Episode 107: Schultze gets the Blues
„Schultze gets the Blues“ aus dem Jahr 2003 handelt von Schultze.
Schultze hat ein sehr eingetaktetes Leben in einem kleinen anhaltinischen Ort. Sein Leben pendelt zwischen Arbeit im Bergwerk, Kneipenbesuch, Schrebergarten, Musikverein und Angeln. Aber Schultze und seine Kumpels Manfred und Jürgen werden in den Vorruhestand geschickt.
Plötzlich gibt es eine Lücke im Leben zu füllen, die offenbart, dass Schultze vielleicht auch noch andere Ambitionen gehabt hätte. Er hört einen Song im Radio, der ihn erst zu schockieren, dann zu faszinieren scheint: Zydeco, Musik aus Louisiana – die er gleich an seinem Akkordeon ausprobiert. Irgendwie lässt es ihn nicht los, trotz seiner erfolglosen Versuche, die anderen für diese Musik zu begeistern.
Aber sein Musikverein erkennt seine Leidenschaft und schickt ihn zum Kulturaustausch nach Louisiana – wo er zur “Wurstfeier” mit Jodlern und deutscher Nationalhymne, seine Polka spielen soll.
Eine späte Reise zu neuen Leidenschaften.
Plor, welche Leidenschaften könntest du dir vorstellen im alter zu entdecken?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 107: Schultze gets the Blues Publishing Date: 2023-01-18T13:39:33+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/01/18/episode-107-schultze-gets-the-blues/
Johannes Franke: Du hast ja schon Liebe für die Figur, bevor der nach Amerika geht. Und davor ist es ein pifiges Leben, das ich nicht haben will. Und trotzdem liebe ich ihn. Das ist schon krass.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Es macht ja den Film so stark auch.
Johannes Franke: So, Plur, und wieder eine Woche vorbei. Ah, schön.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ich vermisse dich immer, wenn du nicht da bist.
Florian Bayer: Ich dich auch, Johannes. Und ich vermisse euch, liebe ZuhörerInnen, die hoffentlich wieder zahlreich eingeschaltet haben.
Johannes Franke: Ja, herzlich willkommen zu einer neuen Episode vom Muss man sehen Podcast.
Florian Bayer: Wo wir, Johannes und ich. Jede Woche über einen Film reden mit dem Twist. Der Film wurde von einem von uns vorgeschlagen. Im besten Fall ein Film, den der andere noch nicht kannte.
Johannes Franke: Wobei das Wort Vorschlagen ja sehr euphemistisch ist für, du guckst den jetzt.
Florian Bayer: Und Johannes hat mir diese Woche einen Film aufgedrückt. Und zwar einen Film, den ich, wie es am schönsten ist eigentlich in diesem Podcast, den ich vorher nicht kannte.
Johannes Franke: Und von dessen Existenz du nicht mal wusstest, oder?
Florian Bayer: Ich glaube, du hattest ihn ein oder zweimal in unserer gemeinsamen Zeit erwähnt. Das heißt, den Namen kannte ich zumindest.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ich hatte natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, weil der Name hat schon so gewisse Komponenten, wo man denkt, Ich könnte mir vorstellen, in welche Richtung es geht.
Johannes Franke: Kannst du das noch auseinanderhalten? Weißt du noch, was du gedacht hast, in welche Richtung es geht? Schulze Gets the Blues heißt der Film. Was erwartet man bei diesem Titel?
Florian Bayer: Ich erwarte auf jeden Fall, weil ich auch wusste, dass es ein deutscher Film ist. Es geht irgendwie darum, wie deutsches Spießbürgertum konfrontiert wird mit Blues aus Amerika und Eigentlich so ein Feel-Good-Movie. Das Leben ist schön. Dank Plus.
Johannes Franke: Dann bin ich mal gespannt, ob deine Erwartungen erfüllt wurden. Ich würde mal einen Text vorlesen kurz, einfach damit wir auf demselben Blatt Papier sind am Ende und über denselben Film reden. Auch für euch da draußen. Schulze Gets the Blues handelt von... Schulze. Schulze hat ein sehr eingetaktetes Leben in einem kleinen anhaltinischen Dorf. Sein Leben pendelt zwischen Arbeit im Bergwerk, Kneipenbesuch, Schrebergarten, Musikverein und Angeln. Aber Schulze und seine Kumpels Manfred und Jürgen werden in den Vorruhestand geschickt. Plötzlich gibt es eine Lücke im Leben zu füllen, die offenbart, dass Schulze vielleicht auch noch andere Ambitionen gehabt hätte. Er hört einen Song im Radio, der ihn erst zu schockieren, dann zu faszinieren scheint. »Saidico, Musik aus Louisiana, die er gleich an seinem Akkordeon ausprobiert. Irgendwie lässt es ihn nicht los.« Trotz seiner erfolglosen Versuche, die anderen für diese Musik zu begeistern. Aber sein Musikverein erkennt seine Leidenschaft und schickt ihn zum Kulturaustausch nach Louisiana. wo er zur Wurstfeier mit Jodlern und deutscher Nationalhymne seine Polka spielen soll. Eine späte Reise zu neuen Leidenschaften. Plor, welche Leidenschaften könntest du dir vorstellen, im Alter zu entdecken?
Florian Bayer: Vielleicht Polka? Das ist ja eine schwierige Frage. Leidenschaften im Alltag. Na, ich hoffe auf jeden Fall, dass ich im Alter noch Leidenschaften finden kann und ich hoffe, dass ich die...
Johannes Franke: Dass du nicht wie Jürgen bist, sondern eher wie Schulze.
Florian Bayer: Ja, aber vielleicht noch mehr. Hoffentlich fehlt dieser Part, wo ich sehr lange sehr einsam ... Und sehr gelangweilt bin vom Leben und einen sehr routinierten Ablauf habe. Hoffentlich bleibt das mit den Leidenschaften. ohne dass es diese Pause dazwischen gibt, die wir hier ja erzählt bekommen.
Johannes Franke: Die Frage ist ein bisschen, ob der Typ das brauchte bis dahin. Also er entdeckt sie, aber er scheint sich ja sehr gut eingelebt zu haben in diese Öten. ist, die ich von außen sehe, aber das sieht man ja intrinsisch vielleicht gar nicht so sehr so.
Florian Bayer: Weiß ich nicht. Ja, die Frage ist natürlich, ist Schulze ein unglücklicher Mensch und die Frage kann man eigentlich von Nein, er ist kein unglücklicher Mensch, bis er die Saitico-Musik entdeckt. Soll auch, glaube ich, nicht erzählt werden, dass er unglücklich ist. Es gibt natürlich diesen einen harten Buch, der erzählt wird. Er ist jetzt im Ruhestand.
Johannes Franke: Im Vorruhestand, was schlimmer ist.
Florian Bayer: Er weiß nicht so genau, wie er seine Zeit nutzen soll, aber er macht es halt so mit seinen Kumpels, wie sie halt irgendwie die Zeit nutzen. Was bei Schulz natürlich dazukommt, ist diese Einsamkeit, die von ihm erzählt wird. Es wird ja auch schon recht deutlich gemacht, dass er sich da ein bisschen von seinen Freunden unterscheidet, weil er hat keine Frau, die auf ihn wartet. Sie sitzen zusammen in der Kneipe und der eine Freund sagt zu ihm relativ früh, Leute, ich kann nicht, ich hab meine Frau zu Hause. Und Schulze geht halt nach Hause in seine Junggesellenbude, in der er eben nicht viel hat.
Johannes Franke: ab und zu mal besucht im Altersheim, aber das war's.
Florian Bayer: Das war's schon. Er hat eben seine beiden Freunde, aber sonst keine großen zwischenmenschlichen Kontakte. Aber er scheint sich da auch irgendwie gemütlich gemacht zu haben. Wie gesagt, wir erleben ihn nicht als komplett unglücklichen Menschen. Aber wie ein glückliches Leben sieht das jetzt auch nicht aus, oder?
Johannes Franke: Ja, von außen. Und das ist das, was mir damals schon Sorgen gemacht hat, dass ich dachte, wenn man da drin ist, Sieht das anders aus als von außen? Ich finde das Leben furchtbar, was mir da gezeigt wird. Ich finde diese piefigen Dörfer und diese Routine und dieses ganze Ding... Schwer zu ertragen, wenn einem das da so gezeigt wird, aber irgendwie entwickelt man Liebe dafür durch den Film, weil der Film irgendwie sehr viel Liebe für seine Figur hat, ne?
Florian Bayer: Wir haben natürlich eine Hauptfigur, die sich auch wenig Gedanken darüber macht, was ist Glück, was will ich im Leben erreichen. Wo könnten Leidenschaften sein, sondern, wie du schon gesagt hast, dieser Schulze hat ein sehr eingetaktetes Leben.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und ihm ist das auch wichtig, weil er zum ersten Mal dann mit dem Neuen konfrontiert wird, ist da ja Schock.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: die wirklich die witzigste Szene des ganzen Films schnitt zum Arzt, der sagt, Herr Schulze, eine Veränderung im musikalischen Geschmack ist doch keine Krankheit.
Johannes Franke: Sehr süß.
Florian Bayer: Und was ganz gut zeigt, wie ihm diese Ordnung heilig ist und wie er sich darin wohlfühlt. Ja, genau. Auch wenn sie sagen, er soll beim Fest wieder seinen Polka spielen, weil offensichtlich spielt er seit Jahrzehnten.
Johannes Franke: Wie sein Vater schon.
Florian Bayer: Immer dieselbe Polka-Nummer.
Johannes Franke: Ja, das ist krass. Und das ist so ein Bild von einem Leben. dass man nicht haben möchte, was aber manche vielleicht einfach brauchen. Ob er es jetzt gebraucht hat oder nicht oder ob er vielleicht besser dran gewesen wäre, wenn er früher diese Leidenschaft entwickelt hätte. Ist so eine Frage, aber ich weiß gar nicht, ob der Film das so forciert, dass man sich darüber Gedanken macht, dass... Der Film will ja eigentlich eher zeigen, dass es schön ist, vielleicht die Lücke, die entstanden ist durch das Ausscheiden aus der Arbeit irgendwie mit etwas zu füllen, was mit dem bisherigen Leben nicht viel zu tun hatte.
Florian Bayer: Was eben ganz entscheidend ist, ist, dass der Film in der Darstellung des Dorfes, in dem sie leben, komplett auf einen Blick herab verzichtet, weil er zeigt, es ist dieses Dorf mit ganz vielen Skurrilitäten, die auch alle eingespielt sind. Wir haben zum Beispiel den Bahnwärter. Der immer die Schranke zu spät aufmacht und am Anfang denkt man noch, der macht es, weil er... Weil er unaufmerksam ist. Später stellen wir fest, er ist offensichtlich in seiner eigenen Welt und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Und denke dann irgendwann, okay, dann mache ich ihnen noch mal die Schranke auf. Und mache dann diese geile Kurbel. Ich meine, wir befinden uns im Jahr 2002. Und das ist alles noch so sehr mechanisch wie aus dem 19. Jahrhundert. Dreht dann diese Kurbel, damit die Bahnschranke sich öffnet. Und diese skurrile Nebenfiguren, der Film ist voll von denen. Also die beiden Freunde von Schulze.
Johannes Franke: Jetzt gehen wir schon zu den anderen Figuren. Uh, uh, uh.
Florian Bayer: Sind ja auch irgendwie in ihrer Skurrilität sympathische Figuren. Ja, natürlich. Die Menschen, mit denen er täglich zu tun hat, das sind alles irgendwie herzliche Figuren. Die sind... Sehr konservativ, die sind teilweise sehr spießig und so in ihrer kleinen Welt drin, aber die haben alle, der Film zeigt ihre Skurrilitäten. und blickt nicht auf sie herab, sondern gibt ihnen Raum, irgendwie dann doch ihre Eigenheiten zu haben.
Johannes Franke: Was das Schöne ist, dass die ganzen Nebenfiguren... Jetzt nicht die drei Hauptmänner, die da irgendwie zusammen in den Ruhestand gehen, aber die ganzen anderen Nebenfiguren sind ja fast alles Laiendarsteller. Die haben ja sonst kaum... Erfahrung zu spielen, was man ihnen leider nun auch anmerkt, was mir aber den Film gar nicht so viel schlechter macht, als das bei vielen anderen Filmen der Fall ist. In dem Fall kann ich es irgendwie verzeihen, weil dieser Film sowieso zwischen Dokumentarfilm und fiktionalem Film irgendwie oszilliert. Es ist so... Gerade weil die Leute eben Laiendarsteller sind und direkt vor Ort gecastet wurden. Und gecastet ist ein großes Wort. Die sind halt da hingekommen und haben gefragt, wollt ihr mitmachen?
Florian Bayer: Die wurden da hingestellt. Man sieht das einigen Leuten an. Ja, natürlich. stehen die, also gerade so in diesen Kneipen-Szenen, manchmal haben sie so eine gewisse Unbeholfenheit an sich. Wir haben diesen einen ganz absurden Moment, wo die Bedienung aus der Kamera wegtritt. Und man hat so das Gefühl, sie ist jetzt zur Seite getreten, damit sie nicht mehr in der Kamera zu sehen ist. Keine Ahnung, ob die Schauspielerin das soweit gedacht hat. Aber es passt, weil es ist so ein süßer Moment. Und wir haben diese ... Naja, diese Authentizität dadurch. Und ich musste ganz oft, gerade weil wir auch in dieser Zeit sind, so 2002, 2003, an die Berliner Schule. Was komplett absurd ist, weil die Berliner Schule ist hoch und akademisch und ernst. Aber ein ganz wesentliches Element von der Berliner Schule war es ja immer, authentisch zu sein und so authentische Bilder zu zeigen. Langsamkeit und so die Tristesse des Lebens in authentischen Bildern zu zeigen. Und das hat dieser Film auch ganz stark drin. Ist ja ein Film der Berliner Schule, mit Sicherheit nicht. Dafür ist er viel zu unterhaltsam. Aber er hat diese Momente, wo man merkt, er hat ähnliche Gedanken. Natürlich auch das Slow Pacing, aber eben vor allem so die Sachen zu zeigen, wie sie sind. Ohne groß hinzuführen. Wir kriegen keine Vorgeschichten von den Charakteren, sondern wir müssen uns die Charaktere so ein bisschen selbst erarbeiten, so ein bisschen selbst erschließen. Warum sind sie so, wie sie sind? Davon hat er doch einiges.
Johannes Franke: Ich finde, dass der Film genau das schafft, was sich vielen anderen Filmen, die so versuchen, ganz avantgardistisch oder ganz... tolle Sachen neu zu machen, so ein bisschen Vorwerfe, dass er es schafft, eine neue Idee reinzubringen, nämlich, dass man... einen Laiendarsteller für bestimmte Sachen benutzt und das Ganze irgendwie halb dokumentarisch wirken lässt. Und inszeniert, aber dann auf allen anderen Gebieten noch kurz. Gute Arbeit leisten, du hast noch einen guten Schauspieler im Zentrum, an dem du dich festhalten kannst. Du hast eine sehr gute Kameraführung streckenweise. Nicht immer, aber... sehr, sehr gut nachgedacht und gute Leute, die auch Dokumentarfilmerfahrung haben und wissen, was sie da machen müssen. Und es ist einfach sonst handwerklich sehr, sehr gut, sodass man sich das leisten kann, die Leihendarsteller da rein zu hauen.
Florian Bayer: Also es gibt ja so ein bisschen dieses Pendeln zwischen dieser sehr fixierten, totalen Kamera, wo wir wirklich die Tristesse einfangen. Ja, sehr hart. Und da kannst du natürlich Leihendarsteller hinstellen, wie blöde, weil die einfach, weil nicht der einzelne Mensch im Mittelpunkt weil du einfach so ein Panorama hast, das sehr leer ist und dann steht halt irgendwo verlassen eine Person an der Seite und macht nichts. Und dann haben wir diese sehr nahen Aufnahmen, diese sehr nahen Momente, wo die Kamera auch sehr intim wird. Zum Beispiel natürlich in der Szene in der Schulze zum ersten Mal. diese Louisiana-Musik hört. Und in diesen intimen Momenten ist die Kamera aber auch eben Entweder bei den Leuten, die es können oder bei den Leuten, die zwar Laien sind, aber die einen gewissen Charisma haben. Das ist vor allem später in den US-Szenen, haben wir viel mehr von diesen Nahaufnahmen. Das sind ja auch Laiendarsteller. Also ich kann es nicht ganz auseinanderhalten, wer war Profi und wer war Laie. Aber es geht auch so ein bisschen verloren in diesen Momenten, weil wenn er dann zum Beispiel relativ gegen Ende bei dieser Familie ist und mit denen zusammen ist, dann ist das so natürlich und so echt. Ja, ja. Ist die Frau eine Schauspielerin? Keine Ahnung. Aber sie ist komplett überzeugend. Ich kaufe ihr das ab, was sie da spielt.
Johannes Franke: Ich glaube, sie ist Schauspielerin.
Florian Bayer: Ich habe aber auch nie das Gefühl, dass sie ... einfach nur ihren Alltag macht, sondern es hat ein gewisses Gewicht in dieser Szene. Und dann ist so was wie zum Beispiel das Tanzen. Das ist total süß, wenn die Leute in die Kamera gucken. Ja, genau. Aber das ist okay, das passt dann, weil das passt einfach zu diesem Panorama und zu diesem bisschen Ungelenken, das ist in Ordnung. Ich hatte nie das Gefühl, dass sich dadurch ein Dilettantismus reinschleicht in den Filmen.
Johannes Franke: Der Regisseur hatte große Diskussionen mit verschiedenen Leuten, die an dem Film beteiligt waren, die dann gesagt haben, Das ist doch kein Spielfilm mehr, wenn die Leute da in die Kamera gucken und da irgendwie das alles so unbeholfen vor sich hin stolpert. kannst du die nicht rausschneiden. Und der meinte, der Film ist eine Stunde lang gelaufen schon. Die Leute wissen inzwischen... dass es kein ordinary Spielfilm ist, sondern dass es ein bisschen anders sich begreift alles. Und das finde ich absolut richtig.
Florian Bayer: Die Haltung ist perfekt. Was mich wirklich fasziniert an Michael Shans Inszenierungsstil ist, dass er dieses krass authentisch hat, die ist realistisch. Ich hab das Stichwort Berliner Schule gebracht. Hier geht es darum, irgendwie so ein bisschen inspiriert vom neuen deutschen Film Realität zu zeigen, wie sie ist. Und dann hat er aber eben diese Meta-Momente, wo Leute in die Kamera gucken und er lässt das einfach zu. die Kamera gucken, wo Leute sich so ein bisschen ungelenk verhalten und dazwischen gibt es diese surrealen Momente. Der Film hat Ein, zwei platzierte Momente, wo du denkst, okay, jetzt ist dieser Anspruch auf Authentizität komplett aufgebrochen.
Johannes Franke: Ja, wie er kocht zum Beispiel, ne?
Florian Bayer: Ja, wie er kocht, genau. Das ist eine ganz merkwürdige Szene, wo du denkst, huch... Moment. Und genau wie er muss, du zuckst kurz zusammen, weil du überlegst, was ist da passiert, bis du verstehst... Dass wir gerade diese Musik hören im Hintergrund, die permanent in seinem Kopf durchgeht und die Stimme von dem Ansager, der ihm sagt, wie er kochen soll, plötzlich mit ihm persönlich redet.
Johannes Franke: Was total abgefahren ist, weil du natürlich nicht in einem Film sitzt, wo du das jederzeit erwartest.
Florian Bayer: Überhaupt nicht. Und dann aber auch diese Szene, wenn sie die neue Bedienung haben im Lokal und die dann plötzlich anfängt zu singen.
Johannes Franke: Und Flamenco zu tanzen.
Florian Bayer: Und Flamenco zu tanzen. Und der Raum, der vorher so ganz klar geschlossen war, wird durch ihre Präsenz aufgebrochen. Sie flirtet dann ja auch nicht. noch mit Schulze, auf eine ziemlich direkte Weise. Und der Raum wird komplett aufgebrochen. Die Inszenierung, die davor war, wird komplett aufgebrochen. Aber Shaw hat das im Griff. Das funktioniert. Der kann es sich erlauben, drei verschiedene Stilmittel, die partiell unvereinbar scheinen, miteinander zu kombinieren. Und die Akzente so zu setzen, dass du nie das Gefühl hast, willst du mich verarschen? Das ist doch nicht der Film, den du gerade eben gemacht hast. Das ist ein ganz anderer Film.
Johannes Franke: Das finde ich schon ein bisschen beeindruckend, weil das ist sein erster langer Film. Er hat vorher ein paar andere Projekte gemacht, aber das ist sein richtiger Spielfilm, sein erster richtiger...
Florian Bayer: Er hat auch nicht viel mehr danach gemacht.
Johannes Franke: Er hat auch nicht mehr viel danach gemacht, aber das ist schon krass, weil er das irgendwie so beherrscht. Und selbst Roger Ebert hat den Film gesehen und hat ihn... hat echt vier von fünf Sternen, glaube ich, gegeben.
Florian Bayer: Die Amerikaner waren voll begeistert von dem Film.
Johannes Franke: Total krass, ne? Und ich finde es total schön, dass das so ankommt.
Florian Bayer: Du findest auch englischsprachige Seiten immer noch diesen Film abfeiern und loben. Und ich habe versucht, so ein bisschen da reinzudenken, weil du stolperst drüber, wenn du dich mit diesem Film beschäftigst. dass der im Ausland offensichtlich deutlich mehr rezipiert wurde als in Deutschland. Und ich versuch mich da so ein bisschen rein zu versetzen. Was sehen Amerikaner, wenn sie auf diesen Film blicken? Und ich glaube, die sehen halt wirklich eine Darstellung der deutschen Provinz. die sehr liebevoll ist und die in unser Land, wie sie es wahrnehmen, näher bringt. Also es spielt natürlich das Exotische so ein bisschen eine Rolle. Ah, okay, und so sind die... wirklich ganz clever ist, ist, dass das Ganze so angereichert ist mit dem Amerikanischen. Wir haben diese Musik, die eigentlich am Anfang, die Musik, die eigentlich verspricht, jetzt kommt ein wilder, rockiger Film und dann haben wir erst mal diese Bergleute da sitzen. Hast du die nichts mit sich anzufangen sind.
Johannes Franke: Dieser Anfang ist so geil.
Florian Bayer: Und die Windmühlen und die Schranke und es ist einfach nur Tristesse. Und du wirst so reingeworfen mit der Musik und denkst so, jetzt geht's los. Und dann bleibt alles stehen. Jetzt bleiben wir stehen.
Johannes Franke: Das ist super.
Florian Bayer: Und dann haben wir ja wirklich viele Szenen, die lange ausgedehnt sind.
Johannes Franke: Und ohne Dialog sind.
Florian Bayer: Und komplett ohne Dialog. Es dauert lange, bis jemand wirklich mal was sagt, was irgendwie die Handlung vorantreibt. Und so Sachen wie, dass sie diese, sie kriegen diese Steinlampen zum Ruhestein geschenkt. Und dann haben wir sie da sitzen.
Johannes Franke: Leckern sie an den Steinlampern.
Florian Bayer: Und dann haben wir sie da sitzen. Und sie gucken sich diese Steinlampen an. Diese Zähne dauert ewig. Und du weißt, ich habe einen totalen Softspot für Lampen. lange und träge Inszenierungen und das funktioniert.
Johannes Franke: Na, 100 Prozent, ja.
Florian Bayer: Vielleicht um noch eine zweite Referenz reinzuwerfen. Diese Mischung aus Rock'n'Roll Attitüde? Und dieses ruhige und triste und langsame Zeigen mit so einem lakonischen Humor, das findet man bei den Skandinaviern auch und Aki Kauris Mäki würde ich gerne noch einmal sagen. Stimmt, ja, ja, ja. Der Film hat mich in ganz vielen Momenten an dessen Stil erinnert. Der war damals ja auch schon ein bisschen länger unterwegs. Nicht schwer vorstellbar, dass Michael Schaar sich von dem hat auch inspirieren lassen. Das ist ein toller Stil. Also die sind so ein bisschen lakonisch, so ein bisschen ruhig. Aber du merkst hinter dieser Ruhe, hinter dieser Stress, pulsiert irgendwie immer so ein bisschen der Rock'n'Roll und er will raus, er will raus, er will raus und dann kommt er auch irgendwann so ein bisschen raus. Genau.
Johannes Franke: Ja, man, ist so krass. Die ersten Szenen sind so langsam und das erste Wort ist einfach nur schön. Weil er die Lampe sich anschaut. Und dann wieder Pause, sagt irgendjemand, weil er sich, weil er da dran an seinem Finger leckt, den er noch dran gehalten hat. Oh, salzig. Und dann ist wieder lange Ruhe und dann sagen sie irgendwann Prost. So super. Man hat sofort das Gefühl, das ist eine Trauerfeier, die die da abhalten, wegen dem Vorurstand. Es hat so Trauerfeier-Vibes. Aber auch so eine Dorftrauerfeier, wo sie dann halt alle irgendwie, beim Bier sind sie alle wieder zusammen, egal wie böse sie aufeinander waren. noch mal zu sehen, wenn die dann bei Schulze das erste Mal, wo der eine dann feststellt, wir waren jahrelang zusammen, auf einer Arbeitsstelle, wir haben jahrelang miteinander zu tun gehabt, haben Bier getrunken und alles und jetzt sitzen wir das erste Mal hier bei Schulze zusammen und essen.
Florian Bayer: Was für ein absurder Moment, ne? Die kennen sich, die sind gut befreundet, die machen alles mögliche zusammen. Sie sitzen zusammen bei diesem komischen Musikfest. Sie sitzen zusammen jeden Tag offensichtlich zusammen in dieser Kneipe. Ja, genau. Sie spielen zusammen Schach, warum auch immer. Aber sie waren nie bei dem anderen zu Hause.
Johannes Franke: Diese Schachszene ist ja auch der Hammer. Es ist ja unglaublich.
Florian Bayer: Die ist auch so reingeworfen.
Johannes Franke: Ich liebe diese Schachszene. Gott, so stelle ich mir das vor, wie ich mit kindlichem Gemüt davor sitze und dann sage, ach scheiße, ich will aber nicht verlieren, ich will alles über den Haufen.
Florian Bayer: Und das ist so krass, diese Szene ist ja auch, wir haben ja diese Totale und es ist total ruhig, wir haben die ganzen Leute, die sich hinsetzen und der Raum und alle bauen ihre Schachbretter auf dem Spiel und dann fangen diese beiden alten Herren an zu sterben. Weil der eine überhaupt kein Gespür für die Regeln vom Schach hat, was mich übrigens extrem triggert. Ich sitze da und denke nur so, oh, dieses Arschloch. Das geht gar nicht. Und alle anderen sitzen aber davor und reagieren kaum. Einer von den Statisten schüttelt so ein bisschen mit dem Kopf.
Johannes Franke: Ja, ja.
Florian Bayer: Und es ist fantastisch. Und Schulze sitzt einfach nur daneben. Warum auch immer. Bei keinem anderen Tisch sitzt ein Dritter daneben. Er ist der einzige Dritte, der an dem Tisch sitzt. Wunderbare Zähne. Das macht überhaupt keinen Sinn. Warum ist diese Zähne da drin? Sie ist großartig.
Johannes Franke: Sie ist großartig. Allein wegen dieser Szene lohnt sich's. Und die andere Szene, die ich auch noch großartig, aber sehr, sehr traurig finde, ist... Nachdem die ja ihren Vorruhrstand gegangen sind, gehen wir bei dem einen mit, der zu seiner Frau geht.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Und die sitzt als erstes mit der Zeitung da und guckt die Stellenanzeigen durch. Die haben offensichtlich einfach nicht genug Geld, um das irgendwie aufzufangen, das, was jetzt wegfällt. und die Rente reicht anscheinend auch nicht unbedingt. Sonst würde sie nicht so verzweifelt in diesen Zeitungen rumgucken und liest dann vor, 70.000, bis zu 70.000 im Jahr Mitarbeiter jeden Alters gesucht. Ja. und versucht ihm das irgendwie so ein bisschen unterzuschieben und es ist so traurig und er macht dabei mit dieser Angel, die er sich da irgendwie neu gekauft hat Und sagt, während sie das vorliest mit den 70.000 und Mitarbeiter jeden Alters, sagt er, oh, butterweich. Da ist dann seine Angel dran. Es ist großartig, aber es ist echt, echt traurig.
Florian Bayer: Naja, es ist so ein bisschen diese ostdeutsche Armut, die erzählt, Wir sind jetzt auch zehn Jahre nach der Wende. Aber gerade diese Dörfer, die sich so verlassen fühlen auch. Weil die blühenden Landschaften sind nicht da. Das sehen wir in diesem Film auch sehr gut. dass diese Blumenlandschaften nicht da sind. Sondern wir haben hier Industrie, die irgendwie auch am Boden ist. Also wir können uns auch vorstellen, warum sie in den Vorrufstand gehen. Da ist nicht viel. Da gibt es keine große Unterhaltung. Die einzige Unterhaltung, die sie haben, sind halt diese Dorffeste. Da wird auch keiner ein großes Einkommen haben. Und Schulze lebt ja auch. Es ist sehr einfach. Also er hat ja wirklich eine sehr kleine Wohnung und es ist kein Sozialdrama. Gott sei Dank nicht. Nein, nein, nein. Es wird schon so am Rande immer so ein bisschen erzählt, ja, wir haben hier Leute, die einfach sich mit sehr wenig zufrieden geben.
Johannes Franke: Die abgehängt sind mehr oder weniger. Die abgehängt sind auch, ja. Und das Filmteam hatte echt großes Glück. Die haben echt Angst gehabt, dass die da, die kommen da hin und dann sehen die das Filmteam aus Berlin und dann sagen die alle, naja, und dann wollt ihr wieder hier irgendwie... schlecht dastehen lassen oder uns verarschen oder sowas. Aber es war gar nicht so. Die kamen dahin und alle, die dort waren, in diesem Dorf, Teutschental, das kenne ich auch, da bin ich auch aufgetreten schon.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Es ist halt Naja, in der Nähe von Halle und ich bin halt in Leipzig aufgewachsen und dann ist man da irgendwie so ein bisschen rumgekommen. Das heißt, ich kenne dieses Dorf und ich kenne die Gegend auch und das ist schon... echt gottverlassen, muss man sagen.
Florian Bayer: Da ist auch nichts, ne? Na genau. Da ist ein Windrad und eine riesige Straße.
Johannes Franke: Richtig, genau das.
Florian Bayer: Und das war's.
Johannes Franke: Ja, und ich bin auch in dieser Zeit, in der das gedreht wurde, dort aufgetreten. Ein Stückchen früher sogar. Es ist so krass, weil die Leute wirklich gesagt haben, na ja, klar, kommt. Wir ... wir machen das für euch, es ist kein Problem, wir setzen uns da mit rein und dann gucken wir mal, wie das wird und die haben das echt ausge... Naja, Drehtage, ne? Acht bis zehn Stunden am Tag oder zwölf Stunden manchmal, wenn du Pech hast für Kinofilme, da kommt das auch öfter mal vor. Also wirklich lange Drehtage und die halten da aus. Und dann haben die da diese riesige Szene, wo der Chor auftritt und diese ganzen anderen Sachen auftreten und so. Das ist eine aufwändige Szene. Und die haben da echt durchgehalten und haben sich da alle mit reingesetzt und gesagt, ja, wir machen jetzt einen Film über unsere Gegend. Und wir haben gar nicht so die Angst davor, dass ihr uns schlecht dastehen lässt, sondern wir werden ja mit ins Boot geholt. Sind ja alle transparent und so. Das fand ich toll auch, dass das Filmteam das für sich in Anspruch genommen hat zu sagen, wir gehen einfach mit denen rein, erzählen alles. Ja. Und sind offen mit allem, was wir machen wollen. Und die haben so eine Authentizität dadurch erreicht. Das ist unglaublich. Also gerade dieser Chor zum Beispiel... wie der da singt. Also mir rollen sich die Fußnägel hoch, aber... Aber allein dieser Chorleiter, der da steht und das dirigiert, so authentisch kriegst du das als Schauspieler gar nicht hin.
Florian Bayer: Nee, auf jeden Fall. Das braucht ja auch genau diese Vibes von, das sind keine Professoren, Sängerinnen, sondern die sind, naja, die machen halt, die haben halt ihren Musikverein, der Harmonie heißt, großartiger Name. Und die machen halt einmal im Jahr dieses Musikfestival, das große, das ist das Ereignis dieses Dorfes. Und nochmal, der Film macht sich aber nicht darüber lustig. Überhaupt nicht. Der Film zeigt das. Und ja, natürlich gibt es ein Schmunzeln dabei und auch so ein kleines Augenzwinkern. Aber der Film nimmt die Leute, wie sie sind. Es gibt sehr viel Liebe für diese Menschen. Ich finde es auch geil. Ich finde es ganz schön, dass diese Entwicklung, wenn die Leute sich teilweise empören über das, was Schulze plötzlich Neues spielt, kann der Film natürlich so eine Richtung einschlagen, dass er hier sehr draufhaut. Zumindest wird Rassismus ja auch angedeutet, wenn man das N-Wort sagt, das ist N-Musik. Aber das wird sehr schnell aufgebrochen. Seine Freunde klatschen für ihn, was total geil ist. Seine Freunde freuen sich tierisch über das Chili, was er ihnen kocht. Das ist
Johannes Franke: Ja, genau. Aus den Südstaaten, sagt er.
Florian Bayer: Ja, amerikanisch. Scharf. Und dann ist, obwohl sie sich so ein bisschen empört haben, kommt der Musikverein und sagt, ey, natürlich bist du der, der nach Louisiana soll. Du sollst uns vertreten bei diesem Wurst. Das Wurstfest ist so geil. Was einfach so liebevoll ist, weil wir haben hier keine große soziale Problematisierung von seinem neuen Ich oder von seiner neuen Leidenschaft. sondern hey, es war geil, was du gespielt hast. Oder wir können nichts damit anfangen. Du musst da jetzt hin.
Johannes Franke: Aber wir sehen, was deine persönliche Leidenschaft da ist. Und das finde ich sehr, sehr schön am Film, dass man tatsächlich sagen kann, diese Ambiguität, ich finde, was du da machst... Also ich kann damit nichts anfangen, ich find's total scheiße, aber ich sehe, was du willst und ich will dir helfen. Das ist jetzt nicht sofort passiert, sondern eine Weile braucht, bis die Leute sagen, na gut, okay, ja, du hast...
Florian Bayer: nicht besonders lange. Also es kommt relativ so.
Johannes Franke: Er hat dann halt irgendwann Geburtstag und dann schenken sie ihm das quasi zum Geburtstag.
Florian Bayer: Das ist wirklich, wirklich liebevoll, wie der Film auf seine Leute blickt, wie er dieses Dorf zeigt. Mit all seinen Macken, auch so Kleinigkeiten, diese Slotmaschine. die am Anfang reingebracht wird, wohin in die Ecke. Und dann haben wir diese Slot Machine, die fast so ein wesentlicher Teil des Raumes ist, irgendwie so diese Verlorenheit in diesem Raum zeigt, bis zu dem Punkt, wo unsere neue Bedienung, die Sängerin dann das Ding raus Dass die ganze Zeit so nervige Geräusche macht. Eine Person noch, die professionelle Schauspielerin. Ganz großartig, leider eine sehr kleine Rolle, die aber so ein bisschen Schulze, auch so diese Vibes, das Aufbruch gibt, ist Frau Laurent, gespielt von Rose. Die Deibel, die er im Altersheim kennenlernt, Freundin von seiner Mutter, mit der er dann so ein paar Stunden verbringt und sie unterhalten sich miteinander. Es wird eigentlich keine Romanze angedeutet, aber es ist so ein bisschen, könnte es sein, und man denkt so, ach, geht der Film in diese Liebesgeschichte.
Johannes Franke: Aber heißt sie jetzt Laurent oder heißt sie jetzt Lorenz?
Florian Bayer: Laurent, eine Frau wie sie heißt ganz eindeutig Laurent. Und die Geschichte mit ihr endet dann sehr abrupt, indem sie einfach stirbt, auch ohne großes Drama. Immerhin wird gesagt, sie ist tot und das passiert. Sie war ja so lebendig, wir wissen nicht warum. Diese Momente mit ihr sind total schön. Weil die einfach nochmal diese Menschlichkeit reinbringen und diese Menschlichkeit mit ein bisschen Arsch treten, was er braucht, weil sie tritt ihm nach. Sie ist so die Einzige, die hin und wieder so ein bisschen in den Arsch tritt, wenn auch sehr vorsichtig.
Johannes Franke: Ja, und sie sagt ja ... Wenn du richtig Geld verloren hast in der Spielhalle, dann nimmst du manche Sachen einfach nicht mehr so ernst. Super Motto. Und dann, wenn sie gestorben ist, geht er halt mit seinen Freunden da in die Spielhalle. Und dann klopfen die alles auf... Und setzen einmal. Weißt du, nicht, dass sie das irgendwie aufteilen oder sowas. Nein, sie setzen alles einmal und verlieren alles.
Florian Bayer: Aber das war ja auch der Gedanke, sie verlieren einmal alles und dann ist gut, dann hat er das gemacht, was sie ihm empfohlen hat. Es ist toll, es ist eine tolle Figur. eine tolle Rolle und sie ist auch super gespült. Also sie ist mir als Schauspielerin am stärksten aufgefallen in dem Film. Einfach Rosemarie Deibel. die viel am Theater gespielt hat seit den 50er Jahren, leider im Jahr 2012 gestorben ist.
Johannes Franke: Oh, schade. Und ich muss dir dazu sagen noch, weil wir ja vorhin bei dem Typen waren, dem Arzt und dem Bahntypen, der da die Schranke öffnet. Ich habe das Gefühl, dass wir immer mal so Leute sehen, die irgendwie Ambitionen hätten. Also wie er eben auch, wie Schulze ja am Ende dann eben auch den Schritt geht und nach Amerika geht. Aber die anderen bleiben halt gefangen in ihrem Dingens, hätten aber eigentlich Ambitionen gehabt. Der Arzt wollte Opernsänger.
Florian Bayer: Auch nur surreale Szene.
Johannes Franke: Absolut surreal. Und du denkst dir, what, warum singt der jetzt einfach los? Aber es ist so toll.
Florian Bayer: Und dieser Bahnwärter mit seinen Selbstgesprächen.
Johannes Franke: Ja, und seinen Gedichten, die er zitiert und so. Es ist schon gut. Und es läuft auch ein anderes Zitat mal durch, was ich auch aufgeschrieben habe, was ich wahnsinnig wichtig finde für den Film, nämlich... Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der Materie ketten lassen? Was... Natürlich den Film irgendwie auch als Überthema begleitet, aber natürlich... Macht er das nicht gerade auch? In einem Alter eher her... Ich finde das so irgendwie so schön selbstreferenziert und so schön in sich selbst verkettet drin. Im Film und im Thema. Und Schulze nun leider halt einfach in einem Alter ist, wo er einfach nicht mehr viel Zeit hat, das alles zu machen.
Florian Bayer: Ja, wie wir später feststellen. Seidiko ist das, was er macht. Kanntest du die Musik vorher?
Johannes Franke: Nein.
Florian Bayer: Ich auch nicht.
Johannes Franke: Ich habe die Musik noch nie vorher, also natürlich als ich den Film das erste Mal gesehen habe, aber da habe ich keinen Wert drauf gelegt. Ja, coole Musik, gute Musik. Also sehr swingy und... auch so eine Arbeiterwurschung.
Florian Bayer: Spannend, weil ich finde, sie klingt so... Also für amerikanische Musik sehr europäisch, was auch einfach an dem Instrument liegt, weil sie wird ja wirklich mit Akkordeon gespielt, sobald ich den Akkordeon höre. denke ich an europäische Musik. Und ich fand das in dem Film auch ganz spannend, dass es noch mal zu sehen war, dass die europäische Folklore ... Gar nicht so weit weg ist vom amerikanischen Folk aus bestimmten Richtungen.
Johannes Franke: Ja, es ist ja ... Es gab ja auch die französische Inspiration, Musik Creole oder wie das ausgesprochen wird, keine Ahnung. Auf jeden Fall gibt es Einflüsse, auch europäische Einflüsse davon und die ersten Recordings Davon waren es schon 1929 und die Entwicklung dahin kann man, wenn man will, zurück bis 1600 irgendwas machen. Also es ist schon ein langes Ding, was sich lange entwickelt hat und wird heute noch viel gespielt mit Waschbrett und mit... Akkordeon. Und ein Schlagzeug noch oder so.
Florian Bayer: Total spannend, weil es halt eben diese Bluegrass und Plus Einflüsse hat. Also Waschbrett, aber plus einfach so durch den Rhythmus und durch die Geschwindigkeit. Und dann aber trotzdem... Es klingt sehr europäisch. Ich find's spannend, weil wenn du merkst, dass er von dem Polka dann so übergeht in das Schnelle, denkst du erst mal, Ah ja, es ist okay, irgendwie kann sich das verbrüdern. Das ist nicht so weit voneinander entfernt, obwohl es so weit voneinander entfernt ist.
Johannes Franke: Das ist schon eine geile Entwicklung, oder? Dass der wirklich, der steht am Radio, hört diesen Song. Also erstmal so mit so einem, oh Gott, was ist das, ich mach das wieder aus. Und dann bleibt er stehen und denkt sich, nein, Moment, ich muss da nochmal ran. Mach das nochmal an und ich finde, man kann seinen Kopf so gut denken sehen. Ja, es ist so toll und so der Widerspruch in sich und so dieses, ist das jetzt interessant oder ist das doof? Und dann wie er rangeht an sein eigenes Instrument und das langsam erhöht das Tempo und dann schon fast manisch da drin steckt. Und das immer weiter versucht irgendwie in diese Richtung zu biegen. Und das kommt ja auch dort an tatsächlich irgendwie. Aber eben auch so ein bisschen so eine deutsche Schulzart.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Das ist dann ja zuerst mal, ist das das Lied, was da ist. Es gibt dieses eine Lied nur, dieses Seidico. von 1988 von Sideco Force. Und das spielt er immer. Das ist das einzige Lied, was er damit hat. was er daraus hat, aber es ist für ihn plötzlich alles und es ist das, was er einfach nicht vergessen kann. Er kocht und hört diese Kochstimme, die ihm Anweisungen gibt und im Hintergrund läuft die ganze Zeit die Musik. und du realisierst das erst, also ich hab's erst realisiert, als die Stimme ihn dann anschreibt und sagt, langsam ziehen lassen. Das ist schön. Und da wird es einfach nicht los.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und es ist toll, dass es so dieses eine Lied ist, das einen Klick macht. Ja. Und dann ist natürlich schön vom Grundgedanken, dass sie das dann ausbreiten, wenn sie ihn nach Amerika schicken, was quasi die zweite Hälfte des Films ist. Oder sagen wir mal das letzte Drittel, weil dann wird er mit sehr viel Musik in Amerika konfrontiert.
Johannes Franke: Ich finde es so schön, dass du sagst, dass die Musik dem deutschen Folklore auch gar nicht so fern ist. Weil der Film macht das auf vielen Ebenen. Dieses Gefühl von... Irgendwie ist das zwar anders und exotisch aus der Ferne, aber wenn du dort bist, er geht nach Amerika, dann sind das genau die gleichen Fressen.
Florian Bayer: Es ist alles vollgesetzt, auf jeden Fall. Und die Leute sind auch, was ja oft den Südstaatlern nachgesagt wird, gerade so im Louisiana-Bereich, dass sie unglaublich gastfreundlich sind, dass sie erleben. Dann gehen wir da durch die Bank. Er hat eigentlich nur positive Begegnungen. Und dann haben wir so diese kleine Tour. Und ja, er begegnet Leuten. die auch so in ihrer eigenen Tristesse leben, aber gleichzeitig auch so in ihrem eigenen Glück und die sich irgendwie eingerichtet haben und denen es auch irgendwie gut geht darin.
Johannes Franke: Und zu Hause sitzen sie halt in der Kneipe und kloppen Skat? Und dort sitzen die in der Kneipe und machen mit Dominosteinen irgendwas. Und die sehen ganz genau so aus. Das ist ganz genau das Gleiche.
Florian Bayer: Und sie haben auch ihre Musikfeste, dann gibt es auch diesen Tanz, wo sie alle tanzen. Und dieses Wurstfest ist natürlich total absurd. Absurd, wie sie über Amerika reden mit dem Motocross, was du drüben fahren kannst und so. Genauso absurd ist ihre Vorstellung von Deutschland. Das ist nämlich ein Jodler und ein Akkordeonspiel natürlich. Volksmusik und dann irgendwann die deutsche Nationalhymne, bei der Schulze stramm stehen bleibt. Als guter Patriot.
Johannes Franke: Oh Gott, oh Gott. Aber er packt bei dem Festival dann sein Akkordeon weg und haut ab quasi.
Florian Bayer: Das ist zu deutsch. Das ist vor allem nicht zu deutsch, sondern zu... Das ist nicht... das, was er wollte. Er ist ja nach Amerika, um Amerika zu sehen und nicht eine Karikatur von dem, was man aus deutschen Bierzelten kennt. Und dann haben wir diese wirklich lange Tour, die auch so krass improvisiert wirkt mit diversen Begegnungen und immer wieder... so Schnitte zu seinen Freunden zu Hause, denen er die Fotos zukommen lässt.
Johannes Franke: Man hat immer wieder das Gefühl, dass es nur wenig Drehbuch gab, aber das stimmt gar nicht. Also es ist wirklich... Es gab ein sehr durchgeskriptes Drehbuch, wie das normalerweise so ist. Aber der Film schafft es irgendwie, das alles sehr dokumentarisch und sehr improvisiert fühlen zu lassen.
Florian Bayer: Ich hab das Gefühl, das ist auch so ein Moment, wo der Film so ein bisschen wegleitet. Ja, genau. Dann sind wir dann in dieser Siedlung und dann sehen wir das große Boot und dann sind wir plötzlich auf den Zümpfen. Wir folgen diesem Jägerboot. Ja, ja, ja. Es hat so was ein bisschen willkürliches, so was ... Bilder, die reingeworfen werden, Impressionen.
Johannes Franke: Wie das Leben halt so ist. Du spülst von einem zum nächsten, wenn du bist.
Florian Bayer: auch so sind. Also jeder, der mal so einen Roadtrip gemacht hat, ohne zu wissen, wo es lang geht und einfach so ein bisschen rumgereist ist, kennt das. Du hast Impressionen. Und die hängen nicht immer zusammen und die geben einfach keine große Narration, sondern das sind einfach Eindrücke, die du hast. Und manche sind groß und wichtig, manche sind total nebensächlich und nur ganz kurz. Aber es ist halt ... Es ist einfach eine Abfolge von diesen Eindrücken und du kannst dir das später so als großes Ganzes denken, aber das ist gar nicht so wichtig, weil die Eindrücke für sich einfach echt sind. Das haben wir einfach sehr viele. Also er trägt dann mit dieser tschechischen Band, Bobby Jones Tschech Band.
Johannes Franke: Die Tschech Band, ja. Und dann fragt er sie auf Russisch, ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast, Gavry Sproski. Sprecht ihr Russisch? Könnt ihr Russisch? Weil er dann die Verbindung, seine eigene Verbindung mit der DDR vergangen hat. und so weiter da irgendwie sieht. Und die haben aber kein Russisch drauf.
Florian Bayer: Natürlich nicht.
Johannes Franke: Ich finde es so süß.
Florian Bayer: Und ja, er darf da mit denen mitfahren. Und es sind einfach so kleine Sachen, auch diese ... Diese Country-Buy, in der er dann ist, wo er plötzlich, dann tanzt er mit einer Frau.
Johannes Franke: Oh nein, das ist so traurig. Und sie scheinen sich zu versuchen zu unterstützen. Und dann tanzen die durchs Bild und wir verlieren sie wieder so ein bisschen und dann sind sie wieder da und dann geht sie plötzlich aus dem Bild raus und er steht da und denkt sich, äh, äh, äh, Und dann geht er raus und dann kommt sie später wieder mit zwei Getränken und sucht nach ihm und das ist so eine traurige Szene. Das ist total.
Florian Bayer: Das ist vor allem so eine süße Szene. Und dieser Schulze, so sehr er diese Entwicklung mitmacht, dass er Neues dann lernen will, weil es ist krass mutig für ihn, dass er plötzlich diese Reise macht. Er behält sich diesen bisschen... Dieses Tumpe und ein bisschen Tollpatschige im Sozialen und er kann auch kein Englisch. was er redet, sind wirklich nur so einzelne Wortfetzen und er versucht irgendwie zu kommunizieren, aber es ist so süß, diese Kommunikationsversuche und Er versteht sich dann ja auch oft mit den Leuten und schafft es zumindest seinen Namen zu sagen und die Namen zu erfahren.
Johannes Franke: Aber er lernt nicht viel dazu, was sehr realistisch ist im Zusammenhang. Was ich total gut finde, dass das nicht so magisch plötzlich keiner irgendwie sich da verständigen und wir haben Gespräche ganz große.
Florian Bayer: Nee, er ist auch total lost die ganze Zeit. Er fährt eigentlich so mehr oder weniger orientierungslos da rum. Man weiß auch nicht so genau, hat er einen Zeug? Ziel oder hat er jetzt wirklich einfach nur dieses Boot gemietet, um einfach ein bisschen loszukommen. Er ist einfach nur unterwegs. Und das ist natürlich schön, weil es ist einfach so ein Weil die ganze Zeit hat er einfach nur stillgestanden und jetzt ist er einfach nur unterwegs und vollkommen egal, wo es hinführt, er wird schon irgendwo ankommen und er kommt ständig irgendwo an.
Johannes Franke: Ja, das ist toll. Dieses Gefühl von, okay, ich wurde jetzt einmal geschubst, jetzt nutze ich aber diese Chance auch. Stolpere weiter. Stolpere einfach weiter, einen Fuß vor den anderen, egal wo es hingeht. Hauptsache es wird schon irgendwo landen.
Florian Bayer: Und wirklich stolper an dem Wasser. Mit dem Boot hängen bleiben, dann mal abgeschleppt werden vom netten Polizisten. Und dann natürlich diese großartige Begegnung bei der Köchin in den Sümpfen. Wo er nach Wasser fragt, weil er wirklich halb am Verdursten ist und sie lädt ihn zum Essen ein.
Johannes Franke: Ja, die ist so toll, die Frau ist so großartig. Ich finde ganz toll, dass Schulze nicht dorthin kommt und dann irgendwie, weiß ich nicht, was würde ein amerikanischer Film machen? Tut mir leid, das ist jetzt ein bisschen... Amerika-Bashing.
Florian Bayer: Vor allem bei dem Film darfst du kein Amerika-Bashing machen. Das ist wirklich eine Liebeserklärung an Amerika.
Johannes Franke: Aber was würde Hollywood draus machen? Sagen wir es so, das ist ja nicht Amerika. Hollywood ist ja eine eigenständige Identität. Es gibt keinen Talent-Scout, der ihn entdeckt und sagt, du bist der Deutsche, dich holen wir jetzt hier groß in einen Talent ... Oder er findet nicht seine große Liebe. Oder solche Sachen. Das ist nicht irgendwie, dass er dann sein Leben völlig andere Flüge bekommt und dann hat er ein Happy End mit irgendeinem großen... Ding, was sich entspinnt. Nein, es ist ganz ruhig, es bleibt der leise Film, den er vorgibt zu sein.
Florian Bayer: Also Hollywood würde natürlich eine Romanze durchziehen. Es gibt drei mögliche Romanzen in diesem Film. Hollywood würde wenigstens eine durchziehen. Hollywood würde mit Sicherheit ihn viel mehr spielen lassen. Und Hollywood würde ihn viel zielgerichteter irgendwo hinschicken. Also er kommt ja am Ende bei der schnellsten, bei diesem Rock'n'Bowl-Tanz an. Da hat er seinen Sound gefunden, seine Musik. Das wird eigentlich, diese Entwicklung in den USA von diesem Wurstfest über die tschechische Band, die ja eher so eine Louisiana-Polka-Band ist. über Country und Bluegrass. Bis hin zu diesem Rock'n'Bowl ist ja auch so eine musikalische Entwicklung und es wird auch mal so ein bisschen wilder und ein bisschen lebendiger. Und das ist der Moment, wo man das Gefühl hat, jetzt ist er angekommen. Bei dieser schnellen, lebendigen Musik. Jetzt haben wir diesen ... diesen absolut vitalistischen Moment da, wo er eigentlich die ganze Zeit hin wollte, das, was er gesucht hat, was er sehr lange suchen musste. Und das ist einfach schön.
Johannes Franke: Der Film hat nicht umsonst viele Preise gewonnen, muss man mal sagen. bestes Debüt, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller beim Stockholm International Film Festival 2003. Bester Film, beste Regie, bestes Szenenbild, Filmfest Guillaume in 2003. Die Liste ist auch relativ... cool, was so die Festivals betrifft. Special Directors Award bei den Filmen, was spielen in Venedig. Das ist schon auch geil. Ja. Und es ist, man muss dazu sagen, es ist ein kleines Fernsehspiel. Weißt du, was das Konzept kleines Fernsehspiel ist?
Florian Bayer: Ist das nicht TV-Filme?
Johannes Franke: Ja, genau. dass Fernsehsender öffentlich-rechtlich diesen Fördertopf erstellt haben um neuen Regisseuren eine Chance zu geben. Mit kleinem Budget. Und das wird dann im Fernsehen verheizt so ein bisschen. Also es gibt die positive und die negative Konnotation davon. Es ist halt Unterstützung, positiv, aber es ist halt echt wenig Geld, muss man sagen. Und es wird so ein kleines bisschen dann im Fernsehen da versendet nachts und dann... Ist gut.
Florian Bayer: Das ist so traurig.
Johannes Franke: Naja, ich weiß nicht, wie der Stand der Dinge ist, aber das war so zwischendurch der Tenor unter Film.
Florian Bayer: Aber er hat es ins Kino geschafft, oder?
Johannes Franke: Und der ist aber im Kino gelandet und hat das bis nach Amerika geschafft und international im europäischen Raum sehr anerkannt worden. Und das finde ich schon toll, dass so ein kleines Fernsehspiel es geschafft hat, wirklich so ein Kino-Release zu bekommen und so hoch zu kochen. Das ist wirklich, sie haben nicht viel Geld gehabt. Und dann sind sie nach Louisiana gekommen und haben gedacht, naja und das sind dann wieder Leute, die wollen dann irgendwie Geld und wir haben nicht viel Geld und was machen wir denn da? Und dann, genauso wie in Deutschland, wo das Dorf locker hätte sagen können, ihr wollt euch einfach nur über uns lustig machen, wir machen nicht mit. Und es trotzdem gemacht haben und gesagt haben, ihr macht das schon, sind hier nach Louisiana gekommen und die Leute haben nicht etwa gesagt, die reichen Filmemacher kommen, wir lassen euch bluten. Sondern ganz im Gegenteil, die sind da hingekommen und haben gesagt, das ist ein Erstlingsfilm und wir haben nicht viel Geld und dann haben die gesagt, Ja, wir haben hier alle wenig Geld, wir kriegen das schon hin. So eine schöne...
Florian Bayer: Es ist schön, dass der Film das auch inhaltlich selbst atmet. Ja, ganz genau. Diese Gastfreundschaft und dieses Hilfsbereite und Gebende einfach in dem etwas ärmeren Rahmen.
Johannes Franke: Und dann haben die ein ganz tolles Tonkonzept gehabt, das muss ich auch mal nach vorne stellen, weil ich ja immer die verschiedenen Departments im Kopf habe und dieser Film lebt ja sehr viel von seinen Tönen auch. weil eben so viel ohne Dialog läuft. Und dann sind die Töne wahnsinnig wichtig. Und die haben da irgendwie mit sechs Mikros die sie im Raum platziert haben, um den ganzen Raum akustisch abbilden zu können. Und das so als wesentliches Konzept, um das irgendwie hinzukriegen.
Florian Bayer: Du hörst ja auch nicht viel anderes als Raum.
Johannes Franke: Ja, ja, genau.
Florian Bayer: Meistens ist, also der Film ist sehr geräuschhaft, vielleicht so als Warnung für alle ZuhörerInnen, die mit Slow Pacing und so. wenig Dialogen und sehr subtile Inszenierungen nicht gut klarkommen. Der Film ist langsam inszeniert, der Film ist ruhig inszeniert.
Johannes Franke: Und er hat viele totalen, die einfach gehalten werden.
Florian Bayer: Sehr wenig Bewegung in der Kamera. Und sehr viel, was auch so am Rand passiert. Und wenig ... wenig Vorstellung von Charakteren und von Ereignissen, sondern eben, das ist das, was ich gemeint habe mit Berliner Schule, sehr viel diese ... Du wirst in die Rahmenhandlung reingeworfen und du musst selbst so ein bisschen gucken, wie ist diese Person drauf, wie sind diese Personen drauf, was wollen diese Personen vom Leben und warum handeln sie so? Und dann auch damit leben, dass es da öfter mal Widersprüche gibt, dass es eben keine einfachen Charaktere gibt, sondern dass es Ambivalenzen gibt. Und dass es im Verhalten auch so ein bisschen so ein Funken Unzurechenbarkeit gibt immer. Und wenn wir dabei sind,
Johannes Franke: dass diese Dörfer in Deutschland und die Dörfer in oder Rurals oder wie man das auch immer nennt in Amerika, dass das dann doch am Ende gar nicht so unterschiedlich ist, dass die Menschen halt Menschen sind und auf eine bestimmte Art und Weise leben. liebevoll miteinander in ihrer Community sind. Hab ich doch trotzdem eine Top 3 gesehen, die in die piefigen Dörfer geht und nicht in die liebevollen Dörfer.
Florian Bayer: Ich hab dir ja die positive Top-3 vorgeschlagen, die du nicht wolltest. Amerika ist toll. Amerika is a great place oder so. Aber du wolltest unbedingt die Jingle.
Johannes Franke: unsere Top 3 Die piefigen Dörfer.
Florian Bayer: Danke. Tristesse, dörfliche Tristesse wolltest du. Deprimierende Dörfer hast du mir, glaube ich. Ja, deprimierende Dörfer. Das heißt, ich habe jetzt auch wirklich, also meine Liste ist im Gegensatz zu diesem Film sehr deprimierend.
Johannes Franke: Okay, also ich muss schon sagen, dass ich die Dörfer, die da dargestellt wurden, schon auch deprimierend fand. Deswegen habe ich die Top 3 gegeben. Ich gebe zu, dass sie mit sehr viel Liebe dargestellt sind, aber ich möchte da nicht leben.
Florian Bayer: Trist, aber nicht deprimierend. Aber leben möchte ich da auch nicht, um Gottes Willen.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber ich möchte auch nicht in München leben und München würde ich jetzt nicht als deprimierend bezeichnen.
Johannes Franke: Doch, München ist deprimierend. Definitiv. Architektonisch toll, aber sobald du da durchgehst und mit mehreren Menschen zu tun haben musst,
Florian Bayer: So, nachdem wir es uns mit allen Menschen vom Land und allen Menschen aus München verkackt haben.
Johannes Franke: Sorry, Melly, es tut mir sehr leid.
Florian Bayer: Wir verlieren 50% unserer Hörer.
Johannes Franke: Fuck.
Florian Bayer: Mein Platz 3. Dein Platz 3. Mein Platz 3, Michael Haneke, das weiße Band aus dem Jahr 2009. Okay. Ein fiktives Dorf im Brandenburger Raum, glaube ich. Nee, Vorpommern, Mecklenburg. in dem alles so Anfang des 20. Jahrhunderts so sehr stark vom Protestantismus dominiert wird. und Kinder werden verprügelt und Erwachsene kümmern sich um sich wenig umeinander und dann kommt es zu Verbrechen und das Ganze ist eine Allegorie auf den langsam wachsenden Nationalsozialismus. Deswegen heißt der Film auch eine deutsche Kindergeschichte und er zeigt, wie die Erziehung im Kaiserreich, gerade im ländlichen Raum, direkt in die große Katastrophe des Nationalsozialismus geführt hat. Großartiger Film, unglaublich deprimierend. 2009 vielleicht der beste Film von Michael Haneke.
Johannes Franke: Hm, okay. Ich hätte einen Augenzwinkern als Platz 3.
Florian Bayer: Oh, ja.
Johannes Franke: Die Schöne und das Biest. Sie will da raus. There must be more to this provincial life. Ich find's sehr süß. Das Dorf ist natürlich sehr süß und so.
Florian Bayer: Das Dorf ist deprimierend für jeden, der mit Disney nichts anfangen kann. Ja.
Johannes Franke: Aber sie will da raus und ich kann es verstehen. Natürlich. Sie will in die große weite Welt und Dinge erleben.
Florian Bayer: Und deswegen pöbelt sie den Buchhändler an.
Johannes Franke: Der ihr gerade ein Buch geschenkt hat und sie sagt immer, was für ein Scheißdorf.
Florian Bayer: Aber sonst ist das Dorf auch echt nervig. Alle sagen, hä, was ist mit der los? Warum ist denn die so? Ja, außer Gaston. Heißt der Gaston? Ich werde sie flachlegen.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Ich werde dich flachlegen. Schön und das Biestholler-Film. Sollten wir mal wieder schauen.
Johannes Franke: Ja, ist ein bisschen schwierig mit dem Stockholm-Syndrom. Und so. Dein Platz zwei.
Florian Bayer: Mein Platz zwei aus dem Jahr 1971. Straw Dogs, Wer Gewalt sät von Sam Peckinpah. Ein Film über ein amerikanisches Paar, das nach England zieht, aufs Land. Und er, gespielt von Dustin Hoffmann, ist Intellektueller, Akademiker. Und wie die ländliche Bevölkerung glaubt, offensichtlich so einer von denen, die irgendwie versuchen, dem Vietnamkrieg zu entgehen. Und daraufhin werden die beiden von den Dorfbewohnern ziemlich tyrannisiert. Es passieren schreckliche Verbrechen. Erdenkliche Form von Gewalt. Bis dann unser Protagonist sein pazifistisches Ich verliert und knallhart zurückschlägt. Ein wirklich düsterer Film über Gruppendynamiken im ländlichen Raum, über Mechanismen, die zu Gewalt führen, über Mechanismen der Ausgrenzung, über Rassismus, Xenophobie und so weiter. Und toxische Männlichkeit und sehr kondensiert in 120 Minuten. Ziemlich harter Film, unfassbar guter Film. New Hollywood-Klassiker. Straw Dogs.
Johannes Franke: Mein Platz zwei ist ein deutscher Film, ein weiterer. Weil ich das Gefühl habe, dass die Deutschen das mit den deprimierenden Dörfern irgendwie drauf haben.
Florian Bayer: Ja, das haben wir drauf, auf jeden Fall.
Johannes Franke: Das ist ein bisschen krass. Und zwar ein Film namens Vergiss Amerika. Aus dem Jahr 2000, 2001, irgendwie sowas. Von Vanessa Joop. Und da geht es um drei Freunde, eine Frau und zwei Typen. die da aufgewachsen sind in so einem kleinen Ort, kleinen Örtchen und da irgendwie alle raus wollen. Die haben alle auch Ambitionen, wie auch in diesem Film. Und... Und, ah, Floor. Floor guckt mich so komisch an, ich weiß auch genau, warum möchtest du.
Florian Bayer: Ja, also der Film lebt vor allem von einem herausragenden Schauspieler.
Johannes Franke: Nein, tut er nicht.
Florian Bayer: Der unfassbar gut spielt und alles andere in den Schatten stellt, obwohl seine Rolle gar nicht so groß ist. Wahnsinn. Johannes spielt in diesem Film.
Johannes Franke: Das ist mein erster Film, den ich mitgespielt habe.
Florian Bayer: Oh, es ist sogar dein Debüt.
Johannes Franke: Ja, genau. Aber nicht meinetwegen guckt den Film, nicht meinetwegen guckt den Film, weil wirklich diese drei Hauptfiguren... Spielst du nicht den kleinen Fascho? Ja. Also, ich hab Katze. Also folgendes. Es gibt eine Frau, die will Schauspielerin werden und am Ende gibt es eine Szene, wo sie, also nicht ganz am Ende, aber es gibt so zwischendurch eine Szene, wie sie in ein Synchronstudio kommt und dann Porno synchronisieren soll. Das sind so die Gegenüberstellungen von Wünschen und Träumen in die Zukunft. und dem, was am Ende daraus wird, weil es irgendwie schwierig ist. Man scheitert an der Realität. Und der eine will Luxusautos verkaufen, amerikanische, und baut da irgendwie... In diesem Ort, wo es einfach niemanden interessiert, so ein Autohof auf mit ganz vielen amerikanischen Luxusautos. Wer will die dort? Aber es ist ein Traum. Und dann endet er halt daran, dass er irgendwie für Polen die ihren Verschiebebahnhof für geklaute Autos irgendwie dort betreiben, die ihnen Geld geben, dass er das in der Gegend rumfährt, die Autos. Was eine schwierige Sache ist. Und dann gibt es den Fotografen, also den, der gerne Fotograf werden will, der halt bei einem Dorffotografen endet, der da so ein... naja, seinen Background hat und sein gesetztes Licht und da müssen alle Leute durchgeschickt werden, ohne große Ambitionen. Und dann muss er am Ende schließen, der Dorffotograf, und der ist wieder arbeitslos, unsere Hauptfigur da. Das sind halt alles so Wünsche von jungen Menschen, die alle mal raus wollten, wo die Entwicklung aber irgendwie echt stecken bleibt, weil man an der Realität scheitert. Natürlich eine Liebesgeschichte auch zwischen dem Mädel und den beiden Männern und so. Und dem kleinen Bruder, der Fascho ist.
Florian Bayer: Wenn ihr Johannes mit Klatze sehen wollt, guckt euch, vergesst Amerika an. Aber trotzdem, auf jeden Fall schaut ihr euch an.
Johannes Franke: Das ist ein großartiger Film.
Florian Bayer: Es ist kein Narzissmus, der hier durchs Mikrofon spricht, sondern es ist wirklich ein sehenswerter Film. Kann ich bestätigen. Mein Platz 1 ist wirklich deprimierend und lang. Ich glaube, ich habe ihn hier schon ein-, zweimal erwähnt und ich muss ihn dir irgendwann geben. Ich weiß noch nicht wann. Irgendwann, wenn wir wirklich Zeit haben.
Johannes Franke: Oh Gott, das klingt so, als ob ich Angst davor haben müsste, dass du mir diesen Film gibst.
Florian Bayer: Satan Tango aus dem Jahr 1994.
Johannes Franke: Warum?
Florian Bayer: Das 450-Minuten-Werk von Belatar, in dem ein ungarisches Dorf gezeigt wird... Und die Menschen sind arm, die Menschen haben keine Hoffnung und keine Zukunft und intrigieren gegeneinander und bestehlen sich und lügen. Und ja, 450 Minuten und mit mehreren eingeteilt in zwölf Teile. steht vor allem aus sehr, sehr langen Einstellungen, also 450 Minuten und ja, Keine Ahnung, ein paar Schnitte halt. Unglaublich fesselnder Film, unglaublich anstrengender Film. Eine Herausforderung, aber eine Herausforderung, die sich lohnt.
Johannes Franke: Okay, wir machen Folgendes. Das wird ein Special. Und wir nehmen uns dabei auf. Wie wir ihn gucken. Wir gucken ihn zusammen hier auf Leinland und dann nehmen wir uns dabei auf, wie ich dich umbringe.
Florian Bayer: Wenn ich dabei rauchen darf, ja.
Johannes Franke: Oh Gott, es wird ganz viele Rauchpausen auf dem Balkon geben. Da müssen wir uns aber im Winter gucken, damit du möglichst in die Kälte musst. Dein Platz 1. Mein Platz 1. Fargo. Ich fand diesen Film... immer schon wahnsinnig beeindruckend. Ich finde auch die Serie, die sie daraus gemacht haben, tatsächlich gut. Du guckst dir den Film an, es ist so ein bisschen Western-artig fast, aber eben Schnee-Western. Das ist halt alles... Unter dieser Decke von Schnee, die auch diese ganzen Aggressionen und die ganzen Probleme und Konflikte dieses kleinen Örtchens irgendwie bedeckt. und abdämpft und so dass nie irgendwas richtig rauskommt und dann rastet halt der Familienvater einmal aus und er bringt seine Frau um. Und es ist wirklich, wirklich krass. Gut erzählt. Sehr, sehr gut erzählt. Auch sehr langsam, streckenweise. Und mit einem trockenen Humor, der manchmal echt gut ist.
Florian Bayer: Die Cones.
Johannes Franke: Ja, die Cones haben es drauf.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall fantastischer Film.
Johannes Franke: Ja. Vielleicht auch besprechenswert.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Hatten wir die Coens schon mal? Ja, wir haben über Arizona Junior gesprochen, der ja so mein Lieblings-Cone-Film ist. Aber die Coens haben so viele fantastische Filme gemacht, bestimmt in diesem Podcast mal wieder begegnen werden.
Johannes Franke: Das war Unsere, äh, Top 3.
Florian Bayer: Okay, zurück zu Schulze Gets the Blues. Gets the Blues. Willst du noch zwei Worte über Horst Krause verlieren, unseren Hauptdarsteller, der das hier ganz fantastisch spielt? Und der aber vor allem als Kommissar Horst Krause bekannt ist. Ich wusste nicht, dass das ein Ding ist. Also er spielt nicht sich selbst, aber seine Figur hat einfach mal denselben Namen wie er.
Johannes Franke: Ja, es gibt doch diese Tradition von den Amis, dass man so Sitcoms um Schauspieler, Comedians drumrum schreibt. die dann einfach so heißen, wie sie heißen und dann ihre Show haben quasi.
Florian Bayer: Aber die heißen ja nie so, also die Shows heißen so, aber die Bill Cosby Show, die Hauptfigur heißt nicht Bill Cosby, sondern Heathcliff Huxtable. Ja. Und in der Dick Van Dyke Show heißt die Hauptfigur nicht Dick Van Dyke, sondern keine Ahnung wie.
Johannes Franke: Ja, aber ich erinnere mich, da gab es doch schon noch ein paar Sachen. Egal. Egal. Dieses Argument verbrennen wir jetzt wieder. Horst Krause, das ist einfach so eine Figur, weißt du, so eine Kultfigur, die einfach so da ist, wo einfach jeder sagt, okay, das ist doch da... Der Horst. Der braucht doch seine eigene Show.
Florian Bayer: Ja, ich kann es total verstehen. Ich kenne den nicht wirklich, weil ich einfach... keine deutsche TV-Landschaft gucke und mit diesen 90er-Komödien von Detlef Buck auch nichts anfangen kann. Deswegen ist es raus. Ich kenne das Gesicht. Aber er ist mir noch nie als Schauspieler so groß aufgefallen. Offensichtlich eine riesige Figur. Nicht nur, weil er wirklich riesig ist. Ein Schwergewicht. Polizeiruf 110, der seit 1999 spielt. Und er spielt da halt einfach mal den Horst Krause, was ich so
Johannes Franke: Ja, ach.
Florian Bayer: Und es gibt noch eine Serie? Spielt er denn denselben Horst Krause? Das weiß ich nicht. Wikipedia wissen, seit 2007 verkörpert er ebenfalls unter seinem bürgerlichen Namen den Dorfpolizisten Horst Krause. Gott sei Dank haben sie den Schulze jetzt nicht Herr Krause genannt, aber ich glaube, das wäre auch Ich verstehe es nicht so ganz. Aber egal, Horst Krause spielt hervorragend in diesem Film.
Johannes Franke: Ja, ich finde, er ist wundervoll.
Florian Bayer: Subtiles Spiel, wenig Gesten, wenig Mimik und wenn, es ist einfach überzeugend.
Johannes Franke: Ich glaube, das ist das, was den Film, was die Schauspieler betrifft, also nicht die Leihendarsteller, sondern was die Schauspieler betrifft und die Schauspielführung durch den Regisseur, Kudos, dass der es schafft, diese Natürlichkeit und völlig Frei von irgendwelchen prätentiösem Zeug. Er ist einfach nur da. Weißt du, oft steht er auch einfach nur in der Ecke und muss nicht viel tun. Und er ist einfach präsent und da. Und wenn er anfangen würde zu spielen, im Sinne von, ich bin ein Schauspieler, ich zeige euch jetzt, dass ich traurig bin, das wäre tödlich für den Film. Absolut tödlich.
Florian Bayer: Ja, total. Auf jeden Fall bin ich ganz bei dir. Und vielleicht noch einmal kurz die Namen erwähnen, weil Harald Warmbrunn und Karl Fred Müller als Jürgen und Manfred als seine besten Freunde, die Dieses Trio, die spielen das einfach fantastisch und die rocken jede Szene, in der sie auftauchen, ohne groß was zu machen. Sie sitzen ja nur da rum, sie machen ja nichts.
Johannes Franke: Genau, genau. Und ich finde, dass sie das so verinnerlicht haben. Ich weiß nicht genau, wie viel vielleicht auch davon in den Schauspielern schon drin ist. Der eine hat ja, Warmbund, glaube ich, wurde gefragt, ob er es machen will und er meinte, ach ja, ich Kann mich auch bei euch mit ins Set setzen, wenn ihr wollt. Wenn das mit meiner Hüft-OP sich nicht... Im Konfliktgerät mache ich das.
Florian Bayer: Das ist kein Ding. Ja, das passt so zu dem. Genau so ist die Figur auch. Das ist unglaublich.
Johannes Franke: Ich glaube, er war ein kleines bisschen traurig, dass er nicht mit Amerika durfte.
Florian Bayer: Ja, das kann ich mir vorstellen.
Johannes Franke: Er muss ja in der Heimat bleiben und immer die Briefe bekommen mit den Fotos. jetzt passiert und ich finde es so süß, die Gegenüberstellung von dem, was in Amerika passiert, wirklich und wie die sich das vorstellen.
Florian Bayer: Der wird jetzt ein Star, der nimmt jetzt ein Album auf.
Johannes Franke: Der nimmt jetzt sein Album aus und dann kennt er uns nicht mehr. Das ist so schön.
Florian Bayer: Und bei all dem Spaß gibt es dann doch ein relativ melancholisches Ende.
Johannes Franke: Ja, aber ich...
Florian Bayer: Brauche ich es vielleicht sogar zu viel, sagt.
Johannes Franke: Ja, es ist ja ein Happy End eigentlich, weil er wirklich nochmal das machen durfte, was er entdeckt hat.
Florian Bayer: Und das nochmal erleben durfte und dann, naja... Und wie schön es ist, dass seine amerikanischen Freundinnen bei seiner Beerdigung dabei sind.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Das ist so...
Johannes Franke: Ich weiß nicht, wie realistisch das ist.
Florian Bayer: Es ist vollkommen egal. Er stirbt und wir sehen dann die Beerdigung und dann sind aber Leute da, die er in Amerika getroffen hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: mit denen er etwas enger zusammen war. Es ist einfach voll schön. Es ist tatsächlich ... Keine große Trauer am Ende des Films, weil ich find's immer so ein bisschen draufgedrückt, wenn der Protagonist am Ende von einem solchen Film stirbt. Hab auch so gedacht, oh, muss es sein. Ihr müsst ihn jetzt nicht töten. Das ist so platt, um nochmal Emotionen zu wecken. Aber andererseits war das so lakonisch gemacht wie der Rest des Films, weil wir sehen einfach diesen Beerdigungszug. mit der Blaskapelle.
Johannes Franke: Genau, es ist einfach die Blaskapelle und wie erstirbt es auch total. Naja, gut, okay, er hat jetzt so diesen kleinen Herzinfarkt oder was auch immer das ist und dann wird er daraus begleitet und man macht da aber auch nicht ein großes Fass auf.
Florian Bayer: Nee, es wird kein großer Aufrüst drum gemacht.
Johannes Franke: Wird dann halt da hingesetzt, oben, ja, schlaf mal hier, Decke. Und dann gibt's halt den hörbaren letzten Atemzug, den ich auch ganz minimalistisch eingesetzt inszeniert finde. Und dann zieht sich der Mond zu und das war's.
Florian Bayer: Ja, das ist auch irgendwie schön, weil man das Gefühl hat, so orientierungslos seine Suche war, er ist in dem Moment irgendwie angekommen.
Johannes Franke: Ja, genau. Und es ist schön, ein Ausblick auf ein kleines anderes Leben, was er vielleicht hätte haben können. Jetzt einfach, vielleicht reicht das auch, ist in Ordnung. Er hat das gehabt und es ist schön.
Florian Bayer: Ja. Und vielleicht noch eine filmliche Referenz zu erwähnen. Diese Totenkapelle, die an dem Windrad vorbeizieht, ist glaube ich die letzte Einstellung. Da musste ich doch an Ingmar Bergmann denken.
Johannes Franke: Oh, wirklich?
Florian Bayer: Der bei das siebte Siegel lässt, der so einen toten Zug... Okay. Auch so in der Ferne, in der totalen Vorbeiziehung. Ich glaube, da hat unser Herr Schor sich inspirieren lassen. Ja, vielleicht.
Johannes Franke: Aber es ist ja auch ein Rückgriff auf ein Bild, was vorher ist. Genau dieses gleiche Bild hat er ja schon, wenn er mit seinem Fahrrad da lang fährt.
Florian Bayer: Wir sehen sehr oft Windmühlen, oder? sehr oft Totalen, wo eine Windmühle irgendwo in der Ecke steht und sonst ist nichts zu sehen außer flaches Land im Flaches, sächsisches Land. Nicht sächsisch, niedersächsisch. Sachsen-anhaltig. Entschuldigung, ich komme immer durcheinander.
Johannes Franke: Anhalt, ja, Anhalt. Wichtig, wichtig. Unterschied. Frage noch wieder zurück. Welche Leidenschaft könntest du dir vorstellen, im Alter zu entdecken?
Florian Bayer: Filme? Ich weiß es wirklich nicht. Ich find's schwierig. Ich werf die Frage mal zurück. Was denkst du denn?
Johannes Franke: was man alles im Rest des Lebens nicht gemacht hat. Was sind das für Sachen? Das Problem ist bloß, Entdecke ich dann Steuern für mich?
Florian Bayer: Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es sowas. Ich hab keine Ahnung, weil ich glaub, ich bin ganz ... Das ist so blöd, das klingt wie so ... Ich glaube, ich bin ganz gut da drin, neue Leidenschaften zu entwickeln auf monatlicher Basis, um alte fallen zu lassen. Also, wenn ich drüber nachdenke, was für Leidenschaften habe ich im letzten Jahr entwickelt, dann hätte ich Schach, Miniaturen anmalen,
Johannes Franke: Aber das ist alles dein Kind, ich sag's dir. Solange dein Kind in dem Alter ist, in dem es monatlich neue Leidenschaften entwickelt, tust du das auch dann nicht mehr.
Florian Bayer: Glaube ich nicht. Ich glaube, das Schachspielen, das habe ich ja nicht wegen meinem Kind angefahren.
Johannes Franke: Ja gut, okay.
Florian Bayer: Nee, das haut nicht hin. Ich glaube, ich bin ganz gut da drin, jedes Jahr so ein oder zwei neue Leidenschaften, so haben die dann auch total verloren gehen können. Und ich hoffe, ich bewahre mir das. Keine Ahnung, wie es ist. Ich bin ja noch nicht so alt. Vielleicht sieht es mit 50 anders aus oder mit 60. Deswegen würde ich gerade sagen, danke. Ich bin bedürfnisfrei, solange ich weiter Bedürfnisse habe.
Johannes Franke: Okay, ja, das ist so ein bisschen der... Das Fazit, ne? Fazit? Man sollte das vielleicht durchziehen, ne? Man sollte die Sachen am... Schopfe packen und einfach wirklich, auch wenn man, weiß ich nicht, wie alt ist der? 60? 70, Mitte 60, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Naja, Anfang 60. Also Vorruhestand heißt ja, muss vor 65 sein. Stimmt.
Johannes Franke: Also um die 60. Wenn man da nochmal eine Leidenschaft entwickelt, dann nimm's. Auf jeden Fall. Sei froh, dass die Leidenschaft um die Ecke kommt?
Florian Bayer: Wenn du eine Leidenschaft entwickelst, nimm es grundsätzlich. Leidenschaften sind toll. Und egal, wie komisch sie auf den ersten Blick wirken mögen, hab Spaß daran. Das Leben ist schön. Das Leben ist schön und kurz. Johannes, Was für ein wunderschönes kleines Filmjuwel.
Johannes Franke: Schönes Freude.
Florian Bayer: Vielen Dank. Also ganz, ganz großartiger Film.
Johannes Franke: Es passiert mir auch selten genug, dass ich dir mal einen Film zeige, den du noch nicht kennst und von dessen Existenz dir noch nicht so richtig bewusst war.
Florian Bayer: Nein, also ich mochte alles an diesem Film. Das Lakonische, das ruhig Erzählte, Das Spitzbübige, das Surreale und diese wunderschöne, tragikomische Melancholie, die nie zu dick drauf drückt. Ein großes Juwel aus den frühen 2000ern und unbedingt ansehen.
Johannes Franke: Schön. Das freut mich sehr. Vielen Dank, dass du ihn geguckt hast.
Florian Bayer: Ja, danke, dass du ihn mir gegeben hast.
Johannes Franke: Schön. Ja, dann, wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht nächste Woche, was für einen Film wir dann besprechen werden, was Plor mir vorsetzt. Ich sehe schon dieses diabolische Grinsen.
Florian Bayer: Bleibt dran.
Johannes Franke: Dann bleibt dran und hört es euch an.
Florian Bayer: Euch eine schöne Woche bis dahin und bleibt gesund.
Johannes Franke: Ciao. So, jetzt bin ich mal gespannt.
Florian Bayer: Mach schnell, ich habe einen Daim ausgepackt, das will ich jetzt essen.
Johannes Franke: Okay, okay, okay, dann erzähl schnell und dann kannst du das Daim essen.
Florian Bayer: Nächste Woche gibt es Fight Club und zwar, weil du mich die ganze Zeit damit genervt hast. Du hast gesagt, den musst du jetzt mal machen, den musst du jetzt mal machen, weil ich habe da, glaube ich, ein, zweimal auch im Podcast schon gesagt, dass ich da eine Interpretation drauf setze, drauf stülpe. ich weiß gar nicht, das ist gar nicht so original, aber egal.
Johannes Franke: Die jedenfalls nicht gängig ist für die männlichen Männer, die das aus männlichen...
Florian Bayer: Die männlichen Männer, nicht einfach nur die Männer, sondern die
Johannes Franke: Männlichen Männer, die aus männlichen Männergründen diesen Film männlich-männlich fanden.
Florian Bayer: Genau das. Ich freue mich drauf, mit dir nächste Woche über Fight Club zu reden.
Johannes Franke: Okay, ich bin gespannt. Bis dann, ciao. Und dieser Daim, wie er schmilzt im Mund. Ah. Ich hatte ja noch eine Frage, die mir jetzt so völlig durchgegangen ist.
Florian Bayer: Ich höre, aber ich futtere dabei weiter deinem.
Johannes Franke: Wie ist das? Es gibt ja nun viele Leben, die man von außen betrachtet und sagt, naja, oh Gott, so will ich nicht leben und... Was ist das für ein Typ? Schafft man es, jedes Leben mit so viel Liebe zu erzählen, dass man als Zuschauer diese Liebe entwickelt und sagt, ein toller Typ ist zwar nicht meins, aber
Florian Bayer: Zumindest in dem Genre sollte das das Ziel sein. Weil sonst werden Filme herablassend und viel zu wertend. Und das ist dumm, weil Spießigkeit entsteht ja dadurch, dass man Lebensentwürfe von anderen negativ bewertet, weil sie nicht dem eigenen entsprechen. Und das sollte man glaube ich vermeiden, wenn man auf andere Leben blickt. Und dann sollte man es lieber ganz lassen. Weil wenn man auf ein anderes Leben blickt in künstlerischer Weise, nur um es schlecht zu machen, Ohne es verstehen zu wollen, dann ist das billig. Und gerade bei so was wie ... Keine Ahnung, das Leben eines Provinzlers ist halt auch so leicht.
Johannes Franke: Schaffen wir es also aus jedem Leben so in 90 Minuten gepresst einen die kleinen Heldentaten des Lebens rauszuholen und uns das schmackhaft zu machen oder wenigstens dem Zuschauer ein Gefühl dafür zu geben, dass das so seine ganz eigene Heldenhaftigkeit und Liebe mit sich bringt.
Florian Bayer: Wenn du das erzählen willst, solltest du es schaffen. Ich meine, in einem Horrorfilm willst du das nicht erzählen, in einem Kriegsfilm willst du das wahrscheinlich auch nicht erzählen. Aber wenn du einen Film gestaltest, der irgendwie einen Blick auf einen
Johannes Franke: Die Frage ist ja nicht, ob ich das als Filmemacher schaffe, überhaupt generell, sondern die Frage ist, ob jedes Leben... das Potenzial bietet. Ob ich jedes Leben so erzählen kann. Im schlimmsten Falle Hitler, das will ich natürlich nicht, aber könnte ich das?
Florian Bayer: Ich gehe davon aus, dass man jedes Leben so erzählen können sollte. Man muss dann eventuell ein bisschen weglassen, man muss ein bisschen lügen. Aber im Prinzip sollte man jedes Leben so erzählen können, ja. Lass mich mal ein sehr krasses Beispiel überlegen. Es gibt zum Beispiel diesen Film, der ist echt hart, der Little Children. Der schafft das irgendwie mit dem Leben vom Sexualstraftäter.
Johannes Franke: Oh, okay.
Florian Bayer: Ich weiß schon lange, wenn ich das gesehen habe, aber das hatte das. Ja, auf jeden Fall. Dass man zumindest ... Empathie aufbringt für ihn und auch Mitleid. Aber das ist nicht einfach, sondern ... dass gezeigt wird, dass er versucht, irgendwie zu leben. Und dass man das nachvollziehen kann.
Johannes Franke: Aber weißt du, bei dem Sexualstraft ist noch das Ding, dass es natürlich ein großes ... Thema ist, es ist bei Schulze Get the Blues, da passiert ja gar nicht so viel. Du hast ja schon Liebe für die Figur, bevor der nach Amerika geht. Und davor ist es ein pifiges Leben, das ich nicht haben will. Und trotzdem liebe ich ihn. Das ist schon eine Leistung.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Es macht ja den Film so stark auch, dass es eben Shaw gelingt, das so zu erzählen. ohne viel erzählen zu müssen. Durch einfache kleine Gesten und Bilder.
Johannes Franke: Ich glaube, dass das... dass die Erkenntnis daraus ja im Grunde dann ist, dass ich nur meine Umgebung besser beobachten muss, um die Liebe und die Die tollen kleinen Momente des Lebens eines jeden, weiß ich nicht, Finanzbeamten oder was auch immer sehen zu können.
Florian Bayer: Ja, ich glaube, ein ganz wichtiges Mittel ist Zeit und Raum geben. Du brauchst Zeit und Raum für die Figur. Und nicht... Nicht zu schnell wegschneiden. Das ist ja das Tolle am Slow-Pacing. Wenn du langsam erzählst und ihn beobachtest, wie er in der Küche steht und einfach nichts anderes macht, als sein Bier zu trinken und sein Abendbrot zu essen, Dann gibst du dem Charakter genug Raum. Es gibt ja so dieses Klischee, wenn man lange genug Zeit mit jemandem verprägt, dann findet man ihn sympathisch. Und man muss nur jemanden lang genug kennen und genug über ihn wissen, dann könnte man sich sogar in ihn verlieben. Und das musst du dich aber trauen als Filmmacher. Du musst dich dann trauen zu sagen, okay, der macht jetzt nichts. Das ist total langweilig, was der da gerade macht. Der Sitzdown ist, aber ich lasse trotzdem drauf. Ich gebe dem Charakter den Raum, sich zu entfalten.
Johannes Franke: Also, ob ihr Filmemacher seid oder nicht, Lasst euch auf eure Leute ein in der Umgebung.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Ciao.
Johannes Franke: Oh mein Gott, das war preachy. Ey, Mann. Ey, Mann. Ey, Mann.
Florian Bayer: Ich lass jetzt einen Daim und geh dann eine rauchen.
Johannes Franke: Okay, cool. Er friert schön auf meinem Balkon. Rauch eine. Bis dann.
