Episode 11: Der Spiegel (Serkalo), The Hateful Eight
In der elften Episode treten zwei Filme gegeneinander an, die unterschiedlicher nicht sein könnten. The Hateful Eight aus dem Jahre 2015 und Serkalo aus dem Jahre 1975. Nicht nur 40 Jahre trennen diese beiden Filme sondern ganze Welten: Auf der einen Seite haben wir Quentin Tarantino, Independent- und Hollywooddarling des 21. Jahrhunderts, der im letzten Jahrzehnt ein besonderes Faible für Western entwickelt hatte, dass er in The Hateful Eight besonders auslebt. Auf der anderen Seite haben wir Andrei Tarkowski, Publikumsschreck und Cineastenliebling des 20. Jahrhunderts, der mit Serkalo seine Experimentierfreude und seinen Avantgardismus auf die Spitze treibt. Auf der einen Seite haben wir sowjetisches Kino mit Hang zum Epochalen, auf der anderen Seite US-amerikanische Westernnarrative, wie sie amerikanischer nicht sein könnten. Wir haben Avantgarde und Pop, Moderne und Postmoderne, Film als Spiel und Film als Seelenschau. Ob sich diese beiden Extreme miteinander versöhnen lassen?
Natürlich haben sich auch wieder zwei Top-Listen in unsere Episode geschmuggelt. Dieses Mal reden wir über die stärksten Mutterrollen in Filmen sowie die besten Kammerspiele aller Zeiten. Falls Ihr Anmerkungen, Kritik und Wünsche habt, schickt sie uns an florian@mussmansehen.de oder johannes@mussmansehen.de. Und falls euch die Episode gefällt, abonniert unseren Podcast in der App eures Vertrauens und hört auch in die älteren Episoden rein.
Der Spiegel [Andrei Tarkowski]
(Sowjetunion 1975)
Ein Kind schaltet einen Fernseher an. Darin zu sehen ein junger Mann bei einer Art Hypnose, einer Seance. Mit Hilfe einer spirituellen Kraft will er sein Stottern ablegen, will endlich richtig reden können. Richtig reden können… Darum geht es dem russischen Avantgarde Regisseur Andrei Tarkowski in seinem Film Serkalo – Der Spiegel von 1975. Und er wird reden. Viel und ausgiebig. Mal in trockenen Monologen, mal im Zwiegespräch mit seiner Exfrau, mal in einem fast religiösen Singsang, Gedichte seines Vaters rezitierend. Das sprechende Alter Ego des Filmemachers ist Akexej, ein vierzigjähriger Mann, der mit seiner Ex-Frau darüber debattiert, was mit ihrem gemeinsamen Sohn geschehen soll und der sich an seine Kindheit und Jugend in der ländlichen Sowjetunion erinnert.
Aber so präsent dieser Alexej mit seiner Stimme und seiner POV ist, im Zentrum von Serkalo steht etwas anderes: Es ist auch nicht Alexejs Mutter, deren Alltag und Fürsorge für die lange Zeit vaterlose Familie viel Raum des Films einnimmt. Im Zentrum des Spiegels steht die Zeit als solche: Die Erinnerung, mal verschwommen, mal verfälscht, mal schmerzhaft konkret. Das Oszillieren des eigenen Gedächtnisses zwischen Traum und Wirklichkeit, die wortwörtlichen Spiegelungen von Gegenwart und Vergangenheit, und das Metaphysische, das dieses komplexe Netz zusammenhält. Serkalo ist kein leichter Film, vermutlich der schwierigste Film Tarkowskijs. Er ist nicht linear erzählt, steckt voller kryptischer Bilder und Referenzen auf die russische und europäische Geschichte. Aber so oft er sich dem Verstehen entzieht, so gewaltig ist er auf einer emotionalen Ebene: Geisterhaft, erschreckend, romantisiert und wunderschön, langsam und introspektiv, pathetisch und gewaltig. Die Kritik war damals gespalten; epochale Seelenschau? Freudianische Masturbation eines übersättigten Künstlers? Der sowjetischen Kritik war er zu spirituell, zu mystizistisch, und auch heute noch tun sich viele Menschen schwer mit diesem langsam erzählten, verworrenen, rätselhaften Trip durch Raum und Zeit. Konnte er dich trotzdem begeistern, Johannes?
The Hateful Eight [Quentin Tarantino]
(USA 2015)
Der 2015 erschiene Western im tiefen Schneegestöber von Quentin Tarantino, erzählt von 7 paranoiden Männern und einer Frau, die durch einen Blizard in Wyoming in eine Hütte zusammengesperrt sind – jeder mit einer eigenen Agenda.
John Ruth will die Verbrecherin Daisy Domergue gewinnbringend nach Red Rock bringen. Major Marquis Warren hat ebenfalls 3 Verbrecher, allerdings tot, im Schlepptau und ausgerechnet der neue Sherif Chris Mannix der in Red Rock den Lohn der beiden auszahlen würde, ist auch mit von der Partie.
Ebenso wie Señor Bob, Oswaldo Mobray, Joe Gage, General Sanford Smithers deren Backstory und Triebfkräfte sich erst spät im Film entfalten.
Ein Film der Seite Spannung großteils aus Paranoia, erhöhter Gewaltbereitschaft und Geld- und Machtgier speist. Irgendwie typisch Tarantino. Aber auch ein bisschen untypisch, aber an welchen Stellen? Hast du eine Idee dazu Plor?
Transkript
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: Podcast: Der mussmansehen Podcast - Filmbesprechungen Episode: Episode 11: Der Spiegel (Serkalo), The Hateful Eight Publishing Date: 2021-03-17T16:05:14+01:00 Podcast URL: https://podcast.mussmansehen.de Episode URL: https://podcast.mussmansehen.de/2021/03/17/episode-11-der-spiegel-serkalo-the-hateful-eight/
Florian Bayer: Johannes, du glaubst wirklich, die Welt braucht einen weiteren Podcast? Nein, eigentlich nicht, aber ich. Aber wenn wir einen Podcast machen zusammen, dann brauchen wir irgendwas Cooles, worüber wir reden können.
Johannes Franke: Wie wäre es mit Filmen? Du liebst Filme, ich liebe Filme, ist doch eine gute Idee. Ja, aber wir lieben überhaupt nicht die gleichen Filme. Ja, das könnte das Geile sein. Ich zeige dir Filme, die ich geil finde und du zeigst mir Filme, die du geil findest. Das heißt so Musicals aus den 50ern? Von mir, für dich, genau. Und koreanische Filme? Mit russischen Untertiteln? Von mir, für dich.
Florian Bayer: Oh Gott, okay. Aber du weißt, dass das für eine Menge Streit sorgen kann.
Johannes Franke: Äh, definitiv. Das wird lustig.
Florian Bayer: Ich wollte immer mal einen Podcast mit einem Räuspern oder Husten starten. Auch wenn man das zu Corona-Zeiten vielleicht nicht machen sollte. Na toll. Und ich habe nicht mal in die Armbräge gehoofst, sondern in die Hand.
Johannes Franke: Ja, wir geben uns ja nicht die Hand. Ja. Passt schon. Du rührst nur mit den Fingern meinen Tee um. Folge 11. Folge 11.
Florian Bayer: Oh mein Gott, wir sind zweitstellig. Ja, Schnapszahl. Hast du dich von der Jubiläumsfeier letzte Woche erholt von dem Kater?
Johannes Franke: Ja, gerade so. Aber so weit, dass ich gedacht habe, ich werde meinen Film mit einem Whisky trinken. Also ich habe die Schnapszahl sozusagen jetzt auch ernst genommen.
Florian Bayer: Oh, hast du tatsächlich gemacht?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Bei meinem Film habe ich, lass mich überlegen, was ich getrunken habe. Oh Gott, ich glaube, ich habe Popcorn dazu gegessen. Und wahrscheinlich hatte ich da was stehen, hatte ich ein Bier in der Hand.
Johannes Franke: Trinkst du beim Film gucken? Nicht immer, aber diesmal, also The Hateful Eight muss man mit Whisky gucken. Ja, stimmt. Auf jeden Fall. Ja.
Florian Bayer: Und damit wären wir ja schon beim Film, den du für mich hast heute. Sehr schön. Ich habe ja The Hateful Eight für dich und du hast für mich? Sehr kalor, der Spiegel von André Tarkowski. Wir sind wieder bei unserem alten Prinzip, einen neuen Film und einen etwas älteren Film. Ja. Nachdem wir letzte Woche zwei ganz aktuelle Filme hatten.
Johannes Franke: Ja. Zufällig ein bisschen. Also es ist ja nicht so, dass wir uns abstimmen, dass wir jetzt darüber nachdenken, was wären das für zwei Filme, die wir zusammen gut in einer Episode packen könnten. Sondern wir sind ja so renitent und sagen, nee, mich interessiert jetzt einfach mal das. Und es hat nichts mit dem zu tun, was dich interessiert.
Florian Bayer: Es gibt überhaupt kein Konzept bei der Filmauswahl. Wir nehmen einfach, was uns gerade in den Sinn kommt. Also tatsächlich, bei mir ist es oft so, was würde ich denn unbedingt gerne mal wieder schauen? Ja, okay. Das spielt eine große Rolle. Und ansonsten auch die Frage, was ist noch auf meiner Zusehen-Liste? Das war zumindest bei dem Don Quixote der Fall. Ah ja. Ja. Und manchmal ist es auch einfach, womit will ich Johannes quälen? Und heute. Wie das war. Ja.
Johannes Franke: Heute habe ich was gefunden, um ihn zu quälen. Ich möchte an dieser Stelle den geneigten Zuhörer einmal ermuntern, uns auch eine Mail zu schreiben oder einen Post irgendwo zu hinterlassen mit einem Filmtitel, den wir besprechen sollen.
Florian Bayer: Ja, wir nehmen gerne Vorschläge an.
Johannes Franke: Ja. Mal gucken. Also ihr fünf. Wir wissen, wer ihr seid. Und je nach Filmtitel wissen wir wahrscheinlich sogar, wer von euch Filmtitel ist. Okay. Ja. Ja. Wollen wir dann einfach mit deinem vielleicht loslegen, Flo? Wir legen mit meinem Film los. Fangen wir mit deinem an. Ich bin sehr gespannt. Stell doch den Film mal vor.
Florian Bayer: Russisches Avantgarde-Kino. André Takowski, Serkalo, beziehungsweise im Deutschen Der Spiegel von 1975. Ich muss erst meine Gedanken sammeln. Oh Gott. Ah, es ist viel zu viel Text. Tut mir leid. Ja, wir können die ganze Episode damit füllen. Mach mal. Ein Kind schaltet einen Fernseher an. Darin zu sehen, ein junger Mann bei einer Art Hypnose, einer Seance. Mithilfe einer spirituellen Kraft will er sein Stottern ablegen. Will endlich richtig reden können. Richtig reden können. Darum geht es dem russischen Avantgarde-Regisseur André Takowski in seinem Film Serkalo von 1975. Und er wird reden. Viel und ausgiebig. Mal in trockenen Monologen. Mal im Zwiegespräch mit seiner Ex-Frau. Mal in einem fast religiösen Singsang Gedichte seines Vaters rezitierend. Das sprechende Alter-Ego des Filmemachers ist Alexei. Ein 40-jähriger Mann, der mit seiner Ex-Frau darüber debattiert, was mit ihrem gemeinsamen Sohn geschehen soll. Und der sich an seine Kindheit und Jugend in der ländlichen Sowjetunion erinnert. Aber so präsent dieser Alexei mit seiner Stimme und seiner POV ist, im Zentrum von Serkalo steht etwas anderes. Es ist auch nicht Alexeys Mutter, deren Alltag und Fürsorge für die lange Zeit vaterlose Familie viel Raum des Films einnimmt. Im Zentrum des Spiegels steht die Zeit als solche. Die Erinnerung, mal verschwommen, mal verfälscht, mal schmerzhaft konkret. Das Oszillieren des eigenen Gedächtnisses zwischen Traum und Wirklichkeit. Die wortwörtlichen Spiegelungen von Gegenwart und Vergangenheit. Und das Metaphysische, das dieses komplexe Netz zusammenhält. Serkalo ist kein leichter Film. Vermutlich sogar der schwierigste Film Tarkovskys. Er ist nicht linear erzählt, steckt voller kryptischer Bilder und Referenzen auf die russische und europäische Geschichte. Aber so oft er sich dem Verstehen entzieht, so gewaltig ist er auf einer emotionalen Ebene. Geisterhaft, erschreckend, romantisiert und wunderschön. Langsam und introspektiv, pathetisch und gewaltig. Die Kritik war damals gespalten. Epochale Seelenschau? Freudianische Masturbation eines übersättigten Künstlers? Der sowjetischen Kritik war ja zu spirituell, zu mystizistisch. Und auch heute noch tun sich viele Menschen schwer mit diesem langsam erzählten, verwochenen, rätselhaften Trip durch Raum und Zeit. Konnte er dich trotzdem begeistern, Johannes?
Johannes Franke: Gute Frage. Ich stehe noch zu sehr unter dem Eindruck des Filmes, als dass ich den Schritt zurück gewagt hätte, um zu gucken, ob ich damit was anfangen kann. Wann hast du ihn denn geguckt? Vorgestern. Vorgestern, okay. Nein, stimmt nicht. Gestern. Gestern. Ja, siehst du, so viel Zeit kommt einem das dann vor, wenn man aus diesem Film rauskommt. Nein, ich habe ihn gestern gesehen und es ist wirklich, wirklich schwer, darüber überhaupt einen Gedanken zu fassen. Eine Frage an dich, Plur. Ja. Wie oft hast du diesen Film gesehen, bevor du auch nur irgendwas verstanden hast? Okay, das ist ein bisschen sehr stark formuliert, aber. Ich behaupte nicht, dass ich jetzt was verstanden hätte.
Florian Bayer: Auch das noch, okay, ja. Also ich muss dazu sagen, um ein bisschen mal wieder in die emotionale, persönliche Geschichte reinzugehen. Das erste Mal habe ich den Film gesehen als junger Student und zwar ganz klar mit dem Ziel, den filmischen Kanon aufzupolieren. Und ich war kein großer Tarkowski-Fan zur damaligen Zeit. Ich hatte von ihm gesehen Solaris und hatte da wohl den Fehler gemacht, dass ich den unmittelbar, nachdem ich das Buch gelesen hatte, gesehen habe. Oh. Und fand, dass er das Buch, was ich wirklich total liebe, was zu meinen Lieblings-Science-Fiction-Romanen gehört, dass er das überhaupt nicht verstanden hat. Und einfach so sein eigenes Ding draus gemacht hat, was er wahrscheinlich auch gemacht hat. Das habe ich ihm damals ein bisschen übel genommen. Und dann habe ich Stalker gesehen, der total gehypt war und dachte nur so, naja, überschätzt.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und dann habe ich Serkalo gesehen. Und ich erinnere mich. Und da kam die Offenbarung. Mit einem Freund zusammen. Ich habe nichts verstanden an diesem Film. Ich saß da, keine Ahnung, was da passiert. Aber ich erinnere mich noch total gut an das Gefühl, was der Film bei mir vermittelt hat. Und es war einfach, ich war total erschlagen. Der Film hat mich wirklich im wahrsten Sinne des Wortes fertig gemacht. Und das macht er jedes Mal, wenn ich ihn sehe. Und ich habe das jetzt gemerkt, als ich ihn wieder geschaut habe für diese Sendung. Ich habe den gar nicht so oft gesehen. Also es gibt Filme, die ich deutlich öfter gesehen habe, weil der Film mir teilweise Angst macht. Weil ich diesen Film wirklich krass finde. Und ich finde, dieser Film geht so ans Eingemachte. Er ist brutal spirituell. Vielleicht kann man das so sagen. Ja. Und du weißt, ich bin überhaupt kein religiöser Mensch. Ja, ja. Ich bin auch kein spiritueller Mensch. Also überhaupt nicht. Und dieser Film trifft aber irgendwie so einen spirituellen Nerv, der offensichtlich irgendwo bei mir verborgen ist. Wir brauchen wieder eine Sitzung, Flo. Soll ich dich wieder aufs Sofa begleiten? Wirklich, das greift mich an. Und dieser Film ist für mich wie eine Provokation. Okay. Aber er ist in dieser Provokation sehr unglaublich mächtig. Es ist ein Film, der mich einfach wirklich fertig macht. Er zerreißt mich irgendwie. Es ist ein Film, der auch weit über das hinausgeht, was andere Filme machen. Weil ich weiß nicht genau, was da passiert ist. Ich kann mir das nur so erklären, dass der Film irgendwann komplett dem Regisseur entglitten ist und sein eigenes Monstrum geworden ist. Weil, also eigentlich genau genommen haben wir ja, es ist ja wirklich eine klassische freudianische Geschichte. Ich versuche jemand seine Autobiografie in einem Film zu verarbeiten. Okay. Aber Dachowski scheitert damit irgendwie. Und das, was daraus entsteht, ist wirklich wie so ein Frankenstein-Monster aus Erinnerungen, Traum und Realität, das lose zusammengehalten wird. Und ich glaube, ich kann mir vorstellen, dass es auch dem Regisseur selbst Angst macht, was dabei entstanden ist. Und das ist, ja, das ist eher was für die Kirche als fürs Kino.
Johannes Franke: Ich finde diesen Film krass einfach nur. Also, ich hatte kurz überlegt, ob ich dich gleich am Anfang dieser Episode einmal schelte, weil wir ja Filme besprechen wollten. Und nicht, keine Gemälde, die sich bewegen.
Florian Bayer: Ja, genau, Gemälde, aber es ist noch mehr als ein Gemälde.
Johannes Franke: Es ist noch mehr, genau, ist richtig. Es ist mehr, aber es ist irgendwie, fällt es mir schwer, die Kategorie Film anzulegen. Ja. Ja, das ist wahnsinnig schwer zu sagen, so. Und das ist auch das, was mich daran tatsächlich begeistert.
Florian Bayer: Ah, okay, das ist gut, dass das Wort begeistert ist gefallen. Das finde ich schon mal gut.
Johannes Franke: Es bleibt aber leider nicht nur bei begeistert. Aber es ist schon so, dass der Film allein durch seine Ambition, so viel mehr sein zu wollen als ein Film oder so viel anders sein zu wollen als ein klassischer Film, entwickelt er eine Wucht, die ja, die, die, die einfach bewundernswert ist. Ja.
Florian Bayer: Es ist ja tatsächlich so, dass die sowjetischen Filmbehörden den Film als gefährlich angesehen haben. Ja. Wegen seiner spirituellen Seite, wegen dem abstrakten, künstlerischen.
Johannes Franke: Ja, fast schon aufwieglerischen, ne? Also, vor allem auch, was die Kriegssachen betrifft. Das muss man schon sagen.
Florian Bayer: Genau, dass das kommt aufbereit.
Johannes Franke: Die Russen waren nicht so zufrieden damit, dass die Kriegsszenen nicht heroisch waren.
Florian Bayer: Genau, viel zu realistisch. Viel zu realistisch in den Kriegsszenen und viel zu unrealistisch in allem anderen drumherum und viel zu sehr diese westliche Dekadenz, was Künstlerigkeit, was Experimentelles betrifft. Ich kann es ein bisschen nachvollziehen, dass sie den Film gefährlich fanden. Ich finde diesen Film auch irgendwie gefährlich. Der hat was Propagandistisches für einen spirituellen Blick auf das Leben und auf das Sein. Ja. Weil es ist ja, es ist ja auch die Geschichte eines sterbenden Menschen.
Johannes Franke: Ja, was einem aber nicht klar ist die ganze Zeit. Nee, genau. Das kriegt man nicht mit. Das kriegt man ganz am Ende, hat man so eine Ahnung davon, dass es vielleicht darum gegangen sein könnte. Aber...
Florian Bayer: Und es ist auch so ein bisschen, der Film steht permanent in Kontakt mit dem Jenseits. Oder mit der Vorstellung von Jenseits, die der Film hat. Es gibt Geistererscheinungen.
Johannes Franke: Ja, wobei er das nicht so richtig formuliert. Also er gibt einem das Handwerksteug nicht mit zu dekodieren, was er meint. Das heißt, man kann es sehr schnell übersehen, dass es irgendwie... Auch die Zeitebenen kann man übersehen. Man kann alles eigentlich, wenn man irgendwann einfach nur noch aufgibt, weißt du, man guckt sich das an und denkt sich, ich suche jetzt mal nach Anhaltspunkten. Und dann muss man irgendwann aufgeben und sagen, ja, ich komme mit, ist in Ordnung.
Florian Bayer: Das ist das Zweite. Der Film ist nicht nur brutal spirituell, sondern auch brutal kryptisch. Und zwar tatsächlich, was man wirklich dazu sagen muss, ich habe ihn als junger Student gesehen und als junger Student findet man das total geil. Das hat auch sowas von Masturbation, wenn man einen Film sieht und dann fängt man an, ihn zu entschlüsseln. Oder wenn man ein Buch liest, man fängt an, es zu entschlüsseln. Aber kryptisch ist ja nicht gleich gut. Und kryptisch ist ja auch oft, dass man denkt, oh, boah, Regisseur, Regisseurin, du findest dich gerade voll geil darin, was zu erzählen, was kein Mensch versteht. Aber willst du nicht verstanden werden?
Johannes Franke: Genau, sowas habe ich mir aufgeschrieben, weißt du, irgendwie ganz am Ende, als ich dann da saß und dachte, okay, was kann ich jetzt, was kann man darüber sagen? Und das ist eine der Sachen, die ich aufgeschrieben habe, ist, dass dieser Film irgendwie keine Mühe sich wirklich gibt, mich so richtig einzubeziehen und mir so richtig wirklich was zu erzählen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Film einfach zum Selbstzweck vor sich hin verarbeitet und Zeug verarbeitet, was nichts mit mir zu tun hat. Also es ist streckenweise schwierig, emotional beteiligt zu sein.
Florian Bayer: Ja, das ist das autobiografische Moment natürlich. Also Tarkowski hat hier ganz klar verarbeitet, was er als Kind und junge Erwachsene erlebt hat. Es geht darum, der Protagonist Alexei, seine... Ach, er ist der Protagonist, verstehe. Seine Mutter Natalia, nee, Quatsch, nicht Natalia, Natalia ist seine Ex-Frau. Genau, Maria oder Mascha ist seine Mutter und die zieht ihre Kinder größtenteils alleine groß, weil der Vater nicht da ist, der Vater ist im Krieg. Ja. Und ist dann irgendwie weg und das ist eins zu eins die Geschichte von Tarkowski, dessen Mutter sich allein um die Kinder gekümmert hat. Der Vater hat die Familie früh verlassen und der 40-jährige Protagonist Alexei, der parallel erzählt wird, hat auch seine Frau und sein Kind verlassen. Und das ist natürlich auch Tarkowskis Geschichte. Tarkowski hat auch seine Frau und sein Kind verlassen. Es gibt total diesen autobiografischen Moment und es ist klar, es gibt hier... Tarkowski baut keinen Film, in dem man sich mit dem Protagonisten identifiziert, weil so eindeutig ist, dass der Protagonist ein alter Ego Tarkowskis ist. Sowohl seine Erinnerungen an seine Kindheit als auch die Jetzt-Zeit, das sind so die wichtigsten großen Zeitebenen, die den Film irgendwie zusammenhalten, sind beide einfach Tarkowskis Seelenschau. Es ist was Autobiografisches, es ist ganz viel Autobiografisches drin und dadurch entsteht natürlich eine gewisse Distanz, weil das Publikum identifiziert sich nicht mit dieser Figur, die so ganz sehr spezifisch das Leben Tarkowskis gelebt hat und lebt.
Johannes Franke: Ja, wobei aber trotzdem die wesentlichen Punkte für die Zeit, in der der Film entstanden ist, wahrscheinlich vielen, gerade Russen, aus der Seele gesprochen haben. Also die ganzen Kriegsgeschichten, diese ganze Art und Weise zu leben und irgendwie auf dem Sprung zu sein teilweise und auf dem Land dann anzukommen und irgendwie sich zu beäugen. Also dieses ganze, ich weiß nicht, dieses Gefühl, das Lebensgefühl, was der Film mit sich bringt, ist wahrscheinlich, nehme ich mal an, für die Russen damals durchaus ein sehr, ja, ein Punkt zum Andocken gewesen.
Florian Bayer: Ja, das ist gut möglich. Ich finde, es spielt für mich tatsächlich nicht so eine große Rolle, weil ich den Protagonisten, weil ich den Protagonisten nicht als das wesentliche Element des Films wahrnehme. Aber er heißt Protagonist. Ja, aber das ist das, was ich meinte, als ich gesagt habe, dieser Film entgleitet irgendwie dem Regisseur, weil das die Person, die er erzählt, und das ist ja ein relativ überschaubares Personenkonstrukt. Also wir haben den Alexei, wir haben seine Mutter Maria. Ja, ich kies mir kurz noch Tee ein. Ja, mach das bitte. Schön vor dem Mikrofon, damit man es gut hören kann. Wir haben seine Ex-Frau Natalia, gespielt von derselben Schauspielerin wie seine Mutter.
Johannes Franke: Was so unglaublich verwirrend ist, wo ich die ganze Zeit denke, okay, und jetzt sind sie plötzlich nur schwarz-weiß. Nee, das ist auch Vergangenheit. Ist das Zukunft? Nein, Moment, was ist das? Und ich weiß es nicht.
Florian Bayer: Es gibt kein klares Konzept, was die Farbgestaltung betrifft. Es sind Vergangenheitsszenen sind in Farbe und Gegenwartsszenen in schwarz-weiß, Gegenwartsszenen sind in Farbe, Vergangenheitsszenen sind in schwarz-weiß. Das ist völlig unklar. Es fließt alles ineinander über. Und dann die vierte Person ist Ignaz, der Sohn von dem Alexei, der von demselben Schauspieler gespielt wird wie der jugendliche Alexei bei seiner Militärausbildung. Und das war es eigentlich. Es ist eine ganz banale Geschichte. Es ist die Geschichte von Alexei, der von seiner Mutter ohne Vater auf dem Land großgezogen wurde, der zu seiner Mutter eine sehr spezielle Beziehung hat, irgendwie eine Art Tiefe-Liebe. Gleichzeitig aber auch eine Distanz, der sich von seiner Frau getrennt hat, der mit seiner Frau darüber diskutiert, was mit ihrem gemeinsamen Sohn geschehen soll, mit Ignaz. Und der schließlich am Ende des Films stirbt. Das ist das, was, das ist erstmal das Grundkonzept des Films. Der Film erzählt das natürlich nicht so.
Johannes Franke: Ja, das ist das Problem. Ich weiß es halt nicht, dass es sein Grundkonzept ist. Nachdem ich recherchiert habe, weiß ich, dass das ein Grundkonzept ist. Aber ja, ich weiß halt nicht, wer ist wer und wann ist wer wer. Und sie geben sich auch keine große Mühe zu sagen, diese Schauspielerin spielt zwar zwei unterschiedliche Rollen, aber das sind unterschiedliche Figuren. Weil ich nicht, ich habe keinen Anhaltspunkt an dem, es ist ja kein narrativer Film. Ja. Ja, das heißt, die Narrative kann mir nicht erzählen, das ist jetzt übrigens eine andere Figur. Das heißt, sie müssten es eigentlich anders machen, aber die tun es nicht wirklich.
Florian Bayer: Nee, überhaupt nicht. Sie wollen es ja auch bewusst ineinander fließen lassen. Es gibt ja ganz, ganz am Anfang gibt es ja eine Szene, in der Natalia in das Fenster guckt. Und dann sehen wir die Spiegelung von Maria, also von der Mutter sehen wir. Wenn seine Ex-Frau ins Fenster guckt, spiegelt sich die Mutter darin. Und seine Mutter sehen wir alt auch. Und sie läuft mit Kindern über eine Wiese. Das ist ganz am Ende. Und gleichzeitig liegt die junge Mutter im Gras und beobachtet die alte Mutter. Ich hatte tatsächlich, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, aber ich habe ihn schon so oft gesehen, dass es mir schwerfällt, das noch zusammenzukriegen. Wenn ich den Film jetzt sehe, ist für mich eigentlich in jedem Moment klar, ob das jetzt Natalia oder Maria ist. Es gibt nicht den Moment, wo ich denke, wer ist das jetzt gerade? Ich habe in der Stelle sowieso aufgegeben. Gegenende kann man auch nur aufgeben. Aber es gibt ja durchaus diese konkreten Szenen. Also gerade die Szenen aus seiner Kindheit, in denen Maria im Mittelpunkt steht, sind ja teilweise, realistische sind, das sind viel gesagt. Aber es sind Geschehnisse, die eine gewisse Narration haben. Zum Beispiel der erste Moment, wo seine Mutter viel Raum bekommt. Ich muss gerade grinsen, weil du die ganze Zeit so erzählst, dass man schon weiß, dass du eigentlich... Aber das ist doch sehr konkret. Sie sitzt da auf dem Zaun und raucht eine Zigarette. Es kommt ein Fremder, ein Doktor, der mit ihr flirtet, der sich zu ihr setzt, der über das Leben philosophiert und der Zaun bricht ein.
Johannes Franke: Was eine sehr schöne Situation ist. Haben sie schön gemacht. Und ich habe die ganze Zeit noch gedacht, das sieht relativ dokumentarisch aus von der Kamera und vom Licht. Weiß nicht, wie viel Licht sie da wirklich gesetzt haben oder nicht oder was oder wie. Aber er scheint ja gut Budget gehabt zu haben. Und dann krachen die da auf diesem Zaun ein. Und ich denke mir, okay, das wird nicht einfach nur so passiert sein am Set. Das müssen sie gebaut haben vorher. Das heißt, sie werden schon ein bisschen Budget gehabt haben. Das heißt, ich werde jetzt einen Film angucken, wo tatsächlich, wo ich unterstellen kann, dass alles Absicht ist. Was mir vorher nicht ganz klar war. Weil er benutzt auch eine Kameraführung mit so Zooms und so. Also normalerweise, ich bin kein großer Fan von Zoom, muss ich sagen. Ich mag es, wenn jemand sich vorher überlegt, wie soll die Cartage sein? Und sich vielleicht überlegt, ich will einen Bewegungspfad von A nach B haben. Aber dann bewegt sich bitte die Kamera physisch von A nach B. Und macht keinen Zoom mit einem Objektiv. Das finde ich ganz komisch, ganz oft. Ich finde, dass Dokumentarfilme das dürfen. Und ich finde, dass so Spionagesachen wie die Born-Identität, wie heißt das Ding? Ja, irgendwie diese Born-Verschwörungs-Sachen. Dass die das dürfen, weil die so eine Spionage und so beobachten. Du darfst das in bestimmten Situationen. Und Tarantino macht das auch. Da finde ich es aber auch schon nicht mehr gut. Aber hier macht er das auch. Und deswegen habe ich so diesen Eindruck von dokumentarischer Kamera. Und dokumentarischer Einführung sowieso durch diesen Jungen, der diese Hypnose am Anfang durchmacht. Und man das Gefühl hat, dass man in einem tatsächlich gerade stattfindenden irgendwas beiwohnt. Weißt du? Und so, dass ich in den Film erstmal reinkommen muss, erstmal rausfinden muss. Aha, okay. Ich muss die Zeichen deuten. Das ist tatsächlich ein Film, der nicht einfach nur die Kamera draufhält und guckt, was passiert. Sondern das ist alles ganz klar abgesteckt.
Florian Bayer: Ja, klar montiert. Also das mit den Zooms ist wahrscheinlich auch einfach ein Phänomen seiner Zeit. Deswegen macht Tarantino das natürlich auch. Weil das ja auch einfach Reminiscenzen an das Kino der 70er und 60er Jahre sind. Ja. Und ich finde es auch irritierend, weil es einfach komplett aus dem Trend raus ist. Es wird nicht mehr gemacht. Kein Filmemacher setzt groß Zooms ein. Es sei denn, es sind halt wirklich Amateure. Und sobald du einen Zoom siehst, hast du das Gefühl, du hast einen Amateur vor dir. Oder eher halt so eine Referenz auf klassisches Kriminalkino auf Hitchcock. Auch Hitchcock hat ja auch mit Zooms gearbeitet.
Johannes Franke: Das stimmt, ja. Aber der hat diesen ganz wundervollen Vertical-Effekt. Genau. Und der mit Zoom arbeitet, aber eben auch mit physisch bewegter Kamera, was eben den Effekt überhaupt erst möglich macht.
Florian Bayer: Ja. Aber genau, Zooms wirken, in den heutigen Filmen wirken Zooms immer eher so billig und schwach. Bei den 70ern verzeihe ich das, glaube ich, eher, weil ich halt auch sehe, dass es Filme aus der Zeit sind. Und du siehst, in dem Kino siehst du die überall. Du siehst ja auch im Mainstream Filme aus der Zeit. Das ist einfach so. Ja gut. Da wurde das einfach noch gemacht. Und das ist vielleicht auch wirklich so eine Gewöhnungssache. Es ist einfach, wie wir filmig sozialisiert sind. Wir sind einfach filmig anders sozialisiert. Wir sind mit anderen Filmen groß geworden.
Johannes Franke: Ja, wobei jedes Mittel immer im Zuschauer bestimmte Emotionen und bestimmte Eindrücke weckt. Wie eben zum Beispiel, dass man das Gefühl hat, irgendwie durch einen Zoom bist du Beobachter im Gebüsch. Ja. So und guckst und bist so voyeuristisch. So ein Gefühl macht für mich einen Zoom eigentlich. Und diesen Effekt kann man nutzen, aber das macht der Film ja nicht.
Florian Bayer: Macht das Gefühl für dich das vor allem, weil du selbst Kameras in der Hand hast und weißt, wie ein Zoom funktioniert? Weil du kannst ja von einem normalen Zuschauer, der jetzt nicht viel mit Kameras operiert, erwarten, dass er unbedingt dieses Gefühl hat.
Johannes Franke: Nein, ich glaube, das ist ein psychologischer Effekt, den man mehr oder minder bewusst oder eher unbewusst wahrnimmt. Je mehr man sich mit Kamera beschäftigt, umso bewusster. Aber ich glaube, es kommt daher, dass du, wenn du einen Feldstecher an die Augen setzt, hast du so ein wackeliges, rangesoomtes irgendwas. Und dieses Bild, dieses Konzept, etwas zu beobachten durch eine Linse auf eine bestimmte Art und Weise beim Fotoapparat, wenn du ein Fotoapparat in der Hand hast und da eine lange Linse vorhast, die macht das Gleiche. Ja, als normal Zuschauer, der sonst keine Kameras bedient oder Kameras hat, der hat nur diese Referenzpunkte, wie zum Beispiel ein Knipser, ein Fotoapparat oder eben so ein Feldstecher oder sowas.
Florian Bayer: Wahrscheinlich könnte jede Zuschauerin, jeder Zuschauer das unterscheiden, was ein Zoom ist und was eine Bewegung ist, obwohl sie sich nicht mit der Technik dahinter auseinandergesetzt haben. Du siehst den Unterschied einfach, selbst wenn du kein Experte bist.
Johannes Franke: Ja, man sieht ihn auf jeden Fall, aber ich weiß nicht ganz genau, ob man ihn wirklich identifizieren kann, wenn man nicht so grundlegende Idee davon hat, wie sowas physikalisch aussehen müsste.
Florian Bayer: Ja, die Frage ist, wie ein Zuschauer darauf reagiert, wenn du ihm quasi zwei gleiche Bilder vorsetzt. Einmal wird reingefahren mit einem Dolly und einmal wird mit der Kamera reingezoomt. Wahrscheinlich würde er tatsächlich sagen, bei der Zoom-Aufnahme, ah, dass es wo jemand genauer hinguckt und bei der Kamera, beim Dolly würde er wahrscheinlich eher sagen, ah, das ist jemand, der sich im Raum bewegt.
Johannes Franke: Ja, wahrscheinlich. Und das ist auch der große Unterschied in der Erzählweise. Nur ganz kurz für die Zuhörer, die nicht wissen, was ein Dolly ist. Ein Dolly ist im Grunde ein, wenn man ein Klavier transportieren möchte, dann hat man so ein Brett mit Rädern untendran. Im Grunde ist es ein besseres Brett mit Rädern untendran. Auch Kameras wollen Skateboard fahren. Ja, genau. Im Grunde hast du eine Kamera, die bewegt wird auf einem sogenannten Dolly. Ja, und ich glaube, deswegen sollte halt ein Zoom auch ganz sparsam eingesetzt werden, weil mit dem Dolly einfach du andere Sachen erzählst als mit einem Zoom. Und wenn du versuchst, eine Dolly-Fahrt mit einem Zoom zu machen, das geht einfach nicht. Das funktioniert nicht. Das geht nicht.
Florian Bayer: Das sieht auch kacke aus. Aber das sieht auch kacke aus, weil wir es halt gewohnt sind. Ich frage mich wirklich, ob es einfach auch so eine Gewöhnung an bestimmte filmische Stilmittel ist, weil vieles aus der damaligen Zeit wird heute nicht mehr benutzt und vieles aus der damaligen Zeit wirkt, wenn es heute wieder eingesetzt wird, ein Film irgendwie merkwürdig, verstörend. Und ich glaube, es ist auch viel einfach, wie wird unsere Wahrnehmung gesteuert durch das, was wir alltäglich sehen. Wir sehen einfach keine Zooms mehr. Wir sehen einfach im Kino keine großen Zooms mehr.
Johannes Franke: Das ist aber auch eine biologische Frage. Eine was? Eine biologische Frage. Eine biologische Frage. Weil du läufst in der Gegend rum und du hast keinen Zoom auf den Augen. Ja, das stimmt. Das geht nicht.
Florian Bayer: Eine Dolly-Fahrt ist als Bewegungsablauf viel natürlicher als das, was mit einem Zoom passiert. Das spielt eine große Rolle. Da gebe ich dir recht. Ja, aber diese erste Szene, man denkt fast, es ist eigentlich eine normale Filmszene, nachdem dieser schräge Anfang war. Und dann fängt er aber an, das Gedicht zu rezitieren. Das ist das mit dem religiösen Singen. Er zitiert da ein Gedicht von seinem Vater, Arsenij Tarkowski, der Dichter war. Der auch sehr berühmt war, oder? Ja, genau. Relativ berühmt. Also, auf jeden Fall, in der russischen Kultur kennt man den Namen. Ja. Und, aber wahrscheinlich auch berühmt, weil er der Vater von Andrei Tarkowski ist. Weil Tarkowski ist wirklich, wenn es um russische Filmmacher geht, dann gibt es halt Sergej Eisenstein und Andrei Tarkowski. Tarkowski, für uns ignoranten Westbürger. Aber ich glaube, wenn die berühmtesten russischen Künstler aufgezählt werden würden von Russen, dann würde Tarkowski auch relativ weit oben landen. Ja. Genau, und er zitiert dieses Gedicht komplett. Und es ist kein kurzes Gedicht. Und er macht das auch, ja, in so einem religiösen Sing-Sang, während wir einfach dieses Landhaus sehen und das Kind mal rumläuft. Du hast Licht gesagt. Kann wir noch einmal festhalten, dass das Licht in dem Film fantastisch ist? Diese Wechsel zwischen Hell und Dunkelheit, wenn die Kamera von außen in das dunkle Bauernhaus reinleuchtet oder wenn die Kamera von innen aus dem dunklen Bauernhaus nur so einen kleinen Türspalt erwischt. Und da aber sehr in die Weite geht und den Wald und die Wiese zeigt. Ich finde, es ist ein ganz fantastischer Einsatz von Licht und Schatten, von Licht und Dunkelheit. Überhaupt die ganze Kameraarbeit.
Johannes Franke: Die Bilder sind wunderbar krass. Das rettet den Film auch für Leute, die in den ersten fünf Minuten aufgeben. Ja. Weißt du, dann kannst du dir einfach den Film angucken und dich freuen, dass die Bilder so schön sind. Weil es sind wirklich ganz viele tolle Bilder dabei. Natürlich bist du dann irgendwann verstört, weil du plötzlich Kriegsbilder vor die Nase gesetzt bekommst und nicht ohne. Also wirklich auch lang und ausdauernd und hart. Aber der Film macht einfach Spaß anzuschauen. Ist wirklich schön. Und unterstreicht immer das Spirituelle, was du meinst, was dieser Film irgendwie mit sich bringt. Ich glaube, die Bilder machen das auch zu großen Teilen. Die Musik vor allem auch.
Florian Bayer: Ja, das stimmt. Er arbeitet ganz viel mit Bach. Das war übrigens auch was, was von den sowjetischen Verantwortlichen nicht so gerne gesehen wurde.
Johannes Franke: Ja, er macht einen ganz großen kulturellen Rundumschlag. Und ich finde es wahnsinnig spannend. Auf allen Ebenen hat er so Zitate aus allen kulturellen Bereichen. Das ist wirklich toll.
Florian Bayer: Die Perlohrringe in der einen Szene.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Es ist, ich kenne, ich habe wahrscheinlich 30 Prozent der Zitate erkannt, wenn überhaupt.
Johannes Franke: Ja, ich glaube, ich habe noch weniger erkannt. Die paar, die ich aufgeschrieben habe, ich freue mich übrigens sehr über, das muss ich jetzt, dann muss ich kurz angeben. Ja, mach das mal. Ich habe sofort erkannt, dass er da bei den Kindern, die da auf dem Rodelberg sind, habe ich sofort erkannt, dass die Jäger im Schnee, das Gemälde von Peter Brügel, der Ältere, das habe ich natürlich im Kopf gehabt, nicht abgelesen. Und, aber das habe ich sofort erkannt und habe sofort gemerkt, ah, okay, da will jemand auf was, auf was, ne? Zitat, Zitat, Zitat. Und das macht er ganz viel und ganz oft, dass ich ahne, da ist jetzt ein Zitat, aber ich verstehe es nicht.
Florian Bayer: Es ist aber auch so ein bisschen intellektuelle Masturbation, das muss man dazu sagen. Diese kulturellen Referenzen haben immer so was, so was Selbstverliebtes.
Johannes Franke: Ja, ja, aber es ist schön, das gehört zu den Dingen, auf die man dann im Film wartet und sich freut, weil eben der Kopf nicht mit anderen Sachen beschäftigt ist, weil du keiner Geschichte folgst oder sowas.
Florian Bayer: Ich glaube, man darf gar nicht so viel rätseln bei diesem Film. Ich glaube, es ist vor allem die emotionalen Ebene. Also das ist das, was bei mir ganz stark funktioniert. Natürlich sind da die Referenzen und natürlich ist das ein Fest für Akademiker, die zahllose Aufsätze darüber schreiben können, wie dieser Film Raum und Zeit dekonstruiert. Und wie er auf den Existenzialisten XY referiert und wie er die filmische Theorie von dem und dem da mit reinbringt. Aber eigentlich ist der Film vor allem stark eben mit dieser emotionalen Wucht.
Johannes Franke: Ja, wobei eben schwierig ist, weil er versucht emotional Wucht aufzubauen, dass ich eben oft nicht reinkomme emotional. Das ist halt das Problem. Ich merke dann, okay, da spielt sich was emotional Starkes ab, aber ich bin streckenweise nur Zuschauer. Also es stimmt nicht, dass ich den ganzen Film über nicht reinkomme, aber es gibt einfach Stellen, wo ich über weite Strecken das Gefühl habe, eigentlich wäre es viel schöner, wenn ich jetzt drin war.
Florian Bayer: Es ist eine abstrakte Emotionale. Ich hätte gesagt auch nicht, dass ich mit den Figuren mitfühle. Also es gibt vielleicht diese eine Szene und das ist die zweite große Szene der Mutter, wenn sie in der Druckerei ist. Da ist man dabei. Da ist man dabei, wo sie denkt, sie hätte einen Druckfehler gemacht und wir befinden uns offensichtlich irgendwo in der Sowjetunion der 40er Jahre, vielleicht irgendwo in der Stadt. Und sie arbeitet in dieser Druckerei und sie korrigiert da und sie hat irgendeinen Fehler übersehen. Wir erfahren nicht, welchen Fehler. Sie flüstert es ihrer Kollegin ins Ohr.
Johannes Franke: Das ist sehr süß. Eine sehr süße Szene. Und ich mag immer, wenn Filme mir erzählen, guck mal, ich erzähle jetzt, die Figuren haben jetzt ein Gespräch, aber ich sage dir nicht, was sie sagen. Ich mag solche Momente.
Florian Bayer: Ja, das ist schön.
Johannes Franke: Und dann kann man nur rätseln, was sie ihr gesagt hat, weil die Reaktion ist ja auch eindeutig. Man hat so das Gefühl, da ist irgendwas, vielleicht was Sexuelles.
Florian Bayer: Sie hat irgendwas Schweiniges gemacht mit einer wichtigen Person der russischen Politik oder Öffentlichkeit, so habe ich es mir erklärt. Ja, genau. Sie hat tierisch Angst. Sie rennt wirklich durch den Regen in diese Druckerei und sie guckt, sie hat kompletter Tunnelblick und sie ist panisch. Und wir wissen, wenn das wirklich passiert, weil der Druck läuft schon die ganze Zeit, da wird unglaublich viel gedruckt, wenn das passiert, dann ist die Kacke richtig am Dampfen.
Johannes Franke: Aber das muss man auch erstmal hinkriegen und das finde ich toll an der Stelle, ohne dass der Zuschauer weiß, was das Problem ist, eine Spannung aufzubauen. Man fiebert total mit. Das ist total krass. Man will unbedingt, dass sie es rausfindet. Das ist schon gut.
Florian Bayer: Und es gibt diese, wenn es Identifikationsmomente gibt, dann habe ich die immer mit dieser Maria, mit dieser Mutter, die hat Zeit. Und er gibt ihr ja diesen Raum. Also in dieser Episode spielt der Protagonist keine Rolle und es ist ein Geschehenes, was er auch nicht miterlebt haben kann. Er ist überhaupt nicht anwesend in dieser Szene. Und man fiebert mit ihr mit und hofft, dass sich das in Wohlgefallen auflösen wird. Und es ist total merkwürdig, dass es sich dann tatsächlich in Wohlgefallen auflöst.
Johannes Franke: Ja, es ist ein bisschen komisch. Ich weiß nicht genau, ob ich erwartet habe, dass es jetzt ein großes Drama gibt. Aber eigentlich fand ich es dann auch irgendwie geil, dass das tatsächlich einfach nur heißt, ach nee, war doch nicht so. Ja, Antiklimatik. Klimaktik. Ja.
Florian Bayer: Und dann hat diese Szene aber so ein merkwürdiges Ende, dass sie von ihrer Kollegin, die offensichtlich eine Freundin von ihr ist, oder eine gute Bekannte, weil sie hat, davor hat sie Alexei am Telefon erzählt, dass diese Frau gestorben ist. Von ihrer Kollegin wird sie voll fertig gemacht danach. Ja. Sie ist erleichtert, dass es kein Fehler war, dass alles in Ordnung ist. Und dann wie aus dem Nichts, aus dem lustigen Gespräch hinaus, fängt ihre Kollegin an, sie anzuschnauzen und sagt, du hast das doch nur inszeniert und du willst doch nur im Mittelpunkt stehen und kein Wunder, dass dein Mann dich verlassen hat und steigert sich rein in ihrer Wut. Total krass. Und ganz merkwürdig und sie ist dann auch total fertig deswegen und rennt weg und geht sich duschen, was man offensichtlich in dieser Fabrik kann und die Kollegin rennt ihr dann hinterher, als ob nichts gewesen wäre und klopft nochmal an die Tür und sagt so, ey Mascha, bist du jetzt beleidigt, was ist denn los, komm doch wieder raus, war doch nicht so gemeint. Ein seltsames Ende.
Johannes Franke: Ja, ganz, ganz seltsam.
Florian Bayer: Die dritte Szene, in der die Mutter groß im Mittelpunkt steht, in der ich auch mich mit der Mutter identifizieren kann, ist, wenn sie mit Ignaz zusammen, da haben wir tatsächlich, äh nicht mit Ignaz, mit Alexei zusammen, da haben wir sehr stark auch seine Perspektive. Zum Haus einer entfernten Bekannten geht offensichtlich die Frau von dem Doktor, den wir in der ersten Szene gesehen haben. Ja. Und wir wissen nicht genau, was sie machen will, aber sie braucht offensichtlich Unterstützung und ich glaube, sie will Ohrringe verkaufen.
Johannes Franke: Sie kauft Ohrringe, ne? Ich dachte, sie will verkaufen. Die Nachbarin. Ja, genau. Die kauft doch von ihr dann Ohrringe und gibt ihr das Geld aber dann später oder so.
Florian Bayer: Genau, sie will, es geht darum, dass sie irgendwie in Not sind, also ihr Mann ist halt, wie gesagt, nicht da und die Zeiten sind schwer, wenn du in Russland, in der Sowjetunion auf dem Land lebst und sie geht da hin für diese Hilfe und sie wird von dieser Frau auch schon eher so sehr jubig. Und das war eine, das ist eine Szene, die sehr beklemmend ist, weil sie sind dann zusammen in diesem Haus und diese Nachbarin, ich glaube, sie wohnt schon ein bisschen weiter weg, zeigt ihr dann ihr Kind kurz, wir sehen dieses schlafende Kind wie ein Engel.
Johannes Franke: Kann ich kurz fragen, welcher, was haben Menschen damit zu sagen, mein Sohn schläft gerade, komm, wir gehen immer hin, stellen uns vor das schlafende Kind und starren drauf. Was? Was soll das? Ich verstehe es nicht.
Florian Bayer: Das machen so viele Menschen, das ist Adultismus in Reinform, so dieses Kind als, wie so ein Tier im Zoo betrachtet. Oh Gott. Finde ich auch merkwürdig. Ja, okay. Und dann wird sie von dieser Frau, die schwanger ist, gebeten, einen Hahn zu schlachten, weil die Frau kann das nicht, weil sie schwanger ist und weil ihr übel dabei wird, wenn sie sowas machen muss. Sie wird sogar übel, wenn sie die Kühe melken soll und Maria will es zuerst nicht und es ist auch eine angespannte Situation. Sie sagt, sie hat es auch noch nie gemacht. Sie hat es noch nie gemacht, genau, sie hat überhaupt keine Erfahrung damit, aber sie macht es dann doch und dann ist sie auch sehr zufrieden mit sich und schaut zu uns, also direkt in die Kamera, zum Publikum.
Johannes Franke: Aber sie scheint nicht gut darin gewesen zu sein, weil das Ding sich ja noch, also der Hahn wehrt sich und es klingt nicht danach, als wäre der mit einem glatten Schlag dem Tode überfohrt worden, sondern es ist irgendwie echt nicht geil. Und dann kommt dieser Blick und ich weiß nicht ganz genau, was der bedeuten soll. Der ist irgendwie düster. Der ist wahnsinnig düster und ich frage mich, was will uns der Film denn jetzt damit erzählen? Will er ihr noch eine Ebene geben, irgendeine düstere, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Das kann ich dir auch nicht sagen. Das sind halt diese drei Szenen, die die Mutter erzählen, in denen die Mutter etwas erlebt, was in einer narrativen Ebene gleichkommt. Die sind über den Film verteilt. Die erste Szenen ist wirklich ganz am Anfang, wo man noch denkt, ah, es könnte eine normale Erzählung sein, wenn sie auf dem Zaun sitzt und rauchen, dieser Doktor kommt. Die zweite Szene ist relativ, auch noch relativ früh, irgendwie so nach einer halben Stunde, also vor der Stundenmarke. Und die dritte Szene ist aber ziemlich am Ende. Ja, ich frage mich immer wieder, wenn ich diesen Film sehe und mich versuche auf dieses Moment, diese Erzählung der Mutter zu konzentrieren, frage ich mich immer, was macht er da? Ist das ein Liebesbrief an seine Mutter? Weil es wirkt teilweise so, als ob er sie wirklich bewundern würde, weil sie ist eine starke Frau. Sie hat offensichtlich ein schweres Leben. Sie muss sich um die Familie kümmern. Es ist schwer für sie, das irgendwie alles unter einen Hut zu kriegen, Arbeit, Familie. Und sie macht es aber mit einer gewissen Stärke, die sie hat in ihrem Auftreten.
Johannes Franke: Nun kann mir der Film diese drei Teile so einigermaßen einigermaßen näher bringen, aber ich kann es nicht einsortieren. Das ist ein bisschen das Ding. Ich kann es nicht in Kontext setzen mit dem Rest. Ich kann nicht so richtig mitfiebern, kann ich tatsächlich nur mit der... Nee, das stimmt nicht. Die sind eigentlich... Man kann mit den drei Szenen tatsächlich mitkommen, aber man weiß trotzdem nicht, was es soll. Und man hat nicht so richtig einen Kontext. Und das hat mir wirklich ein kleines bisschen gefehlt. Gerade eben bei der dritten Szene, weil ich bei der dritten Szene eben schon am Ende des Films war. Und dann setzte so der Moment ein, wo ich dachte, ah, jetzt willst du nochmal narrativ rangehen, aber irgendwie... Du hättest auch einfach abstrakt bleiben können. Dann wäre ich vielleicht sogar noch zufriedener aus dem Film rausgegangen, als jetzt mit der verheißungsvollen narrativen Szene, die so ein kleines bisschen verspricht, jetzt kommt nochmal was, wo du andocken kannst, intellektuell.
Florian Bayer: Danach stürzt die Erzählung ja komplett ein. Dann haben wir ja diese... Nachdem sie den Hahn getötet hat, haben wir ja diese surreale Schwebe-Szene. Ja.
Johannes Franke: Die fantastisch aussieht. Die toll aussieht, ja. Aber ja, wir gehen dann halt wieder ins sehr Abstrakte. Total abstrakt. Und dann muss man sich wieder fallen lassen einfach als Zuschauer und einfach mitgehen.
Florian Bayer: Ich glaube, fallen lassen ist tatsächlich... Also fallen lassen ist was, was der Film von seinem Publikum auch fordert. Immer wenn er von Realität zu Traum schwenkt und zurück... Und das macht er viel. Diese Szenen, die relativ konkret sind und die eine klare Handlung haben, werden halt quasi übergangslos abgelöst von merkwürdigen Traum-Szenen. Nachdem wir diese brennende Scheune gesehen haben am Anfang, nach dem Besuch dieses Doktors, haben wir diese merkwürdige Schwarz-Weiß-Szenen, in der die Mutter die Haare wascht und dann das Haus plötzlich einstürzt.
Johannes Franke: Ja, zumindest der Putz von den Decken fällt in großen, großen Stücken. Was sehr beeindruckend ist als Bild. Also fand ich auch cool.
Florian Bayer: Diese ganze Wohnung ist auch so krass, in der Alexei lebt. Diese Wände, die aussehen... Ich weiß gar nicht, als ob der Tod an den Wänden hängen würde. Ist das was spezifisch Sowjetisches aus der Zeit? Kannst du das einordnen? Weil diese Wände haben ja diesen... Sie sehen fast aus wie so ein natürlicher Stein und so gewellt und schwarz. Du weißt, wovon ich rede, oder? Ich bin mir nicht ganz sicher. Die Wohnung, in der die Szenen des 40-jährigen Alexei spielen, wenn man seine POV hat, das hat man dann ja ganz oft, dass er mit seiner Frau spricht oder dass er telefoniert und wir sehen seine POV und dann sehen wir ja die Räume, in denen er sich bewegt. Und diese Wände sehen irgendwie, also diese Wände, das ist tatsächlich das, was bei meinem ersten Anschauen des Films am stärksten in Erinnerung geblieben ist, dass diese Wohnung so zerfallen aussieht, dass diese Wände so merkwürdig sind, dass es nicht gemütlich ist, sondern dass es aussieht wie eine Wohnung, in der ich nicht gerne leben wollen würde.
Johannes Franke: Es kann sein, dass es eine typische sowjetische Sache ist, weil das damals einfach... Du hattest keinen... Du hast nicht den Aufwand betrieben, das schön glatt alles hinzukriegen.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Also ich fand...
Florian Bayer: Die Wände... Wenn mich jemand fragen würde, was fandest du am verstörendsten am Spiegel, würde ich ganz oft sagen, die Wände. Und vielleicht ist es tatsächlich total egal, weil die Wände... Weil es wirklich einfach nur halt so sahen Wohnungen aus damals.
Johannes Franke: Ich versuche gerade bei Google nochmal irgendwie die Wände nochmal hinzukriegen, irgendwo zu finden. Meinst du die hier?
Florian Bayer: Ja, genau diese Wände.
Johannes Franke: Okay. Ja, die sind gruselig.
Florian Bayer: Genau. Und es gibt dann ja auch diese Horrorfilmmomente, das ist ja tatsächlich... In dieser Wohnung findet der unheimlichste Moment dieses Films statt, wenn Ignaz alleine ist. Ja. Natalia, also die Frau von Alexei, die Ex-Frau von Alexei ist gegangen und hat gesagt, warte hier, bis jemand kommt, der auf dich aufpasst. Und dann sind da plötzlich diese beiden Frauen. Ja. Und dann sagt eine jüngere Frau und die Mutter, Maria. In älter. Genau. In alt. Und diese jüngere Frau, die sonst überhaupt nicht in dem Film vorkommt, also zumindest habe ich es nirgendwo entdeckt sonst, sagt zu ihm, kannst du uns jetzt aus Pushkin vorlesen? Dann nimmt er sich Pushkin und liest vor über die russische Geschichte und warum Russland so getrennt ist vom Rest Europas durch die Kirschenspaltung. Und es ist eine Horrorfilm-Szene. Die Musik ist aufgeladen. Es ist eine klassische, zumindest aus unserer Sicht, eine klassische Horrorfilm-Musik. Es ist wirklich düster.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Dann klopft es. Diesen Zoom auf die Frau. Ja. Und es ist so eine... Ich kann wieder nur das Wort beklemmend nehmen. Das ist so eine... Diese Szene allein ist so krass. Die macht mich jedes Mal fertig, wenn ich sie sehe. Das ist so schrecklich. Er steht da, die Mutter ist gegangen und plötzlich sind da diese zwei Frauen, die er nicht kennt. Und er soll was lesen und er macht das wie so automatisch, liest dann aber zuerst das Falsche vor und dann sagt sie, nee, nee, nee, liest nur das, was markiert ist. Und dann liest er das vor und dann klopft es. Und dann ist tatsächlich Alexis' Mutter an der Tür und sagt, oh nee, ich habe mich doch geirrt. Und er macht die Tür wieder zu und dann sind die beiden Frauen weg. Und wir sehen noch das, wir sehen, dass da eine heiße Tasse auf dem Tisch stand. Wir sehen, dass das... Ah, ja, ja. Das kondensiertes Wasser auf dem Tisch sich auflöst.
Johannes Franke: Sie zoomen da drauf. Aber ist das diese Szene oder ist das eine andere? Das stellt man sich oft.
Florian Bayer: Ja, ja, genau. Ist das diese Szene oder eine andere? Sie zoomen da drauf auf den Tisch, wo offensichtlich eine heiße Tasse Tee stand. Genau. Und das ist kondensiert und das löst sich dann langsam auf. Also die Geister waren auf sich da und sie sind weg und er ist dann wieder alleine.
Johannes Franke: Ja, also es ist tatsächlich eine der Szenen, die ich am eindrucksvollsten im Film fand tatsächlich, weil das, weil das, weil das, was er vorliest, mir tatsächlich was über die russische Kultur erzählt. Ja, Infotainment. Ich habe, naja, ich habe das Gefühl, ich kann andocken intellektuell. Das heißt, ich kann, ich kann diese beiden Ebenen, die dieser Film irgendwie mit sich bringt, irgendwie verbinden in meinem Kopf und ich habe das Gefühl, einen Mehrwert zu haben. Das finde ich cool. Zumindest, wenn ich es nicht schaffe, loszulassen, mich einfach nur von den Bildern mittragen zu lassen, was in den restlichen Szenen ja durchaus funktioniert. Aber da kann ich plötzlich andocken und da macht der Film wieder was völlig anderes. Ich habe das Gefühl, der hat so 20 Filme in einem. Es ist ja auch so, apropos 20, hat der nicht irgendwie 20 Schnittversionen gehabt?
Florian Bayer: Ja, es gibt 20 Schnittversionen von diesem Film und es gab am Anfang, als er diesen Film angelegt hat, sollte der deutlich autobiografischer sein. Der ursprüngliche Plan war, dass er ein Interview mit seiner Mutter macht. Also Tarkowski macht ein Interview mit seiner Mutter als dokumentarische Szene mit versteckter Kamera. Und er sagt ihr, also er hatte vor, ich sage, ich mache Recherche für diesen Film. Mama, machst du mit? Und ich will dich einfach interviewen, damit ich ein bisschen Textmaterial habe. Und er wollte die Kamera verstecken und dieses Interview dann später im Film verarbeiten. Sein Kameramann zur damaligen Zeit hat gesagt, das mache ich nicht mit. Das kannst du nicht bringen, André, wirklich nicht.
Johannes Franke: Das ist echt arschig. Vor allem mit der Technik von damals. Du hast keine Knopfkamera. Du hast einen riesigen Apparat, den du irgendwo verstecken musst. Und du brauchst genug Licht dafür und so.
Florian Bayer: Ja, ich weiß nicht, vielleicht, also keine Ahnung, wie er das machen wollte. Aber es ist ethisch allein schon, dass er seine Mutter missbrauchen will für einen solchen Film. Und diesen Plan hat er dann aber auch fallen gelassen. Sein Kameramann hat übrigens sich dadurch, hat ein Kameramann mit ihm lange zusammengearbeitet hat vorher. Der hat dann gesagt, nee, ich mache da nicht mit und war dann auch irgendwie weg. Also es gab wohl noch mehr Meinungsverschiedenheiten. Aber das war einer der besonderen Momente, der dazu geführt hat, dass dieser Kameramann mit ihm nicht mehr arbeiten wollte.
Johannes Franke: Okay, wow.
Florian Bayer: Aber dieses ganze Segment, das Interview mit seiner Mutter. Das ist dann auch komplett weggefallen. Das hat er dann gar nicht mehr gemacht. Und ja, er hat diesen Film oft geschnitten. Und es sollte was Autobiografisches werden. Und ich kann mir nur das Ganze so erklären, dass es dann wirklich passiert ist, dass das Autobiografische auf dem Weg mehr und mehr verloren gegangen ist. Weil es hat diese ganzen Autobiografischen Elemente immer noch, diese Segmente und diese Sache aus der Druckerei. Vielleicht ist das eine Geschichte von seiner Mutter oder von irgendeiner Bekannten. Ja. Dass wie seine Mutter auf dem Zaun sitzt und sich mit einem fremden Mann unterhält. Und er liegt im Hintergrund und schläft und döst. Das kann man sich total gut vorstellen als Kindheitserinnerung. Ja, genau. Als verschwommene Erinnerung, die nicht so wirklich konkret ist. Oder dass er mit seiner Mutter eben eine fremde Frau besucht, der was verkauft werden soll, damit sie Geld genug haben, um leben zu können. Aber diese Autobiografischen Momente, auch wenn sie permanent da sind im Film, werden halt komplett übernommen von diesem komischen spirituellen Rahmen, der irgendwie im Schnitt dann entstanden sein muss und der vielleicht immer mächtiger wurde. Also es waren nicht nur die 20-Schnitt-Versionen. Das Drehbuch hat Tarkowski während des Films auch ständig umgeschrieben. Also es gab irgendwie so einen Fahrplan und Tarkowski ist jetzt auch kein großer Improvisateur. Der braucht schon das Drehbuch. Und bei seinen anderen Filmen merkt man das deutlich, merkt man das noch deutlicher, dass die Szenen sehr stark, sehr klar montiert sind, dass sehr klar ist, wo muss wer stehen. Auch alles, das Bild ist bei ihm sehr wichtig. Er arrangiert Personen, das ist sehr krass im Raum, das macht er in dem Film auch.
Johannes Franke: Schön, sehr gut.
Florian Bayer: Und ich denke, er wird da jeden Abend gesessen haben und wird an diesem Skript gearbeitet haben und wird 10 neu montiert haben und umgeschrieben und dabei muss irgendwie diese Monströsität
Johannes Franke: entstanden sein. Krass, Mann. Ja, aber in 20-Schnitt-Versionen würde mich wahnsinnig die erste interessieren, weißt du? Ich würde, ja, ich würde gerne alles sehen. Ich wüsste halt gerne, ob es vielleicht am Anfang fast schon ein narrativ sinnvoller Film war, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Das kann ich mir sehr gut vorstellen, weil tatsächlich hat sich die Konzeption geändert, nachdem der Dreh ermöglicht worden war durch die Behörden. Damals in der Sowjetunion, um das Geld zu kriegen, um so einen Film zu drehen, musstest du durch mehrere Instanzen gehen, dann musstest du einfach Anträge stellen und dann wurde natürlich auch politisch drauf geguckt. Passt dieser Film zur sowjetischen Gesellschaft, erfüllt so einen Film, die Bedürfnisse der Bürger und des Staates. Das war nicht mehr das stalinistische Russland, aber es war auch kein, es war jetzt kein freier Staat in dem Sinne. Es ist ja auch immer noch so. Genau. Also, ja, es ist einfach, also da muss man natürlich, es ist so schwierig, das mit den westlichen Augen zu beurteilen. Ich glaube, man macht dann auch sehr schnell viele Fehler, weil offensichtlich war es ja möglich, in dieser Zeit so Filme zu drehen wie der Spiegel. Und Tarkowski war ja kein unbekannter Tarkowski, er hat davor auch Filme gedreht, die merkwürdig waren von ihrer Erzählhaltung und auch kritisiert wurden für ihre Spiritualität. Tarkowski ist ein sehr spiritueller Regisseur, war ja schon immer wahrscheinlich ein Grund, warum ich lange Zeit kein so großer Tarkowski-Fan war. Das heißt, es war offensichtlich möglich, so einen Film zu drehen und es war offensichtlich auch ein Regisseur, der so organistisch ist wie Tarkowski, möglich Geld dafür zu kriegen. Aber als er den Spiegel beantragt hat, war das noch ein anderer Film und da war es ein sehr autobiografischer Film.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Und erst 1973, als dann tatsächlich das ermöglicht worden war, dass er den Film drehen kann, hat er die Konzeption nochmal verändert und hat zum Beispiel auf das Interview verzichtet und hat weniger seine Mutter ins Zentrum gerückt. Der erste Entwurf war wohl so, dass seine Mutter sehr stark im Zentrum stand und dann hat er sich stärker ins Zentrum gerückt.
Johannes Franke: Aber weißt du, das erinnert mich total an das, was mein Vater mal so erzählt hat, was so Anträge betrifft. Weißt du, du stellst einen Projektantrag und du baust genau die Punkte da rein, die jetzt in diesem Fall für den Staat auch politisch gut machbar ist. Johannes Vater ist bildender Künstler, sollte man dazu sagen. Ja, und der hat eine Galerie geführt, direkt nach der Wende. Also es geht auch, es geht nicht nur um Erfahrungen innerhalb der DDR, sondern eben auch kurz danach. Du hast halt trotzdem, du musst einfach in einem Projektantrag und einfach, du schreibst da alles rein, was du glaubst, was die Leute irgendwie befriedigt und toll finden für so ein Projekt. Und am Ende in der Umsetzung, naja, da passieren halt ein paar Sachen anders.
Florian Bayer: Und ich kann mir vorstellen, dass das so ein kleines bisschen Kalkül war auch. Ja, das kann ich mir auch gut vorstellen. Zum Thema Kalkül gibt es übrigens eine sehr lustige Anekdote. Und zwar, es gibt das russische Filmarchiv und wenn man damals einen Film gedreht hat, durfte man an das russische Filmarchiv Wünsche stellen, was man sich anschauen will, um den Film zu realisieren mit dem Team und zu sagen, diese Bildsprache stellen wir uns vor, diese Narration stellen wir uns vor und so weiter. Und es gab einfach Filme, das war so fast wie so eine Art Giftschrank. Diese Filme durfte der normale Zuschauer nicht sehen. Und natürlich hat Tarkowski gesagt, als der Film gedreht wurde, 1973, 1974, so, das ist meine Filmliste. Und die Filme würden wir gerne gucken, damit wir eine Vorstellung haben, wie das visuell aussehen soll. Auf dieser Liste stand, zwei James Bond-Filme. Ist das geil. Einiges von Fellini und der amerikanische Western The Good, The Bad and the Ugly. Wie geil ist das denn? Und diese Filmliste hat nichts mit dem Film zu tun. Ist das cool. Und die haben sich am Set, ich wette mit dir, die haben sich am Set einfach einen geilen Tag gemacht und haben gesagt, so, jetzt gucken wir mal Feindfernsehen. Und haben sich dann die James Bond-Filme angeguckt.
Johannes Franke: Oh mein Gott, wie geil ist das denn? Ja. Ja, man muss sowas halt auch nutzen können. Schön. Sag mal, an einer Stelle wird Dostoyevsky erwähnt. Ich hab keinen Hintergrundwissen. Wann Dostoyevsky, wie lange hat Dostoyevsky nichts veröffentlicht? Weil es wird gesagt, ob sie ihn heiraten soll oder nicht heiraten soll. Habe ich das richtig verstanden? Und dann sagt sie, naja, er ist Schriftsteller und er sagt, naja, komm, hat er irgendwas veröffentlicht. Und sie sagt, naja, noch nicht so viel und so. Hat das irgendeinen...
Florian Bayer: Er macht einen Witz darüber, ne? Echt einen Bezug? Er macht, sie ist offensichtlich mit einem Schriftsteller zusammen. Ja. Und die Dostoyevsky-Referenz ist in dem Moment tatsächlich einfach nur ein Witz. Und ich glaube, es geht einfach darum, dass sie ihn heiraten will. Und dieser Schriftsteller ist offensichtlich in einer Schaffenskrise. Die klassische Schaffenskrise. Und für ihn ist das halt irgendwie so eine Ausrede. Und er sagt, naja, okay. Also es geht nicht um Dostoyevsky. Es geht nicht um Dostoyevsky selbst. Ja, okay, gut. Es ist tatsächlich eine Anspielung von ihm in dem Moment.
Johannes Franke: Weil ich muss dazu sagen, ich habe den Film auf YouTube gefunden. Ja. Kann ich jedem empfehlen. Das ist eine gute Qualität auch. Mit erstaunlich guter Qualität. Ich habe auch nochmal geguckt und habe also so... Wahnsinn, beeindruckend. Und ich habe die deutschen Untertitel angemacht. Ah, okay, und? Weil ich zwischendurch habe ich es mit den englischen verglichen. Und es war nicht viel anders. In den Stellen, die ich verglichen habe. Wer weiß, ne? Und... Die sind automatisch generiert, oder? Das weiß ich halt nicht ganz genau. Ob die jetzt automatisch generiert sind oder nicht. Aber es gibt eine Liste von ganz vielen Sprachen. Und darunter noch die Möglichkeit, die Auswahl der automatischen Generation. Das heißt, es kann sein, dass es nicht automatisch generiert ist. Sondern, dass es irgendwie wirklich Untertitel sind. Und ich weiß nicht, wie das bei dir war. Du hast es auf Englisch gesehen, oder was? Die Untertitel? Ah, ja. Ich kann ein paar Brocken Russisch.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das heißt, ich konnte auch ein kleines bisschen beurteilen, wie viel unterbübersetzt wurde und wie viel nicht. Und ich habe ganz oft das Gefühl gehabt, naja, so ein Drittel von dem, was sie sagen, wird übersetzt. Ja. Der Rest wird so, naja, komm, ich muss nicht nochmal in die Untertitel schreiben, dass der Typ nachfragt, was sie gesagt hat und sie wiederholt es. Oh, der Gedanke ist deprimierend.
Florian Bayer: Aber ich kann natürlich überhaupt kein Russisch und ich liebe diesen Film wirklich. Also ist das...
Johannes Franke: Und wie würdest du diesen Film sehen, wenn du alles verstündest?
Florian Bayer: Oh Gott, ja. Das ist auch was ganz anderes. Aber dazu müsste man nicht nur Russisch lernen, sondern dazu müsste man auch einfach mal 50 Jahre in der Sowjetunion gelebt haben.
Johannes Franke: Ja. Das sowieso. Aber das ist sowieso nochmal ein anderes Feld, weil das kulturell eine ganz andere Geschichte ist.
Florian Bayer: Es gibt einfach kulturelle Hürden, die uns die Möglichkeit nehmen, diesen Film jemals so zu verstehen, wie jemand anderes den Film verstehen könnte. Und das finde ich tatsächlich schade, weil der Film bewegt mich auf so vielen Ebenen. Und gleichzeitig sehe ich in diesem Film so viele Ebenen, die ich einfach nicht verstehe und die ich nicht greifen kann. Ja. Und es geht los bei so banalen Dingen, wie zum Beispiel die Spanier, die bei ihnen sind, die offensichtlich da leben als Migranten oder so. Das waren Flüchtlinge vom Bürgerkrieg.
Johannes Franke: Das waren ja die Anarchisten und Kommunisten. Ja, und die sind dann, naja, Russland. Genau, wo sonst hin? Wo sonst hin? Europa hatte nicht so viele sozialistische Staaten damals. Und das fand ich sehr spannend, weil dieser Typ, der den Stierkampf da einmal visualisiert, ich fand es total geil. Und dass das auch diese, so wie so eine Kommune quasi zusammensitzen und philosophieren und so. Total überraschend weltoffen. Ja. Und ich glaube auch, dass das so ein kleines bisschen vielleicht für die russische, den Staat vielleicht nicht ganz so geil war, weil du hast sehr viele, sehr weltoffene, interkulturelle Geschichten in diesem Film.
Florian Bayer: Haben wir, aber ich glaube nach wie vor, dass das, also das darf man nicht vergessen, dass wir hier, dass der Film in der Sowjetunion der 70er Jahre entstanden ist. Ja, okay, okay, okay, okay. Also das ist, das ist die, das ist 20 Jahre nach Stalins Tod. Ja, okay. Und das ist eine Zeit, in der schon Dinge passiert sind, die, also ich meine, es ist, wie gesagt, es war immer noch, es war immer noch ein Regime und es ist immer noch ein Staat, der nicht diese Freiheiten hat, die wir heute kennen. Aber es war auch nicht die, es war nicht mehr die Sowjetunion der 50er und 60er Jahre. Okay, ja, granted. Und tatsächlich, tatsächlich kenne ich mich dann auch zu wenig in sowjetischer Geschichte aus, um das noch genauer konkretisieren zu können.
Johannes Franke: Ja, das stimmt. Ich ja eben auch, das ist halt ein bisschen das Problem. Ja, wie du sagst, es ist das Problem des Films, du kannst es als Europäer, der sich nämlich mit der russischen Geschichte nicht auskennt, der kein Russisch kann, ist der Film auch nochmal schwerer.
Florian Bayer: Ja, also um vielleicht nochmal ganz kurz was zu sagen zum zeitlichen Kontext der Filmentstehung. Das war in den 70ern, das war nach Khrushchev, nach der Entstalinisierung, die in den 50ern und vor allem in den 60ern stattgefunden hatte. Und unter Brechnev, dem neuen Vorsitzenden der Partei, wurde das dann wieder so ein bisschen zurückgefahren. Man nennt das auch die Ära der Stagnation. Teilweise wird sogar vom Neostalinismus gesprochen, allerdings gab es davor einfach Veränderungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Zum Beispiel diese Literatur vor allem, die sich zum Beispiel mit dem Gulag-System auseinander gesetzt hat. Es ist in den 60ern entstanden und wurde auch veröffentlicht, auch mit Wohlwollen der Partei und mit Wohlwollen Khrushchevs. Das heißt, es gab irgendwie ein progressives Moment in der sowjetischen Gesellschaft und Kultur, das auch in den 70ern zumindest latent noch vorhanden war.
Johannes Franke: Hm, okay.
Florian Bayer: Naja. Und weiter würde ich jetzt auch da nicht reingehen. Also da müsste ich mir auch zu sehr nochmal anlesen. Ich bin nicht gut in sowjetischer Geschichte leider. Das fehlt mir ein bisschen.
Johannes Franke: Ich bin schwer enttäuscht, Plur. Tut mir leid. Ich dachte, du weißt alles. Du bist so ein kulturelles Füllhorn.
Florian Bayer: Nein, leider nicht. Wäre ich sehr gerne. Ich möchte nochmal zu einer meiner liebsten Szenen aus dem Film springen. Ja, wir sind schon bei eine Stunde und sechs Minuten, Plur. Ja, deswegen will ich schnell machen. Wir überspringen jetzt komplett diese Erinnerung an seine Jugend als Kind, das zum Soldaten ausgebildet wird, sei denn, du willst dazu noch was sagen.
Johannes Franke: Nicht unbedingt, aber das ist einer der Szenen, wo ich dann das erste Mal dachte, ah, das sind ja Erinnerungen, das ist schön, da gehe ich mal in die Vergangenheit und dann irgendwie, weißt du, das war das Erzählerischste bis dahin, wo ich wirklich andocken konnte. Ja, aber es war, also das war gut, ähm, ja. Es verrichtigt mir das jetzt noch, dass ich das sage.
Florian Bayer: Ich bin im Schlussdrittel gerade bei meinen Gedanken. Okay. Es gibt diese Schwarz-Weiß-Szene, die ist so nach einer Stunde, zehn, 15 Minuten, wo wir das Kinderhaus in Farbe sehen und der Erzähler erzählt zuerst, wie er sich daran zurückerinnert, wo er geboren wurde, das Haus seines Großvaters. Und dann erzählt er, dass er sich ganz oft darüber bewusst wird, dass er ein Traum ist, dass es ein Traum ist und er freut sich dann auf das Erwachen und gleichzeitig wünscht er sich zurück in die Kindheit, wo er glücklich war. Und dann kommt eine ganz merkwürdige Szene in Schwarz-Weiß, wo wir den jungen Alexei sehen, das Kind, der durch den Garten vor dem Haus wandelt und er hört irgendwas und sagt dann, Mama? Und zwar fröhlich, fast schon so, ah, meine Mutter ist da irgendwo. Wir sehen eine Scheibe zerspringen und einen Vogel durchfliegen.
Johannes Franke: Das war krass. Ja.
Florian Bayer: Habe ich auch aufgeschrieben.
Johannes Franke: Huhn durch Fenster.
Florian Bayer: Genau, das Huhn, das in der nächsten Szene erschlagen wird vielleicht. Vielleicht ist es der Hahn, der in der nächsten Szene gekillt wird. Kurz darauf kommt diese Szene, wo die Mutter den Hahn killt. Und dann geht er diesem Gefühl nach, Mama, und geht diese Treppen hoch und dann ist diese Tür und die kann er nicht öffnen und dann geht, das ist so ein, irgendwie ein total belastender Moment und dann geht er wieder weg und dann öffnet sich die Tür und wir sehen die Mutter da drin sitzen, wie sie Kartoffeln schält oder Essen zubereitet, Kartoffeln wascht.
Johannes Franke: Ich weiß gar nicht mehr genau, ja, aber irgendwas.
Florian Bayer: Und genau, dann ist die Szene auch vorbei und dann als nächstes kommt diese Szene, wo sie die Ohrringe verkauft und den Hahn ermordet und das ist so eine Traumsequenz offensichtlich. Und das war die Szene, die mich emotional, glaube ich, am meisten gepackt hat, weil es diese Mischung ist aus romantisierter Kindheit, diese Sehnsucht nach der Mutter oder nach einer elterlichen Figur, die Enttäuschung, wenn die Tür nicht aufgeht und dann gleichzeitig diese Bewunderung, weil wir sehen dann diese Frau, die sich offensichtlich ein Arsch voll Zeug zu tun hat und dann auch noch zu uns blickt, während sie das macht, als würde sie damit sagen wollen, so ja, okay, das ist seine Kindheit, so wie er sich erinnert und das bin ich und jetzt seht ihr mich in diesem Moment und seht, und seine Perspektive wird gebrochen, was ja in dem Film ganz oft passiert, habe ich vorhin schon gesagt, dass wir ganz oft auch ihre Perspektive haben, obwohl wir in der Gegenwart ständig Alexis POV haben. Na, ihr Blick wirkt wie ein Kommentar auf die Szene, ne?
Johannes Franke: Ist das jetzt deine, spricht dich das jetzt besonders an, weil du jetzt Vater bist oder spricht dich, hat sich das früher auch so angesprochen?
Florian Bayer: Ich glaube, es hat mich früher nicht so angesprochen, ich glaube, es spricht mich jetzt an, weil ich Vater bin, weil es gibt natürlich, wenn du als Eltern, gibt es einfach diesen Zwiespalt, dass du für dein Kind da sein musst und für dein Kind so da sein willst, wie es es wahrnimmt und du bist gleichzeitig in ganz vielen Momenten für dein Kind da, ohne dass es es wahrnimmt. Ja. Und dein Kind ist teilweise sauer auf dich, dass du es nicht wahrnimmst in diesen Momenten und es geht wirklich um banale Dinge wie Einkaufen gehen, wie Wäsche machen und so.
Johannes Franke: Ja, das sind Sachen, die ein Kind nicht wahrnimmt. Das ist halt einfach so.
Florian Bayer: Ja, wahrscheinlich spricht sie mich tatsächlich mehr an, weil ich Vater bin. Und es ist eine krasse Szene. Ja, ja, ja, sehr intensiv, auf jeden Fall. Und der Vogel, also das Bild des Vogels kommt ja nochmal vor am Schluss dann, wenn er da liegt im Bett und wenn er...
Johannes Franke: Das fand ich sehr beeindruckend. Bei dieser Rodelszene, das ist das Bild, was ich erkannt habe, dieses Gemälde, wo er dann da steht und ein Vogel auf seinen Kopf landet und er danach greift. Wie haben sie das gemacht, um Gottes willen? Krass. Und ich dachte, vielleicht ist das so ein Happy Accident und dann hat er das am Ende wieder aufgegriffen. Vielleicht, das könnte sein. Also wäre, wäre, ja, wäre cool. Naja.
Florian Bayer: Das ist, wenn er am Schluss den Vogel in der Hand hat und der Vogel dann aus seiner Hand fliegt, das ist halt auch, also wie gesagt, der Film ist so brutal spirituell teilweise. Es ist natürlich so ein Gefühl von Wiederauferstehung, von Kontakt mit dem Jenseits. Es ist auch der Film, das, das vielleicht noch dazu gesagt, der Film hat so viele düstere Momente, aber am Schluss überwiegt doch eine optimistische Haltung.
Johannes Franke: Ja, das auf jeden Fall.
Florian Bayer: So diese Verschwimmung von Gegenwart und Traum.
Johannes Franke: Aber das macht der Otto, also ich glaube, das kann der Film auch gar nicht, dass, da muss der Film sich schon sehr große Mühe geben, um einer nostalgischen Erzählhaltung sämtlichen Optimismus rauszunehmen. Weil Nostalgie oft, also ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich mich an, Erinnerung ist immer verklärt und Erinnerung wird ganz, ganz häufig, wenn es nicht wirklich eine schreckliche Erinnerung ist, da bleiben die positiven Sachen übrig. Weil du erinnerst dich ja nostalgisch positiv. Du hast immer irgendwie ein positives Grundgefühl, auch wenn es melancholisch oder so ist. Ja. Und ich glaube, dass der Film, dadurch, dass er eben so wahnsinnig melancholisch und so wahnsinnig mit dieser Erinnerung und diesen Traumsequenzen spielt, das kriegst du kaum raus, also aus diesem Film rausgehauen, dass das einfach grundpositiv irgendwie am Ende doch war.
Florian Bayer: Das ist so, in ganz vielen Szenen dieses Films habe ich das Gefühl, dass der Optimismus halt aus seiner quasi religiösen Welt sich rührt auch. Deswegen empfinde ich den Film auch so, empfinde ich den Film teilweise als so Provokation, weil er mich packt in diesen Momenten, weil er Gegenwart und Vergangenheit und Traum und Realität und auch Leben und Sterben irgendwie in so einen Fluss bringt. Und dann aber auch Jenseits und Diesseits, weil das Jenseits scheint ständig in diesen Film reinzustechen, wenn diese Frauen da sitzen, wo man das Gefühl hat, das sind Geister. Wenn sie das am Anfang, diese Hypnose als Seance bezeichnen, zumindest machen sie das in den Untertiteln. Es scheint immer sowas zu sein, dass eine Kraft aus dem Jenseits irgendwie präsent ist. Ja. Und dass diese Kraft auch irgendwie verantwortlich dafür ist, dass die Zeit sich so auflöst. Und das ist ja auch tatsächlich was, so wie er sich erinnert, das ist ja auch was, wie man sich selbst erinnert. Man erinnert sich bruchstückhaft an die Vergangenheit. Man vermischt Realität mit Fiktion. Ja, ja, genau. Deine Erinnerungen sind ja ganz, sind ja voll mit Lügen. Ja. Und dass die Realität dadurch halt auch so ein bisschen zur Seite gekehrt wird. So dieses Gefühl, wie wenn man einschläft, wenn man irgendwie Erinnerungen, Gedanken, die man hat und schon so Traumsequenzen ineinander überfließen und die Realität komplett abgelöst wird von etwas anderem, kurz bevor man die Augen schließt und dann wirklich weg ist. Und manchmal erwischt man sich, also zumindest mir geht es so, dass man sich manchmal, dass ich mich manchmal bei dem Gedanken, habe ich ja hoch, jetzt habe ich komplett irgendwie absurde Traumvorstellungen schon in meinen Gedankenstrom gebracht. Genau. Und das macht dieser Film so krass und so überzeugend. Und um nochmal darauf zurückzukommen, dass du sagst, es ist irgendwie kein richtiger Film. Ja. Er tritt irgendwie komplett daraus hervor. Und ich weiß auch teilweise nicht, wie er das schafft, aber das macht ihn, das macht ihn so stark und das macht ihn auch so gewaltig und
Johannes Franke: auch irgendwie gewalttätig in einem gewissen Sinne. Ich glaube, es ist einfach wie bei jedem anderen, den man als Film bezeichnen will. Genauso in diesem Falle einfach die Kombination aus Kameraführung, einfach wirklich tolle Bilder gefangen, Schnitt, der Schnitt macht den Film einfach. Das ist halt einfach so, gerade wenn du 20 Schnittversionen hast und wahrscheinlich jeder anders ist, also wirklich grundsätzlich anders sein kann als die andere. Und seine Narration, die dem Ganzen eine lyrische, sehr unnarrativ filmische Note gibt. Ja. Und du hast immer das Gefühl, irgendwie so einem Traum beizuwohnen. Beziehungsweise, wenn es jetzt ums Ende geht, eher einem Sterbenden, der sein Leben. Ja. Revue passieren lässt, vielleicht. So dieses, dieses klassische, die Sekunde, in der du dein ganzes Leben vor deinen Augen
Florian Bayer: vorbeifließen siehst. So in der Art. Ja. Also könnte man so sehen, vielleicht. Finde ich auf jeden
Johannes Franke: Fall plausibel und ja. Ja. Also alles in allem, muss ich sagen, ein sehenswerter Film, aber durchaus schwierig. Sehr schwierig. Weil du musst damit klarkommen und du musst auch über viele Längen hinauskommen. Ja. Du musst auch dir erstmal ganz viel Kriegsmaterial angucken wollen, aber auch im langen Zeitraum, wo du dann zwischendurch sagst, ja ein Drittel hätte vielleicht auch gereicht. Ich ist in allem wirklich sehenswert, würde ich sagen. Kann ich so unterschreiben. Kein leichter Film. Ein
Florian Bayer: Film, den man auch sehr leicht als intellektuelles Gewichse abtonen kann. Als selbstverliebtes intellektuelles Gewichse. Als einfach als Vorlage für ganz viele Akademiker, die sich unglaublich wichtig nehmen und es total geil finden, über die Rolle der Zeit im Film zu philosophieren. Ja. Aber ein Film, der, wenn man sich darauf einlässt, trotz seiner Längen auf einer emotionalen Ebene funktioniert und krasse Dinge auslösen kann in einem. Und das tut er bei mir jedes Mal, wenn ich ihn sehe. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Sehr gut. Wir haben unsere Top-3-Liste komplett verschlafen. Top-3? Oh mein Gott. Komm, wir machen noch den Trommelwirbel. Und dann spielen wir das Intro ein. Das Intro kommt. Achtung. Jetzt.
Johannes Franke: Unsere Liste Ach, was für ein schönes Intro. Ja, fantastisch, oder? Top-3. Mütter im Film natürlich. Ach, Mütter im Film hat sich so aufgedrängt als Top-3-Liste. Nichts anderes hätte es sein können. Es hätte so viel anderes sein können. Wie kommst du auf Mütter? Also ich habe, wir machen das ja so, dass derjenige, der den Film vorschlägt, auch die Top-3 das Thema festlegt. Wie kommst du auf Mütter im Film? Ich meine, klar, da ist eine Mutter im Film, aber. Ja, die Mutter spielt eine ganz zentrale Rolle. Und wie gesagt, der Film. Aber spielt sie als Mutter eine Rolle? Im Sinne von, es ist, es ist so wesentlich,
Florian Bayer: dass es, ja. Es ist so wesentlich. Es ist, sie wird die ganze Zeit betrachtet durch seine Augen. Ja, okay. Selbst wenn Szenen sind, in denen er nicht anwesend ist, ist es ja so, wie war meine Mutter? Und ich versuche das zu verstehen. Jetzt erzähle ich einfach mal eine Geschichte von meiner Mutter, um zu verstehen, wie sie war. Ja, okay. Und das ist auch ganz interessant, weil in der Liste fällt das natürlich auch auf, dass die Mütter in Filmen meistens in ihrer Rolle als Mutter wahrgenommen werden. Zumindest meine Top-3 ist so ein bisschen deprimierend aus feministischer Sicht,
Johannes Franke: was das betrifft. Das finde ich nämlich auch bei der Recherche. Und ich habe versucht, irgendwie mehr zu finden, aber es ist nicht so leicht, weil du dann auch Schwierigkeiten hast zu recherchieren. Weil du gibst ja dann nicht ein Frauen in Frauenrollen, Mutterrollen. Nein, aber ist es eine Mutter? Ja, ist eine Mutter. Spielt es eine Rolle im Film? Ja, nein. Es ist wahnsinnig
Florian Bayer: schwierig. Genau. Und du hast immer die, und du hast, du läufst oft in die Fall, dass die Mütterrollen dann am stärksten sind, wenn sie dem klassischen Ideal der fürsorglichen Mutter, die sich komplett aufopfert, für ihre Kinder entsprechen. Ja, und das ist schon,
Johannes Franke: und deswegen habe ich aber auch eben überlegt, was ich dich vorher fragen wollte, bevor wir die Liste jetzt machen. Geht es denn darum, dass wir eine Mutterrolle gefunden haben, die wir bewerten, positiv bewerten oder sagen, das ist eine tolle, also gute Mutterrolle oder geht es einfach nur um beeindruckend dargestellte Mütter?
Florian Bayer: Ich würde sagen, einfach erwähnenswert, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Das heißt, auf Platz 1 kann auch durchaus was stehen, was einfach so prototypisch ist, dass du sagst, krass, diesen Film, diese Mutter muss man erlebt haben, um zu verstehen, wie im Kino generell mit Müttern umgegangen wird. Das könnte es auch sein als Beispiel. Okay. Also meine Liste ist ziemlich bunt durchmicht mit allem. Und das, selbst wenn ich die Honorable Mentions weglasse. Ich bin auch nicht glücklich mit meiner Liste. Ich habe mir gedacht, warum habe ich den Scheiß vorgeschlagen? Ich weiß nicht. Aber wir haben mal schauen.
Johannes Franke: Okay. Ich habe die ganze Zeit einen blöden Kommentar auf den Lippen, den muss ich rausschneiden dann am Ende. Freude! Wenn du, nach deiner Definition dieser Top 3, könnte man auch jeden Porno, der mit Milf getaggt ist, nehmen.
Florian Bayer: Auf Platz 1. Wie heißt der? Verdammt nochmal. American Pie. Stifless Mom. Stifless Mom. Platz 1. Ganz eindeutig. Und kommt daher der Begriff Milf? Ist ja da zum ersten Mal aufgetaucht, weil da habe ich ihn zum ersten Mal gehört.
Johannes Franke: Ja, aber das war unser Alter, oder?
Florian Bayer: Das war 1999.
Johannes Franke: Oder gab es das nicht vorher? Gab es das vorher?
Florian Bayer: Ich weiß nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass es tatsächlich daher kommt und dann einfach in der Pornoindustrie. Lass uns mal gucken. Ja, wenn wir das jetzt ausführlich machen, kann ich es nicht mehr rausschneiden. Aber es ist total spannend. So, wann kommt der Begriff Milf zum ersten Mal vor? Wir haben einen Film-Podcast und sprechen über den Milf-Begriff. So, Lassling ist gecluttered Berkeley in den Spring of 1992. 1992. Nein! Und widely popularized bei der Firma American Pie. Oh Gott. Ja. Echt, meine liebste Milf-Szene. Generell im Kino und Fernsehen ist immer noch, wenn bei Breaking Bad. Was? In Breaking Bad gibt es diese Szene, wo die Frau von Walter White. Ja. Hinter dem jungen Typen, wie heißt der nochmal? Warum kann ich mir die Namen nicht merken? Ich kann mich auch nicht merken. Breaking Bad hast du gesehen, oder? Ja, natürlich. Genau. Walter White arbeitet zusammen mit Aaron Paul, heißt der Darsteller. Aber wie heißt die Rolle? Jesse. Jesse, genau. Jesse Pinkman. Genau. Mit dem hängt er zusammen ab. Und seine Frau, jetzt muss ich einmal kurz gucken, wie sie heißt. Skylar. Findet das heraus. Also findet heraus, dass er irgendwas mit dem Typen am Laufen hat. Weiß aber noch nicht, dass sie zusammen Meth kochen. Und recherchiert dann Jesse hinterher und dann geht sie auf seine Website, die so total überladen ist und irgendwie mit so Hip-Hop-Musik. Und dann guckt sie sich die Interessen an und hält so in und sagt, was ist eine Milf? Okay. Und das ist so ein schöner Moment, weil sie so zumindest optisch, glaube ich, auch ein bisschen diesem Klischee entspricht. Ja, genau.
Johannes Franke: Oh Gott. Ja. Na gut. Okay. Okay, dein Platz 3 der Top 3 Mutterrollen, Mutterfiguren in Filmen. Ich dachte, du fängst jetzt an. Ich fange an.
Florian Bayer: Ich hatte schon die Milf genannt.
Johannes Franke: Die Milf war mein, ich bin ab dem Namen gefangen. Stimmt. Okay, ich kann meinen Platz 3 einmal. Und zwar auf Platz 3, weil es keine echte Mutter ist, sondern eine Mutterfigur und zwar Mary Poppins.
Florian Bayer: Das ist voll interessant, weil bei Mary Poppins kommt ja auch eine Mutter vor, ne?
Johannes Franke: Ja, die aber eher nicht die Mutter. Also du weißt, die ich ganz toll finde, auch die Figur, weil sie auch als Frauenrechtlerin und so weiter dargestellt wird. Genau, und sich deswegen nicht mehr um ihre Familie kümmert. Das ist das Problem an der ganzen Geschichte.
Florian Bayer: Ja. Und ist es nicht sogar so, dass Mary Poppins, nachdem Mary Poppins da war und alle happy sind und der Vater nicht mehr so viel arbeitet, sie auch sagt, scheiß auf die Politik, ich bin jetzt für meine Familie da?
Johannes Franke: Auch nicht geil, ne? Ja. Also es gibt viele Probleme mit diesem Film, aber der ist halt auch sehr alt und hat eine ganz andere... Ein Kind seiner Zeit. Ja, genau. Mary Poppins. Mary Poppins. Ich mochte sie einfach sehr. Mary Poppins ist toll. Hast du die Fortsetzung gesehen? Nee. Ich auch nicht. Noch nicht, aber ich musste sie schon noch sehen. Ich würde die auch mal gerne gucken. Vielleicht machen wir das.
Florian Bayer: Ja, ich glaube, das ist auch so ein Johannes-Film. Weil ich mir kann vorstellen, dass es schrecklich ist.
Johannes Franke: Ja, das ist ein bisschen... Die Gefahr ist groß bei dem Film. Oh ja. Mal gucken, mal gucken. Vielleicht machen wir das das nächste Mal.
Florian Bayer: Meine Nummer drei ist Jodie Foster als Didi Tate in dem Film Das Wunderkind Tate. Okay.
Johannes Franke: Eine ganz tolle Mutterrolle. Ich habe ihn vor langer, langer Zeit gesehen, den Film. Und ich kann mich leider nicht erinnern, wie das ausgestaltet ist mit der Mutterrolle.
Florian Bayer: Sie schlägt sich durch als Kellnerin.
Johannes Franke: Mhm.
Florian Bayer: Und sie ist, ja man könnte sagen, einfach vom Gemüt her. Aha. Und sie ist eigentlich überfordert mit dem Intellekt ihres Kindes. Also sie fördert ihn einfach nicht darin. Und gerät dadurch permanent in Konkurrenz zu der Professorin, die ihn dann unter ihre Fittiche nimmt und ihn intellektuell stimulieren will und so weiter. Und Didi ist so eine tolle Mutter, weil sie diesen ganzen Kram mit seiner Hochbegabung und so alles beiseite kippt und einfach nur für ihr Kind da sein will und ihr Kind beschützen will. Es gibt ein paar großartige Momente, in denen sie das macht und der großartigste Moment ist eigentlich, wo sie mit der Professorin telefoniert, nachdem Tate, der Junge, einen Klobus auf den Kopf gekriegt hat und verletzt war. Und er sagt dann zu seiner Mutter, hey Mama, ich habe einen Klobus auf den Kopf gekriegt und ich habe eine Schramme, ist das nicht toll? Und dann sagt Didi am Telefon ganz trocken zu der Professoren, wenn sie meinem Kind noch einmal wehtun, dann finde ich sie und bringe sie um. Oh mein Gott. Und dann Schnitt und wir sehen, wie der Junge zur Uni geht, weil er lernt halt Mathematik und die Professoren ist die ganze Zeit total panisch dahinter. Oh Mann. Und ich fand dieses Kämpferische von ihr und dieses absolute Ihr Kind beschützen, fand ich immer ganz toll und sie ist so ein starker Charakter in dieser Rolle.
Johannes Franke: Ach schön. Okay, mein Platz zwei. Ja. Ein Babadook. Oh, spannend. Ja, das ist kein Role Model, ne? Das ist kein Role Model, aber es ist ein wahnsinnig stark und spannend und relevant erzählte Mutterrolle. Eine Mutter, die einfach struggelt mit ihrem Muttersein.
Florian Bayer: Ja, und vor allem auch eine Mutterrolle. Einer der wenigen Momente, wo in einem Film wirklich genau dieser Kampf von Müttern, der sonst viel zu wenig Raum kriegt, dargestellt wird. Und auch dieses Ambivalente, dieses Zerrissensein zwischen Liebe und Hass für das eigene Kind. Ja. Und das Kind ist schwierig und es gibt einfach die Momente, wo sie ihr Kind hasst.
Johannes Franke: Ja, ich finde, ganz, ganz, ganz, ganz starker Film. Haben wir ja auch schon mal, wir hatten das schon mal hier im Gespräch.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ist nur empfehlenswert. Bitte alle Babadook gucken.
Florian Bayer: Tatsächlich ist die spannendste und die dramatischste Szene in dem Film ist, wo sie, also ihr Mann ist tot und sie liegt dann alleine im Bett und will masturbieren und fängt an und dann kommt das Kind rein, weil es irgendwie einen Albtraum hatte oder so und sie ist total fertig in dem Moment, weil man hat, und man kann das so nachvollziehen, das war so der einzige Moment, wo sie mal Ruhe für sich hatte.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und mal kurz wirklich abschalten wollte und dann wird das auch zerstört und sie ist dann total wütend und es ist so nachvollziehbar.
Johannes Franke: Also ein Film, der wirklich reinhaut, einfach ganz, ganz stark.
Florian Bayer: Ja. Mein Platz zwei ist Mrs. Prisby aus Mrs. Prisby und das Geheimnis von Nim. Ich glaube, ich habe den schon mal erwähnt bei den Lieblingsfilmen mit Tieren. Ja, aber ich weiß schon gar nicht mehr, worum es ging. Mrs. Prisby ist eine Maus, verwitwet. Und kümmert sich um ihre Kinder und ihr Sohn hat eine Lungenentzündung und sie braucht Medizin dafür und sie begibt sich dann auf ein Abenteuer und sie leben in der Nähe von einem Bauernhaus und ja, sie kommt dann in Kontakt mit Ratten und Mäusen aus einem Versuchslabor, die da sind und es ist, ich will nicht zu viel erzählen. Vielleicht ist das auch ein Film, den ich mal auf die Liste packe. Das ist eine wirklich wundervolle Mischung aus Fantasy-Filmen und realistischem Öko-Thriller, ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. und düsterem, teilweise wirklich düsterem Grusel auch. Okay. Don Pluff, der Erwachsene, der Disney-Filme ein bisschen erwachsener gemacht hat in den 70ern und 80ern vor allem. Ich glaube, vor allem in den 80ern. Großartiger Film. Okay. Kann ich nur empfehlen. Tolle Mutterrolle. Extrem stark. Sie ist vor allem die, die die ganze Zeit die Abenteuer erlebt. Und sie ist die, die kämpft und sie ist die, die einfach mal die Welt rettet, sozusagen.
Johannes Franke: Ja. Dann bin ich mit meinem Platz 1 dran, ne? Ja. Den Titel muss ich ablesen. Oh. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. Toller Film. Wahnsinniger Film. Ja. Unglaublich. Und diese Frau ist eben nicht, was wir vorhin sagten, dass man einen Film zeigt, wo die sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmert, sondern die setzt dort ein, der Film setzt dort ein, wo wir gar nicht wissen, wie sie als Mutter gewesen wäre. Sondern sie ist einfach wahnsinnig wütend über die Polizei, die es nicht schafft, sich um diesen Fall zu kümmern. Ihre Tochter ist gestorben. Sie wurde vergewaltigt und umgebracht. Und dann stellt sie auf diese, dann mietet sie diese riesen Werbeflächen, auf denen sie dann Botschaften an die Polizei, kümmert euch gefälligst, ihr Deppen, draufschreibt und die ganze Umgebung bekommt das halt mit und für die Polizei ist das wahnsinnig peinlich, dass da öffentlich diskutiert wird, dass sie ihre Arbeit nicht richtig machen und so. Und diese Frau ist einfach wahnsinnig stark. Und diese Schauspielerin, Frances McDormand. Wahnsinn. Unfassbar gut. Oh, ist diese Frau gut.
Florian Bayer: Sie hat ja so ein Dauerabo bei Cohen-Filmen. Vollkommen zu Recht. Vollkommen zu Recht, ja. Unfassbar gute Schauspielerin. Ja. Und genau, der Film. Kann ich nur unterschreiben, unterstreichen. Stark. Toller Film. Ist bei meinen Honorable Mentions dabei. Ach, schön. Sehr gut. Und wie gesagt, ich bin auch nicht glücklich mit meiner Liste. Wenn ich das so höre, ja, vielleicht hätte ich die auch doch in die Liste packen können.
Johannes Franke: Bin ich mal gespannt. Dein Platz 1. Also, der Druck soll nicht zu groß sein jetzt, Plur, aber das muss schon ein sehr besonderer Film, wenn der auf der Platz 1 sein wird. Der Druck ist unendlich groß. Na?
Florian Bayer: Erzähl. Meine Mutter auf Platz 1 kämpft gegen zeitreisende Roboter. Sarah Connor aus Terminator 2. Was? Ja. Was? Was für eine großartige Frau. Weil sie schafft es nicht nur, sich um sie ihren Sohn zu kümmern, sondern sie tritt Ärsche. Und zwar durchgängig. Okay. Bis auf die Zähne bewaffnet, eine Kämpferin und die tatsächlich ihren Sohn im Auge hat, aber die gleichzeitig auch so viel mehr ist, weil sie ist einfach mal eine fucking Action-Heldin. Es ist kein Witz. Sarah Connor aus Terminator 2 ist mein Platz 1 bei den Müttern. Okay, gut. Man hat viel zu selten richtig coole Action-Heldinnen, die einfach nur badass sind. Ja. Auch so, die nicht sexualisiert werden, die nicht irgendwie komisch romantisiert werden oder in hautengen Kostümen. Das gibt es viel zu selten. Und gleichzeitig ist sie auch noch eine Mutter, weil das ist noch seltener, dass so eine Action-Heldin Mutter ist.
Johannes Franke: Das stimmt, ja. Na cool, okay. Gute Personalunion. Ich habe einfach, sobald ich Terminator höre, denke ich, what? Das ist halt meine Reaktion auf Terminator. Terminator ist ein toller Film. Die ersten beiden Teile zumindest. Ja, genau. Der erste, weiß ich nicht genau. Okay, Terminator 2 kommt mal auf eine der nächsten Sendungen.
Florian Bayer: Also bei meiner Liste der besten Action-Filme wäre Terminator 2 wahrscheinlich auf Platz 1. Okay, krass.
Johannes Franke: Ja. Gut, okay. Ja, ich meine, ich habe natürlich nur die Erinnerungen, die ich als Kind habe. Ich habe den nicht noch mal gesehen. Ich habe ihn als Kind gesehen, beziehungsweise als, nee, ich glaube, ich war Kind. Wirklich Kind.
Florian Bayer: Das ist so geil, was man als Kind damals geguckt hat. Ja. Terminator 1 ist ab 18, Terminator 2 ab 16. Ich habe den auch als Kind geguckt. Ja.
Johannes Franke: Oh mein Gott. Na gut, vielleicht muss ich ihn retrospektiv dann noch mal neu einsortieren in meinem Kopf.
Florian Bayer: Wirklich starker Film. Beide Filme, sehr stark. Okay. Und ab dem dritten ging es dann rapide bergab.
Johannes Franke: Ja, ja, das ist sowieso noch weiter bergab. Guck dir der noch mal an.
Florian Bayer: James Cameron. Ja, James Cameron. Also, wenn es einen großen Mainstream-Richter gibt, der überambitionierte Projekte irgendwie stemmen kann, dann ist es er.
Johannes Franke: Ja, das stimmt wohl. Ja, der hat aber auch viel. Ja, aber das war Kacke.
Florian Bayer: Ja. Aber Titanic. Was für ein großartiges Epos. Mischung aus Liebesfilm, Actionfilm, Historien, Historical, Period-Drama.
Johannes Franke: Ja. Titanic ist tatsächlich ein Film, der besser geworden ist, je länger es her war, dass er gemacht wurde.
Florian Bayer: Also, ich weiß nicht, damals fand ich es ein bisschen, ja, aber als 16-, 17-jähriger Junge musste man auch Titanic-Kacke finden, wegen dem ganzen Hype um Leonardo DiCaprio und so weiter.
Johannes Franke: Vielleicht auch deswegen, ja. Vielleicht ist es wirklich das, aber ich weiß bei Titanic, dass ich, ich kann wirklich graduell Abstufungen feststellen. Heute finde ich ihn um so viele Welten besser, als ich ihn damals fand und zwischendurch eben, ich kann diese, ich kann wirklich für unterschiedliches Alter festlegen, für unterschiedliche Akzeptanz dieses Films. Das ist schon wirklich krass. So geht es mir mit den Backstreet Boys. Ja, genau so ein Fall. Ja. Wirklich, tatsächlich. Ja. Und heute denke ich, ja, was für ein geiler Move und was für eine geile Kombo und was für geile Leute. Aber irgendwie damals dachte ich, oh Gott, mit die beste Popmusik, die in den 90ern gemacht wurde. Ja, aber damals konnte ich es überhaupt nicht irgendwie würdigen.
Florian Bayer: Ah ja. Okay. Gut, ich glaube, wir sind fertig mit dem Spiegel. Oh mein Gott, ja. Wir haben es geschafft.
Johannes Franke: Wir haben es geschafft. Ich hoffe, dass wir nicht ganz so narrativ durcheinander waren wie der Film. Das waren wir. Aber gut, dann haben wir den Film vielleicht entsprechend.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich glaube, wir haben ganz gut, wir haben ganz gut rausgestellt, warum man den Film auch gucken kann, wenn man kein Wort davon versteht und nicht Filmwissenschaft studiert hat. Ja. Und das war mir wichtig, dass der Film nicht nur als intellektuelles Avantgarde-Gewechse wahrgenommen wird, sondern auch als beeindruckender Film auf emotionaler, visueller, erzählerischer Ebene.
Johannes Franke: Wer die Zeit hat, und jetzt zu Corona, vielleicht sind das ein paar mehr Leute, macht mal das Experiment, guckt euch den Film ohne Untertitel an. Oh, nur auf Russisch. Gleich als erstes. Und dann vielleicht nochmal mit Untertiteln.
Florian Bayer: Das ist bestimmt witzig. Ja. Guckt ihn euch auf jeden Fall an. Es gibt ihn auf YouTube und man kann auch Pausen einlegen.
Johannes Franke: Es ist erlaubt, Pausen einzulegen. Ja. Es gibt Filme, da darf man das nicht, aber bei dem darf man das.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Aber eigentlich nur, um sich einen Tee zu machen und wieder hinzusetzen.
Florian Bayer: Aber dafür muss man einige Segmente von ihm hier gleich mehrmals gucken. So ging es mir tatsächlich, als ich gesehen habe, dass er auf YouTube ist. Ach so. Da habe ich zu einzelnen Szenen nochmal gesprungen. Oh. Die Szenen muss ich nochmal gucken. Okay. Und nochmal. Ja. So ein bisschen, wie es mein Vierjähriger macht.
Johannes Franke: Oh, wie süß. Okay. Danke, Plur, für diesen Film. Danke, dass du ihn geguckt hast. Ich glaube, er hat tatsächlich meine, meine, meine, unsere Maßgabe, meinen Horizont erweitert. Danke, dass du was mitnehmen konntest. Das freut mich. Schön. Cool. Dann machen wir jetzt eine Pause. Und dann geht es zu Quentin. Ja, Quentin. Erklär dich. Bis gleich. Bis gleich. So, es läuft wieder, Plur. Willkommen zurück aus der Pipi-Pause. Willkommen zurück aus der Schreibpause. Mein Ohr, nicht verraten. Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht. Ich habe meinen Einleitungstext gerade erst geschrieben. Obwohl, das passiert jetzt öfter, Plur. Du musst dich einfach dran gewöhnen.
Florian Bayer: Ich habe mich da schon dran gewöhnt. Das ist, glaube ich, ich war letzte Woche total überrascht, dass dein Text fertig war.
Johannes Franke: Oh, du bist gemein. Okay. Ja, wir machen jetzt The Hateful Eight. Ja. Hast du dich drauf gefreut? Ich wusste ja, dass du den Film eigentlich magst, oder?
Florian Bayer: Ich habe mich drauf gefreut und ich bin total neugierig darauf, wie dein Take drauf ist. Vor allem, weil du letzte Woche schon gesagt hast, angedeutet hast, dass du mit dem Film bisher eigentlich immer so eher deine Probleme hattest. Obwohl du kein Tarantino-Verechter bist.
Johannes Franke: Ja, ich weiß nicht. Und es stimmt auch nicht ganz, dass ich so meine Probleme habe, sondern ich wusste nie und ich weiß auch nicht, ob ich es inzwischen weiß, was mich an diesem Film irritiert. Irritiert? Stört ist vielleicht sogar zu viel. Das letzte Mal habe ich gesagt, dass es mich stört, glaube ich. Aber irritiert ist es vielleicht eher. Oder vielleicht, ich weiß nicht, ich würde mich da gerne ranrobben, was da an dem Film nicht so ganz irgendwas ist. Irgendwas ist da. Ich weiß es nicht. Ich robbe mich gerne mit dir zusammen ran. Das ist doch einfach meine Einführung. Ja, ich gebe uns mal eine Einführung und dann schauen wir mal, wo es uns hinträgt. The Hateful Eight. Der 2015 erschienene Western im tiefen Schneegestöber von Quentin Tarantino erzählt von sieben paranoiden Männern und einer ebenso paranoiden Frau, die durch einen Blizzard in Wyoming in eine Hütte zusammengesperrt sind. Jeder mit seiner eigenen Agenda. John Ruth will die Verbrecherin Daisy Dommagew gewinnbringend nach Red Rock bringen. Major Marquise Warren hat ebenfalls drei Verbrecher, allerdings tot im Schlepptrau und ausgerechnet der neue Sheriff Chris Mannix, der in Red Rock den Lohn der beiden auszahlen würde, ist auch mit von der Partie. Ebenso wie Senior Bob, Oswaldo Mowbray, Joe Gage und am Rennen noch General Sanford Smithers, deren Backstory und Triebkraft sich erst später im Film entfalten. Ein Film, der seine Spannung größtenteils aus Paranoia, erhöhter Gewaltbereitschaft und Geld- und Machtgier speist. Also irgendwie Tarantino-typisch. Aber auch ein bisschen untypisch. Aber an welchen Stellen und wieso? Keine Ahnung. Hast du eine Idee dazu, Plur?
Florian Bayer: Ich musste bei dem Intro, wo du die ganzen Namen vorgelesen hast, an diesen tollen L'Oreal-Sketcher der Ansagerin mit Evelyn Hamann denken. Middle, Middle for the Smithers. Smithers aus Smithers. North Cross of Storm Hall. Sehr schön, ja. Tarantino oder nicht Tarantino? Ja, sehr viel typisch, das Tarantino natürlich.
Johannes Franke: Sehr viel, ja, das ist richtig. Also ich möchte gerne bei diesem Film tatsächlich einigermaßen chronologisch vorgehen. Ja. Ich glaube, das hilft uns am ehesten, da einmal durchzugehen, zu gucken, was zur Hölle. Und ich möchte gleich erst mal damit anfangen, dass Tarantino reinschreibt, der achte Film von Quentin Tarantino. Das macht er schon länger, ne? Aber warum zu, das ist doch wirklich, wie selbstverliebt muss man sein, das so reinzuschreiben.
Florian Bayer: Er hat gesagt, er macht nach zehn Filmen Schluss, ne?
Johannes Franke: Ja, ich weiß, das ist auch so ein bisschen seine Ausrede dafür, aber das ist doch wirklich nur selbstverliebt, das ist irgendwas. Zumal die Zählweise echt ein bisschen schräg. Ja, es ist ja nicht sein achter Film. Es ist sein neunter Film, verdammt nochmal. Ja, und man könnte durchaus argumentieren, dass Four Rooms auch noch, ja, richtig. Auch mit rein zählt. Genau. Ich weiß, naja, gut, okay. Also man kann sagen, Kill Bill 1 und 2 ist ein Film. Okay, das verstehe ich auch aus filmemacherischer Sicht, ne? Dass man sagt, das ist für mich ein Projekt, aber irgendwie, ich weiß nicht, in der Rezeption, das funktioniert doch so nicht.
Florian Bayer: Tarantino hat sich, glaube ich, so sehr gemütlich gemacht auf seinem Kultstatus. Ja, und das ist das.
Johannes Franke: Den er total verdient hat. Weißt du, das Erste, was ich gedacht habe, nachdem ich es das erste Mal gesehen habe.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Woher auch rührt, dass ich das Gefühl habe, dass der Film irgendwie irgendwas, dass irgendwas nicht stimmt. Da war mein Gedanke, Tarantino ist sich zu sicher seiner Wirkung als Kultregisseur. Hm. Er ruht sich in diesem Film auf seinem Status aus. Dem würde ich heftig widersprechen.
Florian Bayer: Okay, gut, dann mach das mal. Weil, wie schon gesagt, es sind ganz viele typische Tarantino-Elemente drin. Also natürlich der gewalttätige Showdown am Ende, aber auch so diese verschachtelte Erzählung. Also nicht sonderlich groß verschachtelt, aber wir machen einen kleinen Rückgriff. Genau. Ganz klassisch Tarantino, dass viele Gefluche ist natürlich typisch Tarantino. Irgendwie so das ganze US-Western-Setup. Was sehr untypisch Tarantino ist, ist, dass seine Gespräche in dem Film, und der Film ist ein sehr gesprächiger Film. Ja. Dass die nicht so belanglos sind wie in anderen Filmen. Tarantinos Dialoge sind total toll, ganz oft toll, weil sie belanglos sind. Weil über Nichtigkeiten geredet wird. Also ganz, ganz klassisch ist halt die Diskussion über, ist eine Fußmassage irgendwie gleichzusetzen mit Sex. Wie heißen die Burger in Europa? Ja. Wann war Madonna am besten? Oder worum geht's in dem Lied Like a Virgin? Das sind so die typischen Tarantino-Dialoge. Und die fehlen hier? Die fehlen hier komplett. Eigentlich ist alles, was geredet wird, trägt zur Handlung bei. Es gibt wenige Gesprächsfetzen, bei denen wirklich Nichtigkeiten ausgetauscht werden. Alles hat eine Relevanz für die Charaktere und für die Handlung.
Johannes Franke: Oh, weißt du, weshalb ich für Tarantino? Ja, das ist untypisch. Und das genau, das könnte einer der Gründe sein. Weil, weißt du, man guckt ja einen Tarantino-Film. Nun, wahrscheinlich hat er dann einfach doch zu Recht reingeschrieben, der achte Film von Tarantino. Darüber kommst du nicht hinweg. Nein, weil man eben reingeht und sagt, ich gucke mir jetzt einen Tarantino-Film an. Ja, definitiv. Und am Ende geht man raus und denkt eben, vielleicht auch wegen solcher Dialogsachen, es war dann doch kein ganz typischer Tarantino.
Florian Bayer: Es gibt Dinge, die man vom Tarantino-Film erwartet und die dieser Film teilweise unterlaufen hat. Jetzt auch nicht radikal, das ist nicht Tarantinos Befreiungsschlag aus seiner Rolle. Es ist schon in vielen Momenten ein typischer Tarantino-Film. Aber was auch so ein Ding ist, die Ästhetik von Tarantino setzt immer sehr stark auf Pop und Coolness. Ja, genau. Und in diesem Film setzt die Ästhetik eher auf das Epische, auf das Schöne. Hat man schon bei Inglourious Bustards ein bisschen gesehen?
Johannes Franke: Stimmt, ja.
Florian Bayer: Der auch eine Western-Atmosphäre und Western-Ästhetik hatte, aber da bei Weitem nicht so krass.
Johannes Franke: Der hatte auch wahnsinnig viele popkulturelle Anspielungen bei Inglourious Bustards, was er hier nicht so sehr hat. Nee, fast gar nicht. Also fast gar nicht, ja. Was ich ganz spannend und toll finde, ist auf der anderen Seite, was eben auch Quentin Tarantino untypisch ist, dass er völlig auf das, was wir vorhin angesprochen haben, Zooms verzichtet hat. Er hat keine Zoom-Lenses gehabt. Er hat keine Linsen gehabt, wo man einfach mal so aus der stehenden Kamera heraus irgendwo reinzoomen kann. Das hat Tarantino ganz, ganz oft in seinen Filmen, was ich immer anstrengend finde. Und in diesem Film hat er es nicht, die Technik verbietet ihm das einfach. Er hat keine Zoom-Lens gehabt für diesen Film. Er hat für diesen Film eine bestimmte Kamera genommen, ein bestimmtes analoges Format. Er hat es ja nicht digital gedreht. Was großartig ist, auf 70 Millimeter gedruckt. Und genau, irgendwie, ich habe die Kamera auch hinten stehen.
Florian Bayer: Panavision oder so war es?
Johannes Franke: Ja, ja, Panavision. Aber ich habe auch diese ganzen technischen Sachen dann einfach hinten runterfallen lassen. Ich habe es irgendwo aufgeschrieben. Aber ich glaube, das zu technisch zu werden, da habe ich mich nicht nochmal mit auseinandergesetzt. Auf jeden Fall hat er 100 Kinos auf der ganzen Welt mit der Technik ausstatten lassen, dass er diesen Film in anamorphic, also gestretched von einem gestauchten Bild zu einem, wie man es dann anschauen kann, dass das sozusagen bestimmte Linsen im Kino da sind, die das Ganze dann so projizieren, wie er sich das vorstellt.
Florian Bayer: Wenn die Streifen auf dem Fernseher oben und unten größer sind als das Bild in der Mitte, dann haben wir einen solchen Film. Und es ist eine total interessante Wahl, dass er dieses 70 Millimeter Format genommen hat, weil es ist ja eigentlich ein Kammerspiel. Und dieses Format ist ja eigentlich was, was man von den klassischen Hollywood-Eten kennt. Ben-Hur wurde so gedreht und How the West Was Won und The Greatest Story Ever Told, also irgendwie so Bibelgeschichten oder große Western-Szenarien, wo Ziedler-Tracks von A nach B reisen und man große Landschaftsaufnahmen hat. Die gibt es auch in dem Film, aber die meiste Zeit überspielt der Film einfach mal im Innern von dieser Taverne, wo sie halt rumhängen.
Johannes Franke: Ja, und es ist ganz großartig, dass er das macht, also zum einen natürlich wegen der Western-Anleihe, die er hat, wegen dieses Kopfnicken in Richtung Western von damals und der Aufnahmetechnik von damals, der ja ein großer Liebhaber von physischen Filmen ist. Aber was das auch macht, in dieser, in Minis Mieterwarenladen oder wie das im Deutschen übersetzt ist, dass du vorne ein Gespräch hast und immer im Hintergrund irgendeiner von den anderen oder zwei oder drei Leute im Hintergrund zu sehen sind. Ja, das heißt, du hast immer das Gefühl von, und das unterstützt diese Paranoia, die dieser Film die ganze Zeit mit sich rumträgt, irgendjemand ist noch da. Ja. Du hast einen begrenzten Raum, da hinten passiert noch was, du kommst nicht drumherum von allen immer gesehen und beobachtet zu werden.
Florian Bayer: Das fand ich total überraschend, dass er so ein Bild, was man eigentlich für einen Monumentalfilm erwartet nimmt, in ein Kammerspiel packt und dann denkt er, was soll das? Ey, du hast hier die geile Technik, du machst hier analog, retro und total schön Nostalgie, das gute alte analoge Kino, schön weit gestretched und so weiter. Und dann packst du das Geschehen zu mehr als zwei Dritteln in diese Bar und dann sieht man das und stellt fest, wow. Funktioniert super. Krass, was da alles passiert. Und genau, genau wie du gesagt hast, diese Paranoia, diese Details, die am Rand stattfinden und man kann sie nicht alle überblicken, das Bild ist eigentlich zu krass für das menschliche Auge. Das Format sind nicht typische menschliche Sehgewohnheiten, das ist einfach breit, breit, breit. Breit, breiter, noch breiter. Und das macht es total aufregend, weil man merkt dann selbst beim Gucken, wie die Augen permanent wandern nach links und rechts, um den Raum zu erfassen. Und man merkt, man verpasst aber auch immer was. Man schafft es nicht, den gesamten Raum zu erfassen. Ja. Und man weiß, es passieren Dinge in diesem Raum, die man auch nicht erfassen soll.
Johannes Franke: Ja, das ist schön, das ist wirklich gut. Also, ich weiß nicht, wie viel Absicht ich ihm unterstellen will, aber das hat sich gut ergeben. Ja. Also, Tarantino selbst meinte schon auch, dass er dann erst beim Schneiden gesehen hat, wie geil das eigentlich ist, dass da überall immer alles passiert im Hintergrund. Obwohl er das natürlich auch inszenieren musste am Set, aber die Tragweite der ganzen Geschichte ist ihm erst im Schnitt bewusst geworden.
Florian Bayer: Es war filmhistorische Liebhaberei, ne? Und es war so Nerdtum.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Der wollte einfach ein Ding mit 70 Millimeter machen. Ja. Und dann hat er halt gesagt, okay, am Western passt ja.
Johannes Franke: Ja. Und das ist natürlich auch eine gute Entscheidung. Und das Ding ist ja durch mehrere Drafts gegangen und eine ist davon ja geleakt worden am Anfang. Also, vielleicht gehen wir wirklich mal auf die Entstehungsgeschichte dieses Films kurz ein. Nach Tarantinos Ruf ist ja nun dann jedes Mal, wenn er sagt, es kommt ein neuer Film, schreien alle auf und sagen, oh ja, erzähl uns mehr davon, Meister. Und alle fallen irgendwie verbal auf die Knie und sagen, hat sich aber auch ein bisschen abgeschwächt, oder?
Florian Bayer: Weiß ich nicht. Auch durch diesen Film. Also, ich hatte das Gefühl, Once Upon a Time in Hollywood wurde nicht mehr mit ganz so viel Enthusiasmus konzipiert. Echt, ja? Also, ich war sehr enthusiastisch. Ja, ich musste hingehen. Aber wir sind jetzt vielleicht auch nicht unbedingt stellvertretend für das gesamte Publikum. Also, ich habe das Gefühl, früher, so bei Film Nummer 5, gab es deutlich mehr Hype um neue Tarantino-Filme, als es jetzt gibt. Also, zumindest was den letzten betrifft. Aber genau, wir waren bei dem Hypes. Er kündigt den Film an.
Johannes Franke: Die Nerds laufen amok. Und natürlich laufen alle amok. Und irgendwie kommt ein Draft von ihm ins Licht der Öffentlichkeit. Und weißt du, warum das Problem für ihn so groß war? Es ist ja nicht nur so, dass es einfach in irgendeinem Drehbuch veröffentlicht wurde, sondern so wie er geschrieben hat, war das besonders schwierig für ihn. Er hat nämlich sich vorgenommen, dass er den Film, ab einem bestimmten Punkt, den er geschrieben hat, hat er festgestellt, er muss den Film in verschiedenen Drafts schreiben. Natürlich hat man immer unterschiedliche Entwürfe. Man hat immer irgendwie diesen Prozess von, ach, das ist jetzt ein erster Entwurf und wir müssen da jetzt alle drüber gucken und unsere Meinung dazugeben. Aber er hat von vornherein gesagt, er muss verschiedene Ideen in verschiedenen Entwürfen nach vorne stellen. Also das Buch dreimal schreiben im Grunde. Um zu gucken, okay, wo aus welcher Perspektive ist was, wie, wo und warum. So. Und dann war da ein Draft, der nichts von dem hatte, was er eigentlich am Ende wollte. Das war nur das Draft für den nächsten Draft. Und das war eben das Krasse, dass er, dass da nicht mal das drin war, was er eigentlich wollte und die Leute schon gesagt haben, ach, und so ist das also. Und er dachte, nein, es ist so, aber gar nicht. Das wirkt so übergriffig, ne? Ja. Weil das auch so ein Eingreifen in den Schaffensprozess dann ist. Genau. Und das war halt das Problem, dass er wirklich in seinen Schaffensprozess, er hat diesen Prozess, den er sich überlegt hat, der wurde einfach gekapert von der Öffentlichkeit. Und deswegen hat er so wahnsinnig beleidigt reagiert und hat dann gesagt, nö, ich mach den Film nicht mehr.
Florian Bayer: Ja. Kann ich aber auch irgendwie verstehen. Und ich mein, Tarantino ist natürlich auch eine Prima Donna und Tarantino ist auch ein Exzentriker, der sich gefällt in dieser Rolle. Sehr. Aber ich kann's verstehen. Ja. Dass er sagt, ach, wisst ihr was, leckt mich. Wenn euch meine Filme so wenig wert sind und ihr dann auch glaubt, sie werden euch viel wert, wenn ihr das macht, dann könnt ihr mich mal alle.
Johannes Franke: Ja. Ja. Und dann hat er eine öffentliche Lesung veranstaltet. Er hat das Ding genommen und hat Leute besetzt und denen drei Tage lang die Lesung geprobt und hat es dann von irgendeiner Gilde, Writers Guild oder nee, weiß ich nicht, jedenfalls von offizieller Stelle, in so einem großen Theater einmal als Lesung gemacht. Was eine total geile Idee ist. Total gut, total super. Und hat dann auch daraus ein paar Lehren gezogen und sich so ein bisschen inspirieren lassen und die meisten Darsteller waren, glaube ich, auch schon dabei. Ich dachte, es wären komplett andere Leute gewesen.
Florian Bayer: War es nicht so, dass er diese Lesung hatte und da waren auch einige Stars dabei? Dann hat er gesagt, ah nee, das funktioniert nicht so ganz. Der Film darf keinen Star haben, der irgendwie alle an die Wand spielt.
Johannes Franke: Naja, aber er hat Tim Roth und Co. Ja. Also ich meine, natürlich hat er einen Haufen krasse Stars, die sich gegenseitig an die Wand spielen.
Florian Bayer: Er hat, er hat, er hat, vielleicht, Stars ist vielleicht das falsche Wort, er hat fantastische Schauspieler.
Johannes Franke: Er hat fantastische Schauspieler. Und zwar die üblichen Verdächtigen, eigentlich auch für Tarantino natürlich wieder. Ja. Die sind alle großartig. Also ich werde nie, nie, es wird, glaube ich, nie der Quartal kommen, an den ich Samuel L. Jackson nicht einfach nur großartig finde. Was der da zusammenspielt, ist der Wahnsinn.
Florian Bayer: Also du hast recht, es sind tatsächlich, also bei der Lesung dabei waren Samuel L. Jackson, Kurt Russell. Die beide im Film sind. Genau, aber dann weicht es ab Amber Tambin. Ja, genau, die ist nicht dabei dann. James Parks, Walton Goggins. Walton Goggins ist der, der Sheriff, der ist im Film auch dabei. Der vermeintlich zukünftige Sheriff von Red Rock. Mmh, Zoe Bell hatte er dabei. Okay, aber zumindest Samuel L. Jackson und Kurt Russell. Ja, und Walton Goggins. Also die drei Protagonisten eigentlich. Genau, ja. Dann genau, aber er hatte, wer gefehlt hat, war Jennifer Jason Leigh. Ja. Die die Damago spielt. Genau. Und Tim Roth und Michael Madsen. Boah, ist der Film besetzt mit krassen Darstellern.
Johannes Franke: Ja, das ist doch krass, oder nicht? Also wirklich Wahnsinn. Und die sind auch alle wirklich, wirklich hervorragend. Also ich könnte niemanden rausnehmen und sagen, naja, da hat's irgendwie, hm, war sie nicht? Nee. Die waren alle durchweg. Ja. Großartig.
Florian Bayer: Und sie funktionieren halt auch als Ensemble perfekt, ne? Ja. Also sie, ähm, es ist nicht so, dass sich irgendjemand hervorhebt durch besonders krasses, exzentrisches Spiel, extrovertiertes Spiel oder so, sondern sie passen alle ins Gefüge.
Johannes Franke: Ähm, ja, und der Film fängt dann, lass uns mal wieder zurückkommen, wie der Film überhaupt, und dann fängt der Film erstmal mit nem Morricone-Konzert an. Ja. Also du hast dann wirklich erstmal ne Zeit lang, also mit angehängten Bildern, aber ein Morricone-Konzert.
Florian Bayer: Ja. Auch auf ner visuellen Ebenen ein Morricone-Konzert, ne? Ja, ja, ja, genau. Also es ist schon wirklich... Also inklusive christlichem Bezug dann, wenn wir dieses Kreuz im Schnee sehen. Genau. Und es stimmt wunderbar ein auf den Film. Es hat ja fünf Minuten, ne? Die ersten fünf Minuten ist das. Ist geil. Bevor das erste Kapitel losgeht, dauert's fünf Minuten. Und wir sehen Schnee und wir hören Morricone und das ist epischer Western-Atmosphäre im Schnee.
Johannes Franke: Ja, ist voll gut. Also wenn man diese Geduld mitbringt, ne? Wenn man weiß, okay, ich muss nicht gleich auf die Fresse kriegen, um in den Film reinzukommen, sondern ich kann erstmal mich darauf einlassen.
Florian Bayer: Du hattest den Film auch im Kino gesehen, ne?
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Ich fand's... Ich war begeistert. Ich hätte es auch noch zehn Minuten länger gucken können. So einfach dieses... Auch so reinkommen in dieses analoge Medium, was man einfach nicht kennt. Also der lief im Kino, der hatte ja diese Roadshow und lief dann wirklich auf analogen Geräten, wie du schon gesagt hast. Und das ist einfach was, was man heutzutage nicht mehr sieht und es war geil.
Johannes Franke: Also muss man wirklich sagen, dass diese Bildqualität, das ist unglaublich. Es ist mir jetzt aber auch nochmal aufgefallen im Digitalen. Jetzt, ich hab's über Netflix auf meinen Beamer geguckt und das ist einfach unglaublich toll. Du hast Netflix geguckt? Ne, ne, stimmt nicht. Netflix, Amazon Prime ist ja... Die haben vor einer Weile auf Netflix, gab's ne, ne zur Serie zerstückelten Version. Die langen Version. Ähm... Zur Serie zerstückelten? Die haben irgendwie fünf Teile daraus gemacht oder so. Nein. Ja, aber ne langen Version.
Florian Bayer: Ah, die haben die 187-Minuten-Version, aber quasi als fünf Episoden.
Johannes Franke: Ja, irgendwie sowas. Ich hab's nicht gesehen, ich kann's nicht genau sagen, aber jetzt waren sie nicht mehr da, als ich gesucht habe und deswegen war ich dann auf Prime.
Florian Bayer: Ja. Ich hab's auch auf Prime geguckt. Genau, das ist die 167-Minuten-Version.
Johannes Franke: Es gibt noch ein 187-Minuten-Tag. Die hätte ich auch gerne gesehen, aber ich weiß nicht, wo wir den...
Florian Bayer: Piraterie, glaube ich. Das ist die einzige Chance. Oder natürlich Blu-Ray, DVD.
Johannes Franke: Ah, ja, ja, genau. Ähm, ja, und nach diesem Morricone-Konzert, ist übrigens auch eine sehr süße Story, wie die zu Morricone gekommen sind. Morricone hatte ja ein Lied schon zu Django Unchained beigetragen anscheinend und hat danach gesagt, oh Gott, nie wieder mit Tarantino. Und dann hat er bei Tarantino da nochmal angerufen, weil er ihm gesagt hat, du bist einer meiner Lieblingskomponisten. Und zwar nicht im Sinne von Filmkomponisten, sondern im Sinne von Bach, Beethoven, du bist einer meiner Lieblingskomponisten. Und ich glaube, Morricone war dann doch ein bisschen geschmeichelt und hat gedacht, okay, lass uns mal hinsetzen und reden. Das ist so leicht manchmal. Und Morricone hat aber zu der Zeit irgendwie, zum einen wusste er nicht, dass er schon gedreht hatte. Tarantino hatte schon gedreht. Und hat nur das Drehbuch bekommen, hat das Drehbuch gelesen und war irgendwie wohl ganz gut angetan und hatte auch gesagt, ja, und ich habe da auch schon eine Idee für dieses erste Thema, wenn die da mit der Kutsche und so weiter, was wir gesehen haben und gehört haben. Ich habe aber eigentlich keine Zeit, weil der irgendwie für ein anderes Projekt war da. Und dann hat Tarantino gesagt, ja, erzähl mal, wie hast du das denn ungefähr vorgestellt mit der Kutsche? Und dann quatscht er ihn so nach und nach rein, so nach dem Motto, oh, das klingt aber gut. Oh, lass uns mal. Und dann sagt Morricone, naja, vielleicht, diesen einen Song kann ich dir beisteuern. Dafür habe ich Zeit. Ich kann das, kann das vielleicht, weil das ist gerade so in meinem Kopf, das kann ich vielleicht machen. Und auf der nächsten Party, hier, ich habe hier ganz viel, 10 Minuten wurden, 17 Minuten wurden, 30 Minuten, weißt du so. Tarantino, sneaky, sneaky Bastard. Sehr schön. Ja, Tarantino erzählt das auch ganz schön. Es gibt ein Special, wo er irgendwie, auf Spotify habe ich das gefunden.
Florian Bayer: Also es ist immer eine Freude, Tarantino zuzuhören, aber danach hat man Kopfschmerzen. Ja. Auch wenn er so anfängt, seine Lieblingsfilme des Jahres aufzuzählen, das ist immer total spannend, aber danach habe ich das Gefühl, dass er mir einmal irgendwas, wahrscheinlich eine Videokassette von Pulp Fiction in meinen Kopf gezogen hat oder so.
Johannes Franke: Ja. Naja, und dann haben wir jetzt das große Glück, dass Morricone mit auch nicht verwendetem Material aus anderen Filmen, von Carpenter zum Beispiel, da hat er ja irgendwie was beigesteuert und Carpenter hat dann nur ein Lied von ihm benutzt und der Rest war unveröffentlicht dann.
Florian Bayer: Ennio Morricone hat auch tatsächlich vor dem Film nicht so viel gemacht, ne? Der hatte so ein bisschen...
Johannes Franke: Vor welchem Film?
Florian Bayer: Vor Headfall 8?
Johannes Franke: Hat Morricone, hat wahnsinnig viele Filmmusiken gemacht. Der hat eine riesige, lange Geschichte mit Filmmusiken.
Florian Bayer: Ne, ne, das ist klar, ne, aber er hatte eine relativ lange Phase vor Headfall 8, wo er nichts gemacht hat.
Johannes Franke: Ach so, ja, das stimmt, er hatte irgendwie, er hat nicht so viel Original Scores gemacht in den Zeitraum davor.
Florian Bayer: Ich guck gerade, weil ich meine mich zu erinnern, dass es irgendwie so eine, doch etwas, auch dann, weil er war, er ist ja einer der berühmtesten Filmkomponisten einfach, eine Schaffenspause gab, die auch einfach so öffentlich wahrgenommen wurde, weil so, oh, kommt mal wieder was für fürs Kino oder bist du jetzt komplett raus aus dem Kino, machst du jetzt nur noch Musik?
Johannes Franke: Ich weiß nicht, über die Phase weiß ich nicht viel. Ich weiß tatsächlich, dass er so ein bisschen aus der Versenkung geholt wurde, mehr oder weniger, aber nicht im bösen Sinne, sondern irgendwie so, er hatte irgendwie...
Florian Bayer: Er war nicht in der Versenkung, er war einfach nicht mehr so im Kino präsent. Er hat so sein eigenes Ding gemacht, er hat Konzerte gegeben und er hat auch Kompositionen aufgenommen und hat diverse Kollaborationen. Aber er war nicht, nicht mehr, was Filme betrifft, nicht mehr so krass unterwegs wie davor.
Johannes Franke: Ja, Kollaborationen mit Morricone hat also auch irgendwie geklappt und... Das zahlt sich aus. Das zahlt sich wirklich aus, das ist unglaublich, eine ganz, ganz, ganz tolle Musik. Allein von wegen den ersten fünf Minuten, aber auch Musik trägt einfach den Film. Ja, genau. Und man sagt, dass Morricone den Film nie gesehen hat, also vorher, aber zum Komponieren, sondern das einfach so aus dem Ärmer geschüttelt hat, mehr oder weniger.
Florian Bayer: Man muss dazu natürlich sagen, der Film ist so vollgestopft mit diesen Western-Tropes. Ja. Und auch wenn er im Schnee spielt, hat er trotzdem auch diese Spaghetti-Western-Attitüde.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und dazu passt natürlich irgendwie alles von Morricone. Du könntest da wahrscheinlich, also das ist ja so ein bisschen böse, aber du könntest wahrscheinlich auch Once Upon a Time in the West drauflegen und es würde auch irgendwie
Johannes Franke: auch passen. Ja. Man muss dazu sagen, dass Tarantino ja sowieso der Meister daran ist, Dinge zweit zu verwerten. Also so die Musiken, er hat ja in keinem Film vorher Original Score benutzt, er hat ja immer nur Sachen einfach geklaubt, zusammengeklaubt.
Florian Bayer: Und sich so großartig bedient in der Pop-Geschichte, vor allem Funk-Geschichte.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und auch immer, Tarantinos Filme sind auch immer so ein bisschen eine Fundgrube für Musik, die man mal hören sollte, gerade was die 60er, 70er Jahre Musik betrifft.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Ja, es ist einfach, man merkt eben das Nerdtum einfach in jedem Bereich des Films an. Das ist schon cool. Noch eine Sache, die mir einfällt, was Tarantino erzählt hat, wie dieser Film entstanden ist. Er mochte diese alten Serien, wo es so einen Guest-Star gibt, der dann kommt, dessen Geschichte erzählt wird, der eine Backstory bekommt und der dann so groß, ne, so der, und dann alle anderen drumherum sind so Staffage und da helfen ihm irgendwie. Und man weiß nicht, ist das jetzt ein Guter oder ist das ein Böser, der da kommt.
Florian Bayer: Und es geht eigentlich nur darum, dass er zu dem Zielort der Serie eigentlich reist, wo die Serie stattfindet. Genau. Und wir sehen, wie er irgendwo ankommt und mal unterkommt und ein Bier trinkt oder einen Whisky oder einen Kaffee und dann geht's weiter und es ist die ganze Zeit dieses, wer ist das? Ja, genau. Was will der jetzt mit unseren Helden machen? Was will der bei Bonanza auf der Farm?
Johannes Franke: Der geheimnisvolle Fremde. Genau. Und Tarantino dachte sich, ach, ist doch geil, lass uns doch einfach mal acht dieser Typen
Florian Bayer: aufeinandertreffen.
Johannes Franke: Genau, nur geheimnisvolle Fremde. Nur geheimnisvolle Fremde. Ohne Supporting-Zeugs. Und das Konzept geht auf irgendwie, ne? Also, ist schon cool. Ist sehr spannend.
Florian Bayer: Er erhält auch lange die Unsicherheit, wem man vertrauen kann. Ja. Auch wenn sich der von Samuel L. Jackson gespielte Warren schnell als Sympathieträger
Johannes Franke: erpuppt.
Florian Bayer: Ja, ja, ja. Bleibt trotzdem dieses grundsätzliche Misstrauen bestehen, weil natürlich weiß man den ganzen Film über, es besteht natürlich die Gefahr, dass er doch... den anderen hintergehen könnte, um noch das Lösegeld für die Frau zusätzlich einzuheinsen.
Johannes Franke: Es ist, wir haben im Grunde ja, selbst mit dem Sheriff, haben wir es komplett mit Gaunern zu tun, eigentlich. Also, sie haben alle irgendwie Dreck am Stecken und sind alle irgendwie einfach in dieser rauen Gegend zum Überleben. haben die Sachen gemacht, die... Das ist jenseits von Gut und Böse.
Florian Bayer: Der Sheriff ist noch der, der am ehesten... Ich meine, das ist eigentlich einer, der das Gesetz hüten soll und der ist der, der am meisten Dreck am Stecken hat, weil er aus einer Bürgerarmee kommt, die offensichtlich nach dem Bürgerkrieg ordentlich zwischen Süden gezogen ist und dort einfach mal Schwarze umgebracht hat. Und er ist auch ein, er ist ein elender Rassist.
Johannes Franke: Ja, genau. Also es ist, die haben alle irgendwie, man versteht die Paranoia, die jeder Einzelne den anderen gegenüber spürt und fühlt. Und der Film erzählt das ja von Anfang an, die Kutsche kommt an, der Typ versucht irgendwie mit dazuzukommen mit seinen drei Toten, die er dabei hat und geht natürlich erstmal durch eine Tortur von, kann ich dir vertrauen oder nicht, wenn ich dir nicht vertraue, kommst du keine zehn Meter an meine Kutsche ran. Also es ist schon krass. Und dann, was ich sehr, sehr schön finde, was auch nicht von Anfang an im Skript so gefeatured wurde, war dieser Brief von Lincoln. Ein unglaublich, da, weißt du, ich habe lange überlegt, was dieser Film für eine Relevanz hat. Und als dieser Brief später als Humbug deklariert wird und der Schwarze sich rechtfertigt und sagt, ich brauche diesen Brief als Waffe, um, um die Weißen erstmal auf mich, auf meine Seite zu ziehen. Ja. Da kommt die Relevanz des Films langsam raus.
Florian Bayer: Er hat auf jeden Fall eine politische Schlagseite und das ist, äh, Tarantino hat in der Zeit, in der der Film entstanden ist, war eine Zeit, wo Tarantino relativ politisch gedreht hat. Also ich meine, es war Inglourious Bastards, es war Django Unchained und es war Hateful Eight, die man fast so als seine politische Trilogie bezeichnen könnte. Und bei Once Upon a Time in Hollywood ist er wieder ein bisschen davon abgerückt, von diesem Politischen. Aber in diesen drei Filmen hat er wirklich versucht, immer durch historische Settings Gegenwartsbezüge herzustellen. Und meistens zum Thema Rassismus. Thema Rassismus, ja, Rassismus, genau. Das war eigentlich sein großes Thema und wahrscheinlich, ja, ich finde, es ist ihm in Hateful Eight am besten gelungen. Okay. Weil, um einmal kurz auf seine Filme davor zurück zu referieren, weil Inglourious Bastards war eine bloße Rache-Fantasie, eine tolle Rache-Fantasie.
Johannes Franke: Ja, ganz tolle.
Florian Bayer: Aber es war einfach eine Rache-Fantasie, in der einmal die Geschichte umgeschrieben wird und einmal Hitler den Haufen Schrot abkriegt. Ganz großartig.
Johannes Franke: Also, ich finde ihn wirklich sehr, sehr gut gemacht und sehr gut gearbeitet. Also, der Rassismus, die Rassismuskritik und diese ganze Geschichtsaufarbeitung hat er sehr gut gemacht. Ja. Finde ich jetzt nicht schlechter oder schwächer als Hateful Eight.
Florian Bayer: Ich finde, er beschäftigt sich nicht sonderlich viel mit Antisemitismus und Rassismus, sondern sagt einfach, okay, die Nazis haben so viel Scheiße gemacht und ich stelle euch jetzt den Bärenjuden entgegen, von Eli Roth gespielt und der haut euch jetzt einfach mal zu prei. Und das passiert die ganze Zeit in den Glorious Bastards, dass Nazis die Köpfe eingeschlagen kriegen, erschossen werden und wir erfahren fast gar nichts über deren Ideologie oder so. Das ist eigentlich ein Film, in dem die ganze Zeit Nazis niedergemetzelt werden und es ist ein total kathartischer Film. Ja. Und es ist die ganze Zeit happy und sagt so, ja, ja, komm, hau sie zu prei. Aber das ist es halt, es ist halt irgendwie so eine kleine Jugendfantasie, wie können wir es den Nazis heimzahlen und die sind eigentlich viel zu gut weggekommen in der Geschichte und dann machen wir es wenigstens im Film. Ja. Und dann bei Django Unchained, es ist eigentlich auch ähnlich, dass es vor allem so eine Rache-Fantasie ist, indem er Django einfach mal die Rassisten niederschießen lässt. Ja. Und bei Hateful Eight ist der Ton ein bisschen ein anderer. Hm. Weil Hateful Eight ist eigentlich ein total versöhnlicher Film. Das muss ich ganz weit vorweggreifen, um das einmal kurz reinzuwerfen. Okay. Weil am Ende findet natürlich die Versöhnung statt. Ja. Indem sie die Verbrecherin hängen, vertragen sich der rassistische Sheriff und der schwarze Kopfgeldjäger. Und in diesem Hängen, das ist ja fast ein liebevoller Akt, wenn sie zusammen auf dem Bett liegen, ganz dicht aneinander gekuschelt und gemeinsam das Seil hochziehen, an der Daisy hängt.
Johannes Franke: Das ist ein tolles Bild, ganz tolles Bild. Ja, ja.
Florian Bayer: Das ist die Botschaft von Hateful Eight. Versöhnung. Habt euch lieb und hängt sie.
Johannes Franke: Und hängt sie, genau. Ist der Film die einzige Frauenfigur in dem ganzen Film? Ja.
Florian Bayer: Reden wir über Frauenfiguren bei Tarantino.
Johannes Franke: Oh Gott. Ist das hart. Aber Tarantino hat sich anscheinend Gedanken darüber gemacht. Er hat sich das Buch, als es fertig war, nochmal durchgelesen und gefragt, er hat sich selbst gefragt, hab ich mir verdient, dass diese Frau am Ende gehängt wird? Darf ich das? Ist das misogyn? Ist das ein Problem? Mhm. Und daraufhin hat er einen großen Teil des Films nochmal geschrieben aus ihrer Perspektive. Aha. Um diese Figur nochmal besser kennenzulernen. Ja. Um einfach durch ihre Augen zu gucken. Und am Ende hat er sich durchgelesen, was er geschrieben hat, hat gedacht, jo, jetzt kenn ich sie. Jetzt kann ich sie hängen. Also ich weiß nicht, welche Auswirkungen das auf den Rest des Films hatte. Vielleicht hat er wirklich nur geschrieben und geschrieben und hat sich festgestellt, okay, jetzt kenn ich die Frau, jetzt darf ich sie auch hängen. Aber ich weiß nicht, ob das irgendwie bedeutet hat, dass er irgendwelche Änderungen im restlichen Film hatte, sie dazu führen, dass er ein besseres Gefühl dabei hat, sie zu erhängen.
Florian Bayer: Also ich muss ja sagen, ich finde diese Daisy von Anfang bis Ende großartig. Ja, ich auch. Man liebt es, sie zu hassen. Ja. Ja, ja. Und sie ist einfach mal so ein mieses Stück. Ja. Und sie ist, sie, sie, sie, sie ist laut, sie ist ungehobelt, sie ist arschig zu jedem. Und sie ist sehr, aber sie ist komplett angstbefreit dabei, ne? Das ist total krass.
Johannes Franke: Sie ist abhängig von diesen Typen. Weil sie weiß genau, sie kann jeden Moment, kriegt sie eine Kugel zwischen die Augen.
Florian Bayer: Und sie weiß, sie weiß ja auch, dass sie, und nicht mal das, sie weiß auch, sie kriegt die ganze Zeit auf die Fresse. Ja. Und sie, sie, sie antizipiert das und sie weiß, sie weiß doch, wenn sie das jetzt sagt, dass sie wieder eine aufs Maul kriegt und es ist ihr scheißegal. Ja. Und das ist so toll, diese Haltung so, es ist mir scheißegal. Ich bin, ich, ich fahre gerade zum Henker und ich weiß, ich werde wahrscheinlich gerettet. Und, aber auch selbst das spielt keine große Rolle. Es ist, es ist ihr einfach egal. Es ist so, sie ist eigentlich so ein richtig cooler Western Outsider, der auf alles scheißt und der auch keine Angst vorm Tod hat. Ja. Ja, sie ist der Joker. Ja. Ja, manche Menschen wollen die Welt einfach brennen sehen. Ja, genau.
Johannes Franke: Es kommt auch sehr gut raus in ihrem, in ihrer Haltung dann, wenn es ganz am Ende, wenn sie den Deal vorschlägt, wo sie dann sagt, mir ist so wurscht. Ich habe so viele Leute, die, die sich darum kümmern werden, dass ihr zur Hölle fahrt, wenn ich jetzt zur Hölle fahre. Ja. Also.
Florian Bayer: Ich, und natürlich fantastisch gespielt. Also, ich benutze das Wort fantastisch zu oft, aber Jennifer Jason Lee spielt diese Rolle so geil und so abgefuckt. Und es ist, das Tolle ist auch, dass sie immer stärker wird im Laufe des Films, je mehr sie aufs Maul kriegt, je mehr Zähne sie verliert, je mehr blaue Augen sie hat und je mehr ihr Gesicht mit Blut und Dreck beschmiert ist, umso großartiger wird sie.
Johannes Franke: Ah. Also es ist wirklich, es ist wirklich stark. Sie ist so ein Fels in der Brandung in dem Film, wo man, wo man denkt, eigentlich will Tarantino ja die Männer so inszenieren, dass sie wirklich so, so starke und, ähm, bärige und, und, äh, fest, fest, ähm, mit beiden Beinen in der Szenerie stehenden Männer sind, aber sie ist, glaube ich, diejenige, die wirklich am meisten unverrückbar einfach sagt, mir ist alles scheißegal, ich mach einfach meinen Stiefel leer.
Florian Bayer: Was Tolle ist, sie hat halt auch die ganze Zeit Spaß dabei. Sie kriegt auf die Fresse gehauen. Und im nächsten Moment lacht sie, spuckt einmal aus, ein bisschen Blut, ein bisschen Spucke, vielleicht ein Zahn. Ja, und grinst.
Johannes Franke: Und dann grinst sie, genau. Ja, ja, und flirtet fast. Also eigentlich hab ich die ganze Zeit das Gefühl, dass sie mit dem, also zumindest mit Samuel L. Jackson flirtet. Ja. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass sie einfach die Chance wahrnimmt zu sagen, äh, du, ich, äh, guck mal, was hier, was hier noch möglich ist. Aber vielleicht ist das auch nur meine, weiß ich nicht.
Florian Bayer: Hab ich gar nicht so gelesen, weil sie ist ja natürlich auch eine total abgefuckte Rassistin, wie so 70 Prozent des anderen Castes auch. Also es sind alle Rassisten. Vielleicht flirtet sie einfach auch nur mit dem Tod. Ja, das, das, das trifft sie eher. Sie flirtet mit dem Tod. Also sie hat eigentlich, also ich hab's so gesehen, dass sie von Anfang an nur spöttische Verachtung für, für, für Warren hat. Und dass sie es auch total ätzend findet, dass der mit in der Kutsche sitzt. Natürlich auch wegen ihres Befreiungsplans, weil das mit dem Plan in die Quere kommt.
Johannes Franke: Aber hat sie den eigentlich, das weiß ich immer nicht, ähm, hat sie den, wusste sie von dem Plan? Von dem Verfahrungsplan? Ich glaube nicht. Ich denke doch. Sie ist zu überrascht, wenn er die, der, der Bruder dann den Kopf aus den Dielen steckt und sagt, hallo, ich bin's.
Florian Bayer: Und dann die Birne weggeschossen kriegt.
Johannes Franke: Ja. Ja. Ja. Das ist vielleicht nicht so relevant. Männer, äh, also Frauenrollen in Quentin Tarantinos Filmen, naja, schwieriges Thema. Frauen und Quentin Tarantinos.
Florian Bayer: Tarantino ist einfach so krass geprägt von dem Exploitation-Kino der 60er Jahre und da waren Frauen einfach Eye-Candy und Opfer, die manchmal cool waren, aber halt, wenn sie cool waren und wenn sie Kämpferinnen waren, dann halt auch nur als Eye-Candy. Ja. Und ich meine, es gibt einen Film mit vielen starken Frauenrollen, das ist Kill Bill. Mhm, genau. Und da sind aber die Kämpferinnen auch alle irgendwie hübsch und sexy. Ja. Mit einer Ausnahme, die von Daryl Hannah gespielte, ich weiß nicht mehr, wie sie heißt, ist es die mit der Schlange? Ich weiß es nicht. Wird nicht genug im Kopf. Aber auch selbst die, ja, er ist einfach, er ist einfach so ein Exploitation-Regisseur und er hat seine Inspiration bei einem Kino, das in sich selbst sehr sexistisch ist und einfach mal Kino für kleine Jungs ist.
Johannes Franke: Aber er könnte es theoretisch, weil, also durch Kill Bill wissen wir, dass er es könnte. Dieses, also Exploitation nicht über Männer erzählt, sondern über Frauen erzählen. Und natürlich ist Daisy irgendwie wirklich auch ein cooler Charakter, also da gefällt sich Tarantino natürlich auch drin, dass er es da irgendwie schafft.
Florian Bayer: Das starke an der Daisy ist, dass man sich die Rolle im klassischen Western eher als Mann vorstellen würde. Ja. Der abgefuckt aussieht, der dreckig ist, der hässlich ist, der keine Zähne mehr hat und der aufs Maul kriegt, das ist eigentlich, zumindest wenn du so den Western der 60er, 70er Jahre anschaust, ist das eher eine Männerrolle. Ja. Und das ist ganz cool. Deswegen wirkt es auch nicht, du hast nicht das Gefühl, dass der Film irgendwie Gewalt gegen Frauen propagiert, weil es einfach, weil ihre Rolle so eigentlich, eigentlich dieses,
Johannes Franke: die Frauenrolle untergräbt im klassischen Western. Ja, ist ein bisschen, also ich würde jetzt sagen, die Rolle, der Rolle ist es egal, welches Geschlecht sie hat, darum geht es nicht. Ja. Ja. Wollen wir kurz zur Struktur kommen? Ähm, ja, lass uns gerne die Struktur, du schlägst es vor, sag mal.
Florian Bayer: Also du hast ja gesagt, du willst vorgehen, Kapitel für Kapitel. Und da haben wir das erste Ding, der Film ist knallhart in Kapitel gegliedert, die aber nicht unbedingt eine Stringenz haben. Wir haben, wir haben die ersten zwei Kapitel, was von den Kapiteln quasi ein Drittel des Films ausmacht, es gibt insgesamt sechs Kapitel, und die ersten beiden Kapitel sind die, die in der Natur spielen. Und die nehmen aber insgesamt nur 30 Minuten des Films ein.
Johannes Franke: Ja, naja, der Rest soll ja auch drin stattfinden, ja.
Florian Bayer: Und dann haben wir ein unfassbar langes Kapitel, wenn sie alle zusammen auf einem Haufen sitzen und sich gegenseitig misstrauen.
Johannes Franke: Währenddessen du schon vergisst, dass es überhaupt Kapitel gibt.
Florian Bayer: Und dann, wenn das Kapitel das nächste kommt, denkst du, ach, oh, oh, da war ja was. Eine Stunde lang sitzen sie dann in dieser Bar und quatschen einfach, und es kommt natürlich, passiert auch ein bisschen was dabei, es gibt Interaktionen, darauf können wir gleich zu sprechen kommen. Aber das ist das längste Kapitel. Und dann kommt das vierte Kapitel nach diesem, nach diesem Zentralen, und da kommt plötzlich eine Erzählerstimme. Und man fragt sich, woher kommt die denn? Ich hab auch aufgeschrieben, was, Erzähler? Was soll der?
Johannes Franke: Was, warum? Und die kommt dann später nochmal vor, aber vorher nicht. Und du denkst dir, hä?
Florian Bayer: Ja, in zwei Kapiteln darf der Erzähler was sagen. Das ist das vierte Kapitel, das 25 Minuten geht. Das ist das Kapitel, Damagur hat ein Geheimnis. Und dann kommt das fünfte Kapitel, das ist das Rückblick-Kapitel. Das überlege ich gerade. Und das dauert auch nur 20 Minuten, und dann ist Schluss.
Johannes Franke: Wenn Tarantino sich verdient hat, verdienen will, dass sie stirbt am Ende, dass sie gehängt wird.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Dann muss er bei dem Kapitel Damagurs Geheimnis die Perspektive wechseln. Mhm. Macht er aber nur für ein paar Sekunden. Macht er nur für ein paar Sekunden, aber der Erzähler hilft. Ja. Aber ich find trotzdem, dass das ein seltsames Ding ist.
Florian Bayer: Es ist, es ist, ich seh's auch so ein bisschen als Spielerei, weil er einfach, diese fehlende Stringenz in der Erzählhaltung, die findet man halt auch oft im Exploitation-Kino. Und ich glaub, da ist es manchmal fehlender Wille. Manchmal das Gefühl, dass das ist einfach Budgetgründe. Es wurden ein paar Tage gedreht, das Material wird zusammengeschnitten, der Regisseur sitzt da und denkt sich, oh fuck, das versteht kein Mensch. Da fehlt komplett, da fehlen einfach fünf Minuten, die ich hätte drehen müssen. Mhm. Auf Stimme. Du erzählst jetzt, was passiert. Du erzählst jetzt, was für ein Gefühl die Charakter haben. Da hat Tarantino natürlich nicht nötig. Der hat mehr als genug Budget und mehr als genug Talent, um das von vornherein zu wissen, was er braucht. Und deswegen denke ich, es ist einfach eine Spielerei und eine Reminiszenz an diese Filme. Ja. So wie wenn in einem Death Proof der Film reißt und da steht dann fünf Minuten fehlendes Material.
Johannes Franke: Ja. Da kann ich aber diese Reminiszenz verstehen und bei dem Erzähler fällt's mir ein bisschen schwer, muss ich sagen. Es wirkt merkwürdig. Finde ich auch.
Florian Bayer: Aber worauf ich eigentlich hinaus will, wir haben sechs Kapitel, wovon ein Kapitel eine Stunde dauert und zwei Kapitel in der Bar spielen und nichts Großes passiert, sondern nur das Misstrauen da ist und diese zwei Kapitel sind 85 Minuten. Das ist fast, das ist mehr als die Hälfte des Films. Es ist, es ist, es ist wirklich, es ist merkwürdig strukturiert dafür, dass er Kapitel aufbaut und sagt, ich erzähle das jetzt in Kapiteln, hat diese, geben diese Kapitel überhaupt keine klare Struktur und stringent, sondern es ist einfach nur, da kann man noch ein Kapitel reinwerfen und da und es ist klar, es sind ganz klar abgeschlossene Sequenzen. Aber es fehlt so ein bisschen der Groove von der Erzählung und ich meine jetzt nicht so ganz traditionell Einheiten von Orthandlung und bla und große Dramentheorie, sondern einfach man hat das Gefühl, diese Kapitel, es gibt eigentlich keinen Groove in diesen Kapiteln und man hätte auch auf sie verzichten können, weil dadurch, dass sie da sind, fällt das total auf, dass es so ein Ungleichgewicht gibt, dass dieser Moment in der Bar, wo sie nur reden, so viel Platz einnimmt.
Johannes Franke: Aber mag Tarantino das nicht so, also Tarantino macht das öfter, oder? Ich hab so im Hinterkopf, dass Tarantino Kapiteleinteilungen oder so Überschriften, Zwischentitel, dass er das wahnsinnig mag und öfter macht. Und ich kann mir, also ich find auch, dass Kapitel tatsächlich ein sehr, sehr gutes Gefühl machen für so einen Film. Man hat das Gefühl, man bewegt sich innerhalb einer, weiß nicht, ein Kapitel macht ja das Gefühl von einer abgeschlossenen Einheit oder von einem Thema oder von einer, weiß ich nicht, von einem, du kannst dich daran festhalten, ist wie ein roter Faden im Grunde, da kannst du dich auch festhalten.
Florian Bayer: Es hilft auf jeden Fall, einen Film zu besprechen. Dadurch weiß man genau, was an Punkt A passiert und was an Punkt B passiert. Er macht es, er macht es oft, er hat auch oft diese Struktur, dass es so einzelne lose Episoden gibt, die sehr kurz sind und dann gibt es plötzlich so diesen riesigen Block, diesen Monolithen in der Mitte, der irgendwie verwirrend wirkt, weil man sich gerade an diese schnelle, lose Struktur gewöhnt hat und dann plötzlich hat man so einen großen Erzählblock, der so zentral ist. Das ist auch nicht das erste Mal, dass er das macht, aber es fällt halt besonders stark auf, wenn es benannt wird. Und es fällt noch stärker auf, wenn dann nach diesem großen Block plötzlich eine Erzählerstimme kommt, die sagt, so und jetzt gucken wir nochmal zurück, was da überhaupt passiert ist.
Johannes Franke: Es ist natürlich auch, er geht ja da ganz klassisch vor im Grunde, die kommen in diese Hütte rein und dann wird jeder einmal beleuchtet. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, also der Typ, die Namen kann ich immer nicht. Kurt Russell? Kurt Russell kommt und geht zu jedem hin und fragt, du, ich möchte gerne wissen, mit wem ich es jetzt zu tun habe. Ich will nicht mit Leuten zusammen in einer Hütte schlafen, von denen ich nicht weiß, ob sie mich nicht hinterrücks umbringen. Ja. Was eigentlich ein billiger Trick ist, aber naja, okay, gut, mach mal.
Florian Bayer: Es hilft uns total, die Charaktere kennenzulernen, die sich dann später alle als Witz entpuppen. Wir lernen hier Charaktere kennen, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Ja. Und zwar konsequent. Jeder in dieser Bar, es spielt eine Rolle.
Johannes Franke: Ja, ja. Und das ist natürlich schön, weil du natürlich mit jeder Figur, du weißt von Anfang an, du kannst keiner Figur trauen. Die erzählen dir irgendwas, was ihre Backstory wäre oder nicht ist. Das krasseste, die krasseste Backstory, von der wir überhaupt nicht wissen, ob sie am Ende stimmt oder nicht, ist das, wo Samuel L. Jackson dem Alten erzählt, er hätte seinen Sohn umgebracht.
Florian Bayer: Ja, und wie er ihn umgebracht hat. Und wie er, oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott.
Johannes Franke: Das kann ich gar nicht wiederholen.
Florian Bayer: Und es ist ein toller Moment, weil das ist natürlich auch wieder so ein bisschen eine Rache-Fantasie, ne? Wir haben hier den schwarzen Kopfgeldjäger, der sich durchschlagen muss, die ganze Zeit mit Rassismus konfrontiert ist, auf den Kopfgeld ausgesetzt war, weil er ehemaligen Sklaven geholfen hat in den Südstaaten. Die haben ihn alle gejagt.
Johannes Franke: Der hat aber auch wirklich viele Menschen umgebracht, auch eigene Reihen, also durch einen einfachen Brand gesetzt, ne?
Florian Bayer: Ja, genau, zumindest wird das erzählt, ja, aber es ist auch irgendwie confirmed. Es ist jetzt nicht so, dass er sagt, nee, das ist eine Lüge von einem Rassisten. Weil der Geschichte müssen wir natürlich auch mit Misstrauen begegnen, weil sie wird ja von, Samuel L. Jackson, das Charakter Warren hat sich aus einem Gefängnis befreit, in dem er das angezündet hat. Er ist darauf ganz stolz, dass dabei so viele Südstaatler umgebracht sind, dass dabei so viele Südstaatler gestorben sind. Und der Sheriff Mannix, der Rassist, sagt dann, Moment, wie viele von deinen eigenen Leuten waren in dem Gefängnis? Und das waren offensichtlich viel mehr als Südstaatler. Eine Geschichte, der wir ja auch mit Misstrauen begegnen müssen. Aber auf jeden Fall haben viele Kopfgeldjäger aus dem Süden, sind scharf auf Warren gewesen. Ja. Weil ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war. Und einer davon war der Sohn des General. Das General, der in der Bar sitzt. Genau. General Sandy Smithers. Und General Smithers weiß nur, dass sein Sohn gestorben ist im Norden. Und Samuel L. Jackson, also Warren, erzählt ihm dann, wie sein Sohn gestorben ist. Und zwar offensichtlich, indem er ihn gejagt hat.
Johannes Franke: Ihn hat sich entkleiden lassen und ihn dann ewig, ewig durch den Schnee hat laufen lassen. Nackt, ohne irgendwelche ...
Florian Bayer: Bis er so scharf auf einer Decke war, die ihn wärmt, dass er Warren einen Blowjob gegeben hat, bevor er stirbt. Und das ist natürlich so in diesem Western-Setting, in diesem maskulinistischen Western-Setting die ultimative Demütigung. Und er erzählt das prühwarm dem Vater, dem rassistischen ehemaligen General, weil er ihn provozieren will, dass er seine Waffe zieht, damit er ihn töten kann.
Johannes Franke: Und das hat Tarantino echt drauf. Diese Spannung, die sich da aufbaut. Wie der Alte immer mehr in diesen Horror dieser Geschichte eingeht und völlig fertig ist mit den Nerven. Und ihm vorher aber eine Waffe hingelegt wurde von eben jenem Warren, der darauf spekuliert, dass er, weil er könnte den Alten nicht einfach so erschießen, weil das wäre ja Mord, also muss der Alte anfangen, damit er sich wehren kann, um ihn umzubringen. Er spekuliert halt darauf, diese Geschichte zu erzählen und den Alten so anzugreifen emotional, dass der dann einfach die Waffe zieht und ihn erschießen will.
Florian Bayer: Also ein ganz klares Setup. Er will ihn erschießen können, er muss ihn so lange provozieren, bis er zuerst zieht und schießt. Und das nimmt auch tatsächlich sehr viel Raum dann in diesem mittleren Kapitel ein.
Johannes Franke: Das ist so lang erzählt, das ist unglaublich und das ist so, oh, das zerrt wirklich an Nerven, muss ich sagen. Das ist die Geschichte, da habe ich nicht gerne gehört. Das ist wirklich hart.
Florian Bayer: Ah, tatsächlich, ich weiß nicht, sie hat nicht an meinen Nerven gezerrt. Ich überlege gerade, ob ich irgendwie emotional auf diese Geschichte reagiert habe. Nee, eher mit Spannung, wie es weitergeht, was passiert. Sie hat mich jetzt emotional nicht so bewegt. Vielleicht auch, weil die Figuren, die in der Geschichte vorkommen und die Figuren, die sich in der Bar bewegen, so archetypisch sind. Es ist jetzt nicht so, dass ich hier das Gefühl hatte, krass mit echten Menschen zu tun zu haben.
Johannes Franke: Ja, ich bin mit dem Alten schon mitgegangen. Also egal, was ich von ihm halte, menschlich, wünsche ich keinem Vater eine Geschichte dieses Ausmaßes von seinem eigenen Sohn zu hören. Über seinen eigenen Sohn.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Das ist schon echt hart. Ich war halt auch so, ich glaube, die war mir auch zu bizarr, diese Geschichte. Ich habe auch lange gebraucht, da reinzukommen und ich denke die ganze Zeit, ja komm, das stimmt ja alles nicht, ist doch Blödsinn. Aber dann durch die Länge, durch die Massivität und durch die Art und Weise, wie Sam das erzählt, also Samuel Jackson, mit welcher Wucht, da kommst du irgendwann nicht mehr drum rum und kommst in diese Geschichte rein. Irgendwie war ich dann so fertig mit den Nerven irgendwann. Ach krass. Weil das so lange durchzieht und so ausführlich erzählt und dann hören wir, dann sehen wir auch noch die Vorstellung davon, wie das gewesen sein muss.
Florian Bayer: Oh, shame on me. Ich glaube, ich fand die Geschichte tatsächlich einfach unterhalten, aus einer bizarreren Art und Weise. Die habe ich emotional überhaupt nicht angegriffen.
Johannes Franke: Okay, verstehe. Naja, ich war da, war da ein bisschen, habe da einen anderen Zugang gehabt anscheinend als du. Ja. Und dann wird der Alte einfach erschossen, weil er natürlich dann doch zieht. Ja, natürlich. Und der Plan geht voll auf von Warren und dann ist der Alte halt tot, was schon irgendwo zwischen Tragik und Erlösung oszilliert.
Florian Bayer: Und dann kommen wir zu der größten Trollerei des ganzen Films, nämlich zu dem Kapitel Dommaguer hat ein Geheimnis, wo erzählt wird während dieses Momentes, während dieser Anspannung, wo auch alle abgelenkt sind, weil alle haben die Augen auf Warren und in general, weil alle drauf warten, was wird als nächstes passieren. Die meisten rechnen wahrscheinlich damit, dass gleich geschossen wird. Währenddessen vergiftet irgendjemand den Kaffee und die Einzige, die ich sieht, ist Damagoe. Und der von Kurt Russell gespielte Roof, Roof, Roof, Roof, der Henker, der trinkt den Kaffee, ebenso wie der Kutscher und die krepieren dann auf der Stelle.
Johannes Franke: Und typisch für Tarantino, sehr blutig. Sehr blutig. Die Spuckenblut. Und viel mehr, als ich mir vorstellen könnte, dass sie überhaupt dort haben können.
Florian Bayer: Komplett comichaft überzeichnen. Aber die eigentliche Trollerei des Films besteht dann darin, dass man ganz kurz für einen Momentes Gefühl hat, dieses Ding könnte jetzt zu einem richtig klassischen Murder-Mystery-Film werden. Agatha Christie. Agatha Christie. Wir haben sogar einen fucking Briten da sitzen. Ja, ja. Und ich hab, als ich das das erste Mal gesehen habe, ich weiß noch, ich dachte so, oh, bitte lass diesen Oswaldo jetzt einmal komplett das Sherlock Holmes-Programm abziehen. Es ist so geil, Murder-Mystery, wer ist es gewesen?
Johannes Franke: Geil, ja, ja.
Florian Bayer: Und Warren sagt, stellt euch an die Wand, dir, Sheriff, vertraue ich jetzt, weil du hättest auch fast den Kaffee getrunken. Also er vertraut dem Rassisten-Sheriff und hat dann diese Leute an der Wand stehen und sagt, so, und jetzt finden wir heraus, wer der Mörder ist. Und wirklich, es ist dieses Sherlock-Holmes-Setup. Ja. Und klassisch. Klassisch in diesem Sherlock-Holmes-Setup ist, ja. Du erzählst diese Geschichte, aber die ist falsch. Ich glaube, ich habe dich enttarnt. Aber in diesem Fall zerstört der Film innerhalb von einer Minute dieses komplette Murder-Mystery-Setup, in dem Samuel L. Jackson sagt, und du bist schuldig und dann einfach mal den, den er als Schuldigen identifiziert hat, eiskalt abknallt.
Johannes Franke: Also es gibt kein, du warst es, aber lass uns doch nochmal die anderen Geschichten nachhören. Nein, du warst es, und das war's.
Florian Bayer: Es ist so großartig, weil man wirklich, weil die Erwartungen des Zuschauers einmal total über den Haufen geworfen werden, äh, zweimal über den Haufen geworfen werden. Es ist wirklich, ich kann mich noch so gut daran erinnern, als ich im Kino war und da dachte, geil, es wird zum Murder-Mystery, wie toll ist das denn? Das passt überhaupt nicht in dieses Western-Setup. Und dann nach fünf Minuten, fuck, das wird doch kein Murder-Mystery, jetzt wird einfach nur noch geballert. Und das macht der Film so toll, und es ist einfach, es ist eine Rollerei von Tarantino. Ja, ja, ja, ja, und es ist wirklich sehr schön. Vor allem, weil Oswaldo, der ja eigentlich, der sich dann auch als einer von den Verrätern entpuppt, der helfen soll, um da mal gut zu befreien, weil der alle Ingredienzien hat für so einen klassischen Ermittler, auch wie er redet und mit diesem höflichen,
Johannes Franke: so ein Hercule Poirot, weißt du, so ein, so ein, so ein, so ein Hercule Poirot,
Florian Bayer: Poirot, genau, und, und auch so mit schönem britischen Akzent und er wirkt auch so analytisch und, und, aber er ist auch nur einer von den Verrätern, er spielt dann dabei auch gar keine große Rolle, ja, und, und, äh, Warren ist der, was ich sehr schade finde übrigens. Ja, finde ich auch.
Johannes Franke: Ich hätte von Tim Roth noch viel, ich hätte viel mehr von ihm noch an, an Twist und so gerne gesehen, weil er es ja toll ist.
Florian Bayer: Meine Lieblingsfigur in dem Film, was, was, was, was, was Verhalten betrifft. Total. Was, was, ähm, er spielt das ganz toll. Kostüm betrifft und genau, gespielt, super gespielt. Ja. Einfach wirklich, wirklich schön. Toll, dieser, dieser Fremdkörper auch, diesen, diesen wirklich höflichen Briten. In diesem, in diesem räudigen amerikanischen Western-Setup, wo man kaum ein Wort versteht, weil, oh, Cowboy ist Raiden. Und dann plötzlich kommt dieses distinguierte, ja, ist so schön. Und er ist der Henker übrigens, also seine Geschichte ist, dass er der Henker ist. Das, dass wir nicht, das, das setzt nochmal eine Nummer drauf. Also, dieser Oswaldo, gespielt von Tim Roth, behauptet, er wäre unterwegs nach Red Rock, weil er der Henker wäre. Und natürlich ist das seine Kundschaft jetzt, die, äh, Roof da hat. Mhm. Das ist eine Lügengeschichte. Tim Roths Charakter, Oswaldo, ist auch einer von denen, die sie befreien sollen. Ja. Aber die wenige Zeit, die dieser Charakter kriegt, er ist so toll. Ja, ist wirklich toll. Das macht so viel Spaß, ihm zuzuhören und zuzugucken.
Johannes Franke: Ich hätte gerne mehr von ihm gesehen. Wirklich toller Typ. Aber Tarantino ist einfach nicht der Typ für Murder Mystery Puzzle. Nee.
Florian Bayer: Es hätte eins werden können, aber da...
Johannes Franke: Aber weißt du, er hat auch so angesetzt, ich, mir fällt gerade ein, dass die ja noch lange darüber gesprochen haben, ähm, sie macht einen Stew. Also es gibt immer diese Suppe, ähm, und die kann nur sie so machen. Und er redet darüber sehr lange, wie, wie, wie Suppe immer von der gleichen Person immer genau gleich schmeckt, obwohl vielleicht sogar die, das Fleisch ein anderes ist, aber irgendwie schmeckt es immer nach dieser Person, die diesen Stew macht. Und der Stew, den die jetzt haben, der schmeckt eben nach Mini. Ja. Also kann Mini nicht schon seit einiger Zeit bei ihrer Tante irgendwo im Norden sein? Deine Geschichte macht keinen Sinn. Ich knall dich ab. Es ist unglaublich. Also ich finde, dass er das sehr schön ansetzt und man schon den Sherlock Holmes sieht, wie er die ganze Zeit darüber redet, wie es gewesen sein könnte.
Florian Bayer: Und es ist so schön, weil es so deplatziert wird. Es ist einfach nicht das, womit man rechnet in dem Film. Und dann kommt er ja auch ganz schnell wieder zurück zum Shootout. Aber es ist so toll, diese fünf Minuten mit dem Publikum gespielt. Und Tarantino verarscht uns in diesem Moment total. Aber er macht das so geschickt.
Johannes Franke: Macht das gut, ja.
Florian Bayer: Und es ist so toll, dieses Poirot oder Miss Marples Setting mal zu sehen, in dem nicht weiter geredet wird, in dem nicht so ein Vexierspiel aufgedeckt wird, sondern in dem einfach der Erste als schuldig Erkannte abgeballert wird. Das ist super. Ich war total begeistert damals. Und jetzt beim zweiten Gucken, ich glaube, es war das zweite Mal, dass ich den Film gesehen habe. Ah ja. Ich war wieder begeistert davon.
Johannes Franke: Schön. Ich habe eine kleine Geschichte. Wir müssen ein Stück zurückgehen. Sie spielt Gitarre.
Florian Bayer: Ja, du bist die Gitarre zerstört.
Johannes Franke: Oh, Flo, du hast das auch gelesen. Es ist unglaublich. Sie haben für diese Szene eine historische Gitarre aus dem Jahr 1870 oder sowas. 1870, Martin, Gitarre. Oh, und haben sie sie ausgeliehen für die Szene und die haben eine Dublette da gehabt, damit die Dublette dann zerstört werden kann, weil sie im Film einfach von dem Typen genommen wird und gegen die Balken geschleudert.
Florian Bayer: Dem Museum, das die Gitarre geliehen hat, wurde nicht gesagt, dass eine Gitarre zerstört werden soll.
Johannes Franke: Ja, und natürlich wollten sie die Dublette nehmen, aber das war irgendwie nicht richtig kommuniziert, sodass der Schauspieler plötzlich das Original in der Hand hatte und gegen die den Balken schlug und völlig zerstörte. Und Daisy, beziehungsweise Jennifer Jason Leigh in dem Fall reagiert darauf, sehr glaubwürdig
Florian Bayer: und geht wirklich ab. Oh mein Gott, ich wäre auch völlig ausgerastet. Ja. Und seitdem verleiht dieses Museum nichts mehr an Filmen.
Johannes Franke: Ist das hart?
Florian Bayer: Ja. Oh Gott. Sie haben ein Stück Kulturgeschichte kaputt gehauen. Es tut so weh. Aber Kurt Russell wusste es nicht, oder? Nein, er wusste es ja eben nicht. Er wusste nicht, dass das die historische Gitarre ist. Er hat halt einfach, es war klar, er muss in dieser Zin die Gitarre zerstören. Und das war das Prop.
Johannes Franke: Hart. Nun gut. Okay, kommen wir da kurz drüber hinweg. und beerdigen im Kopf die Gitarre. Ja, und dann bringt er den ersten um, den er verdächtigt hat. Sagt aber auch schon, ja, und einer von euch beiden steckt mit drin.
Florian Bayer: Genau.
Johannes Franke: Bob kann es nicht gewesen sein. Bob kann es nicht gewesen sein.
Florian Bayer: Übrigens die blasseste Figur eigentlich im Film, dieser Bob, der Mexikaner, der enttarnt wird zum einen, also er behauptet, er würde für Mini arbeiten und würde auf den Laden aufpassen, solange sie weg ist. Aber sie machte keine Mexikaner. Genau, er wird dann enttarnt, weil er zum einen sagt, sie wäre schon eine Woche weg, aber der Eintopf schmeckt eben wie von ihr gemacht, das kann also nicht sein. Und zum Zweiten hatte sie Mexikaner gehasst.
Johannes Franke: Ja. Er hat immer ein Schild gehabt, keine Hunde, keine Mexikaner. Und irgendwann hat sie das Schild abgenommen, weil sie doch Hunde reingelassen hat. Finde ich gut hergeleitet.
Florian Bayer: Und deswegen, also das enttarnt quasi, enttarnt Warren, Samuel L. Jackson und er schließt ihn dann. Ja. Und dann sagt ja, einer von euch beiden ist auch noch drin verwickelt, aber der Mystery ist vorbei.
Johannes Franke: Ja, jetzt geht's um ein Shootout. Genau, der eine sitzt da an einem Tisch, ist auch verdächtig, hat da eine Waffe platziert unterm Tisch und greift sie dann und dann in Zeitlupe, natürlich wäre er reagiert als erstes und dann wird er erschossen, bevor er zum Schießen kommt. Und dann wird überall geschossen und am Ende bleibt im Grunde nur Damagu, der Schwarze und der Sheriff übrig, oder? Von unten unter den Dielen schießt noch der Bruder. Genau, aber dann haben wir den Rückblick noch dazwischen, ne? Und dann kommt noch der Rückblick, genau, in dem erzählt wird, wie die da überhaupt auf dieses ganze Setup gekommen sind. Ja, die vier Passagiere. Die vier Passagiere, genau.
Florian Bayer: Die zu der Gang gehören, die Damagu's Bruder anführt und die natürlich den Plan haben, Daisy zu befreien und die deswegen alles präpariert haben. Die sind in die Bar eingefallen, haben Minnie umgebracht und ihre Bediensteten.
Johannes Franke: Das ist so eine traurige Szene, wirklich nicht schön.
Florian Bayer: Nee, vor allem, weil das sind eigentlich die einzigen sympathischen Charaktere in diesem Film.
Johannes Franke: Total, ich liebe die sofort von der ersten Minute an. Die Minnie ist so eine tolle, liebevolle Dame. Weißt du, das ist cool. Ja, ihr Mann ist total cool, auch wenn er nur da sitzt und Schach spielt.
Florian Bayer: Ja, genau. Ja, die werden abgeknallt in dem Rückblick. Der Erzähler zum zweiten Mal erzählt dann, wie sie alles präparieren. Sie machen wirklich ein riesiges Primborium, was eigentlich auch so absurd ist. Sie rechnen damit, dass da ein Sheriff kommt mit der Frau, die sie, nee, nicht ein Sheriff, ein Kopfgeldjäger mit der Frau, die sie befreien wollen. Und dann machen sie ein riesiges Setup. Sie machen eigentlich Dinner-Fielder. Sie erschießen die ganzen Leute in der Bar bis auf den General, den sie davon überzeugen mitzumachen, weil sie finden, er passt ganz gut in das Setting. Was auch stimmt, ein alter Mann, der im Stuhl sitzt vorm Schachbrett und sich am Feuer wärmt. Und dann bauen sie das alles auf und es ist ja Dinner-Fielder, das ist es eigentlich. Und jeder kriegt so seine Rolle und sie präparieren alles. Der Bruder von Daisy versteckt sich unterm Boden, unter den Dielen. Und dann warten sie, bis Roof kommt. Sie rechnen ja eigentlich damit, dass nur Roof kommt, mit Daisy zusammen. Ja. Und deswegen ist es so, dieses Präparieren, das ist so absurd eigentlich. Warum warten sie nicht einfach vorm Haus, Roof steigt aus und sie... Und sie erschießen ihn. Sie geben ihm eine Kugel in den Kopf. Es ist nicht so schwer, wenn er da ankommt, einen Moment zu finden. Warum müssen sie so ein... Und sie reden noch drüber. Sie sagen noch, denkt dran, dieser Mistkerne kann jederzeit meine Schwester töten. Es kann sein, dass wir Tage brauchen, irgendwann wieder schlafen müssen. Und dann können wir ihn schnappen.
Johannes Franke: Es ist so over the top, diese Überlegung, dieser Plan. Obwohl ich damit ein bisschen mitgehen kann, obwohl ich mich auch gefragt habe, genau das, was du gesagt hast, warum der ganze Aufwand. Aber ich kann durch diesen Aufwand, kann ich annehmen, dass einfach alle so wahnsinnig, das habe ich auch gesehen in den Filmen, über Misstrauisch allen gegenüber sind, dass es einfach schwer ist, wenn man nicht wirklich ein gutes Setup hat, jemanden zu überrumpeln.
Florian Bayer: Ja, vielleicht. Aber das Merkwürdige ist ja tatsächlich, sie rechnen nur mit einem. Und das ist so ein bisschen enttäuschend auch, dass die Auflösung der Geschichte ist, alle, die in der Bar waren, sind Arschlöcher, alle, die in der Bar waren, sind Verräter. Es braucht gar keinen Mystery-Plot, weil sowieso alle böse sind, die in der Bar sind. Und die, die ankommen, sind halt die Guten. Ja, obwohl sie auch nicht als die Guten erzählt werden. Nee, aber sie sind die Helden. Sie sind die, bei denen man dann am Schluss mitfiebert, dass sie es schaffen, sie zu hängen. Ja, genau. Ja, und dann ist der Shootout, also der Bruder kommt aus dem Boden raus und hat erstmal den Kopf abgeballert. Diese kurzen Momente, die so zu tot führen, einfach nur das genauso albern wie dieses Mystery-Ding. Ja. So, wer warst? Du warst es. Peng. Du bist tot. Ja. Und dann auch wieder der Bruder kommt aus dem Boden raus. Hey Daisy, schön dich zu sehen. Peng. Tot. Und zwar nicht einfach nur tot, sondern sein Kopf explodiert in einem riesigen Schwall.
Johannes Franke: Ja. Ich frage mich dann immer, wie Tarantino da so, hat da jemanden, mit dem er dann irgendwie seit Jahren das macht und hat da, wann haben wir das angefangen? Hat er sich dann mit ihm zusammen getroffen in seiner Werkstatt und hat gesagt, so, jetzt explodieren wir in fünf Varianten mal einen Kopf. Was gefällt dir denn am besten? Oh, da ist es besonders schön, weil da fliegt das Blut besonders weit und da können wir besonders viel Blut benutzen. Hä? Was? So lange explodieren bei Tarantino noch gar nicht die Köpfe, ne?
Florian Bayer: Achso, ich habe nicht Buch geführt, was die Explosionen der Köpfe betrifft. Ja, wir müssen mal ganz kurz auf die Tarantino-Filmografie gucken. Razzle World Dogs, Blut, viel Blut, aber keine, keine, ah, gut, es gibt diese Szene. Ne, das sieht man nicht viel. Ne, viel Blut, aber keine, keine großen Splatter-Effekte. Pulp Fiction, keine großen Splatter-Effekte, doch, da wird ein Penis abgeschossen.
Johannes Franke: Ja, okay. Pulp Fiction ist schon ein bisschen meh.
Florian Bayer: Jackie Brown, nicht viel gesplattert. Bei Kill Bill hat er angefangen. Bei Kill Bill hat er...
Johannes Franke: Aber das Splattert ist echt übel.
Florian Bayer: Ja. Da hat er Spaß dran gefunden, so ein bisschen mehr Körperteile abzuhauen.
Johannes Franke: Hm.
Florian Bayer: Und Kill Bill war, ja, da hat er wahrscheinlich auch mal ein bisschen mehr BG als bei seinen anderen Filmen, zumindest wirkt das so. Hm. Interessant. Death Proof auch. Tarantino, Tarantino vergießt literweise Blut. Ja. Aber Tarantino ist eigentlich nicht so ein Splatterer. Köpfe explodieren?
Johannes Franke: Tja, keine Ahnung. Für mich macht es keinen großen Unterschied, muss ich sagen. Ob jetzt ein Kopf explodiert oder ob einfach durch eine Wunde literweise Blut spritzt. Also ich weiß nicht.
Florian Bayer: Ja, ich finde, beim guten Splatterfilm muss es auch harte und weiche Teile geben, neben den flüssigen Teilen. Das ist einfach so eine Genre-Sache, ne? Ein wirklicher Splatterfilm braucht die Organe. Und braucht die Gehirnfetzen.
Johannes Franke: Und die Knochensplitter.
Florian Bayer: Oh mein Gott. Nur Blut vergießen reicht nicht.
Johannes Franke: Jetzt könnten wir auch eine Top-3-Gor-Filme machen, aber da bin ich nicht für zu haben. Aber vielleicht hätten wir eine andere Top-3. Wie wär's? Wir haben eine andere Top-3. Uh, Top-3. Oh mein Gott.
Florian Bayer: Heute haben wir das total vermasselt, auf die Top-3-Gor-Gar-Nicht hinzuweisen. Deswegen hauen wir sie einfach mitten rein. Oh, du hast gesagt, Hateful Eight ist ein Kammerspiel, Johannes.
Johannes Franke: Ja, das ist ein Kammerspiel. Was gibt's denn da noch in der Geschichte? Kammerspiel? Kammerspiel? Oh, eine Top-3. Unsere Liste. Top-3-Kammerspiele. Ja. Yes. Ich hab angefangen bei dem anderen. Du musst jetzt anfangen mit deinem dritten Kammerspiel, also der Platz-3.
Florian Bayer: Platz-3 ist Klassiker. Ja, ich geh fast davon aus, dass du den auch in der Liste hast. Die zwölf Geschworenen, zwölf Angry Men, 1957. Ich hab ihn nicht in der Liste, aber ich hatte darüber nachgedacht. Einfach großartiger Film, der das Konzept Kammerspiel ernst nimmt, weil er wirklich nur in dem Raum spielt und wirklich auch nur in einem Zimmer spielt mit eins, zwei, zehn Ausnahmen. Und er schafft es tatsächlich zwölf Charaktere zu erzählen und zwölf Charaktere in den Dialog treten zu lassen und allen genug Nuancen zu geben, dass sie nicht bloß Abziehbilder sind, aber trotzdem sehr, sehr spezifische Charakteristika.
Johannes Franke: Ja, es hat sich ja quasi auch fast schon ein eigenes Genre daraus entwickelt. Gerichtskammerspiele quasi. Ja.
Florian Bayer: Na, das Tolle bei die zwölf Geschworenen ist natürlich, dass der Gerichtssaal nur am Anfang gezeigt wird und ist der Rest in dieser kleinen Kammer, wo die zwölf zusammensitzen, stattfindet. Und man spürt einfach die Enge in diesem Raum. Man sieht den Schweiß auf ihrer Stirn, man merkt, dass sie müde sind, dass sie keinen Bock mehr haben und es gibt trotzdem einen, der um Gerechtigkeit kämpft und es schafft, nach und nach andere auf seine Seite zu ziehen. Sidney Lumet, toller Regisseur, toller Film.
Johannes Franke: Ich bin ein bisschen weiter, was die Kammerspiel-Definition betrifft, weil natürlich ist es geil, wenn man ein Kammerspiel hat, was wirklich nur in einem Raum spielt, aber das ist wirklich hart, schwierig, das in einem Film zu schaffen, wirklich in einem Raum. Und mein Platz drei ist deswegen auf Platz drei und nicht weiter oben, weil das eben doch ein bisschen weitergefasst ist. Das Fenster zum Hof. Hm. Ja. Weil im Grunde alles ja in diesem Hof und den umliegenden Zimmern stattfindet. Und das finde ich sehr, sehr spannend. Wirklich gut, gut geschrieben und gut gedreht und gut umgesetzt. Mit vielen Zooms. Mit vielen Zooms, ja. Aber in dem Fall macht es Sinn, weil er ja beobachtet. Es ist schon wirklich, ja, finde ich sehr cool. Fenster zum Hof, großartiger Film.
Florian Bayer: Auf jeden Fall. Für Hitchcock, ja, es ist wirklich ein guter Hitchcock-Film, weil er auch so sehr viel Augenzwinkern hat. Also Hitchcock hat manchmal viel Augenzwinkern, manchmal wenig, manchmal gar keins. Fenster zum Hof ist eher einer, der ein bisschen mehr Augenzwinkern hat, aber es funktioniert die ganze Zeit. Ja. Ja, toller Film. Mein Platz zwei ist ein anderer Quentin-Tarantino-Film. Oh. Reservoir Dogs aus dem Jahr 1992, sein Regie-Debüt. Der die ganze Zeit in dieser Lagerhalle spielt und eigentlich auch davon geprägt ist, dass sich Gangster misstrauen. Es gibt Szenen, die außerhalb spielen. Also in Rückblenden sieht man mal wieder das außerhalb. Ja, genau. Aber das Zentrale des Films ist diese Lagerhalle und ganz toll, weil er darauf verzichtet, den Coup, das Verbrechen, das zu dieser Situation führt, dass sie angeschossen und mit einem Polizisten als Geisel in der Lagerhalle sind. Was dazu führt, wird gar nicht gezeigt. Wir sehen nicht das eigentliche Verbrechen. Wir sehen nicht den Überfall auf den Juwelenladen, sondern wir sehen einfach nur sie in der Lagerhalle, wie sie darüber diskutieren, wie es weitergeht. Und wir wissen ab einem gewissen Punkt, dass einer in ihren Reihen ein verdeckter Ermittler ist. Und spannender Film, dramatischer Film, voll von tollen Dialogen.
Johannes Franke: Und ein typischer Debütfilm. Wenn du an Kammerspiele denkst, dann weißt du sofort, du brauchst nicht viel Budget. Und diese Lagerhalle sieht auch nicht nach Budget aus. Nee, überhaupt nicht. Also, wenn du wirklich billig einen Film drehen willst, und das ist ja auch bei mir dann so ein bisschen, ich schreibe ja auch an einem Drehbuch für ein Kammerspiel, weil du denkst, okay, ich habe nicht viel zur Verfügung. Ich habe diesen einen Raum und dann muss das Drehbuch einfach alles stemmen. Ich kann nicht alles Mögliche an Sachen auffahren und sagen, hier, guck mal, und hier noch in den Alpen und hier springt der aus dem Schubschrauber und da weiß ich nicht, das geht nicht. Und es ist gut. Also wirklich toll mit den Mitteln spielen, die man hat.
Florian Bayer: Ja, auf jeden Fall. Manchmal tut es richtig gut, sich selbst Fesseln anzulegen. Und manche Regisseure und Regisseurinnen sind sogar am besten, wenn sie in Fesseln liegen.
Johannes Franke: Ja, schön. Okay, bei mir auf Platz zwei, Trommelwirbel, Mord im Orient Express.
Florian Bayer: Aha, du dehnst wirklich Kammer aus. Eine mobile Kammer.
Johannes Franke: Eine mobile Kammer. Ja, welcher Mord im Orient Express? Ich muss tatsächlich sagen, die beiden, die ich gesehen habe, das ist die neueste Verfilmung, die ich wirklich sehr, sehr gut fand. Das ist mit Johnny Depp, oder? Ich glaube, ja. Habe ich nicht gesehen. Hast du nicht gesehen? Und die Verfilmung, die klassische Verfilmung, diese eine, oder?
Florian Bayer: Sidney LeMay, 1974?
Johannes Franke: Vielleicht.
Florian Bayer: Wahrscheinlich meinst du die.
Johannes Franke: Wahrscheinlich meine ich die.
Florian Bayer: Es gibt, ja, du meinst den, du kannst eigentlich nur den meinen. Ja. Also ich wüsste jetzt auch keinen, weil Agatha Christie-Verfilmungen sind so hin und her und so ein wilder Mix bei mir. Aber wahrscheinlich meinst du den von 1974. Ist der von 2000, irgendwann vor 2020, aber relativ jung, ist der sehenswert?
Johannes Franke: Der ist, ich fand den sehr sehenswert. Ja, tatsächlich. Also sie haben spannend mit Bildern gearbeitet und mit Kameraführungen und so weiter. und spannende Special Effects, die man Gott sei Dank kaum sieht. Sehr gut, einfach sehr gut umgesetzt. Doch, wirklich.
Florian Bayer: Ich mag ja, ich bin ja kein Fan von Detektivgeschichten, aber ich liebe Agatha Christie. Aber ich bin eher ein Miss Marple als Porro Fan. Ach so. Und ich mag die Miss Marple Filme mit Margaret Rutherford.
Johannes Franke: Ja, die habe ich auch gesehen. Ja, das sind mehrere. Wie viel gibt es davon? Fünf oder so.
Florian Bayer: Ja. Hängt aber auch mit Nostalgie zusammen, weil ich die als Kind geguckt habe. Ja, genau. Ich auch.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und Porro ist, ja, ich, genau, Porro. Ist es nicht mit Johnny Depp? Ist es nicht mit Johnny Depp? Kenneth Branagh. Ich dachte Johnny Depp. Ah, doch, Johnny Depp. Doch, Johnny Depp spielt mit.
Johannes Franke: Ja. Aber er ist halt nicht Porro. Genau, er ist nicht Porro.
Florian Bayer: Kenneth Branagh.
Johannes Franke: Kenneth Branagh. Branagh? Branagh? Kenneth Branagh. Branagh. Branagh. Glaube ich.
Florian Bayer: Das war zu selbstsicher, um ein Glaube ich nachzuschieben. So, wir gucken jetzt einmal, wie Kenneth Branagh ausgesprochen wird. Ich hoffe, mein Laptop ist nah genug am Mikro.
Johannes Franke: Ähm, lassen wir uns jetzt von Wikipedia, äh, von Google vorlesen, oder was?
Florian Bayer: Ja, genau, das hatte ich eigentlich vor. Dürfen wir das? Äh, Moment. Pronounsierchen. Kenneth Branagh. Pronounsierchen. Ja, aha. Achtung. Hör zu. Du hattest recht. Ich will das nochmal in Slow hören. Das klingt so ein bisschen patronizing. Ja. Google. Kenneth Branagh. Nein, Kenneth Branagh. Ja. Du wirst Google nicht überzeugen können. Ich glaube auch nicht.
Johannes Franke: Okay, dann, ähm, merke ich mir den mal. Mach das mal. Ja. Ich fand den cool. Also, der macht ein paar Sachen, ähm, und das Schöne ist, ich wusste in dem Moment gar nicht mehr, wie die Auflösung war. Ich hab das schon wieder vergessen.
Florian Bayer: Oh, aber, ey, aber es ist auch so tatsächlich, bei diesen Agatha Christie Filmen ist die Auflösung immer so, nicht ganz so wichtig, weil's sowieso jeder gewesen sein könnte. Ja, genau. Und jeder macht verdächtige Sachen und jeder hat ein Geheimnis und jeder könnte der Mörder sein und am Schluss hat man das Gefühl, es wird doch gewürfelt, wer der Mörder jetzt ist.
Johannes Franke: Ein bisschen, ja. Aber es ist auch cool. Also, ich find auch dieses, also, dieses ganz Klassische, was wir eben bei, bei, ähm, Hateful Eight jetzt auch haben, ne? Dieses Klassische, einer steht da und sagt, Conclusion. Folgendes. Das find ich ein ganz tolles Setup, irgendwie mag ich das. Das hat so ein, ich weiß nicht, vielleicht kommt das auch, weil ich hab das Video gesehen in der Kindheit gesehen und vielleicht hat das so einen nostalgischen Faktor für mich.
Florian Bayer: Ich find's bei Miss Marvel so sympathisch, weil's die, äh, weil's den Druck rausnimmt. Mhm. Und es verbindet das alles mit so viel Spaß und es ist eigentlich egal, dass da jemand gestorben ist, dass da ganz schlimme Dinge passieren, große menschliche Dramen sich abspielt, weil's einfach so spaßig ist, wie ermittelt wird. Ja. Und man hat Freude daran.
Johannes Franke: Okay. Vielleicht muss ich nochmal die alten Miss Marvel Sachen sehen.
Florian Bayer: Ja, ich auch.
Johannes Franke: Ach.
Florian Bayer: Findet man die irgendwo so, sind die in irgendeinem Streaming-Paket vorhanden?
Johannes Franke: Nicht, dass ich wüsste. Ich nämlich auch nicht.
Florian Bayer: Tja.
Johannes Franke: Platz 1. Platz 1. Äh, hab ich meinen Platz 2, hab ich schon gesagt.
Florian Bayer: Ja, das war der Mord im Orient. Ja, du hast recht.
Johannes Franke: Okay.
Florian Bayer: Ah, ich muss schon wieder zum europäischen Arthouse-Kino. Stimmt gar nicht. Produktionsland Mexiko. Ähm, Louis Bonoel, der Würgeengel. Der, ähm, Louis Bonoel, den Namen, der ist schon öfter gefallen hier. Ja, mhm, Surrealismus, Regisseur von, ähm, wahrscheinlich am bekanntesten als Regisseur vom Andalusischen Hund mit Salvador Dali zusammen. Ach so, okay, ja dann. Und, ähm, du hast den Andalusischen Hund geschnitten, das Auge, so Horror. War ernst, war ernst. Okay, klar, so sagst du es nicht. Ja, ich weiß. Der Würgeengel ist ein toller Film, in dem eine, ähm, großbürgerliche, ein großbürgerliches Abendessen stattfindet, eine Party. Und, ähm, dann stellen die ganzen Leute, die auf der Party sind, irgendwann fest, dass sie nicht mehr rauskommen. Mhm. Und, dass sie, dass sie einfach irgendwie das Haus, den Raum, wo sie Feiern nicht verlassen können. Und dann gibt's natürlich auch draußen Schaulustige, die das dann irgendwann sehen und das lädt sich auf mit Spannung, weil sie haben natürlich nicht genug zu essen und sie haben nicht genug zu trinken und, äh, sie sind verzweifelt und sie kommen da einfach nicht raus. Und das ist nicht, es ist halt so Realismus, Mullismus, wenn man so will, es wird nicht genau erklärt, warum sie nicht rauskommen. Sie sind Gefangene in diesem Raum und sie werden vielleicht sterben.
Johannes Franke: Okay. Schöner Film, sollte man gesehen haben. Gut, dann muss der mal auf meine Liste drauf. Ähm, mein Platz eins. Ich möchte vorher gerne noch, ähm, eine Honorable Mention unterbringen. Oh ja. Äh, acht Frauen. Diese leicht überdrehte Musical für Französisch. Ja, oh, wann war das? Das war Ossant, oder? Ich, ich, keine Ahnung, ich hab's nicht nochmal recherchiert, was eigentlich, was eigentlich, ist das so ein Kammerspiel? Ich hab das gar nicht so als Kammerspiel in Erinnerung. Ja, die sitzen alle, so acht Frauen in einem Haus und, äh, die Mama ist anscheinend tot. Und dann versuchen sie sich gegenseitig zu verdächtigen. Es ist auch schon wieder so ein Murder-Mystery.
Florian Bayer: Ja. Du bist echt ein Murder-Mystery-Fan, ne?
Johannes Franke: Das macht sich aber auch im Kammerspiel so gut.
Florian Bayer: Ja, natürlich, auf jeden Fall. Gerade vor allem, wenn, ja, genau.
Johannes Franke: Ja. Aber mein Platz eins, mein eigentlicher Platz eins, ist kein, kein Murder-Mystery. Liebe von Haneke. Oh, schwerer Stoff. Sehr schwerer Stoff, aber richtig. Ich hab's im Kino gesehen und ich war so beeindruckt. Ich fand's so toll. Unglaublich.
Florian Bayer: Ja. Der beste Haneke-Film neben das Weiße Band. Oh, Haneke ist ein Regisseur, der immer besser geworden ist mit der Zeit. Ja. Oh, war der hart, der Film. Meine Großmutter ist an Alzheimer gestorben.
Johannes Franke: Okay, wie lange ist das her?
Florian Bayer: Oh, schon ewig. Ich war Jugendlicher. Ich war 16, 17, 18, so um den Dreh. Ja. Und die hat bei uns gelebt. Das heißt, ich hab, wir haben das alle mitgekriegt. Ja. Und deswegen hat mich Liebe auf dieser Ebene total angesprochen, weil dieses Sehen, diesem Verfall beizuwohnen. Ja. Vor allem dem geistigen Verfall, das ist irgendwie krass. Das hat mich auch total stark geprägt. Und ich hatte zu ihr nie eine besonders emotionale, persönliche Bindung.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Aber es war trotzdem krass, dem beizuwohnen. Und bei Liebe wird das so, so intim erzählt.
Johannes Franke: Ja, und so unglaublich menschlich. Du kommst da so stark rein in diese beiden Figuren, in dieses Leben und in diese Gefühlswelt.
Florian Bayer: Waren wir da nicht sogar zusammen im Kino? Nee, ich glaube nicht. Ich meine nämlich zu erinnern, dass wir uns über den Film schon mal unterhalten haben.
Johannes Franke: Haben wir bestimmt.
Florian Bayer: Und ja, ich meine nämlich zu erinnern, dass wir so sehr unterschiedliche Blicke auf den Film hatten und dann darüber diskutiert hatten.
Johannes Franke: Ah, okay. Gibt es denn eine Szene, an die du dich besonders erinnerst in dem Film? Ich muss immer an diese Traumszene denken.
Florian Bayer: Es gibt eine Traumszene in dem Film.
Johannes Franke: Weiß ich gar nicht mehr.
Florian Bayer: Und das passiert gar nicht viel. Ich glaube, er steht auf und sie ist weg und dann geht er durch die Flure und guckt so und dann greift eine Hand nach ihm und es sieht aus wie ihre Hand. Die ist mir sehr stark im Gedächtnis geblieben, die Szene. Aber vor allem im Gedächtnis geblieben ist mir so das Overall-Thema. Und ich habe aus dem Film mitgenommen, dass es darum geht, wie gefährlich Liebe auch sein kann, weil alles, was er macht, macht er aus Liebe und er lässt sie nicht los. Und er pflegt sie und ihm ist das ganz wichtig und das hat so was Zerstörerisches und Selbstzerstörerisches, weil ihr wahrscheinlich im anderen Kontext viel besser geholfen wäre, wenn sie einfach professionelle Hilfe hätte und er schließt sich komplett aus, schließt die Außenwelt komplett aus, dass sie nur noch zusammen sind, weil er so verliebt in sie ist immer noch,
Johannes Franke: was total schön ist. Aber er geht so in dieser Beziehung auf. Also er ist ein ganzes Leben in dieser Beziehung. Also es gibt nur noch, also es gibt kein du und ich mehr, sondern es gibt noch ein wir. Und das ist schon krass. Das ist auch eine krasse Botschaft des Films eben, dass man sagt, eigentlich, du musst, bleib bei dir trotzdem. Du kannst nicht, du kannst nicht alles aufgeben.
Florian Bayer: Ja. Und auch so trage ich dann. Ja, weil, ja, weil er schafft, er schafft es nicht anders und sie ist halt irgendwie verloren, weil sie irgendwann in ihrer eigenen Welt ist mit ihrer Krankheit und aber er bleibt bei ihr und hält zu ihr und das ist natürlich was total schönes, menschlich total schönes und gleichzeitig ist es so was Destruktives.
Johannes Franke: Ich muss immer an diese Szene denken, wie eine Taube reinkommt durchs Fenster, der dann im Flur Ewigkeiten, Ewigkeiten diese Taube versucht zu fangen. Mit seiner Langsamkeit, der ist ja auch alt und mit einem Tuch dann versucht, diese Taube zu kriegen. Und das ist so eine starke Szene. Das ist unglaublich. Ist die mit Schnitten?
Florian Bayer: Weißt du das noch?
Johannes Franke: Ich glaube, die ist ohne Schnitte. Ach, das war wirklich eine starke Szene.
Florian Bayer: Das war total krass.
Johannes Franke: Ja. Vor allem war auch das Fenster eine besondere Rolle spielt, weil sie da nochmal an dem Fenster steht und sich da auch runterstürzen wollte oder auch nicht.
Florian Bayer: Das weiß ich nicht mehr so genau.
Johannes Franke: Und dieses Fenster ist dann auf und die Taube kommt rein und dann fängt er wieder ein. Aber dieses Einfangen ist dann unglaublich.
Florian Bayer: Und er jagt die so ewig hinterher und er bewegt sich so langsam und er ist einfach, er ist ja eigentlich nicht gewachsen, aber er weiß, er muss die rauskriegen.
Johannes Franke: Ja. Ja. Ja. Gut. Das war mein Platz 1 und das waren die Top 3 Kammerspiele. Ja. So. Unser Film. Quentin Tarantino, Hateful Eight. Wir haben das Ende quasi schon erzählt. Am Ende bleiben wirklich nur Domego und der Sheriff und Warren übrig. Ja. Und erhängen die, erhängen dann die. Genau. Die Frau.
Florian Bayer: Und sie erhängen sie, das ist ganz wichtig, als im Andenken an Roof, der sie eigentlich nach Black, Blackrock? Nee, nicht Blackrock. Redrock. Redrock. Nach Redrock bringen wollte, weil Roof war dafür bekannt, dass er als Kopfgeldjäger immer lebende Leute ausliefert und sagt, wenn ich den Job habe, dann sollen die dem Hänker überführt werden. Und deswegen erschießen sie nicht, sie sind nicht einfach, sondern sagen, so, dann hängen wir sie auch. Und dann gibt es diese wirklich schöne, versöhnliche Szene der beiden Charaktere, die sich die ganze Zeit, die sich die ganze Zeit nicht leiden konnten. Der Südstaatenrassist auf der einen Seite, der schwarze Rebelle auf der anderen Seite, die dann gemeinsam das Seil ziehen, an dem Daisy aufgehängt wird. Und es ist einfach mal Versöhnung.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Burn the witch.
Johannes Franke: Und es ist schön, am Ende, wir wissen inzwischen, dass der Brief von Lincoln keine, also dass der nicht echt ist. Und dann sagt der Sheriff aber, ach komm, gib mir mal den Brief. Ja. Und dann liest er ihn vor und freut sich über diese, über die Wortwahl und ach, das ist ein nettes, ähm. Ja, die, die Frau ruft. Die Frau ruft und es ist ein süßer, kleiner, kleine Idee, findet er und zirknüllt da den Brief und wirft ihn weg. Wir wissen, die beiden werden wahrscheinlich erfüllt. Die werden sterben.
Florian Bayer: Die werden da sterben. Warren hat die Eier abgeschossen gekriegt. Mannix blutet die ganze Zeit wie Sau, weil er irgendwie eine Kugel in der Schulter hat. Oder so hat.
Johannes Franke: Ja.
Florian Bayer: Und plus, es besteht die Möglichkeit, dass die anderen Leute aus der Bande auch noch vorbeikommen. Also es ist eigentlich klar, dass die werden sterben. Aber sie haben es geschafft, Daisy zu hängen. Ja. Und sie haben sich versöhnt. Es ist, es ist, es ist wirklich, es ist eine versöhnliche Botschaft irgendwie am Schluss. Wäre der Film zwei Jahre später entstanden, wäre die Botschaft wahrscheinlich eine andere gewesen. Aber das ist ein Film aus der Prä-Trump-Ära von 2015. Und da können sie sich noch versöhnen.
Johannes Franke: Oh Gott, hast du gerade die Prä- und die Post-Trump-Ära aufgemacht? Ja. Oh Mann. Ja, aber also wie, wie vergleichst du das dann mit den, mit der Prä-Elfter-September-Ära und der Post-Elfter-September? Weil das ist schon auch ein, ja.
Florian Bayer: Wahrscheinlich wird Prä- und Post-Trump wird in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr so eine große Rolle spielen. Na, hoffentlich. Hoffentlich, genau. Aber ja, natürlich der Trump ist nicht so ein Einschnitt in die internationale amerikanische Geschichte wie der 11. September. Das würde dem Mann zu viel Ehre geben.
Johannes Franke: Ja, gut. Danke.
Florian Bayer: Man könnte argumentieren, ob Obama so ein starker Einschnitt war.
Johannes Franke: Ja, vielleicht. Dem gönne ich das auch. Das ist vielleicht auch, ja. Aber wenn, nee.
Florian Bayer: Wahrscheinlich auch nicht. So schwer zu sagen. Es gab auf jeden Fall irgendwie eine Zeit, wo in der amerikanischen Kultur und Öffentlichkeit irgendwie so ein Schalter umgelegt wurde, der zu dem geführt hat, was wir jetzt da haben an gesellschaftlichen Konflikten. Vielleicht kann man es nicht an Präsidenten festmachen. Vielleicht ist es Fox News schuld. Vielleicht ist es als Fox News groß wurde. Lass mich einmal ganz kurz. Wo sind wir denn jetzt eigentlich gelandet? Jetzt sind wir bei der amerikanischen Kultur. Aber ey, der Film ist so amerikanisch. Ja. Da müssen wir einmal gucken. Also, pass auf. Ja? Äh, Fox News. Nee. Es ging 1996 auf Sendung. Das war natürlich vor 9-11. Ja.
Johannes Franke: Lass uns schnell noch einen Schuldigen finden für die amerikanische. Na, Fox News ist immer ein guter Schuldiger.
Florian Bayer: Aber Fox News ist doch zu alt. Ich glaube, das kriegen wir auch nicht. Das kriegen wir auch nicht. Was ja passiert ist, ist, dass in den amerikanischen Rechten gab es einen Umschwung vom religiösen Fanatismus zu einer Art säkularem Fanatismus. Das ist der große Unterschied zwischen den Post-Trump-Republikanern. Und zwar, und es geht nicht um die Partei selbst, sondern es geht eher um die Fanatiker. Und ja, die Religiösen finden Trump auch geil, weil er ihnen ihre Richter besorgt hat. Aber die Religiösen sind eigentlich sonst keine Trump-Fans. Die finden cool, was er gemacht hat für die religiöse Rechte. Und die Fanatiker auf dieser Seite, das sind die QAnon-Leute und die White Supremacists und so weiter. Und die sind komplett, vielleicht auch noch so ein bisschen die Tea-Party-Leute, die sich irgendwie auch teilweise selbst als libertär verstehen. Und die sind anders als die Religiösen Fanatiker und Evangelikalen, die Bush in den Irak- und Afghanistan-Krieg gefolgt sind. Das ist eine andere Form von rechtem Fanatismus. Und irgendwann muss dieser Umschwung in der rechten stattgefunden haben. Und in der linken hat auch gleichzeitig vielleicht, davor, danach, ein Umschwung stattgefunden von dem, was man als Sozialpolitik im weitesten Sinne bezeichnen könnte, hin zu einer, es ist jetzt sehr simplifiziert. Aber es gab die sozialpolitische Ausrichtung und dann irgendwann kam in den 2010ern die identitätspolitische Ausrichtung an. Ich weiß nicht, ob identitätspolitisch das richtige Wort ist, aber das, was von der Rechten gerne als PC-Kultur bezeichnet wird. Das heißt so, die Sensibilität für Transrechte, für LGBTQ im ganz Allgemeinen, für Rassismus, für strukturellen Rassismus, für Alltagsrassismus und so weiter. Das hat sich irgendwann in der Zeit entwickelt. Und das hat sich parallel entwickelt und das klecht gerade zusammen.
Johannes Franke: Wir fähren massiv.
Florian Bayer: Und ich weiß nicht, ob man das an einem Punkt festmachen kann, aber dieser Konflikt prägt gerade die amerikanische Gesellschaft. Und Anfang der 2000er war der Konflikt zwischen rechts und links halt irgendwie ein anderer Konflikt. Da war es halt die Evangelikalen, die im Nahen Osten aufräumen wollten. Gegen die, ja, wie waren die Linken? Die Linken waren irgendwie nicht sortiert zu der Zeit. Und die waren dann erst wieder sortiert, als Obama kam.
Johannes Franke: Die Linken sind nie sortiert gewesen. Ich weiß nicht, ich glaube, das widerspricht sich sogar.
Florian Bayer: Der Erfolg der Rechten ist ja auch ganz oft, dass die Linke sich in Flügelkämpfen verliert.
Johannes Franke: Ja, ja, ja. Also in Deutschland ja genauso. Ja. Das ist halt auch unser Problem. Ja.
Florian Bayer: So, wir beendern unseren politischen Podcast.
Johannes Franke: Jetzt hättest du ja auch wieder dabei das nächste Mal, wenn wir China besprechen.
Florian Bayer: So ein schwereres Thema konzentriert sich ausdenken, oder?
Johannes Franke: Na dann, bleibt noch dabei, wenn ihr wissen wollt, was als nächstes kommt. Genau. Und wir tropfeln so langsam raus, Plur, oder? Wir tropfeln ganz, ganz, ganz langsam raus.
Florian Bayer: Okay. Macht's gut. Bis zum nächsten Mal.
Johannes Franke: Bis zum nächsten Mal. Ciao. Ah, Politik. Politik. Ist das dein Ernst? Oh mein Gott.
Florian Bayer: Johannes! Du hast diesen Film aus einem Grund ausgewählt. Du wolltest darüber reden, was dich daran irritiert. Und wir haben nichts davon besprochen. Du hast gesagt, wir robben uns heran. Wir sind drüber gebürstet. Das war nichts. Was irritiert dich an diesem Film? Plur, es tut mir ganz furchtbar leid. Ich weiß es nicht. Irritiert dich überhaupt etwas an dem Film? Fühltest du ein Gefühl von Irritation, ohne Benennen zu keinem, woher es kam?
Johannes Franke: Ich muss... Es wird immer peinlicher für mich. Also, ich hab extra nochmal die kritischsten Stimmen angeguckt. Ich hab ja extra nochmal recherchiert und nochmal geguckt. Der Film wurde kritisiert, ne? Kein billiger Tarantino-Film. Und dann gibt's so viele kritische Stimmen und ich denk dann, oh ja, ich hab bestimmt... Da ist irgendwie irgendjemand davon... Wird das rauskitzeln, was ich glaube, was dem Film fehlt oder was da zu viel ist oder was nicht stimmt. Aber ich konnte keinem Kritiker zustimmen. Ich wusste es, ich hab's nicht. Ich hab einfach nicht rausgefunden, was mich an diesem Film stört.
Florian Bayer: Haben wir nicht das letzte Mal schon festgestellt, dass Kritiker Idioten sind? Aber ich weiß nicht mehr, bei was es war.
Johannes Franke: Ich hab irgendeinen Film bei der Top-3-Liste genannt und gesagt, guckt euch den an. Ja, genau, weil der Film bei den Kritiken so schlecht angekommen ist. Ich glaube, das war aus den 80ern, Ende der 80er, dieser Nahtod-Erfahrungsfilm. Wie hieß der? Mit Julia Roberts sogar und mit... Ja, mit Meryl Streep. Nee, der war's nicht.
Florian Bayer: Ah, Flatliners. Flatliners, genau. Stimmt, Flatliners, ja. Ja, ja.
Johannes Franke: Nein, ich weiß einfach nicht, was mich an diesem Film... Irgendwas... Ich hab das Gefühl, dass... Nein, es ist ein guter Western und alles und ich hatte auch zwischendurch... Ich hab ganz lange gedacht, ha, das ist es, was mich stört. Er hat keine politische Relevanz. Aber nein, dann kam dieser Brief und hat diesen ganzen großen Bogen zum Rassismus aufgemacht, der gut war. Also hat mich auch das nicht gestört. Die Dialoge, sind die vielleicht nicht... Sind die irrelevant? Nein, sind sie nicht. Verdammt. Ich weiß es nicht. Du magst Tarantino, oder? Ja, eigentlich schon.
Florian Bayer: Was ist dein liebster Tarantino-Film? Inglourious Bustards. Inglourious Bustards, okay. Nee, da macht's gar keinen Sinn. Nein! Weil Inglourious Bustards, Django Unchained und Hateful Eight sind fast so eine Einheit, so wie ich sagen würde. Jackie Brown, Pulp Fiction und Rise of our Dogs sind so ein bisschen eine Einheit. Also ganz wirklich grob gefasst. Ja. Und deswegen könnte ich es verstehen, wenn du sagen würdest, der Liebster-Film ist Pulp Fiction und Hateful Eight ist einfach komplett anders. Aber wenn du ausgerechnet den Film magst, der im selben Zeitraum ungefähr stattfindet, entstanden ist. Ja, irgendwie, ich weiß es nicht. Nach ähnlichen Prinzipien funktioniert.
Johannes Franke: Das ist komisch, ne?
Florian Bayer: War er denn nicht verspielt genug? Weil Tarantino ist, glaube ich, sonst verspielter in seinen Filmen.
Johannes Franke: Nein, ich glaube, ich meine, ich hab ja auch, ähm, ähm, ähm, ähm, der Drogen, Walter White, ähm. Breaking Bad? Ich hab ja auch Breaking Bad, äh, das ist kaum verspielt teilweise. Also du hast schreckenweise wirklich, du versinkst in einer sinisteren Stimmung bei Breaking Bad. Die ist einfach, die ist auch gnadenlos teilweise. Und ich kann das sehr. Und oh, Dead Man zum Beispiel. Ich liebe Dead Man. Das ist auch einfach nur einmal einen Zug auf den Gleis gesetzt und geradeaus und runter geht's, die Straße. Du hast, du weißt, wo du enden wirst, im Tod. Und das war's. Äh, ich kann damit, ich komm damit klar, wenn jemand so was wirklich scheuklappenmäßig durchzieht und einfach geradeaus sinister ist.
Florian Bayer: Na, es könnte ja sein, dass du von Tarantino-Filmen einfach was anderes erwartest. Und dass du das eigentlich nicht bei Tarantino willst, dass du mehr Spaß willst. Obwohl, der hat ja auch Spaß gemacht, der Film. Ja. Ah, ich weiß es nicht, Floor, hilf mir. Also, als Kritiker kann ich nur sagen, meine größten Kritikpunkte an dem Film wären, dass es ein bisschen enttäuschend ist, dass es dann nach diesem sehr langen Aufbau so schnell geht, wenn dieses Murder-Mystery-Element reinkommt. Ja. Dass es eigentlich auch ganz cool wäre, das noch ein bisschen länger zu tragen. Das fand ich ein bisschen schade, auch wenn es schön findet, dass er uns damit auf die falsche Fährte lockt. Aber ich hätte ein bisschen mehr Fleisch vor dem Shootout erwartet. Weil es geht sehr schnell von, wir sind in der Bar und unterhalten uns und alle misstrauen sich, zu Shootout über. Das wäre das eine. Das zweite wäre, dass ich die Struktur so ein bisschen verstolpert finde. Ich habe vorhin gesagt, sie hat keinen richtigen Groove und es wird umso deutlicher, wenn man, dadurch, dass es in Kapitel aufgeteilt ist, das ist einfach dieses, der kurze Schneeanfang, dann diese sehr lange Bartszene, dann dieses sehr kurze Shootout und inklusive der 20 Minuten Rückblende, dann mit den Kapitelmarken und einmal kurz eine Erzählerstimme reingeworfen. Das ist irgendwie, haben Tarantino-Filme sonst ein bisschen mehr Groove, ein bisschen mehr Rock'n'Roll vom Rhythmus her. Der Rhythmus ist bei anderen Tarantino-Filmen stärker. Aber das wäre es auch, das sind so technische Sachen, das sind auch eher so Nitpicks.
Johannes Franke: Ich glaube, ich ahne, was es ist. Es ist doch, dass der Film einmal auf eine Schiene gesetzt wird und dann einfach gnadenlos das Tempo beibehalten nach unten in die Hölle fährt. Aber er ist ja kein schneller Film, ne? Nein, nein, im gleichen Tempo und nicht im Sinne vom Schnell. Ah, okay. Also gleichbleibende Bewegung. Gleichbleibende Bewegung einfach runter und zwar nicht in der Erzählstruktur oder im Erzählen der, wir nähern uns langsam dem gnadenlosen Ende, wie bei Dead Man, sondern ich glaube, dass es die Figuren sind. Und ich glaube, die Figuren sind alle eine Variante der gleichen Figur, die alle auf dem gleichen Track sitzen und runterfahren. Natürlich haben die alle unterschiedliche, ich will das, ich will das, ich will das. Aber im Grunde sind es alles Varianten der gleichen Figur irgendwie. Was wurde dem Film denn vorgeworfen?
Florian Bayer: Ihm wurde vorgeworfen, dass er ein bisschen langatmig wäre?
Johannes Franke: Ja. So zäh und dass er zu nichts führt, dass das, diesen zähen Mittelteil. Ja und ich habe, es gibt auch viele Kritikpunkte am Dialog, an den Dialogen, dass die irgendwie nicht so geil wären, aber das kann ich nicht nachvollziehen.
Florian Bayer: Es sind tatsächlich, es fehlen so ein bisschen diese Tarantino-Sperrenzchen in den Dialogen. Es fehlt so ein bisschen manchmal das Gespräch über das Belanglose.
Johannes Franke: Ja, Tarantino schafft es halt über das Belanglose, über diese Themen, die bleiben ja nicht belanglos, die werden ja gefüttert mit Kontext. Und der Kontext macht es halt und das finde ich in Tarantino so toll an den belanglosen Dialogen, dass die etwas transportieren, was nicht im Text steht. Das finde ich toll und das macht es in diesem Film natürlich nicht, weil du hast ja, jeder Satz ist ja, trägt ja was. Ja. Ich weiß nicht, also ich glaube, ich glaube, das ist es. Ich glaube, dass die Figuren in sich im Grunde die gleiche Person sind und keine, keine verspielten eigenen Einheiten, Eigenheiten groß aufweisen. Deswegen finde ich Tim Roth glaube ich auch am besten an der ganzen Geschichte, weil der die einzige Figur ist, die so ein bisschen raussticht. Von der Art und Weise einfach, wie er es spielt und wie, das ist halt der englische Typ da. Und der Mexikaner, aber der Mexikaner hat nicht genug Fleisch bekommen. Ich weiß nicht, ich habe das irgendwie, die sind alles, es sind alles Raubeine. Ja, Raubeine, genau. Und Gutes.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Vielleicht ist es das.
Florian Bayer: Ja, vielleicht. Ich mochte die Figur des rassistischen Sheriffs, weil der so ein feiger, schleimiger Typ war. Also ich mag den Dialog am Anfang ja in der Kutsche, wenn er anfängt, dann doch so politisch herzuziehen und dann kriegt er Ärger und dann sagt er, ey Leute, ihr habt mich in Politik reingequatscht. Ich will das doch gar nicht, ich will doch nur Sheriff werden.
Johannes Franke: Ja, und ich sitze mich jetzt hier ans Fenster und schlafe, okay? Ja, genau. Ja, okay, dann haben wir jetzt doch vielleicht ein bisschen rausgekitzelt, was mich an dem Film stört. Aber er ist eigentlich, roundabout, ein sehr, sehr guter Film einfach.
Florian Bayer: Es gibt von Tarantino nach wie vor keinen schwachen Film. Krass, oder? Es gibt Filme von Tarantino, die ich ein bisschen mehr mag als andere, aber ich kann jedem Tarantino-Film was abgewinnen. Ich habe mit jedem Tarantino-Film Freude und was ich an ihm wirklich schätze, ist, dass er zum einen total wiedererkennbare Trademarks hat, die in jedem seiner Filme vorkommen, auch in diesem. Und gleichzeitig aber trotzdem schafft, sehr abwechslungsreich zu erzählen über seine Filmografien weg. Ich meine, wir haben so von Martial-Arts-Verbeugungen in Kill Bill bis zu Western- und Kriegsfilmen und klassischen Gangster-Movies haben wir bei Tarantino echt eine große Genre-Vielfalt. Ja. Und trotzdem erkennt man Tarantino-Film auf tausend Meter. Ja. Am roten Blut. Ja, nicht nur am Blut. Tatsächlich ist Hateful Eight nicht der am schwächsten bewertetste Film auf Rotten Tomatoes. Okay. Wovon wir ja alle wissen, wenn Rotten Tomatoes es sagt, dann ist es wahr. Also Kritikerurteil bei Rotten Tomatoes ist Hateful Eight 75 Prozent, was immer noch eine gute Ausbeute ist. Death Proof von 2007 ist nur 64 Prozent und da würde ich sogar sagen, das ist der einzige Tarantino-Film, den ich auch nicht ganz so gut fand. Ja. Da wäre ich tatsächlich bei der Masse an Kritiken, 42 Reviews hatte der, wäre ich dabei und würde sagen, das ist der schwächste von Tarantino. Aber selbst dem kann ich genug abgewinnen, da ich sage, der hat Spaß gemacht.
Johannes Franke: Ja. Das Death Proof ist tatsächlich auch der, der mir am wenigsten Erinnerung ist, wo ich am wenigsten andocken konnte, glaube ich. Ja, das war noch so ein Auto-Fetisch-Film. Ja, gut. Ich glaube, wir haben uns beide nicht so mit Autos. Obwohl, auch da fallen mir jetzt sofort so ein, zwei Sachen ein, die ich geil fand irgendwie. Müssen wir jetzt nicht näher drauf eingehen. Und, äh, das haben wir vielleicht mal.
Florian Bayer: Da haben wir von Tarantino geredet. Death Proof. Starke Frauen. Ah, das stimmt. Die am Schluss den Bösewicht verprügeln. Ja. Das stimmt. Und die einfach mal cool sind und Empowerment und Go Girls. Ja. Da hat er es hingekriegt.
Johannes Franke: Und das ist der am schwächsten bewertete Film von ihm. Da muss ich noch mal reinschauen.
Florian Bayer: In einer Reihe?
Johannes Franke: Ich glaube, den muss ich noch mal angucken, ob der wirklich bei, nur weil du eine starke Frauenfigur drin hast, heißt das noch nicht, dass du es gut hinkriegst, das zu erzählen und nicht auch doch alle Klischees mit einmal mit abräumst. Definitiv.
Florian Bayer: Aber in einer Reihe aus Jungsfilmen ist das der einzige Film, der sowas wie ein bisschen Female Empowerment transportiert und der wurde von den Kritikern mit 64 Prozent abgestraft.
Johannes Franke: Möp. Möp. Okay. Na gut, Tarantino. Ähm, vielleicht begegnet uns Tarantino noch einmal irgendwann. Ich kann mir vorstellen, dass wir noch ein oder anderen Tarantino mal angucken.
Florian Bayer: Vielleicht noch mal einen Tarantino-Marathon. Uh. Als Sonderepisode. Ui, ui, ui. So viele Filme sind es ja nicht.
Johannes Franke: Also zumindest, wenn wir seine Zählweise nehmen. Seine Zählweise. Ja. Das heißt aber, dass er jetzt noch einen Film übrig hat, nur.
Florian Bayer: Ja.
Johannes Franke: Once Upon a Time in Hollywood war sein neunter. Genau. Das heißt, naja, aber jetzt mal ernsthaft, wenn Tarantino Lust hat, macht er noch mehr. Aber ich glaube, dann wird er sich rausreden und sagen, ich mache jetzt Fernsehen. Das kann ich mir auch gut vorstellen.
Florian Bayer: Hat er nicht auch Regie geführt bei einigen Episoden von Serien?
Johannes Franke: Das, nee.
Florian Bayer: Das glaube ich nicht. Äh. Haha. Tja, ich finde die jetzt da. Mal schauen. Quentin Tarantino, Filmografie noch einmal kurz bei Wikipedia. Acting Roles, Writing Roles, Television. Television? Er hat eine Folge von Emergency Room 1995. Was? Directed. Oh mein Gott. Es wird besser. Eine 10, äh, eine Episode von CSI, Crime Scene Investigation. Ich kenne mich mit den CSIs überhaupt nicht aus. What the fuck? Noch nie CSI geguckt.
Johannes Franke: Okay. Ja. Und das war's. Und kann man sagen, dass die, da steht nichts dabei, wa? Ob die jetzt besonders ... Grave Danger. Besonders blutig waren wahrscheinlich.
Florian Bayer: Finale Folge der fünften Staffel von CSI. Ist CSI das Originale? Weil es gibt ja ... Ja, keine Ahnung. Es gibt ja CSI New York, CSI Las Vegas, CSI irgendwas. Mhm. Ja. Naja, vielleicht macht er dann einfach nur noch Serien. Oder er macht irgendwie nur noch so Kollaborationen oder sowas. Ich meine, er hat ja auch, er kann auch Drehbücher schreiben und ...
Johannes Franke: Ja, genau.
Florian Bayer: Er kann produzieren und ...
Johannes Franke: Ja. Aber ich stelle mir das so vor, bei ihm, ich schreibe ein Drehbuch, gebe das ab und sitze eigentlich die ganze Zeit daneben und sage, nein, du musst das anders machen, nicht als anders gedacht. Das weißt du so. Das ist doch keiner, der irgendwie wahnsinnig gut abgeben kann als Regisseur, oder? Ich kann mir nicht vorstellen.
Florian Bayer: Ich weiß nicht.
Johannes Franke: Also mit Robert Rodriguez hat es offensichtlich ganz gut geklappt. Ja, gut. Ja. Aber das ist auch ein Tarantino-Film geworden.
Florian Bayer: Ja, wenn Tarantino involviert ist, dann wird es immer irgendwie Tarantino. True Romans zum Beispiel ist für mich immer ein Tarantino-Film gewesen, aber er hat da auch nur das Drehbuch geschrieben. Oh. Und Sin City, wo er wirklich nur eine Episode directed hat. Ja. Das ist auch ein Tarantino-Film. Obwohl der Film zu 90 Prozent von, von, ja, auch von, von, von Robert Rodriguez und Frank Miller ist.
Johannes Franke: Hm. Krass, Mann. Okay. Nun gut. Ähm. Ja, ich wollte einen Schlusswort finden eigentlich, aber jetzt haben wir schon wieder über noch mehr geredet.
Florian Bayer: Und, äh, genau, immer diese, diese nachgeschobenen Dinger und es kommt noch was Nachgeschobenes. Ja. Wir müssen nämlich noch, noch einmal für nächste Woche Filme aufgeben. Hast du schon was? Ich glaube, du hast sogar schon was.
Johannes Franke: Äh, wir, äh, naja, wir hatten ja vorhin festgestellt, äh, dass wir die Fortgesetzung von Mary Poppins nicht gesehen haben. Mary Poppins, sehr schön. Also, ich gebe dir Mary Poppins auf. Gibt's bei Disney Plus, oder? Mary Poppins ist Disney, ja. Es kann sein, ja. Sollte es bei Disney Plus geben. Also die neue Version, ja.
Florian Bayer: Sehr schön. Genau, hab ich noch nicht gesehen. Und da du bei Terminator so reagiert hast, als ob du das zu totalem Schwarzenegger-Trash einordnen würdest. Ja. Was mich echt schockiert hat, weil Terminator ist für mich, ähm, wirklich ein düsterer, spannender Thriller. Mhm, okay. Und deswegen gebe ich dir richtigen Schwarzenegger-Trash auf. Was? Wir gucken Kommando.
Johannes Franke: Du bist von Terminator auf Kommando umgeschwenkt?
Florian Bayer: Ja! Du kannst, wenn du Terminator als 80er-Schwarzenegger-Trash siehst, dann musst du richtigen 80er-Schwarzenegger-Trash sehen. Weil, dann wirst du Terminator für ein Meisterwerk halten. Ach so, okay, gut. Phantom Kommando auf Deutsch, Kommando hieß er im Original, mit Schwarzenegger ist der ultimative 80er-Jahre-Actionfilm. Aber da hättest du mir auch Conan the Barbarian geben können. Ja, aber das ist so viel Fell und nackte Haut. Und selbst Conan, der Barbar, hat auch Momente, die ihn irgendwie groß machen und episch machen. Aber dieser Film, Kommando, ist einfach nur Action-Trash von den ersten bis zur letzten Minuten, wo wir jetzt so viel Spaß haben. Okay, gut. Und die nächste Folge wird richtig lustig. Okay, na dann. Sehr schön. Bis nächste Woche. Bis dann. Ciao.

