Episode 41: Inland Empire
Inland Empire [David Lynch]
(USA 2006)
David Lynch… achja, David Lynch. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Meine erste surreale Filmliebe. Ich war wahrscheinlich 16, als ich zum ersten Mal Lost Highway gesehen habe. Und natürlich habe ich nicht verstanden, was da auf dem Bildschirm vor sich geht. Muss man bei Lynch auch gar nicht, und sollte man wahrscheinlich auch nicht. David Lynchs große surrealen Filme funktionieren nämlich trotz ihres akademischen, experimentellen Gestus vor allem als emotionale Filme, die Unterhaltung und Arthaus, traditionelles Kino und Experiment miteinander verbinden. Sie bedienen sich beim Pulp, beim Mystery, beim Film Noir, beim Horror, beim Thriller und bei der Erotik und zerfransen und zerfasern sich dann aber so, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen Genrefilmen keine kohärente Handlung mehr besitzen. Sie sind Puzzles, die nicht gelöst werden können, nicht gelöst werden wollen. Cineastische Möbiusbänder, auf Zelluloid gebannte Paradoxien. Aber eben auch verflucht unterhaltsame Trips ins Unterbewusstsein. Kein Wunder, dass Lynch als der Mainstreamigste unter den Experimentalfilmern gilt… oder eben auch der experimentellste unter den Mainstream-Regisseuren, je nachdem aus welcher Richtung man kommt.
Dennoch ist sein letzter Langfilm Inland Empire aus dem Jahr 2006 harter Tobak. Wahrscheinlich sein experimentellster und dekonstruktivistischster Film seit seinem Debüt Eraserhead. Zu Gunsten des Spiels mit der damals noch jungen digitalen Videotechnik verzichtet Lynch größtenteils auf die von ihm sonst bekannten düsteren Hochglanzbilder und erzählt in dreckigen, überbelichteten, unterbelichteten, mit dem Look & Feel von homemade Amateurfilmen spielenden Sequenzen die Geschichte von einer Frau in Nöten. So beschreibt er selbst zumindest den Film in einem Satz. Und den Rest sollen wir uns selbst zusammenreimen.
Also dann… ohne groß auf den Inhalt einzugehen und dich möglicherweise zu sehr zu beeinflussen, Johannes. Lass uns ein wenig puzzlen. Lass uns herausfinden, worum es in diesem improvisierten Patchwork-Film geht.
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 41: Inland Empire Publishing Date: 2021-10-13T08:58:27+02:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/10/13/episode-41-inland-empire/
Johannes Franke: Ähm, Plor ist gerade auf Toilette. Ähm, ja, da kommt er gleich wieder. Aber ihr könnt vorspringen. Nutzt die Kapiteleinteilung in unserem Player, um vorzuspringen. Das, was kommt, ist teilweise sehr lang interpretiert und analysiert. Bitte, bitte nutzt einfach diese Funktion. Oh, Plor kommt zurück.
Florian Bayer: Was machst du da? Nichts, nichts, alles gut. Du nimmst doch auf, Moment mal. Johannes, du glaubst wirklich, die Welt braucht einen weiteren Podcast? Nein, eigentlich nicht, aber ich. Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können. Wie wäre es mit Filmen? Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee. Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme.
Johannes Franke: Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde. Und du zeigst mir Filme, die du geil findest.
Florian Bayer: Das heißt so Musicals aus den 50ern? Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme? Mit russischen Untertiteln, von mir, für dich.
Johannes Franke: Oh Gott, okay.
Florian Bayer: Aber du weißt, dass das für Menge Streit sorgen kann. Äh, definitiv, das wird lustig.
Johannes Franke: Herzlich willkommen zum Muss man sehen. Ich muss mal dein Mikro noch ein bisschen, ich hab das Gefühl, das zeigt nicht richtig hier so, da so, okay. Das während wir laufen. Das ist mir jetzt so aufgefallen. Okay, mein Mikro schnell noch. Herzlich willkommen zum Muss man sehen Podcast. Das war bloß ein Ablenkungsmanöver, damit ich die Zuschauer, Zuhörer, verdammt.
Florian Bayer: Ich merk's schon, ZuhörerInnen, bitte.
Johannes Franke: ZuhörerInnen begrüßen kann. Herzlich willkommen beim Muss man sehen Podcast, wo wir, was machen, Plur?
Florian Bayer: Über Filme reden. Und zwar reden wir über sehr unterschiedliche Filme, weil wir einen sehr unterschiedlichen Filmgeschmack haben. Und unser Konzept sieht so aus, dass eine Woche nehmen wir einen Film, den ich vorgeschlagen habe. Den im besten Fall Johannes noch nicht kennt. Und dann gebe ich ihm den als Hausaufgabe auf. Und ich zerpflücke ihn. Und wir reden drüber. Und Johannes ärgert sich darüber, was ich ihm da eingeprockt habe.
Johannes Franke: Weil es meistens irgendwelche obskuren Sachen sind. Aus Ländern, von denen ich nicht immer wusste, dass sie eigenständige Länder sind. Mit Untertiteln von Sprachen, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Flora.
Florian Bayer: Nennen wir sie doch einfach gute Filme. Und die Woche drauf gibt es dann eine Episode, in der wir einen Film besprechen, den mir Johannes vorgeschlagen hat. Und das ist dann meistens so ein Mainstream-Musical aus der tiefsten Giftkiste von Hollywood. mit singenden Bären und irgendeiner Liebesgeschichte, die die Geschlechterklischees aus den 50er Jahren transportiert, obwohl sie aus den 90ern ist. Ach du Scheiße. Nein, nein, nein, nein, obwohl die 90er, egal. Davon, von diesen Musicals, werdet ihr heute allerdings verschont. Denn heute ist einer von meinen Filmen an der Reihe. Einer von diesen obskuren, merkwürdigen Filmen, auf die Johannes überhaupt nicht klarkommt. Ein wahres Wort, Flo. Ein wahres Wort. Der größte obskure Filmemacher, der obskuren Filmemacher überhaupt und tatsächlich auch einer der populärsten. Heute reden wir über David Lynch. Und zwar den aktuellsten, den jüngsten Film von David Lynch. Echt, hat er nichts mehr danach gemacht? Er hat nichts mehr danach gemacht, das war sein letzter großer Langfilm. Also es gibt einiges an Kurzfilmen und Experimenten, er hat ja auch viel Kunst gemacht und Musik. Ein Album ist rausgekommen.
Johannes Franke: Schön, dass du das alles sagst, weil das sind alles Sachen, die er nicht in diesem Film macht. Ja, keine Musik, keine Kunst.
Florian Bayer: Er macht Musik, hallo, das Titelstück ist von ihm, Ghost of Love. Oh, okay. Immer wenn es strange zu hören ist, ist das David Lynch's Stimme, die ordentlich durch einen Verzerrer gejagt wurde, damit man nicht hört, dass er nicht singen kann. Aber dem werden wir alles auf den Grund gehen. Ich freue mich sehr und wir reden heute über Inland Empire aus dem Jahr 2006. Und ich würde uns einfach mal in den Film kurz einführen. Ja, erzähl mal, Flo. Legen wir los. Worum geht's in diesem Film? Das wollte ich dich gerade fragen. David Lynch. Ach ja, David Lynch. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Meine erste surreale Filmliebe. Ich war wahrscheinlich 16, als ich zum ersten Mal das Teilwege gesehen habe. Und natürlich habe ich nicht verstanden, was da auf dem Bildschirm vor sich geht. Muss man bei Lynch auch gar nicht. Und sollte man wahrscheinlich auch nicht. David Lünchs große, surrealen Filme funktionieren nämlich trotz ihrer akademischen, experimentellen Herangehensweise vor allem als emotionale Filme, die Unterhaltung und Arthouse, traditionelles Kino und Experiment miteinander verbinden. Sie bedienen sich beim Pulp, beim Mystery, beim Filmnor, beim Horror, beim Thriller und bei der Erotik und zerfransen und zerfasern sich dann aber so, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen Genrefilmen keine kohärenter Handlung mehr besitzen. Sie sind Puzzles, die nicht gelöst werden können, nicht gelöst werden wollen. Siniastische Möbius-Bänder auf Zilluloid gebannte Paradoxien. Aber eben auch verdammt unterhaltsame Trips ins Unterbewusstsein. Kein Wunder, dass Lynch als der Mainstreamigste unter den Experimentalfilmern gilt. Oder eben auch der Experimentellste unter den Mainstream-Regisseuren. Je nachdem, aus welcher Richtung man kommt. Dennoch ist sein letzter Langfilm, Inland Empire, aus dem Jahr 2006, harter Tobak. Wahrscheinlich sein experimentellster und dekonstruktivistischster Film seit seinem Debüt Eraserhead. Zugunsten des Spiels mit der damals noch jungen digitalen Videotechnik verzichtet Lynch größtenteils auf die von ihm sonst so bekannten düsteren Hochglanzbilder und erzählt in dreckigen, überbelichteten, manchmal unterbelichteten, mit dem Look und Feel von homemade-Amateur-Filmen spielenden Sequenzen die Geschichte von einer Frau in Nöten. So beschreibt er selbst zumindest den Film in einem Satz. Und den Rest sollen wir uns dann zusammenreimen. Also dann. Ohne groß auf den Inhalt einzugehen und dich möglicherweise zu sehr zu beeinflussen. Johannes, lass uns ein wenig puzzeln. Lass uns herausfinden, worum es in diesem improvisierten Patchwork-Film geht.
Johannes Franke: Erste Frage, Plur. Sollte man so einen Film analysieren und interpretieren, verliert er oder gewinnt er dadurch?
Florian Bayer: Man sollte, also er kann nur verlieren. Man selbst kann nur verlieren. Ja, genau. Man sollte es unbedingt versuchen.
Johannes Franke: Okay, also wir haben hier eine Lose-Lose-Situation vor uns. Unter Umständen für unsere Zuhörer eine Win-Win-Situation. Weil wir nur verlieren können und das vielleicht das Vergnügen ausmacht. Aber ich weiß nicht genau, wo wir landen werden am Ende, Plur. Genauso wie ich es beim Film nicht weiß, wo ich am Ende landen werde, weiß ich es bei diesem Gespräch auch nicht.
Florian Bayer: Lass uns doch mal ganz soft starten. Wie hast du den Film wahrgenommen? Wie hast du dich während des Films gefühlt? Wie hast du dich am Ende dieses Films gefühlt?
Johannes Franke: Okay. Ich habe mich die meiste Zeit des Films so gefühlt, als würde ich einer Präsentation von jungen Studenten beiwohnen, die einfach mal so richtig viel Blödsinn zusammenbauen wollten. Die einfach all die verrückten und dekonstruktivistischen Ideen, die sie haben, einfach mal reingeworfen haben. Ich kann leider nur ganz selten David Lynch's Genius da durchsehen. Was er eigentlich hat, muss man schon sagen. Du bist ja auch kein David-Lynch-Hasser, ne? Überhaupt nicht. Du magst David-Lynch-Filme eigentlich. Ich mochte Eraserhead. Das war sein erster und total, total weirder Film. Ich mochte den. Aber ich kann mit diesem Film, ganz ehrlich, es tut mir ganz furchtbar leid, ganz wenig anfangen. Echt?
Florian Bayer: Da bist du auch absolut nicht allein. Ganz viele Menschen, die David Lynch eigentlich mögen, haben auf diesen Film schockiert bis angewidert reagiert, weil es eben diese typischen Trademarks gibt von Lynch, die seine surrealen Werke konsumierbar machen. Also du hast gerade mit der Stirn gerunzelt, als ich gesagt habe, er ist so der Mainstreamigste unter den Surrealisten. Das ist er aber durchaus. Also wenn man sich einen Film wie Lost Highway zum Beispiel anschaut, der Film macht keinen Sinn. Der Film ist ja wirklich gestrickt wie so ein Band, was sich irgendwie um sich selbst dreht und irgendwo gibt es immer ein Loch und es löst sich nicht auf. Aber der Film hat fantastische Bilder. Der Film hat wirklich eine grandiose, düstere Stimmung. Ist so ganz, ganz nah dran an diesen klassischen Filmen der schwarzen Schule, an diesen klassischen Film-Northrillern. Und lebt das einfach auch, lebt diese Liebe zum Film. Genauso wie bei Holland Drive. Auch ein komplett abgefuckter, abgetreter Film. Aber genauso. Er hat wunderschöne Bilder. Er ist in ganz vielen Momenten eine Liebeserklärung an das traditionelle Kino. Er nimmt diese Hollywood-Hochglanz-Optik und schreddert sie einmal. Aber die Optik bleibt intakt.
Johannes Franke: Ja. Die Story ernst zu nehmen und trotzdem am Ende nichts zu wissen und trotzdem zufrieden rauszugehen. Ja. Das schafft er in diesem Film gar nicht.
Florian Bayer: Er hat halt, es ist ein komplett neuer Ansatz von ihm. Es ist tatsächlich das, was man nicht gewohnt hat. Nicht gewohnt ist von ihm.
Johannes Franke: Das ist der Ansatz von jemandem, der seine Kamera mit zum Disneyland nimmt.
Florian Bayer: Das ist der Ansatz von digitaler Videotechnik, ne? Und digitale Videotechnik war damals jung. Ja. Und Lönch hat gesagt, wow, damit ist plötzlich auch viel mehr so improvisiert möglich. Damit ist viel mehr so mit dem Fingerschnippen möglich. Ja. Und lasst uns damit doch mal ein bisschen experimentieren. Und das war von Anfang an der Ansatz dieses Films. Dieser Film ist ein Experiment und dieser Film ist auch ein Patchwork-Film. Let's get technical. Ja.
Johannes Franke: Auf geht's. Er hat gedreht auf der Kamera so einer Low-Res, Low-Res, einer, also unter HD, irgendwo bei, weiß ich nicht, 560x230 Pixel-Kamera, ist die Sony PD-150, also eine Mini-DV-Kamera, also das erste Digitale, was ich auch selber mal in der Hand hatte, ne, damals. Wo ich auch ganz begeistert war von digitalen Möglichkeiten, jaja. Aber es sieht alles schrecklich aus. Also wirklich. Und was er dazu gesagt hat, er meint, er nimmt diese Kamera, weil die Lücken, die entstehen durch die Qualität, die nicht vorhanden ist, geben mehr Raum zum Träumen. Das war sein Satz. Ja. Gibt's Space to Dream? Ich, nein, ich glaube ihm nicht. Es, vor allem, er hat es auch noch verglichen, ganz, ganz gemein verglichen mit der Qualität der Filme der 30er bis 50er Jahre, wo auch die Qualität noch nicht so richtig crispy clear war. Ja. Und dass da auch wohl Room to Dream war, weil das alles nicht ganz perfekt und nicht alles, was seine Interpretation der 50er Jahre betrifft, gebe ich ihm recht. Was seine Analogie zu seinem digitalen Ding betrifft, gebe ich ihm überhaupt nicht recht. Es ist einfach nur crappy und scheiße. Das ist alles. Das glaube ich halt nicht. Doch.
Florian Bayer: Also, wir müssen, wir müssen uns kurz, wir müssen kurz zurückspringen zu der Zeit, als digitale Filmtechnik angefangen hat, als sie tatsächlich bei großen Filmen benutzt wurde. Ich kann mich auch noch daran erinnern, als ich die ersten Filme gesehen habe, die digital gedreht wurden, die im Kino dann liefen. Michael Mann ist so für mich der, der größte Name, der das gemacht hat plötzlich. Musst du mal sagen, was, was der so. Michael Mann ist ein großer, großer Actionregisseur aus den USA, der, also seine bekanntesten Filme sind sowas wie Heat, Collateral, wo er Tom Cruise als Serienkiller losschickt, er hat einen Miami-Wise-Remake gemacht, er hat Public Enemies gemacht, mit Johnny Depp hat John Dillinger gespielt, er hat viele Actionfilme gemacht und er hat Anfang der 2000er auch angefangen digital zu drehen. Und ich kann mich erinnern, ich glaube, so sein erster Digitalfilm, den ich gesehen habe, den ich bewusst als Digitalfilm wahrgenommen habe, und das war wahrscheinlich sogar der erste Film, den ich als Digitalfilm wahrgenommen habe, war Collateral, wo Tom Cruise einen Serienkiller spielt, der mit dem Taxifahrer, mit einem Taxifahrer, gespielt von Jamie Fox, durchs nächtliche Los Angeles fährt und als Auftragsmörder Zeug macht und diesen Taxifahrer quasi als Geisel nimmt. Also eigentlich so ein klassischer Action-Thriller-Stoff und ich habe den gesehen und ich fand das zutiefst verstörend von der Ästhetik und dachte, was ist das? Das gefällt mir nicht.
Johannes Franke: Das sieht komisch aus. Ich erinnere mich auch an die Gespräche damals von aller Welt, was Filmemacher dazu gesagt haben und gesagt haben, um Gottes Willen, lass das sein, das ist furchtbar, das sieht schrecklich aus. 2004 war das, zwei Jahre vor Inland Empire. Was aber Collateral noch richtig gemacht hat, ist eine neue Technik einzuführen und den Rest noch traditionell richtig zu machen, ordentlich Licht zu setzen, den Ton ordentlich zu nehmen, was dieser Film auch nicht ordentlich schafft, die Schauspieler ordentlich zu haben, die Linsen, die man verwendet, nicht auch gleich noch zu ändern und irgendwelche Fisheye-Effekte mit einzubauen. Weißt du, sie haben sich da langsam herangetastet und gesagt, okay, wir nehmen jetzt eine digitale Kamera, aber alles andere muss weiterhin auf Erfahrungen berufen, die wir schon haben.
Florian Bayer: Und trotzdem hat es teilweise diesen falschen Look. Ich kann mich erinnern, wie ich diesen Film gesehen habe. Das ist schon richtig. Und dann auch danach, da war es noch schlimmer, eben bei dem Ninja-Film, den er danach gedreht hat, es war so ein Gefühl von, das ist nicht Kino. Das hat so eine Home-Ästhetik, das wirkt so homemade. Und es gibt so ein paar Momente, gerade in Action-Scenen, wo ich das richtig verstörend fand und wirklich gedacht habe, pfui. Retrospektiv, das ist eigentlich der Punkt, auf den ich hinaus will, finde ich das super spannend, was da passiert. Und es ist tatsächlich eine Ästhetik, die mit dem klassischen Kino bricht, die nicht mehr klassischer Film ist, die aber dadurch tatsächlich neue Bilder generiert. Es ist eine neue Art von Sehen. Vor allem, weil wir eben, wir sind so krass sozialisiert mit dem klassischen 35mm, 70mm Film. Wir wissen, wie ein Film aussehen muss. Wir wissen, wie viele Frames der haben muss. Und alles, was darüber hinausgeht, sorgt für eine Verwirrung. Das ist genau dasselbe wie mit diesem High-Frame-Rate-Gimmick, den Peter Jackson in seinem Hobbit eingesetzt hat, wo du plötzlich dachtest, oh Gott, die bewegen sich alle zu schnell.
Johannes Franke: Ja, kurz zur Erklärung, die das nicht wissen. Das muss man sehen. Lexikon. High-Frame-Rate. Wir drehen Filme in 24 oder 25 Bildern in der Sekunde, die belichtet werden. Daran ist das Auge gewöhnt. Und Peter Jackson war dann bei 48 Bildern. Doppelt. Doppelt. Er hat es einfach verdoppelt. Er hat es einfach verdoppelt. 48 Bilder die Sekunde. Und dadurch wirkt alles wie eine Telenovela vom Gefühl her.
Florian Bayer: Ja, und auch alles zu schnell. Weil wir sind so sehr diese leicht, ein bisschen zu langsamen Bilder gewohnt, dass sobald du mit 48 Frames spielst, hast du das Gefühl, Moment, die Figuren bewegen sich irgendwie zu schnell. Ja, genau. Das wirkt nicht wie Film. Und dann denkt man auch, das wirkt nicht realistisch. Aber unsere Vorstellung von dem, was realistisch ist, ist total gesetzt durch das, was uns Hollywood
Johannes Franke: gesetzt hat. Das heißt, wenn wir damals mit 48 Bildern in der Sekunde angefangen hätten, dann hätten wir uns daran gewöhnt und das als gegeben irgendwie. Und wenn jetzt jemand sozusagen sagen würde, okay, wir machen nicht mehr 48 Frames die Sekunde, sondern nur 24, dann hätten wir auch Schwierigkeiten, uns umzustellen.
Florian Bayer: Den Verfremdungseffekt in die andere Richtung kann man teilweise wahrnehmen, wenn man sich eben Filme aus der Frühzeit des Kinos anschaut, was wir ja gemacht haben. Weil da gab es einfach noch nicht diese Standards, die dann später Hollywood-Filme und auch internationale Filme immer hatten. Und das war so Kraut und Rüben und jeder hat mal was anderes probiert, dann wurden sie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit abgespielt. Genau. Und da hat man auch diesen Verfremdungseffekt und denkt, das sieht aber eigentlich nicht aus, wie ich mir Film vorstelle. Und diese Vorstellung, was ist Film, ist total geprägt von dem, was uns Hollywood gibt. Ja. Und deswegen ist die erste Reaktion, wenn man was anderes sieht, erst mal pfui. Ja, na klar. Das war, das muss man sehen, Lexikon. Man muss kein Filmexperte, man muss keine Filmexpertin sein, um so ein Gefühl dafür zu haben, wie man sich vorstellt, was mit Licht passiert in einem Film, was mit Schärfen passiert, wie die Kontraste sein müssen. Ja. Und das wirft dieses Digitale sehr radikal über den Haufen. Und wie Johannes schon gesagt hat, in den ersten Digitalfilmen haben sie sich sehr stark an traditionellem Kino orientiert. Da haben sie auch teilweise oft Kameras gemischt. Also Michael Mann hat auch nie nur mit einer Digitalkamera gedreht, sondern hat auch klassische 35mm Bilder zusätzlich reingespielt, hat dann noch einen Krisel-Effekt draufgelegt, das versucht quasi, das zu imitieren. Er hat das aus der analogen Welt versucht, im Digitalen neu zu machen. Ja. Und wenn wir uns heute Filme angucken, wird das eigentlich nicht mehr so gemacht. Also mittlerweile ist das Digitale so weit angekommen, dass es da Techniken gibt, dass wir gucken digitale Filme und das ist total okay für uns. Ja, weil die Technik auch inzwischen so weit ist, dass das ansehbar ist. Aber eben auch, weil wir uns daran gewöhnt haben. Also gerade in Verbindung mit HD, das ist so das zweite Ding, die ersten HD-Filme, die ich gesehen habe auf dem Fernseher, war auch so, wow, das ist irgendwie merkwürdig, wo man plötzlich mehr erkennt. Weil HD, also wir sind jetzt bei der Auflösung von einem Film, zeigt uns natürlich mehr Details. Wir sind es aber gewohnt, dass ein Film uns weniger Details zeigt.
Johannes Franke: Wobei im Kino, das was so abgespielt wird im Kino, traditionell würdest du ungefähr bei 2K einsortieren. Also eine höhere Auflösung als HD. Das heißt, eigentlich müsstest du es aus dem Kino gewohnt sein, aber zu Hause am Fernseher kennst du das natürlich nicht. Genau. Und setzt dich im Kino mal direkt vor die Leinwand. Du hast vollkommen recht, natürlich.
Florian Bayer: Und dann ist es auch total verstörend. Ja. Also diese Details zu sehen, das ist halt auch was, was irritiert. Ich will sagen, es gibt sehr viele Momente, wo wir einfach sozialisiert sind, ästhetisch, was Film betrifft. Ja. Und wenn das über Bord geworfen wird, reagieren wir darauf mit Abscheu. Weil wenn ich heute so diese alten digitalen Filme sehe, dann erkenne ich darin auch tatsächlich neue Möglichkeiten anders zu sehen. Und ich sehe das auch als hässlich. Ich sehe die Bilder von diesem Film Endland Empire und denke, wow, krass. Weil er macht, David Lynch macht ganz viel, wo jedes Film, wo jedes Filmbuch sagt, jedes Tutorial sagt, tu das nicht. Ja. Es sind Szenen überbelichtet. Es ist wirklich, du hast teilweise einfach nur weiße Flecken auf dem Bild. Du erkennst nicht, was da passiert, weil zu viel Licht drauf geballert wird. Es sind Szenen unterbelichtet. Du siehst überhaupt nicht, was passiert, weil es einfach ein dunkler Raum ist.
Johannes Franke: Und du bräuchst es aber auch nicht. Die Kamera bedeutet, nur weil du diese, also wenn du dich auf diese Kamera stürzt und sagst, okay, ich will jetzt mit dieser Sony D150 drehen, dann setzt doch wenigstens das Licht ordentlich. Also der hat es in vielen Szenen, hat er ein gutes, ordentliches Licht. Und dann komme ich plötzlich ins Zweifel, ob es noch die gleiche Kamera ist, weil sie plötzlich viel bessere Bilder liefert, weil er das Licht ordentlich einstellt. Und dann gibt es aber Bilder, wo wirklich einfach hinten ein Fenster einfach nur ausgebrannt ist. Und ich denke mir, naja, aber es gibt ja Möglichkeiten, das zu ändern. Du kannst da ein Netz davor tun, was wie so ein Filter, das Licht filtert, sodass draußen nicht so hell ist. Und dann kannst du es angleichen und kannst trotzdem noch die Kamera benutzen und du hast ein schönes Bild statt ein hässliches Bild.
Florian Bayer: Warum macht man das nicht? Ich glaube, das liegt daran, dass der Film wieder zusammengebaut wurde. Ich habe ihn vorhin Patchwork-Film genannt und das ist er. Es gibt, also zum einen gibt es die Sachen, die er vorher produziert hat. Er hat einfach Sachen genommen, die er sowieso schon hatte und hat die reingepflanzt, diese berühmten Hasenszenen. Es gibt immer mal wieder dazwischen diese Hasensitcom, die sie im Fernseher beobachten, wo wir einfach nur ein Wohnzimmer sehen wie in einer klassischen Sitcom. Das sind drei Hasen und die unterhalten sich. Man kann das kaum Unterhaltung nennen, weil sie sagen wirklich einfach verstörende Sachen oder ganz banale Sachen. Und es ist die ganze Zeit eine düstere Atmosphäre und hin und wieder kommt dann das Dosen-Gelächter rein. Das war ein Kurzfilm, den er Jahre zuvor gedreht hatte, eine Kurzfilmreihe von zehn Webfilmen, wo er mit Internet experimentiert hat und die hat er da einfach reingebaut. Offensichtlich war es so, dass die Idee zu dem Film, er hat Laura Dern angerufen und hat gemeint, hey Laura, hast du Lust zu experimentieren? Und Laura Dern hat ja schon öfter mit David Lynch zusammengearbeitet, am bekanntesten wahrscheinlich bei Blue Velvet. Und die hat dann gesagt, hey klar, lass uns loslegen. Und dann ist halt David Lynch mit ihr losgezogen und mit den anderen Leuten und hat gedreht. Und er hat manchmal Sets aufgebaut, er hat Lichter aufgestellt, er hat sich ein bisschen Gedanken gemacht über Kompensation. Aber manchmal hat er auch einfach gesagt, okay, ich habe nochmal eine Idee, lass uns das machen und lass uns hier nochmal drehen. Und dementsprechend die Drehzeit von dem Film war total lange, weil er einfach ganz viel Zeug gedreht hat. Er hatte teilweise kein Skript, er hat den Menschen Sachen reingerufen, die sie sagen sollen, die Leute wussten nicht, was sie drehen. Es gibt ganz tolle Making-of-Videos auf YouTube. Echt? Von dieser einen Szene, zu der kommen wir nachher, wenn wir beim Inhalt sind, es gibt eine Szene, wo Laura Dern auf der Straße ermordet wird und sich dann zu so einer Obdachlosen schleppt und diese Obdachlose fängt dann an zu erzählen und redet dann ganz lange und erzählt so eine Geschichte. Und es gibt Making-of-Behind-the-Scenes, gibt es eine Szene auf YouTube, wo David Lynch mit der Schauspielerin spricht, die das Dreh spielt und die sitzt da total verunsichert. David Lynch ist der freundlichste Mensch, den man sich vorstellen kann und das sagen alle. Bei Dreharbeiten muss der super nett sein und er sagt dann so, hey, mach dir keine Sorgen, wir kriegen das schon hin, pass auf. Du musst einfach unbeteiligt wirken, du guckst in die Kamera und ich rufe dir die Worte zu und du redest die einfach. Du machst das ganz toll, das klappt, das kriegen wir hin. Und ich rufe dir einfach rein, was du sagen musst. Oh mein Gott. Und so sind wohl viele Szenen entstanden. Die Schauspieler, SchauspielerInnen hatten teilweise die Skripts erst am Drehtag. Manchmal hatten sie gar keine Skripts und Lynch hat ihnen Sachen zugerufen. Es sind immer mal wieder Sachen improvisiert worden, auch komplett umgedreht worden. Der ganze Fit, der ganze Titel ist eine Improvisation. Laura Dern hat zu David Lynch gesagt, ach ja, und mein Mann hat sich übrigens im Inland Empire eine Wohnung gekauft und Lynch fand einfach nur diesen Klang so toll. Inland Empire.
Johannes Franke: Wie doof. Ich habe die ganze Zeit versucht rauszugucken, welcher philosophische Unterbau da ist, damit dieser Film so heißen darf. Ich habe herausgefunden, dass es eben so einen ganzen Bereich gibt, der als Inland Empire in Amerika bezeichnet wird, wo die Wohnungen relativ günstig sind. Und wo man gut wohnen kann, um dann nach Los Angeles oder sowas zu commuten, um darüber zu fahren, immer wieder zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.
Florian Bayer: Inland Empire ist so ein bisschen der dreckige, unbeliebte Vorort von Los Angeles, kann man sagen. Vielleicht, wo die wohnen, die es nicht so ganz geschafft haben. Ich meine, wir haben Beverly Hills, da haben wir die großen Villen stehen und du weißt, wenn du in Beverly Hills wohnst, dann hast du es geschafft. Dann bist du in einer schönen Gated Community. Und Inland Empire ist halt irgendwie so eine Siedlung am Rand, die wohl auch extrem hohe Luftverschmutzung hat, weil da ganz viele LKWs durchfahren, die die ganzen Lagerhäuser in L.A. beliefern. Und ja, es ist wohl nicht so der beliebteste Wohnort, aber es ist halt auch so ein Stück L.A. und es ist halt auch so ein Stück Kalifornien.
Johannes Franke: Ja, also, aber passt ja irgendwie trotzdem zum Film, ne? Dort, wo sie die, das Haus, wo die da wohnen, dann ist ja, sieht ja genau so aus, wie ich mir Inland Empire vorstelle.
Florian Bayer: Genau, so ist das auch.
Johannes Franke: Und, ähm, ja.
Florian Bayer: Und es ist ein schönes Kontrastprogramm zu dem Film, den er da vorgemacht hat, der ja auch sich mit Hollywood und der Filmindustrie auseinandergesetzt hat, Malholland Drive, der sich halt eher um diese glitzernde Welt gekümmert hat. Ja. Und offensichtlich scheint sich Inland Empire eher mehr mit der Kehrseite auseinanderzusetzen, mit dem, was am Rand stattfindet. Ja. Mit den, mit den Verlorenen, mit denen, die es nicht geschafft haben. Ja.
Johannes Franke: Ähm, du hast vorhin Patchwork-Film gesagt, wir haben ja auch so ein bisschen den Begriff des Varieté-Filmen, so kommt es mir auch ein bisschen vor. Dass so ein bisschen Sensationen nacheinander geschnitten werden. Und dann, äh, hier stirbt sie, hier hat sie diese Szene, hier hat sie, hier ist plötzlich das Haus, hier ist plötzlich dieser Schatten-Typ, da ist dieses, dieser, weiß nicht, weiß nicht, so einfach reingeworfen und da kommen die Hasen und alle lachen.
Florian Bayer: Es ist so, gestartet sind sie mit dem Monolog, ne? Laura Dern macht einen Monolog bei irgendeinem Menschen, wir wissen nicht, wer es ist und erzählt von einer schrecklichen Kindheit und von Vergewaltigungsversuchen. Das war das Erste, was sie gedreht haben. Und dann hat Lynch angefangen, da nach und nach mehr Szenen hinzupacken und er meinte selbst, während er das gedreht hat, hat er mehr und mehr verstanden, was für eine Geschichte hier erzählt wird, was für eine Geschichte sich da entwickelt. Ja, schön, dass er es verstanden hat. Und er hatte noch, man kann das uns nicht erzählen, was er versteht. Und sein Kommentar war dann irgendwann, ey, passt auf, es ist alles gar nicht so kompliziert. Und wenn man, wenn man genau hinguckt, dann versteht man das schon. Und dann, alle, die an diesem Film mitgemacht haben, alle sagen, sie haben keine Ahnung, worum es geht. Und das ist aber auch so ein Trademark von David Lynch-Filmen, das hast du schon bei Lost Highway, dass du hast Interviews mit den Schauspielern und sie werden dann gefragt, naja, und was bedeutet das in der Story? Und dann sitzen sie da und knabbern an ihren Fingernägeln und sagen so, ja, also er kommt da hin und dann wechselt er die Persönlichkeit. Aber ich weiß auch, keine Ahnung, frag doch mal David. Und Laura Dern und ihr Co-Star, ihr eher Mitschauspieler, der den Devin spielt, Justin Theroux, die sind da sehr offen damit umgegangen und die haben sich in Interviews mehrmals drüber ausgelassen und haben gemeint, wir haben Filmabende gemacht. Wir haben den Film zusammen geguckt und haben gemeinsam da gesessen und gerätselt, was will uns dieser Film erzählen? Geil. Und sie müssen wohl wirklich auch Detektivarbeit gemacht haben, nachdem der Film fertig war, weil sie wussten halt, niemand wusste, was da passiert. Lynch hat halt die Kontrolle über das Projekt. Lynch hat die Einzelzähne, Lynch schneidet das Ding auch am Schluss und sagt, ey, das kann niemand außer mir schneiden, weil niemand weiß, was da los geht. Ja. Und dann saßen sie da wohl und haben versucht, das irgendwie so zurecht zu puzzeln und sie haben schon während der Dreharbeiten gerätselt, wie die Zähne miteinander verbunden sein könnten. Und das muss man natürlich dazu sagen, Lynch-Filme sind keine Rätsel, die man lösen kann. Das ist hoffnungslos. Aber das ist das Krasse, ich will es trotzdem irgendwie.
Johannes Franke: Das ist das Krasse an Lynch. Bei den anderen Filmen bin ich trotzdem einigermaßen, ich komme aus dem Film raus und denke mir, gut, das kann ich jetzt nicht lösen, das kann ich nicht lösen, aber ich habe so eine gefühlte Lösung. Ja. Und das habe ich bei dem Film leider nicht. Ich bin die ganze Zeit am Verzweifeln und will die ganze Zeit so Punkte, Knoten zusammen bringen und Fadenenden irgendwo verknoten, aber das funktioniert halt einfach nicht. Es geht nicht.
Florian Bayer: Ich finde das Krasse bei Lynch und das ist halt auch bei diesem Film, es macht unglaublich viel Spaß zu rätseln, auch wenn du weißt, dass es hoffnungslos ist und ich ärgere mich immer über die, die dann sagen, das gibt es nämlich auch, es gibt zahllose Interpretationen online, es gibt ein ganzes Phantom, also so ein Wiki darüber und ich ärgere mich immer über die, die sagen, ja, ist doch ganz klar, die Geschichte ist so. Und es gibt eben dieses Fandom, also es gibt ein ganzes Wiki nur über diesen Film, wo dann die Story erklärt wird und es ist eine komplett andere Interpretation als die, die ich wählen würde.
Johannes Franke: Aber das ist doch, das ist doch genau das, was David Lynch wahrscheinlich dann, der sitzt dann wahrscheinlich abends vorm Rechner, guckt sich dieses Wiki, diesen Wiki-Thread an und denkt sich, ja, sehr gut, habe ich gut gemacht diesen Film. Nur deswegen hat es sich gelohnt, weil irgendwelche Deppen da sitzen und sich versuchen, irgendwas aus den Fingern zu saugen.
Florian Bayer: Ja, aber das ist ja auch eine Form von Unterhaltung, es ist eine Form von Rätseln, es ist eine Form von Rätselraten, mir hat das bei Lost Highway Spaß gemacht, mir hat das bei Mulholland Drive Spaß gemacht und mir hat das bei diesem Film auch viel Spaß gemacht. Und um das noch dazu zu sagen, David Lynch ist ja, hat zwar immer sehr viel mit Surrealismus gespielt, aber es gibt eigentlich nur vier krasse, surreale Filme von ihm, die wirklich komplett abdrehen, dass man es nicht versteht. Und sein Debüt Eraserhead und selbst das kann man dann ein bisschen rausnehmen, weil da Traum und Realität ganz klar voneinander getrennt sind, das heißt, man kann einfach sagen, das meiste findet im Traum statt und wir können die Traumbilder nicht deuten, aber mein Gott, es sind Träume. Und dann gibt es eben noch seine beiden großen 90er-Filme, die unmittelbar vor Inland Empire entstanden sind, Lost Highway und Mulholland Drive. Aber sonst hat er ja Geschichten gemacht, die zwar surreale Momente haben, die aber trotzdem erklärbar sind, die eine klar nachvollziehbare Handlung haben. Ich mag Lynch am meisten, wenn er am surrealsten ist und das sind diese drei Filme, diese 90er-Jahre-Filme und der 2000er-Filme, das sind meine liebsten Lynch-Filme, die die am meisten abdrehen. Und ich glaube, deswegen ist auch Inland Empire mein allerliebster Lynch, weil der am meisten abdreht, weil er am mutigsten mit diesem Surrealismus und mit dem Experimentalfilm spielt. Und dann hat er wahrscheinlich auch danach gesagt, okay, Schluss. Jetzt habe ich Film einmal durch. Ich mache jetzt was anderes. Oder ich habe jetzt Langfilm durch.
Johannes Franke: Das brauche ich nicht mehr. Aber ich, also das kann ich, das ist eine lässige Haltung, zu sagen, okay, ich ende jetzt mit meinem Filmövre, endet mit einem Homevideo. Das finde ich super. Damit komme ich klar. Ja, aber ich komme mit dem Film natürlich trotzdem nicht. Ja.
Florian Bayer: Es ist hilfreich, dass David Lynch so ein sympathischer Mensch ist. Ja, das stimmt. Immer wenn du Behind-the-Scenes siehst, der hat nichts von diesem, was man vielleicht erwarten würde bei so einem experimentellen Genius, der sich zu ernst nimmt, dass er rumschreit und sagt, nein, der Affe muss da stehen. Das kann nicht sein. Aber so ist David Lynch überhaupt nicht. Der gibt seinen Schauspieler in viel Raum zum Improvisieren und er ist ein total netter Anleiter. Und das finde ich, also das macht es leichter zu sagen, hey, lassen wir uns reinziehen, versuchen wir uns auf diese Welt einzulassen. Schauen wir einfach mal, wo wir rauskommen.
Johannes Franke: Aber weißt du, wenn er seinen Schauspielern viel Raum gibt zum Improvisieren, warum gibt er ihnen nicht wenigstens eine qualitativ einigermaßen hochwertige Plattform? Weil, weißt du, was mein Problem ist? Nachdem ich gelesen habe, dass er gesagt hat, es gibt Room to Dream, wenn die Qualität nicht so da ist und so Lücken entstehen im Bild, so hast du irgendwie mehr Spielraum, so als Zuschauer. Kann man auch als Gewichse hinstellen, aber okay, will ich ihn mal durchgehen lassen. Aber das Problem ist, dadurch, dass er diese Lücken gibt, gibt er keinen Raum zu atmen und zwar den Schauspielern keinen Raum zu atmen. Und die Schauspieler wirken ganz lange Strecken richtig laienhaft.
Florian Bayer: Wirklich?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Laura Dern?
Johannes Franke: Ja, auch Laura Dern.
Florian Bayer: Nein.
Johannes Franke: Auch Laura Dern wirkt oft ganz schlimm laienhaft. Und sie kann genau das gleiche spielen mit viel Budget und einem guten Bild und ich nehme ihr alles ab. Ah, da unterfeinden sich unsere Ansichten komplett. Die arme Schauspielerin tut mir richtig, richtig leid. Ich gucke mir das an und denke, scheiße, ich kann sie nicht mehr ernst nehmen, weil alles drumherum einfach gegen sie arbeitet.
Florian Bayer: Ich finde, sie wirkt so groß in diesem Film. In diesen Momenten, in denen sie verloren ist. In diesen Momenten, in denen sie auch, es gibt ja diese Momente, in denen der Film sich auch über laienhaftes Spiel lustig macht, beziehungsweise über Palp und über Kitsch. Dieser ganze Film, den sie drehen, der so ein bisschen der Rahmen ist, ist ja eigentlich eine Soap. Ja, ja, genau. Und da gibt es ja diese Dialoge, die wirklich komplett durch sind, wo du denkst, oh, sind die albern, sind die kitschig, wenn sich halt zwei, die eine Affäre haben, miteinander unterhalten. Ich finde sie unfassbar gut in diesem Film. Es kann auch sein. Und es ist auch dieses, natürlich, es gibt dieses exaltierte Spiel, es gibt dieses übertriebene Spiel, es gibt dieses falsche Spiel, aber es fügt sich alles zusammen, finde ich. Es gibt diese dilettantischen Momente und diese dilettantischen Momente fügen sich da irgendwie rein, es gibt diese Momente, in denen der Film mit sich selbst bricht und es passt alles bis zu dem Punkt, wo er dann halt ganz am Schluss noch einmal diesen Sweet Moment hat, wo sie alle zusammensitzen, der Abspann läuft und sie haben alle einfach nur Spaß und posten sich zu und lachen.
Johannes Franke: Das ist so eine Studentenidee, es ist unglaublich.
Florian Bayer: Ich bin total begeistert. Jeremy Alter, neuer Produzent des Films, ist irgendwann mal, und da waren sie mittendrin in den Dreharbeiten auf Laura Dern zugegangen, hat gesagt, du, ich fühle mich wie so ein Azubi im ersten Jahr, der losgeschickt wird, der losgeschickt wird, was gibt's, kennst du nicht diese Azubi-Streiche, wo sie halt irgendwas holen müssen? Ja, hol mal die optische Achse von da drüben. Genau sowas. Ich fühle mich total verarscht, weil David hat gesagt, ich soll, er braucht einen Holzfäller und einen Affen und eine einpeinige Frau, der macht doch Witze, oder? Und Laura Dern war dann so, yeah, you're on a Lynch-Movie, dude. Sit back and enjoy the ride. Und dann hat er genau das Zeug gebracht und natürlich haben sie das auch gedreht.
Johannes Franke: Scheiße, Mann. Ja, also ich mein, wenn man das ordentlich mit der Produktion ordentlich bespricht und so, dann kommt's aber nicht zu so einem Moment, wo der Produzent sich fragt, was? Aber das gehört auch dazu. Dass man nichts weiß, dass man von David Lynch einfach sagt, das, das und das und ihr werdet schon sehen, was passiert. Das ist ein großes Spiel, eine große Trollerei auch. Aber weißt du, was dann passiert? Dann passiert nämlich Folgendes. Du hast eine Laura Dern, die in der einen Szene etwas spielt, was nichts, aber auch gar nichts mit der nächsten Szene zu tun hat. Ja, hast du. Und man weiß, dass die arme Frau nicht wusste, was vorher passiert und was als nächstes passieren wird und deswegen überhaupt kein konsistentes Spiel hinkriegen kann. Es geht einfach nicht. Du kannst es als Schauspieler nicht ordentlich spielen, weil du eigentlich, und das tut sie ganz oft in einem Film und das finde ich fast schon wieder wahnsinnig witzig, sie guckt oft fassungslos und ich denke oft, sie hat David Lynch vor sich und denkt einfach
Florian Bayer: nur, what is happening und guckt entsprechend und es passt irgendwie zur Szene, glücklicherweise. Aber das ist ja auch ein Thema von dem Film. Es geht ja darum, dass du nicht weißt, was passieren wird, was passiert ist. Ganz oft kommt es zu diesen Dialogfetzen, wo die Leute in dem Film sagen, ich habe keine Ahnung, was vorher und was nachher war. Ich weiß nicht, ob das jetzt in der Vergangenheit liegt. Ist das heute Morgen oder gestern? Genau. Das ist ja ein ganz großes Thema von dem Film, dieser Verlust der Wahrnehmung und diese Hilflosigkeit in der Wahrnehmung, wenn man eben nicht mehr weiß, was wann war, was wann sein wird und sich die Zeiten miteinander irgendwie vermählen und plötzlich das eigene Leben und das eigene Bewusstsein keinen Sinn mehr macht.
Johannes Franke: Ja, aber dann muss David Lynch noch konsequenter darauf verzichten, irgendeine Story oder einen roten Faden zu haben. Den hat er schon fast nicht, aber wenn du mal ein kleines bisschen Faden in die Finger bekommst, dann willst du dem folgen können. Dann will ich aber auch, dass der Schauspieler dem folgt, damit ich eine Chance habe. Wieso der Schauspieler?
Florian Bayer: Die Rolle, die Figur, die der Schauspieler spielt, ist genauso lost wie du. Und wenn der Schauspieler auch so lost ist, dann ist das doch perfekt. Ja, aber du hast ja innerhalb... Maffet acting, verdammt nochmal.
Johannes Franke: Das Problem ist aber, dass du ja drehtechnisch drehst du ja zum Beispiel nur eine Perspektive erstmal und dann drehst du die andere Perspektive und die müssen zusammenpassen. Und wenn die schon nicht zusammenpassen, weil irgendwas zwischendrin passiert ist und David Lynch gesagt hat, ach komm, wir machen jetzt noch das und wir machen jetzt noch das, dann passt das ja im Schnitzel nicht mal zusammen.
Florian Bayer: Aber wenn die Ereignisse im Film, wenn die Ereignisse in der Handlung auch nicht zusammen passen, dann passt auch deine Reaktion nicht zusammen. Lass uns mal in die Geschichte reingehen. Lass uns mal versuchen, ein bisschen zu rätseln, okay? Ganz vorsichtig, wir machen das ganz soft, wir steigen ganz soft ein. Es gibt ein Konzept in der Philosophie, das heißt, du bist kein Philosoph. Doch, du bist ein Philosoph, aber du hast keine Philosophie studiert. Von Edmund Husserl, der war ein ganz großer Phänomenologe, Anfang des 20. Jahrhunderts und der hat ein Konzept entwickelt, das heißt eidetische Reduktion. Da geht es darum, dass wenn einem ein Phänomen zu komplex vorkommt, was eigentlich immer so ist, wenn man die Welt betrachtet, nicht ein Phänomen, das Phänomen ist das, wo wir hinkommen wollen, wenn man die Welt betrachtet, ist da sehr viel Komplexität. Und wenn man verstehen will, wie Dinge funktionieren, ist es manchmal der richtige Weg, nicht die Komplexität zu nehmen, sondern eben die eigene Perspektive zu reduzieren. Das heißt, wir versuchen Sachen auszuklammern. Diese Reduktion ist eine Ausklammerung. Das heißt, du sagst, du versuchst auszuklammern, was du über den Zustand der Welt weißt. Du versuchst auszuklammern, was du gelernt hast. Du versuchst auszuklammern, was die Gesellschaft dir mitgegeben hat und so weiter. Du versuchst, dass so gut es geht und dann kommst du dem näher, was die einzelnen Phänomene sind.
Johannes Franke: Okay, David Lundstein, großer Fan davon zu sein. Einfach alles auszuklammern, was an Erfahrung da ist und dem Zuschauer auch keine Chance zu geben, an die eigene Erfahrung anzudocken.
Florian Bayer: Wir müssen ausklammern. Wir müssen versuchen herauszufinden, was die Kerne sind, die da stattfinden. Und es gibt leider mehrere Kerne. Es gibt nicht so einen Kern. Und wir müssen versuchen herauszufinden, was für Geschichten da erzählt werden. Und dazu müssen wir kurz ignorieren, wie diese Geschichten zusammenhängen. Und dann können wir vielleicht, wenn wir das verstanden haben, welchen einzelnen Geschichten da erzählt werden, schaffen wir es vielleicht, nochmal zu gucken, und wo sind jetzt die Gemeinsamkeiten von den Geschichten und wie können wir die verbinden?
Johannes Franke: Okay. Du erzählst mir, was der Film drumherum ist. Ich erzähle dir, was im Film selbst, in dem Film, der gedreht wird, passiert. Und dann gucken wir mal, was die komische andere Figur da diesen Film guckt, macht.
Florian Bayer: Genau, es gibt, ich habe vier.
Johannes Franke: Das ist vier.
Florian Bayer: Ich habe vier raus, aber du hast schon drei davon genannt, das ist super. Und viertes gibt es noch, dazu kommen wir gleich. Und wahrscheinlich hängen sogar zwei, ist der Zusammenhang ziemlich obvious. Okay. Soll ich anfangen? Fang an. Also die Geschichte von dem Film, die tatsächlich am Anfang, nachdem so ein bisschen sehr experimentelle Einleitung kam, zu der wir gleich kommen, wirkt, als ob sie die Haupthandlung wäre. Das ist die Geschichte von der Schauspielerin Niki, die einen sehr reichen Ehemann hat, Björd Dreck. Und Niki kriegt eine wichtige Filmrolle, On High in Blue Tomorrows. Offensichtlich hat sie sich sehr darum bemüht, diese Rolle zu kriegen. Du siehst die Klammer schon sehr viel aus, was das Surreale ist, dazwischen passiert. Ihr Mitschauspieler ist Devin Burke, der offensichtlich den Ruf hat, ein Womanizer zu sein und öfter mal mit seinen Schauspielerinnen, mit denen er dreht, Affären anfängt. Und ihm wird dann schon ziemlich früh zu Beginn der Dreharbeiten gesagt, du aber von Niki lässt du lieber die Finger, weil deren Mann ist sehr eifersüchtig und mit dem kannst du richtig Ärger kriegen. Lass da mal lieber die Finger davon. Und Devin macht sich noch drüber lustig und sagt, ach Quatsch, die ist überhaupt gar nicht das, woran ich Interesse habe, mit der werde ich sowieso nichts anfangen. Aber sie hat einen knackigen Arsch. Das ist ungefähr der Dialog, der da stattfindet. Und sie drehen dann gemeinsam diesen Film, der offensichtlich ein ziemliches Soap ist. Weil es geht um eine Affäre von zwei Menschen, die verheiratet sind. Aber dazu kommst du gleich. Das sind wir schon in der zweiten Handlung. Und sie scheinen während diesen Dreharbeiten trotzdem eine Affäre zu beginnen. Es wird angedeutet in den Dialogen, so behind the scenes sieht man, wie sie da sitzen. Teilweise in ihren Rollen noch miteinander flirten und Witze machen. Aber sie scheinen sich irgendwie zueinander hingezogen zu fühlen. Während dieses Films kommt heraus, das erzählt ihnen der Regisseur, der von Jeremy Irons gespielt wird, dass der Film gar kein Originalfilm ist, sondern anscheinend ein Remake von einem früheren Film, der nie fertiggestellt wurde und der auf einer alten polnischen Legende beruht, die von umherziehenden Personen, Gypsies sagen sie in diesem Film, erzählt wurde. Und dieser Film wurde nie beendet, weil die Hauptdarsteller ermordet wurden. Und das könnte, niemand sagt das direkt, dass das mit der Legende zusammenhängen könnte, aber irgendwie ist es merkwürdig. Und dann beginnt Niki, Realität und Filme mehr und mehr durcheinander zu werfen. Und das ist eigentlich schon diese grobe erste Geschichte. Okay. Was passiert in dem Film?
Johannes Franke: Der Film, den sie da drehen, im Film, handelt von Susan Blue, die verheiratet ist mit Piotrk?
Florian Bayer: Ja, der in dem Film anders heißt. Aber ich weiß nicht, wie er heißt. Es wird nicht 100% gesagt, wahrscheinlich Smithy. Erzähl mal weiter, weil vielleicht reduzierst du nicht so weit, wie ich reduzieren würde. Aber erzähl mal weiter.
Johannes Franke: Die leben in einem Haus im Inland Empire quasi. Inland Empire, ja.
Florian Bayer: Im Bereich.
Johannes Franke: Sie ist unglücklich in der Ehe, findet einen tollen Typen namens Billy. Den findet sie toll. Diotrek erwischt sie mit ihm im Bett. Sagt aber nichts. Steht einfach nur da. Guckt böse. Guckt böse. Sehr böse. Dann wird sie anscheinend schwanger. Sue stürmt, äh, Moment. Genau, Sue stürmt dann in das Haus, mit dem sie der Affäre hat und gesteht ihm ihre Liebe. Während er aber eigentlich eine andere Familie hat anscheinend. Oder sowas. Weiß ich nicht mehr genau. Stimmt das so? Ich weiß es nicht. Mein Gefühl davon, was da passiert. Versuch's, mach weiter, ist super. Dann, Diotrek haut dann irgendwann, der Typ haut dann mit dem Zirkus ab. Ja, die haben alle irgendwie welche komischen Sachen gemacht, Fähigkeiten oder was, keine Ahnung. Und dann läuft irgendwie, also kriegt Sue auch noch ihr Kind, glaube ich, und das stirbt dann irgendwann. Und dann am Ende läuft Sue in dem Film, was wir erst glauben, dass es Niki ist, durch die Straßen fängt mit Prostituierten anzureden. Und stirbt dann dort durch eine Frau, die einen Schraubendreher in den Körper rammt.
Florian Bayer: Ich glaube, du hast nicht genug reduziert. Du hast es ganz toll gemacht. Ich möchte dir auf die Schulter klopfen und sagen, dass alles gut wird. Vielen Dank. Ich glaube, du hast nicht. Ich habe sehr viel Aufwand betrieben, das überhaupt hinzukriegen. Ich glaube, du hast die zweite und die dritte Handlung, die ich unterscheiden würde, hast du miteinander kombiniert. Oh, okay. Also, wir wissen nicht viel, worum es in On High in Blue Tomorrows geht, weil wir können uns meiner Meinung nach wirklich nur auf die Bilder stürzen, die wir sehen, wenn wirklich gedreht wird. Und das sind zwei, drei Szenen, wo wir wirklich die Dreharbeiten sehen. Ja, das ist Interpretation schon, das stimmt. Genau. Lass uns mal kurz soweit reduzieren, weil wir wissen nicht, ob das der Film ist, was du gerade anderes noch erzählt hast. Was wir wissen, was in On High in Blue Tomorrows passiert ist, dass es eben diese Sue gibt und es gibt diesen Billy. Und die leben offensichtlich in den Südstaaten. Also, von dem Akzent, den sie spielen, klingt es eher so nach Südstaaten. Und sie haben auch eher so schicke Klamotten an. Es scheint auch nicht in unserer Zeit zu spielen unbedingt. Und sie fangen eine Affäre miteinander an, obwohl Sue, Susan verheiratet ist und Billy verheiratet ist. Mhm. Und sie fangen eine Affäre miteinander an und Billy hat auch ein Kind, das wissen wir, und eine Frau. Und das ist alles. Das ist alles, was wir wissen?
Johannes Franke: Das ist alles, was wir von dem Film wissen. Okay, dann war ich schon sehr schnell mit der Interpretation, was eigentlich gedreht wird und was nicht.
Florian Bayer: Okay. Ich würde sagen, was dann als drittes passiert, ist eine andere Geschichte nochmal, die mit Sicherheit irgendeine Verknüpfung hat. Aber wir müssen die Verknüpfung kurz weglassen. Mhm. Okay. Die dritte Geschichte. Die ist die, die im Inland Empire spielt. Kurze Frage an die Zuhörer. Seid ihr noch dran? Versucht's. Versucht's. Gebt uns eine Chance. Ihr sollt, wenn ihr den Film gesehen habt. Also, ich glaube tatsächlich, das ist eine Episode. Es hilft, wenn man den Film vorher gesehen hat. Weil sonst hört man halt zwei Leuten zu, die versuchen irgendwie Sinn zu finden. Und so kann man mit Sinn suchen.
Johannes Franke: Ich möchte dem widersprechen. Ich glaube nicht, dass es hilft, den Film gesehen zu haben. Aber gut. Also.
Florian Bayer: Ich ignoriere das. Ja. Wir haben in der dritten Geschichte Sue. Ja. Die verheiratet ist mit einem Smithy. Und die leben gemeinsam in einem Empire. Wie Johannes richtig gesagt hat, ist sie nicht so wirklich glücklich in dieser Ehe. Sie will eigentlich ein Kind. Sie kümmert sich viel ums Haus. Und Smithy ist eigentlich nie da. Der treibt sich mit irgendwelchen merkwürdigen polnischen Leuten rum. Aus dem Zirkus. Aus dem Zirkus. Und es gibt irgendeinen merkwürdigen Typen, der diesen Smithy offensichtlich ziemlich krass beeinflusst. Irgendeinen Verbrecher, der böse ist. Und Smithy haut irgendwann ab mit diesen Leuten, mit dem Zirkus nach Osteuropa. Und verprügelt davor noch einmal Sue, nachdem sie ihm gesagt hat, dass sie schwanger ist. Und sagt, du willst nicht, dass ich Vater werde. Ich bin nicht dafür gemacht, Vater zu sein. Du kennst nicht meine Geheimnisse. Und haut dann ab. Und sie landet offensichtlich irgendwie auf den Straßen von L.A. dann. Verliert vielleicht das Haus. Vielleicht hatten sie Schulden. Es kommt eine Frau zu ihr, die sagt, es gibt irgendwie Schulden, die eingetrieben werden müssen. Ihr Mann hatte dunkle Geheimnisse, von denen sie nichts wusste. Und sie landet auf der Straße von L.A. und arbeitet da dann als Prostituierte.
Johannes Franke: Und das würdest du sagen, ist eine andere Geschichte als der Film, den sie drehen? Ja.
Florian Bayer: Die Bilder sind komplett anders als das, was wir am Set haben. Die Kostüme sind komplett anders. Die Art zu reden ist komplett anders. Okay. Es sei denn, sie drehen einen David-Lynch-Film. Ja, ja. Aber das tun sie auf jeden Fall. Das muss ich schon sagen. Vielleicht ist es auch dasselbe. Aber da müssen wir kurz abwarten. Okay. Da können wir gleich drauf kommen. Ich würde die Geschichten aber erst mal trennen, weil diese Sue, die im Inland Empire lebt, so komplett anders ist als diese Susan Blue, die wir in den wenigen Szenen sehen, die gedreht werden. Sie trägt eben nicht diese schicken Südstaatenkleider. Ja. Sie redet nicht in diesem feinen Südstaaten-Akzent, sondern sie redet halt wie so eine... Naja, sie redet halt wie so eine L.A. Sie landet auf der Straße und jemand will sie umbringen. Genau. Davor hat sie Angst. Sie wird verfolgt von einer Frau. Und sie flieht vor dieser Frau und landet dann in irgendeinem Gebäude, wo sie glaubt, dass ihr jemand helfen kann, weil ihr das zugeflüstert wurde. Also, das ist so ein Typ, es könnte eine Detektei sein, es könnte ein Detektiv sein, es könnte irgendein Gangsterboss sein oder so, aber dem erzählt sie lang und breit ihre Lebensgeschichte. Der sieht nicht aus wie ein Gangsterboss. Nee, wie sieht der denn aus? Der sieht aus wie ein Buchhalter. Wie ein Buchhalter, ja, wie ein Sachbearbeiter. Ich fand, er hat so leichte Detektiv-Vibes, hat er versprüht. Aber er ist auch keine große Hilfe, ne? Sie redet ganz lange mit ihm und er geht dann irgendwann ans Telefon und dann haut sie ab. Ja. Und dann wird sie von dieser Frau, die sie ermorden will, gestellt und ermordet. Ja.
Johannes Franke: Schluss aus. Und Ende. Aber dann sehen wir ja die Kamera.
Florian Bayer: Noch nicht verknüpfen, noch nicht verknüpfen, noch nicht verknüpfen.
Johannes Franke: Stimmt.
Florian Bayer: Dazu kommen wir gleich, dazu kommen wir gleich. Aber deswegen habe ich es ja zusammengeworfen. Deswegen hast du es zusammengeworfen. Aber wir wollen reduzieren. Wir wollen nicht, wir wollen, wir wollen erstmal die einzelnen, einzelnen Sprengsel und dann verbinden wir sie.
Johannes Franke: Okay. Was ihr nicht sehen könnt, Plur hat so eine riesige Blackboard, so eine riesige Tafel, man hat alles aufgeschrieben. Da eine Grafik, da eine Grafik, wo, jetzt müssen wir mal gucken, dass du das verknüpft, okay?
Florian Bayer: Es gibt diese tolle Szene in A Beautiful Mind, wo die Frau von dem, wie heißt der, dem Mathematiker? Ich habe keine Ahnung, wie er heißt. Irgendwann in seinen Heim, in seinen Man Cave geht, seinen Kapuff und dann sieht sie diese ganzen Zeitungsausschnitte und diese ganzen Verknüpfungen. Genauso sieht es hier aus, genau so sieht es hier aus gerade, ja. Die vierte Geschichte, die meiner Meinung nach die wesentliche Geschichte ist, die Rahmenhandlung, die Geschichte, die alles zusammenführen wird. Das wird uns Johannes gleich erklären. Kein Problem. Die vierte Geschichte ist die Geschichte von einer jungen Prostituierten. Die in einem Zimmer sitzt, weint und guckt. Die in einem Zimmer sitzt und vor einem Fernseher sitzt, auf dem Rauschen zu sehen ist und sie weint. Nicht nur Rauschen zu sehen, da ist der Film zu sehen. Da ist dann auch nachher der Film zu sehen. Wir müssen überlegen, ob tatsächlich der Film da zu sehen ist. Okay, reduzieren, reduzieren. Sie wurde davor von einem Freier geschlagen, der ihr ziemlich Angst gemacht hat und der irgendwie auch wirklich unangenehm zu ihr war. So sehr besitzergreifend und offensichtlich auch sehr eifersüchtig und einfach Kontrolle über sie haben wollte. Sie schaut sich traurig im TV dieses Rauschen an und im TV werden dann irgendwann diese Bilder gezeigt von dieser Geschichte von Nikki und von Sue. Und am Ende dieser Geschichte wird dieser Freier, den sie hatte, von Nikki getötet oder von Sue getötet. Aber auf jeden Fall von der Person, die von Laura Dern gespielt wird. Und das scheint so eine Art Erlösung für diese junge Prostituierte zu sein, weil nachdem sie das dann gesehen hat, verlässt sie dieses Hotel, in dem sie ist. Und plötzlich ist sie total glücklich. Und ist plötzlich in der Wohnung im Inland Empire und ist mit Pjotrek offensichtlich zusammen oder Smithy, wie auch immer. Und die haben auch einen Sohn zusammen und das ist das Happy End für sie. Das sind unsere vier Geschichten.
Johannes Franke: Ja, worauf du vielleicht hinaus willst, wenn wir jetzt verknüpfen, verknüpfen wir jetzt. Jetzt fangen wir an. Jetzt fangen wir an, Fäden zu knüpfen. Okay, Flora. Dann ist natürlich jetzt eigentlich das Erste, was man sagen wollen würde, dass diese Frau vor dem Fernseher, die ist, um die es geht. Die eigentliche Figur, alles andere passiert nicht wirklich, sondern in ihrem Fernseherkopf. In ihrem Kopf. Nein.
Florian Bayer: Also ihre Psyche. Das würde ich nicht sagen.
Johannes Franke: Also das wäre jetzt die erste Interpretation. Sie verarbeitet, was sie erlebt und versucht da sich rein zu, durch den Fernseher, Medienkritik und Medien, so und so weiter, ihr Leben zu sortieren.
Florian Bayer: Das ist der bequemste Ausweg. Das haben sie auch bei Malhollentrive gemacht. Es gab irgendwann mal eine Interpretation von Malhollentrive. Da hat jemand gesagt, so, ich habe den Film jetzt gelöst. Lest euch das mal durch. Macht total Sinn. Die ersten zwei Drittel des Films sind einfach ein Traum. Und damit ist alles erklärt. Wenn du sagst, es ist ein Traum, ist alles möglich. Ich will keine Trauminterpretation. Gut, okay, danke.
Johannes Franke: Das ist nämlich wirklich wohlfeil und billig. Weil die finde ich nämlich auch die langweiligste. Weil das ist so ein, warum haben wir mit, wie gefiebert? Ach, ich weiß auch nicht so genau. Gut, was soll's. Wenn alles nicht wirklich passiert ist, ist es egal.
Florian Bayer: Wenn alles ein Traum ist, genau. Dann kannst du natürlich auch alles reinpacken. Auch die Hasen, die miteinander telefonieren. Genau. Okay. Versuchen wir mal Verbindungen zu knüpfen. Also die offensichtlichste Verbindung ist, in dieser dritten Geschichte aus dem Inland Empire, dieses Zoo, wird von derselben Schauspielerin gespielt, von Laura Dern, wie die Nikki. Das heißt, es gibt offensichtlich da irgendeine Verbindung. Deine Verknüpfung, die du gemacht hast, die natürlich total naheliegend ist, ist, wir erleben hier diesen Film, den sie drehen. On High in Blue Tomorrows. Das ist die Filmhandlung. Dann muss man halt versuchen zu erklären, warum ändert sich die Filmhandlung auf einmal so radikal? Warum kommen wir plötzlich von diesem Südstaatenambiente zu einem L.A. des 20., 21. Jahrhunderts? Und warum kommen wir plötzlich von diesem edlen High-Society-Soap-Setting zu einer Prostituierten auf der Straße, die halt echt abgefuckt und abgeranzt redet?
Johannes Franke: Also meine Erklärung beim Gucken, zu einer Frage, die ich mir nicht stelle beim Gucken, weil, und die Erklärung ganz simpel ist, David Lynch haut da einen Haufen Scheiß zusammen. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen darum, warum das eine plötzlich so ist und das andere plötzlich so ist. Das ist mir sowas von wurscht. Er hat mir das so oft um die Ohren gehauen, irgendwelche Dinge, dass ich darüber überhaupt nicht nachdenke. Wozu auch? Demnächst passiert sowieso der nächste Scheiß.
Florian Bayer: Okay, damit können wir wenig arbeiten. Du siehst, dass wir damit in eine Sackgasse laufen, oder? Ja, ich fühle mich, glaube ich, in der Sackgasse ganz gewohlen. Ich will mal versuchen, eine Möglichkeit anzubieten. Okay, okay. Was wir in dieser Geschichte ja auch haben, ist, es gibt noch eine zweite Person, die wiederholt wird. Und zwar ist das der Ehemann von Nicky, ist Biotrek. Das ist derselbe Mann wie dieser Smithy, der mit der Sue zusammen ist. Ja. Und übrigens kommt in dieser Inland Empire-Geschichte, kommt der Devin überhaupt gar nicht vor. Der spielt plötzlich überhaupt keine Rolle mehr. Das heißt, der schien am Anfang so ein bisschen so ein Sprungbrett zu sein, um die Geschichte in Gang zu setzen. Die Affäre mit ihm sorgt ja auch dafür, dass Nicky so den Bezug zur Realität verliert und Film und Realität durcheinander wirft. Übrigens, ich weiß nicht, du kannst gerne mal sagen, wenn da zwischen Szenen kommen, wo du sagst, hey, die war aber wirklich gut gemacht. Ich finde, es ist eine super Szene, wenn Nicky mit Devin redet, als sie offensichtlich schon die Affäre haben und zu ihm sagt, ich glaube, mein Mann weiß was. Wir müssen aufpassen. Und dann sagt sie, oh mein Gott, das klingt ja wie ein Dialog aus unserem Film und lacht hysterisch. Und dann hört man im Hintergrund plötzlich den Regisseur, wie er sagt, und Schnitt, was ist denn hier los? Jetzt mal wieder zurück auf Anfang, was redest du denn da?
Johannes Franke: Das war die erste Szene, wo ich gedacht habe, uh, da schreibe ich mir auf, hier bin ich plötzlich im Film drin. Hier möchte ich gerne weiter gucken. Aber das hat nicht lange angehalten.
Florian Bayer: Also es gibt diese zwei Personen, die in beiden Handlungen vorkommen. Nicky und Biotrek. Warum sollte dieser Biotrek in den Film reingeschrieben werden? Meine Interpretation ist, was die Verknüpfung von den beiden ist, es werden hier Varianten aufgetan. Und zwar versucht uns der Film zu erzählen oder ist so ein bisschen das Overall-Theme von dem Film. Es gibt Varianten von deinem Leben. Und dass du in dieser einen Variante von deinem Leben bist, von deinem möglichen Leben, hängt auch stark mit dem Zufall zusammen. Hey, guck mal, hier bist du die Schauspielerin. Und hier ist dein Mann der reiche, eifersüchtige, unbarmherzige Kerl. Und guck mal, hier bist du die Frau, die komplett am Rande ist, die irgendwie kein richtiges Leben hat, die sich auch vielleicht nach einem anderen Leben sehnt und die von ihrem Mann verlassen wird. Ich habe eine Zwischenfrage, Florian.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Wie oft hast du den Film gesehen?
Johannes Franke: Nicht so oft. Vielleicht viermal, vielleicht fünfmal, so um den Dreh. Okay. Ich habe ihn jetzt genau einmal gesehen und ich steige ziemlich schnell aus, wenn es darum geht, so Details zu verknüpfen. Okay. Weil ich dann denke, ja stimmt, da war irgendjemand, der sah auch so aus wie der andere. Ja, stimmt. Aber was hat er noch gemacht? Ich habe keine Ahnung.
Florian Bayer: Diese Rolle von Laura Dern hat in beiden Geschichten denselben Mann. Ja, okay. In der einen Geschichte heißt er Biotrek, da ist dieser eifersüchtige Ehemann, der irgendwann Devin zur Seite nimmt und sagt, du fass nicht meine Frau an, die Ehe ist mir heilig. Und in einem wirklich awkward Gespräch, in einem Film, der voll von awkward Gesprächen ist, gefolgt von awkward Silence, gefolgt von awkward Gespräch und so hin und her. Genau, in der einen Geschichte ist er der eifersüchtige Ehemann und in der anderen Geschichte ist er der Ehemann, der überhaupt kein Interesse an der Frau hat, dem die Frau scheißegal ist. Ja. Der halt lieber mit seinem Zirkus loszieht und sie irgendwie ihrem Schicksal überlässt und sie davor sogar noch verprügelt.
Johannes Franke: Aber wie begründet, also gesetzt den Fall, dass es irgendeine Begründung gibt oder gesetzt den Fall, dass es irgendeine Absicht dahinter gibt, wie begründet er, dass er einen Film, den er ja im Film dreht, in verschiedenen Varianten eines Lebens, also ist das das Konzept des Films, das sie drehen oder ist es einfach nur eingeschoben außerhalb der Handlung an sich?
Florian Bayer: Das ist das Konzept von Inland Empire, nicht von On High and Blue Tomorrows. Ich glaube, On High and Blue Tomorrows ist eigentlich ein Soap-Film. Das ist kein guter Film. Genau. Das ist ein Film mit billigen Dialogen, das ist ein Film mit sehr klischeehaften Rollen und der trägt aber halt dieses düstere Geheimnis mit sich, diesen Fluch oder was auch immer, der dazu geführt hat, dass die Schauspieler gestorben sind. Und das Thema, was wirklich sich über alles zielt, ist halt, es gibt diese Varianten und es gibt diese Möglichkeiten und sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Und alle Figuren müssen sich mit diesen Möglichkeiten, mit diesen Varianten auseinandersetzen und vor allem unser Lost Girl, so wird sie genannt, unsere junge Prostituierte, die sich das Ganze anschaut, die muss sich mit diesen Varianten auseinandersetzen. Und was natürlich hier auch ganz stark erzählt wird, die ist irgendwie traumatisiert. Die hat das mit diesem Freier gehabt, dieses Erlebnis, was offensichtlich traumatisierend war. Und diese Auseinandersetzungen mit Varianten sind für sie auch ein Stück Traumabewältigung. Weil damit kommen wir zu dem großen Antagonisten in dem Film, der wirklich eigentlich nur in ganz wenigen Szenen vorkommt. Das ist eben dieses Phantom. Das ist dieser polnische Bösewicht, der zum einen der Freier ist von der jungen Prostituierten und zum anderen dieser Typ, der im Inland Empire ist und der offensichtlich den Mann von Sue von ihr wegkriegt. Ich muss einmal ganz kurz gucken, wie sein Name war. Der kriegt nämlich auch Grimp.
Johannes Franke: Weil das, also wenn er in der Rahmenhandlung ist und gleichzeitig in dem Film, also mit Laura Dern, dann muss das ja irgendwie, sollte das zusammenhängen, oder? Also dann, weil das lässt mich glauben, dass die Prostituierte, die die Rahmenhandlung gibt, die mit dem Phantom zu tun hat, dass das irgendwie mit ihrem Leben zu tun haben muss, was da drin passiert.
Florian Bayer: Ja. Aber wie? Aber wie, das ist die gute Frage. Das ist halt die Frage. Ja. Offensichtlich, das ist nämlich nochmal, es gibt dieser Pjorddreck, der hat ja offensichtlich nochmal eine dritte Rolle. Er ist nicht nur der eifersüchtige Ehemann, er ist nicht nur der Ehemann, dem die Frau scheißegal ist, sondern er ist auch offensichtlich der potenzielle Freund, Ehemann von der jungen Prostituierten. Weil das haben wir ja in dieser Schlussszene. Sie geht plötzlich zu ihm und dann haben sie ihren Sohn und es gibt wirklich diesen harmonischen Moment. Der ist plötzlich ein guter Mensch. Sie freut sich, als sie zu ihm geht und es ist wirklich, es gibt wirklich so ein Gefühl von Erlösung irgendwie, den sie in diesem Moment hat.
Johannes Franke: Womit wir aber wieder bei der billigen Lösung wären, dass das die Verarbeitung ihrer Ängste ist, ihrem Mann gegenüber zum Beispiel.
Florian Bayer: Ja, finde ich bei weitem nicht so cheap, wie zu sagen, das ist alles nur ein Traum. Ich würde sagen, es ist ein Stück Traumaverarbeitung und es ist eben auch ein Stück Auseinandersetzung damit, was will ich im Leben und was passiert in meinem Leben, was kann ich in meinem Leben tun. Stellen wir uns doch mal vor die Rahmenhandlung, die Prostituierte, die vom Fernseher sitzt, ist der eigentliche Traum. Also das ist das Einzige, was traumhaft ist. Und was sie sieht im Fernsehen, was diese Niki durchmacht, sind Sprengsel aus ihrem Leben. Zum Beispiel, wenn die Niki als Sue einem diesem Buchhaltertypen erzählt und dann hat der Typ versucht, mich zu vergewaltigen, dann hat der Typ versucht, mich zu vergewaltigen. Vielleicht sind das Vergewaltigungsversuche, die eben diese junge Prostituierte, dieses Lost Girl erlebt hat. Und vielleicht sind das Momente, wo ihr Leben hätte entgleiten können. Und wenn sie zum Beispiel bei dem Freier ist, dann ist das ein Moment, wo ihr Leben hätte entgleiten können. Und wenn sie zu ihrem Mann mit dem Kind geht, dann ist das ein Moment, wo ihr Leben sich gefangen hat, wo sie eben diese Erlösung gefunden hat. Und vielleicht ist das der eigentliche Traum. Und alles, was wir sehen, was von Niki gespielt wird, sind Bruchstücke aus ihrem Leben. Zum einen Varianten, zum anderen Sachen, die wirklich passiert sind. Vielleicht hat sie davon geträumt, eine Hollywoodstar zu werden. Sie wollte immer in einem großen Film mitspielen. Das ist das, was sie als großer Film sieht. Dieses Soap, das ist das, was sie als großes Drama sieht. Das hätte sie gerne gespielt. Vielleicht gab es irgendwie einen Moment, wo sie eine Prostituierte war. Vielleicht wäre sie fast eine Prostituierte geworden. Vielleicht hat sie schreckliche Dinge mit dem Freier erlebt. Das sind alles eben diese Varianten, die da dann aufgemacht werden. In den Realitätsversatzstücken, die in dem Traum gerahmt werden. Shit. Das tut mir so leid.
Johannes Franke: Aufwachen, aufwachen. Hey, hallo, hallo. Hallo. Gut, sehr schön. Wieder da? Ja. Jetzt kommen wir zu dem Teil, der weniger verzweifelt versucht, der Handlung Sinn zu entnehmen. Oder sind wir noch mittendrin, Flo?
Florian Bayer: Hast du noch eine große Interpretation? Nee, das wäre so eine mögliche Interpretation, die ich anbieten würde. Und wie gesagt, es gibt nur Möglichkeiten bei diesem Film. Lasst euch nicht einlohlen von diesem schrecklichen Wikia-Fandom, das genau erklärt, dass es, also wenn, liest es mal durch, das ist ganz witzig. Es gibt, wie gesagt, es gibt diese Website, hier wird Inland Empire erklärt, es gibt einzelne Wiki-Artikel dazu, zu jeder einzelnen Figur. Und dann wird halt erklärt, dass das Ganze ein alter Fluch ist. Und das sind alles Reinkarnationen von diesem alten Fluch. Okay. Und jede Reinkarnation muss das nochmal durchmachen. Das ist eine komische Erklärung, eine krude Interpretation. Lass uns kurz den Teil, wo wir versuchen, die Handlung zu verstehen, abschließen. Ja, gerne abschließen, ja. Und lass uns zu schönen Momenten kommen. Und ich weiß, du wirst sagen, es gibt wenige schöne Momente. Es gibt sehr wenige schöne Momente, ja. Deswegen würde ich gerne einfach mal ein paar Sachen aufzählen und du kannst Thumbs up, Thumbs down so ein bisschen sagen, wie du das wahrgenommen hast. Okay. Das ist der Mitmachteil. Ihr könnt gerne Thumbs up und Thumbs down geben. Ich liebe den surrealen Einstieg, der total klassisch Experimentalfilm ist. Im Prinzip das, was auch Ingmar Bergmann bei Persona am Anfang gemacht hat. Wo wir diesen Plattenspieler sehen mit der Nadel darauf und diese Radioshow, dieses Exxion N, was angekündigt wird. Dann haben wir dieses Phantom, was sich unterhält und sagt, ich will reinkommen, ich will reinkommen. Ich weiß aber nicht, wo rein. Dann sehen wir die Hasenfamilie, es sind einfach nur Bilder am Anfang. Ich finde das großartig, ein toller Einstieg. Weil man gleich weiß, man wird hier konfrontiert mit was, was zerfasert ist. Der Film macht einem am Anfang nicht vor, er würde eine klare Handlung erzählen, sondern es sind einfach Bilder, die auf einen einstürzen. Es zieht mich voll rein.
Johannes Franke: Es nimmt mich mit. Für die ersten paar, vielleicht sagen wir anderthalb Minuten, kann ich damit gut umgehen. Wo ich wirklich sofort lost bin, ist halt das mit dem Home-Video, wo sie da sitzt, wo Laura da sitzt und die Nachbarin kommt.
Florian Bayer: Diese Nachbarin und die ist so geil in diesem Fischauge, so ganz nah, richtig hässlich, zerrt.
Johannes Franke: Sie hatten keinen, der Schärfe ordentlich gezogen hat. Die Kamera hat ja auch einen Autofokus, das heißt, man kann gar keine Schärfe ziehen, habe ich dann nachher festgestellt. Das heißt, sie brauchten diese Position auch nicht. Sie haben niemanden gehabt, der die Kamera ordentlich stabil gehalten hat. Es gibt kein Konzept, was da irgendwie drinsteckt. Manchmal ist es eine shaky Kamera, manchmal ist sie auf dem Tripod und du hast kein, es gibt einfach kein Konzept dafür. Und man versteht auch nicht, wann sind die Bilder besser und wann sind sie schlechter und er ist ein großer Fan von der Zoom-Wippe, was ich auch ganz schrecklich fand.
Florian Bayer: Aber ich liebe die Geschichte, die diese alte Frau dann erzählt, wenn die da kommt und so total awkward sich hinsetzt. Ich kann ihr nicht folgen, Flora. Das erzählt sie deutlich langsamer, als ich das jetzt mache. As he passes through the doorway, he caused a reflection. Evil was born. Jetzt verstehe ich, was sie gesagt hat. Evil was born and followed the boy. Und Laura Dern sitzt daneben und so, bitte, was erzählen Sie da? Und dann sagt sie, wichtig, and a variation. Wie gesagt, es geht um Varianten. A little girl went out to play, lost in the marketplace, as if half born, then not through the marketplace. You see that, don't you? Und Laura Dern sitzt da, als ob sie diesen Monolog zum ersten Mal hören würde. Ja, sie hört ihn wahrscheinlich zum ersten Mal. Die Intonation und diese düstere Stimmung und sie erzählt das so langsam und sie ist eigentlich eine Nachbarin, die auf Stippvisite gekommen ist, um Tee zu trinken. Und fängt dann plötzlich an und dann fängt sie an, von Mord zu reden und Totschlag, die in dem Film stattfinden und sagt so brutal fucking murder. Und Laura Dern ist komplett hilflos und ich mag nicht, worüber sie reden, verschwinden Sie bitte. Die Atmosphäre. Es ist mir scheißegal, dass die Bilder so verschwommen sind. Es zieht mich einfach total rein, weil alles fucking düster ist.
Johannes Franke: Nein, es schreit alles nach einem Studenten, der sich gedacht hat, ich mache jetzt irgendwie was ganz Abgefahrenes.
Florian Bayer: Es schreit nach David Lynch, der gesagt hat, hey Laura, lass uns experimentieren. Okay, ich finde es, was ich ganz toll finde, sind die Szenen am Set, vor allem dank der Rolle, die von Harry Dean Stanton gespielt wird. Freddy, der offensichtlich sowas ist wie der Setrunner oder Regieassistent, der immer mal wieder so eine kleine Geschichte zum Besten gibt und dann die Schauspieler nach Geld fragt und sagt, haben Sie ein bisschen Geld? Ich bin gerade so mit der Miete im Rückstand, ich brauche ganz dringend Geld und dann sitzt er neben ihn und dann kramt Niki nach Geld und dann guckt er Devin sehr herausfordernd an und Devin ist so total unglücklich und kramt dann auch irgendwann nach Geld. Ich finde es super witzig, ist einfach eine tolle Comedy-Szene.
Johannes Franke: Das habe ich gar nicht mehr im Kopf ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Das ist wie mit dieser Frau, der ich irgendwie einfach, dadurch, dass sie das am Anfang macht und ich noch nicht reingekommen bin und mich noch nicht ausreichend darüber aufgeregt habe, wie scheiße die Kamera ist, kann ich ihr einfach nicht folgen, weil ich immer noch verstört bin von dem ganzen technischen Kram, dass ich einfach nicht reinkomme und ihr einfach nicht zuhören kann. Schade, du hast zu technisch da drauf geguckt. Ich kann nicht anlassen. Nein, überhaupt nicht. Das Problem ist, das macht den ganzen Film über, komme ich in keine Figur rein, dass ich mich irgendwie emotional beteiligt fühle.
Florian Bayer: Aber du sollst nicht in die Figuren reinkommen.
Johannes Franke: Nicht ein einziges Mal, nicht ein einziges Mal kam ich emotional dazu und irgendwas, auch nur irgendwann das Gefühl zu haben, mich interessiert, was da passiert oder mir tut irgendjemand leid oder ich will, dass irgendjemand irgendwo hinkommt oder etwas schafft oder so. Es ist mir alles egal.
Florian Bayer: Du bist so akademisch da rangegangen. Die Figuren sind Variationen von Variationen. Das Gefühl, was sie übermitteln, diese Hilflosigkeit, diese Desorientierung, wenn sie nicht wissen, was war gestern, was war morgen.
Johannes Franke: Weißt du, was das Beste ist am ganzen Film? Die eingespielten Lacher bei den Hasen. Das war's. Oh Mann, Johannes, du machst mich fertig. Aber weißt du, bei den Hasen, lass uns mal kurz über die Hasen reden, weil eigentlich sind die natürlich auch prätentiöser Scheiß, weil die irgendwie Sätze von sich geben, die natürlich keinen Sinn ergeben und dann kann man die auseinander, dann schreibt man sich die Sätze raus, bringt die in eine andere Reihenfolge und dann kann man einen einigermaßen sinnvollen Dialog zusammenstellen, wenn man möchte.
Florian Bayer: Und das sagen Sie, um das dazu zu sagen, diese Hasenszenen, Sie sagen das extrem langsam. Extrem, also es ist sehr stark auch so vom experimentellen Theater entlehnt, sehr lange Pausen zwischen den einzelnen Sätzen und die Sätze sind tatsächlich trivial. Und da läuft im Hintergrund die ganze Zeit dieses düstere Trönen. Und man fühlt sich irgendwie unwohl und dann kommt aber plötzlich dieses Dosengelächter an einer gefühlt willkürlichen Stelle.
Johannes Franke: Und ich finde, dass das erste Mal in meinem Leben, dass ich Dosengelächter höre und denke, hey, es macht eine Szene besser. Ich finde es tatsächlich ganz gut. Und das ist halt aber auch dem zu schulden, dass ich vorher so lange gequält wurde, dass ich das plötzlich gut finde, weißt du?
Florian Bayer: Es gibt so viele tolle Szenen. Ich kann einfach mal weitermachen. Ich habe sie schon erwähnt. Die Szene, wenn sie sagt, oh Mann, das, was wir gerade sprechen, klingt wie ein Dialog aus unserem Film. Und dann im Hintergrund, Cut, was ist denn hier los? Was machst du denn da, Niki? Großartig.
Johannes Franke: Okay, das ist wirklich eine tolle Szene. Das finde ich wirklich gut. Und das ist das erste Mal, wo ich dachte, okay, jetzt möchte ich wissen, wie es weitergeht und wie sie da reinkommt. Allerdings verspricht er mir damit irgendwie eine clevere Erzählweise, die er dann ja nicht einlöst. Weil das ist plötzlich ein cleverer psychologischer Moment.
Florian Bayer: Und gleich darauf die Sexszene zwischen den beiden, wo sie plötzlich sagt, David, it's me, it's Niki. Und er nennt sich Sue. Und sie werden von dem Pure-Track beobachtet. So dieses Gefühl der Verlorenheit und dieses Gefühl, dass die Realitäten miteinander kollidieren und man nicht mehr weiß, was echt ist und was falsch ist. Kurz darauf, Niki, die irgendwie diesen Exen-N-Hintereingang sieht, der mit diesem Titel von dem Radio, von diesem Radioplayer betitelt ist. Und dann beobachtet sie plötzlich den Beginn des Drehs und rennt ins Set rein. Das ist ja der erste Moment, wo die Realität komplett zusammenstürzt. Sie sieht den Dreh und Devin kommt nach, das ist eine Szene, die wir davor schon gesehen haben. Und der mich so sagt zu Devin, hey, da ist doch jemand in den Kulissen, geh mal gucken. Devin geht zu den Kulissen. Sie flieht in eins von den Papphäusern. Devin guckt ins Fenster und sie ruft, Billy, Billy. Also sie ist offensichtlich schon komplett in ihrer Rolle gefangen. Und dann ändert sich's. Und sie ist nicht mehr in dem Set, sondern sie ist eben in diesem Haus im Inland Empire.
Johannes Franke: Großartige Szene. Womit sie quasi im Film verschwunden ist, wenn wir jetzt wieder philosophisch werden wollen oder interpretativ werden wollen.
Florian Bayer: Das kann man total so interpretieren, dass sie jetzt in dieser Handlung komplett verloren gegangen ist. Sie hat ihre Rolle irgendwie so krass angenommen, dass sie nicht mehr Realität von Traum unterscheiden kann. Dann diese ganzen Szenen, die in dem Haus stattfinden, wo sie immer wieder wie so ein griechischer Chor diese anderen Prostituierten hat, die ja offensichtlich Gespenster aus der Zukunft sind, die in der Vergangenheit zu ihr sprechen und die dann einmal zum Lokomotion ausholen. Dieser Lokomotion. Diese Musical-Sequenz. Du liebst Musicals, Johannes. Es ist eine tolle Musical-Szene.
Johannes Franke: Ja. Allerdings finde ich tatsächlich das Beste an der Szene, dass sie tatsächlich Effekt vollendet. Also dass sie es tatsächlich schaffen, auf der Sound-Ebene einen guten Out zu finden. Wupp. Und dann sind sie weg und wir haben ein leeres Bild. Ja. Und das so gefühlt noch wabert, aber das tut es nicht. Also sie haben da keinen Effekt drauf gelegt, aber so der Eindruck ist da. Ja. Und das ist so ein... Ich glaube, ich kann dem Film an manchen Stellen was Grafisches abgewinnen. Einfach nur grafisch, also eine Idee. Also du hast ab und zu eine Idee, die auf der visuellen Ebene grafisch ist oder auch auf der intellektuellen Ebene grafisch. Ich weiß, das klingt ein bisschen komisch, aber vielleicht versteht ihr, was ich meine. Dass man eine Idee hat, die irgendwie cool umgesetzt ist. Aber das ist immer nur so ein kleiner Moment. Wie zum Beispiel das Bild mit den Hasen. Ja. Und diesem Lachen. Das ist eine grafische Sache eigentlich irgendwie. Das ist einfach eine Design-Idee irgendwie, die ich irgendwie schön finde in dem Moment.
Florian Bayer: Ich mag alles, was stattfindet zwischen Sue in diesem Haus und den Prostituierten, die da rumhängen. Weil man nicht genau weiß, was sind das für Menschen. Sind das Erinnerungen in ihrem Kopf? Ist das ein innerer Monolog? Ist das ein innerer Widerstreit? Kämpft sie da irgendwie mit dem Verlassenwerden? Ob sie damit klarkommt? Ist es schon einfach so eine Vorwegnahme der Zukunft? Weil sie wird dann ja zur Prostituierten und hängt auch mit diesen Frauen auf der Straße rum. Also Gegenwart und Zukunft verschmelzen. Offensichtlich sind diese Prostituierten da, die sie aber noch gar nicht kennt, weil sie ja später zur Prostituierten wird.
Johannes Franke: Aber das weißt du, weil du es zum fünften Mal guckst.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das ist ein bisschen das Problem. Also ich hatte irgendwie überlegt, vielleicht muss man diesen Film zweimal sehen, wenigstens um dieses Foreshadowing, was dieser Film tatsächlich sehr viel macht, zu verstehen und dann auch einsortieren zu können. Das ist halt wie ein Bild, wo man sich ein paar Mal davor stellen muss, um das Bild lesen zu können ordentlich.
Florian Bayer: Ich liebe es, wenn sie als abgefuckte Prostituierte, was auch Foreshadowing ist, das wird auch ziemlich früh als erstes Mal gezeigt, wenn sie als abgefuckte Prostituierte die Treppen hochgeht, sich zu diesem Mann setzt und sagt, keine Ahnung, was ich hier mache, aber ich habe gehört, du kannst mir helfen. Und dann fängt sie an zu erzählen, ich liebe diese Szene vor allem, weil sie plötzlich so eine komplett andere Figur ist, als alles, was man davor gesehen hat. Und sie ist halt wirklich, sie ist total derb. Sie ist offensichtlich am Ende und sie erwartet nichts mehr vom Leben und dann redet sie dieses zynische Gespräch und sagt dann auch noch irgendwann und dann war da einmal dieses Mädchen, das gesagt hat, es hat das Ende der Welt gesehen. Und es kriegt so eine krass apokalyptische Stimmung, nicht mal so gesamt apokalyptisch, sondern so eine persönliche Apokalypse. Ich finde das total toll, auch wenn ich keine Ahnung habe, warum sie da sitzt, wer dieser Mensch ist, mit dem sie da redet und auch wenn teilweise, was sie redet, keinen Sinn ergibt, es ist trotzdem so eine krass düstere, beklemmende, ja, apokalyptische Stimmung.
Johannes Franke: Aber weißt du, was mir da mal eingefallen ist? Ich glaube, es war bei einer dieser Szenen, was David Lynch hier an Raum gibt, Schauspielern, ist schön und toll für Schauspieler, aber ich habe die Erfahrung gemacht mit Schauspielern, die vor allem gerne spielen, die aber oft aus der Innenansicht, aus dem Intrinsischen nicht, kein Gefühl für Dramaturgie haben. Weil du bist ja mittendrin, du spielst das ja, kannst du nicht wissen, ob das gerade, was du da machst, ob die Pausen stimmen, ob die Länge stimmt, ob das alles, das muss alles ein Regisseur von außen beurteilen und sagen und dich führen und sagen, du hast da zwar einen ganz wundervollen Gedanken entwickelt, aber der braucht sehr lange zum Entwickeln. Vielleicht kannst du das ein bisschen knapper machen. So, das ist eine typische Situation am Set, aber ich hatte das Gefühl, dass er einfach ganz oft den Schauspielern die Möglichkeit gibt, einfach alles rauszuholen aus ihrem Malkasten, was sie so haben und dann läuft das und dann hast du aber keine Dramaturgie so richtig und dann guckst du halt ganz viel den Leuten dabei zu, einfach alles gegen die Wand zu werfen, was da ist und dann hast du einen Jackson Pollock und kannst es nicht lesen. Ey, nichts gegen Jackson Pollock. Nee, nichts gegen Jackson Pollock, der hat, ja, aber manchmal, weißt du, kann man es schwer lesen.
Florian Bayer: Ich glaube tatsächlich, diese Szene war ziemlich starkes Script, das war ja das Erste, was sie gedreht haben. Ich glaube, die Szene war auch tatsächlich so ein bisschen eine Liebeserklärung von David Lynch an Laura Derns Schauspielkunst.
Johannes Franke: Ja, vielleicht. Aber das ist halt, ist mir in diesen Szenen vielleicht aufgefallen, aber es bezieht sich auf den ganzen Film natürlich. Natürlich, dass ich so das Gefühl habe, irgendwie wirft man einen Haufen Farben an die Wand und, naja, ja. Oder auch das Gefühl, dass David Lynch wie im Fernsehen, also wie als wenn er abends im Hotel einfach durch alle Sender durchsappt.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: So ein Gefühl habe ich.
Florian Bayer: Es ist, es ist auch ein bisschen, ich würde, ich glaube, es ist auch, wir sind Anfang der 2000er, wir sind beim, noch gefühlt zumindest für das, für die große Masse jungen Internet. Ich glaube, David Lynch hat sich ganz stark auch von Vernetzungen, die im Internet stattfinden, inspirieren lassen, von diesem klassischen Hyperlink-Denken. Du hast, du hast was, du klickst wo drauf, du kommst zu einer anderen Seite, du musst vielleicht nochmal den Zurück-Button klicken, weil du nochmal wissen willst, was da sonst noch für Informationen waren. Ja, genau. Damals hat man eher noch nicht Tabs geöffnet. Das heißt, du klickst dich vor und zurück und springst dann immer wieder von einem zum anderen.
Johannes Franke: Da gab es auf den Webseiten selbst auch noch den Zurück-Button. Ja, genau. Weil es noch nicht allen klar war, dass man da ordentlich im Trauser selbst noch einen Button hat und so.
Florian Bayer: Ja, und das ist genau, es war noch eine andere Art von Netznutzung, wie wir sie heute kennen. Man hat einfach nicht Rechtsklick, Open in a new tab gemacht, sondern man hat sich vor und zurück geklickt. Und man hat, wie du sagst, meistens war man gefangen auf dem User-Interface-Konzept, was einem die Seite geboten hat. Und war dann ziemlich verloren, wenn das nicht geklappt hat. Das war dann auch so, dass man, das gibt es heute immer noch, finde ich, ganz schrecklich, wenn bei Seiten der Zurück-Button nicht vernünftig funktioniert, weil irgendwelche Skripte geladen wurden. Ja, ja, ja.
Johannes Franke: Und du kommst nicht zurück zu Google. Früher konnte man auf der Tastatur noch auf Zurück, dieses Löschen-Button, der war früher dafür da, die Seite zurückzugehen.
Florian Bayer: Macht das Internet kaputt. Ist aber nicht mehr möglich jetzt. Das haben sie abgeschafft. Okay. Ich bin ein Mac-User, deswegen kenne ich das Konzept. Ein Löschen-Button.
Johannes Franke: Hast du den klassischen Backspace? Ja, dieses Backspace-Ding.
Florian Bayer: Okay, das haben wir bei Mac auch. Egal. Ich liebe die Szene, wenn sie dann auf der Straße steht und sagt, I am a horror und ganz krass lacht und plötzlich so eine Selbsterkenntnis ist, so, das ist das, was ich jetzt bin. Und das ist vielleicht das, was ich immer sein werde und was ich immer war. So ein radikaler Moment, in dem die Person auf eine Rolle in sich zusammenfällt. Ja. Okay. Also, sie hat halt die ganze Zeit gekämpft und das ist so ein Moment der Aufgabe und das ist natürlich auch ein Moment, wo ihre Mörderin dann auftritt. Mhm.
Johannes Franke: Aber ist ja alles wieder nur gedreht eigentlich. Und das ist das, wo ich dann wieder nicht weiß, wo soll ich es einsortieren. Oh, is it? Na ja, komm, wir sehen eindeutig die Kamera, die drauf fällt. Ganz am Schluss. Aber sie steht dann auf und ist nicht tot.
Florian Bayer: Ja, aber das genau, ich liebe diese Szene, wenn sie zum Sterben hinfällt, also sie wird dann von ihrer Mörderin erstochen, nachdem sie bei diesem Typ war, den sie um Hilfe gebeten hat. Und dann fällt sie bei diesen Obdachlosen dahin und stirbt langsam und diese eine guckt noch so zu ihr und sagt so, you're dying lady und fängt dann an von Pomona zu erzählen und von ihrem Freund, der da und da hin wollte. Und dann gibt es diesen Moment, and printed. Und dann gehen wir raus und sehen, dass es ein Set ist. Aber davor hat ja alles in einer Welt stattgefunden. Es war ja alles zusammenhängend und es... Aber es war ein fucking Dreh. Was it?
Johannes Franke: Ja, was? Du kannst nicht einfach nur was it sagen.
Florian Bayer: Aber sie ist total verstört. Sie sagen alle, hey, Niki, das hast du super gemacht. Und sie ist dann total verstört, verlässt diesen Drehort. Ja, weil sie zu sehr in ihrer Rolle aufgegangen ist. Und geht in einen Kinosaal, weil sie zu sehr in ihrer Rolle aufgegangen ist. Wo sie den Film sieht. Genau. Der fertig gedreht ist. Ja. Und dann tötet sie dieses Phantom, weil sie zu sehr in ihrer Rolle aufgegangen ist. Weil das ist ja die Konklusion davon. Sie ist da irgendwie mitgenommen von dieser Geschichte. Ja. Und dann macht sie eine große Tat. Sie tötet diesen Anagonisten, diesen Bösewicht, diesen Freier, der die junge Prostituierte, unser Lost Girl verprügelt hat. Ja. Diesen Typ, der den Mann von Sue offensichtlich nach Osteuropa gelenkt hat, sodass er seine Frau verlassen hat. Den tötet sie. Also es ist so ein Akt der Rache und so ein Akt der Erlösung. Großartig. Ich mag diese ganze Sequenz. Von, sie ist eine Prostituierte, über, plötzlich sind sie wieder am Set, bis hinzu, sie erschießt diesen Typen. Fantastisch. Ich liebe alles daran. Das ist so eine innervierende halbe Stunde, die einfach in Haut und Knochen geht, die mich total mitreißt. Und ich habe keine Identifikationsfigur in diesem ganzen Bewebe. Nicht im geringsten. Aber diese Vision, dieses Beklemmungsgefühl, das zieht mich komplett rein. Ich bin gefesselt an den Bildschirmen, ohne Scheiß. Oh Mann. Ich könnte den Film auch noch länger gucken. Der geht übrigens drei Stunden. Das ist vielleicht noch unserem Publikum zu sagen.
Johannes Franke: Das ist ein bisschen hart. Ich habe echt auch oft auf die Uhr geguckt und es gab auch diesen einen Moment, wo er diese, die billigste aller Symboliken nimmt. Und eine Uhr, die sich dann besonders schnell vorwärts dreht. Okay, es vergeht Zeit. Dankeschön für diese Info. Wo ich denke, David Lynch, du hast dir einen Haufen blöde Symboliken und ich verstehe keine einzige davon. Und dann nimmst du so eine Plumpe. Was ist denn los? Und in dem Moment dachte ich aber auch, was ist mit der Zeit? Wie viele Jahre haben wir noch? Und dann spult er in dem Moment gerade die Uhr vor. Fassend. Und es gibt auch viele Kalendersprüche, muss ich sagen. Also auch irgendwie, weiß ich nicht. Kalendersprüche? Ja, es sind ein paar, also habe ich hier aufgeschrieben. Ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle mich das besonders gestört hat. Was ich sehr schön finde, ist, dass dieses Haus so ein bisschen nach den Simpsons aussieht. Weil es nichts eingerichtet ist. Es gibt einen Sofa da. Die Türen haben keine, die haben keine Türen. Also die Rahmen sind nur Rahmen. Und da geht man dann durch und es ist alles sehr ... Das ist ein Soaphaus. Ja, es ist so ein ... Soap oder Sitcomhaus. Ja. Und eben aber noch spartanischer eingerichtet. Also eigentlich nicht eingerichtet, sondern es fehlt nur noch dieses eine Bild an der Wand mit dem Schiff drauf oder so. Weißt du, das muss ein Schiff sein oder ein Leuchtturm. Leuchttürme gehen auch. Ja, also wenn du mich fragst, ob ich Stellen habe, die irgendwie cool sind, dann sind das kleine Stellen, die irgendwie cool sind, die aber den Film nicht retten. Also du hast jetzt ein paar genannt, ein paar davon würde ich zustimmen, ein paar eher nicht. Machen wir jetzt durch. Und es gibt auch immer wieder Stellen, wo der Ton auch furchtbar aussetzt. Plötzlich ist er nur auf dem rechten Speaker und du denkst dir, hä, was ist jetzt los? Und plötzlich ist er wieder komplett mittig. Und ich, ah, und der Ton ist auch nicht geangelt oder weiß ich nicht, keine Ahnung, was haben sie gemacht, wie haben sie es gemacht? Mal so, mal so. So vom Gefühl. Mal war jemand da und mal war jemand kein da.
Florian Bayer: Es gibt weder in der Geschichtekohärenz, noch in der Ästhetik, noch in der Dramaturgie. Ja. Es gibt so ein grundsätzliches Horrorthema, was sich so ein bisschen durchzieht.
Johannes Franke: Und er schafft es tatsächlich, dieses Horrorgefühl durchzuziehen. Also man hat ganz oft das Gefühl, äh, äh, äh, Beklemmung, Gang, noch ein Gang, noch ein Gang. Und da kommt gleich jemand und, äh, irgendwelche Scheiße passiert. Also du hast dieses beklemmende Gefühl.
Florian Bayer: Das ist gut gemacht. Aber was kohärent ist, es gibt keine schönen Bilder. Es gibt bei, es gibt in allen David-Lynch-Filmen gibt es diesen Kontrast von dem düsteren Horror und den wirklich schönen Bildern. Und auch den wirklich fast schon kitschigen, harmonischen Bildern. Ja. Und die gibt es in diesem Film tatsächlich nicht. Also es gibt spannende Bilder, es gibt faszinierende Bilder, eben im Rahmen dieser digitalen Videotechnik. Aber es ist jetzt nicht so ein Moment, wo man das Gefühl hat, und jetzt zeigt er wirklich, dass er Schönheit kann. Mhm.
Johannes Franke: Das ist richtig.
Florian Bayer: Und das macht den Film natürlich anstrengend. Also ich kann das total nachvollziehen. Der Film ist super anstrengend. Der Film ist komplett durchgeknallt. Und im Gegensatz zu anderen Lynch-Filmen gibt es nicht so viele, an denen man sich festhalten könnte. Mhm. Man findet zwar immer wieder Puzzlestücke, die man setzen kann. Aber ihr habt das ja jetzt auch gehört in unserem Gespräch. Du kommst nicht zu einer kohärenten Lösung, nicht mal annähernd an eine kohärente Lösung. Bei Mulholland Drive und Nostalve kommt man deutlich näher an sowas wie einen Mainplot. Das gibt es hier halt auch nicht. Der Streit fängt schon da an, wo liegt der Fokus überhaupt? Auf welcher Figur, auf welcher Rolle liegt der Fokus? Es ist konvolut. It's a mess. Ja. Ich liebe diesen Film. Es ist ein Ereignis. Er zieht mich drei Stunden lang in seinen Bann und ich bin wirklich an diesen Film gefesselt.
Johannes Franke: Es ist übrigens auch ein sehr weißer Film, muss man mal sagen. Erste schwarze und das einzige schwarze Figur ist obdachlos. Ja, stimmt. Das ist ein sehr weißer Film. Das ist wohl wahr.
Florian Bayer: Das teilt er mit sehr vielen anderen Filmen. Ja, ist richtig. Naja. Es ist ein feministischer Film. Es gibt bestimmt schöne feministische Interpretationsmöglichkeiten für diesen Film. Ja, okay. Das könnte ich mir vorstellen. Ich liebe ihn. Ich kann total gut verstehen, dass das so viele Leute nicht mögen. Auch ganz viele Fans von Lynch, auch viele Fans von surrealistischem Kino, weil es einfach nochmal eine Nummer draufsetzt. Und also ich habe ja eine Affinität zu Experimentalfilmen. Ja, das merke ich. Ihr hört uns schon länger zu, ihr wisst das. Und bei David Lynch ist es tatsächlich ganz oft so, dass ich denke, ach, es wäre noch eine Spur experimenteller gegangen. Was? Was? Was? Ich denke bei Lynch ganz oft, du musst nicht so sehr mit dem Mainstream flirten. Manchmal habe ich bei Lynch das Gefühl, er ist so Realist, aber er biedert sich dem klassischen Hollywood-Publikum an. In diesem Film, wo hast du das Gefühl, dass er sich dem Mainstream ankuschelt? In diesem Film macht er das nicht. Er macht es in Lost Highway, er macht es in Blue Velvet, er macht es in Wild at Heart und so weiter. In diesem Film macht er es nicht und deswegen liebe ich diesen Film so. Weil er hier wirklich einfach nur experimentell ist. Und ja, es hat ganz viel vom Look und Feel Experimentalfilme aus den 90ern oder aus den 80ern. Es ist ganz stark davon inspiriert. Ich habe das Gefühl, es ist zum ersten Mal, dass Lynch wirklich komplett er selbst ist und sich nicht zu sehr den Dogmen des Kinos unterwirft. Und das kann ich nur abfeiern und das zieht mich auch komplett mit. Und der Film unterhält mich auch. Das will ich auch noch dazu gesagt. Der Film ist keine, ich sehe den Film nicht als reine akademische Fingerübung. Dieser Film sorgt bei mir für ein Gefühl von Anspannung, von Enervierung, von Horror. Eben das, was man auch aus dem Genre-Kino kennt. Und auch von Amüsement. Ja. Ich weiß nicht. Hätte es dafür drei Stunden gebraucht? Ich hätte auch vier genommen. Es gibt wohl deutlich mehr Material. Und ich hoffe so sehr, dass wir in diesem Leben, in David Lynch's Leben noch erleben, dass er von diesem Film vielleicht noch so ein, nicht ein Director's Cut, weil das ist schon ziemlich eindeutig ein Director's Cut, was wir hier sehen. Ja, genau. Aber vielleicht so ein Second Cut. Vielleicht schneidet er das Zeug einfach nochmal neu zusammen und macht nochmal einen fünfstündigen Film draus. Ich würde es mir sofort angucken im Kino und ich würde dich mitziehen.
Johannes Franke: Und ich würde wahrscheinlich sogar so doof sein, auch noch Ja zu sagen. Welche Themen will der Film, dass wir danach im Kopf haben und besprechen? Also, weil er stößt ja so Themen an, so ein bisschen. Will der Film das tatsächlich? Will David Lynch, dass wir danach über Themen reden? Und wenn ja, welche? Ein Film will nichts.
Florian Bayer: Ein Film ist nur ein Film. Deswegen David Lynch, ja. Ich glaube nicht. Ich glaube, David Lynch will vor allem spielen. Ich glaube, David Lynch, als Filmemacher, seine Herangehensweise an Filme ist, glaube ich, dass er viele Bilder hat, Traumbilder. Ich kann mir vorstellen, dass er so eine Kartei hat, wo er einfach Ideen und Gedanken aufschreibt und er hat was geträumt, hat das nur noch vage in Erinnerung und schreibt auf, ey, ist doch cool, wenn so ein Affe über die Straßen läuft und dann plötzlich regnet es. Das ist der Varieté-Film-Charakter. Und dann hat er diese Bilder und er dreht diese Bilder und dann, also bei Inland Empire ist es am stärksten und dann versucht er, diese Bilder zu verknüpfen und so entsteht dann sowas wie eine grobe Handlung bei ihm. Und das ist alles, was er uns gibt und das ist auch alles, was er hat. Er hat keine geschlossene Handlung, er hat keine geschlossene Interpretation, sondern auch er hat nur dieses grobe Konzept von Dingen, die er zusammenbaut. Und das eröffnet aber die Möglichkeit und ich finde es ganz oft billig und plump, wenn Regisseure oder wenn KünstlerInnen sagen, hey und jetzt interpretier doch einfach, nimm das raus, was du rausnehmen kannst, was du rausnehmen willst. David Lynch verzeih ich das. Ich glaube, es ist genau sowas. Du hast ein Werk, wo sich, dass der Regisseur nicht zu Ende gedacht hat, dass niemand zu Ende gedacht hat, der irgendwie daran beteiligt war. Und du kannst es auch nicht zu Ende denken, aber du kannst daraus Gedanken mitnehmen.
Johannes Franke: Okay. Eine Schare, mit der ich das gesehen habe, hat gesagt, Kurzfilmfestival. Der Film ist ein Kurzfilmfestival.
Florian Bayer: Ja, finde ich absolut naheliegend. Kann man definitiv so sehen. Es ist ja auch ein Patchwork-Film, es sind ja auch Kurzfilme, es sind ja auch wirklich Sachen, die sich erst nachher zu was verbunden haben. Ja. Definitiv. Also gerade, ich meine, allein schon, dass er die Hasen, die er zwei Jahre vorher gedreht hat, im Internet veröffentlicht hat, allein, dass er die noch reingepackt hat, weil er gedacht hat, oh, da ist noch ein bisschen Platz für was. Das, definitiv. Ja.
Johannes Franke: Tja, Plur, jetzt wo du bei den Hasen bist, du hast dir eine Top 3 ausgedacht.
Florian Bayer: Ah, ja. Lass uns über Hasen reden. Jingle.
Johannes Franke: Jingle. Unsere, ähm, Top 3. Ähm, jetzt werden wir aber auch absurd langsam mit unseren Top 3, oder? Top 3 Hasen oder Filme über Hasen. Hasen in Filmen, okay, gut. Als du mir das geschrieben hast, habe ich gedacht, okay, viel more random wird's nicht mehr. Aber gut. Dann hast du irgendein besonderes Verhältnis zu Hasen in Filmen, Plur?
Florian Bayer: Ja, ich finde, also, ein Film gewinnt instant, wenn ein Hase drin vorkommt, oder? Darauf können wir uns doch alle einigen.
Johannes Franke: Was ist los mit der Tendenz von Filmen, immer mehr den Hasen als die gruselige Figur zu etablieren?
Florian Bayer: Das ist einfach ein ganz beliebtes Stilmittel von Horror im Allgemeinen, dass du irgendwas nimmst, was sehr unschuldig ist und ihm einfach durch den Kontext Grusel gibst. Deswegen funktionieren ja auch Horrorfilme mit Kindern so gut. Also alles, was irgendwie süß und kitschig und niedlich ist, kannst du durch die richtige Kontextualisierung zu was extrem Unheimlichen machen. Okay, deswegen Hasen. Hast du gruselige Hasen in deiner Liste? Ich hab gruselige Hasen in meiner Liste, aber nicht nur gruselige Hasen. Okay. Tatsächlich ist mein Platz drei, aber du musst loslegen, denke ich, weil... Ah ja, stimmt. Genau. Nee, ich hab tatsächlich nur einen gruseligen Hasen in meiner Liste.
Johannes Franke: Hm. Äh, ich habe keinen einzigen gruseligen Hasen in meiner Liste. Ich hab's ja einfach rausgelassen.
Florian Bayer: Es gibt ja diesen einen krassen Hasenfilm, den hab ich aber nicht mal in den Honorable Mentions, Night of the Lepos. Ah ja, genau. Wo die Killerkaninchen angreifen. Das ist so geil. Weil sie halt wirklich einfach nur mit Perspektiven gemacht haben, dass diese Kaninchen wirken, als ob sie riesig werden. Und es dauert ganz lange bis so dieses, ähm, ist ein ganz langes Setup. Oh mein Gott, das Monster und das wird uns alle fressen. Man sieht die Leichen und so. Und dann sieht man halt das erste Mal, wenn sie das Monster sehen, dann gucken sie erschrocken und dann ist Schnitt und man sieht diese Hasen über Strohhoppeln. Fantastisch. Vielleicht sollten wir den mal gucken. Oh mein Gott. Ich muss dir auch mal wieder ordentlichen Trash geben.
Johannes Franke: Ich hab ihn nicht gesehen, ich hab keine Ahnung. In der Recherche bin ich drauf gestoßen, aber, äh, oh Mann. Okay, mein Platz drei wäre, weil es nicht direkt um den Hasen geht, hab ich ihn auf Platz drei gepackt. Nee, ich hab nur eine Honorable Mention. Ja. A Day in a Life of Marlon Bando. Das ist kein Film. Ja, richtig. Muss aber an dieser Stelle einmal erwähnt werden. Auf jeden Fall. Weil es einfach großartig ist. Es gibt von John Oliver, wenn ihr den kennt, ich hoffe ihr kennt ihn, wenn nicht, dann sofort googeln und alles gucken, was er je gemacht hat. Ähm, der macht, äh, Last Week Tonight. Das ist eine Show, die einmal in der Woche läuft und die Woche einmal Revue passieren lässt oder sich eines großen Themas annimmt, das irgendwie wichtig und relevant ist. So wie jetzt so ein bisschen, äh, Jan Böhmermann das macht mit seinem Ding. Ich hab das Gefühl, dass er sich so ein bisschen daran orientiert.
Florian Bayer: Ja, ein bisschen ist gut. Jan Böhmermann ist wie alle deutschen Late-Night-Talker ein riesiges Rip-Off von allem, was in Amerika gibt. Ja, klar. Ja. Es gab ja diesen einen Moment sogar, wo, war es Conan O'Brien? Sie haben einen Sketch, haben sie eins zu eins von Conan O'Brien genommen. Ja. Ich glaube, es war Conan O'Brien und der hat das dann gezeigt und hat dann gesagt, äh, guck mal da, die Deutschen kopieren uns komplett. Ja.
Johannes Franke: Gab auch irgendwie nochmal Backlash und Ärger oder so. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie das lief. Auf jeden Fall, John Oliver hat mit einer wundervollen Autorin und einer Illustratorin die Geschichte des Hasen des Vice President Mike Pence einmal zu Papier gebracht. Und die Vorlage war, dass Mike Pence selbst ein Buch rausgebracht hat. Oh, seine Frau. Für Kinder. Einfach A Day in the Life of Malumbando. So hieß der Hase von denen. Und da Mike Pence sehr homophob ist, haben sie sich gedacht, wir machen einfach aus dem Häschen von Mike Pence einen schwulen Hasen und erzählen die Geschichte, wie er sich in einen anderen Hasen verliebt. Genau. Und wie einmal der Mistkäfer, der verdächtig wie Donald Trump aussieht. Wie Mike Pence tatsächlich. Wie Mike Pence. Ja, der Mistkäfer, die Stinkewanze im Deutschen, ist Mike Pence. Ach, ist Mike Pence, nicht Donald Trump.
Florian Bayer: Oh. Mike Pence, Donald Trump ist ja eher so, also zumindest was das war, was homosexuellen Rechte betrifft, war Donald Trump ja tatsächlich eher so ein Fähnchen im Wind und hat dann einfach die konservative Richtung eingeschlagen, um die konservativen Wähler zu befriedigen. Und Mike Pence ist ja der Hardcore-Christ. Homosexualität ist falsch, die dürfen nicht heiraten.
Johannes Franke: Jedenfalls ein ganz wundervolles Kinderbuch geworden, auch ganz abseits von der Parodie ist es einfach ein eigenständiges, richtig tolles Kinderbuch.
Florian Bayer: Ja, ich habe das mit meinem Kind gelesen, das ist eine richtig schöne Gute-Nacht-Geschichte und sie lehrt einfach Toleranz und für sich selbst einzustehen und für andere einzustehen und dass Liebe einfach wichtiger ist als irgendwelche blöden Zuweisungen wie Männer dürfen nur Frauen heiraten, etc.
Johannes Franke: Ganz, ganz toll. Also ich liebe dieses Buch sehr, deswegen musste das jetzt einfach mit rein in die Hasenliste. Ist aber natürlich eine Honorable Mention und jetzt komme ich zu meinem Platz 3. Da geht es auch nicht wirklich um den Hasen, aber der Hase tritt das alles los und zwar Alice in Wonderland. Einfach nur Alice in Wonderland wie der Hase in dieser Comic-Verfilmung von Disney. Ja, ich wollte gerade fragen, welcher. Ja, genau. Nicht der in der Porno-Version. Wie der Hase einfach, der hat so einen Song, I'm too late, I'm too late for the very important date, da sie in der Gegend rumhoppelt und Alice folgt ihm einfach.
Florian Bayer: Johannes war letzte Woche in Disneyland, der ist wahrscheinlich von dem Disney-Zauber und dem Disney-Glanz noch ein bisschen benebelt.
Johannes Franke: Warum sagst du das, Flor? Mein Ruf, ich habe einen Ruf zu verlieren.
Florian Bayer: Aber es ist ein total schöner Platz 3 und ich mag auch diesen Hasen. Und ich mag auch diesen Film. Das ist wirklich eine gute Alice in Wonderland-Verfilmung. Ja. Und natürlich ein bisschen harmloser als das Buch. Ja. Aber für einen Disney-Film dann doch einiges an experimentellem Shit aus der Vorlage mitgenommen. Vor allem aus der Zeit. Er ist ja in den 70ern, glaube ich. Ja. Gute Frage. Von wann ist der Alice in Wonderland-Zeichentrick-Film? 74 oder so? Ah, wir lassen uns einmal kurz nachschauen. 1951.
Johannes Franke: Oh mein Gott.
Florian Bayer: Ja. Ihr habt völlig falsch gelegen. Der gehört zur richtig klassischen Disney-Garde.
Johannes Franke: Okay. Gut. Das schneide ich mir zurecht, damit alle glauben, dass ich es gewusst habe.
Florian Bayer: Mein Platz 3. Und ich habe ihn, glaube ich, vor kurzem schon mal erwähnt in der Liste. Ich muss ihn einfach nochmal erwähnen. Who Framed Roger Rabbit? Roger Rabbit ist so ein cooler Cartoon-Hase. Und es ist so ein toller Film zwischen Comedy und Film-Noor. Und Johannes habe ich gerade einen Platz weggenommen.
Johannes Franke: Ja, mein Platz, Heinz. Tut mir so leid. Aber natürlich. Mir war klar, dass du den auch in der Liste haben würdest. Who Framed Roger Rabbit? Großartiger Film. Können wir nur immer wiederholen. Vielleicht müssen wir ihn mal gucken, Plur. Ja. Aber dann werden wir uns, also Preaching to the Choir. Das wird nicht so eine Episode wie jetzt. wo wir uns ein bisschen in die Haare kriegen. Sondern es wird einfach nur, wo wir uns gegenseitig erzählen. Guck mal, und der an der Stelle. Oder? War das nicht lustig?
Florian Bayer: Aber es ist auch ganz gut, mal ein bisschen Harmonie zu haben. In letzter Zeit hatten wir wieder so viele Folgen, wo wir uns echt gestritten haben. Wo wir so komplett unterschiedlicher Meinung waren. Also heute habe ich das Gefühl, sind wir etwas unterschiedlicher Meinung. Ich weiß nicht.
Johannes Franke: Ganz leicht vielleicht. Vielleicht magst du den Film ein kleines bisschen weniger als ich. Okay, Platz 2. Mein Platz 2 ist einfach jeder Bugs Bunny Movie. Einfach jeder Cartoon mit Bugs Bunny. Ja. Ich liebe es einfach. Sehr cool. Ich finde es einfach großartig. What's up, Doc?
Florian Bayer: Gibt es von Bugs Bunny einen richtigen Langfilm? Einen guten Langfilm? Ich glaube nicht, nein. Nicht Space Jam. Sag jetzt niemand Space Jam.
Johannes Franke: Nein, nein, es gibt glaube ich keine langen Filme. Es sind alles nur diese Cartoons mit diesem Jäger und, oh, ich habe den Namen von dem Jägern vergessen. Elmar Fatt? Ja, genau.
Florian Bayer: Aber auf jeden Fall, Bugs Bunny ist eine großartige Figur, ganz toll. Ich habe die Filme, die Shorts geliebt als Kind.
Johannes Franke: Also es ist auch ganz vorne in der Liste der Serien von diesen Cartoons. Ja. Also wirklich Bugs Bunny ist der beste Figur.
Florian Bayer: Wo wir die Silly Symphonies und die Mary Melodies vergleichen. Der große Kampf zwischen Warner und Disney damals. Stimmt. Auf der einen Seite Bugs Bunny, Duffy Duck und Elmar Fatt und Tweety und der Coyote und Roadrunner und so weiter. Und auf der anderen Seite aber natürlich dann Donald Duck und Dagobert Duck und Mickey Mouse.
Johannes Franke: Das wird ein fieser Streit, weil die schon irgendwie beide ihre eigene Welt und ihre eigenen tollen Momente hatten.
Florian Bayer: Und dann, wenn wir wollen, könnten wir tatsächlich noch den dritten dazu nehmen. Die Hanna-Barbera-Dinger, die ja irgendwie so ein bisschen immer außen vor waren. Die auch immer ein bisschen böser waren, ein bisschen giftiger, ein bisschen galliger. Und was ist mit Betty Boop? Betty Boop ist Disney, oder? Kann sein, ja. Ich glaube, ja. Das ist eine gute Frage. Ich glaube, Betty Boop ist Disney. Betty Boop ist eine Figur von Max Fleischer und damit gehören sie zu... Äh... Nicht zu Disney. Was war denn? Oh Gott. Jetzt kommen wieder so viele Wissenslücken. Das wäre tatsächlich als Ergänzung zu unserem... Als Ergänzung zu unserer frühen Filmgeschichte wäre es natürlich cool, einen Blick auf die frühen animated Cartoons zu werfen. Weil das ist natürlich die Zeit. So der erste Mickey Mouse Film. Wow. Die ganz frühen Silly Symphonies und Mary Melodies. Ja. Betty Boop, Popeyes, Superman. Das ist alles Fleischer.
Johannes Franke: Hm. Das können wir aber nicht nächstes Mal machen. Ich will dir noch einen Film geben fürs nächste Mal.
Florian Bayer: Oh, du hast gar nichts. Ich will mich rechnen.
Johannes Franke: Ich will mich... Oh, ich bin gespannt.
Florian Bayer: Okay, wenn ich was komplett Surreales, Abgefucktes machen, kannst du dich nur mit was ganz seichtem albernen rechnen. Ich bin gespannt. Mein Platz zwei. Ja? Das Killerkaninchen. Was? Was? Aus Monty Python and the Holy Grail. Aus die Ritter der Kokosnuss. Okay. Eine kurze Szene in einem Film, der auch viel Surreales hat. Die Monty Python gehören zu den großen, surrealen Pionieren, wenn man so will, in den 70er Jahren. Ja. Die haben wirklich merkwürdige Filme gemacht. Davor haben sie eine merkwürdige Show gemacht, die auch so sehr Varieté war. Ja, das stimmt. Die auch ganz oft keinen Sinn ergeben hat, aber die halt einfach saukomisch war. Und das Killerkaninchen ist einfach großartig, nur zu besiegen mit der heiligen Handgranate.
Johannes Franke: Ja. Warum kann ich bei Monty Python diese Surrealität aushalten und bei diesem Film nicht? Weil Comedy-Melange-Genre ist das Horror. Ja. Deswegen finde ich die Lacher bei den Hasen auch am besten.
Florian Bayer: Deswegen ist das, was du hervorhebst, was du am besten findest. Verdammt.
Johannes Franke: Okay. Na gut. Okay, mein Platz 1, Who Framed Roger Rabbit? Was ist dein Platz 1? Willst du noch was dazu sagen zu Roger Rabbit? Nee. Was soll man dazu noch sagen? Wir haben die letzten Episoden immer wieder auf diesen Film uns gestürzt. Der ist einfach großartig. Es ist wirklich einer der besten Filme aller Zeiten. Ja.
Florian Bayer: So. Geil. Ja. Schön, dass wir uns da wenigstens einig sind. Hollywood Traum und gleichzeitig böse Satire und gleichzeitig cooler Thriller. Ja. Mein Platz 1. Ich wollte ihn nochmal erwähnt haben. Er wurde hin und wieder so als David Lynch für Jugendliche. Oder David Lynch für Leute, die keinen Surrealismus mögen. Donnie Darko. Ah ja, okay. Ja. Es gibt es auch diese tolle Kaninchen-Szene und Donnie Darko ist ein Film, der auch ähnlich wie Lynch ganz viel vom Surrealismus entnommen hat und das Ganze aber gepackt hat und daraus irgendwie so eine Art Mystery, so eine Kombination aus Mystery und Satire gemacht hat aus dem Jahr 2001 von Richard Kelly, der danach irgendwie nichts mehr gemacht hat, was irgendwie cool war. Aber das war wirklich sein Meisterwerk und es ist auch ein toller Film und manchmal heißt es, es ist ein David Lynch für Arme, finde ich aber nicht. Ich finde, es ist ein wirklich super unterhaltsamer Film irgendwo zwischen Satire, Science Fiction und Mystery und es gibt eben diesen total schrägen, merkwürdigen Hasen, der Frank heißt und der Donnie Darko Vision vom Ende der Welt nachts bereitet.
Johannes Franke: Das ist lange her, dass ich den Film gesehen habe, deswegen habe ich den nicht in die Liste genommen, weil ich mich nicht mehr nicht so sicher war, wie er jetzt mit Who Framed Roger Rabbit in einer Liste funktionieren soll, weil keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich doch ein bisschen, naja, gelinde gesagt irritiert und verstört aus diesem Film raus bin, aber ihn doch auch ganz gut fand. Ja. Ich glaube, wir haben den sogar zusammen gesehen. Das ist gut möglich. Ich glaube, du hast ihn mit Maya und mir gezeigt. Ja, kann ich mir gut vorstellen, dass das so ein Film war, den ich gesehen habe und gedacht habe, oh, den müsst ihr sehen, der ist gut. Ja. Kann sein, dass es einer der Filme war, wo Maya Schimpftiraden rauslassend den Abend verlassen hat irgendwann.
Florian Bayer: Könnte hier aber auch Spaß gemacht haben, weil der hat viele witzige Momente und der ist auch teilweise eine echt coole Satire so auf diese 80er Jahre Spießigkeit. Ah, okay. So diese Vorortbiederheit. Ja, okay. Jack Gyllenhaal, ne? Genau, Jack Gyllenhaal. Ja, ja.
Johannes Franke: Ein sehr, sehr junger Jack Gyllenhaal.
Florian Bayer: Mhm.
Johannes Franke: Crazy. Okay. Das war unsere Top 3. Das war unsere Top 3.
Florian Bayer: Wir kommen eigentlich schon zum Fazit des Films, dass wir die ganze Zeit während unseres Gesprächs ein bisschen vorweggenommen haben. Ja. Wir faziten seit anderthalb Stunden.
Johannes Franke: Also, möchtest du noch mal was? Oder soll ich erstmal, damit du den Film wieder hochholen kannst? Ja, zieh noch mal vom Leder. Nein, es gibt nicht viel vom Leder zu ziehen. Ich würde ja wahnsinnig gerne ziehen, aber das Problem ist, ich kann nirgendwo anfassen. Es gibt keinen Moment, wo ich wirklich sagen kann, okay, das nehme ich mir jetzt und ziehe es durch den Kakao. Weil da ist einfach, das ist so all over the place, dass ich es nicht, man kann nicht richtig reingreifen. Und deswegen gibt es auch kaum so, man würde sich zu sehr in Details verlieren, wenn man anfangen würde, wirklich strukturierte, fundierte Kritik üben zu wollen. Weil es einfach zu kleinteilig ist alles. Es geht nicht. Ich kann nicht den Grundplot zum Beispiel angreifen. Es funktioniert nicht. Was ist denn der Grundplot? Es gibt es einfach nicht. Ich kann auch keine Schauspielleistung angreifen, weil Laura Dern in der einen Szene super ist und in der anderen irgendwie auseinanderfliegt das Ganze, weil ihr die ganze Technik um die Ohren fliegt. Es funktioniert einfach. Ja, also ein solides Wort von mir.
Florian Bayer: Von mir das Schlusswort, was auch im Film gesprochen wird, bevor der Abspann losgeht, wo man dann den Holzfäller sieht und den Affen und alle sitzen in dem Wohnzimmer und feiern. Sweet. Ach was? Sweet? Das wird am Schluss, dass das letzte Wort, was gesagt wird, bevor wir den Abspann sehen von einer der Darstellerinnen. Ein krasser Trip, der mich drei Stunden, komplett in seinen Bann zieht, mitreißt, zerfetzt und am Schluss denke ich, ich habe keine Ahnung, was da passiert ist, aber es hat auf so vielen Ebenen bei mir funktioniert, emotional. Hast du nicht einfach nur Stockholm-Syndrom? Nein. Dafür, nein. Komm.
Johannes Franke: Nein, gibst du. Der Film ist so, allein durch seine Länge ist er so gewaltig.
Florian Bayer: Er ist gewaltig, genau. Ich stehe auf gewaltige und übermissionierte Sachen, gerade was Kunst betrifft. Ich finde es total cool und ich finde, man darf auch, ich finde, jeder Künstler, jede Künstlerin hat das Recht, in gewaltigen, ambitionierten Projekten zu scheitern und wir dürfen das trotzdem feiern. Das Scheitern hat manchmal mehr Würde und mehr Größe als das Gelingen von etwas, was perfekt durchdacht ist. Okay, das auf jeden Fall. Ich habe es schon mal gesagt, it's a mess, aber es ist unfassbar grandios und ich finde, es ist auch eine gute erste Hürde, um zu wissen, ob man Bock auf experimentelles Kino hat. Weil wenn man diesen Film durchgestanden hat, kann man sagen, ja, ich kann mich jetzt auch an experimentellere Sachen wagen. Weil er hat immer noch ein paar David-Lynch-Trademarks, er hat immer noch Handlung, wenn auch sehr zerfetzt, aber er hat immer noch so dieses Momentum von, ja, es hat auch einen unterhaltenden Aspekt, eben in diesem Genre Horror-Mystery. Okay, und wenn man den geschafft hat und denkt, boah, das war irgendwie schon geil, auch wenn ich keine Ahnung habe, was da passiert ist, dann kann man anfangen, nochmal zu graben, hey, was gab es denn für experimentelle Filme in den 80ern, in den 70ern und in den 90ern. Weil, um das nochmal zu sagen, es gibt deutlich krassere und schrägere Sachen da draußen als diesen Film. Aber nicht mit dieser Größe, das wahrscheinlich nicht. Für mich einer der besten Filme der 2000er Jahre.
Johannes Franke: Okay. Okay. Gut. Ja, dann, wenn ihr wissen wollt, wie ich mich räche. Ich bin so gespannt. Dann bleibt noch dran, wir kündigen an, was es gibt, aber ich danke dir erstmal, Clor, für dieses unglaubliche Erlebnis.
Florian Bayer: Ich danke dir, dass du diesen Trip mitgemacht hast und dass du drei Stunden durchgehalten hast und vor allem danke, dass du versucht hast, mitzupuzzeln, obwohl du ihn nur einmal gesehen hast. Ich weiß, das ist schwer, wenn man bombardiert wird mit Ideen und mit Bildern und mit Figuren, die die Persönlichkeit wechseln, das kann ich total gut nachvollziehen.
Johannes Franke: Ja, und ich werde gleich noch einen kurzen Schnipsel einsprechen, der gleich am Anfang der Episode den Leuten nahelegt, sich die Kapitel zu nehmen, die wir in unseren Player einbauen werden. Wo du, du, Clor, bitte, den Anfang der Diskussion um den Inhalt und der Interpretationsfähigkeit dieses Inhalts und das Ende dessen, dass man das skippen kann. Den besten Part überhaupt, das Rätsel, der Lösungsweg. Kannst du bitte auch Marker setzen an den Stellen, wo ich einmal immer schön sage, nein, das ist scheiße.
Florian Bayer: Okay. Ich gebe dir ein paar, nein, das ist scheiße, Marker. Und wenn ihr wissen wollt, genau, wenn ihr wissen wollt, womit sich Johannes recht, bleibt dran. Sehr schön. Bis dahin, eine schöne Woche euch. Schöne Woche euch, bis dann. Ciao. So, ich räche mich, Clor. Ich bin voll gespannt. Was kommt? Musical. USA.
Johannes Franke: 1945. Nein, ich glaube, mich zu erinnern, und es würde sich mit dem decken, was ich weiß darüber, dass du gar keine Ahnung davon hast und nur so am Rande gehört hast, dass es das überhaupt gibt. Und zwar die Olsen-Bande.
Florian Bayer: Ja. Clor bricht zusammen. Basisinformation. Es ist eine Gruppe von Gaunern, frag mich nicht, wie viele. Es kommt aus Skandinavien, frag mich nicht, welches Land. Ja, ja, sehr richtig. Und es lebt irgendwie davon, also es gibt ganz viele Filme davon, ne? Ja, 14. Oh man, oh wow, okay. Und welchen gucken wir den ersten dann, damit ich reinkomme?
Johannes Franke: Nee, das Problem ist, die ersten drei Filme sind ein bisschen, die sind noch nicht so, die haben erst irgendwann festgestellt, welche Trademarks die Charaktere haben und so und wie das Ganze mit den Running Gags funktioniert. Das Problem ist, du wirst die Running Gags nicht verstehen, weil du wirst nur den einen Film sehen, aber wir gehen irgendwo in die Mitte. Oh ja. Und zwar nehmen wir die acht. Ist das so random? Hast du gewürfelt? Nein, ich habe nochmal so ein bisschen recherchiert. Jeder Film hat so seine Kernszenen, die besonders berühmt geworden sind. Und bei dem Film mag ich diese Kernszene wahnsinnig gerne. Das ist in einem Opernhaus, das wirst du dann sehen. Okay. Und deswegen nehmen wir einfach diesen Film und du musst einfach alles für gegeben nehmen, was bis dahin etabliert wurde. Pech gehabt. Du musst da durch.
Florian Bayer: Ich bin sehr gespannt. Und ist das so ein Film, wo ich jetzt ewig suchen muss, dass ich ihn finde?
Johannes Franke: Das kann vielleicht sein. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, die deutsche Version zu gucken, weil die Synchronisation tatsächlich ziemlich gut ist. Und das ist auch der Grund, warum es in Westdeutschland nicht so funktioniert hat, weil die westdeutsche Synchronisation nicht so gut war. Das ist so eine Sandmenschengeschichte. Das ist etwas, was in Deutschland, in der DDR wahnsinnig berühmt wurde.
Florian Bayer: Ah, okay. Also die westdeutsche Synchronisation ist so wie das westdeutsche Sandmensch. Wir haben nicht viel von euch übernommen, aber wir haben gesagt, die haben das bessere Sandmensch, die haben die besseren Ampelmenschen und die haben die bessere Olsenwanse.
Johannes Franke: Ja, genau. Und deswegen ist es auch in der Schweiz und in Österreich nicht so bekannt geworden, aber in Ungarn zum Beispiel, die hatten eine gute Synchronisation. Und in Polen, glaube ich, hatten sie auch eine gute Synchronisation.
Florian Bayer: Ich bin sehr gespannt. Mein erster Olsen-Film. Ich habe tatsächlich, ja, ich kenne es nicht. Okay, cool. Ich bin sehr gespannt, wie du auf die Olsen-Bande reagierst. Ich auch.
Johannes Franke: Also es ist wirklich ziemlich das Gegenteil von dem, was wir heute hatten. Das glaube ich dir direkt. Es wird auf jeden Fall, es wird leichte Unterhaltung sein, oder? Es ist leicht, natürlich ist es leicht, wenn nicht sogar seichte Unterhaltung.
Florian Bayer: Okay, ich lasse mich überraschen und ich werde versuchen, es unvoreingenommen zu sehen. Viel Spaß. Danke. Bis dann. Bis nächste Woche. Ciao.
