Episode 11: Der Spiegel (Serkalo), The Hateful Eight

In der elften Episode treten zwei Filme gegeneinander an, die unterschiedlicher nicht sein könnten. The Hateful Eight aus dem Jahre 2015 und Serkalo aus dem Jahre 1975. Nicht nur 40 Jahre trennen diese beiden Filme sondern ganze Welten: Auf der einen Seite haben wir Quentin Tarantino, Independent- und Hollywooddarling des 21. Jahrhunderts, der im letzten Jahrzehnt ein besonderes Faible für Western entwickelt hatte, dass er in The Hateful Eight besonders auslebt. Auf der anderen Seite haben wir Andrei Tarkowski, Publikumsschreck und Cineastenliebling des 20. Jahrhunderts, der mit Serkalo seine Experimentierfreude und seinen Avantgardismus auf die Spitze treibt. Auf der einen Seite haben wir sowjetisches Kino mit Hang zum Epochalen, auf der anderen Seite US-amerikanische Westernnarrative, wie sie amerikanischer nicht sein könnten. Wir haben Avantgarde und Pop, Moderne und Postmoderne, Film als Spiel und Film als Seelenschau. Ob sich diese beiden Extreme miteinander versöhnen lassen?

Natürlich haben sich auch wieder zwei Top-Listen in unsere Episode geschmuggelt. Dieses Mal reden wir über die stärksten Mutterrollen in Filmen sowie die besten Kammerspiele aller Zeiten. Falls Ihr Anmerkungen, Kritik und Wünsche habt, schickt sie uns an florian@mussmansehen.de oder johannes@mussmansehen.de. Und falls euch die Episode gefällt, abonniert unseren Podcast in der App eures Vertrauens und hört auch in die älteren Episoden rein.

Der Spiegel [Andrei Tarkowski]

(Sowjetunion 1975)

Ein Kind schaltet einen Fernseher an. Darin zu sehen ein junger Mann bei einer Art Hypnose, einer Seance. Mit Hilfe einer spirituellen Kraft will er sein Stottern ablegen, will endlich richtig reden können. Richtig reden können… Darum geht es dem russischen Avantgarde Regisseur Andrei Tarkowski in seinem Film Serkalo – Der Spiegel von 1975. Und er wird reden. Viel und ausgiebig. Mal in trockenen Monologen, mal im Zwiegespräch mit seiner Exfrau, mal in einem fast religiösen Singsang, Gedichte seines Vaters rezitierend. Das sprechende Alter Ego des Filmemachers ist Akexej, ein vierzigjähriger Mann, der mit seiner Ex-Frau darüber debattiert, was mit ihrem gemeinsamen Sohn geschehen soll und der sich an seine Kindheit und Jugend in der ländlichen Sowjetunion erinnert.

Aber so präsent dieser Alexej mit seiner Stimme und seiner POV ist, im Zentrum von Serkalo steht etwas anderes: Es ist auch nicht Alexejs Mutter, deren Alltag und Fürsorge für die lange Zeit vaterlose Familie viel Raum des Films einnimmt. Im Zentrum des Spiegels steht die Zeit als solche: Die Erinnerung, mal verschwommen, mal verfälscht, mal schmerzhaft konkret. Das Oszillieren des eigenen Gedächtnisses zwischen Traum und Wirklichkeit, die wortwörtlichen Spiegelungen von Gegenwart und Vergangenheit, und das Metaphysische, das dieses komplexe Netz zusammenhält. Serkalo ist kein leichter Film, vermutlich der schwierigste Film Tarkowskijs. Er ist nicht linear erzählt, steckt voller kryptischer Bilder und Referenzen auf die russische und europäische Geschichte. Aber so oft er sich dem Verstehen entzieht, so gewaltig ist er auf einer emotionalen Ebene: Geisterhaft, erschreckend, romantisiert und wunderschön, langsam und introspektiv, pathetisch und gewaltig. Die Kritik war damals gespalten; epochale Seelenschau? Freudianische Masturbation eines übersättigten Künstlers? Der sowjetischen Kritik war er zu spirituell, zu mystizistisch, und auch heute noch tun sich viele Menschen schwer mit diesem langsam erzählten, verworrenen, rätselhaften Trip durch Raum und Zeit. Konnte er dich trotzdem begeistern, Johannes?

The Hateful Eight [Quentin Tarantino]

(USA 2015)

Der 2015 erschiene Western im tiefen Schneegestöber von Quentin Tarantino, erzählt von 7 paranoiden Männern und einer Frau, die durch einen Blizard in Wyoming in eine Hütte zusammengesperrt sind – jeder mit einer eigenen Agenda.
John Ruth will die Verbrecherin Daisy Domergue gewinnbringend nach Red Rock bringen. Major Marquis Warren hat ebenfalls 3 Verbrecher, allerdings tot, im Schlepptau und ausgerechnet der neue Sherif Chris Mannix der in Red Rock den Lohn der beiden auszahlen würde, ist auch mit von der Partie.

Ebenso wie Señor Bob, Oswaldo Mobray,  Joe Gage, General Sanford Smithers deren Backstory und Triebfkräfte sich erst spät im Film entfalten.
Ein Film der Seite Spannung großteils aus Paranoia, erhöhter Gewaltbereitschaft und Geld- und Machtgier speist. Irgendwie typisch Tarantino. Aber auch ein bisschen untypisch, aber an welchen Stellen? Hast du eine Idee dazu Plor?