uns genauso wie Jeffrey nur selbst zusammenreimen. Das ist ganz interessant im Verhältnis zur Vorlage. Der Film basiert ja auf einer Kurzgeschichte. Ja, 2027 oder sowas? 42. 42, Entschuldigung. It Had To Be Murder von Cornel Woolridge. Und diese Geschichte ist so zwölf Seiten ungefähr lang. Und die ist vom Ton her deutlich anders als der Film. Also es ist so, es ist um einiges ernster. Und da sind auch ganz viele Sachen nicht dabei,
Johannes Franke: die der Film eingeführt hat.
Florian Bayer: Also Lisa existiert nicht. Unser Protagonist in der Kurzgeschichte ist komplett allein und einsam. Was natürlich spannend ist, weil sein Voyeurismus durch seine Einsamkeit auch erzeugt wird. Und die Geschichte hat einen deutlich gehetzteren Ton und einen deutlich angepeitschteren Ton. Es ist auch aus der personalen Perspektive erzählt, aus der Ich-Perspektive erzählt. Und es fehlt so ein bisschen diese ironische Brechung, die wir im Film haben. Der Film präsentiert uns ganz viel mit einem Augen zwingen kann. Und die Geschichte ist doch eher wirklich so ein hard-boiled Krimi, etwas düsterer, auch etwas melodramatischer. Und es fühlt sich schon anders an, wenn man es liest. Aber zumindest diese radikale Ich-Perspektive, die die Geschichte hat, ganz viele Sätze fangen mit Ei an, die hat sich gut in den Film gerettet. Eben weil wir auch im Film diese radikale subjektive Perspektive haben.
Johannes Franke: Aber da zählt auch nichts groß über die anderen Bewohner dieses Hofes. Es geht wirklich nur um den Mörder und um ihn. Ja. Irgendwie. Und er holt den Detective
Florian Bayer: dazu, oder? Genau. Es gibt so ein paar Szenen, dann Momente mit dem Detective. Wie gesagt, das ist eine sehr kurze Geschichte. Ja. Und es wird kurz auf den Hof eingegangen, aber es werden nicht, es werden nicht diese netten Anekdoten erzählt. Ja. Davon lebt der Film ja ganz viel, dass wir diese Anekdoten haben. Genau. Diese kleinen Geschichten, die den Hof auch unglaublich liebenswert machen. Es ist eigentlich auch eine schöne Beobachtung, es sind schöne Beobachtungen, die er anstellt. Die Frau, die jeden Morgen da runter geht zum Sonnenbaden und dann ruft die Nachbarin runter, guten Morgen und sie hört es nicht so, weil sie gerade mit sich selbst beschäftigt ist.
Johannes Franke: Ja. Und es ist ja in einer Großstadt, es ist Greenwich Village. Ja. Und natürlich haben sie im Studio gedreht, also was heißt natürlich, können wir auch gleich nochmal drauf eingehen, was das alles bedeutet. Aber der Kommentar auf dieses Zusammenleben in Mietshäusern, ohne dass man sich wirklich kennt, weil eigentlich, muss man sagen, haben die nicht wirklich viel miteinander. Nee, gar nichts. Der eine bleibt mal kurz stehen und sagt Hallo und dann unterhalten die sich ganz kurz über das Kunstwerk, was sie da erschafft. Wie du gerade sagst, die eine hat gerufen und die andere hat es gar nicht mehr richtig gehört.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das sind alles sehr getrennt voneinander und er ist das erste Mal wahrscheinlich in Jahrzehnten, dass er irgendwie Leute in seinem Kopf immerhin in Verbindung bringt miteinander. Die haben sonst nichts miteinander zu tun.
Florian Bayer: Das ist spannend, weil die Geschichten werden ja wirklich parallel erzählt und beziehen sich aufeinander, ohne dass die Menschen es ahnen. Also das Offensichtlichste ist natürlich das Klavierspiel von dem Klavierspieler. Ja. Aber es sind auch andere Sachen, dass wir eben das verheiratete Paar sehen, das über Miss Lonely Hearts wohnt. Mhm. Der Mörder, der über dem verheirateten Paar, glaube ich, wohnt. Ach nee, das verheiratete Paar ist ein bisschen weiter links. Ist ein bisschen weiter links. Ja. Aber es sind immer so, es sind so Bezüge zwischen den einzelnen Wohnungen. Aber diese Bezüge entstehen natürlich erst dadurch, dass unser Protagonist diese Geschichte erzählt um den Hof herum. 30 Meter in der Breite, 56 Meter in der Länge und 12 Meter in der Höhe. 31 Wohnungen, 12 davon, komplett möbliert.
Johannes Franke: Komplett möbliert und mit einem funktionierenden Abwassersystem. Also nicht nur für den Regen von draußen, eine Kanalisation und so weiter, sondern auch wirklich, dass man auf Toilette gehen konnte innerhalb der Räume und so weiter. Das haben sie alles gebaut. Es sind Häuser gebaut worden in einem Studio dafür. Ja. Seinerzeit das größte
Florian Bayer: in seit der Paramount Studios. Total krass. Unglaublich. Es gab eine eigene Beleuchtung für jede Tageszeit.
Johannes Franke: Die mussten natürlich Sonne simulieren. Die haben tausende von Lampen gehabt und du musst mal ganz kurz darüber nachdenken, wie Kameras damals funktioniert haben. Heute kannst du dir einen Fotoapparat nehmen, der vielleicht noch eine Filmfunktion hat und nachts rausgehen und Sachen drehen. Und du hast was zu sehen. Also vielleicht ist es auch ein bisschen dunkel, aber du hast was zu sehen. Wenn du damals bei Tageslicht Kamera angeworfen hast, dann hattest du gerade so genug Licht. um das wirklich zu drehen. Und der hat so viele Lampen für alle möglichen Lichtstimmungen aufgebaut und Zeug. Und manchmal siehst du so einen Sonnenuntergang oder so, ne? Auf eine ganz bestimmte Art und Weise inszeniert, dass du denkst, what the fuck mussten die da tausende von Lampen haben, damit die, weil das Licht einfach so viel sein muss. Es muss wahnsinnig hell gewesen sein dort und es muss wahnsinnig heiß gewesen sein.
Florian Bayer: Was ganz gut ist, was der Stimmung im Film ja zugute kommt. Es soll heiß sein und es entsteht auch, ich würde behaupten, dass es ein großer Vorteil, dass der Filmstudio entstanden ist, weil diese intime Atmosphäre, dieses Gefühl, obwohl man ein Außen sieht, das nach innen zeigt, das Gefühl, dass man innen ist, ist trotzdem irgendwie die ganze Zeit da und es passt. Es ist einfach intim. Und man fühlt sich in so einem Mikrokosmos dieser Menschen drin und wir verlassen diesen Mikrokosmos auch nicht. Die paar quasi Außenszenen, die wir sehen, ist wirklich, wenn mal jemand so auf der Straße verschwindet, er hat von seinem Fenster so einen ganz kleinen Blick in den Hofeingang und dann sehen wir manchmal Leute vorbeifahren oder vorbeilaufen oder ein Auto vorbeifahren und das ist alles. Ansonsten sind wir, natürlich er ist in seiner Wohnung und wir sind gleichzeitig in diesem Hof und das ist der einzige Ort, an dem wir uns aufhalten und dann auch noch immer nur mit seiner Voyeur-Perspektive. Wir haben keine anderen Perspektive. Das ist total spannend.
Johannes Franke: Großartig, ist wirklich toll. Und wie dann manchmal, also sie zum Beispiel dann stehen bleibt, bevor sie auf die Straße geht und nochmal kurz rüber winkt und dann in der Stadt verschwindet und so, der hat wirklich, Hitchcock hat ja wahnsinnig lange vorher das genau geplant und genau, also es musste ja gebaut werden, es musste genau geplant werden und er hat wirklich den Bauleiter gespielt für das Ding und hat alles, alles entschieden, alles was entschieden werden musste. Der Set-Designer kommt und fragt, welche Farbe willst du an der Wand von dieser Wohnung, die du kaum siehst und er sagt eine Farbe. So, weißt du, das ist halt, er muss alles entscheiden und dann hat er ganz, hat mehrere Fotografen losgeschickt, die in Greenwich Village in der Gegend rumgelaufen sind und Fotos gemacht haben zu jeder Tageszeit, Nachtzeit, bei jedem Wetter, dass er wirklich alles einmal abbilden kann und genau weiß, okay, so fällt das Licht zu dieser Zeit und dann und dann und dort und dort und so und so. Es ist unglaublich.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist ein riesen, riesen Aufwand. Und dann Sets zu bauen, die so sind, dass auch noch die Kameras alle irgendwie ordentlich da reinpassen und dass du beide Perspektiven haben kannst, mit der Kamera quasi außerhalb der Wohnung sein musst, um bestimmte Perspektiven von der POV des Hofes ausmachen zu können, auf Jeff oder auf Lisa. Das ist eine riesige Herausforderung. Das ist richtig krass.
Florian Bayer: Ja. Und dann reden wir mal über Perspektivwechsel. Weil wenn die Krimi-Handlung weitergeht und dann so zu ihrer Konklusion kommt, haben wir einen ganz spannenden Wechsel in der Perspektive nicht nur des Films, sondern auch in unserer Perspektive auf Jeffrey. Und zwar, wenn, nachdem Lisa von der Polizei mitgenommen wurde, Jeffrey hat davor schon beim Mörder angerufen und gesagt, ich weiß, was du getan hast und quasi so eine Erpressung fingiert und dann gibt es einen Moment, wo er angerufen wird und denkt, es wäre eigentlich Doyle, sein Kumpane und dann ist es der Mörder und der Mörder sieht ihn dann. Und dann geht der Mörder zu ihm rüber. Dann haben wir diese Szene, in der der Mörder in seiner Zimmer, im Zimmer steht im Eingang und ihn fragt, was wollen sie? Und dann sehen wir Jeffrey so im Halbdunkel sitzen. Wir sehen sein Gesicht nicht, wir sehen seinen Körper nicht, wir wissen nicht, was er fühlt oder denkt in diesem Moment. Und wir haben die Perspektive des Mörders. Wir blicken plötzlich auf Jeffrey als der mysteriöse Mann, fast schon als der Täter. Als der, der unserem in diesem Moment Protagonisten Thorwald Angst macht und dieser Thorwald weiß auch nicht, wie er mit ihm umgehen soll und er fragt ihn, was er will und es ist so eine merkwürdige Situation, weil Thorwald geht natürlich davon aus, dass Jeffrey Geld will und ihn erpressen will oder so. Aber Jeffrey will das ja gar nicht. Jeffrey weiß selbst nicht so genau, was er will. Er wollte eigentlich nur zugucken und das Rätsel lösen und dann nutzt Jeffrey seinen Blitz, um ihn zu blenden und dann sehen wir nochmal diese Mörderperspektive, indem er diese roten Punkte sieht. Also er kann kurz, er hat so eine rote Fläche dann von den Augen, weil er geblitzt wurde mit so einem Killer-54er-Blitz, der alles blendet, was irgendwie nicht die Augen schließt bei drei. Dann ist es total spannend, weil dann haben wir plötzlich diese Perspektive, plötzlich sehen wir Jeff als das, was er ist, als ein Verbrecher, der andere Menschen gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen beobachtet. Und Jeff ist in diesem Moment der Bösewicht, ne?
Johannes Franke: Ja, und es ist wirklich toll inszeniert. Großartig. Weil du wirklich die Perspektive und du hast plötzlich, steckst du in den Schuhen von dem Mörder, der null Ahnung hat, was da vor sich geht, der einfach nur plötzlich festgestellt hat, ach du Scheiße, ich werde beobachtet und irgendjemand erpresst mich oder will mich erpressen oder antizipiert das natürlich. Und wie du sagst, dieses tolle Bild, wie er da im Schatten sitzt, ruhig wie so ein Mafioso, der sich gleich irgendwie eine Lampe ins Gesicht hält und sagt, du hast mich enttäuscht. Weiß ich nicht.
Florian Bayer: Und dann irgendwelche Erpressungsversuche macht. Auch so dieses visuelle Motiv des Unbekannten. Das haben wir bei Hitchcock ganz oft, dass es so unbekannte, mysteriöse Personen gibt und auch in anderen Züllern. Und die stehen dann im Halbschatten. Wir sehen ihre Gesichter nicht. Das macht diese Spannung aus, dass wir nicht wissen, wer wird uns gleich präsentiert. Das ist toll.
Johannes Franke: Und dieses Blitzlicht, was er verwendet, das ist so ein Stabding in so ein riesiges Teil, was irgendwie dann auslöst, den Blitz auslöst. Dieses Stabding haben die für Star Wars benutzt, für die Lichtschwerter. Das ist genau dieses Modell von Blitzding. Ja, sehr cool. Das ist großartig. Ja, das stimmt. Und ich finde diesen Perspektivwechsel genau deswegen so stark, weil der eben vorher so radikal nur aus Jeffs Perspektive war. Das ist wirklich cool.
Florian Bayer: Was dann wieder die Frage stellt, womit haben wir es hier zu tun? Haben wir es hier mit einem klassischen Thriller zu tun, der die Aufklärung eines Mordes erzählt? Weil das wird ja sehr straight erzählt. Er macht zwar keine richtige Detektivarbeit, aber er kriegt Momente von einem Mord mit und versucht das Puzzle dann zusammenzufügen. Ihm gelingt das am Ende. Er stellt den Mörder, die Polizei kommt, der Mörder wird verhaftet und alles gut. Haben wir eine Liebesgeschichte? Weil geht es darum, dass Jeff eigentlich irgendwie mit Lisa zusammenkommen soll und dass das so ein bisschen so ein katatischer Moment ist, dass sie gemeinsam den Kriminalfall lösen? Was spricht für die Liebesgeschichte?
Johannes Franke: Also ich finde, die Liebesgeschichte ein bisschen schwach. Für mich bildet die zu sehr ab, was in der Zeit einfach an Klischees existierte oder an Ängsten. Ja, ich will mich nicht binden, ich bin der ewige Bachelor oder weiß ich nicht und sie versucht die ganze Zeit nur Glück zu finden in seiner Person.
Florian Bayer: Würde ich unterstützen. Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, die Liebesgeschichte ist so schwach, weil es keinen einzigen Moment gibt, wo ich wirklich die Daumen drücke dafür, dass Jeff das auf die Reihe kriegt und mit Lisa zusammenkommt.
Johannes Franke: Dafür ist er auch zu Arschloch als Typ. So sehr ich das interessant finde, was er am Fenster macht, umso schlimmer finde ich, was er mit ihr macht. Weil er wirklich auf ganz schlechte und sehr toxische Art und Weise ihr einfach nur zu verstehen gibt, du bist nicht die Richtige und irgendwie dulde ich dich jetzt hier so. Und dann, wenn sie dann geht, sagt, oh nein, aber werden wir uns wiedersehen. Das ist alles so flach irgendwie
Florian Bayer: und nicht so schön. Haben wir ein psychologisches Drama über einen perversen Milieu, der nichts anderes will, als irgendwie das Puzzle zusammenzufügen, damit er Lust empfinden kann, so wie es Eric Romais beschrieben hat?
Johannes Franke: Dann müsste das Ende aber anders sein. Dann wäre das Ende logischer, dass es kein Mörder war, sondern dass er irgendwie einfach sich das alles zusammengebastelt hat, um irgendwie aus der Langeweile rauszukommen und vielleicht sogar irgendwie so ein Fetisch zu bedienen.
Florian Bayer: Haben wir eine Auseinandersetzung mit Einsamkeit und dem Blick nach außen, um dieser Einsamkeit innen zu entkommen? Auch nicht. Nein, nein, nein. Ich glaube, es ist ein Film über Filme machen. Okay. Du hast dich am Anfang schon festgelegt, dass es ein Metafilm ist. Ich wollte jetzt noch die ganz krasse, tiefenpsychologische Analyse einbringen, dass wir es hier mit einer Externalisierung von inneren Dämonen zu tun haben, dass alle Figuren, die draußen im Hof stattfinden, nichts anderes sind, als Projektion des Innern von Jeff, die Angst, sich zu binden, vielleicht sogar das Bedürfnis, den Partner umzubringen, um frei zu sein und so weiter. Ich glaube,
Johannes Franke: das könnte unser Middle Ground werden.
Florian Bayer: Ich glaube, das ist gut. Ich habe noch gar nicht gesagt, was ich denke. Ich bin bei all dem weg. Verdammt. Also, wo bist du denn? Ich bin bei der ganz klassischen griechischen Komödie. Ach, okay. Inklusive Läuterung am Ende, weil es gibt diese wunderschöne Schlussszene, nachdem das ganze Chaos vorbei ist und Jeffrey ist aus dem Fenster gefallen beziehungsweise wurde vom Mörder aus dem Fenster geworfen und Gott sei Dank von zwei Polizisten aufgefangen. Komisch gefilmt. Ist egal. Und wir haben diesen wunderschönen Läuterungsmoment, dass in der Schlussszene sitzt er da mit zwei Gipsen, den Rücken dem Fenster zugewandt. Ja. Aber auch Komödie, nicht nur im griechischen Sinne, dass es eben dieses Happy End gibt mit Läuterung, sondern auch Komödie im ganz traditionellen Hollywood-Sinne, weil der Film einfach die ganze Zeit von seinen Augenzwinkern und seinen Witzen lebt. Der Film nimmt sich nicht ernst und der Film spielt die ganze Zeit mit seinen Motiven. Der Voyeurismus wird nie irgendwie in düstere Bahnen gelenkt oder in dramatische, tragische Bahnen. Genauso wenig des Einsamkeits- und E-Themas wird alles mit dem Augenzwinkern erzählt. Und selbst der Mord wird mit dem Augenzwinkern erzählt. Die Grausamkeit wird maximal angedeutet. Ich glaube, das ist eine waschechte Komödie.
Johannes Franke: Das hast du auch am Anfang schon gesagt.
Florian Bayer: Ja. Wir waren von Anfang an schon festgefahren. Wir haben uns nicht entwickelt, die eineinhalb Stunden, die wir jetzt hier drin sitzen. Wir haben eine Erörterung zu liefern, aber haben eigentlich am Anfang schon das Ergebnis unserer Erörterung gezeigt. Und es geht offensichtlich vollkommen auseinander. Wobei ich glaube, dass deine Analyse des Films als Metafilm natürlich das Komödiantische mit einschließt. Das stimmt, da hast du recht, ja. Weil es ist einfach, es gibt so viele ironische und lustige Momente. Alberne Momente zum Beispiel, dass er sich ständig an seinem Gips kratzt oder versucht unter seinem Gips zu kratzen. Ironische Momente in diesen klassischen Screwball-Gesprächen, die er sowohl mit Stella als auch mit Lisa hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Es gibt einfach so viel Humor in diesem Film, dass es eine Krimi-Komödie meint.
Johannes Franke: Aber wenn es eine Komödie ist, eine reine Komödie wäre, dann wäre es eine schlechte Komödie, weil es nicht, es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit lache. Es ist eine großartige Komödie. Also ich lache, aber ich lache nicht im Sinne von sein oder nicht sein. Oder weißt du, diese ganzen Klassiker aus der Zeit.
Florian Bayer: Naja, es ist natürlich keine Farce und keine Slapstick-Komödie oder so. Aber ich finde, der Film ist vom permanenten Schmunzeln begleitet. Ja, okay. Und auch bei mir, ich muss die ganze Zeit schmunzeln bei diesem Film, weil ich mich einfach wohlfühle in diesem Setting. Deswegen gibt es auch nicht so einen Moment der Angst oder der Anspannung, weil es einfach zu amüsant ist, was da passiert.
Johannes Franke: Ja, aber wenn es um Schmunzeln geht und dieses ganze leichte, du sagst, dass du dich wohlfühlst die ganze Zeit in dem Setting und dass das unter Umständen deswegen ist. Und ich glaube, genau das ist es. Also sozial gesehen ist ja ein Lachen im Grunde, das Signalisieren dem Gegenüber, ich bin harmlos und ich bin auf deiner Seite. Und ich glaube, wenn der Film es schafft, sich die ganze Zeit zum Schmunzeln zu bringen, dann liegt das daran, dass du dem Film wohlgesonnen bist und dass du dich wohlfühlst und dass du entspannt sein kannst. Ja. Was gegen den Thriller spricht, weil bei einem Thriller sollte man nicht entspannt sein
Florian Bayer: die ganze Zeit. Also wenn ich ihn als Thriller bewerte, ist es einer von Hitchcocks schwächeren Filmen. Wenn ich ihn als Komödie bewerte, ist es einer von Hitchcocks besten Filmen. Ja. Ja, und ich glaube,
Johannes Franke: die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ich glaube, Hitchcock hat einfach zwar einen Thriller machen wollen, aber hatte keine Lust auf dieses harte Thema. Also ich glaube, er wollte einfach ein bisschen Augenzwinkern unterbringen. Und ich glaube nicht, dass er es als Komödie geplant hat, natürlich nicht. Aber ich denke, dass er einfach aus seiner Haut nicht raus konnte, aus der Phase, in der er vielleicht gerade war und dem Kommentar, den er gerne geben wollte und der natürlich irgendwie komödiantisch durchkommt. Kommen wir ganz kurz nochmal zu Alfred Hitchcock.
Florian Bayer: Wir hatten ja schon mal eine Hitchcock-Komödie. Ja. Die als Komödie einer der schlechtesten Hitchcocks Filme ist überhaupt. Eine der schlechtesten Komödien überhaupt. Nein, das ist viel zu hart. Aber es ist auf jeden Fall, es ist kein Film, auf den Hitchcock stolz war und es war ja auch
Johannes Franke: so eine Auftragsarbeit. Ja, und es war nicht gut.
Florian Bayer: Wir haben ihn besprochen, also ihr könnt gerne reinhören. Es geht um Mr. und Mrs. Smith, der nichts zu tun hat mit Brad Pitt und Angelina Jolie. Was wir dachten. Einer der ersten Filme, den Hitchcock in Amerika gedreht hat. Hitchcocks Karriere ist eigentlich ein Auf und Ab. Hitchcock hat immer, also Hitchcock hat immer großartige Filme gemacht, die zu den besten Filmen ihres Genres jeweils gezählt werden. Ja. Er ist sehr schnell eigentlich so auf den Trichter gekommen, dass Thriller und Krimis seine Filme sind und er hat in den 20ern angefangen. Das ist ja unglaublich, ne? Das ist total krass.
Johannes Franke: Er hat Stummfilme gedreht. Also was der an Kram gemacht hat, von dem wir überhaupt nichts wissen, was wir nie gesehen haben. Also ich habe seine alten Filme aus den 20er, 30er, 40er Jahren nicht gesehen. 40er Jahre ja vielleicht.
Florian Bayer: Da habe ich auch große Bildungslücken, aber es ist einfach, er hat eine unfassbar lange Filmografie und er hat ganz lange in Großbritannien gedreht gedreht und er hat Krimis und Stummfilme dann irgendwann gemacht, die stark inspiriert waren von den deutschen Filmen, auch von den expressionistischen Filmen, die so viel mit Licht und Schatten gespielt haben, mit düsteren Momenten, auch so mit bizarren Momenten. Aber er hat dazwischen halt auch immer andere Sachen gedreht, die Auftragsarbeiten waren. Er hat halt für Studios gearbeitet und er hat irgendwie versucht, sich Unabhängigkeit zu erkämpfen. Ich glaube, dieses Suche nach Unabhängigkeit ist so ein ganz großes Ding in Hitchcocks Karriere. Und er hat es dann immer wieder geschafft, unabhängig von allen Sachen, die ihm eingeredet wurden, einfach wirklich spannende Filme zu machen. Genau die Filme, die er machen wollte. Sowas wie in den 30ern, der Mann, der zu viel wusste oder die 39 Stufen. Und musste dann aber auch immer wieder Filme machen, auf die er eigentlich nicht so Lust hatte.
Johannes Franke: Und da kommen wir wieder auf das, was wir am Anfang hatten zurück, dass er sich immer gegängelt gefühlt hat von irgendwelchen Produktionsleuten, von irgendwelchen Studiobossen, die ihm gesagt haben, du musst das so machen, du musst das so machen. Er hat übrigens den Typen, den Mörder, so besetzt und der sieht sehr grau gefärbt aus, da so. Und das liegt daran, dass er jemanden gesucht hat, der einem Produzenten ähnlich sieht, der ihn immer genervt hat. Er hat diesen David O. Selznick versucht zu imitieren. Ah, ja. Und wenn man sich das Bild anguckt von Selznick, ich hab's gegoogelt, dann sieht man echt eine Ähnlichkeit. Er hat in echt versucht, da irgendwie sich einfach reinzubauen und zu sagen,
Florian Bayer: so, das ist jetzt mein Bösewicht. Und das ist total traurig, weil das war tatsächlich sein Sprung nach Amerika. Das war Ende der 30er Jahre, Anfang der 40er Jahre, war das der erste Vertrag, den er in Amerika unterschrieben hat. Also er war in England schon ein großer Name, aber tatsächlich nur in England. Und sein Ruf ist so ein bisschen Richtung Hollywood. Und dann hat er bei David O. Selznick 1938 einen Vertrag unterschrieben. Und da kam ja dann Mr. und Mrs. Smith zustande, oder nicht? Genau, das war dann in den 40ern, wo er ganz schön Struggle hatte, in Amerika irgendwie anzukommen. Ja. Weil dieser O. Selznick, der zum Beispiel, dessen Produktion hat zum Beispiel Vom Winde verweht gemacht, also der hat wirklich große amerikanische Filme gemacht. Und der war aber ein Kontrollmensch. Der hat unfassbar starke Kontrolle auf die Filme ausgeübt, die in seinem Studio gemacht wurden. Und das musste natürlich zu Konflikten führen mit Hitchcock, der halt sein eigenes Ding machen wollte. Und der ja eigentlich aus England auch so ein bisschen geflohen ist, dass er mehr sein eigenes Ding machen kann, dass er mehr Möglichkeiten hat, sein eigenes Ding zu bringen. Und dann hat er Rebecca gedreht. Das war so sein erster amerikanischer Film 1940. Und dann musste er aber auch halt sowas machen wie Mr. und Mrs. Smith 1941, über den er so alles andere als glücklich war. Ja. Ach Mann. Und dann wiederum war dieser Selznick auch der Grund dafür, dass Hitchcock sich unabhängig gemacht hat. Das war dann Ende der 40er Jahre, als der Vertrag ausgelaufen ist, hat er gesagt, ey, ich hab darauf eigentlich keinen Bock mehr. Und hat dann zuerst zu Warner Brothers gewechselt. Und da war es genauso. Da war er auch unglücklich. Zum Beispiel musste er bei Anruf Mord in 3D drehen. Hatte er überhaupt keine Lust drauf. Ach du Scheiße, Alter. Und hatte die ganz wenig nur eingesetzt. Und das war für ihn halt eine Einschränkung. Weil Hitchcock war einer, dem war immer die Kameraarbeit wichtig. Sieht man in dem Film auch total. Und 3D-Filme waren halt damals so, wenn du einen 3D-Film gedreht hast, gab es krasse Einschränkungen einfach. Genau, bei Fenster vom Hof ist so ein perfektes Beispiel dafür, wie verliebt Hitchcock darin war, wirklich mit Kameraarbeit Spannung zu erzeugen.
Johannes Franke: Und so exakt wie möglich zu sein. Und in einem Bild möglichst viel zu erzählen. Es ist mir den ganzen Film über aufgefallen, dass er wirklich es schafft, ohne Worte ganz, ganz viel zu erzählen. Und nicht, weil irgendjemand Pantomime ausübt und der irgendwie versucht, irgendwas zu vermitteln. Sondern einfach durch Bildaufbau, durch Elemente des Bildes, durch kleine Aktionen, durch ganz kleine Sachen erzählt er so wahnsinnig viel. Und ich war den ganzen Film über allein davon schon begeistert. Weil Hitchcock das einfach gut kann, ohne Worte viel erzählen.
Florian Bayer: Ja. Und das ist tatsächlich, das war sein erster Film, nachdem er genervt war von Warner Brothers, nachdem er gesagt hat, nach diesem 3D-Fiasco, okay, ich hab keinen Bock mehr da drauf, ich mach jetzt mein eigenes Ding. Und das war dann bei Paramount. Und da hat er halt, genau, das Fenster zum Hof. Ich mache jetzt wirklich, ich will jetzt meine Kameravision umsetzen.
Johannes Franke: Ja. Aber es ist toll, dass er dann noch so das Geld bekommen hat dafür, das machen zu können. Und die Studios, ich meine, der hat ein komplettes Stockwert aus dem Studio rausreißen lassen, um das hinzukriegen in der Höhe und so.
Florian Bayer: Und Budget auch überzogen. Also ursprünglich das Budget war 875.000 Dollar und dann musste aber nochmal gut ein Viertel draufgepackt werden. Der kam dann über eine Million. Und das ist damals halt sehr, sehr viel Geld gewesen. 1954 rechnet Inflation mit. Das ist ein richtig teurer Film gewesen. Ja.
Johannes Franke: Und dann hat er aber auch so komische kleine Zeitlupen. Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast, als sie kommt und ihn küsst. Und dann hat er so eine kleine Zeitlupe eingebaut, die natürlich nicht als Zeitlupe gedreht war. Und man merkt es dann, dass das so ein bisschen stockt und so ein bisschen nicht ganz stimmt. Also Hitchcock versucht dann halt auch Technik so ein bisschen an die Grenzen zu bringen, was man auch in dem Moment sieht, wo er da das Fenster runterfällt, dann Jeff später, wo er in den Greenscreen reinfällt oder in den Bluescreen, den die da hatten. Und das einfach überhaupt nicht perspektivisch ja nicht mehr funktioniert und alles nicht mehr stimmt und das alles ein bisschen awkward aussieht. Das hat er ja auch in anderen Filmen verwendet. Ich finde es aber wirklich toll, dass Hitchcock sich immer darum gekümmert hat, technisch weiterzugehen. Er hat gespielt.
Florian Bayer: Gerade bei Paramount hat er viel gespielt. Sein letzter Film bei Paramount war Vertigo. Ah, ja, ja. Und das ist in 1958, wo er diesen berühmten Vertigo-Effekt eigentlich popularisiert hat, den gab es doch vorher ganz selten. Aber eigentlich ist Hitchcock schon irgendwie der Vater von diesem Effekt. Und das war in Vertigo.
Johannes Franke: Beziehungsweise sein Kameramann. Und das ist ein bisschen die Tragik. Hitchcock hat gerne viel für sich in Anspruch genommen, was andere gemacht haben, muss man mal dazu sagen. So ein Film ist ja immer so eine Teamarbeit. Und dieser Vertigo-Effekt, natürlich hat Hitchcock sich mit seinem Kameramann hingesetzt und hat überlegt, was können wir machen. Aber der Kameramann hat das Ganze eigentlich nach vorne geholt und perfektioniert und überhaupt ins Rollen gebracht.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also, ich habe den Namen leider gerade nicht und das ist ziemlich gemein.
Florian Bayer: Geben wir noch einmal kurz ein Stück Ehre zurück. Kamera Robert Burks bei Vertigo. Sehr schön. Toller Typ. Ja. Ja. Es gab auch, glaube ich, Dreitereien darüber, ob es Hitchcock war oder ob es er war. Und natürlich beanspruchte es jeder für sich so ein bisschen auf die Idee gekommen zu sein. Tatsächlich gab es den Effekt auch vorher schon, ne? Der wurde...
Johannes Franke: Aber ich kann mich nicht erinnern, dass der wirklich sinnvoll, wirklich gewinnbringend eingesetzt wurde.
Florian Bayer: Nee, es war halt auch eine Spielerei. Und da wurde er tatsächlich effektiv eingesetzt, um dieses Schwindelgefühl, das der Protagonist hat, der unter Höhenangst leidet, auf einer visuellen Ebene umzusetzen. Das hat ganz hervorragend funktioniert.
Johannes Franke: Und ich mag auch die Farben, die dieser Film hat und überhaupt dieses ganze Technische. Ich finde es ganz toll. Es steht drin in Technikolor gedreht, aber man darf es nicht verwechseln. Es ist nicht das Technikolor, was wir als diese Farben, diese Art und Weise Farben darzustellen können, sondern es ist einfach die Firma Technikolor gewesen. Die haben dann erst... Es gibt so einen Overlap von fünf Jahren, die auch in dem Zeitraum existieren, wo die neue Technik, die dann später zum berühmten Technikolor wurde, schon angefangen hat zu benutzen.
Florian Bayer: Aber das ist bei dem Film nicht der Fall. Noch ein Grund, bei dem Film von einer Komödie zu reden, weil es ist ein sehr bunter Film, ein sehr farbenfroher Film. Das stimmt. Ein fröhlicher Film, was die Farbgebung und Sättigung betrifft. Ja.
Johannes Franke: Ich glaube, es ist... Ne, da würde ich mir jetzt so weit aus dem Fenster lehnen, was für ein Farbgebungskonzept das war. Ja, aber... Keine Ahnung, ich weiß es nicht ganz genau. Wenn wir bei Komödie sind,
Florian Bayer: es gibt ja eine gewisse Fallhöhe, auch bei einer Komödie. Wir haben in diesem Film ein totes Tier.
Johannes Franke: Oh nein, oh nein. Oh, der Hund stirbt.
Florian Bayer: Warum stirbt der Hund? Johannes war offensichtlich so beeindruckt von diesem toten Tier, dass als ich geschrieben habe, Johannes, wir müssen ja Top-3-Voyeur-Filme machen, ganz klar. Spannter-Filme habe ich, glaube ich, hat Johannes gesagt, nein. Ich will eine Top-3 mit toten Hunden. Okay. Du willst Dead Puppies? Du kriegst Dead Puppies. Jingle.
Johannes Franke: Unsere Top-3. Dead Puppies. Okay, das ist jetzt unsere Kategorie. Das ist die Welt, in der wir leben, Plot. Du musst damit jetzt umgehen. Warum, Johannes?
Florian Bayer: Warum willst du, dass ich Filme raussuche, in denen die Hunde sterben? Eines der großen Gesetze des Action-Films, sogar des Horror-Films. Egal. Keine Kinder, keine Hunde. Keine Kinder, keine Hunde. Die tötet man einfach nicht in Filmen. Warum willst du, dass ich mich durch Filme quäle, in denen Tiere getötet werden?
Johannes Franke: Weil Hitchcock anscheinend der Meinung war, dieses Gesetz brechen zu müssen. Und wenn Hitchcock der Meinung ist, dann kann ich mich ja nicht dagegen wehren, Plot. Das geht ja nicht.
Florian Bayer: Ohne groß zum Thema tote Tiere in Filmen recherchiert zu haben. Ich glaube, in den 50ern war das Gesetz noch nicht so stark wie in den 90ern. Für mich ist das immer so ein 80er, 90er-Jahre-Meme, dass die Hunde immer irgendwie überleben. Das stimmt, ja. Das ist so ganz klassisch. Die ganze Welt stürzt ein. Independence Day. Die Aliens überfallen die Erde. Häuser explodieren. Tunnel brechen. Ein Millionen Menschen sterben. Aber der Hund, Uma, muss überleben.
Johannes Franke: Ja, ich komme auch so ein bisschen darauf, weil Charim mich auf eine Webseite hingewiesen hat. None|Ja, ich habe es auch gefunden. Does the dog die? Ja. Und da kann man einfach nachgucken, weil ein Haufen Leute das gleiche Problem haben, die wollen einfach keine Hunde sehen, die sterben im Film.
Florian Bayer: Mit Trickerwarnung. Wenn ihr nicht sehen wollt, wie das Tier stirbt, überspringt 20 Minuten bis 25 Minuten.
Johannes Franke: Das ist unglaublich. Und wenn nur ein Hund schief angeschaut wird, wird auf diese Liste gesetzt. Und ich finde, die Webseite, also ich kann natürlich vollkommen verstehen, dass man diesen Gedanken hat, diese Webseite zu erstellen und zu sagen, okay, ich habe tatsächlich einfach Probleme damit, Tiere sterben zu sehen. Vor allem, wenn sie brutal erschossen werden oder sonst irgendwas. Also bauen wir eine Webseite und die Webseite hat sich aber so vervollständigt. Da gibt es so wahnsinnig viele Kategorien auch. Nicht nur, ob Hunde sterben, sondern ob irgendjemand schief angeschaut wird. Ich weiß es nicht ganz genau. Ich habe mir die Kategorien nicht alle angeschaut. Aber es sind ein paar spannende Kategorien dabei, irgendwie feministische Sachen dabei.
Florian Bayer: Die finde ich interessant. Ich möchte ja zu dem Thema Tierliebe anmerken, dass die Schnittmenge zwischen Leuten, die sagen, lasst sie alle auf dem Mittelmeer ertrinken und die sagen, die armen Hunde werden von den bösen Chinesen gequält und lebendig gekocht, sehr hoch ist.
Johannes Franke: Die ist sehr hoch, ja. Ja, das stimmt.
Florian Bayer: Oder wie die Antilopen Gang formuliert hat, sie haben ein Herz für Tiere, aber wollen Kinderschänder lünchen. Ah ja. Ja.
Johannes Franke: Oh wow. Oh, was ist denn das für ein Satz? Wow, okay. Okay, der muss erst mal sacken, das Satz. None|Oh fuck. Okay. Aber tote Hunde, also wenn ihr irgendwie so ein Problem habt, Hunde sterben zu sehen, dann könnt ihr euch diese Webseite anschauen oder wenn ihr irgendwas anderes habt, wo ihr Triggerwarnungen braucht. Diese Webseite hat eine wahnsinnig lange Liste von Filmen mit Triggerwarnungen aller möglichen Art und das ist ganz beeindruckend.
Florian Bayer: Und wenn ihr es nicht ertragen könnt, dass über tote Tiere gesprochen wird, wir werden jetzt über sehr viele tote Tiere sprechen, nehme ich mal an. Ich habe eine Top 6, also beziehungsweise ich habe eine Top 3 und drei Honorable Mentions. Du beschwerst dich, dass ich dir diese Liste gebe und dann hast du sechs Filme, die du gerne irgendwie unterbringen möchtest. Und auch eine bunte Mischung von bis zu Nein. Aber es ist, glaube ich, kein einziger Film dabei, wo ich sage, Gott sei Dank stirbt der blöde Hund. Okay. Könnte man ja auch dazu packen, aber die Filme sind tatsächlich alle eher schlecht, die sich mit brutalen Monsterhunden beschäftigen, die sterben sollen. Ich habe kurz bedauert,
Johannes Franke: dass Fluffy nicht gestorben ist. Ich glaube, Fluffy stirbt nicht, oder? Also bei Harry Potter, der dreiköpfige Höllenhund oder was das ist? Nein, der stirbt nicht. Der stirbt nicht.
Florian Bayer: Der wird einfach nur zur Ruhe gebettet mit der Hafer, die sich selbst spielt.
Johannes Franke: Ist das eine Metapher vielleicht? Puh.
Florian Bayer: Okay, okay. Soll ich anfangen mit meinen Honorable Mentions? Ja, bitte. Hast du Honorable Mentions? Ich habe auch zwei Honorable Mentions. Meine erste Honorable Mention aus dem Jahr 1997. Funny Games von Michael Haneke. Und da wissen wir, dass es ziemlich ernst ist.
Johannes Franke: Es ist ein Platz 3 bei mir. Nein, tut mir leid.
Florian Bayer: Aber du kannst ja jonglieren. Du jonglierst doch sowieso immer mit deinen Nominees.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Okay, also Funny Games. Nein, nein, der muss in die Liste rein. Ich mache dann eine Honorable Mention stattdessen.
Florian Bayer: Du kannst ja gleich noch kurz was zu Funny Games und Rolfi sagen. Oh Gott. Ja. Hast du noch eine Honorable Mention? Ja, ich habe noch zwei. Und zwar hätte ich noch Charlie. Alle Hunde kommen in den Himmel. Oh. Ein Zeichentrickfilm von Ein Zeichentrickfilm von dem berühmten Zeichentrickregisseur Don Pluff, der irgendwann mal bei Disney gearbeitet hat und dann aber angefangen hat, Eigenproduktionen zu machen, die die größte Konkurrenz zu Disney wurden in den frühen 80er Jahren. Der hat unter anderem Mrs. Prisby und das Geheimnis von dem gemacht, was ein ganz großartiger Zeichentrickfilm ist. Ja, verstehe. Fievel, der Mauswanderer ist von ihm.
Johannes Franke: Oh, wirklich?
Florian Bayer: In einem Land vor unserer Zeit. Ah, okay, cool. Und das Videospiel Dragon's Lair, falls das jemand kennt, das damals sehr viele Arcade-Münzen gefressen hat. Ich bin Gott sei Dank zu jung und du eigentlich auch, um das jemals gespielt zu haben. Aber das war der erste Laserdisc-basierte interaktive Film-Arcade-Automat. Das heißt, man hat einen Zeichentrickfilm gesehen und musste im richtigen Moment auf den Knopf drücken und wenn nicht, ist die Figur gestorben. Das heißt, man hatte kaum, im Gegensatz zu anderen Videospielen, kaum Eingriffsmöglichkeiten.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Aber das war 1983. Das heißt, du hattest da irgendwie so Pong-Automaten und Pac-Man und Space Invaders, so wirklich pixelig-globig. Und daneben lief auf dem Automaten ein echter Zeichentrickfilm ab und jeder dachte natürlich, was für eine geile Grafik. Aber es war halt nur ein Film, wo man dann alle drei Sekunden mal entweder nach rechts klicken musste, nach links oder einen Action-Button, um mit dem Schwert zu schlagen. Ja, aber auch geil. Warum nicht? Okay, Charlie, alle Hunde kommen in den Himmel. Es reicht leider nur für eine Honorable Mention, weil es eben nicht der, es gehört nicht zu den besten Filmen von Don Bluff. Es ist eher ein schwächerer Film, auch ein Spätwerk aus dem Jahr 1989. Aber es ist schon sehr bold,
Johannes Franke: einen Film, alle Hunde kommen in den Himmel zu nehmen. Also alle Hunde, ich weiß ja nicht. Dann lohnt es ja nicht mehr, den Hund zu fragen, who is a good boy?
Florian Bayer: Weil wir sind ja alle gute Jungs gewesen. Allein die Frage ist ja schon sehr blasphemisch, ob es überhaupt einen Hundehimmel gibt, weil Hunde und Menschen, echt, haben die Hunde einen Platz im Himmel verdient? Oh, willst du das jetzt abstreiten? Nein, überhaupt nicht. Ich will nur noch mal kurz anmerken, dass so christliche Gruppen das bestimmt total kacke finden, dass von einem Hundehimmel erzählt wird. Aber Charlie ist unser Protagonist und der stirbt und landet im Himmel. Und er ist aber der Meinung, dass er zu früh gestorben ist und kehrt heimlich wieder auf die Erde zurück. Er kann dann allerdings nicht in den Himmel zurück. Oh nein. Also das bedeutet es eigentlich, weil er seinen Platz dort verwirkt hat. Und das heißt, er muss irgendwann in die Hölle. Aber er hat einen guten Grund zurückzukehren, weil er will sich zum einen an dem rächen, der für seinen Tod verantwortlich ist. und dann will er noch einem Mädchen helfen, das mit Tieren sprechen kann. Und es ist ein sehr schöner, sehr süßer, etwas schräger teilweise Zeichentrickfilm, den man gucken kann, der zeigt, es gab damals auch Ende der 80er, als Disney seine große Renaissance hatte, gab es nicht nur Disney, sondern es gab auch andere gute Zeichentrickfilme. Okay, cool. Ich habe noch eine dritte Honorary Mention. Soll ich die auch noch schnell raushauen? Ja, dann ... Damit nehme ich dir bestimmt nichts weg. Der ist noch ... Das ist eigentlich ... Es ist ein überraschend guter Film, dafür, dass es eine Fortsetzung ist vom 80er-Jahre-Horrorfilm und eine Low-Budget-Fortsetzung. Die Fliege 2 aus dem Jahr 1989. Die Fliege kennt man wahrscheinlich von David Cronenberg, wo sich ein Mann langsam in eine Fliege verwandelt. Dazu wurde ein zweiter Teil gedreht, weil die Fliege so erfolgreich war. Und dann verwandelte er sich zurück, oder was? Nein, nein, dieser Typ findet nicht mehr statt. Es geht um seinen Sohn, der sich langsam zu einer Fliege entwickelt und in einem Labor aufgezogen wird. Wie doof. Und zwar von seinem Adoptionsvater zieht ihn in diesem Labor groß, weil der Adoptionsvater ist nämlich eigentlich böse. Der will nämlich verstehen, wie dieses Teleportationsgerät funktioniert, was sein eigentlicher Vater entwickelt hat. Weil dazu kam es ja erst zu dieser Fliege, zu dieser Fliegenverwandlung. Der hat ein Beam-Gerät entwickelt, wo man in Punkt A einsteigt und bei Punkt B rausgebeamt wird. Und der hofft halt, dass der Sohn ihm dabei helfen kann, weil der Sohn unglaublich intelligent ist, aber sich gleichzeitig in eine Fliege verwandelt. Und die machen Experimente mit diesen Teleportationen. Und wie wir aus dem ersten Teil wissen, wenn die Teleportationen schief gehen, kommen schrecklich mutierte, kaputte Tiere dabei raus. Und da wird ein Hund teleportiert. Und dann ist der so komplett entstellt und auch furchtbar aggressiv. Und der Hund war der beste Freund von unserem Protagonisten. Und dann denkt man eigentlich, der Hund wäre getötet worden. Und dann findet der Junge den Hund aber irgendwann. Und der wird in so einem Kerker gehalten und untersucht wissenschaftlich noch. Und ist so total am Ende und leidet total. Und der Junge schleicht sich dann heimlich in die Zelle, wo der Hund ist. Und wird gefressen und betäubt ihn einfach und tötet ihn. Und es ist wirklich eine traurige Szene. Das ist kein Meisterwerk, der Film. Aber er ist besser, als man erwarten könnte bei einer Low-Budget-Horror-Fortsetzung. Vor allem auch wegen dieser Szene, weil es wirklich, wirklich traurig ist, wie sie dieses Tier für die Wissenschaft leiden lassen.
Johannes Franke: Ich würde meine Honorable Mentions auch anbringen. Funny Games als Platz 3 haben wir jetzt schon. Deshalb mache ich jetzt einfach meine Honorable Mentions an dieser Stelle. Da wäre zum einen The Babadook. Ja. Sie erdrosselt den Hund.
Florian Bayer: Äh! Du hast voll gespoilert gerade. So was.
Johannes Franke: Ja, natürlich. Alter.
Florian Bayer: Ja, aber... Babadook ist ein toller Film. Post-Horror. Einer der frühen Post-Horror-Filme. Ja.
Johannes Franke: Der voll reinhaut. Wahrscheinlich der Grund, warum ich den meisten Post-Horror dann doch auch eine Chance gebe. Weil ich mir den klassischen Horror-Film ja nicht viel am Hut habe. Ja. Und dann wären wir der zweite noch. The Witch, was wir gerade eben halt hatten. Da stirbt ja der Hund auch im Wald und sieht nicht gut aus, wenn er da ausgeweitet da liegt.
Florian Bayer: Post-Horror-RegisseurInnen haben sehr viel Spaß daran, Tiere zu töten. In Hereditary wird der Hund auch gekillt. Ah, ja stimmt. Auch, ja. Im Mittsommer, glaube ich, auch irgendwo. Ich weiß nicht gar nicht. Im Mittsommer gibt es so viel Tod. Und in Elend, da gibt es bestimmt auch ein totes Tier.
Johannes Franke: Ich habe die nicht gesehen, aber ich bin in der Recherche irgendwie drauf gestochen. Ja, ansonsten musst du jetzt auf deinen Platz 2, damit ich danach auf meinen Platz 2 komme. Ich habe ja noch einen Platz 3.
Florian Bayer: Du hast noch einen Platz 3? Oh Gott. Tut mir leid. Platz 3, John Wick. Ah ja, natürlich. Einfach, weil der Tod dieses Hundes die ganze Action in Gang setzt. Aus dem Jahr 2014. John Wick, pensionierter Serienkiller, nicht Serienkiller, Auftragskiller, rächt sich für den Tod seines Hundes, eines Welpen. Und es ist wirklich traurig, dass der Welpe stirbt, aber John Wick räumt dann ordentlich auf und bringt sie alle um. Also es ist ein super Film. Es ist wirklich ein guter Film, weil er so toll Action-Film-Klischees mit Märchen, mit Märchen-Elementen kreuzt. Und es funktioniert erstaunlich gut.
Johannes Franke: Ich habe alles nicht gesehen. Ich habe die ganze John Wick-Sachen, habe ich alles nicht gesehen.
Florian Bayer: Könnte dir gefallen, tatsächlich. Echt, ja? Es ist sehr Testosteron-geladen, aber es hat eben dieses Märchenhafte-Moment, weil diese Auftragskiller sich in dieser Welt bewegen, die so etwas Fantastisches hat, ihren eigenen Regeln gehorcht, ihre eigene Etikette hat und sehr stilvoll ist, sehr elegant und irgendwie so ein bisschen verzaubert. Also ein Action-Thriller mit Feenstaub, würde ich behaupten. Okay. Platz 2. Mein Platz 2. Nee, ich muss meinen Platz 2 nennen. Das war mein Platz 3. Tut mir leid. Wenn du deine Liste so unsortiert hast und meine Honorable Mention als Platz 3 nimmst, dann musst du halt damit leben, dass ich ganz viele Filme raushaue. Okay, los. Platz 2. Aber ich glaube nicht, dass was kommt, was du noch hast. Platz 2. The Lobster. Weil es einfach so schräg ist, weil der Hund, der in diesem Film umgebracht wird, kein Hund ist, sondern der zu einem Hund verwandelte Bruder und ist Protagonistin. The Lobster spielt in einer absurden Zukunftswelt, in der Menschen unbedingt in monogamen Zweierbeziehungen leben müssen. Und wenn sie keinen Partner haben, kommen sie in ein Hotel, wo sie 45 Tage Zeit haben, einen Partner zu finden. Wenn ihnen das nicht gelingt, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Deswegen auch The Lobster, weil unser Protagonist, der in diesem Hotel ist, sich dazu entscheidet, in einen Hummer verwandelt zu werden. Und er hat einen Hund bei sich. Und wie wir dann irgendwann erfahren, ist dieser Hund sein ehemaliger, sein Bruder, der halt kein Mensch mehr ist, weil er eben in diesen 45 Tagen keinen Partner gefunden hat. Und dann stirbt er? Und unser Protagonist versucht natürlich verzweifelt, eine Partnerin zu finden und findet dann eine Frau, die kein Herz hat. Also im übertragenen Sinne, die einfach eiskalt ist und versucht dann auch eiskalt zu spielen, weil die Matches entstehen dadurch, dass man halt Gemeinsamkeiten hat mit jemandem. Und er versucht dann halt zu spielen, unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir beide herzlos sind. Ich bin jetzt auch herzlos. Sie glaubt ihm aber nicht so ganz und stellt das auf die Probe, indem sie seinen Hund tötet. Oh nein. Unfassbar trauriger Moment. Sehr krasser Film von Georgios Lantimos, griechischer Regisseur, der sehr viele solche bizarre Filme gedreht hat. The Killing of a Sacred Deer zum Beispiel. Oder Dog Tooth. Und ich würde jetzt behaupten, sein bekanntester Film ist wahrscheinlich Killing of a Sacred Deer. Total spannender Regisseur. The Lobster, 2015. Okay. Dein Platz zwei.
Johannes Franke: Yay, endlich! Mein Platz zwei ist Magnolia. Der Hund frisst die Pillen. None|Nein. Oh ja, stimmt. Das ist so eine Nebengeschichte, aber die ist voll traurig. Ja. Philipps Weber Hoffmann, Phil hat Schmerzmittel, die er sich reinpfeift. Nee, er gibt sie seinem Patienten. Ach so, ja, stimmt. Und die frisst halt der Hund dann irgendwann.
Florian Bayer: Ja. Und in der letzten Szene, wenn wir so sehen, was mit allen passiert ist, sehen wir, wie der Hund auf einer Bahre rausgefahren wird, neben der Leiche seines Besitzers, der gestorben ist. Ja, traurig.
Johannes Franke: Ja. Sehr sehenswerter Film und wir haben sehr lange darüber gesprochen, ziemlich am Anfang, zweite oder dritte Episode und lohnt sich auf jeden Fall. Anhören.
Florian Bayer: Ja, kann ich nur unterstreichen. Mein Platz eins. Hier dein Platz eins. War of Mice and Men von Mäusen und Menschen aus dem Jahr 1992 von Gary's Nights. Die Vorlage ist auch absolut lesenswert von John Steinbeck. Und das ist vor allem so traurig, weil ein Hund umgebracht wird und der Mörder dieses Hundes ihn gleichzeitig total liebt. Und zwar ist das im Mittelpunkt von Mäusen und Menschen spielt so ein Brüderpaar, ein Freundespaar, das durch die USA zieht, immer auf der Suche nach irgendeiner Arbeit. Und einer von beiden, Lenny, ist nicht der Hellste und ist gleichzeitig unglaublich kräftig und stark. Und er kriegt dann irgendwann, als sie auf einer Farm arbeiten, kriegt er einen Welpen geschenkt. Und er liebt diesen Welpen so. Und er drückt ihn aber ein bisschen zu sehr. Und dann stirbt der Hund. Nein. Das ist... Was ist das? Oh mein Gott. Sehr schöner, sehr trauriger Film. Und der Tod des Hundes ist auch so ein bisschen Foreshadowing für das, was dann später passiert. Einfach eigentlich so ein Hollywood-Drama, wie es heutzutage nicht mehr gemacht wird. So ein bisschen auch so Richtung Oscars schielend, emotional und schön erzählt und stringent erzählt und einfach bewegend. Ein Hollywood-Drama im besten Sinne des Wortes. 1992. Von weisenden Menschen. Okay. Mein Platz 1. Darf ich?
Johannes Franke: Bin ich richtig?
Florian Bayer: Bitte. Ich bitte darum.
Johannes Franke: Mein Platz 1 ist eine Serie. Oh. Pushing Daisies. Und zwar geht es darum, dass... Dass ich... Zwei ineinander verlieben. Die eine hat die Fähigkeit, jemanden, der gerade frisch gestorben ist, zum Leben zu erwecken. Und... Wer von beiden war das eigentlich? Sie oder er? Er. Er. Und dann dürfen die sich aber nie anfassen, weil sie ist gerade gestorben, glaube ich, und er erweckt sie wieder zum Leben. Und wenn er sie aber nochmal anfassen würde, würde sie endgültig sterben.
Florian Bayer: Ah, er erweckt, wenn er jemanden berührt zum Leben
Johannes Franke: und wenn er ihn nochmal berührt, stirbt diese Person. Genau. Und das ist mit dem Hund so. Er hat den Hund wieder zum Leben erweckt, der ist gestorben und stellt in dem Moment, wo er den Hund zum Leben erweckt, fest, dass er diese Fähigkeit hat. Also wir stellen das fest. Aber er kann den Hund nicht wieder anfassen. Sonst würde der Hund wieder sterben. Oh nein. Also der Hund ist sozusagen gestorben. Es geht die ganze Serie über so, dass es dieser Hund, Netzhund ist, eigentlich tot ist, aber wieder zum Leben erweckt worden von ihm. Sehr, sehr, sehr schöne Serie, über die dann auch zusammen irgendwelche Kriminalfälle lösen und irgendwelches Zeug.
Florian Bayer: Ich glaube, ich habe davon einige Folgen gesehen, aber das ist schon sehr lange her. Gerade als so dieser Serienboom anfing, als die großen Sender angefangen haben, ein bisschen mehr Budget für Serien auszugeben. 2007. 2007, genau. Fällt so in die Reihe so als Lost und Sopranos war damals schon vorbei, aber so die erste große Welle von High-Value-Serien, da fällt der so rein, ne?
Johannes Franke: Ja, aber er ist halt leider nicht so erfolgreich gewesen. Die Show war ein bisschen, also die war sehr, sehr gut, fand ich. Die war halt recht speziell durch ihre Erzählweise und so und sehr bunt und so. Zwei Staffeln habt es leider nur geschafft. Zwei Staffeln. Ich hätte mir gewünscht, dass da mehr davon kommt, aber ich glaube, die waren halt wirklich sehr weit weg von Lost und so weiter in ihrer Massenkompatibilität. Ja gut, schön. Ja, wir haben wieder eine sehr schöne Top 3 gehabt. Ja, viele tote Tiere. Viele Tiere angekündigt.
Florian Bayer: Springen wir zurück zu Rear Window.
Johannes Franke: Das war unsere Top 3. Springen wir zurück. Ja, letzte Worte, Johannes. Letzte Worte? Nein, ich weiß noch gar nicht, ob wir schon letzte Worte sprechen können. Ich habe hier so viel aufgeschrieben. Dann leg mal los. Es ist halt wirklich ein großer Film, muss man mal sagen. Der hat sehr viel Gepäck. Ich habe im Durchschauen der ganzen Materialien, die man so im Internet findet zum Film, festgestellt, dass eigentlich jeder Filmstudent mal ein Essay, ein Video-Essay dazu gemacht hat und dass irgendwie ein Haufen Leute sich über die Schattengebung in Korrelation mit der Liebesgeschichte und dem Musiker und weißt du, dass man das irgendwie sehr ausgeschlachtet hat. Ja. Und ich hatte dann irgendwann auch keine Lust mehr, mir noch jemanden anzugucken, der irgendwie die Farben analysiert und weiß nicht genau. Aber es gibt einfach trotzdem sehr viel darüber zu sagen und irgendwie hat Hitchcock, finde ich, dort einfach ein Werk hingelegt, was so viele Sachen richtig macht, auf so vielen Ebenen so gut durchdacht ist und so genau gefilmt ist, dass man einfach sehr oft da sitzt und denkt, wow, wie geil. Und dass man auch noch in einer Spiegelung jemanden sieht, wie er zur Tür reinkommt aus seiner Perspektive und so, dass man es irgendwie geschafft hat, aus diesem festen Konzept aus diesem einen Fenster zu gucken, so viel rausgeholt hat. Ich fand es einfach wahnsinnig beeindruckend. Nur die Liebesgeschichte haben wir ja schon auseinandergenommen,
Florian Bayer: dass sie vielleicht nicht die beste Liebesgeschichte ist. Tatsächlich war ja das Feuilleton und vor allem die Intellektuellen waren total begeistert von dem Film seinerzeit bis heute. Also ganz viele namhafte Leute haben sich zu dem Film extrem positiv geäußert. Zum Beispiel François Truffaut, der den Film als einer der wichtigsten von Hitchcocks Hollywood-Filmen bezeichnet hat und gesagt, makellos, ohne jede Schwäche, ohne Konzession. Hitchcock hat eine solche Kenntnis des filmischen Erzählens erlangt, dass er in 30 Jahren weit mehr geworden ist als nur ein guter Geschichtenerzähler. Claude Chobrol hat sich sehr stark auf das dramatische Element oder das melodramatische Element des Filmes gestürzt und hat dann geschrieben, dass das von deutlich höherem Niveau ist, dass alle seine vorangegangenen Arbeiten und das zieht sich dann so durch, dass sich, wie du schon gesagt hast, bis zum heutigen Tag FilmstudentInnen mit diesem Film einfach auseinandersetzen, weil er so ein Musterbeispiel ist, glaube ich, auch einfach für einen Film, der ein gewisses Konzept hat und dieses Konzept sehr straight verfolgt und dabei aber auch sehr viel spielt mit dem Konzept. Tatsächlich ist es ein Film, der sehr viel von seinen Details lebt und von seinen Kleinigkeiten, die man entdecken kann und die bei sowas natürlich total einladen zur postmodernen, dekonstruktivistischen, psychoanalytischen Analyse, weil man kann total viel darin sehen, wer eine Spiegelung ist, von welchen Ängsten, welches Moment hier noch in diesem kleinen Bild gezeigt wird, weil es auch einfach ein Wimmelbild ist. Wir haben den Blick auf den Hof und wir haben sehr viele Fenster und es passiert sehr viel in diesem Film parallel.
Johannes Franke: Und es ist toll, weil er das Ganze, diese Möglichkeiten zu interpretieren und so alles unterbringt in einem sehr massentauglichen Film. Es ist kein Jodorowsky, wo man wahnsinnig viel interpretieren kann, aber es ist unkonsumierbar. Sondern, was heißt hier unkonsumierbar?
Florian Bayer: Ich bitte dich. Bei dir muss ein anspruchsvoller Film immer noch mit Zuckerguss vollgeklatscht werden, ne?
Johannes Franke: Ja. Ich muss ja auch irgendwie an den Film herangeführt werden. Ich muss ja hingucken wollen und nicht nur müssen. So. Insofern finde ich, dass Hitchcock genau das macht, was ich wahnsinnig gern an einem Film mag, sich mehr zu denken, als er auf den ersten Blick zeigt. Aber das, was er auf den ersten Blick zeigt, was vielleicht auch für Leute konsumierbar ist, die nicht jeden Frame auseinandernehmen wollen und über alles hundertmal hin und her wälzen wollen und über alles nachdenken müssen, einfach guter Unterhaltung darstellt.
Florian Bayer: Tatsächlich war das Fenster zum Hof der erste Hitchcock-Film, den ich gesehen habe. Mit ziemlich hoher Sicherheit. Das kann bei mir auch sein. Und ich war relativ jung und es ist tatsächlich auch ein Film, den man als Kind gut gucken kann, weil er noch nicht diesen Schrecken beinhaltet, den spätere Hitchcock-Filme beinhaltet. Weil diese ganzen etwas makaberen Sachen, die daneben erzählt werden, auch einfach, die kann man sich wegdenken, die kann man ignorieren, wenn man einfach nur eine nette Krimi-Komödie in Unterhaltung will. Und ja, es ist einfach noch nicht so abgründig wie Sachen, die er dann später gedreht hat. Das wäre auch vielleicht so ein bisschen mein Urteil zu dem Film grundsätzlich, dass es seinerzeit wahrscheinlich der beste Hitchcock-Film war. Aber dass Hitchcock danach in den 60ern vor allem noch mal deutlich mehr Mut bewiesen hat und einfach noch mal die Daumenschrauben angezogen hat. Und ich mag einfach auch den Hitchcock, der die Daumenschrauben noch mal ein bisschen mehr anzieht, der noch mal ein bisschen düsterer wird, der noch mal ein bisschen abseitiger wird, der einfach mal eine Toilette filmt, was damals ein unerhörter Skandal war. Ja, das stimmt. Weil Hollywood gesagt hat, wir filmen keine Toiletten und Hitchcock hat gesagt, okay, dann halte ich jetzt mal die Kamera drauf in einem Psycho. Und ich mag einfach die Filme von Hitchcock, die noch mal so ein bisschen härter in das Tiefenpsychologische gehen, wie Vertico, 58. Oder wie Psycho, 1960. Die Vögel, 1963. Ich mag einfach diese Note von Hitchcock noch ein bisschen lieber. Nichtsdestotrotz ist natürlich Rear Window ein großartiger, toller, spannender und auch sehr in die Tiefe gehender Film. Ja.
Johannes Franke: Schön. Aber das ist auch ein gutes Schlusswort. Wir müssen gar nicht noch drumrum zaubern. Der Zuckerguss ist schon genug verteilt. Ich danke dir. Ich danke dir sehr,
Florian Bayer: dass du diesen Film noch mal geschaut hast. Ja, vielen Dank, dass du den vorgeschlagen hast, weil es war eine tolle Zeitreise und ich fand es toll, einfach noch mal ein bisschen, dass wir uns noch mal ein bisschen mit Alfred Hitchcock auseinandergesetzt haben und mit seinem Genie, das einfach 60 Jahre Filmgeschichte geprägt hat. Nicht 60 Jahre,
Johannes Franke: aber 40, 50 Jahre. Wir reden ein bisschen mehr über Hitchcock auch in der anderen Episode, die wir gemacht haben, über Mr. und Mrs. Smith. Lohnt sich auch, die anzuhören, auch wenn wir nicht sehr begeistert vom Film waren, reden wir doch sehr viel über Hitchcock und vor allem auch darüber, warum wir von dem Film nicht so begeistert waren, was auch interessant ist. Ich fand es damals eine sehr lehrreiche Sache.
Florian Bayer: Ja, und ich bin mir sicher, es wird nicht der letzte Hitchcock-Film sein, den wir besprochen haben. Und als nächstes sollten wir uns wahrscheinlich mal einem seiner Frühwerke widmen und zwar vielleicht sogar einem seiner Stumpffilme. Oh, oh, spannend. Okay.
Johannes Franke: Willst du mir das denn aufgeben oder was? Schauen wir mal, schauen wir mal.
Florian Bayer: Wenn ihr wissen wollt, was ich Johannes aufgebe für nächste Woche oder vielleicht gibt es ja auch eine andere Überraschung für nächste Woche.
Johannes Franke: Dann hört euch den schrägen Jingle an, den wir immer noch benutzen, den ich auf meinem schrägen, nicht gestimmten Klavier aufgenommen habe und dann wünschen wir euch noch eine wundervolle Woche. Bis zum nächsten Mal. Bleibt gesund und beschäftigt euch nicht zu sehr mit dem Krieg.
Florian Bayer: Bis dann. Ciao.
Johannes Franke: Ciao. Wenn wir gerade den Krieg angesprochen haben.
Florian Bayer: Vielleicht sollten wir noch zwei Worte dazu sagen, weil eigentlich beschäftigt euch nicht zu sehr mit dem Krieg, kann ich unterstreichen, aber gleichzeitig, während wir das hier aufnehmen, hat der Krieg in der Ukraine angefangen. Russland hat es einmarschiert.
Johannes Franke: Wir sind ja immer ein bisschen zurück mit den, also wir produzieren genug Folgen voraus, das heißt in der Zeit, wenn diese Folge dann veröffentlicht wird, wir wissen überhaupt nicht, was passieren wird. Wir wissen nicht, ob wir dann irgendwie, ob sich das Ganze ausgeweitet hat auf weltweiten Katastrophenkram. Keine Ahnung, glaube ich nicht. Das won't age well, egal was wir jetzt sagen, das wird nicht gut altern. Ja, wir können zum Kopf und Kram sprechen, aber das Problem ist, wenn ich sage, beschäftigt euch nicht zu sehr mit dem Krieg, heißt das aber auch, informiert euch trotzdem irgendwie, wie es geht im nötigen Rahmen, aber macht euch nicht depressiv damit, weil es euch dann auch wieder nichts nützt.
Florian Bayer: Um einmal was zu machen, was wir sonst nicht machen, ganz transparent zu sein, wir haben gerade den 1. März und das heißt, vor zwei Tagen standen Johannes und ich zusammen zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule und haben gegen den Krieg demonstriert.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Eine große Demo in Berlin, über 100.000, wahrscheinlich sogar über 200.000 Leute, Veranstalter hat von 500.000 gesprochen und wir sind gerade noch so ein bisschen schockiert von dem, was da gerade passiert ist, weil es einfach, was passiert ist, wo wir eigentlich damit gerechnet haben, dass diese Zeiten vorbei sind, dass ein Land, ein anderes Land einfach krass überfallen hat.
Johannes Franke: Also ich habe nicht damit gerechnet, dass wir in dieser Art und Weise nochmal in diese Lage geraten. Natürlich gab es auch in Vergangenheit Kriege irgendwo in Syrien und in dieses Ganze, also es ist ein bisschen komisch, das zu sagen, dass wir sowas nie erlebt, gedacht hätten zu erleben, zumal es ja auch noch ein Stückchen weg ist, aber die Ukraine ist einfach so nah dran und das ist alles, das ist ein Angriffskrieg, den ich so in der Form, nein, der Vergleich gibt, ist einfach nicht möglich. Es ist seit dem Zweiten Weltkrieg keiner mehr so auf die Art und Weise als Großmacht einfach über ein anderes Land hergefallen.
Florian Bayer: Ja. Und das ist, also wir sitzen einfach schockiert vor dem, was da passiert, auch so ein bisschen ohnmächtig, weil wir sehen, dass das unglaubliches Leid erzeugt und wir wissen, dass Putin ein Arsch ist und wir können nichts machen. Und Stand jetzt, heute ist, wie gesagt, 1. März, es gibt jetzt zumindest ziemlich harte Sanktionen von westlicher Seite, was ich nur begrüßen kann.
Johannes Franke: Wahrscheinlich nicht genug, könnte ich mir vorstellen. Da müsste wahrscheinlich noch ein bisschen was mehr passieren, aber ich bin froh, dass ein paar Sachen sich durchgesetzt haben, wie dieses Swift-Ding. Ich habe keine Ahnung, wie viel, ob überhaupt wirtschaftlich genug machbar ist, aber es ist ja in Russland anscheinend zu spüren und die Bevölkerung kriegt ja so langsam mit, dass das nicht nur irgendein Truppenübungs-Ding ist, sondern dass das halt wirklich Krieg bedeutet.
Florian Bayer: Ja. Und es ist halt auch bei aller Hoffnung, dass jetzt halt auch was gemacht wird. Und auch bei der Erleichterung darüber, dass der Westen reagiert, gibt es natürlich gleichzeitig auch die Angst, dass sich dadurch der Krieg ausdehnen könnte und dass es einfach nochmal eine ganze Nummer schlimmer werden wird. Also eigentlich können wir nur die Hoffnung haben, dass, wenn ihr das jetzt hört, dass irgendwie wieder sowas wie ein Frieden hergestellt ist. Ja. Und zwar ein Frieden, der nicht bedeutet, dass Putin einfach so die Macht des Stärkeren spielen konnte und mittlerweile die Ukraine komplett besetzt oder eine Marionettenregierung da installiert hat.
Johannes Franke: Ja, ist schwierig. Ich habe keine Ahnung. Und die haben ja irgendwie Verhandlungen angesetzt. Ich weiß nicht, was dabei rausgekommen ist. Die wollten eigentlich gestern verhandeln oder sowas. Ich weiß es leider gerade gar nicht.
Florian Bayer: Nee, die haben sie abgebrochen. Das ist, die Forderungen Russlands sind einfach ziemlich krass gewesen und auch absurd. So Forderungen kompletter Entmilitarisierung der Ukraine. Wow. Und sie reden ja jetzt gerade die ganze Zeit auch von Entnatifizierung. Ja, ja, völliger Schwachsinn. Ja. Das ist ja unglaublich. Und das ist halt auch so absurd, weil es einfach alles, was gerade so das Narrativ Moskaus ist, entspricht überhaupt nicht dem Narrativ, mit dem dieser Krieg angefangen wurde. Weil angeblich ging es ja erst mal nur darum, diese Ostgebiete, die die Unabhängigkeit erklärt haben, die zu unterstützen. Ja, völlig ach. Und dann hieß es plötzlich, naja, wir fühlen uns von der NATO bedroht und jetzt heißt es, die Ukraine ist ein Nazi-Staat und das ist einfach alles absurd und ein Vorwand, um hier einen krassen imperialistischen Angriffskrieg zu führen. Ja, wir wissen nicht, keine Ahnung, wie es jetzt aussieht. Wir hoffen, dass es jetzt besser aussieht, wenn ihr das hört, aber ja.
Johannes Franke: Ja. Insofern ist aber auch, sage ich, beschäftigt euch nicht zu sehr mit dem Krieg, nur auch im Hinblick darauf, dass man solche Sachen, wie wir jetzt machen, Filme besprechen, ein Stück Normalität zu haben, auch eine, man könnte sich das als zynisch auslegen, dass man sowas weiter macht, aber ich glaube, es ist ein wesentlicher, wichtiger Faktor, dass man Psychohygiene betreibt, um sich in die Lage zu versetzen, mit solchen Themen sich auseinandersetzen zu können, ohne dass man völlig krachen geht, psychologisch. Ja. Deswegen finde ich das schon ganz gut, dass wir das machen und dass wir eine feste Größe, also für mich hilft es, eine feste Größe zu haben und zu sagen, okay, ich muss mich auch noch mit anderen Sachen beschäftigen als damit. Ja, definitiv. Und die Gefahr bestand bei mir. Ich bin nicht sehr gut darin, dieses Rabbit Hole zu umgehen. Dann lese ich da weiter und lese da weiter und schaue mir noch den Bericht an und noch das und dann weiß ich auch nicht mehr, was stimmt jetzt eigentlich. Und dann habe ich auch noch den Stream von der Ukraine direkt, die auf ihrer Webseite immer veröffentlichen, was die Nacht über passiert ist. Und dann ist eigentlich alles vorbei. Dann kannst du dich eigentlich auch gleich erschießen. Ja. Also das ist wirklich hart. Insofern, lass uns mal gucken, dass wir die Woche wenigstens ein positives Highlight uns noch erarbeiten. Was möchtest du mir geben, Flor?
Florian Bayer: Also ich hatte jetzt tatsächlich kurz überlegt, ob ich dir den ersten Hitchcock-Film gebe, aber den behalte ich mal noch in der Hinterhand. Den ersten Hitchcock-Film? Den allerersten, also der erste Film, bei dem Hitchcock Regie geführt hat und der noch erhalten ist. Wow. Das ist ein Stummfilm aus dem Jahre 1925. Okay. Flasher Garden dauert offensichtlich, wenn du auf YouTube guckst, 60 Minuten. Hier wird 82 Minuten gezeigt, aber bei den Filmen damals war das ja immer so, mal schauen, wie die Abspielgeschwindigkeit ist. Ja, genau. Da gibt es sehr, sehr divergierende Filmlängen. Ich würde ihn kurz nach hinten schieben, weil ich würde mein Projekt Filmgeschichte für Johannes gerne weiterführen. Und nachdem wir uns jetzt so ein bisschen in die 60er vorgekämpft haben, mit, wir waren beim italienischen Neorealismus, also in den 40ern, wir waren bei der Nouvelle Vague in den 50ern und sind dann irgendwie so in den späten 60ern, frühen 70ern rausgekommen mit dem neuen deutschen Film. Ich würde gerne genau in dieser Zeit nochmal so einen Sprung über den großen Teich machen und mit dir über New Hollywood reden, was so ein großer Schlag, so ein großes Schlagwort ist für eine bestimmte Form von amerikanischen Filmen, die wahrscheinlich gar nicht so leicht zusammenzufassen ist, aber letzten Endes auch eigentlich Autorenkino. Ja. In den späten 60ern und vor allem frühen 70ern in den USA. Und ich würde tatsächlich wieder einen Film nehmen, der eher so am Anfang von der ganzen Bewegung steht. Die ganzen Experimentaldinger? Nee. Wo man davor sitzt und im Kopf kratzt und dann... New Hollywood war nicht experimentell, aber wir werden über die Frage debattieren, was macht New Hollywood aus, weil da fällt alles rein von die Reifeprüfung bis der Pate. Ach, der Pate ist... New Hollywood? Wahrscheinlich schon. Das ist ein amerikanischer Autorenfilmer und ein Film... So Realismus stand da immer im Mittelpunkt. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wie gesagt, es wird einigen Gesprächsstoff geben über dieses Buzzword. Vielleicht kommen wir dann auch einfach dahin, dass das Buzzword total albern ist und einfach nur ein Versuch der Filmkritik irgendwie Schubladen aufzumachen, in die man bestimmte Epochen reindrücken kann. Ein Regisseur der damaligen Zeit, der ohne jeden Zweifel ein herausragender Regisseur war und wirklich wichtige Filme damals gemacht hat, war Arthur Penn. Und ein Film von ihm, der als Grundlage von New Hollywood gilt, ist Bonnie und Clyde. Die Verfilmung der Geschichte des berühmten Verbrecherpaares. Oh, das ist New Hollywood? Das ist New Hollywood mit Warren Beatty und Faye Dunaway. Okay. Und ich bin sehr gespannt drauf, den nochmal zu gucken, weil das ist wirklich lange her, dass ich den gesehen habe. Und ich bin gespannt drauf, mich mit dieser filmischen Epoche auseinanderzusetzen und zu sehen, wie sah es in Amerika davor aus und wie sah es in Amerika danach aus und wie können wir das zeitlich einordnen. Also es gibt noch mal ein großes filmhistorisches Seminar nächste Woche.
Johannes Franke: Ich bin gespannt. Wow. Ja, ich habe ihn mal auf einem großen Leinwand gesehen bei der Berlinale, als sie die in der Retrospektive hatten. Das war ziemlich cool. Also ich weiß gar nicht mehr genau, mein Grundgefühl zum Film ist, dass ich den ganz gut fand, aber ich weiß gar nicht mehr, warum. Bin gespannt. Ja, cool. Ja, danke, Plur. Cool. Dann bist du ja voll auf meinem,
Florian Bayer: auf meiner Linie. Danach gibt es wieder was sehr Experimentelles und Kaputtes. Ich weiß noch nicht was, aber irgendwas werde ich schon finden. Hitchcock-Stummfilm. Na dann, euch eine schöne Woche. Bleibt gesund. Genau. Bleibt stabil. Ja. Wir sehen uns. Hören. Bis dann. Ciao. Ciao. None|Ciao. None|Ciao.
