Episode 110: Teorema von Pier Paolo Pasolini – Kunstkacke oder rätselhaftes Meisterwerk?
Pier Paolo Pasolini gilt als einer der widersprüchlichsten und kontroversesten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Vom Schriftstellertum kommend entdeckte er in den 60er Jahren den Film, drehte einige Werke im Geist des italienischen Neorealismus, um dann seine ganz eigene Vision eines sozialkritischen, marxistischen Kinos zu entwickeln: In diesem ist Jesus ein Subproletarier, wird die sexuelle Entgleisung eines Marquis de Sade mit dem Faschismus der Moderne in Zusammenhang gebracht, und – wie in Teorema aus dem Jahr 1968 – wird eine Kritik des Bürgertums anhand der Feiler Erotik, Liebe und Spiritualität entworfen:
Ein einfacher, handgeschriebener Zettel, überbracht von einem engelsgleichen Postboten kündigt von der Ankunft eines Besuchers. Dieser wird von der prototypischen großbürgerlichen Familie, die im Zentrum von Teorema steht, in Empfang genommen und bewirtet: Nach und nach erliegen sie alle seinem Charme (und seinem Schritt): Magd, Mutter, Sohn, Tochter und Vater. Und jeder macht in den anschließenden sexuellen Begegnungen eine Entwicklung durch: Die Magd entdeckt die Spiritualität und zieht zurück aufs Land, die Mutter erlebt einen zweiten sexuellen Frühling, der Sohn kann sich endlich seiner Homosexualität und unterdrückten künstlerischen Ader stellen. Die Tochter wird erwachsen und katatonisch und der Vater lässt alle bürgerlichen Statussymbole hinter sich.
Teorema lässt viel Raum für Interpretation. Ist hermetisch, kryptisch und schreit geradezu nach einer hermeneutischen Analyse, die Pasolinis ambivalentes Leben, Verhältnis zum Bürgertum, Sozialismus, Staat und Religion einschließt…
Aber wir wollen hier ja auch ein bisschen Spaß haben. Also Johannes: Wenn du von einem gottgleichen Jüngling nochmal komplett aus der Spur gerissen wirst, wohin soll die Reise gehen? In die abstrakte Kunst? In die Arme zahlloser junger Männer? In die Katatonie? Als Wunderheiler aufs Land? Oder doch lieber nackt schreiend in die Wüste?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 110: Teorema von Pier Paolo Pasolini – Kunstkacke oder rätselhaftes Meisterwerk? Publishing Date: 2023-02-08T15:52:33+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2023/02/08/episode-110-teorema-von-pier-paolo-pasolini-kunstkacke-oder-raetselhaftes-meisterwerk/ Kunstwerk, ich bin so nachdenklich, ich habe hier einen philosophischen Überbau. Lies dieses Buch und dieses Buch und dieses Buch, dann kannst du mich verstehen. Das ist mir alles scheißegal. Ich kenne mich auch nicht aus mit den ganzen, mit den ganzen Diskursen aus den 60er Jahren über Marxismus und wie Marxismus und Erotik zusammen gedacht werden kann. Das braucht man gar nicht. Der Film kann einen trotzdem reinziehen. So, herzlich willkommen hier zu einer neuen Ausgabe des Muss-Man-Sehen-Podcasts. Herzlich willkommen in meiner Küche, Plor. Herzlich willkommen, Johannes. Herzlich willkommen, liebes Publikum. Schön, dass ihr wieder dabei seid. In meiner Küche, wofür kaum zu zweit reinpassen, weil wir hier so viel Zeug stehen haben. Aber wo es unglaublich gemütlich und kuschelig ist. Oh, das freut mich, Plor. Vor allem mit dem Tee, der da in der Ecke vor sich hin brüht. Ist das ein Hinweis, dass ich dir Tee einschießen soll? Oh, Tee, ja, ich würde mich sehr über Tee freuen. Warum habe ich noch keinen Tee bekommen? Bei dir verdurste ich immer, Johannes. Für alle, die neu eingeschaltet haben, man kann es ja nicht oft genug wiederholen. Wir reden hier über Filme mit einem kleinen Twist. Und zwar schlagen wir uns gegenseitig jede Woche Filme vor. Das heißt, einer gibt dem anderen eine Hausaufgabe, einen Film, den er schauen muss. Und in der kommenden Episode reden wir dann über diesen Film. Und im besten Fall ein Film, der den Horizont des jeweils anderen und im besten Fall auch von euch erweitert. Ja, im besten Fall auch euren Horizont. Und was mich zu dem Hinweis bringt, dass ihr uns natürlich auch aufgeben können. Also ihr könnt uns auch schreiben und sagen, ha, diesen Film müsst ihr unbedingt mal besprechen oder anschauen. Und wenn es, weiß ich nicht, die Chipmunks sind, gerne. Alles, gebt uns alles wert. Wir hatten mal echt einen ganz guten Lauf, wo wir viele Publikumswünsche gekriegt haben und mehrere Episoden in Folge eigentlich nur noch Publikumswünsche bedient haben. Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn wir das noch mal können, weil irgendwann gehen uns die Ideen aus. Was? Hast du das gerade öffentlich gesagt, Plor? Nein. Oh Gott. Okay, vielleicht piep ich das raus oder so. Naja, auf jeden Fall, diese Woche sind mir die Ideen noch nicht ausgegangen. Diese Woche habe ich mit Johannes einen Film vorgeschlagen. Und zwar aus der Reihe, ich möchte, dass Johannes ein bisschen mehr in die Filmgeschichte eintaucht. Was so hart klingt, weil Johannes eigentlich schon jemand ist, der sich sehr viel mit Filmgeschichte beschäftigt, aber eben mit einem sehr bestimmten, mit einer sehr bestimmten Gattung. Und das sind meistens amerikanische Musicals. Na los, rede dich um den Kopf und kragen. Erzähl weiter, erzähl weiter. Ich widerspreche erst mal nicht. Deswegen gebe ich es Johannes ab und zu mal so einen europäischen Arthouse-Film vor die Füße zu spucken und zu sagen, wie er denn das ist. Also du willst mich bilden, Plor. Ich möchte dich bilden, genau. Wir haben hier ja auch einen Bildungsauftrag und heute gibt es sehr viel Bildung, was Filmgeschichte betrifft. Wir reden nämlich über Pier Paolo Pasolini, einen der großen italienischen Regisseure der 60er und frühen 70er Jahre. Ich würde gerne dieses Mal die Episode ein kleines bisschen anders verfolgen, das Konzept. Was sagst du jetzt? Ja, damit du nichts vorbereiten kannst, Plor. Und zwar würde ich gerne alle Wertungen, die ich diesem Film gegenüber habe oder nicht habe, zurückstellen und dir nicht verraten, wie ich den Film fand. Hervorragend, finde ich gut. Lass uns über das Inhaltliche reden und lass uns danach zur Wertung kommen. Versuchen wir das. Versuchen wir das? Finde ich eine super Idee. Aber ich möchte eins vorweg schicken, bevor wir damit anfangen. Ja. Du musst mir dankbar sein. Ich sowieso, Plor. Du musst mir immer dankbar sein. Aber in diesem Fall besonders. Ich hätte nämlich einfach für Clickbait, hätte ich es mir leicht machen können, sagen können, okay, wir reden über die 120 Tage von Sodom. Wir reden über Gewalt. Wir reden über Skandale. Wir reden über Kontroversen. Wir reden über Menschen, die gezwungen sind, Fäkalien zu essen. Das zieht extrem viele HörerInnen an. Damit kriegen wir auf jeden Fall ordentlich Publikum. Aber das habe ich nicht getan. Ich wollte nämlich über meinen Lieblingsfilm von Pasolini reden, der meiner Meinung nach auch viel besser ist als die 120 Tage von Sodom. Und auch für nicht ganz so einen großen Skandal, aber auch für ein bisschen Skandal gesorgt hat. Und zwar der Film aus dem Jahr 1968, Theorema, mit dem deutschen Untertitel Die Geometrie der Liebe. Ja, was mir schon zu theoretisch ist, um zu glauben, dass das irgendeine Art von Skandal hervorgehoben hat. Und ob dieser deutsche Untertitel passt, darüber können wir ja noch reden. Aber auch ohne den deutschen Untertitel ist natürlich allein schon der Name, Theorema, ein unglaublich akademischer Name. Und es handelt sich auch um einen akademischen Film. Und auch viele würden sagen, einen prätentiösen Film. Aber wir wollen mal so ganz unbedarf einsteigen. Ganz unbewertet, keine Wertungen. Keine Wertungen. Ich gucke den Film einfach so wie eine Maschine und sage dann, okay, lass uns darüber mal reden, was da inhaltlich drin ist, was so philosophisch drin ist. Und ich bin dir tatsächlich dankbar, dass die 120 Tage von Sodom... Ich habe nämlich die Biografie von Pasolini gelesen und habe dann gedacht, ah, okay, es hätte viel schlimmer kommen können. Das ist ein Code. Aber ich werde bestimmt noch ein, zwei Sätze zu den 120 Tagen von Sodom sagen, was wahrscheinlich der bekannteste Pasolini-Film ist, denke ich mal. Aber auch dicht gefolgt von Theorema. Und wahrscheinlich kennen einige noch seine merkwürdigen Erotikversuche, die Ende der 60er gemacht wurden. Pasolini hat nicht nur gute Filme gedreht. Ach, was? Aber ich werde einfach mal einsteigen mit einem kleinen Text. Du lässt die Wertung außen vor und dann schauen wir, wie wir zu diesem Film kommen. Pierre Paolo Pasolini gilt als einer der widersprüchlichsten und kontroversesten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Vom Schriftstellertum kommend entdeckte er in den 60er Jahren den Film, drehte einige Werke im Geist des italienischen Neorealismus, um dann seine ganz eigene Vision eines sozialkritischen, marxistischen Kinos zu entwickeln. In diesem ist Jesus ein Subproletarier, wird die sexuelle Entgleisung eines makides Saat mit dem Faschismus der modernen Zusammenhang gebracht und, wie in Theorema aus dem Jahr 1968, wird eine Kritik des Bürgertums anhand der Pfeiler Erotik, Liebe und Spiritualität entworfen. Ein einfacher, handgeschriebener Zettel, überbracht von einem engelsgleichen Postboten, kündigt von der Ankunft eines Besuchers. Dieser wird von der prototypischen, großbürgerlichen Familie, die im Zentrum von Theorema steht, in Empfang genommen und bewirtet. Nach und nach erliegen sie alle seinem Charme. Und seinem Schritt. Markt, Mutter, Sohn, Tochter und Vater. Und jeder macht in den anschließenden sexuellen Begegnungen eine Entwicklung durch. Die Markt entdeckt die Spiritualität und zieht zurück aufs Land. Die Mutter erlebt einen zweiten sexuellen Frühling. Der Sohn kann sich endlich seiner Homosexualität und unterdrückten künstlerischen Ader stellen. Die Tochter wird erwachsen und katatonisch. Und der Vater lässt alle bürgerlichen Statussymbole hinter sich. Theorema lässt viel Raum für Interpretation. Ist hermetisch, kryptisch und schreit geradezu nach einer hermeneutischen Analyse, die Pasolinis ambivalentes Lebenverhältnis zu Bürgertum, Sozialismus, Staat und Religion einschließt. Aber wir wollen hier auch ein bisschen Spaß haben. Also, Johannes, wenn du von einem gottgleichen Jüngling nochmal komplett aus der Spur gerissen wirst, wohin soll die Reise gehen? In die abstrakte Kunst? In die Arme zahlloser junger Männer? In die Katatonie? Als Wunderheile aufs Land? Oder doch lieber nacktschreiend in die Wüste? Nach dem Film will ich nacktschreiend in die Wüste. Aber keine Wertung, keine Wertung. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Vielleicht finde ich den Film am Ende tatsächlich richtig gut. Das kann immer noch passieren. Flor hat mich auch bei, ähm, wie hieß das Ding, ähm, I'm Thinking of Ending Things. Ah, ja. Bei diesem Film habe ich auch echt erst im Gespräch festgestellt, dass das eigentlich, oder in der Recherche halt, eigentlich ein ganz geiler Film sein könnte, wenn man denn wüsste, wie man ihn entschlüsselt, wenn man ihn guckt. Ich glaube, bei diesem Film ist es ein bisschen schwerer, weil es gibt ja Entschlüsselungen, Entschlüsselungsversuche, es gibt unzählige Arbeiten. So eine Geschichte wie Pasolini lädt gerade dazu ein. Filmtheoretische Abhandlung zu schreiben, seine Doktorarbeit, um ihn zu bauen und so weiter. Aber es sind eben doch alles nur Herangehensweisen. Und man kann natürlich viel mit Pasolinis Werdegang, auf den wir zu sprechen kommen, versuchen, irgendwie zu entschlüsseln. Aber ich finde das ja auch immer so ein bisschen oll und so ein bisschen öde zu sagen, okay, wir haben hier ein Rätsel vor uns, jetzt knacken wir dieses Rätsel und dann haben wir die perfekte Lösung. Wir haben das Puzzle zusammengesetzt und jetzt wissen wir, worum es geht. Vor allem, weil du es nicht magst, wenn man fragt, was wollte der Regisseur damit? Ja, ich will, also wenn dann, was will der Film, aber ein Film hat natürlich keinen direkten Willen. Ich finde die Frage spannender, was kann er für mir erzählen und was gibt er mir mit auf den Weg? Weil der Film ist ja aus dem Jahr 1968, wir befinden uns im Jahr 2023 und ein gutes Kunstwerk atmet und lebt weiter und gibt ja einem Publikum, dass dem Künstler oder der Künstlerin folgt, nochmal neue Ideen mit auf den Weg und die sind in dem Kunstwerk auch irgendwie drin. Und wenn man sich nur auf das stürzt, was wollte der Regisseur sagen oder was hat der Film damals in seinem historischen Kontext bedeutet, dann verpasst man vielleicht auch ein bisschen die Chance, neue Sachen aus dem Kunstwerk rauszunehmen. Und ich finde, das ist unter anderem ein Zeichen von guter Kunst, dass sie dir die Möglichkeit gibt, 50 Jahre später zu sagen, okay, ich sehe da was komplett anderes drin als das, was damals die Schaffenden gesehen haben, aber das ist auch was wert und das gibt nochmal neue Impulse und nochmal neue Ideen und etc. Ich habe das Gefühl, nach dieser Rede müsste ich die Nationalhymne anstehen oder sowas. Weil das war jetzt wirklich so ergreifend, wie als wären wir in einem Football-Team einmal so, und Leute, wir gehen da jetzt raus. Heute feiern wir unseren künstlerischen Independence Day. Also, Theorema ist der Titel. Johannes, du hast mit Sicherheit auch einmal nochmal lexikalisch nachgeguckt, was ein Theorema ist. Das möchte ich aber von dir wissen, Plor. Gibt es einen Unterschied zwischen einer Theorie und einem Theorem im Sinne von, dass das Theorem halt vielleicht einfach nur in einen Satz gepresst ist, was die Theorie bedeutet? Ja, ich würde sagen, Theorem ist ähnlich wie, also Theorie verhält sich zu Theorem wie Lexikon zu Lexämen. Und zwar ist ein Theorem die kleinstmögliche Einheit in einer Theorie, also ein Einzelsatz einer Theorie. Eine Theorie umfasst meistens sehr viele Sätze. Und im Gegensatz zu einem Axiom, auch wenn der Übergang sehr fließend ist, wir reden hier vom Spektrum, wir sind halt einfach in dem, was Menschen erschaffen haben, wir sind bei dem, was Menschen konstruiert haben, um sich die Welt zu erklären. Im Gegensatz zu einem Axiom ist ein Theorem meistens beweisbar und leitet sich unter anderem von Axiomen ab. Also ein klassisches Theorem, und ich muss jetzt schon ein bisschen spoilern, was meine Top 3 werden, ist zum Beispiel, ich würde sagen, es gibt zum Beispiel den newtonschen Satz, dass ein Körper so lange in Ruhe oder gleichförmiger Bewegung bleibt, solange keine Kräfte auf ihn einwirken. Das ist für mich so ein typisches Theorem. Das Theoriegebäude von Newton ist natürlich viel größer. Oder der erste Satz, der Thermodynamik, eine Wärme bleibt erhalten, Energie bleibt erhalten, es kann keine Energie aus dem Nichts entstehen. Das sind klassische Theoreme, und die gehören meistens zu größeren Theorien. Eine Theorie setze ich aus Axiomen und Theoremen zusammen und beweisen. Jetzt möchte ich von dir noch die Erklärung, warum Pasolini diesen Film, eineinhalb Stunden oder so... Ja, gar nicht so lange. Es hätte schlimmer kommen können. Weniger als 100 Minuten. Warum dann Theorema und nicht die ganze Theorie? Weil es gibt ja schon durchaus mehr Baustellen als nur einer einziger Leibsatz. Vielleicht versuchen wir mal ein bisschen auf die Spur zu kommen, was ist das Theorem, um das es in diesem Film geht? Und die Frage ist natürlich auch, wenn wir sagen, Theoreme werden meistens bewiesen oder können bewiesen werden, können sie natürlich auch widerlegt werden. Wenn wir von klassischer Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts ausgehen, dann ist es wichtig, dass Theorie und Theoreme falsifizierbar sind. Dann ist die Frage, was macht der Film? Wiederlegt der ein Theorem oder bestätigt der ein Theorem? Und ich finde, es gibt mehrere Theoreme, die man da reinwerfen könnte, zu denen man sagen könnte, dazu äußert sich der Film. Ja, ich habe nicht ein einziges Theorem während des Guckens gesehen. Also es war nicht so, dass mir das dann sofort klar wurde. Dabei wird es einem am Anfang tatsächlich ins Gesicht geworfen. Es ist mir jetzt noch mal aufgefallen, und zwar gibt es diese ganz im Geiste des italienischen Neorealismus, diese Prämisse könnte man sagen, diesen Prolog eigentlich, wo wir die Fabrikarbeiter haben, die da stehen etwas unruhig und da ist ein Reporter und der fragt, was ist denn hier passiert? Hier wurde offensichtlich die Fabrik von dem Fabrikbesitzer an die Arbeiter übergeben. Und dann haben wir so Interviewschnipseln und wirklich sehr realistisch und trocken inszeniert. Und der Reporter versucht, die Theorie, das Theorem sehr stark zu machen, dass das Bürgertum, wenn es revolutionär wird und seinen Besitz teilt, alle Arbeiter auch zu Bürgern macht und dass die proletarische Revolution damit abgesagt ist. Und der Arbeiter widerspricht und sagt, naja, dann verliert es seinen Verbündeten, Staat, Kirche, Armee und der Reporter hackt dann noch mal ein bisschen nackt und sagt, dann heißt das, das Bürgertum liegt immer falsch. Egal was es macht, kann das Bürgertum gar nichts richtig machen. Und der Arbeiter sagt dann, oh, dazu will ich mich nicht äußern. Ich finde, das ist ganz naheliegend, dass der Film sich um dieses Theorem dreht. Das heißt, wenn das Bürgertum selbst eine revolutionäre Haltung entwickelt und sich befreit, dann ist der klassische Klassenkampf passé und es passiert irgendwas anderes. Und im krassesten Fall werden dann die Proletarier eben auch zu bourgeoisie und es gibt kein Proletariat mehr. Das ist so, das finde ich, es liegt sehr nahe, dass das das Theorem ist, was der Film uns präsentiert und im Anschließenden versucht, auszuführen, zu beweisen, zu widerlegen oder auf jeden Fall irgendwie auszuführen, daraus etwas Größeres zu machen. Dann lass uns doch mal gucken, wie er das versucht. Das Ding ist ja, dass er relativ, also wertfrei gesagt, relativ formelhaft vorgeht. Er hat mehrere Stationen, die einfach, wo man innerhalb von, weiß nicht, zwei Stationen feststellt, naja, okay, da handelt jetzt Stationen ab. Das ist eine relativ klare Struktur. Es gibt jemanden, der in eine Familie kommt, scheint eingekündigt zu sein, der dann plötzlich da ist. Dann hat dieser Schöling in dieser Familie irgendwie Beziehungen zu den einzelnen Menschen, die da sind. Wir wissen nicht, ob es diesen Typen schon länger da gibt oder nicht. Also es ist so ein bisschen unklar, wer das jetzt eigentlich ist. Und überhaupt die Familie lernen wir auch nicht wirklich kennen, in denen sie sind. Wir erfahren nichts über die Familie. Terence Stamp spielt übrigens einen Schöling, der von Pasolini auch sehr bewusst ausgewählt wurde, weil Terence Stamp hatte damals schon einige Filme gedreht und galt so ein bisschen als Verkörperung des wilden Hippie-Hollywoods. Wir befinden uns in den späten 60er-Jahren und der war zumindest einfach wegen seiner Optik war er ein Star. Als Schauspieler vielleicht noch nicht unbedingt, aber man kannte ihn und er galt als der, der die frivolen Parties macht, der viel feiert, viel ausschweifenden Sex hat, Drogen nimmt. Mittlerweile kennt man Terence Stamp ein bisschen besser. Er hat dann später im Superman, in den ersten beiden Superman-Filmen hat er den Oberbösewicht, den General Zodt, gespielt. Ah. Und sehr viele andere Filme noch. Unter anderem auch in Star Wars Episode I hatte er einen Auftritt, jetzt keinen großen. Er hat eine ordentliche Karriere hingelegt. Wall Street hat er mitgespielt, vielen amerikanischen Filmen. Und es ist ein britischer Schauspieler, der in diesem Film natürlich vor allem wegen seiner Optik gewählt scheint, weil er sieht wirklich gut aus. Ja, er sieht gut aus. Er hat vor allem eine sehr ruhige Attraktivität. Er kommt ja nicht als so ein Lebemann da reingebrochen in die Familie, sondern seine Rolle ist es meistens, da zu sitzen und zuzuhören. Ja. Und zu gucken und dann zu verführen. Und nicht mal zu verführen, sich verführen zu lassen, Liebe zu schenken. Mehr das, ja. Also man kann ihm ja fast gar nichts angreiten, weil man denkt, ja gut, okay, dann nutzt er halt die Gelegenheit, die gerade sich gegen präsentiert vielleicht. Aber offensichtlich hat seine Präsenz ja sowas Anziehendes, weil die Familie wird ja schon so eingeführt, dass die alle sexuell und auch romantisch eher verklemmt sind. Zumindest haben wir so eine Ahnung davon, wenn wir sehen, wie die Figuren sich verhalten, wie sie sich zueinander verhalten. Wir haben diesen krassen familiären Raum ganz traditionell am Esstisch und da sitzen sie alle und reden kein Wort miteinander. Es wird sowieso sehr wenig in diesem Film geredet. Ja. Und es ist alles so sehr distanziert und seine Präsenz sorgt dafür, dass sie irgendwie sexuell erwachen. Irgendwas scheint an ihm zu sein. Jemand anderem würde es nicht passieren, sondern es passiert mit dieser Person. Ich überlege jetzt halt, vielleicht sollten wir nicht zu tief in den Film reingehen, sonst würde ich anfangen zu werten. Und ich will versuchen, dass wir erst mal so einen philosophischen Unterbau schaffen, dass wir erst mal verstehen, wie wir den Film verstanden haben und dann zu gucken, wie der Film das Ganze schafft. Nur um die Formalhaftigkeit nochmal zu klären, dann nach und nach erliegen die ganzen Bewohner dieses Hauses, die Familienmitglieder diesem Menschen, die haben alle Sex mit ihm und mal mehr und mal weniger visuell unterstützt. Und dann kommt irgendwann dieser Postbote wieder und es heißt, der Typ muss wieder abreißen. Ganz streng tatsächlich formal in der Mitte des Films. Nach 45 Minuten passiert das. Wir haben ziemlich genau die Hälfte des Films hinter uns und dann reden alle mit ihm und sagen, dass er ihr Leben verändert hat. Er hat mit jedem Einzelgespräch, so wie ihr Vorjahr, mit jedem einzelnen sexuellen Kontakte hatte. Und jeder von ihnen sagt eigentlich, du hast mein Leben verändert, du hast das geschafft, du hast meine Sexualität geweckt, du hast mein Bild von mir zerstört. Und gleichzeitig sagen sie aber auch ganz viel, dein Weggehen macht alles schlimmer als zuvor und sie scheinen da irgendwie Trost zu suchen. Und er verschwindet dann und dann haben wir den zweiten großen Block im Film, wo gezeigt wird, was hat diese Begegnung mit dem Fremden, mit den Einzelnen gemacht. Wieder total formalhaft. Also wirklich klar, hier ist der Vater, hier ist die Tochter, hier ist die Mutter, das wird nach und nach abgehandelt. Wer macht danach was und kommt irgendwie damit klar, dass dieser Typ wieder weg ist? Ja. Und dann ist die Frage, um nochmal auf das Theorema am Anfang zurückzukommen, findet hier eine Befreiung des Bürgertums statt, die vielleicht sogar dazu führt, dass das Proletariat zum Bürgertum werden kann, findet hier eine Revolution statt auf dieser individuellen Ebene? Oder ist das Bürgertum doch zu sehr in seiner Lebensweise gefangen, dass keine richtige Befreiung, keine richtige Revolution stattfinden kann? Jetzt wird es aber auch schon spannend, weil jetzt muss ich ja schon den Film geschaut haben und verstanden haben, worum es geht. Also ich muss dieses Thema schon für mich festgelegt haben. Ja, hast du doch am Anfang, wenn der Reporter das mit den Arbeitern abhandelt. Ja, ich habe festgelegt, dass es um Kapitalismus Scheiße geht. Okay, dann bleiben wir mal. Also wir versuchen jetzt noch nicht, das Theorien zu beweisen, sondern wir versuchen, bei deiner Wahrnehmung zu bleiben. Mit den Menschen passiert etwas. Während des Film-Guckens habe ich erst mal, habe ich einfach gedacht, okay, damit ich mich irgendwo festhalten kann, muss ich einfach festlegen, worum es geht, damit ich eine Chance habe. So, natürlich ist es irgendwann gegen den Baum gefahren, weil es nicht mehr funktioniert hat. Aber ich habe gedacht, okay, er ist der Kapitalismus, sie ist der arme Arbeiterin. Ach, du hast sie als Prototypen als Verkörperung von größeren Ideen gesehen. Das heißt, der Vater ist als Fabrikbesitzer ganz klar die Verkörperung des Kapitals. Nee, leider habe ich das nicht so richtig gesehen, weil ich nicht in Verbindung gebracht habe, dass der Vater der Besitzer der Fabrik ist. Das war da noch nicht so. Was war der Vater für dich in diesem Moment? Der hatte noch gar keine große Rolle, als ich das festgelegt habe. Ich habe erst mal den Besucher, der da die ganze Zeit sitzt und einfach guckt und wartet. Den habe ich als Kapital. Der Besucher ist für dich der... Oh, spannend. Okay, mach weiter, ja. Und dem Kapital erliegen alle nach und nach. Weißt du, die rote Socke hat wieder irgendwelche Scheiße gesehen, die nicht drinsteckt. Krass, interessant. Okay, und dann habe ich gedacht, oh, okay, und sie, die arme Arbeiterin, erliegt natürlich dem Kapital und dem Konsum und so. Als erstes die Markt. Konsumerismus und so. Ja, die Markt, genau. Und das war so mein erster Einstieg, die Markt, als die Markter... Und dann zieht sie aufs Land, macht nichts außer Brennnesseln essen und fliegt über dem Dach. Wie kriegst du das in deine Theorie? Das habe ich nicht mehr zusammengekriegt. Das ging schon viel früher los, dass es nicht mehr funktioniert hat. Aber weißt du, man ist halt in dem Film, man guckt sich den an und weiß erst mal nicht, was sind jetzt genau die Sachen, man rät. Und natürlich kann man auf die Idee kommen, dem Reporter wirklich ausgiebig zuzuhören und genau die Themen festzulegen. Aber eigentlich, wenn man, naja, das italienische Original sieht und dann englische Untertitel hat, dann ist das anstrengend, da irgendwie 50.000-mal das Wort Bourgeoisie zu hören und sich zu denken, ah Gott, hör auf, ich kann es schon nicht mehr hören. Der Film ist auf jeden Fall gemacht für Leute, die sehr gerne das Wort Bourgeoisie benutzen. Nicht Bürgertum, nicht Proletariat, sondern Bourgeoisie. Genau. Und das ist halt so ein bisschen, das heißt, man kann entweder gleich am Anfang auf die richtige Spur kommen, also richtig im Sinne von vielleicht das, was Pasolini eigentlich im Hintergrund im Kopf hatte, oder man kommt auf eine andere Spur und stellt in der Mitte des Films fest, nee, das funktioniert irgendwie nicht. Fangen wir nochmal von vorne an, oder was mache ich jetzt? Aber vielleicht hast du da auch zu viel gerätselt und zu sehr versucht, diesen Film als strenge Parabel zu lesen. Ja, aber das war meine einzige Unterhaltung in der ganzen Geschichte. Jetzt wärt es nicht. Noch nicht werten, noch nicht werten. Weil ich finde, lösen wir jetzt mal los von Symbolen. Wir haben diese Geschichte von einer bürgerlichen Familie, und das verstehen wir auch, dass das eine großbürgerliche Familie ist, dass die Besitzer haben, dass die reich sind, oder? Ja, natürlich. Und wir haben diesen Fremden, der irgendwie mysteriös ist. Ich weiß noch nicht mal, dass er fremd ist. Der sitzt da. Wir haben diese Person, die kommt, die mysteriös ist, aber wir wissen, dass sie ankommt, dass sie neu ist. Ja, das kann man auch verpassen. Oh, okay. Weil der Typ, der da kommt, den briefe ich mir schwer an. Jaja, jaja. Der Briefmensch, das ist halt, der springt da in der Gegend rum, und ist dann wieder weg. Und ich denke mir, okay, gut, Pasolini, der war ein Freund von dir, der sollte auch mal vor die Kamera. Nein, nein, nein, das war nicht ein Freund von ihm. Das ist ein ganz toller Schauspieler, den er da besetzt hat. Ah, okay. Du kennst ihn vielleicht aus dem Film Momo. Oh. Da spielt er den Nino, den Friseur, glaube ich. Ninetto Davoli. Das ist eigentlich ein Schauspieler, der in vielen Sachen zu sehen war, und der tatsächlich relativ viel mit Pasolini zusammengearbeitet hat. Ich mag den total. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich den sehe. Der ist süß, ja, klar. Weil der so was Witziges hat, so ein bisschen wie so ein Harlekin, auch in diesem Film wieder ganz doll, wie er so rumtanzt und in die Kamera lacht. Übrigens, in diesen Sequenzen, in der Vorkommend am Anfang, bevor die eigentliche Handlung einsetzt, ein Stummfilm, ne? Ja. Wir haben die Musik, es wird geredet, aber es gibt keine Texte dazu, und es wird nichts gesagt. Dann haben wir diese Musik, und es ist auch in so einem Sepia schwarz-weiß gehalten. Und er tanzt da ein bisschen rum, und alles so ein bisschen exaltierter. Ich mag diese Szene. Ich finde das total schön. Ich mag diesen Postboten, der so ein bisschen so, wie so ein Hermes auch ist, so ein kleiner, oder so ein Kubidoo, so ein kleiner kriechiger Engel. Naja, es ist ja zu merken, dann im Nachhinein, dass das so die Richtung auch war, die sich Pasolini vielleicht gedacht hat. Ja. Aber jetzt wo du so ein bisschen sagst, vielleicht habe ich tatsächlich zu viel gewollt beim Gucken, ne? Zu viel überlegt, was bedeutet jetzt was, und was soll jetzt was sein. Weil auch natürlich, am Anfang er hat dokumentarische Kamera, dann ist es wiederum eine statische Kamera. Dann fängt er wieder an, in der Gegend rumzuwackeln, und dann hat er plötzlich einen Sepia-Ton drin und so. Natürlich fängt man dann an, zu überlegen, okay, das sind jetzt die Sequenzen, die stehen für was Besonderes. Was willst du von mir? Genau, man will ja irgendwas. Verstehe. Man ist schon so ein Rätsellöser. Auch so eine total nachvollziehbare Reaktion, und ich hab den ja auch so geguckt, als ich den zum ersten Mal geguckt habe. Ich hatte auch das Gefühl, okay, da wird ein Rätsel präsentiert. Spoiler, ich war am Ende dann auch so, oh, ich hab's nicht wirklich verstanden, aber irgendwie hat's mich fasziniert, wofür das stehen soll. Was ist das jetzt? Ist das eine Parabel für irgendwas? Und meine Herangehensweise ist dann halt immer so, ich versuche mir, ohne zu sagen, dass das die beste Herangehensweise ist, ich versuche mir dann immer so Motive zu greifen und sage, okay, das ist interessant. Zum Beispiel das Verhältnis von unserem Gast oder von unserem Außenstehenden. Du sagst, es ist nicht ganz klar, aber zumindest, er gehört nicht zur Familie, zu den einzelnen Familienmitgliedern. Da finde ich es einfach faszinierend, wie das aufgebaut wird, dass er der Verführer ist, ohne aktiv zu verführen. Aber dass seine körperliche Präsenz schon diese Verführung ist. Wir haben permanent diesen juristischen Blick von unseren Familienmitgliedern auf seine Eier. Ich glaube, letzte Woche habe ich gesagt, Crotch Shots, stell dich auf Crotch Shots ein. Es gibt sehr viele sehr aggressive Kameraeinstellungen auf seinen Schritt, wie er da sitzt, breitbeinig. Und wir sind in dem Moment im Blick von denen, die halt davon verführt sind. Ich finde es total faszinierend, wie er, ohne viel zu machen, unglaublich viel Liebe schenkt. Natürlich geht es auch um sexuelle Lust. Aber es hat so etwas unfassbar Liebendes und Gebendes, was er da macht. Wenn der Sohn schockiert, dass er wach ist, also sie schlafen zusammen in einem Zimmer und der Sohn schleicht sich dann ran und macht die Decke hoch, weil er gucken will, weil er irgendwie neugierig ist. Dann wird er wach und der Sohn ist total ängstlich. Entschuldigung. Piotr heißt der. Dann setzt er sich einfach zu ihm und legt ihm die Hand auf die Schultern. Das hat so was Warmherziges. Die Emilia, die Marc, will sich umbringen. Die sieht ihn und ist total verzweifelt und will sich umbringen. Er verhindert, dass sie sich tötet und legt sich dann zu ihr. Da habe ich noch gedacht, er ist der Kapitalismus und sie will sich umbringen, weil sie ahnt, was für schlimme Sachen kommen. Und er rettet sie, damit er sie noch weiter ausbeuten kann. Aber er gibt so viel in diesen Momenten. Er ist so eine unglaublich liebende Kraft und dass sie ihm erliegen. Es hat wirklich was Schönes, Romantisches, weil es gibt keinen Zorn nachher da drin und keine Verzweiflung. Sondern es sind wirklich Momente der pure Liebe. Und er ist halt wirklich so ein Geber, so ein Schenker. Ja, aber da interpretierst du auch schon. Dann bist du auch schon so ein bisschen in der Wertung drin, weil bei mir war es eher so, dass ich so verstört war davon, dass die einfach so ohne ersichtbaren Grund verrückt werden quasi oder irgendwelchen Scheiß machen. Aber sie haben ja nur Sex. Also es ist ja nichts Verrücktes, was sie machen. Sie verhalten sich ganz schön dämlich. Also allein die Magd, wie sie da so impulsiv zu ihm kommt und eben die Asche da wegmacht aus dem Schlitz. Ja, die Magd. Emilia ist auf jeden Fall wirklich spannend, weil die hat ja auf jeden Fall. Bei ihr ist es Verzweiflung. Und beim Vater, beim Paolo auch ein bisschen, weil er dann ja auch krank wird. Aber eigentlich ist diese Konfrontation mit dem Gast doch eine schöne Konfrontation. Er ist auch nett zu ihnen. Ja, mit der Zeit wird es auch offensichtlicher. Das stimmt schon, ja. Ja, lass uns mal weiter in den philosophischen Unterbau gehen. Wer ist denn das dann, der da kommt? Okay, jetzt sind wir doch schon bei der Interpretation. Naja, es ist schon... Also ich sehe darin irgendwie so eine Verkörperung. Es hat was Revolutionäres. Es hat was Erotisches. Aber auch was ganz stark Spirituelles. Und zwar, weil er wirkt immer so ein bisschen, vollkommen unabhängig von der Interpretation, er wirkt immer so ein bisschen überlegen. Und zwar in dem Sinn, dass er weiß, was sie denken, was sie wollen, was sie fühlen. Und dass er deswegen darauf eingeht. Aber halt ein sehr, ich will nicht sagen ein Gott, aber eine sehr gütige, göttliche Figur, die weiß, wie die Bedürfnisse der Menschen sind. Und ihnen auch das gibt, was sie möchten. Also man muss schon sagen, dass Pasolini das als Gott im Nachhinein in Interviews bezeichnet hat. Ich meine, es gibt ja einen Text, vielleicht kann ich den vorlesen, dann haben wir eine Grundlage. Ja, sehr gerne. Ich habe meine Figur den physischen und psychischen Besonderheiten des Schauspielers angepasst. Ursprünglich wollte ich, dass der Besucher ein Fruchtbarkeitsgott ist. Der Sonnengott, der biblische Gott, Gottvater. Als ich mich auf die Gegebenheiten einstellte, musste ich natürlich meine ursprüngliche Idee aufgeben und habe Terence Stamp zu einer nichtirdischen, metaphysischen Erscheinung gemacht. Er könnte ebenso gut der Teufel sein wie eine Mischung aus Gott und Teufel. Worauf es ankommt, ist, dass er authentisch und nicht aufzuhalten ist. Ich finde es interessant und gut, dass Pasolini sagt, es könnte beides sein. Gott oder Teufel. Und er scheint ja auch die Trennung gar nicht so sehr in Gut und Böse vorzunehmen, sondern das eher in einem großen Kessel der Erkenntnisbringer zu bringen. Ich finde die Erkenntnisbringer an sich einfach ein gutes Wort dafür. Spannend ist, was danach passiert. Da bleibt natürlich auch diese Widersprüchlichkeit bestehen. Weil es geschehen Dinge, die uns den Eindruck geben, seine Präsenz, auch nachdem er weg ist, hat positive Folgen für die Menschen. Sie befreien sich irgendwie. Und es gibt aber auch natürlich Momente, wo wir denken, okay, er hat auch negative Folgen. Beziehungsweise sie kommen entweder oder sie benutzen diese Befreiung für das Komplett Falsche. Was offensichtlich ist, ist Odetta, die Tochter, die dann in diesen katatonischen Zustand fällt, nachdem man kurz das Gefühl hatte, sie ist wirklich erwacht, sie ist jetzt ein freier Mensch, sie hat sich von der Vaterfigur gelöst, sie hat ihre Sexualität erentdeckt, sie wird erwachsen, dann liegt sie und dann ist sie einfach ausgeschaltet. Widersprüchlich finde ich es auch bei Pietro, also zum einen ganz großartig, er entdeckt seine Homosexualität, und er steht dazu, und er hat das jetzt entdeckt, und er weiß jetzt, dass das echt ist und dass das er ist, und dann wird er zum Künstler. Und dann wird er aber zu so einem prätentiösen Künstler, zu so einem selbstgefälligen, egomanischen Künstler, und natürlich ist die Prätation nahe so, hey, das Bürgertum versucht Revolution, und das Einzige, was es macht, ist so selbstgefällige Kunstscheiße, dass ich vielleicht eigentlich die Kunst, also richtige Kunst, hatte das nicht so gesehen, dass das vielleicht so prätentiöser Scheiße ist. Lass uns gleich zu Pasolini kommen, was er vom Bürgertum hält, was er von sich hält und so weiter. Beim Sohn ist es widersprüchlich. Lucia, die Mutter, sie entdeckt ihre Sexualität, wird das gewertet im Film, dass sie dann loszieht und mit Strichern an der Straße Sex hat. Der Film wertet eigentlich nicht, kann man nicht sagen. Und ganz spannend, dass sie sich in so ein subproletarisches Milieu bewegt, jetzt bin ich schon wieder bei Pasolini, aber Pasolini war immer begeistert vom Subproletariat, hat es auch immer versucht, als das eigentliche, das eigentliche Proletariat zu sehen und hat sich dann teilweise auch negativ über diesen Proletariatsgedanken vom traditionellen Marxismus geäußert und gesagt, da werden die Subproletarier, also die Kriminellen und die Arbeitslosen und die sogenannten Nichtskönner, die werden dabei komplett ignoriert. Und sie begibt sich in so ein Milieu, sie erlebt ihre Sexualität, ich meine, es ist vielleicht nicht unbedingt das Beste, seine Sexualität zu erleben, indem man mit Strichern loszieht, aber sie hat wieder Lust und das scheint ja vorher nicht gewesen zu sein. Sie hat eine Chance, wieder in ihre Seite die Richtung zu entdecken. Emilia? Was mit Emilia? Emilia wird religiös und zieht aufs Land und dann schwebt sie. Aber sie entdeckt die Spiritualität, was ja auch krass ist, weil die Spiritualität, es wird auch wenig gewertet, du sagst es richtig, der Film wertet relativ wenig. Sie kümmert sich dann wenig um sich selbst, sie sitzt da und sie will nichts essen und die Leute fragen, was ist denn? Kannst du nicht irgendwas essen? Dann zeigt sie auf die Brennnesseln und dann ist sie eine Zeit lang nur Brennnesseln und dann lässt sie sich lebendig begraben. Ist das jetzt positiv, was mit dir passiert? Also die Interpretation ist natürlich dann wieder spannend und offen. Wenn ich daran denke, was Pasolini so macht. Moment, ganz kurz, ganz kurz. Paolo, der für mich irgendwie tatsächlich den krassen Freiheitsmoment hat. Ach, der Typ, der Vater. Der Vater, der die Fabrik verschenkt, sich komplett entkleidet und in die Wüste geht und man kann diesen Schrei natürlich so vielfach deuten, man kann sagen, das ist Verzweiflung, das ist bizarr und absurd, was da passiert, aber irgendwie ist es nur Freiheit. Oder einfach nur Schrei, der irgendwie so jetzt gehen wir hier raus mit, fängt was ganz Neues an und ich kann hier endlich frei rausrennen. Natürlich in den Tod, weil er ist in der Wüste, aber egal. Ach, so groß sind die Wüsten in Italien nicht. Das erfindet schon irgendwas, ein kleines Dorf oder so, wo er über einem Dach schweben kann. Aber der Paolo hat meiner Meinung nach schon auch einen sehr starken Befreiungsmoment und ich glaube, ich widerspreche teilweise Pasolini mit meiner Interpretation, deswegen sage ich vorsichtig mit Pasolini. Aber bring rein, was hat Pasolini gesagt? Was wolltest du sagen zu... Also, um das ganze Konstrukt einmal von vorne zu umreißen. Für ihn scheint ja dieses bürgerliche, also er hatte kein gutes Verhältnis zum Bürgertum anscheinend. Obwohl er selbst aus dem Bürgertum kommt. Gut, okay. Viele Bürger hassen das Bürgertum. Und er meint ja anscheinend, dass die in einer Art Konstrukt leben, dass sie sich geschaffen haben als Bürgertum. Im Grunde das von außen kommende, dieser Typ, dadurch, dass er kommt, das System offenlegt und zerstört und ihm den Leuten sozusagen ihre Lehre vorführt, die in einem System steckt. Und ich denke mir dann, ja fucking, das ist ein System. Jedes System funktioniert so. Sobald irgendjemand hinzukommt, der nicht im System vorgesehen ist, offenbart das irgendwie Lücken im System, Probleme im System. Weil, naja, natürlich, ein geschlossenes System wird dann gestört. Aber das ist ja kein revolutionärer Gedanke, Pasolini. Du hast verstanden, wie ein System funktioniert in dem Menschenleben für sich. Es ist egal, ob es das Proletariat ist oder ob es das Progesie ist oder was auch immer. Naja, also ich finde den Ansatz total spannend, das wirklich so sehr streng System theoretisch zu sehen. Zum einen, also, vielleicht um noch so was reinzuwerfen, ein System kann sich auch erweitern, also ein System muss nicht kaputt gehen, dadurch, dass von außen kommt, aber ich glaube, dem würdest du auch nicht widersprechen, oder? Nö, dem würde ich nicht widersprechen, aber vielleicht Pasolini. Wenn ich mir den Film anschaue. Und dann sagst du, ja, das ist nichts Neues und nichts Besonderes, aber jetzt, wir befinden uns im Jahr 1968, da ist Systemtheorie jetzt nicht unbedingt der heißeste Scheiß in der Soziologie und Philosophie. Da müssten wir eher so ein bisschen später fast ansetzen. Wann hat Niklas Luhmann seine großen Systemtheoretischen Schriften geschrieben? Aber nur, weil das mal jemand aufgeschrieben hat, dann einen großen Aufsatz geschrieben hat, heißt das ja nicht, dass man nicht vorher schon auf die Idee kommen könnte, dass Gesellschaften sich verabredet in einem bestimmten System befinden. Vielleicht heißt das noch nicht System, aber du weißt auch instinktiv, dass Menschen, wenn sie miteinander leben, auf eine bestimmte Art und Weise, da quasi eine Verabredung zwischen den Menschen ist, nur unausgesprochene. Dass das natürlich von einem Fremden gestört wird, wenn der nicht vorgesehen ist. Oder zumindest aufgebrochen und mit sich selbst konfrontiert. Ja, jede Familie kennt das, wenn die irgendwie so eingeschworen ist und dann kommt irgendwas von außen. Ich glaube, was hier passiert, was wirklich mutig ist und was vor allem auch schwierig ist, ist, dass die Widersprüchlichkeiten in dieser Systemstörung gezeigt werden. Es ist eben nicht der einfache Weg, das System wird gesprengt und alles bricht zusammen. Und es ist nicht diese einfache Weg, oh mein Gott, jetzt sind sie total kaputt, ha ha, das haben sie in your face, Bürgertum. Und es ist auch nicht dieser einfache Weg, jetzt sind sie alle frei, juhu, ihr habt es geschafft, ihr habt endlich die Revolution geschafft, sondern es bleibt in dieser Widersprüchlichkeit vorhanden. Und in dieser Widersprüchlichkeit sind Dinge wie Politik, Sexualität und Spiritualität natürlich konkurrierende Mechanismen, aber auch Dinge, die gleichzeitig passieren. Also wie gesagt, die eine entdeckt die Religion, der andere entdeckt offensichtlich den kommunistischen Anarchisten in sich und die dritte will einfach nur bumsen. Es bleibt diese Widersprüchlichkeit stehen. Es passieren verschiedene Dinge und ich finde, was der Film auf jeden Fall macht und was ihm diese Komplexität gibt, da ist ja keine Angst davor, diese verschiedenen Dinge parallel zu erzählen. Ja. Vielleicht habe ich auch Schwierigkeiten damit, weil das einfach ich bin in einem anderen Punkt in meinem Leben. Ich gucke mir die Leute an und denke mir, jo, das sind halt Menschen, die haben so Bedürfnisse und wie das Leben halt so spielt. Du hast dann als Mutter vielleicht lange keinen Sex mehr gehabt, weil einfach die Beziehungen so funktionieren, Beziehungen. Und dann kommt jemand, hotes Neues und du denkst dir, ja, gut, okay. Das ist für mich kein, weiß ich nicht, das ist keine Zerlegung der Bursche-Wassi. Das ist einfach ja so das Leben. Na ist die Frage, will der Film die Bursche-Wassi zerlegen oder andersrum der Film zerlegt nicht die Bursche-Wassi, bin ich ganz deiner Meinung. Aber ist das negativ, dass er sie nicht zerlegt? Weiß nicht, ich habe schon das Gefühl, dass... Wäre es nicht ein bisschen plump zu sagen, okay, und jetzt sprengen wir mal alles und machen es kaputt und ha ha ha? Nein, aber er zeigt doch ganz eindeutig mit dem Zeigefinger auf diese ganzen Leute und sagt, so, die kommen alle nicht damit klar, dass der wieder weg ist. Ich lese das gar nicht so, ich sehe das gar nicht so als Zeigefinger. Ja, der Zeigefinger kommt vielleicht auch vor, aber es ist nicht einfach so, dass alle nicht mehr damit klarkommen, dass er weg ist. Ja, die Odetta ist ganz eindeutig, die bewegt sich nicht mehr. Ja, die haben ja diesen quasi chromatösen Zustand am Schluss. Keiner ist in einem besseren Zustand vorher außer die Frau. Paolo? Nein. Auf jeden Fall, der befreit sich und er befreit das Proletariat obwohl das gar nicht befreit werden will, weil es ja Proletariat bleiben will und Klassenkampf machen will. Aber der hat doch auch einen absoluten Befreiungsakt. Dann hat er was gemacht, was anderen was nützt, aber er verhungert jetzt in der Wüste. Er wird nicht verhungern. Er wird eine neue transzendentale Entwicklung. Aber auch Pietro. Natürlich kann man sich darüber dass er prätentiöse Kunst macht, aber Pietro hat sich selbst gefunden. Pietro hat auch ein Gefühl, Pietro steht zu seiner Homosexualität. Pietro wird nicht die Fabrik seines Vaters erben, was er nicht kann, weil der Vater die Fabrik verschenkt hat. Aber er würde es auch nicht machen, wenn der Vater seine Fabrik halten würde, sondern er wird Künstler. Das kann man negativ werden. Man kann sagen, das ist selbst verliebt und prätentiös, was er da macht, und er führt diese komischen Selbstgespräche. Aber er ist Künstler, er hat was gefunden, was ihn bewegt, mit dem er sich auseinandersetzen will. Das ist nicht nur negativ. Okay, das stimmt. Dieser Film ätzt nicht einfach nur über das Bürgertum, das halte ich ihm wirklich zugute. Ich glaube, Pasolini wollte deutlich mehr über das Bürgertum ätzen. Anscheinend der Roman, der zeitgleich entstanden ist, ist wohl auch deutlich ätzender und zynischer mit seinen Protagonisten. Ich finde aber diese Widersprüchlichkeit, die hier drin ist, finde ich eben das Starke. Ich bin immer noch nicht zu der Antwort von der Frage gekommen, ob er nun ein Theorem belegt oder ob er das Theorem sprengt. Sagt er, das Bürgertum kommt überhaupt nicht klar mit der Befreiung und fällt doch auf seine alten Verhaltensweisen zurück, die eben in Dekadenz bestehen, sexuelle Dekadenz, die eben in diesen Fluchten die Kunst bestehen oder in der kompletten Einiegelung, wie sie das macht, das Bürgertum, das gar nichts mehr von der Außenwelt wissen will. Oder sie suchen hier Heil in der Religion. Oder entwirft ihr hier eine Utopie von Menschen, die sich selbst befreien, die wirklich neue Erkenntnisse gewinnen und diese Erkenntnisse nutzen, um ihre Dinge zu tun, aber trotzdem wenigstens Dinge zu tun. Und eben nicht in diesem Käfig zu sein. Aber wenn wir dabei sind, dass die ja sehr unterschiedliche Art und Weise damit umzugehen haben und auch unterschiedliche Qualitäten dann aufweisen am Ende, dann haben wir ja gar keine eindeutige Antwort. Dann haben wir ja wirklich fünf Antworten. Und das ist es so ein bisschen. Deswegen gibt es da vielleicht gar keine Antwort zu der Frage, hat er jetzt ein Theorien belegt oder widerlegt? Weil vielleicht ist diese Frage am Film vorbei einfach auch dann. Vielleicht arbeitet er damit, vielleicht versucht er auch mehrere Theorien zu entwerfen. Mit er meine ich nicht Pasolini, sondern der Film. Vielleicht wird dieses Theorien, muss halt sehr viel erweitert werden, sehr viel darüber diskutiert werden. Wir kommen vielleicht auch nicht zu einem eindeutigen Beweis, vielleicht gibt es kein geschlossenes Theoriegebäude. Auch die Spiritualität von Emilia ist ja zum Beispiel, das ist keine Religionskritik, die hier entworfen wird. Es wird fast eine romantische, natürliche Spiritualität gezeigt. Wir haben ständig diese Kirschenglocken im Hintergrund. Sie sitzt nicht an der Kirche, sondern sie sitzt einfach so an der Bank, auf der Bank an der Straße und hat diese Menschen, die zu ihr kommen, denen sie dann ihre Aufmerksamkeit schenkt. Das ist nicht Religion als geschlossenes System, sondern das ist fast so was wie ein urtümlicher, reiner Glauben, der eben nicht diese Regeln braucht. Ja. Ich glaube, aus meiner Perspektive jetzt im Nachhinein, ist Emilia ja als Arbeiterin, diejenige, die am Ende eigentlich das meiste Göttliche mit sich gebracht hat. Ja, total. Sie ist die Einzige quasi, die aus dem Ganzen erleuchtet hervorgeht. Ja, nicht nur erleuchtet, sondern in ihr transzendiert ja das Realistische, weil sie schwebt. Ja, genau. Das ist der Moment, in dem der Realismus komplett weg ist. Durch ihr Schweben wird diese übernatürliche Komponente reingetragen. Sonst hat keiner von den Protagonisten, nicht mal unser Besucher, irgendwas direkt Übernatürliches, was irgendwie gezeigt wird. Das heißt aber auch, dass es ein klarer Kommentar sein muss, weil sie ist die einzige Arbeiterin, die das Ganze... Ja. Also ergibt ihr sozusagen, ausgerechnet ihr, diese Erleuchtung. Sie ist ja auch so eine subproletarische Figur. Sie ist nicht einfach nur eine Arbeiterin. Sie arbeitet für das Bürgertum, fuhi. Sie kommt vom einfachen Land, fuhi. Sie hat keinen klassenkämpferischen Interessen, fuhi. Sie ist nicht das Verkörperung des Proletariats, wie sich der traditionelle Marxist wünscht. Das stimmt, ja. Aber sie ist natürlich ein echter Mensch. Also sie ist einfach, sie ist eine echte Arbeiterin, auf jeden Fall. Kann ich noch eine Theorie oder eine Interpretation reinwerfen, bevor wir vielleicht ein bisschen über Pasolini noch reden? Ja, sehr gerne. Und zwar würde ich gerne einmal so einen neuen Ansatz reinwerfen. Ich hab so viel Werbung dafür gemacht. Man muss gucken, was einem Filme geben, die älter sind und die vielleicht auf heutige Diskurse anwendbar sind. Bei dem Film funktioniert das ganz gut, meiner Meinung nach. Man kann diesen Film auch nutzen als Diskursansatz für die innerlinke Debatte um die Identitätspolitik, die gerade in den letzten Jahren sehr viel aufkocht und aufgekocht ist. Wir haben ja nicht wenige klassische Linke, die sich als klassische Linke verstehen, die sagen, wir müssen uns viel mehr um die eigentlichen Belange kümmern, um soziale Gerechtigkeit, um das Schicksal des Proletariats. Die Linke heutzutage verliert sich komplett in diese Debatten um Transrechte, um homosexuellen Rechte, um critical thinking und Black Lives Matter und so weiter. Das hat eigentlich nichts mit unserer linken Politik zu tun. Wir müssen was viel Größeres in der Politik machen. Dieser Film entwirft das schon ein bisschen, weil was hier passiert, sind identitätspolitische Momente. Wir haben z.B. das Thema Homosexualität. Da ist es ganz klar, ganz direkt, das Bürgertum, das seine Homosexualität unterdrückt. Aber grundsätzlich unterdrückte Sexualität. Einfach unterdrückte Individualität. Es gibt ja diesen inner-linken Konflikt, das ganz scharf gegen die Identitätspolitik geschossen wird. Nicht nur von rechts, sondern auch von Linken wie Zizek, die sich als Vertreter der wirklichen Linken verstehen und sagen, ihr Snowflakes von heute, ihr macht keine linken Politik, sondern nur diese Identitätspolitik für Kleingruppen. Und dieser Film sagt, das Revolutionäre kann eben auch auf dieser Ebene stattfinden. Diese Ebene ist eine ganz wichtige. Wir müssen hier nicht nur den großen Kampf fürs Proletariat machen und die Befreiung vom Kapital, sondern eben auch für die Befreiung des Individuums. D.h.eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen so leben können, wie sie leben wollen. Sei es, ob es um ihre geschlechtliche Identität geht, um ihre Sexualität usw. Ich glaube, den Film kann man lesen als Identitätspolitische Statement. Ja. Gerade weil Pasolini sich auch sehr kritisch mit dem traditionellen Sozialismus auseinandergesetzt hat. Das ist ja sein Thema, deswegen ist es gar nicht so weit weg. Das ist aber 1968. Das funktioniert aber heute, kann man diese Lesart da reinpacken. Das gibt vielleicht auch neue Impulse zu sagen, dadurch, dass das Bürgertum befreit wird, wird auf einmal das Proletariat befreit. Dadurch, dass der Typ sich nackt macht und die Wüste rennt und einen wirklich revolutionären Akt macht. Dadurch, dass Emilia, die vorher nur dem Bürgertum gedient hat, aus Land zieht und den Menschen hilft, in einer rein natürlich-spirituellen Weise, schafft sie auch was extrem Revolutionäres. Und achtet auf die Individuen. Achtet nicht nur darauf, für das Proletariat zu kämpfen, sondern achtet auch auf den Kampf für die individuellen Rechte. Mit ganz viel Liebe und Kuscheln. Dieser Film hat auch ganz viele Regenbogenflakten an Bord. Wir müssen aber über Pasolini reden, um das zu entschlüsseln. Aber ich habe noch ein Theorem, das dieser Film beweist. Oh, sehr gut. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Aha, Adorno. Von wann ist das? Das ist eine gute Frage. Verdammt, keine Ahnung. Das könnte nämlich auch nach dem Film sein. Warum hab ich das jetzt angesprochen? Nein, das ist älter. Es ist in der Minima Moralia entstanden, irgendwann in den 40er-Jahren. Aber super, ja. Willst du ausführen? Will ich ausführen. Ich finde es einigermaßen selbsterklärend. Jeder von denen stellt irgendwie fest, dass das Leben, was er bis jetzt geführt hat, nicht funktioniert, eigentlich. Bis jetzt auf der Oberfläche hat es funktioniert. Aber sobald der Typ reinkommt, stellen Sie fest, es gibt mehr. Und es gibt vor allem von mir viel mehr in der Welt. Ich hätte viel mehr in andere Richtungen mein Leben entwickeln sollen können dürfen. Sie versuchen dann richtig zu leben, aber es klappt doch nicht. Sie kommen in diesen katatonischen Zustand. Der Vater wird nackt wahnsinnig in die Wüste. Emilia lässt sich selbst begraben. Sie haben versucht, das richtige Leben zu leben. Aber es ist so falsch, in dem sie sich befinden, dass es unmöglich ist. Gefällt mir voll gut. Hab ich noch gar nicht da reingepackt. Noch nie drüber nachgedacht, aber es passt wirklich saugut. Spannend. Pasolini, sollen wir dafür einen Lexikon aufmachen? Mach doch einen Lexikon auf, hör mal. Schwingel. Das muss man sehen, Lexikon. Jetzt, okay, dann erzähl mal, Pasolini, wer war? Paolo Pasolini, 1922 geboren, Sohn eines Berufsoffiziers und einer Volksschullehrerin. Er gehört also zum Bürgertum. Wie so viele Bürger, vor allem in der frühen Moderne, hat er sich allerdings dem Proletariat hingezogen gefühlt. Und vor allem in seinem Fall dem ländlichen Proletariat. Und so Proletariat. Und zwar hat er in dem ländlichen Städtchen Casarra della Delizia sehr viel Zeit verbracht. Da haben seine Großeltern gelebt. Da hat er sich sehr viel mit dem Landleben gezwungenermaßen auseinandergesetzt. Weil seine Freunde, die er da hatte, die kamen einfach vom Land, das waren einfach Bauernkinder. Und es ist ja wirklich so ein klassisches Motiv bei den modernen KünstlerInnen, dass sie aus dem Bürgertum kommen und deswegen die Möglichkeit haben, künstlerisch schaffen zu sein. Und gleichzeitig sich hingezogen fühlen zu dieser einfachen Welt. Pasolini hat Kunstgeschichte bei Roberto Longhi studiert und hat das allerdings während des Zweiten Weltkriegs dann aufgegeben und wurde Lehrer. In dem Ort, in dem seine Großeltern gelebt haben. Also in dem großelterlichen Haus. Und das war auch der Zeitpunkt, wo er seine Homosexualität entdeckt hat. Die er ziemlich offen ausgelebt hat. Zu offen. Zu offen, ja, wenn man sich das Ende anschaut. Ja, nicht mal das Ende. Zu offen, vor allem für die Bedenkenträger der damaligen Zeit. Es gab dann nämlich schon den einen oder anderen Skandal, wo man auch nicht... Ich hab es nicht geschafft, das aufzudröseln, was er Negatives gemacht, was er Falsches gemacht hat. Und was ihm vorgeworfen wurde, weil er unliebsam war wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei in Italien. Das war er nämlich. Sein Bruder, ironischerweise wurde sein Bruder 1945 von Kommunisten umgebracht. Die haben ihm vorgeworfen, dass er ein Verräter wäre. Genau in der Zeit hat Pasolini auch angefangen, sich für den Kommunismus zu interessieren. Und ist dann, wie gesagt, irgendwann Ende der 40er Jahre in die Kommunistische Partei Italiens eingetreten. Und in diesen Zeitraum fällt auch dann der Vorwurf von einigen Schülern, dass er sich ihnen unsittlich gegenüber benommen hätte. Ach, okay, verstehe. Was etwas für diese Zeit verglasuliert ist, er hat sie sexuell missbraucht. Und seine Homosexualität war schon bekannt. Und es gab Solidaritätsbekundungen für ihn. Es gab sogar eine Petition von den Leuten, die da gelebt haben, dass er Lehrer bleiben soll. Er war wohl ein ausgezeichneter Lehrer. Was so über seine Lehrtätigkeit geschrieben ist, er hat mit sehr modernen Ansätzen sehr guten Unterricht gemacht. Aber er wurde dann aus dem Lehramt entlassen wegen diesen Vorwürfen. Aber in den 40ern ist er auch in seinen 20ern, ne? Also er ist sowieso als sehr junger Mensch dann... Und es ist nicht ganz klar, ob er einfach mit den Schülern verkehrt hat. Ob er die Schüler missbraucht hat. Das ist halt so Gossip, ne? Es ist so schwer, das auseinanderzukriegen. Und es kann durchaus sein, dass die Mitgliedschaften der Kommunistischen Partei dazu beigetragen hat, dass da was aufgebaut wurde, was nicht so groß war. Aber das eben nachhinein zu beurteilen, das ist halt so unmöglich, ne? Auf jeden Fall wurde er von der Kommunistischen Partei dann auch ausgeschlossen. Und zwar eben eigentlich so ein bisschen mit der Begründung, na ja, der hat mit diesen ganzen Dekadenten, Poeten und Literaten sich beschäftigt wie Sartre. Das hat nichts mit ordentlichem Kommunismus zu tun. Das ist total bürgerlich. Aber es ist naheliegend, dass es auch um seine Homosexualität ging. Oh Gott. Und na ja, er hatte keinen Job mehr, er war raus aus der Partei und hat dementsprechend dann mit seiner Mutter zusammen, 1950, nach Rom gezogen, wo er angefangen hat, als Schriftsteller zu arbeiten. Und hat sich als freischaffender Schriftsteller hier und da Geld verdient, hat an Drehbüchern mitgearbeitet, unter anderem mit Federico Fellini. Ah ja. Und hatte dann 1955 seinen Roman-Debüt, Ragazzi di Vita, in dem er sich mit dem Leben von kleinkriminellen Jugendlichen in den römischen Vorstädten auseinandersetzt. Und zwar auf eine sehr, zum einen schon vom Realismus inspirierte, aber auch auf eine sehr romantische Art und Weise. Und seine Romane hat ja diese Begeisterung für das Suproletariat immer eingebracht. Also er hat sich immer interessiert für die, die von den Kommunisten seiner Meinung nach ignoriert wurden. Eben nicht die Arbeiter, die in den Fabriken schuften, sondern die Leute, die auf der Straße leben. Die Tagelöhner, die halt sich irgendwie bei Wasser halten, die kriminell sind, die verdorben sind, die sich nicht für den Klassenkampf interessieren, die fand er spannend. Und er hat parallel weitere Romane geschrieben und auch immer mal wieder Kolumnen für Zeitungen. Für Pasolini war das Rechtssystem kein Unbekanntes, weil er ständig irgendwie Ärger wegen Texte, die er geschrieben hat, wegen angeblicher Unsiedlichkeit, weil er ist halt auch auf dem Straßenstrich unterwegs gewesen. Er hatte immer mal wieder Konfrontationen mit dem Gesetz. Und Anfang der 60er-Jahre hat er dann für sich den Film entdeckt. Er hat seine ersten beiden Filme noch ganz im Sinne des italienischen Neorealismus gedreht. Wir haben ja sehr viel über den italienischen Neorealismus geredet in unserer Fahrradieber-Episode. Ja, stimmt, genau. Also Filme, die mit Laiendarstellern, das einfache Lebensschildern, die realistisch sind, die Milieustudien sind, die nichts Fantastisches drin haben. Und in der Zeit haben wir allerdings schon, dass das nicht nur bei ihm, sondern auch bei anderen kippt, dass der italienische Neorealismus so ein bisschen als tot angesehen wird. Federico Fellini war einer der Ersten, die als Gegenentwurf dazu sehr fantastische, surreale und bizarre Filme gemacht haben. Ich werde dir irgendwann mal einen Fellini-Film geben müssen. Okay. Und davon hat sich auch Pasolini angezogen gefühlt. Und er hat dann 1964 das erste Evangelium Matthäus gefilmt. Oh. Indem er Jesus als Subproletarier dargestellt hat. Okay. Er war auch sehr inspiriert vom Neorealismus, also sehr realistisch hat er diesen Film gedreht. Und gleichzeitig eben die spirituelle Thema reingebracht und sich sehr stark an der Bibel orientiert. Dieser Film wurde unglaublich positiv aufgenommen. Von der Kirche. Der hat Standing-Oversions gekriegt von Priestern. Es gab dann auch Proteste vom Vatikan. Aber Pasolini hatte seit diesem Film eigentlich so ein sehr zwiespaltenes Verhältnis zur Religion. Und die Religion hat ein zwiespaltenes Verhältnis zu ihm. Er wurde gefeiert und er wurde gehasst. Die einen haben diesen Film bejubelt und gesagt, so gut hat die Jesus-Geschichte noch nie jemand auf Leinwand gebracht. Andere haben gesagt, blasphemie, Jesus war kein Proletarier. Und er ist recht kein Subproletarier. Und dann sind wir schon Ende der 60er-Jahre, wo er Teorema gedreht hat, der auch extrem gut aufgenommen wurde von Kirchenvertretern. Der hat einen Preis gewonnen, den dann später der Vatikan hat dann widersprochen und dann haben sie ihn wieder aberkannt. Ich finde, das fasst den Film so gut zu sein. Ja, auf jeden Fall. Er hat diesen Preis gewonnen, lass mich einmal kurz gucken. Das war bei einem Filmfestival. Und es war ein dezidiert religiöser Preis. Genau. Vom katholischen Filmservice, katholischen Film... Preis der internationalen katholischen Filmbüros. Genau, den hat er gewonnen. Seit 1968 beim Filmfestival in Venedig. Und dann hat der Papst damals, Paul VI., gesagt, Leute, hier Homosexualität, offene Sexualität. Ich habe Brustwarzen in diesem Film gesehen. Wollt ihr den wirklich auszeichnen? Das kann noch nicht sein. Und dann wurde ihm der aberkannt. Und es gab auch Ärger. Der Film wurde von der italienischen Polizei konfisziert. Und Pasolini wurde wegen Obstynitäten angeklagt. Er hatte wirklich oft Konfrontation mit dem italienischen Gesetz, einfach wegen seiner Art, Filme zu drehen. Aber wie gesagt, seine Filme wurden auch teilweise von der Kirche sehr wohlwollend aufgenommen. Ende der 60er hat er so komplett offensichtlich das Sexuelle für sich entdeckt. Weil er hat dann diese drei Filme gedreht, die ich alle drei überhaupt nicht mag. Die Kameronen, Pasolinis toll dreiste Geschichten und Geschichten aus Tausenden Einer Nacht, Einer schlimmer als der andere. Eine Soft-Erotik-Filme für ein prätentiöses Bildungsbürgertuch. Nein, oh Gott. Keine guten Filme. Und ich weiß nicht, was ihn geritten hat. Ich sehe darin keinen tieferen Sinn mehr drin. Aber es sind Filme, die gut angekommen sind. Weil er fühlt sich nicht intellektuell überlegen und holt sich gleichzeitig einen runter. Sowohl auf seinen Geister als auch auf die nackte Haut. Aber er war auch weiterhin als Publizist tätig. Und er hat sich mehr und mehr kritisch mit dem Kommunismus auseinandergesetzt. Und mit der Linken, was ein bisschen kriminiert hat in die Kritik, die er an den 68ern geübt hat. Und zwar kam es 1968 zu Ausschreitungen, Straßenkämpfen, Straßenschlachten zwischen Linken, Studenten und der Polizei. Und Pasolini war eher so truff damals. Pff, da, die Linken, die Bürschchen aus dem Bürgertum. Die haben doch keine Ahnung. Ich solidarisier mich mit der Polizei. Das sind die Proletarier, die sich die Hände schmutzig machen müssen, die hart arbeiten müssen. Er ist ein Mann der Gegensätze. Er hat ein zwiespaltenes Verhältnis zur Linken. Mittlerweile wird gesagt, das kann man auch anders interpretieren. Guckt euch an, was er da geschrieben hat zu den 68ern. Guckt euch seine kommunistischen Schriften an. Die Widersprüchlichkeiten hat er geliebt. Er war immer so eine schillernde Figur im öffentlichen Diskurs. Auch wegen seiner Sexualität. Aber auch, weil er sich nie 100% mit einer Ecke solidarisiert hat. Er hat den Glauben entdeckt, Filme über Religionen gemacht. Mit der Hoffnung, in christlichen Kreisen damit gut anzukommen. Gleichzeitig hat er natürlich die Religionskritik des Kommunismus mit sich getragen. Er war Kommunist, aber er war eben auch jemand, der sich sehr viel mit Kunst auseinandergesetzt hat. Mit bürgerlicher Kunst. Der auch versucht hat, über den traditionellen Kommunismus hinauszudenken. 1972 hat er angefangen, für einen Enthüllungsroman zu recherchieren. Und zu arbeiten, Petroleum, Erdöl. Wo es um Verwicklungen von Politik mit Mafia und Legalgeschäfte und Wirtschaften gehen sollte. Und diesen Roman hat er nicht fertiggestellt, weil er am 2. November 1975 ermordet wurde. Er war mit einem Freund zum Essen verabredet. Dann wurde seine Leiche gefunden. Es wurde jemanden festgenommen, ein Stricher, der ein Geständnis abgeliefert hat, bis zum heutigen Tag ist nicht genau geklärt, was da passiert ist. Der Verdächtige, der festgenommen wurde, hat sich mehrmals widersprochen, hat seine Aussagen geändert. Er hat gesagt, das war ein Auftragsmord, ich sollte Pasolini umbringen, ich darf nicht sagen, für wen. Es wird seitdem spekuliert, Pech wurde einfach überfallen. War es wirklich so, dass er den Zorn von mächtigen Menschen auf sich gezogen hat? Es gab Petitionen dafür, dass das noch mal aufgeklärt werden soll. Es gab immer mal wieder Aufrollungen des Falles, Dokumentationen dazu, Schriften dazu. Es ist schon sehr naheliegend, dass Pasolini umgebracht wurde. Und es ist auch naheliegend, dass er umgebracht wurde, weil er in gewissen Kreisen zu gefährlich geworden ist mit seinen Recherchen. Aber es bleibt eben im Nibelösen. Wie so vieles um diesen Mann, der wirklich ein spannendes Leben hatte und ein Leben voller Widersprüchlichkeiten. Spannend. Und dann hat er auch so unterschiedliche Filme gemacht. Und dann vielleicht sein letzter Film war dieses 120 Tage von Sodom, um das noch anzuwerfen, 1975. Da ist sogar eine Kopie davon verloren gegangen, als er gestorben ist, die ist dann später noch mal aufgetaucht. Er hat die wohl auch retten wollen, weil er wusste, dass er da was Krasses gedreht hat. Einer der kontroversesten Filme des 20. Jahrhunderts. Wahrscheinlich, wenn du bei Familien-Duell die Frage stellst, wir haben 100 Leute gefragt, nennen sie einen kontroversen Film des 20. Jahrhunderts. Die 120 Tage von Sodom. Richtig, 65 Punkte, top Antwort. Weißt du, wie alt diese Referenz ist, Plor? Ja, ich weiß. Die ist so alt wie du. Schrecklich. Auf jeden Fall, es geht darum, dass er diesen berühmten Roman von Markidesart, die 120 Tage von Sodom, verpflanzt in das Italien zur Zeit des Faschismus. Und er lässt als Triebtäter italienische Faschisten auftreten, die dann junge Männer und Frauen gefangen nehmen zu sexuellen Handlungen, zwingen und Gewalt ausüben. In diesem Film werden sehr viele Fäkalien gegessen. Ah! Das ist das, was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist, was Ekel betrifft. Und es ist irgendwie ein krasses politisches Statement. Das ist tatsächlich auch ein Schockfilm, der auch auf Schockvalue setzt. Weil es ist ein gewalttätiger Film, sowohl physische als auch psychische und sexuelle Gewalt. Das kommt alles vor. Gegen Filme von heute hält, gegen Splatter-Horror-Filme von heute, wie auch immer. Es ist natürlich ein Werk seiner Zeit. Es ist nicht so explizit brutal, rein grafisch gesehen wie Filme wie Saw oder so. Aber das meiste findet jetzt sowieso im Kopf statt. Ja, und es hat halt dieses sadistische, es ist halt einfach mal zwei Stunden purer Sadismus, der auch nicht aufhört. Es hat auch so eine gewisse Monotonie in der Quälerei. Das heißt, bei der Frage, muss man einen Film sehen? Es ist ein Stück Filmgeschichte. Es ist krass, es ist klar, was Pasolini da machen wollte. Er musste dazu so radikal vorgehen. Aber es ist natürlich kein Film, der Freude macht. Es ist auch kein Film, der einem tiefe intellektuelle Einblicke gibt. Das ist einer der raren Filme, die man gesehen haben muss, um sie gesehen zu haben, weil sie irgendeine Bedeutung haben. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich hab mich einmal durchgequält, und es reicht mir. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Es ist kein Film für Leute, die Spaß an Splatterfilmen haben, sagen, ich würde sehen, wie Gehirne platzen. Ich glaube, auch viele Horror-Splatter-Fans von heute würden den Film langweilig finden oder unfreiwillig komisch sogar. Manche würden bei den Ekelszenen vielleicht auch nur mit den Schultern zucken. Aber es steckt einfach was anderes dahinter. Das ist so diese Darstellung des reinen Sadismus, der den puren Bösartigkeit des Menschen, die diesen Film irgendwie interessant macht, sehenswert. Aber Theorema will ich sehen. Lass uns mal unser Lexikon schließen. Dann sind wir wieder am Film. Ich würde gerne Folgendes machen. Nachdem wir den Unterbau so ein bisschen geklärt haben, würde ich gerne in die Umsetzung von Pasolini gucken. Wie hat er das Ganze überhaupt gemacht? Wie zugänglich oder nicht zugänglich ist das für mich? Oder habe ich eine Chance, mit dem Film klarzukommen? Oder ist alles, was wir geklärt haben, eigentlich erst in der Recherche machbar? Es gibt vielleicht eine kleine Tendenz in meiner Ausführung. Ach was. Erst mal das Technische vielleicht. Das Technische. Ich bin völlig verwirrt. Will er jetzt eine Wackelkamera? Hat es ein Konzept, wann eine Wackelkamera ist und wann nicht? Am Anfang ist es dokumentarisch, dann denke ich, okay, dann wechselt er wieder in eine Wackelkamera, ohne dass ich sehen kann, dass es eine thematische Begründung dafür gibt. Dann hat er Sepia plötzlich. Also es ist auch alles, es ist für mich, beim Gucken ... Zu viel? Nicht entschlüsselbar. Es ist folgendermaßen. Zu inkonsistent. Du hast einen Roman geschrieben und öffentlichst den dann in der Schrift Art Wingdings. Das ist der Film. Moment. Wenn wir von technischen Stilmedien gehen, kannst du diese Analogie echt nicht bringen. Weil ein Autor oder eine Autorin null Einfluss darauf hat, in welchem Schrift-Satz ihr Roman veröffentlicht wird. Weil das auch nicht Teil des Werkes ist. Dann musst du sagen, du schreibst den Anfang als Reportagestück, dann wechselst du zu einem lyrischen Text, einem Gedicht, dann kommst du zu einem großen Romanepos und einem inneren Monolog. Das fändst du kacke. Vor allem deswegen nicht, weil es so unterschiedliche Stile gibt, sondern weil du ein Haufen Symbole hast, die du nicht entschlüsseln kannst. Du musst auch noch gar nicht auf die Symbolebene denken. Nur die Technik. Gibt es dir einen Flow? Rein technisch hab ich kaum Flow. Kaum. Also ein bisschen. Man kommt irgendwann ein bisschen rein. Aber eigentlich ist es schwierig. Es ist natürlich auch so eine Frage der Präferenz. Wenn man sich von dem Reportagestück wechseln zu dem Stummfilm, der nur ganz kurz ist und danach keine Rolle mehr spielt, dann mag man diese langen Kameras, langen Totalen, abgewechselt durch diese etwas wackeligen Nahaufnahmen, steht man darauf. Und kommt man damit klar, dass es immer mal wieder diese Einschübe gibt, z.B. dieser Wüstensand. Wir haben immer mal wieder einfach dieser Wüstensand. Da weiß ich inhaltlich nichts mit anzufangen. Das kann man mal machen als Filmemacher. Ich finde, es hat auf einer visuellen Ebene, und ich versuche, das Inhaltliche bewusst wegzulassen, hat es was Hypnotisches. Für mich zieht mich visuell auch rein. Es ist superschwer, das zu trennen, weil der Film zieht mich inhaltlich auch rein. Aber das Visuelle hat was Hypnotisches, was mich irgendwie packt durch diese Wechsel. Ich sehe das, was du meinst, dass es ein bisschen inkonsistent ist. Auch wenn das mein Begriff war. Absolut inkonsistent. Aber es stört mich nicht, weil ich habe das Gefühl, da ist ein natürlicher Fluss, eine natürliche Bewegung in den Bildern drin, dass ich dranbleibe. Ja, aber ich glaube, du kannst es nicht trennen voneinander. Du kannst nicht sagen, zieht mich jetzt nur das Visuelle rein oder auch das Inhaltliche. Weil das Problem besteht nicht darin, sobald ich mit dem Inhaltlichen nicht klarkomme, komme ich auch mit der visuellen Ebene nicht klar. Das hängt miteinander zusammen. Wenn es konsistent zusammenhängen würde, dann würde Inhalt und Bild übereinanderliegen. Aber das tut es nicht. Die Musik ist konsistent. Gibt die Musik dir einen Rahmen? Ennio Morricone übrigens. Morricone ist großartig, ein ganz toller Musiker. Aber er gibt mir nicht genug roten Faden. Ein Film kann sich auch nicht darauf ausruhen. Er hat ja Ideen, aber für mich kann ich mich an der Musik auch nicht festhalten. Okay, also die Strukturierung der Geschichte, dass wir diese zwei, natürlich noch drumherum ein bisschen mehr, aber wir haben diese zwei großen Blöcke. Einmal der Gast, der da ist, oder die Person, die da ist. Und einmal die Person, die weg ist. Wie ist die Familie, während er da ist, wie ist die Familie, nachdem er da war. Gibt das dir einen Faden? Natürlich gibt es mir sehr viel Halt und Struktur. Aber darum wieder zu viel, wo ich denke, ja, okay, ich hab's verstanden, ich weiß jetzt, was du meinst. Das Problem ist ja nicht nur, dass er sehr vorhersehbar die Struktur hat. Und man dann weiß, als nächstes kommt der Mann, dann wird der Sohn erzählt. Dass auch alles, was er erzählt, er wirklich sehr lange erzählt. Und es kommt nach der ersten Minute nichts Neues dazu. Ich weiß sehr schnell, wie jetzt der Sohn reagiert. Ich weiß jetzt sehr schnell, wie der Typ reagiert. Die Frau, solche Sachen. Das muss ich mir nicht so lange anschauen, um zu verstehen, was er sagen will. Und es kommt auch durch die Länge, die ja manchmal etwas haben kann, um mir Zeit geben kann, etwas zu verstehen, zu entschlüsseln. Nee, krieg ich auch nicht. Die Montagetechnik im zweiten Block unterscheidet sich ja sehr deutlich von der im ersten. Im ersten ist es wirklich so, wir haben Emilia, die verführt wird. Wir haben Pietro, der verführt wird, Odetta. Und so nach und nach werden alle verführt. Und kriegen eigentlich nur einen großen Block, in dem sie verführt werden und fertig. In der zweiten Hälfte werden die Geschichten ja sehr krass montiert. Wir sehen Emilia, wir sehen Pietro, wir sehen Emilia, wir sehen dann Lucina. Es ist so sehr viel Wechseln zwischen einzelnen Geschichten. Gibt dir das mehr Tempo? Ist das eher irritierend? Das Ding ist, wenn er wieder zurückschneiden würde zu Emilia, und ich was... Bei Emilia stimmt's gar nicht, bei Emilia ist gut. Bei ihr komme ich immer wieder in neue Situationen rein. Ich denke immer, ah, okay, sie hat eine Entwicklung durchgemacht. Herzlichen Glückwunsch. Level zwei. Schwäben. So, aber bei den anderen, weiß ich nicht, ich hab das Gefühl, das weiß ich jetzt schon, warum musst du mir das noch mal erzählen? Erzähl mir was Neues, verschwende nicht meine Zeit, gib mir irgendwas, womit ich arbeiten kann. Er erzählt dir grundsätzlich zu wenig und hat zu viel Monotonie in den Bildern. Also es passiert zu wenig Neues. Ja, wobei die Monotonie natürlich auch ein Mittel sein kann, ein bestimmtes Thema zu umreißen, aber das tut es auch nicht. Okay. Das tut mir leid. Ich weiß, was du meinst, ich versuche gerade zu überlegen, warum es mich reinzieht, weil es stimmt tatsächlich, wenn man sich diesen Film an der oberflächlichen Struktur anschaut, an der oberflächlichen, technischen Struktur, passiert hier relativ wenig, es wird sehr wenig geredet, und die Entwicklung, die jeder einzelne Charakter macht, ist jetzt nicht so eine ultrakomplexe, wie die Tochter, die zuerst ein bisschen tanzt, ihre Sachen wegwirft und dann in diesen katatonischen Zustand fällt. Wir haben die Mutter, die die ganze Zeit rumfährt und im einen Mann nach dem anderen einsammeln die ganze Zeit Sex hat. Das passiert nichts anderes. Und Emilia Ausnahme von Paolo sehen wir gar nichts, ganz lange. Pietro macht auch nichts anderes als seine Bilder malen und sich mit den Bildern unterhalten und zu sagen, dass der bürgerliche Künstler kacke ist und er kennt. Warum zieht es mich trotzdem rein? Jetzt bin ich gespannt. Versuche ich auch zu verstehen. Warum zieht es mich rein? Ich glaube, der Film bringt einfach auf einer erzählerischen Ebene, nicht auf der symbolischen, rein auf der erzählerischen Ebene, erzähltechnischen Ebene, eine Stärke mit. Der zieht an mir, der packt an, der hält mich fest, der hält mich gerade durch diese Wiederholung, durch dieses Eintauchen fest. Ich fühle mich runtergezogen in diese Welt, gerade weil ich Lucia die ganze Zeit zugucke, wie sie an der Straße entlangfährt, wie sie kurz zaudert, wie sie Typen reinlädt, wie sie guckt, dass sie noch einen rein kriegt, wie sie ihren Wagen vollpacken will. Das ist in seiner Wiederholung, das ist eine Tiefe, die mich einfach reinzieht. Ich spüre in dem Moment, was sie will. Und ich fühle mich davon auch mitgenommen. Genauso wie am Anfang diese Szenen, wenn sie ihn betrachten, die Leute, die haben alle den sehr ähnlichen Blick auf ihn. Deswegen sehen wir diesen Blick sehr oft. Wir haben diesen voyeuristischen Blick ständig auf seinen Schritt, und das gehört auch zu dem, was du als Monotony meinst. Sein Schritt zieht dich in den Film hinein. Sein Schritt zieht mich in den Film hinein. Ihr Blick, die Kamera macht das so gut, dass ich mich dem nicht entziehen kann, wie sie auf ihn reagieren. Ich glaube, du bist heimlich, tief im Herzen, einfach auch ein prätentiöser Künstler. Das heißt tief im Herzen und heimlich? Also bitte. Du weißt genau, dass ich auf Kunstkacke stehe. Und du weißt genau, dass ich gerne Kunstkacke mache und gerne Kunstkacke konsumiere. Das ist, glaube ich, kein Geiles. Jeder, alle, die diesen Podcast hören, wissen, dass ich auf Kunstkacke stehe. Erzähl mir was Neues. Ich wollte bloß die Diagnose einmal stellen, damit wir uns jetzt darum kümmern können, dass wir dich aufs Sofa legen und sagen, wie ist dein Verhältnis zu deiner Mutter? Nein, es zieht mich wirklich rein. Ich kann total gut nachvollziehen, dass Leute sagen, das ist mir zu doof, das ist mir zu prätentiös, was da passiert, das ist doch ultralangweilig, da passiert ja überhaupt nichts. Leute, glaubt mir, mir macht dieser Film Freude. Ich hab den jetzt, ich hab den noch nicht so oft gesehen, zum 3. oder 4. Mal gesehen. Du warst auch total gespannt, weil du den lange nicht gesehen hast. Genau, ich hab ihn zum 3. Mal gesehen. Es ist so lange her, dass er es wirklich neu gemacht hat. Dieser Film zieht mich rein, begeistert mich. Wirklich, ich habe Freude, wenn ich diesen Film gucke. Ich hatte auch zwischendurch Freude, aber daran, irgendwelche blöden Memes aus den Dingern zu schneiden und irgendwelche Blödsinn damit zu machen. Es ist einfach so eine gewisse Kraft, die drinsteckt, so eine hypnotische Kraft, dieser Film nimmt dich gefangen. Ich bin nicht der größte Pasolini-Fan. Ich hab gerade gesagt, ich hasse seine 3 Erotikfilme. Ihr habt ja gehört, was ich zu 120 Tage von Sodom gesagt habe. Dazu kann ich nicht wirklich eine Aussage treffen, weil das auch so kaputt ist, dass es kein Film der Freude macht. Wenn jemand sagt, was soll ich heute Abend gucken, sage ich bestimmt nicht die 120 Tage von Sodom. Aber ich sage auch nicht Theorema, weil ich weiß, dass die meisten Leute diesen Film doof, albern, prätentiös finden. Aber dieser Film begeistert mich wirklich. Ich glaube, man muss ihn nicht nur als abstraktes, hochakademisches, prätentiöses Kunstwerk sehen, sondern das ist ein Film, der dich auch wirklich mitreißen kann. Jetzt komme ich mir vor wie so ein kalter Klotz, der... Nein, das ist ja total nachvollziehbar. Über diesen Film wird doch die ganze Zeit gesagt. Alle sagen über diesen Film, dass der Film stolz darauf ist, dass er so unkonsumierbar ist. Dass der Film das mit so einer Arroganz vor sich herträgt. Schaut mich an, ich bin ein Kunstwerk. Ich bin so nachdenklich, ich habe hier einen philosophischen Überbau. Lies dieses Buch und dieses Buch und dieses Buch. Dann kannst du mich verstehen. Das ist mir alles scheißegal. Ich verstehe auch nicht alles, was der Film macht. Ich kenne Pasolini's Biografie auch nicht besonders gut. Ich habe jetzt für diese Folge zum ersten Mal Pasolini großrecherchiert. Ich kenne mich auch nicht aus mit den ganzen Diskursen aus den 60er-Jahren über Marxismus und wie Marxismus und Erotik zusammen gedacht werden kann. Das braucht man gar nicht. Es gibt eine Frage, die drunter liegt unter dem ganzen Film. Und zwar die Frage, wenn Jesus heute erscheinen würde, würde er als Vertreter Gottes erkannt und gewürdigt werden? Weil er natürlich schon dieses göttliche, ich meine, er wird die ganze Zeit als Jesus inszeniert. Pasolini hat da eindeutig dieses religiöse Ding drin. Aber spannenderweise überhaupt nicht als Kontroversefigur. Jeder, der sagt, wir packen Jesus in irgendeine Zeit, irgendjemand will ihn nachher kreuzigen. Das gehört zu Jesus dazu. Das ist er überhaupt nicht. Niemand will ihn kreuzigen, alle haben ihn lieb. Die Frage ist bloß, welchen Impact hat er dann am Ende? Wenn Jesus keine Kontroverse in unserer Gesellschaft heute, wenn er keine Kontroverse lostreten würde, welchen Impact hätte er überhaupt auf die Gesellschaft? Jesus wäre ein cooler TikTok-Star. So schwer zu sagen. Vielleicht sollte es so was nicht geben, weil wir uns in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr so an Individuen klammern sollten, wenn es darum geht, die Welt zu verändern und zu verbessern. Wir machen es natürlich ständig. Aber wir machen es vielleicht ein bisschen weniger dramatisch, als es früher gemacht wurde, außer die Trump-Anhänger vielleicht. Es ist ja auch gut, dass es Menschen gibt, Individuen, die sich besonders für eine Sache einsetzen, wo wir sagen, das ist cool, und die reißen uns mit. Greta Thunberg fällt mir als bestes Positivbeispiel ein, die 14-Jährige, mit dem Sitzen vor der Schule es geschafft hat, eine ganze Bewegung loszutreten. Ja, der Hammer. Respekt. Hast du dir diese geile Twitter-Konversation mitgekriegt von Greta Thunberg mit diesem Typen, mit der, ich hab hier meine Autos, mach doch was dagegen. Das war so großartig. Popcorn in die Hand nehmen und zugucken. Es ist schon ganz gut, dass es Individuen gibt, aber es ist vielleicht ganz gut, dass es zumindest bei aufgeklärten Menschen nicht mehr diese krasse Heldenverehrung gibt. Wenn gesagt wird, Greta Thunberg ist cool, was sie in Bewegung gesetzt hat, aber wir folgen der Bewegung, wir folgen nicht ihr als Jesusfigur. Aber ist das so? Ich weiß es nicht genau. Jetzt, wo du es sagst, denke ich darüber nach und denke, eigentlich sind wir so weit weg davon nicht. Es gibt so viele sehr oft personenbezogene Bewegungen, die groß irgendwelchen Leuten hinterher rennen. Jetzt kann ich natürlich Höcke und so weiter ins Feld führen, aber das wäre ein bisschen lame, weil das ist die Rechte. Oder Baerbock. Wenn wir in unserer Woken-Bubble sind, dann haben wir auch unsere Götzenverehrungen. Das kann man nicht leugnen, auf jeden Fall. Ich glaube, dass das gar nicht so sehr weit weg davon ist. Aber ich glaube, wir sind von der Religion sehr weit weg, sodass wir diese Heldenverehrungen nicht im Religiösen mehr machen würden. Was ich eigentlich sagen wollte, vielleicht ist es gut, dass es keine absolute Jesusfigur gibt heute. Wir sollten ja auch bei Individuen, wenn wir total begeistert sind von dem, was Individuen leisten, sollten wir sie kritisch betrachten. Sowohl was Greta Thunberg betrifft als auch Habeck oder Baerbock, ganz schreckliche Beispiele aus der Linken, woken, grün, verseuchten, bubble, findet man ja genug an, was man kritisieren kann. Das soll man sich ja auch bewahren, dass man die Leute kritisiert und nicht blind jemandem folgt. Dafür sind wir hoffentlich genug im Diskurs. Also nicht in unserer Bubble, wie wir immer alle heraufbeschwören, dass diese Bubble uns nur noch in unserem Kreis bewegt. Ich hatte mal einen Podcast darüber gehört, dass diese Bubble nur in den extremen Rechten und in den extremen Linken zum Tragen kommt und da ein Problem ist. Aber in der breiten Mitte der Gesellschaft hast du kein großes Bubble-Problem. Selbst das glaube ich nicht. Das Tolle ist, es wird gesagt, Twitter, Facebook, Eschokammern. Die Kneipen aus den 80ern. Auf der einen Seite die linken Studentenkneipe, auf der anderen Seite die Dorfkneipe um die Ecke, wo sich die Faschisten treffen. Das Krasse an Twitter ist, dass es das Potenzial hat, Eschokammern komplett aufzureißen. Wir haben ja einen Diskursraum, wo extrem Linke mit extremen Rechten und Bürgerlichen munter, wild durcheinander diskutieren. Eigentlich das Gegenteil von Bubbles. Bubbles werden zerstört in dieser digitalisierten Gesellschaft, Solche Beispiele hat auch dieser Podcast gebracht. In den 80ern waren das einfach ganz andere Räume, aber es waren die gleichen Räume, die wir versuchen zu etablieren, die aber heute durch Twitter und so in den Diskurs komplett überall reingehen können. Und du im Grunde die Möglichkeit hast, früher hattest du die Möglichkeit nicht, weil deine Stammkneipe direkt um die Ecke war. Und mit dem Internet kommst du überall rein, und kannst das auch. Du gibst ein kleines bisschen Mühe, dich breit zu informieren. Wo sind wir hier gelandet, warum? Das hab ich mich auch gerade gefragt. Ich hatte fast angefangen, über Elon Musk zu reden, aber dann dachte ich, jetzt schweifen wir zu viel ab. Johannes, Top 3. Oh, okay. Unsere Top 3. Top 3, Plor, warum, warum, warum? Ich wollte von Johannes die Top 3 filmischen Theoreme, beziehungsweise Filme, die Theoreme belegen oder widerlegen, die ein Theoremen aufwerfen. Und ich hab eine tolle Top 3, Entschuldigung. Ich hab eine dämliche Top 3. Eine Top 4 hab ich sogar. Ich hab nichts, Plor. Wenn ich es genau nehme, hab ich nichts. Was ist das? Welcher Film nimmt sich das hin? Ich hab versucht, irgendwie philosophische Filme zu finden. Ein völliger Quatsch. Du hast die Aufgabe nicht verstanden. Pass auf, ich sag dir meine Honor-Revention. Der 1. Satz der Thermodynamik. Jedes System besitzt eine innere Energie U, eine extensive Zustandsgröße. Diese kann sich nur durch den Transport von Energie in Form von Arbeit, Weh und oder Wärme über die Grenzen des Systems ändern. Die Eiskönigin. Oh Gott, Plor. Oh nein. Das ist meine Honor-Revention. Und so geht's weiter. Oh nein, Plor. Ich hab versucht, deine Top 3 ernst zu nehmen. Einigermaßen ernst zu nehmen. Ich hab es auch ernst genommen. Dann dachte ich, Johannes nimmt das nicht ernst. Scheiße. Oh nein. Du musst anfangen mit deiner Honor-Revention. Also, Brief Interviews with Hiddeusman ist mein Platz 3. Der beweist, it needs a perf to know a perf. Perfekt, super. So, jetzt bist du drin. Ich hab auf meinem Platz 3 die Pangenesis-Theorie von Charles Darwin. Oh Gott, oh Gott. Bei Variationen, welche durch die direkte Einwirkung veränderter Lebensbedingungen verursacht werden, werden die Gewebe des Körpers nach der Theorie direkt durch die neuen Bedingungen affiziert und geben demzufolge modifizierten Nachkommen aus, welche mit neuerdings erlangten Eigentümlichkeiten den Nachkommen überliefert werden. Das heißt, wenn du dich fortpflanzst, dann gibst du das, was deine Lebensbedingungen bestimmt, an deinen Nachkommen weiter, Evolution. Ah ja, okay. Es gibt einen wunderschönen Film aus dem Jahr 2006, Idiocracy, wo gezeigt wird, wie die Menschheit nach und nach verdummt. Ein ziemlicher Nobody, so ein Slacker-Typ, wird irgendwann Anfang der 2000er durch einen Zufall eingefroren und landet in so einem Kälteschlaf und wird dann im Jahr 2505 wach. Die Menschheit ist komplett verblödet, weil sich die Dummen fortgepflanzt haben, während die Klugen keine Zeit dazu gefunden haben, weil sie andere Sachen machen mussten. Er landet in so einer dystopischen Gesellschaft, in der wirklich alle strunzdumm sind. Okay. Ja, bei mir hört es schon fast wieder auf. Lass mich kurz überlegen. Ich würde sagen, Groundhog Day, also täglich größer Murmeltier, beschäftigt sich irgendwie mit dem, was ich vorhin schon hatte, es gibt kein richtiges Leben, der Falschen, ist aber nicht in der Lage, das eine zu widerlegen oder zu beweisen. Weil am Ende hat er es geschafft, er kommt aus seinem Leben raus. Ja. Und führt das richtige Leben. Und das im amerikanischen Kapitalismus der frühen 90er-Jahre. Dazu würde auch gut passen das von Nietzsche, das alles geht, alles dreht sich im ewigen Kreis, ewig rollt das Rad des Seins. Oh, mhm, jetzt sagen wir noch mehr philosophische Dinge. Der Satz der ewigen Wiederkehr von Zarathustra. Also, ja, egal. Sollen wir das noch für Sisyphus zitieren oder so? Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Passt auch total gut zu täglich Christus Murmeltier. Er rollt auch immer den Stein in den Berg hoch und rollt dann nachher wieder zurück. Mein Platz 2 ist aus Wittgensteins Tractatus Logico Filosophicus und beschäftigt sich mit Widersprüchen in der Sprache. Die Kontradiktion erfüllt den ganzen logischen Raum und lässt der Wirklichkeit keinen Punkt. Lost Highway von David Lynch. Mehr muss ich dazu nicht sagen, oder? Okay, ja, sehr schön. Gut, dann hätte ich als Abschluss diesen Film, den wir gerade besprechen. Ja, und welches Theorem? Er beweist das Theorem, dass es einen talentierten Filmemacher braucht, statt einen Filmtheoretiker, um einen guten Film zu machen. Oh, so. Du wolltest diese Top 3. Was hast du dir verdient? Pasolini war kein großer Filmtheoretiker. Der wollte als Filmtheoretiker anerkannt werden. Aber der hat vor allem Filme gemacht. Filmtheoretiker waren die Novell Wagtümer. Platz 1, Newtons Theorem. Ein Körper bleibt in Ruhe oder in gleichförmig geradelieniger Bewegung, solange die Summe der auf ihn einwirkenden Kräfte Null ist. The Big Lebowski von den Cones. Was? Die liegen einfach nur rum, so lange bis irgendwas passiert. Der Dude hängt rum, spielt Bowling, macht nichts. Dann kommt von außen die Kraft in Form dieser Entführung von der Tochter, dem Millionär, der heißt wie er. Dann wird ihm auch noch auf den Teppich gepinkelt und dann fängt er an, sich zu bewegen. Aber es gibt sehr viele Filme, die nach diesem Satz funktionieren. Das ist ein ganz klassisches Strobe. Ja, natürlich. Auf jeden Fall. Das war unsere Top 3. Wir kommen zurück zu Theorema und zu unserem Urteil, Johannes. Wie hat dir der Film gefallen? Das Urteil. Warum hab ich das jetzt gemacht? Du musst irgendeine Musik noch unten drunter legen, sonst funktioniert das nicht. Und ein Echo. Oh ja, stimmt. Sehr gut. Mach das noch mal, sonst verstehen die Zuhörerinnen das nicht. Jetzt kommt das Ganze mit Echo, mit Musik. Und los. Das Urteil. Du hättest es nicht mehr sagen müssen. Ich hätte es wieder verwerten können. Verdammte Scheiße. Wo waren wir genau? Dein Urteil. Wer kriegt mir diese halbe Sekunde zurück? Mein Urteil ist vernichtend, absolut vernichtend. Ich kann nichts davon lesen. Ich gucke mir diesen Film an und denke mir, ja, hä? Und in der Recherche denke ich mir, ja, gut, toll. Du hast verstanden, wie ein System funktioniert, wie ein gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert. Er hätte viel davon erzählen können. Ich hab mir gedacht, okay, wenn du vielleicht entlarven willst, dann lass sie sich selbst entlarven. Es gibt genug Situationen, in denen sie einfach nur zeigen muss, wie sie leben. Und sie könnten schon selbst ... Du musst dich an Idioten nur reden lassen, dann merkst du schon besser. So funktioniert unser Podcast. Ja, genau. Was wir auch bei Hideous Men hatten. Man denkt, okay, die lauern halt einfach, und dann entlarven sie sich. Es gibt so viele Möglichkeiten mit diesem Thema. Eine Möglichkeit, die ich nicht hätte sehen wollen, hat er auf die Leinwand gebracht. Das ist ein hartes Urteil. Ich liebe diesen Film. Ich finde ihn wirklich stark. Er zieht mich rein, er hat eine hypnotische Kraft. Er ist total verquast, er ist akademisch. Er ist mit Sicherheit auch ein bisschen prätentieus. Nicht nur ein bisschen, er ist prätentieus. Aber er hat echt eine Stärke. Diese Verquickung von politischer, sozialer Revolution, mit dem Eros, das sexuell-romantische, mit ganz viel Zärtlichkeiten, ganz viel Liebe, ohne dass es verteufelt wird, viel mehr romantisiert wird. In Verbindung mit Identität, mit Individualität, da ist viel, was man rausholen kann. Viel auch als heutiges Publikum. Ich glaube, es ist spannend, diesen Film zu sehen, in Hinblick darauf, wie funktioniert gerade der innerlinke Diskurs vor dem Hintergrund. Wie können sozialistische Theorien aussehen in unserer postproletarischen Zeit, whatever? Ich glaube, es ist ein Film, der einem viel geben kann, unabhängig vom Interpretationsspielraum. Man muss nicht Pasolinis Biografie kennen und die diversen theoretischen Schriften seiner Zeitgenossen, um aus diesem Film was rauszunehmen. Unabhängig davon ist es ein starker Film über eine Familie, die durch das Falsche zusammengehalten wird, dann das Wahre erkennt, auseinandergesprengt wird und darin doch so was wie Erlösung findet, Glück, aber auch Leid und auch wieder auf sich zurückfällt. Voller Widersprüche, so wie es sein soll bei guter Kunst. Was ich sehr bezeichnend finde und sehr schön finde und unser Podcast, unser Gespräch ein bisschen zusammenfasst, ist, dass Roger Ebert nicht wusste, ob er dem Film vier Sterne oder gar keinen geben sollte. Alter, ich hab so was von gewonnen. 81% Rotten Tomatoes, fresh. 79% Audience Score. Nimm das, dann findest du mal einen Film, bei dem die Audience Score und die Review Score fast aufeinandersitzt. Er hat mehr als 2500 Bewertungen auf Rotten Tomatoes und fresh, fresh, fresh. Fresh, fresh, fresh. Leute, wenn ihr wissen wollt, womit Johannes sich für diesen Film revanchiert, bleibt dran, auch, weil es macht wirklich Sinn, bevor ihr die Episode hört, den Film auch zu gucken. Dann haben wir fast so was wie einen Literaturkreis, wo nur wir zwei labern. Ein Filmkreis, wo zwei reden und eine Person zuhört, das bist du. Weißt du, die einzige Rache, die ich hätte, die ich mir nicht antun will, ist, dass ich das Empire State Building gebe von Warhol. Dann musst du 4 Stunden, 10 Stunden, wie lange ist der Film? Viel länger, glaube ich. Wenn ihr wissen wollt, was nächste Woche dran kommt, was für ein Film Johannes mir gibt, der dem Empire State Building und seinen 485 Minuten nahe kommt, bleibt dran, ansonsten euch eine schöne Woche. Vielen Dank, dass du den Film geguckt hast. Vielen Dank, dass du mir gegeben hast. Haben wir mal wieder was gelernt über Filmgeschichte. Natürlich, ganz toll, ganz wichtige Sachen gelernt. Bis nächste Woche, ciao. So, Plur, bevor ich dir jetzt sage, was wir als Nächstes gucken, würde ich gerne an euch da draußen, ihr fragt euch die ganze Zeit, das sind so tolle Jungs. Was kann ich für die tun, was kann ich da machen? Bewertet uns, wäre eine Möglichkeit. Stimmt, oh, die YouTube-Amsprache. Das waren wir jetzt über 100 Episoden ohne YouTube-Ansprache. Das ist so toll. Das ist so toll. Das ist so toll. Über 100 Episoden ohne YouTube-Ansprache. Mir fällt gerade so auf, nachdem wir auf Spotify so, ich glaube, 11 Bewertungen haben und ich ganz stolz bin wie Bolle, habe ich gedacht, vielleicht unterstützt ihr uns mit einer Bewertung irgendwo, wo auch immer ihr das alles hört. Es gibt uns 5 Daumen nach oben bei iTunes oder 5 Herzinnen bei Spotify oder 3,5 Sterne bei Twitter. Und gibt uns ein Teddy-Bär bei TikTok, was es halt an Bewertungsmöglichkeiten gibt. Genau, einfach da könnt ihr euch gerne austoben und uns ein bisschen unterstützen, auch gerne eine Review schreiben. Das würde uns helfen. Ich glaube, das würde uns noch ein bisschen nach vorne bringen und noch ein paar Zuhörer reinspülen. Und unabhängig davon, wir freuen uns auch über jede Mail, wenn ihr Filmvorschläge habt. Wenn ihr irgendwas wissen wollt oder sagen wollt, du hast das in der Episode falsch gemacht. Ich habe beim Durchhören von alten Episoden festgestellt, ich sage manchmal blöde Sachen, die einfach nicht stimmen. Das ist aber gar nicht so, wie du gesagt hast. Dann gibt es eine Richtigstellung, wie man das so macht. Genau, dann machen wir eine Richtigstellungssendung. Meldet euch einfach bei uns und hinterlasst uns Likes. Abonniert uns, wir freuen uns darüber. Sehr schön. Und jetzt, lieber Plor, ich kann mich nicht so richtig rächen für das, was du mir jetzt eingetan hast. Das ist unmöglich. Es ist einfach nicht möglich. Deswegen tue ich mir einfach was Gutes, weil ich einen Film vorschlagen möchte, der hier steht und eigentlich sträflich ist, dass ich ihn noch nicht gesehen habe. Ich hatte ja auch seit den 60ern Zeit. Der ist von 1959 von Alfred Hitchcock, und zwar North by Northwest. Schön, wir brauchen auf jeden Fall einen Hitchcock. Zumal wir, zwei Hitchcocks haben wir bis jetzt besprochen. Einmal ein Volltreffer gelandet mit Fenster zum Hof. Und einmal so richtig danebengegriffen. Mit einer Ronkomp. Und auch wirklich nicht zu den großen Hitchcock-Filmen gehört. Die ist wirklich großartig. Eine ganz tolle Schauspielerin. Wir sprechen auch sehr viel über sie. Deswegen lohnt es sich, die Episode anzuwenden. Wir reden auch viel über Hitchcocks verkacktes Amerika-Debüt. Ja, genau. Aber das ist gut, wenn wir einen klassischen Hitchcock haben. Ich glaube, North by Northwest... Der deutsche Titel ist Der unsichtbare Dritte. Gehört zu den bekanntesten Frühwerken, nicht Frühwerken, zu den bekanntesten Filmen seiner Mittlerenschaffensperiode. Darüber werden wir reden. Was hat Hitchcock in den 50ern gemacht? Was hat er in den 60ern gemacht? Wo lässt sich North by Northwest einordnen? Und überhaupt, wie ist der Film? Darum geht es eigentlich. Schaut euch den Film an. Ich werde mir den auch anschauen. Johannes wird sich den anschauen. Ich werde mir den nicht anschauen. Dann reden wir nächste Woche drüber. Wir sehen uns. Bis dann. Bleibt gesund.
