Episode 2: Magnolia, Funny Face
Wir reden über das Musical Ein süßer Fratz aka Funny Face aus dem Jahr 1957 und das Ensembledrama Magnolia aus dem Jahr 1999.
Magnolia [Paul Thomas Anderson]
(USA 1999)
Magnolia aus dem Jahr 1999 ist der dritte Langfilm des amerikanischen Regisseurs Paul Thomas Anderson… und seit 20 Jahren auf der Liste von Florians Lieblingsfilmen ganz weit vorne: Ein großes Ensemble- und Episodendrama, das genau die richtige Balance findet zwischen Pathos, Intellekt und Ironie: Biblisch, gewaltig und voller Menschlichkeit. Paul Thomas Anderson erzählt einen Tag aus dem Leben mehrerer Menschen in Los Angeles. Die Geschichten, die er dabei entwirft, handeln von gescheiterten Eltern/Kind-Beziehungen, von der Suche nach der großen Liebe und nach Anerkennung, von verlorenen und sich findenden Menschen. Und wenn alles verloren scheint, kann immer noch ein gewaltiges, alles reinigende Unwetter den Geschehnissen einen neuen Twist geben.
Funny Face [Stanley Donen]
(USA 1957)

Funny Face, in Deutschland unter dem furchtbaren Titel „Ein süßer Fratz“ erschienen, ist einer der großen Musical-Tanzfilme der 50er Jahre, um genau zu sein, aus dem Jahre 1957. Ursprünglich war Funny Face ein Bühnenmusical mit Fred Astaire, komponiert von George Gershwin. Adaptiert und ziemlich stark verändert, wurde dieses von Stanley Donen, der auch damals 1952 „Singing in the rain“ gedreht hat. Für mich steht der Film stellvertretend für das ganze Genre, diese Art Filme zu machen und hat sich durchgesetzt in meiner Auswahl, gegen „Singing in the rain“, weil nunja, weil „Singin in the rain“ einfach eine Spur zu gut ist und nicht den durchschnittlichen Tanzfilm dieser Zeit wieder spiegelt. Funny Face hat alle Tropes eines Tanzfilm zu bieten, ist zugleich traditionell, wie auch progressiv und einfach nur ein Feel Good Movie.
Transkript
Um den Zugang für Menschen mit Behinderungen zu erleichtern und um eine Volltextsuche nach Themen zu ermöglichen, haben wir beschlossen unsere Gespräche auch als Transkription zur Verfügung zu stellen.
Allerdings muss man dazu sagen, dass die heutigen Techniken automatisiert Transkriptionen herzustellen, doch immer wieder an ihre Grenzen stoßen und streckenweise unlesbare Texte hervorbringen. Eine händische Korrektur der Texte, ist ein Aufwand, der die Möglichkeiten dieses Podcasts bei weitem übersteigt. Trotz dieser Nachteile, überwiegen für uns die Vorteile einer (wenn auch fehlerhaften) Verschriftlichung.

Sie können das Transkript aktivieren und mitlesen, indem sie oben im Player auf dieses Symbol klicken.
: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 2: Magnolia, Funny Face Publishing Date: 2021-01-13T19:00:58+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/01/13/episode-2-magnolia-funny-face/
Florian Bayer: Johannes, du glaubst wirklich, die Welt braucht einen weiteren Podcast?
Johannes Franke: Nein, eigentlich nicht, aber ich...
Florian Bayer: Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können.
Johannes Franke: Wie wäre es mit Filmen? Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee.
Florian Bayer: Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme.
Johannes Franke: Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde und du zeigst mir Filme, die du geil findest.
Florian Bayer: Das heißt so... Musicals aus den 50ern.
Johannes Franke: Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme.
Florian Bayer: Mit russischen Untertiteln. Von mir. Für dich.
Johannes Franke: Oh Gott, okay.
Florian Bayer: Aber du weißt, dass das für Menge Streit sorgen kann.
Johannes Franke: Definitiv. Das wird lustig. So, herzlich willkommen, liebe Zuhörer, inzwischen zwei in der Zahl oder so. Zum Muss-man-sehen-Podcast. Vor mir sitzt Plor. Und Plor ist wieder... Florian Bayer.
Florian Bayer: Und vor mir sitzt Johannes Franke. Nicht Jojo und nicht Josi, sondern einfach Johannes Franke.
Johannes Franke: Josy ist okay. Warum? Bleiben Sie gespannt. Das nächste Mal wird es aufgeklärt. Okay, ja und wir haben uns, was haben wir uns diesmal genommen?
Florian Bayer: Wir haben uns wie jedes Mal zwei Filme ausgesucht, wovon der eine dem einen besonders gefällt und der andere dem anderen. Und haben die Filme jeweils dem anderen auf das Auge gedrückt. damit er ihn sich mal anschaut und damit wir darüber diskutieren können. Es kann sein, dass wir gleicher Meinung sind, es kann sein, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Es dürfte auf jeden Fall wieder spannend werden, Johannes hat mir dieses Mal Funny Face aus dem Jahr ...
Johannes Franke: 1957.
Florian Bayer: Aus dem Jahr 1957 aufs Auge gedrückt. Und ich habe für Johannes Magnoli aus dem Jahr 1999 Und bei beiden Filmen ist es so, dass wir sie davor jeweils noch nicht gesehen haben. Johannes kannte Magnolia nicht und ich kannte Funny Face nicht.
Johannes Franke: Man muss dazu sagen, Plur kennt Funny Face auch noch nicht. Flo hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.
Florian Bayer: Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht. Ich gebe es zu.
Johannes Franke: Das heißt, wir werden nach Magnolia kurz eine Pause einlegen, uns den Film anschauen und dann ganz frisch ins Gespräch einsteigen. Ich bin sehr gespannt.
Florian Bayer: Mit frischen Eindrücken. Das dürfte auf jeden Fall spannend werden. Aber jetzt kommen wir erstmal zu Magnolia aus dem Jahr 1999.
Johannes Franke: Flor, dann gib doch mal eine kurze Einleitung.
Florian Bayer: Und zwar handelt es sich dabei um den dritten Langfilm des amerikanischen Regisseurs Paul Thomas Anderson und Disclaimer. Der steht seit 20 Jahren auf der Liste meiner Lieblingsfilme ganz weit vorne. Wahrscheinlich sogar auf Platz 1, unverändert seit 20 Jahren. Ein großes Ensemble und Episodendrama, das genau die richtige Balance findet zwischen Pathos, Intellekt und Ironie. biblisch, gewaltig und trotzdem voller Menschlichkeit. Und damit zu dir, Johannes.
Johannes Franke: Ich möchte kurz nachfragen. Darf ich? Ich melde mich so in der Schule. Wie oft hast du diesen Film gesehen und in welchen Abständen und wann das letzte Mal? Du hast ihn gesagt, du hast ihn nicht nochmal geguckt, weil du ihn so oft gesehen hast, dass du es eigentlich komplett...
Florian Bayer: Also das erste Mal habe ich ihn tatsächlich zur Zeit des Erscheinens gesehen. Das dürfte dann wahrscheinlich... im deutschen Kino im Jahr 2000 gewesen sein. Und ich weiß, ich war mit zwei Freunden und einer Freundin im Kino, wenn ich mich richtig erinnere. Und die fanden den Film alle drei schrecklich und haben sich durchgequält. und haben danach über den Film hergezogen. Und ich bin wie hypnotisiert, wie verzaubert aus dem Kino gegangen. Und dachte, Wahnsinn, was für ein Film. Und habe ihn dann wahrscheinlich ein oder zwei Wochen später nochmal im Original geguckt, weil er mich so umgehauen hatte. Und dann über die Jahre hinweg immer wieder. Es ist ja eigentlich kein besonderes Phänomen, dass sich der Lieblingsfilm, den man hat, ändert. Und bei mir ist die Top Ten der besten Filme, wird auch jedes Jahr neu durchgewürfelt und es kommen immer Sachen dazu oder es fallen Sachen weg. Aber Magnolia ist diesbezüglich eine Konstante und ich würde behaupten, ich habe den bestimmt schon mindestens zehnmal gesehen. wahrscheinlich jedes Jahr mindestens einmal in den letzten Jahren eher nicht mehr so oft. Und das letzte Mal dürfte ich ihn, also ich glaube, dieses Jahr habe ich ihn nicht gesehen. Wahrscheinlich habe ich ihn das letzte Mal irgendwann 2019 gesehen.
Johannes Franke: Was ist es, was dich immer wieder zu diesem Film zurückführt?
Florian Bayer: Das ist so schwierig zu sagen. Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle. Es ist einfach, er ist ein Film, der mir geholfen hat, die Faszination an großen Dramen zu entdecken. Also ich weiß, in meiner Jugend war ich einfach ein Genre-Fan. Ich habe Fantasy und Science-Fiction und vor allem Horrorfilme total verschlungen. Und so dieses Gespür für große menschliche Dramen, das hat mir noch so ein bisschen gefehlt. Und Magnolia ist wahrscheinlich der Film, der am meisten mit dran schuld ist, dass ich dann angefangen habe, mich mehr mit der ... Filmgeschichte und vor allem mit den großen Filmmachern auseinanderzusetzen, also mit Robert Altman, der ja eine große Inspiration für den Film war. Und dann halt von da aus auch zurückgehen auf Regisseure wie Ingmar Bergmann und die Regisseure der Nouvelle Vague. Und ich glaube, Magnolia ist dafür ganz stark verantwortlich, weil davor habe ich Tramen oft beobachtet, abgetan als, naja, ganz nette Filme, die aber so ein bisschen schnarchig sind. Und Magnolia hat das vielleicht noch zusätzlich erwähnt, neben American Beauty, der im selben Jahr, glaube ich, veröffentlicht wurde, vielleicht auch ein Jahr früher, hat diesen Blick geändert. Und American Beauty war damals auch ganz weit oben in meiner Liste der Top Ten. Und das ist zum Beispiel so ein Film, der ... im Laufe der Zeit immer weiter abgerutscht ist, auch wenn ich ihn immer noch für ein großartiges Werk halte.
Johannes Franke: American Beauty ist ein schwieriger Fall, weil der Blick auf Kevin Spacey alles ein bisschen verändert, ehrlich gesagt. Also ich kriege es nicht hin, das Werk und den Künstler zu trennen in diesem Falle, was ich oft... Aber in diesem Fall fällt es mir tatsächlich schwer, weil auch der Film so ein bisschen Sachen behandelt, die bei Kevin Spacey dann ein bisschen problematisch geworden sind. Der Altersunterschied zwischen Sexualpartnern
Florian Bayer: Das kann ich gut verstehen. Bei Kevin Spacey fällt es mir eigentlich relativ leicht, weil... weil er halt ein Schauspieler ist und kein Autor und kein Filmemacher. Ich finde es schwieriger, Bei Personen wie zum Beispiel Roman Polanski. sehr spezieller Fall ist. Oder auch bei Autoren wie... Heidegger, also wo man irgendwie weiß, dass ihr Werk auch immer verknüpft war mit ihrer mit ihrem Weltblick. Und bei Kevin Spacey ist das halt weniger der Fall, weil er einfach auch jemand war, der das umgesetzt hat, was Regisseurinnen und Regisseure ihm vorgegeben haben.
Johannes Franke: Ja, ja, das ist richtig. Ja, das ist auch ziemlich unfair dem Filmemacher gegenüber, weil, jetzt reden wir über American Beauty, aber... Weil das Drehbuch, habe ich gelesen, ist von American Beauty, war schon sehr lange im Umlauf als geniales Meisterwerk und wurde so rumgereicht und es wurde immer gemunkelt, wer macht es denn jetzt eigentlich? Irgendjemand muss es machen, aber es hat sich nicht so richtig... Eine ganze Weile hat sich noch nicht so richtig rauskristallisiert, wer es denn am Ende dann eigentlich zwischen die Finger bekommt und wirklich umsetzt. Und das ist nicht verwunderlich, weil dieses Drehbuch einfach unglaublich gut ist.
Florian Bayer: Ja, das war ja auch ein totaler Überraschungshit. Also ich glaube, niemand hätte damit gerechnet, dass der Film beim Publikum und bei der Kritik so gut ankommt. kam und er hat damals relativ gut abgeräumt bei den Oscars, wenn ich mich richtig erinnere.
Johannes Franke: Ja, kann sein.
Florian Bayer: Und es war aber irgendwie so ein Film, der aus dem Nichts kam. Mein Problem mit American Beauty, um das irgendwie so noch abschließend zu sagen, er für mich sehr stark in seiner Zeit verfangen ist. Das ist ein Film, der sehr gut die Mentalität des amerikanischen Bürgertums Ende der 90er einfängt. Und wir hatten das letzte Mal schon drüber geredet, dass es Filme gibt, die so ein bisschen ihre ... ihren Charme verlieren, wenn sie nicht so gemacht sind, dass man ihre Thematik auch universeller ... auffassen kann. American Beauty ist nicht so ein Fall. American Beauty hat sehr viel, was immer noch funktioniert. Aber trotzdem ist es in sehr vielen Aspekten ein End-90er-Film und 2001, also 9-11 hat dann sehr viel umgekrempelt, was damals gezeigt wurde.
Johannes Franke: Kurzer Hinweis für den geneigten Zuhörer. Wir werden über Magnolia ab Minute 30 reden. Vorher besprechen wir alle Filme, die uns noch über den Weg laufen.
Florian Bayer: Ich finde das ja sehr schön. Also American Beauty, da können wir auch gerne noch kurz dabei bleiben. Ich finde es nämlich tatsächlich spannend, dass es... Ende der 90er war, glaube ich, eines der größten Probleme in der amerikanischen Gesellschaft und wahrscheinlich auch... in vielen westlichen Gesellschaften, dass es eine unfassbare Langeweile gab. Und eine Langeweile, an der so ein bisschen die Leute auch zerbrochen sind. Das ist das, was American Beauty mit ... mit darstellt also so diese diese wohlstands verwahrlosung okay ich weiß was du meinst ja Der Kalte Krieg war vorbei, es gab keine großen Konflikte und es gab scheinbar keine große Bedrohung von außen, was sich dann ja offensichtlich als Druckschluss erwiesen hat. Und die Leute haben die Konflikte dann innerhalb der Gesellschaft gesucht und innerhalb der Gesellschaft auch gefunden, auch vollkommen zu Recht. Also American Beauty hat ja... Und stellt Konflikte dar, die damals einfach da waren. Also gerade so das Bürgertum, das seine... dass seine Probleme versucht, unter den Teppich zu kehren. Zum Beispiel der homosexuelle Vater, der das nicht zugeben will und sich hinter krasse Homophobie und krassem Machoismus versteckt. Oder auch die Frau, die eigentlich... die eigentlich nichts mehr von ihrer Ehe erwartet, aber einfach mit dem Mann zusammenbleibt, weil es den Schein nach außen wahren soll.
Johannes Franke: Ja, was aber auch universeller ist, weil wenn ich nach Deutschland in die kleinen Städte gucke und mir so Was ja Reinhard Gräbe so wahnsinnig großartig teilweise aufnimmt in seinen Texten. Dieser Vorstadt schick und wir sind alles schick und Familie Gold.
Florian Bayer: Definitiv. Deswegen ist definitiv ein universelles Thema, sehr viel, was in dem Film behandelt wird und das macht ihn auch immer noch sehr stark. Ich glaube, er hat so ein bisschen für mich einen Reiz verloren, was Inszenierung betrifft und was Ästhetik betrifft. Er wird gerne sentimental. Ja, auch an manchen Stellen einfach zu sentimental. Und er hat einen sehr simplen Blick auf das Thema Glück. Weil letzten Endes geht es darum, dass das Glück des kleinen Mannes ist, sich ein schickes Auto zu kaufen und zu kiffen und die minderjährige Freundin seiner Tochter zu verfügen. Und das wird wenig kritisch reflektiert in dem Film, dass er sie so anhimmelt und dass sie dafür sorgt, dass er sich selbst befreit.
Johannes Franke: Ja, das ist eine ganz allgemeine Frage, wie viel muss der Film... selber an Kritik und Hinterfragung mitliefern und wie viel kann er dem Zuschauer überlassen. Das habe ich bei Funny Face, den wir nachher noch besprechen werden, den Gedanken. Den können wir dann nochmal aufklären.
Florian Bayer: Oh ja, das finde ich gut.
Johannes Franke: Okay, dann lass uns doch mal zu Magnolia zurückgehen.
Florian Bayer: Ja, bitte Johannes, ich bin wirklich sehr gespannt drauf, wie du den Film fandst.
Johannes Franke: Also, es fühlt sich so an. vorher nicht geguckt, wie lang dieser Film ist. Und ich habe nach zwei Stunden gedacht, ah, okay, dann ist das jetzt also der Showdown. Und dann fing der Film an. Und das ist schon... Zwei Stunden Vorwort für den Film zu haben, ist schon... Hart. Aber irgendwie auch geil. Also ein bisschen masochistisch. Also ich habe mich schon ein bisschen so gefühlt, wie mir wird jetzt hier der... Der Regisseur walzt sich sehr gerne aus und weiß ganz genau, dass er ein bisschen das Publikum quält damit. Aber irgendwie fand ich es auch gut. Ich weiß nicht, gemischte Gefühle. Also mixed signals für ein erstes Date, würde ich sagen. Aber alles in allem ... Ich muss unbedingt die Kamera hervorheben, die ich unglaublich gut fand.
Florian Bayer: Ich nicke sehr heftig gerade im Hintergrund.
Johannes Franke: Und dieser Look entfiel von dieser Zeit. Auf Film gedreht. Anamorphic Lenses benutzt. Was gehört dazu? Diese speziellen Kamerafahrten, die die Steadicam Fahrten, die damals noch nicht so technisch ausgereift waren, sondern einfach mit Manpower gemacht wurden und nicht mit Gimbals und so elektronischem Kram. Und einfach ein Feeling für einen Film und du bist so drin, Das fand ich toll.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Fand ich wirklich toll. Du hast ein ganz tolles Gefühl für eine bestimmte Art und Weise Film zu machen. Und die mochte ich wahnsinnig gern.
Florian Bayer: Ja, die Kamerafahrten sind wirklich beeindruckend. Es gibt ja einige Einige Momente, wo die Kamera sehr lange den Protagonisten folgt. Mhm. dass es wirklich keinen Schnitt gibt und dann auch teilweise die Kamera ausweicht in andere Räume und plötzlich einem anderen Gespräch kurz lauscht und dann wieder zurückfindet zu den Leuten. In diesen Momenten gibt es so ein Gefühl von Bewegung, dass alles in Bewegung ist. Und was auch eine unglaubliche Spannung und Dramatik erzeugt. Und das, was du gerade angesprochen hast, finde ich ganz spannend, das mit diesem Quälen und mit dem Masochistischen, das ist das, was man, glaube ich, oft hört beim Urteil über diesen Film, dass der sehr lange ist. Und dann in manchen Momenten auch langatmig. Und was auch oft so der Hauptkritikpunkt ist, das ist tatsächlich ein Punkt, den ich wenig nachvollziehen kann. Also ich kann es nachvollziehen, verstehe mich nicht falsch, aber es ist was, was ich überhaupt nicht teile. Ich fand, dieser Film hat Genau die richtige Balance gefunden zwischen den sehr ruhigen und sehr getragenen Szenen, in denen fast nichts passiert, mit auch langen statischen Kameraeinstellungen. Und diesen bewegten Szenen, in denen alles in Bewegung ist, in denen schnell hin und her geschnitten wird, in denen sich die Menschen bewegen, in denen sich die Kamera bewegt, in denen ständig Musik läuft. Dadurch hatte der für mich einen sehr ... Einen sehr getragenen Fluss. Es gab nie diesen Moment, wo ich dachte, jetzt sollte es aber nochmal was Neues passieren, sondern es war eigentlich so eine permanente Anspannung für mich da.
Johannes Franke: Es ist aber schon schwer, eine Brücke von drei Stunden stabil zu bauen. Und ganz viel Heavy Lifting macht die Musik, ist mir dann aufgefallen.
Florian Bayer: Ja. Ja.
Johannes Franke: Also mir ist dann aufgefallen, dass er streckenweise, das passiert nicht durchgängig, aber streckenweise wechselt eine Musik die nächste ab und du hast eigentlich kaum mal einen ruhigen Moment. Und das liegt, glaube ich, daran, dass du versuchst, drei Stunden zu überbrücken, die manchmal mit langen Szenen funktionieren. und ruhigen Szenen ihre Spannung aber nicht verlieren sollen und dann macht das die Musik. Und das ist so ein kleines bisschen ... Hat's mich gestört zwischendurch. Weil ich so ein Gefühl hatte, das ist halt dann so eine ... Du legst es auf die Musik ab, weil du weißt, ich bin jetzt in diesen Shot verliebt. Ich bin in diesen Shot verliebt, der so lang ist und der irgendwie eigentlich nicht viel Dramatik mitliefert, aber dann muss halt die Dramatik Musik übernehmen. Das fand ich schade. Weil das hat er eigentlich nicht nötig gehabt, der Film. Eigentlich war er gut genug.
Florian Bayer: Du hattest ihn gekürzt? Also du hattest gesagt, auch zwei Stunden hättest du es auch getan?
Johannes Franke: so weit möchte ich nicht gehen. Ich kann es nicht sagen, dafür bin ich nicht, damit muss ich noch zehnmal sehen. Genau sagen zu können, das hätte rausgekonnt oder nicht. Also in meinem Gefühl. Ich will natürlich nicht in dem Werk eines anderen rumfuschen, aber so, wenn ich es ihm gemacht hätte. Aber ich kann auch total verstehen, dass man sich einfach mal drei Stunden Zeit nehmen will, was zu erzählen. Und er will ja auch nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern er will ja im Grunde
Florian Bayer: Das ist die gute Frage, wie viele Geschichten in diesem Film verworben sind. Also was für mich die langen Szenen gerettet hat, war diese unglaubliche Liebe zum Detail. Also wie ich vorhin schon gesagt habe, Es gibt immer diese Momente, wo die Kamera noch mal was Neues einfängt. Das sind Gesprächsfetzen, die aber auch eine ganz wesentliche Rolle spielen für eine andere Geschichte als die, die gerade läuft. Zum Beispiel gibt es diese Szene relativ am Anfang, wo Vater und Sohn bei dieser Quizshow ankommen, bei der der Sohn mitspielt. Und dann läuft der Vater durch diese Gänge und dann gibt's so einen kurzen Schwenk in das Büro von dem Showmaster, der ja auch seine ganz eigenen Probleme hat und dessen Geschichte dann auch ... weitererzählt wird und man sieht, wie er mit den Assistenten diskutiert und dann fährt die Kamera wieder zurück. gibt einfach diese Dynamik, die in den Details steckt und die vielleicht auch tatsächlich beim ersten Mal so ein bisschen untergeht im Gesamtrausch, weil der Film erschlägt einen natürlich komplett mit seiner Geschichte, mit seinen Geschichten.
Johannes Franke: Ja, das ist auch ein bisschen ... Man muss dazu sagen, der Film ist 1999 rausgekommen. noch nicht solche Serien wie Breaking Bad oder wie wo du erst mal fünf Episoden damit beschäftigt, bis die ganze Personalie kennenzulernen. Und wenn du einen Film von drei Stunden hast und die ersten bestimmt 45 Minuten damit beschäftigt bist, die Personalie kennenzulernen. Zu wissen, okay, da gibt es diesen Quizmaster, da gibt es diese Ich habe wahnsinnig spät verstanden, dass Julianne Moore die Frau von dem Sterbenden ist. der der Vater von Frank ist. Ich bin total... Ich habe bis zur letzten Minute sozusagen noch Punkte verknüpft. Ja. Ich weiß nicht, ob das ein Fehler oder eine gute Sache vom Film ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das... geil finde, dass ich bis zum Ende irgendwie erst Aha-Momente habe oder ob das irgendwie komisch ist.
Florian Bayer: Lass uns doch mal zu den einzelnen Geschichten gehen. Gab es eine, die dich besonders beeindruckt hat? Oder welche würdest du sagen, hat dir am besten gefallen? Welche fandest du am schwächsten?
Johannes Franke: Ich kann nicht sagen, welche mir am besten gefallen hat, weil ich Tom Cruise gesehen habe und gesagt habe, um Gottes Willen, bitte, ich will nicht Tom Cruise angucken, bitte. Und dann war der aber wie in jedem Film eigentlich so gut, dass man ihm trotzdem zugucken möchte. Aber ich komme nicht damit klar. Ich komme nicht mit Tom Cruise klar. Ich gucke mir den an und denke, um Gottes willen, mach weg, mach weg, bitte nicht. Das klingt fies und das klingt gemein, das sage ich eigentlich ganz selten, aber Tom Cruise ist so ein Fall, der mir einfach... mir rollen sich die Fußnägel hoch.
Florian Bayer: Ist das dasselbe Phänomen wie bei Kevin Spacey, was du vorhin angesprochen hast, dass du einfach mit Tom Cruise als Privatperson nicht klarkommst?
Johannes Franke: Wahrscheinlich. Wahrscheinlich. Aber ich, aber. In jedem Gesicht, auch das ist ganz gemein Schauspielern gegenüber, das würde ich auch ungerne, dass das Leute über mich sagen, aber in jedem Gesicht steckt ja der Mensch. selbst wenn er was völlig anderes spielt, sehe ich einen Menschen mit einem bestimmten Gesicht vor mir. Und bei Tom Cruise... Liegt das Bild, was ich von ihm habe, durch Interviews so auf seinem Gesicht drauf, dass ich damit nicht klarkomme?
Florian Bayer: Das ist total faszinierend, weil es gibt ja diese Szene mit Tom Cruise. Tom Cruise spielt in dem Film einen Sexpapst, einen Pickup-Artist. Lange bevor diese Pick-up-Artist-Nummer groß war, die wurde ja erst so vor zehn Jahren, wurde die ja richtig groß. Und er spielt aber genau das, so einen Fernsehprediger, der sagt, ich bringe euch jetzt bei ... wie ihr Frauen klar machen könnt.
Johannes Franke: Respect the cock.
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Tame the cock.
Florian Bayer: Genau. Und dann... In diesen ersten 45 Minuten, die du angesprochen hast, hat er dann ein Interview mit einer Reporterin. Mhm. Und sie konfrontiert ihn dann mit seinen Lügen, weil er hat ganz viele Lügen über sein Leben erzählt. Was spannend ist am Anfang dieses Interviews. ist diese Rolle, also den Tom Cruise spielt, ich muss einmal kurz nachschauen, wie er nochmal heißt.
Johannes Franke: Frank?
Florian Bayer: Frank. ist total aufgekratzt und nutzt dieses Interview, um sich komplett zu präsentieren und zu sagen ja, Und ich bin immer voll da und ich muss immer voll da sein. Und dann springt er rum und tanzt er rum. Und das ist so witzig, weil ungefähr, ich weiß nicht mehr genau so wann, so ... Knapp zehn Jahre später gab es diesen Auftritt von Tom Cruise bei Oprah Winfrey, wo er genau das macht, was seine Rolle macht. wo er einfach total durchdreht und sagt, wie positiv er ist und wie fröhlich er ist und wie toll sein Leben ist. Und dann quasi komplett durchdreht. Oh Gott. Sowohl Oprah als auch das Publikum sind total schockiert.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und er hatte ja auch danach und davor auch so ein paar sehr krude Interviews, vor allem, wenn er auf Scientology angesprochen wurde. sich komplett daneben benommen hat und wirklich einfach nur so ein crazy Typ war.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und diese Szene in dem Film hat so was schön Prophetisches, weil sie das antizipiert, was dann Tom Cruise, der echte Tom Cruise, wenn er wirklich machen sollte bei Fernsehauftritten und in Interviews.
Johannes Franke: Geil. Oh Gott, das wusste ich nicht. Großartig.
Florian Bayer: Er war übrigens nominiert als bester Nebendarsteller für den Oscar für Magnolia.
Johannes Franke: Ja, ich muss auch sagen, er war wirklich gut. Also es ist halt so. Er kann das halt. Aber irgendwie, ich komme nicht drüber weg. Und deswegen habe ich auch eben Schwierigkeiten gehabt, in diesen Strang reinzukommen. Mhm. Und in dem, wie es sich auflöst am Ende, Frank sitzt dann am Bett des sterbenden Vater, weil er hat es dann doch geschafft, sich da hinzubegeben. obwohl er eigentlich jeglichen Kontakt und jegliche Telefonate abgelehnt hat. Um sich dann doch zu konfrontieren mit dem sterbenden Vater, der ihn allein gelassen hat, mit der Mutter, die 1980 gestorben ist schon. Und da ist er dann völlig verzweifelt und bricht zusammen. Und da sehe ich dann dummerweise als Schauspieler wieder den Schauspieler, der verzweifelt versucht zu spielen. Leider.
Florian Bayer: Ja, leider. Ich fand die Szene so stark, wenn er sitzt und seine Gefühle so unterdrückt und sein ganzer Körper ist angespannt und er kämpft mit den Tränen und sagt, ich werde jetzt nicht weinen.
Johannes Franke: Eigentlich stimmt es auch. Eigentlich hat er das auch gut gemacht. Aber es gibt... zwei Momente, wo mir das zu, wo er nicht wirklich drin war und das ist ein bisschen schade. Das hat mich ein bisschen Da habe ich dann den Schauspieler gesehen, der eine Oscarszene machen wollte.
Florian Bayer: Ja, ist ihm ja auch gelungen. Es ist ihm nicht ganz gelungen, weil er hat offensichtlich den Oscar nicht gekriegt.
Johannes Franke: Ah ja, okay. Aber ich habe durchgespürt, dass Tom Cruise in dem Moment gedacht hat, dafür kriege ich einen Ausgang.
Florian Bayer: Aber er hat verloren gegen Michael Caine in dem Jahr. Also das gegen Michael Caine zu verlieren bei der Oscar-Verleihung ist wahrscheinlich nicht so tragisch. Schauspiel, ja, ich glaube, zum Schauspiel kann man viel sagen in dem Film. Es ist ein Ensemble-Film und es sind so viele tolle Schauspielerinnen und Schauspieler.
Johannes Franke: Ich habe Julianne Moore wieder geliebt.
Florian Bayer: Ach, großartig.
Johannes Franke: So eine tolle Frau. Unglaublich. Aber da tut es das Gleiche, das tut mir in die anderen Richtung wieder leid. Ich mag Julian Moore einfach als Schauspielerin und schon, sobald ich sie auf der Leinwand sehe, bin ich viel unkritischer.
Florian Bayer: Aber sie ist auch eine fantastische Schauspielerin.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Also selbst, ich finde sie hat in vielen Filmen mitgespielt, in denen ich sie... Viele Filme, die ich eher durchschnittlich fand. Aber sie war immer gut. Ich fand die ... Schweigen der Lämmer-Filme mit ihr, also Hannibal war das? Hat sie einen Zweilen davon?
Johannes Franke: Ich glaube, die habe ich nicht gesehen.
Florian Bayer: Es war nur Hannibal, genau. Hannibal, da hat sie die Clarissa Starling gespielt, die vorher von Trudy Foster gespielt wurde.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und ich fand den Film wirklich nicht gut. Aber sie, wo ich dachte, es schafft niemand diese Rolle von Jodie Foster, dieser Rolle nochmal Leben zu geben, weil das ist einfach eine Jodie Foster Rolle und es ist eine Schande, dass sie den Film ohne sie machen, aber das hat funktioniert.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und dann in dem Remake von Carrie von Stephen King.
Johannes Franke: Ah, okay.
Florian Bayer: Schrecklicher Film. Überhaupt nicht gut.
Johannes Franke: 2013.
Florian Bayer: Da spielt sie die Mutter. Und sie ist das einzige wirklich gute Moment in diesem Film. Also sonst ist das ein komplettes Desaster, aber sie ist fantastisch da drin. Aber neben Julian Moore auch, also Philipp Simon Hoffmann hat eine ganz kleine Rolle, haben wir vorhin schon gesagt. Das ist voll schade eigentlich.
Johannes Franke: Er ist so, du kommst, sobald er ins Bild kommt, denkst du, oh Gott, ich will die ganze Zeit ihm zuschauen, wie er spielt. Wahnsinn, ganz toll, sofort Präsenz da, die irgendwie, puh.
Florian Bayer: Ich fand seine Rolle, er spielt den Krankenpfleger von Earl Partridge, von dem alten Mann, der im Sterben liegt. Und in der Handlung geht es darum, dass er versucht, den Frank, also von Tom Cruise gespielten Pick-up-Artist, ans Telefon zu kriegen. Damit er noch einmal seinen Vater sieht, weil sein Vater hat sich das gewünscht, bevor er stirbt. Und ich finde, er hat in diesem Film fast so die Präsenz eines Engels, weil er die ganze Zeit kämpft. Für diese eine kleine Sache. Und er ist Krankenpfleger, er ist ganz in weiß angezogen. Wenn ich mich richtig erinnere, jetzt darf ich nichts Falsches sagen.
Johannes Franke: Stimmt nicht ganz, aber ja. Blau, weiß, ja.
Florian Bayer: Er scheint hell. Und das ist schon fast so übermenschlich, auch mit dieser ganz sensiblen, ganz zarten Art, mit der er dann herumtelefoniert. und mit den Leuten redet und wie er mit seinem Patienten redet, das ist ein fantastischer Auftritt.
Johannes Franke: Vor allem, weil er das ja auch nicht müsste. Er ist ja Dienstleister theoretisch. Und er müsste nicht mit dieser Energie und mit dieser Verzweiflung und mit dieser Emotionalität... da reingehen und das wirklich wollen für diesen sterbenden Mann.
Florian Bayer: Ja, es gibt diesen einen großartigen Moment, wo Earl Partridge kurz so ein bisschen... die Sinne verliert und irgendwie eine Geschichte erzählt und dann irgendwo komplett anders ist und sagt, wo ist es, ich kann es nicht finden, ich kann es nicht finden und versucht so mit seiner Hand irgendwas zu greifen und dann geht Philipp Simon Hoffmann ganz nah an ihn ran und sagt, Moment, ich hab es und greift ihm an die Hand. Und tut so, als ob er irgendwas nehmen würde und legt es dann zur Seite. Und das ist so ein unfassbar zärtlicher Moment von ihm. Also ich könnte jedes Mal in Tränen ausbrechen, wenn ich diesen Moment sehe, diese... Dieses Gespür für den Menschen und dieses Gespür für diesen Moment, um den Menschen jetzt das zu tun, was für ihn am besten ist. Und das ist so schön, so eine schöne Szene.
Johannes Franke: Es gibt eine ganz tolle, die daran anknüpft vielleicht, weiß ich nicht genau. Ich kann mich an die Sachen nicht erinnern, die du jetzt gerade ansprichst, aber ich muss daran denken, wie er am Ende des Films sagt, dass er eine Zigarette rauchen will. Und man sieht schon und denkt sich, Na gut, der Mann stirbt sowieso. Vielleicht könnte auch einer rauchen, weiß ich nicht, aber... Würde man als Pfleger ihm dann noch eine Zigarette geben und er gibt ihm eine Zigarette in die Hand? Und macht sie dann pantomimisch an. Ja. Und das ist so... so großartig und dieser sterbende Mann zieht dann auch nicht wirklich in diese Zigarette, sondern macht das auch so pantomimisch und nimmt sich einfach so einen Moment und Das ist so selbstverständlich zwischen den Verabredeten, dass sie das so machen und das ist so ein... Oh Gott, das war genau dieser Moment, den du gerade ansprichst quasi. Also so vom Gefühl her. Oh Mann.
Florian Bayer: Ja, diese Menschlichkeit.
Johannes Franke: Ja, diese Menschlichkeit, das ist toll und das macht der Film ganz viel.
Florian Bayer: Ich würde gerne noch zwei Rollen ansprechen, die ich besonders spannend fand und auch wegen der schauspielerischen Leistung. Das eine ist William H. Macy als Quizkind Donnie Smith, erwachsen gewordenes Quizkind. der hoffnungslos verliebt ist in einen jungen Barkeeper und sich Weil er so hoffnungslos verliebt ist, in diesen sich sogar eine Zahnspange machen lassen will. Sein Angebeteter auch eine Zahnspange hat. Und er ist dann in dieser Bar und trinkt sich eigentlich Mut an, weil er ihn endlich ansprechen will. Und dann hat dieser Barkeeper aber einen älteren Freund, der auch zudem noch ein total versnobter alter Dandy ist. Und es kommt zu einer fantastischen Szene, in der dieser Donny ... dann anfängt, den Dandy zu beleidigen, gleichzeitig seine Liebe ausspricht für den Barkeeper Und dieser Dandy sagt zu ihm, man sollte keine Kinder mit Engeln verwechseln. Und er ist total betrunken und rentet da rum und sagt dann irgendwann, und nein, es ist nicht falsch, wenn man Kindern mit Engeln verwechselt. Und läuft dann aufs Klo und übergibt sich. Diese ganze Szene, diese ganze Abfolge ist so stark, weil er hat in diesem Moment ist er zum einen so schwach und so verzweifelt. Und gleichzeitig, obwohl, und er verhält sich total albern und freiwillig komisch, und gleichzeitig strahlt er so viel Würde aus, weil er plötzlich diesen Mut hat, zu sich zu stehen. Er war jemand, der sein Leben lang unterdrückt wurde und der ständig ausgebeutet wurde und er steht in diesem Moment zu sich und egal wie absurd das ist, egal wie albern das ist, egal wie... wie sehr er sich eigentlich zum Affen macht. Er hat in diesem Moment eine unglaubliche Würde und Stärke. Und William H. Macy spielt das ... Ja, einfach nur fantastisch.
Johannes Franke: Ganz, ganz großartig, auf jeden Fall. Ich weiß aber nicht, woran es liegt. Also kein Aber. Ich weiß nicht, woran es liegt. Diese Szene atmet... Diese Zeit der Art und Weise Dialoge zu gestalten und eine Szene zu inszenieren. die ich eben so großartig finde. Warum macht es ausgerechnet diese Szene? Ich gucke es mich so verständenslos an, wie ich mich auch angucken würde. Aber mir fällt das gerade so auf, dass diese Art und Weise Dialoge zu schreiben, ein bisschen unrealistisch, ein bisschen Fast schon theatrisch quasi. Ja, ja. Ich weiß nicht, man findet dann Worte, die nicht realistisch sind, die aber es irgendwie schaffen, die Gefühlswelt der Beteiligten zusammenzufassen, gut. Und über diese Szene hinaus zu tragen quasi, also über diesen Moment hinaus, nicht nur den Moment zu erzählen, sondern die ganze Tragik des Lebens dieses... jungen und späteren Mannes zu erzählen. Irgendwie schafft er das. Und das schafft vor allem diese Zeit. Ich habe das Gefühl, das gibt es heute nicht mehr so.
Florian Bayer: Vielleicht wurde damals mehr in einzelne Sätze gepackt, mehr Inhalt, weil ... Weil die Filme sich dazu verpflichtet gefühlt haben, mehr in einzelnen Sätzen zu erzählen. Ist es das vielleicht, dass jeder Begriff ... autobiografisch sein muss. Jeder Begriff trägt so die ganze Lebensgeschichte in sich. Und jeder einzelne Satz ist so ein großes Stück für ... für die Erklärung eines Charakters? Ist es vielleicht das, dass damals ... Dass man damals noch nicht so einen Wunsch hatte, auch mehr nebensächlich in Dialogen zu erzählen.
Johannes Franke: Das kann natürlich sein. Es kann sein, dass wir heute eher dazu tendieren, noch realistischer und damit eben auch diese ganzen kleinen Nebensächlichkeiten, die wir immer wieder mit transportieren, irgendwie zu Und das sozusagen, der ganze Film hat ja so ganz viele sehr künstlerische Elemente. Wie zum Beispiel, dass die plötzlich alle dasselbe Lied singen. von Amy Mann, wo du denkst, das passiert... heute nicht mehr in Filmen, dass jemand sich die Freiheit rausnimmt, dass jede einzelne Figur, die irgendwie Bedeutung hat, plötzlich dieses Lied singt. Nicht performt, nicht im Sinne von Musical, alle werden plötzlich tanzen und drehen sich und singen voller Inbrunst dieses Lied. Sondern irgendwie Julian Moore sitzt in ihrem Auto und stirbt gerade an einer Überdosis von Medikamenten. Murmelt das Lied auch so vor sich hin, andere machen das deutlicher. Aber es ist so großartig.
Florian Bayer: Die Schauspieler singen das wirklich alle selbst. Sie können teilweise nicht singen. Und es wird aber einfach stehen gelassen. Wise Up von Amy Mann ist auch ein schöner Song. Amy Mann war ja für den gesamten Soundtrack verantwortlich. Und ... Der passt auch sehr gut dazu. Ich wollte noch ... Ja, ich kann es nur unterschreiben. Ich finde es auch fantastisch, dieses ... Theatralische, Fantastische. Ich glaube, darauf kommen wir gleich zurück, wenn wir nochmal zu dem apokalyptischen... Ah ja, ja, ja. Ende kommt. Ich wollte noch auf eine Schauspielleistung eingehen und zwar von Melora Walters.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Sie spielt die Claudia. Die drogenabhängige Frau, die ... Mehr oder weniger durch Zufall in ein Date mit einem Polizistengerät, mit einem sehr verantwortungsbewussten Polizisten.
Johannes Franke: Da kommen wir zu der, ich glaube, meiner Lieblingsgeschichte.
Florian Bayer: Ah, schön.
Johannes Franke: Das ist meine Lieblingsgeschichte, glaube ich.
Florian Bayer: Das ist auch eine tolle Geschichte.
Johannes Franke: Weil da gibt es auch meine Lieblingsszene im ganzen Film.
Florian Bayer: Dann erzähl doch mal kurz, was in dieser Geschichte passiert und sag, was deine Lieblingsszene ist.
Johannes Franke: Okay, also ... Diese Frau wird, ich weiß nicht mehr, wie sie eingeführt wird, aber auf jeden Fall haben wir sofort den Eindruck einer drogenabhängigen Situation. verzweifelten Frau und ich bekomme erst sehr spät im Film mit, vielleicht auch, weil ich nicht aufgepasst habe, keine Ahnung, dass das die Tochter von dem Quizmaster ist. Und die sitzt... Und zu Hause hat ihren Fernseher laut an, macht Musik laut an, alles durcheinander. Sie kann eigentlich nichts davon genießen und nimmt Drogen. Und die Nachbarn haben sich wohl beschwert und dann steht irgendwann dieser Polizist vor der Tür und sagt, Vielleicht sollten Sie, um Ihr Gehör ein bisschen zu schonen und erholt aus... viel weiter aus, als er als Polizist müsste. Er könnte ja auch einfach nur sagen, Alter, mach leise, die anderen haben sich beschwert. Tschüss, schönen Tag noch. Aber nein, er nimmt sich die Zeit und er ist auch jemand, der dann wird auch schon vorher gesehen, hat schon auch eine... eine Razzia in einer anderen Wohnung gemacht und hat dort auch eine Leiche gefunden. Also es scheint auch sein Vorgehen zu sein, wirklich Nachzufragen, in die Wohnung zu gehen, zu gucken und Fragen zu stellen, um rauszufinden, ob vielleicht jemand was zu verbergen hat. Und holt halt weitaus mit, das könnte ihr Gehör schädigen, vielleicht sollten sie sich mal Gedanken darüber machen und vielleicht merken sie sich einfach die Zahlen, die da stehen bei der Lautstärkeregelung und dann weiß ich, das ist eine gute Lautstärke, ohne die anderen zu stören. Und irgendwie geraten die beiden nach und nach in, da geht es dann nicht mehr darum. Mhm. Markus Raupach- Plötzlich geht es nicht mehr darum, welche Lautstärke, obwohl das die Worte sind, die sie wählen, aber es geht dann im Subtext darum, sich abzuchecken. Willst du einen Kaffee? Ja, Kaffee. Der Kaffee ist ganz furchtbar schlecht, aber er sagt dir es nicht. Ja. Schüttet den Kaffee in die Blumen. Schüttet den Kaffee schnell weg, während sie nicht guckt.
Florian Bayer: Es ist auch so ein schöner Kampf, weil sie ist ja die ganze Zeit immer noch auf Drogen und versucht das zu verstecken. und ist total aufgekratzt und versucht, dass Kokain, was in ihr ist, irgendwie zu unterdrücken.
Johannes Franke: Und zittert und ist aufgeregt.
Florian Bayer: Und gleichzeitig flirtet sie mit ihm.
Johannes Franke: Das ist so geil. Das ist so großartig. Und der gesteigt also auch ganz vorsichtig drauf an, weil er überhaupt nicht damit... rechnet und auch nicht damit klarkommt, weil er wohl in seinem Leben jetzt nicht unbedingt oft in die Situation geraten ist, dass Dass jemand ihn auf eine bestimmte Art und Weise angeschaut hat. Ja. Auf diese bestimmte Art und Weise angeschaut hat.
Florian Bayer: Ganz am Anfang des Films, als die Charaktere eingeführt werden, hört man von ihm eine Bandansage von irgendeinem von irgendeiner Partnervermittlung, wo er sagt, was er sich wünscht, wo er sagt, dass er einsam ist und wie er aussieht. und was er gerne macht. Und es ist so ein durch und durch grundsolider Mann. Und er wünscht sich auch so eine durch und durch grundsolide Frau. Und er sagt dann, sein Beruf ist unglaublich stressig. Und deswegen wünscht er sich jemanden, mit dem er einfach ein bisschen Zeit verbringen kann, ruhig zusammensitzen. Das ist eigentlich klar, er wünscht sich kein Drama, er wünscht sich keine große Sache, er will einfach nur jemanden zum Liebhaben haben. Und er ist offensichtlich sehr einsam. Also Man sieht auch am Anfang ein Bild von ihm, wie er in seinem sehr kargen Schlafzimmer sich fertig macht für die Arbeit und dann einmal kurz auf die Knie geht. sich ein Kreuzzeichen gibt, um zu beten und dann klatscht er in die Hände. Also, Alter, jetzt geht's los. Und es ist ein knuffiger, sympathischer... Aber auch ein sehr einfacher Mann. Und sie ist genau das Gegenteil von dem, was er sich wünscht. Und er ist auch genau das Gegenteil von dem, was sie aus ihrer Welt kennt. Und sie finden trotzdem zusammen.
Johannes Franke: Ja, weil sie sich auch brauchen. Und es ist total schön, weil die beiden so behutsam aufeinander zugehen und sich denken. Passiert das jetzt gerade wirklich? Ja. Kann ich dem jetzt vertrauen? Und dann kommt meine Lieblingsszene, wie die beiden bei ihrem ersten Date tatsächlich da sitzen und sagen, sie sagt, lass... Lass uns einen Pakt schließen und sagen, wir lassen diesen ganzen Scheiß weg, den immer alle machen, dass sie sich... Sachen vorenthalten, die sie nicht so gut im Licht dastehen lassen. Lass uns nicht lügen, lass uns einfach von Anfang an Ganz offen sein und sagen, das ist mein Scheiß, das ist dein Scheiß. Mal gucken, ob das klappt. Ja. Das ist so toll, das haben die so gut inszeniert und sie bricht dann zusammen, weil sie es nicht fassen kann, dass das funktioniert und deswegen flieht sie da erstmal raus und rennt weg und er muss sie erstmal hinterher, um sie überhaupt...
Florian Bayer: Du darfst nicht diese Kussszene davor unterschlagen. Die ist so toll. Ich möchte sie jetzt küssen. Und dann gibt es ein... unglaublich kurzen Moment, wo sie, also sie steigern sich geradezu rein, sie wissen nicht, wie sie reden sollen und wie du schon sagst, sie gehen behutsam aufeinander zu, sind aber auch unsicher, sind so ein ihren eigenen Köpfen gefangen und versuchen irgendwie zusammenzukommen. Und dann wird das fast zu so einem Streitgespräch zwischen ihnen. Wo man merkt, sie wissen nicht, wie sie miteinander kommunizieren sollen. Und das wird dann komplett gebrochen. Ja. sich gegenüber und der Tisch ist relativ groß und dann stehen sie beide auf und küssen sich ganz kurz und dann flieht sie. Und es ist so ein wunderschöner Kurs, weil der so sämtlichen Klischees eines Filmkurses widerspricht, weil es einfach nur übers Knie gebrochen ist. Und einfach nur schnell. Und das muss jetzt aber sein. Und dadurch ist es aber so ein starker Moment und so viel stärker als so viele ... Klassische Filmküsse.
Johannes Franke: Es geht keine Musik an, die irgendwie ganz romantisch ist, keine Zeitlupe, wie sie beide aufeinander zugehen oder sowas. Die treffen halt so fast schon ein bisschen hart aufeinander, küssen sich. Okay, gut. Jetzt haben wir uns also geküsst. Gut.
Florian Bayer: Das ist ganz, ganz fantastisch. Melora Walters ist nämlich auch für meine liebleste Szene in dem Film verantwortlich. Und das ist die Schlussszene. Wir haben drei Stunden lang dieses riesige Drama, diese ganzen Geschichten und dieses ... Es geht runter und drüber und es sind wirklich tragische Dinge, die geschehen. Es geht um Tod, es geht um Verzweiflung, es geht darum, mit der Vergangenheit nicht abschließen zu können. Und dann am Schluss läuft schon die Abspannmusik von Emmemann.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und sie sitzt auf dem Bett und hat die Augen in Tränen. Und der Polizist kommt dann noch mal zu ihr. Wir sehen ihn aber nicht und wir hören auch nicht so genau, was er sagt. Wir sehen nur, dass so ein Schatten ins Bild kommt und er redet irgendwie mit ihr und sie sitzt da in sich gekehrt, blickt nach unten, Tränen in den Augen. Und dann ganz kurz bevor das Bild komplett ausgeht und wir nur noch den Abspann sehen, blickt sie direkt in die Kamera. Und lächelt. Sie blickt direkt den Zuschauer an. Und ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich nur an diese Szene denke. Weil es ist so ein unfassbar guter, runder Abschluss für diesen Film. So dieser Moment, wo sie noch einmal zum Publikum sagt, so ... Und jetzt ist es vorbei. Und wo sie gleichzeitig sagt, hey ... Es mögen viele schlimme Sachen passieren, aber das Leben ist eigentlich schön und das Leben ist eigentlich zauberhaft und was Besonderes und es gibt immer Hoffnung. Und auch wenn der Film wirklich viel menschliche Dramen auf die Zuschauer draufwirft, war er allein wegen dieser Szene für mich immer ein unglaublich optimistischer Film. Ein fröhlicher Film. Wenn der Film zu Ende ist, Allein durch diesen Blick von ihr in die Kamera fühle ich mich richtig gut.
Johannes Franke: Mhm. Ich fühle mich plötzlich aufgefangen. Ja, das ist ein gutes Wort dafür. Allerdings ist mein Schluss... Eher der Satz, den Donnie, glaube ich, heißt er, der das Wunderkind vom Anfang, der erwachsen ist und der immer umgeschubst wurde in seinem Leben dann nur noch und ausgenutzt. Der sagt am Ende, I really do have love to give. I just don't know where to put it. Ja, und er sagt das so verzweifelt und das fasst für mich auch so wahnsinnig viel zusammen, was der Film erzählen will.
Florian Bayer: Sagt er das nicht sogar zu Jim, bevor Jim dann zu Claudia wieder fährt, zu dem Polizisten?
Johannes Franke: Richtig, genau.
Florian Bayer: Es gibt nämlich diese Szene, dieser Donny Smith will dann bei seiner Arbeitsstelle einbrechen, um Geld zu holen. Ich glaube, er braucht das Geld, um sich seine Zahnbehandlung zu finanzieren. Und Da wird er von dem Polizisten Jim erwischt. Und Jim, der eigentlich sehr verantwortungsbewusst ist, der sagt das dann auch am Schluss noch mal in so einem Monolog, Manchmal muss man Leute gefangen nehmen, manchmal muss man sie festnehmen und manchmal muss man auch ein Auge zudrücken. Irgendwie sowas in der Richtung erzählt er und er drückt dann ein Auge zu. Aber das ist natürlich eine ganz wichtige Szene. Das ist auch die Szene, in der der Film ... komplett die Realität aufgibt. Für fünf Minuten oder zehn Minuten, die, glaube ich, von vielen sehr kontrovers aufgenommen wurden. Und die für meine Mitkinogänger auch ein Grund waren, den Film... über den Film zu lästern. Es gibt nämlich einen Moment, in dem, naja, was soll man sagen, es regnet Frösche. Johannes, es regnet Frösche.
Johannes Franke: Ich saß da und dachte ... Jetzt hat der Film den Verstand verloren. Und dann habe ich sofort gegoogelt.
Florian Bayer: Ja, Froschregner.
Johannes Franke: Froschregner. Was bitte? Moment. Und in der Masse. Und ich dachte, um Gottes Willen, das muss ein... ein krasser Dreh gewesen sein, weil es sind offensichtlich nicht alle CGI-Frösche oder so, sondern es ist schon echt... Oh, krass. Und es scheint sowas zu geben. Tierregen.
Florian Bayer: Zumindest als Anekdote, aber nicht in unserer Zeit tatsächlich beobachtet und vor allem auch nicht in der Masse natürlich.
Johannes Franke: Aber die Erklärungsmuster, also es gibt Leute, die sich ernsthaft beschäftigen und das ernsthaft sagen, okay, sowas kann passieren, dass eine... Windhose eine bestimmte Anzahl von Tieren mit sich nimmt und die dann irgendwo anders runterfallen und dass Beobachtungen auch immer inkludieren, dass das ein Teil der Tiere durch den Sturz nicht sterben, sondern irgendwie einfach einmal schütteln und weiter wandern. Was bedeutet, dass die Tiere anscheinend nicht allzu weit getragen werden konnten, was wieder auf bestimmte Wetterphänomene sich bezieht. Also es scheint es potenziell zu geben und dieser Film hat es aber sowas von ausgeschlagen. Ja. Diese völlige Unmöglichkeit von in der ganzen Stadt regnet es Frösche und zwar in einer Masse. Ja.
Florian Bayer: Also ich glaube, selbst wenn man die Tatsache nimmt, dass es Leute gibt, die sowas berichtet haben, dass es Beobachtungen gibt von regnenden Fischen oder Fröschen oder Vögeln. kann man, glaube ich, davon ausgehen, dass, wie das da gezeigt wird, dass es in ganz L.A., über ganz L.A. Frösche regnet, in diesem Ausmaß, dass das ... ein fantastisches Element ist.
Johannes Franke: Definitiv. Aber was will der Film damit sagen?
Florian Bayer: Was will der Film damit sagen, genau.
Johannes Franke: Jetzt bist du dran, Floor. Du bist der Theoretiker.
Florian Bayer: Wir haben noch gar nicht über den Einstieg des Films geredet.
Johannes Franke: Das stimmt, das ist mir vorhin schon aufgefallen und ich dachte, das müssen wir auf jeden Fall noch machen, aber vielleicht als Abschluss.
Florian Bayer: Naja, ich würde den Einstieg nehmen, weil ich glaube, der Einstieg ist die wesentliche Erklärung für diese Szene.
Johannes Franke: Jetzt bin ich gespannt.
Florian Bayer: Und zwar wird im Einstieg des Films werden drei Anekdoten erzählt von einer... Absurden Nicht-Blausibilität. Es passieren Dinge, die einfach... die einfach nur Zufall sind, aber die in ihrem Zufall so eine bittere Ironie mittragen. Und der Erzähler im Film ... der übrigens auch einer der Darsteller ist. Jetzt müsste ich aber nachschauen, wer das genau ist. Es ist der Assistent des ... Rick Jay heißt er, der Schauspieler. Den du vielleicht sogar kennst. Das ist der Assistent von dem Quiz ... Der spielt den Assistenten von dem ... Und der ist auch ein Zauberer. Okay. Der relativ viel Magie gemacht hat, Mentalmagie und Close-Up. Ich bin gerade bei Wikipedia, ich weiß es auch nicht im Kopf. Und dann sehr, sehr viele Filme gedreht hat. Also erst seit den 80ern, also relativ spät zum Schauspiel gekommen ist.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Genau, auf jeden Fall ist der auch der Erzähler in dem Film. Und der erzählt diese drei Anekdoten, die so irre, unplausibel sind. Nein. Eigentlich eine der berühmtesten Anekdoten ist, dass sie nach dem Löschen eines Waldbrandes einen Taucher in den Bäumen finden. Und das ist ja eine Geschichte, die man tatsächlich auch mal so kennt als Urban Legend. Und die wahrscheinlich auch wirklich irgendwann mal passiert ist. Nur, dass er der Geschichte noch einen Twist gibt, dass der ... Pilot, der den Taucher zufällig aufgenommen hat beim Wasseraufnehmen, weswegen der Taucher dann in den Bäumen lag, dass der einen Tag vorher mit dem Taucher einen Streit hatte. Und die beiden anderen Geschichten sind ein, ich will nicht zu viel spoilern jetzt in dem Fall, ein unfreiwilliger Selbstmord. Nee, eigentlich ein versuchter Selbstmord, der zu einem unfreiwilligen Mord wird.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und das dritte ist die Geschichte von drei Leuten, die erhängt werden und denselben Namen haben, wie das Opfer, das sie überfallen haben.
Johannes Franke: Ja, beziehungsweise der Laden hieß irgendwie so.
Florian Bayer: Und mit diesen drei Anekdoten steigt der Film und der Erzähler ein, bevor es zur eigentlichen Handlung kommt. Das ist auch am Anfang so komplett losgelöst davon. Aber die Quintessenz dieser drei Geschichten ist, solche Dinge passieren wirklich. Es passieren merkwürdige Dinge. Und ich glaube, das ist auch der Moment, in dem der Froschregen Die ganzen Verknüpfungen der einzelnen Handlungen, die ja in dem Film immer wieder vorkommen, in der der Film diesen nochmal zusammenfasst, indem er sagt, es gibt Dinge, die passieren. Es gibt merkwürdige Es gibt merkwürdige Zusammenkünfte. Es gibt Sachen, die man nicht erwartet, die nicht plausibel erscheinen. Dass der eine den einen kennt und der plötzlich mit dem zu tun hat, Es gibt einfach diese Verknüpfung und das gehört zum Zauber des Lebens dazu. Es geschehen merkwürdige Dinge und das... macht das Leben auch so besonders, dass solche merkwürdigen Dinge passieren. Das Leben steckt voller Wunder und steckt voller Zauber.
Johannes Franke: Und um diese These zu untermauern, lässt er Frösche regnen.
Florian Bayer: Und um diese These zu untermauern, lässt der Frösche regnen, weil er einmal, natürlich tritt er damit komplett aus dem Realistischen raus. Es gibt auch viele Leute, die das als biblisches Motiv deuten.
Johannes Franke: Das war auch mein erster Gedanke. Deswegen habe ich auch gegoogelt und das eigentlich im Religiösen gesucht und habe dann aber gleich aufgegeben, weil ich gedacht habe, nee, irgendwie... Irgendwie stimmt das nicht. Irgendwie ist es nicht unbedingt religiös zu betrachten.
Florian Bayer: halt auch sowas, das ist eigentlich so ein bisschen auch die Katharsis des Films. Die Frösche lösen die Katharsis sogar aus, weil die dass Frösche verhindern, dass Donny einbricht, weil sie ihn treffen, als der Polizist ihn aufhalten will. Und sie schlagen lustigerweise auch noch seine Zähne aus. Jetzt braucht er wirklich die Zahnbehandlung. Die Frösche verhindern, dass der Quizmaster, der als er jünger war, ein schreckliches Verbrechen begangen hat. Und der jetzt in diesem Film zum ersten Mal mit diesem Verbrechen konfrontiert wird und gezwungen ist, sich auch selbst damit zu konfrontieren. Sie verhindern, dass er sich umbringt. Also sie... Vielen Dank. Sie sorgen quasi dafür, dass er seine Erlösung nicht so einfach findet. Die Frösche regnen in dem Moment, in dem Earl Partridge, der alte Mann, stirbt. Und seinen Sohn vor ihm kniet. Und ... Ja, die Frösche sind auf jeden Fall irgendwie in so einem bestimmten Höhepunktmoment des Films. Für eigentlich alle Handlungen treten diese Frösche auf. Und für mich ist es so, es passt perfekt zu dieser Geschichte. Auch direkt nach dem Froschregen wird nochmal das Intro aufgegriffen und wir hören wieder den Erzähler. Der sagt nochmal was zu diesen drei Anekdoten, obwohl der Film danach trotzdem noch 20 Minuten geht. Und für mich ist es tatsächlich ein Symbol davon, es passieren verrückte Dinge auf der Welt, es gibt es gibt einfach verblüffende Geschehnisse und die machen das Leben besonders und Es gibt Zufälle und Zufälle treiben das Leben an und deswegen ist das Leben auch etwas Großartiges.
Johannes Franke: Aber schon so, also zwei Sachen. Der Anfang, die drei Anekdoten. Da hätte mir schon schwanen können, dass der Film drei Stunden dauern würde. Ja. Der walzt sich sehr lang aus in diesen Anekdoten und nach 25 Minuten des Films. Ich schaue zufälligerweise sozusagen, wie lange läuft denn der Film schon, weil mir auffällt, ich weiß noch nicht, worum es geht. Das würde dir heute auch jeder Drehbuch-Otto um die Ohren hauen und sagen, du musst nach Seite 5 genau feststellen, worum es geht, warum der Zuschauer dabei bleiben soll. Und das ist nach 25 Minuten habe ich noch keinen blassen Schimmer gehabt, worum es geht. Also es ist schon krass. Naja, aber auch dieses ganze Thema will eigentlich sagen ... Also ich habe das Gefühl, der Film will die ganze Zeit sagen, ich weiß, das klingt jetzt sehr weit hergeholt. Aber stay with me. Ich verspreche, es lohnt sich. Suspend your disbelief a little bit more. Das ist so, weißt du, wo man das Gefühl hat, der will einem einfach gerade so ein paar Sachen, da will jemand ein bisschen ausrasten und so ein paar Zeug erzählen. und mit unterbringen, was man im traditionellen Film vielleicht nicht könnte. Ja, Und es macht er ganz gut. Also ich gucke ihm gerne dabei zu.
Florian Bayer: Okay, das ist schön. Wie gesagt, ich merke es jetzt auch wieder, während ich über den Film rede. Für mich ist er ein absolutes Meisterwerk. Wahrscheinlich hat mich kein anderer Film in meinem Filmgeschmack so sehr geprägt wie dieser Film. Mhm. Auch wenn ich viele tolle Filme nach ihm gesehen habe noch. Und wahrscheinlich ist er für mich immer noch auf Platz 1 meiner Lieblingsfilme. Einfach so ganz, ganz subjektiv, objektiv, subjektiv. Und wird da wahrscheinlich noch lange bleiben.
Johannes Franke: Okay, das erklärt, warum so langatmiger Filme macht.
Florian Bayer: Ja, das könnte es tatsächlich erklären. Er hat mir auch so ein bisschen die Freude gezeigt an langerzählten Geschichten. die keinem klassischen Handlungsbogen folgen. Weil er findet immer wieder zu Höhepunkten und wieder zurück und zu Tiefpunkten und wieder zurück. Es gibt einfach keine klassische Akt- oder Zehnstruktur, sondern es ist einfach eine Wellenbewegung. Und ja, auf jeden Fall, ich mag auch ... Ohne diesen Film würde ich wahrscheinlich lange und langgezogene Filme nicht so sehr mögen, das stimmt.
Johannes Franke: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank, Plur. Vielen Dank, Johannes. Zurückziehen. Funny Face gucken.
Florian Bayer: Funny Face.
Johannes Franke: Im Deutschen ein süßer Fratz.
Florian Bayer: Ja, ich weiß. Das habe ich auch gelesen und dachte auch... Mittlerweile machen es die Deutschen viel besser. Aber früher haben die das teilweise echt vergeigt mit der Eindeutung von Filmtiteln.
Johannes Franke: Ja. Oh, da könnten wir eine Top 5 bestimmt finden.
Florian Bayer: Was spannend ist, also ein Top 5 der miesesten deutschen Übersetzung?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und ich würde aber auch dann vorschlagen, eine Top 5 der besten deutschen Übersetzungen. Es gibt nämlich tatsächlich einige Filme. wo ich den deutschen Titel besser finde, weil subtiler oder weil pointierter als das Original. Das Erste, was mir jetzt anfallen würde, wäre Blutgericht in Texas. ist die Zettelübersetzung von Texas Chainsaw Massacre, was ziemlich corny klingt. Und gut gerichtet in Texas klingt deutlich reifer. Und passt besser zu dem Film, meiner Meinung nach. Aber das wäre ein anderes Thema.
Johannes Franke: Nun gut, dann kurze Pause und hier wieder das Beste aus den 70ern, 80ern, 90ern. Das Beste von heute. Bis wir wieder da sind. Bis gleich.
Florian Bayer: Hallo, da sind wir wieder.
Johannes Franke: Herzlich willkommen zurück nach, ihr habt bestimmt auch anderthalb Stunden Pause gemacht, wie wir jetzt gerade.
Florian Bayer: Ja, hoffentlich um den Film zu gucken.
Johannes Franke: Um den Film zu gucken, ja genau.
Florian Bayer: Weil wir spoilern. Und zwar ohne Ende.
Johannes Franke: Aber ohne Ende. Und es gibt jetzt auch keine Ausreden mehr. Wer hatte Zeit? Funny Face aus dem Jahre 1957. 1907, ja.
Florian Bayer: Nicht 1857 und auch nicht 2057 für alle, die den Podcast in der Zukunft hören.
Johannes Franke: Das wäre beeindruckend. Ja, dann werde ich mal meinen Einstiegstext vorlesen, den ich gerade noch schnell geschrieben habe. Und dann geht's los. Funnyface. In Deutschland unter dem furchtbaren Titel Ein süßer Fratz erschienen? ist einer der großen Musical-Tanzfilme der 50er Jahre, um genau zu sein, aus dem Jahre 1957. Ursprünglich war Funny Face ein Bühnenmusical mit Fred Astaire, komponiert von George Gershwin. Adaptiert und ziemlich stark verändert wurde dieses von Stanley Donan, der auch damals, 1952, Singing in the Rain gedreht hat. Für mich steht der Film stellvertretend für das ganze Genre dieser Art, Filme zu machen und hat sich durchgesetzt in meiner Auswahl gegen Singing in the Rain. Nun ja, weil Singing in the Rain einfach eine Spur zu gut ist und nicht den durchschnittlichen Tanzfilm dieser Zeit widerspiegelt. Funnyface hat alle Tropes eines Tanzfilms zu bieten, ist zugleich traditionell wie auch progressiv und einfach nur ein Feel-Good-Movie. Oder wie siehst du das, Plor?
Florian Bayer: Also das mit dem viel guten Movie kann ich total unterschreiben.
Johannes Franke: Schön.
Florian Bayer: Ich fand ihn durchwegs unterhaltsam und kurzweilig. Es gab einen Moment im Mittelteil ... wo mir das Sentimentale etwas zu sehr in die Länge gezogen war. Und die ... Obligatorische Romanze zwischen Fred Astaire und Audrey Hepburn. Audrey, niemand glaubt dir das Mauerblümchen Hepburn. Aber ansonsten hat der Film sehr viel Spaß gemacht. Also er war schwungvoll, er war kurzweilig, er hatte tolle Sets. Also das ist das, was mir gleich am Anfang aufgefallen ist. Vor allem die Szenen im Verlagshaus, die Büro-Szenen. Die sind einfach großartig und es war einfach so top-notch, was Inszenierung betrifft, was Sets betrifft. was die Übergänge betrifft von Stage-Feeling zu Film-Feeling.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Das hatte einen sehr tollen Fluss, sodass man eigentlich nie das Gefühl hatte, dass das hier was forciert ist, sondern es war sehr organisch.
Johannes Franke: Schön, das freut mich.
Florian Bayer: Es war einfach ein Musical der 50er Jahre mit allen Stärken und Schwächen. Und ich würde dir auch total zustimmen. dass es eine ganze Klasse Untersinging in the Rain ist. Auch gerade was so ... Progressivität betrifft. Ich bin total gespannt drauf zu hören, wo du die progressiven Elemente siehst. Weil ich habe in ihm einen sehr konservativen und sehr traditionalistischen auch teilweise mit den Schwächen, die dazugehören.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Also werden wir bestimmt gleich nochmal drüber reden, was Sexismus betrifft. Musical der 50er Jahre. Und in dem Film ist mir tatsächlich aber noch störender aufgefallen, weil der Sexismus, das ist einfach, womit man rechnet. Das Frauenbild ist, womit man rechnet. Was mir noch störender aufgefallen ist, ist der Anti-Intellektualismus, der sich gerade so in der zweiten Hälfte... fast wie ein roter Faden durchzieht und der für mich so ein bisschen gerade gegen Ende auch in die Richtung ging, dass Hollywood echt mal auf den europäischen Arthouse spuckt.
Johannes Franke: Ja, okay. Okay, wollen wir mal mit dem Intellektualismus sprechen? Okay, sie erfinden eine Form... Das Intellektualismus, nämlich den, wie war das im Deutschen? Empathikalism. Ja, Empathikalismus wird es im Deutschen dann genannt. Natürlich machen sie sich damit über sehr viele... dir wahrscheinlich Heilige auch Sachen lustig, die so... Ich finde, man kann sich...
Florian Bayer: großartig über die europäische Philosophie gerade der 50er und 60er Jahre lustig machen. Und da gibt es einiges zu holen. Und dann war mein Gedanke, Empatheticalism. Echt, das ist euer bester Temp, das ist das, was euch dazu einfällt. Und es war so offensichtlich so, Leute, ihr habt euch nicht mit dem ... Ihr habt euch nicht mit der Philosophie und mit der Gedankenwelt der europäischen Intelligenz in der Zeit auseinandergesetzt, sondern ihr habt einfach nur was genommen, was euch so... am schnellsten eingefallen ist, um dann auch tatsächlich so eine naive Form von Philosophie die eigentlich viel besser auf genau das Hollywood der 50er Jahre passen würde, als auf den europäischen Kulturbetrieb.
Johannes Franke: Also, ich möchte dir kurz widersprechen. Ich glaube schon, dass sie sich Gedanken darum gemacht haben und dass sie nicht auf das erste gesprungen sind, was ihnen eingefallen ist. Vielleicht sind Sie auf das erste zurückgesprungen, was Ihnen eingefallen ist. Dann ist Ihnen irgendwann aufgefallen, dass Sie nicht in den 90ern leben, sondern in den 50ern? Ja. Weißt du, was ich meine? Sie trauen es den Zuschauern nicht zu.
Florian Bayer: Ja, das ist gut möglich. Das stimmt. Das kann ich mir gut vorstellen. Das ist tatsächlich, ich fand es so schade, weil der... Das, was gepasst hat satirisch, war definitiv jederzeit der Stil. Also sie haben wunderbar diese Kaffee-Ausatmosphäre des Paris der 50er Jahre angefangen. Und das im Studio. Ja, was Sets betrifft und was... Was Ausstattung betrifft, was Kostüme betrifft, haben sie teilweise großartig den Existenzialismus parodiert. Das hat einfach mal wunderbar geklappt. Gut. Ich fand es sehr schade, dass sie sich da nicht getraut haben, das auch inhaltlich zu machen, dass sie inhaltlich so flach geblieben sind und dass diese Parodie für mich deswegen ein bisschen ins Leere gegangen ist. Und ich fand's auch deswegen ärgerlich, weil dieses Style over Substance Ding hat sich halt auch... Nicht nur durch den Film gezogen, was ich okay finde. Also ich meine, es ist ein Musical, da steht der Style im Vordergrund. Der Style war großartig, ist in Ordnung.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber er war tatsächlich auch Mittelpunkt der Handlung. Quasi Style hat am Ende Sabstens besiegt. Sie geht am Ende auf diese Mode und schau, sie macht am Ende dieses ganze Spiel mit. Und sie entscheidet sich gegen den Intellektualismus, der natürlich, der Vertreter des Intellektualismus ist natürlich ein Mann, der mehr Mann ist als Intellektueller. der natürlich übergriffig ist. Übrigens, ich werde nie drüber hinwegkommen, wie die 50er-Jahre, wie Casual die 50er-Jahre-Rape-Attempts darstellen. Es macht mich jedes Mal fertig.
Johannes Franke: Wirklich, aber wirklich. Man muss einfach damit rechnen, wenn man solche Filme bekommt.
Florian Bayer: Ja, das stimmt. Ich finde auch... Was das betrifft, geh ich total mit Anita Sirkisian, einer Videospielkritikerin, und mal eine Reihe gemacht hat zum Thema Frauenbilder in Videospielen. Und sie hat die eigentlich immer eingeleitet mit dem Satz, ist es möglich ... Und daran sollte man immer denken, es ist möglich, ein Kunstwerk zu genießen und gleichzeitig sich Gedanken über die problematischen Aspekte dieses Kunstwerkes zu machen. Und ich glaube auch, dass es möglich ist. Für mich ist Funny Face ein toller Film und es ist auch ein Film, den ich empfehlen würde.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: trotz der problematischen Aspekte, die einfach mal vorhanden sind.
Johannes Franke: Ja, darüber mache ich mir eben die ganze Zeit Was mich selbst betrifft, Sorgen. Warum mag ich 50er Jahre Tanzfilme? Es gibt mehrere Aspekte, die mir Sorgen machen. Der eine Aspekt ist, dass ich in der Lage bin, so sehr darüber hinwegzusehen. dass nun wirklich ständig, also wirklich sehr casual und in einer... Frequenz, eine Häufigkeit, so sexistische und naja, eben an der Grenze oder drüber zum Rap-Attempt. laufen und ich darüber hinweg gehen kann und sagen kann das ist die zeit und das ist auf deren mist gewachsen und nicht auf Naja. If you can cook the way you look. Wirklich, das ist eine Zeile in einem Song, den sie zusammensingen, Audrey Hepburn und Fred Astaire. und sie lernen sich gerade erst kennen. Und er sagt tatsächlich diesen Sack, if you can cook the way you look,
Florian Bayer: Und sie ist so angetan dafür.
Johannes Franke: Das ist echt hart.
Florian Bayer: Das ist ein Kompliment. Es ist absoluter Charme. Und sie findet es toll.
Johannes Franke: Das ist hart.
Florian Bayer: Ich glaube, und das ist grundsätzlich ein Problem bei Kulturrezeption, wenn man die Maßstäbe unserer Zeit an diese Filme anlegt. dann läuft man eine Problematik mit allen Kunstwerken. Das betrifft ja nicht nur die Unterhaltungskunst, das betrifft ja auch große literarische Werke des 19. Jahrhunderts, des 18., 17. Jahrhunderts. Wenn man sich mit der Kunst dieser Zeit auseinandersetzt, Stößt man zwangsläufig auf Dinge, die einfach überholt sind, die moralisch überholt sind. Und auch viel schlimmere, also es gibt ja weitaus schlimmere und weitaus düstere Varianten von Sexismus und Rassismus im Kino als in diesem Film. Und ich glaube, man muss sich dann einfach die Frage stellen, wie geht man damit um? Entweder man ignoriert es, das ist, glaube ich, der falsche Weg. Oder es sorgt dafür, dass man sagt, man will die Dinger gar nicht sehen. Das ist glaube ich auch der falsche Weg, wenn man damit ein großes Erbe an Kunstwerken unterschlägt. Ich glaube, der dritte Weg ist einfach wirklich zu sagen, okay, ich gucke mir die an und ich setze mich dann damit auseinander und rede darüber und versuche... versuche einfach diesen ambivalenten Blick drauf zu haben. Ambiguitätstoleranz. Man akzeptiert, dass ein Kunstwerk
Johannes Franke: sowohl positive als auch negative seiten haben kann damit wären wir bei dem großen und zu zur Zeit ja wirklich sehr wichtigen und omnipräsenten Thema Einsortierung von Kunst, sei es nur im Museum oder bei Netflix, die vorher eine Tafel einblenden oder bei Amazon Prime, wie auch immer. Ja. Und der Frage, reicht es, wenn man am Anfang eine Tafel einblendet, auf der einfach nur die Stichworte draufstehen? Amazon Prime, da steht dann einfach nur Blackfacing oder rassistische Tendenzen oder sowas. Oder ob man da eine längere, ausführlichere Variante bräuchte.
Florian Bayer: Es ist immer die Frage, was ist Aufgabe der Publizisten und was ist Aufgabe der Kritik? Also ich glaube, es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und ich sehe da auch Netflix und Amazon etc. in einer gewissen Verantwortung. Aber ich glaube, die Verantwortung besteht noch mehr auf der Rezeptionsseite und zwar im umfassenden Sinne das Publikum. Feuilleton, Kritik, Kulturphilosophie, Kulturtheorie, dass sie sich darüber Gedanken machen und auch darüber austauschen. Und dass das auch ein offener Austausch ist und das nicht mit so Schlagwörtern wie Council Culture um sich geworfen wird, der gerade bei den Rechten so beliebt ist. Weil es ist keine Council Culture, wenn ich sage, der Film ist Sexismus. Der besitzt sexistische Elemente, dann ist es einfach aufgezeigt, was in dem Film stattfindet. Und dann kann man dem ja auch widersprechen und drüber diskutieren. Vielen Dank. Aber es ist ein ganz wesentliches Merkmal schon immer von Kunstkritik, dass sie sich kritisch mit allen Aspekten eines Films oder eines Buches auseinandersetzt. Aber lass uns ganz kurz, bevor wir jetzt schon so in diese ganz tiefen, schweren Themen reingehen, nochmal wirklich... zu dem zurückkommen, was ich an dem Film gut fand. Und zwar Fred Astaire und Audrey Hepburn haben eine tolle Chemie. Das funktioniert einfach, aber ... Und ich war wirklich überrascht, der Star des Films ist einfach mal Kate Thompson als Maggie Prescott. Wahnsinn, oder? Ich musste kurz bei Wikipedia nachschauen, wer ist diese Frau und habe festgestellt, die ist keine Schauspielerin. Die ist ja offensichtlich Autorin und Filmproduzentin. Und sie rockt dieses Ding so was von weg. Sie stiehlt allen die Show. Sobald sie da ist, ist alles fantastisch.
Johannes Franke: Und wie alt ist sie in dem Film? Ich weiß nicht, wie alt sie sein soll, aber... Ich weiß nicht, ich hab die ganze Zeit gedacht, versuchen die nicht immer in der Zeit die ganzen jungen, hübschen Dinger nach vorne zu setzen? Also Dinger absichtlich gesagt, ne? Und sie, also du redest von der Verlegerin. Von der Verlegerin, ne? Genau. Und die ist ja in einem Alter, wo man, wie Fred Astaire übrigens auch, der ist 8 und 5.
Florian Bayer: Ja, im Gegensatz zu Audrey Hepburn, die Anfang 20 ist. Ja, 30 Jahre jünger, genau.
Johannes Franke: Also da sind wir wieder im schweren Thema.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also dieses Age Gap ist ja wirklich... Das hat mir Schwierigkeiten bereitet.
Florian Bayer: Und das ist auch Standard in den Musicals, oder? Das machen die immer so.
Johannes Franke: Das ist nicht unbedingt Standard. Das hat was damit zu tun, dass Fred Astaire da ist. Und ... ewig lange Filme macht und die aber an dem Konzept festhalten, dass es eben der Love Interest, also sie wollten keine zwei mit 50er
Florian Bayer: Ja, weil sie keine 50-jährige Frau wollten.
Johannes Franke: Und weil Fred ist ja normal schon achten. war, musste halt dieser, ne, dieser Age Gap musste halt dann Man hat sich natürlich auch nicht so die Sorgen gemacht darum, weil das auch nicht, also man muss ja die ganze Geschichte, die Filmgeschichte nur anschauen, es ist voll von diesem Age Gap. Und immer noch wird das so wahnsinnig viel gemacht, dass mindestens 10 Jahre oder 20 Jahre kein Problem darstellen irgendwie für Hollywood.
Florian Bayer: Aber nur in die eine Richtung.
Johannes Franke: Aber nur in die eine Richtung.
Florian Bayer: Das ist ein Riesenthema, wenn eine ältere Frau mit einem jüngeren Mann was anfängt.
Johannes Franke: Deswegen war Harold und Mord damals so ein Aufreger, was er nicht hätte sein sollen.
Florian Bayer: Wenn du die Rollen vertrauschst, ist das Hollywood-Standard.
Johannes Franke: Wahnsinn. Naja, also da muss man wirklich drüber weggucken wollen. Nun nimmt das Zelluloid und der Film an sich eben viel alter weg. Aber man sieht es in der Art und Weise, wie er sich bewegt, wie alt er eigentlich ist.
Florian Bayer: Ja, also der Age Gap, der fällt auf.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und tatsächlich funktioniert eine gewisse Suspension of Disbelief, weil sie ihn auch einfach als ... Als Junggesellen darstellen. Als jemanden, der irgendwie am Anfang seines Lebens steht, auch so wie er sich verhält. Er ist ein Kindskopf. Er ist... Ja, er ist so ein typischer Bachelor, der irgendwie noch nicht so genau weiß, wo er hingehört. Es gibt auch diese eigentlich ganz nette Diskussion relativ am Anfang zwischen ihm und Audrey Hepburn. wo sie ihn fragt, warum er denn das machen würde, warum er Modefotograf wäre, warum er nicht, was sagt sie, Wunder fotografieren würde.
Johannes Franke: Bäume.
Florian Bayer: Bäume?
Johannes Franke: Bäume.
Florian Bayer: Sagt sie nicht, sie sagt irgendein Wort, sagt sie Wunder oder Ideen, sie sagt irgend so was Abstraktes. Wenn ich mich richtig erinnere.
Johannes Franke: Es geht um Trees. Er bezieht sich da später drauf nochmal, als er sagt... Für mich ist dein Gesicht, weil sie sagt, mein Gesicht sieht irgendwie lustig aus.
Florian Bayer: Da hab ich die ganze Zeit drüber nachgedacht. Was ist funny an Audrey Hepburns Face? Warum ist sie die funny face? Weil es ist fucking Audrey Hepburn. Sie ist unglaublich hübsch.
Johannes Franke: Oh Mann. Und mir ist dann eingefallen, wir gehen jetzt wieder völlig anderes Thema, mir ist dann eingefallen, dass ich... nie so richtig verstanden habe, dass diese Form von die sie mitbringt, diese Form, diese Art und Weise, dieses Gesicht und so weiter. Und sie ist nicht die... vollbusige, wie man das sagen würde, sexy, femme fatale. Und ich dachte immer, ja, das ist... Ich mag diesen Typ, aber ich wäre wohl relativ allein damit, weil mir Filme immer suggerieren, dass sie diejenige ist, die das hässliche Endlein ist. um dann irgendwie verwandelt werden zu müssen. Was aber anscheinend, also lernt man dann irgendwann, was nicht der Fall ist, was eigentlich... der größte Teil dieser Menschheit eigentlich für das Schönheitsideal hält. Die auch viel besser aussieht in ihren Sackklamotten am Anfang.
Florian Bayer: Ja, definitiv. Das ist ja so ein Ding, was sich durch Audrey Hepburns Karriere zieht, dass immer, wenn sie sie verkleiden als hässliches Entlein ... Gefällt sie mir viel besser als später zum Schwan herausgeputzt. My Fail Lady ist auch so ein Ding. Da ist sie ja das einfache Zimmermädchen oder so. Und sie sieht einfach fantastisch aus in diesen Sachen. Ja.
Johannes Franke: Was ich dem Film sehr zugutehalten möchte, ist, dass sie in dem Moment, wo Audrey Hepburn... als rausgeputzt und geschminkt und so weiter dasteht. Und sie alle sagen, ja, jetzt ... Jetzt haben wir alles aus dir rausgeholt. Jetzt siehst du großartig aus. Sie trotzdem noch sagt... Ja, es ist ganz toll, aber das bin nicht ich. Das sagt sie noch und das finde ich wichtig. Und das ist auch das, wo ich anknüpfen würde für die Progressivität dieses Films.
Florian Bayer: Aber ist es nicht so, dass sie sich am Ende entscheidet, sie sich ganz bewusst für diese Modewelt, für diesen Schein? Und sie umarmt es ja. Ich meine, sie macht, das ist der Beweis für ihre Loyalität. dass sie sich am Schluss dazu entscheidet, diese Modenschau trotzdem mitzumachen. Und dass sie nicht Red Astaire zum Flughafen folgt. Sie will ja eigentlich ihn haben. Sondern dass sie sich überzeugen lässt von Maggie, okay, ich hab hier eine Verantwortung und ich steig jetzt in das schicke Outfit und ich mach jetzt dieses ganze Ding mit. Und sie macht es ja auch ... sie macht es dann ja auch mit einer gewissen Begeisterung, auch mit einer Anspannung, aber auch mit einer gewissen Begeisterung mit.
Johannes Franke: Da würde ich dir widersprechen wollen. Das sehe ich nämlich in der Szene nicht. Und deswegen finde ich die Szene sehr gut gemacht, weil... weil sie alle auf sie einreden und sie festhalten und sie eigentlich los will. Sie will ihm hinterher. Und nur durch das Versprechen der Verlegerin, dass sie ihm hinterher telefoniert und ihn rankriegt, macht sie das und sie macht... Wir haben diese eine Szene, wo sie dann am Ende das letzte Stück präsentiert, das Hochzeitskleid. Und da weint sie.
Florian Bayer: Ja, aber sie weint, weil sie...
Johannes Franke: Aber nicht, weil sie glücklich ist auf dem Lauf.
Florian Bayer: Nein, sie weint aber, weil dieses Hochzeitskleid in der Szene davor schon für sie der Inbegriff dessen war, was sie eigentlich will.
Johannes Franke: Ja, was auch wieder gemein ist. Sie will heiraten. Ja, 50er Jahre. Geschenkt. Aber...
Florian Bayer: Das ist ja der Punkt der ganzen Romanze, dass sie dieses Hochzeitskleid, das ist es, was sie glücklich macht. Nicht der Rollkragenpullover, nicht der Existenzialismus-Look.
Johannes Franke: Aber es ist auch nicht der Laufsteg. Danke.
Florian Bayer: Aber der Laufsteg mehr als das Café, in dem sie fast vergewaltigt wird.
Johannes Franke: Nein, nein, würd ich nicht sagen. Also für mich hält sich da die Waage. Ich hab das Gefühl, dass sie's hingekriegt haben, beide Welten bei ihr zu lassen und nicht ihr eine wegzunehmen.
Florian Bayer: Ich hatte das Gefühl, sie ... Sie inszenieren den Film so, dass am Schluss die Verlegerin noch mal fantastisch gespielt hat.
Johannes Franke: Ja, großartig.
Florian Bayer: Das ist die am Schluss die einzige ist in dem Film, die diese Philosophie der Empathie tatsächlich verstanden hat. Und dann sagt, boah, ey, musst du das so kompliziert ausdrücken? Das hättest du doch auch gleich sagen können. Es gibt eine tolle Szene. Und dann, wo sie ... Und das sagt sie zu Audrey Hepburn. Und dann danach kommt nochmal Fred Astaire, der sie sucht. Am Schluss ist dieses klassische, oh nein, er ist da, oh nein, wo ist sie jetzt? Ding, was immer in diesen Komödien ist. Und dann kommt Fred Astaire zu ihr und fragt so, was ist los? Und sie sagt, ich hab das endlich verstanden. Und sagt dann, du musst zu ihr und sie muss zu dir. Und du warst da, wo du dachtest, sie ist. Und sie war da, wo sie dachte, dass du bist. Und ihr wart beide nicht da und ihr müsst einen Ort zusammenfinden. Und in diesem Moment leuchtet es immer, ach ja, natürlich, ich muss zu dieser Kirche gehen, wo das Hochzeitsfoto gemacht wurde, wo wir unsere erste romantische Begegnung hatten. Und das ist so dieser Moment, jetzt wurde die Empathie verstanden. Diese ganze philosophische Überbau wurde aber nicht verstanden. Durch das Intellektuelle, sondern durch die Freischnauze Amerikanerin.
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Die keine Bücher liest. Um vielleicht noch mal ganz kurz die Story zusammenzufassen. Ich glaube, wir haben nichts über die Story gesagt. Ich hab irgendwie das Gefühl, es ist komisch, über die Story zu reden. Es ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine hässliche Endline-Geschichte. Also Audrey Hepburn ist eine Verkäuferin im Buchladen. in dem ein Fotoshooting stattfindet. Und bei diesem Fotoshooting erweckt sie die Aufmerksamkeit des Fotografen. Und zwar sucht der Fotograf für die Verlegerin. Großartig gespielt, um das noch mal zu sagen. Für die Verlegerin sucht der Fotograf ein, wie nennen sie es, All-American-Girl, eine Frau, die irgendwie intelligent aussieht und gleichzeitig schön ist. Und er glaubt, Audrey Hepburn, das ist die richtige Frau dafür. Und überredet sie dann, mit zum Fotoshooting nach Paris zu kommen. Und zwar schafft er das nur, weil sie als ... Hässliches Entlein und Intellektuelle, einen Philosophen anhimmelt, der zu der Zeit auch in Paris ist und sie will da eigentlich nur hinfliegen, um den zu sehen und macht das deswegen alles mit. Genau. Und natürlich verlieben sie sich und der Philosoph entpuppt sich als Arschloch und Am Schluss ist eigentlich alles gut. Ich find's schön, dass sie die Verlegerin ein letztes Mal ... Sie rockt das Ding sowas weg. Ich finde es schön, dass sie sie nicht zum Bösewicht gemacht haben. Ich habe die ganze Zeit damit gerechnet, dass es diesen... Stimmungsumschwung gibt, wo sie zur eiskalten bösen Hydra wird. die Liebe von den beiden sabotiert und die das Glück von ihr sabotiert. Aber nein, sie machen sie ... Sie ist knallhart und sie ist sarkastisch und zynisch und auch egoistisch, aber... Sie bleibt stets ein liebenswerter und sympathischer Charakter.
Johannes Franke: Was ich noch nicht verstanden habe, fandest du das jetzt gut gespielt von ihr oder wie ist das?
Florian Bayer: Ich versuche es so einfach wie möglich zu sagen. Und so, dass es wirklich auch alle verstehen. Und ich will mich auch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Aber Kate Thompson, die in diesem Film Maggie Prescott spielt, das ist eine der besten Darstellungen, die ich je in einem Musical gesehen habe.
Johannes Franke: Du wolltest dich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und Filmsacken. Lieber ein Eingrenzen auf ein Musical.
Florian Bayer: Musicals bei mir als Songs sind immer ein Hit or Miss. Und ich habe einmal aufgeschrieben, welche Lieder haben mir gefallen, welche Lieder haben mir nicht gefallen. Alle Lieder, in denen sie vorkommt, gefallen mir.
Johannes Franke: Oh. Da ist jemand verliebt.
Florian Bayer: Think Pink und How to be Lovely sind bei mir die beiden besten Songs.
Johannes Franke: How to be Lovely ist das absolut, das ist großartig.
Florian Bayer: Und den beiden, sie rockt einfach. Sie ist so verdammt gut.
Johannes Franke: Okay, dann lass uns mal über eine dieser Musical-Nummern und zwar am besten über How to be Lovely sprechen. Weil How to be Lovely ist genau... Das ist der zusammenfassende Satz für das Frauenbild der 50er.
Florian Bayer: Ja, definitiv.
Johannes Franke: Also so viele Tutorials, wie man heute sagen würde zu how to be lovely und good to your man und so weiter. Also, man wird einem richtig schlecht, wenn man das mal bei YouTube eingibt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber dieser Song ist großartig, weil er das Ganze meiner Meinung nach stark persifliert. Und zwar ist das der Verdienst von Audrey Hepburn, die eigentlich nicht singen kann.
Florian Bayer: die mit einer unglaublich...
Johannes Franke: tollen, man will sie die ganze Zeit anhimmeln, auch während diese Songs Der Song ist so gestaltet, dass die Verlegerin immer vorgibt und sagt, how to be lovely, so muss man sein, das ist das. was man tut und sie singt, trippelt immer hinterher und versucht ihr hinterher zu eifern und zu... Lernen quasi von der Verlegerin und legt immer neu auf, was die Verlegerin perfekt vorgibt. Und jetzt nicht wundern, über uns gibt es Bauarbeiten anscheinend. Okay, schade eigentlich.
Florian Bayer: Das war eine Bohrmaschine.
Johannes Franke: Eine Bohrmaschine. Und Audrey Hepburn, mit ihrer Art und Weise und sie kann nicht wirklich singen, aber macht es ganz fantastisch und überspitzt das, was die Verlegerin da vorgibt. sodass es eine Persiflage wird, finde ich. Und ich weiß nicht ganz genau, wie beabsichtigt das Ganze war.
Florian Bayer: Ich fand tatsächlich auch, dass das einer der Momente war, wo dieses Frauenbild der 50er Jahre so ein bisschen gebrochen wurde. Vor allem, weil, also ich fand es vor allem deswegen gebrochen, weil diese Figur der... Wie heißt sie? Maggie? Diese Figur der Maggie, die das Vortanzt so wenig von diesem Frauenbild hat.
Johannes Franke: Das stimmt.
Florian Bayer: Also sie ist halt auch so großartig, weil sie ist wirklich eine starke Frau. Und sie ist die, die eigentlich die ganze Zeit das ganze Geschehen im Griff hat. Es gibt gerade am Anfang ein paar wundervolle Szenen, wo sie mit ihrer Entourage an Redakteurinnen und die rumkommandiert und sagt, so, mach das mal so, mach das mal so, das ist total scheiße. Und so, ich bestimme jetzt, pink ist die Farbe der Saison. Und dann müssen alle alles in pink machen. Und dann sieht man sogar die Hausmeister, die die Türen pink streichen. Übrigens ein großer Wechsel auch von dieser... Redaktionsbüro-Szene auf einer Musicalbühne. Ohne, dass es komisch ist. Und auch wieder zurück dann. Also es ist ganz fantastisch gemacht. Da, finde ich, wurde das gebrochen. Es gab noch eine zweite Szene im Film, in der ich das Gefühl hatte, dass sie das brechen und das war ... Entschuldigung. Das war der Tanz im Pariser Café von Audrey Hepburn. Weil am Anfang denkt man auch, okay, es ist nichts weiter als ein nettes, oberflächliches... Persiflar-Stück auf europäischen Kunsttanz.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Aber dann entwickelt sich das zu so einem Rausch an Coolness und an Lässigkeit, unterlegt von fantastischer Jazzmusik.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: So ein toller Rausch aus cooler Jazzmusik und aus wirklich ... spannenden Tanz, auch der komplett anders ist als der übliche Musical-Tanz. Und das Beste daran ist, es war für mich die schönste Tanzszene des Films und Fred Astaire sitzt die ganze Zeit nur da und raucht. Und er tanzt tatsächlich nicht mit. Und das finde ich so ein starker Moment, dass sie ... sie tanzt mit diesen beiden Philosophen in dem Café und sie lassen Fred Astaire einfach nur an der Seite sitzen. Und es wäre so leicht gewesen zu sagen, okay, Wir kapern das Ding jetzt, wie sie es später auch so ein bisschen machen. Am Schluss gibt es noch mal eine Tanzszene von Fred Astaire und Kate Thompson. Wo sie so eine europäische, philosophische Party kapern und dann ihre Musical-Nummer machen. Aber in der Szene machen sie das nicht, sondern sie lassen das einfach laufen und beenden es dann auch, ohne dass es zum ... klassischen Musical-Ding wird.
Johannes Franke: Und da möchte ich einhaken mit der Progressivität. Ich glaube, dass diese Szene, wenn man das Werk von Fred Astaire kennt, dann weiß man ungefähr, in welche Richtung er so geht. Ganz im Gegensatz zu Gene Kelly, der ja bei Singing in the Rain getanzt und gesungen hat mit seinen beiden Partnerinnen. Partnerinnen und Partner. Fred Astaire ist sehr viel progressiver und hat sehr viel mehr dieses Jazzige und dieses... Was später eben spannend wird dann auch noch, also wo Gene Kelly sehr klassisch einfach nur Stepptanz ist. Und geniale Ideen hat ein großartig ganz toller Tänzer und Choreograf, die haben ja ihre Sachen selbst choreografiert. die sie da tanzen. Und Fred Astaire ist derjenige gewesen, der immer... immer mehr auf dieses Jazzige und dieses leicht andere und dieses... Ich will woanders hin. Ich will aus dieser Komfortzone raus. Das war Fred Astaire. Und das ist sein Verdienst.
Florian Bayer: Fred, der ist der ältere von den beiden, oder? Vor Gene Kelly war er groß.
Johannes Franke: Sehr gute Frage. Du hast den Laptop.
Florian Bayer: Also für mich war das immer so das Gefühl, dass Fred Astaire, also weniger im Film, sondern mehr auf der Bühne, weil Fred Astaire war doch mit ... Mein Musical-Wissen, was 50er-Jahre betrifft, mein Musical-Wissen allgemein ist echt schlecht. Aber Ginger Roberts, war das Ginger Roberts? Fred Astaire, Broadway... So, geboren 1899, Early Life and Career ab 1916 so ungefähr. Dann gucken wir doch mal ... Gene Kelly. Ja, war definitiv der Jüngere. 1912 geboren. Und ... Stage-Career ging los, ja, eher in den 30ern.
Johannes Franke: Ach so, erst in den 30ern? Ja. Ja, okay.
Florian Bayer: Also offensichtlich, ja. Also ich hatte es auch so im Kopf, dass Fred Astaire eher der Ältere von den beiden ist und auch eher der ... erfahrenere. Und mehr weiß ich nicht über die beiden. Das Hintergrundwissen, was du gerade gebracht hast, das fehlt mir halt, was ihren Musikstil betrifft.
Johannes Franke: Ja, ja. Die beiden haben, es wurde Ihnen oft nachgesagt, dass sie irgendwie sehr konkurrenzbehaftet sind? gearbeitet haben, aber das stimmt so glaube ich nicht, soweit ich das dann errecherchiert habe über die letzten Jahre. Ähm, Die haben ja auch Nummern zusammen gemacht, so Tanznummern, so Specials fürs Fernsehen und so. Die haben super miteinander funktioniert.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber ich finde eben Fred Astaire immer progressiver und spannender und Gene Kelly ähm war großartig in dieser traditionellen Art, diese Tanznummern zu machen und hat ja auch immer sehr viel bombastischer gemacht.
Florian Bayer: Ich glaube, bei Gene Kelly ist das Problem, dass der einfach zu gut aussieht. Bei Fred Astaire hast du immer das Gefühl, der ist halt auch da, weil er wirklich gut tanzen kann.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Weil er hat ja schon so ein bisschen so einen Doofi-Look.
Johannes Franke: Ja, aber man darf Gene Kelly da auch nicht unrecht tun, nur weil er gut ausgesehen hat. Er konnte trotzdem auch... richtig gut tanzen und choreografieren. Also was der für Sachen rausgehauen hat, war schon sehr beeindruckend. Zum Beispiel eben auf Auf Rollschuhen seine Sequenz, die kann man sich auch auf YouTube anschauen. Ist großartig. Fred Astaire hat auch einen auf Rollstuhl gemacht, glaube ich, auf Rollschuhen. Aber ich weiß gerade nicht mehr genau, aus welchem Film das war.
Florian Bayer: Mein Lieblingstanz von Gene Kelly ist der mit, es ist nicht Mickey Mouse, es ist Jerry, glaube ich, aus Tom & Jerry oder zumindest so eine Vorstufe davon. Tanz mit einer Zeichentrickmaus, wo es darum geht, dass ich glaube, die Maus will Seefahrer werden. Und das ist ein Fünf-Minuten-Piece aus irgendeinem Film, aber ich weiß nicht mehr genau aus welchem. Und er tanzt mit dieser Zeichentrick-Maus.
Johannes Franke: Geil.
Florian Bayer: Es ist wirklich großartig. Und wenn man bedenkt, von wann das ist, das ist, glaube ich, aus den 30ern oder 40ern. Ne, wahrscheinlich eher 40ern. Ne, 40er wahrscheinlich dann eher.
Johannes Franke: Weil der erste große Film war Mary Poppins, wo sie angefangen haben zusammen mit Comicfiguren zu tanzen.
Florian Bayer: 1945. Wann war Mary Poppins? 1964. Wow. Okay, krass. Es ist was anderes als Mary Poppins, aber es funktioniert und es ist wirklich beeindruckend, gerade wenn man bedenkt, dass es so alt ist, 1945.
Johannes Franke: Ich werde immer sentimental, wenn ich so an diese alten Sachen denke, weil ich denke, auch Weil ich ja nun auch von der Bühne komme und von der Kleinkunst auch. Ich kann sehr stark wertschätzen, was für Arbeit da drin steckt. Heute kommst du an ein Set als Schauspieler, bringst deinen Text mit im Kopf. Hast vielleicht mal, wenn du Glück hast, mit dem Regisseur vorher darüber gesprochen, wie das... wie die Figur angelegt ist oder wie die Szene sein soll. Aber oft auch überhaupt nicht. Und du drehst einfach. Die Methode aus den 50ern ist völlig anders. Du hast Wochenproben, wochenlang wird darüber geredet, was, wie, wo eingerichtet wird, welche Kamerafahrten du machst. Die Studios werden genau so gebaut, dass die Kamera aus dieser Perspektive dieses Bild hat. Und die Tanznummern werden wochenlang einstudiert und geprobt und probiert. Dann am Tag des Drehs, du arbeitest da so wahnsinnig drauf hin und man sieht es einfach, dass so viel Können drin steckt.
Florian Bayer: Liegt das daran, dass die Hardware heutzutage auch einfach leichter zu handeln ist? Einfach was anderes bedeutet hat, damals eine Kamera umzustellen, als es das heute bedeutet?
Johannes Franke: Definitiv, natürlich. dadurch ist auch alles viel schnelllebiger geworden du kannst heutzutage eine Kamera in die Hand nehmen und damit rausgehen und sagen wir drehen jetzt was Das ging natürlich überhaupt nicht damals, schon allein vom Licht her nicht. Selbst wenn die Kameras klein gewesen wären, hätten die überhaupt nicht genug Licht gehabt.
Florian Bayer: Wir hatten eine ganz spannende Szene im Film, wo wir uns beide angeguckt haben und Johannes dann parallel nochmal recherchiert hat, was da los war und zwar gibt es diese... romantische Szene, die zentrale romantische Szene zwischen Fred Astaire und Audrey Hepburn. Und zwar machen sie einen Fotoshoot in Paris an einer Kirche. Und das ist tatsächlich draußen gedreht. Und das ist so ein krasser Weichzeichnerfilter drauf. Also ich hatte das Gefühl, wenn ich die Zähne zu lange gucke, verliere ich so ein, zwei Dioptrien. Es war wirklich ganz krass, wirklich so verschwommen, dass man kaum was erkennen kann. Und es hat fast so gewirkt, als ob da irgendwas mit dem Film passiert wäre, mit der Qualität des Films.
Johannes Franke: Ja, sie haben dann... vor die Kamera so ein Diffusion-Filter, das war auch zu sehen für mich eben, ich wusste, was für ein Filter das sein muss, hab danach dann gegoogelt und dann hat sich rausgestellt, Auf einer Seite, wo die ganzen Locations, die Sie in Paris besucht haben, aufgezeichnet waren, stand darunter, dass das Wetter an diesem Tag richtig scheiße war. Und dass sie da quasi im Matsch rumgestarkst sind und dann tanzen mussten da im schlechten, also im Matsch im Grunde. Was man dem Film nicht ansieht.
Florian Bayer: Nein, es ist beeindruckend. Man sieht eigentlich einen sonnigen Tag in einem Park vor einer Kirche und es ist schönes Wetter und sie sind einfach glücklich zusammen.
Johannes Franke: Und das haben sie über die Filter geschafft. Und der Filter sorgt halt aber auch dafür, dass so alle Licht, alles, was Licht emittiert, so einen Schein bekommt, so einen eigenen, so eine Helo. Und dadurch kommt dieser Effekt eines Weichzeichners so sehr durch und das sticht total raus aus Was aber auch diesen Charme von den alten Filmen für mich ausmacht. Dass jedes Mal... Man hat technische Unzulänglichkeiten, die einfach dafür sorgen, dass so ein paar Sachen passieren, wo du dich fragst, was ist jetzt los?
Florian Bayer: Es gab zwei Sachen, die bei mir tatsächlich eher so für einen technischen Aha-Moment gesorgt haben. Das war zum einen das in dem Café. Da hatten sie eine sehr dunkle, verrauchte Atmosphäre. Und man hat gesehen, dass sie sich da wirklich Gedanken gemacht haben über die Beleuchtung. Und dass sie es wirklich geschafft haben, so zwischen Nebel und Dunkelheit mit sehr viel Schatten und sehr... sehr starken Kontasten wirklich eine interessante Bildsprache zu machen. Sie haben diese schummrig Atmosphäre von so einem existenzialistischen Kaffee Natürlich total das Klischee, aber das haben sie geschafft, wirklich gut einzufangen. Und das zweite war in der Dunkelkammer. Sie haben eine ganze Tanznummer. in einer Dunkelkammer. Und das ist einfach mal ein Bild, was total gut funktioniert, obwohl es halt einfach mal rot auf schwarz ist.
Johannes Franke: Das ist beeindruckend, ne?
Florian Bayer: Ich fand, das war tatsächlich eine der Musical-Nummern und Tanzeinlagen, die ich weniger toll fand. Aber das Set und die Bildsprache, das war super. Und dann haben sie das zweimal aufgebrochen, indem sie ... ihre Kontur herausstellen, weil er entwickelt halt gerade Fotos und entwickelt gerade ein Foto von ihr und dann gibt's einmal diesen Moment, wo er ein Licht auf sie hält und man sieht sie so in voller Pracht da stehen. Und das ist auch der Moment, in dem Fred ester sieht, oh, sie ist nicht nur ein hässliches Endlein, sie ist ... Sie ist perfekt, also davor war er eigentlich schon der Meinung, aber es ist nochmal so ein verstärkender Moment. Mhm. Und das war wirklich gut gemacht von der Bildsprache und von der Kamera. Und das war technisch auch beeindruckend dafür, dass es Mitte 50er ist.
Johannes Franke: Was würdest du sagen, wenn du vorhin, also ich gehe mal zurück auf die... Du bist ja der Meinung, dass die den Intellektualismus dann nach hinten schieben und ihn verlieren lassen gegen die den Stil und die Modewelt oder so ähm Hast du diese Ironie nicht so stark gesehen wie ich der Mode gegenüber? Also ich meine, der Anfang ist schon sehr deutlich. Sie haben ein großes Problem. Die Verlegerin ist verzweifelt. Oh nein, was machen wir? Wir sind in der Krise. Und dann fällt ihr Blick auf etwas Pinkes und sie sagt, das ist die Lösung, pink. Und ich meine, das schreit vor... verarsche dieser Art und Weise dieser Modewelt.
Florian Bayer: Sie machen am Anfang das, als ich den Anfang gesehen habe, dachte ich, oh super, mach das mit der Modewelt, was Singing in the Rain mit der Filmwelt gemacht hat. Ja. Und das ist total gut. Das hat total gut funktioniert als Parodie, aber auch immer als liebenswerte Parodie. die auch mit einer gewissen Liebe auf diese Welt blickt. Es ist nicht so, da ist keine Verachtung drin. Ich finde, das ist ... Der Unterschied, wenn sie anfangen, die intellektuelle und künstlerische Szene in Frankreich zu parodieren ... steckt da drin eine Menge Verachtung und auch Herablassung.
Johannes Franke: Echt? Die habe ich nicht gesehen.
Florian Bayer: Und es geht nicht, dass ich mich angegriffen gefühlt habe dadurch. Aber ich fand, es war für eine gute Parodie und für eine gute Satire, dafür war es mir zu ... Zu herablassend und zu unempathisch. Das ist halt auch lustiger. die Empathie hat gefehlt. Der Film bringt sehr viel Empathie für die Schrulligkeiten und Dramen der Modewelt mit und sehr wenig Empathie für die Schrulligkeiten und Traben der Philosophen-Szene.
Johannes Franke: Ich habe das Gefühl gehabt, dass sie diese Verachtung versuchen zu vermeiden, indem sie eben etwas nehmen, nämlich Empathie, was eben nicht intellektualisiert werden kann. Und das eben zu nehmen. Und wenn sie jetzt genommen hätten, wirklich, weiß ich nicht, irgendeinen Existenzialismus nochmal deutlich auseinandergenommen hätten, dann hätten sie sich... sehr viel mehr festlegen müssen und sehr viel mehr ... Dann wären sie in Schwulitäten gekommen, glaube ich. Und so haben sie sich raus ... gewunden aus dieser Nummer so ein bisschen und haben etwas genommen, was ganz unrealistisch ist. Ich glaub's.
Florian Bayer: Ich glaube ja, sie haben gerade Empathie genommen, weil ihnen das ermöglicht hat, am Schluss zu sagen, ey, und ihr braucht diesen ganzen intellektuellen Überbau nicht. Ihr müsst einfach nur... euch gegenseitig verstehen. Seht ihr?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Sogar sie hat es begriffen. Sogar Maggie hat es begriffen.
Johannes Franke: Du meinst, ja, hm.
Florian Bayer: Und es wird ja auch, es ist auch so der Charakter von Audrey Hepburn am Anfang. Wenn sie so als Leseratte gezeigt wird, dann ...
Johannes Franke: Sie sagt nichts von Substanz.
Florian Bayer: Genau, genau.
Johannes Franke: Das gebe ich zu.
Florian Bayer: Sie wird nicht als intelligente Frau eingeführt, sondern eher als eine, die einfach...
Johannes Franke: Aber sie versuchen es. Passwörts. Sie versuchen es so ein bisschen. Aber dummerweise haben sie eben nicht geschafft, den Dialog so zu gestalten, dass ich denke, ah, okay, ihr möchte ich wirklich zuhören. Sie hat halt bloß einfach ein paar Stichworte genannt, die dann dem Zuschauer sagen sollen, das ist eine intellektuelle Frau.
Florian Bayer: Das war halt einfach so schwierig, weil man kommt einfach nicht drüber hinweg, wenn man sie am Anfang sieht, sie stecken sie in diesen... in diesen grauen Rock und in diese schwarze Strickjacke und dann hat sie diese Schuhe an, diese massiven Audrey, niemand glaubt dir das Mauerblümchen. Niemand. Und sie ist auch noch geschminkt in der Zähne und mit ihren klassischen Audrey Hepburn-Wimpern. Und sie wird halt inszenieren und alle sagen, sie wird niemals ein Model. Die sieht so lustig aus. Sie hat eine funny face. Ihr Gesicht ist ... ist der Titel, dass sie einen funny face hat. Das ist der Inhalt im ersten Drittel des Films. Und dass niemand glaubt, außer dem Fotografen, dass sie zum Model werden kann. Und es ist so einfach ... Es ist einfach so unglaubwürdig, weil sie sieht so verdammt gut aus. Und sie bewegt sich auch so gut. Und sie versucht dann manchmal ein bisschen tollpatschig zu spielen. Aber sie bewegt sich eigentlich schon in dieser Tollpartigkeit viel zu elegant.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Die Frage ist, ob das in den 50ern anders wahrgenommen wurde vom Publikum.
Florian Bayer: Vielleicht. Ja.
Johannes Franke: Also ich kann mir vorstellen, dass du als Zuschauer natürlich in den 50er Jahren sehr viel naiver an die Sachen rangegangen bist. Ich muss immer wieder, ich habe jetzt The Marvelous Mrs. Maisel angefangen. Es spielt auch... irgendwie, weiß ich nicht, spielt es in den 50ern? Ich weiß nicht, aber das Outfit und die ganzen Sachen sind so, dass man an die 50er denkt. Und sie ist verheiratet, sie geht ins Bett, geschminkt und in voller Montur, hat sich noch natürlich ihr Negligee und so weiter zu sichern. Dann wartet sie, bis ihr schläft, steht auf, geht ins Bad, schminkt sich ab, macht ihre ganze Routine, versucht ihr Gesicht irgendwie wieder... sauber zu kriegen, geht dann ungeschmeckt ins Bett, macht das so, dass die Sonne ihn nicht weckt, aber sie schon, damit sie morgens aufstehen kann, bevor er aufwacht, sich schminkt, die Haare macht und sich dann so ... mit der Frisur ins Bett legt, damit die Frisur nicht irgendwie kaputt geht. Und dann tut sie so, als ob sie nach ihm aufweckt und sagt... ach Mensch, und er sagt, ach, du siehst wieder so großartig aus. Ja. What? Und ich glaube, dass viele, also dass die Männer in dieser Zeit einfach blind waren für sowas.
Florian Bayer: Das kann gut sein.
Johannes Franke: Und dann sitzen die halt in so einem Film und denken sich... Ja, jetzt sieht sie viel besser aus.
Florian Bayer: Das ist so ein Teufelskreis, weil genau solche Filme natürlich daran schuld sind, dass es diesen Blick auf Schönheit gibt. und auf Weiblichkeit gibt.
Johannes Franke: Ja, aber ich glaube, dieser Film so vorsichtig versucht hat, das ein bisschen aufzubrechen.
Florian Bayer: Hat er?
Johannes Franke: Ich glaube schon. Ich glaube schon. Also sehr vorsichtig. Aber da sind wir wieder bei der Frage, wie viel überlässt der Film dem Zuschauer und wie viel muss er mitliefern? Weil natürlich musst du immer daran denken, was bringt der Zuschauer an intellektuellem Vermögen und an Hintergrundwissen mit in so einem Film beim Gucken. Also muss ich den Gag erklären im Film oder überlasse ich dem Zuschauer das?
Florian Bayer: Es ist die Frage, ab welchem Moment es überhaupt als ironischer Bruch bezeichnet werden kann.
Johannes Franke: Richtig. Und ich glaube auch, dass die Modewelt... die Ironie, die Sie da drin haben, streckenweise, wir viel stärker erkennen als manch anderer Zuschauer damals.
Florian Bayer: Das kann gut sein. Ja.
Johannes Franke: Dann war der Film für die Zukunft gedacht. Nein.
Florian Bayer: Der Film war ein Produkt seiner Zeit für seine Zeit und macht auch heute noch verflucht viel Spaß.
Johannes Franke: Ja. Oh, das ist ein schönes Schlusswort. Ich weiß bloß nicht, ob ich nicht noch ein Thema habe, was ich eigentlich behandeln will.
Florian Bayer: Dieser Film hätte in keinem anderen Jahr produziert, gedreht und geschaut werden können als im Jahr 1957. Ja.
Johannes Franke: Ja, aber ich glaube eben, um das Progressive nochmal zusammenzufassen, ich glaube, dass Fred Astaire Sehr progressiv war in seiner Art und Weise, die Tanznummern zu inszenieren und der Regisseur war auch Choreografer. Ich weiß nicht genau, wie die sich das aufgeteilt haben, aber ich weiß das. Fred ist ja einfach immer sehr progressiv wahr in der Form und ich glaube, dass die dass die Ironie, die dieser Film mitbringt, auf die Modewelt bezogen dafür verantwortlich ist mit, dass... die Welt nach und nach angefangen hat, darüber nachzudenken, wie sinnvoll bestimmte Dinge sind. Und man muss sagen ... habe ich jetzt gerade auch noch mal gelesen, dass die Szene, wo Audrey Hepburn da in dem Café tanzt, da trägt sie Ballerinas. Ist mir in keinem Film vorher aufgefallen, dass jemand flache Schuhe in der Form als, auch mit diesem Kostüm, Und das hat ein bisschen bestimmt, was an Mode danach passiert ist.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also ich glaube, das war sehr wegweisend, was da passiert ist.
Florian Bayer: Ich gucke gerade, ich wollte eigentlich versuchen herauszufinden, wenn er ihren Tanz in dem Café choreografiert hat. Weil das wirklich ein verflucht guter Tanz war.
Johannes Franke: Das habe ich vorhin schon versucht rauszufinden. Ich habe halt den Verdacht, dass das Fred Astaire war. Weil ich diese Art von Tanznummern von ihm kenne.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber nun ist der Regisseur auch Choreograf und der wird sicherlich auch noch selber mit dran gearbeitet.
Florian Bayer: Das war auf jeden Fall ein starker, progressiver Moment in dem Film. Was vor allem daran liegt, dass sie wussten, wann die Nummer zu Ende sein muss. Dass sie es nicht Dass sie es nicht haben kapern lassen von einem klassischen Swingdance mit Audrey und Fred, sondern dass sie es einfach haben stehen lassen als das, was es war.
Johannes Franke: Und man muss dazu sagen, dass Audrey Hepburn auch auf eine gewisse Art und Weise... gelernt hat. Also sie hat, ich habe den Namen von ihrem Lehrer vergessen, die hat einen bestimmten Typen gehabt, mit dem sie besonders viel gearbeitet hat, um Tanz zu lernen. Und die waren auch schon auf dieser Schiene. Also die hat sozusagen das schon von klein auf sozusagen mitgebracht. aufgesogen, diese Art und Weise nach vorne zu gehen und nicht im Klassischen zu bleiben.
Florian Bayer: Ja, es ist ja auch tatsächlich, ich meine, wir reden hier auch von 1957, es ist Das ist eigentlich schon die Endzeit des klassischen amerikanischen Filmmusicals und dann Anfang der 60er. Also ich meine, die Musical-Landschaft hat sich in der Zeit oder kurz danach auch wirklich radikal verändert.
Johannes Franke: Danach war noch Maffa Lady, wo übrigens Audrey Hepburn gar nicht selber gesungen hat. weil, wie man in diesem Film gesehen hat, sie gar nicht so richtig geil singen kann, aber ich finde sie hat eine ganz tolle, ganz großartige Stimme. Aber ... Ich glaube, also für mich war der Eindruck immer da, dass Funny Face einer der letzten großen Musicals war. Die große Zeit ist vorbei.
Florian Bayer: Ohne mich gut damit auszukennen, kann ich mir das gut vorstellen. Ich habe gerade mal so schnell gegoogelt, Herr ist zehn Jahre später.
Johannes Franke: Aber Herr ist ja noch mal ganz anders.
Florian Bayer: Ja, ja, West Side Story ist vier Jahre später. Das ist für mich so der Film West Side Story, das ist vier Jahre später. Das ist das, was ich meine. Die Musical-Landschaft hat sich geändert. plötzlich, ernstere Themen in die Musicals. Das ist eigentlich die Zeit, wo ich anfange, auch Musicals zu rezipieren, so die 60er Jahre. Genau, West Side Story ist nur vier Jahre nach diesem Film gemacht worden und Das ist eine komplett andere Herangehensweise an Musicals. Hat nichts mehr mit diesem klassischen Broadway-Schema zu tun oder nur noch wenig.
Johannes Franke: Diese Nähe hatte ich nicht im Kopf. Das ist großartig. Das ist gut zu wissen. Weil das wirklich, dann läutet dieser Film im Grunde wirklich die Veränderung ein und ist dann noch so der letzte Abgesang auf diese Art und Weise Filme zu machen. geht dann über in den Rest und Audrey Hepburn zieht halt dann so in ihren eigentlichen Fame rüber.
Florian Bayer: Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass er die Veränderung einleitet. Ich glaube, er ist eher tatsächlich so ein ... Ich weiß nicht, wenn ich überlege, dass er 1957 gemacht wurde, vielleicht wirklich so ein letztes großes, eines der letzten großen Werke dieser Art von Filmkunst. Und in einigen Momenten, ja, okay, also mit diesem Tanz von Audrey Hepburn gibt's schon so ein antizipierendes Moment.
Johannes Franke: Du hast aber die ganzen anderen Tanzfilme vorher nicht so im Kopf. Weil es wirklich... Die Schemata dieser Sachen sind schon inzwischen ein bisschen aufgebrochen in dem Film. Man hört tatsächlich auch dieses klassische Klack, Klack, Klack bei den Steppennummern nicht mehr, weil es ist auch fast gar keine Steppnummer. in der Form, sondern er hat einen Stierkampf da irgendwie in diesem Foyer vor dem Hotel. vertanzt, aber ohne dieses klassische Stepptanz-Ding.
Florian Bayer: Das ist mir auch aufgefallen. Da war ich auch tatsächlich kurz irritiert. Ich kenne die Filme tatsächlich nicht so gut, aber ich kenne natürlich einzelne Tanzszenen. Und ich dachte auch so ... okay, es ist offensichtlich irgendwie noch dieses Step-Tanz-Ding, aber allein von der Akustik ist es ... Und ich hab mich auch gefragt, warum sie das machen in dem Moment, ohne eine Antwort drauf zu finden.
Johannes Franke: Ja, ist schwer zu sagen. Aber ich nehme schon an, dass der Gedanke war, dass wir das jetzt zehn Jahre lang gemacht haben. Und dass es vielleicht nicht zeitgemäß ist, da so ganz klassische Steppnummern zu bringen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Nichtsdestotrotz, also allein die Existenz und dieser Nummern, wie viele Nummern waren das? 9, 10? Allein in diesem Film. Es war viel, ja. Das ist schon...
Florian Bayer: Also das fand ich war sehr, so wenige Filme ich dieser Art kenne, das fand ich war sehr klassisch, dass... Es ist zwar keine Nummern Revues, aber das klar ist, die Geschichte wird durch die Nummern vorangetrieben. Und wenn es darum geht zu erfahren, wie ein Charakter fühlt, was ein Charakter denkt, dann ist das eine Nummer. Dann ist das kein Dialog, dann ist das kein Monolog, sondern es ist einfach mal... Audrey Hepburn, die darüber singt, wie viel Sehnsucht sie gerade hat.
Johannes Franke: Obwohl man tatsächlich die Kritik in dem... die Kritiker dieses Films damals gesagt haben, dass das die Schwäche des Films ist, dass es nicht... schafft, wie viele Vorbilder wie Singing in the Rain, die Gefühlswelt und die Geschichte voranzubringen, sondern Eher als wir machen hier noch eine Nummer wahrgenommen wurde damals.
Florian Bayer: Ich hatte tatsächlich so ein Gefühl, die Gefühlswelt war eigentlich, also es war einfach alles so ein bisschen mehr an der Oberfläche als bei Singing in Lorraine. Und tatsächlich sogar, wenn er versucht, in die Tiefe zu gehen, waren das eher ... Also die Gesangsszenen, die mir am wenigsten gefallen haben, waren die ... Wo er so versucht hat, in die Tiefe zu gehen, das war vor allem das Lied von Audrey Hepburn am Anfang.
Johannes Franke: Das hat nicht funktioniert.
Florian Bayer: Das war irgendwie so... So ein Liebessehnsuchts- Schmachtlied. Ja, ja, ja. Und auch Fred Astaire's Lobgesang auf ihr funny face, fand ich, war auch ... War auch jetzt nicht so ein starker Song. Und das waren ja so eigentlich die beiden Stücke, in denen er versucht hat, so ein bisschen ... in die Tiefe und in die Gefühlswelt der beiden Charaktere einzutauchen.
Johannes Franke: Der Film hat Glück gehabt, dass das erste Lied Pink, Think Pink, so gut war.
Florian Bayer: Was für ein toller Song.
Johannes Franke: Weil man dann sofort so drin ist und dann verzeiht man denen die beiden Nummern, die danach kommen, die nicht so ganz auf dem Punkt sind.
Florian Bayer: Ja, es war so ein bisschen schade, dass der Film nicht noch ein bisschen mehr damit gespielt hat, mit diesen Momenten, wo das ... und dass das Bühnenhafte aufgebrochen wurde. Es gab was bei FinkPink, wo es diese Bilder dazwischen gab, wo man dann gesehen hat, wie sich die Modewelt ändert. Mhm. Und wo man die Köpfe dann an so Collagen gesehen hat aus Zeitschriften. Super. Und ich hatte, ich weiß nicht, ich glaube, das hätten sie öfter machen können. Es gab eine schöne Musical-Collage, das war auch Bis zum nächsten Mal. Einer der besten Songs, der Paris-Song, Bonjour Paris, wo sie auch schön mit so Collagen, Collage-Stilmitteln gearbeitet haben, wenn sie die drei Charaktere nebeneinander laufen lassen.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: An unterschiedlichen Orten und sie komplett unterschiedliche Interessen haben und sie sich dann diese Interessen doch kumulieren und sie alle zu drei sich auf dem Eiffelturm wieder treffen, fand ich ganz toll. Ich fand es ein bisschen schade, dass er das nicht öfter gemacht hat, weil das waren schöne Momente und er hätte, glaube ich, da ein bisschen... ein bisschen mehr Mut haben können, diese tollen Ideen der Bildsprache öfter zu benutzen.
Johannes Franke: Wobei das viel gemacht wurde damals mit den Collagen vor allem. Splitscreen nicht unbedingt, aber diese ganzen, so wir bilden jetzt Grafiken ein. Das wurde relativ viel gemacht. Vielleicht haben sie es deswegen auch nicht zu viel gemacht, weil sie gedacht haben, naja gut, das haben wir jetzt schon ein paar Mal gesehen. Hm. Aber für die Modewelt hat es sich halt wirklich angeboten, weil das natürlich, das ist das Thema, Fotografien und so grafische Elemente. Vielen Dank.
Florian Bayer: Gut.
Johannes Franke: Hast du noch irgendwas?
Florian Bayer: Nein, wie gesagt. Mein Schlussfazit ist, ein Film aus dem Jahr 1957 für das Jahr 1957 Aber da passt er perfekt rein und mit diesem Wissen macht er auch heute noch Spaß.
Johannes Franke: Vielen Dank, dass du ihn angeguckt hast.
Florian Bayer: Gerne.
Johannes Franke: Ach ja, Plur, bevor wir es vergessen, hast du fürs nächste Mal schon was vorbereitet?
Florian Bayer: Natürlich. Ich glaube, ich quäl dich das nächste Mal wieder ein bisschen mehr.
Johannes Franke: Oh Gott.
Florian Bayer: Und zwar einen Film aus der New French Extremity, einen sehr jungen Film von Gaspar Noé, Climax, ein französischer Tanzfilm oder besser gesagt ein... Hybrid aus Tanzfilm, Horrorfilm, Höllenritt.
Johannes Franke: Das klingt total abstrus.
Florian Bayer: Das wird fantastisch. Oh mein Gott, was gibt es denn von dir?
Johannes Franke: Von mir gibt es einen Klassiker und zwar Monsieur Verdu von Charles Spencer Chaplin. Oh ja.
Florian Bayer: Einer der Charlie Chaplin Filme, die ich noch nicht gesehen habe.
Johannes Franke: Ja, du hast ja auch von den Shorties nicht so viel gesehen.
Florian Bayer: Genau, genau. Ich bin... Alles andere als ein Chaplin-Experte. Aber auf den freue ich mich sehr, zumal ich schon ein paar Mal von dir gehört habe, dass ich den unbedingt gucken sollte.
Johannes Franke: Dringend.
Florian Bayer: Okay, cool.
Johannes Franke: Sehr schön. Ich freue mich drauf.
Florian Bayer: Ja, bis zum nächsten Mal.
Johannes Franke: Bis dann.
Florian Bayer: Ciao.
