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Kategorie: Jahrzehnte

Episode 280: Mary and Max – Depressive Knetmännchen feiern Geburtstag

Die achtjährige Mary, die im Australien des Jahres 1976 lebt, ist ein äußerst einsames Kind: Ihr Vater beschäftigt sich lieber mit seinen ausgestopften Vögeln als mit seiner Familie, ihre Mutter ist eine alkoholabhängige Kleptomanin und in der Schule wird sie wegen eines auffälligen Muttermals auf ihrer Stirn gehänselt. In ihrer Einsamkeit beschließt sie, sich einen Brieffreund zu suchen. Der willkürliche Griff ins Telefonbuch erwählt dabei den 44 Jahre alten New Yorker Max, der ebenfalls sein Kreuz zu tragen hat: Er ist ebenfalls einsam, hat Asperger, ist übergewichtig und kommt weder mit der Welt noch ihren menschlichen Bewohnern klar: Aber wie Mary besitzt er eine unbändige Neugier, liebt es, sich existenzielle Fragen zu stellen, liebt wie Mary die Cartoonserie Noblets und ist Erfinder solch großartiger Mahlzeiten wie Schokoladen Hot Dogs.

Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine enge Brieffreundschaft, in der sie sich über ihr Leben austauschen, Max’ Marys Fragen beantwortet und sie ihm auf ihre kindliche Art hilft, mit dem harten New Yorker Alltag besser klarzukommen. Aber ihre Briefe voll mit Mobbinggeschichten, Fragen zu romantischen Beziehungen und Sexualität lösen in Max auch immer wieder Panikattacken aus, die ihre Beziehung in einem fragilen Zustand halten. Als die mittlerweile erwachsene Mary Psychologie studiert und ihre Thesis über Max’ Krankheit schreibt, kommt es zum endgültigen Bruch. Und so fallen beide wieder in ihre Einsamkeit zurück. Aber eine kleine Hoffnung auf Versöhnung und vielleicht sogar ein Real Life Treffen bleiben bestehen.

Mary and Max aus dem Jahr 2009 von Adam Elliot. Ein Claymotion-Film aus einer Zeit, in der CGI schon lange das Animationsfeld übernommen hat: Wer sich hier leichte Wallace and Gromit Skurrilität erhofft, ist allerdings an der falschen Adresse. Im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen Nick Park taucht Adam Elliot tief hinab in düstere, harte, traurige Themen: Mobbing, Alkoholismus, Depression, Psychopathologie, Suizidalität… Johannes, war das zuviel für dein sensibles Herz?

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Episode 279: Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart und Ingmar Bergman (Trollflöjten)

Prinz Tamino ist auf der Flucht vor einem schrecklichen Ungeheuer. Gott sei Dank wird er von drei mysteriösen Kriegerinnen und ihrer Anführerin, der Königin der Nacht, gerettet. Und diese hat auch gleich einen Auftrag für ihn: Er soll ihre Tochter Pamina aus den Händen des tyrannischen Herrschers Sarastro befreien. Unterstützung erhält er durch eine magische Flöte und den fröhlichen Vogelfänger Papageno, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Papagena zu finden. Mit der Hilfe von drei Knaben gelangen sie in das Reich von Sarastro: Doch Oh Plottwist, oh Wunder: Dieser entpuppt sich als Vater von Pamina und weiser König eines aufgeklärten Geheimbundes. Er hält Pamina nur bei sich, um zu verhindern, dass die Königin der Nacht die ganze Welt vernichten kann. Tamino, der sich mittlerweile natürlich unsterblich in Pamina verliebt hat, soll beweisen, dass er würdig ist, diese zu heiraten und mit ihr zusammen die Nachfolge Sarastro anzutreten. Drei Prüfungen warten auf ihn und seinen Gefährten Papageno. Aber die Königin der Nacht ruht nicht in ihrem Groll und bedroht mit der Unterstützung des verräterischen Dieners Monastros das junge Glück und das Schicksal der Welt.

Die Zauberflöte, Libretto Emanuel Schikaneder, Musik Wolfgang Amadeus Mozart, einer der großen Klassiker der Operngeschichte aus dem Jahr 1791, hier inszeniert von Ingmar Bergman 1975 auf schwedisch und mit ein paar kleinen – aber feinen – Eigenheiten. Auch wenn er sich inhaltlich sehr nah am Original orientiert, öffnet Bergman das Singspiel auf gleich mehrfache Weise: Richtung Theaterpublikum, dessen Reaktionen wir als Zuschauer beiwohnen dürfen, Richtung Film, indem er mit einer ausgeklügelten Kameraarbeit und so manchen cineastischen Special Effects arbeitet. Und nicht zuletzt Richtung Backstage, indem er die Mechanismen des Theaters transparent macht und die Besetzung in ihrer Pause beobachtet. Und so entsteht eine irgendwie traditionelle, irgendwie auch sehr moderne Inszenierung und einer meiner liebsten Filme von der schwedischen Regielegende, obwohl er als TV-Produktion und Mozart-Exegese aus seinem sonstigen Werk heraussticht.

Johannes, ich weiß, du bist kein großer Bergman-Fan. Wolfgang Amadè kannst du aber durchaus was abgewinnen. Und dass du die Zauberflöte magst, hast du letzte Woche ja auch schon durchblicken lassen. Also dann… hinein ins Vergnügen mit der Frage: Was zur Hölle ist das für ein absurdes, inkonsistentes, von offenen Fragen durchlöchertes Libretto?

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Episode 278: Amadeus – Oder: Die Ermordung des Wolfgang Mozart durch den Bösewicht Antonio Salieri

Bei einem Film der Amadeus heißt, würde man davon ausgehen, dass man sich einen dreistündigen Wikipedia-Artikel zum Leben von Wolfgang Amadeus Mozart anschauen muss. Dass es sich aber viel mehr um eine von Fakten unbeirrte psychologische Betrachtung von Mozarts Kontrahenten Antonio Salieri handelt, überrascht und ist der eigentlich Geniestreich. Salieri schließt als Jugendlicher einen Pakt mit Gott, dass er sein Talent diesem in den Dienst stellt, so lange er ihn zum großen Musiker macht. Dieser Pakt endet, als Salieri dem Wunderkind Wolfgang Amadeus begegnet und feststellen muss, dass diesem alles zufällt, was er sich so schwer erarbeiten musste.

Er schwört Gott ab und beschließt diese liederliche Kreatur – wie er den großen Komponisten nennt – zur Strecke zu bringen. Wir sehen also Mozarts Leben durch die Brille des neidischen und rachsüchtigen Antonio… der nicht so ganz dem historischen Komponisten Antonio Salieri entspricht, dafür aber einer der größten Schurken der Filmgeschichte ist.

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Episode 277: The Life of Chuck – Stephen King minus Horror plus Gefühl

Am Anfang des Films steht Kapitel 3: Die Welt geht unter. Und zwar so richtig: Das Internet fällt aus, Kalifornien wird vom Meer verschluckt, in Deutschland gibt es Vulkanausbrüche und irgendwann beginnt auch der Himmel sich nach und nach aufzulösen. Und dann sind da plötzlich über all diese Werbeanzeigen für den Buchhalter und seine Verabschiedung in den Ruhestand: “Charles Krantz – 39 großartige Jahre, Danke Chuck”. Sie tauchen auf Billboards auf, im Radio und im Fernsehen. In diesen schrägen Zeiten beschließt der High School Lehrer Marty seine Ex-Frau Felicia zu besuchen, um zum Ende der Welt bei ihr zu sein.

Kapitel 2: Chuck tanzt. Und zwar so richtig. Ohne zu wissen wieso, bleibt der Buchhalter auf einer Strandpromenade stehen, wo die Straßenmusikerin Taylor Drums spielt. Und er beginnt zu tanzen, zuerst allein, schließlich mit der jungen Janice, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde. Kapitel 1: Chuck ist ein Kind und das Schicksal schlägt hart zu. Und zwar so richtig: Seine Eltern sterben beide bei einem Verkehrsunfall, und Chuck muss fortan bei seinen Großeltern leben. Aber er kommt gut klar mit den beiden alten Leuten: Von seinem Großvater lernt er alles über Mathematik und Buchhaltung. Und von seiner Großmutter erhält er erstklassige Lektionen im Tanzen und wird zum besten Tänzer seiner Schule. Aber es gibt ein Mysterium in dem Haus, in dem sie zusammen leben: Das Dachgeschoss in der viktorianischen Copula: Irgendetwas gibt es dort, was er auf keinen Fall sehen soll.

The Life of Chuck aus dem Jahr 2024: Drei Episoden, die sich um die Frage drehen: Wer ist dieser Chuck? In der ersten Episode ist er ein Mysterium, ein Rätsel. In der zweiten eine wundervolle Skurrilität. Und in der Dritten endlich ein Mensch. Ein komischer Film, vor allem weil er so simpel ist: Das vermeintlich große Mysterium am Anfang wird schon im ersten Drittel aufgelöst. Unbeholfen wird gegen Ende noch ein zweites Mysterium eingeführt. Aber daneben haben wir hier vor allem Feel Good Kino vor uns, und dann auch noch ausgerechnet auf einer Kurzgeschichte von Stephen King basierend.

Ich weiß doch auch nicht warum, aber irgendwie hat mich dieser Film berührt: Trotz seiner Naivität, seiner Sentimentalität, seinem kompletten Verzicht auf Zynismus. Vielleicht auch gerade deswegen… und doch schwanke ich. Ist das vielleicht zu viel… Kitsch?

Johannes, hilf mir!

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Episode 276: The Big Lebowski – Talkin‘ about the Dude

„Der Dude“ Lebowski hat keine Lust mehr auf die Proteste seiner Jugend in den 60ern und all den Shit. Er will einfach nur baden und bowlen. Ganz in Ruhe. Dass ihm da zwei Kleinkriminelle auf den Teppich pissen, ist zwar scheiße, aber auch davon hätte er sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wenn nicht Walter, sein Bowling Kumpel, ihn rein gequatscht hätte, der Sache auf den Grund zu gehen.

Da liegt nämlich eine Verwechslung vor. Die Teppich-Pisser waren eigentlich hinter einem anderen Lebowski hinter her. Einem Millionär. Der wiederum weigert sich den Teppich zu ersetzen, hat aber einen Auftrag für den Dude:
Er soll das Lösegeld einer Erpresserbande übergeben, um seine Frau nach einem Kidnapping wieder zu bekommen. Also die Frau vom Big Lebowski, nicht die vom Dude Lebowski.

Nach und nach erhärtet sich der Verdacht, dass sie Frau nichts von der Entführung weiß. Und auch nichts von einem abgeschnitten Zeh, der die Skrupellosigkeit der Entführer unterstreichen soll. Wie sich herausstellt, ist der Millionär pleite und will das Geld für sich. Seine Frau chillt einfach nur mit Freunden in Palm Springs.

Die tatsächlich existierenden Erpresser sind nur auf den Zug aufgesprungen, um Geld aus der Sache zu schlagen.
Ein Krimi ohne Krimi zu sein, ein Ermittler, der keiner sein will, ein Lehrstück ohne Lehre. Oder Plor?

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Episode 275: Der Würgeengel – ein surrealer Publikumswunsch

Nachdem die feine Gesellschaft in der Oper war, werden sie vom Ehepaar Nobile noch zu einem gemütlichen Beisammensein eingeladen. Auch dass die Bediensteten nach und nach das Anwesen der Nobiles verlassen, kann die Feierlaune nicht trüben: Man unterhält sich, man speist und trinkt, man lauscht einem Klavierstück der hoffnungsvollen Nachwuchspianistin. Und dann wäre es eigentlich Zeit aufzubrechen… Nur das mag niemandem so recht gelingen. Die Festgesellschaft bleibt einfach im Salon, verbringt dort sogar – gegen alle gesellschaftlichen Konventionen – die Nacht. Und dann dämmert es den Leuten so langsam: Sie sind eingeschlossen, können den Salon nicht verlassen. Warum weiß keiner. Aber der Weg sowohl zur Außenwelt als auch den anderen Räumen des Hauses ist wie durch eine magische Barriere verschlossen.

Man diskutiert darüber, woran es liegen könnte, versucht sich einzurichten, schmiedet Fluchtpläne… Schließlich macht sich Verzweiflung breit, Misstrauen, die tierischen Instinkte kommen hervor, während die Aussicht auf Rettung immer weiter schwindet.

Luis Buñuel, zusammen mit Salvador Dali und dem andalusischen Hund 1929 der Vater des surrealistischen Kinos. Er sollte noch Filme drehen, lange nachdem die Bewegung erloschen war: In Spanien, Frankreich und nach dem zweiten Weltkrieg vor allem in Mexiko. In seinem letzten mexikanischen Film “Der Würgeengel” entwirft er die klaustrophobische Parabel eines Bürgertums, das auf sich selbst zurückgeworfen wird: Mit schrägen Repetionen, surrealen Einwürfen und viel Symbolismus.

Johannes, sind die Hölle die Anderen?

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Episode 274: Hair (1979) – Love, Peace and two very different Opinions

New York, 1967. Peak Hippie! Im Januar hat ein großes Human Be-In San Francisco zum Zentrum des Hippietum gemacht, das Time Magazine veröffentlicht einen großen Leitartikel, der sich mit der Hippie-Kultur auseinandersetzt und Woodstock lässt auch nicht mehr lange auf sich warten. Und dann sind da diese beiden Broadway-Schauspieler, die ein Musical über die Bewegung machen. Hair popularisiert als vielleicht erstes großes Rock-Musical die Hippies, sorgt für so manchen kleineren und größeren Skandal und füllt die Hallen der Musiktheater. Ein ebenso überraschender wie folgerichtiger Erfolg.

Hollywood 1979. Der Vietnamkrieg ist vorbei, die Mansons haben Amerika schockiert, und die Hippiekultur hat lange Platz gemacht für Disco, Punk und Metal. Und dann ist da dieser tschechische Regisseur, Milos Forman, der das Musical Hair zehn Jahre nach dem Hippieboom von der Bühne auf die Leinwand holt. Die Songs behält er bei, aber der ursprünglich sehr losen, episodischen Handlung des Konzeptmusicals verpasst er eine dramaturgische Generalüberholung:

In seinem Film geht es um das amerikanische Landei Claude, der, bevor er eingezogen wird, ein paar Tage in New York verbringt. Dort trifft er auf die Hippie-Clique des charismatischen Berger und verliebt sich obendrein in Sheila, eine junge Frau aus besserem Haus. Die Hippies helfen ihm, die Aufmerksamkeit der Angebeteten auf sich zu ziehen und gemeinsam erleben sie eine Zeit von Sex, Drugs, Rock & Roll, Peace und Love. Bis die Realität – und das amerikanische Militär – Claude zurückfordern. Doch einen letzten Moment der Freiheit darf er vor seinem Trip nach Vietnam noch genießen, wenn Berger mit ihm kurz die Rollen tauscht und seiner statt im Militärlager spalier steht. Dumm nur, dass es genau in diesem Moment in den Krieg geht. Der unbeholfene Hippie muss nach Vietnam und am Schluss bleibt von ihm nur ein weißer Grabstein auf dem Soldatenfriedhof, wie es in dieser Zeit viel zu viele gab.

Ich habe Hair als junger Mann sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand gesehen. Und obwohl ich nie ein Hippie war, haben mich beide Versionen damals sehr bewegt, selbst über 20 Jahre nach der Peak-Hippie-Zeit. Johannes, hast oder hattest du irgendwann mal in deinem Leben einen Bezug zur Hippiekultur?

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Episode 273: The King of Comedy – Cringe Comedy Gold

Rupert Pupkin pflegt eine Obsession mit Late Night Host Jerry Langford. Er ist sein Lebensinhalt, seine Inspirationsquelle, sein Grund zu leben. Rupert will so sein wie Jerry: Berühmt, lustig und der Mittelpunkt allen Seins.

Er träumt davon als gefeierter Comedian Gast in Jerrys Show zu sein. Und als Jerry, in real life, seltsamerweise nicht sein bester Freund sein will und ihm nicht sofort einen Gastauftritt verschafft, beschließt er Jerry zu entführen, um den ihm zustehenden Platz im Promi Olymp zu erpressen. Die Produzenten der Show willigen zähneknirschend ein und Rupert bekommt, was er will. Er darf auftreten, bekommt seine fünf Minuten Ruhm und danach ein paar Jährchen Gefängnis.

Ein Film voller unangenehmer Momente, in denen Rupert soziale Normen und Realitäten ignorieren darf. So viele Momente der Fremdscham. Ein Genre der Komik, bei der nicht jeder befreit auflachen kann. Vielen Zuschauern tut diese Art des schwarzen Humors zu sehr weh, als dass sie es lustig finden könnten.

Plor, wie gehst du damit um?

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Episode 272: Enter the Void von Gaspar Noé – Spirituelle Pornografie

Enter the Void aus dem Jahr 2010 vom französischen Filmemacher Gaspar Noé wird konsequent aus der Ich-Perspektive seines Protagonisten Oscar erzählt… nur, dieser Oscar stirbt bereits nach den ersten 25 Filmminuten. Wie also diese radikale POV beibehalten?

Frei nach dem Motto “Beim Sterben siehst du dein ganzes Leben an deinem inneren Auge vorbeirasen” erlebt Oscar noch einmal seine Geschichte, die ihn zu diesem Ende geführt hat: Wie er und seine jüngere Schwester Linda eine glückliche Kindheit erleben. Wie ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall sterben. Wie sich die innig verbundenen Geschwister ewige Treue schwören und dann doch voneinander getrennt werden.

Oscar lebt schließlich als junger Erwachsener in Tokio und holt Linda zu sich. Während Sie in einem Stripclub arbeitet, versucht er sich als Drogendealer über Wasser zu halten. Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, als Oscar von einem seiner Kontakte an die Polizei verraten wird. Zugedröhnt mit DMT begeht er einen fatalen Fehler und wird auf der Toilette einer heruntergekommenen Bar erschossen. Der Kreis zum Beginn schließt sich…

…Nur in diesem Moment sind gerade mal die ersten 85 Minuten von diesem fast dreistündigen Ungetüm von einem Film vorbei. Was folgt, ist ein Mäandern von Oscars Seele durch Raum und Zeit. Weil er versprochen hat, Linda nie zu verlassen, schwebt er als Geist über den Neonlichtern Tokios: Eindrücke von den Ereignissen nach seinem Tod mischen sich mit Erinnerungen, mit Farben, mit abstrakten Strukturen. Er betritt die Wahrnehmung anderer Menschen und verlässt sie wieder. Wir sehen die brutale Realität, alptraumhafte Visionen, Träume, Hoffnungen, Ängste. Ideen des tibetischen Totenbuches, Drogentrips, flackernde Lichter, Sex und Gewalt, bis wir schließlich durch die POV einer Vagina der Zeugung von neuem Leben beiwohnen dürfen (wenn ihr wisst, was das visuell bedeutet, dann wisst ihr es)… vielleicht die Wiedergeburt Oscars, vielleicht aber auch nur die letzten Eindrücke eines Sterbenden auf einem schlechten Trip.

Enter the Void, hinein in die Leere: Spiritualität, Rausch, das Mäandern einer rastlosen Seele, Padmasambhava, Bach, Haeckel, Anger und vor allem flackernde Neonlichter und Motion Sickness. Ein gefühlt endloses Wabern durch Raum und Zeit… Film als Trip, Film als spiritueller Porno… Uff.

Johannes, wenn ich dir so etwas gebe, kann – wie schon in der Vergangenheit – die erste Frage eigentlich nur so lauten: Wie erschöpft hast du dich nach diesem Film gefühlt?

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Episode 271: Roman Holiday – Ein Herz und eine Krone

Ein Herz und eine Krone, was für ein schlimmer Titel für einen so wunderbaren Film!

Wir dürfen Audrey Hepburn in ihrem ersten Großen Film dabei zusehen, wie sie das Dasein als Prinzessin mit strengen Zeitplänen, all work and no play, satt hat und sich aus der Botschaft fort stiehlt um Rom auf eigene Faust zu erkunden. Der Journalist Joe, der die Prinzessin eigentlich hätte interviewen sollen, stolpert in der Nacht über sie, ohne sie zu erkennen. Bei der ersten Begegnung kann er nicht allzu viel mit ihr anfangen, aber als er die Prinzessin in ihr erkennt, sieht er seine Chance DIE Sensationsstory schreiben zu können, wenn er ihr nur lang genug auf den Fersen bleibt und private Details aus ihr heraus holt.

Nun, ihr ahnt es vielleicht schon. Natürlich verliebt er sich in sie, sie verliebt sich in ihn, und die beiden haben einfach die beste Zeit, die man in Rom haben kann. Dass Audrey als Prinzessin andere Verpflichtungen hat, kickt in den letzten Minuten des Films erst wieder rein. Und das Unvermeidliche passiert. Sie muss sich entscheiden und entscheidet sich für… ihre Pflichten der Krone, statt für die Liebe.

What? Plor, hast du damit gerechnet beim Gucken? Oder hast du die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie doch noch angerannt kommt, wie bei so vielen RomComs aus der Zeit üblich?

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